Category Archives: Über Filme

justament.de, 8.11.2021: Wider die Chauvis vom Bundestag

Recht cineastisch, Teil 40: „Die Unbeugsamen“ von Torsten Körner

Thomas Claer

Lohnt es sich überhaupt, ins Kino zu gehen, wenn bloß ein Dokumentarfilm läuft? Und ob, wenn es ein Film wie dieser ist! „Die Unbeugsamen“ erzählt die Geschichte von 14 Frauen unterschiedlicher politischer Couleur im Deutschen Bundestag in Zeiten, als sie in der Politik noch einen Exotenstatus innehatten. Eigentlich ist das ja alles noch gar nicht so lange her, und ich selbst kann mich an vieles, was hier gezeigt wird, noch lebhaft erinnern. Vor allem der Einzug der Grünen in den Bundestag vor fast vierzig Jahren, den man durchaus auch als einen Wendepunkt in Sachen Feminismus in der deutschen Politik ansehen kann, hat auf mich als Kind einen unvergesslichen Eindruck gemacht. Auch wenn ich damals noch nicht so recht begreifen konnte, was Waltraud Schoppe in ihrer legendären Rede am 5. Mai 1983 da über Sexismus im Bundestag und rücksichtslos-lustfeindliche Eherituale in deutschen Betten erzählte. Noch weniger verstand ich die Reaktionen der männlichen Abgeordneten auf diese Rede, ihr hämisches Gelächter und Schenkelklopfen.
Dieser Film setzt nun endlich all jenen tapferen Frauen ein mehr als verdientes Denkmal, die sich dieser unsäglichen, jahrzehntelang niemals hinterfragten Chauvi-Kultur entgegenstellten. Die hochgeachteten männlichen Parlamentarier jener Zeiten, die sich eine solche empörende Herablassung gegenüber ihren forschen jungen Kolleginnen erlauben zu können glaubten, sind mittlerweile alle nicht mehr unter uns. Was für viele der Betreffenden ein Glück ist angesichts der mitunter haarsträubenden Geschichten, die dieser Film über sie erzählt…
Was besonders gelungen ist: Der Film kommentiert und bewertet nichts. Er stellt nur die bewegten Bilder von damals aus und lässt die z.T. hochbetagten Protagonistinnen auf jene Zeiten zurückblicken. Das alles spricht für sich.

Die Unbeugsamen
Deutschland 2021
Länge: 100 Minuten
FSK: 0
Regie: Torsten Körner
Drehbuch: Torsten Körner
Mitwirkende: Herta Däubler-Gmelin, Ingrid Matthäus- Maier, Renate Schmidt, Rita Süssmuth, Christa Nickels u.v.a.

justament.de, 18.10.2021: Autosexualität

Recht cineastisch, Teil 39: Cannes-Sieger „Titane“ von Julia Docournau

Thomas Claer

In dem großartigen Udo Lindenberg-Song „I love me selber“ aus den frühen Achtzigern heißt es: „Ja, der Trick ist, das begreif ich schnell: nicht hetero-, nicht homo-, sondern autosexuell.“ Nun, nach fast vierzig Jahren, wurde diese Textdichtung erstmals beim Wort genommen: im Film „Titane“ von Julia Ducournau, der tatsächlich die explizite sexuelle Vorliebe einer Frau für Automobile zum Thema hat. Und diese seltsame Dame praktiziert darin ihre absonderliche Neigung auch sehr ausschweifend und geräuschvoll mit diversen Fahrzeugen. (Ja, mit Fahrzeugen und nicht nur in ihnen; wenn auch keineswegs, wie man vielleicht denken könnte, unter Benutzung ihrer, ähem, Stoßstangen…)

Die Rede ist übrigens, das sollte man besser gleich betonen, nicht etwa von einem abseitigen Nischenprodukt der Filmbranche, sondern vom diesjährigen Gewinner der Filmfestspiele von Cannes. Es handelt sich um eine Art Fantasy-Gewalt-Horror-Thriller-Erotik-Drama, oder wie wollte man dieses irrwitzige Erzeugnis sonst bezeichnen? Die letzten Zuckungen des Verbrennungsmotor-Automobilzeitalters treffen hier gleichsam auf die Morgenröte des nichtbinären fetischgetriebenen Menschen, der genau dies auch sein darf…

Die aus gut situierten Verhältnissen stammende 32-jährige Alexia (Agathe Rousselle) arbeitet als laszive Tänzerin bei Verkaufsgalas in Autohäusern. Ein total sexistischer Scheißjob eigentlich, den Alexia aber gleichwohl sehr gerne ausübt aufgrund ihrer bereits erwähnten Zuneigung zu den Fahrzeugen, die wohl auch damit zusammenhängt, dass ihr als Kind nach einem Verkehrsunfall eine Titanplatte in den Kopf eingesetzt worden ist. Vermutlich hat dieser Umstand auch dazu beigetragen, dass man Alexia wohl oder übel als Psychopathin bezeichnen muss, denn sie spricht nicht nur während des ganzen Films so gut wie kein Wort, sondern gibt durch ihr gesamtes Verhalten auch allen ihren Mitmenschen immer wieder neue Rätsel auf. Ferner ist noch von Bedeutung, dass Alexia als äußerst androgyner Typ mit männlichen Gesichtszügen, aber durchaus femininem Körperbau zwar keinem konventionellen Schönheitsideal entsprechen mag, doch bei manchen Menschen mit speziellen Vorlieben wahre Begeisterungsstürme entfacht.

