justament.de, 12.1.2026: Ein potentielles Schreckensjahr

Was uns 2026 noch blühen könnte. EIn besorgter Ausblick

Thomas Claer

So schlimm wird es schon nicht kommen. Das haben wir uns im vergangenen Jahrzehnt oft gedacht. Gekommen ist dann aber alles noch viel schlimmer. Dass die Engländer aus der Europäischen Union austreten könnten? Hätte niemand für möglich gehalten. Dass ein erfolgloser Immobilienhändler, aber notorischer Fernseh-Entertainer ohne die geringste weltpolitische Sachkenntnis oder Qualifikation amerikanischer Präsident werden könnte? Galt als ausgeschlossen. Dass er, nachdem er wieder abgewählt war, seine Anhänger das weiße Haus stürmen lassen und die Demokratie infrage stellen konnte, ohne dafür zu einer langjährigen Freiheitsstrafe verurteilt zu werden, dass dieser hochkriminelle Mensch sogar noch ein zweites Mal ins amerikanische Präsidentenamt gewählt werden könnte, hielt man für unmöglich. Dass Russland knapp drei Jahre zuvor die Ukraine überfallen könnte? Galt als unwahrscheinlich, denn es sollten doch alle Länder an blühenden Wirtschaftsbeziehungen in alle Richtungen interessiert sein, dachte man. Dass der impulsive Dilettant im weißen Haus nun tatsächlich die ganze Welt mit Zöllen überzieht und so den Welthandel gefährdet, dass er seine Bundesbehörde in amerikanischen Städten Jagd auf Einwanderer machen lässt, dass er den Armen der Welt die Entwicklungshilfe streicht und die USA aus fast allen internaltionalen Organisationen sowie dem Klimaschutz-Abkommen austreten lässt, dass er seinen NATO-Verbündeteten in den Rücken fällt und der geschundenen Ukraine die Unterstützung versagen will, dass er ein anderes Land überfällt, um dessen Ölquellen ausbeuten zu können, und nun die militärische Eroberung des Territoriums eines NATO-Mitgliedslands in Aussicht stellt? Hatte man damit gerechnet?

Man braucht mittlerweile gar nicht mehr viel Phantasie, um sich vorzustellen, wie es nun weitergehen könnte. Wenn es richtig blöd kommt, dann annektieren die USA in den kommenden Wochen im Handstreich Grönland, woraufhin Dänemark den NATO-Bündnisfall nach Artiel 5 ausruft. Da die NATO aber nicht militärisch gegen ihr stärkstes Mitgliedsland vorgehen kann, können die übrigen Mitglieder nur aufs Schärfste gegen die USA protestieren und über deren Ausschluss aus der NATO debattieren, was die USA dann zum Anlass nehmen, um selbst aus der NATO auszutreten und ihre Atomwaffen aus Europa abzuziehen. Russland sieht sich daraufhin als natürliche neue Führungsmacht in Europa. Nach der nun unvermeidlichen Kapitulation der Ukraine reklamiert Russland seine Ansprüche auf zunächst das Baltikum und Moldau, später auch auf die restlichen früheren Ostblock-Länder. Bei den Landtagswahlen im Herbst in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern siegt mit absoluter Mehrheit die AfD, die mit der Forderung nach guten Beziehungen zu Moskau in den Wahlkampf gezogen ist. Infolgedessen zerbricht nach endlosem Streit die schwarz-rote Regierungskoalition auf Bundesebene, und es werden Neuwahlen noch im alten Jahr abgehalten, bei denen die AfD dann zur stärksten Partei wird. In der Union erklärt man deshalb die Brandmauer für gescheitert und beschließt zur Anerkennung der neuen Realitäten eine Unterstützung der neuen AfD-Minderheitsregierung. Alice Weidel wird neue Bundeskanzlerin, woraufhin eine kulturelle und rechtliche  Gleichschaltung der Gesellschaft nach dem Vorbild Ungarns einsetzt. Mittlerweile sind auch die Labour-Regierung in Großbritannien und Macron als französischer Präsident gestürzt worden. Jeweils vorgezogene Neuwahlen enden mit deutlichen Siegen von Reform UK und Rassemblement National. Nach einem Dreiertreffen mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin erklären die neuen Regierungsschefs Nigel Farage und Jordan Bardella übereinstimmend, sämtliche Atomwaffen ihrer Länder zur Erhöhung der allgemeinen Sicherheit in Europa vorsorglich unter die Kontrolle der Russischen Föderation zu stellen. Angesichts der anhaltenden Flüchtlingsströme gutsituierter Europäer erklären die Regierungen von Kanada, Australien und Neuseeland, dass sie nunmehr strenge Kontingente zur Begrenzung der irregulären Migration aus Europa einführen wollen…

Nein, ganz so schlimm muss es 2026 natürlich nicht kommen. Wir haben es, wie unser Bundeskanzler in seiner Neujahrsansprache zutreffend gesagt hat, noch selbst in der Hand. Zumindest teilweise.

Jahresende 2025: Ahnenforschung Claer, Teil 17

Um es kurz zu machen: Mein diesjähriger „Forschungsbericht“ muss leider schmal ausfallen, da ich zum einen im zurückliegenden Jahr aus verschiedenen Gründen kaum zum „Ahnenforschen“gekommen bin und zum anderen zwar nicht viel neues Material, aber doch immerhin mehr als nichts habe, sodass es mir nun doch vertretbar erscheint, meinen eigentlich angedachten Rückgriff auf die Flucht- und Übersiedlungsgeschichte meiner Eltern und mir aus der DDR noch um ein Jahr zu verschieben. Denn dann wird die Republikflucht meines Vaters zum Jahresende 1986, mit der es begann, genau 40 Jahre zurückliegen. Und mir wird, wenn ich denn rechtzeitig anfangen kann, auch mehr Zeit dafür bleiben, als sie mir jetzt noch bis zum Jahresende zur Verfügung steht…

1. Neues aus Ludwigswalde: Todeseintrag von Unterförster Friedrich Wilhelm Claere gefunden!

Nun haben wir ihn also doch noch entdeckt: den Todeseintrag unseres bislang ältesten gesicherten Vorfahren, meines Ururururgroßvaters, des Unterförsters Friedrich Wilhelm Klair/Clair in Ludwigswalde. Dort ist er 1799 als Vater „unseres“ Christian Friedrich Klair/Clair und 1802 als Vater von dessen jüngerem Bruder Johann Wilhelm Claer in Erscheinung getreten. Bislang kannten wir von ihm nur aus der Mundia-Datenbank, die ich früher mal einsehen konnte, dessen Lebensdaten: 1770-1815 – entnommen aus dem Stammbaum einer Familie Hart aus den USA, die vom Ludwigswalder Förster Johann Wilhelm Claer abstammt, also dem erwähnten jüngeren Bruder unseres Christian Friedrich.

Als ich vor mehr als einem Jahrzehnt die Ludwigswalder Kirchenbücher durchgesehen hatte, konnte ich Friedrich Wilhelms Todeseintrag um 1815 dort nicht finden, dafür aber viele andere Claers, die dann letztendlich – nachdem ein Schriftsachverständiger einmal drübergesehen hatte – alle keine waren. Nun hat mein Neffe 5. Grades Andreas Z. aber verdienstvollerweise mittels seines Ancestry-Datenbank-Zugangs doch noch den so lange gesuchten Todeseintrag gefunden.

Dort steht also im Feld des 1. Januars 1816 unter „gestorben in Ludwigswalde“:

Friedrich Claere Unterförster 46 Jahre alt“

Mehr nicht. Bemerkenswert ist zunächst die Schreibweise: Claere hatten wir bisher noch nicht. Dies zeigt aber einmal mehr, wie willkürlich vor der Einrichtung von Standesämtern ab 1871 in Deutschland die Namen in den Kirchenbüchern geschrieben wurden.


Was geschah in der Silvesternacht 1815/16?

