Category Archives: Über Filme

justament.de, 5.5.2019: Widersprüchlicher Weltverbesserer

Recht cineastisch Spezial: „Goldene Lola“ für „Gundermann“ von Andreas Dresen

Thomas Claer

Nein, diesen Film wollte ich eigentlich gar nicht sehen. Musikfilme sind eigentlich nicht so meine Richtung, zumal die Songs des stasiverstrickten DDR-Liedermachers und Baggerfahrers Gerhard Gundermann (1955-1998) bislang auch nicht gerade zu meinen großen Vorlieben zählten. Doch nun bin ich sehr froh, doch noch den Weg ins Kino „Casablanca“ in Adlershof gefunden zu haben, wo „Gundermann“ (D 2018) anlässlich der Preisverleihung am Wochenende noch einmal gezeigt wurde. Beinahe hätte man uns nicht mehr hereingelassen. Eine lange Schlange von Interessenten stand vor dem Kino bis auf die Straße. Als wir mit leichter Verspätung eintrafen, hörten wir eine laute Stimme rufen: „Ich frage jetzt zum letzten Mal: Hat noch jemand Online-Tickets nicht abgeholt??“ Ja, das waren wir. Zum Glück hatten wir schon vorher gebucht. Seufzend und stöhnend lief die enttäuschte Menschenmenge auseinander, denn unsere beiden Karten waren die letzten verfügbaren.

Ob einem dieser Gundermann gefällt oder nicht, er ist eine hochinteressante Figur. Und mit ihm hat Regisseur Andreas Dresen auf seine leise unaufdringliche Weise auch gleich noch die ganze alte versunkene schäbige DDR-Welt wieder zum Leben erweckt. Wer eine möglichst genaue Vorstellung vom damaligen Leben jenseits des eisernen Vorhangs bekommen möchte, sollte unbedingt diesen Film sehen. Die Schauspieler wirken, wie so oft in Andreas-Dresen-Filmen, allesamt beinahe so echt wie in einem Dokumentarfilm.

Wer es schon immer unverständlich fand, wie ein sensibler Künstler, ein Weltverbesserer mit höchstem moralischem Anspruch, jahrelang seine Mitmenschen ausspionieren und an die Stasi verpfeifen konnte und sich hinterher dafür gar nicht richtig entschuldigen mochte, wird durch diesen Film zwar auch nicht unbedingt schlauer, denn die nachvollziehbaren Gründe dafür gibt es einfach nicht. Aber man blickt nach diesen über zwei Stunden doch mit anderen Augen auf all diese Dinge. Manches hat eine gewisse Logik und dann auch wieder nicht. Vieles ist Psychologie. Dieser hochreflektierte, belesene, immer wieder Karl Marx zitierende Dichter und Musiker Gundermann lebt in einer ganz eigenen Welt, in der Welt seiner Sehnsüchte, Wünsche und Hoffnungen vor allem. Obwohl er so vieles in seiner Gesellschaft kritisch hinterfragt, glaubt er doch felsenfest daran, etwas Gutes zu tun, wenn er Fluchtwillige verrät.

Grandios dargestellt ist, wie stark sich Politisches, Privates und Künstlerisches im Leben dieses merkwürdigen Musikpoeten immer wieder gegenseitig beeinflusst. Seine künstlerisch besten Jahre hat er ausgerechnet während seiner aktiven Zeit als Stasi-Spitzel – und während seiner jahrelangen unglücklichen Liebe zur anderweitig verheirateten schönen Conny. Unzählige Lieder schreibt er für sie, bis sie dann doch noch zur Frau an seiner Seite wird. Felsenfest steht sie zu ihm, als er nach der Wende als Stasi-Informant enttarnt wird. Doch Gundermann selbst zerbricht daran und stirbt mit gerade erst 43 Jahren.

Gundermann
Deutschland 2018
Länge: 127 Minuten
Regie: Andreas Dresen
Drehbuch: Laila Stieler
Darsteller: Alexander Scheer (Gerhard Gundermann), Anna Unterberger (Conny), Benjamin Krause (Wenni) u.v.a.

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justament.de, 18.3.2019: Liebeskonfusion kurz vor dem Mauerfall

Recht cineastisch, Teil 34: „Adam und Evelyn“ von Andreas Goldstein

Thomas Claer

Das Leben in Diktaturen ist, wie jeder weiß, kein Zuckerschlecken. Doch selbst dort kann man sich mitunter ganz behaglich einrichten, womöglich sogar ein kleines privates Paradies erschaffen. Adam (Florian Teichtmeister), die Hauptfigur in Andreas Goldsteins Debüt-Film „Adam und Evelyn“ nach dem gleichnamigen Roman von Ingo Schulze (2008), hat es nicht schlecht getroffen. Als freischaffender Damen-Konfektionsschneider in einer DDR-Kleinstadt kann er weitgehend tun und lassen, was er will. Die Staatsmacht kommt ihm, der politisch indifferent und ambitionslos ist, nicht in die Quere. Seine Aufträge kann er sich aussuchen, denn die sozialistische Mangelwirtschaft mit ihren potthässlichen Bekleidungs-Erzeugnissen aus den volkseigenen Betrieben sorgt für zuverlässige Nachfrage seiner Kundinnen nach hübschen und kunstvoll individuell geschneiderten Klamotten. Außerdem hat Adam mit der 28-jährigen Kellnerin Evelyn (er selbst ist schon einige Jahre älter) eine bildhübsche Freundin an seiner Seite und unterhält darüber hinaus noch erotischen Kontakt zu einer seiner Kundinnen, was sich wiederum besonders gut mit seinem Hobby verträgt, der Fotografie weiblicher Akte. Und so sitzt er nun tagaus, tagein entweder nähend in seinem idyllischem Garten oder Fotos entwickelnd im dunklen Keller seines großen, alten Hauses, das er nach dem Tod seiner Eltern gemeinsam mit Evelyn bewohnt. Doch irgendwann läuft Evelyns Eifersucht aus dem Ruder und bringt so eine Lawine ins Rollen. Hinzu kommt, dass wir uns im Wende-Jahr 1989 befinden. Niemand unter den fünf Protagonisten, die ihren Sommer-Urlaub am Balaton in Ungarn verbringen (neben Adam und Evelyn sind noch deren Freundin und Kollegin Simone, deren angeberischer West-Cousin Michael und Adams zur Republikflucht entschlossene Bekanntschaft Katja mit von der Partie), ahnt etwas von den grundstürzenden politischen Ereignissen, die unmittelbar bevorstehen. Und die sich bald auch mit den Liebeskonfusionen unter den Hauptpersonen verschränken…

