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www.justament.de, 13.2.2017: Der rote Wedding marschiert…

… und in Nord-Neukölln ist es schon teurer als in Wilmersdorf! Der neue Wohnmarktreport Berlin hat es wieder mal in sich

Thomas Claer

weddingSeit Jahren gibt es in der Hauptstadt kein beliebteres Thema als Gespräche über Wohnungen. Allerdings nervt es laut Tagesspiegel langsam schon, „wenn jeder Kneipenabend mit Immobilienblabla endet“.

Aber die harten Fakten wollen dann doch wieder alle ganz genau wissen. Nun ist er also erschienen, der auch in diesem Jahr mit Spannung erwartete Wohnmarktreport Berlin 2017 mit den aktuellen Angebotsmieten aller 192 Postleitzahlbezirke. Was hat er uns diesmal zu sagen? Während in den letzten Jahren noch alle Trends intakt waren, zeigt sich nunmehr ein gemischtes Bild. Die früheren Problembezirke Wedding und insbesondere Nord-Neukölln jedenfalls marschieren in der Miethöhe weiter von Rekord zu Rekord und nehmen Kurs aufs obere Drittel. Dagegen lässt sich im seit langem etablierten Szenekiez Kreuzberg eine deutliche Abschwächung feststellen. Die Partymeile Friedrichshain wiederum zieht mit Karacho an Kreuzberg und Prenzlauer Berg vorbei und liegt nun schon gleich hinter Mitte auf Platz zwei. Insgesamt gesehen boomen die östlichen Innenstadtbezirke mehr als die westlichen. Auch die zentraleren Lagen von Lichtenberg werden immer teurer, während Charlottenburg und Wilmersdorf auf hohem Niveau stagnieren, in Schöneberg geht es sogar etwas abwärts. Doch wer gedacht hat, das gut situierte südwestliche Zehlendorf (wo es  vor nur einem Jahrzehnt noch mit am teuersten war) werde immer weiter abgehängt, sieht sich mittlerweile eines Besseren belehrt. Der „reiche Arschlochbezirk“ (wie er in einem bekannten Film genannt wurde) macht einen deutlichen Sprung nach vorne und überholt sogar die westlichen Innenstadtlagen von Charlottenburg und Schöneberg. Wie heißt es so schön: Das Imperium schlägt zurück! Allerdings liegt die zuletzt nur sehr moderate für ganz Berlin gemessene Zunahme der Miethöhe im niedrigen einstelligen Bereich lediglich an einem Rechentrick: Erstmals sind möblierte und auf Zeit vermietete Wohnungen nicht mehr in den Berechnungen enthalten. Ohne diesen Sondereffekt hätte sich wieder ein zehnprozentiges Mietwachstum im Vergleich zum Vorjahr ergeben.

Wohnkosten in Berliner Bezirken (Angebotskaltmiete pro qm 2016/2008) nach Alt-Bezirken* gem. Wohnmarktreport Berlin /eigenen Berechnungen

1. (1.) Mitte (Alt) (12,77/9,54/+33,9%/ alternativ/repräsentativ)
2. (7.) Friedrichshain (11,23/6,60/+70,2%/ alternativ/lebendig)
3. (4.) Prenzlauer Berg (11,08/7,32/+51,4%/ alternativ/neubürgerlich)
4. (9.) Kreuzberg (10,74/6,37/+68,6%/ alternativ/lebendig)
5. (2.) Wilmersdorf (10,43/8,06/+29,4%/ großbürgerlich/bürgerlich)
6. (10.) Tiergarten (10,29/6,33/+58,9%/ gemischt/lebendig)
7. (3.) Zehlendorf (10,22/7,94/+28,7%/ großbürgerlich/bürgerlich)
8. (5.) Charlottenburg (10,06/7,24/+39,0%/ großbürgerlich/lebendig)
9. (6.) Schöneberg (9,87/7,24/+36,3%/ bürgerlich/lebendig)
10. (21.) Wedding (9,19/5,26/+74,7%/ proletarisch/alternativ)
11. (22.) Neukölln** (9,19/5,23/+66,2%/ alternativ/proletarisch)
12. (11.) Pankow (8,90/6,28/+34,6%/ bürgerlich/lebendig)
13. (8.) Steglitz (8,69/6,45/+34,7%/ bürgerlich/kleinbürgerlich)
14. (17.) Lichtenberg (8,61/5,50/+56,5%/ proletarisch/kleinbürgerlich)
15. (16.) Weißensee (8,48/5,50/+54,2%/bürgerlich)
16. (12.) Köpenick (8,27/6,14/+34,7%/ bürgerlich/proletarisch)
17. (18.) Treptow (8,25/5,53/+49,2%/ proletarisch/lebendig)
18. (14.) Tempelhof (8,06/5,82/+38,5%/ kleinbürgerlich/bürgerlich)
19. (15.) Reinickendorf (7,81/5,76/+35,6%/ kleinbürgerlich/bürgerlich)
20. (13.) Hohenschönhausen (7,68/5,96/+28,9%/ proletarisch/gemischt)
21. (19.) Spandau (7,37/5,43/ +35,7%/ kleinbürgerlich/lebendig)
22. (20.) Hellersdorf (7,20/5,30/+35,9%/ proletarisch/gemischt)
23. (23.) Marzahn (6,68/4,85/+37,8%/ proletarisch/gemischt)

* Alt-Bezirke heißt: Man legt die 23 alten Bezirke von vor der Gebietsreform 2001 zugrunde und nicht die zwölf neuen Bezirke, die durch Zusammenlegungen von sozial z.T. sehr heterogenen Gebieten entstanden sind, was seitdem oft zu irreführenden Verzerrungen in den Statistiken geführt hat.

**Neukölln-Nord (10,45/5,08/+105,7%/ alternativ/proletarisch)
Neukölln-Süd (7,56/5,41/+39,7%/ kleinbürgerlich/proletarisch)

 
Top 30 der Postleitzahlbezirke nach Höhe der Angebotskaltmiete pro qm 2016 (2008)

1. 10178 Hackescher Markt/ Alexanderplatz (Mitte) (13,80/10,30/+34,0%)
2. 10117 Unter den Linden (Mitte) (13,01/12,60/+ 3,3%)
3. 10785 Potsdamer Platz / Lützowstr. (Tiergarten) (13,00/7,80/+66,7%)
4. 10119 Rosenthaler Platz (Mitte) (13,00/9,00/+44,4%)
5. 10405 Prenzlauer Allee (Prenzlauer Berg) (12,50/7,80/+60,3%)
6. 10115 Chausseestraße (Mitte) (12,50/8,40/+48,8%)
7. 10435 Kollwitzplatz (Prenzlauer Berg) (12,00/8,60/+39,5%)
8. 12055 Richardplatz (Neukölln) (11,92/5,00/+138,4%)
9. 10245 Ostkreuz / Boxhagener Platz (Friedrichshain) (11,82/6,80/+73,8%)
10. 10965 Mehringdamm / Bergmannstraße (Kreuzberg) (11,66/6,30/+85,1%)
11. 10179 Jannowitzbrücke (Mitte) (11,53/7,40/+55,8%)
12. 10707 Olivaer Platz / Kurfürstendamm (Wilmersdorf) (11,50/8,40/+36,9%)
13. 14195 Dahlem (Zehlendorf) (11,50/9,40/+22,3%)
14. 10719 Ludwigkirchplatz/ Kurfürstendamm (Wilmersdorf) (11,50/9,70/+18,6%)
15. 10437 Helmholtzplatz (Prenzlauer Berg) (11,44/7,70/+48,6%)
16. 10629 Sybelstraße/ Kurfürstendamm (Charlottenburg) (11,43/9,00/+27,0%)
17. 10627 Westliche Kantstr./ Bismarckstr. (Charlottenburg) (11,37/6,60/+72,3%)
18. 14193 Grunewald (Wilmersdorf) (11,29/10,60/+6,5%)
19. 10997 Wrangelstraße / Paul-Lincke-Ufer (Kreuzberg) (11,20/6,30/+77,8%)
20. 12051 Hermannstraße Süd (Neukölln) (11,17/5,00/+123,4%)
21. 10249 Volkspark Friedrichshain (Friedrichshain) (11,09/6,60/+68,0%)
22. 10777 Viktoria-Luise-Platz (Schöneberg) (11,04/7,60/+45,3%)
23 .10967 Graefestraße (Kreuzberg) (11,03/6,30/+75,1%)
24. 12049 Hermannstraße West (Reuterkiez/Neukölln) (11,00/5,10/+115,7%)
25. 12045 Sonnenallee Nord (Neukölln) (11,00/5,20/+111,5%)
26. 10247 Samariterstraße (Friedrichshain) (11,00/6,40/+71,9%)
27. 10243 Ostbahnhof (Friedrichshain) (11,00/6,60/+66,7%)
28. 10961 Gneisenaustraße (Kreuzberg) (11,00/6,80/+61,8%)
29. 14167 Zehlendorf-Südost / Sundgauer Straße (Zehlendorf) (11,00/7,50/+46,7%)
30. 10623 Savignyplatz (Charlottenburg) (10,96/9,00/+21,8%)

Gebiete mit dem stärksten Anstieg der Angebotskaltmieten im Achtjahreszeitraum

1. 12055 Richardplatz (Neukölln) (11,92/5,00/+138,4%)
2. 12051 Hermannstraße Süd (Neukölln) (11,17/5,00/+123,4%)
3. 12059 Weigandufer (Neukölln) (10,95/5,00/+119,0%)
4. 12043 Rathaus Neukölln (Neukölln) (10,89/5,00/+117,8%)
5. 12049 Hermannstraße West /Reuterkiez (Neukölln) (11,00/5,10/+115,7%)
6. 13355 Humboldthain/ Brunnenviertel (Wedding) (10,60/5,00/+112,0%)
7. 12045 Sonnenallee Nord (Neukölln) (11,00/5,20/+111,5%)
8. 12053 Rollbergstraße (Neukölln) (10,10/4,90/+106,2%)
9. 13357 Gesundbrunnen (Wedding) (9,87/5,10/+93,6%)
10. 12047 Maybachufer („Kreuzkölln“) (Neukölln) (10,52/5,50/+91,3%)
11. 10553 Beusselstraße (Moabit/Tiergarten) (9,46/5,10/+85,5%)
12. 10965 Mehringdamm / Bergmannstraße (Kreuzberg) (11,66/6,30/+85,1%)
13. 10315 Friedrichsfelde-Nord (Lichtenberg) (8,44/5,10/+85,1%)
14. 10551 Birkenstraße (Moabit/Tiergarten) (9,95/5,40/+84,3%)
15. 13347 Nauener Platz (Wedding) (9,29/5,10/+82,2%)
16. 13359 Soldiner Straße (Wedding) (8,50/4,70/+80,9%)
17. 10367 Am Stadtpark (Frankfurter Allee/Lichtenberg) (9,75/5,40/+80,6%)
18. 10559 Stephanstraße (Moabit/Tiergarten) (9,51/5,30/+79,4%)
19. 13351 Rehberge (Wedding) (8,91/5,00/+78,2%)
20. 10997 Wrangelstraße / Paul-Lincke-Ufer (Kreuzberg) (11,20/6,30/+77,8%)
21. 10967 Graefestraße (Kreuzberg) (11,03/6,30/+75,1%)
22. 10245 Ostkreuz Boxhagener Platz (Friedrichshain) (11,82/6,80/+73,8%)
23. 10555 Alt-Moabit-West (Tiergarten) (10,25/5,90/+73,7%)
24. 10627 Westliche Kantstr./ Bismarckstr. (Charlottenb.) (11,37/6,60/+72,3%)
25. 10247 Samariterstraße (Friedrichshain) (11,00/6,40/+71,9%)
26. 10823 Alt-Schöneberg (Eisenacher Str./ Schöneberg) (10,82/6,30/+71,7%)
27. 10999 Görlitzer Park (Kreuzberg) (10,54/6,20/+70,0%)
28. 10827 Crellestraße/Kleistpark (Schöneberg) (10,00/5,90/+69,5%)
29. 10249 Volkspark Friedrichshain (Friedrichshain) (11,09/6,60/+68,0%)
30. 13353 Amrumer Straße (Wedding) (9,19/5,50/+67,1%)

Quelle jeweils: Wohnmarktreport Berlin / eigene Berechnungen

www.justament.de, 22.2.2016: Die Letzten werden die Ersten sein

Im neuen Wohnmarktreport Berlin bestätigen sich die signifikanten Trends

Thomas Claer

IMG_1815 (1280x960)Der Wedding (siehe Foto) hat bei den Angebotsmieten neuerdings Steglitz überholt, der Norden von Neukölln liegt nun schon vor Zehlendorf. Gleiches gilt für Moabit. Und Kreuzberg hat ohnehin schon seit Jahren alle abgehängt. Um von Prenzlauer Berg und Friedrichshain gar nicht mehr zu reden… Man muss es sich schon auf der Zunge zergehen lassen, was der jährlich erscheinende Berliner Wohnmarktreport auch diesmal wieder an brisantem Zahlenmaterial liefert: Die einstigen Armenhäuser Berlins im Zentrum der Stadt explodieren förmlich, sind gefragt wie nie und lassen die vormals so guten Gegenden des gediegenen Bürgertums über weite Strecken ziemlich alt aussehen.

