Author Archive: thomyc

justament.de, 12.4.2021: Frickelbrüder auf Weltreise

The Notwist mit ihrer achten Platte „Vertigo Days“

Thomas Claer

Sieben Jahre lang haben The Notwist, die Indie-Götter aus Weilheim in Oberbayern, an ihrem bislang achten regulären Album „Vertigo Days“ gearbeitet. Schon vor drei Jahren, so heißt es, sei es eigentlich fertig gewesen. Doch habe man dann doch noch hier und da ein wenig nachbessern müssen. Man kann es sich gut vorstellen, wie die Brüder Markus und Micha Acher, die nach dem Ausscheiden von Martin Gretschmann alias Console im Jahr 2014 einzigen beiden noch verbliebenen Bandmitglieder, gefühlte Ewigkeiten an ihrem Material herumgefrickelt haben. Wobei das elektronische Frickeln an den Sounds ja über die Jahre sozusagen zu ihrem Markenkern geworden ist. Was aber diesmal anders ist als auf allen Vorgänger-Alben, ist die große Zahl an mitwirkenden Gastmusikern aus beinahe allen Teilen der Welt. So haben u.a. ein japanischer Sänger, ein Klarinettist aus Chicago, ein Jazzmusiker namens Ben LarMar Gay und eine argentinische Keyboarderin Akzente gesetzt, die man der Platte auch von vorne bis hinten anhört. Man könnte sogar sagen, dass dieses bemerkenswert vielstimmige Album so etwas wie eine musikalische Weltreise geworden ist.
Dennoch wird „Vertigo Days“ getragen vom unverkennbaren Notwist-Sound und erinnert hierin vielleicht am stärksten an den unmittelbaren Vorgänger „Close to the Glass“ (2014). Doch auch die noch früheren Alben werden gelegentlich gerne zitiert, bis hin zum raffinierten Posaunen-Einsatz, der an das großartig jazzige „Shrink“ (1998) denken lässt. Positiv formuliert ließe sich also feststellen, dass es The Notwist gelungen ist, sehr unterschiedliche musikalische Einflüsse in den eigenen Klang-Kosmos zu integrieren und daraus wieder einmal ein in sich rundes und doch abwechslungsreiches Album zu basteln. Durch eine kritischere Brille betrachtet könnte man aber auch zur Einschätzung gelangen, dass den mittlerweile über 50-jährigen Notwist-Brüdern im 32. Jahr ihres Band-Bestehens so langsam die Ideen ausgehen und sie sich nur noch durch weltmusikalische externe Transfusionen und jahrelanges Damitherumfrickeln überhaupt noch künstlerisch am Leben halten können.
Nun mag jede Hörerin und jeder Hörer selbst entscheiden, welcher Sichtweise sie oder er sich anschließen möchte. Aus unserer Sicht neigt sich die Waagschale jedoch ganz klar zum positiven Gesamturteil. Und dieses lautet: gut (13 Punkte).

The Notwist
Vertigo Days
Morr Music 2021
LC 10387

justament.de, 12.4.2021: Sex, das war sein letztes Wort

Star-Philosoph Slavoj Zizek über „Sex und das verfehlte Absolute“

Thomas Claer

Was für ein großartiger Typ ist doch dieser Slavoj Zizek, inzwischen auch schon 72. Ein intellektueller Popstar aus Ljubljana, Sloweniens wichtigster Kulturexport neben der Band Laibach. Immer mit zerzausten Haaren und einer Plastiktüte als einzigem Gepäckstück ist er bis zur Corona-Krise unermüdlich um die Welt gejettet, von einem Vortrag zum anderen, von einer Vorlesung zur nächsten. Bekleidet Professuren in Ljubljana, London und New York. Ein Hegelianer, der damit kokettiert, Kommunist zu sein. Seine Wortmeldungen in diversen Medien immer geistreich, witzig und pointiert. Und dann versucht man also, auch mal ein Buch von ihm zu lesen…

Was soll ich sagen? Ich hätte es doch wissen müssen. Schon einmal, vor zwei Jahrzehnten, bin ich an einem Zizek-Buch gescheitert („Liebe deinen Nächsten? Nein, danke!“). Dabei ging es darin richtig gut los mit einer steilen These, die ursprünglich auf den französischen Psychoanalytiker Jacques Lacan (1901-1981) zurückgeht: Die Wahrheit von Kant liegt in de Sade. Klingt erstmal verrückt. Ist aber plausibel, wenn man es so sieht, dass – vereinfacht gesagt – die disziplinierte Askese gerade dazu führt, dass sich das unterschwellige Begehren niemals austoben kann, sondern sich durch seine permanente Unterdrückung nur immer und immer weiter bis ins Unermessliche steigert. Ins Politische gewendet führt dies dann zu der Paradoxie, dass es der freiheitlich-westliche Liberalismus selbst ist, der ungewollt aus sich heraus immer neue Monstrositäten gebiert. Es sei also keineswegs ein Zufall, dass auch Demokratien anfällig für barbarische Tendenzen seien, sondern entspreche nur ihrer innersten Logik. (Insbesondere aus heutiger Sicht klingen diese zwanzig Jahre alten Überlegungen bestürzend aktuell.) Bis hierhin, ungefähr auf S. 50, hatte ich es damals noch so halbwegs verstanden, aber dann war ich irgendwann raus. Immer sprunghafter und verwirrender wurden die Gedankengänge des Verfassers, immer grotesker seine Schlussfolgerungen. Ca. auf Seite 75 gab ich es auf.

Und nun, nach zwei Jahrzehnten, begegnet mir Zizek erneut in einem langen Interview in der Süddeutschen Zeitung. Was er dort erzählt, es geht um Sexualität im digitalen Zeitalter, ist witzig und provozierend, verständlich und nachvollziehbar. Meine Frau bricht bei der Lektüre mehrfach in schallendes Gelächter aus. Er sagt so etwas wie: Der Geschlechtsverkehr ist zur Masturbation am lebenden Objekt geworden. Und er erzählt die Anekdote vom Porno-Darsteller in Aktion, der plötzlich nicht mehr kann und sich erst wieder mit Hilfe seines Smartphones durch ein paar Online-Videos in Stimmung bringen muss, um seine Arbeit fortsetzen zu können. Was liegt also näher, als Zizeks aktuelles Buch zum Thema namens „Sex und das verfehlte Absolute“ zu rezensieren.
Und auch hier beginnt es vielversprechend. Dieses Werk, so heißt es in der Einleitung, sei so etwas wie die Quintessenz von Slavoj Zizeks Philosophie, eine Art „Best of Zizek“ gewissermaßen. Doch dann kommt es knüppeldick, was jetzt keineswegs als frivole Anspielung gemeint sein soll. Will wirklich irgendjemand in der Welt ein Buch mit Kapitelüberschriften wie „Theorem I: Die Parallaxe der Ontologie“ lesen? Und weiter geht es mit: „Die Realität und ihr transzendentales Supplement“. Zum Glück gibt es vorne im Buch eine Einleitung, die auf 16 Seiten seine Kernaussagen auf den Punkt bringt. „Die Sexualität ist unser privilegierter Kontakt zum Absoluten“, ist die erste. „Die Dimension des Scheiterns … ist der menschlichen Sexualität konstitutiv“, ist die zweite. Dass hingegen der weibliche Orgasmus, dieser „rauschhafteste Moment sexueller Lust“, dieser „Gipfel der menschlichen Evolution“, eine „Neufassung des ontologischen Gottesbeweises“ sein solle, wie Zizeks Freund und Kollege Peter Sloterdijk meint, sei hingegen nur „eine weitere obskurantistische New-Age-Spekulation“.