Dem bereits 55-jährigem Film-Newcomer Andreas Goldstein, einem (weiteren) Sohn des DDR-Funktionärs Klaus Gysi, gelingt es über weite Strecken, die ganz eigentümliche Atmosphäre aus Ingo Schulzes vielschichtigem und anspielungsreichem Roman (mit hintergründig- ironischer BIBEL-Metaphorik) einzufangen. Zwar wirken die Figuren manchmal ein wenig hölzern und die Kameraführung etwas statisch, doch passt gerade dies gar nicht schlecht zu den dargestellten Ostdeutschen jener Zeit. Gut getroffen ist auch der „Besserwessi“ Michael, ein Biologe aus Hamburg, der mit dickem Auto und noch dickerer Brieftasche (und dabei einen FDP-Spruch nach dem anderen raushauend) vorübergehend Eindruck auf schöne Ost-Frauen wie Evelyn macht. Und besonders gelungen sind – wie schon in der Romanvorlage – die Dialoge zwischen den Beteiligten. Kostprobe: „Ist schon schlimm“, sagt Michael, „dass ihr im Osten so eingesperrt seid. Ihr kriegt ja gar nichts von der Welt zu sehen.“ Darauf Adam: „Also ich kriege immer eine Menge zu sehen, dazu muss ich nicht mal meinen Garten verlassen…“ Kurzum, eine gelungene und sehenswerte Roman-Adaption.

Adam und Evelyn
Deutschland 2018
1 Stunde 40 Minuten, FSK: 0
Regie: Andreas Goldstein
Drehbuch: Andreas Goldstein, Jakobine Motz
Darsteller: Florian Teichtmeister (Adam), Anne Kanis (Evelyn), Lena Lauzemis (Katja),Milan Zerzawy (Michael), Christin Alexandrow (Simone) u.v.a.

justament.de, 21.1.2019: Erfüllung mit Kollateralschäden

Recht cineastisch, Teil 33: „Cold War – Der Breitengrad der Liebe“ von Pawel Pawlikowski

Thomas Claer

„Im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt“, lautet ein altes Sprichwort. Aber glücklicherweise stimmt schon die erste Hälfte dieses Satzes seit der Genfer Konvention von 1864 nicht mehr uneingeschränkt, und seit Ende des Zweiten Weltkriegs sind Kriegsverbrechen sogar international geächtet. Auch was die zweite Hälfte des genannten Diktums angeht, hat sich inzwischen so manches, was früher als Kavaliersdelikt gegolten hat, in den Bereich des Justiziablen verschoben. Und dennoch ist die Liebe, um ein weiteres geflügeltes Wort aufzugreifen, bis heute zweifellos ein „Schlachtfeld“ geblieben – eines, um genau zu sein, im ebenfalls viel zitierten „Krieg der Geschlechter“. Vor allem darum geht es im neuen Film des polnischen Regisseurs Pawel Pawlikowski: um eine große leidenschaftliche, aber auch zerstörerische Liebe. Der historische Hintergrund, der Kalte Krieg zwischen Ost und West mit den sich daraus ergebenden Zwängen, macht selbstredend alles noch viel dramatischer. Doch wäre die grundlegende Konstellation wohl auch im Hier und Jetzt vorstellbar.

Polen, 1948. Wiktor (Tomasz Kot), ein Pianist im mittleren Alter, entdeckt im Rahmen eines Forschungsprojektes über polnische Volksmusik auf dem Lande die grandios singende junge Zula (Johanna Kulig ) und verhilft ihr zur Aufnahme in die Warschauer Kunst-Akademie. Zwischen beiden entwickelt sich eine stürmische heimliche Affäre; heimlich, da Wiktor eigentlich noch mit seiner Kollegin Irena liiert ist. Die Verbindung hält sogar, als Zula ihrem Liebsten gesteht, dass sie ihn erzwungenermaßen für den staatlichen Geheimdienst ausspioniert. Und obgleich Zula ein durchaus ausgeprägtes Karrierebewusstsein an den Tag legt, schwört sie Wiktor, der politisch eher unzuverlässig (und daher für Zulas weiteres Fortkommen in diesem System wenig hilfreich) ist, dennoch ewige Liebe. Dabei hätte die bildhübsche und temperamentvolle Zula sich mit Leichtigkeit auch so ziemlich jeden anderen Mann angeln können. Zum Sehnsuchtsort der beiden Liebenden wird bald schon Berlin. Als das Volksmusik-Ensemble, in welchem Zula singt und das von Wiktor künstlerisch begleitet wird, 1952 endlich in der Hauptstadt der DDR gastiert, planen beide die Flucht in den West-Sektor. Doch Zula kommt nicht zum vereinbarten Treffpunkt, hat es sich in letzter Minute anders überlegt, und Wiktor flieht notgedrungen allein nach Paris. Erst Jahre später begegnen sie sich wieder, während Zulas Warschauer Ensemble in Paris gastiert. Längst leben beide in anderen Partnerschaften, doch merken sie beim Wiedersehen rasch, dass sie nicht mehr voneinander lassen können…

