Author Archive: thomyc

www.justament.de, 16.10.2017: Eindrucksvolle Milieustudie

„Wiener Straße“ von Sven Regener

Thomas Claer

Ah, es gibt Neues von Sven Regener. „Wiener Straße“ ist der nunmehr fünfte Roman in seiner beliebten Lehmann-Reihe. Und er springt, den Nachwende-Exkurs des Vorgängers „Magical Mystery oder Die Rückkehr des Karl Schmidt“ hinter sich lassend, noch einmal zurück ins gute alte Kreuzberg im Herbst 1980 und erzählt exakt da weiter, wo „Der kleine Bruder“, sein Vorvorgänger, aufgehört hat. Denn schließlich möchte man als langjähriger Regener-Leser ja auch noch erfahren, wie der junge Frank Lehmann eigentlich zu seinem Job als Barkeeper in Erwin Kächeles Kneipe „Einfall“ gekommen ist, den er dann bis ins Wendejahr 1989 innehatte und wohl auch noch etwas darüber hinaus innegehabt haben muss – bis zu seinem späteren Aufstieg als Gesellschafter einer auf Partygastronomie spezialisierten GmbH (an der Seite von Erwin Kächele), von dem in „Magical Mystery“ beiläufig die Rede war.

Auffällig ist zunächst, dass der Roman formal neue Wege geht. Waren die ersten drei Bände noch Musterbeispiele des „personalen Erzählens“, d.h. es wurde alles ausschließlich aus der Sicht des Protagonisten Frank Lehmann geschildert, allerdings nicht in der Ich-Form, so hatten wir es in „Magical Mystery“ mit Lehmann-Kumpel Karl Schmidt als Ich-Erzähler zu tun. Nun aber wird abwechselnd die Sicht immer anderer Romanfiguren eingenommen, ohne dass es einen auktorialen (allwissenden) Erzähler gäbe, man könnte dies als multipersonales Erzählen bezeichnen. Somit ist Frank Lehmann in diesem Buch nur noch einer von vielen, die ihre jeweilige Sicht der Dinge darlegen, wenn auch stets in der Er- bzw. Sie-Form. Nacheinander kommen so Erwin Kächele (er besonders ausführlich), der Performance-Künstler H.R. Ledigt, Erwins Nichte Chrissie, deren aus Schwaben anreisende Mutter Kerstin, der Fake-Hausbesetzer P. Immel (der in Wirklichkeit Hauseigentümer ist und dessen wahrer Name Peter v. Immel lautet), sein Mitbewohner Kacki, der ZDF-Reporter Prohaska, der für ein Kulturmagazin aus dem besetzten Haus berichtet, sowie der Kunstausstellungskurator Wiemer zu Wort.

Nun wurde dem Roman vorgehalten, und zwar von keinem Geringeren als Gustav Seibt in der Süddeutschen Zeitung, dass er nur eine recht belanglose Handlung habe und allenfalls als volkstümliche Mundart-Prosa überzeugen könne. Tatsächlich wird diesmal auch der eingeborenen Berliner Bevölkerung, den „Allet frisch-Berlinern“, die u.a. als Verkäuferinnen, Polizisten und Kaffeemaschinen-Monteure auftreten, breiter Raum gewidmet („Uff jeden, sa‘ ick ma.“). Doch dürfte man diesem Buch eher gerecht werden, wenn man es nicht nur als solitäres Werk, sondern auch als Etappe in der besagten Reihe betrachtet. Es erzählt einen Teil der Vorgeschichte der liebgewonnenen Figur Frank Lehmann – und das ganze Drumherum. Wir lernen mehrere Nebenfiguren besser kennen. Kurz gesagt, wer bis hierhin alle Regener-Romane gelesen hat, wird auch von „Wiener Straße“ nicht enttäuscht sein. Ganz im Gegenteil.

Und überhaupt das damalige Leben in West-Berlin… Es ist schon eine Art Schlaraffenland gewesen, vor allem nach heutigen Maßstäben. Für ein WG-Zimmer im Altbau mitten in Kreuzberg (allerdings auch nur mit Ofenheizung) zahlte man 150 Mark. Die Stundenlöhne in der Kneipe lagen bei 8 bis 10 Mark. Heute, 37 Jahre später, schlagen sich die Gastronomie-Mitarbeiter (und nicht nur sie) mit nominal ganz ähnlichen Stundenlöhnen von 4 bis 5 Euro durch. Das WG-Zimmer kostet aber durchschnittlich 450 Euro, also das Sechsfache von damals! Und natürlich ist auch fast alles andere entsprechend teurer geworden. Wer soll da noch Zeit und Kraft z.B. für Kunst haben, wenn schon das Bestreiten des Lebensunterhalts derart kostspielig geworden ist. Seinerzeit, 1980, ging das aber noch sehr gut!

Bemerkenswert ist ferner noch die sich mit jedem Band steigernde Virtuosität des Regenerschen Satzbaus. Mitunter erinnern die ausufernden Wortkaskaden schon an Regeners heimliches Vorbild Thomas Bernhardt. Und schließlich lässt der Roman inhaltlich eine nicht ganz unbedeutende Frage offen und weckt so den Appetit des Lesers auf weitere Fortsetzungen: Wird sich die bislang nur sehr subtile Annäherung zwischen Frank Lehmann und Erwin Kächeles Nichte Chrissie weiter fortsetzen? Die Antwort gibt es, vielleicht, in ein paar Jahren.

Sven Regener
Wiener Straße
Galiani-Berlin 2017
304 Seiten; 22,00 EUR
ISBN-10: 3869711361

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Salzgitter Zeitung, 27.9.2015: Jurist: Diktatur – kein Unrechtsstaat

Bericht über meinen Vortrag am 26.9.2015 bei den 21. Helmstedter Universitätstagen zum Thema “Die schwierige Einheit”

Adresse dieses Artikels: http://www.salzgitter-zeitung.de/helmstedt/article152035665/Jurist-Diktatur-kein-Unrechtsstaat.html#

Helmstedt  Ein Anwalt sorgt mit seiner Definition für Diskussionen.

Von Stefani Koch

27.09.2015 – 16:44 Uhr

Referierte zum Thema „Unrechtsstaat“: der Jurist Thomas Claer.

War die DDR ein Unrechtsstaat? Der Jurist Dr. Thomas Claer sagt: Nein. Und eckt mit dieser Meinung bei den Helmstedter Universitätstagen durchaus an. Schließlich hatte die Mehrheit der Besucher seines Vortrages eingangs die Hand gehoben, als er fragte, wer die DDR für einen Unrechtsstaat halte.
Eine Definition des Begriffes allerdings hatte er zunächst nicht mitgeliefert. Aus juristischer Sicht beleuchtete der 1971 in Wismar geborene Claer dann das Thema. Wichtigstes Kriterium für Claer: Einem Unrechtsstaat müsse auch eine Unrechts-Ideologie zugrunde liegen. Und das sei in der DDR nicht der Fall gewesen. „Die DDR sollte ein Staat der Arbeiter und Bauern sein. Ein Staat, in dem alle Menschen gleich sind“, erklärte der Jurist seine Sicht der Dinge. Gestattete jedoch auch die Frage, ob das nicht eine Verharmlosung der DDR sei. „Eigentlich nicht. Meiner Meinung nach wird nur differenziert.“ Festhalten könne man aus seiner Sicht, dass die DDR eine Diktatur war. Ebenso ein „Nicht-Rechtsstaat“ und ein totalitärer Staat. Und ein Verbrecher-Staat? „Die DDR war ein Staat, der politische Verbrechen beging, aber eher in bescheidenem Umfang“, argumentierte Claer. Und: „Die DDR hat Aktenberge hinterlassen – keine Leichenberge. Ich hoffe, das klingt jetzt nicht zu zynisch: Wenn schon, dann Leichenhügel.“
Unrechtsstaaten seien seiner Definition nach das Dritte Reich sowie unter anderen die Sowjetunion unter Stalin – tendenziell –, China unter Mao – ebenfalls zumindest tendenziell – und Nordkorea (tendenziell).
Allerdings sei das Kind in Sachen DDR in der öffentlichen Meinung längst in den Brunnen gefallen. Im alltäglichen Sprachgebrauch sei der Begriff Unrechtsstaat längst übernommen worden. „Mir geht es in diesem Zusammenhang einzig und allein um eine differenzierte Betrachtungsweise.“ Und die sorgte in der Pause und der Abschließenden Podiumsdiskussion für reichlich Gesprächsstoff.

