justament.de, 21.1.2019: Erfüllung mit Kollateralschäden

Recht cineastisch, Teil 33: „Cold War – Der Breitengrad der Liebe“ von Pawel Pawlikowski

Thomas Claer

„Im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt“, lautet ein altes Sprichwort. Aber glücklicherweise stimmt schon die erste Hälfte dieses Satzes seit der Genfer Konvention von 1864 nicht mehr uneingeschränkt, und seit Ende des Zweiten Weltkriegs sind Kriegsverbrechen sogar international geächtet. Auch was die zweite Hälfte des genannten Diktums angeht, hat sich inzwischen so manches, was früher als Kavaliersdelikt gegolten hat, in den Bereich des Justiziablen verschoben. Und dennoch ist die Liebe, um ein weiteres geflügeltes Wort aufzugreifen, bis heute zweifellos ein „Schlachtfeld“ geblieben – eines, um genau zu sein, im ebenfalls viel zitierten „Krieg der Geschlechter“. Vor allem darum geht es im neuen Film des polnischen Regisseurs Pawel Pawlikowski: um eine große leidenschaftliche, aber auch zerstörerische Liebe. Der historische Hintergrund, der Kalte Krieg zwischen Ost und West mit den sich daraus ergebenden Zwängen, macht selbstredend alles noch viel dramatischer. Doch wäre die grundlegende Konstellation wohl auch im Hier und Jetzt vorstellbar.

Polen, 1948. Wiktor (Tomasz Kot), ein Pianist im mittleren Alter, entdeckt im Rahmen eines Forschungsprojektes über polnische Volksmusik auf dem Lande die grandios singende junge Zula (Johanna Kulig ) und verhilft ihr zur Aufnahme in die Warschauer Kunst-Akademie. Zwischen beiden entwickelt sich eine stürmische heimliche Affäre; heimlich, da Wiktor eigentlich noch mit seiner Kollegin Irena liiert ist. Die Verbindung hält sogar, als Zula ihrem Liebsten gesteht, dass sie ihn erzwungenermaßen für den staatlichen Geheimdienst ausspioniert. Und obgleich Zula ein durchaus ausgeprägtes Karrierebewusstsein an den Tag legt, schwört sie Wiktor, der politisch eher unzuverlässig (und daher für Zulas weiteres Fortkommen in diesem System wenig hilfreich) ist, dennoch ewige Liebe. Dabei hätte die bildhübsche und temperamentvolle Zula sich mit Leichtigkeit auch so ziemlich jeden anderen Mann angeln können. Zum Sehnsuchtsort der beiden Liebenden wird bald schon Berlin. Als das Volksmusik-Ensemble, in welchem Zula singt und das von Wiktor künstlerisch begleitet wird, 1952 endlich in der Hauptstadt der DDR gastiert, planen beide die Flucht in den West-Sektor. Doch Zula kommt nicht zum vereinbarten Treffpunkt, hat es sich in letzter Minute anders überlegt, und Wiktor flieht notgedrungen allein nach Paris. Erst Jahre später begegnen sie sich wieder, während Zulas Warschauer Ensemble in Paris gastiert. Längst leben beide in anderen Partnerschaften, doch merken sie beim Wiedersehen rasch, dass sie nicht mehr voneinander lassen können…

Im Folgenden vollzieht sich ein dramatisches Auf und Ab in ihrer Beziehung. Beide beweisen – nach einigem Hin und Her – eine enorme Opferbereitschaft füreinander und trotzen so den ihnen ungünstigen politischen Umständen. Wiktor nimmt eine Verurteilung zu 15 Jahren Arbeitslager in Polen in Kauf, um zu seiner Liebsten zurückkehren zu können. Zula, und das ist wirklich ungeheuerlich, nutzt ihre unvermindert starke Wirkung auf andere Männer, um gleich zweimal eine Ehe einzugehen, die jeweils einzig und allein die Erfüllung ihrer Liebe zu Wiktor voranbringen soll. Am Ende (1964) verlässt sie ihren zweiten Ehemann, einen Funktionär der Staatssicherheit, und ihren kleinen Sohn, um sich dem vorzeitig aus dem Lager entlassenen Wiktor in die Arme zu werfen. Im Abspann erfährt man schließlich noch, dass die Geschichte, die dieser Film erzählt, nicht etwa frei erfunden, sondern die wahre Geschichte der Eltern des Regisseurs ist.

Dieser in vieler Hinsicht beeindruckende Film, radikalästhetisch in schwarz-weiß gehalten und mit glänzenden Gesangseinlagen, entlässt den Zuschauer dennoch verstört und nachdenklich. So ergreifend die Unbedingtheit und Unerschütterlichkeit dieser Liebe auch ist, so fassungslos macht einen dann doch die Rücksichtslosigkeit der Protagonisten gegenüber all denen, die ihrer Liebe im Wege stehen. Oder die sogar – gleichsam als menschliche Werkzeuge – gezielt von ihnen benutzt werden. Ist daran nur der Kommunismus schuld, der schließlich die Liebenden mit Mauer und Stacheldraht voneinander getrennt hat? Wohl zumindest nicht ganz allein, sondern ebenso die universelle Problematik, dass die unbedingte Herbeiführung des eigenen Glücks mitunter das Glück der anderen zerstören kann. Wiktor und ganz besonders Zula handeln hier so skrupellos, dass es einem eiskalt den Rücken herunter läuft…

Cold War – Der Breitengrad der Liebe
Polen, Frankreich, Großbritannien 2018
84 Minuten, FSK: 0
Regie: Pawel Pawlikowski
Drehbuch: Pawel Pawlikowski, Janusz Glowacki
Darsteller: Johanna Kulig (Zula), Tomasz Kot (Wiktor) u.v.a.

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Jahresende 2018: Ahnenforschung Claer, Teil 10

Eigentlich hatte ich gedacht, in diesem Jahr 2018 wieder mehr als zuletzt zum „Ahnenforschen“ kommen zu können, aber eine überraschende berufliche Veränderung ließ mir dazu weniger Zeit und Kraft als erhofft. Daher gibt es diesmal also leider nur einen ähnlich schlanken „Forschungsbericht“ wie im Vorjahr, der zwar keine großartigen neuen Erkenntnisse, aber immerhin ein paar interessante Entdeckungen am Rande enthält. Großer Dank gebührt meiner Tante dritten Grades Lorelies Claer-Fischer, der Schwester des legendären Boxers und Skandal-Schriftstellers Hans Henning „Moppel“ Claer, die mir freundlicherweise erlaubt hat, in diesem Bericht aus ihren E-Mails der letzten Jahre an mich einige alte Familiengeschichten zu zitieren und die dazu passenden Fotos zu veröffentlichen. Man könnte sogar sagen, dass dies meinen diesjährigen Forschungsbericht gerettet hat…

1. Der Wahlplakat-Grafiker aus Berlin

Gleich im Januar 2018 erreichte mich eine Anfrage des Rechtshistorikers Prof. Dr. Jörg-Detlef Kühne von der Leibniz-Universität Hannover. Im Rahmen einer verfassungsgeschichtlichen Studie suchte er nach näheren Informationen über den Berliner Grafiker Hans Klaer, der 1924 ein vielbeachtetes Wahlplakat zur Wahl der Weimarer Nationalversammlung angefertigt hatte.

