justament, 26.10.2026: Wichtig, aber problematisch

Recht cineastisch, Teil 53: “Staatsschutz” von Faraz Shariat

Thomas Claer

Der Marsch durch die Institutionen, einst von Rudi Dutschke ausgerufen, war nach 1968 die Strategie, den emanzipativen Zielen der “Bewegung” durch die allmähliche Besetzung wichtiger Positionen mit den eigenen Leuten nach und nach zum Durchbruch zu verhelfen. Tatsächlich hat es dann noch genau 30 Jahre, bis 1998, gedauert, bis die maßgeblichen Akteure bzw. ihre Mitstreiter und Gleichgesinnten die höchsten Gipfel der Macht erklommen hatten und die erste rot-grüne Bundesregierung stellten. Die “kulturelle Hegemonie” im Sinne von Antonio Gramsci hatten sie freilich schon deutlich früher inne.

Die sich aktuell vollziehende rechtsextreme Gegenbewegung hat von all dem leider viel gelernt. Wie weit das erschreckende Rollback in Richtung Rassismus und Autoritarismus punktuell schon in unseren rechtsstaatlich-demokratischen Institutionen angekommen ist, davon handelt der Film “Staatsschutz” von Regisseur Faraz Shariat. Angesichts der “anti-intellektuellen Züge” (P. Sloterdijk) dieser unheilvollen Strömung haben es bislang gottlob erst einige wenige ihrer Vertreter auf höhere Posten in der Justiz geschafft, dafür aber umso mehr in den Wachdienst vor Gericht oder in die Polizei. Besonders betroffen von dieser Unterwanderung ist – wenig überraschend – der Osten Deutschlands, wo ja auch gerade, rund drei Jahrzehnte nach den berüchtigten “Baseballschlägerjahren”, die erste gesichert rechtsextreme Landesregierung kurz vor ihrer Machtergreifung steht.

Die junge koreanischstämmige Staatsanwältin Seyo Kim (großartig gespielt von Chen Emile Yan, auch wenn sie keine koreanischen, sondern chinesische Wurzeln hat) tritt ihre erste Stelle in einer Kleinstadt in Brandenburg an. Schon bald gerät sie mit der dortigen rechten Szene aneinander, die zuerst die Reifen ihres Autos aufschlitzt und später einen Brandanschlag auf sie verübt. Als es mit den Ermittlungen ihrer Kollegen gegen die Täter so gar nicht vorangehen will, macht Seyo die schockierene Entdeckung, dass der Oberstaatsanwalt Forch (Arnd Klawitter) mit den militanten Nazis unter einer Decke steckt und deren Untaten schon seit Jahren gedeckt hat. Auch in der örtlichen Polizei gibt es genug rechte Sympathisanten, die Seyo ihrerseits schikanieren.

Der Film ist künstlerisch sehr gelungen und fasst ja inhaltlich auch durchaus ein heißes Eisen an. Und ganz sicher ist es immer gut, wenn bestehende Missstände offen angesprochen werden, ja selbst deren gelegentliche Überzeichnung ist noch vollkommen legitim. Dennoch bleibt nach dem Betrachten dieses Films ein gewisses Unbehagen, denn die Gefahr ist doch recht groß, dass er als Teil der Erzählung “Wer gegen Nazis kämpft, kann sich auf den Staat nicht verlassen” wahrgenommen wird. Genau diese zweifelhafte Aussage stand nämlich auf einem Aufkleber, der im Kino als Merchandising-Material zum Film verteilt wurde. Nein, diesem ungeheuerlichen Verdacht ist energisch zu widersprechen. Solche Aussagen sind vor allem auch ein Schlag ins Gesicht von all denen, die mit ihrer täglichen Arbeit das Funktionieren unseres Rechtsstaats noch im Wesentlichen garantieren. Verschwörungstheorien solcher Art aus der linken Ecke sind angesichts der leider weiter fortschreitenden Radikalisierung nach rechts sicherlich keine besondere Hilfe.

Staatsschutz
Deutschland 2026
113 Min; FSK: 12
Regie: Faraz Shariat
Drehbuch: Claudia Schaefer, Jee-Un Kim, Sun-Ju Choi
Darsteller: Chen Emilie Yan (Seyo Kim), Julia Jentsch (Alexandra Tiedemann), Arnd Klawitter (Oberstaatsanwalt Forch) u.v.a.

justament.de, 21.9.2026: Altes Mädchen

Scheiben Spezial: Holly Golightly zum Sechzigsten

Thomas Claer

Sie war schon immer das etwas aufgekratzte Mädchen mit der rauchigen Stimme. Zu ihrem ungewöhnlichen Namen, der tatsächlich ihr richtiger Name und kein Künstlername ist, kam sie, weil Ihre Mutter ein großer Fan der berühmten Hauptfigur Holly Golightly aus Truman Capotes Roman “Frühstück bei Tiffany” (und der gleichnamigen Verfilmung mit Audrey Hepburn von 1961) war. Begeistert von dieser Roman- und Filmfigur entschied sich die Mutter, ihre Tochter vor sechzig Jahren nach jener zu benennen. Und so musste Holly Golightly Smith zu Beginn ihrer musikalischen Karriere in London Anfang der Neunziger in der Band “Thee Headcoatees” nur noch ihren Allerweltsfamiliennamen Smith weglassen – und die Musikerin Holly Golightly war geboren, genauer gesagt: hatte sich selbst erfunden und erschaffen.