Außerdem springt aber das Todesdatum 1.1.1816 ins Auge. Im Mundia-Eintrag war es 1815. Diese Abweichung ließe sich noch erklären, denn so genau konnte damals sicherlich keiner feststellen, ob der Tod erst am 1.1.1816 oder bereits kurz zuvor am 31.12.1815 eingetreten ist. Doch schreibt mir Andreas Z.auch noch, dass in seinem Genealogieprogramm das Sterbedatum 21.12.1815 für Friedrich Wilhelm hinterlegt ist, und er nicht mehr weiß, wie es dort reingekommen ist. Könnte es vielleicht sein, dass Friedrich Wilhelm erst am Jahresende gefunden wurde, aber schon mehr als eine Woche zuvor gestorben ist, was womöglich in der Familie überliefert worden ist? Oder dass der Pastor wegen seiner vielfältigen Verpflichtungen um Weihnachen herum erst am Neujahrstag den Todeseintrag vornehmen konnte? (In der Regel, so sagt es mir meine KI Perplexity, hat im 18. und 19. Jahrhundert in Deutschland tatsächlich der Pastor selbst die Einträge in die Kirchenbücher vorgenommen, oft mit Unterstützung des Küsters oder eines Kirchenschreibers. In vielen Gemeinden schrieb der Pastor die Einträge selbst; in größeren oder wohlhabenderen Gemeinden konnte ein Küster oder Kirchenschreiber nach Vorgabe des Pastors schreiben, der Pastor blieb aber verantwortlich und unterschrieb bzw. zeichnete mit seinem Namen.)

Aber woran könnte Friedrich Wilhelm mit erst 46 Jahren wohl gestorben sein? Sicher ist nur, dass es seinerzeit in Deutschland und Ostpreußen noch kein Silvester-Feuerwerk gegeben hat und auch noch keine Straßenschlachten von Randalierern mit der Polizei (nicht einmal in Berlin-Neukölln). Ausgelassene Feiern zum Jahreswechsel mit Alkoholika wie dem berühmten ostpreußischen „Bärenfang“ dürfte es aber sehr wohl gegeben haben…

Bleibt noch Friedrich Wilhelms Geburtsjahr, das in der Mundia-Datenbank 1770 lautet. Doch wenn man genau rechnet, müsste es, wenn das Todesdatum 1.1.1816 stimmen sollte und er im Alter von 46 Jahren gestorben ist, eigentlich 1769 sein.

Bleibt noch anzumerken, dass laut Kirchenbuch – siehe meine früheren Berichte – 1797 der Unterförster Johann Friedrich Claer, der mutmaßliche Bruder „unseres“ Friedrich Wilhelm, sein nur wenige Wochen altes Söhnlein Friedrich Wilhelm, das offenbar nach seinem Onkel benannt war, begraben musste. Und dass wir jenen Förster Johann Friedrich Claer – siehe meinen vorigen Bericht – im Verdacht haben, später Ludwigswalde und Ostpreußen den Rücken gekehrt und 1802 in Siersleben die Dynastie der Erfurter Claers begründet zu haben…

2. Ein Förster und Administrator Klaer heiratet in Berlin

Von unserer langjährigen Forscherkollegin Monika Klaer mit K. aus Teltow erhielt ich dankenswerterweise die folgende Heiratsurkunde aus dem Jahr1886, die es in sich hat:

Mit erheblicher Hilfe von Tante Lorelies konnte ich sie wie folgt entziffern:

Berlin, den 14. September 1886

Vor dem unterzeichneten Standesbeamten erschienen heute zum Zweck der Eheschließung:

  1. der Förster und Administrator Adolph, Friedrich, Heinrich Klaer,

der Persönlichkeit nach aufgrund des ausgewiesenen Taufscheins anerkannt, evangelischer Religion, geboren den 1. Oktober des Jahres 1857 zu Wolfsburg, Amt Fallersleben, wohnhaft zu Fahrenhorst, Amt Isenhagen, Sohn des zu Wolfsburg verstorbenen Lehrers Carl August Klaer und dessen Witwe Friedrike, Albertine, Henriette, geborenen Henneke, wohnhaft zu Fahrenhorst

  1. die Clara, Agnes, Elisabeth Hennicke, ohne besonderen Beruf, der Persönlichkeit nach aufgrund es ausgewiesenen Taufscheins anerkannt, evangelischer Religion, geboren den 27. Februar des Jahres 1859 zu Stettin, wohnhaft zu Berlin, Invalidenstraße Nr. 27/29. Tochter des Stationsvorstehers I. Claße Carl, August, Gottfried Hennicke und dessen Ehefrau Wilhelmine, Charlotte, Auguste geb. Kropnick, beide wohnhaft Berlin, Invalidenstraße

Nun haben wir also erstmals einen Förster Claer, in diesem Fall Klaer geschrieben, außerhalb Ostpreußens, Schlesiens oder Thüringens und Umgebung gefunden. Zwar hat Adolph Friedrich Heinrich Klaer, geb. 1857, in Berlin geheiratet, doch stammt er aus dem ostniedersächsischen Wolfsburg, heute bekannt für VW und Fußball, genau genommen aus dem Ortsteil Fallersleben, nach welchem auch der Texter der deutschen Nationalhymne benannt wurde, der ebenfalls dort das Licht der Welt erblickte – allerdings bereits 1798. So ehrenvoll seine Herkunft aus diesem prominenten Ort auch für uns wäre, gibt es doch leider kaum Indizien, die auf eine Verbindung zu “unseren” ostpreußischen Claers hindeuten würden.Allenfalls eine Abkunft von den Thüringer Claers, die sich bis 1802 zurückverfolgen lassen (siehe meinen vorigen Bericht), wäre denkbar, denn von Erfurt bis Wolfsburg sind es nicht mehr als 243 km – eine Distanz, die überwindbar wäre, wenn man die traditionell hohe Mobilität in der Berufsgruppe der Förster berücksichtigt. 

Noch dazu war Friedrich Heinrich Klaer nicht nur Förster, sondern laut seinem Heiratseintrag ein “Förster und Administrator”. Laut der KI Perplexity bezeichnet ein solcher um 1886 herum 

sehr wahrscheinlich einen Forstbeamten, der nicht nur praktisch im Wald tätig war, sondern auch die Verwaltungs‑ und Kassenführung eines Forst- oder Gutsbezirkes übernommen hat. Der Zusatz „Administrator“ erklärt sich also daraus, dass es nicht nur um Jagd- und Holzaufsicht ging, sondern um die kaufmännische und rechtliche Verwaltung des Besitzes.

​Der Förster überwachte Grenzen, Holzschläge, Jagd und Waldordnung und hatte polizeiliche Aufgaben im Revier.Er wies etwa Brennholzschläge zu, achtete auf unerlaubte Holzentnahmen und setzte forstliche Vorschriften durch.

„Administrator“ bezeichnete im 19. Jahrhundert oft denjenigen, der ein Gut oder einen größeren Besitz (z.B. Forsten eines Adligen oder einer Kirche) verwaltete: Einnahmen, Ausgaben, Pacht, Holzverkauf, Personal.

​Ein Förster konnte zugleich Verwalter des gesamten Forstvermögens sein, also z.B. die Forstkasse führen, Nutzungspläne ausarbeiten und Berichte an den Eigentümer oder eine Behörde erstellen. Die Doppelbezeichnung soll deutlich machen, dass die Person nicht nur technischer Forstmann, sondern auch leitender Verwaltungsbeamter für diesen Forst- oder Gutsbezirk war. Besonders bei größeren Privatforsten oder Standesherrschaften wurden solche Kombinationsstellen häufig an gebildete Fachleute vergeben, die sowohl forstliche Ausbildung als auch Verwaltungserfahrung hatten.

Angesichts dieser herausgehobenen Stellung Friedrich Heinrich Klaers, ist es nicht verwunderlich, dass er in eine durchaus gehobene Berliner Familie einheiraten konnte, was schon deren Wohnadresse Invalidenstraße 27-29 beweist, heute nahe dem Hauptbahnhof gelegen und eine absolute Toplage in Berlin-Mitte. Noch dazu war sein Schwiegervater laut Heiratsurkunde Stationsvorsteher I. Klasse.