Im Folgenden vollzieht sich ein dramatisches Auf und Ab in ihrer Beziehung. Beide beweisen – nach einigem Hin und Her – eine enorme Opferbereitschaft füreinander und trotzen so den ihnen ungünstigen politischen Umständen. Wiktor nimmt eine Verurteilung zu 15 Jahren Arbeitslager in Polen in Kauf, um zu seiner Liebsten zurückkehren zu können. Zula, und das ist wirklich ungeheuerlich, nutzt ihre unvermindert starke Wirkung auf andere Männer, um gleich zweimal eine Ehe einzugehen, die jeweils einzig und allein die Erfüllung ihrer Liebe zu Wiktor voranbringen soll. Am Ende (1964) verlässt sie ihren zweiten Ehemann, einen Funktionär der Staatssicherheit, und ihren kleinen Sohn, um sich dem vorzeitig aus dem Lager entlassenen Wiktor in die Arme zu werfen. Im Abspann erfährt man schließlich noch, dass die Geschichte, die dieser Film erzählt, nicht etwa frei erfunden, sondern die wahre Geschichte der Eltern des Regisseurs ist.

Dieser in vieler Hinsicht beeindruckende Film, radikalästhetisch in schwarz-weiß gehalten und mit glänzenden Gesangseinlagen, entlässt den Zuschauer dennoch verstört und nachdenklich. So ergreifend die Unbedingtheit und Unerschütterlichkeit dieser Liebe auch ist, so fassungslos macht einen dann doch die Rücksichtslosigkeit der Protagonisten gegenüber all denen, die ihrer Liebe im Wege stehen. Oder die sogar – gleichsam als menschliche Werkzeuge – gezielt von ihnen benutzt werden. Ist daran nur der Kommunismus schuld, der schließlich die Liebenden mit Mauer und Stacheldraht voneinander getrennt hat? Wohl zumindest nicht ganz allein, sondern ebenso die universelle Problematik, dass die unbedingte Herbeiführung des eigenen Glücks mitunter das Glück der anderen zerstören kann. Wiktor und ganz besonders Zula handeln hier so skrupellos, dass es einem eiskalt den Rücken herunter läuft…

Cold War – Der Breitengrad der Liebe
Polen, Frankreich, Großbritannien 2018
84 Minuten, FSK: 0
Regie: Pawel Pawlikowski
Drehbuch: Pawel Pawlikowski, Janusz Glowacki
Darsteller: Johanna Kulig (Zula), Tomasz Kot (Wiktor) u.v.a.

www.justament.de, 27.8.2018: Der Weg war das Ziel

Recht cineastisch, Teil 32: „303“ – ein Roadmovie von Hans Weingartner

Thomas Claer

Sommer in Berlin, vorlesungsfreie Zeit. Zwei einander zunächst noch unbekannte 24-jährige Studenten machen sich jeweils kurzentschlossen auf nach Spanien: Biologie-Studentin Jule (Mala Emde), um ihren dort lebenden Freund Alex im persönlichen Gespräch von ihrer gerade erst festgestellten Schwangerschaft in Kenntnis zu setzen, und Politologie-Student Jan (Anton Spieker), um dort endlich einmal seinem biologischen Vater zu begegnen. So beginnt „303“, der neue Film des österreichischen Regisseurs Hans Weingartner („Die fetten Jahre sind vorbei“). Jule fährt eigenhändig ein 30 Jahre altes Wohnmobil vom Typ Mercedes 303 (daher der Name des Films), Jan hat Ärger mit der Mitfahrzentrale und steigt an der Tankstelle, nachdem er bei mehreren anderen Autofahrern abgeblitzt ist, schließlich in Jules Fahrzeug. Man weiß ja schon, was kommen wird. Denn wie bei allen Liebenden hat es natürlich auch zwischen Jule und Jan bereits beim ersten Blickkontakt gefunkt. Hach, und wie nervös und schüchtern die beiden sind, während sie langsam miteinander ins Gespräch kommen. (Wirklich sehr überzeugend gespielt von den beiden Hauptdarstellern!)
Aber all das braucht natürlich Zeit, und genau davon ist, welch ein Glück, reichlich vorhanden, so unterwegs auf freier Strecke quer durch Europa. Das Wohnmobil tuckert gemächlich vor sich hin. Überall, wo es schön ist, wird Station gemacht. Beide haben keinen Termindruck. Dafür steigt dann aber, zumal bei diesen jungen Menschen, allmählich der Hormondruck… Klar, der Film ist reichlich idealisierend. Das Nachtparkproblem (überall Abstellverbote oder horrende Gebühren) kommt ebenso wenig vor wie die meist beschwerliche Suche nach den sehenswertesten Orten (die von den beiden ohne Ausnahme mühelos und auf Anhieb gefunden werden). Macht nichts, den üblichen Reisestress will ja ohnehin keiner sehen. Stattdessen erleben wir ausschweifende Grundsatzdiskussionen zwischen den beiden Helden über so ziemlich alle großen Fragen der Menschheit: von der Kapitalismuskritik bis zum Darwinismus. Die beiden gehören nämlich zu den seltenen Vertretern ihrer Generation, die an so etwas große Freude haben. Da haben sich wirklich zwei gefunden. Und dass beide in vieler Hinsicht unterschiedlicher Meinung sind, ist der gegenseitigen Attraktion dabei keineswegs abträglich…