“Thee Headcoatees” spielten eine rohe Mischung aus Garagenrock, Girl-Group-Pop der 1960er-Jahre und Punk. Holly Golightlys Solokarriere begann bereits Mitte der Neunzigerjahre, also noch während sie (bis 1999) parallel bei “Thee Headcoatees” aktiv war. Ohne ihre lärmigen Bandkolleginnen ließ sie es vergleichsweise ruhiger angehen, wobei ihr Repertoire eine Mischung aus akustischem Blues und Jazz, 1960er-Jahre Folk, Soul und traditionellem Country war. 1995 veröffentlichte sie ihr Debütalbum “The Good Things”, dem noch 12 weitere Platten folgen sollten. Den Höhepunkt ihrer Popularität erreichte sie in den frühen Nullerjahren durch ihre Zusammenarbeit mit den White Stripes. Kurz gesagt, Holly Golightly sollte man unbedingt kennen.

Leider kannte ich sie aber bis vor wenigen Monaten noch gar nicht. Und so beschritt ich den Königsweg, um Holly Golightly kennenzulernen und erwarb ihr ausgezeichnetes Compilation-Album mit dem programmatischen Titel “My First Holly Golightly Album” aus dem Jahr 2005, das weitgehend ihr damaliges Live-Programm enthält. Holly Golightly, das muss man wissen, vermischt auf fast allen ihren Soloalben eigene Songs mit Coverversionen. Sie gilt als leidenschaftliche Sammlerin und Interpretin alter, oft obskurer Blues-, Country-, R&B- und Folk-Klassiker. Und da ihre Live-Auftritte traditionell stark auf ihren liebsten Oldies, Blues- und Garage-Covers basieren, ist der Anteil an Fremdkompositionen auf “My First Holly Golightly Album” besonders hoch: Von den 17 Tracks wurden nur fünf von ihr selbst geschrieben. Gleichwohl macht sie durch ihre einzigartigen Interpretationen alle diese Lieder  überzeugend zu ihren eigenen. Die Grundstimmung des Albums ist fröhlich, beinahe überschwänglich. Und doch sind die beiden stärksten Songs der Platte – jedenfalls für mich – eher traurig und ernst: “Your Love is Mine” (Original von Ike Turner, also ausgerechnet von Tina Turners prügelndem Ex-Mann!) und “My Love is” (Original von Billy Myles), das 1960 mal ein Hit war. Alles Gute, Holly Golightly, zum Sechzigsten!

Holly Golightly
My First Holly Golightly Album
Damaged Good Records 2005

justament.de, 7.9.2026: Paranoia in Kreuzberg

Sven Regeners siebter Roman “Frankie und Freddie”

Thomas Claer

Der Zeitsprung ist (noch) ausgeblieben. Auch Sven Regeners siebter Roman “Frankie und Freddie” spielt wie zuvor schon “Neue Vahr Süd” (2004), “Der kleine Bruder” (2008), Wiener Straße” (2017) und “Glitterschnitter” (2021) im Jahr 1980. Oder anders gesagt: Bis auf sein Debüt “Herr Lehmann” (2001), das im Herbst 1989 angesiedelt ist, und “Magic Mystery oder Die Rückkehr des Karl Schmidt” (2013), dessen Handlung sich 1993 vollzieht, spielen alle Romane dieses Autors im selben Jahr, nämlich 1980. Nur wenige Monate liegen zwischen dem Auszug von Roman-Held Frank Lehmann aus der elterlichen Wohnung in der Neuen Vahr in Bremen, seinem provozierten Abschied von der Bundeswehr, seiner Hals über Kopf erfolgten Übersiedlung nach West-Berlin und seinem Ankommen und Wurzelnschlagen dort fürs (zumindest) nächste Jahrzehnt. Am Ende des neuen Romans greift er ein ihm von seinem Bruder Freddie, der schon auf dem Sprung nach New York ist, hingeworfenes Bibel-Zitat auf, das das Leben der Berliner Boheme verblüffend auf den Punkt bringt, und er weiß: Dort ist ein guter Ort für ihn.

Dass Regener auch diesmal noch im Kreuzberger Szene-Biotop des genannten ereignisreichen Jahres hängengeblieben ist, kann mehrere Gründe haben. Vielleicht sollte der möglicherweise fürs darauffolgende Buch anvisierte Sprung in die Nachwendezeit noch besser vorbereitet, mussten ein paar wichtige Voraussetzungen für spätere Handlungsabläufe erst noch erzählerisch geschaffen werden. Was man sich nach der Lektüre der 278 Seiten allerdings nicht vorstellen kann, ist die Möglichkeit, dass die Geschichte des gelernten Speditions-Kaufmanns und langjährigen Barkeepers Frank Lehmann nun zu Ende erzählt sein könnte…

