Tag Archives: Matthias Arfmann

www.justament.de, 16.7.2018: Alles außer kommerziell

Scheiben Spezial: Vor 30 Jahren erschien „Nerves“ von den Kastrierten Philosophen

Thomas Claer

Eine wunderschöne Platte von Anfang bis Ende. Kein anderes Werk der Underground-Combo „Kastrierte Philosophen“ (1981-1996), die heute kaum noch jemand kennt, ist so fein arrangiert, so gewählt ausbalanciert, so in sich ruhend wie „Nerves“, das vor nunmehr drei Jahrzehnten als Gesamtkunstwerk in der deutschen Musiklandschaft für Furore sorgte. Damals galten die „Philosophen“ schon seit Jahren als vielversprechender Szene-Act, dem der große Durchbruch allerdings auf unerklärliche Weise immer verwehrt blieb. Dabei wurden die Kritikerlieblinge aus Verden an der Aller, später aus Hamburg, seinerzeit von der Musikpresse als „deutsche Velvet Underground“ hochgejubelt – und blieben dann doch ein ewiger Geheimtipp. Nach einem fulminanten Frühwerk war „Nerves“ (1988) zweifellos der kreative Höhepunkt im Schaffen der Band, die – neben immer anderen Gastmusikern – im Wesentlichen aus den Co-Leadsingern und Multiinstrumentalisten Katrin Achinger (geb. 1962) und Matthias Arfmann (geb. 1964) bestand, die auch privat ein Paar waren. Dies blieben sie auch noch bis 1996; ihre private Trennung fiel mit dem Ende des Bandprojektes zusammen.

Zurück zu „Nerves“: Wenn eingangs von einem Gesamtkunstwerk die Rede war, dann deshalb, weil einfach alles an diesem Album stimmt: Schon das aufklappbare schwarz-gelbe Plattencover mit der Abbildung einer furchterregenden Vogelspinne ist ein visueller und haptischer Hochgenuss. Und dann erst seine Metaphorik! Beim Betrachter entsteht sofort die Assoziation: Das Weibchen frisst das Männchen nach der Paarung. Und hierzu passt auch die Widmung der Platte an Nico, die unsterbliche Velvet-Underground-Chanteuse, deren Vorgruppe die „Philosophen“ in jenen Jahren einmal gewesen sind. (Nico, einst sogar die Geliebte von Alain Delon, war als „männerfressendes Monster“ bekannt…) Und der Text von „Toilet Queen“ tut sein übriges… Das stimmliche Duett von Achinger und Arfmann in diesem Song („Will I still be innocent, when she falls?“) lässt einen wohlig erschauern. Und dann das Cello-Spiel in „Peeping All“, natürlich: Velvet Underground lassen grüßen. Aber auch das Xylophon in “I’m allright (though my hands are trembling)“ ist große Klasse. Und in allen Liedern hören wir Matthias Arfmanns charakteristisch verzerrtes psychedelisches Gittarrenspiel und Katrin Achingers wahrhaft betörende dunkle Stimme. („…als Ausdruck und Enttäuschung ihrer selbst“, hat ein entzückter Musikkritiker einmal über sie geschrieben.) „She’s Allergic“ ist ebenfalls ein überragendes Lied. Und „Dragon Flies Over Cyrenaika“ und das (ausnahmsweise) völlig überdrehte „Maniac Mandrax Fighter“. Und das sehr ruhige Titelstück „Nerves“. Kurz gesagt, die ganze Platte ist großartig.

Wie kamen die Kastrierten Philosophen aber zu ihrem kuriosen Bandnamen? Damals, Anfang der Achtziger, auf ausdrücklichen Wunsch der zu jener Zeit blutjungen Katrin Achinger. Sie habe so viele Leute mit ganz vielen tollen Ideen für Projekte gekannt, aus denen dann nie etwas geworden ist. Aus ihrer Band mit dem verrückten Namen ist dann allerdings eine Menge geworden (abgesehen vom fehlenden kommerziellen Durchbruch). Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet der gemeinsame Sohn der „Kastrierten Philosophen“, David Achinger alias Chassy Wezar (geboren 1994), heute selbst als kreativer Musiker unterwegs ist… Das Urteil für „Nerves“ lautet: sehr gut (17 Punkte).

Kastrierte Philosophen
Nerves
Normal 1988
(Vergriffen)

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www.justament.de, 12.12.2016: Gelungene Synthese

Matthias Arfmann (Ex Kastrierte Philosophen) remixt klassische Ballett-Musik!