Aber mehr als Reden und Sich-verliebt-Ansehen ist vorerst nicht erlaubt. Denn Jule ist ja schließlich anderweitig fest liiert und hat so ihre Prinzipien (und glaubt noch dazu, schwanger zu sein, was sie Jan aber noch nicht erzählt hat). Mit der Zeit driften ihre Gespräche jedoch immer mehr ab in Richtung Liebe, Partnerschaft, Verhältnis zwischen den Geschlechtern. Nicht ganz uneigennützig singt Jan, dem es immer schwerer fällt, sich zurückzuhalten, ein Loblied auf die Polygamie und konfrontiert die noch standhafte Jule mit offensichtlich frei erfundenen Zahlen („Sowieso gehen doch 80 Prozent fremd“) und der Geschichte von dem Ehepaar, das eine Holzschale im Flur stehen hat, in die im Falle gelegentlicher außerehelicher Aktivitäten der betreffende Teil seinen Ehering vorübergehend hineinlegt, was der Andere dann jeweils zu respektieren hat. So wird Jule langsam, aber sicher weichgeklopft. Am Strand in Südfrankreich küssen sie sich dann endlich. Zumindest denkt man das, aber sie küssen sich dann doch nicht: In letzter Sekunde verfehlen sich ihre Münder. Und dieses Schauspiel wiederholt sich später noch mehrere Male. Selten hat man ein Kinopaar gesehen, das sich so leidenschaftlich nicht geküsst hat. Das Ende des Films soll hier nicht verraten werden. Nur so viel, dass beide das ursprüngliche Ziel ihrer Reise letztlich aus den Augen verlieren.
Ein sehenswerter Film also, keine Frage, der schon sehr an Linklaters „Before Sunrise“ (1994) erinnert. Ganz so gut wie dieser ist er aber dann doch nicht. Allerdings könnte dieses Urteil des Rezensenten auch mit dessen altersbedingt ein wenig nachlassenden Begeisterungsfähigkeit zusammenhängen…

303
Deutschland 2018
Regie: Hans Weingartner
Drehbuch: Hans Weingartner
145 Minuten, FSK: 12
Darsteller: Mala Emde, Anton Spieker u.v.a.

www.justament.de, 18.6.2018: Die im Dunkeln sieht man hier

Recht cineastisch, Teil 31: „In den Gängen“ von Thomas Stuber

Thomas Claer

Irgendwo in Ostdeutschland. Christian (Franz Rogowski), ein schüchterner junger Mann, ist neu im Logistikzentrum eines Großmarktes. Die Kollegen sind am Anfang nicht besonders nett zu ihm, werden es mit der Zeit aber dann doch. Und Christian, der sich zunächst nicht sonderlich geschickt anstellt, lernt eine Menge über die Arbeitsabläufe in den riesigen, tristen Hallen, wie man Paletten bewegt und Regale einräumt. Schließlich macht er sogar die Gabelstaplerprüfung. Die hier arbeiten, angestrengt und schlecht bezahlt, gehören in unserer glitzernden Konsumwelt nicht so recht dazu, gewährleisten mit ihrer unverzichtbaren Tätigkeit aber zuverlässig, dass alles so weiter funktioniert. Nach und nach lernen wir in Thomas Stubers Sozialdrama „In den Gängen“ auch die Vorgeschichte jener niedergedrückten Existenzen kennen. Alle tragen sie biographische Brüche, Frustrationen, Verletzungen mit sich herum.

Nun kann man Christians Job für öde und eintönig halten, und das ist er auch unzweifelhaft, doch schon bald ändert sich alles, als seine einige Jahre ältere Kollegin Marion (Sandra Hüller) aus der benachbarten Süßwarenabteilung in Christians Leben tritt. Zwar ist Marion anderweitig verheiratet, doch hält sie das nicht davon ab, sich dem konsternierten Christian auf recht eindeutige Weise zu nähern, ohne dabei jedoch gewisse Grenzen zu überschreiten. Der binnen kurzem völlig entflammte Christian zeigt daraufhin Marion auf anrührende Weise seine Liebe, etwa indem er ihr zum Geburtstag ein Yes-Torty mit Kerze überreicht. Von nun an ist für Christian jeder Arbeitstag ein Festtag, vorausgesetzt seine und Marions Schicht überschneiden sich, was längst nicht immer der Fall ist. Aber auch das geduldige Warten aufeinander versüßt den beiden Kollegen ihren Alltag nicht unbeträchtlich. Beinahe Tabu bleibt allerdings jeglicher Körperkontakt zwischen ihnen. Lediglich auf einer Betriebsfeier berühren sich einmal ihre Hände, und sie lehnen ihre Köpfe aneinander. Zu einem Kuss kommt es gar nicht; nicht einmal Begrüßungs- oder Verabschiedungs-Küsschen und/oder –Umarmungen sind drin, da die eher süd- und westdeutsch geprägte „Bussi-Kultur“ in Ostdeutschland abseits der Großstädte noch immer verpönt ist…