„Plakat 1 der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) zeigt den deutschen Michel mit einer schwarz-weiß-roten Schlafmütze vor einem Burgturm, auf dem, weithin sichtbar, die schwarz-rot-goldene Reichsflagge weht. Der Turm erinnert an das Hambacher Fest auf der Maxburg 1832, ein Ereignis, das im 19. Jahrhundert neben den Farben Schwarz-Rot-Gold die deutsche Nationalbewegung symbolisierte. Die Sonnenmetaphorik kündet von der Zukunft. Der deutsche Michel läuft Gefahr, sie zu verschlafen.“
(http://www.dhm.de/archiv/ausstellungen/grundrechte/katalog/30-31.pdf)

“Willst Du noch immer diese Schlafmütze aufbehalten? Abbildung: Turm mit schwarz-rot-goldener Fahne vor aufgehender Sonne – davor Deutscher Michel mit rotverbundenen Augen (Grafik) Kommentar: Reichstagswahl 1924 Plakatart: Motiv-/Textplakat Künstler_Grafiker: H. Klaer-G. Drucker_Druckart_Druckort: Offsetdruck Hermann Baswitz, Berlin Objekt-Signatur: 10-043 : 10 Bestand: Plakatsammlung Weimarer Republik/NS-Zeit (10-043) GliederungBestand10-18: Zentrum Lizenz: KAS/ACDP 10-043: 10 CC-BY-SA 3.0 DE”
(http://www.demokratisch-links.de/2012/01)

Die Deutsche Demokratische Partei (DDP), das waren in der ersten deutschen Demokratie die Linksliberalen. Sie gehörten aus heutiger Sicht also ganz eindeutig zu „den Guten“. Wir haben hier also einen Namensträger, auf den wir durchaus stolz sein können…

Ferner berichtete mir Prof. Kühne, dass „sich inzwischen ein passender Hans Klär, Zeichner, Schöneberg, Gutzkowstr. 6 IV in den Berliner Adressbüchern von 1919-1925 finden ließ, der vorher und später – bis 1933 – auch als Tischlermeister verzeichnet ist.“ Und er fügt hinzu: „Angesichts der durch bundesweite Telefonbucheinträge belegbaren relativen Seltenheit des Namens und Ihrer ins Netz gestellten Aufstellung halte ich es nicht für ausgeschlossen, dass sich hinter dem am Ende des vorgen. Kürzels gebrachten “G.” die Abkürzung für Gumbinnen verbirgt.“

Hier musste ich Prof. Kühne allerdings enttäuschen, denn die Überlieferung hinsichtlich Gumbinnens ist in unserer Familie zu vage und der Zeitraum der dortigen Ansiedlung von Namensträgern zu kurz, um eine Bezugnahme des Hans Klaer darauf für möglich zu halten. Auch konnte ich keine Hinweise auf eine Verbindung zwischen Hans Klaer und unserem Familienzweig finden. Dafür musste ich aber sofort an Monika Klaer aus Teltow und ihren Mann Joachim denken (siehe meine früheren Berichte), und dies erwies sich als Volltreffer.

„Der Cousin von Joachims Großvater war Kunsttischler hier in Berlin (verstorben 1915). Der Vater dieses Mannes war Tischler. Er muss noch drei Söhne gehabt haben… Diese drei Brüder werden erwähnt in den Jahren  1920 – 1940. Ich habe mal herausbekommen, dass sie die Tischlerei an einem ganz besonderen Ort mitten in Berlin hatten, ein Museum ist heute noch direkt daneben.“ Und später ergänzte sie noch nach einem Blick in die Familienchronik: „Im Text aus dem Jahre 1920 heißt es ‚Wir lernten auch die aus zweiter Ehe hervorgegangenen in Berlin wohnenden Brüder Karl, Ernst und Max Klaer mit ihren Familien kennen.‘ Natürlich kann Hans ein Sohn von den oben benannten Brüdern sein. … In den Adressbüchern kommt Hans 1920 als Tischler vor mit der gleichen Adresse und 1925 dann als  Hans Klär, Zeichner, Schöneberg, Gutzkowstr. 6 IV.“

Nur haben diese Klaers mit K, soweit wir wissen, keine Beziehung zu „unseren“ ostpreußischen Claers/Clairs/Klaers, sondern lassen sich vielmehr bis ins 18. Jahrhundert in der Gegend von Magdeburg zurückverfolgen. Doch womöglich gibt es ja eine noch frühere Verbindung…

2. Der Hauptmann von Gumbinnen – jetzt auch mit Bild!

Eine weitere hochinteressante Nachricht erhielt ich im März 2018 von einem Herrn Gordon v. J., einem Nachkommen des in meinen früheren Berichten ausführlich behandelten Wilhelm Theodor von Clair (1. Dezember 1767- 15. März 1831), des „Hauptmanns von Gumbinnen“.

„Über seine Tochter Ottilie Henriette Auguste von Clair (* 07. Oktober 1807 in Gumbinnen; † 28. Oktober 1875 in Langfuhr), welche laut Ihrer Quelle aber bereits kurz nach der Geburt verstorben sein soll, bin ich mit ihm verwandt. Die von Ihnen ebenfalls gefundene Luise Wilhelmine Mathilde († 1830), verheiratet mit einem von Aweyde, ist nach meinen Informationen auch eine Tochter Wilhelm Theodors. Ferner habe ich noch folgende Informationen über den Lebenslauf von Wilhelm Theodor:
· August 1781 Gefreiter Korporal im Garnison-Regiment Nr. 2 (der alten Stammliste)
· 01. November 1785 Fähnrich beim Garnison Regiment Nr. 2 (der alten Stammliste)
· 01. Mai 1787 zum Infanterie Regiment Nr. 11 (der alten Stammliste)
· 01. Oktober 1788 Sekondelieutnant
· 1794/95 Teilnahme am Feldzug in Polen
· 17. September 1797 Stabskapitän im Infanterie Regiment Nr. 58 (der alten Stammliste)
· 23. Oktober 1800 zum Infanterie Regiment Nr. 21 (der alten Stammliste)
· 15. Juli 1802 verheiratet mit Henriette Leopoldine Reichardt in (Preußen) Gumbinnen.
geboren 04. April 1783 (in Preußen ?)
· 1804 Beurteilung: “Ein ganz vorzüglicher, kluger Offizier, durch Eifer, Betragen, Talente und militärische Kenntnisse ausgezeichnet. Er zeichnet überaus schön. Kann einst viel leisten.”
· 23. Mai 1805 Kompagniechef
· 1806 Teilnahme am Feldzug
o 14. Oktober bei Auerstädt verwundet
o bei Übergabe von Magdeburg in französische Gefangenschaft geraten
· 31. Januar 1808 zum 3. Ostpreußischen Infanterie Regiment
· 02. August 1809 mit schlichtem Abschied entlassen auf Grund kriegsgerichtlichen Erkenntnissen
· 15. März 1831 gestorben (Voss.Ztg.70) in Gumbinnen
Diese Informationen und weitere Abschriften von Briefen des Wilhelm Theodors liegen mir als Schreibmaschinendurchschlag vor, mit dem Vermerk, dass sich die Originale bei Frau Janert befinden. Dabei handelt es sich sehr wahrscheinlich um seine Tochter Wilhelmine Henriette Leopoldine Bertha († 1864), welche, wie sie bereits herausgefunden haben, einen Dr. Janert geheiratet hat.
Wie genau diese Informationen in den Besitz meiner Familie gekommen sind, ist mir nicht bekannt. Zu weiteren Nachfahren der von Clairs habe ich keinen Kontakt.“

Und als besonderes Bonbon befand sich im Anhang der Mail noch ein Bild des Wilhelm Theodor von Clair:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

3. Die Filmschauspielerin aus „Schwarze Nylons – heiße Nächte“

Schon vor einigen Jahren bin ich bei einer Recherche im Netz auf eine Schauspielerin namens Renate Claer gestoßen, die ca. in den 1950er Jahren in einigen Filmen mitgewirkt hat. Ich befragte damals meinen Vater, ob er von einer Filmkarriere seiner Schwester Renate Scheibner, geb. Claer, also meiner Tante Renate (1932-1986) aus Karl-Marx-Stadt wisse. Er schloss dies kategorisch aus. Nun habe ich bei Ebay ein handsigniertes Foto dieser Schauspielerin gefunden. Sie ist definitiv nicht meine Tante Renate.