Nun waren Szenebezirke wie Kreuzberg, Prenzlauer Berg und Friedrichshain ja auch schon vor einigen Jahren angesagt. Und dass sich Neukölln-Nord inzwischen vom Problemkiez zum Hipster-Eldorado gewandelt hat, darüber ist auch schon unendlich viel geschrieben worden. Neu ist jedoch, dass die noch immer stark von Arbeitslosigkeit, Jugendbanden, Müll auf den Straßen und Frauen mit Kopftüchern geprägten Bezirke Wedding und Moabit voll vom Aufschwung erfasst worden sind. Man muss schon genau hinschauen, um die noch zaghaften Veränderungen im dortigen Staßenbild zu bemerken: ein Künstler-Atelier hier, eine Szenekneipe dort – und vor allem immer mehr junge Leute mit studentischem Habitus. Noch sind sie in der Minderheit, doch manche Ecken wie rund um die Malplaquetstraße in Wedding (nahe Leopoldplatz) haben sie schon vollständig okkupiert. Kurz gesagt: Schmuddeligkeit trifft auf Lifestyle. Man muss kein Prophet sein, um vorauszusagen, was bald die Oberhand gewinnen wird.

Wohnkosten in Berliner Bezirken (Angebotskaltmiete pro qm 2015/2008) nach Alt-Bezirken* gem. Wohnmarktreport Berlin /eigenen Berechnungen

1. (1.) Mitte (Alt) (12,64 /9,54/+32,5%/ alternativ/repräsentativ)
2. (9.) Kreuzberg (11,18 /6,37/+75,5%/ alternativ/lebendig)
3. (4.) Prenzlauer Berg (10,81/7,32/+47,7%/ alternativ/neubürgerlich)
4. (7.) Friedrichshain (10,72/6,60/+62,4%/ alternativ/lebendig)
5. (2.) Wilmersdorf (10,18/8,06/+26,3%/ großbürgerlich/bürgerlich)
6. (6.) Schöneberg (10,06/7,24/+39,0%/ bürgerlich/lebendig)
7. (10.) Tiergarten**(10,06/6,33/+58,9%/ gemischt/lebendig)
8. (5.) Charlottenburg (9,89/7,24/+36,6%/ großbürgerlich/lebendig)
9. (3.) Zehlendorf (9,51/7,94/+19,8%/ großbürgerlich/bürgerlich)
10. (22.) Neukölln***(8,69/5,23/+66,2%/ alternativ/proletarisch)
11. (21.) Wedding (8,53/5,26/+62,2%/ proletarisch/lebendig)
12. (8.) Steglitz (8,47/6,45/+31,3%/ bürgerlich/kleinbürgerlich)
12. (11.) Pankow (8,45/6,28/+34,6%/ bürgerlich/lebendig)
13. (17.) Lichtenberg (8,35/5,50/+51,8%/ proletarisch/kleinbürgerlich)
16. (16.)Weißensee (8,17/5,50/+48,5%/ bürgerlich)
15. (12.) Köpenick (7,95/6,11/+30,1%/ bürgerlich/proletarisch)
17. (14.) Tempelhof (7,84/5,82/+34,7%/ kleinbürgerlich/bürgerlich)
18. (18.) Treptow (7,80/5,47/+42,6%/ proletarisch/lebendig)
19. (15.) Reinickendorf (7,47/5,76/+29,7%/ kleinbürgerlich/bürgerlich)
20. (13.) Hohenschönhausen (7,28/5,96/+22,2%/ proletarisch/gemischt)
21. (19.) Spandau (7,04/5,43/+29,7%/ kleinbürgerlich/lebendig)
22. (20.) Hellersdorf (6,89/5,30/+30,0%/ proletarisch/gemischt)
23. (23.) Marzahn (6,42/4,85/ +32,4%/ proletarisch/gemischt)
Berlin insgesamt (8,99/6,27/+43,4 %)

* Alt-Bezirke heißt: Man legt die 23 alten Bezirke von vor der Gebietsreform 2001 zugrunde und nicht die zwölf neuen Bezirke, die durch Zusammenlegungen von sozial z.T. sehr heterogenen Gebieten entstanden sind, was seitdem oft zu irreführenden Verzerrungen in den Statistiken geführt hat.
** Moabit (9,55/5,64/+69,3%/ proletarisch/lebendig)
Tiergarten-Süd (11,32/8,05/+40,6%/ repräsentativ/lebendig)
***Neukölln-Nord (9,64/5,08/+89,8%/ alternativ/proletarisch)
Neukölln-Süd (7,45/5,41/+37,7%/ kleinbürgerlich/proletarisch)
Top 30 aller Postleitzahlbezirke nach Höhe der Angebotskaltmiete pro qm 2015/2008

1. 10178 Hackescher Markt/ Alexanderplatz (Mitte/13,70/10,30/+33,0%)
2. 10117 Unter den Linden (Mitte/13,38/12,60/+ 6,2%)
3. 10119 Rosenthaler Platz (Mitte/13,06/9,00/+45,1%)
4. 10785 Potsdamer Platz / Lützowstr. (Tiergarten/13,01/7,80/+66,8%)
5. 10435 Kollwitzplatz (Prenzlauer Berg/12,01/8,60/+39,6%)
6. 10115 Chausseestraße (Mitte/11,99/8,40/+42,7%)
7. 10405 Prenzlauer Allee (Prenzlauer Berg/11,80/7,80/+51,3%)
8. 10997 Wrangelstraße / Paul-Lincke-Ufer (Kreuzberg/11,79/6,30/+87,2%)
9. 10627 Westliche Kantstr./ Bismarckstr. (Charlottenburg/11,61/6,60/+75,9%)
10. 14193 Grunewald (Wilmersdorf/11,61/10,60/+9,5%)
11. 10969 Prinzenstraße (Kreuzberg/11,50/6,00/+91,7%)
12. 10999 Görlitzer Park (Kreuzberg/11,50/6,20/+85,5%)
13. 14195 Dahlem (Zehlendorf/11,50/9,40/+22,3%)
14. 10719 Ludwigkirchplatz/ Kurfürstendamm (Wilmersdorf/11,43/9,70/+17,8 %)
15. 10629 Sybelstraße/ Kurfürstendamm (Charlottenburg/11,41/9,00/+26,8%)
16. 10243 Ostbahnhof (Friedrichshain/11,11/6,60/+68,3%)
17. 10245 Ostkreuz / Boxhagener Platz (Friedrichshain/11,11/6,80/+63,4%)
18. 10437 Helmholtzplatz (Prenzlauer Berg/11,11/7,70/+44,3%)
19. 10777 Viktoria-Luise-Platz (Schöneberg/11,07/7,60/+45,7%)
20. 10179 Jannowitzbrücke (Mitte/11,06/7,40/+49,5%)
21 .10967 Graefestraße (Kreuzberg/11,03/6,30/+75,1%)
22. 10961 Gneisenaustraße (Kreuzberg/11,00/6,80/+61,8%)
23. 10965 Mehringdamm / Bergmannstraße (Kreuzberg/10,98/6,30/+74,3%)
24. 10623 Savignyplatz (Charlottenburg/10,86/9,00/+20,7%)
25. 10711 Halensee (Wilmersdorf/10,67/7,70/+38,6%)
26. 10247 Samariterstraße (Friedrichshain/10,65/6,40/+66,4%)
27. 12047 Maybachufer („Kreuzkölln“) (Neukölln/10,64/5,50/+93,5%)
28. 10707 Olivaer Platz / Kurfürstendamm (Wilmersdorf/10,60/8,40/+26,2%)
29. 10407 Danziger Straße (Prenzlauer Berg/10,57/ 7,20/ +46,8%)
30. 14057 Lietzensee (Charlottenburg/10,55/7,60/+38,8%)

 

Gebiete mit dem stärksten Anstieg der Angebotskaltmieten im Siebenjahreszeitraum

1. 12053 Rollbergstraße (Neukölln/10,37/4,90/+111,7%)
2. 12043 Rathaus Neukölln (Neukölln/10,04/5,00/+100,8%)
3. 12055 Richardplatz (Neukölln/10,00/5,00/+100,0%)
4. 12049 Hermannstraße West /Reuterkiez (Neukölln/10,01/5,10/+96,3%)
5. 12047 Maybachufer („Kreuzkölln“) (Neukölln/10,64/5,50/+93,5%)
6. 12045 Sonnenallee Nord (Neukölln/10,01/5,20/+92,5%)
7. 10969 Prinzenstraße (Kreuzberg/11,50/6,00/+91,7%)
8. 12059 Weigandufer (Neukölln/9,53/5,00/+90,6%)
9. 12051 Hermannstraße Süd (Neukölln/9,45/5,00/+89,0%)
10. 10997 Wrangelstraße / Paul-Lincke-Ufer (Kreuzberg/11,79/6,30/+87,2%)
11. 10999 Görlitzer Park (Kreuzberg/11,50/6,20/+85,5%)
12. 13347 Nauener Platz (Wedding/9,09/5,10/+78,3%)
13. 10551 Birkenstraße (Moabit/Tiergarten/9,52/5,40/+76,3%)
14. 10627 Westliche Kantstr./ Bismarckstr. (Charlottenb./11,61/6,60/+75,9%)
15. 10559 Stephanstraße (Moabit/Tiergarten/9,31/5,30/+75,7%)
16. 10553 Beusselstraße (Moabit/Tiergarten/8,94/5,10/+75,3%)
17. 10967 Graefestraße (Kreuzberg/11,03/6,30/+75,1%)
18. 13359 Soldiner Straße (Wedding/8,20/4,70/+74,5%)
19. 10965 Mehringdamm / Bergmannstraße (Kreuzberg/10,98/6,30/+74,3%)
20. 13357 Gesundbrunnen (Wedding/8,86/5,10/+73,7%)
21. 10317 Rummelsburg (Lichtenberg/10,00/5,80/+72,4%)
22. 10783 Bülowbogen/Bülowstraße (Schöneberg/9,62/5,60/+71,8%)
23. 10823 Alt-Schöneberg /Eisenacher Str. (Schöneberg/10,77/6,30/+71,0%)
24. 13351 Rehberge (Wedding/8,50/5,00/+70,0%)
25. 10827 Crellestraße/Kleistpark (Schöneberg/10,00/5,90/+69,5%)
26. 10555 Alt-Moabit-West (Tiergarten/10,00/5,90/+69,5%)
27. 12435 Treptower Park (Treptow/ 9,65/5,70/+69,3%)
28. 10243 Ostbahnhof (Friedrichshain/11,11/6,60/+68,3%)
29. 10785 Potsdamer Platz/ Lützowstr. (Tiergarten/13,01/7,80/+66,8%)
30. 10247 Samariterstraße (Friedrichshain/10,65/6,40/+66,4%)

