Category Archives: Über Berlin

www.justament.de, 10.9.2018: Der Fetischcharakter des Sparens

Verlängert bis 4. November: Die Ausstellung „Sparen – Geschichte einer deutschen Tugend“ in Berlin

Thomas Claer

Sonderausstellungen in unseren Museen sind oftmals fragwürdige und regelmäßig hochkommerzielle Angelegenheiten. Kein Thema ist dann zu abgedroschen und keine These zu platt, um endlich einmal wieder die Massen in unsere Kulturtempel zu locken – und das zu einem Vielfachen des sonst üblichen Eintrittspreises. Doch manchmal können Sonderausstellungen auch wahre Glücksfälle sein. Dann führen sie dem interessierten Besucher ihm bislang Unbekanntes vor Augen oder eröffnen ihm neue Sichtweisen auf Altbekanntes, sodass er allemal auf seine Kosten kommt.

Um Kosten und insbesondere um deren Vermeidung geht es auch im Deutschen Historischen Museum Unter den Linden, und das schon seit einem halben Jahr. Gerade ist dort die Sonderschau „Sparen – Geschichte einer deutschen Tugend“ außerplanmäßig bis zum 4. November verlängert worden. Wer sie bisher noch nicht gesehen hat, sollte dies unbedingt nachholen, denn es lohnt sich in diesem Falle wirklich. Dabei ist es keineswegs die Fülle des gezeigten Materials, die heraussticht, denn die ist durchaus überschaubar. Doch wird hier sehr gezielt auf eine vielleicht spezifisch deutsche Traditionslinie aufmerksam gemacht, die gegenwärtig besonders in der Diskussion steht: den deutschen Hang zur Sparsamkeit. Nun wird es zweifellos in aller Welt sparsame Menschen geben, doch dass hierzulande diese Tugend über Jahrhunderte und sogar über alle Systemgrenzen hinweg mit solch einer Inbrunst öffentlich propagiert wurde (wie viele der gezeigten Ausstellungsstücke beweisen, insbesondere die Plakate), das macht den Deutschen so leicht keiner nach. Ob in den feudalen Kleinstaaten, im Kaiserreich oder der Demokratie, ob bei den Nazis oder den Kommunisten: Immer gab es das Bestreben, die Bürger respektive Untertanen zur Bildung monetärer Rücklagen zu animieren – und dies zwar aus jeweils unterschiedlichen Anlässen, aber doch zumeist aus ähnlichen Gründen. Steckt die Sparsamkeit also womöglich in der deutschen kulturellen DNA? Sind wir gleichsam historisch belastet, wenn man uns international immer nachdrücklicher unsere notorisch positive Leistungsbilanz und unsere herzlosen Spar-Diktate gegenüber den überschuldeten Südländern vorhält?
Selbst im modernen Kapitalismus, in dem es doch eigentlich um die Förderung des Konsums zur Ankurbelung der Binnennachfrage gehen sollte, stand und steht hierzulande das Sparen hoch im Kurs. Oder gibt es hier womöglich gar keinen Widerspruch, weil das Sparen zu den kapitalistischen Grundtugenden gehört? Niemand anders als Karl Marx hat dies genau so gesehen. Seine zu Recht effektvoll positionierten Zitate gehören zu den Highlights der Ausstellung. Man muss es sich auf der Zunge zergehen lassen: „Der Schatzbildner opfert daher dem Goldfetisch seine Fleischeslust. Er macht Ernst mit dem Evangelium der Entsagung. … Arbeitsamkeit, Sparsamkeit und Geiz bilden daher seine Kardinaltugenden, viel verkaufen, wenig kaufen, die Summe seiner politischen Oekonomie.“ Beinahe jeder hat schon vom „Fetischcharakter der Ware“ im Kapitalismus gehört, aber der Fetischcharakter des Sparens – der wurde wohl bislang selbst von Marxisten unterschätzt. Begreift man den Fetisch als Ersatzbefriedigung für etwas anderes, in der Regel Sexuelles, dann liegt hier womöglich sogar eine der geheimen Antriebskräfte des deutschen „Exportwunders“ und unserer Haushaltssolidität verborgen. Seine Fleischeslust dem Goldfetisch opfern? Hierzu passen im Übrigen auch Erkenntnisse der modernen Hirnforschung, wonach dieselben Gehirnregionen sowohl bei sexueller Aktivität als auch bei der Geldvermehrung aktiviert werden. Nur mit dem Unterschied, dass letztere auch noch in fortgeschrittenem Alter funktioniert… Fazit: Die 8 Euro Eintrittsgeld für diese Ausstellung sind ein lohnendes Investment.

Sparen – Geschichte einer deutschen Tugend
23. März verlängert bis 4. November 2018
Eine Ausstellung des Deutschen Historischen Museums in Zusammenarbeit mit der Berliner Sparkasse
Eintritt: 8 Euro

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www.justament.de, 9.7.2018: Summer of ’88

Recht historisch Spezial: Vor 30 Jahren erlebte Justament-Autor Thomas Claer eine Art Initiation in Berlin

Der Verfasser mit 17 Jahren (1989), frisch angekommen im Westen.

Berlin kannte ich schon aus meiner Kindheit in den Siebzigern von gelegentlichen Besuchen bei dort lebenden Freunden meiner Eltern. Selbstverständlich war für uns nur der Ost-Teil der Stadt erreichbar. Dass es hinter dieser Beton-Mauer auch ein West-Berlin gab, das noch viel interessanter, bunter und aufregender sein musste als die ihrerseits auch schon sehr besondere DDR-Hauptstadt, ist mir wohl erst Jahre später bewusst geworden. Als Kind bedeutete Berlin für mich nur leckere Vanille-Milch in Tüten, die sonst nirgendwo in der DDR zu kriegen war, Fahrten in der S-Bahn und den gelben U-Bahn-Zügen, die seltsamerweise gar nicht unter, sondern weit über der Erde fuhren, ausgedehnte Einkäufe in der Schönhauser Allee und auf dem Alexanderplatz sowie umfangreiche Reparaturarbeiten, die mein handwerklich geschickter Vater in der Plattenbauwohnung unserer Freunde in Buch regelmäßig ausführte. Erst im Sommer 1988, im Alter von 16 Jahren, sollte ich den Osten Berlins auch noch von ganz anderen Seiten kennenlernen. Zu verdanken hatte ich dies vor allem Christel, einer guten Freundin meiner Mutter. Christel war Professorin für Biochemie an der Universität Greifswald, schon damals grauhaarig und alleinstehend und sehr wählerisch in jeder Hinsicht. Immer wenn sie etwas sagte, war sie erkennbar darum bemüht, für alles und jedes ganz unbedingt die beste und treffendste Formulierung zu finden, die sie dann mit einer überwältigen Rhetorik regelrecht zelebrierte. Sie bewohnte allein ein riesiges Haus in der Nähe der Stadt, das auf mich wie ein Palast wirkte. Schon die Architektur des Gebäudes (das wohl ein namhafter Architekt für sie konzipiert hatte) verriet einen ausgefallenen Geschmack. Die mehr als zehn großzügigen Räume waren jeweils in anderen Stilen eingerichtet. In ihnen befanden sich nur wenige Möbel, die aber dafür mal gediegen und antik, mal fein und modern waren. Darüber hinaus gab es dort dekorativ ausgestellte Krüge und Vasen, Skulpturen und Teppiche, Steine und Muscheln. Es sah großartig aus, und ich bewunderte Christels Anwesen entsprechend. Meine Mutter hingegen lästerte nach den Besuchen bei Christel, wie sie es gerne tat, dass sich ein solches Haus doch niemals sauber und in Ordnung halten lasse. Und sie habe in der Tat auch Staubflocken hinter einer Figur entdeckt. Tja, darauf konzentrierte sich meine Mutter. (Wenn sie wüsste, dass ich heute immer noch gerne mit kaputten Hosen und ungeputzten Schuhen auf die Straße gehe, würde sie sich im Grabe umdrehen.)

Christel jedenfalls war es, die mir im Sommer 1988, als ich gerade die zehnjährige DDR-Schule abgeschlossen und wegen unseres laufenden Ausreiseantrags (mein Vater war schon im Westen) kein Abitur machen durfte und mich notgedrungen für eine Kellnerlehre beim FDGB-Feriendienst angemeldet hatte, einen Vorschlag zur Gestaltung meiner Ferien machte: „Komm doch mit mir für eine Woche nach Berlin. Dort besuche ich zwei Freundinnen. Da kann ich dir die Stadt ein bisschen zeigen.“ Das klang für mich gut, und ich willigte gleich ein. Auch meine Mutter war wohl froh, dass mir auf diese Weise etwas Kultur vermittelt werden sollte. Christel hielt große Stücke von mir, seit ich mir von ihr immer wieder Bücher aus dem Westen, die für uns im Osten schwer erhältlich waren, ausgeliehen und diese regelrecht verschlungen hatte: Hoimar von Ditfurth, Gerd von Haßler, Erich von Dänicken, Konrad Lorenz… Sie mochte mich wohl auch irgendwie. Von ihr ließ ich mir auch gerne Vorträge über irgendwelche kulturellen Themen halten, die mich, wären mir meine Eltern damit gekommen, nicht die Bohne interessiert hätten. Zunächst aber verbot sie mir in jenem Sommer 1988, sie weiter „Tante Christel“ zu nennen, wie ich es bisher getan hatte. Alle Freunde meiner Eltern waren für mich damals Onkel und Tanten, so war das üblich in der DDR. Aber Christel, die schon mehrere Westreisen hinter sich hatte und überhaupt sehr westlich orientiert war, wollte auf keinen Fall „Tante“ genannt werden, was ich dann auch nicht mehr tat. Christel schimpfte eigentlich ständig auf den Osten und vergötterte den Westen. „Wir leben hier im Dreck!“, sagte sie manchmal. Und: „Im Westen sind die Menschen viel besser angezogen.“ Für alles, was mit Staat und Partei zu tun hatte, hatte sie nur Verachtung übrig. Offenbar hatte sie ihre Professur allein aufgrund fachlicher Kompetenz erlangt. Auch bei anderen Freunden meiner Eltern, fast allesamt Ärzte, stellte ich häufig eine sehr staatskritische Haltung fest. Doch es gab einen signifikanten Unterschied zwischen denen, die Kinder hatten und somit vom Staat erpressbar waren – diese waren oftmals sogar in der Partei, obwohl sie privat ganz anders redeten – und den Kinderlosen, die wie Christel kaum ein Blatt vor den Mund nahmen. Diese Gruppe traute sich das wohl auch, weil sie sich fachlich-beruflich für den Staat für unverzichtbar hielt. Doch offen rebelliert hat auch von ihnen niemand, soweit ich weiß. Hätte ich an ihrer Stelle aber wohl auch nicht unbedingt getan…

In Berlin fuhr Christel mit mir als erstes auf den Alexanderplatz, wo wir die Abendstimmung beobachteten. Ich sah viele junge Leute mit Skateboards, andere waren sehr szenig gekleidet, so punk- und gruftiemäßig. Für mich als Provinzling war bereits dieser Anblick sehr erregend. Wir fuhren weiter zur Wohnung von J. und U., Christels Freundinnen, bei denen wir uns einquartierten. Dass zwei Frauen zusammen in einer Lichtenberger Plattenbauwohnung lebten, fand ich schon bemerkenswert, so etwas hatte ich bisher noch nicht erlebt. Meine Eltern kannten solche Leute nicht. U. war Zahnärztin; was J. von Beruf war, habe ich vergessen. Sie waren beide etliche Jahre jünger als Christel, vielleicht Mitte oder Ende vierzig. Sie zeigten lebhaftes Interesse an mir, verwickelten mich oftmals in ausufernde Gespräche und Diskussionen. Dabei sahen sie mich immer wieder aufmerksam von allen Seiten an und lächelten sich dabei gegenseitig zu. Mir gefiel auch die Einrichtung ihrer Wohnung. In ihrer Küche duftete es nach mir unbekannten Gewürzen. In der Nacht teilte ich mir mit Christel das Gästezimmer. Sie hatte mich vorgewarnt, aber ihr Schnarchen war dann doch ziemlich laut.

In den folgenden Tagen klapperte Christel mit mir die Museen ab: Pergamonaltar und so weiter. Auch in verschiedenen Gemäldegalerien waren wir. Und weil Christel alles so gut erklärte, blieb sogar das eine oder andere bei mir hängen. Zum Beispiel erläuterte sie mir, warum sie die Aktmalerei ganz besonders schätzte. Überhaupt der menschliche Körper…. Die Spuren der Zeit im Gesicht und auch überall sonst, die Vergänglichkeit… Ich hörte schweigend zu und traute mich nicht zu sagen, dass ich ebenfalls die Darstellung weiblicher Akte außerordentlich schätzte. Sie meinte dann, in meinem Alter könne man das in seiner Tiefe wohl noch nicht begreifen… Später standen wir vor dem abgesperrten Brandenburger Tor und sahen im Westen die Ruine des Reichtags. Christel raunte mir zu, bloß nichts Falsches zu sagen, hier werde alles abgehört. In einer Buchhandlung kaufte ich mir eine Ausgabe der „Rechtsphilosophischen Schriften“ von Immanuel Kant. Ich hätte nie geglaubt, dass so etwas frei in der DDR verkauft werden würde, aber in Berlin war es zu haben. Einzelne Passagen darin über die Despotie lasen sich wie eine wirklichkeitsgetreue Beschreibung der Verhältnisse in unserem Land. Aus dieser Ausgabe habe ich dann mehr als zehn Jahre später in meiner Doktorarbeit ausführlich zitiert.

Auf meinen besonderen Wunsch hin erklärte sich Christel schließlich sogar bereit, mit mir am letzten Tag unseres Berlin-Aufenthalts noch ein Fußball-Spiel zu besuchen: Der BFC Dynamo spielte gegen den Halleschen FC Chemie. Es war wohl der erste Stadion-Besuch ihres Lebens. Und da es der erste Spieltag der neuen Saison war, wurde im Jahn-Sportpark im Prenzlauer Berg, nur wenige Meter entfernt von der Staatsgrenze zum Wedding, vor dem Anpfiff nach einer langweilig-hölzernen Propagandarede irgendeines Funktionärs die DDR-Nationalhymne gespielt. Alle Zuschauer erhoben sich von den Plätzen. Christel zischte mir mit abfällig verzerrtem Gesicht zu, dass wir auch aufstehen müssten. Doch die Fans aus Halle machten nicht mit. Vorher hatten sie noch gestanden und gesungen, nun bei der Nationalhymne setzten sie sich demonstrativ hin. Später stimmten sie sogar noch Hohn- und Spottgesänge gegen die Nationalhymne an. Und während des Spiels riefen sie, sobald es einen Freistoß gab und sich die Abwehrmauer positionierte, in wunderbarer Doppeldeutigkeit immer wieder: „Die Mauer muss weg!“ Mir gefiel das sehr, was die sich trauten, und auch Christel, die sehr genau die bunten Fahnen und Gesänge der Fans beobachtete, schien Gefallen daran zu finden. Da wir auch noch ein abwechslungsreiches Spiel erlebten, das 2:2 endete, gingen wir frohgemut aus dem Stadion.

