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www.justament.de, 24.4.2017: Das Ende ist nahe

Der sechste Band von Marcel Prousts “Recherche”: Die Entflohene

Thomas Claer

Mit der Lektüre dieses großen Werkes über die Zeit verrinnt auch dem Leser seine Lebenszeit. Mehr als sieben Jahre sind seit der Besprechung des ersten Bandes, „In Swanns Welt“, an dieser Stelle vergangen. Und wenn ich auf meine ersten gelesenen Seiten der „Suche nach der verlorenen Zeit“ zurückblicke, dann wohl sogar ein Jahrzehnt. Zeit, in der vieles im Leben eines Menschen passieren kann, und in der man womöglich ein Anderer geworden ist, dem andere Dinge wichtiger geworden sind als die, die einen damals noch umgetrieben haben.

Albertine ist weg

Nun ist das Lese-Werk fast vollbracht. Der sechste der sieben Bände von Marcel Prousts „Recherche“, „Die Entflohene“, ebnet den Weg zum großen Finale. Albertine ist weg, so hatte der fünfte Band, „Die Gefangene“, geendet. Völlig überraschend war Marcels Langzeitfreundin eines Morgens mit gepacktem Koffer aus Paris abgereist. Und just im Moment seines Erschreckens darüber setzt die Handlung dieses vorletzten Bandes wieder ein. Immerhin einen Abschiedsbrief hat sie hinterlassen, der aber nicht viel mehr ist als die Fortsetzung gewisser „Ich verlasse dich-Spielchen“, die die beiden Liebenden schon seit geraumer Zeit miteinander gespielt haben. Er solle nicht versuchen, sie umzustimmen, ihr Entschluss sei endgültig u.s.w.
Zwar hatte zuvor ja auch Marcel über eine Trennung von Albertine nachgedacht, angesichts der „mäßigen Vergnügungen, die sie mir verschaffte“. „Aber unser Verstand, wie klar er auch sei, kann nicht deutlich erforschen, aus welchen Elementen unser Herzensgrund sich zusammensetzt…“ „Es war für mich zu einer festen Gewohnheit geworden, Albertine um mich zu haben…“ „So geschah es, dass meine Trennung von Albertine mir keineswegs das Feld aller möglichen Vergnügungen eröffnete, von denen ich geglaubt hatte, es sei mir nur durch ihre Gegenwart verstellt.“ Und so „verwandelte sich übergangslos die Qual der Eifersucht in Verzweiflung über die Trennung“. „Jetzt sah ich sie als furchterregende Gottheit, die … wenn sie sich von uns wendet, … uns die schrecklichsten Leiden bereitet und grausam wird wie der Tod.“

In den folgenden Tagen steigert sich Marcels Bitterkeit noch zusehends: „Dieses Unglück war das größte meines ganzen Lebens, und dennoch wurde das Leiden, das es mir bereitete, vielleicht noch von der Neugier übertroffen, die Ursache dieses Unglücks zu erfahren: nach wem Albertine verlangte, wem sie sich von neuem angeschlossen hatte.“ Er beauftragt seinen Freund, den Marquis Robert de Saint-Loup, Albertine hinterherzureisen – Marcel vermutet sie bei ihrer Tante – um ihr nachzuspionieren. Insbesondere nimmt Marcel an, dass Albertine aus erotischer Unersättlichkeit das Weite gesucht habe, glaubt er doch, um die Freundschaft Albertines „mit zwei Lesbierinnen“ zu wissen, weshalb er von „wohlorganisierten Orgien“ ausgeht. Die weise Erzählerstimme kommentiert dies mit Einsichten in die Begrenztheit aller Vernunft: „Das Leben selbst führt uns nach und nach, von Fall zu Fall, zu der Wahrnehmung, dass alles das, was für unser Herz oder für unseren Geist das Allerwichtigste ist, uns nicht durch vernunftmäßige Überlegung zuteil wird, sondern durch andere Mächte. Dann aber ist es der Verstand selbst, der im Gewahrwerden ihrer Überlegenheit auf Grund vernünftiger Einsicht vor jenen die Waffen streckt und sich darein ergibt, nur ihr Mitarbeiter und Diener zu sein.“ Und überhaupt, die Liebe:
„Eine der Ursachen aber für die unaufhörlichen Enttäuschungen in der Liebe liegt vielleicht in diesen ständigen Abweichungen, die bewirken, dass, während wir auf das ideale Wesen warten, das wir lieben, jede Begegnung uns eine Person aus Fleisch und Blut entgegenführt, die bereits sehr wenig von unserem Traum enthält.“ Und, schlimmer noch: „Vielleicht hat man ein Symbol und eine Wahrheit in der Erfahrung zu sehen, welchen winzigen Raum in unserer Beängstigung die einnimmt, auf die sie sich bezieht. Ihre Person spielt dabei tatsächlich eine geringe Rolle, die weitaus größere vielmehr der Ablauf von inneren Bewegungen und Ängsten, die wir infolge gewisser Zufälle um ihretwegen erlebt und die sich durch Gewohnheit an ihre Person festgeheftet haben.“
Ja, man darf sich da nichts vormachen: In erster Linie kreist der Liebende nur um sich selbst. Und das sogar dann, wenn man sich schon gut zu kennen glaubt: „Aber was man Erfahrung nennt, ist nur die unseren Augen zuteil werdende Offenbarung eines unserer Charakterzüge, der ganz natürlich wiedererscheint, und zwar um so nachdrücklicher, als wir ihn schon einmal vor uns selbst ans Licht gezogen haben, so dass die spontane Regung, die uns das erste Mal geleitet hatte, durch alle Suggestionen der Erinnerung auch noch eine Bestärkung erfährt. Das menschliche Plagiat, dem man am schwersten entgeht, ist für die Individuen (und sogar für die Völker, die in ihren Fehlern verharren und sie noch zunehmen lassen) immer das Plagiat ihrer selbst.“ „Die Bande zwischen einem Wesen und uns existiert nur in unserem Denken. Wenn das Gedächtnis nachlässt, lockern sie sich, und ungeachtet der Illusion, der wir gern erliegen würden, existieren wir nur allein. Der Mensch ist das Wesen, das nicht aus sich heraus kann, das die anderen nur in sich selber kennt und lügt, wenn es das Gegenteil behauptet.“

Da ist es dann auch völlig unwesentlich, dass Albertine, wie ganz nebenbei erwähnt wird, in den letzten Monaten erheblich zugenommen hat und mittlerweile als „rundlich und brünett“ beschrieben wird. „Lassen wir die hübschen Frauen den Männern, die über keine Phantasie verfügen!“

Um sich etwas abzulenken, liest Marcel einen Roman, findet aber keine große Freude daran: „Ich wusste, dass man einen Roman nicht lesen kann, ohne der Heldin die Züge derjenigen zu geben, die man liebt, aber wenn das Buch auch noch so glücklich ausgeht, ist unsere Liebe doch keinen Schritt weitergekommen…“ Genauso ist es.

„Man glaubt, dass man nach seinem Wunsch und Willen die Dinge um sich her ändern kann, man glaubt es, weil man ohne das keine günstige Lösung sieht. Man denkt nicht an die, die sich am häufigsten einstellt und die in der Tat auch die günstigste ist: wir gelangen nicht dazu, die Dinge nach unseren Wünschen zu ändern, aber ganz allmählich macht unser eigenes Wünschen eine Wandlung durch. Die Situation, die wir zu ändern hofften, weil sie uns unerträglich war, wird dann uninteressant für uns. Wir haben das Hindernis zwar nicht überwinden können, wie wir es durchaus wollten, aber das Leben hat uns dazu geführt, es zu umgehen, daran vorbeizugleiten, und wenden wir uns dann wieder nach der Ferne der Vergangenheit zurück, vermögen wir es kaum zu bemerken, so wenig ist es noch wahrnehmbar für uns.“

Kostenrechnung

Da kommt Marcel doch noch die (vermeintlich) rettende Idee: „Sie war sicher nur fortgegangen, um von mir bessere Bedingungen, mehr Freiheit, mehr Luxus zu erlangen.“ Schließlich ist Marcel ein reicher Mann, und Albertine hat – wie so viele ihrer Geschlechtsgenossinnen – eine ausgeprägte Neigung zu den Freuden des Konsums. Um Albertine zurückzugewinnen, schwebt Marcel vor, ihr mehrere Autos – konkret denkt er an die Marke Rolls Royce – und eine Jacht zu kaufen.

Hierfür macht er folgende Kostenrechnung auf, die tiefe Einblicke in seine Vermögensverhältnisse gewährt: „Ich hatte vor, außer den Automobilen die schönste Jacht zu kaufen, die es damals gab. Sie war zu haben, aber so teuer, dass sich kein Käufer dafür fand. Im übrigen würde sie noch nach dem Kauf, selbst vorausgesetzt, dass wir nur vier Monate im Jahr damit kreuzten, mehr als zweihunderttausend Francs jährlich an Unterhalt kosten. Auf einem Fuß von mehr als einer halben Million Francs pro Jahr würden wir also leben. Würde ich das sieben oder acht Jahre lang überhaupt durchhalten können? Aber das machte nichts aus: wenn ich nur mehr fünfzigtausend Francs Rente haben würde, könnte ich sie Albertine überlassen und mir das Leben nehmen. Das war der Entschluss, den ich fasste…“

Zweifellos liegt hierin eine Einladung an den Leser, den Umfang von Marcels Vermögen abzuschätzen. „Nur mehr fünfzigtausend Francs Rente“ (womit keine Altersversorgung, sondern die jährlichen Einnahmen aus festverzinslichen Wertpapieren gemeint sind) bedeutet, dass sein verbliebenes Vermögen bei einer angenommenen Verzinsung von fünf Prozent (damit es sich leichter rechnet) noch ca. 1 Million Francs beträgt. Wenn er zuvor sieben Jahre lang jeweils ½ Million Francs pro Jahr ausgibt, liegt sein Vermögen zum Ist-Zeitpunkt sogar bei 4,5 Millionen Franc, den unermesslich hohen Kaufpreis für die Anschaffung der Jacht sowie die ebenfalls nicht ganz billigen Autokäufe noch gar nicht mitgerechnet. Doch welchen Wert hatte damals, im frühen 20. Jahrhundert, ein französischer Franc? Während vor der Einführung des Euro etwa drei Francs dem Wert einer Deutschen Mark entsprachen, lag der Wechselkurs Reichsmark/Franc seinerzeit, wie eine Google-Recherche verrät, eher bei 1:1,2. Klar, die französischen Währungen hatten immer eine stärkere Inflationsneigung als die deutschen. Aber wie viel, in heutigen Euro beziffert, war damals eine Reichsmark wert? Auf der Homepage der Deutschen Bundesbank wird nach Belehrung über alle methodischen Unwägbarkeiten ein Verhältnis von 1:6,5 angegeben, also eine Reichsmark entsprach ungefähr einer Kaufkraft von heute 6,50 Euro. Demnach ließe sich unter Einbeziehung des damaligen Wechselkurses zwischen Franc und Reichsmark ein Umrechnungsfaktor zwischen damaligem Franc und heutigem Euro von etwa 1:5,5 ableiten. Marcel hätte also nach Jacht- und Autokäufen noch ca. 24,75 Millionen Euro besessen, weitere sieben Jahre später aber nur noch 5,5 Millionen Euro, denn die Jacht hätte ihn jährlich 1,1 Millionen Euro allein an Unterhalt gekostet, was selbst jene des berüchtigten Top-Managers Thomas Middelhoff weit übertrifft, der nur 40.000 Euro monatliche Unterhaltskosten, also gerade einmal 480.000 Euro pro Jahr an entsprechenden Aufwendungen zu beklagen hatte. Die mit dem nach sieben Jahren noch verbliebenen Vermögen erzielbare jährliche Rente von 50.000 Francs würde demnach der Kaufkraft von heute 275.000 Euro entsprechen. Für Marcel ist das als angenommenes Jahressalär für zwei Personen so wenig, dass er sich lieber umbringen will, um Albertine sämtliche Einnahmen zu überlassen. (Es wird in Marcels Kalkulation nicht ganz klar, ob er die Einnahmen aus dem Verkauf der Jacht bereits mitgerechnet hat.)

Solche Sorgen möchte man haben, wird nun mancher denken. Aber alles ist relativ: „Und leiden nicht sogar jene Landmädchen ohne gesellschaftliche Vorteile und ohne Verbindungen nach außen hin oder die Menschen, die vor der Vervollkommnung der Zivilisation gelebt haben, weniger, weil man unter diesen Umständen weniger Wünsche in sich trägt und weil man weniger wehmutsvoll vermisst, was man immer für unerreichbar gehalten hat und was aus diesem Grunde gleichsam unwirklich geblieben ist?“ Ein Gedanke von Sloterdijkschem Format…

Doch zurück zu Marcels Kostenrechnung, deren Konsequenzen er sich wie folgt ausmalt: „Wenn ich mich in fünf Jahren töten würde, so würde es für mich aus damit sein, alle die Dinge denken zu können, die unaufhörlich in meinem Geiste vorüberzogen. Ich würde nicht mehr auf der Erde wohnen und niemals dorthin zurückkehren. Mein Denken würde für immer zum Stillstand gekommen sein. Mein Ich aber erschien mir nur desto nichtiger, wenn ich es derart schon als etwas sah, was nicht existiert. Wie konnte es schwierig sein, derjenigen, zu der unser Denken unaufhörlich eilt (derjenigen, die wir lieben), dies andere Wesen zu opfern, an das wir niemals denken, nämlich uns? Daher erschien mir der Gedanke an meinen Tod wie auch die Vorstellung meines Ich als etwas Merkwürdiges; sie war mir keineswegs unangenehm. Plötzlich fand ich sie abschreckend traurig; ich hatte nämlich daran gedacht, dass, wenn ich nicht über mehr Geld verfügen könnte, es daran liege, dass meine Eltern noch lebten. Ich dachte plötzlich an meine Mutter. Die Vorstellung aber, sie würde nach meinem Tode leiden, konnte ich nicht ertragen.“

Und das wiederum spräche dann doch gegen den Kauf der teuersten Jacht für Albertine…

Bluff und Tod

Endlich kommt Bewegung in die Sache. Albertine hat die Nachstellungen von Saint-Looup bemerkt und schreibt an Marcel, dass er ihr doch gefälligst nicht in Person seines Freundes nachstellen solle. Er könne sich doch selbst an sie wenden, und womöglich würde sie ja doch zurückkommen, sofern er den starken Wunsch dazu verspüre…

„Die seit so langem verlorengegangene Süße, sie bei mir zu haben, berauschte mich.“ Nun muss Marcel nur noch ja sagen, aber er pokert noch höher, indem er Albertine zurückschreibt, dass er ja auch der Meinung sei, dass sie nicht gut zusammenpassten und er im übrigen in Kürze ihre Freundin Andrée treffen werde. Daraufhin blufft Albertine zurück, dass es ja nett sei, dass er sie von seinem Treffen mit Andrée in Kenntnis setze. Schließlich verlieren, wie sich später herausstellen wird, beide ungefähr zeitgleich die Nerven und richten Depeschen aneinander, die jeweils eine schnelle Rückkehr Albertines zu Marcel herbeisehnen.

Doch noch vor Erhalt von Albertines letzter Nachricht erreicht Marcel ein Telegramm ihrer Tante, dass Albertine tragisch verunglückt sei. Beim Ausreiten sei sie vom Pferd so heftig gegen einen Baum geschleudert worden, dass jede Hilfe zu spät kam. Nun steigern sich Marcels Leiden ins Unermessliche: „Die Kraft, die am häufigsten in der Sekunde den Weg um die Erde zurücklegt, ist nicht der elektrische Strom, sondern der Schmerz.“ „Die Kunst ist nicht das einzige, was die unbedeutendsten Dinge mit Zauber und Geheimnis zu umhüllen vermag; die gleiche Macht, sie in tiefinnerliche Beziehung zu uns zu setzen, ist auch dem Schmerz gegeben.“

Erstaunlich ist allerdings, dass Albertines Beerdigung im Buch mit keinem Wort erwähnt wird. Sollte Marcel an dieser nicht teilgenommen haben, obwohl Albertines Tante ihn doch im Telegramm ausdrücklich als engen Freund ihrer Nichte gewürdigt hatte?

So bleiben Marcel nur die Erinnerungen an seine Entflohene und Verunglückte: „Was nicht dank Albertine, sondern in einer parallelen Entwicklung, in den Stunden meiner Einsamkeit, dessen Süße ausgemacht hatte, war das durch die Reizwirkung identischer Augenblicke unaufhörlich erneuerte Wiederaufleben irgendwelcher früher durchmessenen. Das Geräusch des Regens hatte mir den Duft des Flieders von Combray wiedergeschenkt; das bewegliche Spiel der Sonne auf dem Balkon die Tauben der Champs-Elysées…“ „Man ist nur durch das, was man besitzt. Man besitzt aber nur, was man gegenwärtig hat; wie viele aber von unseren Erinnerungen, unseren Launen, unseren Ideen brechen in eine Ferne auf, in der wir sie aus den Augen verlieren! Dann aber können wir sie nicht mehr im Gesamtbestand unseres Wesens führen. Doch haben sie geheime Wege, auf denen sie in uns zurückzukehren vermögen…“

So erlebt er immer wieder Schübe sehnsuchtsvollen Angedenkens: „Ich sah Albertine wieder vor mir, wie sie sich, rosig unter dem schwarzen Haar, ans Pianola setzte; ich spürte auf meinen Lippen, die sie auseinanderzudrängen suchte, ihre Zunge, ihre mütterliche, unversiegliche, nährende, gebenedeite Zunge, deren verborgene Flamme und geheimer Gnadentau bewirkten, dass, wenn sie sie einzig über die Oberfläche meines Halses oder Leines gleiten ließ, ihre nur die Haut streifenden, aber gleichsam aus ihrem Innersten entstammenden Liebkosungen, die nur herausgekehrt waren, wie wenn ein Stoff seine Unterseite zeigt, auch noch in flüchtigsten Berührungen die geheimnisvolle Süße tiefer Durchdringung bekamen.“

Zwar muss er sich eingestehen:„Vielleicht hatten mein Vermögen, die Aussicht auf eine glänzende Partie sie ursprünglich angezogen…“ Jedoch: „Albertines Klugheit gefiel mir, weil sie assoziativ in mir das wieder heraufbeschwor, was ich ihre Süße nannte, so wie wir als die Süße einer Frucht eine gewisse Empfindung bezeichnen, die nur in unserem Gaumen existiert. Tatsächlich schoben sich, wenn ich an Albertines Klugheit dachte, meine Lippen instinktiv vor und kosteten eine Erinnerung aus, deren Wirklichkeit ich mir lieber als eine außerhalb von mir bestehende, objektive Überlegenheit eines Wesens vorstellte. Gewiss hatte ich Personen von größeren geistigen Ausmaßen gekannt. Aber die Unbegrenztheit der Liebe oder ihr Egoismus bewirkt, dass gerade die geistige und seelische Physiognomie der Wesen, die wir lieben, für uns am wenigsten objektiv definiert ist; wir retuschieren unaufhörlich nach Maßgabe unserer Wünsche und unserer Befürchtungen daran herum, wir trennen sie nicht von uns, sie sind nur ein unendlicher , unbestimmter Ort, an den wir unsere zärtlichen Gefühle aus uns selbst heraus verlagern… Und vielleicht hatte mein Unrecht daraus bestanden, dass ich nicht stärker den Versuch gemacht hatte, Albertine in sich selbst zu begreifen.“

Albertines Orgien

Doch auch nach Albertines Tod ist Marcel besessen von dem Gedanken, mehr über ihre mutmaßlichen geheimen erotischen Eskapaden herauszufinden: „Alle meine Wünsche verschmolzen in der ausschließlichen Neugier darauf, in welcher Weise Albertine ihre Lust empfand, wie sie aussehen mochte, wenn sie mit anderen Frauen zusammen war…“

Er beauftragt diverse Personen, etwas darüber in Erfahrung zu bringen. Es kommt heraus, dass Albertine sich bereits während ihrer Aufenthalte in Balbec, wo sie Marcel vor sechs Jahren kennengelernt hatte, in einem Duschetablissement mit jungen Mädchen getroffen haben soll. Ferner soll es Orgien am Strand mit jungen Wäscherinnen gegeben haben. So erscheint ihm rückblickend Balbec als ein „Ausschnitt der Hölle“.

