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justament.de, 8.4.2019: Furioses Finale

Der siebte und letzte Band von Marcel Prousts „Recherche“: „Die wiedergefundene Zeit“

Thomas Claer

Es ist vollbracht. Nach mehr als einem Jahrzehnt hat der Justament-Rezensent dieses (zumindest für seine Verhältnisse) gewaltige Lektürewerk abgeschlossen und darf sich nun stolz, wie bereits vor vielen Jahren angeregt, „Rechercheur“ nennen. Natürlich bringt ein zeitlich so ausgedehnter Leseprozess Vor- und Nachteile mit sich: Ungünstig dabei ist, dass aufgrund der immer wieder langen Unterbrechungen so manches Gelesene zwischenzeitlich in Vergessenheit gerät, besonders was die Namen und Zuordnungen des umfangreichen Personals der Romanhandlung betrifft. Wollte man hier immer vollständig auf der Höhe bleiben, so müsste man wahrscheinlich alle sieben Bände in einem Zug lesen und dafür idealerweise ein Sabbat-Jahr einlegen. Doch ist dies, wie mir jetzt klar geworden ist, gar nicht unbedingt zu empfehlen. Die langgestreckte, häppchenweise Lektüre mit langen Pausen hat den großen – und alle Nachteile bei weitem aufwiegenden – Vorteil, dass sie sich währenddessen immer auch zur eigenen unbeständigen zeitlichen Existenz des Lesers in Beziehung setzen lässt. Besonders gilt dies, wenn einem der Abschluss just in jenem Lebensalter gelingt, in dem sich auch der Ich-Erzähler am Ende des Romans befunden hat. Oder um es mit dem Literaturkritiker Denis Scheck zu sagen: In diesem Buch erfährt der Leser sehr viel über sich selbst – getreu dem auf den hintersten Seiten von der Erzählerstimme aufgestellten Diktum, dass die Leser dieses Werkes in erster Linie die Leser ihrer selbst seien; dieses Buch sei wie ein Vergrößerungsglas, es ermögliche ihnen, in sich selbst zu lesen.

Die alte Flamme

Was tut man, wenn sich die große Liebe für immer aus dem Leben verabschiedet hat, wenn seitdem schon etliche Jahre vergangen sind und man mittlerweile auch schon im fünften Lebensjahrzehnt steht? Sich noch einmal neu verlieben? Das ist für jemanden wie Marcel, den Ich-Erzähler der „Recherche“, der sich am liebsten ausgedehnten Erinnerungsräuschen hingibt und ganz allgemein nicht sonderlich zukunftsorientiert eingestellt ist, natürlich keine Option. Nicht, dass er asketisch lebte. Regelmäßig nimmt er gegen ein kleines Taschengeld leichte junge Mädchen „aus dem Volke“ (und die Mädchen „aus dem Volke“ konnten es sich zu jener Zeit, im frühen 20. Jahrhundert, gar nicht leisten, nicht käuflich zu sein) mit zu sich aufs Zimmer, um sie ein wenig „auf seinem Schoß sitzen zu lassen“, wie es beschönigend heißt. (Die langen Röcke, welche die Frauen aller Gesellschaftsschichten damals ausnahmslos trugen, hatten insofern auch eine durchaus praktische Seite.) Doch selbstverständlich würde er – als Upperclass-Mensch – jenseits seiner leiblichen Bedürfnisse niemals ein ernsthaftes Interesse an ihnen entwickeln. Dafür kämen allenfalls „Damen aus der Gesellschaft“ in Betracht. Allerdings ist Marcel seit den bittersüßen Jahren mit Albertine jede anderweitige Begeisterungsfähigkeit auf diesem Sektor verlorengegangen.

Und doch gäbe es da noch eine andere Möglichkeit… Marcels große unglückliche Jugendliebe Gilberte, die Tochter seines väterlichen Freundes Swann und dessen fataler Ehefrau Odette, ist seit einigen Jahren ausgerechnet mit seinem alten Kumpel, dem Marquis Robert de Saint Loup, verheiratet. Und das wohl – allem Anschein nach – nicht besonders glücklich. Robert hat nämlich inzwischen längst die Freuden der Homosexualität für sich entdeckt. Wobei er zusätzlich – er führt offenbar ein ausschweifendes Sexualleben – sogar noch zwei weibliche Mätressen unterhält. An wem er jedoch, spätestens seit der Geburt der gemeinsamen Tochter, überhaupt kein Interesse mehr zeigt, das ist seine eigene Ehefrau.

Da sollte doch, denkt man als Leser, noch so einiges möglich sein für Marcel. Nur wäre es etwas heikel, so mit der Gattin seines besten Freundes… Aber das Schicksal meint es gut mit Marcel. Als dieser seinem alten Freund Robert einen Besuch abstattet, übrigens im familieneigenen Schloss Tansonville, gelegen in der Normandie zwischen dem Schloss der Guermantes und dem vielfach erwähnten Badeort Balbec, unternimmt er allein mit Gilberte lange Strandspaziergänge bei Mondschein. Und Robert ist alles andere als eifersüchtig. Ganz im Gegenteil dankt er, der meistens wegen angeblicher dringender Angelegenheiten unterwegs ist, seinem Freund Marcel sogar ausdrücklich dafür, dass er sich so rührend um seine Frau kümmert… Und Gilberte findet offenbar großes Gefallen daran, viel Zeit mit Marcel zu verbringen. Als er ihr stockend gesteht, wie sehr er damals in sie verliebt war, antwortet sie: „Aber nein, so war es doch gar nicht. I c h war verliebt in S i e .“ Kurz gesagt, Marcel hat alle Trümpfe in der Hand und müsste nur noch die Gelegenheit beim Schopfe packen. Aber es gibt ein Problem. Gilberte, die mittlerweile um die vierzig sein dürfte, gefällt ihm längst nicht mehr so wie früher. „Sie selber war derart verändert, dass ich sie nicht mehr schön fand, ja, dass sie es überhaupt nicht mehr war.“ (An späterer Stelle des Romans wird Gilberte sogar konkret als „eine dicke Dame“ bezeichnet, die „nur noch für geistige Dinge lebt“). „Vor allem aber spürte ich keinen Kummer mehr; in der Rückerinnerung begriff ich nicht mehr, dass ich so unglücklich hätte sein können…“ Manchmal rostet sie eben doch, die alte Liebe… „Es heißt, und das erklärt vielleicht zum Teil die fortschreitende Abschwächung gewisser nervöser Affektionen, dass auch unser Nervensystem dem Altern ausgesetzt ist. Das trifft nicht nur auf unser Dauer-Ich zu, das für den ganzen Verlauf unseres Lebens vorhält, sondern auch für alle aufeinanderfolgenden Ichs, aus denen es sich alles in allem zusammensetzt.“

Und so bleibt es zwischen den beiden bei einer munteren Unterhaltung: „Wir plauderten, Gilberte und ich, in einer für mich sehr angenehmen Weise, wenn auch nicht ohne Schwierigkeit.“ Zumal sich Gilberte immerhin als kluge, anregende Gesprächspartnerin erweist: „Was den Verstand anbelangt, so war er bei Gilberte, wenn man von einigen Seltsamkeiten absah, die von ihrer Mutter stammten, ungewöhnlich wach.“

Später reflektiert Marcel über die traurige Vergänglichkeit seines Begehrens: „Nichts ist schmerzlicher als dieser Gegensatz zwischen der Verwandlung der Menschen und der Starrheit der Erinnerung, wenn wir begreifen, dass das, was in unserem Gedächtnis so viel Frische bewahrt hat, im Leben keine Frische haben kann, dass wir außerhalb von uns dem nicht mehr nahekommen können, was uns in unserem Inneren so schön erscheint und in uns das gleichwohl so individuelle Verlangen nach einem Wiedersehen weckt, es sei denn, dass wir es in einem Wesen desselben Alters suchen, das aber bedeutet nun einmal: in einem anderen Wesen. Das nämlich, was uns in einer Person, nach der wir Verlangen tragen, so einzigartig scheint, gehört – wie ich schon oft hatte vermuten können – im Grunde gar nicht ihr. Die verflossene Zeit gab mir davon noch einen vollständigeren Beweis, da ich nach zwanzig Jahren ganz spontan anstelle der Mädchen, die ich gekannt hatte, mich nach solchen umzusehen wünschte, die jetzt jene Jugend besaßen, welche den anderen damals zu eigen gewesen war.“ Daran, dass Frauen seines Alters vielleicht ebenfalls knackige junge Männer und nicht ihn bevorzugen würden, wenn sie die Wahl hätten, verschwendet Marcel selbstredend keinen Gedanken. Ebenso wenig – das wissen wir bereits aus den früheren Bänden – hat er Sinn für den (von nicht wenigen Männern sogar besonders goutierten) Liebreiz bestimmter Frauen reiferer Jahrgänge…

Als er Gilberte Jahre später auf einer Feier erneut begegnet, äußert er einen ausgefallenen Wunsch: „Ich sagte Gilberte, sie würde mir immer Vergnügen bereiten, wenn sie mich mit sehr jungen Mädchen einladen würde, sehr armen, wenn es möglich wäre, damit ich ihnen mit kleinen Geschenken eine Freude machen könne, ohne im übrigen von ihnen etwas anderes zu verlangen, als dass sie mir die Träumereien und Traurigkeiten von ehedem wiederschenkten, höchstens eines unwahrscheinlichen Tages einen keuschen Kuss.“ Das heißt, Marcel phantasiert vermutlich von einer Art Bunga-Bunga-Party mit jungen Mädchen unter Beteiligung Gilbertes, die immerhin noch seinen Geist anzuregen imstande ist, den Rest würden die jungen Mädchen besorgen… Gilbertes Reaktion auf diesen Vorschlag ist aber keineswegs empörte Zurückweisung. Nach kurzer Überlegung zog sie, „an der zweifellos etwas von der Herkunft ihrer Mutter haftete, einen kühneren Schluss als alle, die ich hätte voraussehen können: ‚Wenn Sie erlauben, sagte sie zu mir, werde ich jetzt meine Tochter holen und sie ihnen vorstellen… Ich bin sicher, sie wird für Sie eine liebenswürdige kleine Freundin sein.“ Über Gilbertes zu diesem Zeitpunkt 16-jährige Tochter, die von Marcel als „sehr schön“ beschrieben wird, heißt es an anderer Stelle: „Diese Tochter, deren Namen und Vermögen in ihrer Mutter die Hoffnung wecken konnte, sie werde einen königlichen Prinzen heiraten und damit das Aufstiegswerk Swanns und seiner Frau krönen, wählte zum Gatten später einen unbekannten Literaten, denn sie war von allem Snobismus frei, und führte so die Familie wieder hinab, und zwar unter das Niveau, aus dem sie emporgestiegen war.“

Die allgemeinen Gesetze der Liebe

Gibt es wirklich so etwas wie unumstößliche, universelle „Gesetze der Liebe“? Die kluge Erzählerstimme behauptet das, und nennt dafür Beispiele wie dieses:

„Man erinnerte sich, dass das Gefühl den Liebenden zu den größten Opfern für das geliebte Wesen anspornt, manchmal sogar zu dem Opfer seines Verlangens selbst, das im übrigen um so weniger leicht Erhörung findet, je mehr das geliebte Wesen spürt, dass der andere der ist, der stärker liebt.“

Oder dieses:

„Aber nie erhalten schwerwiegende Dinge, die wir sagen, eine mündliche noch schriftliche Erwiderung. Toren allein suchen vergebens zehnmal hintereinander um die Beantwortung eines Briefes nach, den sie nicht hätten schreiben sollen, der eine Entgleisung war; auf solche Briefe bekommt man eine Antwort immer nur durch Handlungen…“

Aber auch dieses:

„Während also tugendhafte junge Leute, sobald sie in die Jahre gekommen sind, sich den Leidenschaften überlassen, deren sie sich endlich bewusst geworden sind, werden leichtsinnige junge Burschen zu grundsatztreuen Männern… Alles ist somit eine Frage der Chronologie.“

Doch das Abgründigste aller Gesetze der Liebe ist zweifellos das folgende:

„Die Beziehungen zu einer Frau, die man liebt, können auch noch aus einem anderen Grunde platonisch bleiben als nur infolge der Tugend der Frau oder der wenig sinnlichen Natur der Liebe, die sie einzuflößen vermag. Dieser Grund kann darin bestehen, dass der Liebende, gerade aus dem Übermaß seiner Liebe heraus allzu ungeduldig, nicht genügend Gleichgültigkeit beim Abwarten des Augenblicks zu heucheln imstande ist, in dem er erlangen wird, was er sich wünscht. Immer wieder setzt er zum Angriff an, unaufhörlich schreibt er an die, die er liebt, er ist die ganze Zeit bemüht, sie zu sehen, sie verweigert sich ihm, er verzweifelt an seinem Glück. Von diesem Augenblick an hat sie begriffen, dass, wenn sie ihm ihre Gesellschaft und ihre Freundschaft zuteil werden lässt, die Vorteile dem, der sich ihrer bereits verlustig glaubte, so beträchtlich erscheinen werden, dass sie darauf verzichten kann, ihm noch mehr zu gewähren, und den Moment, in dem er es nicht mehr ertragen kann, sie nicht zu sehen, in dem er um jeden Preis dem Krieg ein Ende machen will, nutzen sollte, um ihm einen Frieden aufzuzwingen, dessen erste Bedingung in dem rein platonischen Charakter der Beziehungen zwischen ihnen beiden besteht. Im übrigen hat während der ganzen Zeit, die diesem Vertrag vorausgegangen ist, der Liebende, der immer ängstlich in unaufhörlicher Erwartung eines Briefes, eines Blickes dahinlebt, schon aufgehört, an den physischen Besitz zu denken, nach dem er gleichwohl zu Anfang so quälendes Verlangen trug, das sich jedoch in der Erwartung abgenutzt und Bedürfnissen anderer Art Platz gemacht hat, solchen, die im übrigen noch schmerzhafter sind, wofern sie keine Befriedigung finden. Dann empfängt man den Genuss, den man am ersten Tage von Zärtlichkeiten erhofft hatte, später in der völlig abgewandelten Form von freundlichen Worten, Versprechungen einer bloßen Anwesenheit, die nach den Wirkungen der Ungewissheit, manchmal auch schon nach einem von allen Nebeln der Kälte verschleierten Blick, der die Person, von der man glaubt, man werde sie niemals wiedersehen, in weite Ferne zu rücken pflegt, ganz köstliche Augenblicke der Entspannung mit sich führen. Die Frauen erraten das alles und wissen, dass sie sich den Luxus gestatten können, sich denen niemals hinzugeben, die zu nervös gewesen sind, um ihnen in den ersten Tagen das unstillbare Verlangen zu verheimlichen, von dem sie sie nun vollends verzehrt vor sich sehen. Die Frau ist nur zu glücklich darüber, wenn sie jetzt, ohne selbst irgendetwas zu geben, sehr viel mehr empfängt, als sie gemeinhin für ihre Hingabe zu erwarten hat. Stark nervöse Menschen glauben daher an die Tugend ihres Idols. Die Aureole aber, mit der sie es umkränzen, ist auf diese Weise ein – wie man sieht, sehr indirektes – Produkt ihres Liebesüberschwangs. Es existiert dann in der Frau etwas, das – wesentlich ohne ein Bewusstsein davon – in Medikamenten vorhanden ist, die ohne ihr Verschulden geradezu listig sind, wie Schlafmittel oder Morphium. Nicht für diejenigen, denen diese Medikamente die Lust des Schlafes oder ein wirkliches Wohlgefühl schenken, sind sie absolut unentbehrlich, nicht von ihnen werden sie mit Gold aufgewogen oder gegen alles eingetauscht, was der Kranke besitzt; das geschieht vielmehr von seiten der anderen Leidenden (im übrigen können es dieselben sein, aber erst nach ein paar Jahren, wenn sie andere geworden sind), denen das Medikament keinen Schlaf, keinerlei Lust verschafft, die aber, wenn sie es nicht haben, von einer Aufregung befallen werden, der sie um jeden Preis, selbst um den des Todes, ein Ende bereiten wollen.“ Und so bleibt es schließlich bei „ganz platonischen, aber doch aus Erotik etwas in die Länge gezogenen Begegnungen“.