Als sie nun eines Tages von einem aufdringlichen Fan verfolgt wird, begeht sie ihren ersten Mord: Sie durchbohrt ihr Opfer mit einer Haarnadel. Und diesem Tötungsdelikt folgen dann in der Absicht, dieses zu vertuschen, noch mehrere weitere. Um sich zu tarnen, nimmt Alexia schließlich eine neue Identität an und gibt sich erfolgreich als der seit Jahren vermisste Sohn eines älteren Feuerwehrmanns (Vincent Lindon) aus. Und diesem bricht sie schließlich das Herz, was aber erstaunlicherweise auch auf Gegenseitigkeit beruht. Selbst als Alexia ihre fortgeschrittene Schwangerschaft (der Erzeuger ist ein roter Cadillac) nicht mehr verbergen kann, bleibt ihr der Feuerwehrmann in bedingungsloser Liebe zugetan. Am Ende bringt sie mit seiner Hilfe statt eines Kindes einen monströsen Basilisken zur Welt, was sich zuvor bereits dadurch angekündigt hat, dass ihr fortwährend aus allen Körperöffnungen und selbst aus ihren Brüsten Maschinenöl tropft…

So manches kann man diesem Film vorhalten: die abstoßende Brutalität seiner Gewaltszenen etwa, auch seine stilistische Bombastik. Doch erleben wir auch eine umwerfend spielende Agathe Rousselle, die mit dieser Rolle zu einem der ersten nichtbinären Superstars der Filmbranche aufgestiegen sein dürfte. Und nicht zuletzt feiert der Film in starken Bildern die Schönheit ihres nackten schwangeren Körpers. Die reichlich schräge Handlung tritt dagegen in den Hintergrund… Kurzum, wer „Titane“ nicht kennt, hat wirklich etwas verpasst.

Titane
Frankreich/Belgien 2021
Regie: Julia Docournau
Drehbuch: Julia Docournau
Länge: 108 Minuten
FSK: 16
Darsteller: Agathe Rousselle (Alexia/Adrien), Vincent Lindon (Vincent) u.v.a.

justament.de, 13.9.2021: Berlin vor 90 Jahren

Berlin vor 90 Jahren

Recht cineastisch, Teil 38: „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ von Dominik Graf

Thomas Claer

Als Filmkritiker nimmt man sich ja gerne den unvergessenen Hellmuth Karasek zum Vorbild, der einmal unmittelbar nach einem Kinobesuch, wie seine Begleiterin später zu berichten wusste, sich bei ihr entschuldigte, er müsse mal ganz kurz telefonieren, dabei der SPIEGEL-Kulturredaktion seine bereits im Kinosaal gedanklich druckfertig getextete Filmrezension in den Hörer diktierte und sodann mit seiner Gefährtin ins Restaurant ging. Aber so etwas geht natürlich nicht bei jedem Film und keinesfalls bei einer spektakulären Literaturverfilmung, die im Nachgang eine intensive Auseinandersetzung sowohl mit jener selbst als auch mit der literarischen Vorlage verlangt.

Klare Sache, die neue „Fabian“-Verfilmung von Dominik Graf ist, obwohl sie bei der Berlinale leer ausging, ein cineastisches Großereignis. Vielleicht ist sie sogar, wie es in der Süddeutschen Zeitung hieß, die wichtigste deutsche Literaturverfilmung seit Schlöndorffs „Blechtrommel“ von 1979. Und in der Tat haben Graf und sein Team bei der Adaption von Erich Kästners Berlin-Roman aus dem Jahr 1931, die erkennbar auf der „Babylon Berlin“-Welle reitet, eine Menge richtig gemacht.

Zu frei nach Kästner?

Schon die Besetzung lässt sich als ein Glücksfall bezeichnen. Tom Schilling, der leptosome Schönling, ist natürlich geradezu prädestiniert für die Rolle des Fabian, des jungen promovierten Werbetexters, der Anfang der Dreißiger durchs Berliner Nachtleben streunt und dem alle Frauen zu Füßen liegen. Auch gibt Saskia Rosendahl eine mehr als passable Cornelia Battenberg, Fabians ehrgeizige bildhübsche Freundin, die – obgleich promovierte Juristin – eine große Filmkarriere als „neuer Frauentyp“ mit akademischer Bildung einschlägt, die sie allerdings schnurstracks durch das Bett des Filmproduzenten führt. Wirklich toll ist ferner Meret Becker als nymphomanische Anwaltsgattin Irene Moll, die die ganze Zeit hinter Fabian her ist. Und auch alle anderen Rollen sind durchweg überzeugend besetzt.

Ebenfalls kann sich die filmische Umsetzung sehen lassen, wenngleich hier und da vielleicht doch eine Spur zu viele technische Mätzchen eingebaut worden sind, aber zumindest stören sie den Filmgenuss nicht weiter. Selbst die Länge von mehr als drei Stunden geht in Ordnung, da eine noch stärkere Kürzung des Romaninhalts dem ganzen Unterfangen zweifellos geschadet hätte. Doch genau hier, beim Drehbuch, beginnt die Problematik dieser Verfilmung. Gewiss, schon im Vorspann heißt es „Frei nach Erich Kästner“, womit sich die Drehbuch-Autoren gewissermaßen Absolution für alle ihre inhaltlichen Eingriffe verschaffen. Dagegen ist auch grundsätzlich nichts zu sagen. Schwierig wird es nur, wenn dann, wie es hier leider oft der Fall ist, so manches hinten und vorne nicht mehr zusammenpasst. Die inhaltlichen Merkwürdigkeiten treten dann, besonders zum Ende hin, so gehäuft auf, dass einem gar nichts anderes übrig bleibt, als sich nach dem Film noch einmal den Roman vorzunehmen, dessen erstmalige Lektüre bei mir allerdings schon mehr als ein Vierteljahrhundert zurückliegt…

Lies nach im Roman!

Das wiederum erweist sich dann aber auch als Glücksfall, denn man liest das Buch naturgemäß mit ganz anderen Augen als damals im Studentenwohnheim. „Fabian“, soviel ist sicher, darf man getrost zu den großen deutschen Gesellschaftsromanen rechnen. Es ist ein überaus kluges Buch, womöglich sogar klüger als es sein damals 32-jähriger Autor gewesen ist, als er es zu Papier gebracht hat. Und es gibt so unendlich vieles darin, was einem, zumal aus heutiger Perspektive, ins Auge springt. Eine Welt im Umbruch mit modernen Institutionen, aber reichlich antiquierten Verhaltensweisen. Junge alleinstehende Menschen wohnen in aller Regel bei Hauswirtinnen, die für sie kochen, waschen und sogar ihre Zimmer aufräumen. Von Datenschutz oder Privatsphäre hat man damals überhaupt keinen Begriff. Dass plötzlich die besorgte Mutter des Protagonisten im Zimmer steht, weil dieser ihr einige Tage lang nicht geschrieben hat, wird von niemandem als übergriffig empfunden. Hingegen sind regelmäßige Bordell-Besuche für Männer jeden Alters mehr oder weniger sozial akzeptiert, ebenso der Umstand, dass sich ärmere Frauen und insbesondere Künstlerinnen prostituieren.