Laut Perplexity war dies 

um 1886 der höchste örtliche Bahnhofsbeamte an einem wichtigeren Bahnhof, also der verantwortliche Leiter der Station mit erweitertem Verantwortungsbereich. Die Angabe „I. Klasse“ bezieht sich nicht auf die Wagenklasse, sondern auf die Rangstufe der Dienststelle bzw. des Dienstpostens innerhalb der Eisenbahnverwaltung.

Der Stationsvorstehers trug die Gesamtverantwortung für den Betrieb am Bahnhof: Zugmeldungen, Abfertigung von Personen- und Güterzügen, Sicherheit im Zugverkehr. Zudem hatte er die Dienstaufsicht über das übrige Stationspersonal (Aufseher, Assistenten, Weichenwärter usw.) und war Vertreter der Bahnverwaltung gegenüber Öffentlichkeit und Behörden.

Bahnhöfe und ihre Vorsteher wurden nach Bedeutung des Verkehrs in Klassen eingeteilt; 1. Klasse stand für einen besonders bedeutenden oder stark frequentierten Bahnhof. Ein Stationsvorsteher I. Klasse hatte entsprechend höheren Rang, höhere Besoldung und meist einen größeren Stab unterstellt als Vorsteher niedriger Klassen.

Womöglich trug also Friedrich Heinrich Klaers Schwiegervater sogar die Verantwortung für den nahe seiner Wohnadresse gelegenen Lehrter Bahnhof, dem heutigen Hauptbahnhof. Der Lehrter Bahnhof in Berlin wurde zwischen 1869 und 1871 erbaut und 1871 eröffnet, d.h. 15 Jahre vor der besagten Eheschließung.  

Hier sollte mein diesjähriger Bericht eigentlich enden, doch überraschte mich mein Neffe 5. Grades Andreas Z. soeben noch mit einigen weiteren Funden.

3. Hermann Augusts zweite Hochzeit

Am 21.7.1872 hat Hermann August Clair/Claer, geb. 1833, Sohn des oben bereits erwähnten Christian Friedrich Claer (geb. 1799) und seiner Frau Justine Knaebe, ein zweites Mal geheiratet. Laut Kirchenbuch Petersdorf, Kr. Wehlau, hat er Wilhelmine Hill, geb. Mahnke, geehelicht. Aufgebot des Ehemannes in Laukischken, Kreis Labiau, seine Frau in Petersdorf. 

Hermann August ist – siehe meine früheren Berichte – sehr wahrscheinlich der Ururgroßvater meines Vetters 4. Grades Manfred Claer aus der “Fuhrmann-Linie”. Manfreds Urgroßvater Franz Richard Claer, geb. am 16.3.1872 in Geidlauken, hat, wie wir wissen, als Fuhrmann Ostpreußen verlassen und ins Rheinland geheiratet. 

Nach unserer bisherigen Kenntnis war Franz Richards Vater, Hermann August, (zunächst) mit Henriette Wilhelmine Mettschul verheiratet, und beide haben am 16.3.1872 ihren Sohn Franz Richard, Manfreds Urgroßvater, bekommen.  

Wie wir schon früher herausgefunden haben, hatte Hermann August in die Müllersfamilie Metschul eingeheiratet und eine Mühle betrieben. Die Müller waren ja zumeist recht wohlhabend und hatten viele Kinder, daher die besonders weite Verbreitung dieses Familiennamens in Deutschland. (Vgl. auch die wohlgenährte Figur des Meisters Müller in “Max und Moritz” von Wilhelm Busch aus dem Jahr 1865 – vor allem im Vergleich zu den oftmals abgemagerten Gestalten der anderen Dorfbewohner.) 

So könnte auch Müller Hermann August Claer eine gute Partie für seine zweite Ehefrau gewesen sein, nachdem allem Anschein nach seine erste Frau Henriette Wilhelmine Mettschul bei der Geburt von Franz Richard verstorben ist. Jedenfalls liegen zwischen Franz Richards Geburt am 16.3.1872 und der Wiederheirat seines Vaters Hermann August am 21.7.1872 gerade einmal vier Monate. 

4. Sonstige Funde

Abschließend hier noch weitere Funde bezüglich uns bisher unbekannter ostpreußischer Claers, die Andreas Z. dankenswerterweise vom Ahnenforscher Patrick P. zur Verfügung gestellt bekam: 

Bieberswalde Clär (Klär, Klaehr) 

– Wilhelm Clär (Klaehr) 

– Wilhelmine Ludowike* ca. 1840 °° 14.2.1867 mit Friedrich Wilhelm Schwermer V: Förster – Ida Amalie * ca. 1847 + 30.12.1856 Försterei Biberswalde Försterstochter, Nervenfieber (9 J., 7 M.) 

– Dorothea Klär heiratet Johann Lenk und lebt 1859 in Biberswalde 

Fischhhausen II 

Klaer

– Ludwig Ernst Klaer (Kaufmann) °° Marie Margarete Gertrud Kiepert 

* Fritz Hubertus Theodor* 15.11.1932 Fischhausen Groß Legitten 

Klehr 

Mr. Klehr 1696 Nedau Schneider

5. Ausblick

Soviel also für dieses Jahr – und vielleicht werden wir 2026 einen Termin für unser angedachtes zweites Ahnenforschungstreffen in Erfurt finden. 

justament.de, 22.12.2025: Denn er war Hausverwalter

Scheiben Spezial: Vor 50 Jahren erschien der Song “Mein Gott, Walther” von Mike Krüger

Thomas Claer

Minimalismus in der Musik (und nicht nur dort) ist ein durchaus ambitioniertes Unterfangen. Nur ganz sparsam werden die Mittel eingesetzt, aber sie müssen sitzen. Wenn es gelingt, dann steht am Ende ein Song wie “Da Da Da” oder das Techno-Stück von Westbam, das aus nur zwei Noten besteht. Ein ikonischer Minimal-Gitarrensong, der mit lediglich zwei Akkorden auskam, erschien 1975, vor 50 Jahren, mit dem Titel “Mein Gott, Walther” – komponiert, getextet, gespielt und gesungen vom damals gerade erst 24-jährigen Mike Krüger, der seine späteren Karrieren als Fernseh-Moderator, Film-Schauspieler und zuletzt sogar Podcast-Betreiber (gemeinsam mit seinem alten Kumpel Thomas Cottschalk) seinerzeit allesamt noch vor sich hatte und sich zunächst auf seine ursprüngliche Passion als Blödel-Barde beschränkte. Es wird leicht übersehen, dass hier ein wirklich guter Musiker am Werk war, der es jedoch angesichts seiner sonstigen Erfolge im Showbusiness schon bald nicht mehr nötig hatte, sich noch wie in seinen Anfangsjahren als humoristischer Liedermacher zu verdingen.

Krügers erster großer Hit war zugleich auch der beste Song aus seiner Feder, musikalisch wie textlich. “Mein Gott, Walther” erzählt die Geschichte eines ob seiner Ungeschicktheit und seines vielfach erratischen Wirkens oftmals verspotteteten Hausverwalters, der jedoch seine Rolle unverdrossen und mit stoischer Gelassenheit bis zuletzt ausfüllt:

Walther hatte es nicht eilig,
arbeitete ja im selben Haus.
Und wenn er mal keine Lust hatte,
dann fiel die Arbeit eben aus.
Das machte auch nichts,
denn er war Hausverwalter.
Und wenn die ander’n wieder ihn sah’n,
meinten sie nur: Mein Gott, Walther.

Für Wohnungseigentümer, die sich ja nicht selten mit untätigen Hausverwaltern herumschlagen müssen, ist es eine aufschlussreiche Erkenntnis, dass es bereits vor einem halben Jahrhundert offenbar ganz ähnlich zugegangen ist wie heute. Und man kann sogar froh sein, wenn heutige Hausverwalter wenigstens nicht noch selbst Schäden am Wohneigentum verursachen, wie es jener von Mike Krüger besungene Vertreter seiner Zunft mit seinen unkontrollierten Aktionen getan hat:

Walther wollte und ließ das Haus in Ordnung versetzen.
Und machte einer was kaputt,
muss er den Schaden ersetzen.
Meist mußte Walther dies tun
wie gestern den Feuerlöscherhalter.
Als er’s beichtete, sagte Marie: Mein Gott, Walther.