Weitere Erkenntnisse ergeben sich für Marcel aus dem nun in die Tat umgesetzten Besuch Andrées, die immerhin Albertines beste Freundin gewesen ist. „Die Zungen lösen sich in seltsamer Weise und geben leicht einen Fehler preis, wenn niemand mehr den Groll der Schuldigen zu fürchten hat.“ Andrée gesteht Marcel zunächst alles und spricht freimütig über ihre Neigungen zu jungen Mädchen. Doch als Marcel es zu bunt treibt, indem er sie bittet, doch einmal ganz unverbindlich bei einem Vergnügen solcher Art zusehen zu dürfen, weist Andrée dies entrüstet zurück und bestreitet von nun an alles, was im Zusammenhang mit Albertine steht. Von deren diesbezüglichen Neigungen wisse sie angeblich gar nichts.

So bleibt es für Marcel, den auch die Unsicherheit der Zeugenaussagen aus Balbec ins Grübeln bringt, bei „Albertines eventueller Liebe zu irgendwelchen Frauen“.

Das Vergessen

Aber wie lange würde Marcel sein lebhaftes Interesse an seiner verstorbenen Freundin noch aufrechterhalten?

„Wie es eine Geometrie im Raum gibt, gibt es auch eine Psychologie in der Zeit, in der die Berechnungen einer Oberflächenpsychologie nicht mehr stimmen würden, weil man darin die Zeit und eine der Formen, die sie annimmt, nämlich das Vergessen, nicht genügend berücksichtigt hätte – das Vergessen, dessen Macht ich zu spüren begann und das ein so gewaltiges Werkzeug der Anpassung an die Wirklichkeit ist, weil es allmählich in uns die überlebte Wirklichkeit zerstört, die zu jener in beständigem Widerspruch steht. Ich hätte wahrlich gut und gern früher schon erraten können, dass ich eines Tages Albertine nicht mehr lieben würde. Als ich an den Unterschied in der Wichtigkeit, die ihre Person und ihre Handlungen einerseits für mich, andererseits für die anderen besaßen, begriffen hatte, dass meine Liebe weniger eine Liebe zu ihr als eine Liebe in ihr war, hätte ich verschiedene Folgerungen aus diesem subjektiven Charakter meiner Liebe ziehen können, zum Beispiel die, dass sie als ein Zustand meines Inneren eine geraume Zeit die Person, der sie galt, überleben konnte, aber auch, dass, da zwischen ihr und dieser Person kein wirkliches Band bestand und sie über keine Stütze außerhalb ihrerselbst verfügte, sie sich wie jeder Seelenzustand, auch der dauerhafteste, eines Tages außer Gebrauch gesetzt und ersetzt finden müsse, und dass an diesem Tag alles, was mich so innig und unaufhörlich mit der Erinnerung an Albertine verknüpft hatte, für mich nicht mehr existieren werde.“

Später spricht die Erzählerstimme von der „unermüdliche Zersetzungsarbeit des Vergessens“, aber auch von der „Grausamkeit der Erinnerung“. „Gewiss ist die Liebe deshalb nicht ewig, weil unsere Erinnerungen für uns nicht immer wahr bleiben und weil das Leben aus einer unaufhörlichen Erneuerung der Zellen besteht. (Das gilt aber nach heutigem Wissensstand nicht für die Gehirnzellen!, Anm. d.Verf.) Diese Erneuerung aber wird, soweit sie die Erinnerungen betrifft, gleichwohl durch die Aufmerksamkeit verzögert, die das, was sich wandeln soll, festzuhalten sucht und für kurze Zeit auch wirklich noch fixiert…“

Doch sieht Marcel schon kommen, dass selbst für ihn irgendwann die Erinnerung an Albertine verblassen wird: „Nicht weil die anderen tot sind, lässt unsere Zuneigung zu ihnen nach, sondern weil wir selbst sterben“, d.h. allmählich ein neues Ich werden, das gewissermaßen nur das Erbe unseres alten Ichs antritt.

Erster Artikel im Figaro

Doch es gibt nicht nur die Liebe im Leben. Schließlich hatte Marcel schon vor langen Jahren einen konkreten Berufswunsch formuliert, der ihm allerdings, selbst in seinem großbürgerlichen Umfeld, eine milde Skepsis einbrachte: Er wollte ein Schriftsteller werden. Zwar hatte sich seine Schreibtätigkeit jahrelang nur auf das Verfassen von Liebesbriefen beschränkt, doch nun, er dürfte inzwischen um die 30 sein, ist sein erster Artikel im „Figaro“ erschienen, was ihn sehr stolz macht. Immer wieder liest er seinen gedruckten Text aufs Neue und stellt sich dabei vor, wie der Artikel wohl auf einen unbefangenen Leser ohne Vorkenntnisse, ohne vorherige Befassung mit der Thematik wirken würde. Und nicht nur das: „Ich dachte an diese oder jene Leserin, in deren Schlafzimmer ich gern eingedrungen wäre…“ So wie viele Autoren träumt er davon, für seine Texte (und nicht nur aus anderen Gründen) geliebt zu werden. Aber das klappt nach aller Erfahrung nur in den seltensten Fällen…

Immerhin äußert sich Monsieur de Guermantes über Marcels Figaro-Artikel, nachdem er ihn gelesen hat: „Er bedauerte die etwas klischeehafte Form meines Stils, in dem eine noch reichlich geschwollene Ausdrucksweise und die Häufung von Metaphern ein wenig an die altmodisch anmutende Prosa Chateaubriands gemahne; hingegen beglückwünschte er mich vorbehaltlos dazu, dass ich mich ‚mit etwas beschäftigte‘. ‚Ich mag es gern, wenn man seine Hände rührt. Ich habe nichts übrig für die unnützen jungen Leute, diese Narrenzunft, die nur Wichtigtuer und Unruhestifter hervorbringt.‘“

Und so beschließt Marcel, sich künftig noch dem Schreiben noch intensiver zu widmen: „Dass in mir eine gewisse Geneigtheit zu arbeiten, die verlorene Zeit aufzuholen, ein anderes, überhaupt erst das richtige Leben anzufangen, auch weiterhin bestand, schenkte mir die Illusion, ich sei noch immer genauso jung…“

Staunen und Scham

Ein halbes Jahr später hat Marcel mit Andrée gewissermaßen freundschaftlichen Sex (wenige Wochen bevor sie ihre anderweitige Verlobung bekanntgeben wird), und im Anschluss daran berichtet sie plötzlich doch und sogar sehr ausführlich von ihrem intimen Verhältnis zu Albertine. Noch schmerzhafter für Marcel ist aber, dass Albertine damals in Balbec wohl auch etwas mit dem jungen Morell gehabt haben soll, dem Chauffeur und Geiger, der später für längere Zeit eine Beziehung mit dem Baron de Charlus unterhielt und diesen dabei um immense Summen erleichterte. Und ferner weiß Andrée zu berichten, dass Albertine später auf Betreiben ihrer Tante anderweitig heiraten sollte, da Marcel sie ja offensichtlich nicht ehelichen wollte; dies sei wahrscheinlich auch der Grund für Albertines plötzliche Trennung von Marcel gewesen. Ihre Tante habe es anstößig gefunden, dass sie so lange bei Marcel lebte, ohne mit ihm verheiratet zu sein. (Bekanntlich stammte Albertine aus nicht gerade großbürgerlichen Verhältnissen. Über ihre Tante hieß es, sie sei so arm, dass sie nur eine einzige Hausangestellte habe…) Daran aber, obwohl es doch so naheliegend war, hatte Marcel „niemals gedacht“.

„Staunen und eine gewisse Scham, die ich darüber empfand, dass ich mir nicht ein einziges Mal gesagt hatte, in welcher schiefen Situation Albertine sich bei mir befinde und dass diese ihrer Tante ein Ärgernis sein könne, dieses Staunen erlebte ich damals nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal. Wie oft ist es seither vorgekommen, dass, nachdem ich versucht hatte, die Beziehungen zwischen zwei Wesen und die daraus erwachsenden Krisen zu verstehen, plötzlich ein Dritter von seinem Gesichtspunkt aus zu mir darüber sprach und daraus sich dann vielleicht die ganze Krise erklärte! Wenn aber die Handlungen so undeutlich bleiben, wie sollten dann die Personen selbst es nicht sein?“

Unabhängig davon verübelt Marcel seiner Freundin aber dennoch, wie sehr sie ihn hintergangen hat:

„Einerseits ist die Lüge häufig ein Charakterzug; andererseits ist sie bei Frauen, die sonst nicht verlogen sind, eine natürliche, improvisierte, dann immer besser ausgebaute Verteidigungsstellung gegen jene plötzliche Gefahr, die imstande wäre, jedes Leben zu zerstören: die Liebe. Andererseits ist es kein Zufall, dass intellektuelle und sensible Menschen sich immer fühllosen und geistig unterlegenen Frauen unterwerfen und trotz allem auch sehr an ihnen hängen, und dass der Beweis dafür, dass sie nicht geliebt werden, sie keineswegs davon abhält, alles dafür herzugeben, um eine solche Frau bei sich zu behalten. Wenn ich sage, dass solche Männer ein Bedürfnis zu leiden haben, so gehe ich bestimmt nicht fehl…“

Finanzieller Ruin

Viele Jahre später. Mindestens ein Jahrzehnt ist vergangen. Marcel besucht gemeinsam mit seiner Mutter Venedig, „diese verzauberte Stadt“, von der er immer geträumt hat. Er verliert sich in den malerischen verwunschenen Gassen und macht, wie er es auch zu Hause in Paris tut, Jagd auf junge Mädchen „aus dem Volke“. An ernsthaften Partnerschaften, für die ohnehin nur „Frauen aus der Gesellschaft“ infrage kommen, hat Marcel schon lange kein Interesse mehr, außer die Betreffenden erinnern ihn an Albertine: „So bewirkte auch meine Liebe zu Albertine, dass ich ausschließlich eine gewisse Art von Frauen suchte, da ich diese in meinem Innern mit einer zaubervollen Vergangenheit in Beziehung setzen konnte.“ Aber das kommt praktisch nicht mehr vor. Stattdessen stellt er jungen Mädchen, bevorzugt 16-Jährigen, „aus dem Volke“ nach und bringt sie mit einem kleinen Taschengeld dazu, ihm ohne größere Umstände ihre sexuelle Gunst zu erweisen. Einmal in Paris hat er für solch eine Aktion schon eine Anzeige wegen Verführung Minderjähriger an den Hals bekommen. Der Polizeipräsident, der offenbar selbst eine Vorliebe für junge Mädchen hatte, riet ihm daraufhin, in Zukunft unbedingt vorsichtiger zu sein… Es ist zu jener Zeit für niedriggestellte junge Frauen offenbar ganz selbstverständlich, dass sie sich prostituieren. Sie können doch froh sein, wenn sie von feinen Herren wie Marcel ausgesucht und bezahlt werden…

Plötzlich erreicht Marcel eine niederschmetternde Nachricht von seinem Börsenmakler:

„Seit Albertines Tod hatte ich mich nicht mehr mit der Spekulation beschäftigt, die ich unternommen hatte, um ihretwegen über mehr Geld zu verfügen. Nun aber war einige Zeit vergangen, und große Weisheiten einer vorhergehenden Epoche waren durch die jetzige dementiert worden, so wie es früher dem Ausspruch von Thiers ergangen war, die Eisenbahn werde niemals ein Erfolg sein; die Papiere, von denen Monsieur de Norpois zu uns gesagt hatte: „Ihr Ertrag ist zweifellos nicht sehr groß, aber wenigstens wird das Kapital nie an Wert verlieren“, waren mehrfach gerade diejenigen, die am meisten fielen. Allein für die englischen Konsols und für die „Raffineries Say“ musste ich dem Makler die Differenz sowie derart erhebliche Beträge an Zinsprovisionen und für Reporte zahlen, dass ich mich von einem Tag zum anderen entschloss, alles zu verkaufen, wobei ich aber plötzlich feststellen musste, dass ich kaum noch den fünften Teil des Vermögens besaß, das ich von meiner Großmutter geerbt und zu Lebzeiten Albertines in Besitz gehabt hatte. Davon übrigens erfuhr in Combray der dort noch ansässige Teil meiner Familie und unsere Bekannten, und da man wusste, dass ich mit dem Marquis de Saint-Loup und den Guermantes verkehrte, hieß es: „Das kommt davon, wenn man zu hoch hinaus will.“ Man wäre dort sehr erstaunt gewesen zu erfahren, dass ich diese Spekulation wegen eines jungen Mädchens von so bescheidener Herkunft wie Albertine unternommen hatte.“

Marcel geht es also wie so vielen leichtsinnigen Aktienanlegern vor und nach ihm, die sich ohne besondere Kenntnisse und nur nach den Ratschlägen anderer engagieren. Im Crash verkaufen sie in größter Panik ihre Bestände an diejenigen, die damit auf lange Sicht gute Geschäfte machen. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Doch ist es immerhin ein großer Fortschritt, dass heute niemand mehr auf leibhaftige und geschäftstüchtige Börsenmakler angewiesen ist, sondern jedermann seine Orders einfach und kostengünstig online erteilen kann. (Möge es nur bald auch den Immobilienmaklern so ergehen wie dem Großteil der Börsenmakler!)

Nun empfindet Marcel diese Ereignisse als seinen finanziellen Ruin, obwohl er nach vorsichtigen Schätzungen, siehe oben, doch noch mindestens umgerechnet 5 Millionen Euro übrig haben müsste. Doch eine solche Summe, die zu besitzen fast jeden anderen glücklich machen würde, ist für ihn kaum noch der Rede wert.

