Author Archive: thomyc

www.justament.de, 16.4.2018: Wie geht es weiter?

Der aktuelle Berliner Wohnmarktreport lässt die entscheidende Frage offen

Thomas Claer

Wohnhaus in Berlin-Marzahn (Foto: TC)

Schon seit fast einem Jahrzehnt geht es aufwärts mit den Berliner Mieten und Immobilienpreisen. Wie ein Märchen aus längst vergangener Zeit wirkt es da, wenn noch manchmal erzählt wird, wie es früher so war in Berlin, damals in den Nullerjahren, als die Stadt noch „arm, aber sexy“ war. In gewissen Kreisen wurde man da streng nach seinem Wohnbezirk beurteilt: Moabit? Voll assi. Wedding? Das ging ja gar nicht. Und erst Neukölln: Oh mein Gott, wie uncool. Da konnte man ja gleich in die bürgerlichen Spießer-Gegenden am Stadtrand ziehen. Oder noch schlimmer: in die Plattenbau-Wüsten in Marzahn oder Hellersdorf. Es gab eigentlich jede Menge unmögliche Gegenden, wo man seinerzeit auf gar keinen Fall wohnen durfte. Neutral waren vielleicht noch Schöneberg oder Charlottenburg. Aber so richtig angesagt, das waren eigentlich nur Prenzlauer Berg, Friedrichshain, Mitte und Teile von Kreuzberg. Dort pulsierte das Leben. Wenn man heute an jene Zeiten erinnert, in der die Wohnungssuche kein Problem und der Distinktionsgewinn alles war, dann wird man mittlerweile angeguckt, wie früher Opa, wenn er aus den Schützengräben und von der Ostfront erzählte. Wer heute eine bezahlbare 1-Zimmer-Mietwohnung in Marzahn, Spandau oder, sagen wir, Alt-Mariendorf gefunden hat, kann sich mehr als glücklich schätzen – und niemand reißt mehr dumme Sprüche über ihn. Die früheren sozialen Brennpunkte in Wedding und Nord-Neukölln sind längst zu heiß begehrten und sündhaft teuren City-Lagen mutiert. So liest sich denn auch der aktuelle Berliner Wohnmarktreport, der die Entwicklung der Angebotsmieten bis Ende 2017 abbildet, wie ein Stück lokale Wirtschafts- und Sozialgeschichte, besonders wenn man sich die Entwicklung der letzten neun Jahre ansieht (siehe Grafik). So zahlt man heute als Mieter im Norden von Neukölln schon bald das Zweieinhalbfache der Angebotsmieten von 2008, im Wedding beinahe das Doppelte!

Nein, die alten Zeiten, die doch eigentlich noch gar nicht so lange her sind, werden wohl nicht mehr wieder zurückkommen. Wer heut kein Haus hat, um es mit Rilke zu sagen, kauft sich keines mehr, jedenfalls nicht in Berlin, wo die Kaufpreise für bezugsfreie Immobilien in den letzten Jahren noch weitaus stärker explodiert sind als die Mieten. Oder sollte man es vielleicht doch noch wagen? Das fragen sich zumindest alle, die bisher noch nicht zum Zuge gekommen sind, und die sich nun überlegen, ob sie lieber schnell zugreifen, bevor es noch teurer wird, oder nicht doch besser noch das Platzen der aktuellen Blase abwarten sollten. Fragt man die Experten, so geben sie hierauf Antworten, wie sie entgegengesetzter kaum sein könnten: Das Meinungsspektrum reicht von „bis zu 35 Prozent Überbewertung“ bis zu „noch reichlich Luft nach oben“. So bleibt am Ende nur die Erkenntnis: Hinterher ist man klüger. Aber erst dann.

Wohnkosten in Berliner Bezirken (Angebotskaltmiete pro qm) gem. Wohnmarktreport 2017 (2008) nach Alt-Bezirken

1. Mitte (Alt) 14,43 (9,54) +51,3% alternativ/repräsentativ
2. Prenzlauer Berg 11,84 (7,32) +61,7% alternativ/neubürgerlich
3. Friedrichshain 11,83 (6,60) +79,2% alternativ/lebendig
4. Kreuzberg 11,73 (6,37) +68,6% alternativ/lebendig
5. Wilmersdorf 11,50 (8,06) +42,7% großbürgerlich/bürgerlich
6. Tiergarten 11,39 (6,33) +79,9% gemischt/lebendig
7. Charlottenburg 11,03 (7,24) +52,3% großbürgerlich/lebendig
8. Schöneberg 10,85 (7,24) +49,9% bürgerlich/lebendig
9. Zehlendorf 10,60 (7,94) +33,5% großbürgerlich/bürgerlich
10. Wedding 10,05 (5,26) +91,1% proletarisch/neualternativ
11. Neukölln 9,92 (5,23) +89,7% neualternativ/proletarisch
12. Pankow 9,48 (6,28) +51,0% bürgerlich/lebendig
13. Steglitz 9,48 (6,45) +47,0% bürgerlich/kleinbürgerlich
14. Treptow 9,39 (5,53) +69,8% proletarisch/lebendig
15. Lichtenberg 9,33 (5,50) +56,5% proletarisch/kleinbürgerl.
16. Weißensee 8,96 (5,50) +62,9% bürgerlich
17. Köpenick 8,77 (6,14) +42,8% bürgerlich/proletarisch
18. Tempelhof 8,71 (5,82) +49,7% kleinbürgerlich/bürgerlich
19. Reinickendorf 8,47 (5,76) +47,0% kleinbürgerlich/bürgerlich
20. Hohenschönhausen 8,46 (5,96) +41,9% proletarisch/gemischt
21. Spandau 7,96 (5,43) +46,6% kleinbürgerlich/lebendig
22. Hellersdorf 7,70 (5,30) +35,9% proletarisch/gemischt
23. Marzahn 7,22 (4,85) +48,9% proletarisch/gemischt

Top 30 der Postleitzahlbezirke nach Höhe der Angebotskaltmiete pro qm 2017 (2008)

1. 10115 Chausseestraße (Mitte) 15,00 (8,40) +78,6%
2. 10117 Unter den Linden (Mitte) 14,98 (12,60) +18,9%
3. 10785 Potsdamer Platz / Lützowstr. (Tiergarten) 14,50 (7,80) +85,9%
4. 10179 Jannowitzbrücke (Mitte) 14,18 (7,40) +91,6%
5. 10119 Rosenthaler Platz (Mitte) 14,00 (9,00) +55,6%
6. 10178 Hackescher Markt/ Alexanderplatz (Mitte) 14,00 (10,30) +35,9%
7. 10623 Savignyplatz (Charlottenburg) 12,95 (9,00) +43,9%
8. 10963 Kreuzberg-West / Möckernbrücke (Kreuzberg) 12,94 (6,70) +93,1%
9. 10777 Viktoria-Luise-Platz (Schöneberg) 12,87 (7,60) +69,3%
10. 14193 Grunewald (Wilmersdorf) 12,71 (10,60) +19,9%
11. 10435 Kollwitzplatz (Prenzlauer Berg) 12,67 (8,60 ) +47,3%
12. 10405 Prenzlauer Allee (Prenzlauer Berg) 12,51 (7,80) +60,4%
13. 10707 Olivaer Platz / Kurfürstendamm (Wilmersdorf) 12,50 (8,40) +48,8%
14. 10719 Ludwigkirchplatz/ Kurfürstendamm (Wilmersdorf) 12,50 (9,70) +28,8 %
15. 10245 Ostkreuz / Boxhagener Platz (Friedrichshain) 12,48 (6,80) +83,5%
16. 14195 Dahlem (Zehlendorf) 12,40 (9,40) +31,9%
17. 10437 Helmholtzplatz (Prenzlauer Berg) 12,25 (7,70) +59,1%
18. 12055 Richardplatz (Neukölln) 12,22 (5,00) +144,4%
19. 10627 Westliche Kantstr./ Bismarckstr. (Charlottenburg) 12,04 (6,60) +82,4%
20. 10629 Sybelstraße/ Kurfürstendamm (Charlottenburg) 12,03 (9,00) +33,7%
21. 10711 Halensee (Wilmersdorf) 12,02 (7,70) +56,1%
22.10967 Graefestraße (Kreuzberg) 12,00 (6,30) +90,5%
23. 10247 Samariterstraße (Friedrichshain) 12,00 (6,40) +87,5%
24. 10961 Gneisenaustraße (Kreuzberg) 12,00 (6,80) +76,5%
25. 14057 Lietzensee (Charlottenburg) 12,00 (7,60) +57,9%
26. 10439 Arnimplatz (Prenzlauer Berg) 11,99 (6,50) +84,5%
27. 10787 Bahnhof Zoo/ Kurfürstenstraße (Tiergarten) 11,94 (8,30) +43,9%
28. 12045 Sonnenallee Nord (Neukölln) 11,88 (5,20) +128,5%
29. 10789 Tauentzienstr. / Kurfürstendamm (Wilmersdorf) 11,88 (9,10) +30,5%
30. 10625 Karl-August-Platz / Wilmersdorfer Str. (Charlottenburg) 11,81 (7,50) +57,5%

Gebiete mit dem stärksten Anstieg der Angebotskaltmieten im Neunjahreszeitraum

1. 12055 Richardplatz (Neukölln) 12,22 (5,00) +144,4%
2. 12053 Rollbergstraße (Neukölln) 11,64 (4,90) +137,6%
3. 12049 Hermannstraße West /Reuterkiez (Neukölln) 11,70 (5,10) +129,4%
4. 12045 Sonnenallee Nord (Neukölln) 11,88 (5,20) +128,5%
5. 12051 Hermannstraße Süd (Neukölln) 11,22 (5,00) +124,4%
6. 12043 Rathaus Neukölln (Neukölln) 11,10 (5,00) +122,0%
7. 12059 Weigandufer (Neukölln) 10,92 (5,00) +118,4%
8. 13355 Humboldthain/ Brunnenviertel (Wedding) 10,92 (5,00) +118,4%
9. 12047 Maybachufer („Kreuzkölln“) (Neukölln) 11,72 (5,50) +113,1%
10. 13347 Nauener Platz (Wedding) 10,50 (5,10) +105,9%
11. 10553 Beusselstraße (Moabit/Tiergarten) 10,21 (5,10) +100,2%
12. 13359 Soldiner Straße (Wedding) 9,41 (4,70) +100,2%
13. 13351 Rehberge (Wedding) 10,00 (5,00) +100,0%
14. 13351 Rehberge (Wedding) 10,00 (5,00) +100,0%
15. 10551 Birkenstraße (Moabit/Tiergarten) 10,75 (5,40) +99,1%
16. 13357 Gesundbrunnen (Wedding) 10,03 (5,10) +96,7%
17. 10963 Kreuzberg-West / Möckernbrücke (Kreuzberg) 12,94 (6,70) +93,1%
18. 10179 Jannowitzbrücke (Mitte) 14,18 (7,40) +91,6%
19. 10967 Graefestraße (Kreuzberg) 12,00 (6,30) +90,5%
20. 12439 Niederschöneweide (Treptow) 9,70 (5,10) +90,2%
21. 12526 Bohnsdorf (Treptow) 10,00 (5,30) +88,7%
22. 10999 Görlitzer Park (Kreuzberg) 11,69 (6,20) +88,5 %
23. 10247 Samariterstraße (Friedrichshain) 12,00 (6,40) +87,5%
24. 10559 Stephanstraße (Moabit/Tiergarten) 9,91 (5,30) +87,0%
25. 12347 Britz-West (Neukölln) 8,53 (5,10) +86,9%
26. 10827 Crellestraße/Kleistpark (Schöneberg) 11,00 (5,90) +86,4%
27. 10315 Friedrichsfelde-Nord (Lichtenberg) 9,50 (5,10) +86,3%
28. 10785 Potsdamer Platz/ Lützowstr. (Tiergarten) 14,50 (7,80) +85,9%
29. 10555 Alt-Moabit-West (Tiergarten) 10,96 (5,90) +85,8%
30. 10439 Arnimplatz (Prenzlauer Berg) 11,99 (6,50) +84,5%
31. 12057 Sonnenallee Süd/ Grenzallee (Neukölln) 9,22 (5,00) +84,4%
32. 10367 Am Stadtpark (Frankfurter Allee/Lichtenberg) 9,92 (5,40) +83,7%
33. 10245 Ostkreuz Boxhagener Platz (Friedrichshain) 12,48 (6,80) +83,5%
34. 10969 Prinzenstraße (Kreuzberg) 11,00 (6,00) +83,3%
35. 10997 Wrangelstraße / Paul-Lincke-Ufer (Kreuzberg) 11,50 (6,30) +82,5%