Damals, vor dreißig Jahren, hätte ich nie gedacht, dass ich später einmal in Berlin leben und schon überhaupt nicht, was ich dieser Stadt eines Tages alles zu verdanken haben würde. Doch diese Woche im Sommer 1988 war schon ein kleiner Vorgeschmack auf all das, was noch kommen sollte. Christel ist vor ein paar Jahren gestorben, noch vor meinen Eltern. Verheiratete leben länger. Sie wurde unter einem Baum auf der Insel Rügen bestattet. Spirituell-esoterisches Naturbegräbnis. So hatte sie es sich ausgesucht.

www.justament.de, 28.5.2018: Schmutzige alte Liebe

Recht historisch Spezial: Justament-Autor Thomas Claer über seine wilden Nullerjahre im Berliner Wedding vor der Gentrifizierung

Wedding, 2005

Es war Sommer 2002. Wir standen gewissermaßen vor dem Nichts. Meine Promotion hatte ich abgegeben und wartete nur noch auf die mündliche Prüfung, die dann schließlich erst acht Monate später endlich stattfinden sollte. Das Stipendium, das ich durch glückliche Umstände nach dem Referendariat zur Fertigstellung meiner Dissertation bekommen hatte, war ausgelaufen. Meine Frau war auch gerade mit ihrem Studium fertiggeworden. Nichts hielt uns mehr in Bielefeld, der vielleicht nicht in jeder Hinsicht schönen, aber zum Studieren doch sehr praktischen Stadt am Teutoburger Wald, wo wir uns sieben Jahre zuvor kennengelernt hatten. Während ich hinsichtlich unseres weiteren Lebensweges noch sehr unentschlossen war und mir angesichts meiner schwachen Examensnoten große Sorgen über unsere Zukunft machte, wusste meine Frau bereits genau, was sie wollte: Weg aus Bielefeld! In eine möglichst große Stadt ziehen!! Und, wenn es irgendwie geht, nach Berlin!!! Dort waren wir bereits 1996 auf einem von unserer Uni organisierten Ausflug gewesen. Die Stadt hatte uns sofort gepackt. Und dann hatte ich auch noch alle diese Bücher gelesen, die in Berlin spielten und ein abenteuerliches Leben an der Spree versprachen: „Paarungen“ von Peter Schneider, „Sommerhaus, später“ von Judith Herrmann und „Herr Lehmann“ von Sven Regener. Dennoch konnte ich mir lange Zeit nicht vorstellen, wirklich dort zu leben. Beinahe alle rieten uns ab. „Da gibt es doch keine Jobs“, meinten meine Kommilitonen. „Ihr werdet dort untergehen!“, warnten meine Verwandten. Meine Eltern fanden schon die Idee unmöglich. „Man geht dorthin, wo man Arbeit findet. Und man kann auch sehr gut in kleineren Orten leben“, belehrte uns meine Mutter. Und doch hörten wir damals von so einigen, die nach Berlin zogen. Das waren aber alles keine Juristen, sondern Geistes- und Sozialwissenschaftler und ein Architekt. Ich hatte fünfzig und später über hundert Bewerbungen geschrieben, überall hin. Ich bekam nur eine einzige Einladung zu einem Bewerbungsgespräch für ein Praktikum in einem winzig kleinen Verlag – aber der war in Berlin! Und ich wurde prompt genommen, für ein halbes Jahr, das später noch einmal um weitere sechs Monate verlängert wurde.

Mehr hatten wir nicht in Aussicht, als wir im Sommer 2002 nach Berlin aufbrachen. Es war klar, dass die kümmerliche Praktikantenentlohnung für uns niemals zum Leben ausreichen würde. Und meine Frau hatte mit ihrem Literatur-Abschluss ebenso schlechte Karten auf dem Arbeitsmarkt wie ich. Aber es gab ja noch meine Eltern, die uns jeden Monat mit ein paar hundert Euro bezuschussten, uns aber gleichzeitig mit dem ständigen Vorwurf im Nacken saßen, doch nun aber wirklich bald einmal für uns selbst zu sorgen, schließlich waren wir schon über dreißig. In welchen Berliner Stadtbezirk sollten wir also unter diesen Voraussetzungen ziehen? Natürlich dorthin, wo die Mieten am billigsten und dennoch die Wege zur Praktikumsstelle kurz waren. So landeten wir also im sprichwörtlich roten Wedding, dem damaligen Problembezirk, wo wir einen regelrechten Kulturschock erlebten.

Schon früher hatten uns Bekannte, die Berlin besucht hatten, darüber berichtet, dass es dort so „schmutzig“ sei. Ich konnte mir zunächst nichts darunter vorstellen. Wie kann eine Stadt schmutzig sein?, fragte ich mich. Da muss es doch eine Stadtreinigung geben wie woanders auch, dachte ich in meiner naiven Ahnungslosigkeit. Niemals hätte ich geglaubt, dass gar nicht so wenige Menschen dort gewohnheitsmäßig ihren Müll nicht in den Abfalleimer, sondern aus dem Fenster auf die Straße werfen würden. Noch weniger vorstellbar war für mich, dass Leute einfach mal so ins Treppenhaus pinkeln könnten. Und sich überall in den Straßen und Treppenhäusern wild entsorgter Sperrmüll stapelte. Und dass man auf den Gehwegen ständig in Hundekacke trat, auch das war für uns zunächst gewöhnungsbedürftig. In anderen Orten sind Menschen auf der Straße, um sich von hier nach dort zu bewegen. In Berlin-Wedding dagegen hingen damals sehr viele Menschen offenbar einfach nur so auf der Straße rum, ohne einer irgendwie zielgerichteten Tätigkeit nachzugehen. Na gut, manche von ihnen dealten wohl mit Drogen. Und noch viel unangenehmer konnte es werden, wenn man es mit einer der Jugendbanden zu tun bekam, die hier ihr Unwesen trieben. Dennoch fühlten wir uns nicht besonders unsicher. Wer sich um die anderen nicht kümmerte, dem passierte auch in aller Regel nichts. Es war nur alles am Anfang reichlich ungewohnt.

Wedding, 2004

Schon am ersten Tag nach dem Einzug in unsere neue Wohnung, eine schöne Altbauwohnung aus den 1920er Jahren mit Holzdielenboden und hohen Decken, wollte mir vor dem nahe gelegenen Gesundbrunnen-Center jemand auf offener Straße Munition für Schusswaffen verkaufen. Auf dem Weg zwischen dem Bahnhof Gesundbrunnen und unserer Wohnung kamen wir in der Jülicher Straße an einer Art riesiger Mondlandschaft vorbei, oder sollte man lieber Trümmerwüste dazu sagen? Gewaltige unförmige Betonblöcke ragten aus der Erde, aus denen schwarze und metallene Drähte hervortraten. Zwischen ihnen taten sich tiefe Abgründe auf. Gesichert war diese gewaltige Bauruine durch einen ständig defekten Bauzaun, der nicht verhindern konnte, dass dort fortwährend Müll abgeladen wurde. Am Rande dieser vermüllten Betonlandschaft standen die kümmerlichen Reste einer alten Villa, die wohl einstmals sehr prächtig gewesen sein musste. Im Internet recherchierte ich, dass hier in den Neunzigerjahren während der Nachwende-Euphorie ein großes Sportzentrum errichtet werden sollte, aber der Investor bereits nach den ersten Bauetappen Pleite ging. Seitdem blieb die Bauruine sich selbst überlassen, da ein neuer Investor wohl zunächst für die Beseitigung der Hinterlassenschaften des Vorgängers hätte sorgen müssen, wozu aber niemand bereit war. Die alte verfallene Villa war die frühere Geschäftsstelle des Fußballclubs Hertha BSC gewesen, der gegenüber an der Behmstraße bis in die Siebzigerjahre noch sein altes Stadion am Gesundbrunnen hatte, bevor dieses neu errichteten Hochhäusern weichen musste. Der regelmäßige Anblick der Betonwüste, dieses Schandflecks unserer Wohngegend, hatte eine besonders deprimierende Wirkung auf uns, stand er doch symbolisch für die Hoffnungslosigkeit, dass es mit den problembeladenen Berliner Innenstadtbezirken jemals wieder etwas werden würde.

Manchmal kam ich mit einem alten Mann ins Gespräch, der ein paar Aufgänge weiter in unserem Haus immer aus seiner Erdgeschosswohnung aus dem Fenster auf die Straße blickte. Als ich eines Morgens mit meiner Tasche zu meiner Praktikumsstelle aufbrach, fragte er mich, wohin ich denn ginge. Als ich antwortete „Zur Arbeit“, kommentierte er das mit den Worten: “Arbeiten?! Du bist verrückt!“ Wir hatten schon gemerkt, dass ein großer Teil der Bewohner unserer Gegend, wenn nicht sogar die Mehrheit, von staatlichen Transferleistungen lebte.

Durch unseren Wohnsitz im Wedding waren wir in bestimmten Kreisen von Anfang an unten durch. Eine Freundin meiner Frau, die schon einige Zeit in Berlin (allerdings im vornehmen Wilmersdorf) gelebt und uns beim Umzug geholfen hatte, erklärte uns im Anschluss daran, dass sie diese unmögliche Gegend nur ganz ausnahmsweise und nur dieses eine Mal für uns betreten habe und dies ganz bestimmt nie wieder tun werde. Unsere Einladung zur Einweihungsparty schlug sie aus diesem Grunde aus. Wenn ich irgendjemandem erzählte, dass wir im Wedding wohnen, dann erntete ich mitleidige Blicke. Manche murmelten ein „Oh je“. Eine Kollegin aus dem Verlag, die aus Baden-Württemberg stammte, erzählte in der Mittags-Runde, sie sei mal im Gesundbrunnen-Center gewesen. Dort sei es aber „ganz, ganz schlimm“ gewesen, eine „ganz furchtbare Ecke von Berlin“ sei das. Wahrscheinlich meinte sie die vielen ärmlich gekleideten, zumeist südländisch aussehenden Menschen und die vielen Frauen mit Kopftüchern.

Wedding, 2004

Dabei hatte das Leben im Wedding auch seine angenehmen Seiten. In der sehr lebendigen Bad-Straße gab es spottbillige und dabei ausgezeichnete Imbiss-Läden. Wir aßen köstliche türkische Gözleme für einen Euro (mitunter auch ganze Döner Kebabs zu diesem Preis) und große Asia-Pfannen für 2,10 Euro, von denen wir beide satt wurden. Und wenn man ein paar hundert Meter weiter in Richtung Osten lief, war man in einer völlig anderen Welt: im schon damals sehr angesagten Prenzlauer Berg. Immer wieder unternahmen wir ausgedehnte Spaziergänge ins Skandinavische Viertel und in den Mauerpark, zogen durch die Kneipen in der Kastanien-Allee und die Oderberger Straße. Aber auch in unserem unmittelbaren Umfeld im Wedding gab es schon erste Anzeichen eines Wandels. Mehrere Künstler hatten sich unter dem Namen „Kolonie Wedding“ in der Prinzenallee niedergelassen. In einem kleinen Kellerraum-Club namens „Holz & Farbe“, der aber leider nach ein paar Jahren schon wieder verschwunden war, gab es regelmäßig Konzerte mit unbekannten Bands. Wir erlebten dort zum Beispiel einen unglaublichen Auftritt der englischen Band „Florida“. Der Eintrittspreis lag bei zwei Euro. Zwischendurch ging noch jemand mit seinem Hut herum, um weiteres Geld für die Bandmitglieder zu sammeln. Ich kaufte mir eine CD von „Florida“ mit dieser ganz wunderbaren elektronischen Musik. Doch leider kann man sie heute nicht mehr abspielen, noch lässt sich irgendwelche Musik dieser großartigen Band im Internet finden… Ich vertrat damals die Meinung, dass der Wedding eine große Zukunft vor sich habe. Wenn ich das sagte, meinten aber alle anderen, das werde doch schon seit dem Mauerfall herbeigeredet, und es habe sich im Grunde nie etwas geändert. Es sei alles nur noch schlimmer geworden. Mit dem Wedding werde es nie etwas, das war die einhellige Meinung.

Nach ein oder zwei Jahren gab ich es auf, noch weitere Bewerbungen zu schreiben. Ich hatte gemerkt, dass ich auch mit Promotion beruflich nichts Großartiges reißen konnte. Wir waren in Berlin angekommen und entschlossen, hier zu bleiben. Nach und nach hatten wir uns als kleine Freiberufler vielfältige berufliche Standbeine organisiert. Eine feste Anstellung strebten wir ausdrücklich nicht mehr an. Drei Jahre lang bezog ich sogar noch einen sogenannten Existenzgründerzuschuss als freier Journalist. Klar, auch solches Glück gehört dazu. Als dieser Zuschuss Ende 2006 auslief, war es für uns aber eine grundsätzliche strategische Frage, uns Wohneigentum anzuschaffen, um angesichts unseres unsicheren beruflichen Status nicht länger durch monatliche Mietzahlungen belastet zu werden, auch wenn sie relativ noch so günstig waren. Es hätte uns ja auch einmal was passieren können, Unfälle oder Krankheiten. Da musste man natürlich vorsorgen. Die Ich-AG-Zuschüsse der letzten drei Jahre hatten wir komplett auf die hohe Kante gelegt. Unser Aktien-Depot hatte sich nach damaligen Maßstäben sensationell entwickelt und war reif für Gewinnmitnahmen. Und schon während des Studiums hatte ich ja ohnehin immer jede Menge Geld zur Seite gelegt, da ich im Studenten-Wohnheim nur Geringst-Mieten gezahlt und auch sonst fast kein Geld ausgegeben hatte. Als dann noch meine Eltern, die uns trotz aller Bemühungen nicht von unserem Entschluss, langfristig in Berlin zu bleiben, abbringen konnten, zähneknirschend einen Zuschuss zum Kauf einer Eigentumswohnung in Aussicht stellten, gingen wir auf Immobilienjagd. Ich wollte am liebsten im Wedding bleiben. Und das, obwohl alle Experten davon abrieten. In einer Gerichts-Geschäftsstelle kam ich beim Lesen von Zwangsversteigerungs-Gutachten mit einer freien Immobilien-Beraterin ins Gespräch. Anschließend erklärte sie mir, dass nun eigentlich für mich eine Beratungsgebühr von 400 Euro fällig wäre, aber sie würde mal ausnahmsweise davon absehen und gab mir ihre Visitenkarte. Diese Dame um die vierzig hatte ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein. Auf meine Frage, ob Wedding und insbesondere Gesundbrunnen nicht angesichts der zentralen Lage, der teilweise ansprechenden Bausubstanz und der fantastischen Verkehrsanbindung ganz aussichtsreiche Standorte für Immobilien-Investments wären, zumal dort seinerzeit Spottpreise von zum Teil weit unter 1.000 Euro pro Quadratmeter bezahlt wurden, winkte sie ab. Solche Gegenden, das wisse sie ganz genau, würden niemals besser werden. Sie empfehle solche Lagen, die früher sehr gut waren, inzwischen etwas aus der Mode gekommen seien, aber in der Zukunft bestimmt wieder sehr gut werden würden. Konkret pries sie mir Charlottenburg an, aber das richtig gute, z.B. in der Kantstraße…

