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justament.de, 27.7.2020: Genosse Hassprediger

Recht historisch: Vor zehn Jahren erschien „Deutschland schafft sich ab“ von Thilo Sarrazin. Ein persönlicher Rückblick

Thomas Claer

Es gab mal eine Zeit – ich traue es mich kaum zu sagen – da war ich geradezu ein Fan von Thilo Sarrazin. Als wir uns im Sommer 2002 nach Abschluss meiner Juristenausbildung und Promotion in Berlin niederließen, war er dort seit ein paar Monaten Finanzsenator und sollte es noch für weitere sieben Jahre bleiben. Dabei tat er sich als strenger Sparpolitiker und darüber hinaus auch als pointierter Sprücheklopfer hervor. Mir gefiel das sehr, denn Berlin war damals schließlich fast pleite, und die Landesfinanzen mussten dringend saniert werden. Nicht umsonst hatte Bürgermeister Wowereit das Motto ausgegeben: „Sparen, bis es quietscht!“ Wollte jemand also mehr Geld für dieses oder jenes, dann hielt Senator Sarrazin schützend die Hände über die Landeskasse und legte dar, warum das überhaupt nicht infrage komme. Höhere Ausgaben für Bildung, weil die Berliner Schüler im PISA-Test so schlecht abgeschnitten hatten? Nein, keine Chance, denn in anderen Bundesländern seien die Bildungs-Budgets noch niedriger, die Leistungen der Schüler aber weitaus besser als in Berlin. Doch hat Berlin denn nicht besonders viele Migranten? Nein, rechnete Sarrazin vor, nicht mehr als Bayern oder Baden-Württemberg, und dort würden die Schüler deutlich besser abschneiden. Es müsse also andere Gründe für diese Diskrepanz geben, und keinesfalls werde er mehr Geld als ohnehin schon zur Verfügung stellen! Aber vielleicht höhere Hartz 4-Sätze gegen die zunehmende Armut? Nicht mit Sarrazin. Er veröffentlichte in der BILD-Zeitung einen Speiseplan, wie man sich mit den bestehenden Regelsätzen preiswert, gesund und abwechslungsreich ernähren könne. Wer mit dem Heizkostenzuschuss nicht auskomme, solle sich doch einen warmen Pullover anziehen. Und schließlich gebe es in den Hartz 4-Sätzen doch sogar Positionen für Tabakwaren und Alkohol. Wer darauf verzichte, der habe doch sogar noch Geld übrig…
Mir sprach das damals weitgehend aus dem Herzen. Als Praktikanten und prekäre Freiberufler lagen meine Frau und ich zu jener Zeit mit unseren Einkünften für längere Zeit deutlich unter Hartz 4-Niveau, konnten aber dank sparsamer Lebensführung trotzdem noch jeden Monat ein wenig Geld zur Seite legen. Gut fand ich vor allem, wie Sarrazin mit der verbreiteten Jammer- und Anspruchsmentalität ins Gericht ging. Was er von seinen Berlinern forderte: mehr Eigeninitiative zeigen, Verantwortung für das eigene Leben übernehmen und selbst anpacken, statt sich nur vom Staat alimentieren zu lassen, das hatten auch wir uns auf die Fahne geschrieben.
Schon immer hatte ich eine Vorliebe für rechte Sozialdemokraten (wie etwa mein Kindheitsidol Helmut Schmidt), aber auch für linke Christdemokraten, soziale FDP-Leute und – ganz besonders – für realpolitische Grüne. Mir gefielen solche Pragmatiker, die sich über die jeweiligen Ideologen in den eigenen Reihen hinwegsetzten und vernünftige Sachpolitik machten. So einer war damals in meinen Augen auch Thilo Sarrazin, der sich den linken Geldumverteilungs-Exzessen in den Weg stellte. Doch ist er dabei dann irgendwann selbst zum Ideologen der anderen Seite geworden, hart am rechten Rand. Kein einziges Mal hatte er sich, solange er Senator in Berlin war, abwertend über ethnische Minderheiten geäußert. Doch danach, als er bei der Bundesbank angeheuert hatte, kippte es. „Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate“, behauptete er 2009 im Interview mit einer Kulturzeitschrift. Und weiter: „Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert. Das gilt für 70 Prozent der türkischen und 90 Prozent der arabischen Bevölkerung in Berlin.“ Von nun an ging ich deutlich auf Distanz zu Sarrazin. Ich fand solche Äußerungen über unsere Muslime einfach nur empörend, zumal ich beruflich und privat mit mehreren türkischen und arabischen Familien zu tun hatte, die ausnahmslos nicht diesem Klischee entsprachen (und die iranischen Familien, mit denen ich in Kontakt stand, schon überhaupt nicht). Vielleicht, so dachte ich schon damals, hat er ja irgendwie einen Komplex, weil sich sein Name doch offenbar von den Sarazenen ableitet, einst im christlichen Europa eine Sammelbezeichnung für die islamischen Völker…
Und dann, vor genau zehn Jahren, legte er gründlich nach mit seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“, das sich millionenfach verkaufte und in der Folge den rechtspopulistischen Bewegungen und der AfD den Weg bereitete. Natürlich habe ich es – zunächst – nicht gelesen, mir genügten schon die Zusammenfassungen, etwa die in seinem Essay im SPIEGEL, wo er für Deutschland das Zukunftsszenario entwarf, dass „die autochthonen Deutschen innerhalb kurzer Zeit zur Minderheit in einem mehrheitlich muslimischen Land mit einer gemischten, vorwiegend türkischen, arabischen und afrikanischen Bevölkerung werden“, was es durch restriktive Einwanderungspolitik zu verhindern gelte. In den Jahren darauf erschienen dann noch weitere Bücher aus seiner Feder, in denen er seine Ansichten zusehends weiter radikalisierte. Ich vertrat bislang immer die Meinung, dass man ihm besser keine Beachtung mehr schenken sollte, um solches Gedankengut nicht noch aufzuwerten.
Doch nun bin ich vor kurzem in einer Bücherbox auf eine Ausgabe von „Deutschland schafft sich ab“ gestoßen. Und die Neugier auf den anrüchigen Inhalt packte mich dann doch. Ich nahm das Buch also mit nach Hause und las es zu großen Teilen. Und ja, es war eine spannende Lektüre mit sehr viel Statistik. Aber inhaltlich eben auch sehr grotesk. Die Hauptthesen lauten kurz gesagt so: Deutschland wird immer dümmer, weil unser wuchernder Sozialstaat für die Unterschichten große Anreize setzt, viele Kinder zu bekommen. Und diese Kinder haben dann eine relativ niedrige Intelligenz, weil auch ihre Eltern schon dumm waren, sonst wären sie ja längst in der Gesellschaft aufgestiegen. Schließlich ist Intelligenz zu 50 bis 80 Prozent erblich. Dagegen kriegen die Klugen hierzulande besonders wenige Kinder, sie sterben also irgendwann aus. Und übrig bleiben dann die dummen Kinder aus der Unterschicht. Dieses Problem verschärft sich noch durch die massenhafte Einwanderung in unsere Sozialsysteme hauptsächlich aus muslimischen und afrikanischen Ländern, wo die Menschen ja auch besonders dumm sind, vor allem diejenigen, die auswandern, denn sie werden vom deutschen Sozialstaat angezogen, der ihnen einen weitaus größeren Wohlstand gewährt, als sie jemals durch Arbeit in ihren Herkunftsländern erreichen könnten. Und bald würden daher die Muslime und Afrikaner in Deutschland in der Mehrheit sein, wie es ja in den Schulklassen einiger Bezirke unserer Großstädte auch jetzt schon zu beobachten ist. Und so wird Deutschland bald schon ein muslimisches und wirtschaftlich abgehängtes Land, auf diese Weise schafft es sich also ab. Aber natürlich, so der Verfasser, dürfe man hierzulande so etwas nicht aussprechen, das sei wegen der deutschen Vergangenheit tabuisiert, und er sei also der große Tabubrecher…
Ja, in der Tat knüpft Sarrazin hier an einen Diskurs aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert an, der nach dem zweiten Weltkrieg jahrzehntelang nicht mehr geführt worden ist: den der Eugenik, der Menschenzüchtung, wonach es Aufgabe der Politik sein soll, den Genpool der Bevölkerung eines Landes qualitativ konstant zu halten und möglichst noch zu verbessern. Eine solche Herangehensweise war und ist tatsächlich bis heute tabuisiert und das nun auch wirklich zu Recht. Wäre auch krass verfassungswidrig, weil unvereinbar mit der Menschenwürde. Aber Sarrazin, das sagt er immer wieder, lässt Verfassungswidrigkeit als Argument nicht gelten, denn Gesetze könne man schließlich ändern. Und wo nicht, da lasse sich etwa Menschenwürde notfalls auch ganz anders definieren. Klar, sobald die Verfassungsrichter Sarrazin, Höcke und Gauland heißen… Wo ein politischer Wille ist (und entsprechende Mehrheiten bestehen), da hat sich noch immer ein rechtlicher Weg gefunden.
Lässt man also die Verfassungswidrigkeit für einen Moment beiseite, dann könnte man nun fragen: Ist es denn nicht, obwohl es unmoralisch erscheint und hochgradig politisch unkorrekt sein mag, am Ende doch zwingend geboten, etwas gegen die fortwährende Verdummung Deutschlands zu unternehmen, denn plausibel und folgerichtig ist Sarrazins Argumentation doch schon, oder? Um es ganz klar zu sagen: Nein, das ist sie nicht. Er hat wirklich eine unglaubliche Menge an Zahlenmaterial zusammengetragen, das seine Thesen stützen soll, aber an mehreren entscheidenden Punkten ist die Faktenlage ausgesprochen dünn. Wenn es wirklich so wäre, wie er sagt, dass sich Deutschland durch überproportionale Vermehrung seiner Unterschichten, durch anhaltende Kinderarmut seiner gebildeten Schichten und starke Zuwanderung bildungsferner Menschen aus dem Orient und aus Afrika in einer qualitativen Degenerationsspirale befindet, dann müsste ja die gemessene Intelligenz der deutschen Bevölkerung seit mehreren Jahrzehnten deutlich gesunken sein. Ist sie aber nicht, sie ist deutlich gestiegen, und das permanent seit Beginn der Messungen vor über hundert Jahren. Nur in den allerletzten Jahren ist sie minimal zurückgegangen, Stichwort digitale Demenz. Auch die Wirtschaftskraft Deutschlands, gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP), hat – von wenigen Rezessionsjahren abgesehen – seit Jahrzehnten massiv zugelegt. Keine Spur von Niedergang also.
Woran das liegt? Die Intelligenz der Menschen versteht die moderne Forschung als Anpassung an die sich wandelnden (auch technischen) Herausforderungen des gesellschaftlichen Alltags, und da diese immer komplexer werden, steigen auch die gemessenen Intelligenzwerte der Menschen, die sich schließlich in ihrer Umgebung behaupten müssen. Aber ist Intelligenz denn nicht zum großen Teil angeboren? Doch, sie hat schon eine signifikante genetische Komponente, wenn auch eher weniger als die genannten 50 bis 80 Prozent. Und vor allem lassen sich genetische und erworbene Voraussetzungen der Intelligenz nur äußerst schwer voneinander abgrenzen, da sie sich ja gegenseitig bedingen und wechselseitig aufeinander einwirken. Nur gute Gene oder allein ein gutes Umfeld bewirken jeweils noch keine hohen Intelligenzwerte. Oder hätte Caspar Hauser einen Intelligenztest bestanden? Die Zwillingsforschung jedoch zeigt, dass genetisch gleiche Menschen, die in völlig verschiedener Umgebung aufwachsen, eine ähnlich hohe Intelligenz entwickeln. Was die Intelligenzforschung aber ausdrücklich nicht zeigt, ist, dass die klügsten Eltern auch immer die klügsten Kinder haben und umgekehrt. Hier gibt es sogar häufig frappierende Abweichungen in beiden Richtungen, wie auch die Intelligenzwerte von Geschwistern oft gar nicht enger beieinander liegen als die von nicht miteinander Verwandten. Eher deuten die Forschungsergebnisse der letzten Jahre darauf hin, dass die anlagebedingten Voraussetzungen der Intelligenz eine Tendenz zur Annäherung an den Durchschnitt der Gesamtpopulation aufweisen. Das heißt die Kinder hochintelligenter Eltern werden eher weniger intelligent als diese, und die Kinder wenig intelligenter Eltern werden intelligenter als diese. So gesehen ist also auch bei „ungehindertem Geschehensablauf“ in der Zukunft durchaus keine Verblödung Deutschlands zu erwarten.
Und selbst, wenn es doch so wäre: Ist die gemessene Intelligenz einer Bevölkerung wirklich so entscheidend für das Wohlergehen und den wirtschaftlichen Erfolg eines Landes? Zwar gibt es Untersuchungen, die tatsächlich eine gewisse Korrelation zwischen den für ein Individuum gemessenen Intelligenzwerten und seinem wirtschaftlichem Erfolg aufzeigen. Doch gilt dies für andere individuelle Eigenschaften wie Selbstdisziplin und Selbstkontrolle, Geduld und Ausdauer, Zuverlässigkeit und Berechenbarkeit vermutlich noch viel mehr. Richtig lachen musste ich, als ich las, dass Sarrazin in seinem Buch eine Studie zitiert, wonach die durchschnittliche Intelligenz der ostdeutschen Bevölkerung zur Zeit des Mauerfalls deutlich über der der westdeutschen lag. (Wohl nicht umsonst kursierte im Osten in den Neunzigern der Spruch: „Der Fuchs ist schlau und stellt sich dumm, beim Wessi ist es andersrum.“) Es sollte heute hinlänglich bekannt sein, dass nur ein ganz geringer Anteil der aus dem Osten stammenden Menschen in Gesamtdeutschland jemals in Führungspositionen angekommen ist. An fehlender Intelligenz hat es also offenbar nicht gelegen… Sarrazin versucht die hohen gemessenen Intelligenzwerte der Ossis damit zu erklären, dass in der DDR viel mehr Studenten als im Westen bereits in jungen Jahren Kinder bekommen haben, um so an eine Wohnung zu kommen (die in der DDR nach Personenzahl der Familie zugeteilt wurde). Doch war im Osten nur ein weitaus kleinerer Teil eines Jahrgangs zum Studium zugelassen als im Westen. Es muss also, sofern die Zahlen stimmen, andere Gründe für den ostdeutschen Intelligenzvorsprung geben. Meine aus Ostasien stammende Frau vermutet, dass die Menschen in autoritären Gesellschaften eher dazu angehalten werden, konsequent und folgerichtig geradeaus zu denken, was die Intelligenz befördert (wenn auch manchmal mit ideologischen Verrenkungen, die zu erlernen und anzuwenden aber auch eine gewisse Schulung der Intelligenz mit sich bringen kann). Demgegenüber würden die vielen Freiheiten in der Demokratie dazu führen, dass ein großer Teil der Menschen sich ungeordneten und wirren Gedankengängen überlässt…
Aber zurück zu den Grundthesen von „Deutschland schafft sich ab“. Selbst wenn keine Degeneration unseres Genpools droht und Intelligenz womöglich überschätzt wird: Hat Sarrazin denn nicht wenigstens insofern Recht, dass „die Deutschen“ mit der Zeit aussterben werden, da sie nachweislich weniger Kinder bekommen als die Zuwanderer, insbesondere als die Muslime? Und wenn ja: Ist das schlimm? Zunächst einmal gibt es eine Menge Untersuchungen, wonach sich die Kinderzahl von Einwanderern nach wenigen Generationen an die der Einheimischen anpasst. Und genau das ist auch in Deutschland der Fall, obwohl die Muslime tatsächlich im Durchschnitt mehr Kinder als die Nichtmuslime bekommen, allerdings sinkt der Unterschied mit jeder auf die Einwanderung folgenden Generation deutlich ab. Und würde man alle historischen Einwanderungswellen auf dem Gebiet des heutigen Deutschland in den letzten zweitausend Jahren zurückverfolgen, dann könnte es durchaus sein, dass auch von den Genen der „alten Germanen“ heute nicht mehr viel übrig geblieben ist. Alles vermischt sich eben. So ist es immer gewesen, und so wird es wohl auch in Zukunft sein…
Bei Lichte gesehen hat Sarrazin mit seinem Pamphlet also eine Menge falschen Alarm ausgelöst und dazu beigetragen, das gesellschaftliche Klima zu vergiften. Das darf jedoch nicht den Blick dafür verstellen, dass er selbstverständlich auch eine Vielzahl an gesellschaftlichen Missständen beim Namen genannt und den Finger in so manche Wunde gelegt hat, nur leider auf wenig konstruktive Weise. Ja, natürlich ist es unbefriedigend, dass Menschen abgehängt, passiv und perspektivlos in unseren Sozialsystemen festhängen. Ja, es ist nicht zu bestreiten, dass sich Integrationsprobleme zumeist auf bestimmte Zuwanderergruppen konzentrieren, was allerdings keine genetischen, sondern kulturelle Gründe hat. (Und genau hier gilt es doch anzusetzen!) Ja, es war kontraproduktiv, dass unsere Gesellschaft zu lange die Augen vor solchen Entwicklungen verschlossen hat und so gefährliche Parallelgesellschaften mit rückwärtsgewandten Frauenbildern entstehen konnten. (Was ja dann schließlich auch die Entstehung rechtspopulistischer Bewegungen bis hin zum Einzug der AfD in sämtliche Parlamente begünstigt hat.) Die Lehre für die Zukunft sollte unbedingt sein, bestehende Missstände deutlich beim Namen zu benennen und ihnen frühzeitig aktiv entgegenzuwirken, wenn nötig mit klaren Ansagen. Und es hat sich ja hier in den vergangenen zehn Jahren auch schon eine Menge geändert, und das durchaus auch in Sarrazins Sinne… Umso wichtiger wäre es aber, die Integration der hier lebenden Zuwanderer nicht durch Zündeleien und Hasspredigten zu erschweren, sondern sie im Gegenteil energischer zu befördern. Und hier hätten und haben Zuwanderer in herausgehobenen Positionen als Rollenvorbilder eine überragende symbolische Bedeutung. Um ein Haar hätten wir z.B. vor zweieinhalb Jahren einen türkischstämmigen Außenminister bekommen. Aber auch das hat leider der destruktive FDP-Vorsitzende erfolgreich verhindert…
Und nun frage ich mich, warum ich so viel über Sarrazin geschrieben habe, den ich doch eigentlich ignorieren wollte. Vielleicht ist es noch das Positivste, was man über ihn sagen kann: Er hat wichtige Themen angesprochen und viele Menschen zu entschiedenem Widerspruch herausgefordert, auch mich.