Quelle: Wohnmarktreport Berlin (Berlin Hyp & CBRE) / eigene Berechnungen

Advertisements

www.justament.de, 26.3.2018: Weltretten in 45 Minuten

Mike Rosa Vogel auf ihrem fünften Album „Alles was ich will“

Thomas Claer

Bei Maike Rosa Vogel ist eigentlich alles wie immer. Mit dem ersten Song ihres neuen Albums, „Es ist ganz leicht“, geht es ja schon los… Wieder einmal werden Behauptungen fern jeder Empirie losgetreten, wonach alle Menschen einfach nur möglichst viel miteinander teilen müssten, um glücklich zu sein, und zur Erfüllung einfach nur mehr lieben sollten, statt einander zu hassen. (Warum tun die Menschen dann aber so oft genau das Gegenteil, wenn es angeblich so einfach ist?) Wohl jedem und jeder anderen, der oder die so etwas sänge oder sagte, würde man ein beträchtliches Maß an Naivität oder, schlimmer noch, an Verlogenheit bescheinigen. Doch es ist seltsam: Kommen solche Worte aus Maike Rosa Vogels schönem Mund, werden sie von ihrer warmen, trotzigen Mädchenstimme mit Inbrunst in die Welt geschleudert, wird auf der Stelle all das Fragwürdige und Bedenkliche wahr und richtig. Und es besteht ja auch kein Zweifel daran: In einer Welt aus lauter Maike Rosa Vogels gäbe es alle diese schrecklichen Dinge nicht mehr, die uns tagtäglich das Leben zur Hölle machen. Kurz gesagt, auf einer intellektuellen Ebene ist dieser Songwriterin also keineswegs beizukommen. Vielmehr ist auch „Alles was ich will“, ihr mittlerweile fünftes Album, das wie die Vorgänger-CD im Eigenverlag erschienen ist, eine Ausgeburt an feuriger Emotionalität. Man wird sie dafür lieben oder hassen. Wir haben uns natürlich längst entschieden… Auch musikalisch kann das neue Album trotz seines erkennbar spartanischen Herstellungsverfahrens (auf eine Band wird ganz verzichtet) ohne weiteres mit den vorzüglichen Maike-Scheiben der vergangenen Jahre mithalten. Im weiteren Verlauf der Platte finden sich auch diesmal wieder grandiose Popsongs wie „Liebe geht nie“ oder die Lokal-Hymne „Wirklich in Berlin“. Und besonders gelungen sind nicht zuletzt einige sehr melancholische Stücke. Auch wie Maikes lyrisches Alter Ego über seine Ängste und Paranoia berichtet, ist großartig.
Nun könnte man sich allerdings die Frage stellen, wie lange diese, wie soll man sagen?, diese Masche mit dem doch sehr jugendlich anmutenden Charme dieser Künstlerin so noch funktionieren wird. Immerhin tritt sie demnächst schon in ihr viertes Lebensjahrzehnt ein, was zwar noch kein Alter ist, und andere sind in noch weit fortgeschritteneren Jahren noch viel infantiler. Aber wird nicht diese Mädchen-Nummer irgendwann doch an ihre Grenzen stoßen? Doch auch darauf hat Maike Rosa Vogel auf dieser Platte eine überzeugende Antwort: „Jedes Mädchen kann sein wie Yoko Ono“ heißt ein Song, der schon mal klarstellt, wer die Vorbilder sind. Und der Umkehrschluss gilt hier natürlich erst recht: Jede Künstlerin (und warum nicht gleich jeder Mensch?) darf und soll so naiv und kindisch sein, wie sie oder er es für richtig hält, notfalls auch noch mit weit über 80 wie Yoko Ono. Unser Urteil lautet auch diesmal: voll befriedigend (12 Punkte).

Maike Rosa Vogel
Alles was ich will
Eigenvertrieb 2017
www.maikerosavogel.com

www.justament.de, 19.2.2018: Der aus dem Reihenhaus

Tocotronic auf ihrer zwölften Platte „Die Unendlichkeit“

Thomas Claer

Das Problem bei Tocotronic ist: Ihr Sänger Dirk v. Lowtzow hat einen weichen, mitunter larmoyanten Gesangsstil. Das passt sehr gut (kontrapunktisch) inmitten eines lärmenden Gitarrensounds, und noch besser passte es in Verbindung mit jugendlicher Unbekümmertheit (oder auch jugendbedingter Bekümmertheit) und sehr direkten, griffigen, parolenhaften Texten wie auf den ersten Tocotronic-Alben vor zwei Jahrzehnten. Weit weniger gut passt dieser Gesangsstil allerdings zu glatten, überproduzierten Songs mit abstrakten Texten. Und hier war bereits das weiße Album aus dem Jahr 2000 mit Songzeilen wie „Eines ist jetzt sicher/ Eins zu eins ist jetzt vorbei“ eine Art Sündenfall, von dem sich die Band bis heute nicht erholt hat. Denn das textliche „Eins zu eins“ konnten und können sie entschieden besser. Zwar gab es auch in den Jahren danach immer mal wieder Höhepunkte: „Pure Vernunft darf niemals siegen“ (2005) war nicht ganz schlecht, sogar recht ansprechend war das Album „Kapitulation“ (2007) mit musikalischen Anklängen an The Smiths / Morrissey (wobei sich letzterer längst in einer ähnlichen künstlerischen Falle wie Tocotronic befindet, um von seinen aktuellen politischen Verirrungen gar nicht erst zu reden). Auch „Wie wir leben wollen“ (2013) hatte gelungene Momente. Doch hätten diese Platten – wie eigentlich alle Tocotronic-Veröffentlichungen seit dem Jahr 2000 – weitaus mehr überzeugt, wären sie ohne all den überflüssigen Zuckerguss, gleichsam in der Garage eingespielt worden. Mit Tocotronic ist es wie mit einer alten Geliebten, die man gelegentlich noch trifft und die einem in immer neuen und aufwendigeren Outfits und Zurechtmachungen begegnet; dabei hätte man sie doch viel lieber pur und ungeschminkt.

Das neue, inzwischen zwölfte Album der Band, „Die Unendlichkeit“, stellt nun immerhin einen Schritt in die richtige Richtung dar. In jedem Falle gilt dies inhaltlich, denn diese Platte ist eine Art gesungene Autobiographie des Sängers Dirk v. Lowtzow. In chronologischer Reihenfolge erzählen die Songs dieser Platte von Lowtzows Werdegang, und das fast so direkt und unverblümt wie früher, wenn auch (natürlich) leider nicht mehr so unbekümmert wie im Frühwerk der Band. Und die Texte lassen tief blicken, berichten von den schweren Anfängen dieser Künstlerexistenz. Nicht etwa in einem Schloss, wie man glauben könnte, oder wenigstens in einem angesagten Szeneviertel einer Großstadt ist dieser spätere Coolness-Trendsetter aufgewachsen, nein – horribile dictu – in einem Reihenhaus in einer süddeutschen Kleinstadt. Auch der anschließende Studienort Freiburg kommt auf dem Album nicht gut weg und wird als „Schwarzwaldhölle“ geschmäht. Die Erlösung wird dann im Song „1993“ beschrieben bzw. besungen: das Ankommen in Hamburg – und in der dortigen „Schule“, versteht sich. Der spätere Ortswechsel nach Berlin war dann nur noch das Sahnehäubchen.
Musikalisch lässt „Die Unendlichkeit“ ebenfalls einen Aufwärtstrend erkennen. Solides Songwriting, eingängige Melodien. Nur leider haben sie sich auch diesmal in der Produktion verhoben und dadurch einmal mehr ihre Musik verschlimmbesssert. „Alles, was ich immer wollte, war alles“ heißt es im letzten Song. Dabei wäre weniger wirklich mehr gewesen. Jeder Albumtitel soll im musikalischen Gewand seiner jeweiligen Zeit erscheinen und ist zu diesem Zwecke endlos durch diverse Studio-Klangmühlen gedreht worden. Nun ja, irgendwie müssen sie die Millionen-Einnahmen aus ihren Plattenverkäufen wohl auch wieder unter das Volk bringen…

Was allerdings unerträglich ist, ist das ausufernde Geschwätz der Musikpresse und der Feuilletons über diese angeblich so kluge Band und ihren „Diskursrock“. Man tut den Tocos sicherlich keinen Gefallen damit, sie zu tiefsinnigen Intellektuellen aufzublasen. „Es ist einfach Rockmusik“ heißt ein Songtitel aus den frühen Jahren. Das trifft es besser. Das Urteil lautet: voll befriedigend (10 Punkte).

Tocotronic
Die Unendlichkeit
Vertigo Berlin 2017
ASIN: B0775ZP3VC

www.justament.de, 29.1.2018: Nur drei Bundesrichter aus dem Osten

Elitenforschung: Ostdeutsche in Spitzenpositionen extrem unterrepräsentiert

Thomas Claer

Vor einigen Wochen auf einer Veranstaltung zum Thema „100 Jahre Oktoberrevolution“. Interessante Vorträge von Historikern und Politikwissenschaftlern, älteren und jüngeren, Männern und Frauen. Aber niemand von ihnen stammt selbst aus den neuen Bundesländern. Sollten Ostdeutsche also an der wissenschaftlichen Erforschung der eigenen biographischen Hintergründe wenig interessiert sein? Wohl kaum, es muss wohl an der generell schwachen Repräsentanz des Ostens in der Professorenzunft liegen. Und nicht nur dort. Auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen sieht es, so das Ergebnis einer Untersuchung des Soziologie-Professors Raj Kollmorgen von der Hochschule Zittau-Görlitz, hierzulande ähnlich aus: Immerhin ca. 17 Prozent der gesamtdeutschen Bevölkerung wurden in Ostdeutschland geboren, doch nur 2,8 Prozent der Inhaber von Spitzenpositionen in Wirtschaft, Politik und Verwaltung stammen aus dem Osten. Von 190 Vorständen der DAX-Konzerne haben gerade einmal drei eine DDR-/Post-DDR-Vergangenheit. Noch krasser ist das Missverhältnis in der Justiz: Nur ganze drei von 457 Bundesrichtern kommen aus dem Osten, was einer Quote von deutlich unter einem Prozent entspricht. Bei den Generälen der Bundeswehr sind es 0,5 Prozent. Selbst Migranten und Flüchtlinge schneiden kaum schlechter ab als Ostdeutsche.