Besonders spannend ist auch die detaillierte Schilderung der wirtschaftlichen Aspekte des damaligen Alltagslebens. Man erfährt sehr genau, was alles so kostet, die Miete und der Kaffee, und wieviel ein Angestellter verdient. Wer damals in Berlin lebte, hatte demnach schon erhebliche Ausgaben. Für die täglichen Einkäufe gab es ja auch noch keine preisgünstigen Discounter. Daran gemessen waren die Einkünfte durch Erwerbsarbeit äußerst bescheiden, so etwas wie regelmäßige Urlaubsreisen für breite Bevölkerungsschichten kaum erschwinglich. (Woran man gut erkennt, auf welch hohem Niveau heute so gejammert wird…) Dennoch pulsierte das Nachtleben schon ganz ähnlich wie heute, nur dass sich darin noch so viel Ständisches erhalten hatte. Und es war weitgehend einer relativ kleinen, sehr gut verdienenden akademischen Oberschicht vorbehalten. Längst nicht jeder, der wollte, konnte mitmachen. Fabian mit seinem kleinen Einkommen profitiert hier von seinem aus großbürgerlichem Hause (Villa in Grunewald!) stammenden Freund Labude, der ihm immer wieder mit ein paar Scheinen behilflich ist.

Vier „Dinge“, mindestens

Sehr aufschlussreich ist auch, was man über das – wie man es heute nennt – „Männer-Frauen-Ding“ erfährt. Einerseits treten im Roman vielfach sehr selbstbewusste und moderne Frauenfiguren auf. Die erotomanische Anwaltsgattin Irene Moll verwirklicht schließlich ihren Jugendtraum und eröffnet ein Männer-Bordell. Die Mutter von Fabians Freund Labude, ebenfalls die Frau eines Anwalts, lebt die längste Zeit des Jahres in der Schweiz (während ihr Mann, ein berühmter Strafverteidiger, sich zu Hause in Berlin allen nur denkbaren erotischen Eskapaden hingibt). Doch andererseits droht den jungen Frauen noch sehr real die gesellschaftliche Ächtung durch ungewollte Schwangerschaft, und viele zeigen ein großes Interesse an Ehelichung einer in ihren Augen guten Partie. Wer wie Fabians große Liebe Cornelia eine akademische Ausbildung durchlaufen hat (sie ist promovierte Juristin!), träumt dennoch den Traum von der großen Filmkarriere als Schauspielerin und lässt sich dafür bereitwillig vom Filmproduzenten, Typ Harvey Weinstein, erotisch benutzen.

Ist das Buch also, was ihm ja manchmal vorgeworfen wird, insofern frauenfeindlich, weil die Frauenfiguren in ihm so negativ gezeichnet sind? Gegenfrage: Warum sollten Frauenfiguren sich immer als positive Rollenvorbilder eignen? Die männlichen Figuren tun dies doch schließlich auch nicht. Womit wir beim „Moral-Ding“ wären. Die „Geschichte eines Moralisten“ ist natürlich auch ein Stück weit ironisch aufzufassen. Ja, Fabian und erst recht sein Freund Labude sind stets hochmoralisch argumentierende Weltverbesserer (mit interessanten Unterschieden in ihren Weltbildern), aber in ihrem Verhalten dann keineswegs besonders menschenfreundlich, wenn es etwa um die Inanspruchnahme sexueller Dienstleistungen geht. Zwar schlägt Fabian, obwohl er nach seinem Jobverlust eigentlich dringend darauf angewiesen wäre, gleich mehrmals lukrative berufliche Offerten seitens Irene Molls aus, da er spürt, dass diese ihre auf ihn gerichteten amourösen Ambitionen noch längst nicht aufgegeben hat. Aber tut er dies wirklich aus grundsätzlicher Treue zu seiner Freundin Cornelia? Später im Roman beginnt er eine Affäre mit einer verheirateten Dame im Wedding, noch später lässt er sich in einem Bordell in Dresden auf die Zudringlichkeit einer jungen Prostituierten ein, die ihm ihre Dienste gratis zukommen lässt. (Diese beiden Episoden bleiben im Film jeweils ausgespart.) Aber woanders tut er auch eine Menge Gutes, verhilft einem Obdachlosen zu einer Mahlzeit im Restaurant, lässt sogar einen Wohnungslosen zu Hause auf seinem Sofa schlafen, bis hin zur verunglückten Rettungsaktion eines kleinen Jungen, bei der er selbst ums Leben kommt. Aber wer handelt schon immer konsequent?

Was hingegen in diesem Buch sehr überzeugend beschrieben wird, ist das, was man das „Angry-Young-Man-Ding“ nennen könnte. Die jungen Leute sind empört über die von ihnen beobachteten Missstände und fühlen sich ihrem gesellschaftlichen Umfeld moralisch überlegen, ohne dabei zu bemerken, wie fragwürdig sie sich selbst in ihrem Alltag verhalten. Zwar haben sie, Fabian und Labude, mit ihrer Gesellschaftskritik in vieler Hinsicht recht. Aber gerade in der Spätphase der Weimarer Republik wäre es eigentlich darauf angekommen, mit viel Pragmatismus das zarte Pflänzchen der Demokratie zu schützen und das Schlimmstmögliche zu verhindern; was dann aber prompt eingetreten ist, auch weil eine aufgeklärte junge Generation mit ihrem übersteigerten Moralismus und Sozialromantizismus der Demokratie noch fortwährend Knüppel zwischen die Beine geworfen hat…

Und dann natürlich – eng damit verbunden – das „Verletzter-Stolz-Ding“. Fabian glaubt als promovierter Germanist quasi einen Anspruch darauf zu haben, dass ihm der Arbeitsmarkt einen exzellenten und gutbezahlten Job offerieren möge. Dass dies nicht der Fall ist, sieht er als Systemversagen an und sinniert über die Vorzüge staatlicher Planwirtschaft, statt die historischen Besonderheiten der großen Depression, die Weltwirtschaftskrise zu berücksichtigen… Aber woher soll er so etwas wissen? Die unentwegt an jeder Ecke zu vernehmenden „So wie jetzt kann es nicht mehr weitergehen“ und „Es muss bald einen großen Knall geben“ lesen sich jedenfalls wie düstere Vorzeichen der bald erfolgenden Machtergreifung der Nazis.