Quelle jeweils: Wohnmarktreport Berlin / eigene Berechnungen

www.justament.de, 26.7.2015: Ausgefallene Zwangsversteigerung

Gerichtsgeschichten aus Berlin, Teil 2

Thomas Claer

ag charlottenburgJohannes K. (Name von der Redaktion geändert) hatte bei seinen Aktieninvestments im vergangenen Herbst ein gutes Händchen bewiesen. Bis April waren die Kurse dieser wie auch der anderen Werte seines Depots geradezu durch die Decke gegangen. Getragen von einem heiteren Wohlgefühl besah er sich – eigentlich nur so zum Spaß – wieder einmal die Zwangsversteigerungsseiten der Berliner Gerichte im Internet. Und dort entdeckte er etwas, das ihm gleich ins Auge sprang: Drei kleine, nur 35 qm große Wohnungen, keine zweihundert Meter von seiner eigenen Wohnung entfernt, zum unschlagbar günstigen Verkehrswert von jeweils nur 33.000 Euro. Wie konnte das sein in der inzwischen teuren Berliner Innenstadt? Johannes K. kannte bereits den Hintergrund. Im vorigen Oktober hatte er anlässlich seiner Recherchen zur (am Ende fehlgeschlagenen) Ersteigerung eines PKW-Stellplatzes genau diese Wohnungen schon einmal beobachtet und sogar die im Amtsgericht ausliegenden Versteigerungsakten mit den Verkehrswertgutachten gelesen. Der Versteigerungstermin im November war damals kurzfristig aufgehoben worden, jetzt waren die Wohnungen also plötzlich wieder zu haben. Johannes K. hatte damals in den Akten gelesen, dass die Wohnungen einem mutmaßlichen Geldsack mit Wohnsitz im teuren Grunewald gehörten, der jahrelang keine Hausgelder bezahlt hatte, woraufhin es der Eigentümergemeinschaft schließlich zu bunt wurde und diese gegen ihn die Zwangsversteigerung betrieb. Die Wohnungen, so hieß es im Gutachten, seien offensichtlich alle vermietet, doch sei der Gutachter von keinem der Bewohner zwecks Besichtigung hineingelassen worden, weshalb er den Verkehrswert angesichts der bestehenden Unsicherheiten kräftig nach unten angepasst habe. Hinzu kommt noch, dass die Hausgelder laut Gutachten angesichts der geringen Wohnungsgröße auffällig hoch waren. Im Haus, einem schlichten Nachkriegsbau aus dem Jahr 1959, herrschte ein erheblicher Sanierungsstau, es musste dringend eine neue Heizungsanlage eingebaut werden. Auch war der Innenhof beim zuständigen Umweltamt als Altlasten-Verdachtsfläche wegen dort möglicherweise vergrabenen Kriegsschutts registriert, was bedeutete, dass gegebenenfalls niemand anders als die Eigentümergemeinschaft für die Sanierungskosten aufzukommen hätte. Ferner lagen die Wohnungen im wenig attraktiven Erdgeschoss und waren wegen der nahe gelegenen S-Bahntrasse nicht unerheblich mit Verkehrslärm belastet. Außerdem musste man, soviel stand für Johannes K. fest, dieses Haus mit seiner ungepflegten Fassade wohl oder übel als das hässlichste der gesamten Wohngegend bezeichnen. Es gab also eine Menge, was gegen diese Wohnungen sprach.

Aber genau das sprach nun, da sie überraschenderweise wieder angeboten wurden, in Johannes K.‘s Augen gerade auch für diese Wohnungen. Wenn sich überhaupt noch einmal eine Gelegenheit bieten würde, in seiner inzwischen teuer gewordenen Wohngegend zu einem vernünftigen Preis zum Zuge zu kommen, so dachte er sich, dann doch wohl jetzt. Von Anfang an hatte er sich auf die in seinen Augen schlechteste der drei Wohnungen konzentriert, jene mit dem Balkon zur belebten Straße statt wie bei den beiden anderen zum ruhigen Hinterhof. Hier glaubte er, noch am ehesten eine Chance zu haben. Unter Investment-Gesichtspunkten erschien ihm die Wohnung eher wenig verlockend. Die Altmieter in dieser Gegend, und einen solchen musste er auch in dieser Wohnung vermuten, zahlten geradezu lächerlich niedrige Mieten, etwa die Hälfte dessen, was bei einer Neuvermietung fällig wurde. An Mieterhöhungen war angesichts der strengen gesetzlichen Bestimmungen natürlich auch kaum zu denken. Aber ihn reizte die Option, die Wohnung vielleicht irgendwann einmal selbst nutzen zu können. Seine Frau brauchte doch einen Raum für einen Flügel! Und ganz nebenbei ließe sich die Wohnung – mit einer einfachen Schlafgelegenheit ausgestattet – doch problemlos dann und wann einmal für eine Nacht oder für ein Wochenende an Touristen vermieten, um wenigstens die stattlichen monatlichen Hausgelder wieder reinzubekommen. Jedoch waren diese Überlegungen für Johannes K. nur Zukunftsmusik, denn den Mieter einfach vor die Tür setzen, so etwas würde er auf keinen Fall tun, zumal dieser dann, wie es so oft in den Medien berichtet wurde, auch ganz sicher alle rechtlichen Register ziehen würde, um nicht ausziehen zu müssen. Ein solcher zermürbender Kleinkrieg, bei dem er sich am Ende womöglich noch als herzloser Unmensch fühlen müsste, kam für Johannes K. jedenfalls nicht in Betracht.

Als er seiner Frau von seinen Plänen erzählte, reagierte diese mit Skepsis. Dass es um ihr künftiges Flügelspiel gehen sollte, nahm sie ihrem Mann nicht so recht ab. „Du bist doch nur wieder gierig nach der nächsten Immobilie“, hielt sie ihm vor. Doch Johannes K. ließ sich nicht beirren. Er war jetzt fest dazu entschlossen, wenigstens einen Versuch zu unternehmen. Hierzu musste er eine Woche vor dem Versteigerungstermin zehn Prozent des Verkehrswertes als Sicherheit auf ein Gerichtskonto überweisen. Johannes K. war zuversichtlich, die 3.300 Euro rechtzeitig bis zum Termin im Juli zusammenzubekommen. Was für ihn aber auf keinen Fall infrage kam, war, seine dividendenstarken Aktien bereits jetzt zu verkaufen, denn sollte er, womit schließlich angesichts des aufgeheizten Immobilienmarktes zu rechnen war, die Wohnung doch nicht bekommen, dann stünde er am Ende womöglich ohne lohnende Anlage für seine Gelder dar.

Doch dachte er bereits intensiv über seine Vorgehensweise im Falle einer erfolgreichen Ersteigerung der Wohnung nach. Wie sollte er überhaupt den Mieter der Wohnung kontaktieren können, wenn der bisherige Eigentümer, was ja durchaus zu befürchten war, sich stur stellen und nicht mit ihm als dem Erwerber der Wohnung kooperieren würde. Um aber gegebenenfalls an den Mieter herantreten zu können, brauchte er zumindest dessen Namen, schon um bei ihm an der Tür klingeln oder ihm einen mahnenden Brief schreiben zu können (und erst recht, um ihn schlimmstenfalls später verklagen zu können). Das Klingelbrett am Hauseingang war jedoch eine Enttäuschung. Die Anordnung der Klingelknöpfe ließ keinerlei Rückschlüsse auf deren Zuordnung zu den Wohnungen des Hauses zu. Ins Haus konnte er wegen der verschlossenen Eingangstür nicht kommen. So versuchte es Johannes K. auf gut Glück mit einer Google-Recherche. Und siehe da: Als er die Adresse eingegeben hatte, wurde ihm gleich eine Ferienwohnung im Erdgeschoss des Hauses angezeigt – betrieben von einer jungen Dame aus Russland, die sich mit Telefonnummer und E-Mail-Adresse auf einer der bekannten Wohnungsvermittlungsseiten präsentierte. Klar, dachte sich Johannes K, das macht ja auch Sinn. Deshalb werden die Bewohner wohl den Gutachter nicht hereingelassen haben, denn Ferienwohnungen sind in Berlin schließlich schon seit über einem Jahr illegal, ohne dass sich allerdings irgendjemand ernsthaft daran stören würde. (Aus Datenschutzgründen dürfen die Ermittler ja nicht einmal auf Informationen aus dem Internet zurückgreifen.) Johannes K. stellte sich schon genüsslich vor, wie er künftig als Vermieter der Ferienwohnung von der Mieterin seinen Anteil an deren lukrativen Einnahmen fordern könnte. Er betrachtete die umfangreichen Fotos von der Ferienwohnung auf der Internetseite und glich sie gedanklich mit seinen bisherigen Kenntnissen von der Wohnung seines Begehrens ab. Sicherheitshalber lief er schnell noch einmal über die Straße um das Haus herum und bedachte die Sonneneinstrahlung und den zu vermutenden Blickwinkel aus dem Fenster. Zu seiner Enttäuschung musste er schließlich feststellen: Nein, die Ferienwohnung wird nicht versteigert, es ist die Wohnung daneben. Doch wie sollte er nun den Namen des Mieters herausfinden?

So ließ Johannes K. immer, wenn er auf dem Weg zur S-Bahn an dem Haus vorbeikam, seine Blicke auf die Erdgeschosswohnung mit dem Balkon zur Straße schweifen und überlegte angestrengt, wie er doch noch an die begehrten Informationen kommen könnte. Manchmal verspürte er dabei Anflüge eines schlechten Gewissens, wenn er an das biblische Gebot dachte – er hatte vergessen, das wievielte es war – „Du sollst nicht begehren deines Nächsten … Haus.“ Da erblickte er eines Tages, er hatte gerade in ein Falafel vom Imbiss gebissen, auf dem Balkon der besagten Wohnung eine Frau in den Dreißigern, die gerade ihre Wäsche aufhängte. So unauffällig, wie er konnte, beobachtete Johannes K. die Frau, die seinen Blick aber sofort bemerkt hatte und ihn neugierig ansah. Sie war brünett und wirkte irgendwie südländisch, jedoch völlig ohne die bildungsferne Ausstrahlung, die vielen anderen Bewohnern dieser noch längst nicht vollständig gentrifizierten Gegend zu eigen war. Sogar eine große Hipsterbrille trug sie auf der Nase. Johannes K. war sich nicht sicher, ob die Frau mit ihm flirten wollte. Erschrocken wendete er augenblicklich seinen Blick in eine andere Richtung und beschleunigte seine Schritte. Doch hatte er sich ihre Gesichtszüge gut eingeprägt.

Einige Wochen später bot sich dann endlich die rettende Gelegenheit. Die Eingangstür des hässlichen Hauses stand weit offen, und es war kein Mensch zu sehen. Geistesgegenwärtig betrat Johannes K. das Haus, bog den Flur nach links ab, und schon hatte er die Tür zur Wohnung seiner Träume gefunden. An der Tür stand ein Name, den Johannes K. beim Hinausgehen mit den Namen auf dem Klingelbrett an der Hauseingangstür abglich. Tatsächlich, irgendwo in der Mitte stand er, und neben ihm mit Schrägstrich noch ein weiterer Name. Johannes K. merkte sich beide Namen und gab sie zu Hause am Computer in die Googlemaske ein – mit dem Zusatz „Berlin“, versteht sich. Und schon hatte er die beiden gefunden. Es waren zwei Arbeitskollegen aus dem IT-Sektor, die in ihrer Firmenzeitung mit Bild porträtiert und ausführlich interviewt wurden. Die Frau vom Balkon, deren Name zwar nicht an der Wohnungstür, aber mit Schrägstrich hinter dem Namen von der Tür auf einem der Schilder am Klingelbrett der Hauseingangstür stand,  hatte er gleich wieder erkannt. Sie war 37, stammte aus Italien, sprach fünf Sprachen, darunter Chinesisch, hatte schon an den unterschiedlichsten Orten der Welt gelebt und gearbeitet, darunter in Shanghai und Sydney, lebte seit fünf Jahren in Berlin und erklärte im Interview mit der Firmenzeitung, dass sie sich gerne immer wieder in neue, andere Städte verliebte. Der junge Mann, dessen Name an der Wohnungstür und am Klingelbrett stand, war 24 und stammte aus Mecklenburg-Vorpommern. Egal in welchem Verhältnis zueinander die beiden standen und wer von beiden dauerhaft in der kleinen Wohnung lebte. Johannes K. verfügte nun über die Namen der Bewohner. Und außerdem stand jetzt fest, dass die Wohnung definitiv nicht von alten, unkündbaren Sozialmietern, sondern von ausgesprochenen Gentrifizierern bewohnt wurde, die früher oder später ganz aus freien Stücken ausziehen würden, was den Wert der Wohnung signifikant erhöhte. Johannes K. berauschte sich regelrecht an der Vorstellung, dass er nun über einen bedeutenden Wissensvorsprung gegenüber den meisten seiner Bietkonkurrenten verfügte. Er hielt es sogar für angebracht, sein Maximalgebot, das er bei der Versteigerung äußerstenfalls abzugeben gedachte, gedanklich noch einmal etwas nach oben zu setzen.

Zwei Wochen vor dem Versteigerungstermin suchte Johannes K. noch einmal das Gericht auf, um den aktuellen Stand der Versteigerungsakte zu studieren. Dort fand er u.a. den kurzen Vermerk, dass der Schuldner aus dem Grunewald im vergangenen Herbst in letzter Sekunde alle Forderungen seiner Gläubiger bedient hatte, woraufhin diese das Zwangsvollstreckungsverfahren kurzerhand einstellen ließen. Doch seitdem hatte er dann abermals keine Hausgelder mehr gezahlt, so dass die Gläubiger die Vollstreckung wieder aufgenommen hatten. Johannes K. musste sich eingestehen, dass eine Menge dafür sprach, dass der Schuldner vielleicht auch diesmal wieder auf den letzten Drücker seine Schuld bezahlen würde. Dennoch wollte er aber zumindest bereit stehen, falls sich doch noch eine interessante Gelegenheit für ihn ergeben würde.