Wirklich überraschend sind diese Zahlen nicht. Wer etwa eine wissenschaftliche Karriere anvisiert, muss sich schließlich auf dem Weg zur Professur mit einem jahrelang äußerst prekären Status bescheiden: finanziell einerseits und durch die ausgedehnte persönliche Abhängigkeit vom akademischen Förderer andererseits. Und das bei ungewissem Ausgang. Dieses Wagnis nehmen offenbar eher Westdeutsche mit gesichertem wirtschaftlichem Hintergrund in Kauf. Ostdeutsche haben durchschnittlich ein weitaus geringeres Vermögen als Westdeutsche, ihnen fehlt es aber häufig auch an Mut und Risikobereitschaft sowie vor allem an Selbstbewusstsein und Durchsetzungskraft. Das, was der Soziologe Pierre Bourdieu in Frankreich festgestellt hat (popularisiert zum Beispiel durch den Film „Ziemlich beste Freunde“), lässt sich auch auf die Sozialisation im Westen und Osten Deutschlands übertragen: Es bestehen spezifische kulturelle Codes, die sogenannten feinen Unterschiede. Doch während es in Frankreichs Oberschicht nicht zuletzt ein alter elitärer Standesdünkel ist, der alle anderen ausgrenzt, die Kenntnis von klassischer Literatur, Malerei, Musik und guter Küche in Verbindung mit guten Manieren, sind (west-)deutsche Eliten überwiegend Parvenüs, erst in der Nachkriegszeit zu Macht und Reichtum gelangt. Kennzeichnend für sie ist eher eine burschikose Kumpelhaftigkeit unter Ihresgleichen und eine rüpelhafte Schroffheit gegenüber anderen. Wer hingegen das ostdeutsche Erziehungssystem durchlaufen hat, ist vor allem auf Disziplin und Gehorsam konditioniert und kann die bestehenden Defizite an Selbstsicherheit und Ichbewusstsein später zumeist nicht mehr aufholen.

Mehr Informationen: http://www.spiegel.de/video/ostdeutschland-eliten-kommen-aus-dem-westen-video-1823346.html

www.justament.de, 22.1.2018: Achim Reichels wilde Jahre

Eine opulente Box mit 10-CDs und Begleitbuch über „A.R & Machines“ aus den frühen Siebzigern

Thomas Claer

Was für ein Geschenk! Und das sage ich trotz des stolzen Anschaffungspreises von mehr als hundert Euro. Denn dieses vor kurzem erschienene einmalige Box-Set ist jeden einzelnen Euro wert – und noch viel mehr als das…

Die Anfänge meiner Begeisterung für Achim Reichels psychedelische Phase liegen in den frühen Neunzigern. Damals als Oberstufenschüler bin ich über den „Spieler“ und „Blues in Blond“ aus den Achtzigern irgendwann auf „Klabautermann“ und die „Regenballade“ aus den Siebzigern gekommen. Und so musste ich früher oder später natürlich auch auf die – schon sehr exzentrische – „Grüne Reise“ stoßen, die für mich ein regelrechtes Erweckungserlebnis gewesen ist. Doch ging ich seinerzeit zunächst davon aus, dass diese einen einmaligen Ausflug Achim Reichels in spirituell-psychedelische Gefilde darstellte, denn weitere Veröffentlichungen dieser Art von ihm waren nirgendwo zu finden. Für die Jüngeren sei hier ausdrücklich betont: Das Internet war noch nicht erfunden, und Informationen über spezielle Themen wie dieses waren Mangelware.

Was mich aber dann doch stutzig machte, war die lange Zeitspanne zwischen der „Grünen Reise“ (1971) und dem „Shanty Alb’m! (1976). Sollte es in der Zwischenzeit wirklich so gar keinen Output von Achim Reichel gegeben haben? Und dann traute ich meinen Augen kaum, als ich eines Tages in meinem Lieblingsschallplattensecondhandladen bei Bruno in der Bremer Neustadt in der Raritätenkiste ein reichhaltig und geheimnisvoll bebildertes Doppelalbum mit der Aufschrift „Echo“ fand: von Achim Reichel & Machines aus dem Jahr 1972. Mit Songtiteln wie „Im Zauberwald der sieben Sinne“, „Im Irrgarten des Geistes“ oder „Durch fühlbares, messbares Nichts“. Was mich dann aber gehörig schlucken ließ, war der jedenfalls nach meinen damaligen Maßstäben einfach ungeheuerliche Kaufpreis von 70 DM. Ich brauchte einige Tage, um mich schließlich dazu durchzuringen, mir diese Gelegenheit trotz des aberwitzigen Preises nicht entgehen zu lassen. Zum Glück war die Platte noch da. Obwohl ich schon fest zum Kauf entschlossen war, fragte ich Bruno noch, ob nicht vielleicht ein kleiner Rabatt für mich drin sei. „Nein“, war seine sehr entschiedene Antwort, „die Platten in dieser Kiste sind sooo selten. Da kann ich keine Mark runtergehen!“ Als ich dann aber trotz allem zugriff, senkte Bruno – entgegen seiner vorherigen Ankündigung – freundlicherweise doch den Preis für mich auf 65 Mark. Er wollte mich als guten Kunden seines Ladens wohl auch bei Laune halten. Rückblickend war dieser Kauf für mich eine sehr gute Entscheidung. Heute, mehr als ein Vierteljahrhundert später, werden für die Vinyl-Pressung des Echo-Albums, das vor einigen Jahren in einer englischen Musikzeitschrift auf Platz 12 im Ranking der brillantesten unbekannten Perlen der Popgeschichte gewählt wurde, gut und gerne 600 Euro bezahlt. Nun muss ich allerdings auch zugeben, dass mir neben dem musikalischen Hochgenuss auch die Vorstellung ein großes Vergnügen bereitete (und noch immer bereitet), etwas beinahe Einzigartiges nur für mich allein zu haben.

Doch gab es vielleicht sogar noch weitere Achim Reichel-Platten aus diesen Jahren, von denen ich nichts wusste? Ich befragte den Flohmarkt-Plattenhändler, bei dem ich die „Grüne Reise“ gekauft hatte. Und dieser rief nur „Oooh“, während er seine ausgebreiteten Hände erhob, und raunte mir verschwörerisch zu: „Es gibt noch einige! `Erholung` und wie sie alle heißen. Aber die sind sooo schwer zu kriegen. Und ich weiß auch von vielen, die da scharf drauf sind! Wenn du mir hundert Mark für jede Platte gibst, besorg ich sie dir alle.“ Nein, da konnte ich als angehender Abiturient natürlich nicht mithalten. Aber mein Jagd- und Sammelinstinkt war nun endgültig geweckt, und ich machte mich auf die Suche.

Aus einem Lexikon namens „Rock in Deutschland“, das ich ebenfalls auf dem Flohmarkt erstehen konnte, erfuhr ich dann die Namen der weiteren psychedelischen Reichel-Alben aus jenen Jahren und dazu noch die Hintergründe ihrer Entstehung und späteren Verknappung. Nach sehr erfolgreichen und einträglichen Jahren als Boygroup-Star in den Sechzigern mit den „Rattles“ erlaubte die Plattenfirma Achim Reichel einige Alben mit diesem experimentellen Zeug, die aber ein kommerzielles Desaster wurden, woraufhin sie später komplett vom Markt genommen und die unverkäuflichen Restbestände eingestampft wurden. Um 1990 herum feierte diese Musik dann eine überraschende Wiederentdeckung in Kennerkreisen, und die wenigen verbliebenen Restexemplare wurden zu gesuchten Liebhaberstücken. Dies sollten sie schließlich auch noch im digitalen Zeitalter bleiben, denn die freie Verfügbarkeit dieser Musik im Netz änderte nichts an der magischen Aura dieser von ihren stolzen Besitzern heiß geliebten Vinylscheiben in ihren bunt gestalteten, vom New Age inspirierten Covern.

Aber zurück in die frühen Neunziger. Es muss wohl schon während meines Zivildienstes gewesen sein, als ich im kleinen, feinen Plattenladen „Scheibenkleister“ im Bremer „Viertel“, auch dort natürlich in der Raritätenkiste, das gesuchte Album „Erholung“ fand. Es handelte sich um einen 1975 erschienenen Zusammenschnitt von Liveaufnahmen aus den vorhergehenden Jahren, der am Ende von Achim Reichels psychedelischer Phase gewissermaßen noch nachgeschoben wurde. Der Preis von 60 DM erschien mir nach meinen bisherigen Erlebnissen noch als durchaus moderat. Und schließlich war ich als Zivi, der noch bei seinen Eltern wohnte, aber dennoch üppige Wohn- und Verpflegungszuschüsse bezog, immer gut bei Kasse. (In diesen 15 Monaten Zivildienst habe ich im Wesentlichen den Grundstock für mein späteres Vermögen angespart.) Kurz gesagt, ich griff also ohne langes Zögern zu, und besaß nunmehr schon die dritte Veröffentlichung dieser Art. Auch „Erholung“ gefiel mir musikalisch sehr gut, obwohl sie weitaus ruhiger und meditativer geraten war als „Echo“ und die „Grüne Reise“. Doch es gab ja noch drei weitere Platten, auf die ich es abgesehen hatte.

Ich war wohl bereits Student in Bielefeld, als ich in „Fun Records“, einem monatlich erscheinenden Katalog mit seltenen Schallplatten und CDs, die mittels Geboten per Postkarte versteigert wurden (es gab ja noch immer kein Internet!), gleich zwei der begehrten Platten auf einmal inseriert fand: „A.R. 3“ aus 1972 und „A.R. IV“ aus 1973. (Nur echt in dieser Schreibweise: A.R. 3 mit arabischer und A.R. IV mit römischer Zahl.) Ich konnte mein Glück kaum fassen. Es hätten ja auch Platten sein können, die ich bereits besaß. Angeboten waren aber just zwei der drei, die mir noch fehlten. Ich schickte meine Postkarte mit dem Gebot von jeweils 50 Mark pro Platte an die Zeitschrift ab. Und ich gewann sie beide! Überflüssig zu erwähnen, dass das aus heutiger Sicht lächerliche Beträge für solche Raritäten waren. Und der Preis tat mir noch nicht einmal besonders weh, da ich auch im Studium finanziell gut versorgt war; was aber vor allem an meinen niedrigen Lebenshaltungskosten lag. Mein Zimmer im Studentenwohnheim kostete nur um die 250 Mark, das Mensa-Essen war für maximal 3,40 Mark zu haben. Und ich gab ja sonst fast nichts aus – außer gelegentlich auf Flohmärkten für Bücher und Schallplatten, und die waren meistens nicht teuer. Genüsslich lauschte ich den Klängen meiner beiden jüngsten Schätze: A.R. 3 mit Songtiteln wie „Warum Peter nur noch Ferien macht“ war schon sehr aufregend, sehr abgespacete Klänge. A.R. IV war dann wiederum viel ruhiger, aber auch sehr schön.

