Tag Archives: Indie-Rock

justament.de, 1.2.2021: Wo sind sie hin?

Vor 25 Jahren erschien “Sample & Hold” von Sharon Stoned

Thomas Claer

Mitte der Neunziger. Eine vierköpfige Jungmänner-Band aus der tiefsten ostwestfälischen Provinz, deren Bandname auf einem etwas albernen Wortspiel beruht, hat eine beachtliche Debüt-Platte herausgebracht und damit einen Major-Plattenvertrag an Land gezogen. Auf ihrem zweiten Album wirken dann zahlreiche berühmte Gastmusiker mit, u.a. von Notwist und Tocotronic. Und dieses zweite Album ist so unglaublich gut, dass einem Hören und Sehen vergeht. Doch bald darauf löst die Band sich auf, und man hat nie wieder etwas von ihren Mitgliedern gehört. Heute sind Sharon Stoned, die rätselhaften Sonderlinge, schon beinahe vergessen. Und daher wird es höchste Zeit, sich wieder an sie zu erinnern.

Was also ist das Besondere an “Sample & Hold”, diesem ausgesuchten Meisterwerk des ebenso brachialen wie feinfühlig-melodischen Indie-Sounds, das vor 25 Jahren erschienen ist? Nicht nur vielschichtig und abwechslungsreich ist dieses Album, sondern zugleich auch wie aus einem Guss. Alle 13 Lieder, so unterschiedlich sie auch sein mögen, beziehen sich aufeinander. Mühelos verbinden sich trockenste Hardcore-Gitarren-Riffs mit Jazz-Elementen und elektronischen Spielereien. Alles auf dieser Platte fügt sich ganz beiläufig ineinander, von vorne bis hinten wirkt es unangestrengt und cool.

Wollte man dennoch einzelne Stücke besonders hervorheben, dann am ehesten den Opener Page sowie die Uptempo-Gitarren-Nummern “Sample & Hold” und  “Nothing I Could Change”. Doch lässt sich kaum ein Lied auf dieser Platte finden, das weniger Beachtung verdiente. Das Urteil lautet: sehr gut (16 Punkte).

Sharon Stoned
Sample and Hold
Columbia / Sony Music 1996

www.justament.de, 7.11.2016: Fast wieder die Alten!

Die Pixies auf „Head Carrier“

Thomas Claer

pixiesDie Götter des wohlklingenden Lärms sind vom Olymp hinabgestiegen und beglücken uns mit einem neuen Album. Wenn schon die Rezension in der Süddeutschen mit einem „Hurra!“ beginnt, so denkt man sich, dann muss die neue Pixies-Platte, die erst sechste in mittlerweile 30 Jahren Bandgeschichte, wohl etwas taugen. Und in der Tat: Der erste Song, das Titelstück „Head Carrier“, ist schon mal umwerfend gut. Da krachen die Gitarren und dröhnen die Verstärker, dass es eine Freude ist. Doch leider geht es so nicht weiter. Jedenfalls nicht ganz. „Classic Masher“, das zweite Stück, ist etwas unangenehm süßlich. Und so hängt man die Erwartungen gleich etwas tiefer – um dann beim nächsten Lied regelrecht aus den Latschen zu kippen. „Baal’s Back“ ist eine Schrei-Nummer wie aus alten Zeiten, den seligen 80ern, als die Pixies mit ihrem furiosen Brachial-Rock den Boden für alles bereiteten, was fortan unter Indie und Alternative firmieren sollte. Es ist tröstlich zu erleben, dass solche Temperaments-Explosionen auch mit über fünfzig noch hervorragend funktionieren. Der Rest des Albums ist dann zwar leider nicht mehr ganz so rasant, aber doch leidlich gelungen. Auffällig ist vor allem, wie ausgerechnet die Pixies, die einst alles, was Rang und Namen hat, beeinflusst haben, sich nun ihrerseits erkennbar von anderen Bands inspirieren lassen: Ein Lied („Oona“) klingt verdächtig nach Nirvana, ein anderes („Tenement Song“) nach Weezer und ein drittes („All I Think About Now“) nach den Breeders. Beim drittletzten Stück „Um Chagga Lagga“ explodieren sie sogar noch einmal in beinahe alter Manier! Nur der Abschluss-Track mit dem vielversprechenden Namen „All the Saints“ fällt etwas ab. Alles in allem haben die Bostoner jedoch ein überzeugendes Album abgeliefert, was nach den jüngsten Querelen um Gitarrist Joey Santiago, der sich in eine Suchtklinik einweisen ließ und hierzu von Bandleader Black Francis ausdrücklich beglückwünscht wurde, nicht unbedingt zu erwarten war. Oder vielleicht gerade, denn schon in ihren ruhmreichen Gründerjahren waren die Pixies immer dann am besten, wenn die Bandmitglieder am heftigsten miteinander gestritten hatten… Das Urteil lautet: gut (13 Punkte).

