Category Archives: Über Filme

www.justament.de, 22.5.2017: Ästhetik des Schreckens

Recht cineastisch, Teil 29: „Tiger Girl“ von Jakob Lass

Thomas Claer

Als Berliner lebt man bekanntlich gefährlich. Auf der Rolltreppe zur U-Bahn stehend kann man hinterrücks einen Fußtritt bekommen und sich beim Sturz nach vorne alle Knochen brechen. Man kann auch von jemandem auf die U-Bahn-Gleise geschubst werden, während man auf den Zug wartet. Oder einem wird von Unbekannten ohne Grund ins Gesicht geschlagen. Es ist schon beunruhigend, dass Leute herumlaufen, die einfach Spaß an der Gewalt gegen ihre Mitmenschen haben. Nun gibt es einen Film, der sich mit diesem Menschenschlag näher beschäftigt: „Tiger Girl“ von Jakob Lass. Natürlich ist das echtes Berliner Underground-Kino aus Neukölln, nur diesmal herausgebracht vom Branchen-Major Constantin Film, das auf die früheren Indie-Produktionen von Jakob Lass und seinen Mitstreitern aufmerksam geworden ist. Ein wilder, ein verstörender Film, der handwerklich außerordentlich gut gemacht ist: Alle Dialoge sind improvisiert, die Kameraführung verwegen.
Die Geschichte, die hier erzählt wird, kann einem allerdings kalte Schauer über den Rücken jagen: Margarethe Fischer, eine junge Dame um die 20, ist durch die Polizeiaufnahmeprüfung gefallen und absolviert nun eine Ausbildung bei einem privaten Security-Dienst. Anfangs ist sie noch höflich und zurückhaltend, bis sie auf eine andere junge Dame trifft, die sich Tiger Girl nennt und das komplette Gegenteil von ihr ist. Tiger Girl, die mit zwei Jungs abwechselnd illegal auf einem Dachboden und in einem stillgelegten Bus lebt, hilft Margarethe, die sie auf den Namen Vanilla tauft, durch imponierende Prügeleinlagen mit und ohne Baseballschläger mehrfach aus der Patsche und wird so zum Vorbild für diese – und zugleich zu ihrer besten Freundin. Nach und nach wird „Vanilla“ zu einem anderen Menschen, indem sie Tiger Girls programmatische Ratschläge beherzigt wie „Höflichkeit ist eine Art Gewalt. Gewalt gegen dich selbst.“ oder „Du musst einfach sagen, was du willst, und dann kriegst du’s auch.“ Schließlich marodieren die beiden pöbelnd, raubend und prügelnd durch die Straßen Berlins. Frei nach Schnauze suchen sie sich ihre Opfer aus. Sogar noch besser klappt es in geklauten Polizeiuniformen.
Das, um es zurückhaltend zu sagen, Irritierende an diesem Film ist dessen ausgestellte Sympathie für seine Protagonistinnen. Und, was nicht minder irritierend ist, auch eine ganze Reihe von Kritikerkollegen ist schier aus dem Häuschen: „Ein Film, nach dem man Lust hat, jemanden zu verprügeln“, befindet Juliane Liebert in der Süddeutschen Zeitung. Und sie führt weiter aus: „Gerade das ist toll an ‚Tiger Girl‘. Keine Moral. Keine Rettung. Dafür Frauen, die nicht in Willenlosigkeit vor sich hin wabern. Aber was heißt ‚Frauen‘: Jakob Lass zeigt selbstbewusst und eigenverantwortlich handelnde Menschen.“ Puh, das kann man nun aber wirklich nicht so stehen lassen. Wenn schon, dann zeigt dieser Film Menschen, konkret gesagt: Frauen, die sich in unverantwortlichster Weise gehen lassen, denen alle zivilisatorischen Sicherungen durchbrennen. Und es stecken fatale Botschaften in ihm, die seinen Machern wohl kaum bewusst gewesen sein dürften. Etwa die, dass der demokratische Rechtsstaat offenbar seine liebe Mühe hat, mit einem solchen Täter-Kaliber fertig zu werden, während solche Schlägerinnen z.B. unter Putin oder Erdogan ganz schnell und ohne viel Aufhebens auf Nimmerwiedersehen im Knast oder Arbeitslager verschwänden. Sind Filmemacher wie Jakob Lass also die nützlichen Idioten der autoritären Herrscher?
Natürlich nicht nur. Denn auf einer rein ästhetischen Ebene kann „Tiger Girl“ durchaus überzeugen. Hier wird eine Geschichte erzählt, so kann man es ja auch sehen, die auf alle Korrektheiten pfeift. So wie, sagen wir, „In Stahlgewittern“ von Ernst Jünger. Ästhetik des Schreckens nennt man so etwas. Ganz ohne Moral. Anhand dieses Films lässt sich also noch einmal über die große Frage nach der Autonomie der Kunst nachdenken.

