Author Archive: thomyc

justament.de, 13.6.2022: Mehr als eine Jugendsünde

Vor zehn Jahren erschien „Herz aus Gold“, das Debüt von „Die Heiterkeit“

Thomas Claer

Je älter man wird, desto schwieriger ist es bekanntlich, noch irgendetwas zu finden, das einen vom Hocker reißt. Man denkt dann: Seltsam, früher gab es so unendlich viel aufregende Musik, und die Helden von einst findet man ja auch weiterhin gut – oftmals sogar das, was sie heute noch fabrizieren. Aber unter den Newcomern der, sagen wir, letzten zwei Jahrzehnte, da ist doch kaum noch etwas Interessantes dabei gewesen. Und das, obwohl ich mich doch nun wirklich bemüht habe: Sobald mal wieder im Feuilleton ein neuer Superstar oder Geheimtipp abgefeiert wurde, habe ich umgehend seinen Namen in die YouTube-Maske eingegeben, um ihn mir mal anzuhören. Aber spätestens nach ein paar Minuten gab ich es in der Regel wieder auf. Selbst an Billie Eilish, der man ein gewisses Charisma in der Tat nicht absprechen kann, vermag ich musikalisch beim besten Willen nichts Erbauliches zu finden. Schwer zu sagen, ob das wirklich am schwachen Niveau der jüngeren Akteure oder eher an der altersbedingt stark nachlassenden Begeisterungsfähigkeit des Rezensenten liegt…

Immerhin drei in den letzten beiden Dekaden angetretene Pop-Musikerinnen, von denen ich große Stücke halte, (aber – warum auch immer – kein einziger männlicher Akteur!) fallen mir noch auf die Schnelle ein: Lana Del Rey, Maike Rosa Vogel und Stella Sommer. Und von letzterer soll hier nun die Rede sein, genauer gesagt vom Frühwerk ihres grandiosen Bandprojekts „Die Heiterkeit“, das aus den beiden Alben „Herz aus Gold“ (2012) und „Monterey“ (2014) besteht. Natürlich muss man wissen, dass sich hinter „Die Heiterkeit“ im wesentlichen auch nur Stella Sommer verbirgt, denn ähnlich wie auf ihren beiden exzellenten späteren Solo-Platten hat sie auch bei „Die Heiterkeit“ nur ein paar Musikerinnen (und nur vereinzelt auch männliche Musiker) um sich geschart, die sozusagen nach ihrer Pfeife tanzen. Und der entscheidende Unterschied zwischen Band- und Solo-Projekt ist auch nur der, dass bei „Die Heiterkeit“ auf Deutsch gesungen wird und bei Stella Sommer solo auf Englisch, aber selbst hiervon gibt es Ausnahmen…

Das Frühwerk von „Die Heiterkeit“ also, für das sich wohl hauptsächlich jene interessieren dürften, die bereits durch die späteren Glanzlichter „Pop & Tod, I +II“ (2016) und insbesondere „Was passiert ist“ (2019) auf den Geschmack gekommen sind… (Wir haben damals jeweils an dieser Stelle darüber berichtet.) Da ist also zunächst einmal das vor genau einem Jahrzehnt erschienene Debüt „Herz aus Gold“, das sich zwar noch nicht unbedingt als künstlerischer Höhepunkt, aber doch zweifellos schon als interessanter Versuch ansehen und anhören lässt. Hier und da gibt es schon recht gelungene Details, doch fehlt oftmals noch das Zündende, vor allem bei den Texten. Man spürt, dass diese Platte weit weniger als alle Folgenden von Stella Sommer dominiert wurde und wie die Musikerinnen hier um ihren Stil ringen, den sie noch nicht vollständig gefunden haben. Musikalisch bestimmen Schrammel-Gitarren das Bild. In den Songtexten herrscht noch eine Art jugendlicher Ironiezwang. Das große Pathos wird, anders vor allem als auf der großartig-opulenten „Was passiert ist“ (2019), noch gescheut. Auch steht Stella Sommers überwältigende Stimme hier noch längst nicht so im Vordergrund, wie es auf ihren späteren Alben der Fall sein wird.

Die interessantere der beiden frühen Platten ist aber „Monterey“. Dort gibt Stella Sommer bereits unverkennbar den Ton an, dominiert das Album auch stimmlich. Und sie versucht sich gleich mehrfach an dem, was später ihre besondere Spezialität werden wird: am elegischen Liebeslied. Der mit Abstand stärkste Song des Albums ist sein letzter, „Pauken und Trompeten“. Er hat bereits alles in sich, was den Heiterkeits-Sound der beiden Nachfolge-Alben ausmachen wird, nicht zuletzt eine betörende Melodie und Rhythmik. Ebenfalls sehr gelungen sind „Wässere mich“ und „Kapitän“, aber auch der Opener „Factory“, während die drei dem Schlusstitel „Pauken und Trompeten“ vorhergehenden jeweils sehr langsamen Stücke sich untereinander so ähnlich sind, dass leichte Ermüdungsreflexe des Zuhörers nur schwer zu vermeiden sind…

Kurzum, im Frühwerk der „Heiterkeit“ wechseln sich Licht und Schatten ab, doch ist es ohne jede Frage eine Entdeckung wert, zumal wenn man – wozu sich der Rezensent hier ausdrücklich bekennen möchte – Stella Sommer und „Die Heiterkeit“ eine große Zukunft prophezeit. Das Urteil lautet: voll befriedigend (10 Punkte) für „Herz aus Gold“ und noch einmal voll befriedigend (12 Punkte) für „Monterey“.

Die Heiterkeit
Herz aus Gold
Staatsakt (H’Art) 2012
ASIN: B0087OR138

Die Heiterkeit
Monterey
Staatsakt (H’Art) 2014
ASIN: B00G756GRS

justament.de, 6.6.2022: War der Szenebezirks-Hype nur eine Blase?

War der Szenebezirks-Hype nur eine Blase?

Das Zahlenwerk aus dem aktuellen Wohnmarktreport Berlin unter der Lupe

Thomas Claer

Straßenszene in Neukölln

Nach zwei Jahren gibt es nun endlich wieder einen „Wohnmarktreport Berlin“ mit ausführlichem Zahlenwerk über den Mietmarkt in allen 191 Postleitzahlgebieten unserer Hauptstadt. Im Vorjahr konnte nämlich nur eine beinahe zahlenlose Rumpfversion dieser traditionsreichen jährlichen Studie erscheinen, da es wegen des berüchtigten Berliner Mietendeckels, der mittlerweile vom Bundesverfassungsgericht gestoppt wurde, monatelang kaum noch Mietwohnungsinserate mehr gegeben hatte, die man hätte auswerten können… Vordergründig betrachtet scheint in diesen zwei Jahren aber gar nicht viel passiert zu sein, denn die Median-Miethöhe im gesamten Stadtgebiet ist zwischen 2019 und 2021 um gerade einmal 0,6% von 10,44 Euro auf 10,50 Euro gestiegen. Doch trügt dieser Schein gewaltig, denn schaut man genauer hin, was wir auch diesmal, siehe unten, getan haben, so erkennt man, dass es in den 23 Altbezirken von vor der Gebietsreform, die wir wegen ihrer größeren Genauigkeit abermals als Vergleichsmaßstab herangezogen haben, in den letzten 24 Monaten höchst heterogene Entwicklungen gegeben hat.