Dieser kleine, feine, am Ende sehr traurige Film erzählt so etwas wie das wahre Leben jenseits der glamourösen Welt der Schönen und Erfolgreichen. Und er zeigt uns nicht zuletzt, dass hier die zwischenmenschlichen Dramen nicht weniger interessant sind als etwa in Hollywood. Ganz im Gegenteil…

In den Gängen
Deutschland 2017
Regie: Thomas Stuber
Drehbuch: Thomas Stuber, Clemens Meyer
120 Minuten, FSK: 12
Darsteller: Franz Rogowski, Sandra Hüller, Peter Kurth, Andreas Leupold, Michael Specht u.v.a.

www.justament.de, 7.5.2018: 40 Jahre “Western von gestern”

Recht historisch Spezial: Justament-Autor Thomas Claer erinnert sich an Sternstunden seiner Kindheit

Immer freitags um zehn vor halb sieben erschien plötzlich, begleitet von leise drohender Musik, ein schwarz gekleideter Mann mit Schnurrbart und breitkrempigem Hut auf dem Fernsehschirm, richtete mit finsterer, entschlossener Miene seine Pistole direkt auf den Zuschauer – und drückte eiskalt ab. Jedes Mal zersplitterte der Bildschirm, so wirkte es zumindest auf den kindlichen Betrachter, in tausend Scherben. Und dann setzte die mitreißende Titelmelodie ein, und mit ihr galoppierten tollkühne Cowboys und wild kreischende Indianer auf Pferden durch die Prärie, es knallen die Peitschen, ein Reiter springt über einen Abgrund, Tänzerinnen schwingen die Beine im Saloon, Fäuste fliegen in Gesichter, untermalt von klatschenden Geräuschen, ein einsamer Held in Aktion läuft auf einem fahrenden Zug entlang, ein Schuss mit dem Katapult verursacht eine Explosion, und das alles – ganz wichtig! – in schwarz-weiß von den schon rissigen, zerschlissenen uralten Filmrollen. Vielleicht hatte „Western von gestern“ den rasantesten Vorspann der deutschen Fernsehgeschichte, vergleichbar wohl nur noch mit „Ein Colt für alle Fälle“, bei dem Autos durch die Luft fliegen, ein Zug mit einem PkW kollidiert und ein Flugzeug eine Häusermauer durchbricht. Doch „Western von gestern“ war natürlich noch viel besser, viel düsterer, viel gruseliger. Ein wohliger Schauer lief einem mindestens viermal pro Sendung eiskalt den Rücken herunter, wenn der finstere Mann mit dem breitkrempigen Hut nicht nur im Vorspann, sondern auch noch am Ende sowie vor und nach dem Werbeblock in der Mitte der Sendung auftrat. Was für ein Kontrast zu den bunten Reklamefilmchen zwischendurch und den harmlos kichernden Mainzelmännchen! „Western von gestern“, das erstmals im Mai 1978, einige Monate vor meiner Einschulung, auf Sendung ging, bestand eigentlich nur aus zusammengeschnittenen amerikanischen B-Movies aus den 30er und 40er Jahren. Die eigentlich jeweils etwa 60 Minuten dauernden Folgen waren für die Fernsehausstrahlung auf je eine gute halbe Stunde eingedampft worden, wohl damit die Handlung nicht ganz so lahm wirken sollte. Die Folge war, dass man die inhaltlichen Zusammenhänge oft kaum nachvollziehen konnte, aber das machte überhaupt nichts. Entscheidend war die Stimmung, die Atmosphäre. Da waren ganze Kerle im wilden Westen unterwegs, rau und ungehobelt, und immer im Kampf gegen das Böse. Die Guten waren zur besseren Übersichtlichkeit meist hell gekleidet, die Bösen dunkel. Es herrschten stets klare Verhältnisse. Für gelegentliche humoristische Anklänge war ausschließlich eine Nebenfigur namens Fuzzy zuständig. Zugegeben, „Western von gestern“ war schon recht einfach gestrickt. Und doch: Was waren die Karl-May-Verfilmungen dagegen für ein weichgespülter Mist!

Für mich war „Western von gestern“ jahrelang der Höhepunkt meiner Fernsehwoche. Irgendwann in den unteren Schulklassen wurde ich von den olympiamedaillengeilen DDR-Sport-Talentejägern aufgrund meiner zarten Figur für eine Laufbahn als Turner ausgesucht. Da halfen keine Proteste. Meine Eltern meinten, ich solle ruhig viel Sport treiben, und schickten mich dreimal die Woche zum entsprechenden Training, auch am Freitagabend, sodass ich jede Woche „Western von gestern“ verpasste. Es war furchtbar. Ich empfand es auch einfach nur als zynisch, dass der sportliche Leiter das Training am liebsten mit den Worten beendete: „Und nun machen wir aber Schluss, damit ihr das Sandmännchen nicht verpasst.“ Mein Gott, das Sandmännchen! Das begann um 18:50 Uhr, just als „Western von gestern“ schon zu Ende war. Erst nach quälend langen Monaten gelang es mir, meine Eltern davon zu überzeugen, mich vom ungeliebten Training wieder abzumelden. Und endlich, endlich hatte ich wieder mein „Western von gestern“.