Kurzum, dieser zumeist unterschätzte kleine Roman breitet ein sehr lebendiges und buntes Panorama Deutschlands und insbesondere Berlins vor 90 Jahren aus. Zwar war Erich Kästner nicht unbedingt der ganz große sprachliche Stilist, aber das wollte er vermutlich gar nicht sein. Vielmehr agierte er, der sich ja vor allem auch als Kinderbuchautor einen Namen gemacht hat, eher aus einer journalistisch-satirischen Ecke heraus. Und das Buch ist glänzend durchkomponiert, die Handlung sehr durchdacht, was sich vom Drehbuch zum Film hingegen nur eingeschränkt sagen lässt. Wobei der Film teilweise auch auf die vor acht Jahren aus der Versenkung hervorgeholte (damals wegen sittlich anstößiger Stellen vom Verlag abgelehnte) Urversion des Romans zurückgegriffen hat, die sich aber nur relativ geringfügig von der späteren Version unterscheidet, wie sich dem einschlägigen Wikipedia-Eintrag hierzu entnehmen lässt.

Eingriffe ohne Not

Womit wir also wieder beim Film angelangt wären. Dass ihm manche Kritiker den Vorwurf machten, er hätte Längen, lässt sich nur mit fehlender Lektüre der Romanvorlage durch die Betreffenden erklären. Wer den Roman kennt, dem wird der Film eher arg zusammengekürzt vorkommen. Dass das Drehbuch die Reihenfolge vieler Ereignisse auf den Kopf stellt, lässt sich vielleicht noch aus Gründen der Erzählökonomie rechtfertigen, denn so ein Film sollte nach Möglichkeit nicht vier oder fünf Stunden lang sein.

Viel gravierender sind aber die zahlreichen inhaltlichen Eingriffe ohne erkennbare Not dazu. Hier nur ein paar besonders krasse Beispiele: Fabian kauft ein teures Geschenk für Cornelia, nämlich ein schönes Kleid, und übergibt es ihr im Beisein seiner finanziell wie er selbst nicht auf Rosen gebetteten Mutter. Das ist ohne Frage sehr taktlos gegenüber der Mutter und passt überhaupt nicht zu Fabians Persönlichkeit. Im Buch findet sich auch nichts davon, dort erbittet sich lediglich Cornelia von Fabian einen Zuschuss zur Anschaffung eines Kleides fürs Vorsprechen für die Filmrolle. Zum Ende des Filmes heißt es plötzlich, Cornelia, die promovierte Juristin, sei im Wedding aufgewachsen, im sprichwörtlich roten Berliner Arbeiterbezirk. Was vollkommen unplausibel ist, denn dann würde sie niemals so sprechen und sich so verhalten, wie sie es tut. Im Buch ist sie wie Fabian eine Zugezogene aus der Provinz, vermutlich aus Süddeutschland, die in der Liebesszene bayrischen Schuhplattler tanzt. Das wiederum tut sie aber auch im Film, obwohl sie angeblich aus dem Wedding stammen soll… Der Geheimrat, der Ordinarius der Fakultät, der über Labudes Habilitationsschrift, zu befinden hat, wird im Film kurzerhand zum Nazi gemacht, der eine neue autoritäre Führung herbeisehnt. Im Buch kann davon keine Rede sein. Hier verkörpert der Geheimrat eher die besseren Tendenzen an der Universität, die es ja damals auch noch gegeben hat. Für die NS-Strömung steht hingegen dessen Assistent, was den Filmemachern aber wohl nicht genügt hat…

Gruß von Schillers “Taucher”

Und schließlich noch der schwerwiegendste Eingriff: Noch als Fabian nach zahlreichen Schicksalsschlägen Berlin den Rücken gekehrt hat und sich bereits wieder in seiner Heimatstadt Dresden aufhält, hält er im Film Kontakt mit Cornelia, die in der Wohnung lebt, die der Filmproduzent für sie angemietet hat, und verabredet sich mit ihr. Und während Fabian bei der oben erwähnten Rettungsaktion im Fluss ertrinkt, wartet Cornelia sehr lange und vergeblich in einem Berliner Café auf ihn. Das ist natürlich eine charmante Anspielung auf die Ballade „Der Taucher“ von Friedrich Schiller:

Da bückt sich’s hinunter mit liebendem Blick:
Es kommen, es kommen die Wasser all,
Sie rauschen herauf, sie rauschen nieder,
Den Jüngling bringt keines wieder.

Doch verkehrt dies die literarische Situation, wie sie aus der vorhergehenden Handlung entstanden ist, geradezu in ihr Gegenteil. So abgebrüht ist Fabian im Buch natürlich nicht, dass er es dauerhaft erträgt, wie Cornelia sich, um die begehrte Rolle zu bekommen, dem Filmproduzenten hingibt. Der Roman-Fabian, seinem Anspruch nach schließlich ein Moralist, ist weit davon entfernt, sich mit dieser Situation zu arrangieren, sondern ihm dient die Ausweglosigkeit seiner von Cornelia enttäuschten Liebe vielmehr als Anlass, Berlin zu verlassen. Durch diese Abweichung von der Romanhandlung schlägt der Film am Ende eine völlig andere Richtung ein, die auch seine Gesamtaussage entsprechend beeinflusst und zumindest beim aufmerksam mitdenkenden Zuschauer für nicht geringe Verärgerung sorgt.

Aber na gut, es ist nicht mehr zu ändern. So könnte dieser trotz allem sehr sehenswerte Film immerhin auch dafür sorgen, dass der eine oder andere Zuschauer vielleicht noch einmal die Romanvorlage aus dem Regal hervorzieht…

Fabian oder Der Gang vor die Hunde
Deutschland 2021
186 Minuten / FSK 12
Regie: Dominik Graf
Drehbuch: Dominik Graf / Christian Lieb
Darsteller: Tom Schilling (Jakob Fabian), Saskia Rosendahl (Cornelia Battenberg), Albrecht Schuch (Stephan Labude), Meret Becker (Irene Moll) u.v.a.

justament.de, 5.4.2021: Und wir schaffen es doch!

