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justament.de, 3.10.2022: Emma hat Recht

Zufallsfund im Test: „Männersachen“ von Roger Cicero

Thomas Claer

Wer ein tiefergehendes Interesse an Musik mitbringt, wird wohl irgendwann an den Punkt kommen, nur noch das zu hören, was er schon kennt und ihm ohnehin gefällt. Neues zu entdecken gibt es dann nur noch von den eigenen Lieblingen oder womöglich noch von denen, die so ähnlich klingen wie jene. Selbst wer sich nicht nur durch die eigene Musikbibliothek hört, sondern auch mal auf YouTube unterwegs ist, bekommt dann vom Algorithmus schon bald nur noch das vorgeschlagen, was mit dem eigenen Geschmack irgendwie kompatibel erscheint. Da kann es also schon sehr inspirierend und befreiend sein, plötzlich auch mal auf ganz andere Musik zu stoßen.

Zum Beispiel auf Roger Cicero (1970-2016), den vor sechs Jahren tragisch früh verstorbene Pop- und Jazzmusiker aus Hamburg, ursprünglich sogar aus (West-) Berlin. Seine CD „Männersachen“ aus dem Jahr 2006 fand ich in einer „Zu verschenken“-Kiste in unserem Innenhof und nahm sie neugierig mit nach Hause. Ich erinnerte mich, seinen Namen schon öfter gehört zu haben und machte mich auf Wikipedia über ihn schlau. Anscheinend hatte ich Glück, denn „Männersachen“ ist sein bekanntestes Album. Allerdings wohl auch ziemlich umstritten, denn zu jener Zeit wurde Cicero von der Frauenzeitschrift „Emma“ mit dem Negativpreis „Pascha des Monats“ ausgezeichnet. Ach, diese verbissenen Alt-Feministinnen, dachte ich. Die sind ja auch gegen Pornos (als ob es nur frauenfeindliche gäbe) und gegen alles, was Spaß macht im Leben. Wenn die was gegen ihn haben, dann ist er vielleicht sogar richtig gut?
Also frisch reingehört ins anderthalb Jahrzehnte alte Album. Die Musik wirkt glatt und gefällig, erinnert sehr an amerikanische Musicals aus den Vierziger- und Fünfzigerjahren. Das allein muss noch nicht schlecht sein. Selbst Björk hat mal einen richtig guten Song aus diesem Genre rausgebracht: „It’s oh so quite“ (1995), wo sie im Video im pinken Kleid herumturnt und immer „Schschscht“ macht. Aber sie hat es dann auch bei einem solchen Lied belassen, und das aus gutem Grund. Cicero hingegen macht ein ganzes Album mit solcher Musik, und seine anderen acht Platten gehen, wenn es stimmt, was in Wikipedia steht, ebenfalls in diese Richtung. Das kann einem ziemlich schnell auf die Nerven gehen. Aber es gibt ja auch noch die deutschsprachigen Texte, und wenn die etwas taugen, dann lässt sich die Musik ja vielleicht doch ertragen…

Nur leider erweisen sich die Texte als mindestens so problematisch wie die Musik. Sie, die aus der Feder eines seinerzeit 36-jährigen Senkrechtstarters stammen, behandeln zumeist „auf ironische Weise den Geschlechterkampf“, wie es auf Wikipedia heißt. Exemplarisch tut dies vor allem der Single-Hit „Zieh die Schuhe aus“:

„Ich bin ein Sammler, ein Jäger
Ein guter Ernährer
Ein Schrauber, ein Dreher
Ein Ganz-Frühaufsteher
Ein Broker, ein Seller
Ein Intellektueller
Ein Helfer, ein Heiler
Im Grunde ein Geiler
Bin ein Schöpfer, ein Macher
Beschützer, Bewacher
Ein Forscher, ein Retter
Adretter Jetsetter
Gestählter Don Juan
Ein Bild von einem Mann

So steh′ ich vor dir und höre dann

Zieh die Schuh aus, bring den Müll raus
Pass aufs Kind auf und dann räum hier auf
Geh nicht spät aus, nicht wieder bis um eins
Ich verstehe, was du sagst, aber nicht, was du meinst“

Tja, ist das jetzt wirklich lustig oder doch eher traurig? Aus heutiger Sicht wirkt das jedenfalls ziemlich altbacken, aber das war es auch schon 2006 und ein paar Jahrzehnte früher eigentlich auch schon. Dass das lyrische Ich überhaupt aufgefordert werden muss zu solchen Selbstverständlichkeiten und dann immer noch nicht versteht, worum es geht, lässt wirklich staunen, dass es offenbar ein weibliches Wesen gegeben haben muss, das sich auf jemanden mit einer solchen Attitüde zumindest vorübergehend eingelassen hat. Den „Pascha des Monats“ hat Roger Cicero sich damit mehr als verdient. „Emma“ hat mit dieser Auszeichnung also vollkommen richtig gelegen, zumal diese Macho-Grundhaltung sich auch durch die weiteren Songtexte auf diesem Album zieht („Kein Mann für eine Frau“, „Schieß mich doch zum Mond“). Einzige immerhin erwähnenswerte Ausnahme hiervon ist die Zeile „Ich kann kochen, bügeln, stricken“ in einem der folgenden Lieder. Aber sie allein kann am verheerenden Gesamteindruck dann auch nichts mehr ändern. Kurz gesagt kann ich Roger Ciceros „Männersachen“ also nicht viel abgewinnen und habe die CD daher in unserer nahegelegenen Bücherbox abgelegt, wo sie ganz schnell einen neuen Besitzer gefunden hat. Das Urteil lautet somit: nicht empfehlenswert.

