Category Archives: Über Bücher

justament.de, 10.8.2026: Häppchenweise

Gustav Seibt ermöglicht uns einen “Sommer mit Goethe”

Thomas Claer

Keiner kennt alles von Goethe, zumindest fast keiner. Gustav Seibt (geb. 1959), den man als Deutschlands besten Feuilletonisten bezeichnen könnte (früher FAZ, seit langem SZ), hat nun einen feinen Sammelband herausgebracht, der sich an ein interessiertes Publikum mit überschaubaren Vorkenntnissen und begrenztem Zeitbudget richtet, das mehr über den maßgeblichen deutschen Großautor erfahren und dabei sachkundig angeleitet werden möchte. In nur einem Sommer, so das Versprechen dieses Buches, könne der Leser täglich auf nur fünf bis sechs Buchseiten einen bestimmten Aspekt im Leben und/oder Werk Goethes vertiefen – jeweils mit ein paar einschlägigen Zitaten und Gustav Seibts Kommentaren. In seinem Vorwort empfiehlt der Autor allerdings, sich dafür jeden Tag zumindest eine halbe Stunde Zeit zu nehmen, denn über die reine Lektüre hinaus sollten die DInge ja anschließend auch noch durchdacht werden. So wie auch Goethe in seinem Terminkalender in seinem jedenfalls in der zweiten Lebenshälfte vollständig durchgetakteten Leben stets gesonderte Zeiten zum Durchdenken bestimmter Angelegenheiten eingeplant hatte.

Dies und weitere weniger bekannte Umstände zu Goethes Person und seinen Arbeiten erfährt man neben auch einigem Geläufigeren aus diesem Werk. Vermutlich sind nicht alle der 51 Miniaturstücke für jeden Leser gleichermaßen interessant, aber es dürfte ganz sicher für jeden, der sich auf dieses Vorhaben einlässt, eine Menge Erhellendes dabeisein – selbst für jene, die sich schon recht gut auszukennen glauben. Und auch wer wie der Rezensent die strenge zeitliche Dosierung nicht durchzuhalten vermag, also an manchen Tagen gar nichts und an anderen dafür gleich mehrere Kapitel nacheinander liest, kommt am Ende gewiss auf seine Kosten. Offen bleiben muss allein die Frage, ob dieses Konzept auch in anderen Jahreszeiten als dem Sommer funktioniert, denn die entspannte und gelassene Stimmungslage des Buches entspricht doch sehr der Lebensart und Leichtigkeit der warmen Urlaubssaison.

Wobei sich mitunter das Wohlgefühl auch erst im Kontrast zwischen dem eigenen Erleben und dem Geschriebenen einstellt. Wenn Goethe sein Leben so dermaßen rigoros verplant und hart gegen sich selbst geführt hat und dann gegenüber Eckermann bekennt:

„Man hat mich immer als einen vom Glück besonders Begünstigten gepriesen […] Aber im Grunde ist es nichts als Mühe und Arbeit gewesen, und ich kann wohl sagen, dass ich in meinen fünfundsiebzig Jahren keine vier Wochen eigentliches Behagen gehabt habe. Es war das ewige Wälzen eines Steines, der immer von neuem gehoben sein wollte.“,

so kann man nur sagen: Kein Wunder! Etwas mehr Work/Life-Balance wie in seinen jungen Jahren auf der Italien-Reise hätte ihm sicher gutgetan. Aber das nur am Rande. Das Themenspektrum in diesem Büchlein reicht, um nur Weniges herauszugreifen, von Goethes sprachlicher Präzision und Kürze (trotz seines umfangreichen Werkes konnte er mit mit wenigen treffenden Worten sehr viel zum Ausdruck bringen) über gesellschaftspolitische Fragen (Goethes widersprüchliche Einlassungen zur Despotie, die er an einer Stelle als ordnungsstiftend lobt und an anderer Stelle als rohe Willkürherrschaft tadelt) bis hin zu Lifestyle- und Selbstoptimierungsfragen in Goethes Novelle “Der Mann von fünfzig Jahren”.

Kurzum, wer sein Wissen über Goethe endlich einmal ausbauen oder wieder auffrischen möchte, trifft mit dieser Sommer-Lektüre eine gute Wahl.

Gustav Seibt
Ein Sommer mit Goethe
Verlag C.H. Beck, 1. Auflage 2026
272 Seiten; 25,00 Euro
ISBN: 978-3-406-843600

Kempowski hatte Schiss vor ihm

Ein Besuch im “Literaturhaus Uwe Johnson” in Klütz

Thomas Claer

Mit Uwe Johnson (1934-1984), dem großen deutschen Nachkriegsautor aus Mecklenburg, bin ich lange Zeit nicht richtig warm geworden. Seine übergenaue Sprache mutet sperrig an, schwerfällg, manchmal regelrecht umständlich. Obgleich er thematisch und auch sonst viel mit dem anderen großen Mecklenburger Autor aus jener Zeit, Walter Kempowski (1929-2007), gemeinsam hat, schreiben beide doch vollkommen unterschiedlich: Kempowski immer irgendwie leichthändig, fröhlich und beschwingt, aber Johnson wie gesagt eher schwerfällig und bedrückt, beinahe ungelenk, wenn auch dabei nicht ohne eigene Eleganz.

Meine Eltern waren, nachdem sie kurz vor dem Mauerfall in den Westen gekommen waren (und damit auch endlich Zugang zu Büchern ihrer Wahl hatten), große Fans von den beiden geworden: mein Vater vor allem von Walter Kempowski, aber meine Mutter in erster Linie von Uwe Johnson. Wohl mehr als zwei Jahrzehnte lang bekamen meine Eltern daher von mir jedes Jahr zu Weihnachten immer neue Bücher von Kempowski und Johnson geschenkt – so lange, bis sie schließlich alle von ihnen vollständig hatten. Heute stehen diese Bücher allesamt in einem separaten Regal im Flügelzimmer meiner Frau – als Andenken an meine Eltern. Erst nach deren Tod vor zehn Jahren begann auch ich, in den Büchern zu lesen, wobei mir Kempowski anfangs deutlich besser gefiel. Doch so langsam komme ich nun auch bei Johnson auf den Geschmack. Hatte ich mich vor etwa drei Jahrzehnten durch “Mutmaßungen über Jakob” noch geradezu hindurchquälen müssen, so kann ich dem ersten Band der “Jahrestage”, dessen Lektüre ich nun immerhin vor kurzem abgeschlossen habe, doch einiges abgewinnen.

Die “Jahrestage” spielen zwar 1967/68 in New York, enthalten aber unzählige Rückblicke ins fiktive Mecklenburgische Städtchen Jerichow, hinter dem unschwer der Ort Klütz zu erkennen ist. Auch die umliegenden Ortschaften Rande und Gneez sind für Eingeweihte leicht als Boltenhagen und Grevesmühlen zu identifizieren. Dort ganz in der Nähe habe ich gelebt – wenn auch dreißig bis fünfzig Jahre nach der Romanhandlung. Doch sind inzwischen ja auch schon wieder fast vierzig Jahre vergangen, seitdem ich dort gelebt habe. Jedenfalls war es für mich naheliegend, wenn man schon den Sommer in Rostock verbringt, endlich einmal dem “Literaturhaus Uwe Johnson” in Klütz einen Besuch abzustatten, zumal nachdem es vor ein paar Monaten anlässlich des zwischenzeitlich abgeblasenen und dann doch noch realisierten Auftritts von Michel Friedman dort so ins Gerede gekommen ist.

Ein Lübecker Uwe-Johnson-Enthusiast hat also vor zwanzig Jahren im nahegelegenen und ansonsten verschlafenen Städtchen Klütz, nur vier Kilometer von der Ostseeküste entfernt, in einem alten Kornspeicher ein Literaturhaus errichtet, das auf zwei Ebenen und auf relativ engem Raum eine gleichwohl sehr inhaltsreiche und vielsagende Dauerausstellung über Leben und Werk des schon 49-jährig verstorbenen Schriftstellers enthält. Man erfährt darin eine Menge, was man auch als jahrelang interessierter Beobachter noch nicht wusste, vor allem über Uwe Johnson als Person. Das deckt sich übrigens auch mit dem, was mein Vater, der Anfang der Fünfzigerjahre in Rostock Sportpädagogik und später auch noch Medizin studiert hat, über den Rostocker Literatur- und Anglistikstudenten Uwe Johnson zu berichten hatte. Als meine Eltern und ich uns in den Neunzigern eine Fernsehdokumentation über Uwe Johnson ansahen, rief mein Vater nämlich sogleich: “Den kenn’ ich doch! Den hab ich doch früher immer an der Uni ‘rumlaufen sehen, diesen komischen steifen Typen mit der Pfeife!”