Nun fehlte mir also nur noch „Autovision“ aus dem Jahr 1974 – die letzte Studioplatte aus der Serie. Und es verging mindestens ein weiteres Jahr, bis ich mal wieder in Bremen im „Viertel“ den schon erwähnten Laden „Scheibenkleister“ besuchte und dort die Raritätenkiste durchwühlte. Da fragte mich der Händler, der mich wohl schon früher manchmal genau dabei beobachtet hatte: „Und du suchst Psychedelic?“ Ja, das stimmte schon. Aber wie kam er nur darauf? Ich hatte doch gar keine langen Haare mehr. Die hatte ich mir doch schon im zweiten Semester abgeschnitten. Da fiel mir ein, dass ich in diesem Laden vor gar nicht langer Zeit schon eine frühe Platte von den „Kastrierten Philosophen“ gekauft hatte, die ja auch irgendwie dieser Richtung zuzuordnen waren. Das hatte sich der Händler wohl gemerkt. Als ich ihm frei heraus sagte, was ich suchte, meinte er: „Oooh ja, die sind aber wirklich sehr selten.“ Aber er kenne da jemanden mit sehr guten Kontakten. Der könnte die „Autovision“ vielleicht besorgen. Was ich denn maximal bereit wäre, dafür ausgeben. Ich beschloss spontan, gleich aufs Ganze zu gehen, und sagte mutig: „100 Mark.“ Da meinte der Händler: „Ja, das könnte klappen.“ Und ich solle mal in zwei Wochen wiederkommen. Was soll ich sagen, es hat tatsächlich geklappt. Als ich die hundert Mark bezahlte, und selbst diese Summe war aus heutiger Sicht natürlich nicht viel für dieses Album, machte der Händler ein jammervolles Gesicht und klagte: „Hundert Mark will er dafür haben! Und was habe ICH davon? Eigentlich müsste da auch noch was für MICH rausspringen.“ Da murmelte ich nur ein unbestimmtes „Tja…“, bedankte mich nochmals und suchte mit meiner Beute schnell das Weite, denn dies war mein bisher teuerster Plattenkauf. (Neben einer extrem seltenen Bootleg-Platte von Phillip Boa & the Voodooclub, die mich auf einer Schallplattenbörse in Bielefeld ebenfalls 100 Mark gekostet hatte.) Ich musste an den Flohmarkthändler denken, bei dem ich vor Jahren die „Grüne Reise“, den „Klabautermann“ und das „Shanty Alb’m“ gekauft hatte, dessen Mantra immer lautete: „Dass ICH hier immer bei Wind und Wetter stehe, nur damit IHR mal ein paar richtig gute Platten bekommt, da könntet ihr ruhig mal Danke sagen!“ Ziemlich genau zu dieser Zeit, Mitte der Neunziger, ist das Tocotronic-Debütalbum mit dem Song „Gitarrenhändler, ihr seid Schweine!“ mit der Textzeile „… und hinterrücks habt ihr mich wieder abgezockt.“ erschienen. Eigentlich könnte man dieses Lied auch gut mit „Schallplattenhändler“ statt „Gitarrenhändler“ singen. Andererseits sollte ruhig mal jemand die Schallplatten-Sammelkultur als Kandidatin zur Aufnahme ins immaterielle UNESCO-Weltkulturerbe vorschlagen. Und schließlich sind es nicht zuletzt die Plattenhändler, die diese Leidenschaft bei ihren Kunden mit ihren Sprüchen befeuern…

Seit mehr als zwei Jahrzehnten sind diese sechs bzw. sogar sieben seltenen Klangscheiben, wenn ich das Doppelalbum „Echo“ zweifach zähle, nun also die Zierde meiner Plattensammlung, haben mehrere Umzüge überstanden und werden gelegentlich einem ungläubig staunenden Besucher vorgeführt, der das erforderliche Hintergrundwissen mitbringt, um die Bedeutung dieser Preziosen würdigen zu können. Und nun das: Es gibt wahrhaftig noch mehr von dieser Musik! Wie oft habe ich in all den Jahren auf YouTube nach Live-Aufnahmen aus jenen Jahren gesucht – bis auf ein Video des Songs „Eisenpferde“ vom Album „Autovision“ vergeblich. Und jetzt diese Fülle: Neben den sechs regulären Platten befinden sich noch vier CDs mit komplett unveröffentlichtem Material in der Box sowie mehrere, bislang ebenfalls unbekannte Tracks auf den CDs „A.R. IV“ und „Erholung“. Was für ein Fest! Und ein reich bebildertes, mehr als 90 Seiten starkes Begleitbuch erzählt ausführlich die Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte dieser Musik. Das Urteil lautet: sehr gut (16 Punkte).

A.R. & Machines
The Art of German Psychedelic 1970-1974 Box-Set
(10 CDs und Begleitbuch)
Mbg Rights Management (Warner)
ASIN: B075G6YL3J

Dezember 2017: Ahnenforschung Claer, Teil 9

Im zurückliegenden Jahr 2017 bin ich leider kaum zum „Ahnenforschen“ gekommen. Entsprechend dünn fällt mein diesjähriger Forschungsbericht aus. Aber ein paar interessante Zufallsfunde aus dem Netz sind dann doch zusammengekommen.

1. Treffen bei Jotzer
Zunächst entdeckte ich auf http://www.neidenburg.de/bildarchiv/neidenburg/neidenburg-handel/ dieses Foto mit der Beschriftung „Treffen bei Jotzer: um 1935, v.l.n.r. Pagenkopf, von Glinowiecki, unbek., Jotzer, Klucke, unbek., Siebierski, Freitag, Claer“.

 

 

 

 

 

Inzwischen habe ich keinen Zweifel mehr daran, dass der Herr mit den übereinander geschlagenen Beinen am rechten Bildrand mein Großvater Gerhard Claer (1905-1974) im Alter von etwa 30 Jahren ist. Zwar lässt sich sein Gesicht leider nur im Profil erkennen, aber ein Vergleich mit anderen Fotos von ihm aus jenen Jahren legt nahe, dass ich mich nicht täusche. Bemerkenswert ist vor allem, dass mein Opa offenbar an einem Schlagzeug sitzt und dabei sogar einen Trommelstock in den Händen hält. Zu welchem Zweck genau diese fröhliche Herrenrunde von Anzugträgern hier zusammenkam, ist unklar, doch konnte ich herausfinden, dass die Konditorei Robert Jotzer, Am Markt in Neidenburg, Inhaber: D. Jotzer, wohl seinerzeit eine beliebte Adresse gewesen sein muss.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

2. Der Fleischer von Königsberg – und ein Klär mit K von der Post!
Ferner stieß ich in einem Forum für Ahnenforschung (http://forum.ahnenforschung.net/archive/index.php/t-31116.html)
unter den „Sterbefällen von Zivilpersonen Januar-März 1945“ in Pillau/Ostpreußen auf einen

– Johann Klär, geb. 23.9.1869, aus Königsberg (Pr), gest. Pillau 21.3.1945.

Diesen Johann Klär fand ich dann ebenfalls unter https://adressbuecher.genealogy.net/addressbook/54747b6e1e6272f5d19916ab?start=K&sort=firstName&offset=4400&max=25&order=desc
in den „Einträgen aus dem Einwohnerbuch von Königsberg und den Vororten 1935“:

– Klär Johann Fleischer Königsberg (Pr.) Schrötterstraße 174.

Demnach hat es also schon Klärs mit K und ä in Königsberg gegeben, bevor der Postsekretär Otto Albert Claer (1872-1931), der ältere Bruder meines Urgroßvaters Georg Claer (1877-1930), sich dort kurz nach 1900 niedergelassen hat. Ich meine sogar, mich außerdem an einen Arbeiter namens L. Klär in Königsberg zu erinnern, auf den ich vor einigen Jahren bei meinen Recherchen gestoßen bin, aber leider kann ich ihn trotz Suchmaschine weder in meinen Texten noch im Netz wiederfinden. Doch es wird noch interessanter, denn direkt unter dem Fleischer Johann Klär findet sich im besagten Königsberger Adressbuch von 1935:

– Klär, Joh. Oberpostschaffner i.R. Königsberg (Pr.) = Alter Garten 23

Das ist nun aber wirklich eine Überraschung! Ein Klär mit K und ä von der Post! Bisher glaubten wir, die Claers von der Post seien nur mein Ururgroßvater Franz Claer (1841-1906) und seine Söhne Otto (1872-1931), Georg (1877-1930) und Richard (1881-??) gewesen.
Darüber hinaus hatten wir nur noch den – sehr schwer lesbaren – Hinweis auf einen Postzöllner (Postschaffner? Postsekretär? Postemittent? Postillion? Postzusteller?) Otto Konrad Albert Claer, geboren 1840 in Alt-Löbgau,  Amt Wehlau, wohnhaft in Tapiau, gefunden, den wir bisher nicht so recht zuordnen konnten.
Dieser Oberpostschaffner Joh. Klär in Königsberg war 1935 also bereits im Ruhestand, d.h. er könnte ca. um 1870 herum geboren sein. Wer weiß, vielleicht war er ein Cousin „unserer“ drei Brüder von der Post. Mein Ururgroßvater Franz hatte ja zahlreiche ältere Brüder (alle bei ihrer Geburt in Juditten bzw. der älteste in Corjeiten noch Clair geschrieben), von denen vielleicht einer bedingt durch einen Ortswechsel irgendwann mit K und ä geschrieben wurde. Noch bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein war ja die individuelle Namensschreibweise nicht verbindlich festgelegt. Womöglich also war jener Oberpostschaffner Joh. Klär für den Postsekretär Otto Claer, den beruflich ambitioniertesten der drei Brüder Claer von der Post, sogar der Anlaufpunkt in Königsberg. Und der Fleischer Johann Klär könnte vom Alter her wiederum ein weiterer Cousin des Oberpostschaffners Johann Klär gewesen sein. Dass Brüder denselben Vornamen getragen haben könnten, erscheint selbst in der damaligen Zeit wenig wahrscheinlich. Was Vettern oder noch weitläufigere Verwandte angeht, gab es solche Skrupel offensichtlich weniger, was schon an den vielen Friedrich Claers, Wilhelm Claers und Otto Claers deutlich wird, auf die wir bei unseren Forschungen gestoßen sind.

Und schließlich konnte ich im Online-Archiv der Preußischen Allgemeine bzw. des Ostpreußenblatts
(http://archiv.preussische-allgemeine.de/1974/1974_12_07_49.pdf) noch einen weiteren Klär aus Königsberg finden – auch er mit dem Vornamen Johann!

 

 

 

 

 

Geboren worden sein muss dieser dritte Johann Klär aus Königsberg also um 1897. Damit käme er als Sohn entweder des Fleischers oder des Oberpostschaffners in Betracht.

 

3. Der Rentner von Norkitten
Und wir setzen noch eins drauf mit einem vierten Johann Claer – diesmal aber mit C und ae geschrieben – der auf der Seite
http://www.paradeningken.de/norkitten/gueter/norkitten/norkitten_bewohner.htm als Bewohner des Landguts Norkitten erwähnt wird:

– Claer, Johanne – Rentenempfänger, erwähnt 1927, Geburtsdatum: k.A., Geburtsjahr: k.A.

Dort steht wirklich „Johanne“. Vielleicht ist es ein s zu wenig oder ein e zu viel. Auch dieser Johann(es) Claer war also zur Zeit seiner Erwähnung Rentner, genau wie sein Namensvetter mit K und ä von der Post aus Königsberg. Das Geburtsdatum des Rentners von Norkitten könnte folglich um 1860 herum liegen.

Das Gut Norkitten liegt etwa auf halber Strecke zwischen Wehlau und Insterburg.