Roger Cicero
Männersachen
Heinrich & De Wall / Sony Music 2006
ASIN: B01ISQGKA6

justament.de, 19.9.2022: Zum Tod von Jean-Luc Godard (1930-2022)

Ein persönlicher Rückblick

Thomas Claer

Mein erster Godard-Film war für mich zugleich auch der eindrucksvollste und inspirierendste. Als ich im jugendlichen Alter zum ersten Mal „Prénom Carmen“ (dt. Vorname Carmen“) aus dem Jahr 1983 sah, war ich zugegebenermaßen hauptsächlich an den opulenten Nacktszenen mit der unvergleichlichen Maruschka Detmers interessiert, die dann auch weiterhin die favorisierte Sex-Göttin meiner Träume bleiben sollte. Darüber hinaus machte ich in diesem Film aber auch Bekanntschaft mit der Musik von Tom Waits und den späten Streichquartetten Ludwig van Beethovens. Und mir wurden die Augen dafür geöffnet, wie vollendet und poetisch ein Film sein kann. Diese betörend schönen Bilder haben mich nie wieder losgelassen: das Rauschen der Meeresbrandung, das Streichquartett beim Üben und natürlich die hüllenlose Maruschka Detmers mit üppiger Schambehaarung im selbstvergessenen Liebesspiel. Vom Inhalt des Films allerdings habe ich bis heute nicht viel verstanden. Eine ziemlich verworrene Geschichte ist das, auf die es aber auch nicht so entscheidend ankommt. Jean-Luc Godard ist selbst darin aufgetreten, hat in einer nicht unbedeutenden Nebenrolle sich selber gespielt – als Onkel von Carmen (Maruschka Detmers), der er u.a. seine Wohnung am Meer zur Verfügung stellt, wo sie sich dann mit ihrem jungen schönen Geliebten vergnügt, der eigentlich der Polizist ist, der auf sie aufpassen soll, denn sie ist eine Bankräuberin; aber vielleicht ist das ja auch nur der Plot des Films, den sie gerade mit ihren Freunden dreht, wobei sie ihr Onkel unterstützen soll. Es bleibt alles in der Schwebe, und so erinnert man sich rückblickend vor allem an die schönen Bilder in ihrer Verbindung mit der schönen Musik…

Später habe ich mir dann auch noch ganz viele andere Godard-Filme angeschaut: „Außer Atem“, „Die Chinesin“, „Lemmy Caution gegen Alpha 60“… Toll waren sie alle, hintergründig und raffiniert, mal subversiv, mal plakativ. Wie er die großen Filmdiven in Szene setzen konnte – von Anna Karina bis Brigitte Bardot – das war schon einmalig. Schon möglich, dass mit seinem Tod auch der Tod des ganz großen Kinos zusammenfällt. Denn wie es scheint, hat die Streamingdienst-Serie inzwischen das Kino schon beinahe an den Rand der Bedeutungslosigkeit verdrängt. Für mich jedenfalls bleibt der große Jean-Luc Godard ganz besonders mit diesem einen Film verbunden, der mir so viel bedeutet.

justament.de, 12.9.2021: Jazz geht’s weiter

Regener Pappik Busch mit ihrem zweiten Album „Things To Come”

Thomas Claer

Wer hätte das gedacht? Sie legen gleich nochmal nach. Auf ihr fulminantes Debüt „Ask Me Now“, das wir vor einem Jahr an dieser Stelle bereits hinreichend gewürdigt haben, lässt das Element of Crime-Spin-Off „Regener Pappik Busch“ nun die ganz ähnlich gestrickte Fortsetzung „Things To Come“ folgen. Wieder haben sie Jazz-Klassiker von Thelonius Monk, Miles Davis, John Coltrane und mehreren anderen neu eingespielt, auch diesmal im minimalistischen Trio-Format nur mit Schlagzeug, Klavier und Sven Regeners ganz famoser Trompete. Es ist alles wie gehabt, und wieder kann das Ergebnis rundweg überzeugen. Zum John-Coltrane-Song „Mr. P.C.“ gibt es auf der Band-Homepage sogar noch ein richtig gutes Musikvideo mit Schwarz-Weiß-Ästhetik und Großstadt-im-Regen-im-nächtlichen-Laternenschimmer-Bildern.
In der Tat ist dieser Musik nichts so fremd wie Helligkeit und Sonnenschein. Ihr Metier ist die Beschwörung des Schattigen, Wolkigen, Regenverhangenen, Düsteren – doch stets in fingerschnippender Beiläufigkeit. Zwar waren sich die Akteure noch im Element-of-Crime-Band-Podcast „Narzissen und Kakteen“ darüber einig, dass es im Leben eines Musikers grundsätzlich nur eine wahre Band geben könne, niemals habe jemand nacheinander in mehreren großartigen Formationen gespielt – doch nun sind sie mit ihrem späten Nebenprojekt drauf und dran, diesen Glaubenssatz in Frage zu stellen…
Höchste Zeit also, dass nach zwei „Regener Pappik Busch“-CDs auch die Hauptband mal wieder etwas Neues von sich hören lässt. Das Schöne aber ist nun, dass wir uns tatsächlich auf ein neues Element-of-Crime-Album freuen können, das vielleicht noch in diesem Jahr erscheinen wird. Wir sind schon sowas von gespannt. Das Urteil für „Things To Come“ lautet: gut (13 Punkte).