“Frankie und Freddie” ist – wie schon alle anderen Regener-Romane zuvor – wieder ein großer Spaß geworden. Man lernt die einem bereits bestens vertrauten Figuren allesamt noch ein wenig besser kennen und entdeckt mitunter auch bislang verborgen gebliebene Seiten an ihnen. So erweist sich der junge Frank Lehmann, was man bisher noch nicht wusste, als beinahe vollendeter Paranoiker. (Eine Rolle, die in den Vorgänger-Romanen eher Frank Lehmanns Kneipen-Chef Erwin Kächele in seiner ständigen Angst vor “Zivilbullen” eingenommen hatte.) Darüber hinaus macht der Leser Bekanntschaft mit weiteren Szene-Existenzen wie Artsy Fartsy, erlebt packende Schilderungen des Berliner Öffentlichen Nahverkehrs zu Mauer-Zeiten (u.a. eine abendliche Fahrt mit der U8 von Kreuzberg nach Wedding mit haltloser Durchqueerung der östlichen “Geisterbahnhöfe”) und bekommt insbesondere die sich über einen ganzen Tag erstreckende Jagd nach einer verlorenen Tasche geschildert. Allein die im ersten Drittel des Romans ausführlich beschriebene Kreuzberger Apothekerin, die Frank Lehmann ein Erkältungsmedikament nicht geben will, ist keine sonderlich überzeugende Figur. Denn wenn sie im Jahr 1980 als etwa 60-jährig dargestellt wird, dann müsste sie um 1920 geboren worden sein. Aber wie kann sie dann weitgehend genauso sprechen wie das junge Kreuzberger Szenevolk?

Auf der zwischenmenschlichen Ebene stehen diesmal vor allem die nicht immer einfache Beziehung der beiden Brüder Frank und Freddie Lehmann sowie die sich schon seit Monaten anbahnende Liebe zwischen Frank Lehmann und Erwin Kächeles Nichte Chrissie im Mittelpunkt. Außerdem geht es noch um die Kunstprojekte des Mitbewohners H.R. Ledigt und des Nachbarn Marko sowie das unter Berlinern oftmals leidige Thema, ob man über die Weihnachtstage zu seinen weit entfernt wohnenden Eltern fahren sollte oder nicht. Nun denn, in ein paar Jahren werden wir hoffentlich erfahren, wie es weitergeht.

Sven Regener
Frankie und Freddie. Roman
Galiani Berlin, 2026
278 Seiten; 24,00 Euro
ISBN: 978-3-86971-319-9

justament.de, 31.8.2026: Jetzt und vor 30 Jahren

Scheiben Spezial: Zwei phänomenale Song von den “Sternen”

Thomas Claer

Meine erste Bekanntschaft mit der berühmten Hamburger-Schule-Band “Die Sterne” liegt schon etwas länger zurück. Zu jener Zeit, in den frühen bis mittleren Neunzigern, gab es noch den CD-Verleih – ein nur kurzlebiges Geschäftsmodell, das angesichts der fortschreitenden technischen Entwicklungen schon bald darauf obsolet werden sollte. In so einem CD-Verleih in Bremen war ich also Kunde und zahlte pro ausgeliehener CD eine Mark, sofern man sie innerhalb von 24 Stunden wieder in den Laden zurückbrachte. Es war natürlich klar, was man mit der geliehenen CD dann zu Hause tat: Man legte sie in den CD-Player der Stereo-Anlage und kopierte sie sich auf eine Audio-Kassette, deren Hülle man fein säuberlich mit den Songtiteln beschriftete. (Ein paar Jahre später gab es dafür dann sogar schon CD-Brenner, aber das war damals noch Zukunftsmusik.)

Eines Tages sah ich also in “meinem” CD-Verleih in der Bremer Neustadt zwei CDs von einer Band im Regal stehen, deren Namen ich noch nie gehört hatte, den ich aber irgendwie vielversprechend und cool fand. Dazu noch mit deutschen Texten. Also nahm ich diese beiden CDs dann einfach mal mit. Es waren die beiden ersten Veröffentlichungen der Band “Die Sterne”, die damals noch ein absoluter Geheimtipp war. Allerdings gefielen mir “Wichtig” (1993) und “In echt” (1994) dann gar nicht so besonders. Die Songs gingen fast alle in eine etwas soulige Richtung, die nicht so ganz mein Fall war. Auch von den Texten fühlte ich mich, wie man heute sagen würde, nicht unbedingt abgeholt.

Doch nur zwei Jahre später kamen “DIe Sterne” dann richtig groß raus mit der Indie-Hymne “Was hat dich bloß so ruiniert?” (1996), die auch ständig im Musikfernsehsender Viva gespielt wurde. Es war schon auch ein richtig tolles Video, muss man sagen. Ich kaufte mir also damals die dritte Sterne-Platte “Posen”, deren übrige Lieder mich dann allerdings auch nicht so wirklich überzeugten.