Zunächst fällt auf, dass die Innenstadt-Regionen, abgesehen von den massiv positiven Ausreißern Mitte (Alt), Wilmersdorf und südliches Charlottenburg, allesamt signifikante Rückgänge in der Angebots-Miethöhe zu verzeichnen hatten. Besonders gilt dies für die Gentrifizierungs-Lagen Neukölln-Nord und Wedding, die nach jahrelanger steiler Aufwärtsbewegung zuletzt einen erstaunlichen Absturz zu erleiden hatten. So liegen die beiden bisherigen Trend-Lagen inzwischen gerade einmal noch an der Oberkante des unteren Drittels aller Altbezirke. Einen fulminanten Sprung nach oben haben dafür mehrere vornehmlich östliche Peripherie-Bezirke hingelegt: Um fast schon sensationelle zweistellige Prozentsätze nach oben ging es in Treptow, Köpenick, Pankow, Hellersdorf und – ganz besonders – Weißensee, das mit einem Anstieg um 13,8% diesmal den Vogel abgeschossen hat.

Was ist da los?, so fragt man sich irritiert, und kommt nach einiger Überlegung auf mindestens drei mögliche Auslöser dieser bemerkenswerten Bewegungen. Zunächst einmal dürfte die im Beobachtungszeitraum grassierende Corona-Pandemie mit dafür gesorgt haben, dass Wohngebiete außerhalb der engen und überlaufenen Zentrallagen tendenziell an Beliebtheit gewonnen haben, während das Zentrum einen entsprechenden Bedeutungsverlust hinnehmen musste. Ausgenommen hiervon waren aber offenbar besonders repräsentative Lagen (Mitte sowie rund um den Ku’damm), die sogar teilweise noch deutlich anziehen konnten. Im relativen Abstieg der Szenebezirke spiegelt sich hingegen das pandemiebedingt stark ausgedünnte Freizeitangebot mit all den geschlossenen Bars und Clubs wider. Insofern sind aber starke Zweifel daran angebracht, ob dieser Trend nachhaltig ist, denn früher oder später dürfte der Party-Orkan in den Szenebezirken wieder anschwellen. Noch dazu könnten die mittlerweile kriegsbedingt und vermutlich auch auf lange Sicht höheren Transport- und Energiekosten dafür sorgen, dass sich die vorübergehende Tendenz zu großen Immobilien am Stadtrand (oder sogar außerhalb der Städte) rasch wieder umkehren wird.

Ein weiterer wichtiger Einflussfaktor liegt vermutlich im zunehmenden Wohnungs-Neubau in vielen östlichen Peripherie-Bezirken. Auch wenn nur ein geringerer Teil dieser Neubau-Projekte überhaupt Mietwohnungen beinhaltet und von diesen auch noch ein erheblicher Anteil zu öffentlich vorgeschriebenen Niedrigmieten vermietet werden muss, hat selbst dieses regulatorisch ausgebremste zusätzliche Wohnungsangebot wegen des Basiseffekts der überwiegend sehr niedrigen Bestandsmieten enorme Auswirkungen auf die gemessene Höhe der Angebotsmieten.
Schließlich lässt sich als dritter bedeutsamer Einflussfaktor die zunehmende politische Regulierung des Berliner Mietmarktes mit entsprechenden Ausweichreaktionen von der Vermieterseite ausmachen. Spätestens die lange Hängepartie mit dem schließlich vom Bundesverfassungsgericht als verfassungswidrig eingestuften Mietendeckel, um von zahllosen weiteren aktuell diskutierten Regulierungsvorschlägen gar nicht zu reden, dürfte einen nicht geringen Teil zumindest der Berliner Kleinvermieter zur strikten Vermeidung von unbefristeten Mietverträgen getrieben haben. Und nur solche Standard-Mietvertrags-Angebote werden für den Wohnmarktreport mitgezählt, nicht aber die gerade in den zentralen Lagen immer beliebter werdenden kurz- oder mittelfristigenmöblierten Vermietungen, deren Preisniveau in der Regel weitaus höher liegt.

Kurzum, trotz aller beschriebener Unschärfen liefert der aktuelle Wohnmarktreport wieder ein aufschlussreiches Bild – besonders für diejenigen, die zwischen den Zahlen zu lesen verstehen…

Wohnkosten in Berliner Bezirken (Angebotskaltmiete pro qm) gem. Wohnmarktreport 2021 (2019) nach Alt-Bezirken:

1. (1.) Mitte (Alt) 17,14 (15,47) +10,8% alternativ/repräsentativ
2. (4.) Wilmersdorf 14,21 (13,11) +8,4% großbürgerlich/bürgerlich
3. (3.) Friedrichshain 13,88 (13,28) +4,5% alternativ/lebendig
4. (2.) Tiergarten 13,85 (13,47) +2,8% gemischt/lebendig
5. (5.) Prenzlauer Berg 12,99 (13,04) -0,4% alternativ/neubürgerlich
6. (6.) Kreuzberg 12,62 (12,96) -2,6% alternativ/lebendig
7. (7.) Charlottenburg 12,58 (12,37) +1,7% großbürgerlich/lebendig
8. (9.) Zehlendorf 12,26 (11,54) +6,2% großbürgerlich/bürgerlich
9. (13.) Treptow 11,63 (10,31) +12,8% proletarisch/lebendig
10. (8.) Schöneberg 11,62 (12,07) -3,7% bürgerlich/lebendig
11. (14.) Pankow 11,34 (10,30) +10,1% bürgerlich/lebendig
12. (15.) Köpenick 10,87 (9,86) +10,2% bürgerlich/proletarisch
13. (18.) Weißensee 10,82 (9,51) +13,8% bürgerlich
14. (12.) Steglitz 10,52 (10,42) +1,0% bürgerlich/kleinbürgerlich
15. (10.) Wedding 10,17 (11,37) -10,6% proletarisch/lebendig
16. (11.) Neukölln 9,94 (10,52) -5,5% alternativ/proletarisch
17.(16.) Tempelhof 9,72 (9,62) +1,0% kleinbürgerlich/bürgerlich
18. (21.) Hellersdorf 9,42 (8,65) +8,9% proletarisch/gemischt
19. (17.) Lichtenberg 9,36 (9,60) -2,5% proletarisch/kleinbürgerl.
20. (19.) Reinickendorf 9,24 (9,25) -0,1% kleinbürgerlich/bürgerlich
21. (20.) Spandau 8,73 (8,81) +0,9% kleinbürgerlich/lebendig
22. (23.) Marzahn 7,78 (7,74) +0,5% proletarisch/gemischt
23. (22.) Hohenschönhausen 7,43 (8,23) -9,7% proletarisch/gemischt

Quelle: Wohnmarktreport Berlin 2022 (Berlin Hyp und CBRE) und eigene Berechnungen.

