Category Archives: Über Politik

justament.de, 16.8.2021: 60 Jahre Mauerbau, 40 Jahre Verunzierung eines Fotos

Eine Geschichte aus der Schulzeit

Thomas Claer

So ähnlich hat es ausgesehen… (Collage: TC)

Vor 60 Jahren und drei Tagen hat die DDR die Berliner Mauer errichtet. Vor fast 50 Jahren bin ich hinter dieser Mauer in der DDR geboren worden. Und vor ca. 40 Jahren, so ganz genau kann ich es nicht mehr sagen, jedenfalls muss ich wohl damals in der 3. oder 4. Klasse gewesen sein, wäre mir ein ikonisches Schwarzweiß-Foto vom Mauerbau beinahe zum Verhängnis geworden. Es war in unserem Heimatkunde-Buch abgedruckt und zeigte vier uniformierte Männer mit sehr entschlossenem Gesichtsausdruck, die jeweils ihren Finger am Abzug ihrer bedrohlich großen Gewehre hatten. Vor allem aber standen sie direkt vor dem Brandenburger Tor und schienen dieses zu bewachen. Es waren, wie die unter dem Bild stehende Beschriftung verriet, keine Soldaten, sondern Angehörige der „Kampfgruppen“, einer zusätzlich rekrutierten, heute würde man vielleicht sagen: paramilitärischen Einheit neben Polizei und Armee, die dort im Einsatz waren und – wie uns von unserer Lehrerin eingeschärft wurde – heldenhaft die Staatsgrenze unserer Deutschen Demokratischen Republik gegen westliche imperialistische Provokateure verteidigten.

Tatsächlich habe ich dieses Bild sofort wiedererkannt, als es vor einigen Tagen in einer Rückblende im „Heute Journal“ gezeigt wurde. Und es war auch gar nicht schwer, es aus dem Internet zu fischen. Wenn ich es heute, mit so großem zeitlichen Abstand, noch einmal betrachte, dann wirft es bei mir allerdings Fragen auf, die ich mir früher begreiflicherweise nie gestellt habe. Auf welcher Seite des Brandenburger Tores stehen diese Kampfgruppen denn eigentlich? Und auf wen richten sie ihre Gewehre? Entweder stehen sie auf der Ost-Seite und drohen der eigenen fluchtwilligen Bevölkerung, dann wäre das Bild aber ein grandioses propagandistisches Eigentor gewesen… Oder sie stehen auf der West-Seite und drohen dem Westen. Aber dann würden sie doch noch hinter den ganzen östlichen Grenzschutzanlagen stehen, und wie konnte überhaupt ein Fotograf auf dieses verminte Gelände gelangen?

Damals, als Dritt- oder Viertklässler, lagen mir solche Überlegungen natürlich noch fern. Und es hatte auch ganz bestimmt keinen politischen Hintergrund, dass ich frecherweise den Männern auf diesem Foto während des langweiligen Unterrichts mit dem Bleistift Bärte und Brillen gemalt hatte. (Schon seinerzeit hatte ich offenbar eine besondere Vorliebe für die kreative Bearbeitung von Fotomaterial…) Woraufhin unsere überaus strenge und politisch ultra-linientreue Klassenlehrerin ein riesiges Fass aufmachte, so dass ich gar nicht mehr wusste, wie mir geschah. Entrüstet und bebend vor Zorn hielt sie das Heimatkunde-Buch mit meiner Foto-Collage vor der Klasse in die Höhe, machte dabei ein angewidertes Gesicht und schimpfte mit schneidender Stimme, dass ich diese Männer, die heldenhaft unseren Sozialismus verteidigten, ins Lächerliche zöge und wie ich mich nur erdreisten könnte. Dabei hatte ich mir wirklich überhaupt nichts dabei gedacht. Erschrocken griff ich nach meinem Radiergummi und wollte meine Verunzierungen der Helden schnell wieder beseitigen, aber so leicht kam ich natürlich nicht davon.

Wie immer, wenn jemand von uns etwas ausgefressen hatte, forderte unsere Lehrerin die anderen Schüler auf, dazu Stellung zu nehmen. Und natürlich nutzten einige meiner Mitschüler die Gelegenheit, um sich von meiner abscheulichen Tat aufs Schärfste zu distanzieren. Nachdem ich mich dann aber auch noch kleinlaut für meinen bedauerlichen Fehltritt entschuldigt hatte, war die Sache zum Glück für mich erledigt. Es hätte auch schlimmer für mich ausgehen können. Andere hatten sich für vergleichbar geringfügige Verfehlungen auch schon mal einen Tadel eingehandelt.

justament.de, 15.2.2021: Ein Mängelwesen

Wie die DDR tatsächlich einen “neuen Menschen” geschaffen hat: den Ost-Mann

Thomas Claer

Wie oft hat man hierzulande nicht schon über den ewig abgehängten Osten lamentiert. Über die dort fehlende Zivilgesellschaft, über rechtsradikale Strukturen im ländlichen Raum, über die regionalen Häufungen von Pegida-Wutbürgern und neuerdings auch Corona-Leugnern. Doch als Wurzel aller dieser Übel wurde in vielen solchen Betrachtungen und Analysen nicht der Ostbürger an sich, sondern in erster Linie dessen männliche Variante ausgemacht. Der frustrierte Ost-Mann als Problem-Mann also.

Und in der Tat haben sich, wie einschlägige Untersuchungen belegen, in 30 Jahren deutscher Einheit ostdeutsche Frauen als weitaus integrierbarer in die gesamtdeutschen Verhältnisse erwiesen als ostdeutsche Männer. Insbesondere zeigt sich dies auf der zwischenmenschlich-partnerschaftlichen Ebene: „Die Paarung Ostfrau/Westmann ist bis heute siebenmal häufiger anzutreffen als die umgekehrte Konstellation“, konstatiert der (West-)Schriftsteller Peter Schneider in seinem Buch “An der Schönheit kann’s nicht liegen”. Klar, die DDR-Frau war, anders als viele West-Frauen, “berufstätig, ökonomisch unabhängig, selbstbewusst und scheidungsfreudig”, was sie für West-Männer ziemlich attraktiv machte. Umgekehrt konnte sich der Ost-Mann, anders als sein West-Pendant, “nicht mit Privilegien schmücken, die ihm ein Machogehabe gestatteten. Mit Geld, schnellen Autos und einem Haus auf Ibizza konnte er nicht protzen. Er war auf seine eventuellen Begabungen als Liebhaber und auf seine Qualitäten als Vater und Partner angewiesen”. Doch damit allein war und ist bei West-Frauen zumeist kein Blumentopf zu gewinnen. “Noch als Fünfzig- oder Sechzigjährige verdienen Ost-Männer nicht gut, denn ihnen fehlt die Fähigkeit, ihre Talente auf dem Markt anzupreisen. Immerhin verrichten sie mehr Hausarbeit als die Westmänner.”

Tiefe Einblicke in die mentalitätsgeschichtlichen Hintergründe dieser in Ost und West traditionell grundverschiedenen Männlichkeitsrollenbilder verdanken wir dem jüngst erschienenen fulminanten Essay “Wandmänner” von (Ost-)Schriftsteller Martin Ahrends, Jahrgang 1951 (Magazin der Süddeutschen Zeitung Nr.45/2020 v. 6.11.2020, S.34 ff.): “Und es sind ja dann im Westen andere deutsche Nachkriegsmänner herangewachsen als im Osten. Wo bei uns die Macht der Partei waltete und … massenhaft stressfreie Jobs produzierte, wurden im Westen Heerscharen von ‘richtigen Männern’ gebraucht in der Politik und vor allem der Wirtschaft, Heerscharen von Unternehmern, Verkäufern, Werbemanagern tobten sich da aus im Haifischbecken der freien Konkurrenz.” Der Osten hingegen hatte sich nach Leninscher Vorgabe nichts Geringeres als die Erschaffung eines “neuen Menschen”, der “sozialistischen Persönlichkeit”, auf die Fahne geschrieben, und ist dabei, rückblickend betrachtet, sogar recht erfolgreich gewesen, wenn auch auf andere Weise als geplant: “Im Windschatten der Mauer, in dieser historischen Windstille gedieh manches, mit dem niemand gerechnet hatte, am wenigsten die ALLES planenden Staatslenker. Wie unwichtig uns das Geld war. Der Erfolg, das Siegen, das soziale Fortkommen. Und was stattdessen wichtig werden konnte: die kollektiven Initiativen im privaten Raum, der wahrscheinlich anders privat war als der im Westen. Ein anderer sozialer Kosmos. Wir hatten ein anderes Verhältnis zum Eigentum. Wir hatten mehr Zeit. Die Geschlechter hatten ein anderes Verhältnis zueinander. Was da entstand aus der Not, hatte in manchen Zügen tatsächlich etwas von Neubeginn. Nicht die offizielle Behauptung des Neubeginns schuf ihn, sondern ein großes Ablassen von der modernen Überanstrengung. Unsere technische Zurückgebliebenheit war nicht beabsichtigt, aber doch eine andere Antwort als der westdeutsche Technikfetischismus. Den für die Industrie optimierten Menschen wollten die Genossen auch, waren nur längst nicht so erfolgreich damit. Wir durften andere Männer sein… ganz und gar harmlos, auf ihre Frauen fixiert, nicht auf den Erfolg, Männer, die sich nicht gedemütigt fühlen, wenn sie hinter dem Steuerrad eines “Pkw Trabant” Platz nehmen. Und hatte so ein Trabant nicht eine ganz andere Wahrhaftigkeit als ein Volkswagen? Der Trabi erzählte im Land der Tüftler und Techniker von männlicher Selbstbeschränkung.” Und weiter heißt es bei Martin Ahrends: “Wir lebten zur selben Zeit wie ihr Westmänner – in einer anderen Zeit, einer Halbschlafzeit, beinahe ungestört von gelegentlichen Kampagnen zur Steigerung der Arbeitsproduktivität. Unsere Ost-Zeit war nach dem damaligen Wechselkurs nur ein Achtel der West-Zeit wert. Sie durfte ungenutzt vergehen, ähnlich der Kinderzeit, die sich noch nicht in Stunden und Minuten misst, sondern nach dem, was Stimmung und Zufall einem an Erlebnissen eintragen.”