Denn da hatte Walther im Flur Rauch entdeckt
und sofort erkannt,
dass nur ein Feuer dahintersteckt.
Laut “Feuer, Feuer” rufend
riss er den Löscher von der Wand,
natürlich mit Halter.
Und alle, die ihn sah’n, meinten nur: Mein Gott, Walther.

Doch solche Blödelei’n ignorierte er nur
und rannte mit dem Löscher hinaus auf den Flur.
Doch dort staubten nur die von ihm bestellten Gipser und Kalker,
und als sie ihn sah’n: … Mein Gott, Walther.

Wie Mike Krüger auf diesen Text gekommen ist, liegt auf der Hand, denn laut Wikipedia-Eintrag absolvierte er nach seinem Abitur zuerst eine Lehre als Betonbauer und begann anschließend ein Architektur-Studium, das er aber wegen seiner besagten anderweitigen Verpflichtungen nicht zum Abschluss brachte. Bereits in früher Jugend hatte er sich für die Bauten des Architekten Richard Neutra begeistert. Mike Krügers Vater Friedrich W. Krüger war übrigens Prokurist der Norddeutschen Treuhandgesellschaft und später Direktor des Hamburger Bauträgers Bewobau.

justament.de, 1.12.2025: Flöten, Harfen, Chöre

Björk live auf “Cornucopia”

Thomas Claer

Wenn man als Musik-Rezensent über eine neue musikalische Veröffentlichung schreibt, dann sollte man sie sich zuvor schon mindestens einige Male aufmerksam angehört haben, denn mit jedem erneuten Hördurchgang entdeckt man für gewöhnlich etwas, das einem zuvor noch nicht aufgefallen ist. Außerdem ist man ja auch nicht immer in der gleichen Stimmung, und so manches Lied klingt einem – je nach Tagesform und Laune – heute vielleicht so und morgen womöglich schon ganz anders. Jedenfalls bei mir gilt das Prinzip, dass ich eine CD schon wenigstens fünfmal durchgehört haben muss, um über sie schreiben zu können. Normalerweise. Bei “Cornucopia” (lateinisch für Füllhorn), dem neuen Live-Doppelalbum der isländischen Pop-Göttin Björk, ist das aber anders. Denn nach gerade einmal zweieinhalb Laufzeiten im CD-Player bin ich mir bereits absolut sicher, dass sich auch nach fünf oder zehn oder noch mehr Anhörungen nichts Wesentliches mehr an meinem aktuellen EIndruck ändern würde, weshalb ich also bereits jetzt zur Tastatur greife. Über die Qualität dieser Musik ist damit wohlgemerkt noch rein gar nichts  gesagt. Nein, hier sind zunächst ganz andere Kategorien zu verhandeln.

Ein Live-Album von Björk also – hat es das überhaupt schon mal gegeben? Mit etwas Nachdenken kommt man sogar auf eine Live Box, die sie vor 22 Jahren mal herausgebracht hat, mit jeweils einer Live-Versions-CD ihrer vier ersten Alben Debut (1993), Post (1995), Homogenic (1997) und Vespertine (2001). Darunter machte sie es nicht. Und insofern erscheint es auch in gewisser Weise konsequent, dass sich nun auf dem aktuellen Live-Doppler fast keine Songs aus ihren frühen Jahren finden lassen. Nur “Isobel” (von “Post) sowie “Hidden Place” und “Pagan Poetry” (beide von “Vespertine”) erinnern überhaupt noch an ihre Vergangenheit als fröhliche Popsirene. Stattdessen stammen fast alle Songs auf “Cornucopia” aus den – gob gesagt – letzten zwei Jahrzehnten, in denen sich Björk zur reichlich obskuren Diva mit immer unzugänglicheren Veröffentlichungen gewandelt hat. Ihre alten Fans haben ihr mutmaßlich fast alle die Treue gehalten, auch wenn wohl der Verdacht nicht aus der Luft gegriffen ist, dass sich die meisten eventuell auch ein paar zugänglichere Klänge von ihr gewünscht hätten. Aber Björk macht, was sie will, weil sie es kann. Ihre Anhänger fressen ihr gewissermaßen aus der Hand und schlucken auch, ohne zu murren, all ihre reichlich experimentellen Kompositionen. Ein besonders sperriges Album von ihr, mit dem wohl wirklich niemand so richtig warm wurde, ist “Utopia” von 2017 – durch und durch seltsam mit vorwiegend Flöten, Harfen und Chören. Ausgerechnet von diesem Werk stammt nun aber exakt die Hälfte der Songs auf ihrer neuen Live-Platte (nämlich 11 der insgesamt 22 Songs). Das muss man bzw. frau sich erstmal trauen!

Dennoch gibt es so manches, das auch für “Cornucopia” spricht. Wer Björks Gesangsstil verehrt, der wird auch inmitten aller Seltsamkeiten noch seine Freude daran haben. Und vielleicht ist es ja nur meine subjektive Wahrnehmung, aber dass Björk mit ihrem Gesang auch noch als mittlerweile 59-Jährige eine Erotik versprüht, die ihresgleichen sucht, sollte auch einmal gesagt werden. Das Urteil lautet daher: ohne Bewertung. Und übrigens gibt es “Cornucopia” auch noch als Film.

Björk
Cornucopia Live
One Little Independent, 2025
ASIN: B0FK19B5NZ

justament.de, 17.11.2025: Schluss mit lustig war erst später

Vor 15 Jahren erschien “Meine vielleicht besten Lieder… live” von Funny van Dannen. Ein wehmütiger Rückblick

Thomas Claer

Damals war die Welt noch in Ordnung. Wir hatten, jedenfalls aus heutiger Sicht, nichts als Luxusprobleme. Aber wie meine Frau immer sagt: Luxusprobleme sind auch Probleme. Es gab noch keinen Donald Trump an der Macht, noch keine Corona-Pandemie, noch keinen Krieg fast vor unserer Haustür und noch keine Rechtsradikalen in unseren Parlamenten. Also beklagte man sich damals, jedenfalls wenn man in Berlin-Kreuzberg wohnte, gerne über “den Kapitalismus”, über Ungerechtigkeiten aller Art oder über unachtsame Sprache (“Humankapital”). Der Liedermacher Funny van Dannen war seinerzeit so etwas wie die authentische Stimme der aufgeklärten Großstadtbewohner mit kritischem Bewusstsein. Seine immer sehr eingängigen Gitarrensongs kreisten, stets mit einem freundlich-ironischen Augenzwinkern, um Themen wie Inklusion (“Lesbische, schwarze Behinderte”), Gesellschaftskritik (“Arbeitsplatz vernichtet”), Nostalgie (“Als Willy Brandt Bundeskanzler war”) oder Zwischenmenschliches (“Posex und Poesie”). Oftmals ging es auch einfach nur um lustige Alltagsbegebenheiten (“Homebanking”).

Ein wirklich rundum überzeugendes Doppel-Album mit dem Titel “Meine vielleicht besten Lieder… live” hat Funny van Dannen in jener guten, alten Zeit vor genau 15 Jahren veröffentlicht. Die beiden CDs geben einen exzellenten Überblick über sein musikalisches Schaffen und enthalten eine solche Vielzahl von Songperlen, dass man hier wohl schon von einer Perlenkette sprechen kann. Von der Musik her (und grundsätzlich auch, was seine politische Haltung angeht) kommt er unverkennbar aus der Degenhardt/Biermann-Schule. Nur dass er viel, viel lustiger ist. Mein persönliches Lieblingslied auf diesem Album ist “Schilddrüsenunterfunktion”, das mich sehr an die Befindlichkeitssymptomatik meiner Frau erinnert: “Ich dachte an Rinderwahnsinn, an Ganzjahresdepression / Doch die Blutwerte zeigten: Schilddrüsenunterfunktion”.

Wer Funny van Dannen, der mittlerweile seine Liedermachergitarre an den berühmten Nagel gehängt hat, noch nicht kennen sollte, kann das am besten mit der Anschaffung dieses großartigen Albums nachholen.