Tiger Girl
D 2017
Länge: 90 Minuten
Regie: Jakob Lass
Drehbuch: Jakob Lass, Ines Schiller, Hannah Schopf, Nicholas Woche, Eva-Maria Reimer
Musik: Golo Schultz
Darsteller: Maria Dragus (Vanilla), Ella Rumpf (Tiger) u.v.a.
GSK: 16

www.justament.de, 20.3.2017: Geteilte Stadt der Engel

Recht cineastisch Spezial: Vor 30 Jahren erschien „Der Himmel über Berlin“. Ein persönlicher Rückblick

Thomas Claer

Mein Gott, was für ein großartiger Film! Und ich habe es nicht gemerkt! Damals, in den Neunzigern, als Jurastudent in Bielefeld, sah ich zum ersten Mal dieses fantastische Drama von Wim Wenders – und konnte nicht viel damit anfangen. Zwei Engel in Menschengestalt (Bruno Ganz und Otto Sander als verdammt junge Männer) landen in West-Berlin und durchwandern ausgiebig die geteilte Stadt, machen dabei sogar einen Abstecher in den Osten. Sie sind unsichtbar für die Menschen, können dafür aber hören, was diese denken. Die beiden Engel fahren U-Bahn, besuchen die Staatsbibliothek, stehen am damals noch ruinenhaften Potsdamer Platz, wo ein sehr alter Mann von sehr fernen Zeiten fabuliert, als hier noch pralles Leben getobt habe. Sie ziehen durch die Straßen von Schöneberg und Kreuzberg mit ihren damals noch grauen, kaputten Häusern. Und dann landen sie in einem Kreuzberger Keller, wo zwei Bands aus Australien, Crime & the City Solution und Nick Cave & the Bad Seeds, eine unglaubliche Musik spielen. Zwei japanische Mädchen, und wohl nicht nur sie, erleben dabei, ausweislich ihrer von den Engeln belauschten Gedanken, überwältigende Glücksgefühle.
Doch all diese magischen Momente ließen mich damals kalt. Ich empfand die Handlung als ziemlich langatmig. (Das in der Tat etwas verschwurbelte Drehbuch hat der notorisch verschwurbelte Peter Handke geschrieben). Die Liebesgeschichte zwischen dem Engel Damiel (Bruno Ganz) und der Menschenfrau Marion (Solveig Dommartin), einer Zirkusakrobatin, die seinerzeit auf mich recht tantig wirkte, fand ich nur schwer nachvollziehbar. (Aus heutiger Sicht hingegen – inzwischen bin ich selbst so alt wie damals Bruno Ganz – erscheint mir Marion als durchaus attraktiv.) Vor allem aber war ich blind für all die schönen poetischen Bilder, aus denen dieser Film besteht. Und noch weit weg von Berlin, das mir später für all das die Augen öffnen sollte.
Eine Szene des Films spielt an der erst vor einem Jahr verschwundenen Imbissbude am U-Bahnhof Güntzelstraße, in unmittelbarer Nähe zu den Räumen unseres Lexxion Verlags. Und auf dem Weg in die Verlagsräume sah ich früher an warmen Tagen oft Otto Sander, der gleich um die Ecke wohnte, bei einem Glas Rotwein im Straßencafé sitzen. Ganz nah an seiner einstigen Wirkungsstätte. Dieser Film hat wie kaum ein anderer den Zauber dieser Stadt eingefangen.

www.justament.de, 10.10.2016: Ein Hoch auf die Walachei!

Recht cineastisch, Teil 28: „Tschick“ von Fatih Akin

Thomas Claer

tschickWelcher 14-Jährige würde sich schon so etwas trauen: einen alten Lada zu klauen und damit einfach abzuhauen, ohne genau zu wissen wohin, außer dass es von Berlin-Marzahn aus in die Walachei gehen soll, die in diesem Fall irgendwo südlich von Berlin liegt und zu einem unbestimmten Sehnsuchtsort wird. Maik Klingenberg jedenfalls, der Held in Wolfgang Herrndorfs Roman Tschick, hätte sich das normalerweise eher nicht getraut. Aber es gibt ja noch seinen neuen Mitschüler Andrej, den russischen Spätaussiedler, der wegen seines zungenbrecherischen Familiennamens nur Tschick genannt wird. Und als dieser zu Beginn der Sommerferien mit einem geklauten Lada bei Maik aufkreuzt, fahren die beiden einfach los, und es beginnt eine märchenhafte Odyssee, denn Landkarten sind laut Tschick „was für Muschis“.
Klar, dieser Stoff aus Herrndorfs mittlerweile sechs Jahre altem Bestseller schrie regelrecht nach seiner Verfilmung. Und Fatih Akin kam, sah – und hat geliefert. Vor allem in der Auswahl der Schauspieler beweist der zu Recht gefeierte deutsch-türkische Regisseur mal wieder ein exzellentes Händchen. Es genügt vollkommen, dass Tristan Göbel und Anand Batbileg sich selbst spielen, alles andere fügt sich hier gleichsam von allein. Auch dass einem die von Maik so verzweifelt angebetete Klassenschönheit Tatjana Cosic (Aniya Wendel) doch eigentlich recht banal vorkommt, passt ins Bild. So ist das in der Pubertät, wenn die erwachenden Hormone zu tanzen beginnen und den Verstand benebeln… Blendend rüber kommen auch die erfrischenden Dialoge zwischen den beiden jungen Abenteurern. Tschick hat die lustige Eigenheit, dass er stets ein immenses Halbwissen parat hat und mit seinen sehr bestimmt vorgebrachten Behauptungen immer wieder deutlich neben der jeweiligen Sache liegt. Unterwegs treffen die beiden auf die merkwürdigsten Typen und kommen in die aberwitzigsten Situationen. Und am Ende ist zwischen den beiden Protagonisten dann eine wunderbare Freundschaft entstanden, wie sie so wohl nur Teenager schließen können. Ein großer Kino-Spaß.