Zu den zahlreichen Paradoxien, die dieses vier Jahrzehnte währende Leben hinter Mauer und Stacheldraht auch mit sich brachte, gehörten sogar Freiheiten, die so im Westen nicht zu haben waren: “Im Osten war man frei von den Verdauungssäften des Kapitals. Frei von Existenzkämpfen und -ängsten, frei von der Angst, die Wohnung und die Arbeit zu verlieren. Frei von den wirklichen Winden des Daseins. Nicht auf Teufel komm raus produzieren, verkaufen, verbrauchen, entsorgen zu müssen: Das war eine Freiheit des Ostens. Uralte männliche Antriebe, Unternehmertum und Kampfgeist, lagen so ziemlich brach. Ein unbestelltes Feld, mit Unkraut zugewuchert, das prächtig blühen, sich ungestört vermehren konnte, selbstgenügsam, ineffizient. Ostmänner waren gelernte Bastler und Improvisateure, somnabul reisten sie im Land herum auf der Spur eines Baustoffs oder Ersatzteils. Eine Freiheit des Ostens war die Freiheit des Dilettantentums, leidlich mauern, tapezieren, autoschlossern zu können – das waren die Tugenden des Ostmannes.” Doch waren solche Tugenden dann seit den Wendejahren immer weniger gefragt. “Von den Klischees abgesehen sind Ostmänner meiner Generation oft noch als solche erkennbar. Eher ‘naturbelassen’. Nicht von Kindsbeinen so effizient eingegliedert, wie ich es bei vielen Westmännern erlebe… Auf unserer Seite verlief die Eingliederung doch grobschlächtiger und war leichter vorzutäuschen. Mit einem Lippenbekenntnis kam man davon und gehörte schon dazu. Das war im Westen so leicht nicht zu haben, das Dazugehören.” Soweit (Ost-)Schriftsteller Martin Ahrends.

Doch zeigt sein (West-)Schriftstellerkollege Peter Schneider, sich auf Beobachtungen in seinem umfangreichen Bekanntenkreis stützend, hier einen Ausweg auf: „Dennoch hat der Ostmann eine Chance: Sie betrifft die alleinstehende und von der Männerwelt enttäuschte Westfrau, die sich nach endlosem und schließlich unheilbarem Streit von dem Ernährer ihrer Kinder getrennt hat. Der Ostmann bietet sich ihr in dieser Situation als guter Kamerad an, er tröstet sie. … Es macht ihm nichts aus, die Kinder der Westfrau morgens in die Schule zu bringen oder sie im Kinderwagen stundenlang durch den Park zu schieben. Solidaritätsgewohnt schließt er diese nicht selten krass verwöhnten Kinder in seine Zuneigung ein, macht mit ihnen Hausaufgaben und erweist sich als geduldiger Spielkamerad. Vorsichtig – und nur in Abwesenheit der Mutter – versucht er ihnen ein Minimum an Erziehung zukommen zu lassen. Nach langer und bestandener Probezeit öffnet ihm seine westliche Geliebte endlich die Tür zu ihrem Schlafzimmer.“

justament.de, 25.1.2021: Zufällig Recht behalten?

Recht historisch Spezial: Justament-Autor Thomas Claer erinnert sich an den (zweiten) Golfkrieg vor 30 Jahren

Im Januar 1991 herrschte große Aufregung an unserer Schule. Ausgerüstet mit bunt bemalten Bettlaken, auf denen Parolen wie “Kein Blut für Öl!” oder “Stoppt den US-Imperialismus!” standen, zogen fast alle Schüler in Richtung Innenstadt, um gegen den amerikanischen Militäreinsatz in Kuwait zu demonstrieren. Der Hintergrund war: Eine internationale Koalition, angeführt von den USA und immerhin legitimiert durch eine Resolution des UN-Sicherheitsrates, hatte mit Kampfhandlungen zur Befreiung Kuwaits begonnen, das fünf Monate zuvor vom Irak widerrechtlich annektiert worden war. Fast alle an unserer Schule, einem renommierten Gymnasium in der Hansestadt Bremen, waren sich einig, dass der Kriegstreiberei des US-Präsidenten George Bush sen. unbedingt entgegenzutreten war. Und obwohl uns niemand schulfrei gegeben hatte, zogen wir also in Begleitung einiger friedensbewegter Lehrer mitten am Vormittag (so wie 28 Jahre später die Schüler zu “Fridays for Future”) zur Anti-Golfkriegs-Demo, denn im Angesicht des “drohenden Dritten Weltkriegs” – immer wieder war von einem bevorstehenden “Flächenbrand” die Rede – war an so etwas wie Schul-Unterricht natürlich nicht zu denken. Nur eine Handvoll proamerikanisch eingestellter Schüler blieb in der Schule zurück.

Damals besuchte ich die zwölfte Klasse und gehörte natürlich zu den empörten Demonstranten. Aber in mir nagten wohl auch schon erste Zweifel. Mein Mathe-Lehrer – langhaarig und mit Nickelbrille, immer in Jeans und Pullover – hatte sich zu meinem Erstaunen skeptisch über unsere Demonstrationen geäußert: “Soll das jetzt jeden Tag so weitergehen?” Ja, natürlich finde auch er es ganz schlimm, dass da jetzt Krieg geführt werde. Aber dieser Saddam Hussein, das habe er im SPIEGEL gelesen (den er meistens auf dem Lehrertisch liegen hatte, außerdem hatte er auch noch die ZEIT und die Frankfurter Rundschau abonniert), dieser Saddam Hussein, der sei schon ziemlich gefährlich, ein Anhänger eines Pan-Arabismus, so ähnlich wie der Pan-Germanismus von Hitler… Und vor dem hätten uns die Amerikaner ja schließlich auch mal gerettet… Mich erstaunte aber auch, wie schnell hierzulande immer gleich Tausende gegen Militäreinsätze der USA demonstrierten, während gut ein Jahr zuvor gegen das Massaker der chinesischen Regierung auf dem “Platz des himmlischen Friedens” – das war seinerzeit die erste Demonstration in Bremen, an der ich teilgenommen hatte – gerade einmal 30 Leute zusammengekommen waren.

Nach einigen Tagen war dann allerdings aus unseren Protesten schon wieder etwas die Luft raus. Vom Rektor der Schule kam die Anweisung, dass nun aber wieder regulärer Unterricht stattfinden müsse, das habe auch der Bildungssenator so angeordnet. Und der Krieg am Golf dauerte auch nur noch wenige Wochen und endete mit dem vollständigen Rückzug der irakischen Armee aus Kuwait. (Erst zwölf Jahre später sollte im nächsten Golfkrieg der amerikanische Präsident George W. Bush – diesmal ohne UN-Mandat – den irakischen Diktator Saddam Hussein kurzerhand stürzen, ohne einen wirklichen Plan für das Danach zu haben…)