Doch in den Tagen, bevor Johannes K. die 3.300 Euro, die er sich inzwischen mühsam  zusammengespart hatte, ans Gericht überweisen wollte, kam er immer mehr ins Grübeln, zumal auch seine ursprünglich stattlichen Gewinne an der Börse wegen der sich zuspitzenden Griechenlandkrise in den letzten Wochen zusammengeschmolzen waren wie der Schnee in der Sonne. Als dann Anfang Juli auch noch das irre Athener Referendum abgehalten wurde und die Aktienkurse immer weiter abgestürzt waren, fand es Johannes K. inzwischen fast schon zu schade, seine Anteile auf diesem niedrigen Niveau verkaufen zu müssen, und sei es für die begehrte Wohnung. Als schließlich Angela Merkel in den Fernsehnachrichten verkündete, es werde nun aber unwiderruflich innerhalb weniger Tage eine endgültige Lösung für Griechenland geben, so oder so, da tippte Johannes K. in seine Überweisungsvorlage kurzentschlossen nicht die IBAN-Nr. des Amtsgerichts, sondern die seines Aktiendepots. Seine Lebenserfahrung sagte ihm, dass es noch immer besser gewesen sei, auf die wahrscheinlichen Ereignisse zu setzen, und nicht auf jene, die man sich bloß wünscht. Am nächsten Tag orderte er vormittags zusätzliche Aktien für sein Depot, und schon am Nachmittag standen die Kurse deutlich höher. Eine Woche und eine qualvolle Einigung auf dem EU-Gipfel in Brüssel später hatte der DAX um satte 1.000 Punkte zugelegt. Doch wollte Johannes K. wenigstens interessehalber zur Versteigerung der Wohnungen gehen, schon um festzustellen, ob er denn mit seinem Gebot eine Chance gehabt hätte. Als er am Abend vor dem Termin noch einmal die Internetseite mit den Versteigerungen aufrief, stand dort in roter Schrift neben allen drei Wohnungen: „Termin ist aufgehoben!“ Johannes K. empfand darüber eine tiefe Genugtuung und sah sich nun wieder andere Wohnungsangebote an. Aber schon in der Woche darauf waren die Aktienkurse erneut eingebrochen…

www.justament.de, 16.2.2015: Zustände wie in Neukölln?!

Der neue Berliner Wohnmarktreport liefert wieder brisantes Zahlenmaterial

Thomas Claer

Berlin-Neukölln (Foto: TC)

Berlin-Neukölln (Foto: TC)

„Weiß jemand von euch, wo Zehlendorf liegt? War schon mal jemand von euch  in Zehlendorf?“, fragt der Lehrer seine Neuköllner Schulklasse in Detlev Bucks grandiosem Film „Knallhart“ aus dem Jahr 2006, als ein neuer Schüler aus dem großbürgerlichen Zehlendorf im Berliner Südwesten die Klasse einer offenkundigen „Problemschule“ im damaligen „Problembezirk“ Nord-Neukölln betreten hat. Fast alle sind damit überfragt, nur einer weiß Bescheid: „Zehlendorf? Reiche Arschlochgegend!“, klärt er seine Mitschüler auf. Zu jener Zeit, die noch nicht einmal ein Jahrzehnt zurückliegt, waren das reiche Zehlendorf und der arme Migrantenviertel Neukölln annähernd die größten Gegensätze in Berlin. Bei den von den Vermietern verlangten Angebots-Kaltmieten auf dem Wohnungsmarkt lag Zehlendorf gleich hinter dem neureichen Trendbezirk Mitte an der Spitze der Berliner Alt-Bezirke. (Alt-Bezirke heißt: Man legt die 23 alten Bezirke von vor der Gebietsreform 2001 zugrunde und nicht die zwölf neuen Bezirke, die durch Zusammenlegungen von sozial z.T. sehr heterogenen Gebieten entstanden sind, was seitdem oft zu irreführenden Verzerrungen in den Statistiken geführt hat.) Neukölln lag damals – so gerechnet – knapp vor dem östlichen Plattenbaubezirk Marzahn (der fiktiven Heimat der mittlerweile zu Berühmtheit gelangten Komikerin Cindy) auf dem vorletzten Platz. Am Ende des Films „Knallhart“ ist der Protagonist (gespielt vom jungen David Kross) heilfroh, dass er das schreckliche Neukölln schnell wieder verlassen kann, da seine Mutter eine Wohnung im bürgerlichen Steglitz gefunden hat.

Inzwischen hat sich das Kräfteverhältnis auf dem Berliner Wohnungsmarkt nun aber, vorsichtig ausgedrückt, ein wenig verschoben:

Wohnkosten in Berliner Bezirken (Angebotskaltmiete pro qm 2014/2008) nach Alt-Bezirken gem. Wohnmarktreport Berlin / eigenen Berechnungen

1. Mitte (Alt) (12,05/9,54/+26,3%/alternativ/repräsentativ)
2. Kreuzberg (10,92/6,37/+59,2%/alternativ/lebendig)
3. Prenzlauer Berg (10,44/7,32/+39,1%/alternativ/neubürgerlich)
4. Friedrichshain (10,00/6,60/+51,5%/alternativ/lebendig)
5. Wilmersdorf (9,82/8,06/+21,8%/großbürgerlich/bürgerlich)
6. Charlottenburg (9,56/7,24/+32,1%/großbürgerlich/lebendig)
7. Schöneberg (9,44/7,24/+26,8%/bürgerlich/lebendig)
8. Tiergarten (9,40/6,33/+39,0%/gemischt/lebendig)
9. Zehlendorf (9,32/7,94/+13,6%/großbürgerlich/bürgerlich)
10. Neukölln* (8,24/5,23/+57,5%/alternativ/proletarisch)
11. Steglitz (8,24/6,45/+27,7%/bürgerlich/kleinbürgerlich)
12. Weißensee (8,09/5,65/+43,2%/bürgerlich)
13. Lichtenberg (8,00/5,50/+45,5%/proletarisch/kleinbürgerl.)
14. Wedding (7,79/5,26/+48,1%/proletarisch/lebendig)
15. Köpenick (7,78/6,11/+17,7%/bürgerlich/proletarisch)
16. Pankow (7,75/5,99/+29,4%/bürgerlich/lebendig)
17. Tempelhof (7,47/5,82/+28,3%/kleinbürgerlich/bürgerlich)
18. Treptow (7,34/5,47/+34,2%/proletarisch/lebendig)
19. Reinickendorf (7,15/5,76/+24,1%/kleinbürgerlich/bürgerlich)
20. Hohenschönhausen (7,00/5,96/+17,5%/proletarisch/gemischt)
21. Spandau (6,76/5,43/+24,5%/kleinbürgerlich/lebendig)
22. Hellersdorf (6,55/5,30/+23,6%/proletarisch/gemischt)
23. Marzahn (6,24/4,85/+28,7%/proletarisch/gemischt)

* Neukölln-Nord (9,18/5,08/+80,7%/alternativ/proletarisch)
Neukölln-Süd (7,03/5,41/+30,0%/kleinbürgerl./proletarisch)

Für Zehlendorf reicht es jetzt also nur noch zu einem guten Mittelplatz. Nun ist Zehlendorf zweifellos auch heute noch eine „reiche Arschlochgegend“. Die Solideren unter den dort ansässigen Vermögenden haben natürlich, um es James-Bond-haft auszudrücken, nicht gemietet, sondern gekauft. Und doch sagt es eine Menge über den dynamischen Wandel in Berlin aus, dass dieser Bezirk in den letzten sechs Jahren den prozentual niedrigsten Anstieg der Angebotskaltmieten – gerade einmal 13,6 Prozent – zu verzeichnen hatte. Nahezu alle Innenstadtbezirke sind mit Karacho an Zehlendorf vorbeigezogen, allen voran die heiß begehrten Szenelagen von Kreuzberg, Prenzlauer Berg und Friedrichshain mit Zuwächsen von bis zu 59,2 Prozent in diesem Zeitraum.

Und was macht Neukölln? Innerhalb weniger Jahre ist es zum ausgesprochenen „place to be“ geworden. Zuerst kamen nur ein paar versprengte Künstler, die sich in die billigen leer stehenden Läden einmieteten. Dann wurde es zum Geheimtipp für die feierwütige Jugend der Welt. Schließlich gab es eine regelrechte Invasion. Längst ist Neukölln bei den Mieten an Steglitz vorbei- und mit Zehlendorf nahezu gleichgezogen. Mit Zuwächsen bei den Angebots-Kaltmieten von 80,7 Prozent im Sechsjahreszeitraum schießt die nunmehrige Hipster-Gegend Neukölln-Nord dabei den Vogel ab. Unter den zehn Postleitzahlgebieten mit dem stärksten Mietanstieg seit 2008 befinden sich acht aus Nord-Neukölln. (Und nahezu alle 30 Postleitzahlgebiete mit dem stärksten Mietanstieg liegen in der Innenstadt.)

Gebiete mit dem stärksten Anstieg der Angebotskaltmieten im Sechsjahreszeitraum

1. 12049 Hermannstraße West /Reuterkiez (Neukölln/10,00/5,10/+96,1%)
2. 12045 Sonnenallee Nord (Neukölln/10,00/5,20/+92,3%)
3. 12043 Rathaus Neukölln (Neukölln/9,54/5,00/+90,8%)
4. 12053 Rollbergstraße (Neukölln/9,32/4,90/+90,2%)
5. 10999 Görlitzer Park (Kreuzberg/11,71/6,20/+88,9%)
6. 12047 Maybachufer („Kreuzkölln“) (Neukölln/10,37/5,50/+88,5%)
7. 10969 Prinzenstraße (Kreuzberg/10,90/6,00/+81,7%)
8. 12059 Weigandufer (Neukölln/9,00/5,00/+80,0%)
9. 12055 Richardplatz (Neukölln/9,00/5,00/+80,0%)
10. 12051 Hermannstraße Süd (Neukölln/8,94/5,00/+78,8%)
11. 10627 Westliche Kantstr./ Bismarckstr. (Charlottenb./11,79/6,60/+78,6%)
12. 10965 Mehringdamm / Bergmannstraße (Kreuzberg/11,21/6,30/+77,9%)
13. 10997 Wrangelstraße / Paul-Lincke-Ufer (Kreuzberg/11,15/6,30/+77,0%)
14. 10559 Stephanstraße (Moabit/Tiergarten/9,22/5,30/+74,0%)
15. 10967 Graefestraße (Kreuzberg/10,50/6,30/+66,7%)
16. 10551 Birkenstraße (Moabit/Tiergarten/8,96/5,40/+65,9%)
17. 13359 Soldiner Straße (Wedding/7,71/4,70/+64,0%)
18. 10961 Gneisenaustraße (Kreuzberg/11,00/6,80/+61,8%)
19. 13357 Gesundbrunnen (Wedding/8,25/5,10/+61,7%)
20. 10827 Crellestraße/Kleistpark (Schöneberg/9,51/5,90/+61,2%)
21. 12526 Bohnsdorf/ Schönefeld (Köpenick/8,50/5,30/+60,4%)
22. 10553 Beusselstraße (Moabit/Tiergarten/8,15/5,10/+59,8%)
23. 10555 Alt-Moabit-West (Tiergarten/9,42/5,90/+59,7%)
24. 13351 Rehberge (Wedding/7,98/5,00/+59,6%)
25. 10823 Alt-Schöneberg /Eisenacher Str. (Schöneberg/10,00/6,30/+58,7%)
26. 10783 Bülowbogen/Bülowstraße (Schöneberg/8,76/5,60/+56,4%)
27. 10247 Samariterstraße (Friedrichshain/10,00/6,40/+56,2%)
28. 10365 Siegfriedstraße (Lichtenberg/8,04/5,20/+54,6%)
29. 10439 Arnimplatz (Prenzlauer Berg/10,00/6,50/+53,8%)
30. 12435 Treptower Park (Treptow/8,75/5,70/+53,6%)