 

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Art des Autogramms: Original handsigniert (kein Druck oder ähnliches)“

 

 

Aufschlussreich ist aber die Rückseite der Autogrammkarte. Dort findet sich der Hinweis, dass das umseitige Foto aus dem Film „Schwarze Nylons – heiße Nächte“ stammt. Sollte also neben meinem bereits erwähnten Onkel dritten Grades „Moppel“ Claer (u.a. „Lass jucken, Kumpel“) noch ein weiteres Mitglied unseres erweiterten Familienkreises in anrüchigen Filmen mitgewirkt haben?

Der besagte Film aus dem Jahr 1958 hat sogar einen eigenen Wikipedia-Eintrag: https://de.wikipedia.org/wiki/Schwarze_Nylons_%E2%80%93_Hei%C3%9Fe_N%C3%A4chte
Jedoch wird darin das Lexikon des internationalen Films mit der Einschätzung zitiert: „Kriminalabenteuer in «verruchtem» Milieu – biederer, als der spekulative Titel vermuten läßt.“ Nun gut, die frivolen Filme der späten Fünfzigerjahre sind sicherlich nicht mit jenen aus den Siebzigerjahren zu vergleichen. Noch dazu ist Renate Claer in der Namensliste der in diesem Film auftretenden Schauspieler im Wikipedia-Eintrag gar nicht enthalten. Vermutlich spielte sie also nur eine kleine Nebenrolle.

 

Darüber hinaus lässt sich über Google noch eine Illustrierte aus dem Jahr 1958 finden, in der die Schauspielerin Renate Claer mit zwei Kolleginnen als Cover-Girl posiert:

https://www.zvab.com/servlet/SearchResults?bsi=30&hl=on&kn=abze&sortby=20&prevpage=3

 

 

 

 

Außerdem bin ich nach meiner Erinnerung früher einmal im Netz darauf gestoßen, dass die Schauspielerin Renate Claer aus der Schweiz stammt, doch kann ich diese Quelle jetzt leider nicht mehr finden. Dies wäre aber auch der einzige (unbestimmte) Hinweis auf eine Verbindung zu unserer Familie, da diese wahrscheinlich von Einwanderern aus St. Imier (Berner Land) in die Schweizer Kolonie nach Gumbinnen/Ostpreußen um 1712 abstammt (siehe meine früheren Texte). Vielleicht ist die Schweizer Schauspielerin Renate Claer ja eine Nachkommin der um 1712 in der Schweiz zurückgebliebenen Verwandten der Auswanderer in den Raum Gumbinnen um David und Jakob Clerc (Clair)…

4. Der einzige noch erhaltene Brief meines Großvaters

In meiner Korrespondenz mit Tante Lorelies hatte sich – wie schon früher erwähnt – aus der vergleichenden Betrachtung unserer Familienzweige als herausstechende Gemeinsamkeit aller Claers neben den großen Nasen und einer gewissen Witzigkeit und Lustigkeit auch noch ein auffällig guter Schreibstil ergeben.

Besonders meine gerade schon genannte Tante Renate war als Schülerin für ihre exzellenten Deutsch-Aufsätze und überhaupt für ihr hervorragendes Ausdrucksvermögen bekannt. Dies berichtete mir – ohne dass ich danach gefragt hätte – vor einigen Jahren auf einer Geburtstagsfeier meiner inzwischen verstorbenen Eltern auch ihr ehemaliger Lehrer, ein alter Herr von inzwischen über 90 Jahren. Eine seiner Kolleginnen hatte meinen Vater, wie dieser uns später häufig erzählt hat, seinerzeit auf der Oberschule nach einem gelungenen Deutschaufsatz mit den (unzutreffenden) Worten abgebürstet: „Claer, das haben Sie doch von Ihrer Schwester abgeschrieben!“ Ebenfalls einen guten, wenn auch mitunter etwas unkonventionellen Schreibstil pflegte Tante Renates und meines Vaters Cousin zweiten Grades, der schon mehrfach erwähnte Hans Henning „Moppel“ Claer, der ja nach manchen Umwegen, siehe meine früheren Texte, sogar zum Berufsschriftsteller avancierte.

Doch auch mein Großvater Gerhard Claer (1905-1974) konnte sehr gut schreiben, wie die folgende Kostprobe beweist, die ich hier nur deshalb veröffentliche, weil mittlerweile niemand mehr am Leben ist, der etwas dagegen haben könnte. Es handelt sich um den leider einzigen noch erhaltenen Brief meines Großvaters aus dem Rheinland an meine Eltern nach Rostock. Der Brief ist fast 50 Jahre alt, vom 26. Oktober 1969.

Zu dieser Zeit lebte mein Opa schon mit seiner zweiten Frau zusammen (meine Oma war bereits in den 50er Jahren – nach der Flucht aus der DDR – an Krebs gestorben). Diese Stief-Oma hat uns später, nach dem Tod meines Opas 1974, auch einmal in Wismar besucht und uns ansonsten immer viele West-Pakete geschickt. Wie auch mein Onkel Gerd, der jüngere Bruder meines Vaters, der im Brief ausführlich als junger Mann erwähnt wird.

Bald nach Erhalt dieses Briefes sind meine Eltern von Rostock nach Wismar gezogen, wo ich dann zwei Jahre später geboren wurde. Dieser Brief meines Großvaters ist deshalb der einzige, der heute noch existiert, weil mein Vater alle anderen vor seiner Republikflucht Ende 1986 vernichtet hat. Wahrscheinlich hatte mein Opa oft geschrieben, dass meine Eltern doch in den Westen kommen sollten. Und mein Vater fürchtete, dass die Organe der DDR meiner Mutter und mir, die ja zunächst im Osten zurückbleiben mussten, daraus wegen Mitwisserschaft an seiner Republikflucht „einen Strick drehen“ könnten.

Hier also der Brief meines Großvaters:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

5. Stammbaum, Fotos und Geschichten von Tante Lorelies

a) Stammbaum

Hier nun der Stammbaum von Tante Lorelies:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zum Vergleich hier auch noch einmal der einst von meinem Großvater Gerhard erstellte Stammbaum. Wie früher schon mehrfach angesprochen hat sich dort offenbar ein Fehler eingeschlichen: Im unteren Blatt links oben muss es statt „Franz Claer“ heißen: „Otto Claer“. Otto Claer, der Großvater von Tante Lorelies und „Moppel“ Claer, war der ältere Bruder meines Urgroßvaters Georg Claer. Gemeinsam mit ihrem jüngeren Bruder Richard und ihrem Vater Franz waren sie die „Claers von der Post“, siehe hierzu ausführlich meine früheren Texte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

b) Fotos

aa) Erich Claer und seine Schwestern

Von Tante Lorelies erhielt ich die folgenden Fotos ihres Vaters Erich und ihrer Tanten (dessen Schwestern) Margarete und Hildegard. Die drei Geschwister waren Cousin und Cousinen meines Großvaters Gerhard.

 

 

 

 

 

 

 

 

Erich Claer (1901-1950)

 

 

 

 

 

 

 

Margarete Doeppner, geb. Claer (1904-1932/33)

 

 

 

 

 

 

 

 

Hildegard Rathgen, geb. Claer (1904-ca.1960) mit Tochter Ingeborg (geb. 1949)

 

bb) „Moppel“ Claer und seine Geschwister

Weiterhin bekam ich von Tante Lorelies Fotos von ihr und ihren drei Brüdern Hans Henning, Dieter und Heiner.