www.justament.de, 25.9.2017: Der Gegenpapst

Die zweibändige Autobiographie des Literatur-Professors und Großintellektuellen Karl Heinz Bohrer

Thomas Claer

Es war wohl das Großereignis des Jahres im deutschen Kulturbetrieb: die vor einigen Monaten erschienenen Lebenserinnerungen Karl Heinz Bohrers (geb. 1932), des immer streitbaren und notorisch umstrittenen Homme de lettres, der insbesondere als FAZ-Literaturblatt-Redakteur in Frankfurt und Kulturkorrespondent in London, als Literatur-Professor in Bielefeld und später in Stanford und nicht zuletzt als langjähriger Herausgeber und scharfzüngiger Kolumnist des „Merkur. Zeitschrift für europäisches Denken“ brillierte. Und da ich seinerzeit in den Neunzigern an der Uni Bielefeld, wo er neben Luhmann (Soziologie), Wehler und Koselleck (Geschichte) zu den Superstars der Professorenzunft gehörte, oftmals und gerne seine Seminare besucht hatte, die ich all den trockenen juristischen Lehrveranstaltungen bei weitem vorzog, und mir das alles noch lebhaft in Erinnerung geblieben ist, lag nichts näher, als diesen Sommer der Lektüre ebendieser Autobiographie namens „Jetzt. Geschichte meines Abenteuers mit der Phantasie“ zu widmen, mitsamt den schon 2012 erschienenen, aber bislang von mir noch nicht gelesenen Jugenderinnerungen „Granatsplitter“. Nach 862 Seiten Karl Heinz Bohrer kann ich sagen: Es war interessant und abwechslungsreich, es hat sich gelohnt.

Damals in Bielefeld erlebte ich, als ich meine heutige Frau, die damals Literaturwissenschaft studierte, erstmals in ein Bohrer-Seminar begleitete, einen zunächst griesgrämig wirkenden Mann jenseits der 60 mit extravaganter Frisur, der jedoch, sobald er zu reden begann, gleichsam erstrahlte und aus dem feurige Begeisterung sprühte für all das, was er seinen Zuhörern mitzuteilen hatte: Das absolute Präsens! Die radikale Melancholie! Das dionysische Prinzip! Die Ästhetik des Schreckens! Die Imagination! Die Plötzlichkeit! Und immer wieder warf er große Namen in den Ring: Baudelaire! Malarmé! Maupassant! Friedrich Nietzsche! Walter Benjamin! Es war schwindelerregend. Nun muss ich einräumen, dass sich meine literarischen Kenntnisse damals, mit Mitte zwanzig, in dem erschöpften, was ich – immerhin – aus der Fernsehsendung „Das Literarische Quartett“ und der Lektüre einiger gewichtiger Romane, hauptsächlich von Thomas Mann und Fjodor Dostojewski, mitgenommen hatte. Von Marcel Reich-Ranicki, der sich, wie ich heute weiß, vor allem an Georg Lukacs und dem literarischen Realismus orientierte, hatte ich gelernt, dass die literarische Moderne maßgeblich aus Thomas Mann und Bertolt Brecht bestand. Nun traf ich aber auf jemanden, der das ganz anders sah, und mir öffnete sich eine neue Welt. Fast noch interessanter allerdings, als die bedeutende Literatur selbst zu lesen, das muss ich zugeben, war es, Karl Heinz Bohrer zuzuhören, wenn er darüber redete. (Das war mir zuvor mit Reich-Ranicki aber auch schon so ähnlich gegangen…) Und auch vom Charisma her stand Bohrer dem alten Ranicki in nichts nach, nur dass er inhaltlich mitunter schwerer zu verstehen war. Alles war komplizierter und auch manchmal nebulöser als bei MRR, aber so ungefähr verstand man schon, was er meinte. Es wurde erzählt, Prof. Bohrer sei nur dienstags bis donnerstags an der Uni anwesend und fahre danach immer gleich wieder zurück an seinen Wohnort Paris. Ja, Paris! Darunter machte er es nicht. Ein Leben in der ostwestfälischen Provinz, so habe er sich mal geäußert, komme für ihn nicht in Frage. Eine Stadt wie Bielefeld sei ihm unerträglich! Klar, als Herausgeber einer „Zeitschrift für europäisches Denken“!
Ich begann, Karl Heinz Bohrers frühere Kolumnen im Merkur zu lesen. Obwohl er immer eine radikale Autonomie der Kunst befürwortete und insbesondere deren politische Vereinnahmung entschieden bekämpfte – wer etwa Ernst Jüngers „In Stahlgewittern“ für üble Kriegsverherrlichung hielt, sei borniert und habe die einzigartige poetische Wucht dieser Sprache nicht verstanden! – hielt ihn das umgekehrt nicht davon ab, ästhetische Maßstäbe auf Fragen der Politik anzuwenden. In seinen köstlichen Glossen ließ er vernichtende Donnerschläge auf Deutschland hinabfahren, das er für zutiefst provinziell, sein Lieblingsbegriff war der Provinzialismus, in jeder Hinsicht hielt – mit einem so mittelmäßigen und konturlosen Mann wie Helmut Kohl an der Spitze, den er nach all dessen Jahren an der Macht einfach nicht mehr ertragen konnte. Verglichen mit Bohrers Wohnorten London und Paris erschien dann selbst die deutsche Hauptstadt Berlin nur als ländlich, beschränkt und zurückgeblieben. Die Politiker ohne Format, die Menschen ohne Stil und Manieren. Dass etwa die Bielefelder Studenten mit angebissenen Pizzastücken in seine Vorlesung kamen, so etwas gäbe es in England oder Frankreich nicht! Und besonders schlimm fand er den gesinnungsethischen (also verantwortungslosen) deutschen Pazifismus, mit dem sich die Deutschen wohl, so sein Verdacht, von ihrer verbrecherischen Vergangenheit reinwaschen wollten, aber sich stattdessen bei ihren Nachbarn – vor allem in London und Paris – nur erneut und erst recht verdächtig machten.
Als Symbolfiguren für das angebliche west- und später gesamtdeutsche Nachkriegselend hatte er die Mainzelmännchen ausgemacht, jene harmlosen, jämmerlich winselnden Pausenclowns aus dem ZDF-Werbefernsehen, die stellvertretend für die ganze deutsche Malaise stünden. Nun ja, mit solchen Tiraden hat Karl Heinz Bohrer sich natürlich nicht gerade überall beliebt gemacht. Und auch ich fühlte mich beim Lesen oftmals zum Widerspruch herausgefordert. Dennoch gefielen mir seine Texte sehr. Es war eine gänzlich andere Sichtweise auf die Dinge. Sicherlich war das, wie es ein Journalist einmal genannt hat, „intellektueller Stammtisch“, aber immer auf hohem Niveau und überaus originell. Auch seine Aversionen gegen die Friedens- und Umweltbewegung, die sich mit ihren omnipräsenten Bannern und Transparenten (gerade an der Uni Bielefeld) in seinen Augen als Gesinnungskitsch der schlimmsten Sorte ausnahm, konnte ich auf einer ästhetischen Ebene durchaus nachvollziehen, obgleich ich inhaltlich sogar streckenweise mit ihr sympathisierte.
Die seit 1998 regierende rot-grüne Koalition beurteilte Bohrer dann aber überraschend wohlwollend, vor allem wohl, weil deren Repräsentanten in seinen Augen gestandene Persönlichkeiten waren. Einmal betonte er im Seminar, die deutschen Grünen an der Regierung würden in Paris und London sehr misstrauisch beobachtet, da sie irrationale ideologische Wurzeln hätten, die manchen an ungute deutscher Traditionen erinnerten. Doch würde er, Bohrer, sie dort dann immer verteidigen, denn in ihren Reihen gäbe es hervorragende Leute, die unser Land ausgezeichnet repräsentierten, z.B. „Wie heißt sie noch gleich? Jutta…?“ Ich saß ganz vorne im Seminarraum und schlug vor: „Jutta Ditfurth?“ Darauf Bohrer empört: „Nein, um Gottes willen!! Wie heißt denn unsere Bundestagsvizepräsidentin??“ Ich legte nach: „Antje Vollmer?“ Ja, genau die meinte er.
In einer seiner Merkur-Kolumnen schrieb er über Physiognomie und behauptete, dass sich aller politischer Korrektheit zum Trotz sehr wohl vom Aussehen und insbesondere dem Gesicht eines Menschen auf dessen Persönlichkeit schließen lasse, der beste Beleg dafür seien doch die Politiker der Bundesregierung (damals noch der schwarz-gelben). Natürlich stehe Kohl seine ganze Mittelmäßigkeit ins Gesicht geschrieben, und Blüm sei ein Kassenbrillenmodell kleinbürgerlich-rechter Sozialdemokratie in der CDU u.s.w. Hingegen erkenne man an der soignierten Vornehmheit eines Klaus v. Dohnanyi doch gleich, aus welch guter Familie er komme…
Eine besondere Feindschaft pflegte Karl Heinz Bohrer zum SPD-Intellektuellen Peter Glotz, der ihn wegen seines entschiedenen Eintretens für die deutsche Wiedervereinigung als Vertreter eines neuen deutschen Nationalismus geschmäht hatte. Bohrer konterte daraufhin, Glotz sei ein Ideologe und „bornierter Parteimann“ und empfahl ihm die Lektüre eines Aufsatzes von Friedrich Schlegel…
In den letzten anderthalb Jahrzehnten hat Karl Heinz Bohrer sich dann wieder mehr auf seine literaturtheoretischen Themen konzentriert, weshalb ich ihn etwas aus dem Blick verloren habe. Umso erfrischender war für mich nun die Lektüre seines ausführlichen Lebensberichts.