Thomas Claer

arfmannWenn Klassik und Popmusik gekreuzt werden, dann führt das meist zu schaurigen Ergebnissen. Anders war es allerdings vor elf Jahren, als „Recomposed“ von Matthias Arfmann erschien, der manchen Älteren von uns noch als Kopf der so legendären wie genialen Underground-Combo Kastrierte Philosophen (80er und frühe 90er Jahre) bekannt ist. Jener Arfmann also, laut Wikipedia geboren 1964 in Bremen, verschrieb sich nach der Auflösung der „Philosophen“ als Musiker und Produzent voll und ganz der Dub-Musik (elektronische Variante des Reggae) und lieferte auf „Recomposed“ (2005) sein Meisterstück ab, indem er Werke klassischer Komponisten völlig neu bearbeitete und mit elektronischen Beats unterlegte. Von Franz Schuberts „Unvollendeter“ bis zu Richard Wagners „Fliegendem Holländer“ , von Peter Tschaikowskis „Schwanensee“ bis zu Modest Mussorgskys „Bildern einer Ausstellung“ gelangen Arfmann auf „Recomposed“ ebenso gewagte wie gelungene Adaptionen. Den Vogel ab schoss er aber mit Bedrich Smetanas „Moldau“, das bei ihm eine ultra-chillige und unglaublich groovende Wiederauferstehung feierte.
Nun legt der umtriebige Hamburger nach siebenjähriger Vorarbeit also eine Fortsetzung vor, die sich ausschließlich Werken der Ballett-Musik widmet. Und auch diesmal kann sich das Ergebnis hören und sehen lassen. Zwar ist nicht jede Bearbeitung auf „Ballet Jeunesse“ gleichermaßen geglückt, doch ist es immer wieder verblüffend, welche ungeahnten Synthesen die alten Kompositionen, gespielt vom Deutschen Filmorchester Babelsberg, unter der Hand des Meisters und unterstützt von einer Hand voll musikalischer Begleiter, mit zeitgenössischen Klängen eingehen. Hervorzuheben ist neben Tschaikowskis „Nussknacker“, Chachaturians „Säbeltanz“ und Stravinskis „Feuervogel“ insbesondere „Romeo und Julia“ von Sergej Prokowjew, das sich mit spielender Leichtigkeit in seinen neuen musikalischen Rahmen einfügt und als Bonustrack sogar noch in einer – ebenfalls äußerst stimmigen – Rap-Version zu hören ist, die selbst einen entschiedenen Rap-Verächter wie den Rezensenten überzeugt. Am Ende gibt es dann zur Krönung noch Prokowjews „Peter und der Wolf“ – mit Jan Delay als Sprecher. (Arfmann war der Produzent seiner Alben mit den „Absoluten Beginnern“.) Das Urteil lautet: voll befriedigend (11 Punkte).

Matthias Arfmann presents
Ballet Jeunesse
Deutsche Grammophon GmbH / Universal 2016
ASIN: B01H74ZF3I

Justament Dez. 2007: Ex-Philosoph legt Hand ans Grundgesetz

Indie-Legende Matthias Arfmann mit Dub’l G

Thomas Claer

Cover ArfmannMatthias Arfmann ist in der deutschen Musikszene nicht irgendjemand. Jahrelang ernteten er und seine damalige Mitstreiterin Katrin Achinger als Köpfe der Band “Kastrierte Philosophen” (1981-1996) viel Lob und Anerkennung, doch der kommerzielle Durchbruch blieb aus. Nicht zuletzt hat sich an ihnen der alte und schöne Indie-Spruch bewahrheitet: Eher kommt ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein guter Song in die Hitparade. Nun durchlebten die Philosophen über die Jahre einen kuriosen stilistischen Wandel, der sie vom Postpunk und Garagenrock über Hip-Hop, Trip Hop und Ethno-Pop bis hin zur Reggae-Musik führte. Charakteristisch für sie blieb aber stets das psychedelische Element in Arfmanns Gitarrenspiel. In den zurückliegenden zehn Jahren hat sich Matthias Arfmann dann mit seiner neuen Band “Turtle Bay Country Club” dem Dub verschrieben, der elektronischen Variante des jamaikanischen Reggae. Doch unternahm er zuletzt spektakuläre Ausflüge in neue Experimentierfelder: Auf Recomposed (2005) kreuzte er klassische Kompositionen von Dvorak, Wagner, Tschaikowsky und anderen mit seinen Dub-Klängen. Das Ergebnis war beeindruckend und erschütterte wieder einmal den vom hochkulturellen Dünkel getragenen Mythos einer Wesensverschiedenheit der sogenannten Genres “U” und “E”. Um so gespannter konnte man auf Arfmanns jüngsten Coup sein: den Dub-Remix einer Freejazz-Vertonung unseres Grundgesetzes, mit welcher die Musiker Thomas Bierling, Eva Weis und Peter Lehel schon seit Ende 2004 in deutschen Justizvollzugsanstalten aufgetreten waren. Die Originalaufnahmen letzterer sind dem Tonträger als Bonus-CD beigefügt und nehmen sich eher befremdlich aus. Banausen werden sich hier vermutlich an Hape Kerkelings alte Hurz-Nummer mit dem Habicht erinnert fühlen. Dagegen überführt Matthias Arfmann die Grundgesetz-Artikel souverän in Dub-Klänge und glättet mit geschmeidigen Arrangements die doch ziemlich anstrengende Wirrnis der Vorlage. Anknüpfend an die von der Freejazz-Fraktion aus dem Gesetzestext extrahierten Begriffe (“Sittengesetz”, “Eigentum”, “Gleichheit”) lässt er vielschichtige Klanglandschaften entstehen und gewinnt so dem Grundgesetz Aspekte ab, die gewiss nicht einmal seinen versiertesten Kommentatoren in den Sinn gekommen wären. Hier und da gerät das Resultat eine Spur zu poppig oder man hätte sich ein wenig mehr Stringenz wie in Arfmanns Philosophen-Tagen gewünscht. Gelungen ist das Experiment dennoch. Das Urteil lautet: befriedigend (9 Punkte).

Matthias Arfmann
Dub’l G – Das Nähere regelt ein Bundesgesetz
Yeotone / Bella Music Edition 2007, CD, 28:11 Minuten
Special Edition including original recordings
ca. EUR 15,00
ASIN: B000R57TEI