 

 

 

 

 

 

 

 

Hans Henning „Moppel“ Claer (1931-2002) mit seiner Mutter Hanni Claer, geb. Keller (1910-1992)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dieter Claer (1933-2005) mit Ende 50

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Lorelies Claer-Fischer (geb. 1940)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Heiner Claer (1942-2013) mit 58 Jahren

 

cc) Mein Großvater Gerhard und seine Kinder

Zum direkten Vergleich zwecks Feststellung etwaiger Ähnlichkeiten hier auch Fotos meines Großvaters Gerhard und seiner drei Kinder Renate, Joachim (mein Vater) und Gerd.

 

 

 

 

 

 

Mein Großvater Gerhard Claer (1905-1974) mit seinem jüngsten Sohn (meinem Onkel) Gerd Claer (1943-2016)

 

 

 

 

 

 

Mein Onkel Gerd Claer (1943-2016) und mein Vater Joachim Claer (1933-2016)

 

 

 

 

 

 

 

 

Meine Tante Renate Scheibner, geb. Claer (1932-1986)

 

c) Geschichten

aa) Über Familienangehörige

Tante Lorelies schrieb über Ihren Vater Erich sowie ihre Tanten Margarete und Hildegard:

„Also: alle liebten Erich. Wenn er irgendwo auftauchte, hingen alle an seinen Lippen, nicht nur die Frauen. Er unterhielt alle mit Geschichten, Charme und guter Laune …Über die Schreibbegabung kann ich nicht so viel sagen. Wir haben ja keine Briefe aus der Vorkriegszeit. Grete ist 1942 gestorben, Hilde wohnte in FfM, wir in Berlin, man telefonierte wohl eher. Von ihr weiß ich, dass sie Sekretärin war, meine Mutter sagte, dass beide Mädels sehr intelligent waren. Vom Papa weiß ich nichts, aber wenn er schrieb, wie er reden konnte…
Ich hatte wohl früh eine gewisse Begabung zum Formulieren, denn meine Mutter bat mich immer die Glückwunsch- und Kondolenzbriefe zu schreiben, ich bekam dann eine Mark. Ab meinem 10. Lebensjahr nach dem Tod meines Vaters! Bis dahin hatte er das wohl übernommen. Von meiner Schulzeit weiß ich wenig. Aber meine Aufsätze waren auch gut. Mit 17 Jahren wollte ich ein Buch schreiben, daraus wurde nichts, weil mir die Phantasie fehlte. Dieter hat viel aus Canada geschrieben, aber ich weiß nicht, wie sein Stil war, er verlor auch nach und nach das Denken in der deutschen Sprache.“

„Zu Tante Grete: sie war mit einem Herrn Doeppner verheiratet und ist 1942 bei der Geburt des 3. Kindes gestorben. Das weiß ich so genau, weil mein Bruder Heiner im gleichen Jahr geboren wurde und als Oma Emma meine Mutter im Krankenhaus besuchte, sagte sie: …” und meine arme Grete mußte sterben…”. Meine Mutter war ganz fertig.“

„Mein Vater ist in Königsberg aufgewachsen, hat eine Banklehre gemacht und 1930 Hanni Keller aus Osterode, eine entfernte Verwandte, geheiratet. Er hatte inzwischen eine Stelle bei der Deutschen Bank in Berlin und beiden nahmen  ihren Wohnsitz in Steglitz. Moppel wurde 1931 dort geboren. Dieter 1933 in Ratibor, weil Erich zwei Jahre in die Provinz versetzt wurde. Ich wurde 1940 dann wieder in Berlin geboren, Erich war inzwischen bei der Deutschen Treuhand. Heiner 1942 in Osterode. 1940 wurde Moppel wie alle Schüler des Heesegymnsiums nach Rastenburg evakuiert, meine Mutter ging deshalb mit uns allen nach Gröben, um ihm näher zu sein. Allerdings kam er vor Heimweh schier um, sodass sie ihn nach Osterode umschulen ließ.“

bb) Fluchtgeschichte

Und schließlich noch der Bericht von Tante Lorelies über die Flucht aus Ostpreußen:

„Nochmal zur Flucht: es gab ja das Verbot, Ostpreußen zu verlassen. Meiner Mutter, die mit ihren 4 Kindern festsaß, sagte mein Vater, dass sie aber unbedingt gehen soll, wenn die Landjahrmädels gehen (sie wohnten alle in der Nähe in einem Haus, ich ging dort auch kurz in  den Kindergarten). Er konnte es sich nicht vorstellen, dass Hitler seine deutschen Mädels den Russen in die Hände fallen ließ. Aber genau so kam es ja.
Anlässlich eines Besuchs bei ihren Eltern in Osterode, traf sich meine Mutter mit einer Freundin in einem Restaurant zur Beratung. Dabei hörte sie, wie sich zwei Herren am Nebentisch (sie schätzte sie als Gutsbesitzer ein) leise unterhielten und sagten: …BBC ….wir gehen morgen…”
Daraufhin packte sie sofort den Treck und am nächsten Tag, dem 28. Januar, zogen wir von Gröben nach Osterode und verabschiedeten uns von meinen Großeltern, die sich die Flucht nicht mehr zutrauten (mein Großvater war krank) und meinten, dass ihnen alten Leuten der Russe schon nichts tun werde.
Am nächsten Tag war der Russe da und meine Großeltern und einige Nachbarn wurden im Schlafzimmer, wo sie sich alle beim Kranken aufhielten, von einem russischen 17jährigen betrunkenen Soldaten mit dem Ausruf  “du kapitalisti” erschossen. Eine Magd, die im Nebenzimmer war, hat alles erzählt. Der Soldat bekam dann auch ein Verfahren wegen Kriegsrechtsverletzung. Meine Mutter hat es nie verwunden, dass ihre Eltern nicht erfahren konnten, dass sie und die Kinder die Flucht überlebt hatten.
Wir zogen dann unter  Kriegsgrollen Richtung Dirschau, weil mein Vater dort zu einem Offizierslehrgang war (im Januar 1945 !! Von dort kam er dann in russische Kriegsgefangenschaft, wurde 1947 wegen Unterernährung entlassen und ist 1950 an den Folgen gestorben). Meiner Mutter gelang es tatsächlich, ihn zu sprechen. Er riet ihr, nicht den Seeweg zu nehmen, sondern über Land zu gehen, das ging bis Stolp und da hatte uns der Russe dann. Wir hingen mit anderen Flüchtlingen auf einem pommerschen Bauernhof fest, bis uns im Oktober der Pole mit Fußtritten herauswarf und wieder Züge fuhren…“

Und die Fluchtgeschichte(n) meines Familienzweiges erzähle ich beim nächsten Mal…

Ausblick

Soviel also für diesmal. Im kommenden Jahr gibt es hoffentlich wieder mehr Material und vielleicht sogar neue Erkenntnisse.