Zunächst seine Jugenderinnerungen „Granatsplitter“, benannt nach den bunten glänzenden Absplitterungen von Flak-Granaten, die bei den Bombenangriffen auf seine Heimatstadt Köln vom Himmel regneten und von den Kindern aufgehoben und gesammelt wurden. Schon in frühem Alter ist Karl Heinz Bohrer, der aus einer großbürgerlich-liberalen Familie stammt, von seinem Vater, einem Ökonomen, auf den verbrecherischen Charakter der NS-Regierung hingewiesen worden. Der Vater steckte seinen Sohn, um ihm eine exzellente Erziehung zukommen zu lassen, in ein Elite-Internat nahe Freiburg im Breisgau. Dort machte er Bekanntschaft mit Kindern der Oberschicht, Sprösslingen von Adligen und Großbürgern, aber auch neureicher Industrieller, auf die in diesen Kreisen allerdings eher herabgeblickt wurde. Diese Sozialisation sollte sich als prägend für sein ganzes Leben erweisen. Als Anfang der fünfziger Jahre eine Delegation junger FDJler aus Ost-Berlin sein Internat besucht und die Jugendlichen aus Ost und West miteinander diskutieren, ist der junge Bohrer nach der Lektüre von Arthur Koestlers „Sonnenfinsternis“ bereits glühender Anti-Kommunist. Die FDJler attestieren ihm, der die westliche Freiheit verteidigt, ein falsches Bewusstsein, da es im Westen doch nur eine Freiheit für die Reichen gäbe, was man doch im Übrigen schon an diesem Elite-Internat sehen könne, in dem man sich gerade befinde. Da entgegnet der junge Bohrer, sein Vater sei keineswegs reich und habe als Universitätsassistent nur ein so kümmerliches Gehalt, dass er, der Vater, sogar sein Familienerbe habe angreifen müssen, um ihm den Aufenthalt im Internat bezahlen zu können… Politisch verortet sich Karl Heinz Bohrer zwar als eher liberal als konservativ, pflegt aber zeitlebens eine besondere Abneigung gegen die politische Linke. Nichts interessiert diesen vielseitig interessierten jungen Mann nach eigener Aussage weniger als die Verbesserung der Situation armer Menschen. Diese „asoziale Grundhaltung“, die er sich selbst ohne Anflüge von Reue bescheinigt, erstaunt umso mehr, als er die entfesselte Phantasie, wie es auch der Untertitel des zweiten Bandes verrät, zu seinem Lebensprinzip erhoben hat. Doch bringt er offenbar keinerlei Phantasie dafür auf, sich vorzustellen, wie er sich wohl ohne diese familiäre Prägung und elitäre Erziehung entwickelt hätte. Auf diesem Auge sieht er rein gar nichts, wohingegen sein Blick auf die Kunst, vor allem die Literatur, und auf alles Schöne schon in früher Jugend ungeheuer scharf ist. Freimütig berichtet er von seinen jugendlichen Leiden unter der mangelnden Gelegenheit zum Ausleben der eigenen Sexualität. Aus heutiger Sicht muss man wohl sagen, zum Glück, denn wie so viele andere Intellektuelle ist offenbar auch er zum großen Teil – so weiß es zumindest die einschlägige Küchenpsychologie – durch sexuelle Frustration zu dem geworden, der er ist. (Ob aus der heutigen „Generation Tinder“ überhaupt noch jemals Intellektuelle hervorgehen werden, möchte man fast bezweifeln…)