Recht cineastisch Berlinale Spezial (2): „Herr Bachmann und seine Klasse“ von Mara Speth

Thomas Claer

Er ist eine Mischung aus Späthippie und Sozialarbeiter, rein optisch, aber auch mit dem, was er so macht. Schlurfig angezogen, immer mit Pudelmütze, fläzt sich dieser freundliche ältere Herr hinter seinen Lehrertisch, und meistens macht er Musik mit seiner Klasse, spielt dazu Gitarre und singt selbstkomponierte Lieder. Solche Lehrer hat es früher bei uns in der DDR nie gegeben, später in Bremen habe ich sie ansatzweise erlebt und sehr gemocht. Herr Bachmann unterrichtet in der hessischen Kleinstadt Stadtallendorf Deutsch, Mathe, Englisch und Musik in einer Klasse, die fast nur aus Flüchtlings- und Migrantenkindern von überall her besteht. Natürlich ist es Schwerstarbeit, mit einem solchen Haufen fertigzuwerden. Aber so wie dieser Herr Bachmann es anstellt, wirkt es fast alles ganz mühelos. Er strahlt eine solche Herzenswärme aus, dass er von allen seinen Schülern gemocht wird. Und dabei gelingt es ihm ganz spielerisch, die Kinder immer wieder aufs Neue zu motivieren, ihr Möglichstes aus sich herauszuholen. Einen solchen Lehrer zu haben, ist so ziemlich das Beste, was jungen Menschen passieren kann. Und sie merken ja auch sehr genau, wie gut er es mit ihnen meint, und geben ihm ganz viel zurück.
Wer von sich denkt, dass er den Glauben an das Gute im Menschen verloren hat, sollte sich unbedingt diesen auf der (virtuellen) Berlinale völlig zurecht gefeierten Dokumentarfilm von Maria Speth ansehen, die den Lehrer Dieter Bachmann und seine Schüler jahrelang mit der Kamera begleitet hat. Auch wenn dieser Film 217 Minuten dauert, so hat er doch fast keine Längen, ist immer interessant, kurzweilig und nicht selten auch anrührend. Das schreibt übrigens jemand, der eigentlich gar keine Dokumentarfilme mag…

Herr Bachmann und seine Klasse
Deutschland 2021
Länge: 217 Minuten
Regie: Maria Speth
Drehbuch: Maria Speth, Reinhold Vorschneider
Darsteller als sie selbst: Dirk Bachmann, seine Klasse

justament.de, 8.3.2021: Frauentraum zum Frauentag

Recht cineastisch Spezial – Exklusiv von der (virtuellen) Berlinale: „Ich bin dein Mensch“ von Maria Schrader

Thomas Claer

Welche Frau träumt nicht von einem Mann, der sich nur für sie und niemanden sonst interessiert, der immer an sie denkt, ihr Kaffee kocht und perfekt die Wohnung aufräumt, der ein toller Liebhaber ist, umwerfend aussieht und darüber hinaus auch noch überragende geistige Fähigkeiten mitbringt, kurz gesagt: der vollkommen und in jeder Hinsicht ihren eigenen Wünschen und Vorstellungen entspricht? Regisseurin Maria Schrader hat diesen Traum nun zumindest filmische Wirklichkeit werden lassen. Wenige Tage vor dem diesjährigen Internationalen Frauentag, an dem diese Rezension erscheint, hatte ihr Film „Ich bin dein Mensch“ (Online-) Weltpremiere. Jedoch hat der Traummann Tom (Dan Stevens) der Berliner Wissenschaftlerin Alma (Maren Eggert), Mitte vierzig, dann doch einen winzig kleinen Fehler: Er ist nämlich genau genommen gar kein Mensch, sondern ein humanoider Roboter, allerdings einer der äußerst fortgeschrittenen Sorte. Schließlich befinden wir uns im Film bereits in der (relativ nahen) Zukunft. Dank ausgefeilter Algorithmen ist Tom exakt nach Almas Geschmack entwickelt worden und lernt außerdem auch noch ständig hinzu, während Almas Aufgabe darin besteht, nach dreiwöchigem Zusammenleben mit ihm ein Gutachten für die Ethik-Kommission über den Einsatz solcher Mensch-Maschinen zu verfassen. Man könnte die Konstellation also mit jener im Film „Her“ von Spike Jonze aus dem Jahr 2013 vergleichen, nur dass es darin um ein immaterielles Männertraumgeschöpf ging und diesmal gewissermaßen um fleischlich-real gewordene Frauenträume. Anfangs ist Alma, die in dieses Experiment nur widerstrebend eingewilligt hat, noch äußerst skeptisch, zumal sich Tom zunächst auch ziemlich affig benimmt. Doch hat sie seine intrinsischen Potentiale zur Selbstvervollkommnung unterschätzt. Sehr schnell merkt Tom, was bei Alma gut ankommt und was nicht, und so dauert es nicht lange, bis sie schließlich doch noch Feuer fängt…

Dieser Film ist witzig und tiefsinnig zugleich. Insbesondere wirft er – was keinesfalls gegen ihn spricht – viel mehr Fragen auf, als er beantworten kann. Na klar, die Gefahr ist riesengroß, dass sich die Menschen, sobald so etwas technisch möglich und verfügbar ist (und das wird es vermutlich schon bald sein, wenn auch zunächst nicht für alle), an Roboter-Freunde und -sexpartner gewöhnen, weil diese weitaus „pflegeleichter“ sind als menschliche Gefährten. Doch wird man Millionen vereinsamten Menschen dann diese für sie segensreiche Erfindung vorenthalten können? Und werden diese Roboter-Androiden im Laufe ihrer Interaktionen mit biologischen Menschen nicht womöglich doch irgendwann so etwas wie ein Bewusstsein ihrer selbst entwickeln? Da kommt was auf uns zu…