Funny van Dannen
Meine vielleicht besten Lieder… live
JKP 112 / Warner Music Group, 2010

justament.de, 10.11.2025: LSD und rote Fahnen

Der fulminante historische Roman “Lila Eule” von Cordt Schnibben

Thomas Claer

Wer mit 20 kein Sozialist sei, so besagt es ein geflügeltes Wort unbekannter Herkunft, der habe kein Herz, aber wer es mit 30 immer noch sei, der habe keinen Verstand. Cordt Schnibben, namhafter langjähriger SPIEGElL-Reporter, hat beides bewiesen, indem er als zwanzigjähriger Abiturient und schwärmerischer Jungkommunist aus Bremen für ein Jahr auf einer DDR-Parteischule in Ost-Berlin Marxismus/Leninismus studierte (was ihm anschließend sogar von der Uni Bremen für sein Wirtschafts-Studium angerechnet wurde!) und 17 Jahre später dann unmittelbar nach dem Mauerfall als geläuterter Renegat quasi an seine alte Wirkungsstätte zurückkehrte und von dort exklusiv für sein Nachrichtenmagazin über die sich anbahnende Deutsche Wiedervereinigung berichtete. Nun hat er mit Anfang 70 sein bewegtes Leben zu einem Roman verarbeitet, dessen Handlung – wie er freimütig eingeräumt hat – nur zu 30 Prozent fiktiv, aber zu 70 Prozent von ihm selbst erlebt worden sei. Nicht zuletzt an diesen aus eigener Erfahrung entstandenen 70 Prozent liegt es vermutlich, dass ihm dieser Roman so überaus gut gelungen ist.

Allerdings muss ich bereits an dieser Stelle meiner Besprechung einräumen, dass mir eine “objektive Rezension” dieses Buches vollkommen unmöglich ist, da ich mich in zu vieler Hinsicht für historisch und biographisch befangen erklären muss – und das als zwei Jahrzehnte nach dem Autor in Ostdeutschland Geborener. Doch bei der Schilderung so viele Orte und Mentalitäten im Roman hat mich ein Deja vu nach dem anderen überfallen. Allein bei den ganzen Drogen-Geschichten kann ich nicht mitreden. So ziemlich alles andere aber ist mir bestens vertraut: Im titelgebenden legendären Bremer Club “Lila Eule” im Steintorviertel habe ich mir (nach unserer Übersiedlung in den Westen 1989) als Abiturient und Zivi in den frühen Neunzigern so manche Nacht um die Ohren geschlagen. Auf dem “Mädchengymnasium in Schwachhausen”, das eine der Hauptfiguren des Romans besucht, habe ich selbst mein Abitur abgelegt. (Seit 1971 stand die Schule auch männlichen Schülern offen.) Und natürlich bewegte auch ich mich dort – so wie 20 Jahre zuvor der Autor und sein Alter Ego im Roman – in Kreisen, wo sich Coolness und Ansehen in erster Linie über den eigenen ausdiffernzierten (Pop-) Musikgeschmack definierten. In Berlin wiederum wohnt die Geliebte des Protagonisten im Hochhaus Holzmarktstraße 2 am S-Bahnhof Jannowitzbrücke in Mitte, wo ich jahrelang ausgestiegen bin, um meine Studenten an der IU am Rolandufer zu unterrichteten. Noch dazu habe ich mir genau dieses Hochhaus damals sehr genau angesehen, da in ihm zu jener Zeit zwei kleine Einzimmerwohnungen zum Verkauf standen, aber irgendwann war das Angebot wieder weg. Und auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof mit den Gräbern so vieler Prominenter, wo der Roman-Protagonist wie im einschlägigen Wolf-Biermann-Song seine Geliebte trifft, bin ich ebenfalls oft gewesen. Um von meiner jugendlichen Aufgeschlossenheit für den Kommunismus und weitere Weltverbesserungsbewegungen gar nicht erst zu reden…

Doch nun endlich zum Roman selbst: Die Handlung bewegt sich – das ist der raffinierten erzählerischen Konstruktion geschuldet – abwechselnd und parallel in drei verschiedenen Zeiträumen: Mitte der Sechziger in Bremen, 1972 in Ost-Berlin und im Herbst 1989 in Berlin nach dem Mauerfall. Und sie endet bereits Anfang 1990, wo sich vieles, was dann später noch kommen wird, erst andeutet. Es geht um wilde Agentengeschichten, um ganz viel Rockmusik von den Rolling Stones und anderen, später dann auch um Techno-Musik in den maroden Kellern Ost-Berlins und die Rolle von Günter Schabowski hinter den Kulissen. Immer wieder spielen auch Drogen eine Rolle. Im Zentrum des Romans steht dennoch die unerschütterliche, nur vorübergehend erfüllte, später dann von der Stasi verhinderte Liebe des Ich-Erzählers zu Mara, einem Ost-Mädchen aus einer Parteiaristokraten-Familie. 17 Jahre nach ihrer letzten Begegnung macht er sich auf die Suche nach ihr, und erst ganz am Ende des spannungsreichen Romans kommt er ihr auf die Spur…

Alles ist so lebendig erzählt, als ob jemand, der gut schreiben kann, es selbst erlebt hätte, was ja auch weitgehend der Fall ist. Nur fragt man sich beim Lesen ständig, was wohl die 30 Prozent sein könnten, die der Verfasser dazuerfunden hat. Die fast schon innige Beziehung, die der noch junge Roman-Held an der Parteischule zu seiner strengen Dozentin Anneliese aufbaut? Hier könnte der Autor womöglich etwas übertrieben haben. Aber weiß man’s? Dass seine alten Bremer Rockmusik-Freunde später als Techno-DJs in Berlin wieder auftauchen, ist vielleicht auch nicht so ganz plausibel. Sicher erscheint nur, dass ein Referat über die Rolle von LSD im Klassenkampf an der Staatlichen Parteischule in Biesdorf tatsächlich wohl nicht erlaubt worden wäre und auch die anschließende versehentliche Einnahme dieser Substanz durch alle Beteiligten in der Wirklichkeit so wohl eher nicht passiert wäre.

Der Roman ist trotz seiner poppigen Aufmachung (mit großartigen psychedelischen Mustern und Illustrationen versehen) alles andere als oberflächlich, vielmehr tiefschürfend und facettenreich, dazu flott und anschaulich geschrieben. Und man wünscht ihm gerade in unserer aufgewühlten Gegenwart viele Leser – insbesondere auch solche aus den nachgewachsenen Generationen.

Cordt Schnibben
Lila Eule. Der Ostwest-LSD-Beatckub-Roman
Correctiv Verlag, 1. Auflage 2025
524 Seiten; 29,00 Euro
ISBN: 978-3-948013-30-1

justament.de, 27.10.2025: Die Welt des Berufsoptimisten

“Erfolgreich zeitlos investieren” von Heiko Thieme

Thomas Claer

Der Optimist beginnt seinen Tag damit, dass er sich schon beim Erwachen denkt: Ich bin satt und halbwegs gesund. Ich habe ein Dach überm Kopf. Und nun kann ich loslegen und mein Gehirn in Bewegung setzen. Ist das nicht fantastisch? Mit solch einer lebensfrohen Grundeinstellung ist dann, das lernen wir aus dem jüngst erschienenen Buch “Erfolgreich zeitlos investieren” der mittlerweile 82-jährigen Börsenlegende Heiko Thieme, nichts mehr unmöglich.

Allerdings ist es wirklich kaum zu glauben, dass Altmeister Heiko Thieme, der zeitlebens mehrere zehntausend Seiten an Artikeln, Kolumnen und Börsenbriefen verfasst hat, erst jetzt, im neunten Lebensjahrzehnt stehend, sein Debüt als Buchautor gegeben hat. Aber vermutlich hat ihm bislang einfach die Zeit dafür gefehlt. Er ist ja ständig auf Achse. Nun erhält man als Leser also endlich in komprimierter Form das, was dieser “globale Anlagestratege” als sein Erfolgsrezept bei der Geldanlage ansieht. Doch das ist, rein quantitativ gesehen, weniger, als man denken könnte. Von den rund 200 Seiten muss man zunächst noch die einleitenden und zwischendurch eingeschobenen kommentierenden Passagen seines Co-Autors Andreas Scholz in Abzug bringen, außerdem einige grundlegende Betrachtungen über die Aktienanlage an sich (an der selbstredend kein Weg vorbeiführt) sowie ein paar zig Seiten über sein Weltbild (Optimismus ist Pflicht), seine politische Einstellung (Freiheit geht über alles), seine Jahrzehnte zurückreichenden Börsen-Erlebnisse (eine Anekdote reiht sich an die nächste) und seine Hobbys (Marathonlaufen, Bergsteigen, im Kleinflugzeug fliegen, Schachspielen, Zaubertricks aufführen sowie Whisky trinken und im Keller horten).