Im zweiten Band ist Karl Heinz Bohrer dann schon Leiter des Literaturteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. In der Redaktion dieser Zeitung sitzen nur Leute „aus den besten Familien“. Wichtiger für seine Einstellung als alle akademischen Abschlüsse war nach eigener Einschätzung sein früherer Besuch des richtigen Internats. Auch wenn er dort, wie wir im ersten Band erfahren haben, beinahe von der Schule geflogen wäre, nachdem er einmal wutentbrannt einen Lehrer geohrfeigt hatte. Und in seiner Studentenzeit saß er sogar zwei Wochen im Gefängnis – wegen Unfallflucht nach einem Verkehrsunfall (verursacht als Radfahrer, Bohrer hatte nie einen Führerschein).
Die späten Sechzigerjahre erlebt er als eine berauschende Zeit. Die revolutionäre Stimmung, die mit allem Althergebrachten aufräumt, findet er großartig, obgleich ihm alles Marxistische herzlich zuwider ist. Kurioserweise ist er sogar ziemlich eng mit der späteren Terroristin Ulrike Meinhof befreundet, wobei er aber allen Gerüchten entgegentritt, er hätte „etwas mit ihr gehabt“. Sie habe ihn einfach gemocht, weil er ihr so interessiert zugehört habe, vermutet Bohrer. Allerdings habe sie noch kurz vor ihrer Verhaftung bei ihm übernachtet, was ihm einigen Ärger mit seinen Herausgebern bereitete…
Als FAZ-Literaturchef bringt Karl Heinz Bohrer dann aber immer wieder so komplizierte Texte, die kein Mensch versteht, dass er – nach ein paar Jahren im Amt – unter dem neuen Herausgeber Joachim Fest kurzerhand abgesetzt und – ausgerechnet – durch den weniger akademischen Marcel Reich-Ranicki ersetzt wird. Für Bohrer bricht eine Welt zusammen. Wer soll nun den Lesern die „wahre literarische Moderne“ nahebringen, wo doch dieser Ranicki genau die in seinen Augen falschen Autoren hochschätzt und die eigentlichen Heroen verschmäht? So hält Reich-Ranicki Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“ für ein missratenes Werk, während er für Bohrer das non plus ultra ist. Stattdessen bevorzugt Reich die großen Gesellschaftsromane des 19. und 20. Jahrhunderts, die Bohrer nur zum Gähnen bringen…

Bohrer wird also Anfang der 1970er Jahre bei der FAZ zum Kulturkorrespondenten degradiert und – immerhin! – nach London versetzt, von wo aus er großartige Berichte und Reportagen über alles Mögliche schreibt. Er interessiert sich neben dem hochkulturellen Leben in dieser Stadt aber auch sehr für Fußball und die Gesänge der Fans oder die Popmusik aus den Einwanderer-Vierteln. Als Maggie Thatcher an die Macht kommt, findet Bohrer sie als Person mit kleinbürgerlicher Handtasche völlig unmöglich (wie hatte er bis dahin von den englischen Politikern geschwärmt!), wenngleich er ihrer neoliberalen Politik gegen die damals noch mächtigen Gewerkschaften einiges abgewinnen kann. So interessant aber das Leben in London für ihn ist, sehnt er sich doch nach einer größeren geistigen Herausforderung – und das wird 1982 die Professur in Bielefeld! Ausgerechnet an dieser linksversifften Reform-Uni! Nur durch eine Verkettung glücklicher Zufälle und eine exzellente Probe-Vorlesung bekommt er den begehrten Lehrstuhl. Zuvor war er vom Leiter der Auswahlkommission, einem marxistischen Literatur-Historiker in zerschlissener Kleidung und mit einer Dose Bier in der Hand, mit den Worten begrüßt worden: „Du siehst hier heute keinen Stich!“

Der notorische Einzelgänger Bohrer hält sich fern von seinen Professoren-Kollegen und fährt nach den Vorlesungen lieber schnell zu seiner Geliebten in Wuppertal, der unehelichen Tochter eines bekannten Literatur-Professors mit einer Lyrikerin. Diese betörend schöne und 20 Jahre jüngere Dame namens Undine ist ein großer Fan seiner Werke, hat alle seine Bücher gelesen. Sie wird Karl Heinz Bohrers zweite Ehefrau. (Von seiner langjährigen ersten ist im Buch nur ganz am Rande die Rede gewesen.) Mit ihr geht er für ein Gastsemester nach Paris – und Undine gefällt es dort so gut, dass sie gar nicht mehr weg will! Fortan pendelt Ehemann Karl Heinz wöchentlich mit dem Zug nach Bielefeld und wieder zurück nach Paris in die prächtige Wohnung am Montmartre. Undine, die ihre literaturwissenschaftliche Promotion längst abgebrochen hat, wird freie Schriftstellerin und verfasst von der Kritik und ganz besonders von ihrem Ehemann hochgelobte Romane und Erzählungen. Die gut dotierte Professur erlaubt ihnen ein ausschweifendes Leben in Paris, obwohl Undine mit ihren Werken, wie beiläufig bemerkt wird, „keinen Cent verdient“. So verleben sie wunderbare Jahre. Doch dieses Glück ist nicht von Dauer. Undine wird krank, sehr krank, und stirbt schließlich mit kaum fünfzig Jahren an einem seltenen Nervenleiden. Ihr inzwischen in Bielefeld emeritierter Mann pflegt sie jahrelang hingebungsvoll – und steht nach ihrem Tod ziemlich alleine da. Doch mittlerweile hat sich sein exzellenter wissenschaftlicher Ruf in aller Welt herumgesprochen. Mit fast siebzig Jahren tritt Karl Heinz Bohrer noch eine Professur in Stanford/Kalifornien an. Angebote aus London lehnt er ab, weil sein Englisch dafür nicht gut genug sei. Für Amerika findet er es hingegen völlig ausreichend.

Am Ende siedelt sich Karl Heinz Bohrer, der sich absolut nicht vorstellen kann, noch einmal in Deutschland zu leben, dann wieder in London an, wo er abermals sein privates Glück gefunden hat. Seine dritte Ehefrau ist die Enkeltochter eines der Attentäter des 20. Juli 1944, alter preußischer Adel, was ja genau seinem Geschmack entspricht. Sie ist ebenfalls auf dem besagten Elite-Internat gewesen und hat als kleines Mädchen den einige Jahre älteren Karl Heinz als Schauspieler in einem Theaterstück bewundert. Ihre Mutter war dort Lehrerin, Karl Heinz Bohrers Lieblingslehrerin genau genommen, die bei ihm erotische Träume hervorgerufen hat… Als Pensionär und Buchautor in London wird der alte Bohrer nun allerdings in seinen Ansichten zunehmend reaktionärer. Habe er früher noch Wert darauf gelegt, nicht als Teil der konservativen Opposition zu gelten, sei ihm das nach den Anschlägen des 11. September 2001 egal geworden. Jedes Appeasement gegenüber dem radikalen Islam hält er für verfehlt. Auch habe ihn schon als Teenager das Stück „Nathan der Weise“ nicht wirklich überzeugt. Klar, dass er Angela Merkels Flüchtlingspolitik im Jahr 2015 für eine Katastrophe hält. Und er ist auch der Meinung, dass zu viele Schwarze in London leben, die sich doch ganz überwiegend überhaupt nicht integrieren könnten. Andererseits habe er aber vor kurzem zwei junge schwarze Frauen beobachtet, die sich ganz im Stile der englischen Oberschicht unterhielten. Und dann seien sie auch noch so überaus elegant gekleidet gewesen. Das habe ihm dann doch wiederum sehr gefallen… Und bei der letzten Bürgermeisterwahl in London habe er sogar für den indischstämmigen Labour-Kandidaten gestimmt – aber nur, weil dieser ihm kompetenter erschien und um den Tory-Kandidaten zu verhindern, von dem er befürchtete, unter ihm würden noch mehr hässliche Hochhäuser in der Stadt errichtet. Er sieht nun einmal alles durch die ästhetische Brille…

Karl Heinz Bohrer
Granatsplitter: Eine Erzählung
Carl Hanser Verlag 2012
320 Seiten; 19,90 EUR
ISBN-10: 3446239723

Karl Heinz Bohrer
Jetzt: Geschichte meines Abenteuers mit der Phantasie
Suhrkamp Verlag 2017
542 Seiten; 26,00 EUR
ISBN-10: 351842579X

www.justament.de, 25.9.2017: Bum Bum!