justament.de, 15.6.2020: Advocatus Diaboli

“Das Wörterbuch des Teufels” von Ambrose Bierce

Thomas Claer

Was ist ein Rechtsanwalt? “Eine in der Umgehung des Gesetzes geschulte Person.” Und was ist Politik? “Ein Interessenkampf, der sich als ein Wettstreit von Prinzipien ausgibt.” Sarkastische Definitionen dieser Art, das muss ich zugeben, sind ganz nach meinem Geschmack. Entnommen sind sie einem Exemplar des “Wörterbuchs des Teufels” von einem gewissen Ambrose Bierce, das ich kürzlich in der Bücherbox bei uns um die Ecke entdeckt habe. Sogleich erinnerte ich mich daran, vor einigen Jahren eine von Burkhard Müller verfasste Rezension dieses Werkes in der Süddeutschen Zeitung gelesen zu haben. Doch konnte ich mich – vom einprägsamen Titel abgesehen – an keine weiteren Einzelheiten mehr erinnern. So vermutete ich in Ambrose Bierce aufgrund seines Namens zunächst einen französischen  Aufklärungs-Literaten, womöglich einen Weggefährten Diderots – und lag damit vollkommen daneben. Nein, Ambrose Bierce (1842-1916), so belehrte mich Wikipedia, war ein amerikanischer Schriftsteller und Journalist, der hauptsächlich durch seine Schauergeschichten im Stile von Edgar Allan Poe Berühmtheit erlangte – und darüber hinaus auch die populäre schwarzhumorige Aphorismensammlung “Das Wörterbuch des Teufels” verfasst hat, erstmals erschienen 1906 unter dem Titel “Wörterbuch des Zynikers” und dann in einer erweiterten Neuausgabe 1911. Nur einen kleinen Teil daraus enthalten die deutschen Übersetzungen, so auch jene mir in die Hände gefallene 1980 erschienene aus dem Inselverlag, die aber den Vorzug hat, mit einem erhellenden Nachwort von Dieter E. Zimmer versehen zu sein.

Viele der in alphabetischer Reihenfolge angeordneten Einträge, das wird einem bei genauerer Lektüre klar, sind zeitgebunden, manche nur schwer verständlich. Andere wiederum erscheinen einem zu umständlich, nicht pointiert genug. Aber eine ganze Reihe von ihnen wirken dann doch auch nach mehr als hundert Jahren noch bemerkenswert frisch: Was ist Fleiß? “Eine bestimmte nervöse Störung, die junge und unerfahrene Menschen befällt.” Und was ist die Liebe? “Eine vorübergehende Geisteskrankheit, die entweder durch Heirat heilbar ist oder durch Entfernung des Patienten von den Einflüssen, unter denen er sich die Krankheit zugezogen hat. … Sie geht manchmal tödlich aus, aber häufiger für den Arzt als für den Patienten.” Was ist die Ehe? “Eine Gemeinschaft, die aus einem Herrn, einer Herrin und zwei Sklaven besteht – was zusammen zwei ergibt.” Was ist eine Braut? “Eine Frau mit vielversprechenden Glücksaussichten hinter sich.” Und schließlich: Was ist Logik? “Die Kunst, in strenger Übereinstimmung mit den Grenzen und Handicaps des menschlichen Unverstandes zu denken und zu argumentieren.” Schade, dass wir nie erfahren werden, was Ambrose Bierce zu manchen Stichworten aus unserer Zeit zu sagen gehabt hätte…

Ambrose Bierce
Das Wörterbuch des Teufels
Manesse Verlag 2013
224 Seiten; 19,95
ISBN-10: 371752304X

justament.de, 8.6.2020: Die Lust zu leiden

Recht historisch Spezial: Vor 150 Jahren erschien „Venus im Pelz“ von Leopold v. Sacher-Masoch

Thomas Claer

Leopold v. Sacher-Masoch (1836-1895)

Ein vor einigen Jahrzehnten sehr beliebter Witz ging so: „Quäl mich, bitte, bitte, quäl mich!“, fleht der Masochist. „Nein!“, antwortet mit bösem Lachen der Sadist. Doch obwohl sich die beiden Gegenpole des Sadomasochismus, kurz SM, der heute wohl fast jedem ein Begriff sein dürfte, naturgemäß ergänzen wie die zwei sprichwörtlichen Seiten einer Medaille, haben sie doch kulturgeschichtlich unterschiedliche Wurzeln. Gemeinsam ist beiden Begriffen, Sadismus und Masochismus, dass sie jeweils auf adelige Schriftsteller aus dem 19. Jahrhundert zurückgehen, welche die benannten erotischen Vorlieben ausgiebig in ihren Werken geschildert haben (und ihnen offensichtlich auch selbst anhingen). Zum einen auf den Marquis de Sade (1740-1814), der seine gewaltpornographischen Romane wie „Justine und Juliette“ oder „Die 120 Tage von Sodom“ größtenteils während jahrzehntelanger Aufenthalte in Gefängnissen und Irrenanstalten schrieb. Zum anderen auf Leopold v. Sacher-Masoch (1836-1895), der – anders als sein verrufener Kollege – zu seiner Zeit als allseits geschätzter, vielgelesener, populärer Schriftsteller galt. Klar, wer Freude und Lust daraus zieht, von anderen gequält zu werden, den hält man zumindest für weniger gefährlich als jemanden, der sein Vergnügen darin findet, selbst anderen Gewalt anzutun…

Dennoch wurde Sacher-Masochs 1870, also vor genau 150 Jahren, erschienene Novelle „Venus im Pelz“, die als Schlüsselwerk des Masochismus gilt, in Deutschland indiziert, wenn auch erst 1958 von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften. Dabei finden sich in diesem Werk keinerlei sexuelle Beschreibungen im eigentlichen Sinne, nur kurz und beiläufig ist darin von Nacktheit (beim Umkleiden und beim Baden) die Rede. Die Zensur erfolgte also offenbar nur aufgrund der intensiven Darstellung des Lustgewinns durch Auspeitschen und Unterwerfung. Erst 2001 ist das Buch von der Liste der jugendgefährdenden Schriften gestrichen worden und seitdem wieder frei im Handel erhältlich.