Auf die eigentliche Anlagestrategie entfallen dann gerade einmal 80 Seiten – doch die haben es dafür wirklich in sich. Thieme erläuert hier ausführlich seine überaus durchdachte konsequent antizyklische Vorgehensweise einschließlich seiner berühmten Drei-Drittel-Strategie. Das klingt alles sehr plausibel und dürfte, wenn man sich als Privatanleger daran hält, wohl auch ganz passabel funktionieren. Allerdings ist dies natürlich nur eine von vielen denkbaren Methoden, an der Börse gewinnbringend zu agieren. Es ist ja inzwischen hinreichend wissenschaftlich untersucht worden, welche Börsenstrategien am erfolgreichsten sind: nämlich in manchen Marktphasen die einen und in anderen Marktphasen die anderen. Ein paar Jahre oder sogar Jahrzehnte lang funktionieren Value- und Dividendenstrategien am besten, dann führen diese jedoch zu Underperformance, und stattdessen bringen Wachstums- oder Trendfolgestrategien weitaus mehr ein. Manchmal sind sogar Charttechnik und technische Analyse über längere Zeiträume sehr erfolgreich. Die Crux ist nur, dass sich das alles in der Rückschau leicht feststellen lässt, aber man niemals vorher weiß, was künftig wohl am besten klappen wird. Insofern ist es auch bezeichnend, dass ein unbestrittener Könner wie Heiko Thieme als Fondsmanager in den Neunzigern dreimal für den besten, aber auch einmal für den schlechtesten Fonds des Jahres “ausgezeichnet” wurde.

Was kann man als Privatanleger also tun? Entweder man sucht sich unter den besagten Methoden diejenige aus, die einem selbst am ehesten einleuchet oder die am besten zu einem passt, und bleibt dann dabei. Besser irgendeine Strategie als gar keine Strategie an der Börse, wird oft gesagt. Oder man kombiniert die Methoden oder nimmt mal die eine und mal die andere – oder man denkt sich selbst etwas Eigenes und Neues aus. Vieles ist möglich, aber nur allzu oft erweist sich dann rückblickend: Wie man es auch macht, macht man es verkehrt, und hinterher ist man immer klüger. Nüchtern betrachtet spricht viel dafür, dass es am wichtigsten ist, überhaupt langfristig in Aktien investiert zu sein – und sei es nur mit ganz profanen ETFs.

Seit fast anderthalb Jahrhunderten, das betont auch Heiko Thieme immer wieder, liegt die durchschnittliche Jahresperformance in den meisten Indizes inklusive Dividenden bei acht bis neun Prozent, was das anhaltende globale Wirtschaftswachstum seit Beginn der Industrialisierung spiegelt bzw. immer ein Stück über diesem liegt. Und angesichts der gegenwärtigen und erst recht auch künftig zu erwartenden revolutionären technischen Innovationen sollte doch auch auf lange Sicht mindestens soviel drin sein. Andererseits erleben wir gerade in unserer Gegenwart, wie destruktive politische Akteure im Begriff sind, den Welthandel lahmzulegen, was dann letztlich auch die Börsen beeiträchtigen würde. Doch zumindest Dauer-Optimist Heiko Thieme gibt hier Entwarnung: Selbst zwei Weltkriege und diverse Weltwirtschaftskrisen hätten die Aktienkurse bislang nicht davon abhalten können, sich letztendlich doch immer wieder zu erholen und neue Rekordstände zu erreichen. Und das werde auch in Zukunft so sein. “Denn eines ist sicher: Die Welt wird nicht untergehen. Und sollte ich mich täuschen, dann spielt es auch keine Rolle mehr.”

Bleibt nur noch kritisch anzumerken, dass sich der große und grundsympathische Heiko Thieme an einer nicht ganz unwesentlichen Stelle in seinem Buch kolossal verrechnet hat. Auf S. 74 heißt es: “Im besten Falle sollte schon bei der Geburt für jede und jeden ein Depot angelegt und dann sukzessive darin eingezahlt und die Gelder an der Börse investiert werden. Und hier kommt meine Regel für ein erfolgreiches zeitloses Investieren an der Börse: Das jeweilige Lebensjahr sollte mit 100 multipliziert werden. Dies entspricht dann dem Betrag der dann im entsprechenden Jahr angelegt werden sollte. Im 20. Lebensjahr wären das also 2.000 Euro. Im 21. Lebensjahr wäre es 2.100 Euro und so weiter. Rechnet man diese Summen hoch, so kommt man bis zur Pension – ich halte wegen der steigenden Lebenserwartung ein höheres Pensionsalter von 70 Jahren für gerechtfertigt – auf eine Gesamtsumme von rund 222.500 Euro. Nehmen wir dann nur eine durchschnittliche Performance in Höhe von 8 bis 9 Prozent pro Jahr an, dann hat dieser Anleger bis zu seiner Pension ein Gesamtvermögen von 1,25 Millionen Euro aufgebaut. Ich finde diese Zahlen immer wieder eindrucksvoll…”

Schon auf den ersten Blick ist in mir der Verdacht aufgestiegen, dass das nicht stimmen kann, denn allein die ersten 2.000 Euro im 20. Lebensjahr werden bei einem angenommenen jährlichen Wertzuwachs von 9 Prozent innerhalb von 50 Jahren zu mehr als 230.000 Euro. Und es kommen ja anschließend noch 49 weitere jährliche EInzahlungen ins Depot hinzu, die ebenfalls viele Jahre lang “arbeiten” können. Es müssen am Ende also weitaus mehr als “nur” 1,25 Millionen zusammenkommen. Mit Hilfe der KI “Le Chat” habe ich es dann mal durchgerechnet (“Perplexity” hat es nicht geschafft) und komme so auf einen Wert von 12,8 Millionen Euro (!) – und das bei den besagten wirklich sehr bescheidenen eingezahlten Summen! Welch eine Ironie, dass der oftmals als “Phantast” angesehene Heiko Thieme, der an anderer Stelle den möglichen DAX-Stand am Ende unseres Jahrhunderts korrekt auf 11 Millionen extrapoliert (S.121 ff.), hier den Zinseszinseffekt außer Acht gelassen hat. Jenen Zinseszinseffekt, den Albert Einstein als “das achte Weltwunder” bezeichnet und noch hinzugefügt hat: “Das verstehen nur die wenigsten, und alle anderen müssen es bezahlen.” Die langfristige Geldanlage in Aktien, das folgt daraus, kann also sogar noch zehnmal mehr einbringen, als selbst der Berufsoptimist Heiko Thieme es sich träumen lässt…

Alles in allem ist Heiko Thieme somit ein aufschlussreiches, anregendes und unterhaltsames Börsen-Buch gelungen, in dem auch die Schlusspointe sitzt: Die beste Investition seines Lebens? Das sei die Ehe mit seiner Frau, und seine Kinder und Enkelkinder seien die Dividenden.