Von da an habe ich “DIe Sterne” wohl etwas aus den Augen verloren. Bis ich sie neulich im Fernsehen in der “Anstalt” wiedersah. Nur der Sänger Frank Spilker, inzwischen 60, ist von den Ursprungs-Sternen noch dabei. Aber allein schon als Typ ist er absolut großartig – gerade jetzt im fortgeschrittenen Alter. Er muss gar nicht viel mehr machen, als mit seiner Gitarre auf der Bühne zu stehen, und verkörpert dabei eine unerhörte Lässigkeit. Und dann erst ihr neues Lied “Ich hab nichts gemacht (außer weiter)” – für mich der stärkste Sterne-Song überhaupt neben “Was hat dich bloß so ruiniert?”. Der neue Song vom mittlerweile 13. Sterne-Album ist wirklich ein beinahe perfektes Gesamtkunstwerk: eine Ohrwurmmelodie, die einem nicht mehr aus dem Kopf geht, ein so durchdachter und angenehm selbstironischer Songtext. Und dazu das filigrane Keyboardspiel und der leicht laszive Background-Gesang – eigentlich ist es mehr ein bedauerndes Seufzen – von Dyan Valdes, der amerikanisch-kubanischen Musikerin, die seit 2018 festes Mitglied der einstigen Boygroup “Die Sterne” ist. Würde man nicht Gefahr laufen, sich dadurch Sexismus-Vorwürfen auszusetzen, könnte man sie auch durchaus als optische Bereicherung der Band bezeichnen. Und es ist keineswegs so, wie jetzt mancher vielleicht denken wird: Nach allem, was bekannt ist, hat Bandleader Frank Spilker nie etwas anderes mit oder zu ihr gehabt als ein ausschließlich kollegiales Arbeitsverhältnis. Schließlich ist er ja auch nach wie vor anderweitig verheiratet und Vater zweier Töchter.

Kurzum, der Sterne-Song “Ich hab nichts gemacht (außer weiter)” ist mein persönlicher Hit des Jahres 2026 – und das genau 30 Jahre nach ihrem tatsächlich größten Hit “Was hat dich bloß so ruiniert?”

justament.de, 10.8.2026: Häppchenweise

Gustav Seibt ermöglicht uns einen “Sommer mit Goethe”

Thomas Claer

Keiner kennt alles von Goethe, zumindest fast keiner. Gustav Seibt (geb. 1959), den man als Deutschlands besten Feuilletonisten bezeichnen könnte (früher FAZ, seit langem SZ), hat nun einen feinen Sammelband herausgebracht, der sich an ein interessiertes Publikum mit überschaubaren Vorkenntnissen und begrenztem Zeitbudget richtet, das mehr über den maßgeblichen deutschen Großautor erfahren und dabei sachkundig angeleitet werden möchte. In nur einem Sommer, so das Versprechen dieses Buches, könne der Leser täglich auf nur fünf bis sechs Buchseiten einen bestimmten Aspekt im Leben und/oder Werk Goethes vertiefen – jeweils mit ein paar einschlägigen Zitaten und Gustav Seibts Kommentaren. In seinem Vorwort empfiehlt der Autor allerdings, sich dafür jeden Tag zumindest eine halbe Stunde Zeit zu nehmen, denn über die reine Lektüre hinaus sollten die DInge ja anschließend auch noch durchdacht werden. So wie auch Goethe in seinem Terminkalender in seinem jedenfalls in der zweiten Lebenshälfte vollständig durchgetakteten Leben stets gesonderte Zeiten zum Durchdenken bestimmter Angelegenheiten eingeplant hatte.

Dies und weitere weniger bekannte Umstände zu Goethes Person und seinen Arbeiten erfährt man neben auch einigem Geläufigeren aus diesem Werk. Vermutlich sind nicht alle der 51 Miniaturstücke für jeden Leser gleichermaßen interessant, aber es dürfte ganz sicher für jeden, der sich auf dieses Vorhaben einlässt, eine Menge Erhellendes dabeisein – selbst für jene, die sich schon recht gut auszukennen glauben. Und auch wer wie der Rezensent die strenge zeitliche Dosierung nicht durchzuhalten vermag, also an manchen Tagen gar nichts und an anderen dafür gleich mehrere Kapitel nacheinander liest, kommt am Ende gewiss auf seine Kosten. Offen bleiben muss allein die Frage, ob dieses Konzept auch in anderen Jahreszeiten als dem Sommer funktioniert, denn die entspannte und gelassene Stimmungslage des Buches entspricht doch sehr der Lebensart und Leichtigkeit der warmen Urlaubssaison.

Wobei sich mitunter das Wohlgefühl auch erst im Kontrast zwischen dem eigenen Erleben und dem Geschriebenen einstellt. Wenn Goethe sein Leben so dermaßen rigoros verplant und hart gegen sich selbst geführt hat und dann gegenüber Eckermann bekennt:

„Man hat mich immer als einen vom Glück besonders Begünstigten gepriesen […] Aber im Grunde ist es nichts als Mühe und Arbeit gewesen, und ich kann wohl sagen, dass ich in meinen fünfundsiebzig Jahren keine vier Wochen eigentliches Behagen gehabt habe. Es war das ewige Wälzen eines Steines, der immer von neuem gehoben sein wollte.“,

so kann man nur sagen: Kein Wunder! Etwas mehr Work/Life-Balance wie in seinen jungen Jahren auf der Italien-Reise hätte ihm sicher gutgetan. Aber das nur am Rande. Das Themenspektrum in diesem Büchlein reicht, um nur Weniges herauszugreifen, von Goethes sprachlicher Präzision und Kürze (trotz seines umfangreichen Werkes konnte er mit wenigen treffenden Worten sehr viel zum Ausdruck bringen) über gesellschaftspolitische Fragen (Goethes widersprüchliche Einlassungen zur Despotie, die er an einer Stelle als ordnungsstiftend lobt und an anderer Stelle als rohe Willkürherrschaft tadelt) bis hin zu Lifestyle- und Selbstoptimierungsfragen in Goethes Novelle “Der Mann von fünfzig Jahren”.

