Justament Dez. 2007: Wem gehört der Mond?

Best of Jurastudium, Teil 1

Thomas Claer

Der Autor, nostalgisch beim Bier (Foto: privat)

Wenn die Tage immer kürzer werden, der Weihnachtsterror beginnt und auch das Staatsexamen bald schon wieder ein Jahr länger zurückliegt, kommen einem schon mal komische Gedanken. Wie wäre es, denkt man bei sich, da noch einmal hinzugehen? In die Uni, an den Ort, der einem so viel Pein bereitet hat, sich dort neben die schwitzenden Massen in eine Klausur zu setzen, es richtig krachen zu lassen und am Ende zu triumphieren: Ihr könnt mich alle mal! Hier sind alle meine Scheine und Abschlüsse!
Doch anders als seinerzeit die Monokel tragenden Honoratioren in der “Feuerzangenbowle” wird man damit heute wohl niemanden mehr in ehrfürchtiges Erstaunen versetzen können. Nach dem Staatsexamen ist es mit dem Darwinismus nicht zu Ende, sondern er geht für die meisten nur in eine neue Runde, ohne dass ein Ende abzusehen wäre. Und dennoch können – über die Jahre – selbst die eher bedrückenden Erinnerungen eine nostalgische Dimension gewinnen.

“Dann fresse ich Sie!”
Ö. war von allen gefürchtet. Im dritten Semester hörten wir bei ihm Sachenrecht. Er hatte die Angewohnheit, seine Vorlesung als Frage-Antwort-Spiel mit seinem Auditorium zu gestalten. Doch blieb er nicht, wie etwa sein Kollege, der freundliche S., an seinem Pult stehen und befragte nur die ersten Reihen. Ö. spazierte unablässig zwischen seinen Zuhörern entlang und jeden konnte es irgendwann treffen. Den Stoff, den sich manch einer von ihm zu erfahren erhofft haben mochte, setzte er zumindest in Grundzügen als bekannt voraus. Seine Zuhörer sollten in seinen Veranstaltungen gut präpariert erscheinen oder gar nicht. Wurde man nach etwas gefragt und gab zu, keine Antwort zu wissen, herrschte er den betreffenden an: “Was heißt das, sie wissen es nicht? Warum wissen sie es nicht? Was machen Sie überhaupt hier? Gehen Sie nach Hause und lesen Sie das Lehrbuch!” Nach einigen Wochen waren die Reihen dann auch schon merklich gelichtet. Aber es war eben erst das dritte Semester! Das Selbstbewusstsein, die Frechheit, sich alles einfach autodidaktisch beizubringen, hatten damals nur die ganz coolen Hunde. Und so kamen wir weiter zu Ö, registrierten aber beunruhigt, dass mit jeder weiteren Reduktion der Teilnehmerzahl das Risiko, im Fragespiel an die Reihe zu kommen, bedrohlich stieg. Und bei dem Tempo, das der sich mikrofonbewaffnet durch unsere Reihen quetschende Ö. in seinem Frage-Stakkato vorlegte, kamen pro Sitzung gut und gerne hundert Unglückliche in die Bredouille, ihm Rede und Antwort stehen zu müssen. Nur gut, dachten wir, dass er dann und wann auch mal lange Monologe hält, die für ein wenig Entspannung sorgen.
Nun fand die Vorlesung aber nicht in irgendeinem kleinen Hörsaal, sondern im riesigen Audimax statt, das in den hintersten Reihen, wo man schon fast mit dem Kopf an die Decke stieß, recht dunkel und schwer einsehbar war. Hier war ein gutes Versteck, um Ö. hören und sehen, sich aber gleichzeitig vor ihm verbergen zu können. Doch diesen scheinbar rettenden Gedanken hatten einfach zu viele. Ö. musste die verräterisch volle Besetzung der hinteren Reihen irgendwann bemerken. Und so kam es auch. Als er uns erspäht hatte, schritt er maliziös lächelnd die Treppen nach oben. Doch dann konnte er plötzlich nicht mehr weiter. Sein Mikrofonkabel war zu kurz. Große Heiterkeit im Saal. Ö. ballte die Faust und rief uns zu: “Fühlen sie sich dort oben nur nicht zu sicher! Für das nächste Mal besorge ich mir ein längeres Kabel – und dann fresse ich sie!”

Reden, reden, reden
Wenn ich mich recht erinnere, mied ich fortan Ö’s Vorlesungen. Irgendwie auch schade, denke ich aus heutiger Sicht. Denn es war nicht alles schlecht bei Ö. (Wobei man das heute auch oft über die DDR hört.) Ö hatte durchaus Witz. Auf die Frage, warum er denn keine Handzettel mit dem Inhalt seiner Vorlesung verteile, meinte er, um all das, was er uns erzähle, zu Papier zu bringen, müssten ganze Wälder gerodet werden. Und er erklärte auch einmal, warum er uns ständig so viel fragte. Er wolle uns zum Reden bringen. Denn das Handwerkszeug des Juristen sei nun einmal die Sprache. Ein sprachloser Jurist sei einfach nur ein Unding. Und daher müsse doch jeder in der Lage sein, auf jede Frage irgendetwas Vernünftiges zu sagen.
Daraus entwickelten einige ganz gewitzte Kommilitonen eine Strategie, mit der man Ö.’s Fragen manchmal parieren konnte. Sie warfen einfach einen beliebigen Paragraphen des BGB in den Raum, möglichst einen sachenrechtlichen oder einen aus dem Allgemeinen Teil. Und Ö ging darauf ein! Er war dann verdutzt, aber er ging dem nach. Selbstverständlich hatte er alle über zweitausend Paragraphen des BGB im Kopf. “Na, das ist doch jetzt aber ziemlich weit hergeholt”, hieß es dann, “aber immerhin eine Antwort. Fragen wir mal den Nachbarn…”

