Author Archive: thomyc

justament.de, 17.2.2020: Feindliche Übernahme

Recht cineastisch Spezial: Vier Oscars für „Parasite“ von Bong Joon-ho

Thomas Claer

„Kannst du nicht allen gefallen durch deine That und dein Kunstwerk, mach es wenigen recht“, riet Friedrich Schiller (1759-1802) und fügte hinzu: „Vielen gefallen ist schlimm.“ So war es früher, und so ist es erst recht auch noch heute: auf der einen Seite – in den Biotopen der Hoch- und Nischenkultur – die ausgefeilte Kunst für die wenigen Kenner und Connaisseure, auf der anderen die eher belanglosen Produkte der Massenkultur. Aber manchmal, vielleicht sogar öfter, als man denkt, überschneiden sich beide Sphären dann doch, und (beinahe) allen gefällt es.

Kann man nun also mit gutem Gewissen einen Film gut finden, der gleich vier Oscars gewonnen hat? Man kann, zumal wenn er als erste nicht-englischsprachige Produktion überhaupt in der Königskategorie “Bester Film” ausgezeichnet worden ist. Dem südkoreanischen Regisseur Bon Joon-ho, immerhin ein gelernter Autorenfilmer, ist mit „Parasite“ das Kunststück gelungen, unterhaltsames filmisches Erzählen mit kunstvollen Bildfolgen und schärfster Gesellschaftskritik zu verbinden – und damit den Geschmack nicht nur der Koreaner, sondern auch den der restlichen Welt zu treffen. Der Plot hat es wirklich in sich: Mit allerlei Tricks schleichen sich die Mitglieder einer armen Familie nach und nach ins Leben einer reichen Familie ein – eine Art feindliche Übernahme auf leisen Sohlen. Und so kommt man als Zuschauer schließlich ins Grübeln: Wer sind denn nun eigentlich die Parasiten? So spezifisch koreanisch vieles in diesem Film auch sein mag, die Grundfragen, die hier ganz beiläufig verhandelt werden, sind universell, und werden auch überall so verstanden. Und nebenbei zeigt dieser Film auch noch aller Welt, was gutes Kino ausmacht…

 

Parasite (Gisaengchung)
Südkorea 2019
Regie: Bong Joon-ho
Drehbuch: Bong Joon-ho, Han Jin-won
Darsteller: Song Kang-ho (Kim Ki-taek), Lee Sun-kyun (Park Dong-it), Jo Yeo-jeong (Yeon-kyo), Jang Hye-jin (Chung-sook) u.v.a.

justament.de, 27.1.2020: Verwirrt, träge und verliebt

Element of Crime live im Tempodrom

Thomas Claer

Die erst zweite Live-LP von Element of Crime in 35 Jahren Bandgeschichte ist im letzten Herbst erschienen. Nun endlich haben wir sie vollständig durchgehört und können sie ohne Bedenken mit dem Signum „empfehlenswert“ versehen. Nicht weniger als 25 Songs finden sich auf den zwei CDs respektive drei Vinylscheiben, und doch wird man als beständiger Fan dieser Band so manches Lied vermissen. Aber auch umgekehrt lässt sich sagen: Hätten sie 25 andere Stücke ausgewählt, so wäre vermutlich ein ähnlich gutes Album herausgekommen.

Ein Werk auf beinahe durchgängig höchstem Niveau haben EoC über die Jahre geschaffen, dabei ihren ganz eigenen, unverwechselbaren Stil entwickelt und diesen allmählich noch perfektioniert. Während andere Musiker in der Qualität und Originalität ihres Songwritings mit der Zeit naturgemäß nachlassen, sind die Elements, man traut es sich kaum zu sagen, vor allem in den letzten Jahren sogar immer besser geworden. So geht es auch vollkommen in Ordnung, dass gleich elf der 25 Tracks dieses Live-Albums von ihrer aktuellen (Studio-) Platte „Schafe, Monster und Mäuse“ stammen.

Dennoch lauscht man besonders gespannt ihren älteren Titeln, vor allem jenen, die sie schon seit mehr als 20 Jahren nicht mehr gespielt haben. Und natürlich, auch Lieder unterliegen einer Art Alterung, selbst die Unsterblichen unter ihnen. Was für ein abgründiger Song ist doch „Wer ich wirklich bin“ aus dem Jahr 1996! Einst der Feder eines 34-Jährigen entflossen berührt er nun aus dem Munde eines 58-Jährigen auf ganz neue Weise. Oder „Schwere See“ von 1993, ursprünglich ein Ausbund an jugendlicher Romantik, beschwört hier umfassend den Sog der maritimen Elemente und die magischen Momente nautischer Zweisamkeit. Und ganz besonders, immer wieder, entzückt „Weißes Papier“: „Nicht mal das Meer darf ich wiedersehn / Wo der Wind deine Haare vermisst. / Wo jede Welle ein Seufzer / Und jedes Sandkorn ein Blick von dir ist.“ Hat schon irgendwann jemand eindringlicher Vergleichbares ausgedrückt?

Am Ende dieses gelungenen Live-Spektakels stellt sich beim Zuhörer ein Gefühl der Beglückung ein. Da sitzt man dann also fest wie in einem ihrer berühmtesten Songs: „verwirrt, träge und verliebt“ – genau in dieser Reihenfolge! Das Urteil lautet: gut (14 Punkte).

Element of Crime
Live im Tempodrom (Doppel—CD/ 3 LP)
Vertigo Berlin (Universal Music) 2019
ASIN: B07X3QFY7B

Jahresende 2019: Ahnenforschung Claer, Teil 11

Leider bin ich auch im zurückliegenden Jahr nicht viel zum „Ahnenforschen“ gekommen. Irgendwie war ich wohl immer abgelenkt… Doch nehme ich den nun nicht mehr zu ändernden Mangel an recherchiertem Material zum Anlass, diesen „Forschungsbericht“ viel mehr als die bisherigen auf jene „Ahnen“ zu konzentrieren, an die es noch sehr lebendige Erinnerungen gibt oder noch bis vor wenigen Jahren gegeben hat. Diesmal dreht sich also alles um meinen Großvater Gerhard Claer (1905-1974), meinen Vater Joachim Claer (1933-2016) und meinen Großonkel zweiten Grades Erich Claer (1901-1950). Und diese drei Claers haben schließlich noch eine Menge Interessantes und Verwertbares hinterlassen, was nun zu seinem Recht kommen soll. Am Ende steht dann – vielleicht besonders spannend – ein optischer Vergleich im Hinblick auf äußerliche Ähnlichkeiten zwischen drei doch eigentlich recht weit voneinander entfernten Familienzweigen… Auch diesmal danke ich herzlich meiner 79-jährigen Tante dritten Grades Lorelies Claer-Fischer für ihre Unterstützung beim Entziffern der alten Schriften.

1. Mein Großvater Gerhard Claer (1905-1974)
Meinen Großvater Gerhard habe ich leider nicht mehr bewusst kennenlernen können. Zwar hatten er und meine Stief-Oma (meine leibliche Oma war bereits 1960 an Krebs verstorben) uns einmal 1974 vom Rheinland aus, wo sie seit 1956 nach ihrer Flucht aus der DDR wohnten, in Wismar besucht, als ich drei Jahre alt war, aber daran kann ich mich bedauerlicherweise nicht mehr erinnern. Es hieß immer, mein Opa sei ein ausgesprochener Spaßvogel gewesen, sogar noch weitaus mehr als mein Vater (das meinte zumindest eine seiner Cousinen). Überliefert ist insbesondere der Spruch meines Großvaters bei den Mahlzeiten, man dürfe „niemals mehr essen, als mit aller Gewalt reingeht“. Nach dem Tod meiner Eltern und meines Onkels 2016 (und teilweise auch schon vorher) habe ich eine Menge an Unterlagen und Dokumenten über das Leben meines Großvaters erhalten. Aus diesem Fundus kann ich nun schöpfen.