Doch noch in der aufgeheizten Phase während des Golfkriegs bekam unsere Schule Besuch von einem berühmten Intellektuellen. Der deutsch-französische Politologe Alfred Grosser hielt bei uns einen Vortrag – durch Vermittlung, wie es hieß, des stellvertretenden Rektors der Schule, der bekanntermaßen ein CDU-Mann war. Damals konnte man noch nicht einfach jemanden mal eben googeln. Daher steckte ich den armen Alfred Grosser gedanklich sogleich in die für mich unliebsame Schublade “konservativ”, zumal er in seinem Vortrag auch gleich entsprechend loslegte: Dass er mit erheblicher Verspätung erschienen sei, das liege an diesen sogenannten Friedens-Demonstrationen, die mal wieder den ganzen Verkehr lahmgelegt hätten. Dabei sei der Name “Friedensbewegung” doch ziemlich anmaßend, denn er suggeriere schließlich, dass alle anderen nicht für den Frieden wären, was aber überhaupt nicht der Fall sei. Und zur innenpolitischen Kontroverse anlässlich des Golfkriegs, den er ausdrücklich unterstützte, meinte er: Deutschland hätte sich auch an dieser internationalen Militäraktion mit UN-Mandat beteiligen müssen. Das wiedervereinigte Deutschland müsse lernen, auch selbst Verantwortung in der Welt zu übernehmen. Es müsse sich verabschieden vom Traum, eine Art Schweiz sein zu wollen und sich immer aus allem rauszuhalten. Dafür sei das Land zu groß und zu bedeutsam. Er habe gerade lange darüber mit seinen Freunden bei den hessischen Grünen diskutiert. (An dieser Stelle fragte ich mich irritiert, wie jemand mit solchen Ansichten Freunde bei den Grünen haben konnte. Ich hielt diesen Hinweis daher für wenig glaubhaft und vermutete einen Trick, um sich bei uns, den linksalternativen Bremer Schülern, irgendwie “einzuschleimen”.) Mehrere Wortmeldungen von Schülern und Lehrern führten daraufhin die Argumente der Friedensbewegung ins Feld, doch Prof. Grosser hielt argumentativ gekonnt dagegen, indem er sich auf die westliche Wertegemeinschaft berief und darauf, dass Deutschland sich, gerade aufgrund seiner Vergangenheit, nie wieder international isolieren dürfe. Es war wirklich schwer, noch etwas dagegen vorzubringen, was mich auch irgendwie wütend machte. Darüber hinaus bemerkte Alfred Grosser, dass er den letzten Bundestagswahlkampf vor der Wiedervereinigung “sehr traurig” gefunden habe, denn die konservative Bundesregierung habe den Eindruck erweckt, die deutsche Einheit sei ohne große Anstrengung zu erringen und die Opposition habe immer nur vorgerechnet, wie viel alles kosten würde. Kein deutscher Politiker habe den Menschen gesagt, dass zwar große Herausforderungen auf sie zukämen, aber mit großer gemeinsamer Kraftanstrengung alle Schwierigkeiten zu überwinden seien… Dabei entging mir nicht, dass Prof. Grosser in seinen Ausführungen die SPD als “Sozialisten” bezeichnet hatte. Ha, dachte ich, so will er sie diskreditieren, indem er sie in die linksradikale Ecke stellt. Keinen Moment dachte ich daran, dass in Frankreich, wo Alfred Grosser als Hochschullehrer tätig war, die Sozialdemokraten schlicht unter der Bezeichnung “Sozialisten” firmieren…

Bald darauf wurde ich von der Redaktion der Schülerzeitung gefragt, ob ich nicht einen Artikel über den Vortrag von Prof. Grosser an unserer Schule schreiben könnte. Natürlich ließ ich mich nicht lange bitten, denn dies war gewissermaßen meine erste journalistische Arbeit, auf die ich rückblickend aber keineswegs stolz bin. Denn ich ging in diesem Text, der die Überschrift “Macht der Sprache” trug, hart mit Alfred Grosser ins Gericht und kritisierte ihn dafür, dass er mit “rhetorischen Taschenspielertricks” am Ende scheinbar immer Recht behielt, ohne wirklich auf das berechtigte Ansinnen der Friedensbewegung einzugehen. Es dauerte aber nicht lange, ich glaube es war schon nach wenigen Monaten, da bereute ich zutiefst, was ich da geschrieben hatte. Denn mittlerweile war ich ein regelrechter Fan von Alfred Grosser geworden, den ich endlich als unabhängige liberale Stimme näher kennen- und schätzen gelernt hatte. Auf dem Flohmarkt an der Bremer Bürgerweide hatte ich zum Preis von 50 Pfennigen ein schon ziemlich zerknicktes und ramponiertes Exemplar seines Buches “Versuchte Beeinflussung. Reden und Aufsätze” aus den frühen Achtzigern erstanden und mit wachsender Begeisterung gelesen. Auch verfolgte ich nun regelmäßig die Fernseh-Gesprächsrunde “Baden-Badener Disput”, ausgestrahlt zu später Stunde auf 3Sat, in der Alfred Grosser ein ebenso ständiger Gast war wie der Philosoph Peter Sloterdijk, dessen “Kritik der zynischen Vernunft” ich auch schon eifrig studiert hatte…

Und so kann ich mich nun, nach dreißig Jahren, endlich bei Alfred Grosser, der gottlob noch lebt, aber mittlerweile auch schon 95 Jahre alt ist, für meinen damaligen unqualifizierten Text in der Schülerzeitung öffentlich entschuldigen. Es ist nur so. Bis vor wenigen Jahren war ich mir noch ganz sicher, dass ich damals mit meiner Kritik Unrecht und Alfred Grosser vollkommen Recht hatte. Eine begrenzte Militäraktion mit UN-Mandat gegen einen Aggressor, das ist doch völlig in Ordnung, das dient der Wiederherstellung des internationalen Rechts. Die Friedensbewegung war auf dem völlig falschen Dampfer. So dachte ich, wie gesagt, bis vor kurzem. Aber nun, nach mehreren Jahren Flüchtlingskrise, bin ich mir da gar nicht mehr so sicher. Wäre es nicht vielleicht doch das geringere Übel gewesen, wenn sich der Westen dort einfach herausgehalten hätte? Denn solche Diktatoren, so schlimm sie auch sein mögen, sorgen immerhin für eine gewisse Stabilität… Wenn man sich das ganze Elend in dieser Region, die sich immerhin ziemlich in unserer Nachbarschaft befindet, insbesondere seit den vom Westen beförderten Regimewechseln so ansieht, die ganzen Flüchtlingsströme und den Terrorismus bis vor unseren Haustüren… So gesehen hatte ich also mit meinen damaligen Einwänden in der Schülerzeitung vielleicht gar nicht mal so unrecht…

justament.de, 5.10.2020: Getrennt verbunden, vereint entfremdet

Das zwischenmenschliche Paradox der deutschen Wiedervereinigung

Thomas Claer

Manchmal funktionieren Fernbeziehungen ja deutlich besser als Nahbeziehungen. Durch ungünstige Umstände ist man voneinander getrennt, wartet aufeinander, denkt immer aneinander und freut sich auf die seltenen Gelegenheiten, sich zu treffen. Gleichzeitig ist man nicht ständig im Alltag mit den Macken des anderen konfrontiert… Für die Deutschen in Ost und West hatte die vierzigjährige Trennung, die der nun dreißigjährigen Zeit des Wiedervereintseins vorausging, insofern nicht nur schlechte Seiten. Denn so streng wie etwa im heute noch geteilten Korea – mit jahrzehntelanger Kontaktsperre zwischen Nord und Süd – ist es hierzulande ja nie gewesen.

So manches war erlaubt

Beinahe immer durften die Westdeutschen zu jener Zeit den Osten besuchen. Von der Staatsmacht im Osten war das sogar politisch erwünscht, da der Westbesuch ja schließlich über den obligatorischen Zwangsumtausch an der Grenze begehrte Devisen ins Land brachte. Die Ostdeutschen durften hingegen nur ausnahmsweise mal in den Westen reisen. Vielen wurden ihre Anträge auf Westreisen von den Behörden sogar immer und ohne Begründung abgelehnt (wobei Begründungen hier ohnehin nicht vorgesehen waren), vermutlich weil sie als politisch unzuverlässig oder der Republikflucht verdächtig galten. Erst im Rentenalter durften alle Ossis in den Westen, wie sie wollten. Denn kam ein Rentner nicht wieder zurück, konnte die DDR sich ja dessen Rentenzahlungen sparen.

Was aber allen in Ost und West damals ausdrücklich erlaubt war: einander Briefe zu schreiben und Pakete zu schicken. Und auch dieser vielpraktizierte Austausch kam der DDR keineswegs ungelegen. Über die Briefe in den und aus dem Westen erhielt sie wertvolle Informationen über das Meinungsbild in der Bevölkerung. (Ganze Stasi-Abteilungen waren nur damit beschäftigt, die täglich tausenden grenzüberschreitenden Briefe über Wasserdampf zu öffnen, gründlich zu lesen, abzulichten und einzuordnen. Man versteht leicht, warum es in der DDR so etwas wie Arbeitslosigkeit nie gegeben hat…) Und die berühmten Westpakete versorgten einen großen Teil der Ostbevölkerung mit begehrten westlichen Konsumartikeln. Besonders westpaketverwöhnte Ossis (wie meine Familie) mussten so niemals den scheußlich schmeckenden Ost-Kaffe trinken, nie die ebenso schlechte Ost-Schokolade essen und auch nicht auf Nylon-Strumpfhosen verzichten, denn sie waren ja immer bestens mit allem aus dem Westen versorgt.