Vermutlich hat ja auch der von Anfang an etwas zwielichtige Ruf dieser Erzählung zu ihrer beispiellosen Rezeptionsgeschichte beigetragen. Allein fünfmal wurde sie verfilmt (einmal mit Klaus Kinski in der männlichen Hauptrolle, ein anderes Mal mit Laura Antonelli in der weiblichen; zuletzt 2013 von Skandal-Regisseur Roman Polanski). Das von ihr inspirierte Lied „Venus in Furs“ von Velvet Underground vom legendären Album mit dem Bananencover (1967) ist einer der schönsten Popsongs der Musikgeschichte. Im vergangenen Jahrzehnt folgten schließlich auch noch mehrere Theater-Adaptionen. Was aber macht diese anderthalb Jahrhunderte alte Novelle noch heute so populär?

Ihre Handlung ist schnell erzählt: Ein junger Mann namens Severin, Mitte zwanzig, verliebt sich in die junge, schöne und reiche Witwe Wanda v. Dunajew und will sie heiraten. Wanda jedoch schlägt ihm zunächst eine einjährige „Probezeit“ vor, in der sie wie ein Ehepaar zusammenleben. In dieser Zeit wird Wanda, wie von Severin ausdrücklich gewünscht, seine “Herrin“ und Severin ihr „Sklave“, wobei Wanda Severins Phantasie eines „schönen Weibes“ erfüllt, das seinen Sklaven despotisch unterwirft und (auch grundlos) physisch und psychisch quält. Doch fallen sie zwischenzeitlich auch immer wieder aus ihren Rollen und lieben sich dann auf ganz herkömmliche Weise. Allerdings leidet Severin zunehmend unter dem Umstand, dass Wanda nebenher auch Kontakte zu weiteren Verehrern unterhält, und ihre Liaison nimmt schließlich ein böses Ende…

Das Besondere an „Venus im Pelz“ ist neben der detaillierten Schilderung der bewussten sexuellen Vorlieben und Praktiken vor allem die für die damalige Zeit ungewöhnlich selbstbewusste Frauenfigur Wanda. In dieser Hinsicht ist die Novelle eine wahre Fundgrubbe an bemerkenswerten Zitaten, von denen jedoch nur die wenigsten als nach heutigen Maßstäben politisch korrekt anzusehen sein dürften:

„Der Mann ist der Begehrende, das Weib das Begehrte, dies ist des Weibes ganzer, aber entscheidender Vorteil, die Natur hat ihm den Mann durch seine Leidenschaft preisgegeben, und das Weib, das aus ihm nicht seinen Untertan, seinen Sklaven, ja sein Spielzeug zu machen und ihn zuletzt lachend zu verraten versteht, ist nicht klug.“

Bei wohlwollender Betrachtung ließe sich aus diesen Worten Wandas eventuell eine frühe Spielart des Feminismus herauslesen, die es dem männlichen Geschlecht mit jenen Waffen heimzahlt, die den Frauen zu jener Zeit nun einmal einzig zur Verfügung stehen… Und weiter spricht Wanda:

„Je hingebender das Weib sich zeigt, um so schneller wird der Mann nüchtern und herrisch werden; je grausamer und treuloser es aber ist, je mehr es ihn misshandelt, je frevelhafter es mit ihm spielt, je weniger Erbarmen es zeigt, um so mehr wird es die Wollust des Mannes erregen, von ihm geliebt, angebetet werden. So war es zu allen Zeiten…“

Diese an sich diskussionswürdigen Ausführungen finden sogleich Severins ausdrückliche Zustimmung:

„Ich kann es nicht leugnen. Es gibt für den Mann nichts, das ihn mehr reizen könnte, als das Bild einer schönen, wollüstigen und grausamen Despotin, welche ihre Günstlinge übermütig und rücksichtslos nach Laune wechselt…“

An späterer Stelle folgt dann aber ein sehr modern anmutendes Plädoyer Wandas für eine selbstbestimmte weibliche Sexualität:

„Es ist nur der Egoismus des Mannes, der das Weib wie einen Schatz vergraben will. Alle Versuche, durch heilige Zeremonien, Eide und Verträge Dauer in das Wandelbarste im wandelbaren menschlichen Dasein, in die Liebe, hineinzutragen, sind gescheitert… Ich verzichte auf euren heuchlerischen Respekt, ich ziehe es vor, glücklich zu sein… Einem Manne angehören, den ich nicht liebe, bloß deshalb, weil ich ihn einmal geliebt habe? Nein, ich entsage nicht, ich liebe jeden, der mir gefällt, und mache jeden glücklich, der mich liebt. Ist das hässlich? Nein, es ist mindestens weit schöner, als wenn ich mich grausam der Qualen freue, die meine Reize erregen, und mich tugendhaft von dem Armen abkehre, der um mich verschmachtet. Ich bin jung, reich und schön, und so, wie ich bin, lebe ich heiter dem Vergnügen, dem Genuss.“

Allerdings funktioniert diese Vorgehensweise (was Wanda ja auch bewusst ist) mutmaßlich nur, solange sie „jung, reich und schön“ ist… Doch setzt Wanda gewissermaßen noch eins drauf, indem sie sich zahlreicher eigentlich misogyner Stereotype argumentativ bedient, um daraus dann doch nur auf die daraus resultierende überlegene Machtposition der sich ihrer Reize bewussten und skrupellos bedienenden Frau zu schließen:

„Jede Frau hat den Instinkt, die Neigung, aus ihren Reizen Nutzen zu ziehen, und es hat viel für sich, sich ohne Liebe, ohne Genuss hinzugeben, man bleibt hübsch kaltblütig dabei und kann seinen Vorteil wahrnehmen… Fühle dich nie sicher bei dem Weibe, das du liebst, denn die Natur des Weibes birgt mehr Gefahren, als du glaubst… Der Charakter der Frau ist die Charakterlosigkeit… Das Weib ist eben, trotz allen Fortschritten der Zivilisation, so geblieben, wie es aus der Hand der Natur hervorgegangen ist, es hat den Charakter des Wilden, welcher sich treu und treulos, großmütig und grausam zeigt, je nach der Regung, die ihn gerade beherrscht. Zu allen Zeiten hat nur ernste, tiefe Bildung den sittlichen Charakter geschaffen; so folgt der Mann, auch wenn er selbstsüchtig, wenn er böswillig ist, stets Prinzipien, das Weib aber folgt immer nur Regungen. Vergiss das nie und fühle dich nie sicher bei dem Weibe, das du liebst.“

Besonders interessant ist der vorletzte Satz. Würde jene „ernste, tiefe Bildung“, die „den sittlichen Charakter schafft“ und angeblich dafür sorgt, dass selbst böse Männer „stets Prinzipien folgen“, also demnach auch bewirken, dass Frauen, sofern man sie ihnen zukommen ließe, nicht mehr „immer nur ihren Regungen folgen“? Das Ende der Novelle lässt keinen Zweifel daran:

„Und die Moral von der Geschichte? … Dass das Weib, wie es die Natur geschaffen und wie es der Mann gegenwärtig heranzieht, sein Feind ist und nur seine Sklavin oder seine Despotin sein kann, nie aber seine Gefährtin. Dies wird sie erst dann sein können, wenn sie ihm gleich steht an Rechten, wenn sie ihm ebenbürtig ist durch Bildung und Arbeit.“

Dieser gewagte Zukunftsausblick Sacher-Masochs hat es nun aber wirklich in sich: Die gleichberechtigte Frau also, die dem Manne „durch Bildung und Arbeit“ ebenbürtig ist, das heißt die heutige moderne Schulabsolventin oder Akademikerin, wäre demzufolge, wenn der Erzähler damals richtig gelegen hat, nie mehr die Sklavin oder die Despotin des Mannes, sondern schlichtweg seine Gefährtin. Damit hätte sich dann aber auch jede Form von Masochismus oder Sadismus erledigt. Doch wenn es wirklich so wäre, würde dann „Venus im Pelz“ noch heute auf ein solches Interesse stoßen?

justament.de, 9.3.2020: Schöne neue Welt

„Selbstoptimierung und Enhancement. Ein ethischer Grundriss“ von Dagmar Fenner

Thomas Claer

Selbstoptimierung? Enhancement? Was ist denn das für ein neoliberaler Bullshit?! So denkt man sich im ersten Moment, wird aber schon beim flüchtigen Blättern in diesem Buch, das man eher zufällig auf den Schreibtisch bekommen hat, eines Besseren belehrt. Ein „ethischer Grundriss“ ist dies also, aus der Feder der Schweizer Philosophie-Professorin Dagmar Fenner, die darin eine Systematisierung dieser ebenso vieldiskutierten wie unübersichtlichen Thematik unternimmt – einschließlich einer abstrakten Klärung der Grundbegriffe sowie einer Herausarbeitung und ausführlichen Abwägung aller nur denkbaren Argumente dafür und dagegen. Und so erkennt der zunächst nur mäßig an diesem Themenfeld interessierte Leser schnell, dass dieses Wissensgebiet weitaus komplexer und vielschichtiger ist, als er zunächst angenommen hatte…

Allerdings führt die Abbildung auf dem Buchcover – der schöne nackte David von Michelangelo in seiner durchtrainierten Muskelpracht, wenn auch hier mit abgeschnittenem Unterleib – ein wenig in die Irre. Denn um sportliche Ertüchtigung geht es in dieser Studie nahezu überhaupt nicht. Vielmehr liegt der Schwerpunkt dieser Untersuchung auf dem sogenannten Enhancement, d.h. den technikbasierten, vorwiegend biomedizinischen Methoden zur menschlichen Selbstverbesserung.

Das Buch besteht aus vier Teilen, deren erster als eine Art Einleitung in dieses Wissensgebiet fungiert, indem er die einschlägigen Begriffserklärungen liefert sowie die vertretenen Positionen und kulturellen Kontexte aufzeigt. Hierbei ist insbesondere die „Arbeit am Begriff“ auch dringend nötig, denn vieles läuft ja in den einschlägigen Debatten und Diskursen oftmals munter durcheinander. „Selbstoptimierung im Allgemeinen“, so erfahren wir, ist demnach „jede Selbstverbesserung eines Subjekts bis hin zum bestmöglichen oder vollkommenen Zustand“. Darunter fallen dann auch Bildung, Erziehung, Meditation und sportliches Training sowie auch z.B. das Üben eines Musikinstruments. Dagegen bezieht sich die Selbstoptimierung im engeren Sinne lediglich auf technikbasierte, zumeist biomedizinische oder pharmakologische Methoden – und genau dies ist mit dem schillernden Begriff „Enhancement“ gemeint. Doch wird dieses dann sogleich von rein therapeutischen Eingriffen abgegrenzt: Enhancement richtet sich somit nur an eigentlich Gesunde und nicht an medizinisch Bedürftige. Natürlich wirft all das gleich wieder neue Fragen auf: Wann ist jemand krank und wann gesund? Was bedeutet überhaupt Verbesserung? Und nach welchem Ideal wird hier gestrebt? Dies alles untersucht die Autorin (und sorgt dabei noch für viele weitere Abgrenzungen in allen nur denkbaren Richtungen) auf den 58 Seiten des ersten Teils und darüber hinaus auch auf den 60 Seiten des zweiten Teils, der die sogenannten „normativen Bezugsgrößen“ wie Glück, Gerechtigkeit, Freiheit und Würde näher unter die Lupe nimmt. Beispiel: Wann führt jemand ein glückliches Leben? Wenn er oder sie im Leben möglichst viel Freude und Lust empfindet, so die philosophische Schule des Hedonismus. Eine andere Antwort, mit der die Verfasserin erkennbar stärker sympathisiert als mit der vorigen, lautet: Wenn er oder sie die eigenen Lebensziele erreicht und sich die eigenen Wünsche erfüllen…

Der dritte bis fünfte Teil, die mehr als die Hälfte des Buches ausmachen, behandeln dann das „körperliche Enhancement“ (Schönheitsoperationen, Lebensverlängerungen, Digitale Selbstvermessung und Doping im Sport) sowie das „Neuro-Enhancement“ (Emotionales Enhancement, Kognitives Enhancement und Moralisches Neuroenhancement) und schließlich das „Genetische Enhancement“.