Und zur Erklärung bestimmter individueller erotischer Vorlieben führt die Erzählerstimme aus:

„In den Personen, die wir lieben, ruht, durch uns fest in ihnen verhaftet, ein bestimmter Traum, den wir nicht immer herauserkennen, den wir aber verfolgen. …Gerade wegen dieses Individuellen übrigens, an dem man so leidenschaftlich hängt, ist schon die Liebe zu Personen etwas Ähnliches wie gewisse Abirrungen. Und sind nicht die Krankheiten des Körpers sogar, wenigstens diejenigen, die irgendwie mit dem Nervensystem zusammenhängen, ebenfalls gewisse von unseren Organen und Gelenken angenommene Spezialneigungen oder -abneigungen, aufgrund deren diese vor bestimmten Wetterlagen ein Grauen empfinden, das ebenso unerklärlich und ebenso eigensinnig ist wie die Neigung bestimmter Männer zum Beispiel zu Frauen, die einen Kneifer tragen, oder zu Kunstreiterinnen? Dieses Verlangen, das dann jedesmal der Anblick einer Kunstreiterin erweckt – wer vermag zu sagen, mit welchem chronischen, aber unbewussten Traum er verbunden ist, ebenso unbewusst und geheimnisvoll wie zum Beispiel für jemanden, der sein ganzes Leben lang unter asthmatischen Anfällen gelitten hat, der Einfluss einer ganz bestimmten Stadt, die scheinbar wie alle anderen ist, in der er jedoch zum erstenmal wieder frei atmen kann?“

Es ist Krieg

Die Romanhandlung ist mittlerweile im Ersten Weltkrieg angekommen. Auch in Paris kann kaum jemand dem Trommelfeuer aus Militärberichterstattung und patriotischer Propaganda entgehen. Die Erzählerstimme beurteilt dies kritisch, „aber man liest Zeitungen, wie man liebt: mit verbundenen Augen. Man versucht, den Dingen nicht auf den Grund zu gehen. Man hört die süßen Reden des Chefredakteurs mit an, wie man den Worten seiner Geliebten lauscht.“ Doch gibt es Personengruppen, die all das kalt lässt: „Tatsächlich stand die tiefe, durch den Krieg bewirkte Wandlung im umgekehrten Verhältnis zu dem Wert der betroffenen Geister, mindestens von einer gewissen Stufe an. Ganz unten beschäftigten sich die bloßen Dummköpfe und die einzig dem Amüsement zugewendeten Leute überhaupt nicht mit der Tatsache, dass Krieg war. Ganz oben aber haben die, die sich im Innern eine eigene Welt schaffen und darin leben, wenig Blick für die Wichtigkeit äußerer Ereignisse.“

Marcels Freund Robert de Saint-Loup trägt eine besonders patriotische Gesinnung zur Schau, wird ein, wie es heißt, „doktrinärer Theoretiker“ und meldet sich sogar freiwillig an die Front. Doch gibt es dafür offenbar noch andere Gründe… „Auch außerhalb der Homosexualität besteht bei Leuten, die dieser von Natur völlig abgeneigt sind, ein immer gegenwärtiges Ideal der Männlichkeit, das dem Homosexuellen, wofern er nicht ein sehr überragender Geist ist, recht gelegen dafür kommt, dass er es auf seine Weise verfälscht. Dieses Ideal gewisser Militärs“ ist nicht „das Ideal der Männlichkeit bei Homosexuellen wie Saint-Loup, aber ebenso konventionell und ebenso verlogen, weil sie sich selbst nicht eingestehen wollen, dass physisches Verlangen auf dem Grunde der Gefühle ruht, die sie aus anderen Quellen herleiten.“

Eine besondere Präferenz hat Robert de Saint-Loup dabei für Senegalesen, und er konsumiert bei der Armee begeistert Kokain. Schließlich erreicht Marcel eines Tages die traurige Nachricht, dass sein Freund Saint-Loup im Krieg gefallen ist.

Baron de Charlus wundert sich über den Krieg

Ebenfalls ein interessierter Beobachter des Krieges, jedoch ohne an diesem teilnehmen zu müssen, ist der inzwischen in die Jahre gekommene Onkel Robert de Saint-Loups, der Baron de Charlus.

„Die Situation von Monsieur de Charlus war die gleiche nicht mehr. Da er sich selbst immer weniger um die Gesellschaft kümmerte, sich infolge seines reizbaren Charakters mit ihr überworfen und im Bewusstsein seiner sozialen Höhenlage verschmäht hatte, sich mit der Mehrzahl der Personen wieder zu versöhnen, die die Blüte der großen Welt ausmachten, lebte er in einer relativen Isolierung…“ Es ist sogar so weit gekommen, dass sich dieser stolze Aristokrat mittlerweile hauptsächlich mit Leuten unter seinem Stand abgibt… Und da sich kriegsbedingt immer weniger junge Männer auftreiben lassen, denen nach wie vor seine erotischen Begierden gelten, weicht er mitunter auf kleine Jungen aus… In der Beurteilung des Krieges fehlt ihm jedes Vaterlandsgefühl, vermutlich weil seine Mutter eine Deutsche ist. Überhaupt beurteilt er das Geschehen sehr pointiert und mit ganz eigener Sichtweise.

Über den österreichischen Kaiser urteilt er: „Die schärfste Kritik, die ich an dem alten Souverän üben würde, ist, dass ein Herr seines Ranges, der Chef eines der ältesten und ruhmreichsten Häuser Europas, sich von einem im übrigen recht gescheiten Krautjunker leiten lässt, diesem Wilhelm von Hohenzollern, der letzten Endes ein bloßer Emporkömmling ist. Das gehört für mich zu den am meisten enttäuschenden Anomalien des Kriegen.“

Und was ihn sonst noch stört am Krieg: „Man spricht von Vandalismus, von zerstörten Kulturdenkmälern. Aber liegt ein Vandalismus nicht auch in der Zerstörung so vieler prachtvoller junger Leute, die ganz unvergleichliche polychrome Bildnisstatuen waren? Muss nicht eine Stadt, die über keine schönen Männer verfügt, den gleichen Eindruck erwecken wie eine Stadt, deren gesamter Bestand an Werken der Bildhauerkunst vernichtet ist?“

Was ihm hingegen am Krieg gefällt: „Ich bewundere alle Helden dieses Krieges. Da sind zum Beispiel die englischen Soldaten…Nun, ich muss sagen, rein ästhetisch betrachtet, gleichen sie ganz den Athleten Griechenlands, jawohl Griechenlands, sie sind wie die Schüler Platons oder besser noch wie die Spartiaten. Ein Freund von mir ist nach Rouen gegangen, wo sie ihr Lager haben, er hat dort wundervolle Gestalten erblickt, wahre Weltwunder, wie man sie sich gar nicht vorstellen kann.“

Hinsichtlich der vielen Soldaten aus den französischen Kolonien in den Straßen von Paris befindet er: „‘Ist hier nicht der ganze Orient eines Decamps, eines Fromentin, eines Ingres, eines Delacroix enthalten?‘, sagte er zu mir, immer noch durch den Anblick eines vorbeigehenden Senegalnegers in eine Art von Erstarrung gebannt. ‚Sie wissen ja, ich persönlich interessiere mich für die Dinge und Geschöpfe immer nur als Maler oder als Philosoph. Im übrigen bin ich jetzt zu alt…‘“

Doch dies ist, wie sich zeigen wird, nur eine Schutzbehauptung…

Das Hotel der Lüste

Im weiteren Verlauf der Romanhandlung erhält der Leser tiefe Einblicke in das „nervöse Temperament und die tief leidenschaftliche Charakterveranlagung von Monsieur de Charlus“.
Zur Befriedigung seiner recht speziellen Begierden hat sein alter Bekannter (und homoerotischer Geliebter), der frühere Schneider Jupien, in Paris ein Hotel eingerichtet, das er – vom Baron de Charlus finanziert – nun betreibt. „Das Gewerbe, das er trieb, konnte freilich mit vollem Recht als eines der lukrativsten, aber auch als das letzte von allen angesehen werden.“ Dort lässt sich der Baron, während er von Marcel zufällig dabei beobachtet wird, „auspeitschen, bis das Blut spritzt“. Charlus bestand darauf, „dass man ihm um Hände und Füße Eisenringe von erprobter Festigkeit legte“, verlangte „nach der Geißel und grausamen weiteren Instrumenten, die äußerst schwer zu beschaffen waren…“

In diesem Hotel erfreut sich ein sehr gemischtes Publikum an (homosexuellen) Fetischen aller Art. So sind z.B. Kanadier aufgrund ihres Akzents sehr beliebt. „Wegen ihres Röckchens und weil gewisse sentimentale Träume sich oft mit solchen Wünschen verbinden, waren Schotten besonders gefragt.“ „Da aber jede Narrheit noch besondere Züge, manchmal auch noch eine Verstärkung von den Umständen her erhält, fragte ein Greis, dessen Neugier zweifellos einigermaßen befriedigt war, nachdrücklich immer wieder, ob man ihn nicht mit einem Kriegskrüppel in Verbindung setzen könnte.“

Eine weitere obskure Vorliebe des Baron de Charlus ist es, sich mit Kriminellen, vor allem mit Dieben und Mördern, zu vergnügen. Und obwohl er eigentlich durchschaut, dass die von Jupien engagierten jungen Männer ihm ihre angebliche Verdorbenheit nur vorspielen, „wünscht er sich selbst die Illusion, sie seien nicht eigens für ihn arrangiert.“ „Selbst die entschiedensten Diebe und Mörder hätten ihn nicht zufriedengestellt, denn sie bewegen sich alle mit ihren Worten nicht auf der Höhe ihres Verbrechens. Es besteht im übrigen in dem nach Sadismus Begierigen – selbst wenn er noch so gut ist, oder vielmehr erst recht, je besser er ist – ein förmlicher Durst nach dem Bösen, den die bösen Menschen, da sie ja ganz andere Zwecke im Auge haben, nicht befriedigen können. … Nichts ist begrenzter als Laster und Lust.“

„Im Grunde verriet sein Verlangen, gefesselt und geschlagen zu werden, in seiner Hässlichkeit einen ebenso poetischen Traum, wie es bei anderen der Wunsch war, nach Venedig zu reisen, oder Tänzerinnen auszuhalten. Monsieur de Charlus aber verlangte von diesem Traum freilich eine so weitgehende Illusion der Wirklichkeit, dass Jupien das hölzerne Bett, das in Zimmer Dreiundvierzig stand, verkaufen und durch ein eisernes ersetzen musste, das sich besser mit den Ketten vertrug.“

Lob der Dunkelheit: Luftschutzkeller als Darkrooms

Wie viele andere Kunden des besagten Hotels sehnt Baron de Charlus stets besonders den Bombenalarm herbei.

„Was machen Sirenen und deutsche Flugzeuge Leuten aus, die ihr Vergnügen suchen? Der gesellschaftliche und natürliche Rahmen, der unsere Liebeserlebnisse umgibt, beschäftigt uns beinahe gar nicht.“ „Ja mehr noch, die physische Gefahr, die sie bedrohte, befreite sie von der Furcht, von der sie in geradezu krankhafter Weise seit so langem schon besessen waren. … Während einiger Zeit würden jetzt die Polizeistreifen sich nicht um die so unwichtigen Lebensgewohnheiten der Einwohner kümmern, noch sie eventueller Schande überantworten. Einige von ihnen dachten aber sogar weniger daran, ihre moralische Freiheit wiederzuerlangen, als dass sie die Dunkelheit, die plötzlich in den Straßen herrschte, wie eine Verlockung empfanden. … Die Dunkelheit aber, die alle Dinge rings wie ein ganz neues Element umschließt, bringt die für gewisse Personen unwiderstehliche verlockende Wirkung hervor, das erste Stadium der Lust auszuschalten und unmittelbar in eine Phase der Zärtlichkeit einzutreten, zu der man gewöhnlich erst nach einiger Zeit gelangt. … Auch am Abend jedenfalls ist (wie schwach beleuchtet die Straße auch sei) mindestens ein Vorspiel fällig, bei dem zunächst nur die Augen das Vergnügen vorwegnehmen, da allein schon die Scheu vor den Vorübergehenden, auch vor dem begehrten Wesen selbst, einen zunächst daran hindert, mehr zu tun als zu schauen und zu reden. In völliger Dunkelheit wird dieses ewig alte Spiel jedoch überflüssig, die Hände, die Lippen, die Leiber können von vornherein sich betätigen. Notfalls stehen immer noch als Entschuldigung die Dunkelheit selbst und die Irrtümer zur Verfügung, die durch sie entstehen, wofern der Vorstoß schlecht aufgenommen wird. Findet man aber Verständnis, so erweckt in uns die unmittelbare Antwort des Körpers, der sich nicht zurückzieht, sondern annähert, die Vorstellung, dass die, an die wir uns schweigend wenden, vorurteilsfrei und eher lasterhaften Neigungen unterworfen sind, eine Vorstellung, die eine Vermehrung des Glücks bedeutet, ohne weiteres die Frucht genießen zu können, ohne sie zuvor mit den Augen zu begehren und um Erlaubnis zu bitten.“

Doch sind die vielen erotischen Exzesse des Barons de Charlus offenbar seiner Gesundheit nicht zuträglich. Nach einiger Zeit erleidet er einen Schlaganfall, was zu dauerhaften Sprachstörungen und seiner vorübergehenden Erblindung führt. Darüber hinaus leidet er an Depressionen. Doch selbst in diesem elenden Zustand stellt er noch jungen Männern nach…

Erinnerung als Rettung: Erschaffung eines Kunstwerks

Auch Marcel ist durch sein chronisches Lungenleiden gesundheitlich angeschlagen. Immer öfter begibt er sich in Sanatorien, um sich behandeln zu lassen. Und wie steht es um seine schriftstellerischen Ambitionen? „Da meine Trägheit mir die Gewohnheit mitgeteilt hatte, meine Arbeit immer von einem Tag auf den folgenden zu verschieben, stellte ich mir zweifellos vor, es könne mit dem Tod ebenso sein.“

Nein, an Albertine denkt er nach all den Jahren schon lange nicht mehr. „Niemals dachte ich mehr an sie.“ Und dann denkt er plötzlich doch wieder an sie an einem lauen Sommerabend in Paris: „Ach, hätte Albertine noch gelebt, wie herrlich wäre es dann gewesen, ich hätte mich mit ihr an Abenden, an denen ich in der Stadt zur Nacht gegessen hatte, im Freien unter den Arkaden treffen können! Zunächst hätte ich nichts gesehen, ich hätte die Aufregung durchgemacht zu glauben, sie habe das Rendezvous versäumt, dann aber hätte ich mit einem Male gesehen, wie sich von der schwarzen Mauer eines ihrer geliebten grauen Gewänder abhob und ihre lächelnden Augen mich bemerkten, und dann hätten wir eng umschlungen, ohne dass irgendjemand es sah und uns störte, zusammen nach Hause gehen können…Ach, ich war allein…“ „Ich durchmaß nicht die gleichen Straßen wie die Spaziergänger, die an diesem Tage sich im Freien ergingen, sondern eine gleitende, traurige, weiche Vergangenheit. Diese bestand im übrigen aus so vielen verschiedenen Vergangenheiten, dass es schwierig für mich war, den Grund meiner Schwermut zu begreifen…“

Marcels rettender Einfall wird wie folgt geschildert: „In dem Augenblick aber, in dem uns alles verloren scheint, erreicht uns zuweilen die Stimme, die uns retten kann; man hat an alle Pforten geklopft, die auf gar nichts führen, vor der einzigen aber, durch die man eintreten kann, und die man vergeblich hundert Jahre lang hätte aufsuchen können, steht man, ohne es zu wissen, und sie tut sich auf.“ Es ist die unwillkürliche Erinnerung an früher Erlebtes. Er tritt auf einen schlecht behauenen Pflasterstein und befindet sich – gefühlt – plötzlich auf dem Markusplatz in Venedig, wo ihm einst ähnliches passiert ist. Ganz zu Anfang des Romans weckte der Geschmack eines kleinen Madeleine-Küchleins die Erinnerung an seine Kindheit in Combray. Für Marcel sind dies „einzigartige Glücksmomente“:

„Wie in dem Augenblick, in dem ich die Madeleine gekostet hatte, waren alle Sorgen um meine Zukunft, alle Zweifel meines Verstandes zerstreut.“ „Warum hatten mir die Bilder von Combray und von Venedig so viel Freude gegeben, Freude, die einer Gewissheit glich und ohne sonstige Beweise genügte, mir selbst den Tod gleichgültig erscheinen zu lassen? …Weil in diesem Augenblick das Wesen, das ich zuvor gewesen war, außerzeitlich wurde und daher den Wechselfällen der Zukunft unbesorgt gegenüberstand. Nur außerhalb des Handelns und unmittelbaren Genießens war dieses Wesen zu mir gekommen, hatte es sich manifestiert, sooft das Wunder einer Analogie mich der Gegenwart enthob. Es hatte als einziges die Macht, mich zu den alten Tagen, der verlorenen Zeit wieder hinfinden zu lassen, während gerade das den Bemühungen meines Gedächtnisses und Verstandes immer wieder misslang.“

Die Zeit (wie auch der Raum) ist durch diese unwillkürliche Erinnerung aufgehoben. Nicht verstandesgemäß, sondern eher rein sinnlich. Marcel spürt eine „unbändige Lust zu leben“, jetzt, da „in ihm „ein wirklicher Augenblick der Vergangenheit wiedererstanden war.“ „Vielleicht weit mehr als das; etwas, was – zugleich der Vergangenheit und der Gegenwart zugehörig – viel wesentlicher als beide ist. So viele Male hatte im Laufe meines Lebens die Wirklichkeit mich enttäuscht, weil in dem Augenblick, da ich sie wahrnahm, meine Einbildungskraft, die mein einziges Organ für den Genuss der Schönheit war, sich nicht dafür verwenden ließ: auf Grund des unumstößlichen Gesetzes, dass einzig das Abwesende Gegenstand der Imagination sein kann. Hier nun hatte sich plötzlich die Wirkung dieses harten Gesetzes als neutralisiert und aufgehoben erwiesen durch einen wundervollen Kunstgriff der Natur, die eine Empfindung einmal in der Vergangenheit aufschillern ließ, was meiner Einbildungskraft sie zu genießen gestattete, zugleich aber auch in der Gegenwart, in der nun die wirkliche Aktivierung meiner Sinne … zu den Träumen der Einbildungskraft das hinzutat, was ihnen gewöhnlich fehlte, das heißt die Idee der Existenz; dank diesem Auskunftsmittel aber hatten sie meinem Wesen für die Dauer eines Blitzes erlaubt, etwas zu erlangen, zu sondern und festzuhalten, was es niemals erahnt hatte: ein kleines Quantum zusatzloser Zeit.“ „Das Wesen, das in mir wiedergeboren war… nährt sich einzig von der Essenz der Dinge und findet in ihr allein seinen Bestand und seine Beseligung. …Und unser wahres Ich, das manchmal seit langem tot schien, aber es doch nicht völlig war, erwacht und gewinnt neues Leben aus der göttlichen Speise, die ihm zugeführt wird.“ Für den so „von der Ordnung der Zeit frei gewordenen Menschen“ hat „das Wort Tod keinen Sinn mehr“, „was könnte er, der Zeit enthoben, für die Zukunft fürchten?“

Marcel ist wie berauscht von der Entdeckung dieser „der Zeit entzogenen Fragmente des Daseins“.„Ich hatte zu sehr die Unmöglichkeit an mir selbst erlebt, in der Wirklichkeit zu erreichen, was auf dem Grunde meines Inneren ruhte.“„Eindrücke von der Art derjenigen, die ich festzuhalten versuchte, konnten bei dem Kontakt mit einem unmittelbaren Genuss, der unfähig gewesen ist, sie zum Leben zu erwecken, nur verlorengehen. Die einzige Art, sie nachhaltiger zu genießen, bestand in dem Versuch, sie vollständiger da zu erkennen, wo sie sich befanden, das heißt in mir selbst, sie bis in ihre Tiefen klar und deutlich zu machen.“ „Ich fühlte sehr wohl, dass die Enttäuschung der Reise, die Enttäuschung der Liebe nicht verschiedene Enttäuschungen waren, sondern nur der sich wandelnde Aspekt, den je nach dem Faktum, an das er sich heftet, unsere Ohnmacht annimmt, sich im materiellen Genuss, im tatsächlichen Tun zu verwirklichen.“ „Denn die Wahrheiten, die der Verstand unmittelbar und eindeutig in der Welt des hellen Tageslichts aufgreift, besitzen weniger Tiefe, weniger innere Zwangsläufigkeit als diejenigen, die das Leben uns ohne unser Zutun in einem Eindruck mitgeteilt hat, der zwar gegenständlicher Natur ist, weil er durch die Sinne zu uns dringt, aus dem wir aber das geistige Element dennoch herauslösen können.“Nun macht er sich an die „Wiederauferweckungen durch die Kraft des Gedächtnisses“.