„Zweifellos kehren die Dinge den Menschen wegen der Dürftigkeit ihrer Sinne nur eine beschränkte Reihe ihrer zahllosen Attribute zu. Sie erscheinen uns farbig, weil wir Augen besitzen; wie viele andere Beiwörter würden sie außerdem noch verdienen, wenn wir über Hunderte von weiteren Sinnen verfügten? Doch ist dieser andersartige Aspekt, den sie haben könnten, leichter zu begreifen, wenn wir bedenken, wie ein anderer das, was in unserem Leben ein ganz minimales Ereignis ist, von dem wir nur einen Teil kennen, den wir jedoch für das Ganze halten, durch ein Fenster auf der anderen Seite des Hauses betrachtet und demgemäß eine andere Aussicht darauf hat.“

Auf der Rückreise tauscht sich Marcel mit seiner Mutter noch über allerhand spektakuläre News aus der Pariser Gesellschaft aus: Die von ihm in jungen Jahren heiß begehrte Gilberte, die Tochter des verstorbenen Swann und seiner Witwe Odette, hat geheiratet, und zwar ausgerechnet seinen Freund, den Marquis Robert de Saint-Loup. Hintergrund dieser spektakulären Hochzeit ist der Umstand, dass Odette sich nach dem Tod ihres Mannes mit dem völlig verarmten Grafen von Forcheville vermählt hatte, der auch Gilberte adoptierte, sodass diese nunmehr zur Mademoiselle de Forchevile wurde und eine gute Partie für den aus dem Hause der Guermantes stammenden Marquis geworden war. Gilberte, die von ihrem Vater Swann „den erlesensten Takt in Verbindung mit geistigem Charme geerbt“ hatte, soll nach einer weiteren Erbschaft (ein Onkel Swanns hatte ihr sein gesamtes Vermögen vermacht) über einen Besitz von 100 Millionen Franc verfügen, was, wie wir nun wissen, einer heutigen Kaufkraft von etwa 550 Millionen Euro entspricht, also mehr als einer halben Milliarde. Verglichen damit ist Marcel natürlich ein kleines Licht…

Allerdings hat der Marquis Robert de Saint-Loup, insofern seinem Onkel, dem Baron de Charlus nacheifernd, mittlerweile seine Homosexualität entdeckt (und das, obwohl er früher ausschließlich an jungen Damen interessiert war!), weshalb er neben seiner Ehe mit Gilberte eine Beziehung ausgerechnet zum Parvenü Morell, dem besagten Chauffeur und Geiger, unterhält, der bereits seinen Onkel, den Baron de Charlus, auf üble Weise abgezockt hat. Aber bei Robert de Saint-Loup lohnt es sich für Morell deutlich weniger, da dessen Frau Gilberte trotz ihres Reichtums sehr genau auf ihre Finanzen achtet und ihrem Mann kaum etwas überlässt, das er Morell zustecken könnte. Die Erzählerstimme kommentiert diesen „Geiz“ Gilbertes – im krassen Gegensatz zu ihrer verschwendungssüchtigen Mutter Odette – in Anspielung auf ihren jüdischen Vater Swann mit den Worten: „Welcher israelitische Vorfahr mochte da bei Gilberte seine Hände im Spiel haben?“

Marcel Proust
Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Band 6:
Die Entflohene
Deutsch von Eva Rechel-Mertens
376 Seiten
Suhrkamp Verlag

Die Besprechungen der ersten fünf Bände der „Recherche“ gibt es hier:

www.justament.de/archives/1399
www.justament.de/archives/2517
www.justament.de/archives/4043
www.justament.de/archives/5841
www.justament.de/archives/6747

www.justament.de, 26.9.2016: Aus erster Hand

„Der intelligente Investor“ von Value-Legende Benjamin Graham in Neuauflage

Thomas Claer

9783898799768-mainSeit mehr als 16 Jahren beschäftige ich mich mit der Börse, ohne dass ich bisher auch nur eine Zeile von Benjamin Graham (1894-1976), dem Begründer des Value Investings, gelesen hätte. Nun habe ich endlich dieses Versäumnis nachgeholt, doch konnte ich im „Intelligenten Investor“, Grahams über 600 Seiten dickem Hauptwerk, nicht viel entdecken, was sich wesentlich von meiner eigenen Strategie enterscheiden würde (abgesehen von den Passagen, die heute aufgrund der fortgeschrittenen technischen Entwicklung historisch überholt sind). Das liegt ganz offensichtlich daran, dass die Gedanken Grahams in zahlreichen anderen Investoren fortleben und dass gewissermaßen alles, was an der Börse Rang und Namen hat, entweder seinen Graham gelesen hat oder von Personen beeinflusst worden ist, die ihrerseits ihren Graham gelesen haben. Kein Wunder, ist doch der berühmteste Graham-Schüler kein Geringerer als Warren Buffett, der mutmaßlich erfolgreichste Investor aller Zeiten, an dem sich nicht wenige Anleger orientieren.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Wer nur ein vordergründiges Interesse an Geld, Aktien und Börse hat, der muss nicht unbedingt Graham lesen. Allerhand Einführungs-Bücher anderer Autoren fassen Grahams Grundsätze recht gut zusammen. Außerdem ist Grahams Klassiker, den der Börsenverlag nun als Neuauflage in einer originellen Geschenkbox mit Poster, Begleitbüchlein und beschrifteter Tasse herausbringt, auf dem Stand von 1972 (die Erstauflage erschien bereits 1949), wobei die zweifellos nützlichen Kommentierungen von Jason Zweig aus dem Jahr 2002 stammen, also auch nicht mehr so ganz taufrisch sind. Man muss also schon ein gehöriges Maß an wirtschaftshistorischem Wissensdurst mitbringen, um hier auf seine Kosten zu kommen.

Und doch hat es seinen Reiz, die Ideen des Value Investings einmal aus erster Hand kennenzulernen. Vieles wird man, zumal als Nachgeborener, der in den Fünfziger- und Sechzigerjahren, deren Börsengeschehen im Buch ausführlich beschrieben wird, noch gar nicht auf der Welt war, nur überfliegen. Aber immer wieder stößt man auf Überlegungen des Meisters, die die Lektüre zu einem Vergnügen machen.

Besonderen Wert legt Graham auf die scharfe Abgrenzung zwischen Investition und Spekulation. „Ein Investment verspricht, nach einer gründlichen Analyse, die Sicherheit des eingesetzten Kapitals und eine angemessene Rendite. Engagements, die diese Erfordernisse nicht erfüllen, sind spekulativ.“ Und an anderer Stelle sagt er: „Ein Investor berechnet den Wert einer Aktie auf der Grundlage der Geschäfte des Unternehmens. Ein Spekulant wettet darauf, dass der Kurs steigt, weil irgendjemand bereit ist, mehr für die Aktie zu bezahlen.“
Dabei verflucht selbst Graham das Spekulieren nicht per se. Der Spieltrieb sei im Menschen tief verankert, und mit einem kleinen Anteil „Spielgeld“ (Graham denkt hier an etwa zehn Prozent der zur Verfügung stehenden Summen) könne man auch ruhig spekulieren, also Traden um des schnellen Gewinns willen. Doch sei es unabdingbar, Investment und Spekulation bereits gedanklich streng voneinander zu trennen. Er empfiehlt sogar, unterschiedliche Konten für Investments und Spekulationen zu unterhalten. Ich muss zugeben, dass ich mich beim Lesen dieser Stelle ein wenig geschmeichelt fühlte, denn ich selbst rate schon seit Jahren dazu, zwei getrennte Depots zu führen, ein größeres Investment-Depot und ein kleineres für etwaige Kurzfrist-Spekulationen (welche aber nur sehr fortgeschrittenen Anlegern zu empfehlen sind), ohne dass ich bisher wusste, dass schon Graham diese Idee hatte. Ich hielt sie bislang für meine eigene…
Nüchtern stellt Graham fest, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen den langfristigen Erfolgen der Investoren und dem hastigen Rein und Raus der Börsen-Zocker: „Wenn Sie, liebe Leser, spekulieren und nicht investieren, dann verringern Sie Ihre eigenen Chancen, Vermögen aufzubauen, und vergrößern die eines anderen.“ Hier werden sicherlich viele an Kostolany denken, der davon sprach, dass die Aktien in Krisenzeiten aus den „zittrigen Händen“ in die „festen Hände“ übergehen.
Hervorzuheben ist ferner, dass Graham trotz seiner Fokussierung auf die hinter den Aktien stehenden Unternehmen auch ein sehr realistisches (und auch heute noch absolut zeitgemäßes) Bild von der Rolle der Börsenpsychologie oder besser der Anlegerpsychologie hatte. „Denn tatsächlich ist das größte Problem eines Investors – und auch sein schlimmster Feind – wahrscheinlich er selbst.“ Und es ist köstlich, wenn er hierzu Blaise Pascal zitiert: „Alles Unheil dieser Welt geht davon aus, dass die Menschen nicht still in ihrer Kammer sitzen können.“ In der Tat haben bis heute nur wenige die in den allermeisten Fällen unheilvolle Wirkung des Aktionismus an der Börse voll erkannt.
Auch das, was ich in meinem Buch als Liquiditäts-Management bezeichnet habe, findet sich bei Graham schon in ähnlicher Form, nur dass er eine situationsbedingt flexible Quote von Aktien und Anleihen im Depot empfiehlt. Mindestens ein Viertel der verfügbaren Mittel sollte man in Aktien und mindestens ein Viertel in sicheren Anleihen investiert haben, der Rest wäre je nach aktuellem Bewertungsniveau am Aktienmarkt auf diese beiden Anlageklassen zu verteilen: bei hohen Börsenständen müsste man den Aktienanteil runter- und den Anleiheanteil hochfahren, bei niedrigen Börsenständen das Gegenteil tun. Nun räumt schon Jason Zweig in seinen Kommentierungen von 2002 ein, dass man statt defensiver Anleihen inzwischen auch ebenso gut Termingelder nutzen könne. Aus heutiger Sicht würde ich ergänzen: Noch besser sind Tagesgeldkonten (die gab es damals noch nicht). Nur rate ich dazu, es sogar noch ruhiger angehen zu lassen, als Graham es empfiehlt, und gute Aktien nur bei krassen Überbewertungen (und auch dann nur Teile des Bestandes) zu verkaufen, ansonsten aber ihre Kursschwankungen auszusitzen und in aller Ruhe die Dividenden zu kassieren. Bei ausgemachter signifikanter Unterbewertung des Marktes hingegen würde ich die Liquiditätsquote sogar tendenziell auf Null herunterfahren, also (ganz ausnahmsweise!) voll investiert sein. Aber das sind Feinheiten, die jeder Anleger letztlich für sich selber herausfinden muss.

Faszinierend ist ferner Grahams Beobachtung, dass oft nicht diejenigen den größten Erfolg an der Börse hatten, die „von Finanzen, Rechnungslegung und dem Geschehen an den Aktienbörsen viel verstanden“, sondern jene, die „vom Temperament her gut für die Kapitalanlage gerüstet waren“. Hier würde ich sogar noch über Graham hinausgehen, der fest davon ausging, dass „aggressive Investoren“ mit viel Know-how prinzipiell eine höhere Performance erzielen können als „defensive Investoren“, die einfach nur geduldig abwarten, grobe Fehler vermeiden, breit streuen und ansonsten die Dinge laufen lassen. Wenn ich mir etwa die seit Jahren erstaunlich schwach performenden Fonds von Value-Investor Prof. Max Otte ansehe (der ganz ausdrücklich im Sinne Grahams operiert!), dann habe ich den Eindruck, dass selbst die größten Koryphäen durch häufiges Umschichten erheblichen Schaden anrichten können. Hätte Max Otte etwa vor einem Jahr seine Ölwerte nicht im ungünstigsten Moment (offenbar unter dem Druck unzufriedener Investoren) verkauft, sondern deren Durststrecke einfach ausgesessen, dann stünde er jetzt weitaus besser da. Dies zeigt aber auch, dass es natürlich viel schwerer ist, einen Fonds zu managen (während ungeduldige Anleger mit den Hufen scharren) als einfach nur auf eigene Rechnung zu agieren und dabei niemandem außer sich selbst verantwortlich zu sein. Ich bin sicher, dass sich so – gerade auch als kleiner Privatanleger, wenn man nur etwas Mühe und Zeit aufwendet – die beste Performance erzielen lässt.

Fazit: Grahams „Intelligenter Investor“ ist ein Vertiefungsbuch, das nicht jeder Anleger brauchen wird, das seinen Lesern aber großes Vergnügen bereiten kann.

 
Benjamin Graham
Die große Value-Investing-Box
Der Bestseller über die richtige Anlagestrategie:„Intelligent Investieren“ in edler Metallbox
Enthält außerdem eine hochwertige Tasse, ein Poster und ein Plakat sowie ein Büchlein mit Gastbeiträgen von Hendrik Leber, Max Otte, Eckart Langen v. d. Goltz und John Mihaljevic.
9. Auflage der deutschen Ausgabe
Finanzbuchverlag 2016
640 Seiten | Broschur
59,99 €(D); 61,70 €(A)
ISBN 978-3-89879-976-8

Justament-Rezensent Dr. Thomas Claer ist Autor des Börsen-Buches „Auf eigene Faust. Aktiensparen für Kleinanleger“.

www.justament.de, 22.8.2016: Kinder, Kinder

Der Erzählungsband „Lettipark“ von Judith Hermann

Thomas Claer

LettiparkNeue Kurzgeschichten von Judith Hermann? Sieben Jahre nach ihrem letzten Erzählungsband und zwei Jahre nach ihrem verunglückten Roman-Debüt, das wir ihr längst verziehen haben? Da freut man sich doch gleich und beginnt erwartungsvoll zu lesen. Aber schnell merkt man, dass die Judith Hermann von 2016 nicht mehr jene von 1998 ist, die uns seinerzeit in „Sommerhaus, später“ mit dem „Sound einer neuen Generation“ betörte. (Womöglich ließe sich in diesem Zusammenhang auch von der „Generation Berlin“ sprechen, denn nicht wenige von uns sind damals sozusagen mit diesem Buch im Gepäck – gleich neben Sven Regeners „Herr Lehmann“ und Wladimir Kaminers „Russendisko –  in die Hauptstadt gezogen, auf der Suche nach dem wilden Leben in der noch unfertigen Metropole.) Inzwischen jedoch ist mit der Autorin auch das Personal ihrer Erzählungen um fast zwei Jahrzehnte gealtert, was nicht unbeträchtliche Spuren hinterlassen hat.
Nun sind die insgesamt 17, allesamt recht kurzen Geschichten dieses Buches sowohl inhaltlich als auch personell sehr heterogen. (Stilistisch sind sie es nicht unbedingt, dafür aber qualitativ.) Judith Hermanns Ich-Erzähler schlüpfen in die unterschiedlichsten Charaktere, sind mal männlich, mal weiblich, mal arm, mal gut situiert. Doch sind sie fast alle verheiratet und haben Kinder, manche sind geschieden und leben in Patchwork-Familien. Überhaupt dreht sich bei ihnen fast alles um den Nachwuchs. Wo bleiben da, so fragt man sich, die vielen Singles, die fast 50 Prozent kinderlosen Akademiker? Nun, auch sie treten vereinzelt auf, etwa als besessene Frau mit fanatischem Kinderwunsch, die schließlich ein russisches Kind adoptiert, woraufhin ihr Lebensgefährte sich fragt, ob er nicht besser die Reißleine ziehen sollte. Es liegt wohl auch daran, dass Leute mit Kindern meistens nur Leute mit Kindern kennen und Kinderlose meistens nur Kinderlose. Problematisch daran ist allein, dass die häufige Fixierung auf Kinder und Jugendliche diesen Geschichten nicht unbedingt guttut. Marcel Reich Ranicki muss es wohl geahnt haben, als er Judith Hermann nach ihren ersten Erfolgen mit den Worten warnte: „Bekommen Sie bloß kein Kind. Dann werden Sie nie wieder ein gutes Buch schreiben!“
Eine Geschichte, „Papierflieger“, die von einer alleinerziehenden Mutter und ihrem Freund handelt, den sie aber nur zum Aufpassen auf den Kleinen gebrauchen kann und will, ist trotzdem richtig gut geworden. Die kleinen poetischen Momente des Lebens vermag diese Autorin manchmal sehr gut einzufangen, mitunter auch die großen existentiellen wie in der Titel-Erzählung „Lettipark“, wo die Protagonistin zufällig an der Supermarktkasse eine alte Bekannte trifft – und alles, was früher einmal gewesen ist, kommt wieder in ihr hoch. Was Judith Hermann nicht so gut kann, ist das Setzen von Schluss-Pointen, mit denen sie jedenfalls in diesem Band regelrecht auf Kriegsfuß steht. Manche Geschichten werden durch ihr schwaches Ende regelrecht ruiniert. Ansonsten wird in diesen Erzählungen viel gereist, dafür aber – in krassem Gegensatz zu früher – fast gar nicht mehr geraucht. Geblieben jedoch ist die Melancholie, die über allen Geschichten liegt. Lachen musste ich beim Lesen nur ein einziges Mal, als die Ich-Erzählerin von einem gesprächigen Freund berichtete. Beim Telefonat mit diesem legte sie zwischenzeitlich den Hörer beiseite, um den Geschirr-Abwasch zu erledigen. Als sie ihn wieder aufnahm, redete ihr Freund noch immer munter weiter und hatte die längere Abwesenheit des Gegenübers gar nicht bemerkt. Kam mir irgendwie bekannt vor.

Judith Hermann
Lettipark. Erzählungen
Fischer Verlag Frankfurt a. M. 2016
187 Seiten, 18,99 EUR
ISBN: 978-3-10-002493-0

www.justament.de, 1.8.2016: Spricht so ein Rechtspopulist?

Gesammelte Reden von Peter Sloterdijk: „Was geschah im 20. Jahrhundert?“

 

Thomas Claer

 

SloterdijkReichlich Prügel bezogen hat der Philosoph Peter Sloterdjk in den vergangenen Monaten ob seiner Äußerungen in der Flüchtlingsdebatte. Insbesondere hat sich SPIEGEl-Online-Kolumnist Georg Diez auf ihn eingeschossen und ihn wiederholt in die Nähe der rechtspopulistischen AfD gerückt. (Sogar SPD-Chef Sigmar Gabriel machte sich diese Vorwürfe unlängst zu eigen.) Vor allem delikat ist hieran, dass ein Musterschüler von Prof. Sloterdijk, der Karlsruher Philosophie-Dozent Marc Jongen, ausgerechnet für die AfD im Baden-Württembergischen Parlament sitzt und als intellektueller Vordenker dieser Partei gilt. Für Jongen ist Deutschland eine geknechtete Nation, der es an „thymotischen Energien“ fehle (ein auf den griechischen Philosophen Platon rekurrierender Neologismus Sloterdijks aus seinem 2006 erschienenen Werk „Zorn und Zeit“). Inzwischen hat Sloterdijk zum Gegenschlag ausgeholt, sich in einem Handelsblatt-Beitrag scharf von der AfD und seinem missratenen Zögling Jongen distanziert. Ein schaler Nachgeschmack bleibt dennoch.

 

Ist Peter Sloterdijk, der einstige Hippie-Philosoph und Indien-Erleuchtungssucher, die wortgewaltige Metaphernschleuder mit der Altachtundsechziger-Frisur, inzwischen wirklich vom „typischen Vertreter linker Kulturkritik“ zum „Überläufer ins Lager der Gegenaufklärung“ mutiert, wie es sogar bei Wikipedia unter dem Stichwort „Neue Rechte“ heißt? Da kommt der neue Band mit dem Titel „Was geschah im 20. Jahrhundert?“, der Sloterdijks wichtigste Reden aus den vergangenen zehn Jahren enthält, gerade recht, um diesen ungeheuerlichen Verdacht  zu überprüfen.

 

Und ja, auch in diesem Buch finden sich einige anrüchige Formulierungen des Meisters, wie sie Georg Diez ja bereits zusammengetragen hat. Doch sollte man den Zusammenhang, in dem sie auftauchen, nicht verkennen. Ungefähr 80 Prozent der politisch relevanten Inhalte dieses Buches dürften ohne weiteres kompatibel mit dem Parteiprogramm der GRÜNEN sein: Im „Anthropozän“, also dem ganz wesentlich vom Homo sapiens bestimmten Erdzeitalter, in welchem wir uns seit zwei Jahrhunderten befänden, komme es ganz entscheidend auf einen Bewusstseinswandel der Menschheit in Richtung eines sparsameren Ressourcenverbrauchs an. Der „absolute Imperativ“ eines jeden Menschen müsse es daher heute sein, sein Leben so zu ändern, dass der Fortbestand der Menschheit und unseres Planeten auch weiterhin gewährleistet sei. Übrigens habe das Hauptereignis des 20. Jahrhunderts, um die Titelfrage des Buches zu beantworten, „im Ausbruch der westlichen Zivilisation aus dem Dogmatismus der Schwere bestanden“, d.h. das Leben der Menschen sei durch allerlei technische Erleichterungen zusehends komfortabler geworden. Doch hätten sich die durch diese Entwicklung bedingten Kollateralschäden längst zur existentiellen Bedrohung ausgewachsen.