Berlin, Dezember 2018

www.justament.de, 31.12.2018: In der DDR gab es kein 1968

Über die grundverschiedene mental-kulturelle Prägung in Ost- und Westdeutschland

Thomas Claer

Ein mächtiger Sturm tobte über Europa, nein, längst nicht nur über Europa, sondern über der ganzen westlichen Welt und selbst noch in Teilen Asiens und Nordafrikas: der Sturm der Studentenproteste – und des gesellschaftlichen Wandels überhaupt. Damals, vor 50 Jahren, hörten junge Leute plötzlich nicht mehr Schlagerkitsch, sondern fetzige Rockmusik. Und von ihren Eltern ließen sie sich schon gar nichts mehr sagen. Langhaarige junge Männer rotteten sich in den Straßen zusammen und riefen „Ho-Ho Ho-Chi-Minh!“ Junge Frauen entblößten in Hör- und Gerichtssälen ihre Brüste und forderten Emanzipation. „Unter den Talaren“ ihrer Professoren hatten empörte Studenten „den Muff von tausend Jahren“ ausgemacht und begaben sich auf den „Marsch durch die Institutionen“, um das „kapitalistische Schweinesystem“ mal so richtig von Grund auf umzugestalten. Fortan gehörte, „wer zweimal mit der Selben“ pennte, bereits „zum Establishment“. Und selbstverständlich traute man „keinem über 30“… Kaum zu glauben, dass es ein Fleckchen Erde mitten in Europa gab, das von all dem kaum etwas mitbekommen hatte. Und doch es gab diese Region der Ahnungslosen, man nannte sie den Ostblock. Dort wehte der Wind der Veränderung, wenn überhaupt, nur als ein laues Lüftchen. Mauer und Stacheldraht hatten hier zwar längst nicht alles vom neuen Zeitgeist zurückhalten können, aber doch genug, um eine Menge von dem zu konservieren, was die westlichen Gesellschaften nach 1968 längst überwunden glaubten, auf dem „Müllhaufen der Geschichte“ wähnten: autoritäre Strukturen, Disziplin und Gehorsam, Homophobie und Fremdenfeindlichkeit zum Beispiel. Und so kam es, dass an der Nahtstelle zwischen Ost und West, an der innerdeutschen Grenze, nicht nur zwei entgegengesetzte politische Welten jahrzehntelang nebeneinander her lebten, sondern deren Bewohner auch grundverschiedene kulturelle Prägungen durchlaufen hatten. Sie sprachen dieselbe Sprache und konnten einander, wie sich später zeigen sollte, doch nur sehr begrenzt verstehen. Ein großes soziologisches Freiluftexperiment am lebenden Objekt gewissermaßen.

Ich selbst war 1968 noch gar nicht geboren. Erst drei Jahre später erblickte ich das Licht der Welt, doch konnte ich die Auswirkungen dieser weitgehend entgegengesetzten sozialen Codierungen in Ost und West sehr eindrucksvoll in der Schule studieren: erst im Osten – in einem Dorf nahe der innerdeutschen Grenze mit starker Armee-Präsenz – und später im Westen: in einer besonders liberalen Großstadt. Einen stärkeren Kontrast, als ich ihn damals erlebt habe, kann man sich nicht vorstellen. Das einzig Verbindende zwischen diesen beiden Welten war (neben der norddeutsch eingefärbten Sprache) die ironischerweise ihnen beiden zugeschriebene Farbe Rot. Aber ansonsten: Wie vollkommen unterschiedlich sich gleichaltrige junge Menschen doch verhalten konnten!

Kam im Osten ein neuer Schüler in die Klasse, wurde er von seinen neuen Mitschülern zuerst interessiert angesehen, sodann auf Schritt und Tritt beobachtet und schließlich neugierig befragt, woher er denn komme und was er so treibe. Nichts davon im Westen. Niemand nahm Notiz von einem Neuankömmling. Überhaupt bestand so eine West-Klasse aus mehreren Grüppchen, die sich offenbar überhaupt nicht miteinander abgaben. Die Gruppenzugehörigkeit, das lernte ich schnell, manifestierte sich vor allem auch in der Kleidung (Ökos, Popper, Grufties, Rocker, Normalos…), während im Osten alle ganz ähnlich angezogen waren und fortwährend jeder mit jedem kommunizierte. Kam man dann schließlich doch mit den West-Kindern ins Gespräch, erwiesen sie sich mitunter als freundlich, doch – jedenfalls im Vergleich zur ganz natürlichen Herzlichkeit der Ostdeutschen – auch als irgendwie unterkühlt. Ganz anders aber war es bei den Lehrern! Während sich die Ost-Lehrer ausnahmslos als Autoritätspersonen präsentierten, die auch gerne mal laut wurden, um Ruhe und Ordnung durchzusetzen, traten die West-Lehrer in vielen Fällen als ausgesprochene Kumpeltypen auf, die sich mit ihren Schülern z.B. über Popmusik und Filme unterhielten und sogar mit ihnen Computerspiele tauschten. Manche männlichen West-Lehrer hatten lange Haare oder waren zerfetzt und abgerissen gekleidet. Und dann der Sportunterricht! Im Osten wurde man im Kasernenhofton herumkommandiert, musste am Anfang der Stunde strammstehen und auch öfter mal in Reih und Glied marschieren. Im Westen liefen eigentlich alle fortwährend durcheinander, ohne dass sich jemand daran gestört hätte. Das T-Shirt trugen die West-Kinder lässig über der Hose, im Osten wäre man dafür vom Lehrer angeschnauzt worden.

In der Schule hatte man im Osten pünktlich zu erscheinen, sonst gab es Ärger, aber so richtig. Im Westen hingegen trudelte alle paar Minuten ein weiterer Nachzügler ein. Wurde im Osten etwas Organisatorisches angesagt, dann geschah dies jeweils genau einmal. Hatte jemand etwas nicht gleich mitbekommen, weil er geträumt hatte oder abgelenkt war, und er fragte nach, so wurde er vom Lehrer vor der versammelten Klasse für seine Unaufmerksamkeit blamiert. Ganz anders im Westen: So ziemlich alles wurde von den Lehrern zweimal, dreimal oder viermal laut und deutlich wiederholt – und dennoch gab es fast immer noch eine Nachfrage: „Also wann sollen wir uns noch mal treffen??“ Wurde auf Klassenfahrten ein Treffpunkt vereinbart, dann waren im Osten stets alle zu der vorgegebenen Zeit anwesend. Im Westen plante man in solchen Fällen immer großzügig noch eine halbe Stunde Zeitpuffer ein – und doch fehlte am Ende noch der eine oder die andere.

Im Osten war es gefährlich, ein Außenseiter zu sein, denn dann wurde man vom Kollektiv gemobbt, wobei es dieses Wort damals noch gar nicht gab. Von den Lehrern hatte man dann wenig Hilfe zu erwarten, sondern wurde höchstens von ihnen ermahnt, sich doch endlich einmal besser ins Klassenkollektiv einzufügen. Ganz anders im Westen. Dort appellierten die Lehrer ausdrücklich an das Sozialverhalten, forderten ihre Schüler auf, niemanden auszugrenzen. Aber die West-Schüler kamen – anders als Ost-Schüler – zumeist gar nicht auf die Idee, andere zu mobben, weil diese ihnen völlig egal waren. Für West-Schüler zählte nur der eigene Freundeskreis; was andere taten oder nicht taten, kümmerte sie nicht.

Gibt es solche mentalen Unterschiede zwischen Ost und West auch heute noch? Wahrscheinlich längst nicht mehr so ausgeprägt wie vor 30 Jahren, aber ganz bestimmt gibt es sie noch. Gewisse regionale, auch personale Kontinuitäten lassen sich nicht so leicht aus der Welt schaffen, und warum auch? Gruppenspezifische mentale Unterschiede gibt es hierzulande schließlich auch zwischen Nord und Süd, zwischen Arm und Reich, zwischen Stadt und Land, zwischen Eingeborenen und Migranten.