Nach der Lektüre des Werkes, die man keineswegs durchgängig als ein Vergnügen und mitunter schon als recht zäh empfinden konnte, sieht man immerhin manches etwas klarer. Natürlich besteht der Verdacht keineswegs zu Unrecht, dass der Einzelne durch gesellschaftlichen Druck, vor allem hinsichtlich der Verwertbarkeitskriterien des Arbeitsmarktes, fortwährend optimiert werden soll. Selbst der DUDEN definiert Selbstoptimierung als „(übermäßige) freiwillige Anpassung an äußere Zwänge, gesellschaftliche Erwartungen oder Ideale“. Doch anknüpfend an letzteres – die Ideale – hält die Verfasserin dagegen: „Aus der Teilnehmerperspektive hat Selbstoptimierung weniger mit Druck, Erfolg und Ehrgeiz zu tun, sondern viel mehr mit Gestaltungsfreiheit, Selbstbestimmtheit und Selbstverwirklichung.“ Wer sich selbst optimiert, tut dies ja vielleicht gar nicht, um den Erwartungen anderer zu entsprechen, sondern vor allem, um sich selbst etwas Gutes zu tun. Aber wo verläuft hier die Grenze? Wer z.B. anderen einen schönen Anblick bieten will und sich ihnen daher stets schlank und durchtrainiert präsentiert, will ja vielleicht vor allem ihre begehrlichen Blicke ernten. Doch wie ist ein solches Motiv ethisch zu bewerten?

Wenn dann schließlich Schönheitsoperationen, Glücks- oder Gedächtnispillen, überhaupt alle möglichen pharmazeutischen Substanzen (die im Buch sämtlich im Detail vorgestellt werden) ins Spiel kommen, perspektivisch sogar ins Gehirn eingepflanzte Festplatten zur Verbesserung der Merkfähigkeit oder auch eingepflanzte Chips unter der Haut, die für eine ständige Verbindung ins Internet sorgen, unterscheidet die Autorin zwischen den „Bio-Konservativen“, die grundsätzlich dagegen sind, und den „Bio-Liberalen“, die grundsätzlich dafür sind, sowie den Transhumanisten, die für eine noch weitergehende Verschmelzung von Mensch und Technik – gewissermaßen als nächsten Evolutionsschritt – plädieren. Sehr ausführlich untersucht die Autorin die Stichhaltigkeit aller insofern vorstellbaren Argumente des Für und Wider – und gibt am Ende mit Abstrichen den „Bio-Liberalen“ Recht, auch weil die Bio-Konservativen (zu denen dann sogar jemand wie Jürgen Habermas gerechnet wird), hauptsächlich ein diffuses Unwohlsein oder mitunter irrationale traditionelle Maßstäbe (wie etwa ein religiöses Menschenbild) gegen das Enhancement ins Feld führen. Und in der Tat: Rein rational betrachtet ist der Autorin ausdrücklich zuzustimmen. Dennoch würde z.B. ich selbst mich, egal wie viele gute Gründe es dafür geben mag, nie im Leben auf so ein Enhancement einlassen. Selbst wenn ich kein einziges stichhaltiges Gegenargument haben sollte… Mir genügt vollkommen mein diffuses Unwohlsein, um für alle Zeiten die Finger von so etwas zu lassen…

Sollte man den ganzen Kram dann also nicht besser verbieten? Da es dafür, wie gesagt, keine wirklich überzeugenden Gründe gibt, kann man das schlecht machen. Und außerdem greift hier ein Argument, das die Verfasserin als ein „schwaches, weil fatalistisches“ bezeichnet: Es wird doch ohnehin gemacht, was geht. Irgendwo, in der rechtlichen Grauzone… Wer es wirklich will, der kriegt schon irgendwie und irgendwo sein Enhancement. Nein, sagt dazu die Autorin, so gehe das nicht, so könne man nicht argumentieren. Es brauche eine rationale öffentliche Debatte darüber, welche Formen des Enhancements zugelassen werden sollten und welche nicht. Einverstanden. Und dennoch wird ganz sicher alles, was technisch machbar ist und wofür es eine Nachfrage gibt, auch irgendwann zu haben sein. Und die Menschen werden es dann nutzen oder auch nicht, je nachdem, was ihr Bauchgefühl ihnen sagt. Wer aber zusätzlich noch eine rationale Begründung für sein Verhalten sucht, um sich vor sich selbst oder vor anderen dafür zu rechtfertigen, der wird vielleicht zu diesem informativen Buch greifen.

Dagmar Fenner
Selbstoptimierung und Enhancement. Ein ethischer Grundriss
Utb Verlag 2019, 350 Seiten, 24,99 Euro
ISBN-10: 3825251276

justament.de, 25.11.2019: Prima leben und sparen

Florian Wagner verspricht „Rente mit 40. Finanzielle Freiheit und Glück durch Frugalismus“

Thomas Claer

Dieses Thema ist zurzeit so richtig en vogue. Was sich früher nur ein paar versprengte Außenseiter auf die Fahne geschrieben hatten, findet neuerdings immer mehr Anhänger: durch konsequentes Sparen und kluges Investieren nach und nach so viel regelmäßiges passives Einkommen generieren, dass man irgendwann davon leben kann und nicht mehr auf die Mühsal der Erwerbsarbeit angewiesen ist. Dass dies gelingen kann, ohne zum kleinkarierten Pfennigfuchser zu werden, und für die Betreffenden sogar einen erheblichen Gewinn an Lebensfreude mit sich bringen kann, zeigt die einschlägige Publikation „Rente mit 40“ von Florian Wagner (Jahrgang 1987). Dieser hat es zwar selbst noch nicht ganz zum Privatier gebracht, gleichwohl aber schon vor einigen Jahren seinen gut bezahlten Job als Projektleiter in der Automobilindustrie gekündigt und ist nun als freier Buchautor, Blogger und Anbieter von Seminaren tätig – zum Thema Frugalismus, versteht sich.

Frugalismus? Hinter diesem Begriff, den noch längst nicht jeder kennen dürfte, verbirgt sich die Grundhaltung, dass Geld nicht nur zum Verkonsumieren da sein muss, sondern klug eingesetzt auch zur Gestaltung des eigenen Lebens nach eigenen Vorstellungen dienen kann. Frugalisten geht es also vor allem darum, das zu genießen und wertzuschätzen, was sie haben, und sich mit ihren durch disziplinierte Konsumvermeidung akkumulierten Mitteln auf lange Sicht ein freies und unabhängiges Leben aufzubauen. Aber braucht man das überhaupt? Zumindest würden es sich wohl viele wünschen…

Doch sollte nun niemand erwarten, dass der Autor auf diesen knapp 300 Seiten eine Art Geheimwissen ausbreitet. Vielmehr sind es tausend ganz normale, ja regelrecht banale Dinge, auf die jeder halbwegs durchschnittlich vernunftbegabte Mensch auch ohne weiteres selbst kommen könnte. Und dennoch gibt es nur wenige, die diesen Weg konsequent zu Ende gegangen sind. Das Buch stellt eine Reihe von ihnen vor: Es sind hauptsächlich Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Seminare des Verfassers sowie Leser seines Blogs. Insofern ist das Buch eine Mischung aus Ratgeber, Manifest und Sozialreportage geworden – mit Schwerpunkt auf letzterem, eine Art „37 Grad“ in Buchform, nur noch viel detaillierter. Viele Menschen, so erfahren wir, benutzen allerhand Spartricks, um sich immer aufs Neue zu motivieren und bei der Stange zu halten. Andere wiederum sparen einfach so aus Spaß an der Freude und berauschen sich daran, wenn sie wieder etwas mehr Vermögen angehäuft haben, während Geldausgeben ihnen keine wirkliche Freude bereitet.

Getreu dem Motto eines der Porträtierten: „Finanzielle Unabhängigkeit hat zu 80 Prozent etwas mit dem eigenen Verhalten und nur zu maximal 20 Prozent mit der Höhe des Einkommens und dem Anlageerfolg zu tun“ beleuchtet das Buch die vielfältigsten Lebenssituationen im Hinblick auf ihre Sparpotentiale. Daraus ergeben sich auch allerhand Überschneidungen zwischen dem hier propagierten Frugalismus und anderen teils verwandten Lebenshaltungen wie dem Minimalismus, Sportlichkeit, Gesundheits- und Umweltbewusstsein, Bastlertum und dem Hang zu Gebrauchtwaren.

Viel gewonnen ist insbesondere schon dadurch, bestimmte grundlegende Fehler beim Umgang mit den eigenen Finanzen zu vermeiden, die jeden Sparerfolg ausschließen. Für den erprobten Sparfuchs ist all dies natürlich altbekannt: Rauchen geht selbstverständlich gar nicht; Alkohol am besten auch nicht, aber wenn, dann zu Hause und nicht in der Bar; Konsum auf Kredit muss Tabu bleiben; Essen und Trinken werden niemals unterwegs gekauft, sondern stets von zu Hause mitgebracht, und wenn doch, dann wenigstens nicht am nächsten Kiosk erworben, sondern ein paar Schritte weiter im Supermarkt; natürlich kauft man keine Markenprodukte, sondern die zumeist ebenso guten, aber viel günstigeren No-Name-Waren, nach Möglichkeit beim Discounter und wenn es geht, was gerade im Angebot ist; ungesundes Zeug wie Fertig-Essen oder gesüßte Getränke kommt grundsätzlich nicht in die Tüte, dafür viel frisches Obst und Gemüse sowie Getreideprodukte; damit wird dann auch regelmäßig selbst gekocht statt ins Restaurant zu gehen; ein Auto braucht, wer nicht gerade auf dem Lande lebt, auch nicht; wer viel zu Fuß geht und Fahrrad fährt, spart sich außerdem das Fitness-Center, vor allem wenn ergänzend noch regelmäßig weitere sportliche Übungen zu Hause und in der Natur absolviert werden; überhaupt hilft viel Bewegung an frischer Luft nachhaltig dabei, die eigene Stimmung zu verbessern, sodass man gar nicht erst auf die Idee kommt, Geld für etwaige Frustkäufe auszugeben; statt neuer Produkte kauft man grundsätzlich Gebrauchtes über Ebay-Kleinanzeigen; Energie sparen sollte man natürlich auch noch, wo es geht; und schließlich noch ganz wichtig: die angesparten Rücklagen gehören ab einer bestimmten Größenordnung keinesfalls auf ein Sparkonto, sondern in ein Wertpapierdepot mit einfacher, aber effizienter Strategie: zwei ETFs genügen schon, einen auf den MSCI-World Index und einen auf den MSCI Emerging Markets Index; und dann sollte man natürlich sehen, schnellstmöglich nicht mehr zur Miete zu wohnen, sondern in den eigenen vier Wänden.

Wer diese genannten Grundsätze auch nur halbwegs beachtet, hat exzellente Chancen, früher oder später finanziell ausgesorgt zu haben. Doch sind nahezu alle im Buch vorgestellten Vertreter des Frugalismus in gut bezahlten Jobs tätig oder tätig gewesen. Wie ist es nun aber mit Geringverdienern? Nur knapp geht das Buch auch auf ihren Fall ein und macht ihnen zumindest Hoffnung, ihre Situation durch Sparen und Investieren signifikant verbessern zu können, wenn auch für sie der Weg zur finanziellen Freiheit in aller Regel deutlich beschwerlicher sein dürfte.

Doch wie sieht es mit Familien aus? Ist Frugalismus denn nicht nur etwas für bescheidene Singles und wird zum aussichtslosen Unterfangen, sobald Kinder ins Spiel kommen, die doch bekanntlich enorm teuer und unersättlich in ihrem Wunsch nach immer mehr Spielsachen sind? Überraschenderweise sagt das Buch, dass beides besser zusammengehen könne als gedacht. Viele Kinder, so heißt es, schätzten es sogar weitaus mehr, wenn ihre Eltern viel Zeit mit ihnen verbrächten statt nur mit immer neuem Spielzeug bespaßt zu werden.

Und noch ein ernster Punkt wird angesprochen, der keineswegs nur ein Luxusproblem ist: Wie verkraftet man es, wenn man bereits ausgesorgt hat und die erste Euphorie verflogen ist, psychisch, als noch relativ junger Mensch gar nicht mehr erwerbstätig zu sein? Daran denken manche tatsächlich erst, wenn sie schon in ein tiefes mentales Loch gefallen sind. Es empfiehlt sich daher unbedingt, sich rechtzeitig und vorausschauend neue Aufgaben zu suchen, die einem Freude bereiten und regelmäßig das Gefühl geben, etwas Sinnvolles getan zu haben…

Ansonsten ist das Buch in weiten Teilen interessant zu lesen (manchmal allerdings dann doch zu ausführlich und weitschweifig). Es nimmt beinahe jeden Aspekt des Frugalismus unter die Lupe – bis auf einen ganz wesentlichen, der nur in wenigen Zeilen und viel zu oberflächlich behandelt wird: Kann der Frugalismus wirklich für alle taugen? Was würde passieren, wenn – der kategorische Imperativ lässt grüßen – plötzlich alle so leben würden, wie es im Buch (mitunter etwas aufdringlich) regelrecht propagiert wird? Vermutlich würde unsere Gesellschaft dann eine andere sein, ganze Wirtschaftszweige würden zusammenbrechen, zumindest alle, die irgendwie mit Luxus und Konsum zu tun haben, und das sind nicht wenige. Sollte sich ein solcher Lebensstil gar irgendwann in der ganzen Welt durchsetzen, dann würde das mit der Erzielung eines passiven Einkommens wohl nicht mehr lange funktionieren. Irgendjemand müsste ja schon die anfallende Erwerbsarbeit verrichten, müsste auch mal sinnlos konsumieren, um die Frugalisten zu versorgen. Soll heißen: Die propagandistischen Frugalisten sägen munter am Ast, auf dem sie selbst sitzen. Besser beraten wären sie, ihren Lebensstil nicht zu sehr an die große Glocke zu hängen, sondern ihn lieber still zu genießen….