Regener Pappik Busch
Things To Come
Universal 2022

justament.de, 5.9.2022: Unser Befreier

Zum Tod von Michail Gorbatschow (1931-2022)

Thomas Claer

Putins Erzählung lautet so: Was russische Führer über Jahrhunderte mühsam aufgebaut haben, ist vor drei Jahrzehnten innerhalb weniger Monate leichtfertig verspielt worden. (Überflüssig zu erwähnen, wem allein er die Schuld am Zerfall der Sowjetunion, der angeblich größten geopolitischen Katastrophe des 20. Jahrhunderts, gibt.) Das andere Narrativ, das man in Russland aber wohl mittlerweile gar nicht mehr aussprechen darf, ohne dafür gleich hinter Gitter zu wandern, ist hingegen: Was Freiheits- und Demokratiebewegung nach 70 respektive 40 düsteren Jahren endlich erreicht hatten: die triumphale Beseitigung von Zwangsherrschaft und Diktatur in halb Europa, ist in Russland während der beiden vergangenen Dekaden Schritt für Schritt wieder gründlich zurückgedreht worden – und nun soll auch noch das alte Imperium mit aller Macht wieder herbeigebombt werden.

Welch ein erbärmliches Weltbild steckt doch hinter einer politischen Haltung, die den Sinn des menschlichen Lebens heute noch – im 21. Jahrhundert! – in der kriegerischen bzw. spezialoperativen Eroberung möglichst großer Landmassen und der Knechtung ihrer Bewohner erblickt, noch dazu wenn man bereits das flächenmäßig größte Land der Erde ist!, statt sich endlich einmal um die Verbesserung des Lebensstandards der eigenen Bevölkerung zu bemühen, die weiterhin perspektivlos in einer rückständigen und hochkorrupten Günstlingswirtschaft sondergleichen feststeckt. Was für eine Lichtgestalt hingegen war doch vor dreieinhalb Dekaden der Glasnost- und Perestroika-Generalsekretär, der mehr als hundert Millionen Menschen in die Freiheit entließ und uns Deutschen den Fall der Mauer sowie die friedliche Revolution und Wiedervereinigung ermöglichte.

Doch hat die jahrelange Putinsche Gehirnwäsche ihre Wirkung bei seinen Untertanen offenbar nicht verfehlt: Der mit Abstand Unbeliebteste unter allen russischen und sowjetischen Führern ist dort – seit Jahren unverändert – Michail Gorbatschow, der ja das stolze Großreich ruiniert hat. Der Beliebteste dagegen ist – ebenfalls schon seit langen Jahren – Josef Stalin (1878-1953), der je nach Zählweise bis zu 60 Millionen (!) Bürger seines Landes um die Ecke gebracht hat, übrigens überwiegend Mitglieder der Kommunistischen Partei, also seine eigenen Anhänger. Und seinen einzigen „Erfolg“, den militärischen Sieg über Hitler-Deutschland im 2. Weltkrieg, nutzte er zu Landraub und Unterjochung anderer Völker in allergrößtem Stil. Echt ein toller Typ! Man stelle sich nur einmal vor, in Deutschland hielte eine Mehrheit Adolf Hitler für den größten Staatsmann aller Zeiten. Wie sagte mein ukrainischer Mieter: Eigentlich bräuchte die russische Bevölkerung eine Umerziehung wie die Deutschen nach dem zweiten Weltkrieg. Dem ist nichts hinzuzufügen. Nur dass leider niemand in Sicht ist, der diese Aufgabe übernehmen könnte.

Und so bleibt es wohl bis auf weiteres dabei, dass im einstigen Land des roten Oktobers nicht das Sein das Bewusstsein bestimmt, sondern die Welt als Wille und Vorstellung.

justament.de, 29.8.2022: So bunt ist der Osten (geworden)

Eine ausgedehnte Sommer-Reise durch die frühere DDR fast 33 Jahre nach dem Mauerfall

Thomas Claer

Mit Gorbatschow in Dessau…

Dem 9-Euro-Ticket sei Dank: Mehr als 20 Orte haben meine Frau und ich in den letzten drei Monaten bereist. Immer als Tagesausflug. Früh morgens in den Zug gestiegen – und am Nachmittag oder Abend wieder zurück nach Berlin. Wir waren zum Bergwandern im Harz, zum Baden in der Ostsee auf Rügen, haben die schönen alten Hafenstädte Wismar und Stralsund besucht, Rostock und Greifswald natürlich auch. Auf den Spuren Fontanes spazierten wir durch Neuruppin, auf den Spuren Tucholskys durch Rheinsberg und auf den Spuren Brechts durch Buckow in der Märkischen Schweiz. Und dann die prächtigen Schlösser und Schlossgärten in Oranienburg und Ludwigslust! Erst jetzt haben wir entdeckt, dass es in Potsdam noch weitaus mehr zu entdecken gibt als Sanssouci, etwa die wunderschönen Gärten auf der Freundschaftsinsel in der Havel oder die Schlösser und Parks in Babelsberg und im Neuen Garten, in welchem sich allein drei Schlösser aus verschiedenen Epochen befinden…

Aber immer sind wir – was gar nicht unbedingt so geplant war – im Osten geblieben. In die alten Bundesländer hätte die Fahrt zu lange gedauert. Wir wollten ja immer auch noch am selben Tag wieder zurück. Na gut, Braunschweig oder Celle wären schon möglich gewesen und ganz sicher auch sehenswert. Doch dafür hat dann leider die Zeit nicht mehr gereicht. Drei Monate vergingen uns wie im Fluge. Was für ein Sommer!