Aber was ist denn nun aus der ausufernden Kriminalität in Neukölln geworden, den Problemschulen und den Jugendbanden? Das alles kann natürlich nicht von heute auf morgen völlig verschwinden, aber es wird angesichts des rasanten sozialen Wandels massiv zurückgedrängt. Jedenfalls redet davon heute kaum noch jemand – außer vielleicht auf PEGIDA-Demonstrationen und AfD-Parteitagen. Dort wurde in letzter Zeit oft gewarnt, es dürfe nicht zugelassen werden, dass sich „Zustände wie in Berlin-Neukölln“ in ganz Deutschland ausbreiten, womöglich noch in Dresden. Hier drängt sich allerdings der Verdacht auf, dass diese Leute in ihrer Argumentation nicht ganz auf dem neuesten Stand sind. Vielleicht sollten sie neben Sarrazin und Buschkowsky auch einfach mal den Berliner Wohnmarktreport lesen? Laut Wikipedia ist die zurückgetretene PEGIDA-Oberaktivistin Kathrin Oertel, die nun eine Bürgerbewegung „rechts von der CDU“ gegründet hat, ja als „freiberufliche Wirtschaftsberaterin und Immobiliensachverständige“ tätig. Doch zeugt es gewiss nicht von viel Sachverstand, generell einen Verfall der Immobilienpreise aufgrund von immer neuen Flüchtlingsheimen zu befürchten, wie es ja häufig aus der Ecke dieser „besorgten Bürger“ zu hören war. Für Berlin jedenfalls gilt: Wenn etwas die Explosion der Mieten und Immobilienpreise aufhalten kann, dann bestimmt nicht ein paar zusätzliche Flüchtlingsheime, sondern vielmehr die Aufmärsche der rechten Aktivisten, die eine durchaus abschreckende Wirkung auf internationale Investoren haben. Man kann nur hoffen, dass das die Gentrifizierungsgegner nicht mitbekommen…

Top 25 aller Postleitzahlbezirke nach Höhe der Angebotskaltmiete pro qm 2014/2008

1.   10117 Unter den Linden (Mitte/12,90/12,60/+2,4%)
2.   10178 Hackescher Markt/ Alexanderplatz (Mitte/12,50/10,30/+21,4%)
3.   10119 Rosenthaler Platz (Mitte/12,50/9,00/+38,9%)
4.   10627 Westliche Kantstr./ Bismarckstr. (Charlottenburg/11,79/6,60/+78,6%)
5.   10999 Görlitzer Park (Kreuzberg/11,71/6,20/+88,9%)
6.   10435 Kollwitzplatz (Prenzlauer Berg/11,66/8,60/+35,6%)
7.   10115 Chausseestraße (Mitte/11,53/8,40/+37,3%)
8.   10785 Potsdamer Platz (Tiergarten/11,25/7,80/+44,2%)
9.   10965 Mehringdamm / Bergmannstraße (Kreuzberg/11,21/6,30/+77,9%)
10. 10997 Wrangelstraße / Paul-Lincke-Ufer (Kreuzberg/11,15/6,30/+77,0%)
11. 10707 Olivaer Platz / Kurfürstendamm (Wilmersdorf/11,14/8,40/+32,6%)
12. 14195 Dahlem (Zehlendorf/11,11/9,40/+18,2%)
13. 10623 Savignyplatz (Charlottenburg/11,01/9,00/+22,4%)
14. 10405 Prenzlauer Allee (Prenzlauer Berg/11,00/7,80/+41,0%)
15. 10961 Gneisenaustraße (Kreuzberg/11,00/6,80/+61,8%)
16. 10629 Sybelstraße/ Kurfürstendamm (Charlottenburg/10,95/9,00/+21,7%)
17. 10969 Prinzenstraße (Kreuzberg/10,90/6,00/+81,7%)
18. 10719 Ludwigkirchplatz/ Kurfürstendamm (Wilmersdorf/10,91/9,70/+12,5%)
19. 10179 Jannowitzbrücke (Mitte/10,84/7,40/+46,5%)
20. 10437 Helmholtzplatz (Prenzlauer Berg/10,70/7,70/+39,0%)
21. 14193 Grunewald (Wilmersdorf/10,63/10,60/+0,3%)
22 .10967 Graefestraße (Kreuzberg/10,50/6,30/+66,7%)
23. 12047 Maybachufer („Kreuzkölln“) (Neukölln/10,37/5,50/+88,5%)
24. 10777 Viktoria-Luise-Platz (Schöneberg/10,37/7,60/+36,4%)
25. 10789 Tauentzienstr. / Kurfürstendamm (Wilmersdorf/10,25/9,10/+12,6%)

www.justament.de, 17.11.2014: Brisante Zwangsversteigerung

Gerichtsgeschichten aus Berlin, Teil 1

Thomas Claer

Amtsgericht Charlottenburg (Foto: Wikipedia)

Amtsgericht Charlottenburg (Foto: Wikipedia)

Johannes K. (Name von der Redaktion geändert) bekam von jemandem eine für seine Verhältnisse nicht ganz unbedeutende Summe zurückgezahlt, von welcher er nicht unbedingt hatte annehmen können, sie jemals wiederzusehen. Es waren um die 10.000 Euro. Was also anfangen mit dem unerwarteten Geldsegen? Seine Ehefrau wusste es sofort: „Kauf mir einen Flügel!“, forderte sie, die eine passionierte Klavierspielerin und mit ihrem Instrument schon seit langem nicht mehr ganz zufrieden war. Doch ist ein Klavier und erst recht ein Flügel kein Musikinstrument wie jedes andere. Es ist immer auch zugleich ein Möbelstück, das sich in die Wohnung einfügen muss. Und nun sollte also solch ein kolossales Teil statt des guten alten Klaviers ins Wohnzimmer ihrer gemeinsamen Wohnung kommen und dort gewissermaßen alles Feng Shui auf den Kopf stellen? Darüber, so fand Johannes K., könne nur im ehegemeinschaftlichen Konsens entschieden werden, und er jedenfalls, soviel stand fest, war völlig dagegen. Um einen Flügel anschaffen zu können, so meinte er, bräuchte man zuerst einmal eine größere Wohnung, und daran war nun wirklich nicht zu denken. Auch durch alle Überredungskünste seiner Frau ließ er sich nicht umstimmen. Und überhaupt stand der Sinn ihm eigentlich mehr danach, das Geld gewinnbringend zu investieren, als es in hedonistischer Manier einfach auf den Kopf zu hauen.

Ein paar Tage später kamen Johannes K. und seine Frau auf einem Spaziergang an den Kleingartenanlagen nahe ihrer Berliner Wohnung vorbei und erblickten in einer der Parzellen ein Schild, auf dem in großen Buchstaben „ZU VERKAUFEN“ stand, darunter war eine Telefonnummer aufgeschrieben. Bei seiner anschließenden Internetrecherche zu Hause am PC fand Johannes K. heraus, dass es sich bei diesen Kleingärten um Pachtgärten handelte, die gegen Abschlagzahlung für das jeweilige Gartenhäuschen – üblicherweise um die 10.000 Euro – an neue Pächter abgetreten wurden. Johannes K. dachte den ganzen Abend an nichts anderes. Vor seinem geistigen Auge entstanden Bilder von lauen Sommerabenden, an denen Grillfleisch mit selbstgezogenem Gemüse serviert wurde. Seine Frau erklärte ihr Einverständnis mit seinen Plänen – allerdings unter der Bedingung, dass Johannes K. alle anfallenden Arbeiten allein zu verrichten bereit sei. Ein wenig wurmte es Johannes K. aber doch, dass der Garten, abgesehen von etwas Obst und Gemüse, keine geldwerten Erträge abwerfen würde. Da fiel ihm die Nähe zum S-Bahnhof ein. Schließlich waren in den letzten Jahren unzählige Ferienwohnungen in ihrer Wohngegend entstanden. Da könnte man doch, so dachte er, zumindest ab und zu das Gartenhäuschen auch an Berlin-Touristen vermieten. Und gleich darauf fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Wie oft hatten seine Frau und er sich in den vergangenen Monaten gewundert, wenn sie immer wieder ganze Familien mit Rollkoffern vom S-Bahnhof in Richtung der Gartenanlage ziehen sahen. Die hatten sich, wie ihm jetzt schlagartig klar wurde, also doch nicht im Weg geirrt! Johannes K. zuckte seinen Taschenrechner und berechnete die zu erwartende Rendite. Er war nun fest entschlossen zuzugreifen. Am nächsten Tag ging er mit seiner Frau noch einmal zur besagten Parzelle. Das Schild, das dort gehangen hatte, war aber bereits wieder verschwunden…

Einige Zeit danach klickte sich Johannes K. durch die Gerichtsseiten mit den Immobilien-Zwangsversteigerungen. Vor fast zehn Jahren war er einmal interessehalber auf einer solchen Versteigerung im Amtsgericht Wedding gewesen. Damals ging es um eine leer stehende, renovierungsbedürftige Wohnung im wenig angesagten Reinickendorf. Nachkriegsbau, gut 70 qm, Verkehrswert: 70.000. Außer ihm, der ja nur zuschauen wollte, war nur noch ein weiterer Interessent erschienen, der die Wohnung für gerade einmal 70 % des Verkehrswertes ersteigerte. Johannes K. war seinerzeit zwar auf anderem Wege, aber ebenfalls zu sehr günstigen Preisen an seine bescheidenen Eigentumswohnungen in Berlin gekommen und hatte seitdem mit großer Genugtuung den stetigen Anstieg der Immobilienpreise verfolgt. Und nun erblickte er genau das, was er gesucht hatte: einen Garagenstellplatz in relativer Nähe seiner Wohnung zum Verkehrswert von 10.000 Euro, langjährig vermietet für monatlich 100 Euro abzüglich 15 Euro Hausgeld. Johannes K. errechnete unter Berücksichtigung aller Nebenkosten eine stolze jährliche Rendite im hohen einstelligen Prozentbereich. Allerdings musste er bei seiner Analyse der Mikrolage feststellen, dass andere Stellplätze im Umfeld für Monatsmieten von nur 60 Euro angeboten wurden und trotzdem seit Monaten leer standen. Nach umfassender Abwägung aller Chancen und Risiken, auch unter Berücksichtigung der künftig zumindest in den Innenstadtlagen irgendwann zu erwartenden deutlichen Abnahme der Zahl individuell genutzter Fahrzeuge aufgrund attraktiverer Carsharing-Angebote mit selbstfahrenden Kfz kam Johannes K. zum Ergebnis, dass sich die Sache nur bis zu einem Kaufpreis von 10.500 Euro dauerhaft für ihn lohnen würde. Er war nun entschlossen, bis zu dieser Höhe für den Stellplatz mitzubieten. Um aber besser auf die Situation beim Versteigerungstermin vorbereitet zu sein, besuchte er im Vorfeld drei andere Zwangsversteigerungen in Berliner Amtsgerichten.

Beim ersten Termin ging es um eine Wohnung in Lichtenberg, ganz nahe am Szene- und Partyviertel Friedrichshain gelegen, 3 Zimmer, 73 qm, Baujahr 1905, 3.OG, billig vermietet, Mietrückstände, Verkehrswert laut Gutachten: 106.000 Euro. Über 30 Besucher drängten sich in den kleinen Saal im Amtsgericht Lichtenberg, ein sehr internationales Publikum, darunter viele Jüngere. Nach dramatischem Bietergefecht erteilte der Rechtspfleger den Zuschlag für 170.000 Euro (160 Prozent des Verkehrswerts) an ein deutsch-chinesisches Paar, das sich überglücklich in den Armen lag. Bei den unterlegenen Bietern flossen die Tränen…

Am Tag darauf das Kontrastprogramm: Eine Wohnung am östlichen Stadtrand in Hellersdorf, ziemlich abgelegen, S- und U-Bahn weit entfernt, 105 qm, Baujahr 1996, Erdgeschoss in villenartigem Haus, vermietet, die Mieter hatten die Miete um 70 Prozent gemindert. Verkehrswert laut Gutachten: 135.000 Euro. Nur drei Besucher waren außer Johannes K. erschienen, zwei davon waren die Mieter der Wohnung: ein älteres Paar, das sich vor Gericht darüber beschweren wollte, dass es seit Jahren nicht wüsste, wer ihr Vermieter sei. Der Eigentümer der Wohnung sei völlig überschuldet und habe seine Mietansprüche an einen der Kreditgeber abgetreten, an den die Mieter jetzt ihre Miete zahlten, aber niemand kümmere sich um die Wohnungsmängel: Schimmel in den Räumen, Nässe im Keller… Die Rechtspflegerin entgegnete den Mietern, sie könne ihnen auch nicht weiterhelfen. Die Vertreterin der Gläubigerbank erklärte, dass sie nur bei Geboten ab Höhe des Verkehrswerts einer Zuschlagerteilung zustimmen werde. Es wurde kein Gebot abgegeben und das Verfahren eingestellt.