Von Johnsons Schriftsteller-Kollegen, so erfährt man in der Klützer Ausstellung, konnte kaum jemand Zugang finden zu dem Eigenbrötler, der laut seinem langjährigen Freund und Nachbarn Günter Grass “nicht frei war von selbstzerstörerischen Zwängen”. Max Frisch, der ebenfalls in Berlin-Friedenau in der Nähe von Grass und Johnson gelebt hatte, erzählte von einem Abend mit Johnson, an dem dieser in seinen Ausführungen immerwieder thematisch wild hin und her gesprungen sei. Erst im Nachhinein sei man darauf gekommen, was er wohl gemeint haben könnte. Der bereits oben erwähnte Walter Kempowski bekannte, seine Freundschaft zu Johnson “hatte nichts Komfortables”. “Zu den sogenannten angenehmen Menschen gehörte er nicht. Er war verschlossen, wortkarg, mürrisch, auch unduldsam. Wenn ihn etwas störte, wurde er grob, saugrob. Es war nicht gut Kirschen essen mit ihm, wie man so sagt. Äußerlich signalisierte er das dadurch, dass er nicht nur eine schwarze Lederjacke, sondern sogar einen schwarzen Lederschlips trug.” Und weiter: “Irgendwann habe ich ihn auch mal besucht, in Berlin, in der Niedstraße, nicht weit von Günter Grass, mit dem er damals, glaube ich, verfeindet war. … Ich trank ein kleines Helles und er, glaube ich, zehn oder zwölf, dazu nahm er diverse Schnäpse und trank, wenn ich mich nicht sehr täusche, noch eine Flasche Wein dazu. Ich war kein guter Gesprächsprtner und ein Kumpan schon gar nicht. Ich saß still und stumm vor ihm. Bloß kein falsches Wort sagen!, dachte ich, sonst haut er dir noch einen an den Ballon.”

Sie hatten dann noch einen jahrelangen Briefwechsel, in dem Kempowski irgendwann einmal an Johnson schrieb: “Ich habe immer Schiss vor ihnen. Sie haben so etwas Strenges.” Luise Rinser bekannte, dass sie rein gar nichts mit Uwe Johnson anfangen könne, weder mit ihm als Mensch noch mit seinen Büchern, von denen sie nie etwas verstanden habe. Doch gab es zwei prominente Frauen, die überraschend gut mit ihm konnten: In Berlin war das die (vorübergehend) in Grunewald wohnende Ingeorg Bachmann und in New York war es Hannah Arendt, die als eine der Ersten Johnsons “Jahrestage” als ein “Meisterwerk” bezeichnete. Man verlässt das Klützer Literaturhaus mit dem Eindruck, dass sich ein wirklich schwieriger Mensch mit komplizierter Persönlichkeit ein in vieler Hinsicht außergewöhnliches Werk abgerungen hat.

Auf der Straße in Klütz stellen wir fest, dass wir gerade den Bus zurück nach Wismar verpasst haben, der nur einmal in der Stunde fährt. Also laufen wir noch etwas durch Klütz und bestaunen die Kirche mit der Kirchturmspitze in Form einer Bischofsmütze, die schon ganz vorne in den “Jahrestagen” als “Petrikirche von Jerichow” beschrieben wird. Es ist ein schöner Sommertag ohne übermäßige Hitze, aber kein Mensch ist auf der Straße. Ich erinnere mich an meine Kindheit, als ich mit meinen Eltern mit dem Auto durch kleine Städte in der Region wie Schönberg oder Rehna gefahren bin und unser Besuch aus dem Westen sich dann immer gewundert hat: “Hier wohnen doch Menschen, aber man sieht keine Menschen. Warum ist hier eigentlich kein Mensch auf der Straße?!”

justament.de, 1.6.2026: Enthemmte Macht-Junkies

Peter Sloterdijk als Staatsphilosoph in “Der Fürst und seine Erben”

Thomas Claer

Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Diese Erkenntis, die sich bei der Lektüre von Peter Sloterdijks neuem staatsphilosophischen Essay “Der Fürst und seine Erben. Über große Männer im Zeitalter der gewöhnlichen Leute” über weite Strecken einstellt, ist zwar alles andere als beruhigend, hat aber immerhin etwas Tröstliches. Denn das Gefühl, dass einem angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen gerade der Boden alles Sichergeglaubten unter den Füßen weggezogen wird, das hatten auch schon frühere Generationen, zumindest immer mal wieder. Populismus? Hatte seine Urszene schon 1852, als sich Napoleon III. zum Kaiser von Frankreich ausrufen ließ. Ein “an die Macht gestolperter Megalopath” (Sloterdijk) wie Trump an der Spitze der ältesten Demokratie der Neuzeit? Stehe in einer langen Reihe von egomanischen Figuren in der langen Perversionsgeschichte “verwilderter Vertikalität”.

Aber unsere jüngsten technischen Errungenschaften, die sind doch nun wirklich ganz neu, oder etwa nicht? Laut Sloterdijk ist Heideggers These, wonach nichts in der modernen Technik sei, was nicht zuvor schon in der Metaphysik gewesen sei, noch hinzuzufügen, es sei auch nichts in der Metaphysik, was nicht schon vorher in der Magie gewesen war. Erst so lasse sich “Technik wirklich angemessen verstehen – nämlich als rationalisierte, operationalisierte, erfolgsgeprüfte Wahrmachung magischer Impulse.” So sei “die Weltgeschichte als ein Drama aufzufassen, in dem der Radius des Schadenszaubers in die Ferne fortwährend modifiziert wurde.” Konkret bedeute das: “Aus den frühen, scheinbar spurlos verschwundenen Regungen des bösen Willens in die Ferne, des Schadenszaubers, der intensiven Verfluchung, der Totsagung, der sibyllinischen Prophetie, sind heute mehr oder weniger einfach zu handhabende technische Geräte geworden. Sie stehen zumeist im Dienst politischer Systeme, die ihre Selbstbehauptung mit ihrer Selbsterweiterung verbinden wollen. Man bedenkt in der Regel nicht, dass die Szene, die man gegenwärtig als Hacker und Trolle bezeichnet, aus den Nachkommen der Schadenszauberer besteht.”

Wie man also sieht und liest, ist der inzwischen 78-jährige Peter Sloterdijk in diesem kleinen Bändchen mal wieder richtig in seinem Element und versprüht darin immerfort seine stets originellen Gedankenblitze. Die Gesellschaftsgeschichte der Menschheit erzählt er in “Der Fürst und seine Erben” als Aufeinanderfolge dreier gravierender Sündenfälle: erstens der Vertreibung der Menschen aus ihrem paradieschen Naturzustand “in die Welt der Not und Sorge”, zweitens ihres “Sturzes in den hierarchisierten Staat” und drittens der “stets drohenden Vergewaltigung des Einzelnen durch aufdringliche Fiktionen eines fusionierten Gemeinwillens”. Insofern nimmt der Philosoph eher eine Perspektive “von unten” ein, jene der Untertanen nämlich, denen von den jeweils Mächtigen über alle Epochen hinweg immer wieder übel mitgespielt worden ist.

Machtausübung ist nämlich, das muss man wissen, eine der härtesten Drogen überhaupt. Laut Gerhard Ritter (1888-1967) ist “die Macht eine dunkle Größe, die ihre Träger wie eine Sucht in Besitz nimmt und ihre Persönlichkeit zersetzt.” So sei es laut Sloterdijk nicht verwunderlich, “wenn viele homines politici von ihrer Droge nicht lassen wollen – sie nehmen Verfassunggsbrüche in Kauf, um weiter an ihren Stoff zu kommen. Nicht selten werden nach dem Amtsentzug die Memoiren zu ihrer Ersatzdroge.”

Befördert wird die leider immer wieder zu beobachtende Skrupellosigkeit von Herrschenden aber auch von kalten Theoretikern der Machtausübung wie dem von Sloterdijk ausführlich porträtierten Niccolo Machiavelli (1469 -1527), der, so Sloterdijk, heute zweifellos “Chef eines Consulting-Unternehmens” sein würde. Dem florentinischen Sekretär zufolge müsse ein politischer Herrscher vor allem dazu fähig sein, “nicht Gutes zu tun”, da er sich anderenfalls nur schwerlich in seinem Amt halten könne. Doch resümiert Sloterdijk, dass nach all den Schrecken und Großkatastrophen insbesondere des 20. Jahrhunderts die Mächtigen heutiger Tage hinsichtlich ihres Nicht-Gutseins von Macchiavelli nun wirklich nichts mehr zu lernen hätten.

Nicht weniger ausführlich erfolgt Sloterdijks Auseinandersetzung mit dem Staatsphilosphen und Verfassungsjuristen Carl Schmitt (1888-1985), der “mit seinen antiliberalen Sympathien für die Diktatur als optimalem und in unruhigen Zeiten allein richtigen Modus von Politik” gerade eine Art Mann der Stunde sei. Man müsse befürchten, so Sloterdijk, “Carl Schmitt, würde er heute in den USA leben, hielte sich beim Tross um Donald Trump auf, ja, er wäre wohl auch bereit, zu dozieren, es sei die Mission dieses Mannes, uns vor den gefährlichen Schwächen des Liberalismus zu retten.” Doch gesteht Sloterdijk dem notorischen “Kronjuristen des Dritten Reiches” zu, er habe “im Konzept des Volks als Souverän eine morsche Stelle gefunden”.

Der “Volkssouveränität” als neuzeitlichem Ersatz für die monarchische Herrschaft hat Sloterdijk ein ganzes Kapitel gewidmet. “Man wird wohl zugeben”, so führt er darin aus, “nie wurde ein noblerer Traum geträumt als der von der Gleichvernünftigkeit aller oder zumindest der vielen”. Jedoch: “Man muss sich sowohl politisch wie in personalen Dingen mit der Erkenntnis abfinden, dass der Abbau von Naivität das teuerste Verfahren bei der Behandlung von erblichen Fehlstellungen des Bewusstseins ist.” Die Quelle aller Verwirrung hinsichtlich der philosophischen Begründung der Volkssouveränität liege “im eiligen Übergang vom Ich zum Wir”. Das Problem sei nämlich: “Was man gemeinhin Demokratie nennt, ist eine Veranstaltung zur Sedierung von Königen, die sich durch ihre Vielzahl gegenseitig behindern”. Die Fiktion der Volkssouveränität hänge aber letztlich an der Unterstellung, “wonach jeder einzelne Bürger als Inhaber eines Quantum souveränmachender Vernunft fähig sein sollte, seine eigenen Interessen und die des Gemeinwohls angemessen auszulegen. … Adel verpflichtet, Volkssouveränität erst recht.”