Apropos Sloterdijk: Der ist vergleichsweise, selbst in seinem letzten ziemlich abgedrehten und mit unzähligen Fremdwörtern auf jeder Seite gespickten Buch „Den Himmel zum Sprechen bringen“, das wir vor einigen Wochen an dieser Stelle besprochen haben, regelrecht ein Ausbund an Klarheit und Verständlichkeit. Verglichen jedenfalls mit diesem Wirbelwind aus Ljubljana, der von Seite zu Seite immer neue und gefährlichere gedankliche Pirouetten dreht, die den Leser schwindelig machen und ein Goethe’sches Mühlrad in seinem Kopf in Bewegung setzen. Zizeks große philosophische Vorliebe ist der deutsche Idealismus. Zuerst Kant, dann aber ganz besonders Hegel, den er allerdings auf ganz eigene Weise vom Kopf auf die Füße stellt. Zizek rührt daraus nämlich einen „neuen dialektischen Materialismus“ an, den er so nennt, weil „diese Bewegung des abstrakt Immateriellen als vollkommen kontingent, aleatorisch, anorganisch, ziellos und in diesem Sinne nicht geistig aufzufassen ist.“ Man solle sich nicht scheuen, „sogar vom Materialismus der platonischen Ideen zu sprechen“. Spätestens hier bin ich raus. Es mag ja alles seine Berechtigung haben, dass man in gewisser Weise schwarz auch als eine Art weiß bezeichnen kann und umgekehrt. Aber ich verstehe das dann leider nicht mehr.

Schon in diesem frühen Stadium meiner Lektüre wird mir also klar, dass ich die 560 Seiten dieses Buches leider nicht bewältigen können werde. Was man aber noch machen könnte: Sich wie die jugendlichen Leser im vordigitalen Zeitalter einfach die interessantesten, das heißt natürlich die erotischen Stellen herauspicken und sich nur auf diese beschränken. Das Kapitel „Theorem I: Die Parallaxe der Ontologie“ überspringe ich also. Ebenso den nächsten großen Abschnitt „Folgerung 1: Intellektuelle Anschauung und intellectus archetypus: Reflexivität bei Kant und Hegel“. Erst auf S.131 setze ich mit dem Lesen wieder ein im „Theorem II: Sex als flüchtige Berührung mit dem Absoluten“. Es beginnt mit den „Antinomien der reinen Sexuierung“. Die sind aber, wie ich bald merke, auch nicht gerade leichtverdaulich. Zumindest darf man das, was dort über Kant steht – „die Unmöglichkeit, das Ding an sich zu erfassen“, die „Sackgassen der menschlichen Sexualität“ oder die „ethische Stoßrichtung des Erhabenen“ nicht zu wörtlich verstehen…

Interessant und sogar halbwegs verständlich wird es, wenn Zizek näher ausführt, was er mit der Sexualität als „Kontakt zum Absoluten“ meint. Die Abwertung der (von der Fortpflanzung abgekoppelten) Sexualität durch die Katholische Kirche liege darin begründet, dass diese intuitiv sehr genau erfasse, „dass der Sex ihr großer Konkurrent ist, denn schließlich bildet er die erste und grundlegendste Erfahrung eines im eigentlichen Sinne meta-physischen Erlebens. Sexuelle Leidenschaft unterbricht den Fluss des täglichen Lebens: Eine andere Dimension dringt in unseren Alltag ein und sorgt dafür, dass wir unsere üblichen Interessen und Verpflichtungen vernachlässigen.“ Dabei sei doch nur der Mensch imstande, das, was in der Natur lediglich der Fortpflanzung diene, „zu einem Selbstzweck, einem Akt intensiven vergeistigten Lusterlebens“ zu machen. Im übrigen sei „der Schmerz, der Schmerz des Scheiterns, Teil des intensiven sexuellen Erlebens, und der Genuss stellt sich erst als Folge der durch den Schmerz getrübten Lust ein“.

Ausführlich äußert sich Zizek auch zur „MeToo-Bewegung“. Ob zustimmend oder kritisch, das werden wohl nur die wenigsten Leser seinen Ausführungen entnehmen können, so dass ihm vermutlich jede Art von medialem Shitstorm erspart bleiben dürfte: „Die Differenz der Geschlechter ist, kurz gesagt, ihre eigene Metadifferenz: Sie ist nicht die Differenz zwischen den beiden Geschlechtern, sondern die Differenz zwischen den beiden Modi, den beiden Funktionsweisen der Geschlechterdifferenz: Lacans Formeln der Sexuierung lassen sich auch so verstehen, dass die Geschlechterdifferenz von der Männerseite her die Differenz zwischen dem (männlichen) Universalmenschlichen und seiner (weiblichen) Ausnahme ist, während sie sich von der Frauenseite her als die Differenz zwischen dem (weiblichen) Nicht-Alles und der (männlichen) Nicht-Ausnahme darstellt.“ Gut, das lassen wir dann mal so stehen. Ob das wirklich jemand versteht?

Die anschließenden Unterkapitel „Geschlechterparallaxe und Erkenntnis“ sowie „Das geschlechtliche Subjekt“ überspringe ich dann wieder. Weiter geht es mit „Folgerung 2: Das Mäandrieren einer sexualisierten Zeit“. Das klingt doch spannend. Ist es aber dann leider nur ansatzweise: „Eine bestimmte Aktivität wird in dem Moment sexualisiert, in dem sie sich in einer verzerrten zirkulären Zeitlichkeit verfängt. Sexualisierte Zeit ist, kurz gesagt, die Zeit dessen, was Freud als Todestrieb bezeichnet: jener obszönen Unsterblichkeit eines Wiederholungszwangs, der jenseits von Leben und Tod fortbesteht.“ Der Erste, der diese Logik obszöner Unsterblichkeit formuliert habe, sei übrigens der „heimliche Kantianer“ Marquis de Sade gewesen. „Weil dieser Hindernisse und Umwege verwirft und auf direktestem Wege nach Lust strebt, entsteht eine vollkommen mechanisierte, kalte Sexualität, der all das abgeht, was wir mit Erotik verbinden.“ Immer wieder geht es auch um Lacan („Das Begehren ist das Begehren des Anderen“) und schließlich um die Digitalisierung. Doch gerade über diese ist leider nicht viel Erhellendes zu erfahren: „Die Digitalisierung dezentriert das Subjekt nicht, sie schafft dessen Dezentrierung vielmehr ab.“ Immerhin lässt sich hier noch ahnen, was damit gemeint sein könnte…