Allerdings war es schon ein Unterschied, ob man sich all diese schönen Dinge täglich für kleines Geld an jeder Ecke kaufen konnte oder ob man sie – in unserer Familie mittels einer ausgedehnten Auspack-Zeremonie – aus einem leuchtend gelben (oder manchmal auch eintönig grauen) Westpaket fischte. Ständiger Überfluss sorgt nicht selten für Verdruss, aber vorübergehend überwundener Mangel erzeugt fast immer Freude. Für mich gehört das rituelle Auspacken der Westpakete im Familienkreis zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen…

Begegnungs- und Geschenkkultur

Überhaupt hat wohl nicht nur die eingeschränkte Begegnungs-, sondern auch die sehr spezifische Geschenkkultur das erstaunlich harmonische Miteinander zwischen Ost- und Westdeutschen zu jener Zeit geprägt. “Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft”, heißt es, aber in einer Überflussgesellschaft wie unserer heutigen (und ansatzweise auch schon der damaligen westlichen) hat das Schenken beinahe alles von seiner ursprünglichen Bedeutung verloren. Wenn einer etwas haben will, dann kann er es sich schließlich in aller Regel auch selbst kaufen. Unerbetene Zuwendungen werden dann eher als Belastungen, wenn nicht sogar als Belästigungen empfunden. Wie anders war das doch zur Zeit der deutschen Teilung! Damals konnten die Menschen des einen Teilstaates jenen im anderen Teilstaat mit ihren Geschenken und Mitbringseln noch wirklich eine Freude bereiten. Und das Beste daran war: Die Freude lag auf beiden Seiten. Wer aus dem Westen kommend mit solch kleinen Dingen für solch strahlende Gesichter bei seinen Ost-Gastgebern sorgen konnte (und das längst nicht nur bei den Kindern), der nahm es, zurück im Westen, gerne auf sich, mehrmals im Jahr seine Ost-Kontakte mit verschnürten Paketen zu beglücken (die sich sogar noch von der Steuer absetzen ließen).

Win-win-Situation

Nun sind Geschenke von gut Versorgten an weniger Bemittelte eigentlich ein zweischneidiges Schwert. Groß ist hier für den Schenker die Gefahr, sein Gegenüber zu beschämen, seinen Stolz zu verletzen. Der Beschenkte fühlt sich dann leicht als Versager, der auf Zuwendungen angewiesen ist, weil er es selbst zu nichts gebracht hat. Doch davon war zur Zeit der deutschen Teilung nichts zu spüren. Niemand im Osten wäre auf die Idee gekommen, sich wegen seiner im Vergleich zu den Westbesuchern relativ bescheidenen Lebensumstände beschämt zu fühlen. Es konnte ja auch keiner etwas dafür, dass es im Osten all die schönen Konsumartikel nicht zu kaufen gab. Es lag einzig und allein an den politischen Verhältnissen. Es war gewissermaßen höhere Gewalt, die dafür gesorgt hat, dass die Deutschen in Ost und West einander in jenen Jahren mit einfachen Mitteln so große Freude bereiten konnten. Heute würde man von einer klassischen Win-win-Situation sprechen.

Kulturschock nach der Wende

Doch damit war es dann schon bald nach Mauerfall und Wiedervereinigung vorbei. Nur kurz währte im Osten das Glücksgefühl, die ungeliebte diktatorische Mangelgesellschaft endlich hinter sich gelassen zu haben. Nun lebten Ost- und Westdeutsche plötzlich im selben Land und waren zu Konkurrenten in einer rauen Wettbewerbsgesellschaft geworden. Klar, wer hier die weitaus besseren Voraussetzungen hatte und wem der Klotz von vierzig Jahren Misswirtschaft und Bevormundung auf Lebenszeit am Bein hängen bleiben sollte. Millionen Ostdeutsche wurden arbeitslos, standen so zwar materiell zumeist besser als zu DDR-Zeiten, verloren aber vielfach ihre Selbstachtung. Nun gehörten sie nicht mehr zu denen, die nur durch unverschuldete politische Umstände hinter ihren westdeutschen Vettern und Kusinen wirtschaftlich zurückgeblieben waren, sondern sie mussten sich vor den oftmals als Kolonisatoren empfundenen “Besserwessis” als Versager fühlen, zu unflexibel, um sich auf dem nun gesamtdeutschen und globalen Arbeitsmarkt behaupten zu können.

Und überhaupt: Wo vor der Wende in den zwischenmenschlichen Ost-West-Beziehungen zumeist eitel Sonnenschein herrschte, ist nach Mauerfall und Wiedervereinigung nicht selten Streit und Missgunst an ihre Stelle getreten. Erbstreitigkeiten, ungeklärte Besitz- und Restitutionsansprüche, es gab so vieles, was die Deutschen in Ost und West nun voneinander trennte. Manche verloren auch einfach das Interesse aneinander, besuchten sich nicht mehr wie früher, denn womit sollte man der anderen Seite jetzt noch eine Freude bereiten? Die Geschenkkultur hatte ihre mangelwirtschaftsbedingte Grundlage verloren, die Begegnungskultur ihre trennungsbedingte. So lässt einen das seit nunmehr dreißig Jahren wiedervereinigte Deutschland an ein altes Ehepaar denken, das oftmals lustlos nebeneinander her lebt, es aber dennoch ganz passabel miteinander aushält. Denn es gibt ja noch die schönen gemeinsamen Erinnerungen an die gute alte schlimme Zeit des Getrenntseins…

Arirang TV, Oktober 2019: Embracing Peace

Thomas Claer erneut als Zeitzeuge im Fernsehen befragt:

Drei Kurzauftritte in einer Dokumentation von Arirang TV, dem Sender der koreanischen Minderheit in den USA:

– 6:56 bis 7:39
– 9:40 bis 10:18
– 17:19 bis 17:41

Korrektur: Anders als es in diesem Beitrag fälschlicherweise eingeblendet ist, bin ich nicht an der Freien Universität Berlin beschäftigt!

justament.de, 11.11.2019: Meine Sesamstraßen-Theorie

Recht histotisch Spezial: Justament-Autor Thomas Claer zum 30. Jahrestag des Mauerfalls

Warum die rechtspopulistische bis rechtsextremistische AfD ausgerechnet in Ostdeutschland so oft gewählt wird, darüber wird nun schon seit Jahren ausgiebig diskutiert. Es mag viele verschiedene Gründe dafür geben, aber in meinen Augen spielt dabei auch die frühkindliche mediale Prägung eine wichtige Rolle. Es ist doch auffällig, dass diese menschenverachtende Partei ihre Spitzen-Werte, also Wahlergebnisse von 40 Prozent und mehr, vor allem in jenen Gebieten erzielte und erzielt, in denen sich früher, zu Teilungszeiten, kein Westfernsehen empfangen ließ: in Vorpommern und im Raum Dresden. Nun war das DDR-Kinderfernsehen, vom Sandmännchen bis zu Pittiplatsch und Schnatterinchen, zwar alles andere als schlecht, aber eben doch längst nicht so für Fragen der Diversität und Pluralität sensibilisiert wie die westlichen Kindersendungen, allen voran die Sesamstraße. Mit großer Selbstverständlichkeit traten dort hell- und dunkelhäutige Kinder nebeneinander auf. In der Sendung „Rappelkiste“ spielte sogar ein kleines türkisches Mädchen namens Filiz mit, das mit einem blonden deutschen Mädchen befreundet war. Erinnert sei auch an die mehrsprachigen Anfangsansagen in der “Sendung mit der Maus”. Ganz besonders aber bin ich als westfernsehverwöhntes DDR-Kind in den Siebziger- und Achtzigerjahren durch die grandiosen Kurzfilme und Songs der deutschen Version der Sesamstraße geprägt worden, die immer so human und hintersinnig philosophisch waren, eigentlich ebensogut für Erwachsene geeignet wie für Kinder. Der Mann hinter all diesen Filmchen und auch Liedern war Christoph Busse, damals frisch gebackener Absolvent der Filmschule. In der Sesamstraße, so sagt er im einzigen jemals von ihm gegebenen Interview, habe er seinerzeit Narrenfreiheit genossen. Er gehörte, ohne dass ich damals seinen Namen kannte, zu den Helden meiner Kindheit. Und dank YouTube lässt sich ja heute noch einmal ganz tief in die eigene frühkindliche Vergangenheit eintauschen… Exemplarisch hier nur zwei dieser umwerfenden Sesamstraßen-Lieder: der „Egal Song“ und der musikalisch ähnlich gestrickte „Song vom Fortbewegen“. Jeder ist anders, und „Es ist egal, du bist, wie du bist.“ Und „Jeder kommt auf seine Weise vorwärts / Vorwärts irgendwie…“ Wer dies einmal verinnerlicht hat, ist wohl für immer und ewig gegen jede ausgrenzende Hass-Ideologie imprägniert.