Tschick
Deutschland 2016
Regie: Fatih Akin
Drehbuch: Lars Hubrich, Hark Bohm, Fatih Akin
Darsteller: Tristan Göbel, Anand Batbileg, Mercedes Müller, Aniya Wendel u.v.a.

P.S.: Wer es den Helden dieses Filmes gleichtun, dabei aber juristisch sauber bleiben will, kann hier einen Lada (Baujahr 1981) mieten, um von Berlin aus die Walachei zu erkunden. Ab 30 Euro pro Stunde.

www.ladamieten.de

www.justament.de, 8.8.2016: Nichts zu retten

Recht cineastisch, Teil 27: „Toni Erdmann“ von Maren Ade

Thomas Claer

toni erdmannDas Verhältnis von Eltern zu ihren erwachsenen Kindern ist oftmals heikel, was wohl bereits in der Grundkonstellation angelegt ist. Einerseits die Altvorderen, die ihre Zöglinge in jahrelanger engagierter pädagogischer Arbeit dem eigenen Bilde entsprechend geformt zu haben glauben, andererseits die mitunter völlig missratenen Produkte dieser Erziehung, die irgendwann eine eigene Persönlichkeit und einen eigenen – dem elterlichen nicht selten diametral entgegengesetzten – Willen entwickeln. Die große Kunst der Elterngeneration besteht dann darin, sich mit dem abweichenden Lebensweg ihrer Kinder abzufinden, ihren Frieden damit zu machen. Doch gibt es nun einmal für alles Grenzen, denn wie schlimm muss es für einen gestandenen Achtundsechziger-Vater, einen antiautoritären, friedens- und umweltbewegten Gymnasiallehrer, sein, wenn seine einzige Tochter so völlig auf die schiefe Bahn geraten ist und etwas geworden ist, was seine schlimmsten Befürchtungen noch weit übertroffen hat: Unternehmensberaterin in einer internationalen Consulting-Gesellschaft. Dies ist die Ausgangssituation in Maren Ades vielgerühmtem Film „Toni Erdmann“, der nach seinem triumphalen Auftritt in Cannes nun auch in den deutschen Kinos zu sehen ist.

Vielleicht hat man mit all den medialen Jubelorgien den Beteiligten gar keinen so großen Gefallen getan, denn es handelt sich letztlich doch nur um eine im Grunde harmlose Komödie, die allerdings hier und da ein paar sehr gelungene ironische Spitzen und darüber hinaus auch einige anrührende Momente enthält. Hier von einer „Rettung des deutschen Kinos“ zu sprechen ist aber schon deshalb übertrieben, weil es in den vergangenen Jahren nun wirklich eine ganze Reihe an hochwertigen deutschen Filmen gegeben hat, von denen wir auch in dieser Rubrik mehrere  vorgestellt haben.

Was „Toni Erdmann“ dennoch besonders reizvoll macht, sind die tiefen Einblicke in das weitgehend freudlose Leben der „High Potentials“. Wer sich schon immer gefragt hat, was diese Spitzenverdiener in jenen obskuren Consulting-Firmen wohl den ganzen Tag so machen, der bekommt dies in Person der vom Ehrgeiz zerfressenen Ines (großartig gespielt von Sandra Hüller) nebst ihren Kolleginnen und Kollegen sehr anschaulich illustriert. Im Verlaufe des Filmes zeigt sich dann aber, dass Ines doch etwas vom Witz ihres Vaters mitbekommen hat – und beide kommen sich auf überraschende Weise menschlich näher.

Toni Erdmann
Deutschland 2016
Regie: Maren Ade
Drehbuch: Maren Ade
Darsteller: Sandra Hüller, Peter Simonischek, Thomas Loibl, Michael Wottenborn u.v.a.