Wie das geschehen soll: „Ich musste versuchen, die Empfindungen als die Zeichen ebenso vieler Gesetze und Ideen zu deuten, indem ich zu denken, das heißt aus dem Halbdunkel hervortreten zu lassen und in ein spirituales Äquivalent umzusetzen versuchte, was ich empfunden hatte. Was anderes war dieses Mittel nun – das mir das einzige zu sein schien – als das Schaffen eines Kunstwerks?“ Er begreift das „Lesen im inneren Buch“ als „Schöpfungsakt“; die Kunst ist für ihn „das Wirklichste, was es gibt, die strengste Schule des Lebens und das wahre Jüngste Gericht.“ Es darf nur nicht zu intellektuell werden: „Die kräftig auftretende Versuchung für den Schriftsteller, intellektuelle Werke zu schreiben, dokumentiert einen großen Mangel an Verfeinerung. Ein Buch, das Theorien enthält, ist wie ein Gegenstand, an dem noch das Preisschild hängt. Man argumentiert, das heißt man redet um die Dinge herum… Die auszudrückende Wirklichkeit hat ihren Sitz – das war mir jetzt klar – nicht in dem äußeren Aspekt des Objekts, sondern in einer Tiefe, in der dieser Schein wenig Bedeutung hat…“

Die gealterte Gesellschaft

Noch ein letztes Mal begibt Marcel sich auf ein rauschendes Fest, einen Empfang der Prinzessin von Guermantes, um sich fortan dann aber wirklich nur noch seinem Buchprojekt zu widmen. Auf dem Empfang begegnen ihm zahlreiche alte Bekannte, deren altersbedingte Veränderung ihm sofort ins Auge springt.

„Ungeahnte Möglichkeiten hatte die Zeit aus diesem und jenem gezogen, aber diese Möglichkeiten schienen, obwohl sie rein physiognomischer oder körperlicher Natur waren, dennoch etwas Seelisches zu sein. Wenn die Gesichtszüge sich wandeln oder sich anders ordnen, wenn sie in einer gemeinhin langsameren Weise sich ausgleichen, nehmen sie mit einem neuen Aspekt auch eine neue Bedeutung an. Nicht mehr in einem zoologischen Sinne…, sondern in einem sozialen und psychologischen Sinn konnte man sagen, dass hier eine neue Person vor einem stand.“

In bitterem Sarkasmus betrachtet er den Menschen als „Wesen, das während der ganzen Dauer seines Weges in den Abgrund, in den es geschleudert wird, sich unaufhörlich deformiert“ .„Bei einigen Menschen hatte das nacheinander erfolgende, für mich aber in meiner Abwesenheit vollzogene Ersetzen jeder einzelnen Zelle durch eine andere eine so vollkommene Veränderung, eine so totale Metamorphose bewirkt, dass ich hundertmal beim Abendessen in einem Restaurant ihnen hätte gegenübersitzen können, ohne stärker zu verspüren, dass ich sie früher gekannt hatte…“

Seine eigene Alterung bemerkt Marcel vor allem am Verhalten seiner Mitmenschen. Als Gilberte, die ihre Ambitionen noch nicht ganz aufgegeben hat, ihm vorschlägt: „Wollen wir beide nicht allein in der Stadt zusammen zu Abend essen?“ und Marcel darauf antwortet: „Wenn Sie es nicht kompromittierend finden, allein mit einem jungen Mann zu dinieren“, löst dies bei den Umstehenden Gelächter aus, woraufhin Marcel sich korrigiert: „mit einem alten Mann“ – und niemand widerspricht! Jemand fragt Marcel, ob er noch sein Lungenleiden habe, und als dieser dies bejaht, setzt jener hinzu: „Sehen Sie, selbst mit dieser Krankheit kann man doch ein ganz schönes Alter erreichen.“

Doch altern, wie jeder weiß, der regelmäßig an Klassentreffen teilnimmt, nicht alle Menschen in gleichem Umfang und in gleichem Tempo: „Man hatte das Gefühl, dass es wie im Pflanzenreich Moose, Flechten und dergleichen auch unter den Menschen Arten gibt, die sich beim Nahen des Winters nicht verändern.“ „Die Zeit verfügt demnach über Schnell- und Sonderzüge, die rasch zu einem vorzeitigen Alter führen. Auf einem Parallelgeleise jedoch verkehren Züge in umgekehrter Richtung und fast ebenso schnell. Jemand hatte einen gescheiten Arzt gefunden und verzichtete seither auf Alkohol und Salz; so war er zu dem Status seiner dreißig Jahre zurückgekehrt und schien ihn an diesem speziellen Tag nicht einmal erreicht zu haben…“ „Aber ich hatte auch gesehen, dass die seelischen Zellen, aus denen ein Wesen sich zusammensetzt, beständiger sind als dieses Wesen selbst.“

Marcel erlebt „die Überraschung, mit Männern und Frauen zu sprechen, die früher unerträglich gewesen waren, jetzt aber ihre Fehler fast sämtlich abgelegt hatten, da offenbar das Leben durch Versagen oder Erfüllen ihrer Wünsche ihre Anmaßlichkeit oder Bitterkeit von ihnen genommen hatte. Eine reiche Heirat, dank der man Kampf oder Ostentation nicht mehr nötig hat, der Einfluss auch gerade der betreffenden Frau, die allmählich erworbene Kenntnis von anderen Werten als denjenigen, an die man in einer frivolen Jugend ausschließlich glaubt, hatten ihnen gestattet, ihren Charakter aus seiner Verkrampfung zu lösen und ihre Vorzüge wirksam hervorzukehren.“

Über den Alterungsprozess bei Frauen stellt er fest: „Fast alle Frauen aber kämpften gegen das Alter ohne Ermatten an und boten der Schönheit, die sich von ihnen entfernte wie ein Sonnenuntergang, dessen letzte Strahlen sie leidenschaftlich noch bewahren wollten, den Spiegel ihres Antlitzes dar.“ „Die Züge, in denen sich weniger die Jugend, wohl aber die Schönheit ausgeprägt hatte, waren bei den Frauen dahingeschwunden, und sie hatten daraufhin versucht, ob sie sich mit dem Gesicht, das ihnen verblieben war, eine andere herstellen könnten. Dadurch, dass sie das Zentrum, wenn auch nicht der Schwerkraft, so doch wenigstens der Perspektive ihres Gesichts verlagerten und die Züge einer anderen Wesensmöglichkeit gemäß darumgruppierten, legten sie mit fünfzig Jahren den Grund zu einer neuen Art von Schönheit, so wie man noch spät ein neues Handwerk erlernt oder einem Boden, der zum Weinbau nicht mehr taugt, Rüben abgewinnt.“

Mit Schrecken registriert Marcel, wie so manchen alten Bekannten bereits der Tod hinweggerafft hat. „Für die Leute des gleichen Alters und der gleichen Kreise aber hatte der Tod die einstige Bedeutung von etwas Fremdartigem verloren.“ „Denn jeder Sterbefall bedeutet für die anderen eine Vereinfachung ihrer Existenz, er nimmt einem alle Skrupel wegen des Erzeigens von Dankbarkeit ab und hebt den Zwang zum Besuchemachen auf.“

Natürlich fehlt es auch bei dieser Zusammenkunft der High Society nicht an Klatsch und Tratsch. Der Herzog von Guermantes hat angeblich im Alter von nunmehr 83 Jahren aufgehört, seine Frau zu betrügen, doch nun verliebt er sich doch noch einmal: ausgerechnet in Gilbertes über siebzigjährige Mutter Odette (der dies sehr schmeichelt). „Odettes Aussehen schien, wenn man ihr Alter kannte und sich auf eine alte Frau gefasst machte, ein erstaunlicherer Protest gegen die Gesetze der Chronologie als die Erhaltung des Radiums gegen die der Natur.“ Und auch mit der Tugend der deutlich jüngeren Herzogin von Guermantes, von der Marcel einst vorübergehend geschwärmt hatte, scheint es nicht mehr so weit her zu sein. Zumindest „behauptete Monsieur de Charlus…, dass die Legende von der Reinheit der Herzogin von Guermantes (seiner Schwägerin) in Wirklichkeit aus einer Unzahl von geschickt verhehlten Abenteuern bestehe.“

In seinen Gesprächen mit den Besuchern verblüfft Marcel ferner, wie unterschiedlich sich die Menschen an Zurückliegendes erinnern. „Auch bei sonst gleichem Gedächtnis erinnern sich zwei Personen nicht an die gleichen Dinge.“ „Im übrigen sind die Erinnerungen, die wir aneinander haben, die gleichen nicht einmal in der Liebe.“ „Denn das Gedächtnis, indem es die Vergangenheit in unveränderter Gestalt in die Gegenwart einführt – so nämlich, wie sie sich in dem Augenblick präsentierte, als sie selber noch Gegenwart war – bringt gerade jene große Dimension der Zeit zum Verschwinden, in der das Leben sich realisiert.“ So ist ein „Kunstwerk das einzige Mittel, die verlorene Zeit wiederzufinden.“

Bausteine einer ästhetischen Theorie

Entscheidend für das Gelingen eines (literarischen) Kunstwerks ist es in Marcels Augen somit, die Einwirkung der Zeit auf die menschliche Existenz herauszuarbeiten:

„Eine Sache, die wir zu einem bestimmten Zeitpunkt sehen, ein Buch, das wir lesen, bleibt für immer nicht nur mit dem verknüpft, was um uns her vorhanden war, sondern ebenso treu bleibt es verbunden mit dem, was wir damals waren.“ „Der Schnee, der die Champs-Elysees an dem Tage bedeckte, an dem ich in jenem Bande las, ist nie von ihm geschwunden, er liegt für mich noch immer darauf.“ „Eine Stunde ist nicht nur eine Stunde; sie ist ein mit Düften, mit Tönen, mit Plänen und Klimaten angefülltes Gefäß. Was wir die Wirklichkeit nennen, ist eine bestimmte Beziehung zwischen Empfindungen und Erinnerungen, die uns gleichzeitig umgeben,… eine einzigartige Beziehung, die der Schriftsteller wiederfinden muss…“

Eine Literatur, die dieses nicht zu leisten vermag, kann daher nicht viel taugen: „Die Idee einer populären Kunst schien mir ebenso wie die einer patriotischen Kunst wo nicht gefährlich, so doch auf alle Fälle lächerlich. Wenn dabei die Absicht bestand, die Kunst dem Volke zugänglich zu machen, indem man die Verfeinerung der Formen, die nur ‚für Müßiggänger da sind‘, opferte, so hatte ich jedenfalls genügend mit Damen und Herren der Gesellschaft verkehrt, um zu wissen, dass sie die wahrhaft Ungebildeten sind und nicht die Elektrizitätsarbeiter. (Die Klassen des Geistes nehmen keinerlei Rücksicht auf die Geburt.) In dieser Hinsicht wäre eine der Form nach volkstümliche Kunst eher für die Mitglieder des Jockeyclubs als für die der Gewerkschaft angebracht. Was ihren Gegenstand betrifft, so langweilen volkstümliche Bücher die Leute aus dem Volke ebenso sehr, wie sich Kinder mit Büchern langweilen, die speziell für sie geschrieben sind. Man möchte sich anderswohin versetzen, wenn man liest, und Arbeiter sind ebenso neugierig auf die Fürsten, wie Fürsten es auf Arbeiter sind.“

„Das wahre Leben, das endlich entdeckte und aufgehellte, das einzige infolgedessen von uns wahrhaft gelebte Leben, ist die Literatur. … Der Stil ist für den Schriftsteller wie die Farbe für den Maler nicht eine Frage der Technik, sondern eine Art zu sehen.“ „Dank der Kunst verfügen wir, anstatt nur eine einzige Welt – die unsere – zu sehen, über eine Vielheit von Welten…“

Ferner sollte gute Kunst immer auch der Desillusionierung dienen: „Die mühevolle Arbeit, die unsere Eigenliebe, unsere Leidenschaft, unser Nachahmungstrieb, unser abstrakter Verstand, unsere Gewohnheiten geleistet hatten, ist genau das, was die Kunst erst wieder beseitigen muss; denn gerade den umgekehrten Weg, den Weg, der zu den Tiefen zurückführt, in denen das, was wirklich existiert hat, von uns ungekannt, ruht, heißt es ja gehen. … Es bedeutet, dass man vor allem seine liebsten Illusionen ablegen, den Glauben an die Objektivität dessen, was man selbst sich mühsam erarbeitet hat, aufgeben muss.“

Voraussetzungen zur Schriftstellerei

Daher ist zur Herstellung eines großen Kunstwerks selbstverständlich nicht jeder berufen, und Marcel hat ernste Zweifel, ob er dieser Aufgabe gewachsen sein wird: „Ich hatte als junger Mensch im Schreiben über eine gewisse Leichtigkeit verfügt… Anstatt aber zu arbeiten, hatte ich in Trägheit, in Zerstreuung durch Vergnügen, in Krankheit dahingelebt, mich selbst und meine Manien gepflegt und unternahm nun mein Werk am Vortage meines Todes, ohne irgendetwas von meinem Metier zu verstehen.“ „Wie viele bleiben daher auch dabei stehen, die vielen, die nichts aus ihren Erlebnissen herausziehen und nutzlos und unbefriedigt altern, gleichsam als Hagestolze der Kunst! Sie erleben die Leiden der Jungfrauen und der Trägen, Leiden, denen Fruchtbarkeit oder Arbeit Heilung bringen würden…“ Aber genau hier, an der scheinbar verlorenen Zeit, setzt er an: „Dieser Begriff der entschwundenen Zeit, der vorübergegangenen und doch nicht von uns getrennten Jahre, war das, was ich jetzt herauszuarbeiten gedachte…“

Ferner hat Marcel als Idealvoraussetzung für einen Künstler und insbesondere Literaten ein grundlegendes Unglücklichsein ausgemacht: „Das Glück ist einzig heilsam für den Leib, die Kräfte des Geistes jedoch bringt der Schmerz zur Entfaltung.“ Und später heißt es: „Was das Glück anbelangt, so dient es fast nur einem nützlichen Zweck: das Unglück möglich zu machen. Wir müssen im Glück sehr süße und sehr starke Bande des Vertrauens und der Zuneigung knüpfen, damit ihr Bruch in uns jene unschätzbare, schmerzhafte Zerreißung schafft, die wir Unglück nennen. Wenn man nicht glücklich gewesen wäre, und sei es auch nur durch die Hoffnung, würde einen das Unglück jeweils ohne Grausamkeit und damit fruchtlos treffen.“

Und was ist selbstredend die Quelle des Unglücks schlechthin? „Eine Frau, von der wir nicht lassen können, die uns Leiden verursacht, zieht aus uns ganze Folgen weit tieferer und stärker an unser Lebensmark rührender Gefühle als ein Mann von überlegenem Geist, der uns interessiert. Je nach der Ebene, auf der wir leben, bleibt dabei die Frage offen, ob wir finden, dass ein bestimmter Verrat, durch den eine Frau uns Kummer bereitet hat, etwas Geringfügiges den Wahrheiten gegenüber bedeutet, die dieser Verrat für uns aufdeckt und die die Frau, die uns leiden macht, wohl kaum je begriffen hätte.“ Hier möchte man allerdings hinzufügen: Außer sie ist ihrerseits eine Intellektuelle, eine Frau von Geist oder gar eine Autorin…

Besonders unglücklich machen den Literaten übrigens Frauen mit teuren Ansprüchen: „Es ist etwas Merkwürdiges um diesen Kreislauf des Geldes, das wir Frauen schenken, die uns aus diesem Grunde unglücklich machen, das heißt uns die Möglichkeit zum Bücherschreiben verschaffen: man kann fast sagen, dass es mit den Werken wie mit den artesischen Brunnen ist, nämlich, dass sie sich um so höher erheben, je tiefer die Grube ist, die das Leiden in unserem Herzen ausgehoben hat.“ An dieser Stelle ist beiläufig an die ganz ähnliche Erkenntnis des Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki zu erinnern (der Marcel Prousts „Recherche“ nach eigener Auskunft aus Zeitmangel nie zu Ende gelesen hat!): „Wer gute Bücher schreiben will, muss viel gelitten haben.“ (Und er selbst hat ja bekanntlich immer sehr viel unter den vielen so s c h l e c h t e n Büchern gelitten, die er zu besprechen hatte, konnte später also vielleicht auch deshalb so eine glänzende Autobiographie schreiben.)