Für mich waren diese Cowboys, und ganz besonders der finstere Mann aus dem Vorspann, der Inbegriff der Coolness, auch wenn ich damals dieses Wort noch nicht kannte. Immer wieder spielte ich diese Anfangsszene mit meiner Plastik-Spielzeugpistole nach, summte dabei laut die drohende Begleitmusik und imitierte dann das zischende Schussgeräusch. Ganz besonders hatte es mir auch die Prügelszene aus dem Vorspann angetan. Mir gefiel darin vor allem der „Überwurftrick“, wie ich ihn damals nannte: Der Held wird von mehreren Gegnern attackiert, die er im Multi-Tasking durch gezielte Hiebe in alle Richtungen zurückdrängt, woraufhin seine Gegner auch alle prompt zu Boden sinken. Einer aber bedrängt ihn von hinten. Da packt der Held mit seinen Händen dessen Kopf, zieht mit dem Kopf auch gleich den ganzen Mann über sich selbst hinüber in die Luft und wirft ihn zu Boden. Unzählige Male habe ich bei den obligatorischen Rangeleien unter uns Jungs versucht, diesen „Trick“ anzuwenden. Natürlich ist es mir nie gelungen, nicht einmal ansatzweise. Niemanden, der mich von hinten gepackt hatte, konnte ich an dessen Kopf auch nur einen Zentimeter in die Luft ziehen. Manches funktioniert wohl einfach nur im Film…

An die letzte Folge von „Western von gestern“, die im Juli 1986 ausgestrahlt wurde, kann ich mich allerdings gar nicht mehr erinnern. Wahrscheinlich waren für mich in der Pubertät andere Dinge wichtiger geworden. Aber heute lässt sich ja, welch ein Glück!, dank YouTube alles wieder neu erleben. Täät-täät-täät-täät-täät. Klirrrr.

www.justament.de, 25.9.2017: Bum Bum!

Recht cineastisch, Teil 30: „Magical Mystery oder die Rückkehr des Karl Schmidt“ von Arne Feldhusen

Thomas Claer

Pünktlich zum neuen Roman von Sven Regener (Justament wird in Kürze berichten) ist auch schon die Verfilmung seines vorigen Buches am Start: Der erprobte Stromberg-Regisseur Arne Feldhusen hat sich der Geschichte rund um die Rückkehr des zwischenzeitlich abgetauchten Lehmann-Kumpels Karl Schmidt angenommen und daraus einen gelungenen Roadmovie gemacht. Dabei hätte eine Menge schiefgehen können: Karl Schmidt wird diesmal nämlich – anders als in Leander Haußmanns Herr Lehmann-Verfilmung – nicht von Detlev Buck gespielt, sondern von Charly Hübner, was zunächst gewöhnungsbedürftig ist. Und schlimmer noch: Detlev Buck ist trotzdem mit von der Partie – und spielt Karl Schmidts alten Weggefährten Ferdi, der es im Berlin der Nachwendezeit zum Chef der enorm erfolgreichen Techno-Plattenfirma „Bum Bum Records“ gebracht hat. Doch alle Bedenken, man könnte hier als Zuschauer den Überblick verlieren, lösen sich im Kinosaal in Wohlgefallen auf: Detlev Buck, der geniale Komödiant, spielt einen großartigen Ferdi, einen völlig anderen Typen als den Karl Schmidt in „Herr Lehmann“. Und dass Detlev Buck natürlich in jeder Rolle zugleich auch unverkennbar Detlev Buck spielt, macht es nur noch witziger. Schließlich gibt auch Charly Hübner einen rundum überzeugenden Karl Schmidt, der dessen hier besonders bedeutsame depressive Seite besser ausspielt, als es der lustige Detlev Buck wohl je gekonnt hätte. Kurzum, die Beteiligten haben bei der Besetzung der Schlüsselpositionen alles richtig gemacht, was aber auch für die anderen Rollen gilt. Bjarne Mädel ist wie geschaffen für die Rolle des Sozialarbeiters Werner, der Karl Schmidt in der Drogen-WG „Cleancut 1“ in Hamburg-Altona betreut. Auch diese Drogen-WG aus kettenrauchenden Ex-Junkies und -Alkies ist grandios in Szene gesetzt, wie dann auch die quietschbunt-vergnügte, schnelle, neue Techno-Welt in Mitte, in die sich Karl Schmidt nach mehrjähriger Berlin-Abstinenz freudig stürzt. Der Film zeigt die überwältigende Aufbruchstimmung jener frühen Jahre nach dem Mauerfall, als plötzlich junges Volk aus Ost und West und aller Herren Länder in die neue Hauptstadt strömt und das Techno-Zeitalter einläutet. Immer wieder streift dieser Film den Klamauk, kriegt aber zuverlässig am Ende dann doch noch die Kurve. Krönender Höhepunkt ist dabei die sich auf der Magical-Mysterie-Tour der Berliner DJs quer durch Deutschland anbahnende und vollziehende Liebesgeschichte zwischen Karl und Rosa (Annika Meier). Ein sehenswertes Spektakel!

