Tag Archives: Phillip Boa

www.justament.de, 13.3.2017: Im Doppelpack

Phillip Boa and the Voodooclub bringen ihr neues Album „Fresco“ nur als Beimischung zur Best-of-Singles-Compilation „Blank Expression“ heraus

Thomas Claer

Fragwürdig, sehr fragwürdig, diese Veröffentlichungspolitik! Da erscheint „Fresco“, die neue Phillip Boa-Platte, lediglich als Zugabe in der „Deluxe Edition“ von „Blank Expression“, der inzwischen – je nach Zählweise – dritten oder vierten oder fünften Greatest Hits-Sammlung der einstigen Indie-Pioniere. Sollte das neue Werk so schwach sein, dass hier von einer selbständigen Veröffentlichung abgesehen und stattdessen nur zum wiederholten Male die gute alte Zeit beweihräuchert wird?
Hört man dann aber mal rein in diesen auch optisch und haptisch sehr ansprechenden Doppelpack, so ist man schnell wieder versöhnlich gestimmt. Nicht weniger als 19 Höhepunkte aus dreißig Jahren versammelt CD Nr. 1. Und besonders zu erwähnen ist dabei, dass so großartige Songs wie „Diana“, „Punch & Judy-Club“, „Faking to Blend in“ oder „Sunny When It Rains“, um nur einige zu nennen, gar keine Berücksichtigung fanden, ganz einfach, weil es mittlerweile längst so viele überragende Boa-Klassiker gibt, dass man leicht mehrere Best-of-CDs mit ihnen hätte füllen können. Besonders gefallen hat mir neben dem Albumtitel „Blank Expression“, der auf die erste frühe Boa-Compilation „Thirty Years of Blank Expression“ aus den Achtzigern anspielt, die noch wenig bekannte Akustik-Version von „Deep in Velvet“ mit Cello und Banjo vom wunderbaren „Reduced!“-Album von vor drei Jahren, das ich mir aus diesem Anlass dann auch endlich einmal zugelegt habe… Kurz, diese Sammlung dokumentiert den hohen Rang, den sich Phillip Boa & the Voodooclub über die Jahre erarbeitet haben, in denen sie auch nach manchem schwächeren Album, vor allem in den Neunzigern und Nullern, immer wieder zur alten Größe zurückgefunden haben. Bester Beweis für Letzteres ist der vorzügliche neue Song „Twisted Star“ von der beiliegenden Fresco-CD. Und obwohl man auf ihr weitere Kracher dieses Kalibers vergeblich sucht, muss sie sich insgesamt doch keineswegs verstecken. Mit ihren teils melancholischen und ruhigeren Stücken und ohne die sonst gelegentlichen bombastischen Verirrungen überzeugt sie mehr im Unspektakulären. Das Urteil lautet: gut (15 Punkte) für die Best-of-CD und voll befriedigend (10 Punkte) für Fresco.

Phillip Boa & the Voodooclub / Blank Expression: Deluxe Edition
Doppel-CD. Best of-Album + New Album
Vertigo Berlin (Universal Music) 2016
ASIN: B01KN53FOE

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www.justament.de, 14.3.2016: When the Magic Comes Back

Scheiben vor Gericht Spezial: Vor 30 Jahren erschien „Aristocracie“ von Phillip Boa & The Voodooclub

Thomas Claer

61RUUIfIjsLSolch eine Musik hatte die Welt noch nicht gehört. Es war wie eine Detonation, damals in den in ihren Hauptströmungen doch weitgehend geschmacklosen Achtzigern. Frisch und unverbraucht, kraftvoll und melodiös brachten Phillip Boa & The Voodooclub eine einzigartige Magie in die deutsche Popmusik. Harte Gitarrenriffs trafen auf afrikanisch anmutendes Getrommel, Pia Lundas Sirenengesang auf das brummige Genöle von Bandleader Phillip. Groß heraus kamen sie allerdings erst am Ende des Jahrzehnts mit ihren Alben „Copperfield“, „Hair“ und „Hispanola“, mit Single-Hits wie „Container Love“ und „This is Michael“. Von den wahren Boa-Fans weitaus mehr geliebt wird jedoch das noch viel aufregendere Frühwerk der Band, erschienen auf dem unabhängigen Constrictor-Label. Und ganz nebenbei gab es natürlich, wie es seinerzeit üblich war, allerhand Raubpressungen irgendwelcher Demo-Aufnahmen und Konzertmitschnitte, die zu horrenden Sammlerpreisen weiterverkauft wurden.