Dann wird es aber doch noch einmal interessanter, nämlich ab S. 241 im „Zusatz 2.2: Marx, Brecht und Sexualverträge“. In diesem überraschend zugänglichen und sehr lesenswerten Abschnitt wird der etwaige Vertragscharakter sexueller Beziehungen behandelt. Karl Marx wird als Kritiker aller nur scheinbar gleichberechtigten Vertragsbeziehungen ins Spiel gebracht, der auf die in ihnen immer bestehende strukturelle Ungleichheit verweist. Dies lässt sich auch gegen die berühmt-berüchtigte Definition der Ehe von Immanuel Kant aus seiner Metaphysik der Sitten anwenden, wonach diese den „wechselseitigen Gebrauch“ beinhalte, „den ein Mensch von eines anderen Geschlechtsorganen und Vermögen macht“. (Nur in der Ehe wird Kant zufolge der Partner nicht auf ein Objekt reduziert, so dass Sex außerhalb der Ehe somit ganz buchstäblich ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit darstellt: In ihm reduzieren sich beide Partner zu Objekten, die zur Lustgewinnung gebraucht werden, und sprechen sich dadurch ihre menschliche Würde ab.)

Doch nun kommt der Verfasser doch noch einmal auf MeToo zurück und kritisiert diesmal klar und deutlich bestimmte dieser Bewegung innewohnende Tendenzen („Hier waltet der Geist der Rache.“) Dabei nimmt er auch wesentliche Teile der aktuellen Debatte um Identitäts-Politik vorweg und positioniert sich eindeutig in Distanz zu deren Verfechtern (nachdem er von ihnen als „alter weißer Mann“ diffamiert worden ist).

Abermals überspringe ich sodann gut 150 Seiten und lande schließlich im Kapitel „Wahnsinn, Sex und Krieg“. Dieses beginnt mit der bemerkenswerten Feststellung, dass „der barbarische Kern im Inneren jeder Zivilisation ihr ethisches Gefüge erhält“, weshalb Zivilisationen sich nicht unmittelbar dadurch zivilisieren ließen, „dass man die friedlichen Verhältnisse, wie sie die Rechtsstaatlichkeit garantiert, auf den Bereich internationaler Beziehungen insgesamt ausdehnt (dies war Kants Idee einer Weltrepublik)“. Über die Sexualität heißt es dann, dass diese sich „in ihrer extremen Form ebenso als eine spezifische Gestalt der Verrücktheit charakterisieren lässt“. Sie bilde keineswegs die natürliche Grundlage des menschlichen Lebens, sondern sei vielmehr gerade das Gebiet, auf dem der Mensch sich von der Natur loslöse: „Sexuelle Perversionen sind im Tierreich ebenso unbekannt wie irgendwelche tödlichen Leidenschaften sexueller Art.“ Die menschliche Sexualität sei nicht mehr der instinktive Fortpflanzungstrieb, „sondern ein Trieb, der sich von seinem natürlichen (Fortpflanzungs-)Zweck abgeschnitten findet und dadurch in eine unendliche, wahrhaft metaphysische Leidenschaft ausbricht. Auf diese Weise setzt bzw. transformiert die Zivilisation oder Kultur rückwirkend ihre eigenen Voraussetzungen. Sie entnaturalisiert rückwirkend die Natur“.

An dieser Stelle breche ich meine bruchstückhafte Lektüre dieses wahrhaft herausfordernden Werkes ab. Wer mag, kann sich veranlasst fühlen, diesem Buch noch mehr Erkenntnisse abzugewinnen, als der Rezensent es vermocht hat.

Slavoj Zizek
Sex und das verfehlte Absolute
Aus dem Englischen übersetzt von Axel Walter und Frank Born
Wbg Academic 2020
560 Seiten; 50,00 Euro
ISBN: 978-3-534-27243-3

justament.de, 5.4.2021: Und wir schaffen es doch!

Recht cineastisch Berlinale Spezial (2): „Herr Bachmann und seine Klasse“ von Mara Speth

Thomas Claer

Er ist eine Mischung aus Späthippie und Sozialarbeiter, rein optisch, aber auch mit dem, was er so macht. Schlurfig angezogen, immer mit Pudelmütze, fläzt sich dieser freundliche ältere Herr hinter seinen Lehrertisch, und meistens macht er Musik mit seiner Klasse, spielt dazu Gitarre und singt selbstkomponierte Lieder. Solche Lehrer hat es früher bei uns in der DDR nie gegeben, später in Bremen habe ich sie ansatzweise erlebt und sehr gemocht. Herr Bachmann unterrichtet in der hessischen Kleinstadt Stadtallendorf Deutsch, Mathe, Englisch und Musik in einer Klasse, die fast nur aus Flüchtlings- und Migrantenkindern von überall her besteht. Natürlich ist es Schwerstarbeit, mit einem solchen Haufen fertigzuwerden. Aber so wie dieser Herr Bachmann es anstellt, wirkt es fast alles ganz mühelos. Er strahlt eine solche Herzenswärme aus, dass er von allen seinen Schülern gemocht wird. Und dabei gelingt es ihm ganz spielerisch, die Kinder immer wieder aufs Neue zu motivieren, ihr Möglichstes aus sich herauszuholen. Einen solchen Lehrer zu haben, ist so ziemlich das Beste, was jungen Menschen passieren kann. Und sie merken ja auch sehr genau, wie gut er es mit ihnen meint, und geben ihm ganz viel zurück.
Wer von sich denkt, dass er den Glauben an das Gute im Menschen verloren hat, sollte sich unbedingt diesen auf der (virtuellen) Berlinale völlig zurecht gefeierten Dokumentarfilm von Maria Speth ansehen, die den Lehrer Dieter Bachmann und seine Schüler jahrelang mit der Kamera begleitet hat. Auch wenn dieser Film 217 Minuten dauert, so hat er doch fast keine Längen, ist immer interessant, kurzweilig und nicht selten auch anrührend. Das schreibt übrigens jemand, der eigentlich gar keine Dokumentarfilme mag…