Wem gehört der Mond?
Nach etlichen Wochen Pause ließ ich mich von einigen mutigen Kommilitonen überreden, doch einmal wieder mitzukommen zu Ö., so schlimm sei er doch gar nicht. Ich ging darauf ein. Und es kam, wie es kommen musste. Ö war schon bei den Grenzbereichen des Sachenrechts angelangt und debattierte knifflige Spezialprobleme. Und dann fragte er: “Wem gehört der Mond?” und zeigte mit seinem Finger genau auf mich. Zum Glück präzisierte er seine Frage sogleich noch etwas: “Gehört den Amerikanern der Mond?” “Auf keinen Fall!”, platzte es laut aus mir heraus. Heiterkeit im Saal. Ich schob dann sogar noch eine improvisierte Betrachtung über die Nichtanwendbarkeit des irdischen Sachenrechts auf extraterrestrische Objekte nach, die Ö. nur mit einem “Hmm” quittierte und sein nächstes Opfer suchte.
Dann hatte ich lange Zeit nichts mehr mit Ö. zu tun. Doch was für eine Genugtuung, Jahre später die Promotionsurkunde entgegenzunehmen – unterzeichnet ausgerechnet von Ö., der just in jenem Semester turnusmäßiger Dekan der Fakultät war.

Justament Dez. 2007: Ex-Philosoph legt Hand ans Grundgesetz

Indie-Legende Matthias Arfmann mit Dub’l G

Thomas Claer

Cover ArfmannMatthias Arfmann ist in der deutschen Musikszene nicht irgendjemand. Jahrelang ernteten er und seine damalige Mitstreiterin Katrin Achinger als Köpfe der Band “Kastrierte Philosophen” (1981-1996) viel Lob und Anerkennung, doch der kommerzielle Durchbruch blieb aus. Nicht zuletzt hat sich an ihnen der alte und schöne Indie-Spruch bewahrheitet: Eher kommt ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein guter Song in die Hitparade. Nun durchlebten die Philosophen über die Jahre einen kuriosen stilistischen Wandel, der sie vom Postpunk und Garagenrock über Hip-Hop, Trip Hop und Ethno-Pop bis hin zur Reggae-Musik führte. Charakteristisch für sie blieb aber stets das psychedelische Element in Arfmanns Gitarrenspiel. In den zurückliegenden zehn Jahren hat sich Matthias Arfmann dann mit seiner neuen Band “Turtle Bay Country Club” dem Dub verschrieben, der elektronischen Variante des jamaikanischen Reggae. Doch unternahm er zuletzt spektakuläre Ausflüge in neue Experimentierfelder: Auf Recomposed (2005) kreuzte er klassische Kompositionen von Dvorak, Wagner, Tschaikowsky und anderen mit seinen Dub-Klängen. Das Ergebnis war beeindruckend und erschütterte wieder einmal den vom hochkulturellen Dünkel getragenen Mythos einer Wesensverschiedenheit der sogenannten Genres “U” und “E”. Um so gespannter konnte man auf Arfmanns jüngsten Coup sein: den Dub-Remix einer Freejazz-Vertonung unseres Grundgesetzes, mit welcher die Musiker Thomas Bierling, Eva Weis und Peter Lehel schon seit Ende 2004 in deutschen Justizvollzugsanstalten aufgetreten waren. Die Originalaufnahmen letzterer sind dem Tonträger als Bonus-CD beigefügt und nehmen sich eher befremdlich aus. Banausen werden sich hier vermutlich an Hape Kerkelings alte Hurz-Nummer mit dem Habicht erinnert fühlen. Dagegen überführt Matthias Arfmann die Grundgesetz-Artikel souverän in Dub-Klänge und glättet mit geschmeidigen Arrangements die doch ziemlich anstrengende Wirrnis der Vorlage. Anknüpfend an die von der Freejazz-Fraktion aus dem Gesetzestext extrahierten Begriffe (“Sittengesetz”, “Eigentum”, “Gleichheit”) lässt er vielschichtige Klanglandschaften entstehen und gewinnt so dem Grundgesetz Aspekte ab, die gewiss nicht einmal seinen versiertesten Kommentatoren in den Sinn gekommen wären. Hier und da gerät das Resultat eine Spur zu poppig oder man hätte sich ein wenig mehr Stringenz wie in Arfmanns Philosophen-Tagen gewünscht. Gelungen ist das Experiment dennoch. Das Urteil lautet: befriedigend (9 Punkte).

Matthias Arfmann
Dub’l G – Das Nähere regelt ein Bundesgesetz
Yeotone / Bella Music Edition 2007, CD, 28:11 Minuten
Special Edition including original recordings
ca. EUR 15,00
ASIN: B000R57TEI

Justament Dez. 2007: Müder Voodoo-Zauber

Phillip Boa enttäuscht auf “Faking To Blend In”