www.justament.de, 13.6.2016: Die mit dem Wolf rummacht

Recht cineastisch, Teil 26: „Wild“ von Nicolette Krebitz

Thomas Claer

WildZur Abwechslung mal eine Mädchenphantasie im Kino – auch nicht schlecht. Vielleicht mehr junge (und junggebliebene) Damen, als man denkt, träumen offenbar insgeheim von einem wilden, behaarten Wesen, das ihnen womöglich sogar das Menstruationsblut mit der Zunge aus… Aber halt, in diesem Moment kommt für Ania, die als IT-Spezialistin in einer Werbeagentur arbeitet, und in einer kleinen Zweiraumwohnung in der Plattenbauwüste von Halle-Neustadt lebt, das böse Erwachen. Denn sie hat ihr Objekt der Begierde, einen leibhaftigen Wolf, der in der Nähe eines Wäldchens unweit ihres Wohnhauses herumstreifte, zuerst betäubt und dann einfach mit nach Hause genommen. Dort eingesperrt in Anias verriegeltem Schlafzimmer, während Ania sich nur noch im anderen Zimmer aufhält, verrichtet das wilde Tier sein zu erwartendes Zerstörungswerk. Durch ein Loch in der Wand wirft Ania ihrem behaarten Kameraden regelmäßig riesige Fleischstücke zu. Und mit der Zeit wird der raue Geselle etwas zugänglicher.
Ja, er ist wieder da. Freund Isegrim, wie er bei Goethe hieß, ist nach anderthalb Jahrhunderte währender Abwesenheit in die deutschen Wälder zurückgekehrt, wo er noch in den Märchen der Brüder Grimm als großmutter- und geißleinfressendes Scheusal sein Unwesen trieb. (Und man hatte auch missliebigen Menschen angedichtet, bei Mondschein seines gleichen zu werden.) Nun also gehört er wieder zu unserem Alltag, ist eigentlich sehr menschenscheu, reißt gelegentlich mal ein Schaaf und beflügelt ansonsten die Phantasie junger Frauen wie Ania (Lilith Stangenberg) in „Wild“, dem neuen Film von Nicolette Krebitz. Der Film, an dem in erster Linie Frauen mitgewirkt haben, ist auf diffuse Weise feministisch, auf jeden Fall aber sehr mutig und herausfordernd.
Die – man muss wohl sagen – tragische Heldin Ania ist eine Art weiblicher Nerd (klar, sie ist Informatikerin), vielleicht nicht so hübsch, dass alle Jungs sich nach ihr umdrehen, aber doch attraktiv genug, um ganz eigene Reize zu entfalten, denen insbesondere Boris, ihr Chef in der Firma, bald erliegt. Jedoch ist Ania an ihren Mitmenschen nicht besonders interessiert, sondern, nun ja, wie gesagt nur am dem haarigen Gesellen aus dem Wald, dem sie am Ende, als ihr Vermieter sie wegen der völlig verwahrlosten Wohnung abgemahnt hat, in die Wildnis folgt und mit dem sie fauliges Wasser aus Pfützen schlürft. So lehren die Wünsche, um es mit Peter Sloterdijk zu sagen, durch ihr Wahrwerden das Fürchten. Ein sehenswerter Film.

Wild
Deutschland 2016
Regie: Nicolette Krebitz
Drehbuch: Nicolette Krebitz
Darsteller: Lilith Stangenberg, Georg Friedrich, Silke Bodenbender, Saskia Rosendahl u.v.a.

www.justament.de, 21.12.2015: Selbstjustiz im rechtsfreien Raum

Recht cineastisch, Teil 25: „Dheepan – Dämonen und Wunder“ ist großes Kino!

Thomas Claer

dheepanWas gehen uns die Tamilen in Sri Lanka an? So hätte man vielleicht noch vor wenigen Jahrzehnten mit einer gewissen Berechtigung fragen können. In der globalisierten Welt, die wir heute bewohnen, spielen räumliche und kulturelle Entfernungen aber längst keine Rolle mehr, wenn die Probleme im einen Teil unseres Planeten auf manchmal unheilvolle Weise mit denen in ganz anderen Regionen interagieren.

Der tamilische Rebellenkämpfer Dheepan (Jesuthasan Antonythasan) sieht nach dem Tod seiner Frau und seiner Kinder keine Zukunft mehr für sich in seiner Heimat Sri Lanka. Um in Frankreich bessere Chancen auf Asyl zu haben, schließt er sich mit der jungen Frau Yalini (Kalieaswari Srinivasan) und dem Waisenmädchen Illayaal (Claudine Vinasithamby) zusammen. Die Drei geben sich bei den französischen Behörden als eine Familie aus – und kommen damit durch. Nach mühsamen Anfängen als Straßenverkäufer wird Dheepan Hausmeister in einer Sozialbausiedlung am Pariser Stadtrand, also in den berüchtigten Banlieues. Dort findet auch Yalini einen Job als Betreuerin eines dementen Anwohners, die kleine Illayaal geht in die Schule. Sie beziehen eine einfache Wohnung, die ihnen ganz wunderbar vorkommt: ein Dach über dem Kopf, trinkbares fließendes Wasser, Zentralheizung, elektrisches Licht, gut schließende Fenster, eine grüne Umgebung – was will man mehr? Vor allem Yalini ist geradezu begeistert von der ihr äußerst großzügig erscheinenden Bezahlung für ihre Pflegetätigkeit von monatlich 500 Euro, die sie gedanklich in ihre Heimatwährung umrechnet…

Allerdings wissen nicht alle Bewohner der Sozialbausiedlung solche Annehmlichkeiten zu schätzen. In fast jeder Nacht gibt es unzählige Zerstörungen in den Häuserblocks und im öffentlichen Raum, sodass Hausmeister Dheepan eigentlich ständig mit Reparaturarbeiten beschäftigt ist. Wenn Yalini auf die Straße geht, wird sie von den überall unproduktiv herumhängenden Männern angestarrt, weil sie als einzige Frau kein Kopftuch trägt. (Auf Anraten von Dheepan – „Wir sind neu hier und müssen uns anpassen.“ – läuft sie bald nur noch verschleiert herum.) Die Neuankömmlinge müssen sich eingestehen, dass sie in einem sozialen Brennpunkt, einem Zentrum des Drogenhandels und sonstiger organisierter Kriminalität gelandet sind. Immer wieder liefern sich rivalisierende Banden Schießereien auf offener Straße. Für die Polizei ist die Gegend offenbar längst eine No-go-Area. Für Dheepan, Yalini und Illayaal ist es in diesem Teil von Paris kaum weniger gefährlich als in ihrer Heimat. Als Yalini durch eine Verkettung unglücklicher Umstände in den Bandenkrieg hineingezogen wird, bahnt Dheepan sich in alter Kämpfermanier gewaltsam einen Weg durch die Drogenbandenfront und kann so Yalini befreien und zugleich ihr Herz gewinnen, so dass aus der anfänglichen Zweckgemeinschaft noch eine „richtige Familie“ wird. Die letzten Einstellungen des Films lassen erahnen, dass den drei engagierten Migranten schließlich auch noch ein Neubeginn außerhalb der Banlieus gelingt.