Einige Tage später ging es vor dem Amtsgericht Charlottenburg um eine 2-Zimmer-Wohnung, 55 qm mit Balkon im 1.OG eines unschönen Nachkriegsbaus von 1962, direkt neben der lauten Stadtautobahn, aber im zentralen und gutbürgerlichen Bezirk Wilmersdorf gelegen, vermietet für 242 Euro kalt an eine türkische Familie mit Satellitenschüssel auf dem Balkon. Verkehrswert laut Gutachten: 105.000 Euro. (Johannes K. errechnete eine jährliche Rendite aufs eingesetzte Kapital von kaum 2 Prozent.) 15 Besucher waren erschienen. Die Gläubigerbank erklärte eingangs, dass sie nur bei Geboten ab Höhe des Verkehrswerts einer Zuschlagerteilung zustimmen werde. Bis auf zwei Teilnehmer, die vorzeitig den Saal verlassen hatten, saßen alle anderen bis zum Ende der Bieterzeit auf ihren Plätzen und belauerten sich gegenseitig intensiv, ob nicht doch noch jemand ein Gebot abgeben würde. Es bot aber niemand. Schließlich setzte der Rechtspfleger einen weiteren Termin in dieser Sache an.

Dann war endlich der große Tag gekommen. Johannes K. machte sich auf den Weg ins Gericht, um „seinen“ Garagenstellplatz mit der attraktiven Rendite für allerhöchstens 10.500 Euro zu ersteigern. Er hatte sich eine ausgefeilte Strategie überlegt, mit der er hoffte, die anderen Interessenten möglicherweise ausstechen zu können. Doch bereits im Flur vor dem Sitzungssaal sah er die Dame von der Gläubigerbank, die ihm schon von der Versteigerung im Amtsgericht Lichtenberg bekannt war. Gleich zu Beginn erklärte diese, dass sie nur bei Geboten ab 12.000 Euro einer Zuschlagerteilung zustimmen werde (stolze 20 Prozent über der Höhe des Verkehrswerts laut Gutachten), woraufhin sie einen triumphierenden Blick in die Runde der enttäuschten Gesichter warf. Es waren neun Personen anwesend, von denen immerhin noch sechs trotzdem Gebote abgaben. Für Johannes K. aber, der genau gerechnet hatte, war dieses Preisniveau bereits zu hoch. Er beschränkte sich darauf, das Geschehen als Zuschauer zu verfolgen. In kleinen Schritten arbeiteten sich fünf Bieter, offensichtlich Privatleute, von denen manche den Stellplatz vielleicht selber nutzen wollten, langsam und tapfer nach oben. Wenige Sekunden vor Ablauf der Bieterzeit waren sie bei 12.650 Euro angelangt. Da trat plötzlich ein Mann von einer Projektentwicklungs GmbH in Erscheinung, der bis dahin nur unbeteiligt daneben gesessen hatte, und bot 13.000 Euro. Einer der Privatmänner hielt mit 13.010 Euro dagegen. Darauf der GmbH-Mann: 13.500 Euro. Dann wieder der Privatmann: 13.600 Euro. Und schließlich der GmbH-Mann: 14.000,- Euro. Das war‘s dann. Johannes K. zog daraus den Schluss, dass die Zeit der Immobilien-Schnäppchen in Berlin nun aber endgültig zu Ende sei…

Doch er hatte ja noch immer seine 10.000 Euro. Sollte es denn wirklich keine lukrative Anlagemöglichkeit mehr für sein Geld geben? Da setzte im Oktober plötzlich und unerwartet eine heftige Korrektur an den Aktienmärkten ein. Immer tiefer und tiefer stürzten die Kurse innerhalb weniger Tage. Für Johannes K. war das wie ein Geschenk des Himmels. Ihm war klar, dass es sich schon aufgrund der ausgedehnten Niedrigzinspolitik der Notenbanken und deren sonstiger geldpolitischer Maßnahmen nur um eine temporäre Irritation an den Märkten handeln konnte. Im Notfall, da war er sich ganz sicher, stünden Politik und Zentralbanken angesichts der explosiven Weltlage jederzeit bereit, um die Situation zu entschärfen. Auch würden sich auf diesem Kursniveau ohnehin früher oder später Schnäppchenjäger finden, die  sich zu moderaten Einstandspreisen mit konservativen Dividendentiteln eindecken und die Kurse weiter stabilisieren würden. Und so geschah es. Beherzt griff auch Johannes K. zu und kann sich nun bei überschaubarem Risiko über jährliche Ausschüttungen von fast 500 Euro freuen, was einer Rendite von knapp 5 Prozent entspricht. Na also, mehr wollte er doch gar nicht.

www.justament.de, 11.8.2014: Wo ist es cool?

Eine Studie ermittelt die angesagtesten Stadtviertel für junge Leute

Thomas Claer

Oranienstraße in Kreuzberg (Foto: TC)

Oranienstraße in Kreuzberg (Foto: TC)

Das ist doch mal eine gute Idee: Statt sich endlos weiter darüber zu streiten, ob nun Berlin-Friedrichshain der angesagteste Ort auf Erden ist oder doch eher der hippe Norden von Neukölln, hat die Research-Abteilung der GBI AG (das ist ein Immobilien-Projektentwickler, sic!) eine groß angelegte Untersuchung darüber durchgeführt, welche Gegenden unserer Großstädte aus welchem Grund von jungen Leuten bevorzugt werden. Es ist gewissermaßen der Versuch einer Objektivierung dessen, was sonst als reichlich subjektiv wahrgenommen wird. Grundlage dieser Studie sind jeweils 15 Faktoren von der demographischen Struktur über Zu- und Fortzüge bis zum Immobilien- oder Gastronomieangebot, anhand derer die Mikro-Wohnlagen der Städte Berlin, Hamburg, München, Köln, Frankfurt, Stuttgart und Düsseldorf unter die Lupe genommen wurden. (Mikro-Wohnlagen, d.h. Wohnbereiche von 500 mal 500 Meter, deshalb, weil oft nur wenige Schritte über das „Hot or not“ der Wohnlage entscheiden.)
Im einzelnen flossen die WG-Nachfrage relativ zum Durchschnitt der Stadt (10%), die WG-Angebote relativ zum Durchschnitt der Stadt (2,5%), der Fluktuationsindex (5%), der Wanderungssaldo (7,5%), der prozentuale Anteil der 20-25-Jährigen im Stadtteil (5%), die absolute Anzahl der 20-25-Jährigen (5%), die 20-25-Jährigen in Relation zur Stadtteil-Fläche (2,5%), der Anteil der Ein-Personen-Haushalte (7,5%), die absolute Zahl der Einpersonenhaushalte (2,5%), der Anteil der Wohnungen in Mehrparteien-Gebäuden (10%), die Kneipendichte (10%), der preisliche WG-Nachfrage-Mittelwert (12,5%), der preisliche WG-Angebots-Mittelwert (10%) sowie der Preis der Angebotsmieten gem. Immobilienscout (5%) in die Gesamtberechnung ein. Die so theoretisch erreichbare Maximalpunktzahl eines Wohngebiets liegt bei 100 Punkten.

Für Berlin ergibt sich demnach auf der Ebene der Stadtbezirke bzw. größerer Stadtbezirksabschnitte folgendes Bild:

1. Kreuzberg (97)
2. Mitte (95)
3. Friedrichshain (92)
4. Schöneberg (87)
5. Wedding (82,5)
6. Prenzlauer Berg (81)
7. Charlottenburg (80,5)
8. Wilmersdorf (80)
9. Moabit (77,5)
10. Neukölln (72,5)
11. Tiergarten (70,5)
12. Gesundbrunnen (70)
13. Pankow (68,5)
14. Rummelsburg (63,5)
15. Hansaviertel (63)

Klar, die Kreuzberger Nächte sind inzwischen (mindestens!) wieder so lang wie in den 70ern und 80ern, als der Mythos des Bezirks geboren wurde. Und wer hätte das gedacht: Das aufstrebende Wedding liegt jetzt schon vor dem neubürgerlichen und zunehmend „wilmersdorfisierten“ Prenzlauer Berg! Noch vor ein paar Jahren wäre das völlig unvorstellbar gewesen. Aber dass das in den letzten Jahren von Hipstern aus aller Welt okkupierte Neukölln unattraktiver sein soll als das noch immer wenig glamouröse Moabit, mag man kaum glauben. Laut http://www.wg-gesucht.de, die immerhin nach Angaben der Seitenbetreiber auf monatlich 7 Millionen Besucher kommt, sind die derzeit beliebtesten Stadtteile Berlins für WG-Zimmer (Abruf 9.8.14, 18:44 Uhr): Neukölln (811) Friedrichshain (656) Kreuzberg (600) Wedding (549) Prenzlauer Berg (507) Mitte (465) Schöneberg (290) Charlottenburg (285) Lichtenberg (138) Tiergarten (120). Es ist also zu befürchten, dass auch diese aufwendige Studie aufgrund methodischer Schwächen keine abschließende Antwort auf die Frage nach dem coolsten Ort für junge Leute zu geben vermag.

Was wir den Verfassern der Untersuchung aber sofort abkaufen, sind die zehn uncoolsten Gegenden Berlins auf den Plätzen 87 bis 96:

87. Märkisches Viertel (28)
88. Heiligensee (27,5)
89. Dahlem (27)
90. Plänterwald (27)
91. Frohnau (26,5)
92. Kaulsdorf (25)
93. Wittenau (25)
94. Bohnsdorf (24,5)
95. Lübars (24,5)
96. Wannsee (24,5)

Wer als junger Mensch diese Gebiete meidet, hat vermutlich schon vieles richtig gemacht… Ansonsten aber gilt weiter, was schon Tocotronic in den 90ern wussten: „Es gibt nur cool und uncool und wie man sich fühlt.“

Justament April 2014: Berlin Praktikant. Ein Brettspiel

Die Justament-Redaktion präsentiert: Das etwas andere Karriere-Spiel aus der Hauptstadt

Thomas Claer

DIGITAL CAMERAHundert Jahre nach „Mensch ärgere dich nicht!“ (über das sich schon Generationen schwarzgeärgert haben) und achtzig Jahre nach „Monopoly“ (das schon unzählige Wirtschaftskrisen überdauert hat) ist die Zeit reif für ein neues Brettspiel auf der Höhe des Zeitgeistes: Berlin Praktikant.

Und so funktioniert es:

Du bist Praktikant bei einer IT-Start-up-Firma in Friedrichshain und hast zunächst nur ein kümmerliches Einkommen. Du wohnst bei Freunden und frisst dich bei denen durch. Bald entdeckst du aber, dass es in dieser Stadt eine Menge Möglichkeiten gibt, sich noch etwas hinzuzuverdienen, doch auch so einige Gefahren lauern auf dich. Durch Zufalls-Karten kannst du zum Projektleiter in deiner Firma oder sogar zum Firmenchef aufsteigen, eine Erbschaft machen oder nachts als Barkeeper im „Berghain“ arbeiten. Wenn du Pech hast, wird dir aber im Wedding dein Smartphone geraubt, in Kreuzberg dein Auto angezündet oder du wirst beim Schwarzfahren in der S-Bahn erwischt.
Kommst du auf deinem Weg durch Berlin auf die entsprechenden Felder, kannst du mehrere Wohnungen, WG-Zimmer oder Schlafplätze mieten und sie mit Gewinn an Neu-Berliner untervermieten. Mit den richtigen Zufalls-Karten kannst du deine gemieteten Wohnungen sogar noch deutlich lukrativer an reiche Russen oder als Ferienwohnung für Touristen untervermieten. Es kann aber auch passieren, dass deine Freundin Geburtstag hat und du ihr, um sie bei Laune zu halten, ein teures Geschenk machen musst. Oder du machst mit ihr einen kostspieligen Urlaub. Womöglich wirst du sogar zu einer Geldstrafe verurteilt, weil du in deinem Wohnungsinserat die Schwaben diskriminiert hast. Oder aber Mark Zuckerberg macht ein milliardenschweres Übernahmeangebot für deine IT-Firma. Ziel des Spieles ist es, Runde für Runde so viel Geld anzuhäufen, dass du als erster die einzige Eigentumswohnung auf dem Spielfeld kaufen kannst, ein 20 qm großes 1 Zi-Appartment mit Kochnische in Mitte für 100.000 Euro. Wer genug Geld zusammen hat, läuft den Umweg “Unter den Linden”, um auf das Feld mit der Wohnung zu kommen. Sobald einer der Spieler die Wohnung erworben hat, ist das Spiel zu Ende und alle zählen ihr Geld.