Thomas Claer

Cover BoaDas Leben ist zu kurz um mittelmäßige Musik zu hören. Man muss es so deutlich sagen, auch wenn es hier keinen geringeren als Phillip Boa trifft, den Godfather des deutschen Indie-Rock, dessen Einfluss auf die hiesige Musikszene seit den mittleren 80ern gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Dabei ist zwar kaum etwas völlig daneben auf “Faking To Blend In”, der mittlerweile 16. Platte des sich mental zuverlässig zwischen Depression und Größenwahn bewegenden Pop-Exzentrikers. Doch richtig Gutes ist diesmal eben leider auch Mangelware. Es ist schon bezeichnend, dass das stärkste Stück des Albums, ein musikalisches Kleinod namens “Emma”, einen so eindeutig als Oma- und Einzelhandelstanten-Namen (oder allenfalls noch als englische Literaturgestalt anno 1816) konnotierten Titel trägt. Außer Emma kann nur noch der Titelsong “Faking To Blend In” überzeugen.
Nun beobachtet man allerdings bereits seit mindestens 13 Jahren, dass die regelmäßigen Veröffentlichungen des Meisters nicht mehr mit seinem fulminanten Frühwerk mithalten können, vereinzelte Song-Highlights einmal ausgenommen. Auch haben sich Verkaufszahlen und Anhängerschar seitdem spürbar reduziert. Seinerzeit, in den 80ern, waren die ersten Platten des Voodooclub mit poppigen Melodien, schroffen Gitarren und afrikanisch anmutenden Rhythmen wie eine Bombe in der Indieszene eingeschlagen. Der charakteristische Wechselgesang zwischen Boa und Leadsängerin Pia Lund und ein unerhörter kompositorischer Ideenreichtum sorgten für grandiose Alben, fantastische Songs und unvergessliche Konzerte. Letztere immerhin haben bis heute überdauert – um nicht zu sagen: Die Boa-Konzerte sind dank exzellenter Musiker und pointierter Arrangements in kleineren Hallen vielleicht besser als je zuvor, wovon sich der Rezensent zuletzt 2005 im Berliner franzz club überzeugen konnte und wovon sich auch jeder auf Youtube ein Bild machen kann. Der geneigte Leser versuche es etwa mit “Annie Flies The Love Bomber”, “Fine Art In Silver” oder “Diana”. Und ja, es wird auf den Konzerten tatsächlich noch Pogo getanzt!
Allein die Neukompositionen sind vergleichsweise fade und einfallslos. Wo früher einmal jedes Lied ein Kracher war, braucht es heute schon mehrere Alben, um auch nur auf eine Handvoll passabler Songs zu kommen. So ist das eben. Das Urteil lautet daher: ausreichend (6 Punkte).

Phillip Boa & The Voodooclub
Faking To Blend In
Motor music 2007, CD, 50:22 Minuten
ca. EUR 15,00
ASIN: B000S9VRRS

Justament Dez. 2007: Ein Alptraum für Juristen

Unsere Willensfreiheit ist nur eine Illusion, weiß der Evolutions-Biologe Franz M. Wuketis

Thomas Claer

Cover WuketisVielen narzisstischen Kränkungen sah sich der moderne Mensch schon ausgesetzt: Erst sagte ihm Kopernikus, die Sonne drehe sich nicht um die Erde, sondern die Erde um die Sonne. Später offerierte ihm Darwin, dass der Mensch nicht Gottes Geschöpf sei, sondern vom Affen abstamme. Dann fand Freud heraus, dass das Ich nicht Herr im eigenen Hause und der Mensch maßgeblich von unbewussten Trieben gesteuert sei. Doch was wir jetzt erleben, ist ein besonders schwerer Anschlag auf unser Selbstwertgefühl: Schon seit Jahren behaupten Hirnforscher, dass ihren Experimenten zufolge der Mensch keinen freien Willen habe. Bevor wir eine Hand heben, fanden sie heraus, haben neuronale Vorgänge schon über unsere Handlung entschieden. Warum das eigentlich keine Überraschung ist, erklärt der Wiener Biologe Franz M. Wuketis nun aus der Sicht des Evolutions-Forschers. Als Produkt der Evolution sei der menschliche Geist eben nur ein Überlebens-Instrument wie andere Organe auch und nicht zur objektiven Erkenntnis seiner Umwelt oder gar zur freien Selbstbestimmung geschaffen. Doch brachte die rasante Entwicklung der Gehirnfunktion der höheren Primaten jene sich selbst verstärkenden Rückkopplungen hervor, durch die es allmählich zur Abstraktion der Außenwelt durch Symbole und zur beträchtlichen Erweiterung der Vorstellungskraft bis hin zur Antizipation künftiger Ereignisse kam. Dabei seien Illusionen oft sehr nützlich im “struggle for life” und begünstigten ungemein das “survival of the fittest”. Und ein Musterbeispiel für solch eine Illusion sei auch die Annahme, der Mensch könne sich in jeder Situation stets so oder anders entscheiden. Tatsächlich sei das Verhalten des Menschen aber vollständig durch seine genetische Ausstattung sowie die Summe seiner Sozialisationserfahrungen determiniert. Er werde sich, sofern er keinen äußeren Zwänge unterliegt, letztlich immer so verhalten, wie es für ihn am angenehmsten ist. Aus evolutionsbiologischer Sicht sei auch nichts anderes denkbar. Entschieden tritt Wuketis dem unter Philosophen und auch naturwissenschaftlichen Sachbuch-Autoren wie Hoimar von Ditfurth lange sehr populären Dualismus entgegen, wonach es eine eigenständige Welt des Geistes gebe, die mit den materiellen Gehirnen interagiere. Vielmehr sei der Geist nur eine Funktion des Gehirns wie die Bewegung eine Funktion der Gliedmaßen.
Für Juristen ist das alles ein Alptraum, denn wie sollte man Straftäter verurteilen, wenn sie allesamt gar nicht anders konnten? Womöglich sind am Ende auch noch sämtliche zivilrechtlichen Verträge unwirksam, wenn alle Beteiligten unter permanenten schweren Willensmängeln leiden. Da hilft dann wohl nur noch der Rückgriff auf den  Strafrechtler Eduard Kohlrausch (1874-1948), für den die Freiheit eine “staatsnotwendige Fiktion” war, an der festzuhalten sei, weil nur auf diese Weise eine unverzichtbare Voraussetzung des Strafrechts erfüllt werden könne. Im Übrigen wird Wuketis, der sein Buch salopp und unterhaltsam bis zur Krawalligkeit abgefasst hat, besonders gerne ausfällig gegen Politiker und Juristen: “Wir Menschen sind Affen, und so verhalten wir uns auch. Gesetzgeber, Staatsanwälte, Richter und Rechtsanwälte sind davon natürlich nicht auszunehmen, auch wenn die meisten von ihnen über die Natur des Menschen – und damit über ihre eigene Natur – nichts wissen und nichts wissen wollen. Grundlegende biologische Kenntnisse gehören nicht zum Ausbildungsmuster von Juristen” (S.150). Das ist vielleicht – siehe oben – auch besser so. Wo soll das schließlich hinführen?