Pixies
Head Carrier
Pixies Music 2016
Ca. € 15,-
ASIN: B01I4J1WHS

Justament Dez. 2007: Müder Voodoo-Zauber

Phillip Boa enttäuscht auf “Faking To Blend In”

Thomas Claer

Cover BoaDas Leben ist zu kurz um mittelmäßige Musik zu hören. Man muss es so deutlich sagen, auch wenn es hier keinen geringeren als Phillip Boa trifft, den Godfather des deutschen Indie-Rock, dessen Einfluss auf die hiesige Musikszene seit den mittleren 80ern gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Dabei ist zwar kaum etwas völlig daneben auf “Faking To Blend In”, der mittlerweile 16. Platte des sich mental zuverlässig zwischen Depression und Größenwahn bewegenden Pop-Exzentrikers. Doch richtig Gutes ist diesmal eben leider auch Mangelware. Es ist schon bezeichnend, dass das stärkste Stück des Albums, ein musikalisches Kleinod namens “Emma”, einen so eindeutig als Oma- und Einzelhandelstanten-Namen (oder allenfalls noch als englische Literaturgestalt anno 1816) konnotierten Titel trägt. Außer Emma kann nur noch der Titelsong “Faking To Blend In” überzeugen.
Nun beobachtet man allerdings bereits seit mindestens 13 Jahren, dass die regelmäßigen Veröffentlichungen des Meisters nicht mehr mit seinem fulminanten Frühwerk mithalten können, vereinzelte Song-Highlights einmal ausgenommen. Auch haben sich Verkaufszahlen und Anhängerschar seitdem spürbar reduziert. Seinerzeit, in den 80ern, waren die ersten Platten des Voodooclub mit poppigen Melodien, schroffen Gitarren und afrikanisch anmutenden Rhythmen wie eine Bombe in der Indieszene eingeschlagen. Der charakteristische Wechselgesang zwischen Boa und Leadsängerin Pia Lund und ein unerhörter kompositorischer Ideenreichtum sorgten für grandiose Alben, fantastische Songs und unvergessliche Konzerte. Letztere immerhin haben bis heute überdauert – um nicht zu sagen: Die Boa-Konzerte sind dank exzellenter Musiker und pointierter Arrangements in kleineren Hallen vielleicht besser als je zuvor, wovon sich der Rezensent zuletzt 2005 im Berliner franzz club überzeugen konnte und wovon sich auch jeder auf Youtube ein Bild machen kann. Der geneigte Leser versuche es etwa mit “Annie Flies The Love Bomber”, “Fine Art In Silver” oder “Diana”. Und ja, es wird auf den Konzerten tatsächlich noch Pogo getanzt!
Allein die Neukompositionen sind vergleichsweise fade und einfallslos. Wo früher einmal jedes Lied ein Kracher war, braucht es heute schon mehrere Alben, um auch nur auf eine Handvoll passabler Songs zu kommen. So ist das eben. Das Urteil lautet daher: ausreichend (6 Punkte).

Phillip Boa & The Voodooclub
Faking To Blend In
Motor music 2007, CD, 50:22 Minuten
ca. EUR 15,00
ASIN: B000S9VRRS