An Jacques Audiards Film scheiden sich die Geister. Ausgezeichnet mit der Goldenen Palme in Cannes und dort mit Lob überschüttet, musste er sich von anderen Kommentatoren, zuletzt in der Rezension der Süddeutschen Zeitung, auch den Vorwurf gefallen lassen, in ihm realisiere sich die „perverse Phantasie“ von Ex-Präsident Nicolas Sarkozy, die Straßen der Banlieus mit dem Hochdruckreiniger von dem dort herumstreunenden Gesindel zu reinigen. Und in der Tat, lässt sich der Film denn nicht auch so verstehen? Ein tamilischer Kämpfer tut endlich das, was sich viele Franzosen insgeheim wünschen. Er räumt – wenigstens für einen Moment – mal auf mit diesem Islamisten-Drogenhändler-Faulenzer-Gesocks. Die fleißigen, genügsamen, anpassungsbereiten Asiaten, die schaffen es in kurzer Zeit und machen nie Probleme. Aber dieses Pack aus Afrika und Arabien, das nur dem Staat auf der Tasche liegt und in einer notorisch kriminellen Parallelgesellschaft lebt, das müsste man am besten aus Frankreich rausschmeißen. Marine Le Pen lässt grüßen. Und Sarkozy ist auch nicht weit davon entfernt…

Man muss diesen Film unbedingt vor einer solchen Interpretation in Schutz nehmen. Wenn sich Politiker, die stets „dem ganzen Volk“ verpflichtet sind, herablassend über die Bewohner konkreter Stadtbezirke äußern, dann ist das immer kritikwürdig, auch wenn sich in diesen bestimmte Probleme konzentrieren. Denn sie verraten dadurch den rechtsstaatlichen Grundsatz, dass kein Individuum allein als Angehöriger bestimmter Kollektive beurteilt werden darf. Ein Film hingegen erzählt nur eine Geschichte, hier ist jede Subjektivität nicht nur erlaubt, sondern sogar erwünscht. Und wäre denn irgendjemandem geholfen, wenn man den „Realismus“ dieses Films durch eine politisch korrektere geschönte Darstellung ersetzte? Außerdem ist der Film so einseitig nun auch wieder nicht. Die Protagonisten begegnen in der Sozialsiedlung sogar vielfach netten und hilfsbereiten Anwohnern, die genauso wie sie unter dem Terror der Drogenbanden zu leiden haben. Insofern ist es doch auch ganz im Sinne vieler Banlieu-Bewohner, wenn ein Film einmal den Finger in diese Wunde legt.

Aber wenn nicht alles täuscht, dann hat auch die französische Politik längst die Signale gehört. Bald werden die Bauarbeiten zu einem bisher beispiellosen Ausbauprogramm der Pariser Metro beginnen, so dass spätestens in 15 Jahren jede Banlieu ihre schnelle Verbindung ins Zentrum von Paris haben wird. Spätestens dann werden die Bewohner entdecken, dass sich mit der Wohnungsvermietung an Touristen über Airbnb und Co. auch andere lukrative Geschäftsbereiche jenseits des Drogenhandels ergeben. Doch damit das funktioniert, müssen diese Bezirke sicherer werden, und hierzu braucht es eine Bürgergesellschaft aus aufgeschlossenen Anwohnern und Zugezogenen. So können aus No-go-Areas plötzlich gefragte Wohnlagen werden. Andere Städte haben es doch vorgemacht…

Dheepan – Dämonen und Wunder
Frankreich 2015
Regie: Jacques Audiard
Drehbuch: Jacques Audiard, Thomas Bidegain, Noé Debré
109 min, FSK: 16
Darsteller: Jesuthasan Antonythasan, Kalieaswari Srinivasan, Claudine Vinasithamby u.a.

www.justament.de, 7.9.2015: Propaganda, Subversion, Protest

Recht cineastisch spezial: Das Kurzfilmprogramm „Generation Freiheit“ im Radialsystem V in Berlin

Thomas Claer

futur25-berlinEinen interessanten Ansatz wählte der Kurator des Kurzfilmprogramms „Generation Freiheit“, das gestern im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Futur 25“ der Bundeszentrale für politische Bildung anlässlich der Jubiläen von Mauerfall und deutscher Wiedervereinigung im Radialsystem V in Berlin-Friedrichshain aufgeführt wurde. Mittels der Darbietung von sechs recht unterschiedlichen Kurzfilmen am Stück – entstanden zwischen 1952 und 2015 – wurde implizit auch immer nach der gesellschaftlichen Rolle des Mediums Film im Deutschland sowohl vor als auch nach der Wende gefragt. Die Antworten bekamen die Zuschauer dank der ausführlichen und erhellenden Kommentierungen des Filmwissenschaftlers Thomas Tode im Anschluss an die Filme auch gleich noch mitgeliefert.