Und so haben wir nun außer all den kulturellen Höhepunkten, von denen viele erst in den letzten zwei Jahrzehnten wieder aufgebaut worden sind, ganz nebenbei auch einen Eindruck davon bekommen, wie stark sich die neuen Bundesländer – offenbar besonders in den letzten Jahren – auch in sozialer Hinsicht merklich zum Besseren gewandelt haben. Das hässliche Wort vom rechten Osten, der lange mit Multikulti gefremdelt hat, wo in den Neunzigern die Flüchtlingsheime brannten und auch später noch dumpfe Ressentiments weit verbreitet waren, es war ja lange traurige Wirklichkeit. Zumindest haben wir es früher immer sofort gespürt, wenn ich mit meiner koreanischen Frau dort unterwegs war. Sobald wir Berlin verlassen hatten, manchmal sogar schon weit östlich innerhalb des Stadtgebiets, bemerkten wir feindselige Blicke in den öffentlichen Verkehrsmitteln, kurzgeschorene junge Männer in Springerstiefeln mit martialischen Tätowierungen. All das gibt es jetzt überhaupt nicht mehr. Zumindest nicht dort, wo wir gewesen sind…

Stattdessen sieht und hört man überall, ob in Stralsund oder Wismar, Dessau oder Halle, zahlreiche Migranten in den Straßen und Zügen. Arabische und afrikanische Familien, Asiaten und Osteuropäer, sie alle gehören mittlerweile ganz selbstverständlich zum Straßenbild – und die Mehrheitsbevölkerung begegnet ihnen mit Gleichmut. Niemand beachtet uns mehr, wenn ich mit meiner Frau unterwegs bin. Internationalität ist im Osten inzwischen genauso normal geworden wie in Berlin oder im Westen – und das haben wir sehr genossen. Es mag in manchen Dörfern der Sächsischen Schweiz oder anderen abgelegenen Regionen noch anders sein, aber nach unserem Eindruck in diesem Sommer ist der Osten fast überall ein lebenswerter Ort für alle und jeden geworden – was für die „innere Einheit“ Deutschlands von nicht zu unterschätzender Bedeutung ist.

… und mit Händel in Halle.

Zehntausende, vielleicht sogar hunderttausende Menschen, ganz überwiegend Jüngere, sind seit der Flüchtlingskrise 2015 in den vormaligen Schrumpfregionen der neuen Bundesländer angesiedelt worden, was denen offensichtlich gut getan hat. Endlich gibt es dort wieder Hoffnung und Perspektiven, finden die Häuser wieder Bewohner, die Schulen wieder Schulkinder, die Betriebe wieder Lehrlinge. Auch die Gastronomie ist längst ebenso weltläufig geworden wie im Westen. Die Asia-Imbisse und Döner-Läden, sie waren die mutigen Pioniere, die sich vereinzelt schon vor mehr als zwanzig Jahren in den „wilden Osten“ gewagt haben, als es dort noch gefährlich war. Nun sind sie die etablierten Platzhalter, ihre Kinder gehören schon zu den Alteingesessenen. Und wer in buntgemischten Schulklassen unterrichtet wird, für den ist das Miteinander von Anfang an eine Selbstverständlichkeit. Vielleicht sind kleine und mittelgroße Städte ja sogar bessere Orte für das Zusammenwachsen unserer Gesellschaft als die Großstädte mit ihrem manchmal fatalen Hang zur Ghettobildung bestimmter migrantischer Milieus…

Nur ein bis heute bestehender Unterschied zwischen Ost und West lässt sich einfach nicht wegdiskutieren: In ostdeutschen Asia-Imbissen gibt es – zumindest in den allermeisten Fällen – leider kein Tofu. Warum nur? Es ist doch so viel gesünder als Fleisch, dazu umweltfreundlicher und schmeckt auch weitaus besser, zumindest uns. Sollten die Ostdeutschen wirklich alle kein Tofu mögen?! Erst wenn sich daran etwas geändert hat, wird die deutsche Einheit vollendet sein.

P.S.: Gerade lese ich, dass die SPD als Nachfolge-Regelung zum 9-Euro-Ticket ein 49-Euro-Ticket vorschlägt. Wenn das wirklich kommen sollte, sage ich zu meiner Frau, dann werden wir wohl bald nur noch unterwegs sein und gar nicht mehr zu Hause…

justament.de, 8.8.2022: Bajuwarischer Schräg-Bläser

Scheiben Spezial: Vor 40 Jahren erschien die erste Platte von Haindling

Thomas Claer

Seine Debüt-Platte hat er noch ganz allein aufgenommen, einfach mehrere Spuren übereinandergelegt, schließlich beherrscht er wohl an die zwanzig Musikinstrumente. Und er benannte sein Erstlingswerk schlicht nach seinem niederbayrischen Wohnort: „Haindling 1“. Später hat Hans-Jürgen Buchner, Jahrgang 1944, dann auch noch wechselnde Begleitmusiker um sich geschart, womit „Haindling“ auch als Band geboren war. Aber im Grunde genommen war und blieb es doch immer ein Ein-Mann-Projekt: Haindling war Buchner und Buchner war Haindling.
Auf eine ganz erstaunliche, nun vier Jahrzehnte währende Karriere kann Haindling mittlerweile zurückblicken, denn wirklich massentauglich ist eine solche Musik – die abenteuerliche Kreuzung aus Jazz und bayrischer Folklore mit oftmals dadaistischen Mundart-Texten und immerhin gelegentlich poppigen Melodien – eigentlich nie gewesen. Aber Buchner, der Querkopf, der musikalische Autodidakt, der bis heute Wert darauf legt, keine Noten lesen zu können, hat etwas, was nur wenige haben: natürliches Charisma. Und hinzu kommt sein ausgeprägter kauziger Humor. Ein Großteil seiner Songtexte basiert auf skurrilen Alltagsgesprächen und -beobachtungen. So heißt es zum Beispiel in seinem Gassenhauer „Er hod g’raucht“(1993):

Du I sog da oans,
I bin a doadkranker Mo
Ja wieso wos is’n los
I bin a doadkranker Mo
Ja steill da amoi vor wos da Dokta zua mia sogt
I derf ibahabt nix mehr heb’n
Ja konnst da Du des vorsteilln,
Des hoasd I derf ja ned amoi an Kastn Bier heb’n
Ja da bin I do koa Mensch mehr, oda?
Und’s Raucha hob I aufkeahd,
Oba I hob jetzt scho wieada ogfangt,
Weil’s ma einfoch schmeckt
Weil’s ma einfoch schmeckt, vastehsd?
Und woasd was I da sog:
Und sollte ich wirklich einmal sterben,
Konn I zumindest oans sogn –
I hob wenigstens g’raucht.