Weiterhin heißt es in einem anderen Vortrag Sloterdijks aus dem Jahr 2010, die Menschheit bedürfe einer Zivilisierung, einer Selbstzähmung, die u.a. in einer „Domestikation zweiter Ordnung“ liegen könne. Alle erfolgreichen Kulturen seien, stark vereinfacht gesagt, häuslich nach innen, aber kriegerisch nach außen, d.h. gegenüber Kulturfremden, gewesen. Schon früher habe oft genug nur die zwischenstaatliche Diplomatie das Schlimmste verhindert. Auf einer höheren Stufe der Domestikation komme es aber gegenwärtig auf einen Wandel zu „höherstufigen politischen Domestikationseinheiten“ an, das Musterbeispiel dafür sei die Europäische Union. Fernziel müsse es sein, dass schließlich auch die  großen, bislang nur „intern domestizierten Überlebenseinheiten“, die Civilisations im Sinne von Huntington, wiederum untereinander „über das Stadium der Nichthäuslichkeit hinausgelangen“.

Bis hierhin hätte wohl selbst Jürgen Habermas, der als Sloterdijks Intimfeind in der deutschen  Philosophen-Zunft gilt, keine Einwände gehabt. Aber dann kommt es am Ende des Vortags knüppeldick: Ganz beiläufig fordert Sloterdijk hier die „Entschärfung der Bevölkerungswaffe“. Neben den „noch unzureichend gezähmten polemischen Außenverhältnissen der Kulturen“ sei auch „das biologische Reproduktionsgeschehen in hohem Maße regulierungsbedürftig“. Das bedeute „die Absenkung der Geburtsraten in allen Kulturen auf Proportionen, die mit sozioökonomisch beherrschbaren Lebensbedingungen verträglich sind“. Und das schließe – Achtung! –„jede Art von Elendsfruchtbarkeit ebenso aus wie verwilderte Kampffortpflanzungen – wie man sie seit längerem in arabischen Ländern beobachtet“. Denn: „Riesige Gewaltentladungen werden hiervon die beinahe unvermeidliche Folge sein.“ Und Sloterdijk verweist auf die von der demographischen Forschung evident gemachte positive Korrelation zwischen überhöhten Geburtsraten und kriegerischen bzw. genozidalen Ereignissen. „Durch manifest oder latent polemisch motivierte Überproduktion von Menschen“ würden „vor allem die jungen Männer zwischen 15 und 30 Jahren zu einer Risikogruppe, die das Domestikationspotential ihrer eigenen Kulturen überfordern“. In den kommenden 20 Jahren stünden mehrere hundert Millionen junge Männer in der arabischen und afrikanischen Welt „für alle Arten von polemischen Aktivitäten bereit“. Es sei zu befürchten, dass nicht wenige von ihnen sich für religiös codierte Selbstvernichtungsprogramme rekrutieren ließen.

Was ist nun von diesen Ausführungen zu halten? Sind sie punktuelle islamophobe Panikmache, wie Gustav Seibt in seiner Rezension dieses Buches in der Süddeutschen Zeitung meinte, während er dem Autor im übrigen den gewohnten Respekt zollte? Oder müssen wir in diesen Tagen, nach den Anschlägen von Nizza, Würzburg, Ansbach und Rouen, nach jahrelangem Bürgerkrieg in Syrien und Irak, womöglich erkennen, dass Sloterdijk als Kassandra sogar richtiggelegen hat? Doch selbst wenn, was würde daraus folgen? Eine „Islamisierung des Abendlandes“ im Sinne von PEGIDA ist laut Sloterdijk jedenfalls nicht zu befürchten, diese Montagsspaziergänger hätten, so Sloterdijk in einem Fernsehinterview, nur „das tiefe innere Bedürfnis, einen Feind zu haben“.

 

Was aber ist sonst noch anstößig in diesem Buch? Dass Auschwitz vom Autor nur als ein Horror-Ereignis neben vielen anderen im 20. Jahrhundert und nicht als Singularität bezeichnet wird? Geschenkt, ein übergeordneter Blick aus der geschichtlichen Distanz wird dies irgendwann ohnehin so beurteilen, wenngleich es gegenwärtig hierzulande noch immer gute Gründe gibt, insbesondere die unbedingte Wahrung der Würde der noch lebenden Opfer, an der politisch-historischen und rechtlichen Sonderstellung des Holocaust festzuhalten. Dass Sloterdijk ferner zustimmend einen Soziologen zitiert, der vom neuen Phänomen einer „parasitären Unterschicht“ spricht? Das kann man als – im übrigen gar nicht so selten anzutreffenden  – „Sozialneid von oben“ ansehen. Dabei befand schon Marcel Proust in seiner „Suche nach der verlorenen Zeit“, tatsächlich sei es weitaus anstrengender und führe oft zu einer weit größeren Erschöpfung, einen ganzen Tag lang rein gar nichts zu tun als unentwegt hart und schwer zu arbeiten…

 

Solche und in ähnliche Richtungen abzielende Passagen sorgen gleichsam für ein paar schrille neoliberale Farbtupfer – ergänzend zu den angeführten latent islamophoben und ansatzweise populistischen – auf dem grünlich grundierten Argumentationsteppich. In diesem Zusammenhang kann es allerdings schon erstaunen, dass Peter Sloterdijk sich vor einigen Jahren im SPIEGEL-Interview als notorischen SPD-Wähler geoutet hat, „wenn auch nicht aus philosophischen, sondern aus persönlichen und biographischen Gründen“. Und zuletzt bezeichnete er sich in der ZEIT als „linken Konservativen“. Nun ist aber auch wirklich fast alles dabei gewesen. Vielleicht ist er ja einfach nur ein bunter Hund…

 

Ansonsten ist „Was geschah im 20. Jahrhundert“ eine Art „Parerga und Paralipomina“ geworden, eine gelungene Zusammenstellung kleinerer Abhandlungen, die in den Hauptwerken keinen Platz mehr gefunden haben. Am besten ist Sloterdijk, wie immer, wenn er die Religion durch den Kakao zieht. In „Starke Beobachtung“ entwickelt er den Gedanken, dass die moderne Raumfahrt einen „Teil der göttlichen Funktion übernommen und auf technische Systeme (Beobachtungssatelliten) und natürliche Intelligenzen (Menschen an Bord von Raumstationen) übertragen hat. Einst, in Mesopotamien, habe „die Erfindung bzw. Offenbarung der Götter“ einem „überaus wichtigen psychopolitischen Zweck“ gedient: Es galt „die Menschen an den Gedanken zu gewöhnen, dass ihr Leben durchgehend unter der Beobachtung einer ebenso allwissenden wie allaufmerksamen Intelligenz stehe“, die „zugleich die Vollmacht besitzt, jedem einzelnen Menschen post mortem die moralische Bilanz seines Handelns zu präsentieren.“ Klar, so konnte man die Menschen äußerst effektiv disziplinieren. Alle höheren Kulturen, so Sloterdijk, beruhten auf der Idee, „es existiere eine externe Beobachterintelligenz, die imstande sei, sämtliche Lebensvorgänge synchron zu erfassen, auch jene, die sich in der Dunkelheit des Unwissens oder des bösen Willens verstecken.“ … „Was die Tradition Gott nennt, ist ein starker Beobachter, für den alle Tatsachen auf derselben Oberfläche liegen. Er sieht alles synchron und von allen Seiten, sei es von oben, sei es von innen.“ Ein Recht auf Privatheit war zu jener Zeit noch nicht bekannt. Und nun, so Sloterdijk weiter, schauten die Menschen des globalen Zeitalters erneut an den nächtlichen Himmel. „Sie glauben aber nicht nur, dass sie beobachtet werden, sie wissen es auch…“

Nicht jeder der Vorträge ist so witzig, leicht und pointiert geschrieben. „Derridas Traumdeutung“ etwa kann man schon für einen ziemlichen Schnickschnack halten. Doch ist „Odysseus der Sophist. Über die Geburt der Philosophie aus dem Geist des Reise-Stress“ einfach köstlich, ebenso die kleine Ideengeschichte des Indirekten „Der andere Logos oder: Die Vernunft der List“. Und auch „Die permanente Renaissance“ über Boccacios Decamerone und die Folgen sollte man sich nicht entgehen lassen. Fast überall ergreift Sloterdijk Partei für die Frechheit (beispielsweise die der Sophisten) und gegen die altehrwürdigen Autoritäten (wie etwa Platon).

 

So fragt man sich am Ende dieses ausgezeichneten Buches doch etwas besorgt, wie es passieren konnte, dass der sonst so gewitzte Sloterdijk sich mit so völlig derangierten Äußerungen zu Merkels Flüchtlingspolitik (das berüchtigte Cicero-Interview im vergangenen Frühjahr: „territorialer Imperativ“, „Lob der Grenzen“, „Souveränitätsverzicht“, Überrollung“, Lügenäther“, „keine moralische Pflicht zur Selbstzerstörung“) gegen viele der bislang von ihm selbst vertretenen Positionen und sich selbst damit in die rechte Ecke gestellt hat. Bis heute ist er offensichtlich damit beschäftigt, den Scherbenhaufen, den er selbst angerichtet hat, mit großem Aufwand wieder zusammenzukehren. Hätte er einfach nur gesagt, wie er es später beschwichtigend nachgeschoben hat, es gebe keine Pflicht, gegen die eigenen Interessen zu handeln, dann wäre das – insbesondere im Licht der jüngsten Ereignisse betrachtet – zweifellos bedenkenswert gewesen. Durch die seine maßlosen verbalen Zuspitzungen jedoch (und wohl auch durch seine anschließenden ungeordneten Rückzugsmanöver) hat er am Ende vor allem sich selbst geschadet.

 

Wie heißt es in Sloterdijks grandiosem Religions-Rundumschlag „Gottes Eifer“ (2007): „Die Zivilisierung der Monotheismen ist abgeschlossen, sobald die Menschen sich für gewisse Äußerungen ihres Gottes, die unglücklicherweise schriftlich festgehalten wurden, schämen wie für die Auftritte eines im allgemeinen sehr netten, doch jähzornigen Großvaters, den man seit längerem nicht mehr ohne Begleitung in die Öffentlichkeit lässt.“ (S.168) Sollte es etwa auch mit unserem Lieblings-Philosophen, der im nächsten Jahr 70 wird, schon so weit gekommen sein? Im September erscheint erst einmal sein erster erotischer (!) Roman „Das Schelling-Projekt“. Wir sind gespannt.

 

Peter Sloterdijk

Was geschah im 20. Jahrhundert?

Suhrkamp Verlag Berlin 2016

348 Seiten, 26,95 €

ISBN: 978-3-518-42507-7

www.justament.de, 8.2.2016: Man liebt nur, was man nicht besitzt

Band 5 der „Recherche“ von Marcel Proust, „Die Gefangene“, widmet sich den Tücken der Zweisamkeit

Thomas Claer

proustAls ausdauernder Leser der “Suche nach der verlorenen Zeit” von Marcel Proust konnte man sich nach dem vierten der sieben Bände, „Sodom und Gomorra“, schon einmal die Frage stellen, wie es handlungstechnisch nun eigentlich noch über drei volle Bände weitergehen sollte. Klar, im siebten und letzten Band, der „Wiedergefundenen Zeit“, werden sich alle Kreise schließen, doch wie würden sich wohl Band 5 und 6 entwickeln, wo doch die Heirat zwischen Marcel und Albertine am Ende von Band 4 bereits ausgemachte Sache ist? Schließlich heißt es bei Kurt Tucholsky ganz treffend: „Es wird nach einem happy end/ Im Film jewöhnlich abjeblendt“. Soll nun etwa, so fragt  man sich ein wenig irritiert, abweichend von dieser Regel ausgerechnet das Eheleben der beiden Protagonisten vor dem Leser ausgebreitet werden, obgleich doch schon ebenjener Tucholsky erkannte: „Die Ehe ist zum jrößten Teile/ Vabrühte Milch und Langeweile“?

Nein, soweit darf es bei Proust natürlich nicht kommen. Die Handlung in „Die Gefangene“ setzt erst einige Jahre nach Marcels Entschluss, Albertine zu heiraten, in Paris wieder ein. Die beiden leben schon seit längerem in Marcels Elternhaus zusammen, allerdings ohne dass sie verheiratet wären. Marcel hält Albertine gewissermaßen hin. Sie ist jetzt etwa Mitte, er vielleicht schon Ende zwanzig. Albertine ist offensichtlich sehr an einer Heirat mit Marcel interessiert, schließlich ist er für sie eine glänzende Partie, doch spricht sie dies wohlweislich niemals aus, um ihre Ambitionen nicht zu gefährden. Vielleicht macht sie sich aber auch schlicht keine großen Gedanken darüber, der Leser erfährt im Wesentlichen nur Marcels Sicht auf die Dinge. Dessen ohnehin für die damalige Zeit – die Handlung spielt im frühen 20. Jh. – bemerkenswert lockeren großbürgerlichen Eltern lassen ihn auch in dieser Frage völlig frei gewähren. Zumal sie, was dem jungen Paar entgegenkommt, zur Zeit der Romanhandlung gerade abwesend sind. Marcels Mutter kümmert sich um die nach dem Tod von Marcels Großmutter allein auf sich gestellte kränkliche Tante in Combray. Marcels Vater, der – im krassen Gegensatz zu seinem Sohn! – pausenlos arbeitet, tritt überhaupt nicht in Erscheinung.

Das schöne Leben zu zweit

So gestaltet sich das Leben der jungen Leute überaus angenehm. Einer „geregelten Tätigkeit“ im eigentlichen Sinne gehen beide nicht nach. Für Albertine ist dies ohnehin nicht vorgesehen, Marcel verfolgt weiter den vagen Wunsch, Schriftsteller zu werden. Zwischenzeitlich hat er immerhin schon „einige Blätter“ geschrieben, und zwar eine Erzählung über den mittlerweile verstorbenen Swann und die Unmöglichkeit seines Verzichts auf Odette. Auch im Haushalt ist für die beiden nichts zu tun, da die Dienerin Francoise alle anfallenden Arbeiten verrichtet. Und außerdem räumt Francoise stets auf, was insbesondere Albertine an Unordnung produziert. Marcel kommentiert das mit den Worten: „Ich glaube, dass Albertine Mama unerträglich gewesen wäre, da diese … Gewohnheiten der Ordnung bewahrt hatte, von denen meiner Freundin die elementarsten Grundbegriffe fehlten.“ Für Ausfahrten steht ein Automobil mit Chauffeur zur Verfügung. Selbstverständlich bestehen finanziell keinerlei Beschränkungen. Nur einmal seufzt Marcels Mutter beiläufig in einem ihrer Briefe an ihn: „Wo geht nur das ganze Geld bei dir hin?“

Die Wohnsituation für die jungen Herrschaften in der Stadtvilla von Marcels Eltern kann als äußerst komfortabel bezeichnet werden. Jeder hat sein eigenes Zimmer mit eigenem Bad und  eigener Ankleide. Besonders großen Wert legt Marcel allerdings darauf, dass man ihn morgens immer ausschlafen lässt. Niemand, weder Albertine noch die Dienerin, darf ihn wecken, bevor er selbst das Glöckchen nach der Hausangestellten geläutet hat. (Ja, das tägliche Ausschlafenkönnen ist in der Tat so ziemlich der größte Luxus, den ein Mensch sich leisten kann. Vom eingangs erwähnten Kurt Tucholsky stammt der schöne Ausspruch: „Das Stigma aller Unterdrückten: früh aufstehen müssen.“) Überhaupt ist Marcel, was das Schlafen angeht (wie auch sonst), ein Genießer: „Der Schlaf ist göttlich, aber wenig dauerhaft; beim leisesten Anstoß verflüchtigt er sich. … Wie in der Musik bestimmte bei diesen verschiedenen Arten von Schlaf die Erhöhung oder Verminderung eines Intervalls die Schönheit.“ Und wenn Marcel nicht schläft, bleibt er auch gerne, besonders bei schönem Wetter, stundenlang im Bett liegen, ist dann für niemanden zu sprechen und durchlebt „Erinnerungsräusche“: „An diesem heiteren Sonnentag von morgens bis abends mit geschlossenen Augen liegenzubleiben, war eine ebenso erlaubte, gebräuchliche, heilsame, angenehme, der Jahreszeit entsprechende Sache, wie die Fensterläden gegen Hitze geschlossen zu halten. … Indem ich träge von Tag zu Tag weiterschiffte wie auf einem Kahn und vor mir immer neue verzauberte Erinnerungen auftauchen sah, die ich nicht selbst auswählte, sondern die, im Augenblick zuvor noch unsichtbar, mir von meinem Gedächtnis nacheinander angeboten wurden, ohne dass ich sie mir etwa aussuchen konnte, setzte ich träge in diesen immer gleichen Räumen meine Spazierfahrt in der Sonne fort.“

Nun kann man Marcels Gewohnheiten für dekadent halten, doch „der Snobismus ist zwar eine ernste Krankheit der Seele, aber örtlich begrenzt und nicht dazu angetan, sie ganz und gar zu zerstören.“ Glücklicherweise nimmt Albertine ihrem Freund solche Eskapaden jedenfalls zunächst nicht krumm, denn immerhin beschäftigt er sich „doch unaufhörlich damit, wie sie ihre Zeit verbrachte“. Und – was nicht zu unterschätzen ist – Marcel tankt Kraft durch sein langes Schlafen: „Da unser Wohlbefinden sehr viel weniger aus unserem guten Gesundheitszustand als aus dem ungenutzten Überschuss unserer Kräfte resultiert, können wir ebensogut wie durch Vermehrung der letzteren durch Beschränkung unserer Aktivität dazu gelangen. Diejenige, von der ich überströmte und deren Potential ich im Bett liegend intakt hielt, machte mich springlebendig im Innern, so wie eine Maschine, die sich nicht vom Platz rühren kann, in sich selber schnurrt.“