Doch sei das, wie schon die historische Erfahrung lehre, wohl zu optimistisch gedacht gewesen. “Von der Brüchigkeit der Idee, nach welcher alle ‘Gewalt’ von dem jetzt souverän genannten Volk ‘ausgehe’, lieferten die Ereignisse zwischen 1789 und 1914 für jeden, der es wissen wollte, eine sehr deutliche Vorstellung.” Allein in Frankreich habe es “vier Rückfälle zu monarchoiden Verhältnissen” gegeben, weshalb leider oft gegolten habe: “Wer Demokratie sät, wird Diktatur ernten.”

So sei es auch eigentlich keine Überraschung, dass nach vielen ruhigen Jahrzehnten das Konzept der Volkssouveränität aktuell wieder unter Druck geraten sei. “Die Krise der Demokratie, die heute in aller Munde ist, geht aus dem Kollaps des Glaubens an die Konvergenz der einzelnen Vernünftigkeiten hervor. Kein Mensch ist noch naiv genug anzunehmen, dass das, was in den Hauptstädten geschieht, ein Output ist aus dem, was die konvergierenden inneren Königtümer des vorgeblichen Souveräns namens Volk kraft ihrer Besonnenheit und Wohlberatenheit wirklich möchten.” Tatsächlich sei es vielmehr so: “Alles, was beschlossen wird, ist ermüdende Aushandlung, Stückwerk, Kompromissprodukt, auch im besten Fall ein geringeres Übel, das sich rühmt, die unter den gegebenen Umständen am wenigsten schlechte Lösung zu bieten.” … “In der Tat, als Gefäß von Vernunftbegabung zu existieren, ist keine Freizeitbeschäftigung.”

Doch hält Sloterdijk die Demokratie durchaus für überlebensfähig: “Das Volk, im Licht seiner besten Qualitäten betrachtet, kann und darf nichts anderes sein als ein Ensemble von Mikro-Kurfürsten, ausgestattet mit dem zu allgemeinem Recht ausgedehnten Vorrecht, die zu bestimmen, die an der Spitze stehen sollen.” Als günstigen Umstand ausgemacht hat der Philosoph ferner, dass in der politischen Klasse neben den oben erwähnten Junkies der Macht auch “immer wieder einzelne auftreten, die ihre eigenen Ambitionen auf der Achse des Gemeinwohls investieren wollen. Man könnte sie die nützlichen Narzissten nennen.” Dennoch warnt der Verfasser eindringlich: “Die Gesellschaft mag so demokratisch eingerichtet sein, wie sie will, der Staatsbau als solcher trägt aufgrund seiner zentralistischen Verfasstheit, sei es offen, sei es kryptisch, das Potential zu einer Diktatur in sich. … Man weiß aus der historischen Beobachtung, dass stark zentralistische Systeme zur autoritären Entgleisung neigen.”

Zu den besonderen aktuellen Herausforderungen, insbesondere auch für die Stabilität unserer Demokratie, zählt Sloterdijk selbstredend auch die mediale Revolution der letzten beiden Jahrzehnte und vor allem deren Auswirkungen auf die nachfolgenden Generationen: “Wollte man weiterhin meinen, auch die Jüngeren sollten Mitträger ihres Gemeinwesens sein, indem sie ‘seriöse’ Medien nutzen, riskiert man Enttäuschungen. … Die Demokratie, wie man sie lange kannte, war graphosphärisch basiert. Die Staatsbürger früherer Jahrzehnte, auch wenn sie sich bekämpften, ließen sich von Zeitungen und Klassikern unterrichten. Bewohner postdemokratischer Zonen verbinden und isolieren sich untereinander, aus gutenbergischer Sicht, schon auf bis auf weiteres unbegreifliche Weise ‘anders’. … Die Revolution der Emissionen blieb bis zur Stunde nahezu unverstanden. Im Universum der Information könnte demnach derjenige als Souverän gelten, dem es gelänge, in die Vielzahl der in sich geschlossenen Blasen einzudringen, seien sie national, subkulturell oder nachbarschaftlich formatiert, um sie auf einen überlokalen, ‘transversalen*, über-subkulturellen Standard festzulegen.”

Doch betont Sloterdijk auch, “dass die Machtvertikale sich von der frühen Neuzeit an mit einer Medienvertikale verbunden” habe: “Wenn politische Vertikalität verwildert, reagiert sie auch auf die Tatsache, dass die modernen Medien eine Revolution der Reichweiten bewirken. Hätten Figuren wie Hitler oder Churchill ihre Botschaften auf einer Gemüsekiste stehend vom Speaker’s Corner im Londoner Hyde Park aus in die Welt gesendet, wüssten wir bis heute nicht, dass es diese schrägen Vögel gegeben hat.”

Ganz allgemein erscheint dem Philosophen die Gegenwart als von multiplen Krisen geprägt: “Unzählige Zeitgenossen leben mit dem Empfinden, sich in einem Zwielicht zu bewegen, in dem man trotz Futuristik, kaum vorhersehen kann, welche böse Überraschung zuerst kommt. Die Warteliste des Unheilvollen ist lang; man weiß nicht, welches von den Debakeln, die anstehen, sich vordrängt.” Und hinzu kommt: “Dass in unseren Tagen ein neues psychopolitisches Kapitel aufgeschlagen worden ist, merkt man auch daran, dass die Verwilderung der Vertikale in zunehmendem Maß anti-intellektuelle Züge annimmt. In der Person von Donald Trump ist ein Beinahe-Analphabet an die Spitze einer Weltmacht gelangt.” Trump sei im übrigen “seinen Anlagen und Neigungen nach kein Politiker, eher ein Dealer, am meisten ein Clown, der den Diktator gibt.”

Zur Vermeidung solcher Zustände auch hierzulande positioniert sich Sloterdijk schließlich sogar innenpolitisch: Es gehöre “zu den Sonderbarkeiten der modernen Welt, dass auch Ungekrönte den Rücktritt von ihren virtuell souveränen Positionen erklären können.” Insofern sei der letzte König von Sachsen mit seinen im November 1918 ausgesprochenen Worten: ‘Macht euren Dreck alleene’ zum Ahnherr der Postpolitik geworden. Man müsse jetzt nur noch verstehen, “dass, wer in dieser Lage radikal rechts wählt, nicht nur als Bürger abdankt, sondern dem Ganzen des Gemeinwesens, als ob es Dreck wäre, einen Tritt versetzt.”

Peter Sloterdijk
Der Fürst und seine Erben. Über große Männer im Zeitalter der gewöhnlichen Leute
Suhrkamp Verlag, 2026
189 Seiten; 22,00 Euro
ISBN: 978-3-518-00136-3

justament.de, 25.5.2026: Im Schatten des sanften Gebieters

Der Briefwechsel zwischen Peter Handke und Manfred Osten von 1979 bis 2024

Thomas Claer

Das hätte man nicht gedacht: Peter Handke (Jahrgang 1942), der schwer metaphysische große Schwurbler und Literaturnobelpreisträger, und Manfred Osten (Jahrgang 1938), der versierte Goethe-Kenner und Autor knackig pointierter Essays und Sachbücher, hatten einen jahrzehntelangen Briefwechsel. Und nicht nur das: Anders, als man vielleicht vermuten würde, ist es in diesen Briefen nicht etwa Handke, der in einem fort langatmige und mitunter verworrene Prosa produziert, sondern dies tut allein Osten, während sich Handke ganz überwiegend kurz angebunden zeigt. Da muss man sich schon sehr wundern und lernt die zwei geschätzten Autoren in diesem mustergültig editierten und kommentierten Sammelband von ganz neuen Seiten kennen.

Angefangen hat es mit den beiden, dem Jura-Abbrecher aus Kärnten und dem promovierten Juristen aus Mecklenburg, bereits 1970 in Paris, als Handke, seinerzeit aufstrebender Jungliterat und auch schon recht berühmt seit seinem legendären Auftritt in der Gruppe 47 vier Jahre zuvor, an die Tür der dortigen Deutschen Botschaft klopfte und sich Hilfe bei der Suche nach einer Wohnung erbat. Es öffnete ihm niemand anders als Manfred Osten, damals angehender Diplomat, der ihm zwar keine Wohnung beschaffen konnte, ihn aber ersatzweise zu sich nach Hause mitnahm. Dort hätte sich nun also Manfred Osten, der damals mutmaßlich schon einiges von Handke gelesen hatte, sehr gerne mit dem hochverehrten jungen Mann unterhalten. Allein, Handke zog es vor, ein Fußballspiel im Fernsehen schweigend zu verfolgen. (Schließlich sollte er noch im selben Jahr sein einschlägiges Erfolgsbuch “Die Angst des Tormanns beim Elfmeter” herausbringen.)