Pünktlich zum 30-jährigen Erscheinens-Jubiläum des zweiten Voodooclub-Albums „Aristocracie“ präsentiert uns die Band nun eine wunderbare Neu-Edition dieser Platte mitsamt einer ungeheuren Sammlung von aufgearbeitetem Bonus- und Piraten-Material aus jener Zeit. Das Beste ist aber: Die phantastischen Songs von „Aristocracie“ gehören nun auch erstmals seit Jahrzehnten wieder zu ihrem Live-Programm. Besonders hervorzuheben ist hier die junge Sängerin Pris, die nach dem bedauerlichen Ausscheiden der wunderbaren Pia Lunda vor etwas mehr als einem Jahr deren Gesangspart im Voodooclub übernommen hat. Und ihre Stimme klingt wirklich verblüffend nach der jugendlichen Pia… Unser Urteil lautet: gut (14 Punkte).

YouTube-Links:

Boy Scout

When my Mother Comes Back

For What Bastards

My Sweet Devil

Empires Burning

THE BOA REMASTERS – ARISTOCRACIE
Deluxe Edition with Bonus Tracks + Unreleased Material + BONUS CD “Original Pirate Material: Early Live Recordings 1986-1988”
Mediabook, 36p Booklet, 34 Tracks, 136 Minuten
Constrictor 2015
ASIN: B00ZUVC28C

www.justament.de, 1.9.2014: Licht und Schatten

Phillip Boa & the Voodooclub auf „Bleach House“

Thomas Claer

boa-coverFrüher war alles besser. So falsch dieser Satz zumeist ist, bei diesem Musiker hat er eine gewisse Berechtigung. Denn einem fulminanten Frühwerk, das seinen frühen Ruhm in den Achtzigerjahren begründete, ließ Phillip Boa, der über die Jahre immer wieder andere Instrumentalisten um sich scharte, die dann als Voodooclub firmierten, ein recht durchwachsenes Anschlusswerk folgen. Als Besitzer aller bislang 18 Boa-Studioalben fühle ich mich schon fast wie der Sesamstraßen-Mann, der mit sich selbst hadert, weil er unablässig ein bestimmtes Restaurant aufsucht, nur um sich dort immer wieder aufs Neue über den unfähigen Kellner Grobi aufzuregen, der ihm stets die falschen Gerichte bringt. Nun war zwar auch nicht alles schlecht an den Voodooclub-Veröffentlichungen der letzten 20 Jahre. Nur musste man sich als leidgeprüfter Fan zumeist mit ein bis zwei guten Songs pro Album bescheiden, während auf den ersten sieben Platten noch jeder einzelne Track eine Offenbarung war. Zuletzt war es aber gerade wieder etwas aufwärts gegangen bei Phillip Boa. Auf dem Vorgängeralbum „Loyalty“ von 2012, das mit Platz 13 in der Verkaufscharts auch einen überraschenden kommerziellen Erfolg erzielte, waren mit „Sunny When It Rains“ und „Til the Day We Are Both Forgotten“ zwei wirklich große Popsongs – und darüber hinaus sogar noch ein paar weitere brauchbare Lieder.
Nun also „Bleach House“, die erste Platte nach dem sehr bedauerlichen (und diesmal wohl endgültigen) Ausscheiden der bezaubernden Co-Lead-Sängerin Pia Lund. An ihre Stelle tritt eine junge Sängerin namens Pris, die sich ganz wacker schlägt, wenn auch ihrer Stimme in den meisten Songs eher weniger Präsenz eingeräumt wird. Insgesamt ist der Boa-Sound jetzt wieder rockiger und weniger elektronisch. Das anarchische Getrommel, besonders im Titelsong „Kill the Future“, erinnert sogar angenehm an die ganz frühen Jahre. Doch immer dann, wenn Phillip Boa den wilden Mann spielen zu müssen glaubt und mit betont wuchtigen Refrains aufwartet, ist er wenig überzeugend – und genau hier liegt das Problem schon seit zwei Jahrzehnten! Vielmehr waren es in jenen Jahren die leisen, melancholischen, manchmal auch verspielten Songs wie „Punch & Judy Club“, „Faking to Blend in“, „Emma“ oder „Jane Wyman“, die oftmals am Ende noch alles rausgerissen haben. Auf „Bleach House“ findet sich Vergleichbares nur in Ansätzen. „Standing Blinded on the Rooftops“ hat noch am ehesten Popsong-Qualität, doch ist ausgerechnet hier die Produktion um einiges zu glatt geraten. Gleich mehrere Stücke werden nach durchaus ansprechendem Strophen-Teil von den bombastischen Refrains regelrecht zerstört. Unter den lauteren Songs geht noch am ehesten „Ueberblendung“ in Ordnung, das den bemerkenswert selbstkritischen Text “I sold my soul in the nineties“ enthält. Vermutlich würde es die Qualität der Boa-Veröffentlichungen erheblich steigern, wenn der Meister nur noch höchstens alle fünf Jahre ein neues Album rausbrächte.
Klar, der wahre Boa-Fan braucht auch diese Platte, alle anderen sollten aber besser zu den frühen Scheiben aus den Achtzigern oder zu späteren Lichtblicken wie C90 (2003) oder Loyalty (2012) greifen. Oder  die Voodooclub-Konzerte besuchen, die heute übrigens besser sind als jemals zuvor; es hat sich mit der Zeit eben doch eine große Menge exzellenter Songs angesammelt. Was „Bleach House“ angeht, so lautet das Urteil: befriedigend (8 Punkte).