Recht cineastisch, Teil 30: „Magical Mystery oder die Rückkehr des Karl Schmidt“ von Arne Feldhusen

Thomas Claer

Pünktlich zum neuen Roman von Sven Regener (Justament wird in Kürze berichten) ist auch schon die Verfilmung seines vorigen Buches am Start: Der erprobte Stromberg-Regisseur Arne Feldhusen hat sich der Geschichte rund um die Rückkehr des zwischenzeitlich abgetauchten Lehmann-Kumpels Karl Schmidt angenommen und daraus einen gelungenen Roadmovie gemacht. Dabei hätte eine Menge schiefgehen können: Karl Schmidt wird diesmal nämlich – anders als in Leander Hausmanns Herr Lehmann-Verfilmung – nicht von Detlev Buck gespielt, sondern von Charly Hübner, was zunächst gewöhnungsbedürftig ist. Und schlimmer noch: Detlev Buck ist trotzdem mit von der Partie – und spielt Karl Schmidts alten Weggefährten Ferdi, der es im Berlin der Nachwendezeit zum Chef der enorm erfolgreichen Techno-Plattenfirma „Bum Bum Records“ gebracht hat. Doch alle Bedenken, man könnte hier als Zuschauer den Überblick verlieren, lösen sich im Kinosaal in Wohlgefallen auf: Detlev Buck, der geniale Komödiant, spielt einen großartigen Ferdi, einen völlig anderen Typen als den Karl Schmidt in „Herr Lehmann“. Und dass Detlev Buck natürlich in jeder Rolle zugleich auch unverkennbar Detlev Buck spielt, macht es nur noch witziger. Schließlich gibt auch Charly Hübner einen rundum überzeugenden Karl Schmidt, der dessen hier besonders bedeutsame depressive Seite besser ausspielt, als es der lustige Detlev Buck wohl je gekonnt hätte. Kurzum, die Beteiligten haben bei der Besetzung der Schlüsselpositionen alles richtig gemacht, was aber auch für die anderen Rollen gilt. Bjarne Mädel ist wie geschaffen für die Rolle des Sozialarbeiters Werner, der Karl Schmidt in der Drogen-WG „Cleancut 1“ in Hamburg-Altona betreut. Auch diese Drogen-WG aus kettenrauchenden Ex-Junkies und -Alkies ist grandios in Szene gesetzt, wie dann auch die quietschbunt-vergnügte, schnelle, neue Techno-Welt in Mitte, in die sich Karl Schmidt nach mehrjähriger Berlin-Abstinenz freudig stürzt. Der Film zeigt die überwältigende Aufbruchstimmung jener frühen Jahre nach dem Mauerfall, als plötzlich junges Volk aus Ost und West und aller Herren Länder in die neue Hauptstadt strömt und das Techno-Zeitalter einläutet. Immer wieder streift dieser Film den Klamauk, kriegt aber zuverlässig am Ende dann doch noch die Kurve. Krönender Höhepunkt ist dabei die sich auf der Magical-Mysterie-Tour der Berliner DJs quer durch Deutschland anbahnende und vollziehende Liebesgeschichte zwischen Karl und Rosa (Annika Meier). Ein sehenswertes Spektakel!

Magical Mystery oder die Rückkehr des Karl Schmidt
Deutschland 2017
Regie: Arne Feldhusen
Drehbuch: Sven Regener
111 Minuten, FSK: 12
Darsteller: Charly Hübner, Detlev Buck, Marc Hosemann, Annika Meier, Bjarne Mädel, Lina Beckmann u.a.

www.justament.de, 18.9.2017: Echo der Vergangenheit

Scheiben Spezial: Achim Reichel lässt “A.R. & Machines“, sein psychedelisches Krautrock-Experiment aus den frühen Siebzigern, wieder auferstehen – in der Elbphilharmonie!

Thomas Claer

Achim Reichel 1971 (Foto: Wikipedia)

Es ist unglaublich. Lange hatte Achim Reichel, heute 73, mit dieser Idee kokettiert, aber dabei war es dann auch geblieben. Zu verwegen erschien die Option, hier noch einmal ranzugehen. „Man soll nie nie sagen“, erklärte der Beat-Veteran schon in den Neunzigern, als er gefragt wurde, ob Konzerte mit der Musik von „A.R. & Machines“ für ihn irgendwann wieder ein Thema sein könnten. Doch er wolle eben auch nicht am Ende als Spinner dastehen. Nach einem gewaltigen kommerziellen Flop war die Restauflage der zwischen 1971 und 1975 aufgenommenen sechs Alben jener obskuren meditativen Rockmusik eingestampft worden – um nach zwei Jahrzehnten eine spektakuläre Wiederentdeckung zu erleben. Plötzlich erfuhren Platten wie „Die grüne Reise“, „Echo“ und „Erholung“ in Kennerkreisen eine regelrecht kultische Verehrung. Hinzu kam, dass die geringe Zahl der übriggebliebenen Vinyl-Exemplare aus jener Zeit nun zu horrenden Sammlerpreisen ihre Besitzer wechselten, bis endlich Neuauflagen auf CD den Knappheits-Druck etwas minderten. Auch erfreute sich diese Musik mittlerweile einer ungeahnten Beliebtheit bei Trance- und Goa-Veranstaltungen. Dennoch blieb die Zahl ihrer Anhänger überschaubar, so dass sie bei allen Achim Reichel-Jubiläums- und Rückblicks-Konzerten der folgenden Jahre ausgespart blieb.

Achim Reichel 2017

Und nun das! Die mit jahrelanger Verspätung endlich eröffnete Hamburger Elbphilharmonie macht`s möglich. Durch seine begrenzte Zuschauerzahl und die einzigartige Akustik ist dieser Ort wie geschaffen für diese ihrer Natur nach wilde Session-Musik voller Improvisationen. Nur sind inzwischen leider nicht mehr viele von Achim Reichels einstigen Mitstreitern bei den „Machines“ am Leben. Immerhin Olaf Casalich, der legendäre Drummer und Percussionist, auch bekannt als Gründer und Kopf der Minne-Rockband Ougenweide, ist dabei. Und ein paar nachgeborene Brüder im Geiste. Am vergangenen Freitag hatten „A.R. & Machines“ einen triumphalen Auftritt im neuen Klangtempel an der Waterkant. Gut Ding will nun einmal Weile haben. Und last not least: Am 27.10.2017 erscheint „The Art Of German Psychedelic (1970-74)“, ein 10-CD-Set mit 96-seitigem Begleitbuch über die A.R. & Machines Story. Wir sind gespannt.