Erst neun Jahre später, am 27. Dezember 1979, schreibt Manfred Osten aus Budapest, wo er inzwischen als Mitarbeiter im Auswärtigen Dienst tätig ist, erstmals einen Brief an Peter Handke. Darin schickt er diesem zwei dünne Heftchen mit selbstverfassten Gedichten und bittet um Handkes Meinung dazu: “Ich schreibe Ihnen, weil ich weiß, dass sie das sind, was ich gerne werden möchte.” Der hilfsbereite Handke revanchiert sich für Ostens Gastfreundschaft vor fast einem Jahrzehnt in Paris und wird von nun an sein Lehrmeister in der Dichtkunst, denn Osten hat es sich in den Kopf gesetzt, neben seiner diplomatischen Laufbahn auch noch ein großer Dichter zu werden. Desweiteren teilen die beiden Briefeschreiber eine übergroße Verehrung für Johann Wolfgang von Goethe, der – wie sie es nennen – als “sanfter Gebieter” stets unsichtbar über ihnen schwebt.

Doch schon bald bekommt dieser Austausch eine gefährliche Schlagseite, von der er sich nie mehr richtig erholen wird. Manfred Osten hat an Peter Handke offenbar dermaßen einen Narren gefressen, dass er ihm immerfort gedrechselte Lobeshymnen bezüglich seiner jeweils aktuellsten Werke schickt. Der davon sichtlich geschmeichelte Handke macht sich im Gegenzug eine Menge Mühe mit Ostens unzähligen Gedichten, verbessert sie hier, lobt oder tadelt sie dort und vermittelt schließlich eine Auswahl von ihnen an renommierte Verlage, die sie aber trotz allem Zureden nicht drucken wollen. Als wären dies nicht schon genug Umstände für Handke gewesen, werden Ostens Briefe an ihn mit der Zeit immer länger und weitschweifiger, widmen sich philosophischen, spirituellen und allen nur erdenklichen Fragen, auf die Handke immer seltener und zusehends lakonischer antwortet. Denn begreiflicherweise textet er bevorzugt direkt für seine jeweils nächsten Bücher, während Osten vermutlich von seinen beruflichen Kontakten gelangweilt und unterfordert ist und sich womöglich auch auf seinen diplomatischen Stationen in aller Welt (später geht es noch nach Australien und Japan) mitunter etwas einsam fühlt.

Das geht dann so weit, dass es Handke Mitte der Neunziger schließlich zu bunt wird und er Osten, der inzwischen zwar nicht als Lyriker, aber doch eben als Sachbuch-Autor, Essayist und Generalsekretär der Alexander-von-Humboldt-Stiftung Erfolge feiert, schroff zurückweist: “Schicken Sie mir nichts mehr!” Es mag wohl auch eine Rolle gespielt haben, dass Handke seit dem Kauf seines Hauses nahe Paris und der Gründung einer neuen Familie dort seine sonstigen Kontakte etwas reduzieren wollte. Zwanzig Jahre lang ist die Korrespondenz unterbrochen. Dann nimmt Manfred Osten noch einmal Anlauf, und es gelingt immerhin eine (von Handkes Seite eher halbherzige) Versöhnung.

So stellt sich am Ende die Frage, ob es wirklich eine gute Idee gewesen ist, diesen Briefwechsel öffentlich zu machen – und das auch noch zu Lebzeiten der beiden Akteure. Ganz unbedingt ein Gewinn sind aber nicht wenige der hinten im Band abgedruckten Gedichte Manfred Ostens, denn die sind – zumindest nach der unmaßgeblichen Auffassung des Rezensenten – streckenweise richtig gut. Als Kostprobe mag dieses im Buch effektvoll an letzter Stelle platzierte dienen:

fast ein freund

rechtfertigungen
waren nicht seine sache
um mich fernzuhalten
kam er mir entgegen

wenn ich redete
verfolgte mich
sein schweigen

im winterweiß
seiner augen
fand ich
den verschneiten weg

er meinte
weiter käme ich
ohne ihn
am weitesten aber
ohne ziel

Im übrigen sind wir der Meinung, dass bald wieder ein neues Sachbuch von Manfred Osten über Goethe erscheinen sollte.

Katharina Pektor (Hrsg.)
Peter Handke / Manfred Osten
“Sterne glänzend im angebissenen Apfel”: Briefe 1979-2024
Wallstein Verlag, 2026
190 Seiten; 24,00 Euro
ISBN: 978-3-8353-5904-8

justament.de, 18.5.2026: Menage a trois in West-Berlin

Peter Schneiders brisanter letzter Roman „Die Frau an der Bushaltestelle“

Thomas Claer

Am 3. März dieses Jahres ist in Berlin der Schriftsteller Peter Schneider 85-jährig verstorben. Nur wenige Monate zuvor hatte er noch seinen letzten Roman „Die Frau an der Bushaltestelle“ veröffentlicht. In diesem wimmelt es nur so von autobiographischen Bezügen. Schneider, der einer der maßgeblichen Wortführer und Organisatoren der Berliner Studentenbewegung der Sechzigerjahre gewesen ist, bündelt in diesem Roman noch einmal die bevorzugten Themenkreise seines literarischen Schaffens: Deutschland in der Nachkriegszeit, die politische und mentale Ost-West-Spaltung, seine Wahlheimatstadt Berlin sowie – ganz besonders – Liebe und Erotik in diesem Umfeld.
Die Handlung setzt nur kurz in der Gegenwart ein, erstreckt sich dann in einem ausführlichen Rückblick von Mitte der Sechziger- bis Anfang der Siebzigerjahre und endet dann wieder im (beinahe) Hier und Jetzt. Im Zentrum des Romans steht die 1965 beginnende Dreiecksbeziehung zwischen der in der DDR aufgewachsenen und von dort nach West-Berlin geflüchteten jungen Isabel und ihren beiden westlichen Verehrern, den Studenten Nick und Sebastian, wobei letzterer zugleich als Ich-Erzähler fungiert. Als solcher hat er zwar einiges gemein mit dem Verfasser des Romans, doch noch weitaus stärker gleicht dieser Nick, Sebastians Freund und zugleich Konkurrenten um die Gunst der schönen Isabel. Letztere ist ein kapriziöses Wesen, dem die beiden jungen Männer – und mit ihnen noch zahllose weitere Verehrer – hoffnungslos verfallen sind. Die dramatischen Höhen und Tiefen dieser Verbindung nimmt der Ich-Erzähler bereits in seinen einleitenden Reflexionen über die „Frau seines Lebens“ vorweg: „Auf das eigene Gedächtnis sollte sich niemand, der bei Verstand ist, verlassen. Vor allem nicht dann, wenn es um die Liebe geht. Es sind ja nicht die geglückten Liebesgeschichten, die erfüllten Träume, die eingelösten Hoffnungen, die die tiefste Spur im Gedächtnis hinterlassen. Wer von der größten Liebe seines Lebens spricht, meint damit eine, die neben den euphorischen Augenblicken auch das größte Unglück und die schlimmsten Verletzungen hervorgebracht hat. Das Gedächtnis der Gefühle gehorcht einer darwinistischen Logik: Es hält die schiere Wucht einer Liebeserfahrung fest, es privilegiert das Übermaß des Glücks und der Verzweiflung. Für das mittlere, das halbwegs gelingende und vielleicht dauerhafte Glück bringt es kaum Interesse auf.“ (S. 7)
Mit der Zeit gewinnen jedoch zunehmend auch die politischen Radikalisierungstendenzen jener Jahre an Einfluss auf die Romanhandlung, die drei Hauptfiguren und ihr Verhältnis zueinander. Ausgerechnet die Figur, der man dies am wenigsten zugetraut hat, gerät tief in den Sumpf des RAF-Terrorismus, und es nimmt mit ihr ein böses Ende. Dies sowie die ewig großen Fragen um Liebe und Freundschaft, Trennung und Verrat bestimmen dann den weiteren Fortgang der Ereignisse und insbesondere auch die späteren Erinnerungen der beiden Übriggebliebenen an jene wilden Jahre.
„Die Frau an der Bushaltestelle“ ist ein intensiver, streckenweise erschütternder Roman über die Verstricktheit von Privatem und Politischem, der sich in seiner Mischung aus Erinnerung, Rekonstruktion und literarischer Fiktion womöglich auch als autobiographischer Schlüsselroman lesen lässt, wobei aber genau diese Frage am Ende im Dunkeln bleibt. So möge es jede Leserin und jeder Leser selbst beurteilen, ob dieses von seinem Verfasser sehr effektvoll erst am eigenen Lebensende herausgebrachte Buch noch weitere versteckte Bedeutungsebenen enthält.