 

 

 

 

 

Und diese Gegend ist uns bereits aus früheren Forschungen bekannt:
– Zunächst wurde der oben erwähnte Postzöllner (Postschaffner? Postsekretär? Postemittent? Postillion? Postzusteller?) Otto Konrad Albert Claer, 1840 in Alt-Löbgau,  Amt Wehlau, geboren und war später wohnhaft in Tapiau, das auch im Kreis Wehlau lag.
– Aber auch mein Ururgroßvater Franz Claer von der Post (er war gelernter Schneider und hat später auf den Postdienst umgesattelt) ist 1841 in Eichenberg / Kreis Wehlau geboren worden. Ganz genau laut dem handschriftlichen Zusatz meines Großvaters im ausgefüllten Fragebogen der Reichsstelle für Sippenforschung in „Eichenberg I Jagt Plebischkainen“ oder ähnlich.
– Passend dazu hatten wir im Amtsblatt der preußischen Regierung von 1839 den Eintrag gefunden: „Dem invaliden Jäger Friedrich Claer ist die einstweilige Verwaltung der Försterstelle zu Eichenberg, Oberförsterei Drusken, vom 1sten Oktober d. J. an übertragen.“ Das war mein Urururgroßvater, der Vater meines Ururgroßvaters Franz Claer. Ein Jahr darauf, 1840, hieß es im Amtsblatt: „Der invalide Jäger Friedrich Clär ist auf der Försterstelle zu Eichenberg I., Oberförsterei Drusken, definitiv als Förster bestätigt worden.“ Ein weiteres Jahr später kam mein Ururgroßvater Franz Claer zur Welt.
– Und schließlich hat auch der Müller Hermann August (oder August Hermann) Claer, Jahrgang 1833, ein älterer Bruder meines Ururgroßvaters Franz Claer, in Geidlauken im Kreis Labiau eine Familie gegründet, der 1872 der spätere Fuhrmann Franz Richard Claer entstammte, der ins Rheinland auswanderte. Und Labiau ist der nördliche Nachbarkreis von Wehlau. Wir befinden uns im Gebiet östlich von Königsberg, westlich von Gumbinnen, wo ja vermutlich die ersten ostpreußischen Clercs/Clairs ab 1712 in der Schweizer Kolonie ansässig waren.
Johann(es) Claer, der Rentner von Norkitten, lebte also im Jahr 1927 nicht weit entfernt von all diesen genannten Claers. Auch ist an dieser Stelle an den Oberförster Johann Wilhelm Claer (geb. 1802 in Ludwigswalde) zu erinnern, den jüngeren Bruder meines Urururgroßvater (Christian) Friedrich Claer. Er könnte der Namenspatron des Rentners von Norkitten gewesen sein, der um 1860 womöglich nach seinem Großvater oder Großonkel benannt worden ist. Vielleicht gab es auch noch einen weiteren Johann Claer in der dazwischenliegenden Generation, der dann ein Cousin meines Ururgroßvaters Franz Claer von der Post gewesen sein könnte. Und unter Umständen sind ja sogar die drei Königsberger Johann Klärs mit K und ä indirekt nach ihm benannt…

 

4. Die Wanderungen der ostpreußischen Claers in meiner Namenslinie
Die untenstehende Karte der ostpreußischen Kreise gibt einen guten Überblick über die Wanderbewegungen der ostpreußischen Claers in meiner (männlichen) Namenslinie:
– Einwanderung von Clercs/Clairs aus St. Imier (Französische Schweiz) in den Raum Gumbinnen um 1712; von dort irgendwann nach 1712 abgewandert
– der Unterförster Friedrich Wilhelm Clair (1770-1815), mein Ururururgroßvater, aufgetaucht Ende des 18. Jahrhunderts in Ludwigswalde, südlich von Königsberg
– der königlich-preußische Revierförster (Christian) Friedrich Clair, mein Urururgroßvater, geboren 1799 in Ludwigswalde, geheiratet in Corjeiten, Kreis Fischhausen, später ansässig in Juditten bei Königsberg, 1839 verzogen nach Eichenberg (Kreis Wehlau)
– der Postschaffner/Landbriefträger Franz Claer (1841-1906), mein Ururgroßvater, geboren in Eichenberg (Kreis Wehlau), geheiratet in Usdau bei Soldau (Kreis Neidenburg)
– der Postangestellte Georg Claer (1877-1930), mein Urgroßvater, geboren in Usdau (Kreis Neidenburg), später ansässig in Neidenburg
– der Kreisinspektor Gerhard Claer (1905-1974), mein Großvater, geboren in Neidenburg, gegen Ende des Krieges aus Ostpreußen geflüchtet
– der Arzt Dr. Joachim Claer (1933-2016), mein Vater, geboren in Neidenburg, vor Kriegsende aus Ostpreußen geflüchtet.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

5. Claers und Klaers im Ruhrgebiet – der Kleingärtner von Wanne-Eickel

Vor und nach Kriegsende sind viele Ostpreußen u.a. ins Ruhrgebiet geflohen. Nicht umsonst ist Bochum später zur Partnerstadt von Neidenburg geworden.

So fand ich dann etwa in den gesammelten Todesanzeigen des Ostpreußenblatts  

(https://ahnen-forscher.com/forums/Genealogy-Thema/das-ostpreussenblatt-jahrgang-14folge-14-vom-06-04-1963-3/) den Hinweis auf einen Fritz Klaer aus Bochum-Hamme:

„Plötzlich und unerwartet entriß uns der unerbittliche Tod unsere liebe Schwester, Schwägerin und Tante Marie-Juliane Heir geb. Klaer früher Osterode – Gumbinnen im Alter von 76 Jahren. Ihr Leben war stets hilfsbereite Nächstenliebe. In tiefer Trauer Hans v. Redern und Frau Elisabeth, geb. Klaer, Annemarie, Christa und Hans Wilhelm v. Redern, Fritz Klaer Bochum-Hamme, Gahlensche Straße 143 Familie Hein
Duisburg, Tiergartenstraße 48, im März 1963“

Einen Fritz Klaer mit K hatte ich gerade vor einem Jahr auch in Neidenburg ausfindig gemacht, genau genommen sogar zwei:

„Neidenburg, 31.12.1913: Der Kaufmann Fritz Klaer, wohnhaft in Neidenburg Jarborstraße, evangelischer Religion, zeigt an, dass er von der Emma Klaer geborenen Olschenski, seiner Ehefrau, wohnhaft bei ihm, zu Neidenburg in der angezeigten Wohnung am 31.12.1913 vormittags um zwölfeinviertel Uhr ein Knabe geboren sei und dass das Kind den Namen Fritz Willy Theodor erhalten habe.“

Vielleicht ist dieser Neidenburger Kaufmannssohn Fritz Willy Theobald Klaer, Jahrgang 1913, also sogar identisch mit dem trauernden Fritz Klaer aus Bochum-Hamme 1963. Er wäre 1963 demnach 50 Jahre alt gewesen, was ja durchaus passen würde.

Darüber hinaus konnte ich sogar einen Dieter Claer mit C in Wanne-Eickel entdecken, nicht zu verwechseln mit meinem Onkel dritten Grades Dieter Claer, dem Auswanderer nach Kanada und jüngeren Bruder des Skandal-Schriftstellers „Moppel“ Claer. Jener Dieter Claer in Wanne-Eickel, der sich bisher noch nirgendwo zuordnen lässt, ist jedenfalls in einem Zeitungsartikel als Vorsitzender des Stadtverbandes der Kleingärtner aufgetreten:

http://www.nrz.de/staedte/herne-wanne-eickel/unwetterschaeden-versicherung-ist-am-zug-id8112855.html

Unwetterschäden: Versicherung ist am Zug

Redaktion

25.06.2013 – 15:02 Uhr
Wanne-Eickel.   Der Ärger über die Stadt ist nach den Unwetterschäden in der vergangenen Woche noch nicht verraucht. Im Raum steht auch die Frage, wer für die Kosten aufkommt, die durch die auf ein Laubendach gestürzte Birke entstanden ist.
Vor einer Woche stürzte eine entwurzelte Birke nach einem Unwetter aufs Dach der Laube des Kleingärtners Manfred Schwiderski (wir berichteten). Die Schäden sind beseitigt, doch der Ärger des Kleingärtners der Wanner Anlage „Erholung“ über die Stadt ist längst nicht verraucht. Und auch die Frage, wer für die entstandenen Schäden haftet, steht im Raum.
Versichert ist Manfred Schwiderski über den Stadtverband der Kleingärtner. „Der Schaden ist an die LVM nach Düsseldorf gemeldet, zusammen mit dem WAZ-Bericht über den Vorfall“, sagt Dieter Claer, Vorsitzender des Stadtverbandes der Kleingärtner, auf Anfrage. Es wird wohl zu klären sein, ob nun die Versicherung oder doch die Stadt zuständig ist. „Der Baum stand ja unter Stadtaufsicht“, so Claer.
„Sehr ärgerlich“ findet Manfred Schwiderski die Erklärungen der Stadt. Wie berichtet, hatte diese nach dem Unwetter jede Schuld von sich gewiesen. „Wenn ich solche Aussagen seitens der Stadt höre, könnte ich aus der Haut erfahren“, erklärt der 76-Jährige. Bereits vor etwa drei Jahren habe die jetzt aufs Dach gestürzte Birke nach einem Unwetter eine Neigung von rund 15 Prozent erfahren. Und: Auf seinem Grundstück seien regelmäßig abgestorbene Äste von besagter Birke gelandet.
Der Vorstand von „Erholung“ macht geltend, dass Stadtgrün bereits 2012 auf Schäden an dieser und anderen Birken im öffentlichen Bereich der Wanner Anlage hingewiesen worden sei. „Geht man heute durch diesen Bereich, sieht man noch andere Missstände“, so Schwiderski. Seine Botschaft an die Stadt: „Kommt ja nicht mit einer faulen Ausrede, wenn der erste Mensch durch einen umgestürzten Baum zu Schaden kommt.“

 

6. Weitere Namensträger als Literaten
In meiner umfangreichen Korrespondenz mit meiner Tante dritten Grades Lorelies, der Schwester des genannten Kanada-Auswanderers Dieter Claer sowie des Skandal-Schriftstellers „Moppel“ Claer, konnten wir uns nach intensivem Vergleich unserer Familienzweige auf drei gemeinsame Merkmale nahezu aller Claers einigen: die großen Nasen, die Lustigkeit/Witzigkeit und den guten Schreibstil. Insofern passt es ins Bild, dass ich noch drei weitere Namensträger entdecken konnte, die als Literaten in Erscheinung getreten sind.

a) John Clare – der romantische Naturdichter aus England

by William Hilton, oil on canvas, 1820

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zunächst ist hier der Engländer John Clare (1793-1864) zu nennen (Porträt von William Hilton 1820), auf den ich durch einen Artikel in der Süddeutschen Zeitung aufmerksam geworden bin. Eine Verbindung zu unseren Claers ist eher fernliegend, aber wer weiß… Bei Wikipedia heißt es über ihn u.a.:
„John Clare (* 13. Juli 1793 in Helpston, Northamptonshire; † 19. Mai 1864) war ein englischer Naturdichter und bekannt als einer der besten Beschreiber des Landlebens. … John Clare wurde am 13. Juli 1793 in Helpstone als Sohn eines Tagelöhners geboren. Er entwickelte sich trotz sehr geringer Bildungsmittel glücklich und schnell. James Thomsons Seasons weckten sein poetisches Talent und begeisterten den 13-Jährigen zu dem Lied The morning walk und dessen Gegenstück The evening walk. John Turnill in Helpstone nahm sich seiner an und unterrichtete ihn im Schreiben und Rechnen. Seinen Unterhalt erwarb Clare sich durch Handarbeiten und Violinspiel, Gott und die Natur besang er alleine zum eigenen Vergnügen. 1818 kam sein Sonett auf die untergehende Sonne in die Hände des Buchhändlers Drury zu Hamford, und dieser veranlasste die Ausgabe einer Sammlung von Clares Poems descriptive of rural life and scenery, die allgemeine Teilnahme erregte. Eine andere, ebenso erfolgreiche Sammlung seiner Gedichte erschien unter dem Titel The village minstrel, and other poems. Hierdurch in den Besitz eines kleinen Vermögens gelangt, ließ sich Clare in Helpstone häuslich nieder, geriet aber durch unglückliche Landspekulation in Elend. Er starb am 19. Mai 1864 in einer psychiatrischen Klinik.“
In deutscher Sprache ist von ihm erschienen: Reise aus Essex und andere Selbstzeugnisse, übersetzt von Esther Linsky. Matthes und Seitz, Berlin 2017, ISBN 978-3-95757-327-8.
(https://de.wikipedia.org/wiki/John_Clare)