Egal Song

Song vom Fortbewegen

Türkisches Mädchen Filiz in “Rappelkiste” (nicht Sesamstraße!)

justament.de, 23.9.2019: Gesicht zeigen fürs Klima

Justament-Autor Thomas Claer über „Fridays for Future“

Es ist Freitag. Und diesmal sind auch wir mit dabei. Wir quetschen uns in den von bunt geschmückten Schülern überfüllten Regionalexpress, der um zwanzig vor zwölf von unserem S-Bahnhof zum Hauptbahnhof fährt. „Es kommt immer auf den einzelnen Lehrer an“, sagt ein junges Mädchen zu seiner Begleiterin, „aber unsere Direktorin am ‚Gottfried Keller‘ entschuldigt das grundsätzlich nicht.“ Trotzdem sind wohl mehr als jemals zuvor zu den Schülerprotesten gekommen, die an diesem Tag auch noch vom weltweiten „Streiken fürs Klima“ aller Altersgruppen begleitet werden. Mit den Menschenmassen werden wir über die Spreebrücke in Richtung Brandenburger Tor geschoben. Überall sieht man selbstgemalte Plakate. „Muttermilch ohne Mikroplastik!“, hat eine junge Frau, die ihren Säugling auf dem Arm trägt, auf ihr Transparent geschrieben. Eine ältere Dame streckt ein Schild mit der Aufschrift „Omas for your Future“ in die Höhe. Auch diverse Berufsgruppen haben sich positioniert, von „Hebammen for Future“ bis zu „Lehrer for Future“. Wir hören hochemotionale Ansprachen, die immer wieder von tosendem Applaus unterbrochen werden. Neben uns interviewt ein ZDF-Filmteam einen Herrn im grauen Anzug. Wir erkennen Bernd Riexinger von der Linkspartei. An mehreren Ständen gibt es Flyer und Aufkleber für mehr Klimaschutz. Gleich soll Carola Rackete sprechen, die Kapitänin des Flüchtlingsrettungsschiffs aus dem Mittelmeer, aber ihre Rede wird immer wieder verschoben.

Dieses Bad in der Menge der Gleichgesinnten gibt offenbar allen Beteiligten ein Gefühl der Erhabenheit, das auch uns ein Stück weit erfasst hat. Jahrzehntelang musste ich mich in meiner Generation und vor allem auch unter Jüngeren als weitgehender Flugvermeider und beinahe Auto-Hasser wie eine notorische Spaßbremse fühlen. Und nun das. Jedoch steigen, wenn ich die vielen Familien mit kleinen Kindern sehe, dann doch allerhand Bedenken und Fragen in mir hoch, auf die ich keine Antworten finde. Darf man kleine Kinder so für politische Zwecke instrumentalisieren? Auf Pegida-Demos z.B. empfindet man so etwas doch zurecht als besonders abscheulich. Und werden diese engagierten Menschen, die sich doch nach allen soziologischen Erkenntnissen vorwiegend aus der gehobenen und gebildeten bürgerlichen Mittelschicht rekrutieren und dadurch nachweislich einen besonders tiefen ökologischen Fußabdruck hinterlassen, nun plötzlich alle ihren Lebensstil völlig umkrempeln? Werden sie nun allesamt auf den gediegenen Flugzeug-Familienurlaub am Mittelmeer verzichten und stattdessen mit dem Fahrrad an die Mecklenburgische Seenplatte fahren? Werden sie jetzt statt der gesunden, aber ökologisch desaströsen Avocados aus Südamerika lieber regionalen Beelitzer Spargel essen?

Neben uns packt ein Mann im Mehr-Klimaschutz-T-Shirt seine mitgebrachten Brote aus. Sie sind ausgerechnet in Aluminium-Folie eingewickelt. Also das geht ja nun gar nicht!! Aber andere mit moralisch erhobenem Zeigefinger belehren wollen, das wäre im Zweifel noch schlimmer. Wir sagen also nichts dazu und wissen: Es gibt noch viel zu tun!

www.justament.de, 31.12.2018: In der DDR gab es kein 1968

Über die grundverschiedene mental-kulturelle Prägung in Ost- und Westdeutschland

Thomas Claer

Ein mächtiger Sturm tobte über Europa, nein, längst nicht nur über Europa, sondern über der ganzen westlichen Welt und selbst noch in Teilen Asiens und Nordafrikas: der Sturm der Studentenproteste – und des gesellschaftlichen Wandels überhaupt. Damals, vor 50 Jahren, hörten junge Leute plötzlich nicht mehr Schlagerkitsch, sondern fetzige Rockmusik. Und von ihren Eltern ließen sie sich schon gar nichts mehr sagen. Langhaarige junge Männer rotteten sich in den Straßen zusammen und riefen „Ho-Ho Ho-Chi-Minh!“ Junge Frauen entblößten in Hör- und Gerichtssälen ihre Brüste und forderten Emanzipation. „Unter den Talaren“ ihrer Professoren hatten empörte Studenten „den Muff von tausend Jahren“ ausgemacht und begaben sich auf den „Marsch durch die Institutionen“, um das „kapitalistische Schweinesystem“ mal so richtig von Grund auf umzugestalten. Fortan gehörte, „wer zweimal mit der Selben“ pennte, bereits „zum Establishment“. Und selbstverständlich traute man „keinem über 30“… Kaum zu glauben, dass es ein Fleckchen Erde mitten in Europa gab, das von all dem kaum etwas mitbekommen hatte. Und doch es gab diese Region der Ahnungslosen, man nannte sie den Ostblock. Dort wehte der Wind der Veränderung, wenn überhaupt, nur als ein laues Lüftchen. Mauer und Stacheldraht hatten hier zwar längst nicht alles vom neuen Zeitgeist zurückhalten können, aber doch genug, um eine Menge von dem zu konservieren, was die westlichen Gesellschaften nach 1968 längst überwunden glaubten, auf dem „Müllhaufen der Geschichte“ wähnten: autoritäre Strukturen, Disziplin und Gehorsam, Homophobie und Fremdenfeindlichkeit zum Beispiel. Und so kam es, dass an der Nahtstelle zwischen Ost und West, an der innerdeutschen Grenze, nicht nur zwei entgegengesetzte politische Welten jahrzehntelang nebeneinander her lebten, sondern deren Bewohner auch grundverschiedene kulturelle Prägungen durchlaufen hatten. Sie sprachen dieselbe Sprache und konnten einander, wie sich später zeigen sollte, doch nur sehr begrenzt verstehen. Ein großes soziologisches Freiluftexperiment am lebenden Objekt gewissermaßen.

Ich selbst war 1968 noch gar nicht geboren. Erst drei Jahre später erblickte ich das Licht der Welt, doch konnte ich die Auswirkungen dieser weitgehend entgegengesetzten sozialen Codierungen in Ost und West sehr eindrucksvoll in der Schule studieren: erst im Osten – in einem Dorf nahe der innerdeutschen Grenze mit starker Armee-Präsenz – und später im Westen: in einer besonders liberalen Großstadt. Einen stärkeren Kontrast, als ich ihn damals erlebt habe, kann man sich nicht vorstellen. Das einzig Verbindende zwischen diesen beiden Welten war (neben der norddeutsch eingefärbten Sprache) die ironischerweise ihnen beiden zugeschriebene Farbe Rot. Aber ansonsten: Wie vollkommen unterschiedlich sich gleichaltrige junge Menschen doch verhalten konnten!

Kam im Osten ein neuer Schüler in die Klasse, wurde er von seinen neuen Mitschülern zuerst interessiert angesehen, sodann auf Schritt und Tritt beobachtet und schließlich neugierig befragt, woher er denn komme und was er so treibe. Nichts davon im Westen. Niemand nahm Notiz von einem Neuankömmling. Überhaupt bestand so eine West-Klasse aus mehreren Grüppchen, die sich offenbar überhaupt nicht miteinander abgaben. Die Gruppenzugehörigkeit, das lernte ich schnell, manifestierte sich vor allem auch in der Kleidung (Ökos, Popper, Grufties, Rocker, Normalos…), während im Osten alle ganz ähnlich angezogen waren und fortwährend jeder mit jedem kommunizierte. Kam man dann schließlich doch mit den West-Kindern ins Gespräch, erwiesen sie sich mitunter als freundlich, doch – jedenfalls im Vergleich zur ganz natürlichen Herzlichkeit der Ostdeutschen – auch als irgendwie unterkühlt. Ganz anders aber war es bei den Lehrern! Während sich die Ost-Lehrer ausnahmslos als Autoritätspersonen präsentierten, die auch gerne mal laut wurden, um Ruhe und Ordnung durchzusetzen, traten die West-Lehrer in vielen Fällen als ausgesprochene Kumpeltypen auf, die sich mit ihren Schülern z.B. über Popmusik und Filme unterhielten und sogar mit ihnen Computerspiele tauschten. Manche männlichen West-Lehrer hatten lange Haare oder waren zerfetzt und abgerissen gekleidet. Und dann der Sportunterricht! Im Osten wurde man im Kasernenhofton herumkommandiert, musste am Anfang der Stunde strammstehen und auch öfter mal in Reih und Glied marschieren. Im Westen liefen eigentlich alle fortwährend durcheinander, ohne dass sich jemand daran gestört hätte. Das T-Shirt trugen die West-Kinder lässig über der Hose, im Osten wäre man dafür vom Lehrer angeschnauzt worden.