Kurzum, wer sein Wissen über Goethe endlich einmal ausbauen oder wieder auffrischen möchte, trifft mit dieser Sommer-Lektüre eine gute Wahl.

Gustav Seibt
Ein Sommer mit Goethe
Verlag C.H. Beck, 1. Auflage 2026
272 Seiten; 25,00 Euro
ISBN: 978-3-406-843600

justament.de, 3.8.2026: Kempowski hatte Schiss vor ihm

Ein Besuch im “Literaturhaus Uwe Johnson” in Klütz

Thomas Claer

Mit Uwe Johnson (1934-1984), dem großen deutschen Nachkriegsautor aus Mecklenburg, bin ich lange Zeit nicht richtig warm geworden. Seine übergenaue Sprache mutet sperrig an, schwerfällg, manchmal regelrecht umständlich. Obgleich er thematisch und auch sonst viel mit dem anderen großen Mecklenburger Autor aus jener Zeit, Walter Kempowski (1929-2007), gemeinsam hat, schreiben beide doch vollkommen unterschiedlich: Kempowski immer irgendwie leichthändig, fröhlich und beschwingt, aber Johnson wie gesagt eher schwerfällig und bedrückt, beinahe ungelenk, wenn auch dabei nicht ohne eigene Eleganz.

Meine Eltern waren, nachdem sie kurz vor dem Mauerfall in den Westen gekommen waren (und damit auch endlich Zugang zu Büchern ihrer Wahl hatten), große Fans von den beiden geworden: mein Vater vor allem von Walter Kempowski, aber meine Mutter in erster Linie von Uwe Johnson. Wohl mehr als zwei Jahrzehnte lang bekamen meine Eltern daher von mir jedes Jahr zu Weihnachten immer neue Bücher von Kempowski und Johnson geschenkt – so lange, bis sie schließlich alle von ihnen vollständig hatten. Heute stehen diese Bücher allesamt in einem separaten Regal im Flügelzimmer meiner Frau – als Andenken an meine Eltern. Erst nach deren Tod vor zehn Jahren begann auch ich, in den Büchern zu lesen, wobei mir Kempowski anfangs deutlich besser gefiel. Doch so langsam komme ich nun auch bei Johnson auf den Geschmack. Hatte ich mich vor etwa drei Jahrzehnten durch “Mutmaßungen über Jakob” noch geradezu hindurchquälen müssen, so kann ich dem ersten Band der “Jahrestage”, dessen Lektüre ich nun immerhin vor kurzem abgeschlossen habe, doch einiges abgewinnen.

Die “Jahrestage” spielen zwar 1967/68 in New York, enthalten aber unzählige Rückblicke ins fiktive Mecklenburgische Städtchen Jerichow, hinter dem unschwer der Ort Klütz zu erkennen ist. Auch die umliegenden Ortschaften Rande und Gneez sind für Eingeweihte leicht als Boltenhagen und Grevesmühlen zu identifizieren. Dort ganz in der Nähe habe ich gelebt – wenn auch dreißig bis fünfzig Jahre nach der Romanhandlung. Doch sind inzwischen ja auch schon wieder fast vierzig Jahre vergangen, seitdem ich dort gelebt habe. Jedenfalls war es für mich naheliegend, wenn man schon den Sommer in Rostock verbringt, endlich einmal dem “Literaturhaus Uwe Johnson” in Klütz einen Besuch abzustatten, zumal nachdem es vor ein paar Monaten anlässlich des zwischenzeitlich abgeblasenen und dann doch noch realisierten Auftritts von Michel Friedman dort so ins Gerede gekommen ist.

Ein Lübecker Uwe-Johnson-Enthusiast hat also vor zwanzig Jahren im nahegelegenen und ansonsten verschlafenen Städtchen Klütz, nur vier Kilometer von der Ostseeküste entfernt, in einem alten Kornspeicher ein Literaturhaus errichtet, das auf zwei Ebenen und auf relativ engem Raum eine gleichwohl sehr inhaltsreiche und vielsagende Dauerausstellung über Leben und Werk des schon 49-jährig verstorbenen Schriftstellers enthält. Man erfährt darin eine Menge, was man auch als jahrelang interessierter Beobachter noch nicht wusste, vor allem über Uwe Johnson als Person. Das deckt sich übrigens auch mit dem, was mein Vater, der Anfang der Fünfzigerjahre in Rostock Sportpädagogik und später auch noch Medizin studiert hat, über den Rostocker Literatur- und Anglistikstudenten Uwe Johnson zu berichten hatte. Als meine Eltern und ich uns in den Neunzigern eine Fernsehdokumentation über Uwe Johnson ansahen, rief mein Vater nämlich sogleich: “Den kenn’ ich doch! Den hab ich doch früher immer an der Uni ‘rumlaufen sehen, diesen komischen steifen Typen mit der Pfeife!”