Heiko Thieme
Erfolgreich zeitlos investieren. Die Anlagestrategien der Börsenlegende
Finanz Buch Verlag, 1. Auflage 2025
206 Seiten; 25,00 Euro
ISBN: 978-395972-616-0

justament.de, 27.10.2025: Das Mysterium von Kampehl

Recht historisch Spezial: Justament-Autor Thomas Claer über den ominösen Ritter Kahlbutz

Thomas Claer

Knapp 100 km nordwestlich von Berlin liegt der kleine Ort Kampehl, der heute ein Ortsteil von Neustadt/Dosse im Landkreis Ostprignitz/Ruppin ist, das an der Bahnstrecke von Berlin nach Wittenberge liegt. In meiner Kindheit sind meine Eltern mit mir ab und zu im Auto von Wismar aus zu einer Freundin meiner Mutter nach (Ost-) Berlin gefahren, und dabei haben wir auch mal in Kampehl Halt gemacht, wo meine Eltern mir die berühmte Gruft des Ritters Kahlbutz zeigten, dessen Leichnahm dort seit 1702 lagert, ohne jemals verwest zu sein. Der Anblick dieser dort ausgestellten Mumie und natürlich auch die dazu erzählte Geschichte haben mich als Kind tief beeindruck. Mein Vater hatte es mir damals so erklärt, dass dieser Ritter Kahlbutz mutmaßlich einen Schäfer erschlagen und dann vor dem Gericht, das ihn schließlich freisprach, erklärt habe: “Wenn ich ein Mörder bin gewesen, dann soll mein Leichnam nie verwesen.” Woraufhin dieser dann tatsächlich nie verwest sei.

Erst heute, ein halbes Jahrhundert später, bin ich wieder auf diese alte Geschichte gekommen, die in ihrer vollständigen Version noch viel ungeheuerlicher ist, als man sie mir damals kindgerecht erzählt hat. Sie geht gemäß Wikipedia nämlich so: Der märkische Landadelige Christian Friedrich von Kahlbutz (1651-1702), der auch als Fähnrich in der preußischen Armee gedient hatte, soll ein aufbrausendes Temperament gehabt und zeitlebens elf eheliche sowie ca. 30 weitere Kinder gezeugt haben. Insbesondere habe er auf seinem Landgut in zahlreichen Fällen vor Eheschließungen seiner Untertanen das “Recht der ersten Nacht” für sich beansprucht und auch wahrgenommen haben. Der Sage nach wurde Kahlbutz im Jahre 1690 von seiner Dienstmagd Maria Leppin des Mordes an ihrem Verlobten, dem Schäfer Pickert aus dem Nachbarort Bückwitz, bezichtigt. Die Tat geschah am Bückwitzer See. Die Begründung lautete, er habe den Schäfer aus Rache erschlagen, weil die Magd dem Ritter das “Recht der ersten Nacht” verweigert hätte. Auch habe er sich mit Pickert um die Größe des Weideplatzes gestritten. Im folgenden Strafprozess in Dreetz bei Neustadt wurde Kahlbutz jedoch aufgrund seiner eigenen eidlichen Aussage freigesprochen, da die Zeugen fehlten (und wohl auch, weil seinerzeit der Eid eines Edelmannes als nicht anzweifelbar galt).

Ritter Kahlbutz starb im Alter von 51 Jahren und wurde in einem Doppelsarg in der Patronatsgruft beigesetzt. 1784 starb der letzte von Kahlbutz, deshalb wechselte das Gut im Folgenden mehrfach den Eigentümer. 1794 wurde die Kirche von Kampehl renoviert, und man wollte wie üblich die Särge im Gruftanbau beisetzen. Beim Öffnen der Särge stellte sich heraus, dass nur die eine Leiche des Ritters Kahlbutz nicht verwest war. Der Volksmund fand eine Erklärung für die Mumifizierung des Ritters Kahlbutz und sah darin Gottes gerechte Strafe für einen Mord. Zahlreiche Untersuchungen über die Jahre hinweg (bis in unsere Tage mit modernsten technischen Methoden!) brachten keine andere Ursache der Mumifizierung zutage als – laut Süddeutscher Zeitung –  die eventuell besondere Trockenheit der Gruft und die eigentümlichen, vielleicht schwach radioaktiven Ausdünstungen des Bodens.

Als ich nun nach so langer Zeit wieder nach Kampehl kam, konnte ich feststellen, dass die Mumie des Ritters Kahlbutz noch genauso daliegt und aussieht wie in meiner Kindheit. Noch immer ist der Ritter Kahlbutz im Glassarg in der Patronatsgruft neben der Wehrkirche Kampehl eine Touristenattraktion und ganz unbedingt eine Reise, zumindest aber einen Tagesausflug von Berlin aus, wert.

justament.de, 20.10.2025: Vier Frauen in der Einöde

Recht cineastisch, Teil 47: “In die Sonne schauen” von Mascha Schilinski

Thomas Claer

Wird in Sachsen-Anhalt tatsächlich Plattdeutsch gesprochen?! Ja, aber nur in der Altmark, dem nördlichsten Zipfel des aktuell zweitärmsten deutschen Bundeslandes, eingeklemmt zwischen Niedersachsen, Mecklenburg und der nordbrandenburgischen Prignitz, wo überall auch heute noch Varianten der niederdeutschen Mundart gepflegt werden, zumindest von ein paar älteren Bewohnern auf dem Lande. Vor 120 Jahren setzt die Handlung ein, sofern man von einer solchen überhaupt sprechen kann, im preisgekrönten poetisch-historischen Experimentaldrama “In die Sonne schauen” der 1984 in West-Berlin geborenen Filmemacherin Mascha Schilinski. Und zunächst sprechen alle auf dem altmärkischen Bauernhof, der über vier Generationen hinweg den Hintergrund des Geschehens darstellt, noch Platt, freundlicherweise fürs Publikum mit hochdeutschen Untertiteln versehen. Das ändert sich erst in der Nachkriegszeit, als mehr und mehr der Berlinische Tonfall auch in die entlegenen Gebiete nördlich der Spreemetropole einzieht. Um 1905 hieß es auf dem Bauernhof aber noch: “Treck di an, hab ick jesacht.”

“In die Sonne schauen” ist überwältigend in seinen Bildern, den eingefangenen und erzeugten Stimmungen, durch seine stets düster und bedrohlich wirkende Hintergrundmusik, erzählt dabei aber keine Geschichte im konventionellen Sinne. Die einzelnen Episoden sind nur recht lose miteinander verbunden. Vieles wird lediglich angedeutet, bleibt im Dunkeln. Auf Wikipedia lässt sich nachlesen, was einem beim Anschauen im Kino alles entgangen ist. Auch die verwandtschaftliche Beziehung der vier weiblichen Protagonistinnen in jeweils einer der vier gezeigten Epochen (Kaiserreich, 2. Weltkrieg, Achtzigerjahre-DDR und kurz vor der Gegenwart) zueinander erschließt sich keineswegs auf Anhieb. Der Film springt im bewährten 37-Grad-Stil fortwährend zwischen den Zeitabschnitten hin und her. Als roter Faden über die Jahrzehnte hinweg dient die Darstellung des hier insbesondere weiblichen sexuellen Begehrens, wobei auch immer wieder inzestiöse Verstrickungen anklingen, was aber in solch einer dünn besiedelten Region, zumal bei der damals noch stark eingeschränkten Mobilität, gut nachvollziehbar erscheint.

Die längste Zeit, das macht dieser Film deutlich, haben die Menschen ganz überwiegend unter elementaren Zwängen gelebt, die ihnen kaum persönliche Freiheiten ließen. Erst in der Gegenwart, als neuromantische Ankömmlinge aus Berlin den alten Hof für sich entdecken, ist die schwerwiegendste Frage für junge Mädchen, ob es Vanille- oder Erdbeereis sein soll. Doch dann zieht plötzlich auch hier wieder existentieller Ernst ein, denn Krankheit und Tod haben bis heute noch alle technischen und kulturellen Fortschritte überdauert. Kurzum, wer bereit ist, sich auf einen Kunstfilm mit betörend suggestiven Bildern einzulassen und nicht auf einer herkömmlichen “Erzählung” insistiert, wird “In die Sonne schauen” goutieren.