Lautmalerische und rhythmisierende Texte dieser Art verschmelzen bei Haindling förmlich mit ihren musikalischen Gewändern, am eindrucksvollsten vielleicht im Song „Du Depp“ von 1984, einem wahren Meisterwerk dieser Gattung. Und dazu dann immer wieder diese unwiderstehlichen Bläser-Einschübe, bevorzugt mit dem Saxophon.
Auch wenn Haindling dieses hohe Niveau im Laufe der Jahre nicht durchgängig halten konnte, finden sich doch selbst auf den späteren CDs noch immer wieder großartige Perlen, oftmals auch Instrumental-Miniaturstücke („Hühner-Techno“, „Die Tänzerin“, „Mama“). Dass sich Hans-Jürgen Buchner neben seinen regulären Platten-Veröffentlichungen noch ein zweites musikalisches Standbein mit der Komposition von eher seichter Hintergrundmusik für Filme und Vorabendserien des Bayrischen Rundfunks geschaffen hat, sollte ihm niemand verübeln.
Als stärkste Haindling-Platte gilt seine zweite Veröffentlichung „Stilles Potpourri“ (1984) mit den Hit-Singles „Du Depp“ und „Lang scho‘ nimma gsehn“. Aber dicht danach folgt auch schon „Haindling 1“ (1982) mit Höhepunkten wie „Achtung, Achtung“, „Rote Haar“ oder „Erzherzog Johann“. Man kann es sich gut vorstellen, wie Buchner zu jener Zeit noch als Ein-Mann-Kapelle in Kneipen aufgetreten ist…
Seit 13 Jahren hat Haindling nun allerdings schon kein neues Album mehr veröffentlicht. Kein Wunder, ist Hans-Jürgen Buchner doch mittlerweile auch schon Ende siebzig. Doch ans Aufhören denkt er nach eigenen Angaben keineswegs. Vielmehr arbeite er, so verriet er jüngst in einem Interview, nach wie vor an neuem Material. Möge daraus noch ein Haindling-Alterswerk entstehen!

Buchner (Haindling)
Haindling 1
Polydor (Universal Music) 1982
ASIN: B0000084YV

justament.de, 18.7.2022: “Ich stech dich ab, du Scheißhausfotze!”

Recht cineastisch Spezial: 50 Jahre „Rocker“ vom jüngst verstorbenen Klaus Lemke

Thomas Claer

Manches Großartige lernt man leider erst dann richtig kennen, wenn sein Erschaffer ins Gras gebissen hat. Aber lieber spät als nie, wie es bei Shakespeare heißt. Der große Trash-Filmemacher Klaus Lemke (1940-2022), hat neben allerhand genialem Schund, den er offenbar fortwährend so hingeschludert hat, auch ein paar unvergessliche Glanzstücke fabriziert, darunter vor genau einem halben Jahrhundert den Film „Rocker“, der als einer der ersten das deutsche (und vor allem das Hamburger) Rocker-Milieu ziemlich authentisch eingefangen hat. Der Song „Ich bin Rocker“ von Udo Lindenberg kam erst vier Jahre später, noch ein paar Jahre darauf folgten etwa Brösels Werner-Bücher und der erste Otto-Waalkes-Film mit der legendären Szene im „Chrome de la Chrome“ („Werner, stell ihm mal die Frage!“). Das alles kannte ich natürlich, nicht aber das „Original“, worauf sich dann alles Weitere lose bezogen hat. Zwar hatte ich schon oft von Klaus Lemkes „Rocker“ gehört, mir den Film aber aus unerfindlichen Gründen niemals angesehen. Dabei gibt es ihn, wie ich nun festgestellt habe, sogar frei und in voller Länge auf YouTube.
In Lemkes Filmen spielen ja oftmals gar keine richtigen Schauspieler mit, sondern nur auf der Straße angequatschte Laiendarsteller – zuletzt für 50 Euro Tagesgage. So ähnlich war es auch schon bei „Rocker“, der noch heute „Kultstatus“ genießt und regelmäßig in einem Hamburger Kino gezeigt wird, wobei die Zuschauer dabei viele seiner Dialoge mitzusprechen pflegen, die längst zu geflügelten Worten geworden sind („Hast du schon mal gebumst? So wie du aussiehst, hast du schon mal gebumst.“) Vor allem ist der Film auch handwerklich gut gemacht, von der Kameraführung bis zur Dramaturgie. Was hingegen völlig fehlt, ist eine Moral. Auf damalige Betrachter könnte er noch schockierender gewirkt haben als auf heutige. Im hier präsentierten harten Kern des damaligen Hamburger Rocker-Milieus regelt man alles unter sich und mit sehr viel roher Gewalt. Die harmlos-folkloristische Note, die später in die Rocker-Szene einziehen sollte, spielt hier noch keine Rolle. Vielmehr werden die Figuren sehr ernsthaft in ihren mitunter auch existentiellen Nöten gezeigt. Ein Film, den man gesehen haben sollte.