In jedem Falle aber gilt: „Unsere Leidenschaften skizzieren unsere Bücher, die Ruhepausen zwischen ihnen bewirken die endgültige Niederschrift.“ Und plötzlich entdeckt Marcel rückblickend, wie sehr ihm Albertine, indem sie ihm in all den Jahren so viele Schmerzen bereitet hat, doch eigentlich geholfen hat… „Dadurch, dass ich meine Zeit mit ihr vergeudete und sie mir Kummer bereitete, war mir Albertine vielleicht selbst in literarischer Hinsicht nützlicher gewesen als ein Sekretär, der meine Papiere in Ordnung gehalten hätte. Immerhin, wenn ein Wesen so schlecht eingerichtet ist (und vielleicht ist innerhalb der Natur dieses Wesen einfach der Mensch), dass er nicht lieben kann, ohne zu leiden, und wenn man leiden muss, um Wahrheiten zu erfahren, so wird das Leben eines solchen Wesens schließlich sehr ermüdend sein. Die glücklichen Jahre sind die verlorenen, man wartet auf einen Schmerz, um an die Arbeit gehen zu können… Da man aber einsieht, dass Leiden das Beste ist, was man im Leben finden kann, denkt man ohne Grauen – wie an eine Befreiung fast – an den Tod.“

Im Angesicht des Todes

Marcel spürt offenbar, obschon erst Mitte vierzig, dass seine Lebenszeit bald abgelaufen sein wird: „Einen Körper zu haben ist die große Bedrohung für den Geist, für das menschliche und denkende Leben… Der Körper schließt den Geist in eine Festung ein; bald aber wird diese von allen Seiten belagert sein, und zuletzt muss der Geist sich ergeben.“ „Das Ich, hinter dem gerade die Empfängnis seines Werkes lag…“ möchte dieses unbedingt noch vollenden. „Mit meinem Tode würde nicht nur der einzige Bergarbeiter verschwunden sein, der befähigt war, diese Erze zu schürfen, sondern sogar das Vorkommen selbst…“ Aber gerade diese Angst, nicht mehr rechtzeitig fertig werden zu können, treibt ihn an. „Die Krankheit hatte mir, als sie mich wie ein strenger geistlicher Berater der Welt absterben hieß, einen Dienst erwiesen.“

Nun gewinnt man bei der Lektüre allerdings den Eindruck, dass Marcel bei einer gesünderen Lebensführung (er schreibt die Nächte durch und schläft am Tag, verlässt nie seine Wohnung und bewegt sich kaum) sowie einem niedrigeren Arbeitstempo trotz seines Lungenleidens womöglich noch deutlich länger hätte leben und schreiben können. Doch ist er in seinem Schreibrausch nicht mehr aufzuhalten: „Das Glück, welches ich jetzt verspürte, rührte nicht mehr aus einer rein subjektiven Spannung meiner Nerven her, die uns von der Vergangenheit isoliert, sondern im Gegenteil von einer Ausweitung meines Geistes, in dem sich die Vergangenheit neu gestaltete, zur Gegenwart wurde und mir – nur für den Augenblick, ach! – Ewigkeitswert verlieh. Ich hätte diesen gern an diejenigen weitergegeben, die ich mit meinem Schatz hätte bereichern können.“ „Ich fühlte mich gewachsen um das Werk, das ich in mir trug.“

„Weil aber die Menschen in dieser Weise noch alle Stunden der Vergangenheit enthalten, können sie denen, die sie lieben, so viel Leid antun, denn damit hegen sie in ihrem Innern auch viele Erinnerungen an Freuden und Wünsche, die für sie schon ausgelöscht sind, aber so grausam noch für den, der den geliebten Leib, um dessentwillen er an Eifersucht krankt – an einer solchen Eifersucht, dass er seine Zerstörung wünscht – betrachtet und in seiner gesamten Erstreckung über die Ebenen der Zeit erblickt. Denn nach dem Tode zieht die Zeit sich aus dem Körper zurück, und die schon so gleichgültig gewordenen, blassen Erinnerungen sind nun von der, die nicht mehr ist, fortgewischt und werden es bald auch von dem sein, den sie immer quälen, in dem aber endlich auch sie einmal sterben werden, wenn das Verlangen nach einem lebendigen Leib sie nicht mehr unterhält.“

„Ein Gefühl der Ermüdung und des Grauens befiel mich bei dem Gedanken, dass diese ganze lange Zeit nicht nur ohne Unterbrechung von mir gelebt, gedacht und wie ein körperliches Sekret abgelagert worden, und dass sie mein Leben, dass sie ich selber war, sondern, dass ich sie auch noch jede Minute bei mir festhalten musste, dass sie mich, der ich auf ihrem schwindenden Gipfel hockte und mich nicht rühren konnte, ohne sie ins Gleiten zu bringen, gewissermaßen trug. … Es schwindelte mir, wenn ich unter mir und trotz allem in mir, als sei ich viele Meilen hoch, so viele Jahre erblickte.“ So lassen sich am Ende „die Menschen als Wesen beschreiben, die neben dem so beschränkten Anteil an Raum, der für sie ausgespart ist, einen im Gegensatz dazu unermesslich ausgedehnten Platz … einnehmen in der ZEIT.“

Mit diesen Worten endet also die „Suche nach der verlorenen Zeit“, das vielleicht ambitionierteste Romanprojekt aller Zeiten, welches allein schon seiner Länge und Kompliziertheit wegen so gar nicht mehr in unsere kurzatmige Zeit zu passen scheint. Doch umso glücklicher kann sich schätzen, wer dennoch genug Zeit und Ruhe gefunden hat, um sich der Lektüre dieses Meisterwerks zu widmen – und mit einer Fülle ganz zeitloser Einsichten in die Untiefen seiner Existenz beschenkt wird. Und gibt es denn einen exklusiveren Club als den Club der Rechercheure?

Marcel Proust
Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Band 7: Die wiedergefundene Zeit
Übersetzung von Eva Rechel-Mertens, 500 Seiten
Suhrkamp Verlag

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justament.de, 4.3.2019: Ich bin einzigartig!

Trendbücher (2): „Die Gesellschaft der Singularitäten“ von Andreas Reckwitz

Thomas Claer

Die Älteren unter uns werden sich vielleicht noch erinnern: Es gab tatsächlich mal eine Zeit, in der die meisten Menschen „normal“ sein und möglichst nicht auffallen wollten. Man war völlig zufrieden, wenn man einfach nur einer von vielen war. Doch das ist lange her. Inzwischen leben wir nämlich längst in einer – Achtung, jetzt kommt das Schlagwort! – „Gesellschaft der Singularitäten“. Der Soziologe Andreas Reckwitz (Jahrgang 1970), Inhaber eines Lehrstuhls für Kultursoziologie in Frankfurt/Oder, hat mit dieser Formulierung den heutigen Zeitgeist auf den Punkt und zugleich auf den Begriff gebracht. Nicht weniger als eine neue Gesellschaftstheorie auf 485 Seiten präsentiert er in seinem gleichnamigen, mittlerweile vielgerühmten Werk.

Singularisierung bedeutet darin „das komplizierte Streben nach Einzigartigkeit und Außergewöhnlichkeit, die zu erreichen freilich nicht nur subjektiver Wunsch, sondern paradoxe gesellschaftliche Erwartung geworden ist.“ Für Reckwitz ist sie kein bloßes Rand- oder Oberflächenphänomen, sondern steht schon seit den 1970er/1980er Jahren „im Zentrum der spätmodernen Gesellschaften“ und markiert einen „struktureller Bruch zwischen der industriellen Moderne und der Spätmoderne“. „Jener bis in die 1970er Jahre herrschende westliche Subjekttypus, den David Riesmann als ‚sozial angepasste Persönlichkeit‘ beschrieb, der Durchschnittsangestellte mit Durchschnittsfamilie in der Vorstadt, ist in den westlichen Gesellschaften zur konformistisch erscheinenden Negativfolie geworden, von der sich das spätmoderne Subjekt abheben will.“ Als „Leitmilieu der Spätmoderne“ hat der Verfasser die „hochqualifizierte Mittelklasse“ ausgemacht: „An alles legt man nun den Maßstab der Besonderung an: wie man wohnt, was man isst, wohin und wie man reist, wie man den eigenen Körper oder den Freundeskreis gestaltet. Im Modus der Singularisierung wird das Leben nicht einfach nur gelebt, es wird kuratiert. … Die allgegenwärtigen sozialen Medien mit ihren Profilen sind eine der zentralen Arenen dieser Arbeit an der Besonderheit. Das Subjekt bewegt sich hier auf einem umfassenden sozialen Attraktivitätsmarkt, auf dem ein Kampf um Sichtbarkeit ausgetragen wird, die nur das ungewöhnlich Erscheinende verspricht.“ Kurz gesagt: „Singularitätsmärkte sind primär Aufmerksamkeits- und Attraktivitätsmärkte“.

Aber wie konnte es überhaupt so weit kommen, dass inzwischen beinahe jeder etwas ganz Besonderes sein will? Laut Reckwitz liegt dies vor allem an drei sich wechselseitig verstärkenden Faktoren: (1) dem Entstehen einer postindustriellen Ökonomie der Singularitäten (im Anschluss an die industrielle „organisierten Moderne“, die ihren Höhepunkt ca. 1920 bis 1970 erreicht hatte), (2) der technischen Revolution der Digitalisierung (die sich in den vergangenen Jahren noch einmal enorm beschleunigt hat) sowie (3) einer vom Lebensstil der neuen Mittelklasse getragenen Authentizitätsrevolution (für die nach 1968 die Werte der Individualität und Authentizität maßgeblich wurden). Ein ökonomischer, ein technologischer und ein soziokultureller Faktor wirken hier also zusammen.

Interessant ist ferner, was Reckwitz zur „Singularisierung der Arbeitswelt“ zu sagen hat: „Vor allem die Arbeitssubjekte selbst werden in der Spätmoderne singularisiert, gefragt sind nicht allein formale Qualifikationen, sondern ist die Pflege eines originellen, möglichst einzigartigen Profils, also ein in seiner Zusammensetzung jeweils singuläres Bündel aus Kompetenzen, Talenten, Potentialen und Persönlichkeitsmerkmalen, das die Nicht-Austauschbarkeit und Unterscheidbarkeit des Arbeitssubjekts sicherstellt. Die Kompetenz-, Talent- und Potenzialbündel der Subjekte kommen in der singularistischen Arbeitswelt nicht in Form von formal-sachlicher Leistung und allgemeiner Vergleichbarkeit zur Geltung, sondern als Performanz. Das spätmoderne Arbeitssubjekt ist ein Performanzarbeiter, der seine Einzigartigkeit, ähnlich einer Casting-Konstellation, vor einem Publikum aufführt.“ Die Rede ist auch von einer „Selbstsingularisierung des Profil-Subjekts“.

Problematisch an dieser Entwicklung ist nun allerdings, dass sie den gesellschaftlichen Zusammenhalt unterminiert. Denn seit den 1980er Jahren, so Reckwitz, lasse sich „eine verstärkte Polarisierung zwischen neuer Mittelklasse (zuzüglich der Oberklasse) und der neuen Unterklasse (und teilweise der alten Mittelklasse) ausmachen“. „Während die neue Mittelklasse eine offensiv zur Schau getragene Selbstkulturalisierung betreibt, dominiert in der Unterklasse die Alltagslogik des ‚muddling through‘ (d.h. des sich Durchwurschtelns oder Durchs-Leben-Quälens). Durch ‚Prozesse der Valorisierung und Entwertung zwischen den Klassen‘ werden die Lebensformen der Unterklasse (und zum Teil auch der alten Mittelklasse) zum Gegenstand der Entwertung. Charakteristisch für die Gesellschaft der Singularitäten ist also eine ‚Kulturalisierung der Ungleichheit‘“. Das bedeutet, dass der distinktive (vor allem auf einer kulturellen Ebene großkotzige) Lebensstil der großstädtischen Mittelklasse, ihre Praktiken des Essens, Wohnens und Reisens u.s.w. – von der Altbauwohnung im angesagten Szeneviertel bis zum Yoga-Camp in Fernost – eine ständige Provokation all derer darstellen, die davon ausgeschlossen bleiben und sich abgehängt fühlen. „Die Kultur dient als Ressource zur Bereicherung und Aufwertung des Selbst“ – auf Kosten derer, die sich nicht dazu gehörig fühlen (müssen). „Der Liberalismus der grenzenlosen Märkte hat die Polarisierung zwischen hoch- und geringqualifizierter Arbeit, zwischen sozialkulturellen Aufsteigern und Absteigern, zwischen Boomregionen und schrumpfenden Regionen weiter entfesselt.“ So wird die Singularisierung zur „Quelle von Defiziterfahrungen“ und zum „Enttäuschungsgenerator“. Laut Reckwitz ist unsere Gesellschaft politisch herausgefordert, auf diese sozialen und kulturellen Entwertungsprozesse eine Antwort zu geben.

Andreas Reckwitz
Die Gesellschaft der Singularitäten
Suhrkamp Verlag 2017 485 Seiten; 28 Euro
ISBN: 978-3-518-58706-5

justament.de, 4.2.2019: Die nächste Gesellschaft

Trendbücher (1): „4.0 oder Die Lücke die der Rechner lässt“ von Dirk Baecker

Thomas Claer

Stehen wir gerade erst an der Schwelle zur digitalen Gesellschaft oder sind wir womöglich schon mittendrin? Wie auch immer, für eine fundierte sozialwissenschaftliche Theorie dieser „nächsten Gesellschaft“ sei es noch zu früh, meint der ebenso renommierte wie umtriebige Soziologe Dirk Baecker in seinem neuen Büchlein „4.0 oder Die Lücke die der Rechner lässt“. Er belässt es daher, wie er es ausdrückt, bei „Probebohrungen“ – und hat dann doch eine erhebliche Menge genauer Beobachtungen und tiefgründiger Überlegungen zur Thematik zusammengetragen.16 Thesen über die Zukunftsfähigkeit der nächsten Gesellschaft hatte der 1955 in Karlsruhe geborene Luhmann-Schüler und Professor für Kulturtheorie und Management an der Universität Witten/Herdecke bereits 2011 aufgestellt. Mittlerweile sind daraus 26 geworden, und nun diskutiert und erläutert er sie ausführlich in einem (nur äußerlich) schlichten kleinen Bändchen aus dem rührigen Merve-Verlag.

Wofür aber, so fragt man sich, steht wohl die ominöse „4.0“ im Buchtitel? Laut Baecker sind es ganz maßgeblich die jeweils genutzten Medien, die einer Gesellschaft ihren Stempel aufdrücken. Drei solcher Medien-Epochen lägen historisch bereits hinter uns, die vierte beginne gerade vor unseren Augen. Baecker unterscheidet zwischen der tribalen, antiken und modernen Gesellschaft – mit den ihnen entsprechenden Medien-Epochen der Mündlichkeit (1.0), der Schriftlichkeit (2.0) und des Buchdrucks (3.0) – und der gerade heraufziehenden „nächsten“ Gesellschaft mit dem Leit-Medium der digitalen Netzwerke.