Wusste man in Balbec noch nichts Genaues über das Ausmaß der körperlichen Annäherung zwischen Marcel und Albertine, so besteht darüber mittlerweile kein Zweifel mehr: Marcel erfüllt „die Pflichten eines blühenden und schmerzlichen Kultes, der der Jugend und Schönheit der Frau wie eine Opfergabe dargebracht wurde.“ Sehr explizit heißt es über Albertine: „Ihre beiden kleinen hochsitzenden Brüste waren so rund, dass sie weniger einen integrierenden Teil ihres Körpers zu bilden als vielmehr wie zwei Früchte daran gereift zu sein schienen; und ihr Leib, bei dem die Stelle verborgen war, an der es beim Manne hässlich wird, als sei ein Haken steckengeblieben in einer Statue, von der man den Mantel abgeschlagen hat, fügte sich da, wo die Schenkel zusammentreffen, mit zwei muschelartigen Wölbungen zu einer sanften, ruhevollen, abschließenden Linie gleich der des Horizonts, wenn die Sonne untergegangen ist.“

Besonders lustvoll gestaltet sich der Liebesakt für Marcel jedoch, wenn er sich ergänzend dazu vor seinem inneren Auge noch einmal den Strand von Balbec vorstellt: „Hinter diesem jungen Mädchen spielten wie hinter dem purpurfarbenen Licht, das aus meinen Fenstervorhängen in Balbec niederfiel, während draußen das Konzert der Musikanten aufklang, in perlmutfarbenen Tönen die bläulichen Wellenlinien des Meeres.“ Und hinsichtlich Albertines und ihrer Freundinnen befindet er: „Sie waren … erblühte junge Mädchen geworden, aus deren Schar ich die schönste Rose gepflückt und allen anderen fortgenommen hatte.“

Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf

Nun entdeckt Marcel aber neben seiner Meeres-Obsession noch einen weiteren „Fetisch“ an sich: „Ich habe bezaubernde Abende im Geplauder, im Spiel mit Albertine verbracht, aber niemals so süße, wie wenn ich sie schlafen sah. … Der Länge nach auf meinem Bett ausgestreckt, in einer Haltung von einer Natürlichkeit, die man nicht hätte erfinden können, fand ich sie einer langgestielten Blüte ähnlich, die man dorthin gelegt hatte; und so war es in der Tat: die Macht zu träumen, die ich nur in ihrer Abwesenheit besaß, fand ich in jenen Augenblicken auch in ihrer Nähe wieder, als sei sie eben im Schlaf zu einer Pflanze geworden. Dadurch verwirklichte ihr Schlummer in gewissem Maße, was die Liebe als Möglichkeit enthielt. Wenn ich allein war, konnte ich an sie denken, aber sie fehlte mir, ich besaß sie nicht; wenn sie da war, sprach ich zu ihr, aber war zu fern von mir selbst, um zugleich denken zu können. Wenn sie schlief, brauchte ich nicht mehr zu sprechen, ich wusste, dass ihr Blick nicht länger auf mir ruhte, ich hatte nicht mehr nötig, an meiner eigenen Oberfläche zu leben.“

Über mehrere engbedruckte Seiten wird ausschließlich die schlafende Albertine beschrieben: „Ihr Schlaf, an dessen Gestade ich mit immer neuer Lust träumte, so dass ich nicht müde wurde, sie immer wieder zu kosten, war eine ganze Landschaft für mich. Ihr Schlaf rückte etwas so Ruhevolles, so sinnlich Köstliches dicht an meine Seite wie etwa die Vollmondnächte in der Bucht von Balbec. … Ich hörte das Geräusch ihrer Atemzüge, die in kurzen Abständen über ihre Lippen kamen, regelmäßig wie Brandungswellen, aber sanfter und leiser. In dem Augenblick jedoch, da mein Ohr diesen göttlichen Laut in sich aufnahm, schien mir in ihm die gesamte Persönlichkeit, das ganze Leben der reizvollen Gefangenen, die dort vor meinen Augen ausgestreckt lag, verdichtet enthalten zu sein. … Ihre Brauen, die so geschwungen waren, wie ich es niemals gesehen hatte, umgaben die Wölbung der Augenlider wie ein weiches Seevogelnest … Ihre nach und nach immer tiefere Atmung hob regelmäßig ihre Brust und darüber auch noch ihre gekreuzten Hände, ihre Perlen, die auf so verschiedene Art bei der gleichen Bewegung ihren Platz verschoben wie Fischerboote und Ankerketten, die eine Bewegung der Wellen zu leisem Schaukeln bringt. Dann, wenn ich spürte, dass ihr Schlaf seinen Höhepunkt erreicht hatte, dass ich mich nicht mehr an Klippen des Bewusstsein stoßen würde, die jetzt von der hohen Flut des Tiefschlafs überdeckt waren, sprang ich entschlossen lautlos auf das Bett, ich streckte mich neben ihr aus, umfasste sie mit meinen Armen, drückte die Lippen auf ihre Wangen und ihr Herz und legte dann auf alle Teile ihres Körpers meine freigebliebene Hand, die nun auch wie die Perlen vom Atem meiner Freundin leicht emporgehoben wurde; ja ich selbst wurde von ihrer rhythmischen Bewegung leise auf und  nieder gewiegt: ich hatte mich auf dem Schlummer Albertines eingeschifft. … Das stärker werdende Geräusch ihres Atems konnte die Illusion erzeugen, sie keuche vor Lust, doch als die meine auf dem Höhepunkt war, konnte ich sie umarmen, ohne ihren Schlaf unterbrochen zu haben. … Ich genoss ihren Schlummer in selbstloser und beschwichtigender Liebe, so wie ich Stunden hindurch dem leisen Wellenschlag der Brandung lauschen konnte. … Diesem Vergnügen aber, ihrem Schlaf zuzuschauen, das ebenso süß war, wie ihr Leben nahe bei mir zu spüren, bereitete ein anderes ein Ende, nämlich das, sie erwachen zu sehen.“ Doch schließt diese Schlaf-Orgie mit dem beunruhigenden Satz: „Süße heitere Augenblicke, die scheinbar so unschuldig sind, unter denen sich aber doch eine ungeahnte Möglichkeit des Unheils drohend erhebt…“

Nur der Vollständigkeit halber sei noch eine dritte, besonders kuriose Vorliebe Marcels auf diesem Sektor erwähnt: „Einen immateriellen, zuweilen aber nicht weniger intimen Reiz als bei der Annäherung und Vermischung unserer Körper stellte ich in der unserer Schatten fest.“ Wer es nicht glaubt, der möge es googeln: Tatsächlich gibt es auch heute noch „Schattenfetischisten“. Wie sagt die Stimme aus dem Off: „In jedem Augenblick muss man zwischen der Gesundheit, der Vernunft auf der einen Seite und den subtilen Genüssen des Geistes auf der anderen wählen.“

Freuden der Äußerlichkeit

Auch in einer anderen Hinsicht gestaltet sich Albertines Leben mit Marcel als sehr genussvoll: „Das Drum und Dran der weiblichen Toilette brachte für Albertine große Freuden mit sich. Ich konnte mir das Vergnügen nicht versagen, ihr jeden Tag eine neue zu bereiten.“ Das heißt: Marcel kauft ihr alles, was sie haben will. . „Albertine hegte für alle diese Dinge eine viel lebhaftere Neigung als die Herzogin von Guermantes, weil – wie jedes Hindernis, das sich dem Besitz entgegenstellt – die Armut, großzügiger als der Überfluss, den Frauen viel mehr schenkt als nur die Toiletten, die sie sich nicht kaufen können: nämlich das Verlangen danach, das erst eine wirkliche, ins einzelne gehende und in die Tiefe reichende Kenntnis davon verleiht.“ Doch „der Besitz von dem, was man liebt, ist eine noch größere Freude als die Liebe selbst.“ Dennoch war Albertine, was Marcel ausdrücklich betont, „nicht oberflächlich, las viel, wenn sie allein, und las mir vor, wenn wir zusammen waren.“ Und durch all das gibt sie ihm „eine Ruhe, wie sie (indem sie uns der Wirklichkeit enthebt, das Glück in uns selbst zu suchen) aus einem Gefühl von Familienfrieden und häuslichem Glück erwächst.“

Schatten über dem jungen Glück: Eifersucht und Langeweile

Zum ständigen Begleiter wird Marcel jedoch seine Eifersucht auf Albertines fragwürdige Kontakte zu ihren diversen Freundinnen. Ständig spioniert er ihr nach und wird dabei auch immer wieder fündig, was in ihm ein „Gefühl des Grauens“ auslöst. Mit Entsetzen entdeckt er „das ausschweifende Leben, das Albertine vor der Zeit unserer Bekanntschaft geführt hatte“. Doch auch während der Romanhandlung setzt Albertine ihre Aktivitäten fort. „Ich spürte, wie ihr Wesen sich zugunsten anderer Wesen, mit denen ich sie nicht hindern konnte, in Verbindung zu treten, mir entzog.“ Mit immer neuen Ausreden und Lügen („Die Lüge ist das wichtigste und meistverwendete Werkzeug der Selbsterhaltung.“) versucht Albertine,  dies zu vertuschen. „Einerseits war es mir stets unmöglich, einen Schwur von ihr anzuzweifeln; andererseits befriedigten ihre Erklärungen keineswegs meinen Verstand.“ Doch kommt Marcel in einem klaren Moment zur Selbstdiagnose: „Ich litt infolge einer Interferenz meiner nervösen Erregungen, von denen meine Eifersucht nur das Echo war.“

Mit den heutigen medialen Möglichkeiten hätte Marcel leicht erkennen können, dass intime Kontakte junger Frauen zu ihren Freundinnen, selbst wenn sie sich in festen heterosexuellen Partnerschaften befinden, wohl zu allen Zeiten weit verbreitet waren und es bis heute sind  (http://www.cosmopolitan.de/liebe-unter-freundinnen-ziemlich-beste-busenfreundinnen-67490.html), sich also keineswegs so ungeheuerlich ausnehmen, wie es Marcel vorkommt. (Was im übrigen auch einer besonders beliebten Männerphantasie mit offensichtlich wahrem Kern entspricht…)

Doch muss Marcel sich eingestehen, dass es gerade seine rasende Eifersucht ist, die sein Interesse an Albertine überhaupt noch aufrechterhält: „Von Albertine hatte ich nichts mehr zu erwarten. Täglich erschien sie mir weniger hübsch, einzig das Begehren, das sie bei anderen weckte, hob sie, wenn ich davon erfuhr, wieder zu leiden begann und sie jenen streitig machen wollte, in meinen Augen noch einmal zu neuem Ansehen empor. Sie konnte mir Leiden bereiten, aber durchaus keine Freude. Durch das Leiden allein wurde meine quälende Anhänglichkeit an sie genährt. … Ich war unglücklich. … Weil ich sie wie einen geheimnisvollen Vogel, dann wie eine große Schauspielerin der Meeresküste ersehnt und vielleicht sogar in Besitz genommen hatte, war sie mir einst so wundervoll erschienen. Nachdem ich den Vogel eingefangen hatte, … hatte Albertine nahezu ihre Schönheit eingebüßt, … war zur grauen Gefangenen geworden, auf ihr trübes Selbst zurückgeführt…“ Und er kommt zur schockierenden Erkenntnis: „Ich hatte eine erste Albertine gekannt, dann aber hatte sie sich plötzlich in eine zweite verwandelt, die gegenwärtige. Für die Verwandlung aber konnte ich einzig mich selbst verantwortlich machen.“

So stellen sich bei ihm auch ernste Zweifel an seinen Heiratsplänen ein: „Ich fragte mich, ob eine Heirat mit Albertine nicht mein Leben ruinieren würde, einerseits, weil ich damit die für mich zu schwere Aufgabe übernehmen müsste, mich einem anderen Wesen zu widmen, andererseits aber auch dadurch, dass sie mich zwang, infolge der unaufhörlichen Gegenwart einer Frau abwesend von mir selbst zu leben und mich für immer der Freuden der Einsamkeit beraubte. … Ich fühlte, wie das Leben, die Welt, deren Freuden ich noch niemals richtig gekostet hatte mir im Austausch gegen eine Frau entging, an der ich nichts Neues mehr zu finden vermochte. … Ich fühlte, dass mein Leben mit Albertine, soweit ich nicht eifersüchtig war, nichts als Langeweile, soweit ich es aber war, nur Leiden bedeutete.“

Nun denkt Marcel daran, was ihm sein verstorbener Freund Swann mit auf den Weg gegeben hat: „Ich staunte, wenn Swann nachträglich einer Frau, die mir unbedeutend erschienen war, die Würde eines Kunstwerks verlieh, indem er sie vor mir, so wie er es galanterweise auch ihr selbst gegenüber getan hatte, mit einem Porträt von Luini verglich oder in ihrer Toilette das Kleid oder die Schmuckstücke eines Gemäldes von Giorgione wiederfand. So etwas gab es bei mir nicht. Sogar – um die Wahrheit zu sagen – als ich Albertine wie einen von einer wundervollen Patina überhauchten musizierenden Engel zu betrachten begann und mich zu ihrem Besitz beglückwünschte, dauerte es nicht lange, bis sie mir wieder gleichgültig wurde…Man liebt nur da, wo man einem Unzugänglichen nachspürt, man liebt nur, was man nicht besitzt…“ Oder anders gesagt: „Diese Liebe konnte nur von Dauer sein, wenn sie unglücklich blieb.“

Wie jeder weiß, der einmal in einer Partnerschaft gelebt hat, ist für deren Gelingen die Entwicklung einer gemeinsamen Streitkultur von zentraler Bedeutung. Häufig zu beobachten sind dabei „inszenierte“ Trennungsszenen, bei denen beide Seiten mit der Drohung des endgültigen Zerwürfnisses eine Art Krieg gegeneinander führen und dabei alle strategischen und taktischen Register ziehen. So ist es auch bei Marcel und Albertine: „So kehrten wir einander eine Außenseite zu, die sich stark von der inneren Wirklichkeit unterschied. Zweifellos ist es immer so, wenn zwei Wesen einander gegenüberstehen, da jedes von ihnen über einen Teil von dem in Unkenntnis bleibt, was der andere eigentlich ist, und selbst über das, was er weiß, da er es nur zum Teil versteht… In der Liebe aber wird dieses Missverständnis auf die Spitze getrieben, weil wir – außer vielleicht, solange wir noch Kinder sind – es darauf anlegen, dass der äußere Anschein, den wir uns geben, nicht eigentlich genau unser Denken widerspiegelt, sondern das, was dieses Denken für das geeignetste hält, um uns an das Ziel unserer Wünsche zu bringen… Von einem gewissen Alter an tun wir aus Eigenliebe und kluger Einsicht so, als legten wir gerade auf die Dinge, die wir am meisten wünschen, keinen Wert. In der Liebe aber zwingt uns die einfache Einsicht … schon früh zu einem solchen Geist der Doppelzüngigkeit.“

Noch paradoxer wird es nur, wenn einer der beiden wirklich den Absprung im Sinn hat, „weil bei einer Trennung derjenige, der nicht mit wahrer Liebe liebt, die zärtlichen Dinge sagt, während wahre Liebe sich nicht deutlich ausspricht … denn die tausend Freundlichkeiten der Liebe können schließlich bei dem, der sie einflößt, aber nicht empfindet, eine Zuneigung, eine Dankbarkeit wachrufen, die weniger egoistisch ist als das Gefühl, das diese Regungen erzeugt, und die vielleicht nach Jahren der Trennung, wenn bei dem ehemals Liebenden nichts mehr davon zu finden ist, bei der Geliebten noch immer fortbesteht.“ Tatsächlich ist es Albertine, die scheinbar um jeden Preis bei Marcel bleiben will (was ja auch – ganz nüchtern betrachtet – allein in ihrem Interesse liegen kann) und dann – am Ende dieses Bandes – plötzlich und völlig überraschend mit gepacktem Koffer verschwunden ist. „Liebe ist“, weiß die Stimme aus dem Off, „Raum und Zeit, dem Herzen fühlbar gemacht.“

Kunsttheorie

Wohl dem, der seine Freuden nicht nur aus der Liebe zu ziehen vermag. Schon vor Albertines Verschwinden schärft Marcel seine Sinne für die schönen Künste. Entsprechend der Theorie des im Buch nicht namentlich erwähnten Schopenhauer, des pessimistischen Misanthropen, bewegt sich das menschliche Leben zuverlässig zwischen den Polen Schmerz und Langeweile. Den einzigen Ausweg, jedenfalls zu Lebzeiten (im Jenseits winkt ja noch das Eintauchen in die Weltseele), bieten die glücklichen Momente des  Kunstgenusses. So ähnlich, und doch auf eigene Weise, erlebt es auch Marcel, insbesondere was den  „spezifischen Rauschzustand durch Musik“ angeht. „Wie das Spektrum uns die Zusammensetzung des Lichts objektiv sichtbar macht, so gestatten uns die Harmonien eines Wagner, die Farben eines Elstir, die Essenz und die Beschaffenheit der Empfindungen eines andern kennenzulernen, in welche die Liebe zu einem Wesen uns nicht einzudringen erlaubt. … Wird dieses Unaussagbare, das jeweils gerade dem seine besondere Nuancierung verleiht, was jeder von uns empfindet, aber dennoch auf der Schwelle der Äußerungen zurücklassen muss, durch welche er mit anderen nur insoweit in Beziehung zu treten vermag, als er sich auf äußerere, allen gemeinsam zugängliche, bedeutungslose Dinge beschränkt, nicht erst durch die Kunst zutage gefördert, sobald diese in den Farben des Spektrums die innere Struktur jener Welten nach außen hin sichtbar macht, die wir als Individuen bezeichnen und die wir ohne die Kunst nie kennenlernen würden? … Die einzig wahre Reise, der einzige Jungbrunnen wäre für uns, wenn wir nicht neue Landschaften aufsuchten, sondern andere Augen hätten, das All mit den Augen eines anderen, von hundert anderen betrachten, die hundert verschiedenen Welten sehen könnten, die jeder einzelne sieht, die jeder von ihnen ist.“ Das aber vermögen wir nur in der Kunst, „wir fliegen dann wirklich von Stern zu Stern.“