Informationen: https://www.cbre.de/de-de/research/CBRE-Berlin-Hyp-Berlin-Wohnmarktreport-2022

jusrament.de, 30.5.2022: Mit Goethe durch die Pandemie

Manfred Osten über „Die Welt, ‚ein großes Hospital‘. Goethe und die Erziehung des Menschen zum ‚humanen Krankenwärter‘“

Thomas Claer

„Goethe weiß alles“, so hat es Peter Handke schon vor mehr als drei Jahrzehnten auf den Punkt gebracht. Und da Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) ein so umfangreiches Werk hinterlassen hat, zu dem neben all den literarischen und naturwissenschaftlichen Schriften (und Zeichnungen) auch noch unendlich viele Briefe an Zeitgenossen sowie ebenso unzählige Aufzeichnungen seiner Verlautbarungen in unterschiedlichsten Lebenslagen gehören und Goethe noch dazu eine fast schon seherische Begabung in der Wahrnehmung der mitunter verhängnisvoll sich steigernden Gefährdungen der Menschheit in der Moderne mitbrachte, lässt sich wohl sagen, dass wir bei ihm Antwort auf beinahe alles finden, was uns heute, 200 Jahre später, noch umtreibt und beschäftigt. Man muss nur wissen, wo es steht und wie es sich interpretieren lässt. Aber genau hier liegt freilich die Crux, denn wer einmal versucht hat, etwa den Faust II ohne sekundärliterarische Unterstützung zu bewältigen, weiß, wovon die Rede ist…

Bewährte Hilfestellung im ambitionierten Unterfangen der Goethe-Exegese gibt schon seit langen Jahren (und ganz besonders seit seiner Pensionierung) der mittlerweile 84-jährige Manfred Osten, promovierter Jurist, Ex-Diplomat und wohl einer der versiertesten noch lebenden Goethe-Kenner überhaupt. Wie schon in seinen früheren Publikationen wie „Alles veloziferisch. Goethes Entdeckung der Langsamkeit“ (2003) oder „Goethe und das Glück“ (2017) widmet sich Osten auch diesmal wieder einem aktuellen, aber gleichwohl von Goethe bereits hinreichend antizipierten Themenbereich, nämlich der Immunität des Einzelnen und der Allgemeinheit, noch konkreter gesagt: der Corona-Pandemie mit all ihren medizinischen bis hin zu ökologischen Implikationen.
Bekanntlich hat es vergleichbare Seuchen auch schon früher gegeben, sogar zur Genüge, wenn man an die Pest- und Cholera-Epidemien denkt, die sich erst in der frühen Neuzeit dank vermehrter hygienischer Sorgfalt besser eindämmen ließen, an Pocken und Blattern, mit denen sich auch der junge Goethe infizierte. Nach Goethes dezidierter Auffassung jedoch ist individuelle Gesundheit keinesfalls nur Glückssache, sondern es obliegt auch jedem Einzelnen, seine persönliche Immunität durch eine achtsame Lebensführung zu kräftigen. Und obschon die Virologie damals noch nicht einmal in den Kinderschuhen steckte, hatte Goethe schon eine hinlängliche Ahnung der Zusammenhänge, sprach von „kleinen Tieren in unseren Körpern“ und empfahl eine ausgewogene Ernährung nebst regelmäßigen Spaziergängen und überhaupt muntere Bewegung. Hart ging er mit seinem Freund und Kollegen Friedrich Schiller ins Gericht, dessen sich selbst stets verausgabenden und überfordernden Arbeitsstil („Das Leben ist der Güter höchstes nicht.“) er scharf missbilligte und diesem eine universelle Ethik der Mäßigung entgegensetzte. Oder wie es im „Wilhelm Meister“ heißt: „Der verständige Mann braucht sich nur zu mäßigen, so ist er auch glücklich.“

Dabei war es auch für Goethe selbst eine lebenslange Herausforderung, sein von Natur aus feuriges und leidenschaftliches Temperament unter Kontrolle zu halten. (Seine Figuren Werther und Faust weisen unverkennbar in diese Richtung.) In jungen Jahren, so erfahren wir außerdem, litt Goethe sogar unter diversen Ängsten und Phobien. Doch gelang ihm unter dem Einfluss von Denkern wie Spinoza und Konfuzius eine allmähliche Selbst-Stabilisierung, wozu übrigens auch seine ganz eigene Islam-Rezeption als „Religion der Furchtlosigkeit“ beigetragen haben dürfte. Fortan mochte er mit den „schwankenden Gestalten“ seiner frühen Schaffensjahre nichts mehr zu tun haben, distanzierte sich insbesondere auch von seinem „Werther“, zumal dieser etliche junge Leser in den Nachahmungs-Selbstmord getrieben hatte. Vielmehr entwickelte Goethe die für ihn äußerst fruchtbare Methode, seine keineswegs seltenen Überdruss- und Verzweiflungsschübe jeweils in erhöhte schriftstellerische Produktivität umzumünzen…

Doch nicht nur die individuelle Immunisierung durch Selbstdisziplinierung empfiehlt Goethe, sondern ebenso das, was er als „Reinhaltung der Elemente“ bezeichnet hat, worunter sich nicht weniger als ein lupenreines ökologisches Vordenkertum verbirgt. Im Schulterschluss mit Alexander von Humboldt, der bereits damals gegen die Abholzung des Regenwaldes in Südamerika protestiert, prangert Goethe, der als Minister in Thüringen die Umweltzerstörungen durch den Bergbau miterlebt hat, den Frevel an der Natur an, mit welcher der Mensch „seine Späße treibe“, mit der aber nicht zu spaßen sei. Weite Teile des Faust II beschreiben zerstörerische menschliche Eingriffe in ökologische Zusammenhänge, die sich später rächen werden. So wie uns ja auch aktuell durch das Überspringen tierischer Krankheitserreger auf den Menschen einmal mehr die Rechnung der Natur für unsere Fortschritts-Projekte präsentiert wird.

Ostens wieder einmal kleines, feines Bändchen endet mit einem Nachwort Peter Sloterdijks aus philosophisch-anthropologischer Sicht, das den Menschen als fürsorgebedürftiges Wesen herausstellt, was aber auch ausdrücklich die zu erlernende Fähigkeit zur Selbst-Fürsorge einschließe. So könne der moderne Mensch seine Rolle als „humaner Krankenwärter“ finden – für sich selbst und für andere.