Filme machen ist teuer, an unabhängige Autoren- und Dokumentarfilme war nach dem zweiten Weltkrieg zunächst nicht zu denken. Viel Geld aber wurde in beiden Teilen Deutschlands – schließlich tobte der Kalte Krieg – für Propagandafilme zur Verfügung gestellt. So konnte damals eine Vielzahl solcher Kurzfilme entstehenden, die zumeist im Vorprogramm der eigentlichen Kinofilme in Ost und West gezeigt wurden. Überraschenderweise sind es aber gerade die westlichen Filme dieser Art, die doch eher angestrengt und steif daherkommen, wenn auch nicht ohne Raffinement. Bezahlt von den USA porträtiert der Re-education-Film „Pfeif drauf“ von Eva Kroll aus dem Jahr 1952 einen zunächst unpolitischen jungen Mann, dem unter Hinweis auf die totalitäre deutsche Vergangenheit und ostdeutsche Gegenwart schließlich erfolgreich ein schlechtes Gewissen eingeimpft wird. Dagegen ist der ostdeutsche Film „Träumt von morgen“ (1956) des gebürtigen Österreichers Hugo Hermann (der bald darauf bei den DDR-Oberen in Ungnade fiel) bemerkenswert lebendig und sogar überaus subversiv geraten. Ost-Berliner Kinder verfolgen eine Kaspertheater-Aufführung und berichten von ihren Zukunftswünschen und -träumen. Da scheint dann mitunter mehr unliebsamer Realismus durch, als es den Auftraggebern recht sein konnte… Ein großartiges Zeitdokument! Gleiches lässt sich aber auch vom nun wieder westlichen und diesmal mit europäischen Geldern finanzierten Film „Europa 1978“ von 1958 sagen. Hier ist es vor allem – der Blick richtet sich aus dem Jahr 1958 auf das in ferner Zukunft liegende Jahr 1978 – der überbordende Zukunftsoptimismus, der einem den Atem raubt: Ständiger Pendelverkehr zwischen Erde und Mond, Reisen zwischen den Planeten, private Hubschrauber und hilfreiche Roboter für jedermann – das war die leuchtende Zukunft, die man seinerzeit auch den Westbürgern versprach.

Bereits nach der Wende, 1994, hat die deutsch-türkische Filmemacherin Hatice Ayten den Film „Gülüzar“ über das harte und traurige Leben ihrer Mutter gedreht. Inzwischen sind die Materialien nicht mehr so teuer, mit etwas Glück lassen sich auch Geldgeber finden – so wird der Film allmählich auch zum Medium des sozialen Protestes „von unten“. Ebenfalls eine Protesthaltung nimmt der eher als Videoclip zu bezeichnende 3-min-Film „Arbeit 2.0“ von Clemens Kogler aus dem Jahr 2007 ein. Er bringt die Zumutungen des Berufslebens der – eigentlich privilegierten – Festangestellten (manche nennen sie Lohnsklaven) zu einer Zeit auf den Punkt, als deren heutiges Ausmaß noch gar nicht erreicht war. Und schließlich erzählt „Schicht“ (2015) von Alexandra Gerbaulet eine abgründige Familiengeschichte aus der westdeutschen Provinz. Ein rundum sehenswertes Filmvergnügen!

www.justament.de, 31.8.2015: Interessant, aber fragwürdig

Recht cineastisch, Teil 24: „Gefühlt Mitte zwanzig“ von Noah Baumbach

Thomas Claer

gefühltEin Film über das mittlere Alter und die Jugend, über das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Generationen, das ist „Gefühlt Mitte zwanzig“ (Originaltitel: While We’re Young), der neue Film des amerikanischen Regisseurs und Drehbuchautors Noah Baumbach. So war es zumindest überall zu hören und zu lesen – doch ist damit lediglich ein Teilaspekt dieses Films beschrieben.

Der vierundvierzigjährige Dokumentarfilmer Josh (Ben Stiller) und seine als Produzentin ebenfalls in der Filmbranche tätige dreiundvierzigjährige Frau Cornelia (Naomi Watts) führen ein unaufgeregtes Leben in Brooklyn. Wie viele andere New Yorker „Kreative“ ächzen sie unter den dortigen hohen Lebenshaltungskosten, doch dank zwar notorisch unzuverlässiger, vorläufig aber immerhin noch fließender Fördergelder können sie sich halbwegs über Wasser halten. Nicht ganz unwichtig ist der Umstand, dass Cornelias Vater ein – im Gegensatz zu seinem Schwiegersohn Josh – wirtschaftlich sehr erfolgreicher Filmemacher ist, der standesgemäß in einer großen Villa lebt – eine für Josh denkbar unangenehme Konstellation. Sein Verhältnis zu Cornelias Vater gilt als zerrüttet. Nur ungern lässt sich Josh, der auf seine kommerziell wenig einträglichen, aber dafür anspruchsvollen Filme sehr stolz ist, von seinem Schwiegervater, der über ausgezeichnete Kontakte in die Finanzbranche verfügt, finanziell unter die Arme greifen. Ein weiteres ernstes Problem in der Beziehung zwischen Josh und Cornelia ist es, dass alle ihre Freunde inzwischen Kinder bekommen haben und sich, was ja häufig zu beobachten ist, seitdem für nichts anderes mehr als für ihren Nachwuchs interessieren. So kommt es Josh und Cornelia schließlich so vor, als ob das Problem in ihrer eigenen – unfreiwilligen – Kinderlosigkeit liege. (Und man darf es diesem Film durchaus verübeln, dass er diese optische Täuschung seiner Protagonisten nicht einmal hinterfragt. Was, bitte, soll denn an Kinderlosigkeit so schlimm sein?) Ihre seit zwei Jahrzehnten bestehende Partnerschaft scheint jedenfalls trotz der genannten Widrigkeiten noch recht gut zu funktionieren, abgesehen von den üblichen kleineren Nörgeleien von der weiblichen Seite. (Cornelia vorwurfsvoll: „Früher hast du mich mit romantischen E-Mails umworben!“ Darauf Josh: „Warum sollte ich dir E-Mails schreiben, wo wir doch sowieso jeden Tag zusammen sind?“)