Von Johnsons Schriftsteller-Kollegen, so erfährt man in der Klützer Ausstellung, konnte kaum jemand Zugang finden zu dem Eigenbrötler, der laut seinem langjährigen Freund und Nachbarn Günter Grass “nicht frei war von selbstzerstörerischen Zwängen”. Max Frisch, der ebenfalls in Berlin-Friedenau in der Nähe von Grass und Johnson gelebt hatte, erzählte von einem Abend mit Johnson, an dem dieser in seinen Ausführungen immerwieder thematisch wild hin und her gesprungen sei. Erst im Nachhinein sei man darauf gekommen, was er wohl gemeint haben könnte. Der bereits oben erwähnte Walter Kempowski bekannte, seine Freundschaft zu Johnson “hatte nichts Komfortables”. “Zu den sogenannten angenehmen Menschen gehörte er nicht. Er war verschlossen, wortkarg, mürrisch, auch unduldsam. Wenn ihn etwas störte, wurde er grob, saugrob. Es war nicht gut Kirschen essen mit ihm, wie man so sagt. Äußerlich signalisierte er das dadurch, dass er nicht nur eine schwarze Lederjacke, sondern sogar einen schwarzen Lederschlips trug.” Und weiter: “Irgendwann habe ich ihn auch mal besucht, in Berlin, in der Niedstraße, nicht weit von Günter Grass, mit dem er damals, glaube ich, verfeindet war. … Ich trank ein kleines Helles und er, glaube ich, zehn oder zwölf, dazu nahm er diverse Schnäpse und trank, wenn ich mich nicht sehr täusche, noch eine Flasche Wein dazu. Ich war kein guter Gesprächsprtner und ein Kumpan schon gar nicht. Ich saß still und stumm vor ihm. Bloß kein falsches Wort sagen!, dachte ich, sonst haut er dir noch einen an den Ballon.”

Sie hatten dann noch einen jahrelangen Briefwechsel, in dem Kempowski irgendwann einmal an Johnson schrieb: “Ich habe immer Schiss vor ihnen. Sie haben so etwas Strenges.” Luise Rinser bekannte, dass sie rein gar nichts mit Uwe Johnson anfangen könne, weder mit ihm als Mensch noch mit seinen Büchern, von denen sie nie etwas verstanden habe. Doch gab es zwei prominente Frauen, die überraschend gut mit ihm konnten: In Berlin war das die (vorübergehend) in Grunewald wohnende Ingeorg Bachmann und in New York war es Hannah Arendt, die als eine der Ersten Johnsons “Jahrestage” als ein “Meisterwerk” bezeichnete. Man verlässt das Klützer Literaturhaus mit dem Eindruck, dass sich ein wirklich schwieriger Mensch mit komplizierter Persönlichkeit ein in vieler Hinsicht außergewöhnliches Werk abgerungen hat.

Auf der Straße in Klütz stellen wir fest, dass wir gerade den Bus zurück nach Wismar verpasst haben, der nur einmal in der Stunde fährt. Also laufen wir noch etwas durch Klütz und bestaunen die Kirche mit der Kirchturmspitze in Form einer Bischofsmütze, die schon ganz vorne in den “Jahrestagen” als “Petrikirche von Jerichow” beschrieben wird. Es ist ein schöner Sommertag ohne übermäßige Hitze, aber kein Mensch ist auf der Straße. Ich erinnere mich an meine Kindheit, als ich mit meinen Eltern mit dem Auto durch kleine Städte in der Region wie Schönberg oder Rehna gefahren bin und unser Besuch aus dem Westen sich dann immer gewundert hat: “Hier wohnen doch Menschen, aber man sieht keine Menschen. Warum ist hier eigentlich kein Mensch auf der Straße?!”

justament.de, 27.7.2026: Pussypower am Ostseestrand

Scheiben Spezial: Die feministische Indie-Band „Blond“ aus Chemnitz live auf der Warnemünder Woche