„Ich bin dein Mensch“
Deutschland 2021
Regie: Maria Schrader
Drehbuch: Jan Schomburg, Maria Schrader
Besetzung: Maren Eggert, Dan Stevens, Sandra Hüller, Annika Meier u.v.a.

justament.de, 13.7.2020: Fernbeziehung fällt ins Wasser

Fernbeziehung fällt ins Wasser

Recht cineastisch, Teil 37: „Undine“ von Christian Petzold

Thomas Claer

Endlich mal wieder ins Kino nach der langen Corona-Pause. Da kommt „Undine“, das neue Werk von Christian Petzold, doch gerade richtig. Denn diesmal hat sich der Altmeister der „Berliner Schule“ einem besonders reizvollen Gegenstand gewidmet: dem alteuropäischen Undinen-Mythos, wonach jene Wassernymphen, deren bezaubernder Gesang mitunter nachts über unseren Gewässern zu hören sein soll, eine Seele bekommen, wenn sie sich mit einem Menschen vermählen. Wird derjenige seiner Undine jedoch untreu, dann tötet sie ihn und kehrt sodann wieder ins Wasser zurück.
Die Film-Undine (Paula Beer) allerdings lebt zunächst einmal im Hier und Jetzt, genau genommen am Hackeschen Markt in Berlin-Mitte in einem winzigen Mikro-Apartment. Als junge Freelancerin arbeitet die promovierte Historikerin in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen und macht Führungen für Reisegruppen zum Thema Stadtgeschichte. Der Industrietauscher Christoph (Franz Rogowski) hört Undines Vortrag und ist gleich hin und weg von ihr. Dass Undine gerade von ihrem Mann (Jacob Matschenz) verlassen worden ist, macht sie besonders empfänglich für Christophs Verliebtheit, und die beiden erleben wie im Rausch eine beglückend intensive Zeit, der auch die unvermeidliche Pendelei – Christoph lebt und arbeitet in NRW – nichts anhaben kann. Dramatische Abschiede auf Bahnsteigen, das fortwährende Warten aufeinander, ein kleines Geschenk als Liebespfand – das volle Programm einer romantischen Fernbeziehung. Aber dann kommt es knüppeldick: Undine wird von ihrem Ex umgarnt, der sie zu sich zurückholen will, Christoph bemerkt das und verunglückt bald darauf beim Tauchen. Aber Undine opfert sich für ihn, der bereits hirntot im Krankenhaus liegt, indem sie den Mythos wahr macht, ihren nur vorübergehend reumütigen verräterischen Ex erwürgt und anschließend für immer in einen See abtaucht. In diesem Moment wird Christoph wundersamer Weise wieder gesund. Später beginnt er, da er Undine nicht mehr finden kann, eine Partnerschaft mit seiner Kollegin Monika (Maryam Zaree), die zwei Jahre später ein Kind von ihm erwartet. Dennoch bleibt er weiter besessen von Undine, die ihm unversehens bei einem Taucheinsatz unter Wasser begegnet und seine Hand ergreift. Fortan zieht es ihn immer wieder zu diesem See, an dem Undine ihm auch weiterhin als Wassergeist erscheint. Und so behält Christoph am Ende gleich zwei Partnerinnen: aus Fleisch und Blut an seiner Seite die eine, ein irreales Fabelwesen unter Wasser die andere. Und wieder einmal ist Christian Petzold ein ergreifender Film voller schöner Bilder gelungen.

Undine
Deutschland/Frankreich 2020
Regie: Christian Petzold
Drehbuch: Christian Petzold
Länge: 90 min
FSK: 12
Darsteller: Paula Beer (Undine Wibeau), Franz Rogowski (Christoph), (Monika), Jacob Matschenz (Johannes) u.v.a.

justament.de, 17.2.2020: Feindliche Übernahme

Recht cineastisch Spezial: Vier Oscars für „Parasite“ von Bong Joon-ho

Thomas Claer

„Kannst du nicht allen gefallen durch deine That und dein Kunstwerk, mach es wenigen recht“, riet Friedrich Schiller (1759-1802) und fügte hinzu: „Vielen gefallen ist schlimm.“ So war es früher, und so ist es erst recht auch noch heute: auf der einen Seite – in den Biotopen der Hoch- und Nischenkultur – die ausgefeilte Kunst für die wenigen Kenner und Connaisseure, auf der anderen die eher belanglosen Produkte der Massenkultur. Aber manchmal, vielleicht sogar öfter, als man denkt, überschneiden sich beide Sphären dann doch, und (beinahe) allen gefällt es.

Kann man nun also mit gutem Gewissen einen Film gut finden, der gleich vier Oscars gewonnen hat? Man kann, zumal wenn er als erste nicht-englischsprachige Produktion überhaupt in der Königskategorie “Bester Film” ausgezeichnet worden ist. Dem südkoreanischen Regisseur Bon Joon-ho, immerhin ein gelernter Autorenfilmer, ist mit „Parasite“ das Kunststück gelungen, unterhaltsames filmisches Erzählen mit kunstvollen Bildfolgen und schärfster Gesellschaftskritik zu verbinden – und damit den Geschmack nicht nur der Koreaner, sondern auch den der restlichen Welt zu treffen. Der Plot hat es wirklich in sich: Mit allerlei Tricks schleichen sich die Mitglieder einer armen Familie nach und nach ins Leben einer reichen Familie ein – eine Art feindliche Übernahme auf leisen Sohlen. Und so kommt man als Zuschauer schließlich ins Grübeln: Wer sind denn nun eigentlich die Parasiten? So spezifisch koreanisch vieles in diesem Film auch sein mag, die Grundfragen, die hier ganz beiläufig verhandelt werden, sind universell, und werden auch überall so verstanden. Und nebenbei zeigt dieser Film auch noch aller Welt, was gutes Kino ausmacht…

 

Parasite (Gisaengchung)
Südkorea 2019
Regie: Bong Joon-ho
Drehbuch: Bong Joon-ho, Han Jin-won
Darsteller: Song Kang-ho (Kim Ki-taek), Lee Sun-kyun (Park Dong-it), Jo Yeo-jeong (Yeon-kyo), Jang Hye-jin (Chung-sook) u.v.a.