Prenzlauer Berg, 2005

Immerhin mit dem zweiten Teil ihrer Analyse sollte sie Recht behalten. Was allerdings kein so großes Kunststück war, da seitdem ausnahmslos alle Lagen von Berlin steil im Wert gestiegen sind. Ich muss zugeben, dass ich schon seit unserer Ankunft in Berlin die Immobilienseiten sondiert und ungläubig feststellt hatte, dass wir mit unseren damaligen kleinen Ersparnissen gar nicht mehr weit entfernt von den Kaufpreisen für eine 3-Zimmer-Eigentumswohnung im Wedding waren. Manchmal wurden 70 qm-Wohnungen schon für 40.000 Euro angeboten. Das waren dann aber auch die schlimmsten Ecken vom Wedding, in denen Gewalt und Kriminalität herrschten. Leider wollte meine Frau keine Wohnung im Wedding kaufen. Sie war es leid, sich jahrelang solche Sprüche über ihre Wohnadresse anhören zu müssen. Auch Neukölln, das ich alternativ ins Spiel brachte, lehnte sie aus dem gleichen Grunde ab. Sie wollte am liebsten nach Prenzlauer Berg, aber das dortige Preisniveau kam für uns eigentlich nicht in Frage. Dennoch waren wir an einer Wohnung nahe dem S- und U-Bahnhof Schönhauser Allee in der Dänenstraße dran. Erdgeschoss, 3 Zimmer, 73 qm, ohne Balkon. Sie sollte weniger als die Hälfte der Wohnungen in den oberen Etagen kosten, die ebenfalls zu haben waren. Ich glaube, es waren 79.000 Euro, das Angebot war ohne Maklerprovision. Bei der Besichtigung stieg uns allerdings von überall her ein markanter Schimmelgeruch in die Nase. Und Schimmel in den Wänden kriegt man bekanntlich nicht so leicht weg. Letztlich entschieden wir uns also gegen diese Wohnung und kauften im ärmlichen Charlottenburger Norden eine Wohnung am Schlosspark. Es ist nicht so, dass wir dies jemals bereut hätten, denn die Preise dort haben sich seitdem vervierfacht. Aber manchmal trauere ich dann doch noch dem Wedding hinterher, der immobilientechnisch bis heute meine verhinderte alte Liebe geblieben ist. Hier hätte sogar eine Verfünf- bis Versechsfachung des eingesetzten Kapitals gewunken (und vom nördlichen Neukölln wollen wir gar nicht erst reden). Manchmal muss man einfach nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Und was alle anderen einem so raten, muss deshalb noch lange nicht richtig sein.

Neulich unternahmen wir aus Nostalgie und alter Verbundenheit nach längerer Zeit wieder einen Spaziergang durch unsere alte Wohngegend. Wir erkannten sie kaum wieder. Wo sich früher die riesige vermüllte Bauruine befand, stehen jetzt mehrere exklusive Studentenwohnheime. Die einst verfallene frühere Hertha-Villa ist jetzt ein gefragtes Motel. In der Umgebung wimmelt es von trendigen Cafés und Spätkaufs. Auf der Straße sieht man vornehmlich junge Leute, offensichtlich Studenten, und deutlich weniger Frauen mit Kopftüchern. Dringt man aber etwas tiefer in den Wedding ein, ist das Bild gemischt. In der früher schäbigen und vermüllten Prinzenallee befinden sich schicke Restaurants und Künstler-Ateliers. Doch in manchen Nebenstraßen sieht es nicht viel besser aus als früher. In der Koloniestraße etwa stapelt sich der Müll eher noch schlimmer als seinerzeit, und die Menschen auf der Straße wirken unverändert ärmlich und kriminell. Der eigentlich idyllische Spazierweg am Flüsschen Panke ist ebenfalls mit Müllbergen und umgeworfenen Einkaufswagen verunstaltet. Noch immer besteht ein scharfer Kontrast zum inzwischen sehr gepflegt wirkenden Prenzlauer Berg, wo wir den Abend ausklingen ließen.

Dennoch gilt der Wedding mittlerweile längst nicht mehr als schlechte Adresse, sondern zählt zu jenen inzwischen sündhaft teuren Innenstadtlagen, in denen wegen ihrer Problembezirks-Historie noch manchmal ein kleiner Preisnachlass gegenüber den anderen Gebieten drin ist. Fünf Jahre haben wir im roten Wedding gelebt, nicht einmal halb so lange wie bis heute in Charlottenburg, doch diese frühen Jahre in Berlin, in denen wir damals die Weichen gestellt haben für alles, was später noch kommen sollte, werden mir für immer unvergesslich bleiben. (Fotos: TC)

www.justament.de, 16.4.2018: Wie geht es weiter?

Der aktuelle Berliner Wohnmarktreport lässt die entscheidende Frage offen

Thomas Claer

Wohnhaus in Berlin-Marzahn (Foto: TC)

Schon seit fast einem Jahrzehnt geht es aufwärts mit den Berliner Mieten und Immobilienpreisen. Wie ein Märchen aus längst vergangener Zeit wirkt es da, wenn noch manchmal erzählt wird, wie es früher so war in Berlin, damals in den Nullerjahren, als die Stadt noch „arm, aber sexy“ war. In gewissen Kreisen wurde man da streng nach seinem Wohnbezirk beurteilt: Moabit? Voll assi. Wedding? Das ging ja gar nicht. Und erst Neukölln: Oh mein Gott, wie uncool. Da konnte man ja gleich in die bürgerlichen Spießer-Gegenden am Stadtrand ziehen. Oder noch schlimmer: in die Plattenbau-Wüsten in Marzahn oder Hellersdorf. Es gab eigentlich jede Menge unmögliche Gegenden, wo man seinerzeit auf gar keinen Fall wohnen durfte. Neutral waren vielleicht noch Schöneberg oder Charlottenburg. Aber so richtig angesagt, das waren eigentlich nur Prenzlauer Berg, Friedrichshain, Mitte und Teile von Kreuzberg. Dort pulsierte das Leben. Wenn man heute an jene Zeiten erinnert, in der die Wohnungssuche kein Problem und der Distinktionsgewinn alles war, dann wird man mittlerweile angeguckt, wie früher Opa, wenn er aus den Schützengräben und von der Ostfront erzählte. Wer heute eine bezahlbare 1-Zimmer-Mietwohnung in Marzahn, Spandau oder, sagen wir, Alt-Mariendorf gefunden hat, kann sich mehr als glücklich schätzen – und niemand reißt mehr dumme Sprüche über ihn. Die früheren sozialen Brennpunkte in Wedding und Nord-Neukölln sind längst zu heiß begehrten und sündhaft teuren City-Lagen mutiert. So liest sich denn auch der aktuelle Berliner Wohnmarktreport, der die Entwicklung der Angebotsmieten bis Ende 2017 abbildet, wie ein Stück lokale Wirtschafts- und Sozialgeschichte, besonders wenn man sich die Entwicklung der letzten neun Jahre ansieht (siehe Grafik). So zahlt man heute als Mieter im Norden von Neukölln schon bald das Zweieinhalbfache der Angebotsmieten von 2008, im Wedding beinahe das Doppelte!

Nein, die alten Zeiten, die doch eigentlich noch gar nicht so lange her sind, werden wohl nicht mehr wieder zurückkommen. Wer heut kein Haus hat, um es mit Rilke zu sagen, kauft sich keines mehr, jedenfalls nicht in Berlin, wo die Kaufpreise für bezugsfreie Immobilien in den letzten Jahren noch weitaus stärker explodiert sind als die Mieten. Oder sollte man es vielleicht doch noch wagen? Das fragen sich zumindest alle, die bisher noch nicht zum Zuge gekommen sind, und die sich nun überlegen, ob sie lieber schnell zugreifen, bevor es noch teurer wird, oder nicht doch besser noch das Platzen der aktuellen Blase abwarten sollten. Fragt man die Experten, so geben sie hierauf Antworten, wie sie entgegengesetzter kaum sein könnten: Das Meinungsspektrum reicht von „bis zu 35 Prozent Überbewertung“ bis zu „noch reichlich Luft nach oben“. So bleibt am Ende nur die Erkenntnis: Hinterher ist man klüger. Aber erst dann.

Wohnkosten in Berliner Bezirken (Angebotskaltmiete pro qm) gem. Wohnmarktreport 2017 (2008) nach Alt-Bezirken

1. Mitte (Alt) 14,43 (9,54) +51,3% alternativ/repräsentativ
2. Prenzlauer Berg 11,84 (7,32) +61,7% alternativ/neubürgerlich
3. Friedrichshain 11,83 (6,60) +79,2% alternativ/lebendig
4. Kreuzberg 11,73 (6,37) +68,6% alternativ/lebendig
5. Wilmersdorf 11,50 (8,06) +42,7% großbürgerlich/bürgerlich
6. Tiergarten 11,39 (6,33) +79,9% gemischt/lebendig
7. Charlottenburg 11,03 (7,24) +52,3% großbürgerlich/lebendig
8. Schöneberg 10,85 (7,24) +49,9% bürgerlich/lebendig
9. Zehlendorf 10,60 (7,94) +33,5% großbürgerlich/bürgerlich
10. Wedding 10,05 (5,26) +91,1% proletarisch/neualternativ
11. Neukölln 9,92 (5,23) +89,7% neualternativ/proletarisch
12. Pankow 9,48 (6,28) +51,0% bürgerlich/lebendig
13. Steglitz 9,48 (6,45) +47,0% bürgerlich/kleinbürgerlich
14. Treptow 9,39 (5,53) +69,8% proletarisch/lebendig
15. Lichtenberg 9,33 (5,50) +56,5% proletarisch/kleinbürgerl.
16. Weißensee 8,96 (5,50) +62,9% bürgerlich
17. Köpenick 8,77 (6,14) +42,8% bürgerlich/proletarisch
18. Tempelhof 8,71 (5,82) +49,7% kleinbürgerlich/bürgerlich
19. Reinickendorf 8,47 (5,76) +47,0% kleinbürgerlich/bürgerlich
20. Hohenschönhausen 8,46 (5,96) +41,9% proletarisch/gemischt
21. Spandau 7,96 (5,43) +46,6% kleinbürgerlich/lebendig
22. Hellersdorf 7,70 (5,30) +35,9% proletarisch/gemischt
23. Marzahn 7,22 (4,85) +48,9% proletarisch/gemischt

Top 30 der Postleitzahlbezirke nach Höhe der Angebotskaltmiete pro qm 2017 (2008)

1. 10115 Chausseestraße (Mitte) 15,00 (8,40) +78,6%
2. 10117 Unter den Linden (Mitte) 14,98 (12,60) +18,9%
3. 10785 Potsdamer Platz / Lützowstr. (Tiergarten) 14,50 (7,80) +85,9%
4. 10179 Jannowitzbrücke (Mitte) 14,18 (7,40) +91,6%
5. 10119 Rosenthaler Platz (Mitte) 14,00 (9,00) +55,6%
6. 10178 Hackescher Markt/ Alexanderplatz (Mitte) 14,00 (10,30) +35,9%
7. 10623 Savignyplatz (Charlottenburg) 12,95 (9,00) +43,9%
8. 10963 Kreuzberg-West / Möckernbrücke (Kreuzberg) 12,94 (6,70) +93,1%
9. 10777 Viktoria-Luise-Platz (Schöneberg) 12,87 (7,60) +69,3%
10. 14193 Grunewald (Wilmersdorf) 12,71 (10,60) +19,9%
11. 10435 Kollwitzplatz (Prenzlauer Berg) 12,67 (8,60 ) +47,3%
12. 10405 Prenzlauer Allee (Prenzlauer Berg) 12,51 (7,80) +60,4%
13. 10707 Olivaer Platz / Kurfürstendamm (Wilmersdorf) 12,50 (8,40) +48,8%
14. 10719 Ludwigkirchplatz/ Kurfürstendamm (Wilmersdorf) 12,50 (9,70) +28,8 %
15. 10245 Ostkreuz / Boxhagener Platz (Friedrichshain) 12,48 (6,80) +83,5%
16. 14195 Dahlem (Zehlendorf) 12,40 (9,40) +31,9%
17. 10437 Helmholtzplatz (Prenzlauer Berg) 12,25 (7,70) +59,1%
18. 12055 Richardplatz (Neukölln) 12,22 (5,00) +144,4%
19. 10627 Westliche Kantstr./ Bismarckstr. (Charlottenburg) 12,04 (6,60) +82,4%
20. 10629 Sybelstraße/ Kurfürstendamm (Charlottenburg) 12,03 (9,00) +33,7%
21. 10711 Halensee (Wilmersdorf) 12,02 (7,70) +56,1%
22.10967 Graefestraße (Kreuzberg) 12,00 (6,30) +90,5%
23. 10247 Samariterstraße (Friedrichshain) 12,00 (6,40) +87,5%
24. 10961 Gneisenaustraße (Kreuzberg) 12,00 (6,80) +76,5%
25. 14057 Lietzensee (Charlottenburg) 12,00 (7,60) +57,9%
26. 10439 Arnimplatz (Prenzlauer Berg) 11,99 (6,50) +84,5%
27. 10787 Bahnhof Zoo/ Kurfürstenstraße (Tiergarten) 11,94 (8,30) +43,9%
28. 12045 Sonnenallee Nord (Neukölln) 11,88 (5,20) +128,5%
29. 10789 Tauentzienstr. / Kurfürstendamm (Wilmersdorf) 11,88 (9,10) +30,5%
30. 10625 Karl-August-Platz / Wilmersdorfer Str. (Charlottenburg) 11,81 (7,50) +57,5%