Zubehör:

1 Spielplan, 1 Würfel, 6 Spielfiguren, 168 Spielgeld-Scheine: 24 mal 10.000 Euro (Motiv: Angela Merkel), 24 mal 5.000 Euro (Motiv: Joachim Gauck), 48 mal 1.000 Euro (Motiv: Klaus Wowereit), 72 mal 500 Euro (Motiv: Bushido), 15 Zufallskarten, 30 Wohnungs- bzw. Schlafplatz- bzw. WG-Zimmer-Karten

Spielanleitung:

Zu Beginn des Spiels versammeln sich alle Spieler mit ihren Figuren auf dem Feld „Start“. Die Runde betraut den vertrauenswürdigsten Mitspieler damit, ehrenamtlich und nebenher als Direktor der Berliner Sparkasse zu fungieren. Der Sparkassendirektor verwaltet und betreut sämtliche Geldscheine, Zufallskarten sowie die Wohnungs-, WG-Zimmer- und Schlafplatzkarten und gibt diese, wenn es der Spielverlauf erfordert, an die Mitspieler oder an sich selbst aus. Er mischt die Zufallskarten gut durch und legt sie gestapelt mit der Schrift nach unten auf den Tisch. Später nimmt er, sobald ein Spieler auf ein Zufallsfeld (rot) kommt, jeweils die oberste Karte vom Stapel und liest sie der Runde vor. Anschließend kommt die Karte wieder unter den Stapel.
Einmalig erhält jeder Spieler vom Sparkassendirektor ein Startkapital von 500 Euro ausgehändigt. Der älteste Mitspieler in der Runde beginnt mit dem Würfeln und setzt seine Figur auf dem Spielfeld in Pfeilrichtung entsprechend der geworfenen Augenzahl nach vorne. Die anderen Mitspieler folgen im Uhrzeigersinn mit dem Würfeln und verfahren ebenso. Immer, wenn ein Spieler über (nicht nur auf) das Feld „IT-Firma“ kommt, erhält er seinen jährlichen Praktikantenlohn von zunächst 6.000 Euro (entspricht zwölf Mal 500 Euro pro Monat) ausbezahlt. Wer auf ein Wohnungs-/ WG-Zimmer-/ Schlafplatz-Feld (grün mit Hausnummer) kommt, kann diese Wohnung/ dieses WG-Zimmer/ diesen Schlafplatz mieten und erhält dauerhaft die entsprechende Spielkarte. Auf dieser ist die Höhe des jährlichen Gewinns vermerkt, der durch Untervermietung der Wohnung/ des WG-Zimmers/ des Schlafplatzes an Neu-Berliner erzielt wird. Immer, wenn ein Spieler über (nicht nur auf) das Feld „Berliner Sparkasse“ kommt, wird ihm der aus allen seinen gemieteten Wohnungen zusammen erzielte Jahresgewinn ausgezahlt.
Wer die erforderlichen 100.000 Euro angespart hat, darf die begehrte Eigentumswohnung in Mitte kaufen, wenn er auf das Feld „Unter den Linden 10“ oder auf das Feld „Unter den Linden 11“ kommt. Um die Wohnung schneller erwerben zu können, dürfen die Spieler sich zu diesem Zweck auch gegenseitig Geld leihen und untereinander strategische Partnerschaften eingehen.

Berlin Praktikant. Das etwas andere Karriere-Spiel aus der Hauptstadt
Idee, Konzept und Vertrieb: Redaktion Justament (www.justament.de)
Design und Herstellung (handgezeichnet, handgeschnitten, handgeklebt): Joachim Claer
© Thomas Claer 2014
Preis: 15 Euro (inkl. Versandkosten und Verpackung) per Vorkasse
Zu bestellen nur direkt bei der Justament-Redaktion per E-Mail an: justament@lexxion.de. Bitte Lieferadresse angeben!

www.justament.de, 3.2.2014: Szene schlägt gutbürgerlich

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Gründerzeithäuser in Berlin (Foto: TC)

Im Berliner Wohnungsmarkt spiegelt sich, was gerade in der Stadt passiert

Thomas Claer

Wenn man nach ein paar Jahren der Abwesenheit in eine asiatische Großstadt kommt, dann erkennt man dort vieles nicht mehr wieder, weil sich alles so rasend schnell verändert. Hier in Europa dagegen verläuft der Wandel, wenn er denn überhaupt mal stattfindet, eher langsam und geordnet. Doch in unserer fröhlich-verrückten deutschen Hauptstadt ticken die Uhren bekanntlich anders. Und so springt dem Leser des brandneuen GSW-Wohnmarktreports nicht nur die allgemeine Explosion der Miet- und Immobilienpreise seit etwa fünf Jahren, insbesondere in zentralen Citylagen, ins Auge, sondern auch die vollständige Verwandlung früherer Problemgebiete in Hochpreislagen in kürzester Zeit. Die Rede soll ausdrücklich nicht von Prenzlauer Berg und Friedrichshain sein, wo diese Entwicklung schon gleich nach der Wende eingesetzt hat und nach langen Jahren des Szenekiez-Daseins inzwischen wohl fast an ihrem finalen neubürgerlichen Endpunkt angekommen ist. In Kreuzberg, dem Bezirk der sprichwörtlich langen Nächte,  war dieser Prozess sogar noch langwieriger und von ernsthaften Brüchen begleitet, man denke nur an die vorübergehende Abwanderung relevanter Teile der dortigen „Szene“ in die hipperen Ostbezirke nach dem Mauerfall. Aber dass es eine Gegend innerhalb weniger Jahre vom hinterletzten Igitt-Bezirk zum absoluten Hotspot bringt, das macht Berlin so schnell keiner nach: Gestern noch Rütli-Schule, Intensivtäter-Jugendbanden und vermüllte Gehwege, heute Szene-Bars, Luxus-Wohnungen und bepflanzte Baumscheiben – das ist der Norden von Neukölln!

Das ganze Ausmaß dieser Metamorphose wird aber erst deutlich, wenn man die Zahlen des aktuellen GSW-Reports für 2013 mit denen von 2008 vergleicht und von den etwas irreführenden Neubezirksgrenzen auf die wesentlich  kleinteiligeren Altbezirksgrenzen von vor der Gebietsreform von 2002 zurückrechnet. Und genau das habe ich getan. Hier das Ergebnis:

Wohnkosten in Berliner Bezirken (Angebotskaltmiete pro qm) gem. GSW-Wohnreport 2013 (2008) nach Alt-Bezirken und ihre Sozialstruktur

1. Mitte (Alt): 11,96 (9,54) +25,4% (alternativ/repräsentativ)
2. Prenzlauer Berg: 10,18 (7,32) +39,1% (alternativ/neubürgerlich)
3. Kreuzberg: 10,14 (6,37) +59,2% (alternativ/lebendig)
4. Friedrichshain: 9,67 (6,60) +46,5% (alternativ/lebendig)
5. Wilmersdorf: 9,55 (8,06) +18,5% (großbürgerlich/bürgerlich)
6. Schöneberg: 9,18 (7,24) +26,8% (bürgerlich/lebendig)
7. Charlottenburg: 9,12 (7,24) +26,0% (großbürgerlich/lebendig)
8. Zehlendorf: 9,02 (7,94) +13,6% (großbürgerlich/bürgerlich)
9. Tiergarten: 8,80 (6,33) +39,0% (gemischt/lebendig)
10. Steglitz: 8,05 (6,45) +24,8% (bürgerlich/kleinbürgerlich)
11. Lichtenberg: 7,55 (5,50) +37,3% (proletarisch/kleinbürgerlich)
12. Weißensee: 7,54 (5,65) +33,5% (bürgerlich)
13. Neukölln*: 7,47 (5,23) +42,8% (alternativ/proletarisch)
14. Pankow: 7,47 (5,99) +24,7% (bürgerlich/lebendig)
15. Wedding: 7,26 (5,26) +38,0% (proletarisch/lebendig)
16. Köpenick: 7,19 (6,11) +17,7% (bürgerlich/proletarisch)
17. Tempelhof: 7,05 (5,82) +21,1% (kleinbürgerlich/bürgerlich)
18. Treptow: 7,01 (5,47) +28,2% (proletarisch/lebendig)
19. Reinickendorf: 6,73 (5,76) +16,9% (kleinbürgerlich/bürgerlich)
20. Hohenschönhausen: 6,69 (5,96) +12,3% (proletarisch/gemischt)
21. Spandau: 6,32 (5,43) +16,4% (kleinbürgerlich/lebendig)
22. Hellersdorf: 6,29 (5,30) +18,7% (proletarisch/gemischt)
23. Marzahn: 5,57 (4,85) +14,8% (proletarisch/gemischt)

* Neukölln-Nord: 8,26 (5,08) +62,6% (alternativ/proletarisch)
Neukölln-Süd: 6,67 (5,41) +23,3% (kleinbürgerl./proletarisch)

Top 20 der Postleitzahlbezirke nach Höhe der Angebotskaltmiete pro qm 2013 (2008)

1.   10117 Unter den Linden (Mitte): 13,11 (12,60) + 4,1%
2.   10178 Hackescher Markt/ Alexanderplatz (Mitte): 13,00 (10,30) +26,3%
3.   10119 Rosenthaler Platz (Mitte): 12,21 (9,00) +35,7%
4.   10435 Kollwitzplatz (Prenzlauer Berg): 11,93 (8,60 ) +38,7%
5.   10115 Chausseestraße (Mitte): 11,50 (8,40) +36,9%
6.   10623 Savignyplatz (Charlottenburg): 11,50 (9,00) +27,8%
7.   10719 Ludwigkirchplatz/ Kurfürstendamm (Wilmersdorf): 11,28 (9,70) +16,3 %
8.   10785 Potsdamer Platz (Tiergarten): 11,23 (7,80) +44,0%
9 .  10967 Graefestraße (Kreuzberg): 10,99 (6,30) +74,4%
10. 10707 Olivaer Platz / Kurfürstendamm (Wilmersdorf): 10,87 (8,40) +29,4%
11.  10405 Prenzlauer Allee (Prenzlauer Berg): 10,56 (7,80) +35,4%
12. 10629 Sybelstraße/ Kurfürstendamm (Charlottenburg): 10,56 (9,00) +17,3%
13. 10965 Mehringdamm / Bergmannstraße (Kreuzberg): 10,55 (6,30) +67,5%
14. 10961 Gneisenaustraße (Kreuzberg): 10,52 (6,80) +54,7%
15. 10437 Helmholtzplatz (Prenzlauer Berg): 10,51 (7,70) +36,5%
16. 10999 Görlitzer Park (Kreuzberg): 10,50 (6,20) +69,4%
17. 14195 Dahlem (Zehlendorf): 10,50 (9,40) +11,7%
18. 14193 Grunewald (Wilmersdorf): 10,48 (10,60) – 1,1%
19. 10997 Wrangelstraße / Paul-Lincke-Ufer (Kreuzberg): 10,42 (6,30) +65,4%
20. 12047 Maybachufer („Kreuzkölln“) (Neukölln): 10,03 (5,50) +82,4%

Gebiete mit dem stärksten Anstieg der Angebotskaltmieten im Fünfjahreszeitraum

1. 12047 Maybachufer („Kreuzkölln“) (Neukölln): 10,03 (5,50) +82,4%
2. 12043 Rathaus Neukölln (Neukölln): 8,95 (5,00) +79,0%
3. 12053 Rollbergstraße (Neukölln): 8,76 (4,90) +78,8%
4. 12045 Sonnenallee Nord (Neukölln): 9,21 (5,20) +77,1%
5. 10967 Graefestraße (Kreuzberg): 10,99 (6,30) +74,4%
6. 12049 Hermannstraße West /Reuterkiez (Neukölln): 8,86 (5,10) +73,7%
7. 10367 Am Stadtpark /Frankfurter Allee (Lichtenberg): 9,21 (5,40) +70,6%
8. 12059 Weigandufer (Neukölln): 8,50 (5,00) +70,0%
9. 10999 Görlitzer Park (Kreuzberg): 10,50 (6,20) +69,4%
10. 10965 Mehringdamm / Bergmannstraße (Kreuzberg): 10,55 (6,30) +67,5%
11. 12051 Hermannstraße Süd (Neukölln): 8,33 (5,00) +66,6%
12. 10997 Wrangelstraße / Paul-Lincke-Ufer (Kreuzberg): 10,42 (6,30) +65,4%
13. 12055 Richardplatz (Neukölln): 8,00 (5,00) +60,0%
14. 13051 Malchow (Hohenschönhausen): 7,24 (4,60) +57,4%
15. 10783 Bülowbogen/Bülowstraße (Schöneberg): 8,77 (5,60) +56,6%
16. 10553 Beusselstraße (Moabit): 7,96 (5,10) +56,1%
17. 10961 Gneisenaustraße (Kreuzberg): 10,52 (6,80) +54,7%
18. 13359 Soldiner Straße (Wedding): 7,24 (4,70) +54,0%
19. 10823 Alt-Schöneberg /Eisenacher Str. (Schöneberg): 9,63 (6,30) +52,9%
20. 10827 Crellestraße/Kleistpark (Schöneberg): 9,00 (5,90) +52,5%
21. 10439 Arnimplatz (Prenzlauer Berg): 9,75 (6,50) +50,0%
22. 13351 Rehberge (Wedding): 7,50 (5,00) +50,0%
23. 10963 Kreuzberg-West / Möckernbrücke (Kreuzberg): 10,00 (6,70) +49,3%
24. 12435 Treptower Park (Treptow): 8,51 (5,70) +49,3%
25. 10249 Volkspark Friedrichshain (Friedrichshain): 9,75 (6,60) +47,7%

Die Zahlen sprechen für sich, meine ich. Wenn sie sich auch durch den Umstand relativieren lassen, dass die durchschnittliche Größe der Wohnungen in den Szenekiezen meist sehr niedrig ist und die absolute Wohnkostenbelastung daher trotz Spitzenmieten nicht weit über der in durchschnittlichen Lagen liegt, so ist es doch bemerkenswert, wie viele Menschen das relativ teure Leben auf engem Raum in den angesagten Innenstadtlagen goutieren. Wohl nirgendwo sonst gilt so sehr wie auf dem Wohnungsmarkt, dass sich einmal etablierte Trends meist sehr viel länger fortsetzen als gedacht. Doch hat der aktuelle GSW-Report noch eine andere auffällige Tendenz ans Licht gebracht: Während die Neu-Berliner (natürlich!) bevorzugt in die zentralen Szene-Kieze ziehen, weichen die alteingesessenen Berliner zunehmend in weniger zentrale Lagen aus. Daraus mag jeder seine eigenen Schlüsse ziehen..