justament.de, 9.9.2019: Aktuell wie uff’m Basar

Recht cineastisch Spezial: Vor 40 Jahren erschien „Das Leben des Brian“

Thomas Claer

Dieser Film gehört zu meinen cineastischen Lieblingswerken. Hier hat die britische Komiker-Truppe Monty Python vor vier Jahrzehnten einen wahren Filmklassiker erschaffen. Lange Jahre konnte – zumindest in unseren Breiten – keiner mehr so richtig verstehen, warum sich seinerzeit so viele über seine ruchlose Blasphemie aufgeregt hatten. Seit einigen Jahren aber hat so vieles von dem, was in diesem Streifen durch den Kakao gezogen wird, wieder traurige Aktualität erlangt: vom religiösen Fanatismus bis zum dilettantischen Sektierertum politischer Akteure. Aber statt nun noch mehr Worte über einen Film zu verlieren, über den doch längst schon alles gesagt ist, schildere ich lieber eine vor kurzem erlebte Begebenheit auf einem Berliner Flohmarkt, die mich stark an die Basarszene aus „Life of Brian“ erinnert hat:

Ein Flohmarktbesucher betrachtet an einem der Stände mit Interesse eine potthässliche Porzellanfigur: „Wat soll‘n die kosten?“
Darauf der Händler: „20 Euro.“
Der Besucher: „Nee, dit is mir viel zu teuer. 15 Euro geb ick dir dafür.“
Der Händler: „20 Euro und keinen Euro wenija. Ick brauch det Geld.“
Der Besucher: „Na jut, 16 Euro.“
Der Händler: „Nüscht is: 19 Euro.“
So geht es noch einige Zeit hin und her. Schließlich einigen sie sich auf 17,50 Euro. Der Kunde gibt einen 20-Euro-Schein. Aber der Händler kann ihm nicht rausgeben. Er hat nur einen 5-Euro-Schein.
Der Besucher, nach einigem Zögern: „Lass jut sein, passt schon.“
Der Händler schiebt ihm seinen 5-Euro-Schein zu: „Nee, den nimmste jetzt.“
Der Besucher, einen Schritt zurücktretend: „Nee, den kannste behalten, den will ick nich.“
Der Händler: „Det is jetzt nich dein Ernst. Du nimmst den jetzt!!“
Der Besucher, sich mit der Figur entfernend: „Nee, is jut.“
Der Händler läuft ihm nach mit dem Schein in der Hand: „Den nimmst du jetzt!!“
Im Gedränge kann ich die beiden nicht mehr sehen und erfahre so nicht mehr, wie es ausgegangen ist…

justament.de, 5.8.2019: Ich mach dich Friedhof!

Recht cineastisch, Teil 36: „Nur eine Frau“ von Sherry Hormann

Thomas Claer

„In meinem Land herrscht Gewissens- und Fickfreiheit!“ (nach anderer Quelle: “In meinem Staat herrscht Gedanken- und Fickfreiheit!“), soll Friedrich der Große (1712-1786) einmal geäußert haben. Aber auch dies (in mäßigem Deutsch): „Alle Religionen Seindt gleich und guht wan nuhr die leüte so sie profsiren Erliche leüte seindt, und wen Türken und Heiden kähmen und wollten das Land Pöpliren, so wollen wier sie Mosqueen und Kirchen bauen.“ Zweieinhalb Jahrhunderte später zeigt sich nun, dass es mitunter gar nicht so einfach ist, diese im Grunde sehr löbliche Toleranz- und Willkommenskultur unter einen Hut zu bringen. Denn die Probleme beginnen spätestens dann, wenn man sich ausgesprochene Intoleranzkulturen ins Land holt, die gerade auch in ihren Gotteshäusern Stimmung gegen die liberale Mehrheitsgesellschaft machen und diese verachten. Ob es einem gefällt oder nicht: Zu Deutschland gehören mittlerweile auch Familienstrukturen mit archaisch geprägten Ehrvorstellungen, die ihren Angehörigen (und nicht nur ihnen) das Leben zur Hölle machen – und das auch noch mitten in unseren weltoffenen Großstädten, in denen doch jeder nach seiner Facon glücklich werden sollte. Schuld daran ist gewiss nicht „der Islam“ und sind schon gar nicht „die Muslime“, denn diese und jener sind ihrerseits sehr vielfältig und verdienen es nicht, über einen Kamm geschoren zu werden. Dennoch kann man es nur als völlig falsch verstandene Toleranz ansehen, wenn unsere Rechtsordnung es hinnimmt, dass Frauen in bestimmten Milieus als Menschen zweiter Klasse behandelt und ihnen elementare Freiheiten vorenthalten werden. (Und dass ein Teil der muslimischen Frauen sich auch noch freiwillig solchen rückständigen Moral- und Bekleidungsvorschriften unterwirft, macht alles nur noch schlimmer.)

Der Ehrenmord an der türkisch-kurdischstämmigen Berlinerin Hatun Sürüci, der 2005 deutschlandweit für Entsetzen gesorgt hatte, ist nun mitsamt seiner Vorgeschichte und seinen Folgen auf eindrucksvolle Weise von Sherry Hormann verfilmt worden. Dieser Film ist zugleich ein Aufschrei der Empörung über die – wie zu befürchten ist – hierzulande noch immer zahlreichen in ähnlicher Weise bestehenden familiären Unterdrückungs- und Überwachungsstrukturen. Und vor allem setzt er jenen tapferen Frauen (und manchmal auch Männern) ein Denkmal, die sich dagegen zur Wehr setzen.

Nur eine Frau
Deutschland 2019
97 Minuten, FSK: 12
Regie: Sherry Hormann
Drehbuch: Florian Oeller
Produktion: Sandra Maischberger
Darsteller: Almila Bagriacik (Hatun Aynur Sürüci), Aram Arami (Tarik Sürüci), Jacob Matschenz (Tim) u.v.a.

justament.de, 24.6.2019: Menage-a-trois am Han-Fluss

Recht cineastisch, Teil 35: „Burning“ von Lee Chang Dong

Thomas Claer

Das südkoreanische Kino ist schon lange kein Geheimtipp mehr. Vielleicht sei es, so mutmaßte schon vor mehr als einem Jahrzehnt das Feuilleton der Süddeutschen Zeitung, „das coolste Kino der Welt“. Nun hat mit „Parasite“ von Bong Joon Ho erstmals ein Film aus dem Land der Morgenstille die „Goldene Palme“ in Cannes gewonnen. Grund genug, sich den ebenfalls hochgelobten koreanischen Vorjahres-Beitrag in Cannes, den Film „Burning“ von Lee Chang Dong, der nun in unsere Kinos kommt, einmal anzusehen.