Gebiete mit dem stärksten Anstieg der Angebotskaltmieten im Neunjahreszeitraum

1. 12055 Richardplatz (Neukölln) 12,22 (5,00) +144,4%
2. 12053 Rollbergstraße (Neukölln) 11,64 (4,90) +137,6%
3. 12049 Hermannstraße West /Reuterkiez (Neukölln) 11,70 (5,10) +129,4%
4. 12045 Sonnenallee Nord (Neukölln) 11,88 (5,20) +128,5%
5. 12051 Hermannstraße Süd (Neukölln) 11,22 (5,00) +124,4%
6. 12043 Rathaus Neukölln (Neukölln) 11,10 (5,00) +122,0%
7. 12059 Weigandufer (Neukölln) 10,92 (5,00) +118,4%
8. 13355 Humboldthain/ Brunnenviertel (Wedding) 10,92 (5,00) +118,4%
9. 12047 Maybachufer („Kreuzkölln“) (Neukölln) 11,72 (5,50) +113,1%
10. 13347 Nauener Platz (Wedding) 10,50 (5,10) +105,9%
11. 10553 Beusselstraße (Moabit/Tiergarten) 10,21 (5,10) +100,2%
12. 13359 Soldiner Straße (Wedding) 9,41 (4,70) +100,2%
13. 13351 Rehberge (Wedding) 10,00 (5,00) +100,0%
14. 13351 Rehberge (Wedding) 10,00 (5,00) +100,0%
15. 10551 Birkenstraße (Moabit/Tiergarten) 10,75 (5,40) +99,1%
16. 13357 Gesundbrunnen (Wedding) 10,03 (5,10) +96,7%
17. 10963 Kreuzberg-West / Möckernbrücke (Kreuzberg) 12,94 (6,70) +93,1%
18. 10179 Jannowitzbrücke (Mitte) 14,18 (7,40) +91,6%
19. 10967 Graefestraße (Kreuzberg) 12,00 (6,30) +90,5%
20. 12439 Niederschöneweide (Treptow) 9,70 (5,10) +90,2%
21. 12526 Bohnsdorf (Treptow) 10,00 (5,30) +88,7%
22. 10999 Görlitzer Park (Kreuzberg) 11,69 (6,20) +88,5 %
23. 10247 Samariterstraße (Friedrichshain) 12,00 (6,40) +87,5%
24. 10559 Stephanstraße (Moabit/Tiergarten) 9,91 (5,30) +87,0%
25. 12347 Britz-West (Neukölln) 8,53 (5,10) +86,9%
26. 10827 Crellestraße/Kleistpark (Schöneberg) 11,00 (5,90) +86,4%
27. 10315 Friedrichsfelde-Nord (Lichtenberg) 9,50 (5,10) +86,3%
28. 10785 Potsdamer Platz/ Lützowstr. (Tiergarten) 14,50 (7,80) +85,9%
29. 10555 Alt-Moabit-West (Tiergarten) 10,96 (5,90) +85,8%
30. 10439 Arnimplatz (Prenzlauer Berg) 11,99 (6,50) +84,5%
31. 12057 Sonnenallee Süd/ Grenzallee (Neukölln) 9,22 (5,00) +84,4%
32. 10367 Am Stadtpark (Frankfurter Allee/Lichtenberg) 9,92 (5,40) +83,7%
33. 10245 Ostkreuz Boxhagener Platz (Friedrichshain) 12,48 (6,80) +83,5%
34. 10969 Prinzenstraße (Kreuzberg) 11,00 (6,00) +83,3%
35. 10997 Wrangelstraße / Paul-Lincke-Ufer (Kreuzberg) 11,50 (6,30) +82,5%

Quelle: Wohnmarktreport Berlin (Berlin Hyp & CBRE) / eigene Berechnungen

www.justament.de, 13.2.2017: Der rote Wedding marschiert…

… und in Nord-Neukölln ist es schon teurer als in Wilmersdorf! Der neue Wohnmarktreport Berlin hat es wieder mal in sich

Thomas Claer

weddingSeit Jahren gibt es in der Hauptstadt kein beliebteres Thema als Gespräche über Wohnungen. Allerdings nervt es laut Tagesspiegel langsam schon, „wenn jeder Kneipenabend mit Immobilienblabla endet“.

Aber die harten Fakten wollen dann doch wieder alle ganz genau wissen. Nun ist er also erschienen, der auch in diesem Jahr mit Spannung erwartete Wohnmarktreport Berlin 2017 mit den aktuellen Angebotsmieten aller 192 Postleitzahlbezirke. Was hat er uns diesmal zu sagen? Während in den letzten Jahren noch alle Trends intakt waren, zeigt sich nunmehr ein gemischtes Bild. Die früheren Problembezirke Wedding und insbesondere Nord-Neukölln jedenfalls marschieren in der Miethöhe weiter von Rekord zu Rekord und nehmen Kurs aufs obere Drittel. Dagegen lässt sich im seit langem etablierten Szenekiez Kreuzberg eine deutliche Abschwächung feststellen. Die Partymeile Friedrichshain wiederum zieht mit Karacho an Kreuzberg und Prenzlauer Berg vorbei und liegt nun schon gleich hinter Mitte auf Platz zwei. Insgesamt gesehen boomen die östlichen Innenstadtbezirke mehr als die westlichen. Auch die zentraleren Lagen von Lichtenberg werden immer teurer, während Charlottenburg und Wilmersdorf auf hohem Niveau stagnieren, in Schöneberg geht es sogar etwas abwärts. Doch wer gedacht hat, das gut situierte südwestliche Zehlendorf (wo es  vor nur einem Jahrzehnt noch mit am teuersten war) werde immer weiter abgehängt, sieht sich mittlerweile eines Besseren belehrt. Der „reiche Arschlochbezirk“ (wie er in einem bekannten Film genannt wurde) macht einen deutlichen Sprung nach vorne und überholt sogar die westlichen Innenstadtlagen von Charlottenburg und Schöneberg. Wie heißt es so schön: Das Imperium schlägt zurück! Allerdings liegt die zuletzt nur sehr moderate für ganz Berlin gemessene Zunahme der Miethöhe im niedrigen einstelligen Bereich lediglich an einem Rechentrick: Erstmals sind möblierte und auf Zeit vermietete Wohnungen nicht mehr in den Berechnungen enthalten. Ohne diesen Sondereffekt hätte sich wieder ein zehnprozentiges Mietwachstum im Vergleich zum Vorjahr ergeben.

Wohnkosten in Berliner Bezirken (Angebotskaltmiete pro qm 2016/2008) nach Alt-Bezirken* gem. Wohnmarktreport Berlin /eigenen Berechnungen

1. (1.) Mitte (Alt) (12,77/9,54/+33,9%/ alternativ/repräsentativ)
2. (7.) Friedrichshain (11,23/6,60/+70,2%/ alternativ/lebendig)
3. (4.) Prenzlauer Berg (11,08/7,32/+51,4%/ alternativ/neubürgerlich)
4. (9.) Kreuzberg (10,74/6,37/+68,6%/ alternativ/lebendig)
5. (2.) Wilmersdorf (10,43/8,06/+29,4%/ großbürgerlich/bürgerlich)
6. (10.) Tiergarten (10,29/6,33/+58,9%/ gemischt/lebendig)
7. (3.) Zehlendorf (10,22/7,94/+28,7%/ großbürgerlich/bürgerlich)
8. (5.) Charlottenburg (10,06/7,24/+39,0%/ großbürgerlich/lebendig)
9. (6.) Schöneberg (9,87/7,24/+36,3%/ bürgerlich/lebendig)
10. (21.) Wedding (9,19/5,26/+74,7%/ proletarisch/alternativ)
11. (22.) Neukölln** (9,19/5,23/+66,2%/ alternativ/proletarisch)
12. (11.) Pankow (8,90/6,28/+34,6%/ bürgerlich/lebendig)
13. (8.) Steglitz (8,69/6,45/+34,7%/ bürgerlich/kleinbürgerlich)
14. (17.) Lichtenberg (8,61/5,50/+56,5%/ proletarisch/kleinbürgerlich)
15. (16.) Weißensee (8,48/5,50/+54,2%/bürgerlich)
16. (12.) Köpenick (8,27/6,14/+34,7%/ bürgerlich/proletarisch)
17. (18.) Treptow (8,25/5,53/+49,2%/ proletarisch/lebendig)
18. (14.) Tempelhof (8,06/5,82/+38,5%/ kleinbürgerlich/bürgerlich)
19. (15.) Reinickendorf (7,81/5,76/+35,6%/ kleinbürgerlich/bürgerlich)
20. (13.) Hohenschönhausen (7,68/5,96/+28,9%/ proletarisch/gemischt)
21. (19.) Spandau (7,37/5,43/ +35,7%/ kleinbürgerlich/lebendig)
22. (20.) Hellersdorf (7,20/5,30/+35,9%/ proletarisch/gemischt)
23. (23.) Marzahn (6,68/4,85/+37,8%/ proletarisch/gemischt)

* Alt-Bezirke heißt: Man legt die 23 alten Bezirke von vor der Gebietsreform 2001 zugrunde und nicht die zwölf neuen Bezirke, die durch Zusammenlegungen von sozial z.T. sehr heterogenen Gebieten entstanden sind, was seitdem oft zu irreführenden Verzerrungen in den Statistiken geführt hat.

**Neukölln-Nord (10,45/5,08/+105,7%/ alternativ/proletarisch)
Neukölln-Süd (7,56/5,41/+39,7%/ kleinbürgerlich/proletarisch)

 
Top 30 der Postleitzahlbezirke nach Höhe der Angebotskaltmiete pro qm 2016 (2008)

1. 10178 Hackescher Markt/ Alexanderplatz (Mitte) (13,80/10,30/+34,0%)
2. 10117 Unter den Linden (Mitte) (13,01/12,60/+ 3,3%)
3. 10785 Potsdamer Platz / Lützowstr. (Tiergarten) (13,00/7,80/+66,7%)
4. 10119 Rosenthaler Platz (Mitte) (13,00/9,00/+44,4%)
5. 10405 Prenzlauer Allee (Prenzlauer Berg) (12,50/7,80/+60,3%)
6. 10115 Chausseestraße (Mitte) (12,50/8,40/+48,8%)
7. 10435 Kollwitzplatz (Prenzlauer Berg) (12,00/8,60/+39,5%)
8. 12055 Richardplatz (Neukölln) (11,92/5,00/+138,4%)
9. 10245 Ostkreuz / Boxhagener Platz (Friedrichshain) (11,82/6,80/+73,8%)
10. 10965 Mehringdamm / Bergmannstraße (Kreuzberg) (11,66/6,30/+85,1%)
11. 10179 Jannowitzbrücke (Mitte) (11,53/7,40/+55,8%)
12. 10707 Olivaer Platz / Kurfürstendamm (Wilmersdorf) (11,50/8,40/+36,9%)
13. 14195 Dahlem (Zehlendorf) (11,50/9,40/+22,3%)
14. 10719 Ludwigkirchplatz/ Kurfürstendamm (Wilmersdorf) (11,50/9,70/+18,6%)
15. 10437 Helmholtzplatz (Prenzlauer Berg) (11,44/7,70/+48,6%)
16. 10629 Sybelstraße/ Kurfürstendamm (Charlottenburg) (11,43/9,00/+27,0%)
17. 10627 Westliche Kantstr./ Bismarckstr. (Charlottenburg) (11,37/6,60/+72,3%)
18. 14193 Grunewald (Wilmersdorf) (11,29/10,60/+6,5%)
19. 10997 Wrangelstraße / Paul-Lincke-Ufer (Kreuzberg) (11,20/6,30/+77,8%)
20. 12051 Hermannstraße Süd (Neukölln) (11,17/5,00/+123,4%)
21. 10249 Volkspark Friedrichshain (Friedrichshain) (11,09/6,60/+68,0%)
22. 10777 Viktoria-Luise-Platz (Schöneberg) (11,04/7,60/+45,3%)
23 .10967 Graefestraße (Kreuzberg) (11,03/6,30/+75,1%)
24. 12049 Hermannstraße West (Reuterkiez/Neukölln) (11,00/5,10/+115,7%)
25. 12045 Sonnenallee Nord (Neukölln) (11,00/5,20/+111,5%)
26. 10247 Samariterstraße (Friedrichshain) (11,00/6,40/+71,9%)
27. 10243 Ostbahnhof (Friedrichshain) (11,00/6,60/+66,7%)
28. 10961 Gneisenaustraße (Kreuzberg) (11,00/6,80/+61,8%)
29. 14167 Zehlendorf-Südost / Sundgauer Straße (Zehlendorf) (11,00/7,50/+46,7%)
30. 10623 Savignyplatz (Charlottenburg) (10,96/9,00/+21,8%)

Gebiete mit dem stärksten Anstieg der Angebotskaltmieten im Achtjahreszeitraum

1. 12055 Richardplatz (Neukölln) (11,92/5,00/+138,4%)
2. 12051 Hermannstraße Süd (Neukölln) (11,17/5,00/+123,4%)
3. 12059 Weigandufer (Neukölln) (10,95/5,00/+119,0%)
4. 12043 Rathaus Neukölln (Neukölln) (10,89/5,00/+117,8%)
5. 12049 Hermannstraße West /Reuterkiez (Neukölln) (11,00/5,10/+115,7%)
6. 13355 Humboldthain/ Brunnenviertel (Wedding) (10,60/5,00/+112,0%)
7. 12045 Sonnenallee Nord (Neukölln) (11,00/5,20/+111,5%)
8. 12053 Rollbergstraße (Neukölln) (10,10/4,90/+106,2%)
9. 13357 Gesundbrunnen (Wedding) (9,87/5,10/+93,6%)
10. 12047 Maybachufer („Kreuzkölln“) (Neukölln) (10,52/5,50/+91,3%)
11. 10553 Beusselstraße (Moabit/Tiergarten) (9,46/5,10/+85,5%)
12. 10965 Mehringdamm / Bergmannstraße (Kreuzberg) (11,66/6,30/+85,1%)
13. 10315 Friedrichsfelde-Nord (Lichtenberg) (8,44/5,10/+85,1%)
14. 10551 Birkenstraße (Moabit/Tiergarten) (9,95/5,40/+84,3%)
15. 13347 Nauener Platz (Wedding) (9,29/5,10/+82,2%)
16. 13359 Soldiner Straße (Wedding) (8,50/4,70/+80,9%)
17. 10367 Am Stadtpark (Frankfurter Allee/Lichtenberg) (9,75/5,40/+80,6%)
18. 10559 Stephanstraße (Moabit/Tiergarten) (9,51/5,30/+79,4%)
19. 13351 Rehberge (Wedding) (8,91/5,00/+78,2%)
20. 10997 Wrangelstraße / Paul-Lincke-Ufer (Kreuzberg) (11,20/6,30/+77,8%)
21. 10967 Graefestraße (Kreuzberg) (11,03/6,30/+75,1%)
22. 10245 Ostkreuz Boxhagener Platz (Friedrichshain) (11,82/6,80/+73,8%)
23. 10555 Alt-Moabit-West (Tiergarten) (10,25/5,90/+73,7%)
24. 10627 Westliche Kantstr./ Bismarckstr. (Charlottenb.) (11,37/6,60/+72,3%)
25. 10247 Samariterstraße (Friedrichshain) (11,00/6,40/+71,9%)
26. 10823 Alt-Schöneberg (Eisenacher Str./ Schöneberg) (10,82/6,30/+71,7%)
27. 10999 Görlitzer Park (Kreuzberg) (10,54/6,20/+70,0%)
28. 10827 Crellestraße/Kleistpark (Schöneberg) (10,00/5,90/+69,5%)
29. 10249 Volkspark Friedrichshain (Friedrichshain) (11,09/6,60/+68,0%)
30. 13353 Amrumer Straße (Wedding) (9,19/5,50/+67,1%)

Quelle jeweils: Wohnmarktreport Berlin / eigene Berechnungen

www.justament.de, 22.2.2016: Die Letzten werden die Ersten sein

Im neuen Wohnmarktreport Berlin bestätigen sich die signifikanten Trends

Thomas Claer

IMG_1815 (1280x960)Der Wedding (siehe Foto) hat bei den Angebotsmieten neuerdings Steglitz überholt, der Norden von Neukölln liegt nun schon vor Zehlendorf. Gleiches gilt für Moabit. Und Kreuzberg hat ohnehin schon seit Jahren alle abgehängt. Um von Prenzlauer Berg und Friedrichshain gar nicht mehr zu reden… Man muss es sich schon auf der Zunge zergehen lassen, was der jährlich erscheinende Berliner Wohnmarktreport auch diesmal wieder an brisantem Zahlenmaterial liefert: Die einstigen Armenhäuser Berlins im Zentrum der Stadt explodieren förmlich, sind gefragt wie nie und lassen die vormals so guten Gegenden des gediegenen Bürgertums über weite Strecken ziemlich alt aussehen.