a) Handgeschriebener Lebenslauf

Einen ersten Überblick über sein Leben kann sein handgeschriebener Lebenslauf aus dem Jahr 1958, zwei Jahre nach der abenteuerlichen Flucht meiner Großeltern in den Westen, geben:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

b) Mein Opa als Sportskanone
Über sein ganzes Leben soll mein Großvater dem Sport sehr zugetan gewesen sein. Er war Fußballspieler in der ersten Männermannschaft des Männerturnvereins (MTV; eine solche Ausgrenzung von Frauen schon im Namen wäre heute sicherlich nicht mehr möglich!) Neidenburg. Später, nach der Flucht aus Ostpreußen in die Sowjetzone/DDR soll er, so berichtete es mir mein Vater, auch in Brüel/Mecklenburg regelmäßig Spiele der örtlichen unterklassigen Fußballmannschaft als Zuschauer besucht haben. Zumindest ein wenig scheint mir doch die Sportlichkeit in unserer Familie zu liegen, denn der erste erlernte Beruf meines Vaters Joachim war Sportlehrer, und sein Cousin zweiten Grades, Hans-Henning „Moppel“ Claer, mein Onkel dritten Grades, war sogar Berliner Polizeimeister im Boxen und als solcher überregional sehr populär. (Nur ich selbst habe leider nicht allzu viel davon mitbekommen, aber ich bemühe mich zumindest, meinen Mangel an Talent durch ausdauernden Trainingsfleiß beim Frühsport zu kompensieren.) Hier nun also ein frühes, fast hundert Jahre altes Zeugnis der Sportlichkeit meines Großvaters Gerhard, seine Leistungsnachweise zum Erwerb des „Deutschen Turn- und Sportabzeichens“ in Bronze aus den Jahren 1925/26:

Gerhard Claer (1905-1974) im Alter von ca. zwanzig Jahren

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Eintragungen in Sütterlinschrift lauten wie folgt:
– Zu Gruppe 1:
„…300 m in stehendem Wasser in 7 Minuten 39 Sek. Zurücklegte“

(In stehendem Wasser soll wohl bedeuten: im See und nicht im Fluss.)

– Zu Gruppe 2:
„…4,84 m weit sprang“

– Zu Gruppe 3 :
„…100 m in 13,2 Sekunden überwältigte“

– Zu Gruppe 4:
„…im Steinstoßen, 3,60 links und rechts 4,57 m, zusammen 8,17 m erreichte“

Zu dieser eher unbekannten Sportart heißt es bei Wikipedia: „Das Steinstoßen ist eine Sportart, die zum Rasenkraftsport gehört. … Steinstoßen kann im Bereich Kraft als Disziplin für das Deutsche Sportabzeichen gewählt werden. Dabei wird im Gegensatz zur sonst üblichen Wertung die beste Weite von jeweils drei Stößen mit dem rechten und linken Arm zu einer Gesamtweite addiert.

– Zu Gruppe 5:
„… 10 000 m in 46  Minuten 35,2 Sekunden zurücklegte“

 

b) Soldat im Weltkrieg
Mein Großvater war, wie mir oft berichtet wurde, auch künstlerisch sehr begabt, konnte gut zeichnen, vor allem Karikaturen (was zwar mein Vater noch von ihm geerbt hat, ich dann aber leider gar nicht mehr), war musikalisch und konnte natürlich – wie alle Claers – besonders gut schreiben. Und dann hatte er – wovon ich offensichtlich etwas mitbekommen habe – auch einen besonderen Sinn für Ordnung, Genauigkeit, Dokumentation und Statistik. Während seiner Teilnahme am Zweiten Weltkrieg hat er penibel auf einem kleinen Stück Papier alle seine Aufenthaltsorte mit dem jeweiligen Datum vermerkt:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Am Ende stand seine Entlassung aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft, dokumentiert in diesem Entlassungsschein:

 

 

 

 

 

 

 

Es wurde mir berichtet, er sei extrem abgemagert aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt und sei dann nach und nach vor allem mit Haferflocken wieder aufgepäppelt worden.

 

 

 

 

 

Dementsprechend heißt es in einer ärztlichen Bescheinigung aus dieser Zeit (siehe Abbildung):

„Brüel, den 2.11.46
Ärztliche Bescheinigung
G. Claer, Breite Str. 10 ist aus der Gefangenschaft zurückgekehrt und befindet sich in einem sehr schlechten Ernährungszustand.
Er leidet außerdem an Dystrophie in hohem Grade sowie Herzmuskelschwäche und bedarf einer Ernährungszulage, wenn möglich.
gez. Dr. Butnuth, Arzt

Brüel, den 16.10.46
Ärztliche Bescheinigung

Der Gerhard Claer, Breite Str.10 ist aus russ. Gefangenschaft zurückgekehrt und leidet an Dystrophie und Herzmuskelschwäche.
Er ist  nicht arbeitseinsatzfähig.
gez. wie oben

Brüel, den 4.12.46

Der Gerhard Claer aus Brüel, Breite Str.10 ist Heimkehrer und ist 41 Jahre alt. Er leidet an Dystrophie u. Herzmuskelschwäche und ist bis auf weiteres erwerbsbeschränkt 80%.
gez. Dr. Butnuth
Bezirksarzt“

Aber was verbirgt sich hinter dem Krankheitsbild Dystrophie? Wikipedia erklärt hierzu: „Unter einer Dystrophie – von altgr. dys „schlecht“ (hier „Fehl-“) und trophein („ernähren“, „wachsen“; „Fehlernährung“, „Fehlwachstum“) – werden in der Medizin degenerative Besonderheiten verstanden, bei denen es durch Entwicklungsstörungen einzelner Gewebe, Zellen, Körperteile, Organe oder auch des gesamten Organismus zu entsprechenden Degenerationen (Fehlwüchsen) kommt.
Ursächlich können Dystrophien vielfältig begründet sein, z. B. durch genetische beziehungsweise chromosomale Abweichungen, Erkrankungen, Traumata oder durch einen Mangel an Nährstoffen, häufig aufgrund von Mangel- oder Fehlernährung. … Medizingeschichtlich bedeutsam wurde die Diagnose „Dystrophie“ bei der Deutung der Belastungen der Kriegsheimkehrer, insbesondere von denen aus längerer Gefangenschaft. Internisten und Psychiater machten die Folgen des Hungers und der Fehlernährung für die schleppende Regeneration der Heimkehrer verantwortlich. Dystrophie wird in den Lagerjournalen der Speziallager des NKWD in der sowjetischen Besatzungszone zwischen 1945 und 1950 als die wesentliche Todesursache für die über 42.000 Todesopfer aufgeführt.[2] Kurt Gauger verfasste 1952 ein Buch mit dem Titel Die Dystrophie als psychosomatisches Krankheitsbild und schien damit eine Formel zum Verständnis der sozialen Anpassungsschwierigkeiten erkrankter Personen, in seinem Fall speziell von Kriegsheimkehrern, gefunden zu haben.

Die Journalistin Sabine Bode stellte in ihrem Bestseller Die vergessene Generation – Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen die These auf, dass die „Zahl der Patienten, die unter den Folgen von Krieg und Gefangenschaft litten, so groß“ war, „dass sie die Proportionen dessen sprengte, was man guten Gewissens als ‚anlagebedingt‘ in den Krankenakten festhalten konnte.“ Zudem dürfe „man davon ausgehen, dass sich bei den Ärzten eine gewisse Hemmung zeigte, allzu viele Leidensgenossen als ‚labile Charaktere‘ abzustempeln.“ Zur „Lösung des Problems“ hätten sich die „sichtlich überforderten deutschen Nachkriegspsychiater“ das Krankheitsbild „Dystrophie“ einfallen lassen. Und Bode fährt fort:
„Der Begriff umschrieb ein ganzes Feld an physischen Schädigungen und psychischen Beeinträchtigungen, die man auf eine vorangegangene schwere Mangelernährung zurückführte. Heute ist leicht zu erkennen, dass es sich dabei um eine aus der Not geborene Erfindung handelte. Dystrophie-Patienten litten unter anderem an Depressionen, Konzentrationsschwäche, an unkontrollierbaren Wutausbrüchen, oder sie fühlten sich permanent verfolgt, von Feinden umzingelt. Man könnte auch sagen: Für viele Männer ging nach der Heimkehr der Krieg immer weiter …“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Dystrophie)

Über die zweifache Fluchtgeschichte meiner Großeltern – zuerst aus Ostpreußen und dann aus Mecklenburg – habe ich jedoch, wie ich jetzt sehe, so viel umfangreiches Material, dass ich darüber erst im nächsten Forschungsbericht Auskunft geben kann, zumal die zweite Fluchtgeschichte offenbar auch noch mit einer sich anbahnenden Liebesgeschichte verknüpft zu sein scheint: Meine spätere Stief-Oma war die Arbeitskollegin meines Großvaters in Brüel/Mecklenburg…