Herr Bachmann und seine Klasse
Deutschland 2021
Länge: 217 Minuten
Regie: Maria Speth
Drehbuch: Maria Speth, Reinhold Vorschneider
Darsteller als sie selbst: Dirk Bachmann, seine Klasse

justament.de, 22.3.2021: Charmant auch noch mit 60

Suzanne Vega auf einer Live-Platte mit Songs über New York

Thomas Claer

Diese Künstlerin, das muss ich zugeben, hatte ich lange Jahre aus den Augen verloren. Klar, ihr Frühwerk in den Achtzigern war schon sehr bemerkenswert. Und auch später, in den Neunzigern, hat sie noch ein paar beachtliche Platten herausgebracht. Aber dann gab es von ihr auch schwächere Veröffentlichungen…
Inzwischen ist aber eine Menge passiert: Zunächst einmal hat Suzanne Vega zwischen 2010 und 2012 in einem rebellischen Akt gegenüber ihrer früheren Plattenfirma alle ihre Songs von 1985 bis 2007 noch einmal in reduzierter, eher akustisch gehaltener Form eingespielt und herausgebracht, was ihnen sehr gut getan hat. Diese so genannte Close up-Serie besteht aus vier thematisch geordneten Alben („Love Songs“, „People & Places“, „States of Being“, „Songs of Family“), und sie sind allesamt grandios, deutlich besser als die Originale. Da merkt man erst, was pathetisch glattbügelnde Produzenten dieser Musik zuvor angetan hatten…
Und nach einigen neuen Werken in den letzten Jahren hat diese begnadete Songwriterin nun also noch ein weiteres Themen-Album mit Live-Versionen alter Songs herausgebracht: „An Evening of New York Songs and Stories“, aufgenommen noch kurz vor Corona in einem New Yorker Café. Alles auf dieser Platte dreht sich also um die amerikanische Ostküsten-Metropole, als deren lokalpatriotische und beinahe lebenslängliche Bewohnerin sich die Sängerin hier zu erkennen gibt. Doch bemerkt man beim Zuhören rasch, dass offenbar alle ihrer bekannteren Songs von New York handeln oder zumindest dort spielen: von „Marlene on the Wall“ über das bezaubernde „Luka“ bis hin zu „Tom’s Diner“, das ohne die impertinenten Computer-Beats der Hitparaden-Version ebenfalls in ganz neuem Glanz erstrahlt. So ist am Ende also auch eine Art Best of-Album herausgekommen, das Suzanne Vega zudem noch mit kleinen Geschichtchen über ihr Leben in New York anreichert.
Allerdings spielen die meisten Songs und Stories in einer anderen Zeit und damit auch in einer Stadt mit gänzlich anderem Charakter als dem heutigen New York. Man kann es sich heute kaum noch vorstellen, aber damals hat diese Stadt Künstler, Intellektuelle und junge Leute aus aller Welt ganz unabhängig vom Umfang ihres Geldbeutels angezogen. Und die konnten dann mal eben im Diner an der Ecke sitzen und das urbane Treiben beobachten oder Freundschaft mit ihren unterprivilegierten Nachbarn schließen… Vor allem aber konnte jeder, der wollte, einfach so mitmachen. So ähnlich wie heute in Berlin. Oder sollte man besser sagen: wie in Berlin bis vor zehn Jahren?
Zwei besonders gute Songs auf diesem Album haben die Stadt sogar im Namen: „New York is My Destination” und „New York is a Woman“. Wobei letzterer von der Platte „Beauty & Crime“ aus dem Jahr 2007 stammt, dem letzten und bislang einzigen Suzanne-Vega-Album, das wir in dieser Rubrik bislang besprochen haben. Übrigens besitzt „Beauty & Crime“ sogar einen eigenen Wikipedia-Eintrag und erweist sich bei nochmaligem Hören auch als wirklich gelungen. Warum hatten wir es eigentlich seinerzeit so verrissen? Welcher Idiot hat das nur geschrieben?!
Abschließend ist noch auf die einzige Cover-Version dieses Live-Albums (und vermutlich die einzige überhaupt jemals von Suzanne Vega veröffentlichte Cover-Version) hinzuweisen: „Walk on the Wild Side“ von Lou Reed, das sich hervorragend in diese Platte einfügt. Wobei man Suzanne Vega insgesamt bescheinigen kann, dass sie sich ihre unschuldig-mädchenhafte Stimme und ihren ebensolchen Charme auch noch im angehenden Seniorenalter bewahrt hat. Da verzeihen wir ihr gerne, dass sie mit einem New Yorker Rechtsanwalt verheiratet ist und bevorzugt Hosenanzüge trägt, wo doch fast allen schönen Frauen Kleider weitaus besser stehen, wie auch das Cover-Foto auf dieser Platte beweist… Das Urteil lautet: gut (13 Punkte).

Suzanne Vega
An Evening of New York Songs and Stories
Sony Music/Essential Music 2020
ASIN: B084LLFMRQ

justament.de, 8.3.2021: Frauentraum zum Frauentag

Recht cineastisch Spezial – Exklusiv von der (virtuellen) Berlinale: „Ich bin dein Mensch“ von Maria Schrader

Thomas Claer

Welche Frau träumt nicht von einem Mann, der sich nur für sie und niemanden sonst interessiert, der immer an sie denkt, ihr Kaffee kocht und perfekt die Wohnung aufräumt, der ein toller Liebhaber ist, umwerfend aussieht und darüber hinaus auch noch überragende geistige Fähigkeiten mitbringt, kurz gesagt: der vollkommen und in jeder Hinsicht ihren eigenen Wünschen und Vorstellungen entspricht? Regisseurin Maria Schrader hat diesen Traum nun zumindest filmische Wirklichkeit werden lassen. Wenige Tage vor dem diesjährigen Internationalen Frauentag, an dem diese Rezension erscheint, hatte ihr Film „Ich bin dein Mensch“ (Online-) Weltpremiere. Jedoch hat der Traummann Tom (Dan Stevens) der Berliner Wissenschaftlerin Alma (Maren Eggert), Mitte vierzig, dann doch einen winzig kleinen Fehler: Er ist nämlich genau genommen gar kein Mensch, sondern ein humanoider Roboter, allerdings einer der äußerst fortgeschrittenen Sorte. Schließlich befinden wir uns im Film bereits in der (relativ nahen) Zukunft. Dank ausgefeilter Algorithmen ist Tom exakt nach Almas Geschmack entwickelt worden und lernt außerdem auch noch ständig hinzu, während Almas Aufgabe darin besteht, nach dreiwöchigem Zusammenleben mit ihm ein Gutachten für die Ethik-Kommission über den Einsatz solcher Mensch-Maschinen zu verfassen. Man könnte die Konstellation also mit jener im Film „Her“ von Spike Jonze aus dem Jahr 2013 vergleichen, nur dass es darin um ein immaterielles Männertraumgeschöpf ging und diesmal gewissermaßen um fleischlich-real gewordene Frauenträume. Anfangs ist Alma, die in dieses Experiment nur widerstrebend eingewilligt hat, noch äußerst skeptisch, zumal sich Tom zunächst auch ziemlich affig benimmt. Doch hat sie seine intrinsischen Potentiale zur Selbstvervollkommnung unterschätzt. Sehr schnell merkt Tom, was bei Alma gut ankommt und was nicht, und so dauert es nicht lange, bis sie schließlich doch noch Feuer fängt…

Dieser Film ist witzig und tiefsinnig zugleich. Insbesondere wirft er – was keinesfalls gegen ihn spricht – viel mehr Fragen auf, als er beantworten kann. Na klar, die Gefahr ist riesengroß, dass sich die Menschen, sobald so etwas technisch möglich und verfügbar ist (und das wird es vermutlich schon bald sein, wenn auch zunächst nicht für alle), an Roboter-Freunde und -sexpartner gewöhnen, weil diese weitaus „pflegeleichter“ sind als menschliche Gefährten. Doch wird man Millionen vereinsamten Menschen dann diese für sie segensreiche Erfindung vorenthalten können? Und werden diese Roboter-Androiden im Laufe ihrer Interaktionen mit biologischen Menschen nicht womöglich doch irgendwann so etwas wie ein Bewusstsein ihrer selbst entwickeln? Da kommt was auf uns zu…