Florian Wagner
Rente mit 40. Finanzielle Freiheit und Glück durch Frugalismus
Econ Verlag 2019
302 Seiten; 14,99 Euro
ISBN: 978-3-430-21017-1

justament.de, 4.11.2019: Lieblingsautor meiner Jugend

Thomas Claer empfiehlt Spezial: Vor 30 Jahren starb Hoimar v. Ditfurth. Ein persönlicher Rückblick

Es gibt im menschlichen Leben eine Art intellektuelle Prägungsphase. Was man als Teenager oder höchstens noch mit Anfang bis Mitte 20 mit Begeisterung gelesen hat, das wird man später nie wieder ganz los, selbst wenn man irgendwann beinahe alle Einzelheiten davon vergessen haben sollte. Was nämlich unterschwellig für immer haften bleibt, ist die Wirkung, die das Gelesene damals auf einen gehabt hat.

Ich weiß es noch genau, es war wohl im Herbst 1987. Damals muss ich 15 Jahre alt gewesen sein, denn mein Vater war bereits im Westen. Meine Mutter und ich warteten mit „Ausreiseantrag“ auf die „Familienzusammenführung“, die man uns aber erst knapp zwei Jahre später erlauben sollte. Wir waren abends eingeladen bei der Schwester der Freundin meiner Mutter. Und da lag dieses Buch aus dem Westen, ein Taschenbuch mit futuristischer Illustration. (Und Bücher aus dem Westen waren bei uns im Osten natürlich schon per se interessant, weil sie so schwer zu kriegen waren.) Es trug den geheimnisvollen Titel „Im Anfang war der Wasserstoff“, sein Autor war Hoimar von Ditfurth. Es handelte von der Entstehung und der Evolution des Lebens auf der Erde. Ich begann sofort zu lesen – und konnte gar nicht mehr aufhören zu lesen. Unsere Gastgeberin freute sich sehr über mein Interesse und bot gleich an, mir das Buch auszuleihen. Später gab sie mir sogar noch ein weiteres Buch dieses Verfassers zur Lektüre. Sein Titel war „Kinder des Weltalls. Der Roman unserer Existenz“. Beide Bücher zusammen bildeten gewissermaßen das allumfassende Buch über unsere Welt, das Alexander von Humboldt vor gut anderthalb Jahrhunderten immer hatte schreiben wollen, aber nie fertigstellen konnte. Und noch dazu waren die Ditfurth-Bücher so allgemeinverständlich und spannend geschrieben, dass auch ein 15-jähriger Schüler daran so viel Freude haben konnte.

Erst mit Verzögerung wurde mir klar, dass dieser grandiose Buchautor jener Professor und Wissenschaftsjournalist war, der im ZDF in der Sendung „Querschnitte“ regelmäßig die Welt erklärt hatte. (Sehr ähnlich wie heute Prof. Harald Lesch in „Leschs Kosmos.) Doch leider wurde die Sendung „Querschnitte“ zu jener Zeit, Ende der Achtzigerjahre, gar nicht mehr ausgestrahlt. In jüngeren Jahren hatte ich nur ein oder zwei Folgen von ihr zu sehen bekommen, die mich regelrecht elektrisiert hatten. Mehr erlaubten mir meine strengen Eltern wegen der (relativ) späten Anfangszeiten leider nicht. Ich musste ja, egal wie energisch ich protestierte, immer rechtzeitig ins Bett. Den Nachgeborenen sei noch einmal erklärt: In der damaligen Welt ohne Internet und YouTube (und für uns im Osten auch ohne Videorecorder) war eine einmal verpasste Fernsehsendung endgültig und unwiderbringlich versäumt.

Doch wie es so ist, wenn man etwas heiß Begehrtes nicht bekommen kann: Das Verlangen danach wächst immer weiter. Als einige Jahre später mein Philosophie-Lehrer auf dem Gymnasium in Bremen uns erklärte, dass man „ein erotisches Verhältnis zu Büchern“ bekommen könne, war ich vermutlich der einzige, der genau zu verstehen glaubte, wovon er sprach. Denn damals, noch im Osten, hatte ich mir nichts sehnlicher gewünscht als weitere Hoimar v. Ditfurth-Bücher. Und ich bekam sie, nach langem Warten, obwohl ihre Einführung in die DDR streng verboten war. Als mein Vater in Bremen von meinem Wunsch erfahren hatte, besorgte er die Bücher und gab sie nach und nach Bekannten, die in den Osten reisten, für mich mit, die sie durch den Zoll schmuggelten. Und so las ich dann „Der Geist fiel nicht vom Himmel. Die Evolution unseres Bewusstseins“ über die Schichten des menschlichen Gehirns, das verglichen mit den beiden vorigen Büchern allerdings etwas zäh war. Noch weitaus spannender für mich war dann aber „Wir sind nicht nur von dieser Welt. Über Naturwissenschaft, Religion und die Zukunft des Menschen“. Mit diesem Buch erwachte erst so richtig mein Interesse an Philosophie. Was dort über Erkenntnistheorie, Immanuel Kant und das ominöse „Ding an sich“ stand, sog ich auf wie ein Schwamm und schockierte damit anschließend meine Mitmenschen, denen ich davon erzählte und die mich augenscheinlich für bekloppt hielten. So lernte ich also schon in jungen Jahren, was mein Philosophielehrer in Bremen uns später ganz ausdrücklich ans Herz legte: Wir sollten bitte niemals versuchen, mit unseren Mitmenschen über „solche Themen“ zu reden. Das sei wirklich Zeitverschwendung, denn gewöhnliche Menschen hätten einfach keinen Sinn für so etwas…

Und schließlich bekam und las ich dann auch noch Hoimar v. Ditfurths „So lasst uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen. Es ist soweit“ aus dem Jahr 1985 über die ökologische Krise. Es ist wohl nicht übertrieben, wenn ich sage, dass dieses Buch mich geprägt hat wie kaum ein anderes. Wir fahren, wenn wir nicht ganz schnell umsteuern, unseren Planeten vor die Wand. So hieß es dort sinngemäß – vor 34 Jahren! Und dies mit ausführlicher und unabweisbarer Begründung. Was Hoimar v. Ditfurth heute wohl zu Greta Thunberg und Fridays for Future sagen würde? So wurde ich also ganz maßgeblich durch dieses Buch zum überzeugten Anhänger der Umweltbewegung und der Grünen, was mir in meinem Umfeld den Ruf eines Spinners einbrachte. Was heute als beinahe unbestrittene allgemeine Erkenntnis gilt, war nämlich seinerzeit – da waren sich meine damaligen Gesprächspartner aus Ost und West erstaunlich einig – abstruses, radikales und potentiell gefährliches Gedankengut. Und dennoch konnte ich mit Hoimar v. Ditfurths Tochter Jutta, zu jener Zeit die Galionsfigur des fundamentalistischen Parteiflügels der Grünen, nie etwas anfangen und positionierte mich schon damals, wie ihr Vater, als grüner „Realo“…

Nun wäre es natürlich interessant, noch einmal in die alten Bücher zu gucken, die seit drei Jahrzehnten beinahe unberührt in meinem Regal stehen. Oder auch die alten Fernsehsendungen mit Hoimar v. Ditfurth anzuschauen, die ja dank YouTube längst wieder aus dem Nirvana des Vergessens aufgetaucht sind. Aber seltsamerweise mag ich nicht so recht… Habe ich vielleicht insgeheim Angst davor, dass ich enttäuscht sein könnte, wenn ich sie mit meinen heutigen Augen sehe? Vielleicht würde ich aber auch viel Neues entdecken, was mir damals entgangen ist. Ich verschiebe also vorerst meine erneute Ditfurth-Lektüre und warte damit zumindest noch zwei Jahre – bis zu Hoimar v. Ditfurths 100. Geburtstag.

justament.de, 21.10.2019: Jura-Abbrecher mit Literatur-Nobelpreis

Thomas Claer empfiehlt Spezial: Anmerkungen zur Peter Handke-Debatte

Da hatte die Akademie wohl etwas gutzumachen. “Solange John Updike und Philip Roth den Literatur-Nobelpreis nicht bekommen haben, kann ich diesen Preis nicht ernstnehmen”, meinte vor langen Jahren Marcel Reich-Ranicki (1920-2013). Immer wieder hatte sich Deutschlands bedeutendster Literaturkritiker darüber mokiert, dass die Schwedische Akademie ihre weltweit höchste Auszeichnung auf dem Gebiet der Literatur offenbar ausschließlich an politisch engagierte Autorinnen und Autoren mit tadelloser Gesinnung vergab. Nicht, dass er etwas gegen gesellschaftlich engagierte Autoren gehabt hätte, aber dass deshalb den in seinen Augen weltweit besten lebenden Literaten dieser Preis vorenthalten wurde, das ging dem “Literatur-Papst” dann doch völlig gegen den Strich. Nun hat sich die in den letzten Jahren von diversen MeToo-Skandalen erschütterte Akademie also endlich einmal anders entschieden, überraschend anders. Für die von Ranicki favorisierten großen Erotomanen der amerikanischen Literatur, John Updike und Philip Roth, war es allerdings zu spät. Updike ist bereits 2009 gestorben und Roth 2018. (Der Preis wird ja grundsätzlich nur an noch lebende Autoren verliehen.)

Nun hat es also Peter Handke getroffen, und an ihm scheiden sich die Geister. Darf jemand den Literaturnobelpreis bekommen, der angesichts der Greuel der jugoslawischen Bürgerkriege allen Ernstes “Gerechtigkeit für Serbien”, also für die mächtigste und rücksichtsloseste der Kriegsparteien, gefordert, der Verständnis für Karadzic und Milosevic gezeigt hatte? Darüber wird nun heftig gestritten. Doch was hätte wohl Marcel Reich-Ranicki dazu gesagt? Für ihn war Peter Handke spätestens seit seinem “Jahr in der Niemandsbucht” (1994) ein “auf den metaphysischen Hund gekommener” Autor, so wie er dessen Kollegen Botho Strauß in selbiger Sendung des “Literarischen Quartetts” als “auf den ideologischen Hund gekommen” bezeichnet hatte. Doch sei er, Reich-Ranicki, gerne dazu bereit, beiden “auf den Hund gekommenen Autoren” alles zu verzeihen, “wenn sie nur besser schreiben würden”…

Aufschlussreich für Juristen dürfte auch noch sein, wie sich der heutige Nobelpreisträger über seine abgebrochene Juristenausbildung geäußert hat, nachzulesen im 30 Jahre alten “Versuch über die Müdigkeit”. Er schreibt darüber, soviel sei an dieser Stelle verraten, nicht viel Gutes. Im übrigen findet sich in diesem kleinen Text wohl schon beinahe alles, was den späten Peter Handke ausmacht: reichlich verschwurbelter Schreibstil, aber doch irgendwie tiefgründig. Zweifellos hat auch solche Art von Literatur ihre Daseinsberechtigung.

justament.de, 15.7.2019: Leben in concreto

Thomas Claer empfiehlt Spezial – Lieblingsliteratur (2): „Über die Weiber“ von Arthur Schopenhauer (1851)