Franz M. Wuketis
Der freie Wille. Die Evolution einer Illusion
Hirzel Verlag Stuttgart 2007
181 Seiten, 22,00 €
ISBN-10: 3777615099

Justament Dez. 2007: Nicht nur für Geldsäcke

Wie sich unsereins auf den Finanzmärkten verhalten sollte

Thomas Claer

Geldanlage auf den Finanzmärkten – das ist, so denkt man, etwas für Profis oder allenfalls noch für Kleinanleger. Und was sich Kleinanleger nennt, das sind in den Augen des gemeinhin nahezu mittellosen jungen Juristen schon fast Geldsäcke. Erst irgendwann später wird das große Geld kommen, jedenfalls für einige von uns. So sieht es aus. Aber es geht auch anders. Zum Beispiel so: Erst einmal jeden Monat hundert Euro – oder auch mehr – beiseite legen. Das ist oft schon dadurch zu schaffen, dass man nur noch beim Discounter einkauft, sich Bücher auf dem Flohmarkt und CDs bei Ebay beschafft, Restaurants und Cafes zu Tabuzonen erklärt und den Urlaub auf dem Campingplatz verbringt. Wenn man das auch noch seiner Freundin vermitteln kann, ist die größte Hürde schon genommen. Ein paar Jahre sollte man es aber schon durchhalten. Natürlich wird das Geld inzwischen auf hochverzinsten Tages- oder Festgeldkonten geparkt, was auch noch ein wenig abwirft. Und am Ende dieser ersten Phase steht ein Grundkapital von einigen tausend Euro. Mindestens. Nun wird es interessant. Was also weiter mit der Kohle tun?

Private Equity Fonds und Hedgefonds zu heiß
Vor allem sollte man wissen, was man um Himmels willen nicht tun sollte: Alles auf eine Karte setzen! Das macht – ähnlich wie das desaströs kapitalvernichtende Lottospielen – zwar gelegentlich jemanden reich, zumeist aber viele arm. Auch kommen bestimmte Anlageformen schon aus strukturellen Gründen nicht in Betracht: Private Equity Fonds, neuerdings kann man sich da manchmal schon ab 2000 Euro beteiligen, sind so risikobehaftet, dass ihr Anteil zehn Prozent der Anlagesumme niemals überschreiten sollte. Noch viel heißer sind Hedgefonds oder gar Derivate wie Hebel-Zertifikate. Wer sich aber auch nicht mit Lebensversicherungen, Bausparverträgen und Bundesschatzbriefen abspeisen lassen will, deren Verzinsung nur geringfügig über der Inflationsrate liegt, der wird am Ende auf die gute alte Aktie kommen. Nun kann man natürlich, um das Risiko zu streuen, in einen Aktienfonds investieren, doch bekanntlich erreichen zwei Drittel dieser Fonds regelmäßig nicht einmal die Wertentwicklung des Vergleichsindexes. Das spricht für ein simples und kostengünstigeres Investment in Indexzertifikate. Kann man machen, wobei man durch den Spread zwischen Ein- und Verkaufspreis und die Bankgebühren letztlich doch wieder unter der Index-Performance liegt, aber nur ein wenig. Mehr als das Sparbuch bringt es im langjährigen Durchschnitt allemal. Doch lautet ein latent chauvinistischer Börsen-Spruch, dass Indexzertifikate etwa so sexy sind, wie seine eigene Schwester zu küssen. Das heißt, und da ist was dran: Es macht keinen Spaß. Wer sich ein paar Einzelwerte ins Depot legt, bekommt nach Jahren wahrscheinlich Ähnliches heraus, investiert aber viel mehr Kraft und Zeit und Nerven – und genau hierin liegt der Reiz. Denn es bleibt immer die Hoffnung, dass man doch besser abschneiden könnte als der Markt. Es kann aber auch schlechter laufen.

Depot Marke Eigenbau 
Wer nun also nach reiflicher Überlegung sein Schicksal in die eigenen Hände nimmt und sich selbst ein Depot zusammenstellt, muss wissen: Eine echte Diversifizierung gibt es erst bei mindestens fünf Einzelwerten. Ideal sind zwanzig, dann liegt der Anteil jeder Position an der Gesamtsumme bei gerade fünf Prozent. Doch die dazu nötige Liquidität will erst einmal verdient sein. Andere Stimmen raten hingegen von zu großer Diversifizierung ab, denn – wieder so ein Chauvi-Spruch – man(n) könne sich auch nicht um mehr als fünf Frauen gleichzeitig kümmern. (Doch das ist alles Imponier-Gehabe der männlichen Börsianer. Untersuchungen zeigen, dass Frauen die signifikant besseren Anleger sind.)
Und welche Werte gehören nun in ein gutes Depot? Vor allem sollte da niemand auf seinen Bankberater hören (sondern dann schon lieber selbst in eine Bankaktie investieren) und auch nicht auf gute Tipps von Bekannten. Ständig bieten Tageszeitungen allgemeine Einführungen in das nötige Börsen-Know how. Und alle wesentlichen Informationen gibt es frei verfügbar im Internet, zum Beispiel auf den unten angeführten Seiten. Entscheidend ist zum einen die Mischung: Man decke viele verschiedene Branchen ab, die der eigene gesunde Menschenverstand als aussichtsreich ansieht und die nicht zuviel miteinander zu tun haben sollten. Müssen es auch viele verschiedene Länder sein, wie immer wieder gesagt wird? Nicht unbedingt, denn durch die zunehmende globale Verflechtung sind auch einheimische Unternehmen auf verschiedensten Märkten präsent und das mit geringerem Risiko. Und man versteht auch wirklich alle Unternehmensmeldungen. Zum anderen sollten es Top-Unternehmen sein, mit kontinuierlicher Gewinnentwicklung und zuverlässiger Informationspolitik, die zudem gerade eine günstige Bewertung aufweisen (also z.B. niedriges KGV und hohe Dividendenrendite). Wer hier Kompromisse macht, wird es oft bitter bereuen.