Magical Mystery oder die Rückkehr des Karl Schmidt
Deutschland 2017
Regie: Arne Feldhusen
Drehbuch: Sven Regener
111 Minuten, FSK: 12
Darsteller: Charly Hübner, Detlev Buck, Marc Hosemann, Annika Meier, Bjarne Mädel, Lina Beckmann u.a.

www.justament.de, 22.5.2017: Ästhetik des Schreckens

Recht cineastisch, Teil 29: „Tiger Girl“ von Jakob Lass

Thomas Claer

Als Berliner lebt man bekanntlich gefährlich. Auf der Rolltreppe zur U-Bahn stehend kann man hinterrücks einen Fußtritt bekommen und sich beim Sturz nach vorne alle Knochen brechen. Man kann auch von jemandem auf die U-Bahn-Gleise geschubst werden, während man auf den Zug wartet. Oder einem wird von Unbekannten ohne Grund ins Gesicht geschlagen. Es ist schon beunruhigend, dass Leute herumlaufen, die einfach Spaß an der Gewalt gegen ihre Mitmenschen haben. Nun gibt es einen Film, der sich mit diesem Menschenschlag näher beschäftigt: „Tiger Girl“ von Jakob Lass. Natürlich ist das echtes Berliner Underground-Kino aus Neukölln, nur diesmal herausgebracht vom Branchen-Major Constantin Film, das auf die früheren Indie-Produktionen von Jakob Lass und seinen Mitstreitern aufmerksam geworden ist. Ein wilder, ein verstörender Film, der handwerklich außerordentlich gut gemacht ist: Alle Dialoge sind improvisiert, die Kameraführung verwegen.
Die Geschichte, die hier erzählt wird, kann einem allerdings kalte Schauer über den Rücken jagen: Margarethe Fischer, eine junge Dame um die 20, ist durch die Polizeiaufnahmeprüfung gefallen und absolviert nun eine Ausbildung bei einem privaten Security-Dienst. Anfangs ist sie noch höflich und zurückhaltend, bis sie auf eine andere junge Dame trifft, die sich Tiger Girl nennt und das komplette Gegenteil von ihr ist. Tiger Girl, die mit zwei Jungs abwechselnd illegal auf einem Dachboden und in einem stillgelegten Bus lebt, hilft Margarethe, die sie auf den Namen Vanilla tauft, durch imponierende Prügeleinlagen mit und ohne Baseballschläger mehrfach aus der Patsche und wird so zum Vorbild für diese – und zugleich zu ihrer besten Freundin. Nach und nach wird „Vanilla“ zu einem anderen Menschen, indem sie Tiger Girls programmatische Ratschläge beherzigt wie „Höflichkeit ist eine Art Gewalt. Gewalt gegen dich selbst.“ oder „Du musst einfach sagen, was du willst, und dann kriegst du’s auch.“ Schließlich marodieren die beiden pöbelnd, raubend und prügelnd durch die Straßen Berlins. Frei nach Schnauze suchen sie sich ihre Opfer aus. Sogar noch besser klappt es in geklauten Polizeiuniformen.
Das, um es zurückhaltend zu sagen, Irritierende an diesem Film ist dessen ausgestellte Sympathie für seine Protagonistinnen. Und, was nicht minder irritierend ist, auch eine ganze Reihe von Kritikerkollegen ist schier aus dem Häuschen: „Ein Film, nach dem man Lust hat, jemanden zu verprügeln“, befindet Juliane Liebert in der Süddeutschen Zeitung. Und sie führt weiter aus: „Gerade das ist toll an ‚Tiger Girl‘. Keine Moral. Keine Rettung. Dafür Frauen, die nicht in Willenlosigkeit vor sich hin wabern. Aber was heißt ‚Frauen‘: Jakob Lass zeigt selbstbewusst und eigenverantwortlich handelnde Menschen.“ Puh, das kann man nun aber wirklich nicht so stehen lassen. Wenn schon, dann zeigt dieser Film Menschen, konkret gesagt: Frauen, die sich in unverantwortlichster Weise gehen lassen, denen alle zivilisatorischen Sicherungen durchbrennen. Und es stecken fatale Botschaften in ihm, die seinen Machern wohl kaum bewusst gewesen sein dürften. Etwa die, dass der demokratische Rechtsstaat offenbar seine liebe Mühe hat, mit einem solchen Täter-Kaliber fertig zu werden, während solche Schlägerinnen z.B. unter Putin oder Erdogan ganz schnell und ohne viel Aufhebens auf Nimmerwiedersehen im Knast oder Arbeitslager verschwänden. Sind Filmemacher wie Jakob Lass also die nützlichen Idioten der autoritären Herrscher?
Natürlich nicht nur. Denn auf einer rein ästhetischen Ebene kann „Tiger Girl“ durchaus überzeugen. Hier wird eine Geschichte erzählt, so kann man es ja auch sehen, die auf alle Korrektheiten pfeift. So wie, sagen wir, „In Stahlgewittern“ von Ernst Jünger. Ästhetik des Schreckens nennt man so etwas. Ganz ohne Moral. Anhand dieses Films lässt sich also noch einmal über die große Frage nach der Autonomie der Kunst nachdenken.

Tiger Girl
D 2017
Länge: 90 Minuten
Regie: Jakob Lass
Drehbuch: Jakob Lass, Ines Schiller, Hannah Schopf, Nicholas Woche, Eva-Maria Reimer
Musik: Golo Schultz
Darsteller: Maria Dragus (Vanilla), Ella Rumpf (Tiger) u.v.a.
GSK: 16

www.justament.de, 20.3.2017: Geteilte Stadt der Engel

Recht cineastisch Spezial: Vor 30 Jahren erschien „Der Himmel über Berlin“. Ein persönlicher Rückblick