Jede seiner 26 Thesen widmet sich einem Thema oder Lebensbereich und den in diesem jeweils bestehenden Unterschieden zwischen den genannten vier Gesellschaftsepochen. Besonders aufschlussreich ist eine am Ende des Buches platzierte „tabellarische Übersicht“, die diese Unterschiede auf markante Stichworte verkürzt. Der neugierige Leser wird diese Tabelle natürlich nicht erst am Ende, sondern gleich am Anfang seiner Lektüre studieren. So liest man z.B. zum Thema Strukturform die Stichworte: Stamm (Tribale G.) –> Schicht (Antike G.) –> Funktionssysteme (Moderne G.) –> Netzwerke (nächste G.). Bei Konsum heißt es: Reziprozität (Tribale G.) –> Tugend (Antike G.) –> Konformität (Moderne G.) –> Stil (nächste G.). Zum Thema Recht steht dort übrigens: Gebote und Verbote (Tribale G.) –> Kodex (Antike G.) –> positives Recht (Moderne G.) –> Immunsystem (nächste G.). Bezüglich der Liebe heißt es: Gelegenheit (Tribale G.) –> Begehren (Antike G.) –> Leidenschaft (Moderne G.) –> Rücksicht (nächste G.). Und zum Stichwort Vertrauen steht dort: Magie (Tribale G.) –> Götter (Antike G.) –> Technik (Moderne G.) –> Design (nächste G.)…

Das alles klingt schon reichlich spannend und vielversprechend, doch stellt sich beim anschließenden Lesen der ausformulierten Kapitel des Buches eine gewisse Ernüchterung ein. Als Nicht-Soziologe versteht man leider längst nicht alles, aber doch genug, um eine Ahnung von den großen Verwerfungen zu bekommen, welche die digitale Neuformatierung unserer Gesellschaft mit sich bringen wird. Und manches kennt man ja bereits allzu gut aus eigenem Erleben: „Die Menschen werden derweil immer ungeduldiger. Sie erwarten die blitzartige Schnelligkeit digitaler Verbindungen auch von jeder anderen Materie, mit der sie es zu tun haben. Das immerhin war in der Moderne noch anders, von der Antike zu schweigen. Hier war es nicht der momenthafte Zerfall, sondern die Verfügbarkeit von Leerzeiten, die jeglicher Synchronisation von Körper, Geist und Gesellschaft zugrunde lag. Man konnte warten, bis das eine zum anderen kam. Für dieses Warten geht jeder Sinn verloren.“ (S.85) Im Kapitel über die Liebe heißt es im Hinblick auf die elektronischen Medien: „Jetzt ist der andere nahezu jederzeit woanders. Einerseits. Andererseits kann er jederzeit auf den Displays dieser Welt in meiner Welt auftauchen“ (S.164). Und: „Die Netzwerke verknüpfen Elemente weder kausal noch zufällig, sondern gemäß einer von den Elementen selbst zu entscheidenden Attraktivität der Nachbarschaft.“ (S.62) „Das Netzwerkereignis schlechthin ist ein Kontakt von mir, Person A, zu Person B, die dank meines Netzwerks Person C kennenlernt, die für sie interessanter ist, als ich es bin. Dann bin ich draußen. Jede Vernetzung enthält präzise dieses Risiko, dem ich nur durch eine Arbeit an meiner Identität im Spiegel des Netzwerks, das ich bewusst oder unbewusst nicht verlieren möchte, etwas entgegensetzen kann. Privat ist derjenige, der dies nicht nötig zu haben glaubt.“ (S.205f.)

Düster fällt Baeckers Ausblick auf die Politik einer künftigen Gesellschaft aus: „Politik ist die Verfügung nicht mehr über den Ausnahmezustand (Carl Schmitt), sondern über digitale Plattformen…(S.99) Und zum (neuen) Wutbürgertum führt er aus: „Nur die Moderne unterschätzt eine auch politische Geometrie der Gefühle, wie sie von Aristoteles in seiner „Rhetorik“ so präzise beschrieben wurde wie von Baruch Spinoza in seiner „Ethik“ … Die Politik der nächsten Gesellschaft kann es sich nicht mehr leisten, die Dynamik der Affekte zu vernachlässigen.“ (S. 103) Im Kapitel über die Wirtschaft einer künftigen Gesellschaft befindet er: „Das Kalkül einer zwar unbekannten, aber möglichen Zukunft bietet im Spiegel der Datenmengen, die über heterogene Sachverhalte heute abrufbar sind, Kapitalisierungschancen, die keinen Stein auf dem anderen lassen.“ (S.113) Und über das Recht heißt es, es rücke gegenwärtig „in eine Netzwerkfunktion ein, die der Struktur der tribalen Gesellschaft mehr ähnelt als der der modernen Gesellschaft.“ (S.190) Und überhaupt: „In der nächsten Gesellschaft sucht das Recht den Konflikt nicht mehr nur in der Moral, im Gesetz oder im Argument, sondern im Datum und seiner Verknüpfung.“ (S.186) „Das Recht wird zu einem System der Datenhygiene. Man verhält sich so, dass belastende Daten gar nicht erst entstehen…“ (S.191)

Wenig ermutigend, wenn auch sehr erhellend, liest sich insofern das brillante Niklas Luhmann-Zitat: „Freiheit ist das Ergebnis der Fiktion, dass es sie gibt.“

Dirk Baecker
Die Lücke die der Rechner lässt
Merve Verlag Leipzig 2018
272 Euro, 22 Euro
ISBN-10: 3962730125

www.justament.de, 1.10.2018: Gretchenfragen

„Nach Gott“ – Peter Sloterdijks gesammelte Texte zur Religion

Thomas Claer

Dieses Buch ist lange bei mir liegen geblieben, länger als ein Jahr seit seinem Erscheinen. Bei meinen Kritiker-Kollegen war es damals nicht so gut angekommen: wieder nur eine Aufsatzsammlung, fast nichts Neues, immerhin ein Luther-Text im Luther-Jahr, ansonsten nur neue Aufgüsse alter Abhandlungen, teilweise sogar Abdrucke ganze Kapitel aus früheren Büchern. Doch zeigt sich hier wieder einmal, dass man nie zu viel auf die Meinungen anderer geben sollte. „Nach Gott“ ist zu großen Teilen sehr lesenswert, streckenweise brillant. Man kann sogar dankbar sein, dass die vielen verstreuten kleinen Aufsätze und Vorträge des Philosophen Peter Sloterdijk zur Thematik aus den letzten zweieinhalb Jahrzehnten hier einmal leserfreundlich zusammengestellt, geordnet und herausgebracht worden sind.

Die Religion also, ein ganz großes Thema. Wirklich gläubig sein kann man als aufgeklärter Mensch der Gegenwart eigentlich kaum noch. Dennoch ist der Hunger nach Transzendenz in unseren modernen Gesellschaften vielleicht größer als jemals zuvor. Auf der anderen Seite ist für die wenig gebildeten Massen in den wenig bevorzugten Weltregionen (und in manchen Einwanderermilieus westlicher Großstädte) ihr strenger Glaube wohl auch eine Art Grundnahrungsmittel, das sie mental am Leben erhält. Darüber sollte und darf man sich nicht lustig machen, gewiss nicht, aber ein leiser ironischer Unterton muss dennoch erlaubt sein. Und richtiggehend verspotten darf und sollte man natürlich all die religiösen Hardliner in der Welt, die selbst oft sehr scheinheilig sind und ihre Anhänger gegen alles Fremde und Abweichende aufhetzen. Alle diese Fragen werden in „Nach Gott“ angerissen oder sogar vertiefend abgehandelt. Besonders interessant sind auch die Ausflüge in die Psycholgie, in die Lehre von der Seele des Menschen, deren Vorstellung ja schließlich auch tief im Religiösen verwurzelt ist. Wie so oft bei Sloterdijk findet sich eine Überfülle origineller, witziger Gedanken.

Doch bringt der unterschiedliche zeitliche Ursprung der Texte es mit sich, dass einem eine Entwicklung in Sloterdijks Schreiben vollends bewusst wird, die man ohnehin bereits geahnt hat. Seine Anfänge in den Achtzigern mit der „Kritik der zynischen Vernunft“ waren erfrischend und verspielt. Dann aber, in den Neunzigern bis in die Nullerjahre hinein, waren seine Textproduktionen, vorsichtig gesagt, etwas zäh. Sein dreibändiges Hauptwerk „Sphären“ ist recht schwer verdauliche Kost. Ein ganzes Kapitel in „Nach Gott“, „Mir näher als ich selbst“, stammt aus dem ersten der Sphären-Bände von 1998. Da musste ich mich regelrecht durchquälen. Auch eine Abhandlung über die Gnosis von 1993 ist schon recht trocken geraten. Vermutlich stand er zu jener Zeit unter Unernsthaftigkeits-Verdacht, schließlich hatte er früher jahrelang in Indien in einer Hippie-Sekte gelebt und brauchte womöglich seriöse Werke, um sich fachliche Reputation zu verschaffen. Vielleicht ging es ihm auch um so etwas wie Rehabilitation angesichts des Skandals, den seine „Regeln für den Menschenpark“ (1997) ausgelöst hatten. Doch spätestens mit „Zorn und Zeit“ (2006) begann eine neue Phase seines Schreibens, die bis heute anhält und die man als seine beste bezeichnen kann. Nie waren seine Texte bissiger, zugespitzter, flüssiger. Bestes Beispiel dafür ist das – hier ebenfalls abgedruckte – wunderbar blasphemische Jesus-Kapitel aus „Die schrecklichen Kinder der Neuzeit“. Dass diese Veränderung auch mit einer allmählichen Verschiebung seiner politischen Grundierung weg vom Linksalternativen hin zum mitunter schon etwas Rechtslastigen zusammenfällt, ist wohl eher zufällig.

Einige wenige Stichworte und Zitate aus „Nach Gott“ mögen hier abschließend genügen, um einen kleinen Eindruck von Sloterdijks pointierter Formulierungskunst zu vermitteln: Die Moderne? „Am Treffpunkt von Wille und Vorstellung formt sich die Welt als Projekt und Unternehmen.“ Islamismus? „Die jungen Mörder und Selbstmörder, die zum äußeren Dschihad aufbrechen, haben ohne jede Theologie erfasst, wie sehr ein Gott vom Typus Allah eine unmögliche Figur abgibt, sobald man ihn vor dem Hintergrund einer modernen, das heißt von menschlichen Kreativitäten dynamisierten Welt betrachtet. … Attentate sind missratene Beweise eines Gottes, der die Welt nicht mehr versteht.“ Das Jüngste Gericht? „Impliziert die Logik eines Leihvertrages: Bei der Rücknahme der entliehenen Seele wird geprüft, ob diese vollständig und unbeschädigt erstattet wurde. Anderenfalls vollzieht der Leihgeber seine Rache an den Toten, die ihre Seele beschädigt, entstellt, verdunkelt zurückbringen.“ Der Gang der Aufklärung von Spinoza und Voltaire bis zur Postmoderne? „Eine Geschichte der Resignation vor der Heuchelei.“ Die Menschen? „Ontologisch aus der Bahn geratene Geschöpfe.“ Der Mensch? „Das Tier, das so tut als ob.“ Identität? „Die Selbst-Illusion des Schauspielers, der auch abseits der Bühne sein möchte, was er darstellt.“ Unbehagen an der Kultur? „Geht nicht bloß vom aufgenötigten Triebverzicht aus; es entspringt mehr noch der Belastung durch den Blick des unfreundlichen Anderen. … Existenz impliziert den permanenten Test, ob man sich sehen lassen kann.“ Der liebende Gott? „Seine Liebe blieb freilich oft ein Zwangsvertrag, von Drohungen durchsetzt. Auf liebende Götter jenseits der Ambivalenz wartet man bis auf weiteres, und bis zu ihrer Ankunft tun Menschen gut daran, sich um die Gestaltung ihrer Verhältnisse selbst zu kümmern.“ Und schließlich der „Konfessionskrieg unserer Tage“: „Aufstand der Massenkultur gegen die Hochkultur, der sich als Feldzug der Unzufriedenen gegen die ‚Eliten‘ maskiert…“

Peter Sloterdijk
Nach Gott
Suhrkamp Verlag 2017
364 Seiten; 28 Euro
ISBN-10: 351842632X

www.justament.de, 17.9.2018: Sommerhaus, 20 Jahre später

Justament-Autor Thomas Claer erinnert sich an Judith Hermanns gefeierten Erstling

Herbst 1998. Dieser kleine Erzählungsband einer gerade erst 28-jährigen Debütantin schlug ein wie eine Bombe. Ein seltsam verzückter Marcel Reich-Ranicki bekannte im Literarischen Quartett: „Ob das ein gutes, ein sehr gutes Buch ist, ich weiß es nicht. Aber ich weiß etwas anderes: dass wir eine neue Autorin bekommen haben und eine hervorragende Autorin. Nicht alle diese Geschichten sind gut, gewiss, aber es sind etwa vier, fünf, die mir ungewöhnlich scheinen… Der zentrale Satz dieses Buches lautet, und dieser Satz hat mich verblüfft, er scheint mir ungeheuerlich. Ich habe diesen Satz so noch nicht gelesen: ‚Glück ist immer der Moment davor.‘ Ein ganz erstaunlicher Satz. Und davon erzählen diese Geschichten…“ Sein Kollege Hellmuth Karasek glaubte, den „Sound einer neuen Generation“ zu hören und erkannte „neue Landschaften in der Literatur, neue Realitäten, auf die wir gewartet haben, und die es so dargestellt noch nicht gegeben hat.“ Nur Frau Löffler hatte wie üblich etwas zu bekritteln („Ein sehr eng umschriebenes Milieu, ein überschaubares Ambiente“).

Tags darauf kaufte ich mir das Buch in der Bielefelder Universitätsbuchhandlung und begann sofort zu lesen. Es war ganz nach meinem Geschmack. Die Geschichten spielten in einer Welt, die mir fremd war, aber gerade dadurch eine große Anziehungskraft auf mich ausübte. Waren wir damals eigentlich schon auf dem Sprung nach Berlin? Jedenfalls hat wohl auch dieses Buch dazu beigetragen, vier Jahre später endlich diesen Schritt zu wagen. Eine tiefe Melancholie durchzieht diese Erzählungen; ihr besonderer Zauber liegt in der sprachlichen Verknappung und den vielfältigen zarten Andeutungen. Nun ist es eine Binsenweisheit, dass jeder Leser eines Buches jeweils ein anderes Buch liest. Doch diese Geschichten mit ihren vielen Leerstellen fordern die Phantasie des Lesers auf besondere Weise heraus. Die Tragik dieser Autorin liegt darin, dass sie in ihren späteren Veröffentlichungen niemals wieder auch nur annähernd dieses hohe erzählerische Niveau erreichen konnte. (So ist das, wenn eine junge, hoffnungsvolle Autorin durch die Verwertungsmühlen des Literaturbetriebs gedreht wird.) Doch ändert dies – auch im Rückblick nach zwei Jahrzehnten – nichts am einzigartigen Rang von „Sommerhaus, später“.

Es versteht sich von selbst, dass man bei erneuter Lektüre mit großem zeitlichen Abstand wiederum ein anderes Buch liest. Besonders aufgefallen ist mir erst jetzt die – eigentlich sehr traditionelle – Immobilien-Metaphorik, vor allem in der Titelgeschichte. „Riesig und fremd und schön“ wirken die Häuser in der Frankfurter Allee auf die Ich-Erzählerin. Sie hat den Blick der jungen West-Berliner jener Zeit, denen sich neben ihrer alten Stadt plötzlich und unerwartet eine andere, neue geöffnet hat, die es zu entdecken gilt. Der junge, schöne (aus dem Osten stammende!) Taxifahrer, der die Ich-Erzählerin immer wieder durch die Frankfurter Allee kutschiert, während sie Massive Attack hören, versucht einiges, um ihre Liebe zu gewinnen. In ihrer freizügigen Künstler-Clique fühlt er sich nie so richtig wohl. Obwohl es hinsichtlich ihrer Freundinnen heißt: „Er vögelte sie alle“, ist es am Ende doch nur die Ich-Erzählerin, die ihm etwas bedeutet. Schließlich geht er aufs Ganze und kauft – nur für sie! – ein verfallenes Sommerhaus in Brandenburg, um ihr darin gewissermaßen ein Nest zu bauen. Kaufpreis: 80.000 Mark. („Woher hast du 80.000 Mark??“ „Du stellst die falschen Fragen.“) Sie muss nur noch einziehen. Aber ihr geht das zu schnell. Monatelang lässt sie alle seine Postkarten unbeantwortet; wenn aber mal einen Tag keine kommt, ist sie enttäuscht. „Später“, denkt sie. Am Ende hat sie zu hoch gepokert, und die Katastrophe nimmt ihren Lauf. Oder liegt gerade hierin der ultimative Liebesbeweis?

Ebenfalls um ein Sommerhaus geht es in der Erzählung „Diesseits der Oder“, die mir schon damals besonders gefallen hat. Ein 47-jähriger Berliner Drehbuchautor verbringt die warme Jahreszeit mit Frau und kleinem Kind im Oderbruch. „Alles Schwachsinn. Er reibt sich die Augen und fühlt sich müde. Die Zeiten, in denen er jedermann: ‚Was denkst du?‘ und ‚Was machst du?‘ gefragt hat, sind vorbei. Koberling kann sich nicht vorstellen, diese Fragen überhaupt je gestellt zu haben. Widerliche, fast peinvolle Erinnerung an nächtelanges Kneipenhocken, an Idealaustausch, Illusionszertrümmerung, emporgezüchtete Gemeinschaftlichkeit. Verlogen alles, denkt Koberling.“ Und: „Liegenbleiben. Einfach liegenbleiben, im Erschöpfungszustand, in der Schaukel zwischen Wachen und Träumen. Niemals hat er sich am Morgen, nach achtstündigem Schlaf, erfrischt und ausgeruht gefühlt. Immer erschöpft. Früher, in den Nächten in seiner Einzimmerwohnung, Berlin und Winter, war er eingeschlafen mit einem Grauen vor all den Tagen, Monaten, Jahren, die da noch auf ihn warteten. Eine Zeit. Eine Zeit, die ausgefüllt, besiegt, zunichte gemacht werden musste. Dann kam Constanze…“ Einen solch tiefen Blick eines so jungen schreibenden Menschen in die Seele seiner literarischen Figuren gab es wohl zuletzt 1901, als Thomas Mann 25-jährig die „Buddenbrooks“ verfasste…

Die vielleicht verstörendste Geschichte in „Sommerhaus, später“ ist „Sonja“. Beim erneuten Lesen konnte ich mich kaum noch an irgendwelche Einzelheiten der Handlung erinnern, und schon gar nicht an das Ende, dafür aber sehr genau an die Atmosphäre: Berlin der Nachwendezeit, verfallene Häuser, riesige Altbauwohnungen mit Kohleofenheizungen, Partys mit Tom Waits-Beschallung und absonderlichen Gesprächen unter absonderlichen Menschen. Ein Künstler, dessen Leben anfangs in ruhigen Bahnen verläuft, trifft auf eine kleine exzentrische junge Dame, die sich beharrlich in sein Leben drängt und ihn schließlich emotional von sich abhängig macht…

Und schließlich spielt noch eine der Geschichten weit weg von Berlin, auf einer Karibikinsel, wo zwei Freundinnen zusammensitzen. „Das Spiel heißt ‚Sich-so-ein-Leben-vorstellen‘, es hat keine Regeln. Man kann es spielen, wenn man auf der Insel abends bei Brenton sitzt, man sollte zwei, drei Zigaretten rauchen und Rum-Cola trinken…“ Von diesen kleinen, feinen, so sehr dem damaligen Zeitgeist verhafteten und dennoch ganz zeitlosen Erzählungen kann man sich immer wieder aufs Neue bezaubern lassen.