Nun waren Szenebezirke wie Kreuzberg, Prenzlauer Berg und Friedrichshain ja auch schon vor einigen Jahren angesagt. Und dass sich Neukölln-Nord inzwischen vom Problemkiez zum Hipster-Eldorado gewandelt hat, darüber ist auch schon unendlich viel geschrieben worden. Neu ist jedoch, dass die noch immer stark von Arbeitslosigkeit, Jugendbanden, Müll auf den Straßen und Frauen mit Kopftüchern geprägten Bezirke Wedding und Moabit voll vom Aufschwung erfasst worden sind. Man muss schon genau hinschauen, um die noch zaghaften Veränderungen im dortigen Staßenbild zu bemerken: ein Künstler-Atelier hier, eine Szenekneipe dort – und vor allem immer mehr junge Leute mit studentischem Habitus. Noch sind sie in der Minderheit, doch manche Ecken wie rund um die Malplaquetstraße in Wedding (nahe Leopoldplatz) haben sie schon vollständig okkupiert. Kurz gesagt: Schmuddeligkeit trifft auf Lifestyle. Man muss kein Prophet sein, um vorauszusagen, was bald die Oberhand gewinnen wird.

Wohnkosten in Berliner Bezirken (Angebotskaltmiete pro qm 2015/2008) nach Alt-Bezirken* gem. Wohnmarktreport Berlin /eigenen Berechnungen

1. (1.) Mitte (Alt) (12,64 /9,54/+32,5%/ alternativ/repräsentativ)
2. (9.) Kreuzberg (11,18 /6,37/+75,5%/ alternativ/lebendig)
3. (4.) Prenzlauer Berg (10,81/7,32/+47,7%/ alternativ/neubürgerlich)
4. (7.) Friedrichshain (10,72/6,60/+62,4%/ alternativ/lebendig)
5. (2.) Wilmersdorf (10,18/8,06/+26,3%/ großbürgerlich/bürgerlich)
6. (6.) Schöneberg (10,06/7,24/+39,0%/ bürgerlich/lebendig)
7. (10.) Tiergarten**(10,06/6,33/+58,9%/ gemischt/lebendig)
8. (5.) Charlottenburg (9,89/7,24/+36,6%/ großbürgerlich/lebendig)
9. (3.) Zehlendorf (9,51/7,94/+19,8%/ großbürgerlich/bürgerlich)
10. (22.) Neukölln***(8,69/5,23/+66,2%/ alternativ/proletarisch)
11. (21.) Wedding (8,53/5,26/+62,2%/ proletarisch/lebendig)
12. (8.) Steglitz (8,47/6,45/+31,3%/ bürgerlich/kleinbürgerlich)
12. (11.) Pankow (8,45/6,28/+34,6%/ bürgerlich/lebendig)
13. (17.) Lichtenberg (8,35/5,50/+51,8%/ proletarisch/kleinbürgerlich)
16. (16.)Weißensee (8,17/5,50/+48,5%/ bürgerlich)
15. (12.) Köpenick (7,95/6,11/+30,1%/ bürgerlich/proletarisch)
17. (14.) Tempelhof (7,84/5,82/+34,7%/ kleinbürgerlich/bürgerlich)
18. (18.) Treptow (7,80/5,47/+42,6%/ proletarisch/lebendig)
19. (15.) Reinickendorf (7,47/5,76/+29,7%/ kleinbürgerlich/bürgerlich)
20. (13.) Hohenschönhausen (7,28/5,96/+22,2%/ proletarisch/gemischt)
21. (19.) Spandau (7,04/5,43/+29,7%/ kleinbürgerlich/lebendig)
22. (20.) Hellersdorf (6,89/5,30/+30,0%/ proletarisch/gemischt)
23. (23.) Marzahn (6,42/4,85/ +32,4%/ proletarisch/gemischt)
Berlin insgesamt (8,99/6,27/+43,4 %)

* Alt-Bezirke heißt: Man legt die 23 alten Bezirke von vor der Gebietsreform 2001 zugrunde und nicht die zwölf neuen Bezirke, die durch Zusammenlegungen von sozial z.T. sehr heterogenen Gebieten entstanden sind, was seitdem oft zu irreführenden Verzerrungen in den Statistiken geführt hat.
** Moabit (9,55/5,64/+69,3%/ proletarisch/lebendig)
Tiergarten-Süd (11,32/8,05/+40,6%/ repräsentativ/lebendig)
***Neukölln-Nord (9,64/5,08/+89,8%/ alternativ/proletarisch)
Neukölln-Süd (7,45/5,41/+37,7%/ kleinbürgerlich/proletarisch)
Top 30 aller Postleitzahlbezirke nach Höhe der Angebotskaltmiete pro qm 2015/2008

1. 10178 Hackescher Markt/ Alexanderplatz (Mitte/13,70/10,30/+33,0%)
2. 10117 Unter den Linden (Mitte/13,38/12,60/+ 6,2%)
3. 10119 Rosenthaler Platz (Mitte/13,06/9,00/+45,1%)
4. 10785 Potsdamer Platz / Lützowstr. (Tiergarten/13,01/7,80/+66,8%)
5. 10435 Kollwitzplatz (Prenzlauer Berg/12,01/8,60/+39,6%)
6. 10115 Chausseestraße (Mitte/11,99/8,40/+42,7%)
7. 10405 Prenzlauer Allee (Prenzlauer Berg/11,80/7,80/+51,3%)
8. 10997 Wrangelstraße / Paul-Lincke-Ufer (Kreuzberg/11,79/6,30/+87,2%)
9. 10627 Westliche Kantstr./ Bismarckstr. (Charlottenburg/11,61/6,60/+75,9%)
10. 14193 Grunewald (Wilmersdorf/11,61/10,60/+9,5%)
11. 10969 Prinzenstraße (Kreuzberg/11,50/6,00/+91,7%)
12. 10999 Görlitzer Park (Kreuzberg/11,50/6,20/+85,5%)
13. 14195 Dahlem (Zehlendorf/11,50/9,40/+22,3%)
14. 10719 Ludwigkirchplatz/ Kurfürstendamm (Wilmersdorf/11,43/9,70/+17,8 %)
15. 10629 Sybelstraße/ Kurfürstendamm (Charlottenburg/11,41/9,00/+26,8%)
16. 10243 Ostbahnhof (Friedrichshain/11,11/6,60/+68,3%)
17. 10245 Ostkreuz / Boxhagener Platz (Friedrichshain/11,11/6,80/+63,4%)
18. 10437 Helmholtzplatz (Prenzlauer Berg/11,11/7,70/+44,3%)
19. 10777 Viktoria-Luise-Platz (Schöneberg/11,07/7,60/+45,7%)
20. 10179 Jannowitzbrücke (Mitte/11,06/7,40/+49,5%)
21 .10967 Graefestraße (Kreuzberg/11,03/6,30/+75,1%)
22. 10961 Gneisenaustraße (Kreuzberg/11,00/6,80/+61,8%)
23. 10965 Mehringdamm / Bergmannstraße (Kreuzberg/10,98/6,30/+74,3%)
24. 10623 Savignyplatz (Charlottenburg/10,86/9,00/+20,7%)
25. 10711 Halensee (Wilmersdorf/10,67/7,70/+38,6%)
26. 10247 Samariterstraße (Friedrichshain/10,65/6,40/+66,4%)
27. 12047 Maybachufer („Kreuzkölln“) (Neukölln/10,64/5,50/+93,5%)
28. 10707 Olivaer Platz / Kurfürstendamm (Wilmersdorf/10,60/8,40/+26,2%)
29. 10407 Danziger Straße (Prenzlauer Berg/10,57/ 7,20/ +46,8%)
30. 14057 Lietzensee (Charlottenburg/10,55/7,60/+38,8%)

 

Gebiete mit dem stärksten Anstieg der Angebotskaltmieten im Siebenjahreszeitraum

1. 12053 Rollbergstraße (Neukölln/10,37/4,90/+111,7%)
2. 12043 Rathaus Neukölln (Neukölln/10,04/5,00/+100,8%)
3. 12055 Richardplatz (Neukölln/10,00/5,00/+100,0%)
4. 12049 Hermannstraße West /Reuterkiez (Neukölln/10,01/5,10/+96,3%)
5. 12047 Maybachufer („Kreuzkölln“) (Neukölln/10,64/5,50/+93,5%)
6. 12045 Sonnenallee Nord (Neukölln/10,01/5,20/+92,5%)
7. 10969 Prinzenstraße (Kreuzberg/11,50/6,00/+91,7%)
8. 12059 Weigandufer (Neukölln/9,53/5,00/+90,6%)
9. 12051 Hermannstraße Süd (Neukölln/9,45/5,00/+89,0%)
10. 10997 Wrangelstraße / Paul-Lincke-Ufer (Kreuzberg/11,79/6,30/+87,2%)
11. 10999 Görlitzer Park (Kreuzberg/11,50/6,20/+85,5%)
12. 13347 Nauener Platz (Wedding/9,09/5,10/+78,3%)
13. 10551 Birkenstraße (Moabit/Tiergarten/9,52/5,40/+76,3%)
14. 10627 Westliche Kantstr./ Bismarckstr. (Charlottenb./11,61/6,60/+75,9%)
15. 10559 Stephanstraße (Moabit/Tiergarten/9,31/5,30/+75,7%)
16. 10553 Beusselstraße (Moabit/Tiergarten/8,94/5,10/+75,3%)
17. 10967 Graefestraße (Kreuzberg/11,03/6,30/+75,1%)
18. 13359 Soldiner Straße (Wedding/8,20/4,70/+74,5%)
19. 10965 Mehringdamm / Bergmannstraße (Kreuzberg/10,98/6,30/+74,3%)
20. 13357 Gesundbrunnen (Wedding/8,86/5,10/+73,7%)
21. 10317 Rummelsburg (Lichtenberg/10,00/5,80/+72,4%)
22. 10783 Bülowbogen/Bülowstraße (Schöneberg/9,62/5,60/+71,8%)
23. 10823 Alt-Schöneberg /Eisenacher Str. (Schöneberg/10,77/6,30/+71,0%)
24. 13351 Rehberge (Wedding/8,50/5,00/+70,0%)
25. 10827 Crellestraße/Kleistpark (Schöneberg/10,00/5,90/+69,5%)
26. 10555 Alt-Moabit-West (Tiergarten/10,00/5,90/+69,5%)
27. 12435 Treptower Park (Treptow/ 9,65/5,70/+69,3%)
28. 10243 Ostbahnhof (Friedrichshain/11,11/6,60/+68,3%)
29. 10785 Potsdamer Platz/ Lützowstr. (Tiergarten/13,01/7,80/+66,8%)
30. 10247 Samariterstraße (Friedrichshain/10,65/6,40/+66,4%)

Quelle jeweils: Wohnmarktreport Berlin / eigene Berechnungen

www.justament.de, 26.7.2015: Ausgefallene Zwangsversteigerung

Gerichtsgeschichten aus Berlin, Teil 2

Thomas Claer

ag charlottenburgJohannes K. (Name von der Redaktion geändert) hatte bei seinen Aktieninvestments im vergangenen Herbst ein gutes Händchen bewiesen. Bis April waren die Kurse dieser wie auch der anderen Werte seines Depots geradezu durch die Decke gegangen. Getragen von einem heiteren Wohlgefühl besah er sich – eigentlich nur so zum Spaß – wieder einmal die Zwangsversteigerungsseiten der Berliner Gerichte im Internet. Und dort entdeckte er etwas, das ihm gleich ins Auge sprang: Drei kleine, nur 35 qm große Wohnungen, keine zweihundert Meter von seiner eigenen Wohnung entfernt, zum unschlagbar günstigen Verkehrswert von jeweils nur 33.000 Euro. Wie konnte das sein in der inzwischen teuren Berliner Innenstadt? Johannes K. kannte bereits den Hintergrund. Im vorigen Oktober hatte er anlässlich seiner Recherchen zur (am Ende fehlgeschlagenen) Ersteigerung eines PKW-Stellplatzes genau diese Wohnungen schon einmal beobachtet und sogar die im Amtsgericht ausliegenden Versteigerungsakten mit den Verkehrswertgutachten gelesen. Der Versteigerungstermin im November war damals kurzfristig aufgehoben worden, jetzt waren die Wohnungen also plötzlich wieder zu haben. Johannes K. hatte damals in den Akten gelesen, dass die Wohnungen einem mutmaßlichen Geldsack mit Wohnsitz im teuren Grunewald gehörten, der jahrelang keine Hausgelder bezahlt hatte, woraufhin es der Eigentümergemeinschaft schließlich zu bunt wurde und diese gegen ihn die Zwangsversteigerung betrieb. Die Wohnungen, so hieß es im Gutachten, seien offensichtlich alle vermietet, doch sei der Gutachter von keinem der Bewohner zwecks Besichtigung hineingelassen worden, weshalb er den Verkehrswert angesichts der bestehenden Unsicherheiten kräftig nach unten angepasst habe. Hinzu kommt noch, dass die Hausgelder laut Gutachten angesichts der geringen Wohnungsgröße auffällig hoch waren. Im Haus, einem schlichten Nachkriegsbau aus dem Jahr 1959, herrschte ein erheblicher Sanierungsstau, es musste dringend eine neue Heizungsanlage eingebaut werden. Auch war der Innenhof beim zuständigen Umweltamt als Altlasten-Verdachtsfläche wegen dort möglicherweise vergrabenen Kriegsschutts registriert, was bedeutete, dass gegebenenfalls niemand anders als die Eigentümergemeinschaft für die Sanierungskosten aufzukommen hätte. Ferner lagen die Wohnungen im wenig attraktiven Erdgeschoss und waren wegen der nahe gelegenen S-Bahntrasse nicht unerheblich mit Verkehrslärm belastet. Außerdem musste man, soviel stand für Johannes K. fest, dieses Haus mit seiner ungepflegten Fassade wohl oder übel als das hässlichste der gesamten Wohngegend bezeichnen. Es gab also eine Menge, was gegen diese Wohnungen sprach.