„Ich bin dein Mensch“
Deutschland 2021
Regie: Maria Schrader
Drehbuch: Jan Schomburg, Maria Schrader
Besetzung: Maren Eggert, Dan Stevens, Sandra Hüller, Annika Meier u.v.a.

justament.de, 15.2.2021: Ein Mängelwesen

Wie die DDR tatsächlich einen “neuen Menschen” geschaffen hat: den Ost-Mann

Thomas Claer

Wie oft hat man hierzulande nicht schon über den ewig abgehängten Osten lamentiert. Über die dort fehlende Zivilgesellschaft, über rechtsradikale Strukturen im ländlichen Raum, über die regionalen Häufungen von Pegida-Wutbürgern und neuerdings auch Corona-Leugnern. Doch als Wurzel aller dieser Übel wurde in vielen solchen Betrachtungen und Analysen nicht der Ostbürger an sich, sondern in erster Linie dessen männliche Variante ausgemacht. Der frustrierte Ost-Mann als Problem-Mann also.

Und in der Tat haben sich, wie einschlägige Untersuchungen belegen, in 30 Jahren deutscher Einheit ostdeutsche Frauen als weitaus integrierbarer in die gesamtdeutschen Verhältnisse erwiesen als ostdeutsche Männer. Insbesondere zeigt sich dies auf der zwischenmenschlich-partnerschaftlichen Ebene: „Die Paarung Ostfrau/Westmann ist bis heute siebenmal häufiger anzutreffen als die umgekehrte Konstellation“, konstatiert der (West-)Schriftsteller Peter Schneider in seinem Buch “An der Schönheit kann’s nicht liegen”. Klar, die DDR-Frau war, anders als viele West-Frauen, “berufstätig, ökonomisch unabhängig, selbstbewusst und scheidungsfreudig”, was sie für West-Männer ziemlich attraktiv machte. Umgekehrt konnte sich der Ost-Mann, anders als sein West-Pendant, “nicht mit Privilegien schmücken, die ihm ein Machogehabe gestatteten. Mit Geld, schnellen Autos und einem Haus auf Ibizza konnte er nicht protzen. Er war auf seine eventuellen Begabungen als Liebhaber und auf seine Qualitäten als Vater und Partner angewiesen”. Doch damit allein war und ist bei West-Frauen zumeist kein Blumentopf zu gewinnen. “Noch als Fünfzig- oder Sechzigjährige verdienen Ost-Männer nicht gut, denn ihnen fehlt die Fähigkeit, ihre Talente auf dem Markt anzupreisen. Immerhin verrichten sie mehr Hausarbeit als die Westmänner.”

Tiefe Einblicke in die mentalitätsgeschichtlichen Hintergründe dieser in Ost und West traditionell grundverschiedenen Männlichkeitsrollenbilder verdanken wir dem jüngst erschienenen fulminanten Essay “Wandmänner” von (Ost-)Schriftsteller Martin Ahrends, Jahrgang 1951 (Magazin der Süddeutschen Zeitung Nr.45/2020 v. 6.11.2020, S.34 ff.): “Und es sind ja dann im Westen andere deutsche Nachkriegsmänner herangewachsen als im Osten. Wo bei uns die Macht der Partei waltete und … massenhaft stressfreie Jobs produzierte, wurden im Westen Heerscharen von ‘richtigen Männern’ gebraucht in der Politik und vor allem der Wirtschaft, Heerscharen von Unternehmern, Verkäufern, Werbemanagern tobten sich da aus im Haifischbecken der freien Konkurrenz.” Der Osten hingegen hatte sich nach Leninscher Vorgabe nichts Geringeres als die Erschaffung eines “neuen Menschen”, der “sozialistischen Persönlichkeit”, auf die Fahne geschrieben, und ist dabei, rückblickend betrachtet, sogar recht erfolgreich gewesen, wenn auch auf andere Weise als geplant: “Im Windschatten der Mauer, in dieser historischen Windstille gedieh manches, mit dem niemand gerechnet hatte, am wenigsten die ALLES planenden Staatslenker. Wie unwichtig uns das Geld war. Der Erfolg, das Siegen, das soziale Fortkommen. Und was stattdessen wichtig werden konnte: die kollektiven Initiativen im privaten Raum, der wahrscheinlich anders privat war als der im Westen. Ein anderer sozialer Kosmos. Wir hatten ein anderes Verhältnis zum Eigentum. Wir hatten mehr Zeit. Die Geschlechter hatten ein anderes Verhältnis zueinander. Was da entstand aus der Not, hatte in manchen Zügen tatsächlich etwas von Neubeginn. Nicht die offizielle Behauptung des Neubeginns schuf ihn, sondern ein großes Ablassen von der modernen Überanstrengung. Unsere technische Zurückgebliebenheit war nicht beabsichtigt, aber doch eine andere Antwort als der westdeutsche Technikfetischismus. Den für die Industrie optimierten Menschen wollten die Genossen auch, waren nur längst nicht so erfolgreich damit. Wir durften andere Männer sein… ganz und gar harmlos, auf ihre Frauen fixiert, nicht auf den Erfolg, Männer, die sich nicht gedemütigt fühlen, wenn sie hinter dem Steuerrad eines “Pkw Trabant” Platz nehmen. Und hatte so ein Trabant nicht eine ganz andere Wahrhaftigkeit als ein Volkswagen? Der Trabi erzählte im Land der Tüftler und Techniker von männlicher Selbstbeschränkung.” Und weiter heißt es bei Martin Ahrends: “Wir lebten zur selben Zeit wie ihr Westmänner – in einer anderen Zeit, einer Halbschlafzeit, beinahe ungestört von gelegentlichen Kampagnen zur Steigerung der Arbeitsproduktivität. Unsere Ost-Zeit war nach dem damaligen Wechselkurs nur ein Achtel der West-Zeit wert. Sie durfte ungenutzt vergehen, ähnlich der Kinderzeit, die sich noch nicht in Stunden und Minuten misst, sondern nach dem, was Stimmung und Zufall einem an Erlebnissen eintragen.”