Was folgt nun aus all dem? Ich weiß es nicht, nur so viel: Dass im Westen oder im vereinigten Deutschland alles in jeder Hinsicht besser wäre als damals im Osten, lässt sich nun wirklich nicht behaupten. Wo viel Licht ist, da ist immer auch viel Schatten. Und umgekehrt. Insbesondere ist die Freiheit, die sich vor 50 Jahren mit der 1968er Revolte ausgebreitet hat – nicht zuletzt im westlichen Erziehungssystem – ein durchaus zweischneidiges Schwert. Zu viel davon kann leicht fragwürdige Nebenwirkungen oder unbeabsichtigte Folgen mit sich bringen. Aber wenn ich mich entscheiden müsste: Dann doch bitte lieber zu viel Freiheit als zu wenig…

www.justament.de, 24.12.2018: Goethe & Co. als Rockmusik

Scheiben vor Gericht Spezial: Vor vierzig Jahren erschien „Regenballade“ von Achim Reichel

Thomas Claer

Damals in den Siebzigern wurde viel experimentiert. Und so kam es, dass der umtriebige Rockmusiker Achim Reichel, der sich zuvor bereits u.a. an meditativer Psychedelic und Seemannsliedern erprobt hatte, deutsche Balladen des 19. Jahrhunderts kurzerhand zu Popsongs machte. Reichel, das muss man wissen, hatte seinerzeit einen wirklich guten Lauf. Was er anfasste, gelang ihm, wenn auch die kommerziellen Erfolge sich erst mit erheblicher Verspätung einstellen sollten. Bis heute wird seine LP „Regenballade“ aus dem Jahr 1978 als rundum gelungenes Fusions-Experiment gefeiert, das natürlich längst als Unterrichtsmaterial an deutschen Schulen dient. Wobei diese Musik heutigen Schülern mittlerweile ähnlich fern stehen dürfte wie z.B. die Vertonung von Wilhelm Müllers „Winterreise“ durch Franz Schubert aus dem Jahr 1827. Doch dafür gefällt sie den Lehrern umso besser, oder sagen wir lieber: den älteren Lehrern…

Gitarre, Bass, Schlagzeug und Keyboard – mehr brauchte es nicht, um die angestaubten Balladen plötzlich als luftige Rock-Nummern wiederauferstehen zu lassen. Eigentlich gilt ja unter Musikern der Grundsatz, dass immer zuerst die Melodie vorhanden sein muss, zu der dann nachträglich ein passender Text hinzugefügt wird. Dass es – in seltenen Fällen – auch andersherum funktionieren kann, beweist Reichels „Regenballade“. Beim Lesen der alten Texte, so Achim Reichel später, seien ihm die Melodien nur so zugeflogen. Das glaubt man ihm gerne, so mühelos, wie sich hier alles ineinander fügt.

Besondere Höhepunkte dieses Albums sind „Nis Randers“ aus der Feder des Hamburger Schriftstellers Otto Ernst, das zu einem lupenreinen Gitarrenpop-Song mutiert, „Een Boot is noch buten“ vom Naturalisten Arno Holz und „Trutz blanke Hans“ vom Prä-Naturalisten Detlev von Liliencron. Jener Liliencron ist auch der Verfasser von „Pidder Lüng“ mit dem berühmten Refrain „Lewwer duad üs Slaav!“ Reichel macht daraus einen hochenergetischen Freiheitssong, hier eine großartige Live-Version von 1991. Ebenfalls zweimal auf der Platte vertreten sind Johann Wolfgang von Goethe (neben dem „Zauberlehrling“ noch mit dem „Fischer“: „Halb zog sie ihn, halb sank er hin“) und Theodor Fontane („Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“ und „John Maynard“).

Aber dann hat sich auch noch eine Ballade viel jüngeren Datums, nämlich aus dem 20. Jahrhundert, auf der LP eingeschlichen: Das Titelstück, die „Regenballade“, stammt von der Lyrikerin und Romanautorin Ina Seidel (1885-1974). Endlich ist hier auch mal eine Frau unter den Dichtern vertreten, denkt man. Nur leider ist Ina Seidel eine Art Skandalfigur, die sich in der NS-Zeit als Blut- und Boden-Literatin sowie als begeisterte Hitler-Verehrerin hervorgetan hat („Hier stehn wir alle einig um den Einen, und dieser Eine ist des Volkes Herz“). Ihre „Regenballade“ selbst, um die es hier geht, ist aber wohlgemerkt völlig unpolitisch, eine Art verspätetes Stück Schauerromantik. Und sie ist wirklich grandios. Von daher ist es auch gut so, dass dem guten Achim Reichel daraus noch keiner einen Strick gedreht hat, zumal einem so grundehrlichen und sympathischen Zeitgenossen wie ihm ohnehin niemand unlautere Motive unterstellen würde. Also sei’s drum!

Achim Reichel
Regenballade
Ahorn 1978
Neuauflage als CD: Tangram 2008
ASIN: B007Z1UARK
9,99 Euro (bei Amazon)

www.justament.de, 10.12.2018: 50 Jahre Schlacht am Tegeler Weg

Ein Film- und Diskussionsabend in Berlin-Charlottenburg

Thomas Claer

Landgericht Berlin (Foto: TC)

Gestern im „Haus am Mierendorffplatz“. Der kleine Raum ist rappelvoll. Auf der Leinwand läuft ein Dokumentarfilm aus den Achtzigern. Hier, rund ums nahe gelegene Landgericht Berlin am Tegeler Weg, wurde Rechtsgeschichte geschrieben. Damals, vor fünfzig Jahren, tobte dort die legendäre „Schlacht am Tegeler Weg“. Während im Gericht über die Aberkennung der Anwaltszulassung des damaligen Apo-Anwalts Horst Mahler wegen „Unwürdigkeit“ gestritten wurde (er hatte zuvor an einer Demonstration gegen die Springer-Presse teilgenommen), hatten sich draußen hunderte Studenten und Sympathisanten versammelt und lieferten sich eine wilde Straßenschlacht mit der Polizei. Am Ende standen 130 verletzte Polizisten. Einige der damaligen Demonstrationsteilnehmer sind anwesend, auch die Regisseurin des gezeigten Films. Nur leider fehlt Alt-Aktivist und LinksanwaltHans-Christian Ströbele, mittlerweile 79. Zunächst hatte er seine Teilnahme zugesagt, musste dann aber leider doch aus gesundheitlichen Gründen passen. Bei der letzten Großdemo gegen den Mietenwahnsinn sei er noch dabei gewesen, heißt es.

Überhaupt besteht das Publikum hauptsächlich aus rüstigen Siebzigern, die in der anschließenden munteren Diskussion genüsslich in ihren Erinnerungen schwelgen. Die große Streitfrage ist mal wieder, wie schon im Dokumentarfilm, wie denn der LkW mit den Pflastersteinen, die später von den Demonstranten auf die Polizisten geworfen wurden, durch die Absperrungen der Polizei gelangen konnte. Zwei Theorien habe es damals gegeben: Verfassungsschutz und CIA. Demgegenüber zitiert ein Anwohner die Meinung seiner Nachbarin: In den Straßen seien doch damals überall die Straßenbahnschienen abmontiert und Pflastersteine aus den Straßen in LkWs verladen worden. Nein, widerspricht ein anderer, die besagten Steine seien doch viel größer gewesen, das habe man im Film doch deutlich erkennen können. Und ein Dritter berichtet, dass ein Polizist sogar zugegeben habe, als „agent provocateure“ gehandelt zu haben, doch den lassen wiederum andere nicht als zuverlässigen Zeugen gelten. Nein, diese Frage ist wohl einfach nicht mehr abschließend zu klären…

Eine Anekdote reiht sich an die nächste. Ein Herr im Pullover berichtet, wie er damals in der S-Bahn von Bauarbeitern angespuckt worden sei, die ihn als „Scheiß-Student“ beschimpften. Auch die Straßenbauarbeiter vor Ort hätten wohl übelste Beleidigungen in Richtung der Demonstranten gerufen. 90 Prozent der Zeitungslandschaft war Springer-Presse. Und die habe gehetzt, was das Zeug hielt. Ja, so war das damals. Eine aufregende Zeit sei das gewesen, da sind sich alle einig. Aber wie ist es denn heute? Doch eigentlich fast genauso aufregend! Und nun gehen die Meinungen munter auseinander. Die Gelbwesten in Frankreich? Ganz großartig, finden die einen. Oh nein, echauffieren sich die anderen. Und Rechts und Links lägen manchmal eben doch dicht beieinander, das sähe man doch an Horst Mahler, damals linker Apo-Aktivist, heute wegen mehrfacher Volksverhetzung verurteilter Rechtsextremist. Und in Frankreich stünden Rechte und Linke schon Seite an Seite, in Italien und Griechenland koalierten sie miteinander. Nein, das machen wir nicht mit, protestieren mehrere ältere Damen. Keine Gleichsetzung von Rechts- und Linksradikalismus! Das sei doch ein himmelweiter Unterschied! Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass die Diskussionsfreude der Aktivisten von einst auch nach 50 Jahren noch kaum nachgelassen hat und dass politisches Temperament wohl auch keine Frage von Alt oder Jung ist.