Aber genau das sprach nun, da sie überraschenderweise wieder angeboten wurden, in Johannes K.‘s Augen gerade auch für diese Wohnungen. Wenn sich überhaupt noch einmal eine Gelegenheit bieten würde, in seiner inzwischen teuer gewordenen Wohngegend zu einem vernünftigen Preis zum Zuge zu kommen, so dachte er sich, dann doch wohl jetzt. Von Anfang an hatte er sich auf die in seinen Augen schlechteste der drei Wohnungen konzentriert, jene mit dem Balkon zur belebten Straße statt wie bei den beiden anderen zum ruhigen Hinterhof. Hier glaubte er, noch am ehesten eine Chance zu haben. Unter Investment-Gesichtspunkten erschien ihm die Wohnung eher wenig verlockend. Die Altmieter in dieser Gegend, und einen solchen musste er auch in dieser Wohnung vermuten, zahlten geradezu lächerlich niedrige Mieten, etwa die Hälfte dessen, was bei einer Neuvermietung fällig wurde. An Mieterhöhungen war angesichts der strengen gesetzlichen Bestimmungen natürlich auch kaum zu denken. Aber ihn reizte die Option, die Wohnung vielleicht irgendwann einmal selbst nutzen zu können. Seine Frau brauchte doch einen Raum für einen Flügel! Und ganz nebenbei ließe sich die Wohnung – mit einer einfachen Schlafgelegenheit ausgestattet – doch problemlos dann und wann einmal für eine Nacht oder für ein Wochenende an Touristen vermieten, um wenigstens die stattlichen monatlichen Hausgelder wieder reinzubekommen. Jedoch waren diese Überlegungen für Johannes K. nur Zukunftsmusik, denn den Mieter einfach vor die Tür setzen, so etwas würde er auf keinen Fall tun, zumal dieser dann, wie es so oft in den Medien berichtet wurde, auch ganz sicher alle rechtlichen Register ziehen würde, um nicht ausziehen zu müssen. Ein solcher zermürbender Kleinkrieg, bei dem er sich am Ende womöglich noch als herzloser Unmensch fühlen müsste, kam für Johannes K. jedenfalls nicht in Betracht.

Als er seiner Frau von seinen Plänen erzählte, reagierte diese mit Skepsis. Dass es um ihr künftiges Flügelspiel gehen sollte, nahm sie ihrem Mann nicht so recht ab. „Du bist doch nur wieder gierig nach der nächsten Immobilie“, hielt sie ihm vor. Doch Johannes K. ließ sich nicht beirren. Er war jetzt fest dazu entschlossen, wenigstens einen Versuch zu unternehmen. Hierzu musste er eine Woche vor dem Versteigerungstermin zehn Prozent des Verkehrswertes als Sicherheit auf ein Gerichtskonto überweisen. Johannes K. war zuversichtlich, die 3.300 Euro rechtzeitig bis zum Termin im Juli zusammenzubekommen. Was für ihn aber auf keinen Fall infrage kam, war, seine dividendenstarken Aktien bereits jetzt zu verkaufen, denn sollte er, womit schließlich angesichts des aufgeheizten Immobilienmarktes zu rechnen war, die Wohnung doch nicht bekommen, dann stünde er am Ende womöglich ohne lohnende Anlage für seine Gelder dar.

Doch dachte er bereits intensiv über seine Vorgehensweise im Falle einer erfolgreichen Ersteigerung der Wohnung nach. Wie sollte er überhaupt den Mieter der Wohnung kontaktieren können, wenn der bisherige Eigentümer, was ja durchaus zu befürchten war, sich stur stellen und nicht mit ihm als dem Erwerber der Wohnung kooperieren würde. Um aber gegebenenfalls an den Mieter herantreten zu können, brauchte er zumindest dessen Namen, schon um bei ihm an der Tür klingeln oder ihm einen mahnenden Brief schreiben zu können (und erst recht, um ihn schlimmstenfalls später verklagen zu können). Das Klingelbrett am Hauseingang war jedoch eine Enttäuschung. Die Anordnung der Klingelknöpfe ließ keinerlei Rückschlüsse auf deren Zuordnung zu den Wohnungen des Hauses zu. Ins Haus konnte er wegen der verschlossenen Eingangstür nicht kommen. So versuchte es Johannes K. auf gut Glück mit einer Google-Recherche. Und siehe da: Als er die Adresse eingegeben hatte, wurde ihm gleich eine Ferienwohnung im Erdgeschoss des Hauses angezeigt – betrieben von einer jungen Dame aus Russland, die sich mit Telefonnummer und E-Mail-Adresse auf einer der bekannten Wohnungsvermittlungsseiten präsentierte. Klar, dachte sich Johannes K, das macht ja auch Sinn. Deshalb werden die Bewohner wohl den Gutachter nicht hereingelassen haben, denn Ferienwohnungen sind in Berlin schließlich schon seit über einem Jahr illegal, ohne dass sich allerdings irgendjemand ernsthaft daran stören würde. (Aus Datenschutzgründen dürfen die Ermittler ja nicht einmal auf Informationen aus dem Internet zurückgreifen.) Johannes K. stellte sich schon genüsslich vor, wie er künftig als Vermieter der Ferienwohnung von der Mieterin seinen Anteil an deren lukrativen Einnahmen fordern könnte. Er betrachtete die umfangreichen Fotos von der Ferienwohnung auf der Internetseite und glich sie gedanklich mit seinen bisherigen Kenntnissen von der Wohnung seines Begehrens ab. Sicherheitshalber lief er schnell noch einmal über die Straße um das Haus herum und bedachte die Sonneneinstrahlung und den zu vermutenden Blickwinkel aus dem Fenster. Zu seiner Enttäuschung musste er schließlich feststellen: Nein, die Ferienwohnung wird nicht versteigert, es ist die Wohnung daneben. Doch wie sollte er nun den Namen des Mieters herausfinden?

So ließ Johannes K. immer, wenn er auf dem Weg zur S-Bahn an dem Haus vorbeikam, seine Blicke auf die Erdgeschosswohnung mit dem Balkon zur Straße schweifen und überlegte angestrengt, wie er doch noch an die begehrten Informationen kommen könnte. Manchmal verspürte er dabei Anflüge eines schlechten Gewissens, wenn er an das biblische Gebot dachte – er hatte vergessen, das wievielte es war – „Du sollst nicht begehren deines Nächsten … Haus.“ Da erblickte er eines Tages, er hatte gerade in ein Falafel vom Imbiss gebissen, auf dem Balkon der besagten Wohnung eine Frau in den Dreißigern, die gerade ihre Wäsche aufhängte. So unauffällig, wie er konnte, beobachtete Johannes K. die Frau, die seinen Blick aber sofort bemerkt hatte und ihn neugierig ansah. Sie war brünett und wirkte irgendwie südländisch, jedoch völlig ohne die bildungsferne Ausstrahlung, die vielen anderen Bewohnern dieser noch längst nicht vollständig gentrifizierten Gegend zu eigen war. Sogar eine große Hipsterbrille trug sie auf der Nase. Johannes K. war sich nicht sicher, ob die Frau mit ihm flirten wollte. Erschrocken wendete er augenblicklich seinen Blick in eine andere Richtung und beschleunigte seine Schritte. Doch hatte er sich ihre Gesichtszüge gut eingeprägt.

Einige Wochen später bot sich dann endlich die rettende Gelegenheit. Die Eingangstür des hässlichen Hauses stand weit offen, und es war kein Mensch zu sehen. Geistesgegenwärtig betrat Johannes K. das Haus, bog den Flur nach links ab, und schon hatte er die Tür zur Wohnung seiner Träume gefunden. An der Tür stand ein Name, den Johannes K. beim Hinausgehen mit den Namen auf dem Klingelbrett an der Hauseingangstür abglich. Tatsächlich, irgendwo in der Mitte stand er, und neben ihm mit Schrägstrich noch ein weiterer Name. Johannes K. merkte sich beide Namen und gab sie zu Hause am Computer in die Googlemaske ein – mit dem Zusatz „Berlin“, versteht sich. Und schon hatte er die beiden gefunden. Es waren zwei Arbeitskollegen aus dem IT-Sektor, die in ihrer Firmenzeitung mit Bild porträtiert und ausführlich interviewt wurden. Die Frau vom Balkon, deren Name zwar nicht an der Wohnungstür, aber mit Schrägstrich hinter dem Namen von der Tür auf einem der Schilder am Klingelbrett der Hauseingangstür stand,  hatte er gleich wieder erkannt. Sie war 37, stammte aus Italien, sprach fünf Sprachen, darunter Chinesisch, hatte schon an den unterschiedlichsten Orten der Welt gelebt und gearbeitet, darunter in Shanghai und Sydney, lebte seit fünf Jahren in Berlin und erklärte im Interview mit der Firmenzeitung, dass sie sich gerne immer wieder in neue, andere Städte verliebte. Der junge Mann, dessen Name an der Wohnungstür und am Klingelbrett stand, war 24 und stammte aus Mecklenburg-Vorpommern. Egal in welchem Verhältnis zueinander die beiden standen und wer von beiden dauerhaft in der kleinen Wohnung lebte. Johannes K. verfügte nun über die Namen der Bewohner. Und außerdem stand jetzt fest, dass die Wohnung definitiv nicht von alten, unkündbaren Sozialmietern, sondern von ausgesprochenen Gentrifizierern bewohnt wurde, die früher oder später ganz aus freien Stücken ausziehen würden, was den Wert der Wohnung signifikant erhöhte. Johannes K. berauschte sich regelrecht an der Vorstellung, dass er nun über einen bedeutenden Wissensvorsprung gegenüber den meisten seiner Bietkonkurrenten verfügte. Er hielt es sogar für angebracht, sein Maximalgebot, das er bei der Versteigerung äußerstenfalls abzugeben gedachte, gedanklich noch einmal etwas nach oben zu setzen.

Zwei Wochen vor dem Versteigerungstermin suchte Johannes K. noch einmal das Gericht auf, um den aktuellen Stand der Versteigerungsakte zu studieren. Dort fand er u.a. den kurzen Vermerk, dass der Schuldner aus dem Grunewald im vergangenen Herbst in letzter Sekunde alle Forderungen seiner Gläubiger bedient hatte, woraufhin diese das Zwangsvollstreckungsverfahren kurzerhand einstellen ließen. Doch seitdem hatte er dann abermals keine Hausgelder mehr gezahlt, so dass die Gläubiger die Vollstreckung wieder aufgenommen hatten. Johannes K. musste sich eingestehen, dass eine Menge dafür sprach, dass der Schuldner vielleicht auch diesmal wieder auf den letzten Drücker seine Schuld bezahlen würde. Dennoch wollte er aber zumindest bereit stehen, falls sich doch noch eine interessante Gelegenheit für ihn ergeben würde.

Doch in den Tagen, bevor Johannes K. die 3.300 Euro, die er sich inzwischen mühsam  zusammengespart hatte, ans Gericht überweisen wollte, kam er immer mehr ins Grübeln, zumal auch seine ursprünglich stattlichen Gewinne an der Börse wegen der sich zuspitzenden Griechenlandkrise in den letzten Wochen zusammengeschmolzen waren wie der Schnee in der Sonne. Als dann Anfang Juli auch noch das irre Athener Referendum abgehalten wurde und die Aktienkurse immer weiter abgestürzt waren, fand es Johannes K. inzwischen fast schon zu schade, seine Anteile auf diesem niedrigen Niveau verkaufen zu müssen, und sei es für die begehrte Wohnung. Als schließlich Angela Merkel in den Fernsehnachrichten verkündete, es werde nun aber unwiderruflich innerhalb weniger Tage eine endgültige Lösung für Griechenland geben, so oder so, da tippte Johannes K. in seine Überweisungsvorlage kurzentschlossen nicht die IBAN-Nr. des Amtsgerichts, sondern die seines Aktiendepots. Seine Lebenserfahrung sagte ihm, dass es noch immer besser gewesen sei, auf die wahrscheinlichen Ereignisse zu setzen, und nicht auf jene, die man sich bloß wünscht. Am nächsten Tag orderte er vormittags zusätzliche Aktien für sein Depot, und schon am Nachmittag standen die Kurse deutlich höher. Eine Woche und eine qualvolle Einigung auf dem EU-Gipfel in Brüssel später hatte der DAX um satte 1.000 Punkte zugelegt. Doch wollte Johannes K. wenigstens interessehalber zur Versteigerung der Wohnungen gehen, schon um festzustellen, ob er denn mit seinem Gebot eine Chance gehabt hätte. Als er am Abend vor dem Termin noch einmal die Internetseite mit den Versteigerungen aufrief, stand dort in roter Schrift neben allen drei Wohnungen: „Termin ist aufgehoben!“ Johannes K. empfand darüber eine tiefe Genugtuung und sah sich nun wieder andere Wohnungsangebote an. Aber schon in der Woche darauf waren die Aktienkurse erneut eingebrochen…

www.justament.de, 16.2.2015: Zustände wie in Neukölln?!

Der neue Berliner Wohnmarktreport liefert wieder brisantes Zahlenmaterial

Thomas Claer

Berlin-Neukölln (Foto: TC)

Berlin-Neukölln (Foto: TC)

„Weiß jemand von euch, wo Zehlendorf liegt? War schon mal jemand von euch  in Zehlendorf?“, fragt der Lehrer seine Neuköllner Schulklasse in Detlev Bucks grandiosem Film „Knallhart“ aus dem Jahr 2006, als ein neuer Schüler aus dem großbürgerlichen Zehlendorf im Berliner Südwesten die Klasse einer offenkundigen „Problemschule“ im damaligen „Problembezirk“ Nord-Neukölln betreten hat. Fast alle sind damit überfragt, nur einer weiß Bescheid: „Zehlendorf? Reiche Arschlochgegend!“, klärt er seine Mitschüler auf. Zu jener Zeit, die noch nicht einmal ein Jahrzehnt zurückliegt, waren das reiche Zehlendorf und der arme Migrantenviertel Neukölln annähernd die größten Gegensätze in Berlin. Bei den von den Vermietern verlangten Angebots-Kaltmieten auf dem Wohnungsmarkt lag Zehlendorf gleich hinter dem neureichen Trendbezirk Mitte an der Spitze der Berliner Alt-Bezirke. (Alt-Bezirke heißt: Man legt die 23 alten Bezirke von vor der Gebietsreform 2001 zugrunde und nicht die zwölf neuen Bezirke, die durch Zusammenlegungen von sozial z.T. sehr heterogenen Gebieten entstanden sind, was seitdem oft zu irreführenden Verzerrungen in den Statistiken geführt hat.) Neukölln lag damals – so gerechnet – knapp vor dem östlichen Plattenbaubezirk Marzahn (der fiktiven Heimat der mittlerweile zu Berühmtheit gelangten Komikerin Cindy) auf dem vorletzten Platz. Am Ende des Films „Knallhart“ ist der Protagonist (gespielt vom jungen David Kross) heilfroh, dass er das schreckliche Neukölln schnell wieder verlassen kann, da seine Mutter eine Wohnung im bürgerlichen Steglitz gefunden hat.