Ein ganz schlimmes chauvinistisches Machwerk sei dieser Text, so heißt es immer. Doch wer ihn nicht gelesen hat, das muss man schon sagen, hat wirklich etwas verpasst. Kein gutes Haar lässt der griesgrämige Philosoph (1788-1860) in seinem Aufsatz „Über die Weiber“ aus der Kurztextsammlung „Parerga & Paralipomena“ von 1851 am weiblichen Geschlecht und bemerkt dabei offenbar gar nicht, wie sehr er sich damit zu seiner grandiosen übrigen Philosophie in Widerspruch setzt. An deren Grundgedanken – „Die Welt als Wille und Vorstellung“ – ist nämlich schlichtweg nicht zu rütteln: Die Welt – das ist zunächst mal nicht die Welt da draußen, sondern nur das Konstrukt von ihr in meinem Inneren. Sie ist also ganz wesentlich meine Vorstellung. Niemand sieht die Welt, wie sie ist, aber jeder sieht sie so, wie sie ihm erscheint. Und vor allem auch: wie er sie sehen w i l l. Jeder lebt also in erster Linie in seiner ganz eigenen Welt. Und in dieser spielt zwar auch der Intellekt eine Rolle, das schon, aber, bei Lichte betrachtet, doch nur eine sehr untergeordnete. Der Intellekt ist nämlich laut Schopenhauer, der hier mal eben Sigmund Freud und Charles Darwin vorwegnimmt, lediglich der Diener des „Willens“, jener blinden Antriebskraft, die in allem Lebendigen steckt und die er sogar schon in der unbelebten Natur zu erkennen glaubt. Das Ich ist also keineswegs der Herr im eigenen Hause, sondern stets von niederen Instinkten geleitet, die seine Wahrnehmung bestimmen und nachträglich dann oftmals irgendwie intellektuell gerechtfertigt werden. Jeder trifft seine Entscheidungen letztlich „aus dem Bauch heraus“, wie es so schön heißt, um von noch tiefer gelegenen Regionen gar nicht erst zu reden. „Das Sein bestimmt das Bewusstsein“, meinte Karl Marx. Das ist so unwiderleglich richtig, wie auch sein Gegenteil stimmt: „Das Bewusstsein bestimmt das Sein“. Und bei den meisten Menschen gilt letzteres noch viel mehr als ersteres. Der Intellekt ist immer sekundär. Wer das nicht glaubt, der lügt sich nur selbst in die Tasche.

Wenn nun derselbe Schopenhauer so sehr die „Geisteskräfte“ der Männer preist, die angeblich den „Weibern“ mit ihrer „schwachen Vernunft“ fehlen, dann fragt man sich, warum bei ihm nun plötzlich die (angeblich rein männliche) Intellektualität so hoch im Kurs steht, zumal er doch selbst zugesteht, dass „die Weiber“ sich auf ihre Weise und rein instinktiv doch auch sehr schlau verhalten. Sie, die „Weiber“, leben halt mehr „in concreto“ und nicht wie (angeblich) die Männer „in abstracto“… Man weiß ja, woher es kommt, dass dieser Philosoph hier – ausnahmsweise – mit sehr viel Schaum vor dem Mund geschrieben hat: Es hatte sich in ihm viel Ärger gegen diverse Frauen in seinem Leben angestaut – und da er es ihnen auf andere Weise nicht heimzahlen konnte, so hat er eben zum literarischen Rundumschlag ausgeholt.

Dabei hätte er, wäre er wirklich konsequent gewesen, seinen Aufsatz eigentlich ungefähr so schreiben müssen: Die „Weiber“ wissen besser, wo es langgeht. Instinktiv haben sie genau verstanden, worauf es im Leben ankommt, nämlich die eigenen Vorzüge gezielt zum eigenen Vorteil einzusetzen und die Schäfchen rechtzeitig ins Trockene zu bringen. Das intellektuelle Getue der Männer haben sie durchschaut und genau erkannt, dass es nur zur Verschleierung ihrer wahren dunklen Antriebe dient. Und die lächerlichsten Figuren überhaupt sind männliche Philosophen, die sich auf ihre Vernunft etwas einbilden. Denn mit all ihrer theoretischen Intelligenz kommen sie am Ende auch nicht weiter als die „Weiber“ mit ihrer überwiegend rein praktischen.

Und doch enthält „Über die Weiber“ so manche Sentenzen, deren Plausibilität kaum jemand infrage stellen dürfte: „Wer heiratet, halbiert seine Rechte und verdoppelt seine Pflichten.“ Wer wollte da widersprechen? Oder: „Das niedrig gewachsene, schmalschultrige, breithüftige und kurzbeinige Geschlecht das schöne nennen konnte nur der vom Geschlechtstrieb umnebelte männliche Intellekt: in diesem Triebe nämlich steckt seine ganze Schönheit.“ Was sich aber wohl auch umgekehrt über männliche Attraktivität in den Augen von Frauen sagen ließe. Zum Beispiel so: Alte weiße Männer mit dicken Brieftaschen und ebensolchen Autos als attraktiv wahrnehmen kann nur der vom blinden Konsumtrieb angestachelte weibliche Instinkt. Noch besser aber ist dies: „Mit den Mädchen hat es die Natur auf Das, was man, im dramaturgischen Sinne, einen Knalleffekt nennt, abgesehn, indem sie dieselben, auf wenige Jahre, mit überreichlicher Schönheit, Reiz und Fülle ausstattete, auf Kosten ihrer ganzen übrigen Lebenszeit, damit sie nämlich, während jener Jahre, der Phantasie eines Mannes sich in dem Maaße bemächtigen könnten, daß er hingerissen wird, die Sorge für sie auf Zeit Lebens, in irgend einer Form, ehrlich zu übernehmen; zu welchem Schritte ihn zu vermögen, die bloße vernünftige Ueberlegung keine hinlänglich sichere Bürgschaft zu geben schien. Sonach hat die Natur das Weib, eben wie jedes andere ihrer Geschöpfe, mit den Waffen und Werkzeugen ausgerüstet, deren es zur Sicherung seines Daseyns bedarf, und auf die Zeit, da es ihrer bedarf; wobei sie denn auch mit ihrer gewöhnlichen Sparsamkeit verfahren ist. Wie nämlich die weibliche Ameise, nach der Begattung, die fortan überflüssigen, ja, für das Brutverhältniß gefährlichen Flügel verliert; so meistens, nach einem oder zwei Kindbetten, das Weib seine Schönheit; wahrscheinlich sogar aus dem selben Grunde.“ Hier spricht er schon fast wie ein Evolutionsbiologe, doch wusste er noch nichts von heutigen Fitness-Centern und Jogging-Arenen, die den „Weibern“ schon rasch nach dem „Kindbette“ ihre gewohnte Attraktivität zurückbringen, und insbesondere auch nichts von der sich zunehmend verbreitenden männlichen Vorliebe für den Frauentyp „MILF“. Man muss seinen Schopenhauer nur beim Wort nehmen: „Je edeler und vollkommener eine Sache ist, desto später und langsamer gelangt sie zur Reife.“ So wie die Schönheit mancher Frauen – zumindest in den Augen ihrer Verehrer…

Link zum Text: http://aboq.org/schopenhauer/parerga2/weiber.htm

justament.de, 8.7.2019: Ein kurzer Moment der Freiheit

Thomas Claer empfiehlt Spezial – Lieblingsliteratur (1): Die Kurzgeschichte „Das Eiserne Kreuz“ von Heiner Müller

Diese Geschichte ist einfach nur ungeheuerlich. Ihre Pointe liegt in ihrer pechschwarzen Amoralität. Die außerordentlichen politischen Umstände am Ende des Zweiten Weltkriegs erlauben der Hauptfigur in Heiner Müllers kurzer Erzählung „Das Eiserne Kreuz“ aus dem Jahr 1956 etwas normalerweise Unmögliches: Schluss zu machen mit ihrem gesamten bisherigen Leben und zugleich ein neues, vom alten gänzlich unbelastetes, zu beginnen.

Doch hat der Papierhändler aus einer mecklenburgischen Kleinstadt, ein überzeugter Nazi und Träger des Eisernen Kreuzes, so etwas eigentlich gar nicht vor, als er zu Beginn der Geschichte im April 1945, nachdem er vom Selbstmord des Führers gehört hat, beschließt, gemeinsam mit seiner Familie in den Tod zu gehen. Weder von seiner Frau noch von seiner 14-jährigen Tochter (von ihr natürlich am allerwenigsten!) kommt ein Wort des Widerspruchs.

Keiner der drei angehenden Märtyrer artikuliert den geringsten Zweifel am selbstgewählten kollektiven Gang in den Heldentod. Tief in ihrem Innersten, dies wird an mehreren Stellen angedeutet, gibt es aber sehr wohl eine unterschwellige Opposition gegen ihre wahnsinnige ideologische Verbohrtheit, doch die Drei bekämpfen sie offenbar jeweils resolut. Schließlich geht es ja auch darum, voreinander sein Gesicht nicht zu verlieren!

Und dann ist es auch schon geschehen. Frau und Tochter hat der Papierhändler in der Stille des Waldes bereits erschossen. Nun ist nur noch er selbst an der Reihe. Und in diesem Moment wird er sich seiner plötzlich gewonnenen Freiheit bewusst: „Da war niemand, der ihm befahl, die Mündung des Revolvers an die eigene Schläfe zu setzen. Die Toten sahen ihn nicht, niemand sah ihn. Das Stück war aus, der Vorhang gefallen. Er konnte gehen und sich abschminken.“ Es ist der pure Existenzialismus! Mit wenigen treffsicheren Worten schildert der Autor die blitzschnelle Selbst-Entnazifizierung seines Protagonisten. Einfach nach Westen laufen, in die große Stadt, wo ihn keiner kennt. Da wird er im Zweifel ein unbekannter Flüchtling sein wie so viele andere. Am Ende bemerkt er dann noch das verräterische Eiserne Kreuz an sich. Er wirft es weg.

Was sagt uns nun diese unglaubliche Geschichte? Wie böse, egoistisch und verlogen die Nazis sind? Ja, vielleicht auch das. Und es spricht ja auch immer für ein Stück Literatur, wenn es ganz unterschiedlich gedeutet werden kann. Aber sind es wirklich nur Nazis, die sich voller Heroismus in etwas hineinsteigern, während doch gleichzeitig etwas in ihnen ganz genau weiß, dass sie nur Theater spielen. Dass die elementaren Überlebens-Instinkte am Ende mächtiger sind als alle Überzeugungen. Sind wir das nicht im Grunde sogar alle? Oder andererseits auch wieder nicht? Hat nicht jedes Leben in der menschlichen Gesellschaft etwas von einem Theaterspiel? Wie wohlfeil ist es, die Handlungen dieser literarischen Figur zu verurteilen? Muss man ihr vielleicht sogar zugutehalten, sich aus eigenem Antrieb von der NS-Ideologie befreit zu haben? Liegt darin ein schäbiger Opportunismus oder ein gesunder Pragmatismus? Oder von beidem etwas? Und wie mag es wohl mit diesem Papierhändler weitergegangen sein? Ist er womöglich in seinem späteren Leben mit neuer Identität ein aufrechter Demokrat geworden?

Man kann die Geschichte natürlich auch ganz anders lesen: War dieser Papierhändler womöglich besessen von dem unbewussten, aber starken Wunsch, sich von seiner Frau und Tochter zu befreien und ohne sie ein neues Leben zu beginnen? War sein ganzer politischer Fanatismus vielleicht nur vorgeschoben, um sein wahres Ziel zu erreichen? Oder ging es ihm tatsächlich um einen radikalen Neuanfang und waren ihm Frau und Tochter als Mitwissende seiner Vergangenheit dabei im Weg? Diese Geschichte kann einen durchaus ins Grübeln bringen…

Und schließlich könnte man sich als Jurist auch noch die Frage stellen, zu welchem Zweck man diesen Ex-Nazi für seine Untaten eigentlich strafrechtlich belangen sollte. Resozialisiert werden muss er bestimmt nicht, da er sich vermutlich jeder neuen Gesellschaftsordnung bestens anzupassen versteht. Zur Normbestätigung und Abschreckung anderer? Ja, vielleicht. Doch es weiß ja niemand, dass er es war, der Frau und Kind erschossen hat, und niemand wird es jemals erfahren. Auch ist nicht anzunehmen, dass sich die Vorkommnisse wiederholen werden. Bleiben noch die absoluten Straftheorien: Jedes Verbrechen muss gesühnt werden. Doch wer glaubt heute noch an ein universelles Naturrecht? Und außerdem ist er ja gar nicht mehr der, der er war, sondern längst ein ganz anderer… Was für eine tiefgründige, furchtbare, erschreckende Geschichte!