Das ist der Ausgangspunkt, als plötzlich ein junges Paar in Joshs und Cornelias Leben tritt: der junge Dokumentarfilmer Jamie und seine Frau Darby, die als Startup-Unternehmerin in  Bio-Eis macht. Jamie hat sich als Fan von Joshs Filmen zu erkennen gegeben und ihn nach einer von Joshs gelegentlich gehaltenen Vorlesungen in der Filmakademie einfach so angequatscht. Josh ist in seiner Eitelkeit ungemein geschmeichelt von Jamies demonstrativer Bewunderung und findet zunächst auch gar nichts dabei, dass sich Jamie schon bald auch sehr für seinen Schwiegervater, den erfolgreichen Filmemacher mit den guten Kontakten in die Fimanzbranche, interessiert. Die beiden Paare unternehmen fortan eine Menge miteinander, was in Joshs und Cornelias Leben ausgesprochen frischen Wind bringt. Plötzlich fühlen sie sich, indem sie die hippen Aktivitäten von Jamie und Darby teilen, auch noch einmal wie Mitte zwanzig.

Doch das dicke Ende lässt nicht lange auf sich warten. Der junge Jamie erweist sich als skrupelloser Intrigant, der die Nähe von Josh in Wahrheit nur gesucht hat, um an dessen Schwiegervater heranzukommen und über diesen Geldgeber für seine eigenen Filmprojekte zu akquirieren. Darüber hinaus verstößt er mit seinem neuen Film, der sich auf eine gefakte Geschichte stützt, gegen den Ehrenkodex der Dokumentarfilmer, was aber außer Josh niemand wirklich schlimm findet. Dessen Schwiegervater bemerkt sogar irgendwann gegenüber seiner Tochter, dass man, um in der Filmbranche voranzukommen, manchmal einfach „ein egoistisches Arschloch“ sein müsse, was aber sein Schwiegersohn noch immer nicht verstanden habe…Hier hat der Film seine stärksten Momente: Er entlarvt ein Stück weit die Verlogenheit im Kreativkunstbetrieb, dessen erfolgreiche Vertreter nicht selten hohe moralische Ambitionen vor sich hertragen, aber tatsächlich mindestens so rücksichtslos und karrierebesessenen sind wie, sagen wir, die Anzugtypen aus der Finanzwelt. Josh ist hier natürlich der positive Gegentypus und avanciert als solcher zum großen Sympathieträger im Film.

Enttäuschend ist dann aber vor allem dessen Ende: In einer sentimentalen Versöhnungsszene finden die zwischenzeitlich zerstrittenen Josh und Cornelia wieder zueinander, und Josh vergibt dem hinterhältigen Jamie mit den Worten: „Jamie ist nicht böse, sondern einfach nur jung.“ Na so ein Unsinn, als ob das eine Frage des Alters wäre! Hätte er so etwas gesagt wie: „Man kann ihn aber auch nicht völlig verurteilen. Jeder macht es eben so, wie er es am besten kann…“, dann wäre das ja noch in Ordnung gegangen. Aber es kommt noch schlimmer. Am Ende sitzen Josh und Cornelia in einem Flugzeug in ein fernes Land, um dort ein exotisches Kind zu adoptieren. Das kann natürlich jeder machen, wie er will, aber im Kontext des Films soll es wohl bedeuten: Die beiden sind endlich auf einem ihrem Alter entsprechenden Level angekommen. Die Episode mit den jungen Leuten war eine Verirrung, und jetzt werden sie Eltern, so wie es sich mit Mitte vierzig nun einmal gehört. Ein schlimmer Film!

Gefühlt Mitte zwanzig
USA 2014
Regie: Noah Baumbach
Drehbuch: Noah Baumbach
98 min, FSK: —
Darsteller: Ben Stiller, Naomi Watts, Adam Driver u.a.