Peter Schneider
Die Frau an der Bushaltestelle
Kiepenheuer & Witsch Verlag 2025
310 Seiten; 25,00 Euro
ISBN: 978-3-462-00590-5

justament.de, 11.5.2026: Ahnenforschung mit Leichen im Keller

Judith Hermann in “Ich möchte zurückgehen in der Zeit”

Thomas Claer

Viele bekommen mit zunehmendem Alter einen neuen Blick auf die Familien, denen sie entstammen. Will man als junger Mensch oftmals größtmöglichen Abstand zu jenen halten, lieber sein eigenes Ding machen, sich womöglich auch nerviger Kontrolle und Bevormundung durch sie entziehen, erkennt man irgendwann jenseits der Fünfzig dann doch, welch starken Einfluss die eigenen Eltern und ebenso die Großeltern auf einen selbst ausgeübt haben, letztere zumindest indirekt – sogar dann, wenn man sie nie kennengelernt hat. Wer sich für seine Vorfahren interessiert, erfährt daher zumeist auch viel über sich selbst. Mit der Zeit sieht man seine Altvorderen auch als eigenständige Personen mit Zwängen und Nöten, kann sich besser in ihre Lage versetzen und hat Fragen an sie, die man ihnen früher nie gestellt hätte. Nur leider sind sie dann mitunter gar nicht mehr am Leben. Oder sie antworten nicht oder nur ausweichend, weil sie sich angeblich an nichts mehr erinnern können…

In der Literatur ist es von jeher ein dankbares Thema gewesen, sich der eigenen Familienhistorie zuzuwenden. Zwar sind nicht alle Familien gleichermaßen interessant, doch finden sich wohl in fast jeder Verwandtschaft reale Begebenheiten, die sich kein Literat besser hätte ausdenken können. Schätze, die nur gehoben zu werden brauchen. Und natürlich gilt dies ganz besonders hierzulande, im Land der Naziverstrickten!

Das dachte sich wohl auch die Schriftstellerin Judith Hermann, geboren 1970 in Westberlin, die spät, aber noch nicht zu spät auf diesen Trichter gekommen ist. Viel Geduld brauchten ihre treuen Fans, zu denen sich auch der Rezensent rechnet, mit ihr, denn seit ihrem fulminanten und hymnisch gefeierten Debüt “Sommerhaus, später” (1998) waren ihre weiteren Werke zumeist ernüchternd. Doch nun hat sie, wenn nicht alles täuscht, in der ihr allein gemäßen kleinen Form endlich wieder einen großen Wurf gelandet. “Ich möchte zurückgehen in der Zeit” ist ein – ja was eigentlich? Auf gerade einmal 150 Seiten handelt es sich, so könnte man vielleicht sagen, um drei “literarisch-essayistische Reflexionen über ihre Familie mütterlicherseits, insbesondere über ihren lange vor ihrer Geburt vertorbenen Großvater, sowie ganz allgemein über die Vergänglichkeit und familiäres Verstricktsein.

Darüber hinaus sind es Reiseberichte, denn die Ich-Erzählerin, die sich keinerlei Mühe gibt, ihre Identität mit der hinter ihr stehenden Autorin zu verbergen, ist unterwegs. Zuerst nach Radon in Polen. Dort, wo es 1943/44 zu schrecklichen Gräueltaten an der jüdischen Bevölkerung gekommen ist, hat ihr Großvater zu eben jener Zeit in SS-Uniform auf einem Platz für ein Foto posiert, das eins der nur drei Bilder ist, die überhaupt von ihm noch existieren. Viel mehr Informationen gibt es nicht über ihn. Aus den Archiven hat die Ich-Erzählerin bei ihren Recherchen nur erfahren, dass er dort in Radon in der Tat stationiert gewesen ist. Ihre hochbetagte Mutter sagt ihr im Wesentlichen nur immer wieder, dass sie sich an nichts, was ihren Vater angeht, erinnern könne. Auch die zwei älteren Brüder der Mütter, hatten nie etwas über ihren Vater erzählt. Also macht sich die Ich-Erzählerin selbst auf die Reise, um vor Ort etwas über ihren Großvater herauszufinden. Ohne hier großartig zu spoilern, kann man verraten, dass der Ertrag der Reise an faktischen Erkenntnissen zwar dürftig geblieben ist, doch hat die Erzählerin ihren Aufenthalt in Radon zum Anlass genommen für einfach hinreißende Schilderungen über ihr Nichtwissen, über ihre düsteren Vermutungen, über ihre Scham, über ihre dortige schöne Unterkunft, über ihre traumwandlerischen Spaziergänge durch diese zumal im Winter weitgehend menschenleere kleine Stadt.

Manche Kritiker haben das in Anbetracht der Thematik anstößig, unangemessen, zumindest frivol gefunden. Aber erlaubt ist ausdrücklich auch das, was nicht jedem gefällt. Judith Hermann hat mit diesem Buch einen ganz eigenen Ansatz entwickelt, sich der dunklen deutschen Vergangenheit, diesem doch eigentlich mehr als auserzählten Thema, erzählerisch anzunähern. Und dabei hat sie auch gleich noch ihre Jahrzehnte währende Schreibkrise überwunden!

Die beiden folgenden Kapitel, die wie gesagt eigentlich zwei weitere eigenständige Essays sind, schildern dann noch die anschließende Reise der Ich-Erzählerin zu ihrer in Neapel lebenden Schwester sowie – schon ein Vierteljahrhundert zurückliegend – das mysteriöse vorübergehende Verschwinden ihrer Schwiegereltern. Besonders gelungen ist das Neapel-Kapitel – schon durch seine bemerkenswerte Ausgangskonstellation: Die Familie der Schwester der Ich-Erzählerin lebt in Neapel übergangsweise in einer prachtvollen Wohnung aus dem 17. Jahrhundert, in der bis vor kurzem noch eine unlängst verstorbene Malerin gelebt hat, deren Bilder weiterhin überall an den Wänden hängen und deren Lebensutensilien dort noch vollständig vorhanden sind, aber von den neuen Bewohnern keinesfalls verändert werden dürfen. Auch dies ist wieder eine anscheinend wahre Geschichte, die jede Fiktion um Längen schlägt. Kurzum, die frohe Botschaft lautet: Judith Hermann ist als Erzählerin endlich wieder dort angekommen, wo sie hingehört.

Judith Hermann
Ich möchte zurückgehen in der Zeit
S. Fischer Verlag, 2026
157 Seiten; 23,00 Euro
ISBN: 978-3-10-397764-6

justament.de, 4.5.2026: Der grollende Osten (4)

Kassandra von der Pleiße: Jana Hensel mit “Es war einmal ein Land”

Thomas Claer

Was ist da los im Osten Deutschlands? Eine Menge Bücher sind in den letzten Jahren schon über die andauernde Malaise in den deutschen Beitrittsgebieten von 1990 erschienen. Nun hat sich auch noch die Journalistin Jana Hensel, geboren 1976 in Leipzig, mit einem einschlägigen Buchtitel zu Wort gemeldet. Sie tut das genau 25 Jahre nach ihrem Erfolgsbuch “Zonenkinder”, das auf sehr gelungene Weise die damalige Befindlichkeit der ersten Nachwende-Generation im Osten thematisierte. Jener Generation, die in ihrer Kindheit noch viel von der alten DDR mitbekommen, sich später aber mit ihren ganz anders geprägten Altersgenossen aus dem Westen auseinanderzusetzen hatte, die begreiflicherweise zumeist nur wenig Interesse am Osten mitbrachten.

Was also kann ein weiteres Buch über dieses leidige Thema aktuell noch leisten? Mehrere exzellente Autoren, das ist der große Nachteil für Jana Hensel, haben hierzu eigentlich schon so ziemlich alles, was der Fall ist, zusammengetragen und aufgeschrieben. Doch ergibt sich für sie immerhin der erhebliche (wenn auch von ihr gänzlich unerwünschte) Erkenntnisvorteil, dass die fatale Entwicklung mittlerweile noch weiter fortgeschritten ist, sodass inzwischen manch düsteres Zukunftsszenario längst bittere Realität geworden ist: Die extrem rechte AfD ist, wenn man die aktuellen Umfragen zugrunde legt, überall in Ostdeutschland mit großem Abstand die stärkste Partei, und selbst absolute Mehrheiten für sie bei den Landtagswahlen im Herbst erscheinen nicht mehr ausgeschlossen. Sogar auf Bundesebene liegt diese Partei nun deutlich an erster Stelle. Wie konnte das passieren?

Dem auf den Grund zu gehen, hat die Autorin sich vorgenommen, und beleuchtet im ersten Drittel ihres Buches “Die Geschichte von ihrem Ende her denken” die Nachwendejahre bis zur Gegenwart vornehmlich aus ostdeutscher Perspektive. Drei tiefe Kränkungen in diesen Jahren für die Menschen im Osten hat sie herausgearbeitet: Zuerst die Massenarbeitslosigkeit von Millionen eigentlich gut ausgebildeteten Fachkräften ab 1990, dann die Schröderschen Agenda-Reformen 2002/03, mit denen die staatlichen Transferleistungen für deren Bezieher drastisch abgesenkt wurden, was vor allem auch sehr viele Ostdeutsche getroffen hat, für die es seit der Wiedervereinigung auf dem Arbeitsmarkt keine Verwendung mehr gab. Die dritte Kränkung war dann die Aufnahme von Millionen Flüchtlingen in Deutschland, zuerst ab 2015 und dann erneut ab 2022, was offenbar den Neid von vielen Ostdeutschen auf jene angefacht hat. Man kann die Analyse sicherlich als zutreffend ansehen, zumal die Autorin deutlich macht, dass sie für die erste Kränkung der Ostdeutschen volles und auch für die zweite noch weitgehendes Verständnis aufbringt, für die dritte dann allerdings nur noch ein sehr begrenztes, was sich auch vollkommen mit der Ansicht des Rezensenten deckt. (Bei den Flüchtligen von 2015 und 2022 handelte es sich wohlgemerkt um Menschen, die vor Wladimir Putins Bomben geflohen sind!)