 

2. Mein Vater Joachim Claer (1933-2016)
Mein Vater Joachim wurde, wozu sein vielfach variierbarer Vorname natürlich einlud, von seinen zahlreichen Freunden und Bekannten auf mindestens siebenfach unterschiedliche Weise gerufen: Meine Mutter und sein Bruder nannten ihn Achim, seine Eltern Joa, manche Freunde Jochen oder auch Jöchi, andere Jo oder auch Joe. Nur ganz wenige sagten Joachim zu ihm. Er besaß einen milden Charakter und ein freundliches und fröhliches Wesen, war gesellig und überall beliebt. Wie schon sein Vater, mein Großvater Gerhard, hatte er eine ausgeprägte künstlerische Ader, die er aber beruflich – er war zunächst Sportlehrer und später Facharzt für Orthopädie – nicht ausleben konnte. Dies tat er dafür auf verschiedene Weise im privaten Rahmen. Hier einige Kostproben:

a) Die Reise nach Karl-Marx-Stadt. Ein gereimter Foto-Bericht (1970)
Zum 60. Geburtstag meines Großvaters mütterlicherseits, Erich Nützmann, bastelte mein Vater, und hier war er ganz in seinem Element, ein kleines Foto-Album, in welchem alle Bilder mit gereimten Sprüchen versehen waren. Inhaltlich ging es um eine Reise im Trabant meiner Eltern von ihrem Wohnort Wismar aus über die mecklenburgische Kleinstadt Gnoien, den Wohnsitz meiner Großeltern und die Heimatstadt meiner Mutter Ilse, bis nach Karl-Marx-Stadt, das heutige Chemnitz, wo die Schwester meines Vaters, meine Tante Renate, und ihre Familie zu Hause waren. Das Besondere war, dass meine Großeltern aus Gnoien von meinen Eltern mit nach Sachsen genommen wurden und alle gemeinsam dort allerhand Sehenswürdigkeiten besichtigten. Das alles geschah anderthalb Jahre vor meiner Geburt im Dezember 1971. Aus heutiger Sicht mag ein eigenes Fotoalbum nur für eine kleine Inlands-Reise vielleicht überdimensioniert anmuten. Aber für meine Großeltern war es, soweit mir bekannt ist, wohl beinahe das einzige Mal, dass sie sich so weit von ihrer Heimatregion entfernten, abgesehen von der Kriegsteilnahme meines Großvaters, die ihn u.a. bis nach Südfrankreich – wo er es am schönsten fand – und in sowjetische Kriegsgefangenschaft in der Ukraine führte…

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der unter Bild 8 beim Scannen halb abgeschnittene Spruch lautet vollständig: “Ilse hat schon keine Ruhe / Denn im Fenster stehen … Schuhe!” Das Bekleidungsangebot in den Geschäften der Innenstadt von Karl-Marx-Stadt war im Jahr 1970 (noch vor Honeckers Machtübernahme) offenbar gar nicht so schlecht, in jedem Falle aber besser als in einer kleinen Stadt wie Wismar, wie die enthusiastische Reaktion meiner Mutter darauf beweist…

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

b) Kasperle-Theater in Wismar
Offenbar erstmals zu meinem dritten Geburtstag Ende 1974 führte mein Vater, der eigens dafür eine kleine Theaterbühne gebastelt hatte – er war auch handwerklich geschickt – für mich und meine Geburtstagsgäste ein selbstgetextetes Kasper-Theaterstück auf. Er spielte und sprach alle Figuren mit unterschiedlichen Stimmen und sorgte auch selbst für musikalische Untermalung. Das Stück war so konzipiert, dass es für alle uns damals verfügbaren Handpuppen eine Rolle gab: für Kasper, Großmutter, Krokodil, Teufel, Pittiplatsch (Figur aus dem DDR-Kinderfernsehen) und ein dunkelhäutiges Püppchen namens Eva. Die Schlange muss mein Vater irgendwie selbst gebastelt haben. Natürlich ist „Kasper fährt nach Afrika“ nur vor dem Hintergrund der damals stark eingeschränkten Reisefreiheit in der DDR zu verstehen…

Und hier ist das Manuskript des Stückes in der Schreibmaschinen-Version: (Eine handgeschriebene Version ist ebenfalls noch erhalten.)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Wirkung auf die kindlichen Zuschauer illustriert dieses Bild aus unserem Foto-Album:

Im Jahr darauf zu meinem vierten Geburtstag hat mein Vater noch ein weiteres Stück aufgeführt: „Kasper im wilden Westen“. Er hatte hierzu aus Kaspers gelber Zipfelmütze mit etwas bemalter Pappe einen Cowboy-Hut gebastelt. Auch dieses Manuskript sollte noch vorhanden sein. Ich werde es im nächsten Jahr posten, wenn ich es bis dahin gefunden habe.

Darüber hinaus war mein Vater auch ein großartiger Briefeschreiber. Aber dieses Fass werde ich jetzt nicht auch noch aufmachen, zumindest noch nicht…

 

 

 

 

3. Die Kondolenzbriefe für meinen Großonkel zweiten Grades Erich Claer (1901-1950)

Mein Großonkel zweiten Grades Erich Claer, der Cousin meines Großvaters Gerhard Claer, zählte zweifellos zu den in vieler Hinsicht ambitioniertesten Mitgliedern unserer Familie. Umso tragischer war sein früher Tod – siehe meine früheren Forschungsberichte – im Alter von erst 49 Jahren, nur drei Jahre nach seiner Rückkehr aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft nach Berlin. Seine Tochter, meine Tante dritten Grades Lorelies Claer-Fischer, stellte mir dankenswerterweise die nach seinem Tod bei ihrer Mutter eingegangenen Kondolenzbriefe zur Verfügung, welche zeigen, dass der Verstorbene auch Spuren im Finanz- und Wirtschaftsleben der damaligen Zeit hinterlassen hat.

Insgesamt bewertet Tante Lorelies diese Briefe als „ historisch sehr interessant: fünf Jahre nach dem Krieg, eine junge Witwe mit vier Kindern, die Not schreit aus allen Löchern und es war immer noch ein Suchen und Finden von Freunden und Familien … die Sorgen der Nachkriegszeit – Arbeit, Wohnung, Trennung, Suche nach Familie und Freunden…
Besonders fällt mir auf, wie emotional die Menschen noch miteinander umgingen und wieviel Mühe in so einem handgeschriebenen Brief liegt. … Ja und dann sind die Flüchtlinge wirklich überall in Deutschland gelandet, kein Wunder, dass so viele Freundschaften auseinander brachen, wenn nicht mal Geld für eine Busfahrkarte da war. Einige Briefe musste ich aussortieren, weil sie in Sütterlin und auf schlechtem Papier, auf dem die Tinte zerlief, unlesbar waren.“

Todesanzeige im Tagesspiegel

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zunächst sind zwei Postkarten erhalten, die Erich Claer aus der sowjetischen Kriegsgefangenschaft schrieb:

 

 

 

 

 

 

 

Aus ihnen geht hervor, dass Erich Claers Ehefrau Hanni Claer geb. Keller mit ihren vier Kindern nach ihrer Flucht aus Ostpreußen im Frühling 1946 noch nicht bei den Verwandten in Berlin angelangt war und ihr Aufenthaltsort niemandem bekannt war. (Sie befanden sich zu dieser Zeit auf einem Bauernhof in Polen.) Erst ein Jahr später schreibt Erich Claer an seine nunmehr in Berlin angelangte Familie, wohnhaft nun wieder in der Presselstraße in Steglitz, dass mit seiner baldigen Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft zu rechnen sei.     Bemerkenswert ist, dass er seine Frau bereits zu diesem Zeitpunkt um entsprechende Benachrichtigung von Bekannten bittet, die ihm die schnelle Wiederaufnahme seiner beruflichen Tätigkeit ermöglichen sollen. Dabei dürfte sein gesundheitlicher Zustand am Ende der Kriegsgefangenschaft kaum besser gewesen sein als der seines Cousins, meines Großvaters Gerhard, siehe oben…

Dreieinhalb Jahre später verstarb er an den Folgen einer Lungenentzündung. Und sein Tod rief große Anteilnahme nicht nur bei Verwandten und Freunden hervor, sondern auch bei diversen aktuellen und früheren beruflichen Kontaktpersonen. Hier eine kleine Auswahl:

 

 

 

 

 

Für seinen Schwager ist es unfassbar, dass „Erich, dieser große und kräftige Mann, nicht mehr sein könnte“. Auch eine alte Bekannte kann es sich nicht vorstellen, „dass der große, starke Claer nicht mehr ist.“ (In „meinem“ Familienzweig der Claers dagegen war niemand sonderlich groß oder stark…)

 

 

 

 

 

 

Die deutsche Treuhandgesellschaft Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, sein Arbeitgeber von 1937 bis Kriegsende, rühmt die „frische Lebensart und Arbeitsweise“ des Verstorbenen und betrauert ihn als „charakterfesten, liebenswürdigen Menschen“.