Manfred Osten
Die Welt, „ein großes Hospital“. Goethe und die Erziehung des Menschen zum „humanen Krankenwärter“. Mit einem Nachwort von Peter Sloterdijk
Wallstein Verlag 2022
160 Seiten; 18,00 Euro
ISBN 978-3-8353-5045-8

justament.de, 16.5.2022: Folk und Blues und Country up Platt

Scheiben Spezial: Vor 40 Jahren erschien „Platt for ju“ von De Plattfööt

Thomas Claer

Mit populärer Musik aus dem Osten habe ich mich immer etwas schwer getan. Denn eigentlich galt in meiner Jugend, damals in den Achtzigern, ausnahmslos alles, was „von uns“ kam, also aus der DDR, als unrettbar uncool. Nur was aus dem Westen stammte, konnte etwas taugen. Soviel war klar. Das war zwar ungerecht gegenüber allen Musikschaffenden des Ostens, aber doch keineswegs aus der Luft gegriffen. Denn alles, was wild und anarchisch war, und so etwas hat es natürlich auch im Osten gegeben, das kannte man nicht, weil es nie erscheinen durfte. Während Vergleichbares im Westen sogleich zum nächsten großen Ding hochgejubelt wurde und einem über die westlichen Medien rasch zu Ohren kam…

Eine Ausnahme war aber das folkloristische Duo „De Plattfööt“, das ich schon als Jugendlicher gut fand, woran sich bis heute, zumindest was ihr Frühwerk betrifft, auch nichts geändert hat. Insbesondere die vor vierzig Jahren erschienene Debütplatte der beiden gebürtigen Rostocker Sänger und Gitarristen Peter Wilke und Klaus Lass hatte es in sich. Auf „Platt for ju“, die nur scheinbar harmlos und gefällig daherkam, mischten sie Folk-, Blues- und Country-Klänge (also lauter Musikrichtungen vom Klassenfeind!) mit lustigen und manchmal regelrecht subversiven Texten in mecklenburgischem Platt. In erster Linie waren das Alltagsbeschreibungen, in denen man sich als DDR-Bürger leicht wiedererkennen konnte. Bei Lass und Wilke wurden daraus richtig gute Songs wie ihr bekanntester, „Fru Püttelkow ut Hagenow“, der von einer unablässig Klatsch und Tratsch verbreitenden Verkäuferin in einer mecklenburgischen Kleinstadt handelt und mit einer brillanten Schlusspointe endet. „Disco up’n Dörp“, ihr anderer großer Hit, thematisiert u.a. die Leiden der jugendlichen Landbevölkerung angesichts der bescheidenen Taktung des Öffentlichen Nahverkehrs, was ja systemübergreifend und bis heute ein nicht unerhebliches Problem geblieben ist. In „Jochen un sin Garden“ geht es um die privaten Rückzugsräume der Kleingärtner, nicht ohne die damals im Osten übliche, aber aus heutiger Sicht unvorstellbar geringschätzige Behandlung von Kindern auf die Schippe zu nehmen („Mokt, dat ehr da wegkümmt und trampelt dor nich rüm!“). Ein besonderes Highligt ist ferner das Lied „Lud‘n Jahn ut Doberan“ über das Seemannsgarn eines Kneipengängers („Und Ungeheuer hem wi sehn / Mit twinnig Köppen un döttig Been“), das zugleich das immerwährende Fernweh der weitgehend eingesperrten DDR-Bewohner spiegelt: „Denn jeder weit, dat Lud’n Jahn / Noch nie rutkehm ut Doberan“.

Eigentlich sind alle Songs auf „Platt for ju“ gelungen, es gibt kein einziges schwächeres Lied. Und auch die beiden, noch zu DDR-Zeiten erschienenen, Folgealben „Songs ut Meckelbörg“ (1985) und „Wenn du ok Plattfööt hest“ (1989) konnten – mit Abstrichen – noch überzeugen. Aber dann haben die beiden liebenswerten Plattfööts wohl, wie so viele andere, eine Art Wende-Knacks bekommen. So richtig gut waren sie auf ihren weiteren Veröffentlichungen eigentlich nur noch, wenn sie – was häufiger vorkam – ihre alten Songs aus den Achtzigern recycelt haben. Heute sind die Plattfööt längst Geschichte. Manchmal hat Klaus Lass, die übriggebliebene Hälfte, noch Solo-Auftritte als „De Plattfoot Klaus“. Wenn er nicht Stadtführungen durch Warnemünde macht.

De Plattfööt
Platt for ju
Amiga (DDR) 1982
(Nur noch antiquarisch auf Vinyl erhältlich.)

Informationen: https://de-fischerkaten.de/dpf/plattfoot.html

justament.de, 2.9.2022: Von roten Fahnen bis zum blau-gelben Plakat

Recht historisch: Justament-Autor Thomas Claer über sein Leben als Demonstrant

Wer bereits seit einem halben Jahrhundert auf der Welt ist, hat oftmals auch schon viel demonstriert, für oder gegen dieses oder jenes, wenn auch längst nicht immer nur freiwillig. Insbesondere wer zur Zeit der deutschen Teilung im Osten aufgewachsen ist, hat ganz sicher an mehr Demonstrationen teilgenommen, als ihm lieb sein kann. Es herrschte dort nämlich Demonstrationspflicht, zumindest für Schüler am 1. Mai und am 7. Oktober (wenn ich mich richtig erinnere), also am „Kampftag der Arbeiterklasse“ und am „Tag der Republik“, dem Gründungstag der DDR. Für Erwachsene war es seinerzeit hingegen deutlich einfacher, sich vor diesen unliebsamen propagandistischen Ritualen zu drücken. So haben meine Eltern, soweit mir bekannt ist, nur ein einziges Mal seit meiner Geburt an einer Maidemonstration teilgenommen, und das war gemeinsam mit mir noch vor meiner Einschulung, um mir mal ein unterhaltsames Spektakel vorzuführen, was in unserer kleinen Provinzstadt schließlich Seltenheitswert hatte. Doch hat es mir, glaube ich, schon damals nicht besonders gefallen…

In den darauffolgenden Jahren habe ich dann eine sich immer weiter verstärkende Abneigung gegen diese Jubelparaden mit den roten und schwarzrotgoldenen Fahnenmeeren ausgebildet, die stets von unvorstellbar langweiligen hölzernen Propagandareden irgendwelcher Parteifunktionäre begleitet wurden. Und es kam ja noch schlimmer: Je älter man wurde, desto mehr aktive Mitwirkung wurde von einem gefordert. Es muss wohl in der neunten Klasse gewesen sein, als erstmals jeder von uns am 1. Mai selbst eine Fahne auf der Demonstration tragen musste. Immerhin hatten wir aber die Wahl zwischen einerseits rot und andererseits schwarz-rot-gold mit Hammer-Zirkel-Ehrenkranz. Damals lief bereits der Ausreiseantrag meiner Familie, und entsprechend kritisch stand ich „unserem“ Staat mittlerweile gegenüber. Also legte ich großen Wert darauf, die rote Fahne tragen zu dürfen, die mir als das bei weitem geringere Übel erschien. Denn schließlich hatte die Arbeiterbewegung, so sah ich es damals schon, eine durchaus ehrenwerte Demonstrations-Tradition, die nichts für ihre spätere real-sozialistische Uminszenierung zur bloßen Propagandafeier konnte.