Judith Hermann
Sommerhaus, später
Fischer Taschenbuchverlag
192 Seiten; 12,00 Euro
ISBN: 978-3-596-14770-0

www.justament.de, 1.7.2018: Kein ehrlicher Makler

Der neue Berlin-Roman „Skandinavisches Viertel“ von Torsten Schulz

Thomas Claer

Rund um den Arnimplatz in Prenzlauer Berg gibt es viele Straßen mit skandinavischen Namen: Dänenstraße, Malmöer Straße, Bornholmer Straße und noch einige mehr. Andere Straßen dieser Gegend sind jedoch nach brandenburgischen Orten benannt wie die Seelower oder die Schönfließer Straße. Den jungen Matthias Weber, der hier in den Siebzigerjahren seine Kindheit in grauer DDR-Tristesse verlebt, bringt dies auf die Idee, das „Skandinavische Viertel“ hinsichtlich seiner Straßennamen zu vereinheitlichen. Eines Nachts überklebt er die Straßenschilder der brandenburgisch benannten Straßen ersatzweise mit weiteren skandinavischen Namen, die er sich schon seit langem für sie überlegt hat. Auch eine Osloer und eine Stockholmer Straße sind dabei, die es zwar schon jenseits der Grenzanlagen im Wedding gibt, doch der Westen ist zu jener Zeit ohnehin unerreichbar…

Der Romancier und Drehbuchautor Torsten Schulz, bekannt u.a. durch „Boxhagener Platz“, hat in seinem neuen Roman ein brandheißes Thema aufgegriffen: die Jagd nach dem „Betongold“ in unserer Hauptstadt. Doch in erster Linie geht es in „Skandinavisches Viertel“ um den Immobilienmakler Matthias Weber und seine wechselvolle Lebensgeschichte. Nach knapp einem Jahrzehnt in der großen, weiten Welt, in Buenos Aires, Kapstadt und Los Angeles (wo er sich freilich überall nur mehr schlecht als recht als prekärer Journalist durchgeschlagen hat) kehrt Matthias bald nach der Jahrtausendwende zurück an die Orte seiner Kindheit und wird, was er keineswegs beabsichtigt hat, Wohnungsmakler in Prenzlauer Berg, genauer gesagt: ausschließlich im Skandinavischen Viertel.

Nun wird mancher einwenden, dass Immobilienmakler zu den unsympathischsten Berufsgruppen überhaupt gehören. Und in der Tat: Womit sie ihr Geld verdienen, hat schon etwas von Wegelagerei. Man kann es sich so vorstellen, dass sich jemand auf eine der wenigen Brücken über einen Fluss stellt und allen den Weg versperrt, die nicht seine Dienste in Anspruch nehmen wollen, die darin bestehen, die Betreffenden gegen einen hohen Obolus über die Brücke zu begleiten, die sie aber ebenso gut auch alleine überqueren könnten. Zugegeben, es ist auch mit etwas Arbeit verbunden, eine Wohnung zu verkaufen. Aber dafür 7,1 Prozent des Kaufpreises dem Käufer zu berechnen, der den Makler gar nicht bestellt hat, ist eine legale Unverschämtheit sondergleichen. Und unser Gesetzgeber ändert nichts an diesem skandalösen Zustand, sondern beschließt ein bürokratisches Monster namens Baukindergeld, statt die Immobilienkäufer schlicht durch die generelle Einführung des Bestellerprinzips für Makler zu entlasten. Soll doch der Verkäufer den Makler bezahlen, wenn er ihn unbedingt benötigt. Aber das nur so am Rande geschimpft…

Roman-Makler Matthias Weber, und das spricht für ihn, ist sich immerhin seiner prinzipiellen Überflüssigkeit bewusst. Doch ist er opportunistisch genug, dieses Pferd weiter zu reiten, solange es ihn noch trägt. Er ist gewissermaßen die Idealbesetzung als Makler, da er schon in seiner Kindheit und Jugend hemmungslos und glaubhaft lügen konnte, dass sich die Balken bogen. Und so verfährt er dann später auch mit seinen Kunden: „Es gibt eine ganze Reihe von Interessenten. Soll ich Sie auf die Liste setzen?“ Oder: „Die Wohnung ist schon verkauft.“ Solche Sprüche kennt jeder, der schon einmal mit Immobilienmaklern zu tun hatte. Doch bei Matthias stehen die Dinge noch etwas anders. (Schließlich befinden wir uns nicht in der Wirklichkeit, sondern in einem Roman.) Erstens hat er es schon nach einigen Jahren als Makler nicht mehr nötig, noch jedem Euro hinterherzulaufen, indem er die Preise künstlich hochtreibt. Das liegt weniger an seinen hohen geschäftlichen Umsätzen als vielmehr an mehreren Immobilien-Schnäppchen, die er auf teilweise abenteuerliche Weise für sich selbst an Land ziehen konnte und die jahraus, jahrein weiter an Wert gewinnen. Er wird nämlich innerhalb weniger Jahre nacheinander Eigentümer von gleich fünf Wohnungen, die sich ihrerseits allesamt im Skandinavischen Viertel befinden: der selbstgenutzten Dreizimmerwohnung in der Malmöer Straße (mit ihr fing alles an), in der früher seine Großeltern gewohnt haben, sowie außerdem von vier weiteren kleinen vermieteten Wohnungen (jeweils 46 bis 48 qm groß) in der Schönfließer und Ueckermünder Straße. Von den bescheidenen Mieteinnahmen könnte Matthias, der einen wenig glamourösen Lebensstil pflegt (kein Auto, keine teuren Restaurants, keine teuren Reisen), im Notfall ohne weiteres leben. Weshalb er sich beruflich und auch sonst von niemandem, und schon gar nicht von seinen Kunden, etwas sagen lässt. Zweitens nutzt Matthias die große Machtfülle, die ihm quasi als Herrn über die allseits heiß begehrten Wohnungen in der angesagten Trendlage zukommt, um selbst darüber zu bestimmen, wer künftig im Viertel wohnen soll und wer nicht. Die mit der dicksten Brieftasche lässt er besonders gerne abblitzen: Russische Oligarchen etwa haben bei ihm keine Chance. Auch die wohlhabenden Eltern aus Westdeutschland, die ihren verwöhnten Kindern zum Studium oder Berufseinstieg eine Bleibe in Berlin kaufen wollen, weist er gerne zurück. Willkommen ist hingegen der kleine Handwerksmeister aus Lichtenberg… Gibt es Mängel in den Wohnungen wie Schimmel-Stellen, macht Matthias seine Kunden penibel darauf aufmerksam. Dass eine Wohnung deshalb nicht genommen wird, ist aber noch nie vorgekommen. Jeder, der überhaupt in Prenzlauer Berg zum Zuge kommt, ist froh und dankbar. Doch hat es schon 2002, darüber wird als Kuriosum am Rande berichtet, einen jungen dänischen IT-Mann gegeben, der nicht in Prenzlauer Berg, sondern lieber im wenig einladenden benachbarten Wedding gekauft hat, für weniger als die Hälfte pro qm. Warum nur, fragen sich alle, greift er ausgerechnet in einer so schlechten Gegend zu? Aus heutiger Sicht hat er sich als kluger, vorausschauender Investor erwiesen…

Wenn der Roman den Werdegang seines Protagonisten über mehrere Jahrzehnte schildert, dann tut er das keineswegs streng chronologisch, sondern eher schubweise und mit vielen Zeitsprüngen. Für den Leser ist diese Erzählweise angenehm abwechslungs- und spannungsreich, da er viele interessante Details über das familiäre Umfeld, wie auch der Protagonist selbst, erst nach und nach erfährt. Das Besondere an Matthias ist, dass er zwar gut vernetzt ist, jedoch keine Freunde im eigentlichen Sinne besitzt. Er ist Einzelkämpfer durch und durch. Wichtige Bezugspersonen für ihn kommen entweder aus seiner Familie (Eltern, Großeltern und ein Onkel) oder sind seine, oft nur kurzzeitigen, Partnerinnen.

Matthias‘ Umgang mit Frauen ist gewissermaßen ein Kapitel für sich. Eigentlich ständig ist er auf der Suche nach der einen großen Liebe seines Lebens, hat sie aber bis kurz nach seinem 50. Geburtstag (hier bricht der Roman ab) noch nicht gefunden. Stattdessen hat er, der als äußerlich sehr anziehend beschrieben wird, zum Teil jahrelang, mit Frauen zusammengelebt, die er nie richtig geliebt hat, und sie alle irgendwann verlassen. Doch hat er wirtschaftlich enorm von ihnen profitiert, insbesondere von der Charlottenburger Maklerin, die ihn über das Körperliche-Sexuelle hinaus auch in ihren Beruf eingeführt hat. Hinzu kommt, dass Matthias recht spezielle erotische Vorlieben hat, was das Alter seiner Freundinnen betrifft: Seit seiner ersten Beziehung als 23-jähriger Journalistik-Student mit seiner 41-jährigen Philosophie-Dozentin ist Matthias nämlich fixiert auf Frauen im Alter von Anfang vierzig („manchmal älter, aber niemals jünger“), was sich über die Jahre nicht verändert, nur dass die betreffenden Frauen naturgemäß nicht dauerhaft in diesem Alter verbleiben. In allen Lebensphasen ist Matthias sexuell aktiv. Doch seit er wieder in Berlin lebt und sich von der Maklerin (mit deren ausschweifendem Lebensstil er wenig anfangen kann) getrennt hat, beschränkt er sich auf flüchtige Affären mit (oftmals verheirateten) Kundinnen sowie lose Internetbekanntschaften, jeweils im von ihm favorisierten Alter, versteht sich…

Die Qualität eines Romans, so sagte es Marcel Reich-Ranicki einmal, zeige sich in der Darstellung der Sexualität. Hier trenne sich regelmäßig die Spreu vom Weizen. Nun spielt dieser Bereich in „Skandinavisches Viertel“ auch durchaus eine Rolle, doch liegt die große Stärke dieses Romans woanders, nämlich in der fesselnden Darstellung Matthias‘ erst allmählich zutage tretender verworrener Familiengeschichte, die voller – politisch und historisch aufgeladener – Geheimnisse steckt. Immer wieder, bis zuletzt, erfahren wir neue Details, die alles bisher Bekannte in neuem Licht erscheinen lassen. Das proletarisch-versoffene urwüchsige Prenzlauer Berg-Milieu, dem Matthias entstammt, ist glänzend beschrieben. So wie der trunksüchtige Onkel, als dessen größte Lebensleistung es Matthias ansieht, dass er allen seinen Stamm-Kneipen in der Gegend lustige Spitznamen gegeben hat, die Matthias nie vergessen wird. (Man versteht gut, dass Matthias auf seine Weise noch etwas davon in die neue Zeit hinüberretten möchte, doch wird im Verlauf der Romanhandlung immer deutlicher, dass er in dieser Hinsicht auf verlorenem Posten steht.) Überhaupt wirkt die Darstellung der Figuren sehr lebendig, obwohl es immer wieder um den Tod geht, der schließlich die gesamte Familie hinwegrafft. Eine Beerdigung reiht sich an die nächste. Am Ende steht Matthias ganz alleine da mit seinen fünf Wohnungen, die ihn durch ihren rasanten Preisanstieg in den letzten Jahren zum Millionär gemacht haben dürften: beruflich angeschlagen, ohne Familie, ohne Freunde und ohne Liebe. Wer wird in ferner Zukunft seiner Beerdigung beiwohnen? Eine tiefe Melancholie durchzieht das Geschehen. Was alles überdauert hat, sind allein Matthias‘ sexuelle Obsessionen… Torsten Schulz ist ein eindrucksvolles Buch gelungenen.

Torsten Schulz
Skandinavisches Viertel. Roman
Klett-Cotta 2018
266 Seiten; 20,00 EUR
ISBN: 978-3-608-98137-7

 

www.justament.de, 11.6.2018: Wider den zerebralen Chauvinismus

In „Die Wurzeln der Welt“ präsentiert Emanuele Coccia eine „Philosophie der Pflanzen“

Thomas Claer

„Ach, was kümmern mich die Pflanzen?“ Wer so spricht, der weiß nicht, wovon er redet. Auch der Rezensent muss einräumen, in seinem bisherigen Leben der Pflanzenwelt eher mit Gleichgültigkeit begegnet zu sein. Doch es ist nie zu spät zur Umkehr. Wer „Die Wurzeln der Welt“ des französischen Philosophie-Professors Emanuele Coccia, Jahrgang 1976, gelesen hat, blickt gleichsam mit neuen Augen auf alles um sich herum. Dieses Buch ist nicht nur die Rehabilitierung der grünen Mitbewohner unseres Planeten für eine mehrere Jahrtausende währende Ignoranz durch den Menschen, sondern es eröffnet dem Leser zugleich auch einen völlig anderen Blick auf das große Ganze. Doch wirklich neu ist dieser Blick eigentlich gar nicht. Schon in der Antike, aber durchaus auch noch später gab es Anhänger einer „organischen“ Weltsicht, denen die moderne Aufspaltung aller Wissenschaften in immer detailliertere Unterdisziplinen zutiefst suspekt gewesen ist. (Ihr prominentester Vertreter war zweifellos Johann Wolfgang von Goethe.) Jedoch wurden sie allmählich, über die Jahrhunderte, verdrängt von den Fachidioten aller Disziplinen, denen es nur auf Spezialwissen und nicht mehr auf Welterkenntnis ankam.

Inzwischen befinden wir uns aber vermutlich bereits in einem Prozess der Kehrtwende. Man denke nur an den Boom der traditionellen asiatischen Medizin hierzulande, welche nicht die jeweiligen Krankheitssymptome, sondern stets den kranken Menschen als Ganzen vor Augen hat. Und diese ihrerseits beruht schließlich auf der antiken chinesischen Philosophie, die ebenfalls nie etwas anderes als ganzheitlich orientiert gewesen ist. Und wie der diesem Buch angehängte immense Apparat aus Fußnoten beweist, gibt es mittlerweile auch eine umfangreiche wissenschaftliche Literatur (vor allem aus dem Überschneidungsbereich von Biologie und Philosophie), die emsig daran arbeitet, das ganzheitlich-organische Denken der unverbindlichen Esoterik zu entreißen und in die Fachwissenschaften zurückzuholen.

Es war klar, dass dieses Buch etwas taugen musste, wenn Koryphäen wie Denis Scheck (ARD) und Burkhard Müller (Süddeutsche Zeitung) es empfehlen. Doch es ist trotz seines schmalen Umfangs (der eigentliche Text besteht aus gerade einmal 150 Seiten) alles andere als leichte oder auch nur leicht verdauliche Kost. Es verlangt seinem Leser so einiges ab. Auch bei konzentrierter Lektüre bleiben immer wieder dunkle Stellen zurück, die sich dem Verständnis widersetzen. Doch das Entscheidende wird klar gesagt: Die Pflanzen sind die Grundlage allen Lebens. Ohne sie gäbe es uns Tiere nicht – und uns Menschen schon gar nicht. Keiner von uns könnte auch nur kurze Zeit ohne die Luft existieren, die allein die Pflanzen für uns bereitstellen. Es sind die Pflanzen, die mit der Photosynthese das Sonnenlicht für sich und alle anderen Lebewesen in Energie umzuwandeln verstehen. Durch unsere Atmung stehen wir in einem ständigen Austausch mit der Pflanzenwelt, ja wir sind mit ihr weitaus enger verbunden, als es uns vielleicht je bewusst geworden ist. Und nicht nur das: Die Pflanzen waren es, die erst für die Entstehung einer Atmosphäre gesorgt haben. Sie haben die Erde weitaus intensiver umgestaltet als alle Tierarten zusammen. (Und erst wir Menschen können sie heute, im Anthropozän, auf schreckliche Weise übertreffen, indem wir in unserer Hybris alle unsere Lebensgrundlagen vernichten.) Mit welcher Kraft sich die Wurzeln der Pflanzen in tiefste Schichten der Erde schieben, mit welcher Anmut sich ihre Blätter in den Lüften wiegen! Die Pflanzen verkörpern die denkbar intensivste Form der Weltaneignung. Und ihre Blüten und Samen, der Urtypus aller Sexualität, sind nichts anderes als pure Rationalität.