Thomas Claer

Und wieder ist Warnemünder Woche mit hochkarätiger Livemusik am Ostseestrand für null Euro Eintritt. Und wenn man ohnehin gerade in Rostock ist, dann geht man da natürlich hin. Diesjähriger Top-Act war die dreiköpfige Chemnitzer Indie-Band „Blond“ mit den Schwestern Nina (29, Gitarre, Gesang) und Lotta Kummer (27, Schlagzeug, Gesang) als Frontfrauen sowie dem blinden Bassisten Johann Bonitz (29) im Hintergrund. Das Trio macht bereits seit 15 Jahren gemeinsam Musik – eine Art Girlie-Punk mit Rap-Einsprengseln – und hat bislang drei Studioalben veröffentlicht, von denen die letzten beiden bis in die Charts geschossen sind. Dazu muss man wissen, dass die beiden Kummer-Schwestern zwei noch prominentere Brüder haben, welche Mitglieder der noch berühmteren Band „Kraftklub“ sind. Und schon ihr Vater war Sänger der DDR-Avantgarde-Band „AG.Geige“. Soviel vorab.
Trotz all dieser vielversprechenden Begleitumstände war ich, nachdem ich mich auf YouTube durch das „Blond“-Oevre gehört hatte, noch nicht so recht überzeugt. Wild und schrill kommen sie daher, das schon, aber ist das wirklich gute Musik? Ich dachte eher an den oft gehörten Spruch meines Vaters, dass man einem geschenkten Gaul nicht ins Maul schaue, als ich mich mit meiner Frau unter das fast ausschließlich jugendliche Volk vor der Bühne am Warnemünder Strand mischte. Aber dann das: Die Drei auf der Bühne machen eine Mords-Stimmung und werden von ihrem Publikum, das wirklich jedes Lied mitsingen kann, enthusiastisch gefeiert. Offenbar kommen nur die wenigsten Konzertbesucher aus Rostock. Vermutlich sind sie ganz überwiegend von weither angereist. Und diese jungen Leute dort tanzen wahrhaftig Pogo, dass es eine Freude ist. So wie ich selbst vor bald vier Jahrzehnten bei den Pogues oder bei Phillip Boa. Nur dass hier der Anteil der Pogo-Tanzenden im Publikum wohl eher noch größer ist als „zu meiner Zeit“. Fast hätte ich mitgemacht, aber wenn man die Musik nicht so gut kennt, dann hat das natürlich nicht so viel Sinn. Wäre vielleicht auch ein bisschen komisch gewesen, so als vergleichsweise alter Sack unter lauter jungen Menschen und sogar überwiegend jungen Mädchen. Wobei der Baden-Württembergische Innenminister hierzu vielleicht gesagt hätte: Es gibt unangenehmere Auftritte…
Nina und Lotta, die beiden Sängerinnen, präsentieren sich wie immer in äußerst gewagten Kostümen, wechseln überdies noch zweimal während der Show ihr Outfit. Ihre Tanzeinlagen sind großartig. Die Stimmung ist von Anfang bis Ende phänomenal. Na gut, die Sprüche der beiden Protagonistinnen zwischen den Liedern sind mitunter etwas sehr bemüht, insbesondere ihre vorgeblichen Provokationen („Wer von euch kann sich selber lecken??“ als Ansage zum Song „Gelenkig“). Fast bekommt man etwas Mitleid mit ihnen, denn womit Nina Hagen in ihrer Jugend noch konservative Sittenwächter erschrecken konnte, das lockt heute wohl niemanden mehr hinter dem Ofen hervor. Allenfalls Wladimir Putin würde sie dafür vermutlich für zwanzig Jahre nach Sibirien schicken.
Kurzum, die Band „Blond“ mag von der Qualität ihrer Kompositionen her nur guter Durchschnitt sein, doch überzeugt sie durch die Originalität ihrer Texte, durch eine fantastische Bühnenshow – und insbesondere durch die Begeisterungsfähigkeit ihrer Zuschauerinnen und Zuschauer. Hoffen wir, dass das schöne Mecklenburg-Vorpommern niemals zum finsteren AfD-Land mit repressiver Kulturpolitik wird, sodass wir uns auch künftig an Auftritten solcher Art erfreuen können werden.

justament.de, 6.7.2026: Jung und schön ungeschliffen

Scheiben Spezial: Vor 40 Jahren erschien “Basically Sad”, das Debüt von Element of Crime

Thomas Claer

Nun ist es also sage und schreibe 40 Jahre her, dass Element of Crime ihre Debüt-Platte “Basically Sad” beim einflussreichen Düsseldorfer Independent-Label Ata Tak veröffentlichten. Von den heutigen Bandmitgliedern waren damals nur Sänger und Trompeter Sven Regener sowie Gitarrist Jakob Ilja schon dabei, die sich bereits von der avantgardistischen Vorläuferband “Neue Liebe” kannten, die – wie es damals in der West-Berliner Szene gang und gäbe war – weitgehend ohne feste Songstrukturen auskam. Als Element of Crime brachten sie nun erstmals richtige Songs heraus, die freilich noch weitaus ungeschliffener daherkamen als auf ihren späteren Veröffentlichungen. Und noch dazu hatten die Lieder englischsprachige Texte, was auch noch auf den drei Folgealben “Try to be Mensch (1987), “”Freedeom, Love and Happiness” (1988) und “The Ballad of Jimmy and Jonny (1989) sowie auch auf dem anschließenden ersten Live-Album “Crime Pays Live” (1990) der Fall war.

Für alle, die die Elements erst später, nämlich auf ihren deutschsprachigen Erfolgsplatten seit “Damals hinterm Mond” (1991) kennengelernt haben, ist das englischsprachige Frühwerk eine wahre Schatzkammer voll unentdeckter Songperlen. Auf “Basically Sad” können besonders der Opener “I’ll Warm You up” und das romantische Schlussstück “Moonlight” überzeugen. Die ganze Platte atmet den unwiderstehlichen Charme des noch nicht ganz Ausgereiften, mitunter etwas Sperrigen, gelegentlich auch Ungelenken.

Doch endete die kurze Indie-Kariere der Band schon bald darauf, als das Major-Label “Polydor” die Band unter Vertrag nahm und ihre Debüt-Platte noch ein zweites Mal, allerdings mit anderem Cover, herausbrachte. Die “Ablösesumme” die Polydor dafür an Ata Tak zahlte, soll dem Düsseldorfer Kleinstlabel die weitere Existenz gesichert haben. Fortan wurden die Element-of-Crime-Platten zwar etwas glatter, doch blieben sie gleichwohl einzigartig.

Element of Crime
Basically Sad
Ata Tak / Polydor 1986

justament.de, 8.6.2026: Er träumte von blauen Schildkröten

Scheiben Spezial: Vor 40 Jahren erschien das Live-Album “Bring on the Night” von Sting

Thomas Claer

Nur wenige Jahre, nämlich von 1977 bis 1984, bestand die einzigartige englische Band The Police, wenn man von zwei kurzzeitigen Wiedervereinigungen 1986 und 2007/08 absieht. Doch auch die sich daran ab 1985 anschließende Solokarriere ihres Sängers, Bassisten und Frontmans Gordon Matthew Sumner, genannt Sting, begann vielversprechend. Seinem furiosen Debüt “The Dream of the Blue Turtles” folgte schon im Jahr darauf, vor vierzig Jahren, das ebenfalls vielbeachtete Live-Album “Bring on the Night”. Dass seine Musik danach zusehends verflachen und später nie mehr das hohe Niveau aus den mittleren Achtzigern erreichen sollte, steht auf einem anderen Blatt.