„Rocker“
BRD 1972
Regie: Klaus Lemke
Drehbuch: Klaus Lemke
Darsteller: Hamburger Rocker und sonstige Laiendarsteller

justament.de, 11.7.2022: Elfenklänge aus weißen Holzhäusern

Scheiben Spezial: Vor 30 Jahren erschien das Debüt von „Bobo in White Wooden Houses“

Thomas Claer

Diese Musik passte so richtig gut in die Zeit. Damals, in den frühen Neunzigern, als Indie-Folk sehr en vogue war. Besonders der auf einer irischen Volksweise beruhende Eröffnungssong „Ever the Wind“, aber auch Stücke wie „Wide Awake“ und „Hole in Heaven“ konnten überzeugen und machten aus der selbstbetitelten ersten Platte von „Bobo in White Wooden Houses“ gewissermaßen die Antwort der neuen Bundesländer auf die Rainbirds. Aus heutiger Sicht muss man allerdings einschränken: Nicht alle Lieder auf dem Debütalbum sind gleichermaßen gut gealtert – wohl aber lässt sich dies von der bezaubernden Sängerin und Bandleaderin Bobo (bürgerlich Christiane Hebold, Pfarrerstochter aus Gräfenhainichen in Sachsen-Anhalt) sagen, die auch noch mit Mitte fünfzig wie ein junges Mädchen wirkt und mit elfengleicher Stimme unvermindert ihr Publikum in ihren Bann zieht.

Dabei hatte sich schon wenige Jahre nach ihrem furiosen Start ein tragischer Schatten über die Band gelegt: Gitarrist Frank Heise, mit dem Bobo auch privat liiert war, beging 1995 Suizid – und hinterließ eine ratlose Band, die nun nicht mehr weitermachen konnte. Nach nur drei Platten, von denen insbesondere auch die elektronisch ausgerichtete „Cosmic Ceiling“ (1995) gefallen konnte, war vorläufig Schluss. Fortan widmete sich Bobo verschiedenen Kooperationen, von denen man ihr insbesondere jene mit Rammstein (1997/98) nicht zu sehr vorwerfen sollte, denn schließlich war sie jung und verwitwet und brauchte offensichtlich auch das Geld…

Mitte der Nullerjahre kam es aber dann doch zur gefeierten Wiederauferstehung von „Bobo in White Wooden Houses“ in neuer Besetzung. Parallel dazu gründete Bobo das Projekt „Bobo und Herzfeld“, das sich der experimentellen Interpretation deutscher Volkslieder wie auch der Vertonung klassischer deutscher Dichtung widmet, was Bobos glockenhelle Stimme auf gewohnt anmutige Weise zur Geltung bringt. Seitdem sind mehrere neue Alben sowohl von den „White Wooden Houses“ als auch von „Bobo und Herzfeld“ erschienen. Kurzum, Bobo geht auch noch nach drei Jahrzehnten ihren Weg – mit und ohne weiße Holzhäuser.

Bobo in White Wooden Houses
Bobo in White Wooden Houses
Pilgrim Records / Polydor (Universal Music) 1992
ASIN: B00000ASYQ

justament.de, 13.6.2022: Mehr als eine Jugendsünde

Vor zehn Jahren erschien „Herz aus Gold“, das Debüt von „Die Heiterkeit“

Thomas Claer

Je älter man wird, desto schwieriger ist es bekanntlich, noch irgendetwas zu finden, das einen vom Hocker reißt. Man denkt dann: Seltsam, früher gab es so unendlich viel aufregende Musik, und die Helden von einst findet man ja auch weiterhin gut – oftmals sogar das, was sie heute noch fabrizieren. Aber unter den Newcomern der, sagen wir, letzten zwei Jahrzehnte, da ist doch kaum noch etwas Interessantes dabei gewesen. Und das, obwohl ich mich doch nun wirklich bemüht habe: Sobald mal wieder im Feuilleton ein neuer Superstar oder Geheimtipp abgefeiert wurde, habe ich umgehend seinen Namen in die YouTube-Maske eingegeben, um ihn mir mal anzuhören. Aber spätestens nach ein paar Minuten gab ich es in der Regel wieder auf. Selbst an Billie Eilish, der man ein gewisses Charisma in der Tat nicht absprechen kann, vermag ich musikalisch beim besten Willen nichts Erbauliches zu finden. Schwer zu sagen, ob das wirklich am schwachen Niveau der jüngeren Akteure oder eher an der altersbedingt stark nachlassenden Begeisterungsfähigkeit des Rezensenten liegt…

Immerhin drei in den letzten beiden Dekaden angetretene Pop-Musikerinnen, von denen ich große Stücke halte, (aber – warum auch immer – kein einziger männlicher Akteur!) fallen mir noch auf die Schnelle ein: Lana Del Rey, Maike Rosa Vogel und Stella Sommer. Und von letzterer soll hier nun die Rede sein, genauer gesagt vom Frühwerk ihres grandiosen Bandprojekts „Die Heiterkeit“, das aus den beiden Alben „Herz aus Gold“ (2012) und „Monterey“ (2014) besteht. Natürlich muss man wissen, dass sich hinter „Die Heiterkeit“ im wesentlichen auch nur Stella Sommer verbirgt, denn ähnlich wie auf ihren beiden exzellenten späteren Solo-Platten hat sie auch bei „Die Heiterkeit“ nur ein paar Musikerinnen (und nur vereinzelt auch männliche Musiker) um sich geschart, die sozusagen nach ihrer Pfeife tanzen. Und der entscheidende Unterschied zwischen Band- und Solo-Projekt ist auch nur der, dass bei „Die Heiterkeit“ auf Deutsch gesungen wird und bei Stella Sommer solo auf Englisch, aber selbst hiervon gibt es Ausnahmen…