 

b) Carl Gottfried Klaehr – der Lustspieldichter aus Dresden

 

 

 

 

 

 

 

Schon eher könnte sich der nächste Schriftsteller unseres Namens, Carl Gottfried Klaehr (1773-1842) aus Dresden, als ein Verwandter erweisen. Eine Verbindung zu den Thüringischen oder Schlesischen Claers erscheint möglich. Wikipedia schreibt über ihn u.a.:

„Carl Gottfried Klaehr (geboren am 12. Mai 1773 in Dresden; als Geburtsjahr wird auch abweichend 1777 angegeben; gestorben am 16. Mai 1842 in Meißen) war ein deutscher Lustspieldichter und Porzellanmaler. …
Nachdem er sich selbst als Porzellanmaler ausgebildet hatte, trat Klaehr 1793 in die Porzellanmanufaktur Meißen ein, deren Angestellter er bis zu seiner Pensionierung 1828 blieb. 1810 verfasste er zum 100-jährigen Gründungsjubiläum der Manufaktur das Festgedicht Die Weihe des Danks. Daneben ist er Autor zahlreicher eher anspruchsloser Lustspiele, von denen 17 noch im Druck nachweisbar sind. Meist erschienen sie sowohl in Sammel- als auch in Einzelausgaben. Es handelt sich um konventionelle, oft mit kleinen Musikeinlagen dargebotene Gebrauchsstücke mit den üblichen Verwechslungen, Verkleidungen und Intrigen.“
(Bei den „eher anspruchslosen Lustspielen“ musste ich gleich wieder an meinen Onkel dritten Grades „Moppel“ Claer und seine Romane wie „Lass jucken, Kumpel“ denken… )
Als wichtige Werke des Carl Gottfried Klaehr, nach anderer Schreibweise auch Klähr und Klär geschrieben, nennt Wikipedia:
· Dramatische Ephemeren. Meißen 1809 (enthält: Die Lotterielisten, Die Rettung und Die geliebten Feinde).
· Die Friedens-Feyern. Meißen 1810.
· Die Weihe des Danks. Gedicht. Meißen 1810.
· Neue Lustspiele. Meißen 1814 (enthält: Das Wechselrecht oder das gestohlene Manuscript und Der Patriot oder die ungewisse Hochzeit)
· Blüthen der Natur. Meißen 1815.
· Theaterspiele. Meißen 1816 (enthält: Das Wachsfiguren-Kabinett, Die Theaternoth und Die Pfirschendiebe).
· Neue Theaterspiele. Meißen 1817 (enthält: Rache, oder Wer zuletzt lacht, lacht am besten, Röschens Hochzeit und Das moderne Paradies).
· Bühnenspiele. Meißen 1819 (enthält: Der Alchymist, Das seltene Wiedersehen).
· Zwei neue Lustspiele. Meißen 1834 (enthält: Von Sieben die Häßlichste und Wachtmantel und Schlafrock).
(https://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Gottfried_Klaehr

 

c) Der Bestseller-Clair von der Bundeswehr

 

 

 

 

 

 

 

Und schließlich habe ich noch einen zeitgenössischen Bestseller-Autor namens Johannes Clair (geb. 1985) entdeckt, der als vorübergehend in Afghanistan stationierter Bundeswehrsoldat durch die Schilderung seiner dortigen Erlebnisse in Buchform berühmt geworden ist. Allerdings stammt dieser Autor Clair aus Wiesbaden, was nicht unbedingt an eine Verbindung zu unseren ostpreußischen Claers und Clairs denken lässt. Der einzige Umstand, der dennoch für eine solche Verbindung sprechen könnte, ist seine schriftstellerische Begabung… Bei Wikipedia heißt es über ihn:

„Johannes „Joe“ Clair (* 16. Oktober 1985 in Wiesbaden) ist ein deutscher Autor und Oberstabsgefreiter der Fallschirmjägertruppe der Bundeswehr. Im Oktober 2012 veröffentlichte er sein erstes Buch Vier Tage im November über seinen Einsatz in Afghanistan. … Als Infanterist Spezielle Operationen nahm er vom Juni 2010 bis Januar 2011 am Afghanistan-Einsatz im Rahmen des ISAF-Mandates teil und erlebte den Strategiewechsel der NATO hautnah mit. Dort wurde er als G3ZF-Schütze eingesetzt und war Teil der ersten Gruppe des G-Zuges im Feldlager Kundus. Über seinen Einsatz und seine Teilnahme an der Operation Halmazag schrieb er das Buch Vier Tage im November (2012). Es war 2013 für 37 Wochen in der Spiegel-Bestsellerliste.

Nach dem Dienstzeitende begann er Sozialökonomie an der Universität Hamburg zu studieren und hält nebenbei Vorträge über seine Erfahrungen in ganz Deutschland. Im Zuge seines Engagements für mehr Bewusstsein für Bundeswehrsoldaten ist er regelmäßig im Fernsehen präsent. Zudem war er 2013 Protagonist in der Flüchtlingsdokumentation Auf der Flucht – Das Experiment, die im ZDF ausgestrahlt und für die Clair mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet wurde. Clair schreibt außerdem für das JS-Magazin, einer Publikation der evangelischen Kirche für junge Soldaten. Zudem hat er ein Geleitwort für das im Oktober 2014 im Carola Hartmann Miles-Verlag erschienen Buch Armee im Aufbruch verfasst. Zur Bewältigung seiner Einsatzerlebnisse befindet sich Clair derzeit in einem Programm für traumatisierte Soldaten der Bundeswehr.

Clair engagiert sich ehrenamtlich in der Veteranenarbeit und ist zum stellvertretenden Vorsitzenden des Bundes Deutscher EinsatzVeteranen (BDV) gewählt worden. Über diese Organisation versucht er, mehr Bewusstsein für Einsatzrückkehrer der Bundeswehr zu generieren und Betroffenen zu helfen.“

 

(https://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_Clair)

 

7. Einmal am Rhein – die Filmfigur „Elvira Claer“

Zu guter Letzt noch ein recht sonderbarer Fund: Im deutschen Kino-Klassiker „Einmal am Rhein“ aus dem Jahr 1952 von Regisseur Helmut Weiss (u.a. “Die Feuerzangenbowle”) lautet der Name der weiblichen Hauptfigur (nicht der Name der sie verkörpernden Schauspielerin!): Elvira Claer. Exakt so geschrieben!
„Witwer Damian Bacchus ist der Vater der hübschen Töchter Trautchen, Billa und Grietchen. Alle vier betreiben ein kleines Gasthaus. Doch das kann nicht alles sein. Damian kauft das viel größere Restaurant “Rheinschlösschen”. Elvira Claer, die Eigentümerin des “Grand Hotel” und einst in Damian verliebt, der sich dann aber für eine andere entschied, will ihm das “Rheinschlösschen” aus Rache abjagen… Mit Volksschauspielern wie Paul Henckels, Beppo Brem und Harald Paulsen. Mit vielen rheinischen Liedern von Willi Ostermann und seinem berühmtesten Stück “EINMAL AM RHEIN”!“
(https://www.spondo.de/einmal-am-rhein.html)

Was die Drehbuchautoren Richard Billinger und Werner Eplinius sich wohl bei dieser Namensgebung gedacht haben? Billinger war Österreicher, Eplinius hingegen stammte aus einem Vorort von Potsdam und war vorübergehend als Dramaturg an den Theatern in Potsdam und Neustrelitz/Mecklenburg tätig. Mein Vater Joachim und seine Schwester Renate Claer besuchten von 1947 bis 1951 bzw. 1946 bis 1950 die Oberschule in Teterow/Mecklenburg (wo sich auch meine Eltern kennengelernt haben). Meine Tante Renate, die für ihre überragenden Deutsch-Aufsätze berühmt und beim anderen Geschlecht extrem beliebt war, hatte schon als Schülerin ein starkes Interesse an Literatur. Und das von Teterow aus nächstgelegene Theater war das in Neustrelitz. Alles andere ist Spekulation…

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ausblick
Das war’s schon für diesmal. Im nächsten Jahr werde ich hoffentlich wieder intensiver und ausgiebiger forschen können.

Berlin, Dezember 2017

www.justament.de, 25.12.2017: Seltsam, sehr seltsam

„Utopia“ von Björk

Thomas Claer

Überwiegend mit großer Ratlosigkeit haben Fans und Kritiker auf das neue Album der inzwischen 52-jährigen isländischen Pop-Fee Björk reagiert. Zwar gab es vereinzelt enthusiastische Zustimmung wie auch heftige Ablehnung ob der akustischen Zumutungen, denen die extravagante Eis-Königin ihre Zuhörer diesmal aussetzt. Doch für die meisten dürfte diese Platte einfach nur seltsam, sehr seltsam geklungen haben. Zwei Jahre nach „Vulnikura“, dem leidenschaftlich-extrovertierten Vorgänger, auf dem Björk die Trennung von ihrem Ex-Mann Matthew Barney verarbeitete, kehrt sie nun dem Genre Popmusik ganz entschieden den Rücken zu. „Utopia“, erklärtermaßen ein Werk des Aufbruchs, konzipiert unter maßgeblicher Mitwirkung des venezolanischen Produzenten und DJs Arca, ist pure Avantgarde. Von klassischen Songstrukturen kann hier kaum mehr die Rede sein. Da man auch halbwegs eingängige Melodien vergeblich sucht und sich stattdessen einer fortwährenden Kanonade aus Chorgesang, elektronischen (Stör-)Geräuschen, Harfen- und immer wieder Flötenklängen ausgesetzt sieht, ist man nach flüchtigem Durchhören dieses mit 70 Minuten auch reichlich lang geratenen Konzeptalbums beinahe versucht, diese CD gedanklich in die Rubrik „überflüssiger Schnickschnack“ einzusortieren. Doch wäre dies ein Fehlurteil, denn es lohnt sich, soviel steht nach einigen weiteren Durchläufen fest, sich auf dieses Album einzulassen. Es ist wie eine Expedition, die immer wieder ungeahnte Entdeckungen mit sich bringt. Da wechseln orchestrale Klänge unvermittelt mit Naturgeräuschen, da bilden verborgene Harmonien überraschende Synthesen. Und über allem thront Björks unverwechselbare, einzigartige, alles überragende Stimme. Noch ein Wort zu Björks optischer Präsenz auf Utopia: In ihrem Gesicht prangt auf Stirn und Nase, zwischen den von zwei trapezförmigen, balkendicken, blauen Lidstrichen unterlegten Augen, so etwas wie eine riesige Muschel, die auch ganz explizit als weit geöffnete Vagina durchgehen würde. Dies soll vielleicht die Bereitschaft symbolisieren, sich gleichsam von künstlerischen Inspirationen verschiedenster Art befruchten zu lassen. Und dann gibt es im Promo-Material zum Album (wenn auch leider nicht im Begleitheft – warum eigentlich nicht?) eine Abbildung, die Björk in einem Phantasie-Kostüm mit umgeschnalltem Dildo zeigt, was natürlich großartig ist. Und dennoch, die nächste Björk-Platte wünschen wir uns dann doch lieber wieder etwas zugänglicher, etwas poppiger, etwas kürzer und kompakter. Das Urteil lautet: voll befriedigend (10 Punkte).

Björk
Utopia
Embassy of Music (Warner) 2017
ASIN: B07713B21D

www.justament.de, 11.12.2017: Sei produktiv!