Justament April 2013: Kapital will sich amüsieren

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Haus in Moabit (Foto: TC)

Der anhaltende Hauptstadt-Boom sorgt auch für  Goldgräberstimmung auf dem Berliner Immobilienmarkt

Thomas Claer

Ein Szenebezirk funktioniert ungefähr so, wie es die Band Tocotronic schon vor 14 Jahren beschrieben hat: „Hier in unserer Straße / Sind wir fröhlich und entspannt / Wir reden meistens über etwas / Das uns auf den Nägeln brennt / An jeder Ecke stehen Menschen / Deren Meinung uns gefällt / Und der Himmel ist ganz blau / Weil er Ozon enthält.“ Hier ist die Welt der jungen Leute noch in Ordnung, aber ein solches Glück kann nie von Dauer sein: „Das dunkle Königreich wird nicht mehr aufzuhalten sein / Das Schlechte in der Welt bricht nunmehr über uns hinein“ Ganz einerlei, ob hiermit vielleicht auch der irgendwann drohende Eintritt ins Berufsleben oder das Erwachsenwerden schlechthin gemeint waren. Zu den dunklen Mächten, von denen hier geraunt wird, zählt zweifellos der massive Kapitalzufluss in die hippen, von Studenten und Künstlern bewohnten Gegenden unserer Großstädte, der die schönen Altbauwohnungen teuer werden lässt und die kreative Klasse womöglich irgendwann von dort verdrängen wird.
Auf dem Wohnimmobilienmarkt hat sich in den vergangenen Jahrzehnten nämlich eine markante Veränderung vollzogen: Zwar gibt es auch weiterhin Interessenten fürs „Häuschen im Grünen“, das Reihenhaus oder die Doppelhaushälfte, wo sich die geneigte Familie fernab von Lärm und Lastern der Innenstädte wohlfühlen kann. Die Musik aber spielt seit geraumer Zeit in den immer begehrter werdenden zentralen Citylagen, je studentischer und alternativer geprägt, desto besser. Das große Geld, das einst die Ruhe der Vorstädte schätzte, langweilt sich heute dort und will sich viel lieber in den zentralen Lagen amüsieren. Wie das aussehen kann, lässt sich insbesondere in unserer von der Jugend der Welt so heiß geliebten Hauptstadt beobachten, deren Innenstadt längst einer einzigen Partymeile gleicht.
Der australische Musiker Robert F. Coleman schrieb vor einigen Monaten in der New York Times über einen Sommer mit seinen Bandkollegen in Berlin-Neukölln: „Um uns wimmelte es von Bars, Parks, Mädchen und Tischtennisplatten. Wir waren in einem hedonistischen Paradies gelandet. Das Bier war billiger als Mineralwasser, die Drogen mühelos zu beschaffen, die beste Tanzmusik der Welt an jedem beliebigen Wochentag in Reichweite… Hier (war) das Seltsame normaler als das Normale: Eltern mit XL-Bierflaschen in der Hand sehen ihren Kindern beim Schaukeln zu, Nudisten sonnen sich in öffentlichen Parks, ehemalige Stasispitzel sitzen in ihren Stammkneipen und murmeln in ihre Drinks. Überall um uns brummten die Cafés, lesende, redende, lachende Menschen säumten die Kanalufer, die riesigen Parks waren voller Picknickdecken, Grillrauch und Sonnenschein. Bloß schien niemand zu arbeiten. Ich kam mir irgendwie ausgetrickst vor. Das Leben war einfach zu leicht. Der Alltagsstress, an den wir gewöhnt waren, existierte nicht, er wurde jede Nacht durch ein neues Abenteuer verdrängt: Partys in leer stehenden Schwimmbädern, Raves auf verlassenen Flugplätzen, Nachtclubs, die tagelang geöffnet blieben … Es gab zu wenig Grenzen – und uns fehlte die Willensstärke, um Nein zu sagen. Die unerklärliche Energie der Stadt hatte uns gepackt… Eines Tages – ich starrte gerade eine Nudistin in der Hasenheide an – merkte ich, dass wir in einer Art Künstler-Paradox feststeckten …“
Das Problem ist nur: Wenn eines Tages nur noch Reiche in der Berliner Innenstadt leben, wer soll dann für die gute Stimmung sorgen?

1. Mitte (Alt): 11,09 (9,54)/ +16,2%/ zentral/ alternativ/repräsentativ

2. Prenzlauer Berg: 9,38 (7,32)/ +28,1 %/ zentral/ alternativ/neubürgerlich

3. Wilmersdorf: 9,07 (8,06)/ +12,5 %/ zentral/ großbürgerlich/bürgerlich

4. Kreuzberg: 8,91 (6,37)/ +39,9 %/ zentral/ alternativ/lebendig

5. Zehlendorf: 8,75 (7,94)/ +10,2 %/ Randlage/ großbürgerlich/bürgerlich

6. Friedrichshain: 8,65 (6,60)/+31,1 %/ zentral/ alternativ/lebendig

7. Schöneberg: 8,52 (7,24)/+17,7 %/ zentral/ bürgerlich/lebendig

8. Charlottenburg: 8,33 (7,24)/ +15,0 %/ zentral/ großbürgerlich/lebendig

9. Tiergarten: 8,15 (6,33)/ +28,7  %/ zentral/ gemischt/lebendig

10. Steglitz: 7,46 (6,45)/ +15,7 %/ Randlage/ bürgerlich/kleinbürgerlich

11. Neukölln*: 7,05 (5,23)/ +34,8 %/ zentral/ alternativ/proletarisch

12. Pankow: 7,01 (5,99)/ +17,0 %/ Randlage/ bürgerlich/lebendig

13. Weißensee: 6,93 (5,65)/ +16,3 %/ Randlage/ bürgerlich

14. Tempelhof: 6,80 (5,82)/ +16,8 %/ Randlage/ kleinbürgerlich/bürgerlich

15. Lichtenberg: 6,79 (5,50)/ +18,2 %/ Randlage/ proletarisch/kleinbürgerlich

16. Köpenick: 6,79 (6,11)/ +11,1 %/ außerhalb/ bürgerlich/proletarisch

17. Treptow: 6,57 (5,47)/ +20,1 %/ Randlage/ proletarisch/lebendig

18. Wedding: 6,56 (5,26)/ +24,7 %/ zentral/ proletarisch/lebendig

19. Reinickendorf: 6,53 (5,76)/ +13,4 %/ Randlage/ kleinbürgerlich/bürgerlich

20. Spandau: 5,99 (5,43)/ +10,3 %/ außerhalb/ kleinbürgerlich/lebendig

21. Hohenschönhausen: 5,96 (5,96)/  +/-0,0 %/ außerhalb/ proletarisch/gemischt

22. Hellersdorf: 5,81 (5,30)/ + 9,6 %/ außerhalb/ proletarisch/gemischt

23. Marzahn: 5,39 (4,85)/ +11,1 %/ außerhalb/ proletarisch/gemischt

* Neukölln-Nord: 7,69 (5,08)/ + 51,4 %/ zentral/ alternativ/proletarisch

Neukölln-Süd: 6,24 (5,41)/ +15,3 %/ Randlage/ kleinbürgerlich

Angebotskaltmieten in Berliner „Altbezirken“ nach Medianwerten 2012 (2008)/ Veränderung/ Lage /Sozialstruktur (Aufstellung gemäß Bezirksgrenzen vor der Gebietsreform 2002, weil so differenzierteres Bild möglich). Quelle: GSW-Report, eigene Berechnungen.

Justament Sept. 2012: Geplatzte Übernahme

Wie zwei koreanische Studenten in Berlin beinahe Millionäre geworden wären

Thomas Claer

Die Geburtsstunde der sozialen Online-Netzwerke war nicht etwa die Gründung von Facebook am 4. Februar 2004 in Harvard (und auch weder die von Mark Zuckerbergs Vorläufer-Projekt  facemash.com im Oktober 2003 noch die des amerikanischen Konkurrenten Myspace im Juli 2003). Zu dieser Zeit war im fernen Technik-Pionierland Südkorea nämlich längst ein Online-Dienst namens Cyworld (gegründet 1998) mit Millionen Nutzern etabliert, der es allerdings (noch) weniger streng mit dem Datenschutz hielt als später Facebook: Was jemand auf seine persönliche Cyworld-Seite gestellt hatte, war grundsätzlich für jeden einsehbar, der sich bei diesem Netzwerk angemeldet hatte. Es gab dort also nur „Freunde“.
Dass sich das Konzept dieser werbefinanzierten „Mini-Homepages“, wie man damals sagte, irgendwann auch außerhalb von Fernost umsetzen ließe, das wurde damals noch überwiegend bezweifelt. Vor allem zu Deutschland, wo die Skepsis gegenüber technischen Innovationen traditionell vergleichsweise stark ist, schien diese neue Form der Selbst-Präsentation und Kommunikation nicht so recht zu passen. Doch Chol-Soo Kim und Jae-Gang Lee (Namen von der Redaktion geändert), zwei damalige Studenten aus Südkorea in Berlin, denen Cyworld aus ihrer Heimat gut bekannt war, wollten sich damit nicht abfinden. Sie taten im Jahr 2004 das, was auch heute noch Tausende „junge Kreative“ in Berlin tun: Sie gründeten ein „Startup“. Das soziale Netzwerk „n-pool.de“ war geboren und hatte nach einigen Monaten bereits ein paar hundert Nutzer, vor allem unter Deutsch-Koreanern. Kim und Lee gingen nun in die Vollen, liehen sich Geld im Freundes- und Bekanntenkreis, auch aus ihren Familien, mieteten Büroräume zunächst im bescheidenen Moabit, später sogar in bester Lage am Nollendorfplatz, und stellten junge und hochmotivierte Mitarbeiter ein, vor allem Praktikanten, die zu finden in Berlin nie ein Problem ist, wo auch heute noch fast jeder am liebsten „irgendwas mit Medien“ machen möchte. Bald stieg die Nutzerzahl auf einige tausend. Und so langsam gab es auch Interessenten aus der Medienindustrie, die das nächste „große Ding“ witterten. Ein Großunternehmen aus Gütersloh lud Kim und Lee zu konkreten Übernahmegesprächen. Man hatte sich bereits auf einen Preis von einer Million Euro geeinigt (angesichts des erwarteten Potentials von N-Pool eher „Peanuts“), die Konzernzentrale sollte es nur noch absegnen. Doch darauf warteten Kim und Lee, die sich zwischenzeitlich schon als Millionäre gefühlt hatten, vergeblich. Lag es vielleicht am Manga-Design der Seite, das damals – anders als heute – noch keinen deutschen Jugendlichen hinter dem Ofen hervorlocken konnte? Auch die Verhandlungen mit anderen Kaufanwärtern scheiterten. Kim und Lee wuchsen die laufenden Kosten über den Kopf – sie mussten aufgeben. N-Pool ging 2006 vom Netz. Wenig später wurde das im November 2005 gegründete Studi-VZ zum großen Renner, welches seinerseits nach einigen Jahren vom Giganten Facebook überholt wurde.