Insofern erlebte ich es als große Befreiung, als Anfang Mai 1989, also vor genau 33 Jahren, endlich von den „zuständigen Organen“ unsere Ausreise in den Westen genehmigt wurde und ich, nunmehr siebzehnjährig, fortan niemals mehr demonstrieren gehen musste, sondern es von nun an ausdrücklich durfte, wie oder wann und wofür oder wogegen ich es wollte. Bitter war nur, dass ich durch unsere Übersiedlung die wenige Monate später einsetzende Wende im Osten mit ihren nun endlich auch dort freiwilligen Demonstrationen verpasste, die ich sehr gerne direkt vor Ort und nicht nur vor dem Fernseher miterlebt hätte…

Stattdessen sammelte ich aber nun Erfahrungen als Demonstrant im Westen. Noch im Mai (oder Juni?) 1989 erlebte ich meine Premiere auf einer Kundgebung vor dem Bremer Rathaus, wo der Revolutions-Präsident Nicaraguas, der damals vor allem im linken Lager hochgeschätzte Commandante Daniel Ortega, eine kurze Ansprache hielt. Ich hatte die Ankündigung in der Zeitung gelesen und war natürlich gleich hingegangen. Und ich traute dann meinen Augen und Ohren kaum, denn dort standen lauter cool gekleidete junge Leute mit roten Fahnen, die lauthals „Hoch die internationale Solidarität!“ riefen, also in etwa das, was, abgesehen von den coolen abgerissenen Klamotten der Demonstranten, auch auf den Zwangs-Demonstrationen im Osten zu sehen und zu hören war. Nur, dass diese Leute hier offenbar vollkommen freiwillig und sogar mit heißem Herzen dabei waren. Für mich war das in höchstem Maße irritierend und faszinierend zugleich. Ich war sogar kurz davor, die Parolen mitzurufen, hatte schon den Mund geöffnet, aber ich brachte es dann doch nicht fertig. Irgendwie war mir wohl auch der damals als großer Freiheitskämpfer angesehene Daniel Ortega nicht ganz geheuer, so wie er da in militärischer Uniform auf der Bühne stand und auf mich seltsam autoritär wirkte. Aus heutiger Sicht muss man sich eigentlich dafür schämen, ihm jemals zugejubelt zu haben, denn dieser Mann hat sich bekanntlich längst zum Diktator gewandelt, der zuletzt als einer der Ersten Präsident Putin seine Unterstützung bei der „Spezialoperation“ in der Ukraine erklärte. Aber die Welt und die Zeiten ändern sich nun einmal, und auch Putin ist einst im Bundestag beklatscht worden; Erdogan war einmal ein Reform-Präsident, der die Demokratisierung der Türkei vorantrieb und Gerhard Schröder ein Reform-Kanzler, der durch seinen mutigen Umbau des Sozialstaates in die Geschichtsbücher eingegangen ist.

Seitdem bin ich aber nur noch relativ selten auf Demonstrationen gewesen, was wohl auch daran liegt, dass ich so leicht friere und mich unter freiem Himmel lieber schnell bewege als lange stillzustehen oder im Trippelschritt zu marschieren. 1991 war ich natürlich bei den riesigen Schüler-Demos gegen den Golfkrieg der USA dabei, worauf ich aber schon bald danach nicht mehr besonders stolz gewesen bin, denn schließlich war dies eine begrenzte Militäraktion mit UN-Mandat, um einen Aggressor zu stoppen, der in sein kleines Nachbarland eingefallen war… Einen gewissen Stolz empfinde ich dagegen darauf, dass ich mit gerade einmal zwanzig oder dreißig Mitstreitern in Bremen gegen das Massaker auf dem Platz des himmlischen Friedens demonstriert habe. Irgendwann in den Neunzigern war ich mit Studienfreunden in Bielefeld auf einer Demo gegen Rechtsextremismus, was natürlich immer gut und richtig ist. Noch dazu war ich deutlich auf dem Foto von dieser Demonstration in der Lokalzeitung „Neue Westfälische“ (auf der ersten Seite!) zu erkennen.

Nach vermutlich mehr als zwanzigjähriger Demonstrations-Unterbrechung fand ich dann vor drei Jahren endlich einmal wieder Zeit und Kraft, um mal bei „Fridays for Future“ hier in Berlin vorbeizuschauen. Und für die Anti-Kriegs-Demo vor kurzem auf dem Alexanderplatz habe ich sogar extra ein blau-gelbes Ukraine-Plakat gebastelt. Kurzum, das Grundrecht auf Versammlungsfreiheit ist gar nicht hoch genug einzuschätzen. Aber zu einem verantwortungsvollen Umgang damit sollte auch immer die Abwägung gehören, wofür sich der Gang auf die Straße wirklich lohnt.

justament.de, 11.4.2022: Die weißen Tauben waren müde

Scheiben Spezial: Vor 40 Jahren erschien „Sturm“, die Debüt-Platte von Hans Hartz

Thomas Claer

Der Krieg, der jetzt so unvermittelt über die Nachbarn unser Nachbarn hereingebrochen ist, war ja nie ganz weg aus Europa. Irgendwo ist er in den letzten Jahrzehnten immer mal wieder aufgeflackert: auf Zypern, in Transnistrien, gleich zehn Jahre lang in Ex-Jugoslawien. Eigentlich müsste man auch noch Tschetschenien dazuzählen, das genau genommen schließlich ebenfalls in Europa liegt… Dass wir uns rückblickend trotzdem über die mit Abstand friedlichsten sieben Dekaden der europäischen Geschichte freuen dürfen, lag wohl hauptsächlich am atomaren „Gleichgewicht des Schreckens“, das den Ost-West-Konflikt vierzig Jahre lang auf verträgliche Temperaturen heruntergekühlt hatte. Begleitet wurde diese Zeitspanne in Westeuropa, vor allem in West-Deutschland, von mächtigen Friedens-Demonstrationen mit manchmal Hunderttausenden Teilnehmern, denen man aus heutiger Sicht zwar den Vorwurf der politischen Naivität nicht ganz ersparen, einen nicht unerheblichen emotional-psychologischen Beitrag zur Friedenssicherung aber auch nicht absprechen kann.

In diesem Umfeld nun entstand im Jahr 1982 einer der berühmtesten deutschsprachigen Protestsongs jener Jahre: „Die weißen Tauben sind müde“, gesungen von Hans Hartz, einem singenden Kneipenwirt aus Schleswig-Holstein mit einer Reibeisenstimme, die ihresgleichen suchte. Doch war jener Hans Hartz nur der Interpret all der Lieder, die vor vierzig Jahren auf seinem Debüt-Album „Sturm“ erschienen. Komponiert und getextet hatte sie niemand anders als Christoph Busse, der akustisch omnipräsente fabelhafte Sesamstraßen-Musiker („Egal-Song“), der allerdings aus Schüchternheit niemals eine Bühne betrat und sich daher für eine Karriere als Popstar für ungeeignet hielt. Stattdessen überließ Busse, der sensible Feingeist, seine Songs lieber dem eher deftigen Hans Hartz, der als ausgewiesene Rampensau galt und in der Tat keine schlechte Wahl war.