 

 

 

Der Magistrat von Groß-Berlin, Abteilung Arbeit, würdigt seinen wertvollen Mitarbeiter „in den Lehrabschlussprüfungskommissionen und im Fachbeirat“.

 

 

 

Ein Kollege mit dem schönen Namen Ernst Kokoschinski – die Herkunft des Ausdrucks „Mein lieber Kokoschinski!“ gilt bis heute als ungewiss – von seinem letzten Arbeitgeber, der Hermann Meyer & Co AG, versichert, sie würden dort „unseren guten Erich nicht vergessen“, mit dem er, Ernst Kokoschinski, „jahrelang durch dick und dünn gegangen“ sei.

 

 

 

 

 

 

 

Ein Rechtsanwalt Dr. Korsch – Fachanwalt für Steuerrecht – betont, dass er Erich Claer „immer ganz besonders in seiner frischen und gewinnenden Art geschätzt“ habe – und überweist eine Unterstützung von 100,- DM an seine Witwe.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Und schließlich schreibt ein Bankdirektor im Ruhestand namens Hugo Joachim einen bewegenden Brief an die Direktion der Hermann Meyer & Co. AG und würdigt darin Erich Claer als langjährigen Freund seiner Familie.

Familienmitglieder mit einer solchen Reputation haben wir seither nicht mehr gehabt…

 

4. Der hochwohlgeborene Bürgermeister
Noch angesehener waren wohl nur die von Claers… In meinen früheren Forschungsberichten ist schon vielfach von der stolzen rheinischen Adelsfamlie von Claer die Rede gewesen, die von Rollo dem Wikinger und Wilhelm dem Eroberer abstammt. Nach allem, was wir wissen, lässt sich keine nähere Verbindung zu unserer Familie nachweisen. Wenn ich dennoch noch einmal kurz auf die rheinischen von Claers zurückkomme, dann nur deshalb, weil es so amüsant ist, was ich hier gefunden habe: das Anschreiben eines frischgegründeten Turnvereins aus dem Juni 1902 an den Bürgermeister der kleinen Stadt Morsbach im Rheinland, einen Herrn von Claer.
(http://sv-morsbach.de/verein/historie.html):

„Morsbach, den 30. Juni 1902
An Herrn Bürgermeister von Claer, Hochwohlgeboren
Morsbach
Die unterzeichneten Vorstandsmitglieder des Morsbacher Turnvereins beehren sich Ew. Hochwohlgeboren ergebenst mit zu teilen, dass unterm 14ten Juni ds. Jahres ein Turnverein hierselbst gegründet worden ist. Anbei senden wir Ihnen die Statuten und bitten Ew. Hochwohlgeboren um Genehmigung derselben.
Gleichzeitig teilen wir Ihnen mit, dass Ew. Hochwohlgeboren in der Hauptversammlung vom 29. Juni der Ehrenvorsitz vom Verein einstimmig übertragen worden ist, und würde es uns zur größten Freude gereichen, wenn Hochderselbe den Ehrenvorsitz annehmen würde.
Mit ergebenstem Turnergruß: Gut Heil!
Der Vorstand :
Franz Kaldeuer, I. Vorsitzender
Eduard Ehlich, II. Vorsitzender
H. Wingendorf, I. Schriftwart
Friedrich Sauer, I. Turnwart
August Schmidt, II. Turnwart
Adolf Schmidt, Kassenwart“

 

5. Ein Koffer aus Erfurt – vom Sattlermeister Friedrich Claer

In meinem Forschungsbericht 2015 schrieb ich über die Thüringer Claers, für deren etwaige Verwandtschaft mit „unseren“ ostpreußischen es immerhin einige vage Indizien gibt (siehe ebd.):

„Dafür lassen sich weitere Spuren späterer Claers in Thüringen finden: So entdeckte ich einen Koffer- und Lederwaren-Original Katalog, wohl aus 1930er Jahren stammend, von Friedrich Claer, Koffer- und Lederwaren Erfurt.“
(http://www.zvab.com/buch-suchen/autor/friedrich-claer-koffer–und-lederwaren-erfurt-hrsg)

 

Es war naheliegend, in diesem Erfurter Sattlermeister Friedrich Claer einen Nachkommen des Erfurter Sattlermeisters Friedrich Wilhelm Heinrich Claer (1825-1882) zu sehen, der wiederum ein Sohn des überregional agierenden Fuhrunternehmers Christoph Friedrich Claer (geb. 1802) war, der als Chausseewächter in Frienstedt bei Erfurt relativ klein angefangen hatte. Dessen Vater wiederum war ein Johann Friedrich Claer, der 1802 in Siersleben geheiratet hatte und dessen Herkunft sich im Dunkeln verliert (laut Heiratseintrag: Wollin oder Wettin; ist auch von Schriftexperten nicht eindeutig zu entziffern).

Nun ist tatsächlich bei Ebay (und Ebay-Kleinanzeigen) ein echter Koffer aus der Herstellung von Friedrich Claer aus Erfurt aufgetaucht. Der Anbieter aus Dortmund schreibt dazu bei Ebay: „Der Überseekoffer wurde von Friedrich Claer in Erfurt hergestellt. Er war Sattlermeister. Im Koffer befindet sich noch der Original-Einsatz aus Stoff und Holz gefertigt. Nach mehr als 100 Jahren muss man außen ein paar Abstriche machen. Natürlich kann ein Fachmann den Koffer wieder etwas aufhübschen. Die Fa. Claer ist nach meinen Recherchen nach dem 1.Weltkrieg nicht mehr vorhanden. Die Größe: 81x52x34 cm. NUR ABHOLUNG“

Der Preis für das gute Stück liegt bei 150 Euro (Ebay) bzw. 250 Euro VB (Ebay-Kleinanzeigen). https://www.ebay.de/itm/292506803804
https://www.ebay-kleinanzeigen.de/s-anzeige/ueberseekoffer-vor-dem-ersten-weltkrieg-hergestellt/977389586-246-1108

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Aber wie kann es sein, dass der Katalog als „30er Jahre“ geschätzt wurde, aber die Sattler-Firma Friedrich Claer nach den Recherchen des Anbieters nach dem ersten Weltkrieg nicht mehr vorhanden war? Aufschluss gibt ein Adressbuch mit Straßenverzeichnis der Stadt Erfurt aus dem Jahr 1948

(http://www.familie-thurm.de/images/dokumente/adressErfurt/Seite_0130.jpg), in dem der Name Claer genau zweimal vorkommt, nämlich:

– Claer, Wilh., Sattlermeister und

– Claer, Friedrich, Leder und Galanterie

Jeweils wohnhaft in der Schmidtstedter Straße 50. Wie sich dem ergänzenden Straßenverzeichnis mit Namensliste der Bewohner entnehmen lässt, hatte Friedrich Claer („Leder und Galanterie“) sogar ein Telefon (!) mit der Nummer 20243.

Aber was bedeutet „Leder und Galanterie“? Bei Wikipedia heißt es „Galanterie: Galanteriewaren, von französisch galanterie, „Liebenswürdigkeit“, ist eine veraltete Bezeichnung für modische Accessiores. Zu den Galanteriewaren zählen Modeschmuck (Bijouterie; dieses Wort kennt vielleicht mancher aus „Deutschland ein Wintermärchen“ von Heinrich Heine) und kleinere modische Gebrauchsgegenstände wie Parfümfläschchen (Ölflakons) – sie wurden früher manchmal an einem Kettchen getragen –, Puderdosen, auffällige Knöpfe, Armbänder, Schnallen, Tücher, Schals, Bänder, Fächer usw.(https://de.wikipedia.org/wiki/Galanteriewaren)

 

Galanteriewarenladen um 1901

Somit hat sich die Geschäftstradition der Erfurter Claers also über anderthalb Jahrhunderte noch bis in die Nachkriegszeit gehalten, um dann aber letztlich doch mitsamt allen Namensträgern zu verschwinden.