Thomas Claer

Mein Gott, was für ein großartiger Film! Und ich habe es nicht gemerkt! Damals, in den Neunzigern, als Jurastudent in Bielefeld, sah ich zum ersten Mal dieses fantastische Drama von Wim Wenders – und konnte nicht viel damit anfangen. Zwei Engel in Menschengestalt (Bruno Ganz und Otto Sander als verdammt junge Männer) landen in West-Berlin und durchwandern ausgiebig die geteilte Stadt, machen dabei sogar einen Abstecher in den Osten. Sie sind unsichtbar für die Menschen, können dafür aber hören, was diese denken. Die beiden Engel fahren U-Bahn, besuchen die Staatsbibliothek, stehen am damals noch ruinenhaften Potsdamer Platz, wo ein sehr alter Mann von sehr fernen Zeiten fabuliert, als hier noch pralles Leben getobt habe. Sie ziehen durch die Straßen von Schöneberg und Kreuzberg mit ihren damals noch grauen, kaputten Häusern. Und dann landen sie in einem Kreuzberger Keller, wo zwei Bands aus Australien, Crime & the City Solution und Nick Cave & the Bad Seeds, eine unglaubliche Musik spielen. Zwei japanische Mädchen, und wohl nicht nur sie, erleben dabei, ausweislich ihrer von den Engeln belauschten Gedanken, überwältigende Glücksgefühle.
Doch all diese magischen Momente ließen mich damals kalt. Ich empfand die Handlung als ziemlich langatmig. (Das in der Tat etwas verschwurbelte Drehbuch hat der notorisch verschwurbelte Peter Handke geschrieben). Die Liebesgeschichte zwischen dem Engel Damiel (Bruno Ganz) und der Menschenfrau Marion (Solveig Dommartin), einer Zirkusakrobatin, die seinerzeit auf mich recht tantig wirkte, fand ich nur schwer nachvollziehbar. (Aus heutiger Sicht hingegen – inzwischen bin ich selbst so alt wie damals Bruno Ganz – erscheint mir Marion als durchaus attraktiv.) Vor allem aber war ich blind für all die schönen poetischen Bilder, aus denen dieser Film besteht. Und noch weit weg von Berlin, das mir später für all das die Augen öffnen sollte.
Eine Szene des Films spielt an der erst vor einem Jahr verschwundenen Imbissbude am U-Bahnhof Güntzelstraße, in unmittelbarer Nähe zu den Räumen unseres Lexxion Verlags. Und auf dem Weg in die Verlagsräume sah ich früher an warmen Tagen oft Otto Sander, der gleich um die Ecke wohnte, bei einem Glas Rotwein im Straßencafé sitzen. Ganz nah an seiner einstigen Wirkungsstätte. Dieser Film hat wie kaum ein anderer den Zauber dieser Stadt eingefangen.

www.justament.de, 10.10.2016: Ein Hoch auf die Walachei!

Recht cineastisch, Teil 28: „Tschick“ von Fatih Akin

Thomas Claer

tschickWelcher 14-Jährige würde sich schon so etwas trauen: einen alten Lada zu klauen und damit einfach abzuhauen, ohne genau zu wissen wohin, außer dass es von Berlin-Marzahn aus in die Walachei gehen soll, die in diesem Fall irgendwo südlich von Berlin liegt und zu einem unbestimmten Sehnsuchtsort wird. Maik Klingenberg jedenfalls, der Held in Wolfgang Herrndorfs Roman Tschick, hätte sich das normalerweise eher nicht getraut. Aber es gibt ja noch seinen neuen Mitschüler Andrej, den russischen Spätaussiedler, der wegen seines zungenbrecherischen Familiennamens nur Tschick genannt wird. Und als dieser zu Beginn der Sommerferien mit einem geklauten Lada bei Maik aufkreuzt, fahren die beiden einfach los, und es beginnt eine märchenhafte Odyssee, denn Landkarten sind laut Tschick „was für Muschis“.
Klar, dieser Stoff aus Herrndorfs mittlerweile sechs Jahre altem Bestseller schrie regelrecht nach seiner Verfilmung. Und Fatih Akin kam, sah – und hat geliefert. Vor allem in der Auswahl der Schauspieler beweist der zu Recht gefeierte deutsch-türkische Regisseur mal wieder ein exzellentes Händchen. Es genügt vollkommen, dass Tristan Göbel und Anand Batbileg sich selbst spielen, alles andere fügt sich hier gleichsam von allein. Auch dass einem die von Maik so verzweifelt angebetete Klassenschönheit Tatjana Cosic (Aniya Wendel) doch eigentlich recht banal vorkommt, passt ins Bild. So ist das in der Pubertät, wenn die erwachenden Hormone zu tanzen beginnen und den Verstand benebeln… Blendend rüber kommen auch die erfrischenden Dialoge zwischen den beiden jungen Abenteurern. Tschick hat die lustige Eigenheit, dass er stets ein immenses Halbwissen parat hat und mit seinen sehr bestimmt vorgebrachten Behauptungen immer wieder deutlich neben der jeweiligen Sache liegt. Unterwegs treffen die beiden auf die merkwürdigsten Typen und kommen in die aberwitzigsten Situationen. Und am Ende ist zwischen den beiden Protagonisten dann eine wunderbare Freundschaft entstanden, wie sie so wohl nur Teenager schließen können. Ein großer Kino-Spaß.

Tschick
Deutschland 2016
Regie: Fatih Akin
Drehbuch: Lars Hubrich, Hark Bohm, Fatih Akin
Darsteller: Tristan Göbel, Anand Batbileg, Mercedes Müller, Aniya Wendel u.v.a.

P.S.: Wer es den Helden dieses Filmes gleichtun, dabei aber juristisch sauber bleiben will, kann hier einen Lada (Baujahr 1981) mieten, um von Berlin aus die Walachei zu erkunden. Ab 30 Euro pro Stunde.

www.ladamieten.de