Das Frühwerk von „Die Heiterkeit“ also, für das sich wohl hauptsächlich jene interessieren dürften, die bereits durch die späteren Glanzlichter „Pop & Tod, I +II“ (2016) und insbesondere „Was passiert ist“ (2019) auf den Geschmack gekommen sind… (Wir haben damals jeweils an dieser Stelle darüber berichtet.) Da ist also zunächst einmal das vor genau einem Jahrzehnt erschienene Debüt „Herz aus Gold“, das sich zwar noch nicht unbedingt als künstlerischer Höhepunkt, aber doch zweifellos schon als interessanter Versuch ansehen und anhören lässt. Hier und da gibt es schon recht gelungene Details, doch fehlt oftmals noch das Zündende, vor allem bei den Texten. Man spürt, dass diese Platte weit weniger als alle Folgenden von Stella Sommer dominiert wurde und wie die Musikerinnen hier um ihren Stil ringen, den sie noch nicht vollständig gefunden haben. Musikalisch bestimmen Schrammel-Gitarren das Bild. In den Songtexten herrscht noch eine Art jugendlicher Ironiezwang. Das große Pathos wird, anders vor allem als auf der großartig-opulenten „Was passiert ist“ (2019), noch gescheut. Auch steht Stella Sommers überwältigende Stimme hier noch längst nicht so im Vordergrund, wie es auf ihren späteren Alben der Fall sein wird.

Die interessantere der beiden frühen Platten ist aber „Monterey“. Dort gibt Stella Sommer bereits unverkennbar den Ton an, dominiert das Album auch stimmlich. Und sie versucht sich gleich mehrfach an dem, was später ihre besondere Spezialität werden wird: am elegischen Liebeslied. Der mit Abstand stärkste Song des Albums ist sein letzter, „Pauken und Trompeten“. Er hat bereits alles in sich, was den Heiterkeits-Sound der beiden Nachfolge-Alben ausmachen wird, nicht zuletzt eine betörende Melodie und Rhythmik. Ebenfalls sehr gelungen sind „Wässere mich“ und „Kapitän“, aber auch der Opener „Factory“, während die drei dem Schlusstitel „Pauken und Trompeten“ vorhergehenden jeweils sehr langsamen Stücke sich untereinander so ähnlich sind, dass leichte Ermüdungsreflexe des Zuhörers nur schwer zu vermeiden sind…

Kurzum, im Frühwerk der „Heiterkeit“ wechseln sich Licht und Schatten ab, doch ist es ohne jede Frage eine Entdeckung wert, zumal wenn man – wozu sich der Rezensent hier ausdrücklich bekennen möchte – Stella Sommer und „Die Heiterkeit“ eine große Zukunft prophezeit. Das Urteil lautet: voll befriedigend (10 Punkte) für „Herz aus Gold“ und noch einmal voll befriedigend (12 Punkte) für „Monterey“.

Die Heiterkeit
Herz aus Gold
Staatsakt (H’Art) 2012
ASIN: B0087OR138

Die Heiterkeit
Monterey
Staatsakt (H’Art) 2014
ASIN: B00G756GRS

justament.de, 6.6.2022: War der Szenebezirks-Hype nur eine Blase?

Das Zahlenwerk aus dem aktuellen Wohnmarktreport Berlin unter der Lupe

Thomas Claer

Straßenszene in Neukölln

Nach zwei Jahren gibt es nun endlich wieder einen „Wohnmarktreport Berlin“ mit ausführlichem Zahlenwerk über den Mietmarkt in allen 191 Postleitzahlgebieten unserer Hauptstadt. Im Vorjahr konnte nämlich nur eine beinahe zahlenlose Rumpfversion dieser traditionsreichen jährlichen Studie erscheinen, da es wegen des berüchtigten Berliner Mietendeckels, der mittlerweile vom Bundesverfassungsgericht gestoppt wurde, monatelang kaum noch Mietwohnungsinserate mehr gegeben hatte, die man hätte auswerten können… Vordergründig betrachtet scheint in diesen zwei Jahren aber gar nicht viel passiert zu sein, denn die Median-Miethöhe im gesamten Stadtgebiet ist zwischen 2019 und 2021 um gerade einmal 0,6% von 10,44 Euro auf 10,50 Euro gestiegen. Doch trügt dieser Schein gewaltig, denn schaut man genauer hin, was wir auch diesmal, siehe unten, getan haben, so erkennt man, dass es in den 23 Altbezirken von vor der Gebietsreform, die wir wegen ihrer größeren Genauigkeit abermals als Vergleichsmaßstab herangezogen haben, in den letzten 24 Monaten höchst heterogene Entwicklungen gegeben hat.

Zunächst fällt auf, dass die Innenstadt-Regionen, abgesehen von den massiv positiven Ausreißern Mitte (Alt), Wilmersdorf und südliches Charlottenburg, allesamt signifikante Rückgänge in der Angebots-Miethöhe zu verzeichnen hatten. Besonders gilt dies für die Gentrifizierungs-Lagen Neukölln-Nord und Wedding, die nach jahrelanger steiler Aufwärtsbewegung zuletzt einen erstaunlichen Absturz zu erleiden hatten. So liegen die beiden bisherigen Trend-Lagen inzwischen gerade einmal noch an der Oberkante des unteren Drittels aller Altbezirke. Einen fulminanten Sprung nach oben haben dafür mehrere vornehmlich östliche Peripherie-Bezirke hingelegt: Um fast schon sensationelle zweistellige Prozentsätze nach oben ging es in Treptow, Köpenick, Pankow, Hellersdorf und – ganz besonders – Weißensee, das mit einem Anstieg um 13,8% diesmal den Vogel abgeschossen hat.