Schon als Jugendlicher hat mich bei der Lektüre von „Im Anfang war der Wasserstoff“ des unvergesslichen Pioniers des Wissenschaftsjournalismus Hoimar v. Ditfurth ein Satz nicht losgelassen: „Es gibt Verstand auch ohne Gehirne.“ Ditfurth konstatierte dies im Hinblick auf Strategien der Evolution. Emanuele Coccia sieht das genauso. Er zitiert sogar zustimmend einen Kollegen, der sich dem „zerebralen Chauvinismus“ widersetzt, wonach die Vernunft erst mit den Gehirnen in die Welt gekommen sei. Die Gehirne nehmen, so gesehen, nur etwas in sich auf, das womöglich bereits von Anfang an in der Welt vorhanden war. Für Coccia bedeutet Leben das Sich-Mischen mit der Welt. Jeder ist Teil der Welt und trägt weite Teile der Welt in seinem Inneren. Wer sich zunächst einmal für ein Individuum hält, hat wenig verstanden. Die Welt steht niemals still, sondern sie fließt in erster Linie. Wer lebt, taucht in die Welt ein (und die Welt in ihn). Es ist kein Zufall, dass uns zumeist jene Kunst am heftigsten ergreift, in die sich am tiefsten eintauchen lässt: die Musik.

Was folgt nun aber aus all dem?, fragt man sich abschließend. Eine ganze Menge. Wer etwa die Darwinsche Evolutionstheorie, wonach zufällige Mutationen und anschließende Selektionsprozesse die Haupttriebkräfte aller Entwicklung des Lebens auf der Erde gewesen sein sollen, schon immer für sehr unplausibel gehalten hat, kann sich bestätigt sehen. Es sind wohl in der Tat ganz andere Kräfte am Werk. Doch genau hier liegt das Problem. Leider haben wir noch keine nüchterne, sachliche Sprache für diese Dinge. Diese zu erahnen, blieb lange Zeit nur Metaphysikern und Literaten vorbehalten. Und auch Coccias fulminantes Buch ist wohl nur als einer der ersten fachwissenschaftlichen Versuche anzusehen, denn es steht ganz sicher bei der übergroßen Mehrzahl seiner Kollegen längst unter stärkstem Esoterikverdacht…
Als letztes noch eine kleine Anekdote: Als ich vor Jahren mit einem Nachhilfeschüler aus der Oberstufe während der Sommerferien u.a. Goethes „Faust“ las (seine Mutter bezahlte mich dafür, ihren Sohn dreimal wöchentlich auf lehrreiche Weise zu bespaßen, da er ansonsten ohnehin nur Blödsinn triebe), zeigte sich mein Schüler vom Handlungsverlauf des Dramas tief enttäuscht. „Mephisto sollte Faust doch zeigen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Aber was hat er ihm stattdessen gezeigt? Doch nur die erotische Liebe.“ Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen… „Vielleicht ist es das ja gerade?“, gab ich zu bedenken. Doch überzeugte dies meinen Schüler keineswegs: „Also das kann es ja wohl nicht sein.“ „Vielleicht ja doch“, bleib ich hartnäckig. Ein weiterer Anwärter auf jene Urkraft-Rolle ist nun Coccias Durchmischungs- und Eintauch-Prinzip.

Emanuele Coccia
Die Wurzeln der Welt. Eine Philosophie der Pflanzen
Hanser Verlag München, 3. Auflage 2018
188 Seiten; 20,00 Euro
ISBN 978-3-446-25834-1

www.justament.de, 11.12.2017: Sei produktiv!

Manfred Osten denkt nach über „Goethe und das Glück“

Thomas Claer

„Ja renn‘ nur nach dem Glück“, heißt es bei Bertolt Brecht im Lied von der „Unzulänglichkeit menschlichen Strebens“, „doch renne nicht zu sehr. Denn alle rennen nach dem Glück, das Glück rennt hinterher.“ Vielleicht ist die Suche nach dem Glück sogar die Königsdisziplin der Lebenskunst. Denn auch wer womöglich schon alles im Leben erreicht hat, ist deshalb noch lange nicht glücklich. Und umgekehrt! Manfred Osten, Jahrgang 1938, promovierter Jurist, langjähriger Diplomat und als Generalsekretär a.D. der Alexander von Humboldt-Stiftung so etwas wie ein Universalgelehrter ersten Ranges, hat sich in seinem neuen kleinen, feinen Büchlein auf die Suche nach der universellen Glücksformel begeben und zum Gewährsmann bei diesem ambitionierten Unterfangen keinen Geringeren als Deutschlands Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) erwählt. Und da von Goethe neben seinen unerschöpflichen Werken auch noch unzählige sonstige Bekundungen – etwa in Briefen oder in Mitschriften seiner Gesprächspartner – überliefert sind, ja man kann wohl sagen: der Nachwelt kaum eine seiner Äußerungen von Belang verloren gegangen sein dürfte, war es für einen profunden Goethe-Kenner wie Manfred Osten selbstredend ein Leichtes, eine Menge einschlägiger Bemerkungen Goethes über das Glück im menschlichen Leben nicht nur zusammenzutragen, sondern auch gewissenhaft zu ordnen und aufschlussreich zu kommentieren.

Also, worin liegt es denn nun, das Geheimnis des Glücks? Kurz gesagt ist das Glücklichsein eine Kunst, die zwar dem einen mehr, dem anderen weniger in die Wiege gelegt sein mag, die sich aber doch von jedem erlernen und trainieren lässt (was nicht immer leicht ist!) und die darin besteht, die jeweils spezifischen eigenen Glücksquellen nach Kräften auszuschöpfen. Nicht weniger als 15 solcher Glücksquellen hat Osten, auf Goethe zurückgreifend, ausgemacht, etwa die ständige Achtsamkeit und Aufmerksamkeit für sich selbst, für seine Mitmenschen, aber auch für all die Dinge um sich herum. Ebenfalls große Bedeutung hat das Eigentum, allerdings gerade nicht das materielle, dessen Anhäufung nur kurzfristige Erfüllung mit sich bringt und stattdessen immer aufs Neue die unersättliche Gier anstachelt und so – im Gegenteil – zu einer Quelle des Unglücks werden kann (so wie es bei Goethes Anti-Helden Faust geschieht), sondern das immaterielle Eigentum nach Goethescher Lesart: „Ich weiß, daß mir nichts angehört,/ Als der Gedanke, der ungestört/ Aus meiner Seele will fließen, / Und jeder günstige Augenblick,/ Den mich ein liebendes Geschick/ Von Grundaus läßt genießen.“ Hier sind wir wohl an der Wurzel des Glücks: „Der verständige Mann muss sich nur mäßigen, so ist er auch glücklich“, heißt es im „Wilhelm Meister“. Es gilt also, die eigenen überschießenden Begierden unter Kontrolle zu bringen, sich selbst im Zaum zu halten, gewissermaßen zu kultivieren und zu zivilisieren. Und diese Begierden, noch besser, in produktive Bahnen zu lenken: Kaum etwas ist für die meisten Menschen beglückender, als selbst etwas zu erschaffen, schöpferisch tätig zu sein. Dass dies oft ein quälender Prozess ist, versteht sich von selbst. Manfred Osten spricht von der „Geburt des Glücks aus dem Geiste der Verzweiflung“, welche Goethe sogar als Pflicht bezeichnet hat, da nur ein völlig stumpfsinniger Mensch den Zustand der Welt und die eigene Rolle in ihr klaglos hinzunehmen imstande sei. Und überhaupt: „Unglück bildet den Menschen und zwingt ihn sich selber zu kennen.“

Doch ist nun einmal nicht jeder zum Dichter oder Künstler berufen. Vielleicht auch für all jene hat Goethe sich zu einer Bemerkung hinreißen lassen, in der er vorsichtig noch eine andere Art von beglückender Produktivität andeutet: „Ich werde mich hüten, deutlicher zu sein; aber ich weiß am besten, was mich im höchsten Alter jung erhält, und zwar im praktisch-productiven Sinne, worauf denn doch alles ankommt“, schrieb er an den Komponisten Zelter. Diese Stelle hat Manfred Osten wohlweislich nicht in sein Buch aufgenommen… Aber genug davon. Der Rezensent ist hier am Ende seiner Besprechung angelangt und kann sich, welch ein Glück, seiner nächsten Lektüre widmen.

Manfred Osten
„Gedenke zu leben! Wage es, glücklich zu sein!“ oder Goethe und das Glück
Wallstein Verlag 2017-12-07 120 Seiten; 18,00 Euro
ISBN-10: 3835330241

www.justament.de, 16.10.2017: Eindrucksvolle Milieustudie

„Wiener Straße“ von Sven Regener

Thomas Claer

Ah, es gibt Neues von Sven Regener. „Wiener Straße“ ist der nunmehr fünfte Roman in seiner beliebten Lehmann-Reihe. Und er springt, den Nachwende-Exkurs des Vorgängers „Magical Mystery oder Die Rückkehr des Karl Schmidt“ hinter sich lassend, noch einmal zurück ins gute alte Kreuzberg im Herbst 1980 und erzählt exakt da weiter, wo „Der kleine Bruder“, sein Vorvorgänger, aufgehört hat. Denn schließlich möchte man als langjähriger Regener-Leser ja auch noch erfahren, wie der junge Frank Lehmann eigentlich zu seinem Job als Barkeeper in Erwin Kächeles Kneipe „Einfall“ gekommen ist, den er dann bis ins Wendejahr 1989 innehatte und wohl auch noch etwas darüber hinaus innegehabt haben muss – bis zu seinem späteren Aufstieg als Gesellschafter einer auf Partygastronomie spezialisierten GmbH (an der Seite von Erwin Kächele), von dem in „Magical Mystery“ beiläufig die Rede war.

Auffällig ist zunächst, dass der Roman formal neue Wege geht. Waren die ersten drei Bände noch Musterbeispiele des „personalen Erzählens“, d.h. es wurde alles ausschließlich aus der Sicht des Protagonisten Frank Lehmann geschildert, allerdings nicht in der Ich-Form, so hatten wir es in „Magical Mystery“ mit Lehmann-Kumpel Karl Schmidt als Ich-Erzähler zu tun. Nun aber wird abwechselnd die Sicht immer anderer Romanfiguren eingenommen, ohne dass es einen auktorialen (allwissenden) Erzähler gäbe, man könnte dies als multipersonales Erzählen bezeichnen. Somit ist Frank Lehmann in diesem Buch nur noch einer von vielen, die ihre jeweilige Sicht der Dinge darlegen, wenn auch stets in der Er- bzw. Sie-Form. Nacheinander kommen so Erwin Kächele (er besonders ausführlich), der Performance-Künstler H.R. Ledigt, Erwins Nichte Chrissie, deren aus Schwaben anreisende Mutter Kerstin, der Fake-Hausbesetzer P. Immel (der in Wirklichkeit Hauseigentümer ist und dessen wahrer Name Peter v. Immel lautet), sein Mitbewohner Kacki, der ZDF-Reporter Prohaska, der für ein Kulturmagazin aus dem besetzten Haus berichtet, sowie der Kunstausstellungskurator Wiemer zu Wort.

Nun wurde dem Roman vorgehalten, und zwar von keinem Geringeren als Gustav Seibt in der Süddeutschen Zeitung, dass er nur eine recht belanglose Handlung habe und allenfalls als volkstümliche Mundart-Prosa überzeugen könne. Tatsächlich wird diesmal auch der eingeborenen Berliner Bevölkerung, den „Allet frisch-Berlinern“, die u.a. als Verkäuferinnen, Polizisten und Kaffeemaschinen-Monteure auftreten, breiter Raum gewidmet („Uff jeden, sa‘ ick ma.“). Doch dürfte man diesem Buch eher gerecht werden, wenn man es nicht nur als solitäres Werk, sondern auch als Etappe in der besagten Reihe betrachtet. Es erzählt einen Teil der Vorgeschichte der liebgewonnenen Figur Frank Lehmann – und das ganze Drumherum. Wir lernen mehrere Nebenfiguren besser kennen. Kurz gesagt, wer bis hierhin alle Regener-Romane gelesen hat, wird auch von „Wiener Straße“ nicht enttäuscht sein. Ganz im Gegenteil.

Und überhaupt das damalige Leben in West-Berlin… Es ist schon eine Art Schlaraffenland gewesen, vor allem nach heutigen Maßstäben. Für ein WG-Zimmer im Altbau mitten in Kreuzberg (allerdings auch nur mit Ofenheizung) zahlte man 150 Mark. Die Stundenlöhne in der Kneipe lagen bei 8 bis 10 Mark. Heute, 37 Jahre später, schlagen sich die Gastronomie-Mitarbeiter (und nicht nur sie) mit nominal ganz ähnlichen Stundenlöhnen von 4 bis 5 Euro durch. Das WG-Zimmer kostet aber durchschnittlich 450 Euro, also das Sechsfache von damals! Und natürlich ist auch fast alles andere entsprechend teurer geworden. Wer soll da noch Zeit und Kraft z.B. für Kunst haben, wenn schon das Bestreiten des Lebensunterhalts derart kostspielig geworden ist. Seinerzeit, 1980, ging das aber noch sehr gut!

Bemerkenswert ist ferner noch die sich mit jedem Band steigernde Virtuosität des Regenerschen Satzbaus. Mitunter erinnern die ausufernden Wortkaskaden schon an Regeners heimliches Vorbild Thomas Bernhardt. Und schließlich lässt der Roman inhaltlich eine nicht ganz unbedeutende Frage offen und weckt so den Appetit des Lesers auf weitere Fortsetzungen: Wird sich die bislang nur sehr subtile Annäherung zwischen Frank Lehmann und Erwin Kächeles Nichte Chrissie weiter fortsetzen? Die Antwort gibt es, vielleicht, in ein paar Jahren.

Sven Regener
Wiener Straße
Galiani-Berlin 2017
304 Seiten; 22,00 EUR
ISBN-10: 3869711361

www.justament.de, 25.9.2017: Der Gegenpapst

Die zweibändige Autobiographie des Literatur-Professors und Großintellektuellen Karl Heinz Bohrer

Thomas Claer

Es war wohl das Großereignis des Jahres im deutschen Kulturbetrieb: die vor einigen Monaten erschienenen Lebenserinnerungen Karl Heinz Bohrers (geb. 1932), des immer streitbaren und notorisch umstrittenen Homme de lettres, der insbesondere als FAZ-Literaturblatt-Redakteur in Frankfurt und Kulturkorrespondent in London, als Literatur-Professor in Bielefeld und später in Stanford und nicht zuletzt als langjähriger Herausgeber und scharfzüngiger Kolumnist des „Merkur. Zeitschrift für europäisches Denken“ brillierte. Und da ich seinerzeit in den Neunzigern an der Uni Bielefeld, wo er neben Luhmann (Soziologie), Wehler und Koselleck (Geschichte) zu den Superstars der Professorenzunft gehörte, oftmals und gerne seine Seminare besucht hatte, die ich all den trockenen juristischen Lehrveranstaltungen bei weitem vorzog, und mir das alles noch lebhaft in Erinnerung geblieben ist, lag nichts näher, als diesen Sommer der Lektüre ebendieser Autobiographie namens „Jetzt. Geschichte meines Abenteuers mit der Phantasie“ zu widmen, mitsamt den schon 2012 erschienenen, aber bislang von mir noch nicht gelesenen Jugenderinnerungen „Granatsplitter“. Nach 862 Seiten Karl Heinz Bohrer kann ich sagen: Es war interessant und abwechslungsreich, es hat sich gelohnt.