www.justament.de, 22.6.2015: Dogma 2.0

Recht cineastisch, Teil 23: „Victoria“ von Sebastian Schipper

Thomas Claer

victoriaSchon auf der Berlinale hat dieser Film für Furore gesorgt. Nun lässt sich „Victoria“, dieses atemlose und verwegene Filmexperiment, auch deutschlandweit in den Kinos bewundern. Wohl zum ersten Mal in der (Spiel-) Filmgeschichte wurde hier 140 Minuten lang alles von vorne bis hinten in einem Zug ohne einen einzigen Schnitt gedreht, womit sich Regisseur Sebastian Schipper ein mindestens ebensolches Denkmal gesetzt hat wie vor zwei Jahrzehnten sein dänischer Kollege Lars von Trier mit seinem damals ebenfalls aufsehenerregenden Konzept des “Dogma-Films”. Nur dass sich in Schippers Fall wohl nicht so leicht ein Nachahmer für diesen Wahnsinn finden wird…
Über die revolutionäre Form hinaus kann der Film aber auch erzähltechnisch überzeugen: Die junge Spanierin Victoria (hinreißend gespielt von Laia Costa) ist erst seit drei Monaten in Berlin und schlägt sich die Nacht in einem coolen Club irgendwo zwischen Mitte und Kreuzberg um die Ohren. Wie so viele andere junge Südeuropäer sieht sie keine Perspektive mehr in ihrer von Jugendarbeitslosigkeit und Hoffnungslosigkeit gezeichneten Heimat und hat sich in die allerorts gelobte Stadt an der Spree aufgemacht. Dort jobbt sie für vier Euro Stundenlohn in einem Café und fühlt sich, da sie noch nicht so recht Anschluss gefunden hat, zunächst einmal ziemlich einsam. Doch in jener Nacht vor dem besagten Club lernt sie endlich jemanden kennen – es sind aber genau die falschen Leute, nämlich Sonne (gespielt von Frederick Lau, dem Herr Lehmann aus „Neue Vahr Süd“) und seine Gang. Sie sind die Repräsentanten einer noch nicht vollständig weggentrifizierten kriminellen Unterschicht und werden auch gar nicht erst in den Club hineingelassen; der Türsteher kennt schon seine Pappenheimer… Die vier Mittzwanziger brechen Autos auf, begehen Ladendiebstähle, einer von ihnen hat schon eine Knastvergangenheit. All das kriegt Victoria, die sich den jungen Männern leichtsinnigerweise anschließt, erst nach und nach mit und will es auch eigentlich gar nicht wahrhaben, denn längst hat sie sich in Sonne verguckt, der seinerseits schon mächtig für sie entflammt ist. Fast ist es rührend, wie ritterlich sich diese zwielichtigen Typen gegenüber der erkennbar „aus gutem Hause“ stammenden Victoria verhalten. Doch dann sollen die vier, um eine alte Schuld zu begleichen, noch in dieser Nacht eine Bank ausrauben. Und so nimmt das Unheil seinen Lauf…  Was für ein Film!

Victoria
Deutschland 2015
Regie: Sebastian Schipper
Drehbuch: Sebastian Schipper, Olivia Neergaard-Holm, Eike Schulz
140 Minuten, FSK: 12
Darsteller: Laia Costa, Frederick Lau, Franz Rogowski, Burak Yiğit, Max Mauff u.a.

www.justament.de, 20.4.2015: Schrilles Vergnügen

Recht cineastisch, Teil 22: Oskar Roehlers Berlin-Groteske „Tod den Hippies – Es lebe der Punk!”

Thomas Claer

ddp_4.07425864Die Berlinale hat diesen Film abgelehnt. Sie hätte ihn nehmen sollen, denn „Tod den Hippies – Es lebe der Punk!“ ist ein großer Spaß. Auch wenn er, wie alle Werke von Oskar Roehler, reichlich überkandidelt ist. Es beginnt in der westdeutschen Provinz in den frühen Achtzigern. Der junge Robert (Tom Schilling) hält es in Schule und Internat mit all den Friedensbewegungs- und Ökospießern nicht mehr aus. Er wird, na was schon?, Punk natürlich! Und er zieht, wohin schon? Klar, nach West-Berlin! Dort lebt sein Vater (Samuel Finzi), der frühere „Kassenwart der RAF“, als Lektor und Schriftsteller und hütet den Schatz der Terroristen, gut hunderttausend DM in Banknoten, die noch von einem Banküberfall mit Gudrun Ensslin stammen. Doch Robert, dem eine Laufbahn als Schriftsteller und Punkmusiker vorschwebt, sieht vom Vater zunächst keinen Pfennig. Stattdessen helfen ihm seine einzigen beiden Bekannten in Berlin auf die Sprünge: der Peepshow-Conférencier Schwarz (Wilson Gonzales Ochsenknecht) und der schwule Nazi und Bandleader Gries (Frederick Lau). Schwarz verschafft Robert seinen ersten Job im Erotik-Club am Bahnhof Zoo: Er muss die von den Kunden vollgespritzten Glasscheiben putzen und für die Striptease-Damen etwas zu essen herbeischaffen. Dabei macht er die intime Bekanntschaft gleich zweier blonder Sexbomben (Emilia Schüle und Anna-Maria Hirsch), die beide ungeheuer scharf auf ihn und später aufeinander eifersüchtig sind. Außerdem lässt Gries ihn noch in seiner Band Gitarre spielen. Als Wohnung dient Robert eine Art Kellerverschlag, an dessen Wand „No Future!“ gesprüht ist. Gemeinsam mit seinen Freunden stürzt er sich ins Berliner Nachtleben und begegnet dort neben anderen lebendigen Speed-Leichen den leibhaftigen Blixa Bargeld und Nick Cave, die hier als bizarre Witzfiguren auftreten. Und es passiert dann noch so viel Verrücktes, dass es hier nicht einmal ansatzweise wiedergegeben werden kann. Während man bei anderen Filmemachern mitunter einen Mangel an Ideen beklagen muss, leidet Oskar Roehler ganz eindeutig am Gegenteil davon: Über weite Strecken ist es bei ihm einfach zu viel des Guten! Doch Roehler kann nun einmal nicht anders. Bei ihm geht nur: schrill oder gar nicht. Amüsant ist das ganze aber allemal.

Tod den Hippies – Es lebe der Punk!
Deutschland 2015
Regie: Oskar Roehler
Drehbuch: Oskar Roehler
104 Minuten, FSK: 16
Darsteller: Tom Schilling, Frederick Lau, Wilson Gonzales Ochsenknecht, Hannelore Hoger, Samuel Finzi, Emilia Schüle, Anna-Maria Hirsch, Alexander Scheer u.v.a.