In der Schule hatte man im Osten pünktlich zu erscheinen, sonst gab es Ärger, aber so richtig. Im Westen hingegen trudelte alle paar Minuten ein weiterer Nachzügler ein. Wurde im Osten etwas Organisatorisches angesagt, dann geschah dies jeweils genau einmal. Hatte jemand etwas nicht gleich mitbekommen, weil er geträumt hatte oder abgelenkt war, und er fragte nach, so wurde er vom Lehrer vor der versammelten Klasse für seine Unaufmerksamkeit blamiert. Ganz anders im Westen: So ziemlich alles wurde von den Lehrern zweimal, dreimal oder viermal laut und deutlich wiederholt – und dennoch gab es fast immer noch eine Nachfrage: „Also wann sollen wir uns noch mal treffen??“ Wurde auf Klassenfahrten ein Treffpunkt vereinbart, dann waren im Osten stets alle zu der vorgegebenen Zeit anwesend. Im Westen plante man in solchen Fällen immer großzügig noch eine halbe Stunde Zeitpuffer ein – und doch fehlte am Ende noch der eine oder die andere.

Im Osten war es gefährlich, ein Außenseiter zu sein, denn dann wurde man vom Kollektiv gemobbt, wobei es dieses Wort damals noch gar nicht gab. Von den Lehrern hatte man dann wenig Hilfe zu erwarten, sondern wurde höchstens von ihnen ermahnt, sich doch endlich einmal besser ins Klassenkollektiv einzufügen. Ganz anders im Westen. Dort appellierten die Lehrer ausdrücklich an das Sozialverhalten, forderten ihre Schüler auf, niemanden auszugrenzen. Aber die West-Schüler kamen – anders als Ost-Schüler – zumeist gar nicht auf die Idee, andere zu mobben, weil diese ihnen völlig egal waren. Für West-Schüler zählte nur der eigene Freundeskreis; was andere taten oder nicht taten, kümmerte sie nicht.

Gibt es solche mentalen Unterschiede zwischen Ost und West auch heute noch? Wahrscheinlich längst nicht mehr so ausgeprägt wie vor 30 Jahren, aber ganz bestimmt gibt es sie noch. Gewisse regionale, auch personale Kontinuitäten lassen sich nicht so leicht aus der Welt schaffen, und warum auch? Gruppenspezifische mentale Unterschiede gibt es hierzulande schließlich auch zwischen Nord und Süd, zwischen Arm und Reich, zwischen Stadt und Land, zwischen Eingeborenen und Migranten.

Was folgt nun aus all dem? Ich weiß es nicht, nur so viel: Dass im Westen oder im vereinigten Deutschland alles in jeder Hinsicht besser wäre als damals im Osten, lässt sich nun wirklich nicht behaupten. Wo viel Licht ist, da ist immer auch viel Schatten. Und umgekehrt. Insbesondere ist die Freiheit, die sich vor 50 Jahren mit der 1968er Revolte ausgebreitet hat – nicht zuletzt im westlichen Erziehungssystem – ein durchaus zweischneidiges Schwert. Zu viel davon kann leicht fragwürdige Nebenwirkungen oder unbeabsichtigte Folgen mit sich bringen. Aber wenn ich mich entscheiden müsste: Dann doch bitte lieber zu viel Freiheit als zu wenig…

www.justament.de, 22.10.2018: Die rechte Versuchung

 

Recht historisch Spezial: Justament-Autor Thomas Claer erinnert sich an Botho Straußens „Anschwellenden Bocksgesang“ vor 25 Jahren

Mit Verspätung erst las ich damals diesen Text, der eine magische Wirkung auf mich haben sollte. Den SPIEGEL-Essay im Februar 1993 hatte ich verpasst, aber im Oktober 1993 begann mein Jura-Studium in Bielefeld, und in der Nähe der juristischen Bibliothek, deren Werke ich von Anbeginn als sehr langweilig empfand, entdeckte ich zu meiner Freude das riesige SPIEGEL-Archiv, in das ich mich stundenlang regelrecht vergraben konnte. Man muss es den Nachgeborenen immer wieder erklären: Damals gab es noch kein Internet. Bestimmte Texte oder Bücher und überhaupt Informationen waren mitunter Mangelware, nach denen man lange Zeit auf der Suche war. Und so fand ich dann schließlich jenen Essay von Botho Strauß, der für so viel Aufsehen gesorgt hatte, und war sofort elektrisiert. Klar, mit Anfang zwanzig ist die Begeisterungsfähigkeit manchmal groß und die Lernmodule sind noch weit offen.

Als ich vier Jahre zuvor aus der DDR in den Westen gekommen war, hatte ich mich noch selbstverständlich politisch links positioniert und war damit auf dem Bremer Gymnasium, wo ich mein Abitur ablegte, auch gut gefahren. Doch schon während des Prozesses der deutschen Wiedervereinigung, die ich wegen des durch sie (scheinbar) drohenden nationalen Überschwangs wie viele westdeutsche Linke zunächst abgelehnt hatte, haderte ich mit meiner Haltung. Wie konnte es so weit kommen, fragte ich mich eines Tages zerknirscht, dass ich die deutsche Einheit, die doch so viele Vorteile für alle Deutschen mit sich brachte, nur mit großer Enttäuschung zur Kenntnis genommen hatte, weil sich die Dinge so gänzlich anders entwickelt hatten, als von mir gewünscht. Ich musste mir eingestehen, dass ich mich ideologisch verrannt hatte und fühlte sogar Anflüge von Wut auf all die politisch überkorrekte linke Bedenkenträgerei, die mir, so empfand ich es im Nachhinein, die Freude über die deutsche Wiedervereinigung verdorben hatte.

Schon mit 19 oder 20 begann ich also, mich anderen politisch-weltanschaulichen Ansätzen zu öffnen. Während des Golfkrieges 1991, gegen den ich selbstverständlich gemeinsam mit meiner Bremer Schulklasse auf die Straße gegangen war, las ich im SPIEGEL Hendryk M. Broders witzige und scharfzüngige Polemik „Unser Kampf“, gerichtet gegen die Deutsche Friedensbewegung, zu der damals insbesondere auch Alice Schwarzer zählte, welche er besonders durch den Kakao zog. Mir gefiel vor allem seine in meinen Augen sehr berechtigte Kritik am selbstgerechten westdeutschen linksliberalen Mainstream. (Dass sowohl Broder als auch Schwarzer heute fragwürdige Positionen vertreten und zu den geradezu dogmatischen „Islam-Hassern“ zählen, steht auf einem anderen Blatt.)

Was aber Botho Strauß Anfang 1993 im „Anschwellenden Bocksgesang“ lostrat, war noch einmal ein ganz anderes Kaliber. Es war ein Text wie ein Sprengsatz, der die weltfremde linksliberale kulturelle Hegemonie geißelte, unter deren Einfluss im wiedervereinigten Deutschland niemand mehr verstehen könne, warum „jemand in Tadschikistan es als politischen Auftrag begreift, seine Sprache zu erhalten wie wir unsere Gewässer“. Es schien dem Verfasser, „als hörte er jetzt ein letztes knisterndes Sich-Fügen, als sähe er gerade noch die Letzten, denen die Flucht in ein Heim gelang, vernähme ein leises Einschnappen, wie ein Schloss, ins Gleichgewicht. Danach: nur noch das Reißen von Strängen, gegebenen Händen, Nerven, Kontrakten, Netzen und Träumen“. Es war eine Art Kassandra-Ruf, den er der selbstgewissen westlich-liberalen Vorstellung vom Ende der Geschichte nach dem siegreichen Kalten Krieg vehement entgegenschleuderte.