MDR-Umschau, 4.12.2018: Westpakete als Stütze der DDR-Planwirtschaft

Thomas Claer als Zeitzeuge im Fernsehen befragt…

www.justament.de, 19.11.2018: Traurig und süß, klagend und quietschend

Scheiben vor Gericht Spezial: 40 Jahre The Cure

Thomas Claer

So düster viele Songs der englischen Band “The Cure” auch sind, vor allem jene aus ihrem Frühwerk, so ist in ihnen doch immer auch eine Spur von Süße enthalten. Und umgekehrt lässt sich sagen: So süßlich und poppig viele Cure-Songs auch sein mögen, insbesondere solche aus ihrer mittleren und späten Schaffensperiode, so tragen sie dennoch stets einen Hauch von Melancholie in sich. Vielleicht liegt ja hierin das Geheimnis von “The Cure” begründet, dem Lebenswerk des Sängers und Texters Robert Smith (Jahrgang 1959), das dieser über nunmehr vier Jahrzehnte mit immer anderen Musikern um- und fortgesetzt hat: Traurigkeit und Süße sind in ihren Liedern unauflöslich ineinander verschränkt. Robert Smiths Gesang hat dabei aber auch fortwährend etwas jammervoll Klagendes – und kontrastiert dadurch auf raffinierte Weise mit den oft einschmeichelnden Melodien seiner Songs. Und noch hinzu kommt, dass diese regelmäßig auf besondere Weise, wie soll man sagen, ein wenig quietschend und schrill klingen, was ihnen einen ganz eigenen Charakter gibt.

Besonders beeindruckend wirkt aus heutiger Sicht die Anfangsphase der “Cure” in den späten Siebzigern und frühen Achtzigern. Man kann wohl sagen, dass sie seinerzeit so etwas wie ein heißer Szene-Act gewesen sind. Zwar hatten sie mit „Boys Don’t Cry“ gleich zu Beginn einen kleinen Hit in Amerika, doch brachte dies ihren sehr speziellen Ruhm in der Dark Wave- und Gruftiszene nicht ernsthaft in Gefahr. Seit den frühen Achtzigern trat die Band in schwarzer Kluft und Robert Smith mit gebleichtem Gesicht und rotgeschminkten Lippen auf. Ihre Musik zu jener Zeit war dabei überraschend abwechslungsreich, blieb aber gleichwohl immer sehr eigenartig. Als ihr ganz großes Meisterwerk kann die LP „Boys Don’t Cry“ gelten, die zunächst nur für den amerikanischen Markt gedachte Version ihres Debütalbums „Three Imaginary Boys“, ergänzt um mehrere in jener Zeit erschienene Singles der Band. Sie enthält u.a. das manchmal missverstandene „Killing an Arab“, eine Adaption des Romans „Der Fremde“ von Albert Camus, eines Hauptwerks des Existenzialismus. Doch waren die Nachfolgealben ebenfalls noch höchst brillant, wobei hier besonders „The Top“ (1984) hervorzuheben ist, ihr vielleicht geheimnisvollstes Werk mit obskuren ägyptischen und indischen musikalischen Einflüssen und dementsprechend rätselhafter Gestaltung des Plattencovers (siehe Abbildung).

Kommerziell gelang der endgültige Durchbruch mit dem Album „Disintegration“ (1989), dem Single-Hit Lullaby und seinem berühmten Spinnen-Video. Doch obgleich nun im Mainstream angekommen blieb der Cure-Sound auch in den Jahren darauf markant und unverwechselbar, wenn auch längst nicht mehr so aufregend wie in ihrem ersten Jahrzehnt.

Cure-Alben bis 1989
– Three Imaginary Boys / Boys Don’t Cry (1979)
– Seventeen Seconds (1980)
– Faith (1981)
– Pornography (1982)
– Japanese Whispers (1983)
– The Top (1984)
– The Head on the Door (1985)
– Kiss me Kiss me Kiss me (1987)
– Disintegration (1989)

www.justament.de, 22.10.2018: Die rechte Versuchung

 

Recht historisch Spezial: Justament-Autor Thomas Claer erinnert sich an Botho Straußens „Anschwellenden Bocksgesang“ vor 25 Jahren

Mit Verspätung erst las ich damals diesen Text, der eine magische Wirkung auf mich haben sollte. Den SPIEGEL-Essay im Februar 1993 hatte ich verpasst, aber im Oktober 1993 begann mein Jura-Studium in Bielefeld, und in der Nähe der juristischen Bibliothek, deren Werke ich von Anbeginn als sehr langweilig empfand, entdeckte ich zu meiner Freude das riesige SPIEGEL-Archiv, in das ich mich stundenlang regelrecht vergraben konnte. Man muss es den Nachgeborenen immer wieder erklären: Damals gab es noch kein Internet. Bestimmte Texte oder Bücher und überhaupt Informationen waren mitunter Mangelware, nach denen man lange Zeit auf der Suche war. Und so fand ich dann schließlich jenen Essay von Botho Strauß, der für so viel Aufsehen gesorgt hatte, und war sofort elektrisiert. Klar, mit Anfang zwanzig ist die Begeisterungsfähigkeit manchmal groß und die Lernmodule sind noch weit offen.

Als ich vier Jahre zuvor aus der DDR in den Westen gekommen war, hatte ich mich noch selbstverständlich politisch links positioniert und war damit auf dem Bremer Gymnasium, wo ich mein Abitur ablegte, auch gut gefahren. Doch schon während des Prozesses der deutschen Wiedervereinigung, die ich wegen des durch sie (scheinbar) drohenden nationalen Überschwangs wie viele westdeutsche Linke zunächst abgelehnt hatte, haderte ich mit meiner Haltung. Wie konnte es so weit kommen, fragte ich mich eines Tages zerknirscht, dass ich die deutsche Einheit, die doch so viele Vorteile für alle Deutschen mit sich brachte, nur mit großer Enttäuschung zur Kenntnis genommen hatte, weil sich die Dinge so gänzlich anders entwickelt hatten, als von mir gewünscht. Ich musste mir eingestehen, dass ich mich ideologisch verrannt hatte und fühlte sogar Anflüge von Wut auf all die politisch überkorrekte linke Bedenkenträgerei, die mir, so empfand ich es im Nachhinein, die Freude über die deutsche Wiedervereinigung verdorben hatte.

Schon mit 19 oder 20 begann ich also, mich anderen politisch-weltanschaulichen Ansätzen zu öffnen. Während des Golfkrieges 1991, gegen den ich selbstverständlich gemeinsam mit meiner Bremer Schulklasse auf die Straße gegangen war, las ich im SPIEGEL Hendryk M. Broders witzige und scharfzüngige Polemik „Unser Kampf“, gerichtet gegen die Deutsche Friedensbewegung, zu der damals insbesondere auch Alice Schwarzer zählte, welche er besonders durch den Kakao zog. Mir gefiel vor allem seine in meinen Augen sehr berechtigte Kritik am selbstgerechten westdeutschen linksliberalen Mainstream. (Dass sowohl Broder als auch Schwarzer heute fragwürdige Positionen vertreten und zu den geradezu dogmatischen „Islam-Hassern“ zählen, steht auf einem anderen Blatt.)