Heraus kam bei dieser Co-Produktion eine Art ehrlicher Schweinerock mit bewegenden Momenten. Nicht nur die Hit-Single „Die weißen Tauben“ konnte überzeugen, das ganze Album „Sturm“ war bemerkenswert, was sich auch noch von den Folgewerken sagen lässt, deren Höhepunkte auf der ausgezeichneten Compilation „Frei wie der Wind – Die Balladen“ (1986) zusammengefasst wurden. Die stärksten Songs darauf neben den „Weißen Tauben“ waren – um nur einige zu nennen – „Die Fische schweigen“, „Nur Steine leben lang“, „Der blaue Ballon“, „Sturm“, „Musik aus der Ferne“ und „Kanada“.

Einen – allerdings für ihn tragischen – zweiten Karrierefrühling erlebte Hans Hartz dann in den frühen Neunzigern, als seine Interpretation des von Bernie Paul und Todd Canedy komponierten Songs „Sail Away“ als Fernsehwerbung der Biermarke Becks groß herauskam. Allerdings, so erzählte es Christoph Busse viele Jahre später in einem Radio-Interview, hatte sich Hans Hartz zuvor bei den Verhandlungen mit einer Werbeagentur vollkommen über den Tisch ziehen lassen, indem er ihr alle Rechte an den Aufnahmen dieses Songs für kaum mehr als tausend Mark überließ. Als der geknickte Hans Hartz dann eines Nachts seinem Frust freien Lauf ließ und in stark alkoholisiertem Zustand die Agentur anrief, wobei er wütende Drohungen und Verwünschungen gegen sie ausstieß, wurde der Bier-Werbespot mit seinem Gesang kurzerhand abgesetzt und durch eine neue Aufnahme von „Sail Away“ mit Joe Cocker ersetzt. Darüber soll Hans Hartz nie mehr hinweggekommen sein, und sein reichlich ungesunder Lebensstil – u.a. konsumierte er täglich drei Schachteln Zigaretten – tat sein übriges. Vor knapp zwanzig Jahren, am 30. November 2002, ist Hans Hartz dann erst 59-jährig an Lungenkrebs gestorben. Die weißen Tauben flogen nicht mehr.

justament.de, 14.3.2022: Impressionen von der Anti-Kriegs-Demo

Justament-Reporter Thomas Claer berichtet aus Berlin

Es ändert vielleicht nicht viel, ist aber immerhin ein starkes Signal, wenn in diesen Tagen Menschen weltweit zu Tausenden auf die Straße gehen, um ihre Solidarität mit der überfallenen Ukraine auszudrücken und der Lügenpropaganda der russischen Führung etwas entgegenzusetzen. So auch an diesem sonnigen Vorfrühlingstag in Berlin, wo wir uns mit selbstgebasteltem Transparent in die Reihen der Demonstranten am Alexanderplatz begeben. Erfreulich ist ferner, welch ein breites Bündnis diese Kundgebung unterstützt. Selbst die Partei “Die Linke” ist mit wehenden roten Fahnen dabei. Womöglich plagt ja die zahlreichen Putin-Versteher in ihren Reihen nun doch ein schlechtes Gewissen… Auch sieht man viele der obligatorischen weißen Friedenstauben auf blauem Grund. Nur haben offenbar manche Vertreter der Friedensbewegung ganz buchstäblich den Schuss noch nicht gehört, oder wie soll man ein Banner mit der Aufschrift “Abrüstung jetzt! Europa ohne Atomwaffen!” sonst verstehen?! Fehlte nur noch, dass sie auch weiterhin, wie sie es jahrzehntelang getan haben, die Auflösung der NATO empfehlen. Noch deutlicher könnte man die Einladung an den Despoten im Kreml, sich noch weitere Länder aus dem früheren Sowjetimperium zurückzuholen, gar nicht formulieren.

Überhaupt bekommt man den Eindruck, dass die bitteren neuen Realitäten die gewohnten politischen Positionen mächtig durcheinandergewirbelt haben. Das jüngst von Alt-Bundespräsident Joachim Gauck geforderte “Frieren für die Freiheit” wird heute von mehreren Plakatträgern unterstützt: “Kein russisches Öl und Gas!”, “Rather a cold ass than Putin’s gas!” So sieht es nach jüngstem Politbarometer auch eine Mehrheit von 55 Prozent der Wahlberechtigten hierzulande. Hingegen will Klima-Minister Robert Habeck im Einklang mit Bundeskanzler Scholz zunächst weiter an den russischen Importen festhalten, was vielleicht schon deshalb der vernünftigere Ansatz ist, weil man im (leider zu befürchtenden) Falle weiterer russischer Eskalationen dann noch genügend Pfeile im Köcher hat, um weiter schrittweise darauf reagieren zu können. Das “Frieren für die Freiheit” könnte uns eh noch früh genug blühen, wenn Russland uns aus eigenem Antrieb nicht mehr beliefern sollte…

Aus den Lautsprechern erschallt Rockmusik – und dann ein ukrainisches Freiheitslied. Jung und alt haben sich versammelt, man hört verschiedenste Sprachen, aber besonders häufig Russisch. Oder ist es Ukrainisch? Nur Eingeweihte können dies unterscheiden, was die Berichte über angebliche Diskriminierungen von Russischsprechenden wenig glaubhaft macht. Auch wenn man natürlich nichts ausschließen sollte, liegt es doch nahe, dass russische Trolle das ausgeheckt haben. Zumindest würde es bestens ins Bild passen… Der Demonstrationszug bewegt sich immer weiter in Richtung Westen. Wir schenken uns die Abschlusskundgebung an der Siegessäule, denn mittlerweile knurrt uns gewaltig der Magen…

justament.de, 7.3.2022: Die Geburt der Ukraine aus dem Geiste des John Peel

„The Complete Ukrainian Peel Sessions“ von The Wedding Present aus den Jahren 1987-1989