Er hat, so kann man es heute sehen, mit seismographischem Gespür all das antizipiert, was uns im kommenden Vierteljahrhundert noch alles blühen sollte: den 11. September 2001, die weiteren Terroranschläge, die Finanzkrise, den neuen Kalten Krieg mit Russland, die Flüchtlingskrise, Trump und den Brexit, Orban und die Visegrad-Gruppe. „Wenn wir Reichen nur um minimale Prozente an Reichtum verlieren“, so führe dies bereits zu impulsiven Ausbrüchen von Unduldsamkeit und Aggression. Hingegen könnten „Gesellschaften, bei denen der Ökonomismus nicht im Zentrum aller Antriebe steht, aufgrund ihrer geregelten, glaubensgestützten Bedürfnisbeschränkung im Konfliktfall eine beachtliche Stärke oder Überlegenheit zeigen“. Es lohnt sich ganz unbedingt, den „Anschwellenden Bocksgesang“ heute, 25 Jahre später, noch einmal zu lesen. Denn seine Analyse ist äußerst hellsichtig. Auch der Ekel und Abscheu vor der fröhlich-banalen Konsumgesellschaft, die Feier des Individuums, das sich Ruhezonen suchen müsse in Zeiten der Geschwätzigkeit und des Privatfernsehens, all das ist großartig beschrieben und auch aus heutiger Sicht nur allzu berechtigt.

Zweifelhaft und bedenklich sind hingegen die Konsequenzen, die aus diesen Befunden sodann in raunendem Ton gezogen werden und denen der Text einen großen Teil seiner verführerischen Kraft verdankt. Schuld an der ganzen Malaise sei letztlich das linke Denken, das doch eigentlich schon in alten Zeiten das Verirrte und Verkehrte symbolisiert hätte. Das Rechte hingegen, eine rechte Haltung, die Beschwörung einer fernen Vergangenheit entspreche doch der Phantasie des einsamen Dichters, sei kurz gesagt das einzig Wahre. Es brauche so viel Mut und Entschlossenheit, sich der linken Hegemonie zu verweigern und als einsamer stolzer intellektueller Rechter dagegenzuhalten. Und mit den rechtsradikalen Schlägern, die damals schon in Deutschland ihr Unwesen trieben und Flüchtlingsheime abfackelten, habe das alles natürlich nichts zu tun. Jene seien lediglich ein Krisensymptom, hervorgerufen durch den ignoranten linksliberalen Mainstream. Eine kulturkonservative Gesellschaftskritik par excellence also, die sich allerdings inhaltlich und sprachlich stark mit linker Kulturkritik aus der Adorno-Schule überschneidet, der Botho Strauß ja schließlich auch entstammt.

Eine Zeit lang, das muss ich zugeben, war ich damals infiziert. Als politisch „rechts“ hätte ich mich niemals bezeichnet, aber das Wort „wertkonservativ“ gefiel mir zu jener Zeit schon recht gut. Indessen gab es bestimmte Erlebnisse, die mich am Ende doch wieder zurück in die Arme des guten, alten Linksliberalismus treiben sollten. Neugierig hatte ich mir den Sammelband „Die selbstbewusste Nation“ (mit Beiträgen von Botho Strauß selbst und einer Reihe intellektueller Sympathisanten) gekauft und las darin eifrig auf Bahnfahrten. Eines Tages sprach mich ein vollbärtiger Mann im Pullover darauf an, der auf mich rein optisch zunächst wie ein Anhänger der Grünen wirkte. Ich dachte im ersten Moment, er wolle mich angesichts dieses politisch unkorrekten Buches zur Rede stellen, aber weit gefehlt. Tatsächlich beglückwünschte er mich zum Erwerb und zur Lektüre dieses Werkes, das sei ja ganz prima und alles sehr richtig. „Und sind wir denn eine selbstbewusste Nation?“, fragte er mich rhetorisch und gab dann gleich darauf die Antwort. „Nein, das sind wir nicht. Sehen Sie sich doch bloß mal an, wer da alles zu uns kommt! Sind das Russen oder Rumänen oder kommen die von sonst wo her? Was wollen die eigentlich hier? Die sollen mal schön zu Hause bleiben.“ Da wurde mir schlagartig bewusst, in was für eine geistige Gesellschaft ich mich begeben hatte. Ich erklärte ihm knapp, dass mich diese Menschen in keinster Weise störten und Deutschland durch Zuwanderung noch immer bereichert worden sei. Und dann versuchte ich ihn abzuwimmeln. Er rief mir noch nach, dass er mir unbedingt empfehle, die „Junge Freiheit“ zu lesen…

Letztlich war es wohl auch der ausgiebige Kontakt mit so vielen Gleichaltrigen aus aller Welt an der Bielefelder Universität und in den Studentenwohnheimen und nicht zuletzt das Kennenlernen meiner aus Korea stammenden heutigen Frau, was mir Multi-Kulti immer schmackhafter machte und mich nachhaltig vor etwaigen rechtslastigen Einstellungen bewahrt hat. Der spätere Ortswechsel nach Berlin tat dann sein übriges. So ist es zwischen mir und dem Konservatismus am Ende nur bei einem vorübergehenden, folgenlosen Flirt geblieben. Auf den „Anschwellenden Bocksgesang“ selbst hingegen, dieses fulminante und gefährliche Stück Literatur, lasse ich hingegen auch heute noch nichts kommen.

www.justament.de, 6.11.2017: 100 Jahre Russische Revolution

Recht historisch Spezial: Justament-Autor Thomas Claer erinnert sich an den 70. Jahrestag der „Großen Sozialistischen Oktoberrevolution“ vor 30 Jahren

Steht ein besonderes Jubiläum ins Haus, dann sollte man rechtzeitig mit den Vorbereitungen beginnen. Das lernte ich bereits in der Schule, als unser Kunsterziehungslehrer vor ziemlich genau 31 Jahren, im Herbst 1986, vor versammelter Klasse verkündete: „Im nächsten Jahr begehen wir den 70. Jahrestag der Oktoberrevolution. Und dazu sollt ihr nun jeder ein Poster entwerfen.“ Das war keine ganz leichte Aufgabe für einen Neuntklässler ohne künstlerische Begabung, der ich damals war. Meine Noten in diesem Fach lagen nur dank der Kunstinterpretationen, also dem mir weitaus mehr liegenden gepflegten Geschwafel über Werke berühmter Maler oder Bildhauer, im erträglichen Bereich. Und nun sollte ich ein Poster zeichnen. Aber glücklicherweise gab es ja noch meinen Vater, für den solche Herausforderungen ein Klacks waren. Sehr gelegen kam mir, dass wir die Kunstwerke, an denen wir gerade arbeiteten, zwischen den Kunstunterrichtsstunden zur weiteren Ausgestaltung mit nach Hause nehmen durften. Mein Vater brauchte kaum eine Minute, da hatte er schon die rettende Idee: Er zeichnete mit dem Bleistift den Panzerkreuzer Arora, im Wasser liegend, aus dem Schornstein in seiner Mitte stieg als Rauchwolke die Zahl 70. Drumherum ein paar Fahnen, die später noch rot auszumalen waren, darunter die Beschriftung „Große Sozialistische Oktoberrevolution“ – fertig. Mein Kunstlehrer war begeistert. Eine Glanzleistung, für die ich die Note 1 bekam.

Nun gab es aber in den folgenden Monaten zwei Ereignisse, die mein Revolutionsplakat und seine Benotung nachträglich in einem anderen Licht erscheinen ließen. Zum einen beging mein Vater, der mir gerade noch – zu rein schulischen Zwecken – bei der Glorifizierung der Oktoberrevolution geholfen hatte, kurz nach Weihnachten Republikflucht. Er kam von einem Besuch meiner Oma in Westdeutschland, der ihm immerhin von den DDR-Behörden genehmigt worden war (vielleicht ja, weil er Frau und Kind im Osten zurückließ), nicht mehr zurück. Kurz darauf stellte meine Mutter für sich und mich den berühmten Ausreiseantrag auf Familienzusammenführung. Von nun an waren wir in der DDR so etwas wie Staatsfeinde.

Zum anderen wurde mein Kunstlehrer, der außerdem noch Deutsch und Englisch unterrichtete (ausgerechnet die Sprache des Klassenfeindes!) zum neuen Schuldirektor befördert, nachdem der bisherige Amtsinhaber, ein nervöser Kettenraucher, der ständig herumschrie, an einem Magengeschwür verstorben war.

