Tag Archives: Arbeit

www.justament.de, 2.3.2015: Er nennt es Arbeit

Die Erfindung des Home-Office: Eine vergnüglich-böse Kurzgeschichte von Joris-Karl Huysmans aus dem Jahr 1888

Thomas Claer

home-officeDem Verwaltungsjuristen Bougran ist übel mitgespielt worden. Wegen angeblicher „moralischer Invalidität“ hat man ihn nach über zwei Jahrzehnten im Ministerium mit gerade erst 50 Jahren vorzeitig zwangspensioniert. Aber alles ist streng nach Recht und Gesetz abgelaufen. Der Hintergrund ist, dass ein junger Günstling des Ministers auf einem lukrativen Posten untergebracht werden muss. Also wird Monsieur Bougran hinauskomplimentiert, seine Stelle abgeschafft und für den Novizen unter anderer Bezeichnung wieder neu eingerichtet. So ziemlich das Schlimmste, was man Menschen antun kann, ist es, ihnen Privilegien erst zu geben und sie ihnen später wieder wegzunehmen. Sie betrachten das dann zumeist als himmelschreiende Ungerechtigkeit und brechen darüber in großes Wehklagen aus. So auch Monsieur Bougran, die titelgebende Hauptperson in der nur 18 Seiten umfassenden Kurzgeschichte des großen französischen Romanautors Joris-Karl Huysmans (1848-1907), eines der maßgeblichen Wegbereiter der literarischen Moderne, aus dem Jahr 1888.
Huysmans hatte einen Ruf „als Kunstkritiker und leicht perverser Ästhet“, so Daniel Grojnowski in seinem vorzüglichen Nachwort, das die sehr gelungene Neuausgabe dieser Meistererzählung im Kleinverlag  „Friedenauer Presse“ krönt, die seit 2012 inzwischen schon in mehreren Auflagen erschienen ist. Huysmans‘ Hauptantriebsfeder für all sein literarisches Schreiben soll seine vielfache Enttäuschung von den Frauen gewesen sein. Berühmt geworden ist er vor allem durch den Roman „Gegen den Strich“, in dem es um einen dekadenten und neurotischen jungen Aristokraten geht, der schließlich in geistiger Umnachtung versinkt. Der Erfolg von „Gegen den Strich“ hatte sich allerdings eher auf ein intellektuelles Publikum beschränkt. Daneben landete Huysmans mit einigen weniger ambitionierten Romanen, die heute fast völlig vergessen sind, auch mehrere Bestseller. Doch hatte er darüber hinaus noch einen „Brotberuf“, der es in sich hatte: Er war Beamter im Pariser Innenministerium und brachte es bis zum „Stellvertretenden Leiter des Politischen Büros der Direktion des Amtes für Öffentliche Sicherheit“. In seiner kleinen und überaus feinen Erzählung „Monsieur Bougran in Pension“ plaudert Huysmans also gewissermaßen aus dem Nähkästchen. Sehr anschaulich und pointiert berichtet der Autor darin vom Pariser Behördenalltag im ausgehenden 19. Jahrhundert. Und der Leser, vor dessen geistigem Auge ein lebendiges Bild von der streng reglementierten damaligen Verwaltung entsteht, fühlt sich trotz aller Unterschiede doch auch ein wenig an Fernsehserien wie „Stromberg“ und an eigene Erfahrungen in deutschen Amtsstuben erinnert. Wir wollen jetzt nicht spekulieren, wie viele von Huysmans‘ literarischen Werken während seiner Dienstzeit im Büro entstanden sind. Doch immerhin war es ihm nachweislich möglich, in der Arbeitszeit bedeutende Briefe an Schriftstellerkollegen zu verfassen.
Nun muss der weit eher zum Schriftsteller denn zum Bürokraten berufene Huysmans in der tristen Arbeitswelt mächtig gelitten haben. Sein einfacher gestrickter Erzählungsheld Bougran hingegen ist das, was man heute einen Workaholic nennt, und daher ob seiner Degradierung zum Frühpensionär völlig verzweifelt. Allein im Beruf findet er seine Bestimmung und Erfüllung. Er hat keine Freunde außer seinen Kollegen und keine Hobbies außer seiner Arbeit. Kurz, das Büro ist sein Leben. Und über den Verlust seiner alten geregelten Daseinsform kann ihn auch nicht die durchaus ordentliche Pension hinwegtrösten, die ihm jetzt zusteht. Jedoch blüht er regelrecht auf, als ihm auf einem seiner traurigen Spaziergänge durch Paris nach seiner Pensionierung der rettende Gedanke kommt: Er tapeziert das kleinste Zimmer seiner Wohnung auf exakt die gleiche Weise wie seinen früheren Büroraum, besorgt sich die entsprechenden Schreibtische, Stühle und Regale und stellt in diese irgendwelche alten Akten hinein. Vor allem aber sorgt er dafür, dass das Zimmer von nun an weder vernünftig gereinigt noch gelüftet wird, damit es dort schon bald so staubig riechen soll wie in seinem alten Büro – und fertig ist das perfekte Home-Office! Nein, noch nicht ganz. Er braucht ja noch etwas zu tun. Doch hierbei hilft er sich, indem er täglich fiktive Behördenbriefe verfasst und an sich selbst adressiert, die ihn dann am nächsten Tag wieder erreichen und beantwortet werden wollen und so fort. Doch merkt er schon nach kurzer Zeit, dass ihm noch etwas ganz Entscheidendes fehlt: der Klatsch und Tratsch mit den Kollegen. Aber auch diesem Mangel weiß er abzuhelfen. Kurzerhand gibt er seinem früheren alten, inzwischen ebenfalls pensionierten Bürodiener eine Anstellung bei sich, so dass dieser für ihn künftig alle Botengänge erledigen und ansonsten ausgedehnte Konversation mit ihm pflegen kann.
Natürlich ist das alles eine groteske Donquichotterie. Und dennoch hat Huysmans in seinem flüchtig verfassten Nebenwerk weit mehr geschaffen als eine bloße amüsante Parabel auf die damalige Büro-Arbeitswelt und ihre sinnentleerten Rituale. Vielleicht ganz ohne Absicht ist dabei auch eine ungemein moderne Figur entstanden: ein früher Vorläufer der heutigen urbanen Do-it-yourself-Klasse, die sich nicht mehr länger den Unzumutbarkeiten einer Angebot-und-Nachfrage-Arbeitswelt unterordnen mag, sondern sich – notfalls ohne Aussicht auf ein auskömmliches Einkommen – ihren Traum von der beruflichen Selbstverwirklichung erfüllt. „Wie nennt man einen arbeitslosen Journalisten?“, so lautete vor einigen Jahren ein weit verbreiteter Witz. Antwort: „Blogger.“ Womöglich sind das ja schon die Vorübungen für das langsam, aber sicher heraufziehende neue Zeitalter der Digitalisierung 3.0, in dem dann auch unzählige andere altvertraute Jobs irgendwann überflüssig werden.