Erkenne dich selbst!
Letztlich muss jede und jeder selbst herausfinden, welcher Anlegertyp sie oder er ist: offensiv oder defensiv, Zocker oder kühler Rechner. Wichtiger als alle Sachkenntnis (sofern man sich keinen Schrott ins Depot legt) ist die Geduld, denn die Börsianer wissen: Hin und her macht Taschen leer. Wem plötzlich nach einigen Monaten einfällt, dass er das Geld eigentlich doch für etwas anderes braucht, ist an der Börse fehl am Platze. Und keiner sollte sich jemals dazu hinreißen lassen, vor anderen mit seinen Gewinnen zu prahlen, auch nicht nach dem dritten Bier. Das rächt sich immer, wissen die abergläubischen Spekulanten.

Informationen:
http://www.finanznachrichten.de
www. wallstreet-online.de
www. boerse.de
http://www.insiderdaten.de

Justament Okt. 2007: Sie kann auch anders

Die Französin Keren Ann mit ihrer fünften CD

Thomas Claer

Cover Keren AnnZu den wirklich großen Acts zählt Keren Ann bei uns noch nicht. Daher ist es wohl angebracht, darauf hinzuweisen, dass es sich hier um eine Französin mit niederländischem Pass, Tochter eines russischstämmigen Israeli und einer Niederländerin mit indonesischen Wurzeln, handelt. Seit ihrem ersten Soloalbum “La biographie de Luka Philipsen” (2000) erfreut sich eine stetig wachsende Fangemeinde an stilistisch zwischen sanftem psychedelischen Rock, Blues und Chanson variierenden Songs, die Keren Ann mit einer seltsam eigenen Zurückhaltung vorträgt. Es wäre nicht verfehlt, von dahingehauchtem Schüchternheits-Rock zu sprechen. Einen sehr schönen Single-Hit landete sie 2003 (“Not going anywhere”), der mit den für sie charakteristischen Worten beginnt: “This is why I always whisper”. Drei Platten besang sie auf Französisch, nun die zweite auf Englisch. Und diese ist recht heterogen geraten, mit phantastisch elegischen Songs wie “In your back”, dem schon sehr an die wunderbaren MAZZY STAR erinnernden “It’s a lie”, einem Bluesrock (“It ain’t no crime”), der auch von P.J. Harvey sein könnte, und dem um Haaresbreite an der Folkhymne vorbeischrammenden “Lay your head down”. Doch auch die exakt drei eher missratenen Stücke am Ende der CD (vor allem das schon ziemlich verblasene “Liberty”) können den guten Gesamteindruck kaum trüben.
Wer aber das Glück hatte, die auf ihren Alben so zerbrechlich anmutende Chanteuse live zu erleben, und der Rezensent hatte es am 16.9. im Berliner Columbia-Club, bekam auch eine andere Seite der 33-Jährigen zu sehen: Anfangs wie erwartet schüchtern, den Blick stets gesenkt, trat sie vor das Publikum, um dann aber schon bald mit kräftiger Stimme zu überraschen. Nur mit einem auffällig schlecht frisierten, aber exzellent spielenden Gitarristen (der auch mit dem E-Bass umzugehen verstand) und einem sehr dezenten Schlagzeuger agierend, gab Keren Ann vielen ihrer Lieder so eine entschieden andere Note als in den Studio-Versionen. Etliche Songs gewannen dadurch sogar deutlich. Doch möge jeder selbst entscheiden, welche Keren Ann ihm lieber ist. Das Publikum im leider nur gut zur Hälfte gefüllten Columbia-Club war jedenfalls aus dem Häuschen. Das Urteil lautet: vollbefriedigend (11 Punkte).

Keren Ann
Keren Ann
Delabel/EMI Music France 2007, CD, 43:30 Minuten
ca. EUR 15,00
ASIN: B000KZRO1I

Justament Okt. 2007: Anders schön

Carla Bruni überzeugt auch auf “No Promises”

Thomas Claer

Cover CarlaGegen Carla Bruni spricht einfach alles: Großindustriellentochter, früheres Partygirl an den Stränden der Cote d’ Azur, langbeiniges Supermodel, von dem schon 1996 ein Kaufvideo über seine angeblich rein privaten Seiten in der Serie “Die schönsten Frauen der Welt” erschienen ist – in einer Reihe mit den Damen Schiffer, Campbell und Co. Und nicht zuletzt kursieren von ihr vermutlich Hunderte äußerst freizügiger Fotos im Internet… All das würde hier nicht die Bohne interessieren, hätte sie nicht 2002 eine CD namens Quelqu’un M’a Dit veröffentlicht, auf der sie in kargen Arrangements, selbst akustische Gitarre spielend und nur von drei bis vier zurückhaltend agierenden Instrumentalisten begleitet, selbstverfasste französische Chansons vortrug. Und das so hinreißend stilsicher, so überwältigend schön, wie man es selten gehört hat. Es ist schon verrückt: Was fast alle anderen Musiker im ganzen Leben nicht zustande bringen, gelingt ausgerechnet einem Supermodel beim ersten Versuch. (Andererseits sei hier beiläufig daran erinnert, dass auch eine gewisse Nico als Fotomodell angefangen hatte, bevor sie 1966 entscheidend zu jener legendären Platte mit dem Bananencover beitrug, die heute nicht nur in unserer Redaktion als Maßstab für alles andere gilt.)
Nun also Carla Brunis Zweitling. Auf Englisch singt sie ihre Vertonungen teils jahrhundertealter Gedichte und bewegt sich dabei stilistisch eher in Contry-, Blues- und dezenten Rock-, denn in Chansongefilden. Das ist natürlich riskant, denn mit ihren Chansons war sie auf der sicheren Seite. Doch das Experiment gelingt. Ihre warme Stimme und ihr subtiles Gitarrenspiel machen das Album durchgängig hörenswert. Kann man ihr vorwerfen, die Klasse des Vorgängers nicht erreicht zu haben? Wohl kaum, denn dafür ist “No Promises” zu überzeugend und dazu noch bemerkenswert homogen. Es sind natürlich auch nur gut 34 Minuten auf der CD. Aber Frau Bruni weiß eben, was sie sich und ihrem Ruf als Musikerin schuldig ist und trifft eine strenge Qualitätsauswahl, statt die Fans mit überflüssigem Füllmaterial abzuspeisen. Und aus dem gleichen Grunde macht der Rezensent an dieser Stelle ebenfalls einen Punkt. Das Urteil lautet: vollbefriedigend (11 Punkte).