www.justament.de, 21.8.2017: 33 Jahre bei der Stange

Nick Cave & the Bad Seeds in einer ultimativen Werkschau

Thomas Claer

Wieder eine Best of-Compilation von Nick Cave & the Bad Seeds, immerhin fast zwei Jahrzehnte nach der ersten von 1998. Und wie immer in solchen Fällen gehen die Meinungen bei Fans und wohlwollenden Beobachtern auseinander. „Muss das sein?“, fragen die einen empört und wittern nun aber wirklich den kommerziellen Ausverkauf. „Doch, das ist schon in Ordnung“, beschwichtigen die anderen – und sie könnten diesmal recht haben. Denn Nick Cave hatte in all den Jahren seit seinem ersten „Solo-Album“ „From her to Eternety“ (1984), seine frühere Band „Birthday Party“ (1980-1983) und seine Nebenbei-Band „Grinderman“ (2007-2011) noch gar nicht mitgerechnet, einen enormen künstlerischen Output, bei dem man erstens schon mal den Überblick verlieren konnte, der zweitens – so viel Kritik am Meister sei hier erlaubt – von unterschiedlicher Qualität war. Und drittens ist diese aktuelle Zusammenstellung so opulent und treffsicher geraten (die Musiker selbst und nicht irgendwelche Heinis von der Plattenfirma haben sie zusammengestellt), und das zu einem mehr als vertretbaren Preis von 22 Euro für 45 Songs auf drei CDs plus einer DVD mit seltenen Live-Auftritten und Interviews plus einem Buch – nein, da kann man wirklich nichts sagen. Außer vielleicht doch noch zu bemängeln, dass ein besonders großartiger Song hier leider fehlt: „Henry Lee“ – das Duett mit P.J. Harvey von 1995. Aber es mag dafür Gründe geben, die wir nicht kennen und gegebenenfalls respektieren müssen. Es ist ja längst kein Geheimnis mehr, dass Nick und die wunderbare P.J. damals eine Zeit lang ein Paar waren…
Stark vereinfacht lassen sich drei Schaffensperioden von Nick Cave & the Bad Seeds unterscheiden, die nicht ganz den drei CDs dieser Zusammenstellung entsprechen: Die erste Phase war die im (West-)Berliner Underground der 80er und frühen 90er Jahre (zu jener Zeit als auch noch die „Einstürzenden Neubauten“ ein ganz heißer Act waren, deren Frontmann Blixa Bargeld bei den „Bad Seeds“ noch bis vor wenigen Jahren Gitarre spielte. Zum Ende hin gab es aber auch schon damals sehr poppige Ausflüge wie das Album „The Good Son“. („Das war aber noch auf der richtigen Seite“, sagte seinerzeit mein AG-Kollege im Referendariat über diese Platte.) Dann kam 1995 gewissermaßen der kommerzielle Durchbruch in den Mainstream-Pop: das Duett mit Kylie Minogue, angesichts dessen einige Nick-Cave-Fans der ersten Stunde noch heute mit den Zähnen fletschen. „Nick Cave von Kylie in die Charts geküsst“ titelte damals eine bekannte Musikzeitschrift. Und doch, es war ein großartiger Song! Danach fiel aber das Niveau der Nick Cave-Produktionen etwas ab, nicht generell und nicht durchgängig zwar, aber es wechselten sich Höhepunkte und ziemliche Durchhänger ab – bis es dann vor einem Jahrzehnt eine Art „Back tot he roots“-Wende gab. Mit seinem schon erwähnten Nebenprojekt Grinderman, an dem kurioserweise auch nahezu alle „Bad Seeds“-Musiker beteiligt waren, ließ es Nick Cave nach zuvor regelrecht ausufernder Seichtigkeit endlich wieder garagenrockmäßig krachen, und das gab offensichtlich auch den „Bad Seeds“ wieder etwas vom alten Schwung zurück. Vor allem aber gelang ihnen schließlich mit “Push The Sky Away” ein stilles und doch äußerst melodisch komponiertes Album, das in seiner grandiosen Stimmigkeit sozusagen den Spätruhm dieser Band begründete.

Wer Nick Cave & the Bad Seeds schon immer mal kennenlernen wollte, findet hier eine vortreffliche Gelegenheit. Na gut, man kann sich natürlich auch einfach durch YouTube klicken. Aber mit dieser schönen Box kommt zumindest noch eine sinnlich-haptische Komponente hinzu. Und die langjährigen Fans können sich über die eine oder andere veränderte Nuance durch neue Abmischungstechnik freuen – und natürlich über die Raritäten auf der DVD sowie über das Buch. Immerhin. Das Urteil lautet: gut (15 Punkte).

Nick Cave & the Bad Seeds
Love Creatures – The Best of
Deluxe Edition 3CDs, 1 DVD + Buch Box-Set
Mute (Warner) 2017
21,99 EUR (zur Zeit bei Amazon)
ASIN: B06XFQY4DP

www.justament.de, 14.8.2016: Good-bye, Schrecki!

Zum Tod des Jura-Professors und CDU-Politikers Waldemar Schreckenberger. Ein persönlicher Rückblick

Thomas Claer

Waldemar Schreckenberger

Das Wintersemester 2000/01 verbrachte ich in Speyer am Rhein. Die Verwaltungsstation meines Referendariats absolvierte ich an der dortigen Hochschule für Verwaltungswissenschaften – und traf auf Waldemar Schreckenberger, der die Vorlesung „Recht – Politik – Öffentlichkeit“ leitete. Mir war sein Name gleich irgendwie bekannt vorgekommen. Und tatsächlich: Meine Recherche ergab, dass er tatsächlich der Schreckenberger war, der erste Kanzleramtschef unter Helmut Kohl und frühere Justizminister von Rheinland-Pfalz. In einem lustigen Lied von Georg Ringsgwandl, „Wuide unterwegs“, wird er namentlich erwähnt, was mir sofort wieder einfiel. Nun war die Vorlesung „Recht – Politik – Öffentlichkeit“ keine Pflichtveranstaltung, in der es relevante Scheine einzusammeln galt. Schon beim ersten Termin erklärte Prof. Schreckenberger, der in dem anhaltenden Gegrummel im überfüllten kleinen Seminarraum kaum zu verstehen war, dass künftig doch bitte nur noch diejenigen kommen sollten, die ein wirkliches Interesse am Thema mitbrächten. Beim nächsten Mal waren es dann nur noch fünf oder sechs Teilnehmer – aber die blieben bis zum Ende des Semesters, und glücklicherweise war ich mit dabei! Von nun an glich die Veranstaltung nämlich einem lockeren Plausch, in dem „Schrecki“, wie er einst sogar vor laufenden Kameras von seinem Chef und einstigen Schulfreund Helmut Kohl genannt wurde, über seine bis 1989 währende Zeit in Bonn aus dem Nähkästchen plauderte. Das geschah freilich sehr gelehrt und mit gelegentlichen Ausflügen in die klassische Rechts- und Staatsphilosophie, zu Rousseau, Hobbes und Bodin. Vor allem aber erwies sich Waldemar Schreckenberger als ein glänzender Erzähler, der im kleinen Kreis eine pointierte Anekdote nach der anderen zum Besten gab. Besonders gefiel mir, dass er nichts von der trockenen Paragraphenreiterei hatte, wie sie anderen Professoren des Rechts so oft zu eigen war. Schreckenberger war ein brillanter politischer Kopf, der nicht umsonst den Ruf hatte, der strategische Denker an der Seite des Instinktpolitikers Helmut Kohl gewesen zu sein. Dass er nicht unbedingt meine bevorzugte politische Richtung vertrat, störte mich nicht im geringsten, zumal er sich als äußerst moderater Konservativer und als immer auf Ausgleich bedachter Fachmann präsentierte, der uns auch eine gehörige Portion Lebensklugheit mit auf den Weg gab. Sein Tipp für unser weiteres Leben (nicht nur) als Juristen lautete: „Wenn Sie wissen wollen, was Ihr Gegenüber wirklich denkt, und es empfiehlt sich eigentlich immer, das zu wissen, dann hören Sie nicht so sehr auf seine Worte, reden kann ja jeder schließlich Vieles, sondern schauen Sie ihm gerade ins Gesicht. Mit etwas Übung werden Sie bald erraten, was er denkt.“ Und im Hinblick auf den mittlerweile schon aberwitzig aufgeblähten Lernstoff fürs juristische Examen äußerte er die Hoffnung, dass sich dieses System der deutschen Juristenausbildung früher oder später von selbst ad absurdum führen wird. Was mir auch noch im Gedächtnis geblieben ist: Einmal äußerte er uns gegenüber die Befürchtung, für die Einführung des Privatfernsehens in Deutschland, an der er ganz maßgeblich mitgewirkt habe, irgendwann einmal in der Hölle schmoren zu müssen. Also für mich ist er eher ein Kandidat für den, spärlich gefüllten, Juristen-Himmel! Wie vor einigen Tagen bekannt wurde, ist Waldemar Schreckenberger schon am 4. August 87-jährig in Heidelberg gestorben.