Eher problematisch, vor allem auch methodisch, ist dann aber, wie die Verfasserin das Wahlverhalten der Menschen in Ost und West in den dreieinhalb Jahrzehnten seit der Vereinigung miteinander vergleicht. Dabei addiert sie jeweils die Ergebnisse von SPD, Grünen und PDS/Linkspartei und spricht von einem “progressiven Lager”, das anfangs im Westen, später im Osten stärker gewesen sei, wobei sich hier auch “progressive Traditionen” aus der DDR bemerkbar gemacht hätten (was besonders kritisch zu hinterfragen wäre, zumal sie darauf auch im hinteren Teil des Buches nur sehr knapp eingeht). Erst in den letzten zehn Jahren hätte dann der Osten deutlich “rechter” gewählt als der Westen. Letzteres kann man sicherlich so sagen. Der Erkenntnisgewinn aus dieser Lagerbetrachtung bleibt jedoch vor allem deshalb so gering, weil die große Mehrzahl der Wähler vermutlich generell, aber ganz besonders unter denen in Ostdeutschland ihre Wahlentscheidungen keineswegs zuvörderst aufgrund bestimmter Parteiprogramme getroffen haben dürfte, sondern vielmehr aus einer Melange aus spezifischen Personalvorlieben und -abneigungen, Empfänglichkeit für populistische Verkürzungen und Verdrehungen sowie überkochenden Emotionen (welche gezielt und treffsicher zu bewirtschaften wohl das eigentliche Erfolgsgeheimnis der AfD nicht nur in Ostdeutschland ist). Sehr wahrscheinlich hat eine große Gruppe von Menschen im Osten früher die PDS/Linkspartei und später dann die AfD vor allem deshalb gewählt, weil sich dadurch am wirkungsvollsten gegen “den Westen” und “die da oben” protestieren ließ. Jana Hensel weiß das alles natürlich genau (wie sich in den hinteren Kapiteln ihres Buches zeigt), blendet es aber an dieser Stelle aus, vermutlich um ihre Argumentation zu retten, deren Schlüssigkeit sich zumindest punktuell bezweifeln lässt.

Hierdurch etwas skeptisch geworden beginnt man dann mit der Lektüre des mittleren Teils, in dem die Autorin ausführliche Interviews mit den AfD-Politikern Tino Chrupalla und Maximilian Krah sowie einem jungen rechtsextremistischen Vordenker geführt hat, der als Mitarbeiter eines AfD-Bundestagsabgeordneten arbeitet, jedoch wegen seiner Vergangenheit in der militanten rechten Szene nicht Mitglied dieser Partei werden darf. Ist es wirklich eine gute Idee, solche Leute zu Wort kommen zu lassen?, fragt man sich. Wertet man sie dadurch nicht nur immer weiter auf? Jana Hensel schildert selbst ihre erheblichen Bedenken, hält es aber zum Verfassen eines solchen Buches, wie sie schreibt, sogar für ihre Pflicht, sich mit diesen Personen in solcher Weise auseinanderzusetzen.

Und plötzlich wird wird das Buch dann richtig interessant. Man mag es gar nicht mehr weglegen. Hier zeigt die Autorin, was sie kann – nämlich einfühlsame Interviews führen, um so ihren Gesprächspartnern auf den Zahn zu fühlen. Sie befragt die Betreffenden nicht nur zu den Sachthemen der Gegenwart, sondern will von ihnen auch wissen, was sie vor zehn, vor zwanzig und vor dreißig jahren gemacht und gedacht haben. Sie erkundigt sich sogar nach deren Kindheit und deren Elternhäusern. Und so erschließt sich tatsächlich, wo und wann diese Menschen falsch abgebogen, politisch auf die schiefe Bahn geraten sind. Es zeigt sich nebenbei auch, dass Krah ein weitaus unangenehmerer Typ ist als Chrupalla, der lange Jahre als grundsolider Handwerker gearbeitet hat und ein zufriedener Staatsbürger gewesen ist, bis seine Firma in die Insolvenz ging und er sich auf der Suche nach Schuldigen zusehends radikalisiert hat. Bei Krah war es das wiederholte Scheitern seiner heiß ersehnten politischen Karriere in der CDU (aus sehr nachvollziehbaren Gründen übrigens), das ihn zur AfD getrieben hat. Fast immer sind es, wie sich dann auch aus den weiteren Kapiteln des Buches erschließt, beruflich oder anderweitig gescheiterte und unglückliche Menschen, die nach diversen Schicksalsschlägen zur AfD gekommen sind und dort neues Selbstbewusstsein bekommen haben: als Teil eines vermeintlichen Opfer-Kollektivs, das nun die angeblich Schuldigen am eigenen Unglück ausgemacht hat und es den “Eliten” nun aber mal so richtig zeigen will. Es funktioniert ganz ähnlich wie bei den Trump-Wählern in Amerika und bei den Brexit-Befürwortern in Großbritannien. Und es funktioniert leider auch weiterhin bedrohlich gut…

Auch die restlichen Kapitel des Buches, die aus weiteren Interviews bestehen, können rundum überzeugen. Es werden zunächst “Abgefriftete” porträtiert, die sich oftmals regelrecht aus Verzweiflung radikalisiert oder in zweifelhafte Gesellschaft begeben haben. So hat ein früherer MDR- und Tagesschau-Journalist ein kritisches Buch über Misstände im öffentlich-rechtlichen Rundfunk geschrieben, aber landauf und landab keinen Verlag gefunden, der es drucken wollte. Nun publiziert er es in einem rechtsradikalen Kleinverlag, und die völkische Bewegung benutzt ihn als Kronzeugen gegen die angebliche “Lügenpresse”.

Im letzten ausführlichen Kapitel mit dem Titel “Die Wehrhaften” kommen dann noch Personen zu Wort, die aufopferungsvoll die Demokratie in Ostdeutschland verteidigen. Leider stehen sie immer mehr auf verlorenem Posten, weil sich insbesondere im ländlichen und kleinstädtischen Raum längst gesellschaftliche Mehrheiten auf den Weg der Abschottung, Abkapselung und Demokratieverachtung begeben haben. Auf die Flüchtlinge, die sich mittlerweile in den zumeist von massiver Abwanderung gekennzeichneten Gebieten angesiedelt haben und dort mitunter schon zehn oder mehr Prozent der Bevölkerung ausmachen, reagieren sie mit Ausgrenzung und unverhohlenem Rassismus. Statt sich über die neue Besiedlung ihrer entvölkerten Regionen zu freuen, die doch ein Anlass zur Zuversicht sein sollte, tun sie wirklich alles dafür, dass Deutschlands Osten in aller Welt einen schlechten Ruf bekommt und etwaige künftige Investoren ebenso abgeschreckt werden wie dringend benötigte Fachkräfte, etwa im Gesundheitswesen. Feine Patrioten sind das!

Mit dem kurzen Schlusskapitel versucht Jana Hensel, ihrem Buch noch einen zumindest ansatzweise optimistischen Ausblick zu geben, aber sie bemerkt dabei selbst, dass ihr das kaum gelingt. Zwar erwartet sie nicht, womit sie auch richtig liegen dürfte, dass die AfD in westlichen Bundesländern oder gar auf Bundesebene in absehbarer Zeit an die Macht kommen wird. Doch sieht sie nicht, wie sich der verhängnisvolle Trend in Ostdeutschland noch aufhalten lassen könnte. Dort erscheinen ihr absolute Mehrheiten für die AfD nur noch eine Frage der Zeit zu sein, was dann natürlich auch für Deutschland insgesamt eine Katastrophe wäre, die alle bestehenden Ost-West-Unterschiede nochmals stärker und anhaltender zementieren würde. Hoffen wir, dass uns ein solches Szenario erspart bleiben wird.

Jana Hensel hat – trotz besagter Schwächen im vorderen Teil – ein in der Summe sehr interessantes und aufschlussreiches Buch geschrieben, das der Ost-Problematik viele neue Facetten abgewinnt und dessen Stärke in den eindrucksvollen Interviews und Porträts der involvierten Personen liegt.

Jana Hensel
Es war einmal ein Land. Warum sich der Osten von der Demokratie verabschiedet
Aufbau Verlag, 2026
263 Seiten; 22,00 Euro
ISBN: 978-3-351-04288-2

justament.de, 6.4.2026: Liebling Prenzlauer Berg aus Rostock

Späte Entdeckung: Der 2019 erschienene Roman “Alles richtig gemacht” von Gregor Sander 

Thomas Claer

Dieses Buch hatte ich vor längerer Zeit mal aus einer Bücherbox gefischt, aber dann lag es viele Monate (oder waren es sogar Jahre?!) nur auf meinem Schreibtisch herum. Lesen wollte ich es unbedingt, ich kam nur nie dazu. Ein in Berlin lebender Autor, Jahrgang 1968, der aus Schwerin stammt, die Hauptfigur seines Romans ein in Rostock aufgewachsener Rechtsanwalt in Berlin – schon das erschien mir sehr vielversprechend. Dass die Lektüre dann aber tatsächlich so interessant sein würde, damit hatte ich nicht unbedingt gerechnet. “Alles richtig gemacht” von Gregor Sander aus dem Jahr 2019 ist ein veritabler Gesellschaftsroman über das Leben in Berlin seit den frühen Neunzigern sowie über die Vorwende-, Wende- und  unmittelbare Nachwendezeit in Rostock und Umgebung. Auf nur 238 Seiten entfaltet der Verfasser ein komplexes Panorama gesellschaftlicher Entwicklungen. Eine Vielzahl der maßgeblichen politischen und sozialen Ereignisse jener Jahre kommt darin vor und spiegelt sich in den Romanfiguren, die ganz überwiegend aus Mecklenburg-Vorpommern stammen. Über weite Strecken könnte man sogar von einem großen Gesellschaftsroman sprechen, nur leider bleibt der Schluss dann doch ein wenig hinter den Erwartungen zurück.