Noch esoterischer wird es, als Marcel sich gedanklich über die Gespräche im Anschluss an eine  Musikaufführung echauffiert: „Aber was bedeuteten ihre Worte, die wie jede nur am Äußern haftende menschliche Rede mich so gleichgültig ließen, verglichen mit dem himmlischen musikalischen Thema…Ich fühlte mich wahrhaft wie ein Engel, der, aus dem Rausch des Paradieses herabgestürzt, in die trivialste Wirklichkeit fällt. Und ich fragte mich, ob nicht … die Musik das einzige Beispiel dessen sei, was – hätte es keine Erfindung der Sprache, Bildung von Wörtern, Analyse der Ideen gegeben – die mystische Gemeinschaft der Seelen hätte werden können. Sie ist wie eine Möglichkeit, der nicht weiter stattgegeben wurde; die Menschheit hat eigene Wege eingeschlagen, die der gesprochenen und geschriebenen Sprache. Aber diese Rückkehr zum Nichtanalysierbaren war so berauschend, dass mir beim Verlassen des Paradieses die Berührung mit mehr oder weniger klugen Menschen außerordentlich banal erschien. … Ein Versprechen, dass es noch etwas anderes gebe – etwas, das zweifellos die Kunst verwirklichen kann, etwas anderes als das Nichts, das ich in allen Vergnügungen und in der Liebe selbst gefunden hatte…“

Klatsch und Tratsch von Monsieur de Charlus

Ansonsten bietet auch dieser Band der „Recherche“ wieder viel redundantes Geschwafel der „vornehmen Gesellschaft“. Hervorzuheben sind hier allein die Plaudereien des Baron de Charlus, der im übrigen von Madame Verdurin, der Gastgeberin einer schon aus den früheren Bänden bekannten illustren Salonrunde, auf ziemlich niederträchtige Weise gemobbt und aus der Runde herausgedrängt wird. Doch eben dieses Schicksal hatte ja selbst der brillante Swann zu seinen Lebzeiten erlitten. Nun verrät immerhin Baron de Charlus noch einige Details über diesen und insbesondere über dessen fatale Ehefrau Odette de Crecy: „Die Liebhaber, die Odette nacheinander gehabt hatte (sie hatte bald mit dem einen, bald mit dem anderen gelebt), diese Liebhaber begann Monsieur de Charlus mit der gleichen Sicherheit herzuzählen, als sage er die Reihe der Könige von Frankreich auf. … Aber Sie werden nicht von mir verlangen, dass ich Ihnen Swanns Geschichte erzähle, wir hätten da für zehn Jahre Stoff, verstehen Sie, denn ich kenne ihn wie kein anderer. … Sie ließ sich Odette de Crecy nennen und durfte das auch durchaus, da sie nur getrennt von einem Crecy lebte, dessen Frau sie war, einem sehr ehrenwerten und übrigens ganz echten Crecy, dem sie bis zum letzten Heller alles abgenommen hat. … Er lebte von einer ganz kleinen Pension, die Swann ihm ausgesetzt hatte. Ich vermute jedoch stark, dass seit dem Tode meines Freundes die Rente ihm nicht mehr ausgezahlt worden ist.“

Und schließlich redet Charlus geradezu obsessiv über Homosexualität, nur nicht über seine eigene: „Ich selbst lebe, wie Sie ja wissen, ganz und gar im Abstrakten, mich interessiert das alles nur unter einem transzendentalen Gesichtspunkt.“ – „Die Beharrlichkeit, mit der Monsieur de Charlus immer wieder zu seinem Thema zurückkehrte – für das im übrigen sein stets in gleicher Richtung sich betätigender Geist einen gewissen Scharfblick besaß – hatte etwas auf eine schwer entwirrbare Weise Peinliches; er war öde wie ein Gelehrter, der außerhalb seines Spezialfaches nichts kennt, aufreizend wie ein Eingeweihter, der sich auf die ihm anvertrauten Geheimnisse etwas zugute tut und darauf brennt, sie anderen zu verraten; unsympathisch wie jemand, der, sobald es um seine eigenen Fehler geht, sich darüber verbreitet, ohne zu merken, dass er Missfallen damit erregt; versklavt wie ein Süchtiger und hemmungslos unvorsichtig wie mancher Kriminelle.“ Prof. Brichot schlägt vor, eigens für Charlus einen Lehrstuhl für Homosexualität einzurichten, „oder noch besser: ein Institut für Spezialfragen der Psychophysiologie“.

Bonmots

Natürlich enthält auch „Die Gefangene“ wieder eine Überfülle von zeitlosen Bonmots über die verschiedensten Dinge des Lebens:

„Es scheint, dass bei Tatmenschen der Geist – überbeansprucht durch die Aufmerksamkeit auf das, was in der nächsten Stunde geschehen wird – nur sehr wenig Dinge dem Gedächtnis übergibt.“ Nur ist es heute für die vergesslichen Tatmenschen weitaus schwerer, sich im Nachhinein herauszureden, weil so viel früher Gesagtes medial aufgezeichnet worden ist, was später gegen sie verwendet werden kann.

„Das Gedächtnis ist eben weit weniger eine unseren Blicken immer gegenwärtige Kopie der verschiedenen Fakten unseres Lebens, als vielmehr ein Nichts, aus dem sekundenlang eine momentane Ähnlichkeit uns in einer Art von Auferstehung tote Erinnerungen heraufzuholen erlaubt; aber dabei gibt es immer tausend kleine Einzelheiten, die nicht in diese potentielle Erinnerungssphäre hinabgesunken sind, sondern für uns ewig unüberprüfbar bleiben.“ Es sei denn, man findet auf YouTube ein Video von der in der eigenen Kindheit geschauten Fernsehsendung und staunt, mit welch anderen Augen man sie heute betrachtet.

Vor allem aber gilt: „Wir stellen uns eben die Zukunft wie einen in einen leeren Raum projizierten Reflex der Gegenwart vor, während sie oft das bereits ganz nahe Ergebnis von Ursachen ist, die uns zum größten Teil entgehen.“

Marcel Proust
Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Band 5:
Die Gefangene
Deutsch von Eva Rechel-Mertens
551 Seiten
Suhrkamp Verlag

www.justament.de, 4.1.2016: Hier hatte der Osten Weltniveau!

Thomas Claer empfiehlt spezial: Vor 40 Jahren lösten die Abrafaxe die Digedags ab

AbrafaxeEs gibt Begegnungen, die das eigene Leben grundlegend verändern. So eine Begegnung hatte ich im Alter von sechs Jahren, wenige Monate vor meiner Einschulung, mit der Zeitschrift Mosaik, genau genommen mit dem Heft 5-1978, das den Titel „Im Gasthaus zum wilden Mann“ trug. In prachtvollen Bildern wurden dort – monatlich auf 20 Seiten – die Abenteuer der Kobolde Abrax, Brabax und Califax, genannt die Abrafaxe, erzählt, die durch alle Länder und Zeiten reisten. Wir befinden uns im Jahr 1704. Zwei superdämliche kaiserlich-österreichische Gendarmen, Bösl und Grantiger, machen Jagd auf die ungarischen Aufständischen (die „Kuruzen“) und insbesondere auf deren Anführer, den Ludas Matyi. Die Abrafaxe stehen wie immer auf Seiten der Armen und Unterdrückten und begleiten zudem volkstümliche „Spaßmacher“ wie den Salzburger Tierarzt Hans Wurst bei ihren Streichen. Eine geheimnisvolle Nebenfigur ist der Marquis Philippe de la Vermotte-Toupet, der sich auf diplomatischer Mission befindet. Er soll im Auftrag des französischen Königs Ludwig XIV. die Möglichkeit einer Allianz mit den Kuruzen ausloten. Doch im Bemühen, sich möglichst unauffällig zu verhalten, erscheint er den diensteifrigen Gendarmen Bösl und Grantiger sofort als besonders verdächtig und wird von ihnen für den Ludas Matyi gehalten, während der echte Ludas Matyi in anderer Verkleidung unbehelligt daneben steht…

Ich war sofort Feuer und Flamme fürs Mosaik. Am Anfang wurden mir die Bildgeschichten noch vorgelesen, ein paar Monate später kam ich dann schon allein zurecht. Die Hefte zu je 60 Pfennigen waren nicht immer leicht zu bekommen, meistens waren sie schon nach kurzer Zeit ausverkauft. Aber eine Bekannte meiner Eltern, Tante W., kannte die Frau im Zeitungskiosk, und so wurde mir fortan immer ein Exemplar zurückgelegt. Was aber bald schon noch verlockender für mich wurde, waren die früheren Hefte, auf die ich regelrecht Jagd machte. Und so entdeckte ich irgendwann, dass die Abrafaxe erst mit dem ersten Mosaik-Heft des Jahres 1976 das Licht der Welt erblickt hatten. Sie waren nur die Nachfolger ihrer Kobolds-Kollegen Dig, Dag und Digedag, die zuvor 20 Jahre lang im „Mosaik von Hannes Hegen“ eine ganz ähnliche Rolle gespielt hatten. So dehnte ich meine Sammel- und Leseleidenschaft also gleich noch auf die „alte Serie“ aus.

Damals, vor genau 40 Jahren, wusste niemand unter den Lesern, was dieser Wechsel der Mosaik-Kobolde zu bedeuten hatte. Inzwischen sind natürlich längst alle Hintergründe gründlich erforscht und u.a. in zwei sehr sehenswerten TV-Dokumentationen dargestellt:

https://www.youtube.com/watch?v=8rgk4vblBdg

https://www.youtube.com/watch?v=d-73-71UhoA

Heute werden beide Mosaik-Serien von den Fans geschätzt, wobei die alte Serie den großen Vorzug der Vollkommenheit genießt, es gab sie ja auch nur überschaubare 20 Jahre lang. Die Abrafaxe hingegen, zunächst vom gleichen Zeichnerkollektiv, aber ohne den Chefzeichner Hannes Hegen alias Johannes Hegenbart geschaffen, hatten ihre beste Zeit – soweit ich es noch beurteilen kann – ganz sicher in ihren Anfangsjahren. Aber es gibt sie noch bis heute, nun schon doppelt so lange wie seinerzeit die Digedags, seit ein paar Jahren sogar noch ergänzt um eine feminine Parallelserie mit den Koboldinen Anna, Bella und Caramella.

www.justament.de, 30.11.2015: “Eisernes Sparen jahrzehntelang”

Der Finanzjournalist Franz Netter untersucht das Für und Wider von Investments in deutsche Wohnimmobilien

Thomas Claer

Netter„Wohin bloß mit unserem Geld?“, fragen sich immer mehr Deutsche verzweifelt angesichts der einfach nicht enden wollenden Niedrigzinsphase. Alle anderen, die sich so etwas nicht fragen, werden vermutlich bereits diese Fragestellung obszön finden, weil sie entweder nur wenig verdienen oder immer gleich alles ausgeben. Doch die meisten hierzulande sind weder Geringverdiener noch Konsumjunkies und daher unmittelbar von der Misere betroffen. Bedenkt man dann noch, dass bekanntlich selbst die heutigen Bezieher mittlerer Einkommen im Alter kaum mehr als eine Mindestrente zu erwarten haben und die private Vorsorge daher längst zum Gebot der Stunde geworden ist, so dürften für viele früher oder später auch die eigenen vier Wände ins Blickfeld geraten.

Der erfahrene Finanzjournalist Franz Netter hat in seinem Buch das weitläufige Themenfeld der Investments in Wohnimmobilien durchschritten und hierzu jede Menge nützliche Informationen in komprimierter Form zusammengetragen. Zu einer ganz besonderen Anlageform macht die Wohnimmobilien vor allem ihr Doppelcharakter zur Befriedigung des menschlichen Grundbedürfnisses Wohnen und zugleich als Investitionsobjekt. Wer also seine sauer verdienten Ersparnisse in eine Immobilie steckt, die er selbst zu nutzen gedenkt, der hat zunächst einmal ein Dach über dem Kopf und spart sich künftige Mietzahlungen. Darüber hinaus sorgt er vor. Der Haken daran ist nur, dass Wohnimmobilien an den gefragten Standorten, den so genannten Schwarmstädten, die allein weiteren Bevölkerungszuwachs und damit Wertsteigerungen versprechen, bereits exorbitant teuer sind. Als Schwarmstädte gelten insbesondere die Metropolen Berlin, Hamburg, München, Köln, Düsseldorf, Frankfurt und Stuttgart sowie einige kleinere und mittelgroße Universitätsstädte. Doch haben die meisten Immobilieneigentümer, zu denen in Deutschland immerhin jeder Zweite gehört, ihr Betongold leider am „falschen“ Ort. Oder wie es Buchautor Franz Netter pointiert sagt: „Mies oder gar nicht verzinste Sparguthaben, ertragsschwache Lebensversicherungen, von Kündigung bedrohte Bausparverträge und das marode Häuschen weit draußen auf dem Land – diese Anlagewerte überwiegen bei 99 Prozent der Haushalte, wenn überhaupt Geld zum Sparen übrig bleibt.“ Warum also nicht es den Reichen dieser Welt nachtun und auf Aktien oder Immobilien setzen? Doch fragen sich viele, vor allem Jüngere, die bislang noch nicht zum Zuge gekommen sind, ob sich der Erwerb einer Schwarmstadt-Immobilie heute überhaupt noch lohnt. Zwar ist es für manche eine Alternative, ein Haus oder eine Wohnung in einer anderen Stadt zu kaufen und täglich zum Arbeitsplatz in der Schwarmstadt zu pendeln. Doch ist gerade das auch nicht jedermanns Sache. Netter zitiert einen Glücksforscher: „Eine Stunde mit dem Auto zur Arbeit pendeln ist etwa so schlecht für die Glücksstatistik wie gar keinen Job zu haben.“

Man muss es dem Autor zugutehalten, dass er nie um deutliche Worte verlegen ist, auch was die Schattenseiten des Immobilienkaufs betrifft, der ja meistens mit einer hohen Kreditaufnahme verbunden ist: Kann man sich überhaupt sicher sein, jahrelang pünktlich seine Raten zahlen zu können, wo doch viele Arbeitsplätze keineswegs dauerhaft Bestand haben oder womöglich in den Niedriglohnsektor transformiert werden. „Die Industrie ist der letzte Wirtschaftssektor, der seine Beschäftigten noch ordentlich entlohnt. Im Dienstleistungsbereich dagegen schuften Millionen deutsche Arbeitnehmer oder Scheinselbständige für einen Hungerlohn.“ Und selbst wer das Glück hat, von diesem Trend nicht betroffen zu sein, bezahlt doch nicht nur finanziell einen hohen Preis: „Durch einen Immobilienkauf geht nicht selten ein Großteil der finanziellen Freiheit flöten: Wer sich hoch verschuldet hat, ist ängstlich darauf bedacht, pünktlich seine Raten an die Bank zu zahlen. Meist wird alles andere diesem Ziel untergeordnet: Karriere, Familie, Altersvorsorge, Freizeit. Das verursacht Druck und negativen Stress, der im Extremfall krank macht. Eine freie Lebensgestaltung ist nur schwer möglich.“ Aber dafür sind doch wenigstens fette Renditen garantiert, so denkt man. Nein, noch nicht einmal das: „Aus Renditeperspektive lohnen sich Wohnimmobilien, die zum Marktpreis erworben werden, nur bei ansehnlichen Wertsteigerungen.“ Aber immerhin, wenn alles gut geht und die Preise kräftig gestiegen sind, kann man seine abbezahlte Immobilie irgendwann später so richtig teuer verkaufen, denn nach einer Haltefrist von zehn Jahren sind die Gewinne doch schließlich steuerfrei. Aber selbst hier rät Buchautor Netter, sich lieber nicht zu früh zu freuen. Man müsse nämlich in Zukunft zunehmende Eingriffe des Staates in das Vermögen seiner Bürger einkalkulieren, wozu z.B. auch eine Abschaffung dieser Zehnjahresfrist unter dem Aspekt der „Gerechtigkeit“ gehören könnte. Klar, die Mehrheit der Wähler sind Mieter, die kleinen Eigentümer hingegen haben in der Politik – anders als das ganz große Geld, versteht sich – keine Lobby. So kommt der Autor folgerichtig zu dem Schluss: „Ohne mindestens ein halbwegs gesichertes Einkommen, ohne eisernes Sparen über Jahrzehnte und ohne ein Minimum an Eigenkapital (mindestens ein Fünftel, besser ein Drittel der Gesamtkosten) ist der Immobilienkauf in Deutschland nicht zu empfehlen.“

Warum am Ende, sofern man die genannten Voraussetzungen erfüllt, aber letztlich doch vieles dafür spricht, es zu wagen, liegt für Netter auf der Hand: „Hohe Nachfrage, günstige leicht verfügbare Darlehen sowie eine extreme Knappheit auf dem Mietmarkt dürften die Preise für Grundstücke in den kommenden Jahren nach oben treiben.“ Doch was ist mit dem oft vorhergesagten langfristigen Absinken der Immobilienpreise durch den demographischen Wandel? Dies betrifft dem Autor zufolge nur die kleinstädtischen und ländlichen Regionen. Denn egal wie man es dreht und wendet, die Zuwanderung nach Deutschland, vor allem in die Metropolen, dürfte noch sehr lange anhalten:  „Nichts wird diese Völkerwanderung aufhalten, solange hier Freiheit, Frieden und Wohlstand herrschen, während weltweit Unterdrückung, Krieg und Armut dominieren.“ So kommt Netter zu der Vorhersage: „Wer nicht bald in den Immobilienmarkt investiert, wird sich selbst in durchschnittlichen Lagen vieler Städte kaum noch eine vernünftige Wohnung leisten können.“ Zumal die vieldiskutierte Mietpreisbremse, die womöglich in der Zukunft sogar noch verschärft wird, eher für eine weitere Verknappung des Angebots sorgen werde. „Die Preise steigen Monat für Monat.“ Und wer denkt, ihn betreffe all das nicht, weil er ja ein großes Erbe erwarte, dem sagt Netter: „Nur das reichste Prozent der Haushalte übergibt ein derart großes Vermögen an die nächste Generation, sodass diese auf eigene Sparanstrengungen weitgehend verzichten kann. Die übrigen 99 Prozent vererben meist zu wenig, um ihren Nachkommen das sorglose Leben in einer Metropole zu ermöglichen.“

Besonders interessant und aufschlussreich sind die nach Meinung des Autors wahrscheinlichsten wirtschaftlichen Zukunftsszenarien und ihre Auswirkungen auf die Anlageform Immobilie. Eine etwa gleich hohe Wahrscheinlichkeit räumt er dem inflatorischen und dem deflatorischen Szenario ein, deutlich unwahrscheinlicher als diese ist aus seiner Sicht das depressive Szenario. Kommt es in den kommenden Jahren zu deutlich steigenden Inflationsraten, was eine günstige konjunkturelle Entwicklung voraussetzt und politisch gewünscht ist, da dann die immensen Schuldenberge der Staaten zusammenschmelzen, so profitieren davon alle Sachwert-Anlageklassen, also insbesondere Aktien sowie Immobilien in den Schwarmstädten. Die Zeche zahlen müssten in diesem Falle die Inhaber von Lebensversicherungen und Sparkonten, die gewissermaßen enteignet würden. Kommt die Konjunktur in Europa hingegen trotz aller geldpolitischen Stimulierungen nicht richtig in Gang, dann tritt das japanische Szenario ein: eine lange Phase der Deflation. In diesem Fall brechen die Börsen ein und das abgezogene Kapital wandert, na wohin wohl?, in den sicheren Hafen der Schwarmstadt-Immobilien, deren Preise ja bekanntlich als weit weniger schwankungsanfällig gelten als die von Unternehmensbeteiligungen. Aber auch Festzins- und Lebensversicherungssparer wären mit diesem Szenario noch gut bedient, da ihre Gelder ja zumindest leicht an Wert gewännen. Ungünstig für wirklich alle Anlageklassen, also auch für Immobilien, wäre nur das (hoffentlich!) unwahrscheinlichste aller Szenarien, eine Depression, welche etwa durch schwere politische Krisen, durch Kriege oder Naturkatastrophen ausgelöst werden könnte. Der Islamische Staat erobert Europa oder so ähnlich…  Daraus folgt, dass jemand, der auf Immobilien in Schwarmstädten setzt, aller Voraussicht nach also auch künftig auf der sicheren Seite sein wird.