Was ist da los?, so fragt man sich irritiert, und kommt nach einiger Überlegung auf mindestens drei mögliche Auslöser dieser bemerkenswerten Bewegungen. Zunächst einmal dürfte die im Beobachtungszeitraum grassierende Corona-Pandemie mit dafür gesorgt haben, dass Wohngebiete außerhalb der engen und überlaufenen Zentrallagen tendenziell an Beliebtheit gewonnen haben, während das Zentrum einen entsprechenden Bedeutungsverlust hinnehmen musste. Ausgenommen hiervon waren aber offenbar besonders repräsentative Lagen (Mitte sowie rund um den Ku’damm), die sogar teilweise noch deutlich anziehen konnten. Im relativen Abstieg der Szenebezirke spiegelt sich hingegen das pandemiebedingt stark ausgedünnte Freizeitangebot mit all den geschlossenen Bars und Clubs wider. Insofern sind aber starke Zweifel daran angebracht, ob dieser Trend nachhaltig ist, denn früher oder später dürfte der Party-Orkan in den Szenebezirken wieder anschwellen. Noch dazu könnten die mittlerweile kriegsbedingt und vermutlich auch auf lange Sicht höheren Transport- und Energiekosten dafür sorgen, dass sich die vorübergehende Tendenz zu großen Immobilien am Stadtrand (oder sogar außerhalb der Städte) rasch wieder umkehren wird.

Ein weiterer wichtiger Einflussfaktor liegt vermutlich im zunehmenden Wohnungs-Neubau in vielen östlichen Peripherie-Bezirken. Auch wenn nur ein geringerer Teil dieser Neubau-Projekte überhaupt Mietwohnungen beinhaltet und von diesen auch noch ein erheblicher Anteil zu öffentlich vorgeschriebenen Niedrigmieten vermietet werden muss, hat selbst dieses regulatorisch ausgebremste zusätzliche Wohnungsangebot wegen des Basiseffekts der überwiegend sehr niedrigen Bestandsmieten enorme Auswirkungen auf die gemessene Höhe der Angebotsmieten.
Schließlich lässt sich als dritter bedeutsamer Einflussfaktor die zunehmende politische Regulierung des Berliner Mietmarktes mit entsprechenden Ausweichreaktionen von der Vermieterseite ausmachen. Spätestens die lange Hängepartie mit dem schließlich vom Bundesverfassungsgericht als verfassungswidrig eingestuften Mietendeckel, um von zahllosen weiteren aktuell diskutierten Regulierungsvorschlägen gar nicht zu reden, dürfte einen nicht geringen Teil zumindest der Berliner Kleinvermieter zur strikten Vermeidung von unbefristeten Mietverträgen getrieben haben. Und nur solche Standard-Mietvertrags-Angebote werden für den Wohnmarktreport mitgezählt, nicht aber die gerade in den zentralen Lagen immer beliebter werdenden kurz- oder mittelfristigenmöblierten Vermietungen, deren Preisniveau in der Regel weitaus höher liegt.

Kurzum, trotz aller beschriebener Unschärfen liefert der aktuelle Wohnmarktreport wieder ein aufschlussreiches Bild – besonders für diejenigen, die zwischen den Zahlen zu lesen verstehen…

Wohnkosten in Berliner Bezirken (Angebotskaltmiete pro qm) gem. Wohnmarktreport 2021 (2019) nach Alt-Bezirken:

1. (1.) Mitte (Alt) 17,14 (15,47) +10,8% alternativ/repräsentativ
2. (4.) Wilmersdorf 14,21 (13,11) +8,4% großbürgerlich/bürgerlich
3. (3.) Friedrichshain 13,88 (13,28) +4,5% alternativ/lebendig
4. (2.) Tiergarten 13,85 (13,47) +2,8% gemischt/lebendig
5. (5.) Prenzlauer Berg 12,99 (13,04) -0,4% alternativ/neubürgerlich
6. (6.) Kreuzberg 12,62 (12,96) -2,6% alternativ/lebendig
7. (7.) Charlottenburg 12,58 (12,37) +1,7% großbürgerlich/lebendig
8. (9.) Zehlendorf 12,26 (11,54) +6,2% großbürgerlich/bürgerlich
9. (13.) Treptow 11,63 (10,31) +12,8% proletarisch/lebendig
10. (8.) Schöneberg 11,62 (12,07) -3,7% bürgerlich/lebendig
11. (14.) Pankow 11,34 (10,30) +10,1% bürgerlich/lebendig
12. (15.) Köpenick 10,87 (9,86) +10,2% bürgerlich/proletarisch
13. (18.) Weißensee 10,82 (9,51) +13,8% bürgerlich
14. (12.) Steglitz 10,52 (10,42) +1,0% bürgerlich/kleinbürgerlich
15. (10.) Wedding 10,17 (11,37) -10,6% proletarisch/lebendig
16. (11.) Neukölln 9,94 (10,52) -5,5% alternativ/proletarisch
17.(16.) Tempelhof 9,72 (9,62) +1,0% kleinbürgerlich/bürgerlich
18. (21.) Hellersdorf 9,42 (8,65) +8,9% proletarisch/gemischt
19. (17.) Lichtenberg 9,36 (9,60) -2,5% proletarisch/kleinbürgerl.
20. (19.) Reinickendorf 9,24 (9,25) -0,1% kleinbürgerlich/bürgerlich
21. (20.) Spandau 8,73 (8,81) +0,9% kleinbürgerlich/lebendig
22. (23.) Marzahn 7,78 (7,74) +0,5% proletarisch/gemischt
23. (22.) Hohenschönhausen 7,43 (8,23) -9,7% proletarisch/gemischt

Quelle: Wohnmarktreport Berlin 2022 (Berlin Hyp und CBRE) und eigene Berechnungen.

Informationen: https://www.cbre.de/de-de/research/CBRE-Berlin-Hyp-Berlin-Wohnmarktreport-2022