Carla Bruni
No Promises
Naive/ Ministry O (edel) 2006, CD, 34:47 Minuten
ca. EUR 15,00
ASIN: B000KG4AYG

Dez. 2005: Zu Tode gesiegt?

Die ökologische Frage nach 30 Jahren Umweltbewegung

Thomas Claer

Noch bis Anfang der Siebziger galten Freunde des Umweltschutzes oder gar einer naturverträglichen Landwirtschaft in Deutschland als Ewiggestrige, die sich den Segnungen eines scheinbar unaufhaltsamen Fortschritts verweigerten. So erfahren wir aus dem Retro-Fernsehen, dass zu jener Zeit Serien-Ekel Alfred Tetzlaff, Karikatur des ewig faschistoiden Kleinbürgers, im eigenen Garten Kartoffeln anbaute, weil er die damals regierenden Sozis verdächtigte, mit ihrer vielen Chemie die Lebensmittel zu vergiften. Schon wenige Jahre später jedoch setzte der Paradigmenwechsel ein: Plötzlich war es schick, auf die „Grenzen des Wachstums“ hinzuweisen, die sich spätestens mit der Ölkrise und dem vorübergehenden autofreien Sonntag jäh ins Bewusstsein der Allgemeinheit geschoben hatten. Die Ressourcen wurden nun als endlich erkannt, die Natur als nicht mehr bedenkenlos belastbar. Angesagt war fortan ein Aussteiger-Leben in der Landkommune, wo es sich zudem stilbewusst der vermeintlichen spätkapitalistischen Entfremdung entkommen ließ. Naturschutz-Verbände legten ihr schwarzbraunes Oberförster-Image ab, gaben sich trendige Namen und galten nun als Speerspitzen einer neuen Epoche. Anti-Atomkraft-Demonstrationen lockten Zehntausende an und schließlich zogen auch DIE GRÜNEN in die Parlamente ein und fungierten als verlängerter Arm der Umweltbewegung in der Politik. In den Achtzigern, zumal nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, gab es in Westdeutschland Meinungsumfragen, in denen eine Mehrheit der Befragten als wichtigstes Problem der Zeit den Umweltschutz nannte. An der Spitze der Bestsellerlisten standen Bücher wie „So laßt uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen. Es ist soweit“, für dessen Verfasser, den TV-Professor Hoimar von Ditfurth, es keinen Zweifel daran gab, dass wir in einer Endzeit lebten, die ökologische Apokalypse also unmittelbar bevorstehe.

Schluss mit lustig
Knapp zwanzig Jahre später und nach dem Ende einer siebenjährigen grünen Regierungsbeteiligung ist in der Berliner Republik unserer Tage von alldem nur seltsam wenig geblieben. In der Liste der dringendsten Probleme rangiert in Meinungsumfragen der Umweltschutz selten höher als auf Platz zwanzig. Vom bevorstehenden Weltuntergang wird allenfalls in gänzlich anderen Zusammenhängen geredet. Und in den Bestsellerlisten ist schon seit Jahren kein ökologischer Titel mehr gesichtet worden, es dominieren Bücher wie „Die deformierte Gesellschaft“ oder „Schluss mit lustig“. Waren also die grellen Töne der achtziger Jahre letztlich nur blinder Alarmismus und Panikmache oder doch zumindest eine abstruse Übertreibung? Fast scheint es so, denn schließlich sind die Ölreserven, die dem ersten Bericht an den Club of Rome (1972) zufolge spätestens im Jahr 2000 aufgezehrt sein sollten, noch immer nicht erschöpft. Und sind die deutschen Gewässer seit damals nicht auch viel sauberer geworden?

Kassandra pflanzt ein Apfelbäumchen
Dennoch mag niemand garantieren, dass die Kassandras von einst nicht doch noch Recht behalten werden. Zwar hat der in Deutschland wie in weiten Teilen Europas vorbildlich organisierte Umweltschutz in den letzten Jahrzehnten vielfältige Verbesserungen durchsetzen können. Ob in der Landwirtschaft, im Planungs- oder im Baurecht: Strenge ökologische Standards gehen inzwischen mitunter bis an die Grenze dessen, was unter freiheitlichen und marktwirtschaftlichen Bedingungen an staatlicher Regulierung überhaupt noch möglich ist. Doch schon ein flüchtiger Blick auf die Weltkarte macht deutlich, wie unerheblich alle europäischen Erfolge oder Misserfolge für das globale ökologische Gleichgewicht letztlich sein werden. Über das Wohl und Wehe unseres Planeten, so müssen wir erkennen, wird im Wesentlichen ganz woanders entschieden: Die eigentliche Herausforderung liegt, wenn nicht alles täuscht, vor allem in der umweltverträglichen Modernisierung der künftigen Weltmächte China und Indien. In welch quälend langsamem Tempo sich aber Emissions-Grenzwerte auf internationaler Ebene durchsetzen lassen, haben die Welt-Klima-Konferenzen der vergangenen Jahre hinreichend gezeigt. Und dass kein aufstrebendes Land sich gerne von früheren Kolonialmächten und Weltkriegs-Aggressoren gut gemeinte Ratschläge über den eigenen Modernisierungsweg, ob nun in Umweltschutz- oder Menschenrechtsfragen, erteilen lässt, hat sich inzwischen wohl auch herumgesprochen.
Womöglich ist also das ökologische Verhängnis tatsächlich längst unterwegs. Nicht erst die
Überflutungen vor unserer Haustür haben uns eine Vorstellung von der Langlebigkeit längst vergessener Umwelt-Sünden gegeben. Und wer diesen Gedanken auf die in vielen Jahrzehnten angehäuften radioaktiven Müllberge überträgt, gerät dann doch in Versuchung – wie einst Martin Luther im Angesicht der Apokalypse – noch eben schnell ein Apfelbäumchen zu pflanzen.