 

 

 

 

6. Familiäre Ähnlichkeiten
Und schließlich soll es noch um familiäre Ähnlichkeiten gehen. Neben der von uns immer wieder festgestellten Schreibfreude und -begabung bis hinein in viele Nebenzweige unseres „Familienverbandes“ sowie der auffälligen Häufung einer grundlegenden Lustigkeit und Witzigkeit (wenn auch bei manchen nur in jüngeren Jahren) gibt es offenbar auch einen äußerlichen, für unsere Familie charakteristischen Typus, der hier anhand einiger Fotos aufgezeigt werden soll. Natürlich sieht längst nicht jeder von uns Claers so aus, ich selbst z.B. nicht, da ich eher nach Meiner Mutter komme, mein Vater ebenfalls nicht unbedingt, aber zumindest diese vier Herren weisen trotz ihrer nur sehr weitläufigen Verwandtschaft eine erstaunliche Ähnlichkeit miteinander auf:

Georg Claer (1877-1930)

Albert Claer (geb. 1923)

Hans-Henning “Moppel” Claer (1931-2002)

Gerd Claer (1943-2016)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hier noch zur besseren Übersicht über die bestehenden Verwandtschaftsverhältnisse ein stark vereinfachter Stammbaum mit Kennzeichnung der Ähnlichkeits- und Forschungskollektive:

Stammbaum (stark vereinfacht)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schluss und Ausblick
Soviel also für dieses Mal. Auch künftig werde ich versuchen, weiter dabei zu bleiben und von Zeit zu Zeit etwas über unsere Namensgeschichte und die Geschichte unserer Vorfahren zu recherchieren. Und schließlich will ja auch noch die doppelte Fluchtgeschichte meiner Großeltern erzählt und mein Vater als Briefeschreiber gewürdigt werden…

Berlin, Dezember 2019

justament.de, 30.12.2019: Könige der Nacht

Vor 25 Jahren erschien „Dummy“, das Debüt der englischen Band Portishead

Thomas Claer

Es war eine ganz neue Art von Musik, die man so noch nicht gehört hatte. Damals, am Jahresende 1994, vor 25 Jahren, brachten zwei Männer und eine Frau aus dem südwestenglischen Bristol auf dem Go! Beat-Label ihre erste Platte heraus, die gleich auf Platz zwei der UK-Albumcharts sprang und von Musikjournalisten zum besten Album des Jahres gewählt wurde. Aus heutiger Sicht muss man wohl ergänzen, dass „Dummy“, das Debüt von Portishead, gut und gerne auch als beste Platte des Jahrzehnts durchgehen würde.
Als musikalischer Kopf der Formation gilt der Soundtüftler Geoff Barrow, den sie in der Musik-Szene von Bristol wegen seiner Herkunft aus einer sehr uncoolen Kleinstadt in der Umgebung alle nur „the guy from Portishaed“ nannten. (Welche Ironie ist es doch, dass diese Band mit ihrem revolutionären Sound nach dem unbedeutenden Vorort einer kaum 500.000 Einwohner zählenden Provinz-Stadt benannt worden ist. Man stelle sich nur einmal hierzulande eine Band mit dem Namen Delmenhorst oder Ilvesheim vor…)
Doch würde Geoff Barrow womöglich noch heute in der Elektro-Avantgarde-Szene von Bristol unbeachtet vor sich hinfrickeln, hätte er nicht eine Barsängerin namens Beth Gibbons getroffen und sie zur grandiosen Stimme seines Bandprojekts gemacht. Niemand konnte so hingebungsvoll klagend, so düster verraucht mit so schmerzverzerrtem Gesicht „Nobody loves me“ singen wie sie. Und dazu noch Barrows fein gewebter atmosphärisch-dichter Klangteppich mit seinen schwerfälligen Beats und simplen, aber eindrucksvollen Melodien. Keinesfalls jedoch kann man sich diese Musik an warmen Sommertagen in der Mittagshitze vorstellen. Nein, dieser traurige, verlorene Sound ist wie gemacht für die Nacht, für die einsamen Nächte insbesondere, Tom Waits 2.0 gewissermaßen.
Die Gattungsbezeichnung Trip-Hop, in Anlehnung an die von Portishead vielfach benutzten Techniken wie Scratching und Sampling, die man bislang nur aus dem Hip-Hop kannte, ist allerdings eine Erfindung von Musikjournalisten, die sich die Band nie zu eigen gemacht hat. Wenn schon, dann sprachen die Bandmitglieder vom „Bristol Sound“ – womit dann auch noch eine weitere englische Stadt mit ansonsten limitierter Bedeutung geadelt worden wäre…

Portishead
Dummy
GO! Beat 1994

justament.de, 9.12.2019: Tom’s Wild Years

Scheiben Spezial: Zum 70. Geburtstag von Tom Waits

Thomas Claer

Berlin-Romantik in den wilden Neunzigern: Partys in verfallenen Altbauwohnungen, „absonderliche Gespräche zwischen absonderlichen Leuten“, so beschreibt es Judith Hermann in ihrem Buch „Sommerhaus, später“. Aber im Hintergrund, ganz wichtig!, läuft als Gesprächskulisse nicht etwa Techno-Gewummere, wie es zu jener Zeit aus fast jedem Keller dringt, sondern: Tom Waits-Musik, so richtig schmutzige, schräge, abgefuckte Tom Waits-Musik. Damals, in den Achtzigern und Neunzigern, das kann man wohl sagen, hatte dieser amerikanische Anti-Pop-Star seine beste Zeit. Die wunderbare Katharina Franck hat 1986 ihre großartige Band „Rainbirds“ nach einem Song von Tom Waits benannt. Im Film „Prenom Carmen“ von Jean-Luc Godard (1983) räkelt sich die göttliche Maruschka Detmers minutenlang nackt (und mit üppiger Schambehaarung) in einem Hotel-Bett zu einem sehnsuchtstriefenden Song von Tom Waits.

Viele sind von ihm beeinflusst worden. Nicht nur musikalisch, auch als Stil-Ikone. Der ganzen verlogenen Glamour-Scheiße in der Hochglanz-Welt der Pop-Musik setzte dieser kauzige Eigenbrötler im Second-Hand-Boheme-Outfit sein tiefsinniges heiseres Krächzen entgegen, das sich in den Neunzigern immer mehr zu einem Röcheln und Würgen auswuchs, vor allem auf „Bone Machine“ (1992), seinem wohl stärksten Album, das mir, wie schon früher einmal an dieser Stelle berichtet, so viel bedeutet. Gleich danach ist seine Underground-Trilogie aus den Achtzigern mit den Platten Swordfishtrombones (1983), Rain Dogs (1985) und Frank`s Wild Years (1987) zu rühmen. Und nicht zu vergessen: Schon seine Spelunken-Barmusik aus den Siebzigern („Nighthawks at the Diner“) war große Klasse. Dass er in den letzten zwei Jahrzehnten dann künstlerisch etwas nachließ, sollte ihm niemand verübeln. Herzlichen Glückwunsch, lieber Tom Waits, röchel, grunz, kreisch, zum 70!

justament.de, 25.11.2019: Prima leben und sparen

Florian Wagner verspricht „Rente mit 40. Finanzielle Freiheit und Glück durch Frugalismus“

Thomas Claer

Dieses Thema ist zurzeit so richtig en vogue. Was sich früher nur ein paar versprengte Außenseiter auf die Fahne geschrieben hatten, findet neuerdings immer mehr Anhänger: durch konsequentes Sparen und kluges Investieren nach und nach so viel regelmäßiges passives Einkommen generieren, dass man irgendwann davon leben kann und nicht mehr auf die Mühsal der Erwerbsarbeit angewiesen ist. Dass dies gelingen kann, ohne zum kleinkarierten Pfennigfuchser zu werden, und für die Betreffenden sogar einen erheblichen Gewinn an Lebensfreude mit sich bringen kann, zeigt die einschlägige Publikation „Rente mit 40“ von Florian Wagner (Jahrgang 1987). Dieser hat es zwar selbst noch nicht ganz zum Privatier gebracht, gleichwohl aber schon vor einigen Jahren seinen gut bezahlten Job als Projektleiter in der Automobilindustrie gekündigt und ist nun als freier Buchautor, Blogger und Anbieter von Seminaren tätig – zum Thema Frugalismus, versteht sich.