Man liest dieses Buch mit großem Gewinn. Bemerkenswert, wenn auch nicht unbedingt verwunderlich, ist jedoch, wie stiefmütterlich der Autor darin den mit Abstand dynamischsten Immobilienmarkt Deutschlands, wenn nicht Europas behandelt. Gerade einmal eine Dreiviertelseite Text ist ihm unsere Hauptstadt Berlin wert, während er sich viele Seiten lang über seine Heimatstadt München und allerlei dort bestehende kommunale Förderprogramme auslässt. So passt es auch ins Bild, dass Netter, der sonst überall zuverlässig auf dem neuesten Stand ist, in seinem Berlin-Porträt mit längst überholten Zahlen von 2012 hantiert, wonach Berlin lediglich 3,3 Millionen Einwohner habe, nur moderat wachsen werde und Wohnungen fast überall unter 3.000 Euro pro Quadratmeter zu haben seien. Tatsächlich hat Berlin inzwischen aber längst 3,5 Millionen Einwohner, man sagt ihm 4 Millionen Einwohner bis 2030 voraus (was dann ungefähr die dreifache Bevölkerungszahl von München wäre!), und man findet zumindest frei beziehbare Wohnungen innerhalb des S-Bahn-Rings unter 3.000 Euro pro Quadratmeter inzwischen so gut wie gar nicht mehr. Insbesondere in früheren innerstädtischen Problemkiezen, die mittlerweile zu angesagten Szenelagen geworden sind, bekam man solche Wohnungen in den Nullerjahren noch für die Hälfte oder sogar für ein Drittel der heutigen Preise. Es soll sogar sparsame Geringverdiener geben, die seinerzeit Wohneigentum in heutigen Bestlagen Berlins für den berühmten „Appel und `n Ei“ erwerben konnten. Solche lukrativen Turnaround-Situationen gibt es auf den Immobilien-Märkten zwar selten, doch kommen sie gelegentlich vor, nur nicht in diesem Buch. Offensichtlich liegen solche Entwicklungen weit jenseits des Münchener Weißwursthorizonts…

Wirklich spannend wird es aber, wenn man sich nun überlegt, was wohl die künftigen Turnaround-Stories auf dem deutschen Immobilienmarkt sein könnten. Man gibt es als Berliner ja nicht gerne zu, aber Deutschlands größte Metropole ist eigentlich gar nicht unsere Hauptstadt, sondern mit insgesamt 5,1 Millionen Einwohnern das Ruhrgebiet, das sich nur aus provinzieller Engstirnigkeit noch nicht zu einer einzigen Stadt zusammengeschlossen hat. Ganz nebenbei gesagt handelt es sich auch noch um die fünftgrößte Quasi-Stadt Europas. Und längst haben sich dort in stillgelegten Fabriken die ersten Künstler und Startup-Gründer angesiedelt, denen Berlin bereits zu teuer geworden ist. Das allein muss natürlich noch nicht viel bedeuten, und es braucht ja auch viele andere Faktoren, die hinzutreten müssen, damit irgendwann so etwas wie ein Schwarm entstehen kann. Doch meistens geht es auf den Immobilienmärkten vergleichsweise gemächlich zu, und einmal etablierte Trends halten oft sehr lange an. Fast immer gibt es also noch ausreichend Zeit, auf neue Entwicklungen zu reagieren…

Franz Netter
Wohnimmobilien. Mit den richtigen Investments vom deutschen Immobilienboom profitieren
Finanzbuchverlag München 2016
186 Seiten, 19,80 €
ISBN: 978-3-89879-889-1

www.justament.de, 5.10.2015: Hurra – das Literarische Quartett ist wieder da!

Thomas Claer empfiehlt spezial

QuartettEine große Freude ist es natürlich, wenn unsere Lieblingsfernsehsendung nach fast anderthalb Jahrzehnten Pause endlich wieder ausgestrahlt wird. Zwar mit neuen Protagonisten – die beiden früheren Hauptakteure befinden sich ja mittlerweile im Großkritikerhimmel –, aber ansonsten, so war es zumindest angekündigt, sollte alles unverändert bleiben. Doch die erste große Enttäuschung stellt sich am späten Freitagabend bereits nach wenigen Sekunden ein: Die fulminante Titelmusik aus dem letzten Satz des Streichquartetts Nr. 9 C-Dur op. 59 Nr. 3 von Ludwig van Beethoven – einfach weggelassen! Das ist doch nicht zu fassen! Schon kurz darauf ist man jedoch gleich wieder etwas besänftigt, als Maxim Biller sich mit seiner ersten Buchvorstellung ins Zeug legt und anschließend scharfe verbale Pfeile in alle Richtungen abfeuert. Das Buch „Der dunkle Fluss“ des afrikanischen Autors Chigozie Obioma ist für ihn das bedeutendste Werk des vergangenen Jahrzehnts und nur mit Kafka zu vergleichen, hingegen sei „Fieber am Morgen“ von Peter Gardos „Holocaust-Kitsch“ und Illja Trojanow „überhaupt kein Schriftsteller“. Maxim Billers Urteile sind entschieden, einseitig und ungerecht. Kurz, er ist die Idealbesetzung für diese Sendung. Da lassen sich dann auch seine ständigen Mitdiskutanten nicht lumpen: Für Christine Westermann ist die Übersetzung von „Der dunkle Fluss“ ins Deutsche eine einzige Katastrophe (was aber niemandem sonst in der Runde aufgefallen ist), bei „Träumen“ von Karl Ove Knausgard hat sie sich auf den mehr als 800 Seiten schrecklich gelangweilt (während Maxim Biller hier eine große poetische Dichte ausgemacht hat). Volker Weidemann bezeichnet „Macht und Widerstand“ von Illja Trojanow als „ein schreckliches Buch“, was wiederum den Gast dieses Abends, Juli Zeh, sehr erbost, die sich für ihren Freund und Kampagnenmitstreiter Trojanow energisch in die Bresche wirft. Überhaupt Juli Zeh, man sollte sie dauerhaft in der Sendung belassen! Die promovierte Einserjuristin, die ein unsicheres Leben als Schriftstellerin einer glänzenden juristischen Karriere vorgezogen hat, hatte lange mit dem Image der neunmalklugen Streberin zu kämpfen. Ihre ersten Romane waren unter Kritikern, um es vorsichtig zu sagen, umstritten. Ihre Bemühungen, sich mit politischen Aktionen als eine öffentliche Intellektuelle in der Tradition von Heinrich Böll und Günter Grass zu stilisieren, wurden vielerorts belächelt. Und doch, sie hat gekämpft, sie hat sich durchgebissen. Was sie sagt, hat mittlerweile durchweg Hand und Fuß. Mit nunmehr 41 Jahren und nach etlichen Einsätzen in Sloterdijks Philosophischem Quartett wirkt sie in den Altherrenrunden auch nicht mehr so naseweis wie früher, sondern regelrecht reflektiert. Und wer das Blitzen in ihren Augen gesehen hat, als sie als einzige im Quartett ganz entschieden das Trojanow-Buch verteidigte, der konnte sie sogar ins Herz schließen…  Summa summarum: Diese Sendung war kurzweilig, vielsagend und sehenswert. Nur sollte man den Akteuren doch wenigstens eine Viertelstunde mehr Zeit einräumen, damit sie nicht so hektisch von einem Buch zum nächsten springen müssen. Damals ging die Sendung doch auch länger als 45 Minuten! Was ihr heute allerdings fehlt, dürfte niemanden überraschen: klar, ein Literaturpapst, der am Ende der Streitereien mit seiner natürlichen Autorität verbindlich feststellt, ob ein Buch denn nun gut oder schlecht ist. So, wie es jetzt ist, bleibt man als Zuschauer leider in einem Zustand, den Ranicki zwar seinerzeit oft im Munde führte, der sich nun aber erst ohne ihn eingestellt hat: Man sieht betroffen den Vorhang zu und alle Fragen offen!

www.justament.de, 22.6.2015: Mit 70 im Berghain

Peter Schneiders Berlin-Buch „An der Schönheit kann’s nicht liegen“ ist eine Liebeserklärung an seine Wahlheimat

Thomas Claer

schneiderNein, als Schönheit im eigentlichen Sinne kann man unsere Kapitale nun wirklich nicht bezeichnen. „Berlin ist das Aschenputtel unter Europas Hauptstädten“, heißt es in Peter Schneiders vor kurzem erschienenen „Porträt einer unfertigen Stadt“, „und doch will jeder dorthin.“ „Wenn ich in New York, Tel Aviv oder Rom auf die Frage eines Einheimischen, woher ich komme, den Namen Berlin ausspreche, tritt unversehens Neugier, ja Begeisterung in die Augen des Fragenden.“ Und immer wieder aufs Neue, soviel steht fest, kann sich auch der Autor dieses Buches für seine Stadt begeistern, in der er seit mehr als einem halben Jahrhundert lebt und deren besonderer Magie er nun auf den Grund zu gehen verspricht.

In jungen Jahren gehörte Peter Schneider, Jahrgang 1940, als charismatischer Sprecher der Westberliner Studenten zu den Galionsfiguren der 68er Bewegung, gleich nach Rudi Dutschke sozusagen. Anschließend – nach ausgedehntem Studium der Germanistik, Geschichte und Philosophie – wollte er eigentlich Lehrer werden, doch als Referendar erteilte man ihm 1973 wegen angeblicher linksradikaler Umtriebe Berufsverbot. Wie das damals, in jenen wilden Zeiten, eben so war … Stattdessen veröffentlichte Schneider die von Georg Büchner inspirierte Erzählung „Lenz“, die unversehens zum Kultbuch seiner Generation wurde. Und so kam es also, dass Peter Schneider hauptberuflich Schriftsteller geworden ist. Sein „Lebensthema“, wie er selbst sagt, hat er dabei vor allem in seiner Wahlheimatstadt Berlin gefunden. Es begann mit der Erzählung „Der Mauerspringer“ (1982), in welcher Schneider den Begriff der „Mauer im Kopf“ prägte, der später zum geflügelten Wort werden sollte. Unter anderem gelangte er in diesem Werk zum prophetischen Befund, dass die „Mauer in den Köpfen“ wohl noch weitaus länger Bestand haben werde als jene aus Beton.

Nach der Wende befeuerte Peter Schneider dann mit seinen erfolgreichen Berlin-Romanen „Paarungen“ (1992) und „Eduards Heimkehr“ (1999) den literarischen Hauptstadt-Hype: Vor allem „Paarungen“, das damals auch im „Literarischen Quartett“ abgefeiert wurde, ist sehr gelungen und lässt sich, wenn man so will, als Charlottenburger Gegenstück zu Sven Regeners 80er Jahre-Kreuzberg-Roman „Herr Lehmann“ lesen. Der Held der Geschichte, Eduard Hoffmann, ein Molekularbiologe in den Vierzigern, trifft regelmäßig in einer Charlottenburger Intellektuellenkneipe seine Kumpels (darunter einen mit „Doppelpass“ versehenen Ostberliner Schriftsteller, für den wohl Heiner Müller Pate gestanden hat) und diskutiert mit ihnen ausgiebig sowohl die große Weltpolitik als auch private Frauengeschichten. Eduard ist nämlich seit drei Jahren mit seiner schönen Freundin liiert, die sich nun aber nachdrücklich ein Kind von ihm wünscht. Sein hedonistisch-libertäres Lotterleben gerät somit in Gefahr. Doch trotz Verzichts auf Verhütungsmaßnahmen will sich bei Eduards Freundin keine Schwangerschaft einstellen. Eduard lässt sich beim Urologen untersuchen und bekommt seine Zeugungsunfähigkeit aufgrund zu geringer Spermienzahl attestiert. Daraufhin sorglos geworden lässt sich Eduard parallel zu seiner Hauptbeziehung auf Affären mit gleich zwei anderen attraktiven Damen ein, darunter einer Italienerin, mit der er im Sommer die Schäferstündchen in einem abgelegenen Winkel direkt an der Mauer verbringt. Doch völlig überraschend werden beide Frauen kurz nacheinander von ihm schwanger. Grund für Eduards unerwartete Produktivität könnte, so seine Ärzte, der selten beobachtete Fall der „Spermienkonkurrenz“ sein, bei dem aufgrund der besonderen Wettbewerbssituation angesichts mehrerer Sexualpartner die eigentlich bereits fast zum Erliegen gekommene Spermienproduktion noch einmal hochgefahren wird. Eduard entscheidet sich schließlich nach diversen zwischenmenschlichen Dramen für eine seiner bisherigen Nebenfreundinnen und gründet mit ihr – worauf er eigentlich gar nicht so scharf war – eine Kleinfamilie. Die Hauptfreundin hat ohnehin längst das Weite gesucht, die andere Nebenfreundin treibt ab.

Die Fortsetzung der Geschichte ist dann der nach dem Mauerfall spielende Roman „Eduards Heimkehr“. Eduard kommt mit seiner Familie nach einigen Jahren in den USA zurück ins wiedervereinigte Berlin und erkennt seine Stadt kaum noch wieder. Überdies hat er ein Mietshaus in der Rigaer Straße in bester Friedrichshainer Szenelage geerbt, das jedoch von Autonomen besetzt ist. Sein Anwalt, der zugleich sein alter Kumpel ist, muss ihn, was die Hausräumung und die Generierung von Mieteinnahmen angeht, immer wieder vertrösten, doch räumt er Eduard angesichts des gewaltigen Potentials der Wohnlage Zahlungsaufschub in voller Höhe für seine Anwaltsrechnungen ein. Inkognito nimmt Eduard an einer Versammlung der autonomen Hausbesetzer teil und muss sich dabei eingestehen, dass er die schwarz gekleideten jungen Damen unter ihnen mit ihren Mund- und Nasenpiercings außerordentlich reizvoll findet. Ferner liest er auf einer S-Bahn-Fahrt in der BILD-Zeitung seines Sitznachbarn die Überschrift, dass Ost-Frauen einer wissenschaftlichen Studie gemäß angeblich häufiger als West-Frauen einen Orgasmus bekommen. Und Eduard beginnt, na was schon, eine Affäre mit einer Ost-Frau. Indessen klagt Eduards Frau darüber, dass sie schon seit Jahren keinen Orgasmus mehr erlebt habe. Sie kann dieses Ziel, so glaubt sie, nur noch beim Sex an extrem gefährlichen Orten aufgrund des damit verbundenen Nervenkitzels erreichen. Nach zahlreichen gescheiterten Versuchen an verschiedensten Plätzen erleben Eduard und seine Frau schließlich doch noch den erlösenden Moment in über hundert Metern Höhe auf einer Baustelle am Potsdamer Platz.