Phillip Boa & the Voodooclub
Bleach House
Cargo Records 2014
Ca. € 17,-
CARCD 141

Justament Dez. 2007: Müder Voodoo-Zauber

Phillip Boa enttäuscht auf “Faking To Blend In”

Thomas Claer

Cover BoaDas Leben ist zu kurz um mittelmäßige Musik zu hören. Man muss es so deutlich sagen, auch wenn es hier keinen geringeren als Phillip Boa trifft, den Godfather des deutschen Indie-Rock, dessen Einfluss auf die hiesige Musikszene seit den mittleren 80ern gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Dabei ist zwar kaum etwas völlig daneben auf “Faking To Blend In”, der mittlerweile 16. Platte des sich mental zuverlässig zwischen Depression und Größenwahn bewegenden Pop-Exzentrikers. Doch richtig Gutes ist diesmal eben leider auch Mangelware. Es ist schon bezeichnend, dass das stärkste Stück des Albums, ein musikalisches Kleinod namens “Emma”, einen so eindeutig als Oma- und Einzelhandelstanten-Namen (oder allenfalls noch als englische Literaturgestalt anno 1816) konnotierten Titel trägt. Außer Emma kann nur noch der Titelsong “Faking To Blend In” überzeugen.
Nun beobachtet man allerdings bereits seit mindestens 13 Jahren, dass die regelmäßigen Veröffentlichungen des Meisters nicht mehr mit seinem fulminanten Frühwerk mithalten können, vereinzelte Song-Highlights einmal ausgenommen. Auch haben sich Verkaufszahlen und Anhängerschar seitdem spürbar reduziert. Seinerzeit, in den 80ern, waren die ersten Platten des Voodooclub mit poppigen Melodien, schroffen Gitarren und afrikanisch anmutenden Rhythmen wie eine Bombe in der Indieszene eingeschlagen. Der charakteristische Wechselgesang zwischen Boa und Leadsängerin Pia Lund und ein unerhörter kompositorischer Ideenreichtum sorgten für grandiose Alben, fantastische Songs und unvergessliche Konzerte. Letztere immerhin haben bis heute überdauert – um nicht zu sagen: Die Boa-Konzerte sind dank exzellenter Musiker und pointierter Arrangements in kleineren Hallen vielleicht besser als je zuvor, wovon sich der Rezensent zuletzt 2005 im Berliner franzz club überzeugen konnte und wovon sich auch jeder auf Youtube ein Bild machen kann. Der geneigte Leser versuche es etwa mit “Annie Flies The Love Bomber”, “Fine Art In Silver” oder “Diana”. Und ja, es wird auf den Konzerten tatsächlich noch Pogo getanzt!
Allein die Neukompositionen sind vergleichsweise fade und einfallslos. Wo früher einmal jedes Lied ein Kracher war, braucht es heute schon mehrere Alben, um auch nur auf eine Handvoll passabler Songs zu kommen. So ist das eben. Das Urteil lautet daher: ausreichend (6 Punkte).

Phillip Boa & The Voodooclub
Faking To Blend In
Motor music 2007, CD, 50:22 Minuten
ca. EUR 15,00
ASIN: B000S9VRRS