www.justament.de, 7.8.2017: Ein Divan ist kein Möbelstück oder Wie Goethe die Digitalisierung antizipierte

Eine Entdeckung: Manfred Ostens YouTube-Videos zur Zeitdiagnostik

Thomas Claer

Promovierter Jurist (mit einer Diss über das Naturrecht bei Schelling), nebenher noch Philosphie, Literatur und Musik studiert, langjähriger Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes in Frankreich, Kamerun, Tschad, Ungarn, Australien und Japan, Generalsekretär der Alexander von Humboldt-Stiftung, Autor zahlreicher Bücher und Aufsätze – der heute 79-jährige Manfred Osten kann auf ein bewegtes Leben zurückblicken. Vor allem aber hat er sich als Goethe-, Japan- und Napoleon-Kenner einen Namen gemacht und als solcher an 30 der vielgerühmten feinen Kultursendungen von Alexander Kluge im spätabendlichen TV-Programm mitgewirkt. Erstmals ist er mir Anfang der 1990er Jahre im Fernsehen begegnet, beim Durchzappen zu später Stunde. Damals als Abiturient (oder war ich schon im Zivildienst?) konnte ich zunächst gar nicht glauben, dass ausgerechnet auf dem eher bildungsfernen Sender SAT1 Gespräche solcher Art geführt wurden, noch dazu – wie ich später erfahren sollte – von zwei Juristen über einen dritten (den Geheimrat aus Weimar), ohne dass es vorrangig um Fragen des Rechts gegangen wäre. Besonders mochte ich Manfred Ostens lebendige Art zu erzählen, die mir von Anbeginn seltsam vertraut vorkam. Erst Jahre später hörte ich, dass er wie ich aus Mecklenburg stammt, nämlich aus Ludwigslust bei Schwerin, und noch dazu ein Vetter eines guten Freundes meines Vaters ist, des Medizin-Professors Bernd Osten, dessen Stimme und Sprechweise tatsächlich eine frappierende Ähnlichkeit mit der seines Cousins aufweist…
Nun, ein Vierteljahrhundert später, bin ich also zufällig auf das grandiose dreiteilige YouTube-Video „Zeitdiagnostik Ende 2015“ gestoßen, in dem Manfred Osten ausführlich seine Sicht auf die aktuellen Weltläufe darlegt. Wie so oft greift er auch darin bevorzugt auf Goethe zurück, um die existentiellen Probleme unserer Gegenwart verständlich zu machen, denn jener habe sie schließlich zum großen Teil bereits in seinen Werken antizipiert, so das schwierige Verhältnis zwischen westlicher und muslimischer Welt im „West-östlichen Divan“ (wobei ein Divan ein Gespräch zwischen weisen Männern ist) und sogar bestimmte Vorstufen der Digitalisierung im Faust II. Im ersten Teil der „Zeitdiagnostik“ berichtet Manfred Osten über seinen eigenen Werdegang, im zweiten dreht sich alles um Goethe. Im dritten Teil schließlich werden aktuelle Herausforderungen wie die Flüchtlingskrise und Aspekte der Globalisierung thematisiert. Wer hier nicht hin klickt, ist selber schuld:

https://www.youtube.com/watch?v=dFI77UxeDCg
https://www.youtube.com/watch?v=cFp_0RZwB9k
https://www.youtube.com/watch?v=Co-A59gYUYI

www.justament.de, 24.7.2017: Je oller, je doller

Peter Schneiders Berlin-New York-Roman “Club der Unentwegten”

Thomas Claer

Jeder Stadtbezirk in Berlin hat seine typische Bewohner-Generation. So trifft man in Friedrichshain vor allem die 20 bis 30-Jährigen, in Prenzlauer Berg die 35 bis 45-Jährigen. Und in Charlottenburg am Stuttgarter Platz, wo einst die legendäre Kommune 1 mit Uschi Obermaier und Rainer Langhans ihre Orgien feierte, sitzt heute zumeist die Generation 60 plus bei einem gepflegten Weißwein in den gediegenen Restaurants und Straßencafés. Um einen ganz überwiegend männlichen lockeren Freundeskreis, der sich dort immer mal wieder in einer italienischen Kneipe begegnet, geht es in Peter Schneiders neuem Roman „Club der Unentwegten“. Dieser besagte Club also, bestehend aus älteren, meist wohlhabenden, gebildeten und beruflich erfolgreichen Herren, ist eine muntere Klatsch- und Tratsch- und Debattierrunde, die sich hauptsächlich auf das wahrheitsgemäße Einander-Berichten selbsterlebter Liebesabenteuer mit überwiegend deutlich jüngeren Damen, größtenteils außerhalb etwaig bestehender ehelicher Bindungen, konzentriert. In ihrer gemeinsamen Überzeugung, dass andere Gesprächsthemen letztlich keinen besonderen Wert besitzen, haben es sich die „Club-Mitglieder“ zur Regel gemacht, dass Ausführungen über den eigenen Gesundheitszustand keinesfalls länger als zehn Minuten andauern dürfen und das Ansprechen politische Themen sogar strikt verboten ist. Jedoch müssen einmal begonnene Liebesgeschichten immer und unbedingt haargenau und vollständig zu Ende erzählt werden.

Lange hatte der Kunsthistoriker und Privatgelehrte Roland, Hauptperson des Romans und erkennbar ein Alter Ego des Autors, in diesem Club nicht viel zu berichten, denn „das mit den Frauen“ war für ihn ja eigentlich schon seit Jahren vorbei. Doch während seiner Uni-Gastdozentur in New York hat es ihn, den alten Schwerenöter, dann doch wieder erwischt. Roland, inzwischen um die 70, hat eine Affäre mit der 30 Jahre jüngeren Leyla – „a striking beauty from Iran“, aber aufgewachsen in New York – begonnen. Wie kann das sein, fragt man sich, dass eine schöne junge Frau um die 40 auf so einen alten Knacker steht? Zunächst einmal, so erfahren wir, sieht Roland locker zehn bis 20 Jahre jünger aus, als er ist. Und dann gibt es einen gemeinsamen Bekannten, der die beiden regelrecht miteinander verkuppelt hat. (Oft genügt es ja im Leben, statt selbst besonders kontaktfreudig zu sein, einen oder mehrere „Multiplikatoren“ zu kennen, die einen dann mit aller Welt bekannt machen.) Schließlich ist Roland als Semiprominenter und gern gesehener TV-Talkshowgast für Leyla, die als Bilder-Verkäuferin in einer New Yorker Luxus-Galerie arbeitet und in einem Mikroapartment in der teuersten Gegend Manhattans lebt, offenbar eine interessante Partie. Zwar reagiert sie anfänglich schockiert, als sie sein wahres Alter erfährt, setzt aber dennoch unverdrossen ihre Liaison mit ihm fort.