Der Sozialismus und ich – das ist eine lange Geschichte, in der nun, zum Jahreswechsel 1987, im 70. Jahr nach der Oktoberrevolution, ein neues Kapitel aufgeschlagen wurde. So richtig überzeugt von der „wissenschaftlichen Weltanschauung der Arbeiterklasse“ war ich wohl – trotz aller Gehirnwäsche, der ich in diesem Lande fortwährend ausgesetzt war – nicht einmal in den unteren Schulklassen. Beim Fahnenappell, als immer wieder von der unverbrüchlichen und ewig währenden Freundschaft zwischen unserer DDR und der Sowjetunion die Rede war, stellte ich mir schon als ca. Neunjähriger die ketzerische Frage, wie das denn sein könne mit der „Ewigkeit“. Es erschien mir dann doch höchst fragwürdig, ob diese beiden Staaten wirklich für alle Zeiten Bestand hätten, auch noch in 100 oder in 1000 Jahren. Allerdings ahnte ich damals nicht, dass es sie alle beide schon in 10 Jahren nicht mehr geben würde…

Diese Fahnenappelle, auf denen man manchmal eine geschlagene Stunde draußen in der Kälte herumstehen und langweilige propagandistische Reden ertragen musste, hatten zwar den von manchem meiner Mitschüler empfundenen Vorteil, dass dafür eine Stunde regulärer Unterricht ausfiel. (Es gab solche Appelle in unregelmäßigen Abständen, ca. alle zwei Monate, zu irgendwelchen Anlässen.) Mir waren sie aber immer sehr unsympathisch. Besonders seit ich einmal als sehr junger Schüler erleben musste, wie drei ältere Schüler sich vor allen versammelten Klassen der Schule vorne hinstellen mussten und unter den in barschem Ton vorgebrachten Anschuldigungen des Direktors von der Schule verwiesen wurden. Ihr Vergehen: Sie hatten sich einen Jux gemacht, indem sie eine Wandzeitung auf frevelhafte Weise veränderten. Dort hatte ursprünglich so etwas gestanden wie: „In fester Solidarität zur ruhmreichen UdSSR!“ und „Wider die Lügen des USA-Imperialismus!“ Und sie hatten ein paar Buchstaben vertauscht, so dass dort anschließend zu lesen war: „In fester Solidarität zur ruhmreichen USA!“ und „Wider die Lügen des UdSSR-Imperialismus!“ Als der Direktor den „Tatbestand“ schilderte, bemerkte ich, wie mehrere ältere Schüler dabei grinsen mussten…

Jahre später war ich selbst eine Zeit lang Wandzeitungsverantwortlicher im Pionierrat und hatte mit zwei Mitschülerinnen die politische Wandzeitung unseres Klassenraumes zu gestalten. Das Thema war meistens vorgegeben. Ich bemühte mich damals, da mir die Gefahr bewusst war, sich bei einem ideologischen Fehltritt großen Ärger einzuhandeln, sozusagen um Subversion durch übertriebene Erfüllung der Vorgaben. Ich textete also für die Wandzeitung Überschriften und Beiträge in so grotesker Floskelhaftigkeit, dass sie selbst die Artikel im „Neuen Deutschland“ in den Schatten stellten. Immer wieder benutzte ich Adjektive wie „heldenhaft“, „ruhmreich“ „unerschütterlich“, auch dort, wo es überhaupt nicht passte. Doch niemand schien meine Übertreibungen und Veralberungen zu bemerken. Meine Mitschülerinnen waren froh, dass ich für sie so schnell einen passenden Text schrieb, die Lehrerin fand ihn sehr schön, und auch sonst nahm keiner daran Anstoß. (Es interessierte wohl auch niemanden besonders, was genau dort geschrieben stand, Hauptsache es machte keinen Ärger.)

Von meinen Eltern war ich weder für noch gegen den Sozialismus erzogen worden, nur zur unbedingten Vorsicht. „Pass bloß auf, was du in der Schule sagst“, war ihr fortwährendes Mantra. Dabei war mein Vater noch weitaus ängstlicher als meine Mutter. Als diese mir einmal den Unterschied zwischen „Arbeitgebern“ und „Arbeitnehmern“ erklärte – diese Begriffe hatte ich in den Westnachrichten aufgeschnappt, die ich schon als Kind stets mit großem Interesse verfolgte – intervenierte mein Vater umgehend und rief aufgeregt: „Was erzählst du ihm denn da?! Das kann man auch genau andersherum sehen, wer die Arbeit gibt und nimmt! Sei bloß vorsichtig!“ Und ich solle das ja nicht in der Schule erzählen. Zwanzig Jahre später, lange Jahre nach der Wiedervereinigung, las mein Vater meine Dissertation Korrektur und fragte mich an einer Stelle, wo es um so etwas wie (berechtigte) Kapitalismuskritik ging: „Sag mal, musst du das hier so  formulieren? Kriegst du da keinen Ärger??“ Dass ich im Westen einen marxistischen Doktorvater hatte, der meine Formulierung wohl eher noch zu mild gefunden hätte, konnte er sich nicht vorstellen…

Nein, nicht einmal als Schüler war ich ein gläubiger Sozialist. Und doch: Was ich gar nicht mochte, war der weit verbreitete Zynismus meiner Mitschüler. Viele von ihnen hatten für alles, was aus unserem Staat stammte, nur Verachtung übrig. Alles, was aus dem Westen kam, war in ihren Augen haushoch überlegen. Vor allem galt das für die Qualität des Fußballs. Auch wenn sie objektiv gesehen völlig Recht hatten, empörte es mich, eine so schlechte Meinung vom eigenen Land zu haben. Und so stritt ich mit ihnen regelmäßig und verteidigte vehement „unseren Fußball“. Nahezu alle Jungs unserer Klasse waren Fans des Hamburger SV oder des FC Bayern München. Nur ich allein hielt zu „unserem“ FC Hansa Rostock. Ich muss zugeben, dass es mir wohl auch aus diesem Grunde ein Jahrzehnt später eine tiefe Genugtuung bereitete, als nach der Wende „mein“ FC Hansa in der Bundesliga die Münchener Bayern sensationell mit 2:1 im Olympiastadion bezwang…

Irgendwann, wohl ca. in der 6. Klasse, ging es los mit der Berufsberatung. Ich wollte Journalist werden, am liebsten Sportreporter. „Dann musst du drei Jahre zur Armee“, sagte man mir. „Sonst wird das nichts.“ Für mich war das eine ziemlich schreckliche Vorstellung. Aber ich erinnere mich noch genau, wie ich mich schließlich zu dem Entschluss durchrang, notfalls in diesen sauren Apfel zu beißen. (Es war ein bisschen so ähnlich wie später beim Entschluss zum Jurastudium. Der Zweck heiligt manchmal die Mittel.) Aber glücklicherweise musste ich dann doch niemals zur Armee, weil nach Stellung unseres Ausreiseantrags alle meine Karriereplanungen in diesem Staate hinfällig geworden waren.

Abschließend noch einmal zurück zu meinem Kunst- und Englischlehrer, dem späteren Schuldirektor. Wenn ich so zurückdenke, dann hat er in seinen Ansprachen beim Fahnenappell mitunter ganz erstaunliche und weitsichtige Dinge gesagt. Natürlich war auch er, wie alle anderen Lehrer, die ich im Osten erlebte, sehr autoritär – im krassen Gegensatz zu den Lehrern auf dem Bremer Gymnasium, das ich nur zwei Jahre später besuchten sollte. Gewiss, auch dieser Direktor mag politische Phrasen gedroschen haben, weil das so von ihm erwartet wurde. Aber dann redete er auch vom „lebenslangen Lernen“, das uns mit Sicherheit bevorstehe. Unsere Abschlussprüfung in der 10. Klasse sei nur die erste von unzähligen weiteren Prüfungen, die uns im Leben noch erwarteten. Besonders betonte er den rasanten technischen Wandel, der jedem von uns eine ständig neue Umstellung abverlange. „So wie wir heute einen Kühlschrank und eine Waschmaschine und einen Fernseher im Haushalt benutzen, wird eines Tages der Computer ein selbstverständlicher Alltagsgegenstand werden.“ Ja, jeder von uns werde irgendwann selbst einen Computer haben und müsse dann lernen, damit umzugehen. Und wir dachten etwas irritiert an die schrottigen DDR-Computer, mit denen wir es bislang zu tun hatten… Auf den US-Imperialismus hat er, soweit ich mich erinnere, niemals geschimpft. Und die Freundschaft zur Sowjetunion kam bei ihm auch nur ganz am Rande vor. Vielleicht hatte er ja schon eine Vorahnung, was bald geschehen sollte…

Eigentlich hätte ich in diesem „Memoir“, wie man das heute nennt, noch weitaus mehr zu berichten. Aber der Abgabetermin naht, der 7. November, der Jahrestag der Oktoberrevolution. (Für die Westdeutschen, Zugewanderten und Nachgeborenen: Die Oktoberrevolution fand ungeachtet ihres Namens tatsächlich erst im November statt, nur galt seinerzeit in Russland noch der julianische Kalender, wonach es dort der 25. Oktober war. Das lernte in der DDR jedes Kind in der Schule. Heute wissen es nur noch Experten.) Hätte ich also rechtzeitig vor dem Jubiläum zu schreiben begonnen und nicht erst ein paar Tage vorher, dann wäre womöglich ein ganzes Buch herausgekommen mit dem Titel „Der Sozialismus und ich. Eine Jugend in der DDR“. Ja, man sollte rechtzeitig vor dem Jubiläum mit seinen Vorhaben beginnen, auch hierin hatte mein damaliger Kunstlehrer also recht. Aber vielleicht schreibe ich dieses Buch ja trotzdem noch, dann eben verspätet. Oder vielleicht zum 30. Jahrestag des Mauerfalls in zwei Jahren…