Hier gibt es sie im Wortlaut: http://www.zeiler.me/das-eiserne-kreuz

justament.de, 1.7.2019: Das Glück der Umwege

Die Wissenschaft von der Leidenschaft: „Liebe als Passion“ von Niklas Luhmann aus dem Jahr 1982

Thomas Claer

Dass ich einmal freiwillig ein ganzes Buch von Niklas Luhmann (1927-1998) lesen würde, konnte ich mir lange Zeit nicht vorstellen. Wie hatte ich mich damals, vor einem Vierteljahrhundert, im Frühjahr 1994, gefreut, anlässlich der Feiern zum 25-jährigen Jubiläum der Universität Bielefeld, einem Vortrag dieses weltberühmten Soziologie-Professors beiwohnen zu können, an dessen Uni ich seit einigen Monaten Jura studierte. Aber was für eine Enttäuschung war dieser Vortrag dann für mich. „Worüber redet er da eigentlich?“, fragte ich mich die ganze Zeit, denn ich verstand von dem, was er sagte, zwar einzelne Worte, aber rein gar nichts von den Zusammenhängen. Freundlich und bestimmt sprach dieser hagere Mann fortwährend von irgendwelchen Systemen und Sub-Systemen und von Kommunikation. Nein, damit konnte ich beim besten Willen nichts anfangen.

Seitdem lief Luhmann, der ursprünglich als Verwaltungsjurist angefangen hatte, bei mir unter „ungenießbare geistige Kost“. Dass er im Ruf stand, sehr witzig und pointiert zu schreiben, irritierte mich zwar ein wenig, und auch sein berühmter monströser „Zettelkasten“ machte mich neugierig. Aber dann dauerte es doch noch mehr als zwei Jahrzehnte, bis ich in einer Berliner „Bücherbox“ auf „Liebe als Passion“ stieß, Niklas Luhmanns meistverkauftes Buch. Es war ein abgegriffenes Exemplar voller Anstreichungen mit Bleistift, die sich allerdings, wie ich später bemerkte, allein auf die ersten knapp 30 Seiten beschränkten. Weiter war der Vorbesitzer meines neuen Buches bei seiner Lektüre offenbar nicht gekommen. Auch hatte er neben den Text eine Menge Fragezeichen gekritzelt. Ich nahm mir vor, dieses Buch ausdauernder zu lesen als mein Vorgänger, denn sein Inhalt schien mir doch sehr bedeutend zu sein. Auf dem Buchrücken las ich den vielsagenden Satz: „Der Weg zum Konkreten erfordert den Umweg über die Abstraktion.“

Und nun, nach Bewältigung dieser 223 Seiten, muss ich zugeben: Ganz leichte Kost ist Luhmann in der Tat nicht. Doch ist er viel zugänglicher, als ich dachte, was allerdings auch am Thema liegen dürfte, der Liebe also. Sie ist nicht nur, wie es im deutschen Schlager heißt, ein seltsames Spiel, sondern auch ein weites Feld. In vielen verschiedenen Varianten kommt sie vor, zwischen Eltern und Kindern z.B. oder zwischen Eheleuten. Doch haben diese Spielarten nur wenig mit jener Liebe zu tun, die Luhmann in seinem Buch vor allem beschreibt: der Liebe als Passion.

„Liebe ist“, das lernt der Leser zunächst, „kein Gefühl, sondern ein Kommunikationscode, nach dessen Regeln man Gefühle ausdrücken kann.“ Doch besteht dieser Code in starker Abhängigkeit von seinem jeweiligen gesellschaftlichen Umfeld. Die Vorstellung etwa, dass Liebe und Ehe zusammenfallen sollten, ist historisch betrachtet noch sehr jung, entstand vermutlich erst Ende der 18. Jahrhunderts in England. Bis dahin war kulturübergreifend die Ehe als vor allem ökonomisch bedeutsame gesellschaftliche Institution das eine – und die seit der Antike vielfach beschriebene wilde, leidenschaftliche Liebe das andere. Ihren Höhepunkt erlebte die „Liebe als Passion“ in den Darstellungen im Frankreich des 17. Jahrhunderts. Vermutlich rührt daher auch der sich bis heute hartnäckig haltende Ruf Frankreichs als „Land der Liebe“ und insbesondere seiner Hauptstadt Paris als „Stadt der Liebe“.

„Amour passion“ im 17. Jahrhundert

„Wie die Kasernierung physischer Gewalt im Staat, so erscheint auch die Kasernierung der Sexualität in der Ehe als Voraussetzung für alle Höherentwicklung“, befindet Luhmann. Und weiter heißt es: „Man konnte die Individuen, aber nicht die Ehen freigeben, weil die Reproduktion der Oberschicht über Ehen (und nicht, wie heute, über Karrieren) lief. Das bedeutete, dass der Code des „amour passion“ für außereheliche Beziehungen entwickelt wurde. Die Ehe ist zwar ein Kanal für das Ableiten überschüssiger Sinnlichkeit, aber ihr Wesen ist das Sichverstehen, nicht die Leidenschaft. Das Hofieren der eigenen Gattin wäre als höchst lächerlich erschienen und damit auch das Aufwenden von Leidenschaft für den Zugang zum eigenen Ehebett – was Achtung und Liebe (im Sinne des traditionsreichen Begriffs) und vor allem rücksichtsvolle Behandlung der eigenen Frau natürlich nicht ausschließen sollte.“

„In Frankreich hatte man am Falle der außerehelichen Beziehungen einen hochkomplexen Code für Liebesangelegenheiten ausgearbeitet, in England war man in dieser Hinsicht unvorbereitet.“ Eine besondere Rolle spielte hierbei die Literatur, was bereits an der „Nähe der Liebe zur narrativen Form“ liegt. „Sie ist das Romanthema par excellence.“ So kam es, „dass der Roman selbst zum Lern- und Orientierungsfaktor in Liebesangelegenheiten“ wurde.
„Schon im 17. Jahrhundert weiß man: die Dame hat Romane gelesen und kennt den Code. Das steigert ihre Aufmerksamkeit. Sie ist gewarnt – und eben dadurch gefährdet.“ In Luhmanns beschwichtigendem soziologischen Duktus liest sich das so: „Wenn eine Sondersemantik für ein spezielles Kommunikationsmedium hinreichend ausdifferenziert ist, können auch die durch dieses Medium geordneten Prozesse selbstreferenziell werden.“ Aha.
Und Luhmann zitiert aus einer solchen Vielzahl französischer Liebesromane jener Epoche, dass einem schwindelig werden kann. Zusammenfassend lässt sich sagen: „Liebe wäre nicht angemessen begriffen, wollte man sie lediglich als Reziprozität wechselseitig-befriedigender Handlungen auffassen oder als Bereitschaft, Wünsche zu erfüllen. Sie ist Internalisierung des subjektiv systematisierten Weltbezugs eines anderen.“ „Es ist die im Code verankerte Bedeutungssteigerung, die das Lernen des Liebens, die Interpretation der Anzeichen und die Mitteilung kleiner Zeichen für große Gefühle ermöglicht.“

Fortwährende Steigerung der Passion

„Aus der Erfahrung des Liebesgeschehens kommt aber sehr bald ein stärker taktisches Moment hinzu. Anders, als plaisir und Liebe es erfordern würden, werden Handlungen und Ereignisse nicht nur in sich selbst genossen, sondern daraufhin gewertet, was sie für weiteres bedeuten. Die Frau muss sich überlegen, ob sie Briefe annehmen oder gar beantworten, Besuche empfangen, Wünsche äußern darf, weil daraus Schlüsse auf eine Einstellung gezogen werden könnten, die mehr zulässt. Umgekehrt baut die Verführungstaktik gerade auf der Ausnutzbarkeit solcher Zeichen für anderes auf. Die Empfindlichkeit für Nuancen steigert die Verdichtung der Verweisungen in die Zeithorizonte des Geschehens. Die Ereignisse werden zeitlich selbstreferentiell, indem man bedenken muss, dass und wie man später bei stärker engagierenden Zumutungen auf sie zurückkommen kann. Und all dies ist mit sozialer Reflexivität durchsetzt: Die Dame kann, wenn sie erste Zeichen der Gunst gegeben hat, stärkeres Drängen zwar noch abwehren; aber sie kann eine offenere Werbung nicht mehr als völlige Überraschung, als Unverschämtheit behandeln. Der Verführer kann damit rechnen, dass sie berücksichtigen muss, dass sie ihn zum Weitergehen ermutigt hatte. Der Liebesprozess hat mithin seine eigene Selbstreferenz. Die Liebenden beginnen – und ihre Geschichte ist für sie durch den Code schon programmiert.“

„Das Leitsymbol, das die Themenstruktur des Mediums Liebe organisiert, heißt zunächst ‚Passion‘, und Passion drückt aus, dass man etwas erleidet, woran man nichts ändern und wofür man keine Rechenschaft geben kann. … Dies verweist auf ein Ausscheren aus der normalen sozialen Kontrolle, das aber von der Gesellschaft nach Art einer Krankheit toleriert und mit der Zuweisung einer Sonderrolle honoriert werden muss.“ „Im körperlichen Zusammenspiel erfährt man, dass man über das eigene Begehren und dessen Erfüllung auch das Begehren des anderen begehrt und damit auch erfährt, dass der andere sich begehrt wünscht. Das schließt es aus, ‚Selbstlosigkeit‘ zur Grundlage und Form eigenen Handelns zu machen; vielmehr wird die Stärke des eigenen Wunsches zum Maß dessen, was man zu geben in der Lage ist.“ „Man kann bei Liebe nicht nicht an Sinnlichkeit denken.“

Und es geht noch weiter:„Je unsicherer man darüber ist, wie der andere sich zu Erwartungen einstellen wird, desto unentbehrlicher wird es, die eigenen Äußerungen und die darauf erfolgenden Reaktionen im System interpretieren, das heißt jeweils als Indikator für Anderes, für Weiteres, für zu Erhoffendes lesen zu können.“ „Mit Betonung der Passion ist zunächst ausgesagt, dass die Liebe sich außerhalb des Bereichs rationaler Kontrolle abspielt. Man könnte meinen, dass damit dem überlegten Verhalten und der Kunstfertigkeit die Entfaltungsmöglichkeiten genommen seien. Das Gegenteil trifft zu.“

„Amor schießt nicht zwei Pfeile zugleich ab. Liebe mag wie ein Zufall eintreffen, aber normalerweise wohl nicht als Doppelzufall; man muss also nachhelfen – nicht zuletzt auch, um im Werben und Verführen das eigene Gefühl zu festigen. Wehrlosigkeit in Bezug auf die eigene Passion und Raffinesse in Bezug auf die des anderen treten in einen Steigerungszusammenhang – je mehr Leidenschaft, desto mehr Umsicht und durchdachte Verhaltensplanung, und dies auf beiden Seiten, wenn beide der Passion des anderen noch unsicher sind und die Situation insofern als asymmetrisch erleben.“

Ausdrücklich spricht Luhmann von „zwei gegenläufige Asymmetrien“: „Einerseits wird die Liebe als Kampf charakterisiert: als Belagerung und Eroberung der Frau. Andererseits ist bedingungslose Selbstunterwerfung unter den Willen der Geliebten die Form, in der Liebe sich darstellt und gefällt. In der absoluten Unterwerfung geht es um volle Aufgabe der persönlichen Eigenart. … Demnach kulminiert die Liebe im Verlust der Identität – und nicht, wie man heute denken würde, im Gewinn der Identität.“„Man leidet nicht, weil die Liebe sinnlich ist und irdische Begier weckt; man leidet, weil sie sich noch nicht erfüllt hat oder weil sie in der Erfüllung nicht das hält, was sie verspricht.“

„Die verschiedenen Paradoxien (erobernde Selbstunterwerfung, gewünschtes Leiden, sehende Blindheit, bevorzugte Krankheit, bevorzugtes Gefängnis, süßes Martyrium) münden in die Zentralthese des Codes: die Maßlosigkeit, den Exzess. Bei aller sonst geltenden Hochwertung von maßvollem Verhalten: in der Liebe gilt es als entscheidender Fehler. Der Exzess selbst ist das Maß des Verhaltens.