Der Plott ist meisterhaft komponiert, alle Fäden laufen zum Ende hin zusammen. Die Erzählweise ist flüssig, lakonisch flapsig und immer wieder auch bemerkenswert witzig. Die Figuren reden und handeln eigentlich ganz ähnlich wie jene in den Büchern von Judith Hermann (abzüglich ihrer Traumverhangenheit, versteht sich) oder Sven Regener. Es wird geraucht und gesoffen, was das Zeug hält, und auch die einschlägigen Partydrogen kommen immer wieder in Spiel. Doch bringt der Ost-Hintergrund der Akteure allein schon durch die zeittypischen Nachwendedramen in ihren Familien einen ganz anderen existentiellen Erst mit sich. Insbesondere aber würde man in einem solchen Berliner Party-WG-Umfeld nicht unbedingt jemanden vermuten, der sein Jurastudium mit Prädikatsexamen abschließt, anschließend promoviert und dann als erfolgreicher Anwalt seinen Weg geht, wie es bei der Hauptfigur dieses Romans der Fall ist. Doch fast alles Beschriebene wirkt plausibel.

Zweifellos hat der Autor, der selbst Germanistik und Geschichte studiert hat, akribisch gearbeitet und auch juristische und medizinische, Kunst- und Finanzexperten zu Rate gezogen. Doch ist ihm zumindest an einer Stelle ein offensichtlicher Lapsus unterlaufen: Die Protagonisten fliegen, wie es im Roman heißt, erst nach dem 11. September 2001 nach New York, von wo aus sie mit einer größeren Geldsumme nach Berlin zurückkehren. Da kann es nicht sein, dass einer von ihnen anschließend sein Geld in Dot.com-Aktien anlegt, die allesamt durch die Decke gehen, denn die Dot.com-Blase ist bekanntlich schon im April 2000 geplatzt. (Das weiß ich so genau, weil ich damals als ahnungsloser Student auf dem höchsten Punkt eingestiegen bin. Aber das ist ein anderes Thema…) Zudem wäre zumindest erklärungsbedürftig, wie der Immobilienkauf der beiden anderen Protagonisten in Berlin im Jahr 2007 (wo die Preise sich auf dem absoluten Tiefpunkt befanden) ablaufen konnte, denn in solchen Fällen gibt es in der Regel eine Anfrage vom Finanzamt nach der Herkunft der Gelder, wenn diese sich nicht aus den Umständen erchließt. (Auch das weiß ich aus persönlichem Erleben.)

Doch sei es drum. Unter dem Strich ist “Alles richtig gemacht” ein toller Roman , der neugierig macht auf weitere Werke dieses Autors.

Gregor Sander
Alles richtig gemacht. Roman
Penguin Verlag 2019
239 Seiten; 20,00 Euro
ISBN: 978-3-328-60667-3

justament.de, 10.11.2025: LSD und rote Fahnen

Der fulminante historische Roman “Lila Eule” von Cordt Schnibben

Thomas Claer

Wer mit 20 kein Sozialist sei, so besagt es ein geflügeltes Wort unbekannter Herkunft, der habe kein Herz, aber wer es mit 30 immer noch sei, der habe keinen Verstand. Cordt Schnibben, namhafter langjähriger SPIEGElL-Reporter, hat beides bewiesen, indem er als zwanzigjähriger Abiturient und schwärmerischer Jungkommunist aus Bremen für ein Jahr auf einer DDR-Parteischule in Ost-Berlin Marxismus/Leninismus studierte (was ihm anschließend sogar von der Uni Bremen für sein Wirtschafts-Studium angerechnet wurde!) und 17 Jahre später dann unmittelbar nach dem Mauerfall als geläuterter Renegat quasi an seine alte Wirkungsstätte zurückkehrte und von dort exklusiv für sein Nachrichtenmagazin über die sich anbahnende Deutsche Wiedervereinigung berichtete. Nun hat er mit Anfang 70 sein bewegtes Leben zu einem Roman verarbeitet, dessen Handlung – wie er freimütig eingeräumt hat – nur zu 30 Prozent fiktiv, aber zu 70 Prozent von ihm selbst erlebt worden sei. Nicht zuletzt an diesen aus eigener Erfahrung entstandenen 70 Prozent liegt es vermutlich, dass ihm dieser Roman so überaus gut gelungen ist.

Allerdings muss ich bereits an dieser Stelle meiner Besprechung einräumen, dass mir eine “objektive Rezension” dieses Buches vollkommen unmöglich ist, da ich mich in zu vieler Hinsicht für historisch und biographisch befangen erklären muss – und das als zwei Jahrzehnte nach dem Autor in Ostdeutschland Geborener. Doch bei der Schilderung so viele Orte und Mentalitäten im Roman hat mich ein Deja vu nach dem anderen überfallen. Allein bei den ganzen Drogen-Geschichten kann ich nicht mitreden. So ziemlich alles andere aber ist mir bestens vertraut: Im titelgebenden legendären Bremer Club “Lila Eule” im Steintorviertel habe ich mir (nach unserer Übersiedlung in den Westen 1989) als Abiturient und Zivi in den frühen Neunzigern so manche Nacht um die Ohren geschlagen. Auf dem “Mädchengymnasium in Schwachhausen”, das eine der Hauptfiguren des Romans besucht, habe ich selbst mein Abitur abgelegt. (Seit 1971 stand die Schule auch männlichen Schülern offen.) Und natürlich bewegte auch ich mich dort – so wie 20 Jahre zuvor der Autor und sein Alter Ego im Roman – in Kreisen, wo sich Coolness und Ansehen in erster Linie über den eigenen ausdiffernzierten (Pop-) Musikgeschmack definierten. In Berlin wiederum wohnt die Geliebte des Protagonisten im Hochhaus Holzmarktstraße 2 am S-Bahnhof Jannowitzbrücke in Mitte, wo ich jahrelang ausgestiegen bin, um meine Studenten an der IU am Rolandufer zu unterrichteten. Noch dazu habe ich mir genau dieses Hochhaus damals sehr genau angesehen, da in ihm zu jener Zeit zwei kleine Einzimmerwohnungen zum Verkauf standen, aber irgendwann war das Angebot wieder weg. Und auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof mit den Gräbern so vieler Prominenter, wo der Roman-Protagonist wie im einschlägigen Wolf-Biermann-Song seine Geliebte trifft, bin ich ebenfalls oft gewesen. Um von meiner jugendlichen Aufgeschlossenheit für den Kommunismus und weitere Weltverbesserungsbewegungen gar nicht erst zu reden…

Doch nun endlich zum Roman selbst: Die Handlung bewegt sich – das ist der raffinierten erzählerischen Konstruktion geschuldet – abwechselnd und parallel in drei verschiedenen Zeiträumen: Mitte der Sechziger in Bremen, 1972 in Ost-Berlin und im Herbst 1989 in Berlin nach dem Mauerfall. Und sie endet bereits Anfang 1990, wo sich vieles, was dann später noch kommen wird, erst andeutet. Es geht um wilde Agentengeschichten, um ganz viel Rockmusik von den Rolling Stones und anderen, später dann auch um Techno-Musik in den maroden Kellern Ost-Berlins und die Rolle von Günter Schabowski hinter den Kulissen. Immer wieder spielen auch Drogen eine Rolle. Im Zentrum des Romans steht dennoch die unerschütterliche, nur vorübergehend erfüllte, später dann von der Stasi verhinderte Liebe des Ich-Erzählers zu Mara, einem Ost-Mädchen aus einer Parteiaristokraten-Familie. 17 Jahre nach ihrer letzten Begegnung macht er sich auf die Suche nach ihr, und erst ganz am Ende des spannungsreichen Romans kommt er ihr auf die Spur…

Alles ist so lebendig erzählt, als ob jemand, der gut schreiben kann, es selbst erlebt hätte, was ja auch weitgehend der Fall ist. Nur fragt man sich beim Lesen ständig, was wohl die 30 Prozent sein könnten, die der Verfasser dazuerfunden hat. Die fast schon innige Beziehung, die der noch junge Roman-Held an der Parteischule zu seiner strengen Dozentin Anneliese aufbaut? Hier könnte der Autor womöglich etwas übertrieben haben. Aber weiß man’s? Dass seine alten Bremer Rockmusik-Freunde später als Techno-DJs in Berlin wieder auftauchen, ist vielleicht auch nicht so ganz plausibel. Sicher erscheint nur, dass ein Referat über die Rolle von LSD im Klassenkampf an der Staatlichen Parteischule in Biesdorf tatsächlich wohl nicht erlaubt worden wäre und auch die anschließende versehentliche Einnahme dieser Substanz durch alle Beteiligten in der Wirklichkeit so wohl eher nicht passiert wäre.

Der Roman ist trotz seiner poppigen Aufmachung (mit großartigen psychedelischen Mustern und Illustrationen versehen) alles andere als oberflächlich, vielmehr tiefschürfend und facettenreich, dazu flott und anschaulich geschrieben. Und man wünscht ihm gerade in unserer aufgewühlten Gegenwart viele Leser – insbesondere auch solche aus den nachgewachsenen Generationen.