Hierbei handelt es sich um die Verfilmung einer Kurzgeschichte von Haruki Murakami aus dem Jahr 1983. Haruki Murakami? Richtig, der japanische Schriftsteller, über dessen Buch „Naokos Lächeln“ sich vor 19 Jahren das „Literarische Quartett“ so sehr in die Wolle kriegte, dass Sigrid Löffler nach der Sendung verärgert ihren Austritt aus dem Quartett erklärte. (Für sie war das Buch „literarisches Fastfood“, während es Marcel Reich-Ranicki als „fabelhaft und hocherotisch“ ansah. Natürlich gilt Haruki Murakami heute längst als Schriftsteller von Weltrang…)

Regisseur Lee Chang Dong verlegt nun also die Handlung aus Harukis 36 Jahre alter Geschichte ins Südkorea der Gegenwart. Und dies funktioniert durchaus, denn das Phänomen der zornigen und frustrierten jungen Menschen auf Sinnsuche, die sich in ihrem Außenseitertum eingerichtet haben, ist mittlerweile auch im einstigen Tigerstaat am Han-Fluss angekommen. Was die Japaner schon vor Jahrzehnten kannten, spüren nun auch die lange Zeit von traumhaften Wirtschaftswachstumsraten verwöhnten Südkoreaner: Es ist für junge Leute selbst mit guter Qualifikation nicht mehr so leicht wie früher, irgendwo unterzukommen. Und so mancher wird dabei, was in diesem Land mit seiner traditionell so starken sozialen Kontrolle eigentlich gar nicht vorgesehen ist, zum Individualisten.

So auch Jongsu (Yoo Ah In), der Held dieses Films, ein junger Hochschulabsolvent (Studienschwerpunkt: Kreatives Schreiben), der sich mit Gelegenheitsjobs und Arbeiten auf dem Bauernhof seines Vaters über Wasser hält, während er bereits an seinem Roman-Debüt arbeitet. Eines Tages begegnet ihm so etwas wie der feuchte Traum jedes (angehenden) Schriftstellers: eine attraktive junge Dame, die ihn ausgiebig für sein Tun bewundert. Dass Jongsu einen Roman schreibt, findet Haemi (Jeon Jong Seo), die ebenfalls von Gelegenheitsjobs lebt und auf der Suche nach dem Sinn des Lebens eine Reise nach Afrika unternehmen will, „mochitda“. Dieses kaum ins Deutsche übersetzbare koreanische Wort (es entspricht in etwa dem englischen „handsome“) bedeutet so viel, wie dass sie Jongsu für einen tollen Typen hält. Sehr schnell kommen beide auch zur Sache, wobei die Initiative eindeutig von Haemi ausgeht. Doch dann fliegt Haemi für ein paar Wochen nach Afrika, während Jongsu ihre Katze versorgt. Und zurück kommt Haemi zu Jongsus großem Verdruss in Begleitung des einige Jahre älteren Ben (Steven Yeun), der ebenfalls großen Gefallen an Haemi gefunden hat. Ben ist, in krassem Gegensatz zu den beiden anderen Protagonisten dieser Dreiecksgeschichte, offenbar steinreich und protzt ganz hemmungslos mit seinem Porsche und seinem Luxus-Apartment im mittlerweile weltweit berüchtigten Seouler Nobel-Bezirk Gangnam. Es versteht sich, dass Jongsu in diesem ungleichen Wettbewerb denkbar schlechte Karten hat…

Doch will Haemi, die sonst kaum soziale Bindungen hat und von ihrer Familie verstoßen wurde, am liebsten beide junge Männer gleichzeitig als Freunde (und offenbar auch als Liebhaber) behalten. Ben, der oberflächliche und egomanische Yuppi, der seinerseits Kontakte zu vielen weiteren jungen Damen unterhält, sieht das alles ganz locker, während Jongsu von nun an Höllenqualen der Eifersucht erleidet. Immer wieder treffen sie sich zu dritt, mal in Bens durchgestylter Wohnung, mal auf Jongsus schäbigem Bauernhof, wo sich Haemi in der Abendsonne ihrer Kleidung entledigt und ihren beiden Verehrern nackt etwas vortanzt. (Die schockierende Wirkung solcher Bilder im streng konfuzianischen Korea lässt sich leicht vorstellen…) Beiläufig berichtet Ben noch von seinem bizarren Hobby, ab und zu ein Gewächshaus auf dem Lande anzuzünden. Bis zum Ende des Films wird nicht klar, ob er dies womöglich nur erfunden hat.

Plötzlich ist Haemi spurlos verschwunden und weder für Jongsu noch für Ben erreichbar. Jongsu verdächtigt (ohne dies jemals auszusprechen) Ben, ihr etwas angetan zu haben. Doch aus verschiedenen Quellen erfährt er, dass Haemi wohl erhebliche Kreditkartenschulden angehäuft haben soll, weshalb sie auch aus diesem Grunde schlicht untergetaucht sein könnte. Die Suche nach der verschwundenen Haemi wird nun für Jongsu zur großen Obsession. Doch hilft ihm alles Träumen und Masturbieren und Spekulieren und Spionieren nichts. Haemi taucht nicht wieder auf. Das Ende des Films, in dem sich Jongsus angestauter Groll entlädt, soll hier allerdings nicht verraten werden. Und vielleicht hat er es sich, wofür gewisse Indizien sprechen, ja auch nur vorgestellt, und es ist bereits ein Teil seines Romans… Kurzum: ein starker, ein sehenswerter Film.

Burning
Südkorea 2018
148 Minuten
Regie: Lee Chang Dong
Drehbuch, Oh Jung Mi, Lee Chang Dong
Darsteller: Yoo Ah In (Lee Jongsu), (Ben), Jeon Jong Seo (Shin Haemi)