Joris-Karl Huysmans
Monsieur Bougran in Pension
Friedenauer Presse 2012
32 Seiten (broschiert), EUR 9,50
ISBN-10: 3932109724

Advertisements

Justament Okt. 2007: Erst die Arbeit?

Über die alte Grundsatzfrage nach der Rolle der Arbeit in unserem Leben  

Thomas Claer

Nora Tschirner staunte nicht schlecht. Die im Berliner Stadtteil Pankow im Villenviertel am Bürgerpark wohlbehütet aufgewachsene Jungschauspielerin stellte sich bei Spaziergängen durch den nahen Problembezirk Wedding immer wieder die Frage: “Was machen die da eigentlich den ganzen Tag?” Und sie meinte die vielen, vielen jungen Männer meist südländischer Herkunft, die tagaus, tagein, bei Wind und Wetter die dortigen Straßenecken bevölkern, ohne dabei einer erkennbar zweckgerichteten Tätigkeit nachzugehen. Dabei kann selbst unser abgespeckter Sozialstaat seine auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr verwendbaren Bürger immer noch recht erfolgreich mit Transferleistungen ruhig stellen. Und das wirkt sich weitgehend dämpfend auf die Kriminalitätsrate aus. Nur in ostdeutschen Kleinstädten – gelegentlich auch anderswo – formiert sich in dumpfer Brutalität, denn irgendjemand muss ja schließlich am eigenen Misserfolg Schuld sein, der nationale Widerstand. Doch so heterogen die objektiv Überflüssigen unserer Leistungskultur auch sind, vom ungelernten bis zum akademischen abgehängten Prekariat: Sicher ist ihnen allen die generelle Stigmatisierung durch die hart arbeitende Mehrheitsgesellschaft.