Cordt Schnibben
Lila Eule. Der Ostwest-LSD-Beatckub-Roman
Correctiv Verlag, 1. Auflage 2025
524 Seiten; 29,00 Euro
ISBN: 978-3-948013-30-1

justament.de, 27.10.2025: Die Welt des Berufsoptimisten

“Erfolgreich zeitlos investieren” von Heiko Thieme

Thomas Claer

Der Optimist beginnt seinen Tag damit, dass er sich schon beim Erwachen denkt: Ich bin satt und halbwegs gesund. Ich habe ein Dach überm Kopf. Und nun kann ich loslegen und mein Gehirn in Bewegung setzen. Ist das nicht fantastisch? Mit solch einer lebensfrohen Grundeinstellung ist dann, das lernen wir aus dem jüngst erschienenen Buch “Erfolgreich zeitlos investieren” der mittlerweile 82-jährigen Börsenlegende Heiko Thieme, nichts mehr unmöglich.

Allerdings ist es wirklich kaum zu glauben, dass Altmeister Heiko Thieme, der zeitlebens mehrere zehntausend Seiten an Artikeln, Kolumnen und Börsenbriefen verfasst hat, erst jetzt, im neunten Lebensjahrzehnt stehend, sein Debüt als Buchautor gegeben hat. Aber vermutlich hat ihm bislang einfach die Zeit dafür gefehlt. Er ist ja ständig auf Achse. Nun erhält man als Leser also endlich in komprimierter Form das, was dieser “globale Anlagestratege” als sein Erfolgsrezept bei der Geldanlage ansieht. Doch das ist, rein quantitativ gesehen, weniger, als man denken könnte. Von den rund 200 Seiten muss man zunächst noch die einleitenden und zwischendurch eingeschobenen kommentierenden Passagen seines Co-Autors Andreas Scholz in Abzug bringen, außerdem einige grundlegende Betrachtungen über die Aktienanlage an sich (an der selbstredend kein Weg vorbeiführt) sowie ein paar zig Seiten über sein Weltbild (Optimismus ist Pflicht), seine politische Einstellung (Freiheit geht über alles), seine Jahrzehnte zurückreichenden Börsen-Erlebnisse (eine Anekdote reiht sich an die nächste) und seine Hobbys (Marathonlaufen, Bergsteigen, im Kleinflugzeug fliegen, Schachspielen, Zaubertricks aufführen sowie Whisky trinken und im Keller horten).

Auf die eigentliche Anlagestrategie entfallen dann gerade einmal 80 Seiten – doch die haben es dafür wirklich in sich. Thieme erläuert hier ausführlich seine überaus durchdachte konsequent antizyklische Vorgehensweise einschließlich seiner berühmten Drei-Drittel-Strategie. Das klingt alles sehr plausibel und dürfte, wenn man sich als Privatanleger daran hält, wohl auch ganz passabel funktionieren. Allerdings ist dies natürlich nur eine von vielen denkbaren Methoden, an der Börse gewinnbringend zu agieren. Es ist ja inzwischen hinreichend wissenschaftlich untersucht worden, welche Börsenstrategien am erfolgreichsten sind: nämlich in manchen Marktphasen die einen und in anderen Marktphasen die anderen. Ein paar Jahre oder sogar Jahrzehnte lang funktionieren Value- und Dividendenstrategien am besten, dann führen diese jedoch zu Underperformance, und stattdessen bringen Wachstums- oder Trendfolgestrategien weitaus mehr ein. Manchmal sind sogar Charttechnik und technische Analyse über längere Zeiträume sehr erfolgreich. Die Crux ist nur, dass sich das alles in der Rückschau leicht feststellen lässt, aber man niemals vorher weiß, was künftig wohl am besten klappen wird. Insofern ist es auch bezeichnend, dass ein unbestrittener Könner wie Heiko Thieme als Fondsmanager in den Neunzigern dreimal für den besten, aber auch einmal für den schlechtesten Fonds des Jahres “ausgezeichnet” wurde.

Was kann man als Privatanleger also tun? Entweder man sucht sich unter den besagten Methoden diejenige aus, die einem selbst am ehesten einleuchet oder die am besten zu einem passt, und bleibt dann dabei. Besser irgendeine Strategie als gar keine Strategie an der Börse, wird oft gesagt. Oder man kombiniert die Methoden oder nimmt mal die eine und mal die andere – oder man denkt sich selbst etwas Eigenes und Neues aus. Vieles ist möglich, aber nur allzu oft erweist sich dann rückblickend: Wie man es auch macht, macht man es verkehrt, und hinterher ist man immer klüger. Nüchtern betrachtet spricht viel dafür, dass es am wichtigsten ist, überhaupt langfristig in Aktien investiert zu sein – und sei es nur mit ganz profanen ETFs.

Seit fast anderthalb Jahrhunderten, das betont auch Heiko Thieme immer wieder, liegt die durchschnittliche Jahresperformance in den meisten Indizes inklusive Dividenden bei acht bis neun Prozent, was das anhaltende globale Wirtschaftswachstum seit Beginn der Industrialisierung spiegelt bzw. immer ein Stück über diesem liegt. Und angesichts der gegenwärtigen und erst recht auch künftig zu erwartenden revolutionären technischen Innovationen sollte doch auch auf lange Sicht mindestens soviel drin sein. Andererseits erleben wir gerade in unserer Gegenwart, wie destruktive politische Akteure im Begriff sind, den Welthandel lahmzulegen, was dann letztlich auch die Börsen beeiträchtigen würde. Doch zumindest Dauer-Optimist Heiko Thieme gibt hier Entwarnung: Selbst zwei Weltkriege und diverse Weltwirtschaftskrisen hätten die Aktienkurse bislang nicht davon abhalten können, sich letztendlich doch immer wieder zu erholen und neue Rekordstände zu erreichen. Und das werde auch in Zukunft so sein. “Denn eines ist sicher: Die Welt wird nicht untergehen. Und sollte ich mich täuschen, dann spielt es auch keine Rolle mehr.”

Bleibt nur noch kritisch anzumerken, dass sich der große und grundsympathische Heiko Thieme an einer nicht ganz unwesentlichen Stelle in seinem Buch kolossal verrechnet hat. Auf S. 74 heißt es: “Im besten Falle sollte schon bei der Geburt für jede und jeden ein Depot angelegt und dann sukzessive darin eingezahlt und die Gelder an der Börse investiert werden. Und hier kommt meine Regel für ein erfolgreiches zeitloses Investieren an der Börse: Das jeweilige Lebensjahr sollte mit 100 multipliziert werden. Dies entspricht dann dem Betrag der dann im entsprechenden Jahr angelegt werden sollte. Im 20. Lebensjahr wären das also 2.000 Euro. Im 21. Lebensjahr wäre es 2.100 Euro und so weiter. Rechnet man diese Summen hoch, so kommt man bis zur Pension – ich halte wegen der steigenden Lebenserwartung ein höheres Pensionsalter von 70 Jahren für gerechtfertigt – auf eine Gesamtsumme von rund 222.500 Euro. Nehmen wir dann nur eine durchschnittliche Performance in Höhe von 8 bis 9 Prozent pro Jahr an, dann hat dieser Anleger bis zu seiner Pension ein Gesamtvermögen von 1,25 Millionen Euro aufgebaut. Ich finde diese Zahlen immer wieder eindrucksvoll…”

Schon auf den ersten Blick ist in mir der Verdacht aufgestiegen, dass das nicht stimmen kann, denn allein die ersten 2.000 Euro im 20. Lebensjahr werden bei einem angenommenen jährlichen Wertzuwachs von 9 Prozent innerhalb von 50 Jahren zu mehr als 230.000 Euro. Und es kommen ja anschließend noch 49 weitere jährliche EInzahlungen ins Depot hinzu, die ebenfalls viele Jahre lang “arbeiten” können. Es müssen am Ende also weitaus mehr als “nur” 1,25 Millionen zusammenkommen. Mit Hilfe der KI “Le Chat” habe ich es dann mal durchgerechnet (“Perplexity” hat es nicht geschafft) und komme so auf einen Wert von 12,8 Millionen Euro (!) – und das bei den besagten wirklich sehr bescheidenen eingezahlten Summen! Welch eine Ironie, dass der oftmals als “Phantast” angesehene Heiko Thieme, der an anderer Stelle den möglichen DAX-Stand am Ende unseres Jahrhunderts korrekt auf 11 Millionen extrapoliert (S.121 ff.), hier den Zinseszinseffekt außer Acht gelassen hat. Jenen Zinseszinseffekt, den Albert Einstein als “das achte Weltwunder” bezeichnet und noch hinzugefügt hat: “Das verstehen nur die wenigsten, und alle anderen müssen es bezahlen.” Die langfristige Geldanlage in Aktien, das folgt daraus, kann also sogar noch zehnmal mehr einbringen, als selbst der Berufsoptimist Heiko Thieme es sich träumen lässt…

Alles in allem ist Heiko Thieme somit ein aufschlussreiches, anregendes und unterhaltsames Börsen-Buch gelungen, in dem auch die Schlusspointe sitzt: Die beste Investition seines Lebens? Das sei die Ehe mit seiner Frau, und seine Kinder und Enkelkinder seien die Dividenden.

Heiko Thieme
Erfolgreich zeitlos investieren. Die Anlagestrategien der Börsenlegende
Finanz Buch Verlag, 1. Auflage 2025
206 Seiten; 25,00 Euro
ISBN: 978-395972-616-0