Inzwischen hat sich das Kräfteverhältnis auf dem Berliner Wohnungsmarkt nun aber, vorsichtig ausgedrückt, ein wenig verschoben:

Wohnkosten in Berliner Bezirken (Angebotskaltmiete pro qm 2014/2008) nach Alt-Bezirken gem. Wohnmarktreport Berlin / eigenen Berechnungen

1. Mitte (Alt) (12,05/9,54/+26,3%/alternativ/repräsentativ)
2. Kreuzberg (10,92/6,37/+59,2%/alternativ/lebendig)
3. Prenzlauer Berg (10,44/7,32/+39,1%/alternativ/neubürgerlich)
4. Friedrichshain (10,00/6,60/+51,5%/alternativ/lebendig)
5. Wilmersdorf (9,82/8,06/+21,8%/großbürgerlich/bürgerlich)
6. Charlottenburg (9,56/7,24/+32,1%/großbürgerlich/lebendig)
7. Schöneberg (9,44/7,24/+26,8%/bürgerlich/lebendig)
8. Tiergarten (9,40/6,33/+39,0%/gemischt/lebendig)
9. Zehlendorf (9,32/7,94/+13,6%/großbürgerlich/bürgerlich)
10. Neukölln* (8,24/5,23/+57,5%/alternativ/proletarisch)
11. Steglitz (8,24/6,45/+27,7%/bürgerlich/kleinbürgerlich)
12. Weißensee (8,09/5,65/+43,2%/bürgerlich)
13. Lichtenberg (8,00/5,50/+45,5%/proletarisch/kleinbürgerl.)
14. Wedding (7,79/5,26/+48,1%/proletarisch/lebendig)
15. Köpenick (7,78/6,11/+17,7%/bürgerlich/proletarisch)
16. Pankow (7,75/5,99/+29,4%/bürgerlich/lebendig)
17. Tempelhof (7,47/5,82/+28,3%/kleinbürgerlich/bürgerlich)
18. Treptow (7,34/5,47/+34,2%/proletarisch/lebendig)
19. Reinickendorf (7,15/5,76/+24,1%/kleinbürgerlich/bürgerlich)
20. Hohenschönhausen (7,00/5,96/+17,5%/proletarisch/gemischt)
21. Spandau (6,76/5,43/+24,5%/kleinbürgerlich/lebendig)
22. Hellersdorf (6,55/5,30/+23,6%/proletarisch/gemischt)
23. Marzahn (6,24/4,85/+28,7%/proletarisch/gemischt)

* Neukölln-Nord (9,18/5,08/+80,7%/alternativ/proletarisch)
Neukölln-Süd (7,03/5,41/+30,0%/kleinbürgerl./proletarisch)

Für Zehlendorf reicht es jetzt also nur noch zu einem guten Mittelplatz. Nun ist Zehlendorf zweifellos auch heute noch eine „reiche Arschlochgegend“. Die Solideren unter den dort ansässigen Vermögenden haben natürlich, um es James-Bond-haft auszudrücken, nicht gemietet, sondern gekauft. Und doch sagt es eine Menge über den dynamischen Wandel in Berlin aus, dass dieser Bezirk in den letzten sechs Jahren den prozentual niedrigsten Anstieg der Angebotskaltmieten – gerade einmal 13,6 Prozent – zu verzeichnen hatte. Nahezu alle Innenstadtbezirke sind mit Karacho an Zehlendorf vorbeigezogen, allen voran die heiß begehrten Szenelagen von Kreuzberg, Prenzlauer Berg und Friedrichshain mit Zuwächsen von bis zu 59,2 Prozent in diesem Zeitraum.

Und was macht Neukölln? Innerhalb weniger Jahre ist es zum ausgesprochenen „place to be“ geworden. Zuerst kamen nur ein paar versprengte Künstler, die sich in die billigen leer stehenden Läden einmieteten. Dann wurde es zum Geheimtipp für die feierwütige Jugend der Welt. Schließlich gab es eine regelrechte Invasion. Längst ist Neukölln bei den Mieten an Steglitz vorbei- und mit Zehlendorf nahezu gleichgezogen. Mit Zuwächsen bei den Angebots-Kaltmieten von 80,7 Prozent im Sechsjahreszeitraum schießt die nunmehrige Hipster-Gegend Neukölln-Nord dabei den Vogel ab. Unter den zehn Postleitzahlgebieten mit dem stärksten Mietanstieg seit 2008 befinden sich acht aus Nord-Neukölln. (Und nahezu alle 30 Postleitzahlgebiete mit dem stärksten Mietanstieg liegen in der Innenstadt.)

Gebiete mit dem stärksten Anstieg der Angebotskaltmieten im Sechsjahreszeitraum

1. 12049 Hermannstraße West /Reuterkiez (Neukölln/10,00/5,10/+96,1%)
2. 12045 Sonnenallee Nord (Neukölln/10,00/5,20/+92,3%)
3. 12043 Rathaus Neukölln (Neukölln/9,54/5,00/+90,8%)
4. 12053 Rollbergstraße (Neukölln/9,32/4,90/+90,2%)
5. 10999 Görlitzer Park (Kreuzberg/11,71/6,20/+88,9%)
6. 12047 Maybachufer („Kreuzkölln“) (Neukölln/10,37/5,50/+88,5%)
7. 10969 Prinzenstraße (Kreuzberg/10,90/6,00/+81,7%)
8. 12059 Weigandufer (Neukölln/9,00/5,00/+80,0%)
9. 12055 Richardplatz (Neukölln/9,00/5,00/+80,0%)
10. 12051 Hermannstraße Süd (Neukölln/8,94/5,00/+78,8%)
11. 10627 Westliche Kantstr./ Bismarckstr. (Charlottenb./11,79/6,60/+78,6%)
12. 10965 Mehringdamm / Bergmannstraße (Kreuzberg/11,21/6,30/+77,9%)
13. 10997 Wrangelstraße / Paul-Lincke-Ufer (Kreuzberg/11,15/6,30/+77,0%)
14. 10559 Stephanstraße (Moabit/Tiergarten/9,22/5,30/+74,0%)
15. 10967 Graefestraße (Kreuzberg/10,50/6,30/+66,7%)
16. 10551 Birkenstraße (Moabit/Tiergarten/8,96/5,40/+65,9%)
17. 13359 Soldiner Straße (Wedding/7,71/4,70/+64,0%)
18. 10961 Gneisenaustraße (Kreuzberg/11,00/6,80/+61,8%)
19. 13357 Gesundbrunnen (Wedding/8,25/5,10/+61,7%)
20. 10827 Crellestraße/Kleistpark (Schöneberg/9,51/5,90/+61,2%)
21. 12526 Bohnsdorf/ Schönefeld (Köpenick/8,50/5,30/+60,4%)
22. 10553 Beusselstraße (Moabit/Tiergarten/8,15/5,10/+59,8%)
23. 10555 Alt-Moabit-West (Tiergarten/9,42/5,90/+59,7%)
24. 13351 Rehberge (Wedding/7,98/5,00/+59,6%)
25. 10823 Alt-Schöneberg /Eisenacher Str. (Schöneberg/10,00/6,30/+58,7%)
26. 10783 Bülowbogen/Bülowstraße (Schöneberg/8,76/5,60/+56,4%)
27. 10247 Samariterstraße (Friedrichshain/10,00/6,40/+56,2%)
28. 10365 Siegfriedstraße (Lichtenberg/8,04/5,20/+54,6%)
29. 10439 Arnimplatz (Prenzlauer Berg/10,00/6,50/+53,8%)
30. 12435 Treptower Park (Treptow/8,75/5,70/+53,6%)

Aber was ist denn nun aus der ausufernden Kriminalität in Neukölln geworden, den Problemschulen und den Jugendbanden? Das alles kann natürlich nicht von heute auf morgen völlig verschwinden, aber es wird angesichts des rasanten sozialen Wandels massiv zurückgedrängt. Jedenfalls redet davon heute kaum noch jemand – außer vielleicht auf PEGIDA-Demonstrationen und AfD-Parteitagen. Dort wurde in letzter Zeit oft gewarnt, es dürfe nicht zugelassen werden, dass sich „Zustände wie in Berlin-Neukölln“ in ganz Deutschland ausbreiten, womöglich noch in Dresden. Hier drängt sich allerdings der Verdacht auf, dass diese Leute in ihrer Argumentation nicht ganz auf dem neuesten Stand sind. Vielleicht sollten sie neben Sarrazin und Buschkowsky auch einfach mal den Berliner Wohnmarktreport lesen? Laut Wikipedia ist die zurückgetretene PEGIDA-Oberaktivistin Kathrin Oertel, die nun eine Bürgerbewegung „rechts von der CDU“ gegründet hat, ja als „freiberufliche Wirtschaftsberaterin und Immobiliensachverständige“ tätig. Doch zeugt es gewiss nicht von viel Sachverstand, generell einen Verfall der Immobilienpreise aufgrund von immer neuen Flüchtlingsheimen zu befürchten, wie es ja häufig aus der Ecke dieser „besorgten Bürger“ zu hören war. Für Berlin jedenfalls gilt: Wenn etwas die Explosion der Mieten und Immobilienpreise aufhalten kann, dann bestimmt nicht ein paar zusätzliche Flüchtlingsheime, sondern vielmehr die Aufmärsche der rechten Aktivisten, die eine durchaus abschreckende Wirkung auf internationale Investoren haben. Man kann nur hoffen, dass das die Gentrifizierungsgegner nicht mitbekommen…

Top 25 aller Postleitzahlbezirke nach Höhe der Angebotskaltmiete pro qm 2014/2008

1.   10117 Unter den Linden (Mitte/12,90/12,60/+2,4%)
2.   10178 Hackescher Markt/ Alexanderplatz (Mitte/12,50/10,30/+21,4%)
3.   10119 Rosenthaler Platz (Mitte/12,50/9,00/+38,9%)
4.   10627 Westliche Kantstr./ Bismarckstr. (Charlottenburg/11,79/6,60/+78,6%)
5.   10999 Görlitzer Park (Kreuzberg/11,71/6,20/+88,9%)
6.   10435 Kollwitzplatz (Prenzlauer Berg/11,66/8,60/+35,6%)
7.   10115 Chausseestraße (Mitte/11,53/8,40/+37,3%)
8.   10785 Potsdamer Platz (Tiergarten/11,25/7,80/+44,2%)
9.   10965 Mehringdamm / Bergmannstraße (Kreuzberg/11,21/6,30/+77,9%)
10. 10997 Wrangelstraße / Paul-Lincke-Ufer (Kreuzberg/11,15/6,30/+77,0%)
11. 10707 Olivaer Platz / Kurfürstendamm (Wilmersdorf/11,14/8,40/+32,6%)
12. 14195 Dahlem (Zehlendorf/11,11/9,40/+18,2%)
13. 10623 Savignyplatz (Charlottenburg/11,01/9,00/+22,4%)
14. 10405 Prenzlauer Allee (Prenzlauer Berg/11,00/7,80/+41,0%)
15. 10961 Gneisenaustraße (Kreuzberg/11,00/6,80/+61,8%)
16. 10629 Sybelstraße/ Kurfürstendamm (Charlottenburg/10,95/9,00/+21,7%)
17. 10969 Prinzenstraße (Kreuzberg/10,90/6,00/+81,7%)
18. 10719 Ludwigkirchplatz/ Kurfürstendamm (Wilmersdorf/10,91/9,70/+12,5%)
19. 10179 Jannowitzbrücke (Mitte/10,84/7,40/+46,5%)
20. 10437 Helmholtzplatz (Prenzlauer Berg/10,70/7,70/+39,0%)
21. 14193 Grunewald (Wilmersdorf/10,63/10,60/+0,3%)
22 .10967 Graefestraße (Kreuzberg/10,50/6,30/+66,7%)
23. 12047 Maybachufer („Kreuzkölln“) (Neukölln/10,37/5,50/+88,5%)
24. 10777 Viktoria-Luise-Platz (Schöneberg/10,37/7,60/+36,4%)
25. 10789 Tauentzienstr. / Kurfürstendamm (Wilmersdorf/10,25/9,10/+12,6%)

www.justament.de, 17.11.2014: Brisante Zwangsversteigerung

Gerichtsgeschichten aus Berlin, Teil 1

Thomas Claer

Amtsgericht Charlottenburg (Foto: Wikipedia)

Amtsgericht Charlottenburg (Foto: Wikipedia)

Johannes K. (Name von der Redaktion geändert) bekam von jemandem eine für seine Verhältnisse nicht ganz unbedeutende Summe zurückgezahlt, von welcher er nicht unbedingt hatte annehmen können, sie jemals wiederzusehen. Es waren um die 10.000 Euro. Was also anfangen mit dem unerwarteten Geldsegen? Seine Ehefrau wusste es sofort: „Kauf mir einen Flügel!“, forderte sie, die eine passionierte Klavierspielerin und mit ihrem Instrument schon seit langem nicht mehr ganz zufrieden war. Doch ist ein Klavier und erst recht ein Flügel kein Musikinstrument wie jedes andere. Es ist immer auch zugleich ein Möbelstück, das sich in die Wohnung einfügen muss. Und nun sollte also solch ein kolossales Teil statt des guten alten Klaviers ins Wohnzimmer ihrer gemeinsamen Wohnung kommen und dort gewissermaßen alles Feng Shui auf den Kopf stellen? Darüber, so fand Johannes K., könne nur im ehegemeinschaftlichen Konsens entschieden werden, und er jedenfalls, soviel stand fest, war völlig dagegen. Um einen Flügel anschaffen zu können, so meinte er, bräuchte man zuerst einmal eine größere Wohnung, und daran war nun wirklich nicht zu denken. Auch durch alle Überredungskünste seiner Frau ließ er sich nicht umstimmen. Und überhaupt stand der Sinn ihm eigentlich mehr danach, das Geld gewinnbringend zu investieren, als es in hedonistischer Manier einfach auf den Kopf zu hauen.