Der Beitrag wurde für Justament 6/ 2005 geschrieben und nicht veröffentlicht.

Justament Okt. 2007: Mensch Meier

Das erste Buch des Popmusikers und Performancekünstlers Dieter Meier  

Thomas Claer

Meier CoverAuch wenn er es in seinem Buch nur ein einziges Mal und nur andeutungsweise erwähnt (“ein als Student der Jurisprudenz getarnter Spieler”): Neben Paolo Conte ist der Schweizer Dieter Meier (Jahrgang 1945) vermutlich der einzige internationale Popmusikstar mit abgeschlossener juristischer Ausbildung. Doch hat Meier, mit seiner Band YELLO seit 1980 ein Pionier der elektronischen Musik, der eigentliche Erfinder der Techno-Musik (“Bostich”) und des Musikvideos (mit “Da Da Da” von Trio) die Rechtswissenschaft schon früh weit hinter sich gelassen. Aus dem Zürcher Geldadel stammend und daher von der Notwendigkeit der Erwerbsarbeit befreit, schloss er sich nach seinem Jurastudium diversen Happeningzirkeln an, experimentierte als Performencekünstler, stellte seine Exponate auf mehreren documentas aus, avancierte vorübergehend zum Pokerspiel-Profi und Schweizer Nationalspieler im Golfsport, bis es 1979 zur schicksalhaften Begegnung mit dem Lkw-Fahrer Boris Blank und dem gelernten Rohkaffeekaufmann Carlos Perón kam, welche sich – so sagt es die Legende – ihrerseits kurz zuvor bei Tonaufnahmen in einer Autoschrottpresse kennen gelernt hatten. Sie, die ihre Klangexperimente fortan zusammenführten, engagierten Dieter Meier kurzerhand als Sänger und YELLO war geboren. Es folgte eine beispiellose Karriere mit weltweit mehr als 10 Millionen verkauften Tonträgern. Meiers revolutionäre Musikvideos zu den YELLO-Songs (“The Evening’s young”, “Oh yeah”) prägten das junge Genre maßgeblich, wurden mit Preisen überhäuft und werden noch heute auf youtube abgefeiert. (Dass die Band allerdings seit den mittleren Achtzigern musikalisch stagnierte, wurde meist mit dem Ausscheiden des genialen Carlos Perón (1983) in Zusammenhang gebracht, dessen Soloalben “Impersonator I” (1981) und “Nothing ist true – everything is permitted” (1984) zu den unsterblichen Klassikern der elektronischen Musik gehören.)
Nach all den langen Jahren mit YELLO hat Dieter Meier nun also sein erstes Buch veröffentlicht und sich damit einen Jugendtraum erfüllt, denn er wollte, so sagt er, eigentlich immer Schriftsteller werden. Man darf sich das Buch des Popstars Meier aber nicht wie eines seiner Kollegen 50 Cent oder Madonna vorstellen. Meier, ganz Bildungsbürger, gibt als literarische Vorlieben Robert Walser und Walter Benjamin an. Der Band enthält kurze Prosatexte mit immer wieder eingeschobenen lyrischen Ausflügen, die während der letzten 20 Jahre u.a. in der ZEIT und der NZZ  erschienen sind. Geschrieben wurden diese Texte ausschließlich auf einer alten Schreibmaschine, dem “Hermes Baby”, in welche der Genussmensch Meier, der sinnlichen Erbauung wegen, seine sprachlichen Werke einzutippen pflegt. Diese, überwiegend gut lesbar, meist pointiert und ironisch (“Die Schwerarbeit des Müßiggangs”), legen Zeugnis ab von den Ambitionen und Leiden des Menschen Dieter Meier, den, wie er bekennt, ein Leben lang die Fratze des Ungenügens angegafft hat. Denn als von aller materiellen Not Entbundener fühlte er sich stets dazu angehalten, etwas ganz Außerordentliches zu schaffen. Dieser Anspruch habe ihn in jungen Jahren fast in den Wahnsinn getrieben. Die erste wirkliche Bestätigung in jener Zeit zwischen Matura und Popkarriere verschaffte ihm seine Laufbahn als Pokerspieler, wo er schnell einen exzellenten Ruf als gefürchteter “Bluffer” erwarb.
Heute betätigt sich Meier auch als Bio-Winzer in Argentinien und als Unternehmer, aus infantilem Antrieb, wie er sagt, um seinem hochbetagten Vater zu beweisen, dass er es auch auf diesem Felde doch noch zu etwas bringen kann.

Dieter Meier
Hermes Baby . Geschichten und Essays
Ammann Verlag Zürich 2006
160 Seiten, mit DVD, 19,90 €
ISBN 3-250-60093-8

Justament Okt. 2007: Erst die Arbeit?