Frugalismus? Hinter diesem Begriff, den noch längst nicht jeder kennen dürfte, verbirgt sich die Grundhaltung, dass Geld nicht nur zum Verkonsumieren da sein muss, sondern klug eingesetzt auch zur Gestaltung des eigenen Lebens nach eigenen Vorstellungen dienen kann. Frugalisten geht es also vor allem darum, das zu genießen und wertzuschätzen, was sie haben, und sich mit ihren durch disziplinierte Konsumvermeidung akkumulierten Mitteln auf lange Sicht ein freies und unabhängiges Leben aufzubauen. Aber braucht man das überhaupt? Zumindest würden es sich wohl viele wünschen…

Doch sollte nun niemand erwarten, dass der Autor auf diesen knapp 300 Seiten eine Art Geheimwissen ausbreitet. Vielmehr sind es tausend ganz normale, ja regelrecht banale Dinge, auf die jeder halbwegs durchschnittlich vernunftbegabte Mensch auch ohne weiteres selbst kommen könnte. Und dennoch gibt es nur wenige, die diesen Weg konsequent zu Ende gegangen sind. Das Buch stellt eine Reihe von ihnen vor: Es sind hauptsächlich Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Seminare des Verfassers sowie Leser seines Blogs. Insofern ist das Buch eine Mischung aus Ratgeber, Manifest und Sozialreportage geworden – mit Schwerpunkt auf letzterem, eine Art „37 Grad“ in Buchform, nur noch viel detaillierter. Viele Menschen, so erfahren wir, benutzen allerhand Spartricks, um sich immer aufs Neue zu motivieren und bei der Stange zu halten. Andere wiederum sparen einfach so aus Spaß an der Freude und berauschen sich daran, wenn sie wieder etwas mehr Vermögen angehäuft haben, während Geldausgeben ihnen keine wirkliche Freude bereitet.

Getreu dem Motto eines der Porträtierten: „Finanzielle Unabhängigkeit hat zu 80 Prozent etwas mit dem eigenen Verhalten und nur zu maximal 20 Prozent mit der Höhe des Einkommens und dem Anlageerfolg zu tun“ beleuchtet das Buch die vielfältigsten Lebenssituationen im Hinblick auf ihre Sparpotentiale. Daraus ergeben sich auch allerhand Überschneidungen zwischen dem hier propagierten Frugalismus und anderen teils verwandten Lebenshaltungen wie dem Minimalismus, Sportlichkeit, Gesundheits- und Umweltbewusstsein, Bastlertum und dem Hang zu Gebrauchtwaren.

Viel gewonnen ist insbesondere schon dadurch, bestimmte grundlegende Fehler beim Umgang mit den eigenen Finanzen zu vermeiden, die jeden Sparerfolg ausschließen. Für den erprobten Sparfuchs ist all dies natürlich altbekannt: Rauchen geht selbstverständlich gar nicht; Alkohol am besten auch nicht, aber wenn, dann zu Hause und nicht in der Bar; Konsum auf Kredit muss Tabu bleiben; Essen und Trinken werden niemals unterwegs gekauft, sondern stets von zu Hause mitgebracht, und wenn doch, dann wenigstens nicht am nächsten Kiosk erworben, sondern ein paar Schritte weiter im Supermarkt; natürlich kauft man keine Markenprodukte, sondern die zumeist ebenso guten, aber viel günstigeren No-Name-Waren, nach Möglichkeit beim Discounter und wenn es geht, was gerade im Angebot ist; ungesundes Zeug wie Fertig-Essen oder gesüßte Getränke kommt grundsätzlich nicht in die Tüte, dafür viel frisches Obst und Gemüse sowie Getreideprodukte; damit wird dann auch regelmäßig selbst gekocht statt ins Restaurant zu gehen; ein Auto braucht, wer nicht gerade auf dem Lande lebt, auch nicht; wer viel zu Fuß geht und Fahrrad fährt, spart sich außerdem das Fitness-Center, vor allem wenn ergänzend noch regelmäßig weitere sportliche Übungen zu Hause und in der Natur absolviert werden; überhaupt hilft viel Bewegung an frischer Luft nachhaltig dabei, die eigene Stimmung zu verbessern, sodass man gar nicht erst auf die Idee kommt, Geld für etwaige Frustkäufe auszugeben; statt neuer Produkte kauft man grundsätzlich Gebrauchtes über Ebay-Kleinanzeigen; Energie sparen sollte man natürlich auch noch, wo es geht; und schließlich noch ganz wichtig: die angesparten Rücklagen gehören ab einer bestimmten Größenordnung keinesfalls auf ein Sparkonto, sondern in ein Wertpapierdepot mit einfacher, aber effizienter Strategie: zwei ETFs genügen schon, einen auf den MSCI-World Index und einen auf den MSCI Emerging Markets Index; und dann sollte man natürlich sehen, schnellstmöglich nicht mehr zur Miete zu wohnen, sondern in den eigenen vier Wänden.

Wer diese genannten Grundsätze auch nur halbwegs beachtet, hat exzellente Chancen, früher oder später finanziell ausgesorgt zu haben. Doch sind nahezu alle im Buch vorgestellten Vertreter des Frugalismus in gut bezahlten Jobs tätig oder tätig gewesen. Wie ist es nun aber mit Geringverdienern? Nur knapp geht das Buch auch auf ihren Fall ein und macht ihnen zumindest Hoffnung, ihre Situation durch Sparen und Investieren signifikant verbessern zu können, wenn auch für sie der Weg zur finanziellen Freiheit in aller Regel deutlich beschwerlicher sein dürfte.

Doch wie sieht es mit Familien aus? Ist Frugalismus denn nicht nur etwas für bescheidene Singles und wird zum aussichtslosen Unterfangen, sobald Kinder ins Spiel kommen, die doch bekanntlich enorm teuer und unersättlich in ihrem Wunsch nach immer mehr Spielsachen sind? Überraschenderweise sagt das Buch, dass beides besser zusammengehen könne als gedacht. Viele Kinder, so heißt es, schätzten es sogar weitaus mehr, wenn ihre Eltern viel Zeit mit ihnen verbrächten statt nur mit immer neuem Spielzeug bespaßt zu werden.

Und noch ein ernster Punkt wird angesprochen, der keineswegs nur ein Luxusproblem ist: Wie verkraftet man es, wenn man bereits ausgesorgt hat und die erste Euphorie verflogen ist, psychisch, als noch relativ junger Mensch gar nicht mehr erwerbstätig zu sein? Daran denken manche tatsächlich erst, wenn sie schon in ein tiefes mentales Loch gefallen sind. Es empfiehlt sich daher unbedingt, sich rechtzeitig und vorausschauend neue Aufgaben zu suchen, die einem Freude bereiten und regelmäßig das Gefühl geben, etwas Sinnvolles getan zu haben…

Ansonsten ist das Buch in weiten Teilen interessant zu lesen (manchmal allerdings dann doch zu ausführlich und weitschweifig). Es nimmt beinahe jeden Aspekt des Frugalismus unter die Lupe – bis auf einen ganz wesentlichen, der nur in wenigen Zeilen und viel zu oberflächlich behandelt wird: Kann der Frugalismus wirklich für alle taugen? Was würde passieren, wenn – der kategorische Imperativ lässt grüßen – plötzlich alle so leben würden, wie es im Buch (mitunter etwas aufdringlich) regelrecht propagiert wird? Vermutlich würde unsere Gesellschaft dann eine andere sein, ganze Wirtschaftszweige würden zusammenbrechen, zumindest alle, die irgendwie mit Luxus und Konsum zu tun haben, und das sind nicht wenige. Sollte sich ein solcher Lebensstil gar irgendwann in der ganzen Welt durchsetzen, dann würde das mit der Erzielung eines passiven Einkommens wohl nicht mehr lange funktionieren. Irgendjemand müsste ja schon die anfallende Erwerbsarbeit verrichten, müsste auch mal sinnlos konsumieren, um die Frugalisten zu versorgen. Soll heißen: Die propagandistischen Frugalisten sägen munter am Ast, auf dem sie selbst sitzen. Besser beraten wären sie, ihren Lebensstil nicht zu sehr an die große Glocke zu hängen, sondern ihn lieber still zu genießen….