Thomas Claer

Das war mal wieder einer dieser völlig verrückten Einfälle des legendären BBC-Moderators John Peel (1939-2004), damals vor dreieinhalb Jahrzehnten. Während seiner über vierzigjährigen Radiolaufbahn förderte er in seinen enorm einflussreichen Musiksendungen immer wieder neue, ungewöhnliche Musikstile und insbesondere noch unbekannte Indie-Bands. Seinen ausgesucht-ausgefallenen Geschmack zu treffen, war seinerzeit das Beste, was aufstrebenden Künstlern passieren konnte. Denn er lud die glücklichen, von ihm ausgewählten Musiker regelmäßig zu seinen „Peel-Sessions“ ein, in denen sie dann im BBC-Studio unter seiner kundigen Anleitung ein paar Songs einspielten. Und so hatte er also auch die 1985 in Leeds gegründete Rockformation „The Wedding Present“ zu sich ins Studio gebeten, als deren ukrainischstämmiger Gitarrist Peter Solowka in der Pause zwischen den Aufnahmen mal eben ein ukrainisches Volkslied vor sich hin spielte. Diese Klänge versetzten John Peel augenblicklich in ein solches Entzücken, dass er darauf bestand, dass die Band Wedding Present bei nächster Gelegenheit bei ihm eine Session nur mit ukrainischen Folk-Songs aufnehmen sollte. Flugs wurde in Len Liggins noch ein passender Sänger mit dröhnender Bass-Stimme engagiert, der auch die Geige vortrefflich zu spielen wusste. Hinzu kamen Schlagzeug, E-Gitarre und Mandolinen. Und heraus kam die 1990 erschienene EP „Ukrainski vistupi v Iwana Peela“ („Die ukrainischen John-Peel-Sessions“), die mit über 70 000 verkauften Exemplaren in Großbritannien ein Überraschungs-Erfolg wurde. Diese Songs leben von ihrer puren Energie. Und genau darin liegt auch die Überschneidung zwischen slawischer Folklore und dem Punk-Rock der Achtzigerjahre.

Allerdings entzweite dieses fulminante Crossover die Wedding-Present-Fans dann doch. Der eine Teil von ihnen war begeistert, der andere wendete sich ab. Ähnlich gespalten waren die Bandmitglieder. Und so kam es, dass nach diesem erfolgreichen Experiment Solowka und Liggins „The Wedding Present“ den Rücken kehrten und eine neue Band ins Leben riefen, die fortan nur noch ukrainischen Folk-Punk spielte, während der Rest der Band wieder so weitermachte wie zuvor. Mittlerweile gibt es schon seit über drei Jahrzehnten „The Ukrainians“, deren Repertoire neben traditionellen Songs im Punk-Style auch aus einer Menge ähnlich gestrickter Eigenkompositionen sowie ukrainischen Cover-Versionen bekannter Pop-Songs besteht.

Die Anfänge der „Ukrainians“, die besagten Peel-Sessions der Jahre 1987-1989, sind nun in einer gegenüber der damaligen Veröffentlichung um drei Songs erweiterten Version wieder erhältlich. Wobei diese drei Songs den meisten Fans schon von den späteren Ukrainians-Alben bekannt sein dürften, allerdings nicht in diesen Versionen. Als Sahnehäubchen gibt es dazu noch eine DVD mit rarem Filmmaterial aus jener Zeit sowie einem nostalgisch zurückblickenden Interview mit den Bandmitgliedern. Genau genommen ist diese Wiederveröffentlichung aber gar nicht erst jetzt erschienen, sondern schon vor fast drei Jahren. Doch wann, wenn nicht in diesen Tagen nach Putins abscheulichem Überfall auf die Ukraine und anlässlich ihrer tapferen Gegenwehr, sollte man auf dieses großartige Album hinweisen? Das Urteil lautet: sehr gut (16 Punkte).

The Wedding Present
The Complete Ukrainian Peel Sessions (Remastered)
CD + DVD
USM Verlag 2019
ASIN: B07PRZJCC5

justament.de, 14.2.2022: Intellektueller Tausendsassa

Zum 90. Geburtstag von Alexander Kluge

Thomas Claer

„Ein Jurist, der nicht mehr ist als ein Jurist, ist ein arm Ding“, wusste schon Martin Luther. Und genauso hat es wohl auch der am 14. Februar 1932, heute vor neunzig Jahren, als noch niemand den Valentinstag auf dem Schirm hatte, in Halberstadt im Harz geborene Alexander Kluge gesehen. Denn nach seinem Jura-Studium in Freiburg, Marburg und Frankfurt am Main zog es ihn Mitte der Fünfzigerjahre sogleich zur berühmten und ebendort ansässigen „Schule“, um beim Justitiar des „Instituts für Sozialforschung“ eine Station seines Referendariats abzuleisten. Dort hat ihn dann Theodor W. Adorno höchstselbst zum Filmregisseur Fitz Lang geschickt, der ihn von seinen literarischen Bestrebungen abbringen sollte, da er die Literatur für ein „abgeschlossenes Gebiet“ hielt. Hat aber alles nichts genutzt, ganz im Gegenteil: Kluge avancierte nicht nur zum Schriftsteller im Umfeld der Gruppe 47, sondern auch zum gefeierten Autorenfilmer, der bereits 1962 bei den 8. Westdeutschen Kurzfilmtagen zu den Initiatoren des „Oberhausener Manifests“ gehörte, die die Abkehr vom „alten deutschen Film“ forderten. Und so wurde Alexander Kluge mit Filmen wie „Abschied von gestern“ (1966) konsequenterweise ein wichtiger Repräsentant des „Neuen Deutschen Films“.
Parallel dazu hatte er sich bereits nach dem Bestehen seines Assessorexamens 1958, wozu war er schließlich Volljurist, in West-Berlin und später in München als Rechtsanwalt niedergelassen. Ab 1963 lehrte er als Professor an der Hochschule für Gestaltung Ulm und leitete mit Edgar Reitz die Abteilung für Filmgestaltung. Im selben Jahr betätigte er sich auch erstmals unternehmerisch und gründete seine eigene Produktionsfirma Kairos-Film. 1973 wurde er Honorarprofessor an der Universität Frankfurt am Main. Es folgten beinahe 50 Bücher und mehr als 30 Filme, theoretisch-sozialwissenschaftliche Werke mit seinem Kumpel, dem Soziologen Oskar Negt, Essays und Kurzgeschichten, Hörspiele und Features.
Sein vielleicht größter Geniestreich aber war sein Wirken als Fernsehproduzent. Mit Gründung der dctp (Development Company for Television Program) und als deren Gesellschafter mit 37,5%igem Anteil schaffte er 1987 erstmalig eine Plattform für unabhängige Programme im deutschen Privatfernsehen und befüllte sie seitdem, „um das Fernsehen offen zu halten für das, was außerhalb des Fernsehens stattfindet“, mit großartigen selbstproduzierten Kulturmagazinen im Nachtprogramm von RTL, SAT1 und Vox wie „10 vor 11“, „Prime Time Spätausgabe“ und „News § Stories“. Dabei gelang es ihm spielend, seinen Freund Hans Magnus Enzensberger zu widerlegen, der das Fernsehen zum „Null-Medium“ erklärt hatte. Man kann wohl sagen, dass Kluges nächtliche Kultursendungen zum Interessantesten gehörten, was das Medium Fernsehen jemals hervorgebracht hat. Hier eine besonders gelungene Sendung mit dem Goethe- und Asienkenner Dr. Manfred Osten über die Opiumkriege zwischen England und China Mitte des 19. Jahrhunderts:

Wir wünschen alles Gute zum 90. Geburtstag!

justament.de, 31.1.2022: Die Tochter Ernst Thälmanns

Recht historisch Spezial: Eine Geschichte aus der Schulzeit in der DDR

Thomas Claer

Vor 40 Jahren bin ich der Tochter Ernst Thälmanns begegnet. So lange dürfte das nun ungefähr zurückliegen, denn ich muss damals in der vierten Klasse gewesen sein. Wir waren schon Thälmann-Pioniere und trugen daher rote Halstücher zu unseren weißen Pionierhemden, nicht mehr die blauen Halstücher der Jung-Pioniere. Aber es war noch unter unserer alten strengen Klassenlehrerin, noch nicht unter der neuen, deutlich netteren Lehrerin, die erst ab der fünften Klasse für uns verantwortlich werden sollte.