Damals in Bielefeld erlebte ich, als ich meine heutige Frau, die damals Literaturwissenschaft studierte, erstmals in ein Bohrer-Seminar begleitete, einen zunächst griesgrämig wirkenden Mann jenseits der 60 mit extravaganter Frisur, der jedoch, sobald er zu reden begann, gleichsam erstrahlte und aus dem feurige Begeisterung sprühte für all das, was er seinen Zuhörern mitzuteilen hatte: Das absolute Präsens! Die radikale Melancholie! Das dionysische Prinzip! Die Ästhetik des Schreckens! Die Imagination! Die Plötzlichkeit! Und immer wieder warf er große Namen in den Ring: Baudelaire! Malarmé! Maupassant! Friedrich Nietzsche! Walter Benjamin! Es war schwindelerregend. Nun muss ich einräumen, dass sich meine literarischen Kenntnisse damals, mit Mitte zwanzig, in dem erschöpften, was ich – immerhin – aus der Fernsehsendung „Das Literarische Quartett“ und der Lektüre einiger gewichtiger Romane, hauptsächlich von Thomas Mann und Fjodor Dostojewski, mitgenommen hatte. Von Marcel Reich-Ranicki, der sich, wie ich heute weiß, vor allem an Georg Lukacs und dem literarischen Realismus orientierte, hatte ich gelernt, dass die literarische Moderne maßgeblich aus Thomas Mann und Bertolt Brecht bestand. Nun traf ich aber auf jemanden, der das ganz anders sah, und mir öffnete sich eine neue Welt. Fast noch interessanter allerdings, als die bedeutende Literatur selbst zu lesen, das muss ich zugeben, war es, Karl Heinz Bohrer zuzuhören, wenn er darüber redete. (Das war mir zuvor mit Reich-Ranicki aber auch schon so ähnlich gegangen…) Und auch vom Charisma her stand Bohrer dem alten Ranicki in nichts nach, nur dass er inhaltlich mitunter schwerer zu verstehen war. Alles war komplizierter und auch manchmal nebulöser als bei MRR, aber so ungefähr verstand man schon, was er meinte. Es wurde erzählt, Prof. Bohrer sei nur dienstags bis donnerstags an der Uni anwesend und fahre danach immer gleich wieder zurück an seinen Wohnort Paris. Ja, Paris! Darunter machte er es nicht. Ein Leben in der ostwestfälischen Provinz, so habe er sich mal geäußert, komme für ihn nicht in Frage. Eine Stadt wie Bielefeld sei ihm unerträglich! Klar, als Herausgeber einer „Zeitschrift für europäisches Denken“!
Ich begann, Karl Heinz Bohrers frühere Kolumnen im Merkur zu lesen. Obwohl er immer eine radikale Autonomie der Kunst befürwortete und insbesondere deren politische Vereinnahmung entschieden bekämpfte – wer etwa Ernst Jüngers „In Stahlgewittern“ für üble Kriegsverherrlichung hielt, sei borniert und habe die einzigartige poetische Wucht dieser Sprache nicht verstanden! – hielt ihn das umgekehrt nicht davon ab, ästhetische Maßstäbe auf Fragen der Politik anzuwenden. In seinen köstlichen Glossen ließ er vernichtende Donnerschläge auf Deutschland hinabfahren, das er für zutiefst provinziell, sein Lieblingsbegriff war der Provinzialismus, in jeder Hinsicht hielt – mit einem so mittelmäßigen und konturlosen Mann wie Helmut Kohl an der Spitze, den er nach all dessen Jahren an der Macht einfach nicht mehr ertragen konnte. Verglichen mit Bohrers Wohnorten London und Paris erschien dann selbst die deutsche Hauptstadt Berlin nur als ländlich, beschränkt und zurückgeblieben. Die Politiker ohne Format, die Menschen ohne Stil und Manieren. Dass etwa die Bielefelder Studenten mit angebissenen Pizzastücken in seine Vorlesung kamen, so etwas gäbe es in England oder Frankreich nicht! Und besonders schlimm fand er den gesinnungsethischen (also verantwortungslosen) deutschen Pazifismus, mit dem sich die Deutschen wohl, so sein Verdacht, von ihrer verbrecherischen Vergangenheit reinwaschen wollten, aber sich stattdessen bei ihren Nachbarn – vor allem in London und Paris – nur erneut und erst recht verdächtig machten.
Als Symbolfiguren für das angebliche west- und später gesamtdeutsche Nachkriegselend hatte er die Mainzelmännchen ausgemacht, jene harmlosen, jämmerlich winselnden Pausenclowns aus dem ZDF-Werbefernsehen, die stellvertretend für die ganze deutsche Malaise stünden. Nun ja, mit solchen Tiraden hat Karl Heinz Bohrer sich natürlich nicht gerade überall beliebt gemacht. Und auch ich fühlte mich beim Lesen oftmals zum Widerspruch herausgefordert. Dennoch gefielen mir seine Texte sehr. Es war eine gänzlich andere Sichtweise auf die Dinge. Sicherlich war das, wie es ein Journalist einmal genannt hat, „intellektueller Stammtisch“, aber immer auf hohem Niveau und überaus originell. Auch seine Aversionen gegen die Friedens- und Umweltbewegung, die sich mit ihren omnipräsenten Bannern und Transparenten (gerade an der Uni Bielefeld) in seinen Augen als Gesinnungskitsch der schlimmsten Sorte ausnahm, konnte ich auf einer ästhetischen Ebene durchaus nachvollziehen, obgleich ich inhaltlich sogar streckenweise mit ihr sympathisierte.
Die seit 1998 regierende rot-grüne Koalition beurteilte Bohrer dann aber überraschend wohlwollend, vor allem wohl, weil deren Repräsentanten in seinen Augen gestandene Persönlichkeiten waren. Einmal betonte er im Seminar, die deutschen Grünen an der Regierung würden in Paris und London sehr misstrauisch beobachtet, da sie irrationale ideologische Wurzeln hätten, die manchen an ungute deutsche Traditionen erinnerten. Doch würde er, Bohrer, sie dort dann immer verteidigen, denn in ihren Reihen gäbe es hervorragende Leute, die unser Land ausgezeichnet repräsentierten, z.B. „Wie heißt sie noch gleich? Jutta…?“ Ich saß ganz vorne im Seminarraum und schlug vor: „Jutta Ditfurth?“ Darauf Bohrer empört: „Nein, um Gottes willen!! Wie heißt denn unsere Bundestagsvizepräsidentin??“ Ich legte nach: „Antje Vollmer?“ Ja, genau die meinte er.
In einer seiner Merkur-Kolumnen schrieb er über Physiognomie und behauptete, dass sich aller politischer Korrektheit zum Trotz sehr wohl vom Aussehen und insbesondere dem Gesicht eines Menschen auf dessen Persönlichkeit schließen lasse, der beste Beleg dafür seien doch die Politiker der Bundesregierung (damals noch der schwarz-gelben). Natürlich stehe Kohl seine ganze Mittelmäßigkeit ins Gesicht geschrieben, und Blüm sei ein Kassenbrillenmodell kleinbürgerlich-rechter Sozialdemokratie in der CDU u.s.w. Hingegen erkenne man an der soignierten Vornehmheit eines Klaus v. Dohnanyi doch gleich, aus welch guter Familie er komme…
Eine besondere Feindschaft pflegte Karl Heinz Bohrer zum SPD-Intellektuellen Peter Glotz, der ihn wegen seines entschiedenen Eintretens für die deutsche Wiedervereinigung als Vertreter eines neuen deutschen Nationalismus geschmäht hatte. Bohrer konterte daraufhin, Glotz sei ein Ideologe und „bornierter Parteimann“ und empfahl ihm die Lektüre eines Aufsatzes von Friedrich Schlegel…
In den letzten anderthalb Jahrzehnten hat Karl Heinz Bohrer sich dann wieder mehr auf seine literaturtheoretischen Themen konzentriert, weshalb ich ihn etwas aus dem Blick verloren habe. Umso erfrischender war für mich nun die Lektüre seines ausführlichen Lebensberichts.

Zunächst seine Jugenderinnerungen „Granatsplitter“, benannt nach den bunten glänzenden Absplitterungen von Flak-Granaten, die bei den Bombenangriffen auf seine Heimatstadt Köln vom Himmel regneten und von den Kindern aufgehoben und gesammelt wurden. Schon in frühem Alter ist Karl Heinz Bohrer, der aus einer großbürgerlich-liberalen Familie stammt, von seinem Vater, einem Ökonomen, auf den verbrecherischen Charakter der NS-Regierung hingewiesen worden. Der Vater steckte seinen Sohn, um ihm eine exzellente Erziehung zukommen zu lassen, in ein Elite-Internat nahe Freiburg im Breisgau. Dort machte er Bekanntschaft mit Kindern der Oberschicht, Sprösslingen von Adligen und Großbürgern, aber auch neureicher Industrieller, auf die in diesen Kreisen allerdings eher herabgeblickt wurde. Diese Sozialisation sollte sich als prägend für sein ganzes Leben erweisen. Als Anfang der fünfziger Jahre eine Delegation junger FDJler aus Ost-Berlin sein Internat besucht und die Jugendlichen aus Ost und West miteinander diskutieren, ist der junge Bohrer nach der Lektüre von Arthur Koestlers „Sonnenfinsternis“ bereits glühender Anti-Kommunist. Die FDJler attestieren ihm, der die westliche Freiheit verteidigt, ein falsches Bewusstsein, da es im Westen doch nur eine Freiheit für die Reichen gäbe, was man doch im Übrigen schon an diesem Elite-Internat sehen könne, in dem man sich gerade befinde. Da entgegnet der junge Bohrer, sein Vater sei keineswegs reich und habe als Universitätsassistent nur ein so kümmerliches Gehalt, dass er, der Vater, sogar sein Familienerbe habe angreifen müssen, um ihm den Aufenthalt im Internat bezahlen zu können… Politisch verortet sich Karl Heinz Bohrer zwar als eher liberal als konservativ, pflegt aber zeitlebens eine besondere Abneigung gegen die politische Linke. Nichts interessiert diesen vielseitig interessierten jungen Mann nach eigener Aussage weniger als die Verbesserung der Situation armer Menschen. Diese „asoziale Grundhaltung“, die er sich selbst ohne Anflüge von Reue bescheinigt, erstaunt umso mehr, als er die entfesselte Phantasie, wie es auch der Untertitel des zweiten Bandes verrät, zu seinem Lebensprinzip erhoben hat. Doch bringt er offenbar keinerlei Phantasie dafür auf, sich vorzustellen, wie er sich wohl ohne diese familiäre Prägung und elitäre Erziehung entwickelt hätte. Auf diesem Auge sieht er rein gar nichts, wohingegen sein Blick auf die Kunst, vor allem die Literatur, und auf alles Schöne schon in früher Jugend ungeheuer scharf ist. Freimütig berichtet er von seinen jugendlichen Leiden unter der mangelnden Gelegenheit zum Ausleben der eigenen Sexualität. Aus heutiger Sicht muss man wohl sagen, zum Glück, denn wie so viele andere Intellektuelle ist offenbar auch er zum großen Teil – so weiß es zumindest die einschlägige Küchenpsychologie – durch sexuelle Frustration zu dem geworden, der er ist. (Ob aus der heutigen „Generation Tinder“ überhaupt noch jemals Intellektuelle hervorgehen werden, möchte man fast bezweifeln…)

Im zweiten Band ist Karl Heinz Bohrer dann schon Leiter des Literaturteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. In der Redaktion dieser Zeitung sitzen nur Leute „aus den besten Familien“. Wichtiger für seine Einstellung als alle akademischen Abschlüsse war nach eigener Einschätzung sein früherer Besuch des richtigen Internats. Auch wenn er dort, wie wir im ersten Band erfahren haben, beinahe von der Schule geflogen wäre, nachdem er einmal wutentbrannt einen Lehrer geohrfeigt hatte. Und in seiner Studentenzeit saß er sogar zwei Wochen im Gefängnis – wegen Unfallflucht nach einem Verkehrsunfall (verursacht als Radfahrer, Bohrer hatte nie einen Führerschein).
Die späten Sechzigerjahre erlebt er als eine berauschende Zeit. Die revolutionäre Stimmung, die mit allem Althergebrachten aufräumt, findet er großartig, obgleich ihm alles Marxistische herzlich zuwider ist. Kurioserweise ist er sogar ziemlich eng mit der späteren Terroristin Ulrike Meinhof befreundet, wobei er aber allen Gerüchten entgegentritt, er hätte „etwas mit ihr gehabt“. Sie habe ihn einfach gemocht, weil er ihr so interessiert zugehört habe, vermutet Bohrer. Allerdings habe sie noch kurz vor ihrer Verhaftung bei ihm übernachtet, was ihm einigen Ärger mit seinen Herausgebern bereitete…
Als FAZ-Literaturchef bringt Karl Heinz Bohrer dann aber immer wieder so komplizierte Texte, die kein Mensch versteht, dass er – nach ein paar Jahren im Amt – unter dem neuen Herausgeber Joachim Fest kurzerhand abgesetzt und – ausgerechnet – durch den weniger akademischen Marcel Reich-Ranicki ersetzt wird. Für Bohrer bricht eine Welt zusammen. Wer soll nun den Lesern die „wahre literarische Moderne“ nahebringen, wo doch dieser Ranicki genau die in seinen Augen falschen Autoren hochschätzt und die eigentlichen Heroen verschmäht? So hält Reich-Ranicki Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“ für ein missratenes Werk, während er für Bohrer das non plus ultra ist. Stattdessen bevorzugt Reich die großen Gesellschaftsromane des 19. und 20. Jahrhunderts, die Bohrer nur zum Gähnen bringen…

Bohrer wird also Anfang der 1970er Jahre bei der FAZ zum Kulturkorrespondenten degradiert und – immerhin! – nach London versetzt, von wo aus er großartige Berichte und Reportagen über alles Mögliche schreibt. Er interessiert sich neben dem hochkulturellen Leben in dieser Stadt aber auch sehr für Fußball und die Gesänge der Fans oder die Popmusik aus den Einwanderer-Vierteln. Als Maggie Thatcher an die Macht kommt, findet Bohrer sie als Person mit kleinbürgerlicher Handtasche völlig unmöglich (wie hatte er bis dahin von den englischen Politikern geschwärmt!), wenngleich er ihrer neoliberalen Politik gegen die damals noch mächtigen Gewerkschaften einiges abgewinnen kann. So interessant aber das Leben in London für ihn ist, sehnt er sich doch nach einer größeren geistigen Herausforderung – und das wird 1982 die Professur in Bielefeld! Ausgerechnet an dieser linksversifften Reform-Uni! Nur durch eine Verkettung glücklicher Zufälle und eine exzellente Probe-Vorlesung bekommt er den begehrten Lehrstuhl. Zuvor war er vom Leiter der Auswahlkommission, einem marxistischen Literatur-Historiker in zerschlissener Kleidung und mit einer Dose Bier in der Hand, mit den Worten begrüßt worden: „Du siehst hier heute keinen Stich!“

Der notorische Einzelgänger Bohrer hält sich fern von seinen Professoren-Kollegen und fährt nach den Vorlesungen lieber schnell zu seiner Geliebten in Wuppertal, der unehelichen Tochter eines bekannten Literatur-Professors mit einer Lyrikerin. Diese betörend schöne und 20 Jahre jüngere Dame namens Undine ist ein großer Fan seiner Werke, hat alle seine Bücher gelesen. Sie wird Karl Heinz Bohrers zweite Ehefrau. (Von seiner langjährigen ersten ist im Buch nur ganz am Rande die Rede gewesen.) Mit ihr geht er für ein Gastsemester nach Paris – und Undine gefällt es dort so gut, dass sie gar nicht mehr weg will! Fortan pendelt Ehemann Karl Heinz wöchentlich mit dem Zug nach Bielefeld und wieder zurück nach Paris in die prächtige Wohnung am Montmartre. Undine, die ihre literaturwissenschaftliche Promotion längst abgebrochen hat, wird freie Schriftstellerin und verfasst von der Kritik und ganz besonders von ihrem Ehemann hochgelobte Romane und Erzählungen. Die gut dotierte Professur erlaubt ihnen ein ausschweifendes Leben in Paris, obwohl Undine mit ihren Werken, wie beiläufig bemerkt wird, „keinen Cent verdient“. So verleben sie wunderbare Jahre. Doch dieses Glück ist nicht von Dauer. Undine wird krank, sehr krank, und stirbt schließlich mit kaum fünfzig Jahren an einem seltenen Nervenleiden. Ihr inzwischen in Bielefeld emeritierter Mann pflegt sie jahrelang hingebungsvoll – und steht nach ihrem Tod ziemlich alleine da. Doch mittlerweile hat sich sein exzellenter wissenschaftlicher Ruf in aller Welt herumgesprochen. Mit fast siebzig Jahren tritt Karl Heinz Bohrer noch eine Professur in Stanford/Kalifornien an. Angebote aus London lehnt er ab, weil sein Englisch dafür nicht gut genug sei. Für Amerika findet er es hingegen völlig ausreichend.

Am Ende siedelt sich Karl Heinz Bohrer, der sich absolut nicht vorstellen kann, noch einmal in Deutschland zu leben, dann wieder in London an, wo er abermals sein privates Glück gefunden hat. Seine dritte Ehefrau ist die Enkeltochter eines der Attentäter des 20. Juli 1944, alter preußischer Adel, was ja genau seinem Geschmack entspricht. Sie ist ebenfalls auf dem besagten Elite-Internat gewesen und hat als kleines Mädchen den einige Jahre älteren Karl Heinz als Schauspieler in einem Theaterstück bewundert. Ihre Mutter war dort Lehrerin, Karl Heinz Bohrers Lieblingslehrerin genau genommen, die bei ihm erotische Träume hervorgerufen hat… Als Pensionär und Buchautor in London wird der alte Bohrer nun allerdings in seinen Ansichten zunehmend reaktionärer. Habe er früher noch Wert darauf gelegt, nicht als Teil der konservativen Opposition zu gelten, sei ihm das nach den Anschlägen des 11. September 2001 egal geworden. Jedes Appeasement gegenüber dem radikalen Islam hält er für verfehlt. Auch habe ihn schon als Teenager das Stück „Nathan der Weise“ nicht wirklich überzeugt. Klar, dass er Angela Merkels Flüchtlingspolitik im Jahr 2015 für eine Katastrophe hält. Und er ist auch der Meinung, dass zu viele Schwarze in London leben, die sich doch ganz überwiegend überhaupt nicht integrieren könnten. Andererseits habe er aber vor kurzem zwei junge schwarze Frauen beobachtet, die sich ganz im Stile der englischen Oberschicht unterhielten. Und dann seien sie auch noch so überaus elegant gekleidet gewesen. Das habe ihm dann doch wiederum sehr gefallen… Und bei der letzten Bürgermeisterwahl in London habe er sogar für den pakistanischstämmigen Labour-Kandidaten gestimmt – aber nur, weil dieser ihm kompetenter erschien und um den Tory-Kandidaten zu verhindern, von dem er befürchtete, unter ihm würden noch mehr hässliche Hochhäuser in der Stadt errichtet. Er sieht nun einmal alles durch die ästhetische Brille…

Karl Heinz Bohrer
Granatsplitter: Eine Erzählung
Carl Hanser Verlag 2012
320 Seiten; 19,90 EUR
ISBN-10: 3446239723

Karl Heinz Bohrer
Jetzt: Geschichte meines Abenteuers mit der Phantasie
Suhrkamp Verlag 2017
542 Seiten; 26,00 EUR
ISBN-10: 351842579X