Manfred Osten denkt nach über „Goethe und das Glück“

Thomas Claer

„Ja renn‘ nur nach dem Glück“, heißt es bei Bertolt Brecht im Lied von der „Unzulänglichkeit menschlichen Strebens“, „doch renne nicht zu sehr. Denn alle rennen nach dem Glück, das Glück rennt hinterher.“ Vielleicht ist die Suche nach dem Glück sogar die Königsdisziplin der Lebenskunst. Denn auch wer womöglich schon alles im Leben erreicht hat, ist deshalb noch lange nicht glücklich. Und umgekehrt! Manfred Osten, Jahrgang 1938, promovierter Jurist, langjähriger Diplomat und als Generalsekretär a.D. der Alexander von Humboldt-Stiftung so etwas wie ein Universalgelehrter ersten Ranges, hat sich in seinem neuen kleinen, feinen Büchlein auf die Suche nach der universellen Glücksformel begeben und zum Gewährsmann bei diesem ambitionierten Unterfangen keinen Geringeren als Deutschlands Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) erwählt. Und da von Goethe neben seinen unerschöpflichen Werken auch noch unzählige sonstige Bekundungen – etwa in Briefen oder in Mitschriften seiner Gesprächspartner – überliefert sind, ja man kann wohl sagen: der Nachwelt kaum eine seiner Äußerung von Belang verloren gegangen sein dürfte, war es für einen profunden Goethe-Kenner wie Manfred Osten selbstredend ein Leichtes, eine Menge einschlägiger Bemerkungen Goethes über das Glück im menschlichen Leben nicht nur zusammenzutragen, sondern auch gewissenhaft zu ordnen und aufschlussreich zu kommentieren.

Also, worin liegt es denn nun, das Geheimnis des Glücks? Kurz gesagt ist das Glücklichsein eine Kunst, die zwar dem einen mehr, dem anderen weniger in die Wiege gelegt sein mag, die sich aber doch von jedem erlernen und trainieren lässt (was nicht immer leicht ist!) und die darin besteht, die jeweils spezifischen eigenen Glücksquellen nach Kräften auszuschöpfen. Nicht weniger als 15 solcher Glücksquellen hat Osten, auf Goethe zurückgreifend, ausgemacht, etwa die ständige Achtsamkeit und Aufmerksamkeit für sich selbst, für seine Mitmenschen, aber auch für all die Dinge um sich herum. Ebenfalls große Bedeutung hat das Eigentum, allerdings gerade nicht das materielle, dessen Anhäufung nur kurzfristige Erfüllung mit sich bringt und stattdessen immer aufs Neue die unersättliche Gier anstachelt und so – im Gegenteil – zu einer Quelle des Unglücks werden kann (so wie es bei Goethes Anti-Helden Faust geschieht), sondern das immaterielle Eigentum nach Goethescher Lesart: „Ich weiß, daß mir nichts angehört,/ Als der Gedanke, der ungestört/ Aus meiner Seele will fließen, / Und jeder günstige Augenblick,/ Den mich ein liebendes Geschick/ Von Grundaus läßt genießen.“ Hier sind wir wohl an der Wurzel des Glücks: „Der verständige Mann muss sich nur mäßigen, so ist er auch glücklich“, heißt es im „Wilhelm Meister“. Es gilt also, die eigenen überschießenden Begierden unter Kontrolle zu bringen, sich selbst im Zaum zu halten, gewissermaßen zu kultivieren und zu zivilisieren. Und diese Begierden, noch besser, in produktive Bahnen zu lenken: Kaum etwas ist für die meisten Menschen beglückender, als selbst etwas zu erschaffen, schöpferisch tätig zu sein. Dass dies oft ein quälender Prozess ist, versteht sich von selbst. Manfred Osten spricht von der „Geburt des Glücks aus dem Geiste der Verzweiflung“, welche Goethe sogar als Pflicht bezeichnet hat, da nur ein völlig stumpfsinniger Mensch den Zustand der Welt und die eigene Rolle in ihr klaglos hinzunehmen imstande sei. Und überhaupt: „Unglück bildet den Menschen und zwingt ihn sich selber zu kennen.“

Doch ist nun einmal nicht jeder zum Dichter oder Künstler berufen. Vielleicht auch für all jene hat Goethe sich zu einer Bemerkung hinreißen lassen, in der er vorsichtig noch eine andere Art von beglückender Produktivität andeutet: „Ich werde mich hüten, deutlicher zu sein; aber ich weiß am besten, was mich im höchsten Alter jung erhält, und zwar im praktisch-productiven Sinne, worauf denn doch alles ankommt“, schrieb er an den Komponisten Zelter. Diese Stelle hat Manfred Osten wohlweislich nicht in sein Buch aufgenommen… Aber genug davon. Der Rezensent ist hier am Ende seiner Besprechung angelangt und kann sich, welch ein Glück, seiner nächsten Lektüre widmen.

Manfred Osten
„Gedenke zu leben! Wage es, glücklich zu sein!“ oder Goethe und das Glück
Wallstein Verlag 2017-12-07 120 Seiten; 18,00 Euro
ISBN-10: 3835330241

www.justament.de, 27.11.2017: Röchel, grunz, kreisch!

Scheiben Spezial: Vor 25 Jahren erschien „Bone Machine“ von Tom Waits

Thomas Claer

Ein Vierteljahrhundert ist es nun schon her, dass “Bone Machine”, die wohl abgründigste, kaputteste und zugleich genialste aller Tom Waits-Platten das Licht der Welt erblickte. Auf mich machte dieses Album, damals mit Anfang zwanzig, einen tiefen unauslöschlichen Eindruck. Und das lag nicht nur an der in jungen Jahren – auch bei mir – besonders ausgeprägten Begeisterungsfähigkeit. Gewiss, hätte ich damals schon das ganze Frühwerk dieses Meisters der schrägen Klänge gekannt, dann wären mir gewisse Wiederholungen, zumal bei den langsameren Stücken am Piano, nicht entgangen. Doch hätte wohl auch dies meinen Enthusiasmus kaum getrübt. Natürlich war es ein Glücksfall, Tom Waits gerade mit dieser Platte für mich entdeckt zu haben…

Im Sommer 1993, dem letzten vor Beginn meines Jura-Studiums, reiste ich mit meinem Freund A drei Wochen lang durch Frankreich. Schließlich hatten wir während unseres Zivildienstes ein Jahr lang an der Volkshochschule Französisch gelernt und brannten nun darauf, unsere frisch erworbenen Sprachkenntnisse an Ort und Stelle anwenden zu können. Wir reisten mit Interrail-Ticket, Zelt und Rucksack, das war ja klar. Wie uncool wäre das denn gewesen, sich etwa mit dem Rollkoffer auf die Reise zu machen? Mit der Hygiene nahm man es auf den Campingplätzen nicht sonderlich genau. Hätte ja auch ziemliche Umstände bereitet, sich ständig die schulterlangen Haare zu waschen. Am schönsten war es, keine Frage, in Frankreichs Süden, vor allem in der Provence mit ihren magischen Düften und Farben. Und so landeten wir eines Tages in der Jugendherberge der Stadt Nimes und trafen dort auf eine Gruppe junger Deutscher, mit denen wir den Abend verbrachten. Schnell freundete ich mich mit einem Geschichts-Studenten aus Cloppenburg an, und der legte dann irgendwann seine Tom-Waits-Kassette mit „Bone Machine“ in den dort herumstehenden Kassettenrekorder. Klänge solcher Art hatte ich noch nie zuvor gehört! Die Musik rumpelte, krachte, zischte und dröhnte, dass es eine Freude war. Und dann diese Stimme, die in einem fort röchelte, grunzte und kreischte. Während wir seine Kassette wieder und wieder abspielten, wohl den ganzen Abend lang, erzählte mir der Cloppenburger Geschichtsstudent alles, was er über Tom Waits wusste, und das war eine Menge. Bis tief in die Nacht fachsimpelten wir in der Gruppe über unsere jeweiligen Auffassungen von Pop-Musik…

Am nächsten Tag fuhren wir dann mit einem Kleinbus von der Jugendherberge zum nahe gelegenen Pont du Gare, jenem berühmten Aquädukt aus der Römerzeit. Und dort bin ich mit meinem Freund A oben auf dem Rand der mächtigen Wasserleitung, noch dazu bei stürmischen Winden, in mehr als 20 m Höhe über dem kaum Wasser führenden Fluss von der einen Seite bis zur anderen gelaufen, ohne jede Absicherung. Abends in der Jugendherberge erklärte man uns deshalb für lebensmüde, denn dort seien schon zahlreiche Touristen in die Tiefe gestürzt. Keiner, dem ich später von diesem Abenteuer berichtet habe, wollte es mir glauben, denn inzwischen ist am Pont du Gare längst alles abgesperrt und keine Überquerung mehr möglich…

Am Ende unserer Fahrt habe ich mich dann tatsächlich noch mit meinem Freund A zerstritten. Anlass war eine Ausgabe der Illustrierten BUNTE, die wir irgendwo an einem französischen Bahnhofskiosk erstanden hatten, mit sensationellen Paparazzi-Nacktfotos des Models Claudia Schiffer. Den Kaufpreis hatten wir uns, glaube ich, geteilt. Und nun wollten wir die delikaten Fotos unter uns aufteilen, um den für uns wertlosen Rest der Zeitschrift anschließend entsorgen zu können. Aber wer sollte welches Foto behalten dürfen? Weder A noch ich wollte auf das größte und in unseren Augen schönste dieser Bilder verzichten, auch wenn man zum Ausgleich alle anderen Fotos, und es gab noch einige weitere im Journal, hätte behalten können. Damals ahnten wir noch nichts von der unmittelbar bevorstehenden Erfindung des Internets, das solche Streitereien schon wenige Jahre später hinfällig werden ließ…

Bald nach dem Urlaub kaufte ich mir die Tom Waits-Platte „Bone Machine“, den Soundtrack unserer Reise, natürlich auf Vinyl. Und die aufgenommene Kassette mit dieser Musik lief bei mir dann in den folgenden Jahren recht häufig im Studentenwohnheim. Sollte ich jemals ein Testament verfassen, dieser Gedanke kam mir wohl schon damals in den unteren Semestern, dann werde ich darin den Wunsch äußern, dass der Song „Dirt in the Ground“, das zweite Stück von „Bone Machine“, auf meiner Beerdigung gespielt wird. Aber unbedingt auf einem möglichst schäbigen Mono-Kassettenrekorder. „Cause we ´re all gonna be just dirt in the ground.“

Tom Waits
Bone Machine
Island Records 1992
ASIN: B001SXE0T0

www.justament.de, 6.11.2017: 100 Jahre Russische Revolution

Recht historisch Spezial: Justament-Autor Thomas Claer erinnert sich an den 70. Jahrestag der „Großen Sozialistischen Oktoberrevolution“ vor 30 Jahren

Steht ein besonderes Jubiläum ins Haus, dann sollte man rechtzeitig mit den Vorbereitungen beginnen. Das lernte ich bereits in der Schule, als unser Kunsterziehungslehrer vor ziemlich genau 31 Jahren, im Herbst 1986, vor versammelter Klasse verkündete: „Im nächsten Jahr begehen wir den 70. Jahrestag der Oktoberrevolution. Und dazu sollt ihr nun jeder ein Poster entwerfen.“ Das war keine ganz leichte Aufgabe für einen Neuntklässler ohne künstlerische Begabung, der ich damals war. Meine Noten in diesem Fach lagen nur dank der Kunstinterpretationen, also dem mir weitaus mehr liegenden gepflegten Geschwafel über Werke berühmter Maler oder Bildhauer, im erträglichen Bereich. Und nun sollte ich ein Poster zeichnen. Aber glücklicherweise gab es ja noch meinen Vater, für den solche Herausforderungen ein Klacks waren. Sehr gelegen kam mir, dass wir die Kunstwerke, an denen wir gerade arbeiteten, zwischen den Kunstunterrichtsstunden zur weiteren Ausgestaltung mit nach Hause nehmen durften. Mein Vater brauchte kaum eine Minute, da hatte er schon die rettende Idee: Er zeichnete mit dem Bleistift den Panzerkreuzer Arora, im Wasser liegend, aus dem Schornstein in seiner Mitte stieg als Rauchwolke die Zahl 70. Drumherum ein paar Fahnen, die später noch rot auszumalen waren, darunter die Beschriftung „Große Sozialistische Oktoberrevolution“ – fertig. Mein Kunstlehrer war begeistert. Eine Glanzleistung, für die ich die Note 1 bekam.