Florian Wagner
Rente mit 40. Finanzielle Freiheit und Glück durch Frugalismus
Econ Verlag 2019
302 Seiten; 14,99 Euro
ISBN: 978-3-430-21017-1

justament.de, 25.11.2019: Starkes letztes Drittel

Die Pixies auf „Beneath the Eyrie“

Thomas Claer

Dies ist nun schon die dritte Platte der Pixies seit ihrer Wiedervereinigung 2003 und seit der Wiederaufnahme ihrer Veröffentlichungsaktivitäten 2014. Und natürlich gehen die Bostoner Brachial-Spezialisten mit jeder neuen CD voll ins Risiko, denn die Fallhöhe ist angesichts ihres Frühwerks immens. (Die britische Musikzeitschrift NME hat das Pixies-Album „Doolittle“ (1989) einmal zum zweitbesten Album aller Zeiten gekürt.)
An diesen Vorgaben gemessen war es also beinahe unausweichlich, dass Neues von den Pixies irgendwann auch mal enttäuschen musste. So wie es nun auf „Beneath the Eyrie“ ja in der Tat geschehen ist. Doch ist das Album trotz einiger bedauerlicher Totalausfälle in Richtung Bombast recht vielschichtig geraten. Und wer sucht, findet auch hier eine Hand voll Perlen, die all das Missratene schnell vergessen lassen. Doch ist es diesmal schon ein ziemliches Geduldsspiel. Erst mit dem achten der zwölf Songs, „Los Surfers Muertos“, kommt Freude auf. So entspannt und melancholisch ihr Frühwerk zitierend wie hier, sind einem die Pixies immer willkommen. Und was dann folgt, ist schlichtweg überwältigend: „St. Nazaire“ ist eine Lärm-Orgie ersten Ranges, die auch auf jedem Album ihrer frühen Jahre einen Ehrenplatz eingenommen hätte. (So wie sich auch schon auf dem Vorgänger-Album „Head Carrier“ von 2016 ein solcher Über-Song namens Bal’s Back“ befunden hat.) Überhaupt werden die Stücke der CD zum Ende hin wesentlich besser, und man fragt sich, warum sie aus dem Material nicht lieber ein Mini-Album oder eine Maxi-CD gemacht haben. So bleibt es also bei einem durchwachsenen Album mit starkem letzten Drittel und ein bis zwei herausragenden Höhepunkten. Das Urteil lautet: voll befriedigend (10 Punkte).

Pixies
Beneath the Eyrie
Infectious Music 2019

justament.de, 11.11.2019: Meine Sesamstraßen-Theorie

Recht histotisch Spezial: Justament-Autor Thomas Claer zum 30. Jahrestag des Mauerfalls

Warum die rechtspopulistische bis rechtsextremistische AfD ausgerechnet in Ostdeutschland so oft gewählt wird, darüber wird nun schon seit Jahren ausgiebig diskutiert. Es mag viele verschiedene Gründe dafür geben, aber in meinen Augen spielt dabei auch die frühkindliche mediale Prägung eine wichtige Rolle. Es ist doch auffällig, dass diese menschenverachtende Partei ihre Spitzen-Werte, also Wahlergebnisse von 40 Prozent und mehr, vor allem in jenen Gebieten erzielte und erzielt, in denen sich früher, zu Teilungszeiten, kein Westfernsehen empfangen ließ: in Vorpommern und im Raum Dresden. Nun war das DDR-Kinderfernsehen, vom Sandmännchen bis zu Pittiplatsch und Schnatterinchen, zwar alles andere als schlecht, aber eben doch längst nicht so für Fragen der Diversität und Pluralität sensibilisiert wie die westlichen Kindersendungen, allen voran die Sesamstraße. Mit großer Selbstverständlichkeit traten dort hell- und dunkelhäutige Kinder nebeneinander auf. In der Sendung „Rappelkiste“ spielte sogar ein kleines türkisches Mädchen namens Filiz mit, das mit einem blonden deutschen Mädchen befreundet war. Erinnert sei auch an die mehrsprachigen Anfangsansagen in der “Sendung mit der Maus”. Und ganz besonders bin ich als westfernsehverwöhntes DDR-Kind in den Siebziger- und Achtzigerjahren durch die grandiosen Kurzfilme und Songs der deutschen Version der Sesamstraße geprägt worden, die immer so human und hintersinnig philosophisch waren, eigentlich ebensogut für Erwachsene geeignet wie für Kinder. Der Mann hinter all diesen Filmchen und auch Liedern war Christoph Busse, damals frisch gebackener Absolvent der Filmschule, der in der Sesamstraße damals Narrenfreiheit genossen hat, wie er heute, in seinem einzigen jemals geführten Interview, sagt. Er gehörte, ohne dass ich damals seinen Namen kannte, zu den Helden meiner Kindheit. Und dank YouTube lässt sich ja heute noch einmal ganz tief in die eigene frühkindliche Vergangenheit eintauschen… Exemplarisch hier nur zwei dieser umwerfenden Sesamstraßen-Lieder: der „Egal Song“ und der musikalisch ähnlich gestrickte „Song vom Fortbewegen“. Jeder ist anders, und „Es ist egal, du bist, wie du bist.“ Und „Jeder kommt auf seine Weise vorwärts / Vorwärts irgendwie…“ Wer dies einmal verinnerlicht hat, ist wohl für immer und ewig gegen jede ausgrenzende Hass-Ideologie imprägniert.

Egal Song

Song vom Fortbewegen

Türkisches Mädchen Filiz in “Rappelkiste” (nicht Sesamstraße!)

justament.de, 4.11.2019: Lieblingsautor meiner Jugend

Thomas Claer empfiehlt Spezial: Vor 30 Jahren starb Hoimar v. Ditfurth. Ein persönlicher Rückblick

Es gibt im menschlichen Leben eine Art intellektuelle Prägungsphase. Was man als Teenager oder höchstens noch mit Anfang bis Mitte 20 mit Begeisterung gelesen hat, das wird man später nie wieder ganz los, selbst wenn man irgendwann beinahe alle Einzelheiten davon vergessen haben sollte. Was nämlich unterschwellig für immer haften bleibt, ist die Wirkung, die das Gelesene damals auf einen gehabt hat.

Ich weiß es noch genau, es war wohl im Herbst 1987. Damals muss ich 15 Jahre alt gewesen sein, denn mein Vater war bereits im Westen. Meine Mutter und ich warteten mit „Ausreiseantrag“ auf die „Familienzusammenführung“, die man uns aber erst knapp zwei Jahre später erlauben sollte. Wir waren abends eingeladen bei der Schwester der Freundin meiner Mutter. Und da lag dieses Buch aus dem Westen, ein Taschenbuch mit futuristischer Illustration. (Und Bücher aus dem Westen waren bei uns im Osten natürlich schon per se interessant, weil sie so schwer zu kriegen waren.) Es trug den geheimnisvollen Titel „Im Anfang war der Wasserstoff“, sein Autor war Hoimar von Ditfurth. Es handelte von der Entstehung und der Evolution des Lebens auf der Erde. Ich begann sofort zu lesen – und konnte gar nicht mehr aufhören zu lesen. Unsere Gastgeberin freute sich sehr über mein Interesse und bot gleich an, mir das Buch auszuleihen. Später gab sie mir sogar noch ein weiteres Buch dieses Verfassers zur Lektüre. Sein Titel war „Kinder des Weltalls. Der Roman unserer Existenz“. Beide Bücher zusammen bildeten gewissermaßen das allumfassende Buch über unsere Welt, das Alexander von Humboldt vor gut anderthalb Jahrhunderten immer hatte schreiben wollen, aber nie fertigstellen konnte. Und noch dazu waren die Ditfurth-Bücher so allgemeinverständlich und spannend geschrieben, dass auch ein 15-jähriger Schüler daran so viel Freude haben konnte.