Ein paar Tage später kamen Johannes K. und seine Frau auf einem Spaziergang an den Kleingartenanlagen nahe ihrer Berliner Wohnung vorbei und erblickten in einer der Parzellen ein Schild, auf dem in großen Buchstaben „ZU VERKAUFEN“ stand, darunter war eine Telefonnummer aufgeschrieben. Bei seiner anschließenden Internetrecherche zu Hause am PC fand Johannes K. heraus, dass es sich bei diesen Kleingärten um Pachtgärten handelte, die gegen Abschlagzahlung für das jeweilige Gartenhäuschen – üblicherweise um die 10.000 Euro – an neue Pächter abgetreten wurden. Johannes K. dachte den ganzen Abend an nichts anderes. Vor seinem geistigen Auge entstanden Bilder von lauen Sommerabenden, an denen Grillfleisch mit selbstgezogenem Gemüse serviert wurde. Seine Frau erklärte ihr Einverständnis mit seinen Plänen – allerdings unter der Bedingung, dass Johannes K. alle anfallenden Arbeiten allein zu verrichten bereit sei. Ein wenig wurmte es Johannes K. aber doch, dass der Garten, abgesehen von etwas Obst und Gemüse, keine geldwerten Erträge abwerfen würde. Da fiel ihm die Nähe zum S-Bahnhof ein. Schließlich waren in den letzten Jahren unzählige Ferienwohnungen in ihrer Wohngegend entstanden. Da könnte man doch, so dachte er, zumindest ab und zu das Gartenhäuschen auch an Berlin-Touristen vermieten. Und gleich darauf fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Wie oft hatten seine Frau und er sich in den vergangenen Monaten gewundert, wenn sie immer wieder ganze Familien mit Rollkoffern vom S-Bahnhof in Richtung der Gartenanlage ziehen sahen. Die hatten sich, wie ihm jetzt schlagartig klar wurde, also doch nicht im Weg geirrt! Johannes K. zuckte seinen Taschenrechner und berechnete die zu erwartende Rendite. Er war nun fest entschlossen zuzugreifen. Am nächsten Tag ging er mit seiner Frau noch einmal zur besagten Parzelle. Das Schild, das dort gehangen hatte, war aber bereits wieder verschwunden…

Einige Zeit danach klickte sich Johannes K. durch die Gerichtsseiten mit den Immobilien-Zwangsversteigerungen. Vor fast zehn Jahren war er einmal interessehalber auf einer solchen Versteigerung im Amtsgericht Wedding gewesen. Damals ging es um eine leer stehende, renovierungsbedürftige Wohnung im wenig angesagten Reinickendorf. Nachkriegsbau, gut 70 qm, Verkehrswert: 70.000. Außer ihm, der ja nur zuschauen wollte, war nur noch ein weiterer Interessent erschienen, der die Wohnung für gerade einmal 70 % des Verkehrswertes ersteigerte. Johannes K. war seinerzeit zwar auf anderem Wege, aber ebenfalls zu sehr günstigen Preisen an seine bescheidenen Eigentumswohnungen in Berlin gekommen und hatte seitdem mit großer Genugtuung den stetigen Anstieg der Immobilienpreise verfolgt. Und nun erblickte er genau das, was er gesucht hatte: einen Garagenstellplatz in relativer Nähe seiner Wohnung zum Verkehrswert von 10.000 Euro, langjährig vermietet für monatlich 100 Euro abzüglich 15 Euro Hausgeld. Johannes K. errechnete unter Berücksichtigung aller Nebenkosten eine stolze jährliche Rendite im hohen einstelligen Prozentbereich. Allerdings musste er bei seiner Analyse der Mikrolage feststellen, dass andere Stellplätze im Umfeld für Monatsmieten von nur 60 Euro angeboten wurden und trotzdem seit Monaten leer standen. Nach umfassender Abwägung aller Chancen und Risiken, auch unter Berücksichtigung der künftig zumindest in den Innenstadtlagen irgendwann zu erwartenden deutlichen Abnahme der Zahl individuell genutzter Fahrzeuge aufgrund attraktiverer Carsharing-Angebote mit selbstfahrenden Kfz kam Johannes K. zum Ergebnis, dass sich die Sache nur bis zu einem Kaufpreis von 10.500 Euro dauerhaft für ihn lohnen würde. Er war nun entschlossen, bis zu dieser Höhe für den Stellplatz mitzubieten. Um aber besser auf die Situation beim Versteigerungstermin vorbereitet zu sein, besuchte er im Vorfeld drei andere Zwangsversteigerungen in Berliner Amtsgerichten.

Beim ersten Termin ging es um eine Wohnung in Lichtenberg, ganz nahe am Szene- und Partyviertel Friedrichshain gelegen, 3 Zimmer, 73 qm, Baujahr 1905, 3.OG, billig vermietet, Mietrückstände, Verkehrswert laut Gutachten: 106.000 Euro. Über 30 Besucher drängten sich in den kleinen Saal im Amtsgericht Lichtenberg, ein sehr internationales Publikum, darunter viele Jüngere. Nach dramatischem Bietergefecht erteilte der Rechtspfleger den Zuschlag für 170.000 Euro (160 Prozent des Verkehrswerts) an ein deutsch-chinesisches Paar, das sich überglücklich in den Armen lag. Bei den unterlegenen Bietern flossen die Tränen…

Am Tag darauf das Kontrastprogramm: Eine Wohnung am östlichen Stadtrand in Hellersdorf, ziemlich abgelegen, S- und U-Bahn weit entfernt, 105 qm, Baujahr 1996, Erdgeschoss in villenartigem Haus, vermietet, die Mieter hatten die Miete um 70 Prozent gemindert. Verkehrswert laut Gutachten: 135.000 Euro. Nur drei Besucher waren außer Johannes K. erschienen, zwei davon waren die Mieter der Wohnung: ein älteres Paar, das sich vor Gericht darüber beschweren wollte, dass es seit Jahren nicht wüsste, wer ihr Vermieter sei. Der Eigentümer der Wohnung sei völlig überschuldet und habe seine Mietansprüche an einen der Kreditgeber abgetreten, an den die Mieter jetzt ihre Miete zahlten, aber niemand kümmere sich um die Wohnungsmängel: Schimmel in den Räumen, Nässe im Keller… Die Rechtspflegerin entgegnete den Mietern, sie könne ihnen auch nicht weiterhelfen. Die Vertreterin der Gläubigerbank erklärte, dass sie nur bei Geboten ab Höhe des Verkehrswerts einer Zuschlagerteilung zustimmen werde. Es wurde kein Gebot abgegeben und das Verfahren eingestellt.

Einige Tage später ging es vor dem Amtsgericht Charlottenburg um eine 2-Zimmer-Wohnung, 55 qm mit Balkon im 1.OG eines unschönen Nachkriegsbaus von 1962, direkt neben der lauten Stadtautobahn, aber im zentralen und gutbürgerlichen Bezirk Wilmersdorf gelegen, vermietet für 242 Euro kalt an eine türkische Familie mit Satellitenschüssel auf dem Balkon. Verkehrswert laut Gutachten: 105.000 Euro. (Johannes K. errechnete eine jährliche Rendite aufs eingesetzte Kapital von kaum 2 Prozent.) 15 Besucher waren erschienen. Die Gläubigerbank erklärte eingangs, dass sie nur bei Geboten ab Höhe des Verkehrswerts einer Zuschlagerteilung zustimmen werde. Bis auf zwei Teilnehmer, die vorzeitig den Saal verlassen hatten, saßen alle anderen bis zum Ende der Bieterzeit auf ihren Plätzen und belauerten sich gegenseitig intensiv, ob nicht doch noch jemand ein Gebot abgeben würde. Es bot aber niemand. Schließlich setzte der Rechtspfleger einen weiteren Termin in dieser Sache an.

Dann war endlich der große Tag gekommen. Johannes K. machte sich auf den Weg ins Gericht, um „seinen“ Garagenstellplatz mit der attraktiven Rendite für allerhöchstens 10.500 Euro zu ersteigern. Er hatte sich eine ausgefeilte Strategie überlegt, mit der er hoffte, die anderen Interessenten möglicherweise ausstechen zu können. Doch bereits im Flur vor dem Sitzungssaal sah er die Dame von der Gläubigerbank, die ihm schon von der Versteigerung im Amtsgericht Lichtenberg bekannt war. Gleich zu Beginn erklärte diese, dass sie nur bei Geboten ab 12.000 Euro einer Zuschlagerteilung zustimmen werde (stolze 20 Prozent über der Höhe des Verkehrswerts laut Gutachten), woraufhin sie einen triumphierenden Blick in die Runde der enttäuschten Gesichter warf. Es waren neun Personen anwesend, von denen immerhin noch sechs trotzdem Gebote abgaben. Für Johannes K. aber, der genau gerechnet hatte, war dieses Preisniveau bereits zu hoch. Er beschränkte sich darauf, das Geschehen als Zuschauer zu verfolgen. In kleinen Schritten arbeiteten sich fünf Bieter, offensichtlich Privatleute, von denen manche den Stellplatz vielleicht selber nutzen wollten, langsam und tapfer nach oben. Wenige Sekunden vor Ablauf der Bieterzeit waren sie bei 12.650 Euro angelangt. Da trat plötzlich ein Mann von einer Projektentwicklungs GmbH in Erscheinung, der bis dahin nur unbeteiligt daneben gesessen hatte, und bot 13.000 Euro. Einer der Privatmänner hielt mit 13.010 Euro dagegen. Darauf der GmbH-Mann: 13.500 Euro. Dann wieder der Privatmann: 13.600 Euro. Und schließlich der GmbH-Mann: 14.000,- Euro. Das war‘s dann. Johannes K. zog daraus den Schluss, dass die Zeit der Immobilien-Schnäppchen in Berlin nun aber endgültig zu Ende sei…

Doch er hatte ja noch immer seine 10.000 Euro. Sollte es denn wirklich keine lukrative Anlagemöglichkeit mehr für sein Geld geben? Da setzte im Oktober plötzlich und unerwartet eine heftige Korrektur an den Aktienmärkten ein. Immer tiefer und tiefer stürzten die Kurse innerhalb weniger Tage. Für Johannes K. war das wie ein Geschenk des Himmels. Ihm war klar, dass es sich schon aufgrund der ausgedehnten Niedrigzinspolitik der Notenbanken und deren sonstiger geldpolitischer Maßnahmen nur um eine temporäre Irritation an den Märkten handeln konnte. Im Notfall, da war er sich ganz sicher, stünden Politik und Zentralbanken angesichts der explosiven Weltlage jederzeit bereit, um die Situation zu entschärfen. Auch würden sich auf diesem Kursniveau ohnehin früher oder später Schnäppchenjäger finden, die  sich zu moderaten Einstandspreisen mit konservativen Dividendentiteln eindecken und die Kurse weiter stabilisieren würden. Und so geschah es. Beherzt griff auch Johannes K. zu und kann sich nun bei überschaubarem Risiko über jährliche Ausschüttungen von fast 500 Euro freuen, was einer Rendite von knapp 5 Prozent entspricht. Na also, mehr wollte er doch gar nicht.

www.justament.de, 11.8.2014: Wo ist es cool?

Eine Studie ermittelt die angesagtesten Stadtviertel für junge Leute

Thomas Claer

Oranienstraße in Kreuzberg (Foto: TC)

Oranienstraße in Kreuzberg (Foto: TC)

Das ist doch mal eine gute Idee: Statt sich endlos weiter darüber zu streiten, ob nun Berlin-Friedrichshain der angesagteste Ort auf Erden ist oder doch eher der hippe Norden von Neukölln, hat die Research-Abteilung der GBI AG (das ist ein Immobilien-Projektentwickler, sic!) eine groß angelegte Untersuchung darüber durchgeführt, welche Gegenden unserer Großstädte aus welchem Grund von jungen Leuten bevorzugt werden. Es ist gewissermaßen der Versuch einer Objektivierung dessen, was sonst als reichlich subjektiv wahrgenommen wird. Grundlage dieser Studie sind jeweils 15 Faktoren von der demographischen Struktur über Zu- und Fortzüge bis zum Immobilien- oder Gastronomieangebot, anhand derer die Mikro-Wohnlagen der Städte Berlin, Hamburg, München, Köln, Frankfurt, Stuttgart und Düsseldorf unter die Lupe genommen wurden. (Mikro-Wohnlagen, d.h. Wohnbereiche von 500 mal 500 Meter, deshalb, weil oft nur wenige Schritte über das „Hot or not“ der Wohnlage entscheiden.)
Im einzelnen flossen die WG-Nachfrage relativ zum Durchschnitt der Stadt (10%), die WG-Angebote relativ zum Durchschnitt der Stadt (2,5%), der Fluktuationsindex (5%), der Wanderungssaldo (7,5%), der prozentuale Anteil der 20-25-Jährigen im Stadtteil (5%), die absolute Anzahl der 20-25-Jährigen (5%), die 20-25-Jährigen in Relation zur Stadtteil-Fläche (2,5%), der Anteil der Ein-Personen-Haushalte (7,5%), die absolute Zahl der Einpersonenhaushalte (2,5%), der Anteil der Wohnungen in Mehrparteien-Gebäuden (10%), die Kneipendichte (10%), der preisliche WG-Nachfrage-Mittelwert (12,5%), der preisliche WG-Angebots-Mittelwert (10%) sowie der Preis der Angebotsmieten gem. Immobilienscout (5%) in die Gesamtberechnung ein. Die so theoretisch erreichbare Maximalpunktzahl eines Wohngebiets liegt bei 100 Punkten.

Für Berlin ergibt sich demnach auf der Ebene der Stadtbezirke bzw. größerer Stadtbezirksabschnitte folgendes Bild:

1. Kreuzberg (97)
2. Mitte (95)
3. Friedrichshain (92)
4. Schöneberg (87)
5. Wedding (82,5)
6. Prenzlauer Berg (81)
7. Charlottenburg (80,5)
8. Wilmersdorf (80)
9. Moabit (77,5)
10. Neukölln (72,5)
11. Tiergarten (70,5)
12. Gesundbrunnen (70)
13. Pankow (68,5)
14. Rummelsburg (63,5)
15. Hansaviertel (63)

Klar, die Kreuzberger Nächte sind inzwischen (mindestens!) wieder so lang wie in den 70ern und 80ern, als der Mythos des Bezirks geboren wurde. Und wer hätte das gedacht: Das aufstrebende Wedding liegt jetzt schon vor dem neubürgerlichen und zunehmend „wilmersdorfisierten“ Prenzlauer Berg! Noch vor ein paar Jahren wäre das völlig unvorstellbar gewesen. Aber dass das in den letzten Jahren von Hipstern aus aller Welt okkupierte Neukölln unattraktiver sein soll als das noch immer wenig glamouröse Moabit, mag man kaum glauben. Laut http://www.wg-gesucht.de, die immerhin nach Angaben der Seitenbetreiber auf monatlich 7 Millionen Besucher kommt, sind die derzeit beliebtesten Stadtteile Berlins für WG-Zimmer (Abruf 9.8.14, 18:44 Uhr): Neukölln (811) Friedrichshain (656) Kreuzberg (600) Wedding (549) Prenzlauer Berg (507) Mitte (465) Schöneberg (290) Charlottenburg (285) Lichtenberg (138) Tiergarten (120). Es ist also zu befürchten, dass auch diese aufwendige Studie aufgrund methodischer Schwächen keine abschließende Antwort auf die Frage nach dem coolsten Ort für junge Leute zu geben vermag.

Was wir den Verfassern der Untersuchung aber sofort abkaufen, sind die zehn uncoolsten Gegenden Berlins auf den Plätzen 87 bis 96:

87. Märkisches Viertel (28)
88. Heiligensee (27,5)
89. Dahlem (27)
90. Plänterwald (27)
91. Frohnau (26,5)
92. Kaulsdorf (25)
93. Wittenau (25)
94. Bohnsdorf (24,5)
95. Lübars (24,5)
96. Wannsee (24,5)

Wer als junger Mensch diese Gebiete meidet, hat vermutlich schon vieles richtig gemacht… Ansonsten aber gilt weiter, was schon Tocotronic in den 90ern wussten: „Es gibt nur cool und uncool und wie man sich fühlt.“