Gewisse Schwierigkeiten ergeben sich aus dem sehr unterschiedlichen Kenntnisstand der beiden Liebenden hinsichtlich des Gebrauchs der modernen Kommunikationstechnologien. Immer wieder kommt es vor, dass Roland wichtige Nachrichten von Leyla auf seinem Handy verpasst oder sogar versehentlich gelöscht hat. Auch beim transkontinentalen Skypen tut Roland sich schwer, so dass Leyla ihn nicht selten vorwurfsvoll fragt, in welchem Jahrhundert er eigentlich lebe. Wirklich kompliziert wird es allerdings erst, als Leyla mit ihrem schon seit langem aufgeschobenen Kinderwunsch um die Ecke kommt. Roland, der bereits einen erwachsenen Sohn aus einer früheren Verbindung hat, kann es sich nicht so recht vorstellen, in absehbarer Zeit als womöglich gebrechlicher und vertrottelter Alter noch Erziehungsarbeit leisten zu müssen. Fortan betrachten beide ihre Beziehung als tendenziell interimistisch, kommen aber auch nicht so recht voneinander los, zumal Roland sich, was überaus detailliert beschrieben wird, als fabelhafter Liebhaber erweist …

Wie schon die früheren Bücher dieses Autors, hier sei vor allem an die ausgezeichneten Berlin-Romane „Paarungen“ und „Eduards Heimkehr“ aus den Neunzigern erinnert, liest sich auch der „Club der Unentwegten“ leicht und unterhaltsam. Ausführlich werden dem Leser die regionalen Besonderheiten der Romanschauplätze mitsamt ihren politisch-gesellschaftlichen Hintergründen erklärt. So staunt Roland, der zwischen seiner Charlottenburger Dachterrassenwohnung mit gut gefüllter „Weinbibliothek“ und seinem New Yorker Apartment im Gästehaus der NYU pendelt, immer wieder über die voll besetzten Tische auf den Berliner Trottoirs vor den Kneipen und Bars, insbesondere bei schönem Wetter. „Die meisten Gäste hatten ein Glas Wein vor sich stehen; und obwohl die Mittagszeit vorbei war, schien niemand es mit dem Zahlen und Gehen eilig zu haben. Nicht zum ersten Mal fragte Roland sich, welcher Arbeit all diese Leute nachgingen. Ein vergleichbarer Anblick an einem Werktag in New York war schwer vorstellbar. Berlin schien die Welthauptstadt der flexiblen Arbeits- und Entspannungszeit zu sein.“

Nebenbei zeichnet dieser Roman aber auch ein recht stimmiges Porträt der inzwischen in die Jahre gekommenen deutschen Achtundsechziger-Generation, zu deren Wortführern der Autor in seiner Jugend bekanntlich gehört hat. Diese so genannte Protest-Generation, das wird hier ganz deutlich, war jedenfalls wirtschaftlich gesehen eine goldene. Denn nach dem Abtreten der personell gelichteten und moralisch diskreditierten „Kriegsjahrgänge“ konnte ihr geradezu spielend der vielzitierte „Marsch durch die Institutionen“ gelingen, unbelastet von all den existentiellen Sorgen und Nöten, mit denen die darauffolgenden Generationen zu kämpfen hatten und haben. Am Ende des Buches unternimmt Roland mit Leyla noch einen traumhaften Ausflug in ein ganz zauberhaftes Hotel an der Küste Italiens. Die Toskana-Fraktion lässt grüßen!

Peter Schneider
Club der Unentwegten
Kiepenheuer & Witsch S. Fischer Verlag Köln 2017
288 Seiten, 19,00 EUR
ISBN: 978-3-462-05018-9

www.justament.de, 17.7.2017: Geniale Rumpel-Kapelle

„Der Traum vom Anderssein“, die 13. Platte der Alt-West-Berliner Underground-Combo „Mutter“

Thomas Claer

„Ein Kommentar von Sekundo auf spiegel.de. Soeben habe ich ‚Wer hat schon Lust, so zu leben‘ bei youtube über mich ergehen lassen. Ich bin studierter Musiker und entsetzt über eine derartig üble Combo, bei der nichts (in Buchstaben NIX) stimmt!! Verstimmte Gitarren, Temposchwankungen, ein “Sänger” der nicht singt, ein Trommler mit rhythmischen Fragezeichen, ein Gesamtsound, der nach Rausschmiss schreit. Dass diese Rumpel-Kapelle tatsächlich 50 Leute in ein Konzert lockt grenzt an ein Wunder. Und jeder, der diese Band lobt, outet sich als unseriös und inkompetent! Diese furchtbaren Dilettanten als “künstlerisch eigensinnig” zu bezeichnen ist bizarr bis unverschämt.“

Dieses Zitat schmückt die Homepage der Band „Mutter“. Und, hat dieser erboste strenge Musik-Experte denn nicht Recht? Doch, natürlich, aber das ist es ja gerade. „Mutter“ – das ist nicht feine, in sich stimmige Akkuratesse, sondern rohe Urgewalt. Manchmal brachial, meistens schwer und langsam, immer irgendwie bedrohlich. Oder sagen wir: fast immer. Schließlich stehen sie auch für Unberechenbarkeit: Ihr meistverkauftes Album „Hauptsache Musik“ aus den Neunzigern enthält völlig mutteruntypische Folk-Songs. Und zu „Mutters“ Geniestreichen zählt auch eine Fritz-Lang-Stummfilm-Vertonung („Der müde Tod“ von 1921). „Mutter“ schaffen Atmosphäre – und sperrige deutschsprachige Texte, die ihnen einen dauerhaften Ehrenplatz in der Welt des Diskurs-Pops eingebracht haben. (Ihr Debüt-Album trägt den vielsagenden Titel: „Ich schäme mich Gedanken zu haben, die andere Menschen in ihrer Würde verletzen“)
Tief verwurzelt in der Westberliner Gegenkultur der Achtzigerjahre – Band-Leader Max Müller gehörte sogar zur Urbesetzung der legendären „Tödlichen Doris“ um seinen Bruder Wolfgang Müller – haben sie sich ihre Eigenartigkeit über zahlreiche Alben bis heute bewahrt. Den Beweis dafür liefert einmal mehr ihre neue Platte, es ist die inzwischen 13., „Der Traum vom Anderssein“. Sie ist musikalisch recht abwechslungsreich geraten, sehr rockige und manchmal sogar schnelle Stücke („Glauben nicht wissen“) kontrastieren mit einigen überraschend sanften Darbietungen („So bist Du“). Und die Songtitel wie auch Max Müllers gleichsam aus sich herausgeschleuderte Textfetzen („Menschen werden alt und dann sterben sie“) laden ein zu immer neuen Assoziationen. Diese Band lebt ihn, den „Traum vom Anderssein“, vom Anderssein als all die glattgebügelten Mainstream-Kollegen insbesondere. Alles in allem also wieder ein erfreulich unverkennbares „Mutter“-Album. Das Urteil lautet: voll befriedigend (11 Punkte).

Mutter
Der Traum vom Anderssein
DEG 2017
€ 21,90 (Vinyl) bzw. 17,90 (CD) zzgl. Versandkosten bei Hanseplatte
http://muttermusik.de/