Im Refrain eines Pionierlieds, das wir zu jener Zeit häufig und nicht nur im Musikunterricht singen mussten, hieß es:

„Seid bereit, ihr Pioniere! Lasst die jungen Herzen glühn!
Seid bereit, ihr Pioniere, wie Ernst Thälmann, treu und kühn!“

Auch wurde uns immer wieder auf den Fahnenappellen das „Gelöbnis der Thälmann-Pioniere“ eingetrichtert, das da lautete:

“Ernst Thälmann ist mein Vorbild. Ich gelobe, zu lernen, zu arbeiten und zu kämpfen, wie es Ernst Thälmann lehrt. Ich will nach den Gesetzen der Thälmannpioniere handeln. Getreu unserem Gruß bin ich für Frieden und Sozialismus immer bereit.”

Und neben den Ständern mit den Mikrophonen für die Ansprachen war dann immer ein ziemlich großes Bild aufgebaut, das sonst im Treppenhaus unserer Schule hing und Ernst Thälmann (1886-1944), den von den Nazis im KZ ermordeten kommunistischen Arbeiterführer, mit stolzem strahlenden Blick zeigte. Zwar glaubte ich damals längst nicht mehr alles von der Propaganda, die uns in der Schule so aufgetischt wurde. Aber die Geschichten über Ernst Thälmann und vor allem das besagte Porträt von ihm hatten ihre Wirkung auf mich nicht verfehlt. Sehr charismatisch kam er mir auf diesem Foto vor, das natürlich reichlich geschönt war, wenn man es heute mit den anderen Fotos von ihm vergleicht, die einem auf „Google Bilder“ angezeigt werden. Doch warum hätten es die damaligen Agitatoren der Weltrevolution schlechter machen sollen als die heutigen Influencer auf Instagram?

So kam es, dass ich mit freudiger Erregung reagierte (und wohl nicht nur mir ging es so), als uns unsere strenge Lehrerin eines Tages verkündete, dass unsere Schule, die den Namen „Ernst-Thälmann-Oberschule“ trug, prominenten Besuch erwartete: Die leibhaftige Tochter Ernst Thälmanns hatte sich angekündigt. Und das Beste daran war: Sie sollte ausgerechnet in unsere Klasse kommen. Welch eine Ehre für uns! Wir stellten uns Irma Gabel-Thälmann, wie sie mit vollständigem Namen hieß, als eine Art Lichtgestalt vor. Unsere Lehrerin erklärte uns, dass sie mit einem Herrn Gabel verheiratet sei, daher ihr Doppelname. Immer wieder lasen wir im Unterricht die Auszüge aus ihrer Autobiographie in unserem Lesebuch: Wie sie ihren Vater im KZ besucht hat und es ihr gelungen ist, ihn dabei heimlich zu fotografieren. Solche Sachen… Als der große Tag näher rückte, sorgte unsere strenge Lehrerin dafür, dass alles bis ins kleinste Detail vorbereitet wurde. Einige von uns sollten im Gespräch mit Irma Gabel-Thälmann Fragen an sie richten. Ich meldete mich und schlug vor, sie zu fragen, wie es ihr gelungen sei, ihren Vater heimlich im KZ zu fotografieren. Das fand unsere strenge Lehrerin sehr gut, woraufhin sie mir ihre Erlaubnis dazu erteilte, unserem berühmten Gast diese Frage zu stellen.

Endlich war der Tag gekommen. Doch welche Enttäuschung war es für mich (und bestimmt auch für viele meiner Mitschüler), als dann Irma Gabel-Thälmann unser Klassenzimmer betrat und das Wort an uns richtete. „Das soll die Tochter Ernst Thälmanns sein?!“, raunte mein Freund Olli mir zu. Und er fügte noch hinzu: „Das kann ich nicht glauben.“ Mir ging es ganz ähnlich. Vor uns stand eine korpulente ältere Dame mit blecherner Stimme in Begleitung eines noch älteren Herrn. Das war Herr Gabel, der wohl auf allen ihren Vortragsreisen mit dabei war. Anschließend erzählte sie uns dann noch einmal all das, was wir schon wussten. Wie alle anderen Fragesteller konnte auch ich meine vorbereitete Frage anbringen, wie es ihr gelungen sei, ihren Vater heimlich im KZ zu fotografieren, woraufhin sie uns jedoch nicht mehr erzählte, als wir zuvor schon darüber gelesen hatten, nämlich nur, dass sie ihren Vater heimlich im KZ fotografieren konnte, aber nicht, wie genau sie dies angestellt hatte.

Doch dann passierte etwas Unerwartetes. Herr Gabel, für den es offenbar schrecklich langweilig war, immer wieder aufs Neue die immer gleichen Geschichten von seiner Frau anhören zu müssen, hatte sich in die letzte Bankreihe neben Michi gesetzt, der einer unserer schwächsten Schüler war, aber gerne mal den Unterricht störte. Und nun machten doch tatsächlich Herr Gabel und Michi fortwährend gemeinsam Faxen und störten den Vortrag der Tochter Ernst Thälmanns. Und unsere strenge Lehrerin machte dabei ein wütendes Gesicht, durfte aber nichts dagegen sagen, da es ja der Ehemann der Tochter Ernst Thälmanns war, der da zusammen mit Michi unablässig herumkasperte. Wir alle, außer unserer strengen Lehrerin, fanden das sehr lustig.

Sieben Jahre später fiel dann die Mauer, und die DDR war bald darauf Geschichte. Irma Gabel-Thälmann (1919-2000), die in der DDR hauptberuflich als Funktionärin des Demokratischen Frauenbundes der DDR (DFD) tätig war, trat nach der Wende enttäuscht aus der SED-Nachfolgepartei PDS aus und schloss sich der 1990 wiedergegründeten KPD an, für die sie bei der Bundestagswahl 1994 im Wahlkreis Berlin-Lichtenberg kandidierte und immerhin 266 Stimmen gewann. Schließlich wurde sie am 9. Januar 2001, wie es sich für eine zünftige Altkommunistin gehört, auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde in der Gedenkstätte der Sozialisten bestattet.