Zu den zahlreichen Paradoxien, die dieses vier Jahrzehnte währende Leben hinter Mauer und Stacheldraht auch mit sich brachte, gehörten sogar Freiheiten, die so im Westen nicht zu haben waren: “Im Osten war man frei von den Verdauungssäften des Kapitals. Frei von Existenzkämpfen und -ängsten, frei von der Angst, die Wohnung und die Arbeit zu verlieren. Frei von den wirklichen Winden des Daseins. Nicht auf Teufel komm raus produzieren, verkaufen, verbrauchen, entsorgen zu müssen: Das war eine Freiheit des Ostens. Uralte männliche Antriebe, Unternehmertum und Kampfgeist, lagen so ziemlich brach. Ein unbestelltes Feld, mit Unkraut zugewuchert, das prächtig blühen, sich ungestört vermehren konnte, selbstgenügsam, ineffizient. Ostmänner waren gelernte Bastler und Improvisateure, somnabul reisten sie im Land herum auf der Spur eines Baustoffs oder Ersatzteils. Eine Freiheit des Ostens war die Freiheit des Dilettantentums, leidlich mauern, tapezieren, autoschlossern zu können – das waren die Tugenden des Ostmannes.” Doch waren solche Tugenden dann seit den Wendejahren immer weniger gefragt. “Von den Klischees abgesehen sind Ostmänner meiner Generation oft noch als solche erkennbar. Eher ‘naturbelassen’. Nicht von Kindsbeinen so effizient eingegliedert, wie ich es bei vielen Westmännern erlebe… Auf unserer Seite verlief die Eingliederung doch grobschlächtiger und war leichter vorzutäuschen. Mit einem Lippenbekenntnis kam man davon und gehörte schon dazu. Das war im Westen so leicht nicht zu haben, das Dazugehören.” Soweit (Ost-)Schriftsteller Martin Ahrends.

Doch zeigt sein (West-)Schriftstellerkollege Peter Schneider, sich auf Beobachtungen in seinem umfangreichen Bekanntenkreis stützend, hier einen Ausweg auf: „Dennoch hat der Ostmann eine Chance: Sie betrifft die alleinstehende und von der Männerwelt enttäuschte Westfrau, die sich nach endlosem und schließlich unheilbarem Streit von dem Ernährer ihrer Kinder getrennt hat. Der Ostmann bietet sich ihr in dieser Situation als guter Kamerad an, er tröstet sie. … Es macht ihm nichts aus, die Kinder der Westfrau morgens in die Schule zu bringen oder sie im Kinderwagen stundenlang durch den Park zu schieben. Solidaritätsgewohnt schließt er diese nicht selten krass verwöhnten Kinder in seine Zuneigung ein, macht mit ihnen Hausaufgaben und erweist sich als geduldiger Spielkamerad. Vorsichtig – und nur in Abwesenheit der Mutter – versucht er ihnen ein Minimum an Erziehung zukommen zu lassen. Nach langer und bestandener Probezeit öffnet ihm seine westliche Geliebte endlich die Tür zu ihrem Schlafzimmer.“

justament.de, 1.2.2021: Wo sind sie hin?

Vor 25 Jahren erschien “Sample & Hold” von Sharon Stoned

Thomas Claer

Mitte der Neunziger. Eine vierköpfige Jungmänner-Band aus der tiefsten ostwestfälischen Provinz, deren Bandname auf einem etwas albernen Wortspiel beruht, hat eine beachtliche Debüt-Platte herausgebracht und damit einen Major-Plattenvertrag an Land gezogen. Auf ihrem zweiten Album wirken dann zahlreiche berühmte Gastmusiker mit, u.a. von Notwist und Tocotronic. Und dieses zweite Album ist so unglaublich gut, dass einem Hören und Sehen vergeht. Doch bald darauf löst die Band sich auf, und man hat nie wieder etwas von ihren Mitgliedern gehört. Heute sind Sharon Stoned, die rätselhaften Sonderlinge, schon beinahe vergessen. Und daher wird es höchste Zeit, sich wieder an sie zu erinnern.

Was also ist das Besondere an “Sample & Hold”, diesem ausgesuchten Meisterwerk des ebenso brachialen wie feinfühlig-melodischen Indie-Sounds, das vor 25 Jahren erschienen ist? Nicht nur vielschichtig und abwechslungsreich ist dieses Album, sondern zugleich auch wie aus einem Guss. Alle 13 Lieder, so unterschiedlich sie auch sein mögen, beziehen sich aufeinander. Mühelos verbinden sich trockenste Hardcore-Gitarren-Riffs mit Jazz-Elementen und elektronischen Spielereien. Alles auf dieser Platte fügt sich ganz beiläufig ineinander, von vorne bis hinten wirkt es unangestrengt und cool.

Wollte man dennoch einzelne Stücke besonders hervorheben, dann am ehesten den Opener Page sowie die Uptempo-Gitarren-Nummern “Sample & Hold” und  “Nothing I Could Change”. Doch lässt sich kaum ein Lied auf dieser Platte finden, das weniger Beachtung verdiente. Das Urteil lautet: sehr gut (16 Punkte).

Sharon Stoned
Sample and Hold
Columbia / Sony Music 1996

justament.de, 25.1.2021: Altersmilder Satans-Follower

Peter Sloterdijk über “Theopoesie”: “Den Himmel zum Sprechen bringen”

Thomas Claer

Es gibt die berühmte Fabel vom “Wolf auf dem Totenbett”, dem es am Lebensende plötzlich wichtig geworden ist, festzustellen, dass er nicht nur böse Taten, sondern gelegentlich auch gute vollbracht habe. Nun lässt sich zwar nicht gerade behaupten, dass der mittlerweile 73-jährige Peter Sloterdijk, der ewig scharfzüngige Spötter, das Enfant terrible unter Deutschlands Philosophen, auf seine alten Tage fromm geworden sei. Aber verglichen mit dem nur allzu oft provozierenden Furor früherer Jahre wirkt sein aktuelles Alterswerk dann doch erstaunlich gedämpft, beinahe schon altersmilde. Ein Opus magnum über die Religion also sollte es noch einmal sein. Doch anders als in früheren Veröffentlichungen zu diesem Thema schlägt Sloterdijk in “Den Himmel zum Sprechen bringen. Über Theopoesie” moderate, fast schon versöhnliche Töne an. Ausdrücklich würdigt er die Religionen als kulturell bedeutsame Systeme menschlicher Sinnstiftung, trotz all ihrer “Merkwürdigkeiten” und Absurditäten, ihrer Dogmatismen und mörderischen Fanatismen. Vor allem aber, und darum geht es in diesem Buch vorrangig, haben sie die Menschen zu dichterischen Glanzleistungen angespornt, denn genau solche verbergen sich – bei Lichte betrachtet – hinter sämtlichen vorgeblich heiligen Texten. Die dichterische menschliche Einbildungskraft ist es, die immer wieder scheinbar den Himmel zum Sprechen gebracht hat.

Nun wäre Sloterdijk aber nicht Sloterdijk, wenn er das unfreiwillig humoristische Potential der religiösen Schriften so einfach ungenutzt liegen lassen würde. Auch diesmal kann er es sich, zur Freude seiner Leser, selten verkneifen, die heiligen Bücher ein ums andere Mal beim Wort zu nehmen, konsequent weiterzudenken und so immer wieder auf groteske logische Ungereimtheiten zu stoßen. Doch mit nur mildem ironischen Unterton zollt er insbesondere dem Christentum Anerkennung für dessen eindrucksvolle erzählerische Umdeutung eines völligen Desasters – der seltsame Wunderheiler sang- und klanglos von der Obrigkeit hingerichtet, und dann ist auch noch sein Leichnam verschwunden – in eine einzigartige Erfolgsgeschichte von Auferstehung und Erlösung. Noch dazu wird über die Jahrhunderte die ursprüngliche Kernbotschaft in pragmatischer Anpassung an die Verhältnisse weitgehend in ihr Gegenteil verkehrt!