In die Sonne schauen
Deutschland 2025
Regie: Mascha Schilinski
Drehbuch: Mascha Schilinski, Louise Peter
Länge: 149 Minuten
Darsteller: Hanna Heckt, Lea Drinda, Lena Urzendowsky, Laeni Geiseler

justament.de, 6.10.2025: Meine erste West-Zeitung

Justament-Autor Thomas Claer gratuliert “seiner” Süddeutschen Zeitung zum 80. Geburtstag

Es muss wohl im Herbst 1987 gewesen sein, als ich überglücklich während unserer Schulabschlussfahrt in einem Hotel in Minsk (damals Belorussische Sozialistische Sowjetrepublik) meine erste Süddeutsche Zeitung in den Händen hielt. Zugleich war es auch meine erste westliche Tageszeitung überhaupt, denn Printprodukte aus dem Westen waren für uns in der DDR seinerzeit schwer zu bekommen. Ich war damals 15 Jahre alt, und mir waren immerhin schon zwei Micky-Maus-Ausgaben, mehrere Kicker-Sonderhefte und einige Bravo-Zeitschriften von Besuchern unserer Familie aus dem Westen heimlich mitgebracht worden. Aber eine richtige Tageszeitung mit politischen Inhalten wäre natürlich noch weitaus gefährlicher gewesen, wenn man sie beim Grenzübertritt entdeckt hätte. Daher konnte ich als aufgeweckter und interessierter Ost-Jugendlicher von richtigen West-Zeitungen lange Zeit nur träumen.

Heute kann es sich niemand mehr vorstellen, aber es gab damals für uns in der DDR wirklich kaum etwas Interessantes zu lesen. Mit den überaus langweiligen DDR-Zeitungen war ich meist schon nach höchstens zehn Minuten fertig, denn außer dem Sportteil gab es darin wirklich nur ungenießbare gestelzte Staatspropaganda. Bücher aus dem Westen, die irgendwer über die Grenze geschmuggelt hatte, wanderten von Hand zu Hand, wurden immer weiter verliehen. Selbst vorgeblich linientreue Lehrer in meiner Schule borgten sich von mir Westbücher von Hoimar v. Ditfurth und Erich v. Dänicken aus, die ich wiederum selbst von einer Freundin meiner Mutter entliehen hatte. Aber politische Zeitschriften blieben zu jener Zeit zumindest für mich unerreichbar – bis in der Sowjetunion Glasnost und Perestroika ausbrachen und wir unsere Abschlussfahrt in der 10. Klasse just ins Land des “Großen Bruders” unternahmen.

Es kam für mich dann völlig überraschend. Nicht im Mindesten hatte ich damit gerechnet, dass im Hotel “Jubilejnaja” in Minsk, in dem wir abstiegen – es existiert laut KI-Recherche noch heute – an der Rezeption westliche Zeitungen und Zeitschriften aus diversen Ländern und in unterschiedlichen Sprachen auslagen. Ich traute meinen Augen kaum und fragte dann schüchtern, ob man die auch kaufen könne. Ja, natürlich, bekam ich zur Antwort. Also griff ich entschlossen zu und erwarb mit meinen eingetauschten Rubeln und Kopejken die einzigen beiden vorhandenen deutschsprachigen Printprodukte: eine Süddeutsche Zeitung und einen “Vorwärts”, die SPD-Parteizeitung. Dazu nahm ich sicherheitshalber auch gleich noch ein “Algemeen Dagblad” aus Amsterdam und einen “Dagens Nyheter” aus Stockholm. Wer wusste denn, ob sich jemals wieder eine solche Gelegenheit bieten würde?

Anschließend zog ich mich zurück – und las und las und las. Innenpolitik, Außenpolitik, politische Kommentare, Reportagen, Feuilleton und Wirtschaftsteil bis hin zum Sportteil – all das war für mich wie eine Offenbarung. Soweit ich mich erinnern kann, habe ich meine erste Süddeutsche an diesem und den folgenden Tagen von vorne bis hinten komplett durchgelesen, vieles davon auch mehrmals. Mit dem “Vorwärts” verfuhr ich ebenso. Die beiden fremdsprachigen Zeitungen vermochte ich allerdings nur häppchenweise zu bewältigen. Da ich zumindest von den zwei deutschsprachigen Presseerzeugnissen das einzige vorhandene Exemplar ergattert hatte, konnte auch niemand anders unter meinen Mitschülern oder Lehrern hier zum Zuge kommen. Doch deren Interesse daran hielt sich erstaunlicherweise auch in Grenzen. Nur ein einziger Mitschüler, der heute in Köln wohnt und bei der Bundeswehr tätig ist, bat mich darum, ihm meine Süddeutsche und meinen “Vorwärts” mal auszuleihen. Unsere Lehrer, die vermutlich interessiert gewesen wären, hatte ich zur Sicherheit nicht eingeweiht, denn womöglich hätten sie mir die in der DDR ja schließlich illegalen westlichen Printmedien sogleich wieder abgenommen – trotz deren ganz legalen Ankaufs in der “ruhmreichen Sowjetunion”. Zum Glück hat mich auch niemand von meinen Mitschülern bei ihnen verpetzt. Es hat sie, glaube ich, aber auch einfach nicht sonderlich interessiert…

Am nächsten Tag im Hotel lief ich neugierig zur Rezeption um nachzusehen, ob da vielleicht wieder eine tagesaktuelle Süddeutsche oder vielleicht noch etwas anderes Interessantes liegen würde. Da lag aber nichts, was dort nicht auch schon am Vortag gelegen hatte. Auch an den kommenden Tagen änderte sich daran leider nichts – aber ich war ja schon bestens versorgt und hatte weit mehr bekommen, als ich auch nur zu hoffen gewagt hätte. So nahm ich dann also meine gedruckten Schätze frohgemut mit zurück in die DDR und zeigte sie meiner erstaunten Mutter. (Mein Vater lebte damals bereits im Westen, und erst anderthalb Jahre später, als unserem Ausreiseantrag endlich entsprochen wurde, sollten wir ihn wiedersehen.) Noch eine weitere hochspannende Lektüre hatte ich damals aus der Sowjetunion mitgebracht: Im Zug lag eine kleine Broschüre in verschiedenen Sprachen aus, darunter auch auf Deutsch. Das war eine Ansprache des Vorsitzenden der KPdSU in der Region Moskau über “Weitreichende Anstrengungen zum Umbau der Sozialistischen Gesellschaft”. Sein Name war mir bis dahin noch nicht bekannt gewesen. Er lautete: Boris Jelzin.

Überhaupt waren die Anzeichen des Wandels während unseres Aufenthalts im Land der Oktoberrevolution überall mit Händen zu greifen. Als unsere Reiseleiterin im Bus nach der Stadtrundfahrt wissen wollte, ob noch jemand von uns eine Frage hätte, nahm ich all meinen Mut zusammen und erkundigte mich nach ihrer Meinung über “Glasnost und Perestroika”. Daraufhin lächelte sie und erklärte uns, dass sie in Minsk “Glasnost und Perestroika” alle sehr lieben würden. Dass aber schon zwei Jahre später das Ende der DDR eingeläutet werden würde, das konnte sich damals natürlich noch niemand vorstellen.

Es dauerte dann auch noch mehrere Jahre, bis ich meine zweite Süddeutsche Zeitung las. Nach unserer Ausreise aus der DDR zu meinem Vater nach Bremen im Mai 1989 begnügte ich mich zunächst mit dem “Weserkurier”, den meine Eltern nun abonniert hatten, und kaufte mir ab und zu einen SPIEGEL dazu. Erst nach dem Abitur und den ersten Semestern meines Studiums in Bielefeld schlossen meine heutige Frau und ich ein Probe-Abo für die Süddeutsche ab, die uns fortan täglich ins Studentenwohnheim geliefert wurde. Seitdem, es war wohl etwa 1996 oder 1997, sind wir nie mehr von ihr losgekommen und verbringen täglich jahraus, jahrein mehrere Studen mit Zeitunglesen. Wollte man mich umbringen, dann müsste man mir meine tägliche Süddeutsche Zeitung wegnehmen. Daher gratuliere ich voll Dankbarkeit “meiner” SZ ganz herzlich zum 80. Geburtstag.

P.S.: Diesen Text habe ich vor zwei Monaten auch bei der Süddeutschen Zeitung eingereicht, aber leider wurde er nicht genommen. Immerhin erhielt ich vorgestern von einer Redakteurin eine sehr freundliche Absage. Oftmals ist ja die einseitige Liebe am unerschütterlichsten…