Nun gab es aber in den folgenden Monaten zwei Ereignisse, die mein Revolutionsplakat und seine Benotung nachträglich in einem anderen Licht erscheinen ließen. Zum einen beging mein Vater, der mir gerade noch – zu rein schulischen Zwecken – bei der Glorifizierung der Oktoberrevolution geholfen hatte, kurz nach Weihnachten Republikflucht. Er kam von einem Besuch meiner Oma in Westdeutschland, der ihm immerhin von den DDR-Behörden genehmigt worden war (vielleicht ja, weil er Frau und Kind im Osten zurückließ), nicht mehr zurück. Kurz darauf stellte meine Mutter für sich und mich den berühmten Ausreiseantrag auf Familienzusammenführung. Von nun an waren wir in der DDR so etwas wie Staatsfeinde.

Zum anderen wurde mein Kunstlehrer, der außerdem noch Deutsch und Englisch unterrichtete (ausgerechnet die Sprache des Klassenfeindes!) zum neuen Schuldirektor befördert, nachdem der bisherige Amtsinhaber, ein nervöser Kettenraucher, der ständig herumschrie, an einem Magengeschwür verstorben war.

Der Sozialismus und ich – das ist eine lange Geschichte, in der nun, zum Jahreswechsel 1987, im 70. Jahr nach der Oktoberrevolution, ein neues Kapitel aufgeschlagen wurde. So richtig überzeugt von der „wissenschaftlichen Weltanschauung der Arbeiterklasse“ war ich wohl – trotz aller Gehirnwäsche, der ich in diesem Lande fortwährend ausgesetzt war – nicht einmal in den unteren Schulklassen. Beim Fahnenappell, als immer wieder von der unverbrüchlichen und ewig währenden Freundschaft zwischen unserer DDR und der Sowjetunion die Rede war, stellte ich mir schon als ca. Neunjähriger die ketzerische Frage, wie das denn sein könne mit der „Ewigkeit“. Es erschien mir dann doch höchst fragwürdig, ob diese beiden Staaten wirklich für alle Zeiten Bestand hätten, auch noch in 100 oder in 1000 Jahren. Allerdings ahnte ich damals nicht, dass es sie alle beide schon in 10 Jahren nicht mehr geben würde…

Diese Fahnenappelle, auf denen man manchmal eine geschlagene Stunde draußen in der Kälte herumstehen und langweilige propagandistische Reden ertragen musste, hatten zwar den von manchem meiner Mitschüler empfundenen Vorteil, dass dafür eine Stunde regulärer Unterricht ausfiel. (Es gab solche Appelle in unregelmäßigen Abständen, ca. alle zwei Monate, zu irgendwelchen Anlässen.) Mir waren sie aber immer sehr unsympathisch. Besonders seit ich einmal als sehr junger Schüler erleben musste, wie drei ältere Schüler sich vor allen versammelten Klassen der Schule vorne hinstellen mussten und unter den in barschem Ton vorgebrachten Anschuldigungen des Direktors von der Schule verwiesen wurden. Ihr Vergehen: Sie hatten sich einen Jux gemacht, indem sie eine Wandzeitung auf frevelhafte Weise veränderten. Dort hatte ursprünglich so etwas gestanden wie: „In fester Solidarität zur ruhmreichen UdSSR!“ und „Wider die Lügen des USA-Imperialismus!“ Und sie hatten ein paar Buchstaben vertauscht, so dass dort anschließend zu lesen war: „In fester Solidarität zur ruhmreichen USA!“ und „Wider die Lügen des UdSSR-Imperialismus!“ Als der Direktor den „Tatbestand“ schilderte, bemerkte ich, wie mehrere ältere Schüler dabei grinsen mussten…

Jahre später war ich selbst eine Zeit lang Wandzeitungsverantwortlicher im Pionierrat und hatte mit zwei Mitschülerinnen die politische Wandzeitung unseres Klassenraumes zu gestalten. Das Thema war meistens vorgegeben. Ich bemühte mich damals, da mir die Gefahr bewusst war, sich bei einem ideologischen Fehltritt großen Ärger einzuhandeln, sozusagen um Subversion durch übertriebene Erfüllung der Vorgaben. Ich textete also für die Wandzeitung Überschriften und Beiträge in so grotesker Floskelhaftigkeit, dass sie selbst die Artikel im „Neuen Deutschland“ in den Schatten stellten. Immer wieder benutzte ich Adjektive wie „heldenhaft“, „ruhmreich“ „unerschütterlich“, auch dort, wo es überhaupt nicht passte. Doch niemand schien meine Übertreibungen und Veralberungen zu bemerken. Meine Mitschülerinnen waren froh, dass ich für sie so schnell einen passenden Text schrieb, die Lehrerin fand ihn sehr schön, und auch sonst nahm keiner daran Anstoß. (Es interessierte wohl auch niemanden besonders, was genau dort geschrieben stand, Hauptsache es machte keinen Ärger.)

Von meinen Eltern war ich weder für noch gegen den Sozialismus erzogen worden, nur zur unbedingten Vorsicht. „Pass bloß auf, was du in der Schule sagst“, war ihr fortwährendes Mantra. Dabei war mein Vater noch weitaus ängstlicher als meine Mutter. Als diese mir einmal den Unterschied zwischen „Arbeitgebern“ und „Arbeitnehmern“ erklärte – diese Begriffe hatte ich in den Westnachrichten aufgeschnappt, die ich schon als Kind stets mit großem Interesse verfolgte – intervenierte mein Vater umgehend und rief aufgeregt: „Was erzählst du ihm denn da?! Das kann man auch genau andersherum sehen, wer die Arbeit gibt und nimmt! Sei bloß vorsichtig!“ Und ich solle das ja nicht in der Schule erzählen. Zwanzig Jahre später, lange Jahre nach der Wiedervereinigung, las mein Vater meine Dissertation Korrektur und fragte mich an einer Stelle, wo es um so etwas wie (berechtigte) Kapitalismuskritik ging: „Sag mal, musst du das hier so  formulieren? Kriegst du da keinen Ärger??“ Dass ich im Westen einen marxistischen Doktorvater hatte, der meine Formulierung wohl eher noch zu mild gefunden hätte, konnte er sich nicht vorstellen…

Nein, ich war nicht einmal als Schüler ein gläubiger Sozialist. Und doch: Was ich gar nicht mochte, war der weit verbreitete Zynismus meiner Mitschüler. Viele von ihnen hatten für alles, was aus unserem Staat stammte, nur Verachtung übrig. Alles, was aus dem Westen kam, war in ihren Augen haushoch überlegen. Vor allem galt das für die Qualität des Fußballs. Auch wenn sie objektiv gesehen völlig Recht hatten, empörte es mich, eine so schlechte Meinung vom eigenen Land zu haben. Und so stritt ich mit ihnen regelmäßig und verteidigte vehement „unseren Fußball“. Nahezu alle Jungs unserer Klasse waren Fans des Hamburger SV oder des FC Bayern München. Nur ich allein hielt zu „unserem“ FC Hansa Rostock. Ich muss zugeben, dass es mir wohl auch aus diesem Grunde ein Jahrzehnt später eine tiefe Genugtuung bereitete, als nach der Wende „mein“ FC Hansa in der Bundesliga die Münchener Bayern sensationell mit 2:1 im Olympiastadion bezwang…

Irgendwann, wohl ca. in der 6. Klasse, ging es los mit der Berufsberatung. Ich wollte Journalist werden, am liebsten Sportreporter. „Dann musst du drei Jahre zur Armee“, sagte man mir. „Sonst wird das nichts.“ Für mich war das eine ziemlich schreckliche Vorstellung. Aber ich erinnere mich noch genau, wie ich mich schließlich zu dem Entschluss durchrang, notfalls in diesen sauren Apfel zu beißen. (Es war ein bisschen so ähnlich wie später beim Entschluss zum Jurastudium. Der Zweck heiligt manchmal die Mittel.) Aber glücklicherweise musste ich dann niemals zur Armee, weil nach Stellung unseres Ausreiseantrags alle meine Karriereplanungen in diesem Staate hinfällig geworden waren.

Abschließend noch einmal zurück zu meinem Kunst- und Englischlehrer, dem späteren Schuldirektor. Wenn ich so zurückdenke, dann hat er auf seinen Ansprachen beim Fahnenappell mitunter ganz erstaunliche und weitsichtige Dinge gesagt. Natürlich war auch er, wie alle anderen Lehrer, die ich im Osten erlebte, sehr autoritär – im krassen Gegensatz zu den Lehrern auf dem Bremer Gymnasium, das ich nur zwei Jahre später besuchten sollte. Gewiss, auch dieser Direktor mag politische Phrasen gedroschen haben, weil das so von ihm erwartet wurde. Aber dann redete er auch vom „lebenslangen Lernen“, das uns mit Sicherheit bevorstehe. Unsere Abschlussprüfung in der 10. Klasse sei nur die erste von unzähligen weiteren Prüfungen, die uns im Leben noch erwarteten. Besonders betonte er den rasanten technischen Wandel, der jedem von uns eine ständig neue Umstellung abverlange. „So wie wir heute einen Kühlschrank und eine Waschmaschine und einen Fernseher im Haushalt benutzen, wird eines Tages der Computer ein selbstverständlicher Alltagsgegenstand werden.“ Ja, jeder von uns werde irgendwann selbst einen Computer haben und müsse dann lernen, damit umzugehen. Und wir dachten etwas irritiert an die schrottigen DDR-Computer, mit denen wir es bislang zu tun hatten… Auf den US-Imperialismus hat er, soweit ich mich erinnere, niemals geschimpft. Und die Freundschaft zur Sowjetunion kam bei ihm auch nur ganz am Rande vor. Vielleicht hatte er ja schon eine Vorahnung, was bald geschehen sollte…

Eigentlich hätte ich in diesem „Memoir“, wie man das heute nennt, noch weitaus mehr zu berichten. Aber der Abgabetermin naht, der 7. November, der Jahrestag der Oktoberrevolution. (Für die Westdeutschen, Zugewanderten und Nachgeborenen: Die Oktoberrevolution fand ungeachtet ihres Namens tatsächlich erst im November statt, nur galt seinerzeit in Russland noch der julianische Kalender, wonach es dort der 25. Oktober war. Das lernte in der DDR jedes Kind in der Schule. Heute wissen es nur noch Experten.) Hätte ich also rechtzeitig vor dem Jubiläum zu schreiben begonnen und nicht erst ein paar Tage vorher, dann wäre womöglich ein ganzes Buch herausgekommen mit dem Titel „Der Sozialismus und ich. Eine Jugend in der DDR“. Ja, man sollte rechtzeitig vor dem Jubiläum mit seinen Vorhaben beginnen, auch hierin hatte mein damaliger Kunstlehrer also recht. Aber vielleicht schreibe ich dieses Buch ja trotzdem noch, dann eben verspätet. Oder zum 30. Jahrestag des Mauerfalls in zwei Jahren…