Über die alte Grundsatzfrage nach der Rolle der Arbeit in unserem Leben  

Thomas Claer

Nora Tschirner staunte nicht schlecht. Die im Berliner Stadtteil Pankow im Villenviertel am Bürgerpark wohlbehütet aufgewachsene Jungschauspielerin stellte sich bei Spaziergängen durch den nahen Problembezirk Wedding immer wieder die Frage: “Was machen die da eigentlich den ganzen Tag?” Und sie meinte die vielen, vielen jungen Männer meist südländischer Herkunft, die tagaus, tagein, bei Wind und Wetter die dortigen Straßenecken bevölkern, ohne dabei einer erkennbar zweckgerichteten Tätigkeit nachzugehen. Dabei kann selbst unser abgespeckter Sozialstaat seine auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr verwendbaren Bürger immer noch recht erfolgreich mit Transferleistungen ruhig stellen. Und das wirkt sich weitgehend dämpfend auf die Kriminalitätsrate aus. Nur in ostdeutschen Kleinstädten – gelegentlich auch anderswo – formiert sich in dumpfer Brutalität, denn irgendjemand muss ja schließlich am eigenen Misserfolg Schuld sein, der nationale Widerstand. Doch so heterogen die objektiv Überflüssigen unserer Leistungskultur auch sind, vom ungelernten bis zum akademischen abgehängten Prekariat: Sicher ist ihnen allen die generelle Stigmatisierung durch die hart arbeitende Mehrheitsgesellschaft.

Von Jugend auf arbeiten lernen
Stimmt es also, dass, wie Karl Marx (1818-83) glaubte, erst die Arbeit dem menschlichen Leben einen Sinn gibt, dass sie die eigentliche Bestimmung des Menschen ist und dieser ohne sie nur eine letztlich unwürdige Existenz führt? Eine Fülle meisterhafter, sich im Ergebnis oft diametral widersprechender Reflexionen zu dieser Frage findet sich auf der Internetseite http://www.otium-bremen.de. Hier haben fleißige Hände die einschlägigen Zitate unserer Besten, wie man heute sagt, also unserer Literaten, Philosophen und, ja nun, auch Politiker, liebevoll zusammengetragen, auf dass der Leser endlich einmal Klarheit über das erlange, mit dem sich die meisten von uns tagtäglich bis zur Erschöpfung abplagen. Immanuel Kant (1724-1804) beispielsweise, dessen Begründung der Menschenwürde unser Grundgesetz entscheidend beeinflusst hat, entpuppt sich in dieser Frage schon fast als ein verfrühter Marxist: “Wer nicht arbeitet”, so fand der Königsberger Universalist, “verschmachtet vor Langeweile und ist allenfalls vor Ergötzlichkeit betäubt und erschöpft, niemals aber erquickt und befriedigt.” Daher sei es “äußerst wichtig, dass Kinder von Jugend auf arbeiten lernen.”

Vornehmheit und Ehre beim Müßiggang
Sein Fachgenosse Friedrich Nietzsche (1844-1900) war hier gänzlich anderer Meinung: “Die Tätigen rollen, wie der Stein rollt, gemäß der Dummheit der Mechanik”, fand der Röckener Geist, der stets verneinte, und konstatierte dementsprechend sogar eine “Faulheit, welche im Grunde der Seele des Tätigen liegt”, die den Menschen daran hindere, “das Wasser aus seinem eigenen Brunnen zu schöpfen.” Bei der Verherrlichung der Arbeit, bei dem unermüdlichen Reden vom “Segen der Arbeit” sieht Nietzsche als Hintergedanken die Furcht vor allem Individuellen. Man fühle, dass jene harte Arbeitsamkeit von früh bis spät “die beste Polizei ist, dass sie jeden im Zaume hält und die Entwicklung der Vernunft, der Begehrlichkeit, des Unabhängigkeitsgelüstes kräftig zu hindern” versteht. “Denn sie verbraucht außerordentlich viel Nervenkraft und entzieht dieselbe dem Nachdenken, Grübeln, Träumen, Sorgen, Lieben, Hassen, sie stellt ein kleines Ziel immer ins Auge und gewährt leichte und regelmäßige Befriedigungen.” Und an anderer Stelle legt er nach: “Man lobt den Fleißigen, ob er gleich die Sehkraft seiner Augen oder die Ursprünglichkeit und Frische seines Geistes mit diesem Fleiße schädigt…” Mit großer Skepsis betrachtete Nietzsche die sich im Zuge der Industrialisierung ausbreitende protestantische Arbeitsethik: “Nun! Ehedem war es umgekehrt: die Arbeit hatte das schlechte Gewissen auf sich. Ein Mensch von guter Abkunft verbarg seine Arbeit, wenn die Not ihn zum Arbeiten zwang. Der Sklave arbeitete unter dem Druck des Gefühls, dass er etwas Verächtliches tue – das Tun selber war etwas Verächtliches. ‚Die Vornehmheit und die Ehre sind allein bei otium und bellum'”, also bei Muße und Krieg. Und schließlich kommt Nietzsche zum Resümee: “Alle Menschen zerfallen, wie zu allen Zeiten so auch jetzt noch, in Sklaven und Freie; denn wer von seinem Tage nicht zwei Drittel für sich hat, ist ein Sklave, er sei übrigens wer er wolle: Staatsmann, Kaufmann, Beamter, Gelehrter.”

Sinnliche Genüsse und Albernheiten
Doch wer jetzt, in solcher Weise von Nietzsche belehrt, seine Vornehmheit entdeckt und sich in stärkerem Maße dem Müßiggange zuzuwenden erwägt, sollte zuvor noch bedenken, was sein Kollege Arthur Schopenhauer (1787-1860) über diesen zu sagen hatte: “Was nun aber wirft die freie Muße der meisten Menschen ab?”, fragte er rhetorisch. Und seine Antwort war: “Langeweile und Dumpfheit, so oft nicht sinnliche Genüsse, oder Albernheiten dasind, sie auszufüllen.” Und es folgt eine Schimpftirade über das Kartenspielen: “Weil sie nämlich keine Gedanken auszutauschen haben, tauschen sie Karten aus und suchen einander Gulden abzunehmen. O, klägliches Geschlecht!” Nur dem Genie (und niemandem sonst) wünscht Schopenhauer “das glücklichste Loos”, die “Entbindung vom Thun und Lassen, als welches nicht sein Element ist, und freie Muße zu seinem Schaffen.” Und nun entscheide jeder für sich, ob er denn genug Genie zu solcher Muße habe.