Auf einen weiteren Berlin-Roman von Peter Schneider haben wir seitdem allerdings vergeblich gewartet. Stattdessen präsentiert uns der Autor nun seine gesammelten Ansichten über Berlin in einem 330 Seiten starken Stadtporträt, das aus Essays, Berichten, Reportagen, historischen Betrachtungen und autobiographischen Schilderungen besteht. Es liest sich alles sehr gut. Manches überfliegt man nur, weil man es schon zur Genüge kennt (das ist dann mehr etwas für Berlin-Neulinge), anderes ist selbst für den langjährigen Berlin-Bewohner noch von großem Interesse. Als roter Faden zieht sich ein Zitat des großen Publizisten Wolf Jobst Siedler durch das Buch: „Sie werden sich immer wieder zwischen der Schönheit eines Ortes und seiner Lebendigkeit entscheiden müssen.“ Klar, Berlin ist in erster Linie lebendig. „In schönen, perfekt restaurierten und teuren Städten fühlt sich der junge Besucher ausgeschlossen.“ Doch „Berlin gibt jedem Ankömmling das Gefühl, dass er hier noch eine Lücke finden und etwas auf die Beine stellen kann. Es ist diese Eigenschaft Berlins, die die Stadt heute zur Hauptstadt der Kreativen aus aller Welt macht.“ Aber wie jeder weiß, ist gerade dieses Berliner Alleinstellungsmerkmal akut bedroht: „In zehn oder 15 Jahren wird Berlin so teuer sein wie New York oder London.“

Eine besondere Vorliebe hat der Autor für die Architektur, die Erotik und die Soziologie. So hat er die Ossis und Wessis in seinem Bekanntenkreis jahrelang sehr genau beobachtet und befragt und daraus eine plausible Theorie zur Erklärung der größeren Orgasmushäufigkeit bei den Ost-Frauen entwickelt: „Die DDR-Frau war berufstätig, ökonomisch unabhängig, selbstbewusst und scheidungsfreudig.“ Sie sah „ihren männlichen Partner nicht als einen Feind, sondern als einen Partner, der ihr ökonomisch wenig oder nichts voraushatte.“ Der Ost-Mann allerdings konnte sich im DDR-Alltag „nicht mit Privilegien schmücken, die ihm ein Machogehabe gestatteten. Mit Geld, schnellen Autos und einem Haus auf Ibizza konnte er nicht protzen. Er war auf seine eventuellen Begabungen als Liebhaber und auf seine Qualitäten als Vater und Partner angewiesen.“ Und daraus folgt: „Die DDR-Frau suchte nicht den zukünftigen Versorger, wenn sie einen fremden Mann auf einen Wein mit nach Hause nahm. Sie war auf einen guten Liebhaber aus und brach das Abenteuer alsbald wieder ab, wenn sie enttäuscht wurde.“

Bemerkenswert ist weiterhin, was Peter Schneider über die „Ost-West-Paarungen“ seit der Wende herausgefunden hat: „Die Paarung Ostfrau/Westmann ist siebenmal häufiger anzutreffen als die umgekehrte Konstellation.“ Das ist natürlich kein Wunder, denn die selbstbewussten Ostfrauen, denen die Idee völlig fremd ist, sich von einem Mann ökonomisch aushalten zu lassen, gefallen vielen Westmännern nun einmal besser als die oft verbissen feministischen, aber seltener berufstätigen Westfrauen. Dagegen legen die Ost-Männer laut Schneider tendenziell nur wenig Wert auf ihr Äußeres, trinken zu viel und duschen zu selten. Noch als Fünfzig- oder Sechzigjährige verdienen sie nicht gut, denn ihnen fehlt die Fähigkeit, ihre Talente auf dem Markt anzupreisen. Immerhin verrichten sie mehr Hausarbeit als die Westmänner, doch kommen sie nach den Maßstäben der Westfrauen alles in allem für diese kaum in Frage. „Dennoch hat der Ostmann eine Chance: Sie betrifft die alleinstehende und von der Männerwelt enttäuschte Westfrau, die sich nach endlosem und schließlich unheilbarem Streit von dem Ernährer ihrer Kinder getrennt hat. Der Ostmann bietet sich ihr in dieser Situation als guter Kamerad an, er tröstet sie. … Es macht ihm nichts aus, die Kinder der Westfrau morgens in die Schule zu bringen oder sie im Kinderwagen stundenlang durch den Park zu schieben. Solidaritätsgewohnt schließt er diese nicht selten krass verwöhnten Kinder in seine Zuneigung ein, macht mit ihnen Hausaufgaben und erweist sich als geduldiger Spielkamerad. Vorsichtig – und nur in Abwesenheit der Mutter – versucht er ihnen ein Minimum an Erziehung zukommen zu lassen. Nach langer und bestandener Probezeit öffnet ihm seine westliche Geliebte endlich die Tür zu ihrem Schlafzimmer.“

Als Kommentator des politischen Geschehens hat Peter Schneider seine revolutionären Anfänge selbstverständlich schon seit Jahrzehnten weit hinter sich gelassen. Wie auch viele andere „Renegaten“ seiner Generation legt er sich besonders vehement ins Zeug, wenn es darum geht, gutgemeinte linke und linksradikale Bestrebungen zu kritisieren. Doch tut er das glücklicherweise zumeist mit Augenmaß und viel gesundem Menschenverstand. Immer wieder warnt er vor zu viel politischer Korrektheit. Man solle doch bitte die Probleme zuerst einmal beim Namen nennen, um sie dann später hoffentlich irgendwann lösen zu können. So dürfe man weder vor dem in Ostdeutschland deutlich stärker als in Westdeutschland verbreiteten Rechtsextremismus die Augen verschließen noch vor der besonders hohen Kriminalität und Gewaltbereitschaft unter jungen männlichen religiösen Muslimen in europäischen Großstädten.

Zu bemängeln sind an diesem Buch allenfalls ein paar geringfügige Fehler und Ungenauigkeiten: So muss es z.B. „Rosenthaler Platz“ statt „Rosenheimer Platz“ heißen, und der Kissingenplatz, wo Schneiders Freund, der Dramatiker Heiner Müller, einst wohnte, liegt genau genommen nicht in Prenzlauer Berg, sondern schon im angrenzenden Pankow. Weiterhin nehmen die vielen kleinen Eitelkeiten des Autors hin und wieder doch etwas Überhand, etwa das ausufernde „Namedropping“, wenn es um die zahlreichen Freundschaften des Verfassers mit allen möglichen Prominenten geht. Und schließlich kann es sich der Autor auch nicht immer ganz verkneifen, seine offensichtlich ganz außerordentliche Wirkung auf Frauen zu erwähnen. Sogar im legendären Nachtclub „Berghain“, den er noch im Alter von ca. 70 Jahren aus Recherchegründen besucht hat (sicherheitshalber nicht ohne sich zuvor auf die Gästeliste setzen zu lassen, um nicht vom gefürchteten Türsteher abgewiesen zu werden), wird er, kaum dass er die Tanzfläche betreten hat, unversehens von einer etwa 30-jährigen Dame geküsst. Als Schneider dies später voller Stolz seinem erwachsenen Sohn berichtet, meint dieser, dass dies sicherlich an den dort von fast allen Besuchern exzessiv eingeworfenen Drogen gelegen habe, woraufhin der Autor aber entgegnet, dass Drogen doch nur Gefühle verstärkten, die ohnehin vorhanden seien…

Peter Schneider
An der Schönheit kann’s nicht liegen. Berlin – Porträt einer ewig unfertigen Stadt
Verlag Kiepenheuer & Witsch
330 Seiten, EUR 19,99
ISBN-10: 3462047442

www.justament.de, 1.6.2015: Leser, du bist ein Loser!

„Neue Aktienstrategien für Privatanleger. Auf dem Weg zur ersten Million“ von Beate Sander in 3. Auflage

Thomas Claer

sanderBeate Sander ist so etwas wie die „große alte Dame“ der Börsenliteratur. Eine ganze Reihe von Büchern über das Geldanlegen hat die gelernte Realschullehrerin, die seit vielen Jahren auch Volkshochschulkurse zur Thematik anbietet, schon herausgebracht, darunter den Megabestseller „Der Börsenführerschein“, der sich mehr als 50.000-fach verkauft hat. Bei den hier zu besprechenden „Neuen Aktienstrategien für Privatanleger“ handelt es sich um ein sogenanntes Arbeits- und Vertiefungsbuch, das laut der Verfasserin vornehmlich als Ergänzung zum „Börsenführerschein“ gedacht ist, wobei allerdings nicht ganz klar wird, was denn im „Börsenführerschein“ noch großartig anderes stehen soll als in diesem Buch, das doch nun wirklich das ganze Spektrum des für Privatanleger relevanten Wissens rund um die Anlageform Aktie mehr als abdeckt. (Nein, ich habe kein weiteres Buch der Autorin außer diesem gelesen und habe es auch nicht vor, sodass ich mich im Folgenden nur auf dieses vorliegende Buch beziehen kann.)

Zunächst einmal muss man Beate Sander durchaus Respekt zollen: Sie hat sich als Autodidaktin mit viel Fleiß über viele Jahre in das Thema Geldanlage eingearbeitet, konnte ihre eingesetzten Mittel offenbar langfristig gut vermehren und gibt ihren Lesern ganz überwiegend sehr vernünftige Hinweise (denen ich zu etwa 90 Prozent zustimmen würde). Es gibt keine unfehlbare, immer gleichermaßen gut funktionierende Strategie an der Börse; es braucht Lernbereitschaft, Disziplin, Mut und kontrolliertes Handeln; man darf um Himmels willen niemals alles auf eine Karte setzen, sondern muss immer breit streuen, sowohl bei der Anzahl der Einzelwerte als auch bei den Kaufzeitpunkten; wer noch steuerfreie Altbestände von vor 2009 besitzt, sollte diese hüten wie seinen Augapfel; lieber selbst Verantwortung für sein Handeln übernehmen, als immer die Schuld bei anderen suchen; vor allem direkt nach einem Crash sollte man beherzt zugreifen; Aktienkäufe auf Pump müssen Tabu sein. Es ist ja alles richtig und gut und schön.

Auch der etwas reißerische Untertitel „Auf dem Weg zur ersten Million“ ist nicht das Problem. Denn anders als wohl die meisten glauben, ist ein solcher Betrag an der Börse auf lange Sicht auch für Normalverdiener und mitunter sogar für Geringverdiener keineswegs unerreichbar, sofern sie nur jahrzehntelang klug investieren und – das sagt Beate Sander in ihrem Buch allerdings nicht so ausdrücklich –  wenig konsumieren (sonst steht nicht genug Geld zur Verfügung, das eingesetzt werden kann) und außerdem – auch das ist ganz entscheidend – früh mit dem Sparen und Investieren anfangen, denn nur dann kommt man in den vollen Genuss des achten Weltwunders, des Zinseszinseffektes.

In einigen wenigen Punkten bin ich anderer Meinung als Frau Sander. So halte ich ihre anfängliche Einteilung in unterschiedliche Anlegertypen für wenig glücklich, wonach Menschen, die bei Kursverlusten schlecht schlafen und sich zu sehr darüber aufregen, sich lieber von der Börse fernhalten sollten. Man versteht ja den Beweggrund der Autorin, dass sie nicht schuld sein will an menschlichen Dramen infolge verzockter Vermögen. Doch bliebe dann wirklich ein sehr großer Anteil der Bevölkerung dauerhaft von der Börse ausgeschlossen. Dabei lässt sich der Umgang mit Kursverlusten doch erlernen, nicht zuletzt durch die Einsicht in die grundlegenden Zusammenhänge. So wird ein erfahrener Investor bei Rückschlägen vielleicht sogar Freude darüber empfinden, dass er noch etwas billiger an seine geliebten Aktien kommen kann, und entsprechend nachkaufen, denn die nächste Hausse kommt bestimmt.

Weiterhin empfiehlt die Autorin generell eine „konsequente Verlustbegrenzung“, bei einem Minus von 25 Prozent sollte man die Reißleine ziehen (oder seine Stopp-Loss-Aufträge entsprechend platzieren), da es dann ja meistens auch noch weiter runter zu gehen drohe. Das mag bei ohnehin schon völlig überteuerten oder bei spekulativen Werten angebracht sein, deren Geschäftsmodell man selbst nicht ganz durchschaut und die man nur auf Verdacht gekauft hat. Wer aber wahre Value-Titel im Depot hat, der wird sie doch nicht verkaufen, wenn sie fallen, sondern der wird sie zu Schnäppchen-Preisen nachkaufen und so seinen Einstandskurs massiv verbilligen und seine Dividendenrendite steigern, meine ich. Und hierfür empfiehlt es sich, immer ein gewisses Cash-Polster zu haben. Frau Sander macht es anders. Sie ist meistens nahezu voll investiert (man könne es sich einfach nicht leisten, das Geld einfach nur so liegenzulassen) und verkauft in solchen Schwächephasen, um Liquidität für günstige Nachkäufe zu gewinnen, teilweise (aber niemals vollständig) ihre bisher am besten gelaufenen Werte. Das kann man natürlich so machen. Nur sehe ich hier das Problem, dass in Korrekturphasen in der Regel auch die bisherigen Gewinneraktien stark leiden und man sie dann auch deutlich unter ihren Höchstkursen (teilweise) verkaufen müsste. Sollten aber diese Werte eine große relative Stärke zeigen und deutlich weniger als der Gesamtmarkt verlieren, dann wäre das aus meiner Sicht erst recht ein Grund, sich nicht von ihnen zu trennen. Allerdings spricht für Frau Sanders Methode, dass man so eine zu starke Schlagseite im Depot zugunsten einzelner Werte vermeidet, deren Anteil am Gesamtbestand infolge ihrer womöglich exorbitanten Kurssteigerungen zu groß zu werden droht.

Außerdem wendet sich die Autorin immer wieder eindringlich gegen die bekannte Faustformel, wonach der Aktienanteil eines Anlegers bei 100 minus Lebensalter in Prozent liegen sollte. Diese Formel sei lebensfremd, da junge Menschen meistens zu wenig Geld für Aktieninvestments hätten, da sie ja z.B. eine Familie gründen und eine Immobilie erwerben müssten. Da ist natürlich etwas dran, und doch ist es allzu kleinbürgerlich gedacht. Wer sich, sagen wir, bis Mitte 30 beim Wohnen stark einschränkt (ein Wohnheim- oder WG-Zimmer oder eine spartanische Unterkunft im Problembezirk tut es doch auch), der hat, wenn es gut läuft, bis dahin schon so viel an der Börse verdient, dass es annähernd für die erste Eigentumswohnung reicht (wer Glück hat, kriegt dafür dann sogar noch einen Zuschuss von seinen Eltern). Und mit der künftig eingesparten Wohnungsmiete lässt sich das vorübergehend geplünderte Depot schon bald wieder so gut füllen, dass die langfristige Geldvermehrung in eine neue Phase eintreten kann. Fraglich ist aber natürlich, ob die eigene Finanzplanung auch gerade mit dem Auf und Ab an der Börse harmoniert. Ein gutes Timing ist hier sicherlich sehr anspruchsvoll und weitgehend auch Glückssache. Die Immobilienpreise spielen hierbei selbstverständlich ebenfalls eine große Rolle. Wer sich für seine Traumwohnung oder sein Traumhaus lebenslänglich verschulden muss, der ist für die Börse natürlich dauerhaft verloren (und hat außerdem bei seiner Geldanlage, was bekanntlich selten gut ist, alles auf eine Karte gesetzt). Über solche strategischen Fragen lässt sich trefflich streiten, und Beate Sanders Buch gibt hierzu eine Menge Anregungen.

Und doch gibt es so einiges, was mich mächtig stört an diesem Buch. Zunächst ist hier die schier unglaubliche Menge an (oftmals auch wortwörtlichen) Wiederholungen. Das hat gewiss auch seinen pädagogischen Effekt beim Leser, aber es sorgt vor allem dafür, dass das Buch unnötig und unangemessen in die Länge gezogen wird. Man fragt sich auch, ob fast neben jeder Seite ein großer Kasten stehen muss, der die Inhalte des laufenden Textes noch einmal stichpunktartig festhält. Warum nicht einfach die entscheidenden Signalwörter im Fließtext fett drucken?  Alles in allem wäre also mindestens ein Drittel des Umfangs verzichtbar gewesen.

Auch der Aufbau des Werkes mit seinen zahlreichen Unterkapiteln ist nicht sehr überzeugend, zumal sich auch hier so einiges wiederholt. Eher an die Adresse des Lektorats geht der Einwand, dass es so manchen verunglückten Satzbau, fehlerhafte Angaben und auch verunglückte Formulierungen gibt. So behauptet die Autorin gleich zweimal, dass in Deutschland das „Durchschnittsalter“ bei etwa 80 Jahren“ liege (gemeint ist die durchschnittliche Lebenserwartung). Ebenfalls zweimal heißt es, dass es den DAX seit 1889 (statt 1989) gebe. An mehreren Stellen spricht die Verfasserin von dem „schon attraktiven“ Kursniveau einer Aktie, meint damit aber offensichtlich nicht, dass sie günstig wäre, sondern vielmehr, dass sie bereits ambitioniert bewertet ist.
Unter den stets in separaten Kästen abgedruckten Zitaten von Börsen-Autoritäten hat der Autorin das folgende vermutlich so gut gefallen, dass sie es gleich zweimal (S.28 und S.144) anführt: „Es ist oft produktiver, einen Tag lang über sein Geld nachzudenken, als einen ganzen Monat für sein Geld zu arbeiten.“ (Heinz Brestel) Aber geschenkt, das Zitat ist in der Tat großartig!

Was den Rezensenten aber wirklich verstimmt, ist der Umstand, dass Frau Sander, die eingangs noch die Regel aufgestellt hat, dass man nie mit seinen Erfolgen prahlen dürfe und an der Börse stets demütig bleiben solle, über viele, viele Seiten „nachprüfbare Original-Auszüge“ aus ihren Depots abdruckt (sie hält offensichtlich mehr als hundert Einzelwerte), aus denen hervorgeht, welche gewinnbringenden Transaktionen sie durchgeführt und welche immensen Buchgewinne sie durch ihr  konsequentes Einsteigen nach dem Crash 2008/2009 erzielt hat. Angeblich tut sie das „zur Ermutigung“ ihrer Leser. Es entsteht aber ein etwas anderer Eindruck, nämlich der, dass sich die Autorin vor ihren Lesern produzieren will. Immer wieder stellt sie ihnen rhetorische Fragen wie: „Hand aufs Herz: Haben Sie diese riesige und einmalige Chance 2008/2009 genutzt? Haben Sie damals beherzt zugegriffen, als die Kurse am Boden lagen?“ Frau Sander hat es getan und wiederholt es unablässig, dass sie es getan hat. Ihren Lesern, den Privatanlegern, traut sie das offensichtlich nicht zu, denn immer wieder behauptet sie, dass die große Mehrheit der Privatanleger dauerhaft zu den Verlierern an der Börse zähle. Es gibt darüber schon aus Datenschutzgründen keine wirklich zuverlässigen Informationen, aber ich habe in den letzten Jahren häufiger von Untersuchungen gelesen, wonach in privaten Depots in Deutschland bei Höchstständen mehr Aktien verkauft und bei Tiefstständen mehr gekauft werden. Das Klischee vom ahnungslosen und vertrottelten Kleinanleger hat vielleicht zu Zeiten des Telekom-Aktien-Wahns und des Neuen Marktes gestimmt, ist aber inzwischen ganz sicher überholt. Mein Eindruck ist eher, dass es sich bei den heute noch verbliebenen Kleinaktionären um eine qualifizierte Minderheit handelt, die sehr genau weiß, was sie tut. (Auch wenn vielleicht eher die weniger erfolgreichen unter ihnen den Weg in die Börsenseminare von Frau Sander finden.)

Besonders ärgerlich ist aber Frau Sanders Einteilung der Anleger in „Gewinner“ und „Verlierer“, die sie bereits im Vorwort vornimmt. Für mich zumindest klingt es so, dass sie dies nicht nur rein technisch meint, sondern unterschwellig auch mit einem Werturteil verbindet, was dann schon ein etwas unschöner neoliberaler Machismo in seiner weiblichen Variante wäre. Okay, Beate, du hast den Längsten!

Beate Sander
Neue Aktienstrategien für Privatanleger. Auf dem Weg zur ersten Million
Finanzbuchverlag München, 3. Auflage 2015
350 Seiten, Hardcover, 24,99 €
ISBN 978-3-89879-7

Justament-Rezensent Thomas Claer ist Autor des Börsenbuches „Auf eigene Faust. Aktiensparen für Kleinanleger“.