Mehrere wirklich großartige Songs finden sich auf Stings Debüt, allen voran das rein instrumentelle Titelstück, das auf spielerisch jazzige Weise den surreal bis romantisch anmutenden Traum von blauen Schildkröten vertont. Überhaupt kann man “The Dream of the Blue Turtles” recht eigentlich als ein Jazz-Album ansehen, das die Reggae-Anfänge der Police-Zeit hinter sich gelassen, aber die glattgebügelte Poppigkeit von Stings späteren Veröffentlichungen noch vor sich hat. Weitere Höhepunkte sind das enorm groovende “Consider me Gone” und das betörende Vampirstück “Moon Over Bourbon Street” mit seiner hypnotischen Basslinie. Spuren von Pathos zeigen allerdings bereits die Hitsingles “We Work the Black Seam” und insbesondere “Russians”, das ein Thema von Sergej Prokofjew adaptiert. Der letztgenannte Song ist zwar nicht unbedingt musikalisch, aber ganz sicher textlich gut gealtert, denn seine anklagende Schlusszeile “What might save us me and you / Is if the Russians love their children too” ist ja leider wieder erschreckend aktuell geworden…

Das darauffolgende Live-Album “Bring on the Night” enthält die besten Stücke vom “Dream of the Blue Turtles” (weshalb auch “Russians” nicht dabei ist) sowie noch mehrere ältere Police-Stücke, die allerdings alle zu den weiniger bekannten der Band zählen, so wie das großartige Titelstück “Bring on the Night”, dessen Originalversion vom zweiten Police-Album “Regatta de Blanc” (1979) stammt. Durch die Bank ist auch “Bring on the Night” eine beinahe lupenreine Jazzplatte geworden, was natürlich auch an den erstklassigen Live-Musikern liegt, die Sting hier um sich geschart hat. Schon Stings nächste Patte “… Nothing Like the Sun” (1987) war dann längst nicht mehr so gut, enthielt aber immerhin noch die exzellenten Songs “Englishman in New York” und “We ‘ll be Together”.

Sting
The Dream of the Blue Turtles
A&M Records 1985

Sting
Bring on the Night
A&M Records 1986

justament.de, 1.6.2026: Für so’n richtig verschärftes Leben

Recht cineastisch Spezial: Vor 50 Jahren erschien “Nordsee ist Mordsee” von Hark Bohm

Thomas Claer

“Ich träume oft davon / Ein Segelboot zu klau’n / Und einfach abzuhau’n”. So wild und romantisch textete damals, vor einem halben Jahrhundert, der junge Udo Lindenberg, dessen 80. Geburtstag wir vor wenigen Wochen feiern konnten. Allerdings ist dieser Song, den man wohl als einen seiner stärksten bezeichnen kann, auf keinem regulären Lindenberg-Album enthalten, nur auf dem Soundtrack zum Jugendfilm “Nordsee ist Mordsee” von Hark Bohm und später als Eröffnungslied auf der CD “Raritäten und Spezialitäten” (1998). Doch ist “Nordsee ist Mordsee”, der vierte Film des großen Hamburger Regisseurs und Drehbuchautors Hark Bohm (1939-2025), weit mehr als nur ein Udo-Lindenberg-Musikfim, sondern ebenso ein packendes Sozialdrama und zugleich die Geschichte einer wunderbaren Freundschaft, wie sie wohl nur Jugendliche untereinander schließen können.

Der 14-jährige Uwe (Uwe Enkelmann), der regelmäßig von seinem zumeist alkoholisierten Vater geschlagen wird, ist der Anführer einer gefürchteten Jugendbande in der Hamburger Hochhaussiedlung Wilhelmsburg. Mit seinen Kumpanen knackt er Spielautomaten und verprügelt Mitschüler. Zu ihren Opfern zählt auch der gleichaltrige asiatischstämmige Dschingis (Dschingis Bowakow). Doch später befreunden sich die beiden Jungen, reißen von zu Hause aus und segeln mit einem kleinen Boot auf der Elbe in Richtung Nordsee. Insofern ist diese herzergreifende Geschichte auch ein Vorläufer von Wolfgang Herrndorfs Roman “Tschick” (2010), für dessen Verfilmung (2016) durch Fatih Akin niemand anders als Hark Bohm das Drehbuch verfasste. Darüber hinaus ist auch noch bemerkenswert, dass es sich bei den beiden Hauptdarstellern um die Adoptivsöhne des Regisseurs handelt.Wer sich “Nordsee ist Mordsee” noch einmal – oder auch erstmalig – anschauen möchte, kann den Film übrigens in voller Länge auf YouTube finden.

Nordsee ist Mordsee
BRD 1976
87 min; FSK: 12
Regie/Drehbuch/Produktion: Hark Bohm
Musik: Udo Lindenberg
Darsteller: Uwe Enkelmann (Uwe Schiedrowsky), Dschingis Bowakow (Dschingis Ulanow) u.v.a.