Weniger Freude dürfte einem Großteil seiner Leser aber die diesmal wirklich exzessive Bildungshuberei in Form unzähliger ungeläufiger Fremdwörter bereiten, die den Text wie ein roter Faden durchziehen und den Lesefluss immer wieder erheblich stören. (Man könnte hier fast von einer neuen Form der Lektüre zur linken Hand sprechen, bei der die rechte allerdings nicht in unausgesprochene Körperregionen abgleitet, sondern fortwährend hilfesuchend die Tastatur betätigt, um von Google Aufschluss über nebulöse Begrifflichkeiten zu erlangen.) Zwar waren auch Sloterdijks frühere Werke nicht gerade leichte Lektüren, doch mit zunehmendem Alter droht insbesondere seine Überdosierung an Latinismen zur Marotte zu geraten.

Wer sich jedoch durch die manchmal etwas zähen, dann aber auch wieder erfrischend kurzweiligen 352 Seiten hindurchgearbeitet hat, wird mit einer Fülle von Erkenntnissen belohnt. Wenn einem dann nur nicht die ganzen nachgeschlagenen Fremdwörter schon längst wieder in Vergessenheit geraten wären…

Peter Sloterdijk
Den Himmel zum Sprechen bringen. Über Theopoesie
Suhrkamp Verlag 2020
352 Seiten; 26 Euro
ISBN: 3518429337

justament.de, 25.1.2021: Zufällig Recht behalten?

Recht historisch Spezial: Justament-Autor Thomas Claer erinnert sich an den (zweiten) Golfkrieg vor 30 Jahren

Im Januar 1991 herrschte große Aufregung an unserer Schule. Ausgerüstet mit bunt bemalten Bettlaken, auf denen Parolen wie “Kein Blut für Öl!” oder “Stoppt den US-Imperialismus!” standen, zogen fast alle Schüler in Richtung Innenstadt, um gegen den amerikanischen Militäreinsatz in Kuwait zu demonstrieren. Der Hintergrund war: Eine internationale Koalition, angeführt von den USA und immerhin legitimiert durch eine Resolution des UN-Sicherheitsrates, hatte mit Kampfhandlungen zur Befreiung Kuwaits begonnen, das fünf Monate zuvor vom Irak widerrechtlich annektiert worden war. Fast alle an unserer Schule, einem renommierten Gymnasium in der Hansestadt Bremen, waren sich einig, dass der Kriegstreiberei des US-Präsidenten George Bush sen. unbedingt entgegenzutreten war. Und obwohl uns niemand schulfrei gegeben hatte, zogen wir also in Begleitung einiger friedensbewegter Lehrer mitten am Vormittag (so wie 28 Jahre später die Schüler zu “Fridays for Future”) zur Anti-Golfkriegs-Demo, denn im Angesicht des “drohenden Dritten Weltkriegs” – immer wieder war von einem bevorstehenden “Flächenbrand” die Rede – war an so etwas wie Schul-Unterricht natürlich nicht zu denken. Nur eine Handvoll proamerikanisch eingestellter Schüler blieb in der Schule zurück.

Damals besuchte ich die zwölfte Klasse und gehörte natürlich zu den empörten Demonstranten. Aber in mir nagten wohl auch schon erste Zweifel. Mein Mathe-Lehrer – langhaarig und mit Nickelbrille, immer in Jeans und Pullover – hatte sich zu meinem Erstaunen skeptisch über unsere Demonstrationen geäußert: “Soll das jetzt jeden Tag so weitergehen?” Ja, natürlich finde auch er es ganz schlimm, dass da jetzt Krieg geführt werde. Aber dieser Saddam Hussein, das habe er im SPIEGEL gelesen (den er meistens auf dem Lehrertisch liegen hatte, außerdem hatte er auch noch die ZEIT und die Frankfurter Rundschau abonniert), dieser Saddam Hussein, der sei schon ziemlich gefährlich, ein Anhänger eines Pan-Arabismus, so ähnlich wie der Pan-Germanismus von Hitler… Und vor dem hätten uns die Amerikaner ja schließlich auch mal gerettet… Mich erstaunte aber auch, wie schnell hierzulande immer gleich Tausende gegen Militäreinsätze der USA demonstrierten, während gut ein Jahr zuvor gegen das Massaker der chinesischen Regierung auf dem “Platz des himmlischen Friedens” – das war seinerzeit die erste Demonstration in Bremen, an der ich teilgenommen hatte – gerade einmal 30 Leute zusammengekommen waren.

Nach einigen Tagen war dann allerdings aus unseren Protesten schon wieder etwas die Luft raus. Vom Rektor der Schule kam die Anweisung, dass nun aber wieder regulärer Unterricht stattfinden müsse, das habe auch der Bildungssenator so angeordnet. Und der Krieg am Golf dauerte auch nur noch wenige Wochen und endete mit dem vollständigen Rückzug der irakischen Armee aus Kuwait. (Erst zwölf Jahre später sollte im nächsten Golfkrieg der amerikanische Präsident George W. Bush – diesmal ohne UN-Mandat – den irakischen Diktator Saddam Hussein kurzerhand stürzen, ohne einen wirklichen Plan für das Danach zu haben…)

Doch noch in der aufgeheizten Phase während des Golfkriegs bekam unsere Schule Besuch von einem berühmten Intellektuellen. Der deutsch-französische Politologe Alfred Grosser hielt bei uns einen Vortrag – durch Vermittlung, wie es hieß, des stellvertretenden Rektors der Schule, der bekanntermaßen ein CDU-Mann war. Damals konnte man noch nicht einfach jemanden mal eben googeln. Daher steckte ich den armen Alfred Grosser gedanklich sogleich in die für mich unliebsame Schublade “konservativ”, zumal er in seinem Vortrag auch gleich entsprechend loslegte: Dass er mit erheblicher Verspätung erschienen sei, das liege an diesen sogenannten Friedens-Demonstrationen, die mal wieder den ganzen Verkehr lahmgelegt hätten. Dabei sei der Name “Friedensbewegung” doch ziemlich anmaßend, denn er suggeriere schließlich, dass alle anderen nicht für den Frieden wären, was aber überhaupt nicht der Fall sei. Und zur innenpolitischen Kontroverse anlässlich des Golfkriegs, den er ausdrücklich unterstützte, meinte er: Deutschland hätte sich auch an dieser internationalen Militäraktion mit UN-Mandat beteiligen müssen. Das wiedervereinigte Deutschland müsse lernen, auch selbst Verantwortung in der Welt zu übernehmen. Es müsse sich verabschieden vom Traum, eine Art Schweiz sein zu wollen und sich immer aus allem rauszuhalten. Dafür sei das Land zu groß und zu bedeutsam. Er habe gerade lange darüber mit seinen Freunden bei den hessischen Grünen diskutiert. (An dieser Stelle fragte ich mich irritiert, wie jemand mit solchen Ansichten Freunde bei den Grünen haben konnte. Ich hielt diesen Hinweis daher für wenig glaubhaft und vermutete einen Trick, um sich bei uns, den linksalternativen Bremer Schülern, irgendwie “einzuschleimen”.) Mehrere Wortmeldungen von Schülern und Lehrern führten daraufhin die Argumente der Friedensbewegung ins Feld, doch Prof. Grosser hielt argumentativ gekonnt dagegen, indem er sich auf die westliche Wertegemeinschaft berief und darauf, dass Deutschland sich, gerade aufgrund seiner Vergangenheit, nie wieder international isolieren dürfe. Es war wirklich schwer, noch etwas dagegen vorzubringen, was mich auch irgendwie wütend machte. Darüber hinaus bemerkte Alfred Grosser, dass er den letzten Bundestagswahlkampf vor der Wiedervereinigung “sehr traurig” gefunden habe, denn die konservative Bundesregierung habe den Eindruck erweckt, die deutsche Einheit sei ohne große Anstrengung zu erringen und die Opposition habe immer nur vorgerechnet, wie viel alles kosten würde. Kein deutscher Politiker habe den Menschen gesagt, dass zwar große Herausforderungen auf sie zukämen, aber mit großer gemeinsamer Kraftanstrengung alle Schwierigkeiten zu überwinden seien… Dabei entging mir nicht, dass Prof. Grosser in seinen Ausführungen die SPD als “Sozialisten” bezeichnet hatte. Ha, dachte ich, so will er sie diskreditieren, indem er sie in die linksradikale Ecke stellt. Keinen Moment dachte ich daran, dass in Frankreich, wo Alfred Grosser als Hochschullehrer tätig war, die Sozialdemokraten schlicht unter der Bezeichnung “Sozialisten” firmieren…