Das drohende Ende und seine Verzögerung

„Die Liebe endet unvermeidlich, und zwar schneller als die Schönheit, also schneller als die Natur. Liebe dauert nur kurze Zeit, und ihr Ende kompensiert das Fehlen jeder anderen Grenze. Das Wesen selbst der Liebe, der Exzess, ist der Grund für ihr Ende; und umgekehrt.“

„Fast ist die Erfüllung schon das Ende, fast muss man sie fürchten und hinauszögern oder zu vermeiden suchen. … Eben deshalb muss der Widerstand, der Umweg, die Verhinderung geschätzt werden, denn allein dadurch gewinnt die Liebe Dauer. Als Medium dieser Dauer dient das Wort. Worte trennen stärker als Körper, sie machen die Differenz zur Information und zum Anlass der Fortsetzung der Kommunikation…“

„Die Liebe aber existiert nur im „noch nicht“. Der Moment des Glücks und die Ewigkeit des Leids bedingen sich wechselseitig, sind identisch. Nichts wäre abwegiger, als bei Liebe an Ehe zu denken.“

„Man wird in der Anfangsphase oft mit Liebe spielen, um sich dann vor den ersten Hindernissen zu entflammen. Überhaupt dienen die „obstacles“ der Bewusstwerdung und Steigerung der Passion. Auch der erste Gunstbeweis der Geliebten hat eine besondere Note: Ihn kann man nicht verlangen, ist er aber einmal erfolgt, kann man hier Tritt fassen und weiterklettern. Einmal in Gang gebracht, gerät der Prozess unter die Kontrolle seines besonderen Code, und erst mit seinem Erlahmen setzen wieder normale, besonnene Verhaltensweisen ein.“

„Die Eröffnung eines eigenen Zeitraums für jeweils eine Liebesangelegenheit ist die Vorbedingung für einen Steigerungsprozess, der mit dem immer wieder auftauchenden Begriff der Hoffnung (und entsprechenden Befürchtungen) ausgedrückt wird. Der Steigerungseffekt ist vergleichbar mit dem, was man in der Wirtschaft durch Kredit zu erreichen pflegt; er beruht auf Indirektheit, Umweghaftigkeit, „deferred gratification“ und funktionsspezifischen Sicherungen einer trotzdem laufenden Kontinuität des Prozesses. Die Geliebte kann das Spiel zunächst mit Hingabe von Hoffnung finanzieren und ihre eigene Hingabe aufschieben. Der Liebhaber wird dann um so mehr disponiert sein, die Jagd mehr zu schätzen als die Beute. Die temporale Erstreckung dient der Intensivierung, der Verbalisierung, der Sublimierung; sie bildet das latent-gemeinsame Interesse.“

„Hoffnung heißt aber zugleich, dass die Einlösung des Wechsels auf die Zukunft teurer wird, als man erwartet hatte. Nebenkosten, an die man nicht gedacht hatte, fallen ins Gewicht, und die nunmehr erfüllte Passion vermag sie nicht mehr aufzuwiegen. Die Beziehung ist ihrer eigenen Zeitlichkeit nicht mehr gewachsen und löst sich auf. Dadurch, dass sie Zeit in Anspruch nimmt, zerstört die Liebe sich selbst.“

„Die Unmöglichkeit der Dauer macht, besonders den Frauen, das Lieben schwer. Sie müssen unglücklich werden – ob sie sich nun trotzdem zur Liebe entschließen oder es deswegen nicht tun. … Was als „Tugend“ zur Disposition steht, ist in Wahrheit ein Interesse an Dauer.“

„Zwischenmenschliche Interpenetration heißt eben, dass der andere als Horizont seines eigenen Erlebens und Handelns dem Liebenden ein Ichsein ermöglicht, das ohne Liebe nicht Wirklichkeit werden würde. Diese Horizonthaftigkeit der Interpenetration gleitet mit aller Kommunikation mit – und entzieht sich ihr. Das Akzeptieren dieser Erfahrung kann froh machen und bitter – je nach dem, wie es um die Liebe steht.“ An anderer Stelle spricht Luhmann von der „Schwerarbeit der Passion“.

Wende ins Imaginäre

Eine besondere Verfeinerung erfahren diese Abläufe ebenfalls im Frankreich des 17. Jahrhunderts: „Mit der Ehe beginnt die Freiheit… Diese Freiheit der Liebeswahl betrifft verheiratete Personen und außereheliche Beziehungen (nicht die Verführung unverheirateter Töchter)… Das heißt für die Evolution der Liebessemantik vor allem, dass ein wichtiger Liebesbeweis, die Bereitschaft zur Ehe, ausfällt. Es handelt sich um Personen, die dies nicht mehr anbieten, die nicht mehr heiraten können, und die eben deshalb ihre Phantasie quälen müssen, um Formen zu finden, mit denen sie ihre Liebe beweisen bzw. herausfinden können, ob die Liebe aufrichtig gemeint ist oder nicht.“

„In der Imagination verfügt man über die Freiheit des anderen, verschmilzt sie mit den eigenen Wünschen, übergreift die doppelte Kontingenz auf der Metaebene, die dem eigenen und dem anderen Ego das zuweist, was das eigene Ego für beide projiziert. Aber wie kommt es zur Imagination, wie schafft sie sich Raum, und vor allem: wie schafft sie sich Zeit? Die Antwort liegt in der Zentrierung auf die letzte Gunst – und in ihrem Aufschub. Die Idealfigur wird durch Temporalisierung der Liebessemantik abgelöst.“

Ein fortwährendes Problem aber ist dies: „Den Liebenden wird, wie schon im Mittelalter, Geheimhaltung empfohlen; aber sie finden sich immer wieder beobachtet, über sie wird geredet, und es scheint Leute zu geben, für die das zur Hauptbeschäftigung wird.“

Romantik

Nicht unbedingt einfacher wurde es für die „Liebe als Passion“ mit der seit ca. 1800 allmählich aufkommenden Verknüpfung von Liebe und Ehe. Diese stellt sich – bei Lichte betrachtet – weniger als von Emanzipationsbewegungen erkämpfte Errungenschaft dar, sondern vielmehr als Folge eines Strukturwandels (Differenzierung von Wirtschaft, Oberschichtenfamilien hatten ihre staatstragende Bedeutung verloren). „Die gesellschaftsstrukturellen Gründe für eine Kontrolle der Eheschließungen waren entfallen.“

„Die zuerst in England proklamierte Verbindung von Liebe und Ehe (die „sexuell basierte Liebesehe“) konnte dann zwar den Kontinent beeindrucken. Aber sie hatte am entscheidenden Punkt eine fatale Schwäche: Für die Ehe musste die Frau unberührt sein. Für die Liebe wäre das kein Erfordernis gewesen. Es wurde verlangt, was ohne Heuchelei nicht zu leisten war: sich vor der Ehe zu verlieben und erst in der Ehe die Erfahrung der Sexualität einzubeziehen.“

So blieb es wieder einmal einer Literaturströmung, der Romantik, vorbehalten, ein ideelles Konzept für die Liebesheirat zu entwickeln: „Die wichtigste Fortentwicklung des Mediums Liebe in der Romantik liegt im Akzeptieren der Selbstreferenz des Liebens. Das ermöglicht es, Paradoxien, die als gegensätzliche Beschreibungen oder Vorschriften Bestandteile des Code „amour passion“ gewesen waren, nun in die Liebe selbst einzubauen – etwa im Sinne von durchgeistigter Sinnlichkeit, ironischer Erotik, Rollentausch auf der Basis von Liebe als Steigerung etc.“

„Liebe gilt nun als Entropie aufhaltende, dem Zerfall entgegenwirkende Orientierung. Man sucht im Sicheinlasssen auf Intimbeziehungen (und dies besonders bei sexuell fundierter Intimität) Gewissheiten, die über den Moment hinausreichen, und man findet sie letztlich in der Art, wie der Partner sich mit sich selbst identisch weiß: in seiner Subjektivität. So kann die Person des anderen, und nur sie, in ihrer dynamischen Stabilität der Liebe Dauer verleihen, und dies speziell dann, wenn sie als Subjekt/Welt-Verhältnis begriffen wird, also allen Wandel schon vorweg in sich einschließt. Auch unzuverlässig Liebende sind, und wer wüsste das besser als die Romantiker, Subjekte.“

Hier wird, soweit ich sehe, zum einzigen Mal im Buch auf die – nicht zu unterschätzende – Rolle der Eifersucht in langandauernden Liebesbeziehungen angespielt. Selbst da, wo die eigentliche „Liebe als Passion“ längst erloschen sein mag, kann die Eifersucht das Interesse aneinander stetig wieder aufs Neue befeuern.

Ein weiterer „Trick“ der Romantik zur Konservierung von Liebe liegt in der Herstellung von Distanz zwischen den Liebenden: „Es gilt, in der Selbsthingabe das Selbst zu bewahren und zu steigern, die Liebe voll und zugleich reflektiert, ekstatisch und zugleich ironisch zu vollziehen. In all dem setzt sich eine neuartige, typisch romantische Paradoxie durch: die Erfahrung der Steigerung des Sehens, Erlebens, Genießens durch Distanz. Der Abstand ermöglicht jede Einheit von Selbstreflexion und Engagement, die im unmittelbaren Genuss verlorengehen würde. So wird der Akzent von der Erfüllung in die Hoffnung, in die Sehnsucht, in die Ferne verlagert, und man muss den Fortschritt im Prozess des Lebens dann ebenso suchen wie fürchten.“

Die Kritiker dieser romantischen Konzepte von dauerhafter (ehelicher) Liebe und Treue überzeugt dies freilich nicht. Sie erblicken in jeder „institutionalisierten Liebe“ nur eine „fingierte Liebe“. Auch Luhmann ist eher skeptisch:„Viele Neuerungen erscheinen als aufgepfropft am alten Stamm des amour passion.“ „Die Romantik feiert mit einer rauschhaften Orgie das Ungewöhnliche… Sie trifft aber kaum Vorsorge für den Liebesalltag derjenigen, die sich auf eine Ehe einlassen und sich nachher in einer Situation finden, an der sie selbst schuld sind.“

Hier und jetzt

Eine nochmalige Umwälzung auf diesem Felde war – analog zur gesellschaftlichen „Freigabe“ der Eheschließungen um 1800 – die gesellschaftliche „Freigabe“ aller Liebesbeziehungen seit den späten 1960er Jahren. „Die Radikalität der Veränderung, verglichen etwa mit dem Zeitraum 1780-1830, ergibt sich aus soziostrukturellen Entwicklungen und besteht letztlich darin, dass die moderne Gesellschaft die Unterscheidung von persönlichen und unpersönlichen Beziehungen radikalisiert.“ „Der symbiotische Mechanismus sexueller Beziehungen ist damit nicht nur in den Code inkorporiert, er ist „die Sache selbst“, zu der man verschiedene Einstellungen haben kann.“ „Die alte (z.B. puritanische) Vorstellung des „Lebensgefährten“ wird, ohne dass man sich ihrer erinnert, wiedergeboren… Man sucht in der Ehe eine Basis für Verständigung und für gemeinsames Handeln in allem, was einem wichtig ist.“ „Empirische Daten zeigen, dass romantischer Enthusiasmus in Liebesvorstellungen nicht sehr verbreitet ist; und diese Fakten wirken natürlich abkühlend auf die Semantik zurück.“ „Vielleicht macht gerade die Entwicklung, die wir als Ausdifferenzierung, Autonomisierung, soziale Regression charakterisiert haben, es zu riskant, den prekären Prozess der Erwartungsabstimmungen auch noch durch kulturell hochgetriebene Modelle, Ansprüche, Sprachformen zu belasten.“ „Man wird sich sogar fragen müssen, ob und wie das Thema überhaupt literaturfähig ist… Das lange Schmachten vor der Erfüllung wirkt lächerlich.“

Und dabei hat Luhmann die technischen Entwicklungen der vergangenen zwei Jahrzehnte – Stichwort: Tinder – noch gar nicht gekannt. Aktuelle Studien zeigen im übrigen, dass sich die Sexualität immer mehr vom Zwischenmenschlichen in Richtung medial induzierter autosexueller Handlungen verlagert hat. Kommt es doch einmal zu Liebesbeziehungen, steht die sexuelle Erfüllung bereits an deren Anfang und nicht erst an deren Ende. In wenigen Jahren werden Avatare lebensechten virtuellen Sex für jeden mit jedem beliebigen anderen Menschen ermöglichen. Warum sollte sich da noch irgendjemand anstrengen, irgendwen zu „erobern“?

Ist demnach also die „Liebe als Passion“ bereits an ihrem historischen Endpunkt angelangt? Hat sie sich längst in einer allgemeinen Beliebigkeit aufgelöst? Vielleicht bleibt sie ja am Ende nur noch etwas für einige ewiggestrige Traditionalisten aus der alten Generation…

Niklas Luhmann
Liebe als Passion. Zur Codierung von Intimität
14. Aufl. 1994
Suhrkamp Verlag
ISBN-10: 9783518287248

Alexander Kluge interviewt Niklas Luhmann über “Liebe als Passion” (ca. 15 min):

https://www.dctp.tv/filme/luhmann_liebe-als-passion/