Erst mit Verzögerung wurde mir klar, dass dieser grandiose Buchautor jener Professor und Wissenschaftsjournalist war, der im ZDF in der Sendung „Querschnitte“ regelmäßig die Welt erklärt hatte. (Sehr ähnlich wie heute Prof. Harald Lesch in „Leschs Kosmos.) Doch leider wurde die Sendung „Querschnitte“ zu jener Zeit, Ende der Achtzigerjahre, gar nicht mehr ausgestrahlt. In jüngeren Jahren hatte ich nur ein oder zwei Folgen von ihr zu sehen bekommen, die mich regelrecht elektrisiert hatten. Mehr erlaubten mir meine strengen Eltern wegen der (relativ) späten Anfangszeiten leider nicht. Ich musste ja, egal wie energisch ich protestierte, immer rechtzeitig ins Bett. Den Nachgeborenen sei noch einmal erklärt: In der damaligen Welt ohne Internet und YouTube (und für uns im Osten auch ohne Videorecorder) war eine einmal verpasste Fernsehsendung endgültig und unwiderbringlich versäumt.

Doch wie es so ist, wenn man etwas heiß Begehrtes nicht bekommen kann: Das Verlangen danach wächst immer weiter. Als einige Jahre später mein Philosophie-Lehrer auf dem Gymnasium in Bremen uns erklärte, dass man „ein erotisches Verhältnis zu Büchern“ bekommen könne, war ich vermutlich der einzige, der genau zu verstehen glaubte, wovon er sprach. Denn damals, noch im Osten, hatte ich mir nichts sehnlicher gewünscht als weitere Hoimar v. Ditfurth-Bücher. Und ich bekam sie, nach langem Warten, obwohl ihre Einführung in die DDR streng verboten war. Als mein Vater in Bremen von meinem Wunsch erfahren hatte, besorgte er die Bücher und gab sie nach und nach Bekannten, die in den Osten reisten, für mich mit, die sie durch den Zoll schmuggelten. Und so las ich dann „Der Geist fiel nicht vom Himmel. Die Evolution unseres Bewusstseins“ über die Schichten des menschlichen Gehirns, das verglichen mit den beiden vorigen Büchern allerdings etwas zäh war. Noch weitaus spannender für mich war dann aber „Wir sind nicht nur von dieser Welt. Über Naturwissenschaft, Religion und die Zukunft des Menschen“. Mit diesem Buch erwachte erst so richtig mein Interesse an Philosophie. Was dort über Erkenntnistheorie, Immanuel Kant und das ominöse „Ding an sich“ stand, sog ich auf wie ein Schwamm und schockierte damit anschließend meine Mitmenschen, denen ich davon erzählte und die mich augenscheinlich für bekloppt hielten. So lernte ich also schon in jungen Jahren, was mein Philosophielehrer in Bremen uns später ganz ausdrücklich ans Herz legte: Wir sollten bitte niemals versuchen, mit unseren Mitmenschen über „solche Themen“ zu reden. Das sei wirklich Zeitverschwendung, denn gewöhnliche Menschen hätten einfach keinen Sinn für so etwas…

Und schließlich bekam und las ich dann auch noch Hoimar v. Ditfurths „So lasst uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen. Es ist soweit“ aus dem Jahr 1985 über die ökologische Krise. Es ist wohl nicht übertrieben, wenn ich sage, dass dieses Buch mich geprägt hat wie kaum ein anderes. Wir fahren, wenn wir nicht ganz schnell umsteuern, unseren Planeten vor die Wand. So hieß es dort sinngemäß – vor 34 Jahren! Und dies mit ausführlicher und unabweisbarer Begründung. Was Hoimar v. Ditfurth heute wohl zu Greta Thunberg und Fridays for Future sagen würde? So wurde ich also ganz maßgeblich durch dieses Buch zum überzeugten Anhänger der Umweltbewegung und der Grünen, was mir in meinem Umfeld den Ruf eines Spinners einbrachte. Was heute als beinahe unbestrittene allgemeine Erkenntnis gilt, war nämlich seinerzeit – da waren sich meine damaligen Gesprächspartner aus Ost und West erstaunlich einig – abstruses, radikales und potentiell gefährliches Gedankengut. Und dennoch konnte ich mit Hoimar v. Ditfurths Tochter Jutta, zu jener Zeit die Galionsfigur des fundamentalistischen Parteiflügels der Grünen, nie etwas anfangen und positionierte mich schon damals, wie ihr Vater, als grüner „Realo“…

Nun wäre es natürlich interessant, noch einmal in die alten Bücher zu gucken, die seit drei Jahrzehnten beinahe unberührt in meinem Regal stehen. Oder auch die alten Fernsehsendungen mit Hoimar v. Ditfurth anzuschauen, die ja dank YouTube längst wieder aus dem Nirvana des Vergessens aufgetaucht sind. Aber seltsamerweise mag ich nicht so recht… Habe ich vielleicht insgeheim Angst davor, dass ich enttäuscht sein könnte, wenn ich sie mit meinen heutigen Augen sehe? Vielleicht würde ich aber auch viel Neues entdecken, was mir damals entgangen ist. Ich verschiebe also vorerst meine erneute Ditfurth-Lektüre und warte damit zumindest noch zwei Jahre – bis zu Hoimar v. Ditfurths 100. Geburtstag.

justament.de, 21.10.2019: Jura-Abbrecher mit Literatur-Nobelpreis

Thomas Claer empfiehlt Spezial: Anmerkungen zur Peter Handke-Debatte

Da hatte die Akademie wohl etwas gutzumachen. “Solange John Updike und Philip Roth den Literatur-Nobelpreis nicht bekommen haben, kann ich diesen Preis nicht ernstnehmen”, meinte vor langen Jahren Marcel Reich-Ranicki (1920-2013). Immer wieder hatte sich Deutschlands bedeutendster Literaturkritiker darüber mokiert, dass die Schwedische Akademie ihre weltweit höchste Auszeichnung auf dem Gebiet der Literatur offenbar ausschließlich an politisch engagierte Autorinnen und Autoren mit tadelloser Gesinnung vergab. Nicht, dass er etwas gegen gesellschaftlich engagierte Autoren gehabt hätte, aber dass deshalb den in seinen Augen weltweit besten lebenden Literaten dieser Preis vorenthalten wurde, das ging dem “Literatur-Papst” dann doch völlig gegen den Strich. Nun hat sich die in den letzten Jahren von diversen MeToo-Skandalen erschütterte Akademie also endlich einmal anders entschieden, überraschend anders. Für die von Ranicki favorisierten großen Erotomanen der amerikanischen Literatur, John Updike und Philip Roth, war es allerdings zu spät. Updike ist bereits 2009 gestorben und Roth 2018. (Der Preis wird ja grundsätzlich nur an noch lebende Autoren verliehen.)

Nun hat es also Peter Handke getroffen, und an ihm scheiden sich die Geister. Darf jemand den Literaturnobelpreis bekommen, der angesichts der Greuel der jugoslawischen Bürgerkriege allen Ernstes “Gerechtigkeit für Serbien”, also für die mächtigste und rücksichtsloseste der Kriegsparteien, gefordert, der Verständnis für Karadzic und Milosevic gezeigt hatte? Darüber wird nun heftig gestritten. Doch was hätte wohl Marcel Reich-Ranicki dazu gesagt? Für ihn war Peter Handke spätestens seit seinem “Jahr in der Niemandsbucht” (1994) ein “auf den metaphysischen Hund gekommener” Autor, so wie er dessen Kollegen Botho Strauß in selbiger Sendung des “Literarischen Quartetts” als “auf den ideologischen Hund gekommen” bezeichnet hatte. Doch sei er, Reich-Ranicki, gerne dazu bereit, beiden “auf den Hund gekommenen Autoren” alles zu verzeihen, “wenn sie nur besser schreiben würden”…

Aufschlussreich für Juristen dürfte auch noch sein, wie sich der heutige Nobelpreisträger über seine abgebrochene Juristenausbildung geäußert hat, nachzulesen im 30 Jahre alten “Versuch über die Müdigkeit”. Er schreibt darüber, soviel sei an dieser Stelle verraten, nicht viel Gutes. Im übrigen findet sich in diesem kleinen Text wohl schon beinahe alles, was den späten Peter Handke ausmacht: reichlich verschwurbelter Schreibstil, aber doch irgendwie tiefgründig. Zweifellos hat auch solche Art von Literatur ihre Daseinsberechtigung.