Bald darauf wurde ich von der Redaktion der Schülerzeitung gefragt, ob ich nicht einen Artikel über den Vortrag von Prof. Grosser an unserer Schule schreiben könnte. Natürlich ließ ich mich nicht lange bitten, denn dies war gewissermaßen meine erste journalistische Arbeit, auf die ich rückblickend aber keineswegs stolz bin. Denn ich ging in diesem Text, der die Überschrift “Macht der Sprache” trug, hart mit Alfred Grosser ins Gericht und kritisierte ihn dafür, dass er mit “rhetorischen Taschenspielertricks” am Ende scheinbar immer Recht behielt, ohne wirklich auf das berechtigte Ansinnen der Friedensbewegung einzugehen. Es dauerte aber nicht lange, ich glaube es war schon nach wenigen Monaten, da bereute ich zutiefst, was ich da geschrieben hatte. Denn mittlerweile war ich ein regelrechter Fan von Alfred Grosser geworden, den ich endlich als unabhängige liberale Stimme näher kennen- und schätzen gelernt hatte. Auf dem Flohmarkt an der Bremer Bürgerweide hatte ich zum Preis von 50 Pfennigen ein schon ziemlich zerknicktes und ramponiertes Exemplar seines Buches “Versuchte Beeinflussung. Reden und Aufsätze” aus den frühen Achtzigern erstanden und mit wachsender Begeisterung gelesen. Auch verfolgte ich nun regelmäßig die Fernseh-Gesprächsrunde “Baden-Badener Disput”, ausgestrahlt zu später Stunde auf 3Sat, in der Alfred Grosser ein ebenso ständiger Gast war wie der Philosoph Peter Sloterdijk, dessen “Kritik der zynischen Vernunft” ich auch schon eifrig studiert hatte…

Und so kann ich mich nun, nach dreißig Jahren, endlich bei Alfred Grosser, der gottlob noch lebt, aber mittlerweile auch schon 95 Jahre alt ist, für meinen damaligen unqualifizierten Text in der Schülerzeitung öffentlich entschuldigen. Es ist nur so. Bis vor wenigen Jahren war ich mir noch ganz sicher, dass ich damals mit meiner Kritik Unrecht und Alfred Grosser vollkommen Recht hatte. Eine begrenzte Militäraktion mit UN-Mandat gegen einen Aggressor, das ist doch völlig in Ordnung, das dient der Wiederherstellung des internationalen Rechts. Die Friedensbewegung war auf dem völlig falschen Dampfer. So dachte ich, wie gesagt, bis vor kurzem. Aber nun, nach mehreren Jahren Flüchtlingskrise, bin ich mir da gar nicht mehr so sicher. Wäre es nicht vielleicht doch das geringere Übel gewesen, wenn sich der Westen dort einfach herausgehalten hätte? Denn solche Diktatoren, so schlimm sie auch sein mögen, sorgen immerhin für eine gewisse Stabilität… Wenn man sich das ganze Elend in dieser Region, die sich immerhin ziemlich in unserer Nachbarschaft befindet, insbesondere seit den vom Westen beförderten Regimewechseln so ansieht, die ganzen Flüchtlingsströme und den Terrorismus bis vor unseren Haustüren… So gesehen hatte ich also mit meinen damaligen Einwänden in der Schülerzeitung vielleicht gar nicht mal so unrecht…

justament.de, 4.1.2021: Nostalgie ist ihre Strategie

Scheiben Spezial: Element Of Crime machen einen 17-teiligen Podcast über jede ihrer Platten

Thomas Claer

Das wirklich wahre Leben ist, wie jeder Proustianer weiß, das Schwelgen in den eigenen Erinnerungen. Das dachten sich offenbar auch unsere Lieblings-Helden von Element Of Crime und haben für sich selbst und alle ihre Fans gesprächsweise noch einmal die guten alten Zeiten wieder aufleben lassen. 17 Teile – für jede Platte einen – umfasst ihre neue und zugleich erste Podcast-Serie. Es funktioniert ganz einfach: Man muss nur auf den folgenden Link klicken:

und landet dann, ohne sich noch umständlich irgendwo anmelden zu müssen, direkt in diesen bedeutsamen Männer-Gesprächen. Tatsächlich sind es einfach nur Worte, nichts als Worte, die Sven Regener, Jakob Ilja und Richard Pappik hier zum Besten geben. Doch wie könnte es anders sein: Schon nach den ersten beiden Folgen fühlt man sich als alter EOC-Fan reichlich beschenkt. Die 39 Minuten über ihr Debüt “Basically Sad” (1986) und mehr noch die 1 Stunde und 22 Minuten über den Nachfolger “Try To Be Mensch” vergehen wie im Fluge. Die Entstehungsgeschichte beinahe jedes einzelnen Songs und wie sich die Band überhaupt zusammengefunden (und zwischenzeitlich auch immer wieder zerstritten) hat, die prekäre wirtschaftliche Lage der Musiker in den ersten Jahren… Will man das alles wirklich so genau wissen? Die klare und erschöpfende Antwort darauf lautet: ja! Und was dann selbstredend auch noch dazukommt: Vor dem inneren Auge des Hörers werden dabei auch jene entrückten Momente wieder lebendig, als man diese Musik seinerzeit selbst zum ersten Mal und später dann immer wieder gehört hat… Das Urteil lautet: Spitze!