Von Jugend auf arbeiten lernen
Stimmt es also, dass, wie Karl Marx (1818-83) glaubte, erst die Arbeit dem menschlichen Leben einen Sinn gibt, dass sie die eigentliche Bestimmung des Menschen ist und dieser ohne sie nur eine letztlich unwürdige Existenz führt? Eine Fülle meisterhafter, sich im Ergebnis oft diametral widersprechender Reflexionen zu dieser Frage findet sich auf der Internetseite http://www.otium-bremen.de. Hier haben fleißige Hände die einschlägigen Zitate unserer Besten, wie man heute sagt, also unserer Literaten, Philosophen und, ja nun, auch Politiker, liebevoll zusammengetragen, auf dass der Leser endlich einmal Klarheit über das erlange, mit dem sich die meisten von uns tagtäglich bis zur Erschöpfung abplagen. Immanuel Kant (1724-1804) beispielsweise, dessen Begründung der Menschenwürde unser Grundgesetz entscheidend beeinflusst hat, entpuppt sich in dieser Frage schon fast als ein verfrühter Marxist: “Wer nicht arbeitet”, so fand der Königsberger Universalist, “verschmachtet vor Langeweile und ist allenfalls vor Ergötzlichkeit betäubt und erschöpft, niemals aber erquickt und befriedigt.” Daher sei es “äußerst wichtig, dass Kinder von Jugend auf arbeiten lernen.”

Vornehmheit und Ehre beim Müßiggang
Sein Fachgenosse Friedrich Nietzsche (1844-1900) war hier gänzlich anderer Meinung: “Die Tätigen rollen, wie der Stein rollt, gemäß der Dummheit der Mechanik”, fand der Röckener Geist, der stets verneinte, und konstatierte dementsprechend sogar eine “Faulheit, welche im Grunde der Seele des Tätigen liegt”, die den Menschen daran hindere, “das Wasser aus seinem eigenen Brunnen zu schöpfen.” Bei der Verherrlichung der Arbeit, bei dem unermüdlichen Reden vom “Segen der Arbeit” sieht Nietzsche als Hintergedanken die Furcht vor allem Individuellen. Man fühle, dass jene harte Arbeitsamkeit von früh bis spät “die beste Polizei ist, dass sie jeden im Zaume hält und die Entwicklung der Vernunft, der Begehrlichkeit, des Unabhängigkeitsgelüstes kräftig zu hindern” versteht. “Denn sie verbraucht außerordentlich viel Nervenkraft und entzieht dieselbe dem Nachdenken, Grübeln, Träumen, Sorgen, Lieben, Hassen, sie stellt ein kleines Ziel immer ins Auge und gewährt leichte und regelmäßige Befriedigungen.” Und an anderer Stelle legt er nach: “Man lobt den Fleißigen, ob er gleich die Sehkraft seiner Augen oder die Ursprünglichkeit und Frische seines Geistes mit diesem Fleiße schädigt…” Mit großer Skepsis betrachtete Nietzsche die sich im Zuge der Industrialisierung ausbreitende protestantische Arbeitsethik: “Nun! Ehedem war es umgekehrt: die Arbeit hatte das schlechte Gewissen auf sich. Ein Mensch von guter Abkunft verbarg seine Arbeit, wenn die Not ihn zum Arbeiten zwang. Der Sklave arbeitete unter dem Druck des Gefühls, dass er etwas Verächtliches tue – das Tun selber war etwas Verächtliches. ‚Die Vornehmheit und die Ehre sind allein bei otium und bellum'”, also bei Muße und Krieg. Und schließlich kommt Nietzsche zum Resümee: “Alle Menschen zerfallen, wie zu allen Zeiten so auch jetzt noch, in Sklaven und Freie; denn wer von seinem Tage nicht zwei Drittel für sich hat, ist ein Sklave, er sei übrigens wer er wolle: Staatsmann, Kaufmann, Beamter, Gelehrter.”

Sinnliche Genüsse und Albernheiten
Doch wer jetzt, in solcher Weise von Nietzsche belehrt, seine Vornehmheit entdeckt und sich in stärkerem Maße dem Müßiggange zuzuwenden erwägt, sollte zuvor noch bedenken, was sein Kollege Arthur Schopenhauer (1787-1860) über diesen zu sagen hatte: “Was nun aber wirft die freie Muße der meisten Menschen ab?”, fragte er rhetorisch. Und seine Antwort war: “Langeweile und Dumpfheit, so oft nicht sinnliche Genüsse, oder Albernheiten dasind, sie auszufüllen.” Und es folgt eine Schimpftirade über das Kartenspielen: “Weil sie nämlich keine Gedanken auszutauschen haben, tauschen sie Karten aus und suchen einander Gulden abzunehmen. O, klägliches Geschlecht!” Nur dem Genie (und niemandem sonst) wünscht Schopenhauer “das glücklichste Loos”, die “Entbindung vom Thun und Lassen, als welches nicht sein Element ist, und freie Muße zu seinem Schaffen.” Und nun entscheide jeder für sich, ob er denn genug Genie zu solcher Muße habe.