Was aber Botho Strauß Anfang 1993 im „Anschwellenden Bocksgesang“ lostrat, war noch einmal ein ganz anderes Kaliber. Es war ein Text wie ein Sprengsatz, der die weltfremde linksliberale kulturelle Hegemonie geißelte, unter deren Einfluss im wiedervereinigten Deutschland niemand mehr verstehen könne, warum „jemand in Tadschikistan es als politischen Auftrag begreift, seine Sprache zu erhalten wie wir unsere Gewässer“. Es schien dem Verfasser, „als hörte er jetzt ein letztes knisterndes Sich-Fügen, als sähe er gerade noch die Letzten, denen die Flucht in ein Heim gelang, vernähme ein leises Einschnappen, wie ein Schloss, ins Gleichgewicht. Danach: nur noch das Reißen von Strängen, gegebenen Händen, Nerven, Kontrakten, Netzen und Träumen“. Es war eine Art Kassandra-Ruf, den er der selbstgewissen westlich-liberalen Vorstellung vom Ende der Geschichte nach dem siegreichen Kalten Krieg vehement entgegenschleuderte.

Er hat, so kann man es heute sehen, mit seismographischem Gespür all das antizipiert, was uns im kommenden Vierteljahrhundert noch alles blühen sollte: den 11. September 2001, die weiteren Terroranschläge, die Finanzkrise, den neuen Kalten Krieg mit Russland, die Flüchtlingskrise, Trump und den Brexit, Orban und die Visegrad-Gruppe. „Wenn wir Reichen nur um minimale Prozente an Reichtum verlieren“, so führe dies bereits zu impulsiven Ausbrüchen von Unduldsamkeit und Aggression. Hingegen könnten „Gesellschaften, bei denen der Ökonomismus nicht im Zentrum aller Antriebe steht, aufgrund ihrer geregelten, glaubensgestützten Bedürfnisbeschränkung im Konfliktfall eine beachtliche Stärke oder Überlegenheit zeigen“. Es lohnt sich ganz unbedingt, den „Anschwellenden Bocksgesang“ heute, 25 Jahre später, noch einmal zu lesen. Denn seine Analyse ist äußerst hellsichtig. Auch der Ekel und Abscheu vor der fröhlich-banalen Konsumgesellschaft, die Feier des Individuums, das sich Ruhezonen suchen müsse in Zeiten der Geschwätzigkeit und des Privatfernsehens, all das ist großartig beschrieben und auch aus heutiger Sicht nur allzu berechtigt.

Zweifelhaft und bedenklich sind hingegen die Konsequenzen, die aus diesen Befunden sodann in raunendem Ton gezogen werden und denen der Text einen großen Teil seiner verführerischen Kraft verdankt. Schuld an der ganzen Malaise sei letztlich das linke Denken, das doch eigentlich schon in alten Zeiten das Verirrte und Verkehrte symbolisiert hätte. Das Rechte hingegen, eine rechte Haltung, die Beschwörung einer fernen Vergangenheit entspreche doch der Phantasie des einsamen Dichters, sei kurz gesagt das einzig Wahre. Es brauche so viel Mut und Entschlossenheit, sich der linken Hegemonie zu verweigern und als einsamer stolzer intellektueller Rechter dagegenzuhalten. Und mit den rechtsradikalen Schlägern, die damals schon in Deutschland ihr Unwesen trieben und Flüchtlingsheime abfackelten, habe das alles natürlich nichts zu tun. Jene seien lediglich ein Krisensymptom, hervorgerufen durch den ignoranten linksliberalen Mainstream. Eine kulturkonservative Gesellschaftskritik par excellence also, die sich allerdings inhaltlich und sprachlich stark mit linker Kulturkritik aus der Adorno-Schule überschneidet, der Botho Strauß ja schließlich auch entstammt.

Eine Zeit lang, das muss ich zugeben, war ich damals infiziert. Als politisch „rechts“ hätte ich mich niemals bezeichnet, aber das Wort „wertkonservativ“ gefiel mir zu jener Zeit schon recht gut. Indessen gab es bestimmte Erlebnisse, die mich am Ende doch wieder zurück in die Arme des guten, alten Linksliberalismus treiben sollten. Neugierig hatte ich mir den Sammelband „Die selbstbewusste Nation“ (mit Beiträgen von Botho Strauß selbst und einer Reihe intellektueller Sympathisanten) gekauft und las darin eifrig auf Bahnfahrten. Eines Tages sprach mich ein vollbärtiger Mann im Pullover darauf an, der auf mich rein optisch zunächst wie ein Anhänger der Grünen wirkte. Ich dachte im ersten Moment, er wolle mich angesichts dieses politisch unkorrekten Buches zur Rede stellen, aber weit gefehlt. Tatsächlich beglückwünschte er mich zum Erwerb und zur Lektüre dieses Werkes, das sei ja ganz prima und alles sehr richtig. „Und sind wir denn eine selbstbewusste Nation?“, fragte er mich rhetorisch und gab dann gleich darauf die Antwort. „Nein, das sind wir nicht. Sehen Sie sich doch bloß mal an, wer da alles zu uns kommt! Sind das Russen oder Rumänen oder kommen die von sonst wo her? Was wollen die eigentlich hier? Die sollen mal schön zu Hause bleiben.“ Da wurde mir schlagartig bewusst, in was für eine geistige Gesellschaft ich mich begeben hatte. Ich erklärte ihm knapp, dass mich diese Menschen in keinster Weise störten und Deutschland durch Zuwanderung noch immer bereichert worden sei. Und dann versuchte ich ihn abzuwimmeln. Er rief mir noch nach, dass er mir unbedingt empfehle, die „Junge Freiheit“ zu lesen…

Letztlich war es wohl auch der ausgiebige Kontakt mit so vielen Gleichaltrigen aus aller Welt an der Bielefelder Universität und in den Studentenwohnheimen und nicht zuletzt das Kennenlernen meiner aus Korea stammenden heutigen Frau, was mir Multi-Kulti immer schmackhafter machte und mich nachhaltig vor etwaigen rechtslastigen Einstellungen bewahrt hat. Der spätere Ortswechsel nach Berlin tat dann sein übriges. So ist es zwischen mir und dem Konservatismus am Ende nur bei einem vorübergehenden, folgenlosen Flirt geblieben. Auf den „Anschwellenden Bocksgesang“ selbst hingegen, dieses fulminante und gefährliche Stück Literatur, lasse ich hingegen auch heute noch nichts kommen.

www.justament.de, 15.10.2018: Die elementare Berlin-Platte

Element Of Crime auf „Schafe, Monster und Mäuse“

Thomas Claer

Schon so manches Berlin-Album hat es in der Geschichte der Popmusik gegeben. „Berlin“ von Lou Reed ist vielleicht das berühmteste, von David Bowie gibt es aus den Siebzigern sogar eine „Berlin-Trilogie“. Nun haben also auch Element Of Crime ein solches Konzeptalbum herausgebracht, wenn auch – aus Gründen des für diese Band so typischen Understatements – ohne es entsprechend zu benennen. Doch verbirgt sich hinter dem harmlos klingenden „Schafe, Monster und Mäuse“ vor allem eine überschwängliche Hommage an unsere Hauptstadt: Zehn der zwölf Lieder auf dieser Platte enthalten mehr oder weniger eindeutige textliche Berlin-Bezüge; nur in „Immer noch Liebe in mir“ und „Stein, Schere, Papier“ fehlen solche.

Zwar haben vereinzelt auch schon frühere Songs der Elements explizit in Berlin gespielt, etwa „Jung und schön“ (1999) oder der U-Bahn-Song „Alle vier Minuten“ (2001), doch gleicht das neue Album nun beinahe einer musikalischen Stadtrundfahrt: Von der fröhlichen „Party am Schlesischen Tor“ (unter den Hochbahn-Gleisen!) geht es weiter zum „Prater in Prenzlauer Berg“. Das – wie so oft – liebesleidgequälte lyrische Ich geht bekümmert „den Kurfürstendamm entlang“, trauert still „Im Prinzenbad allein“ und sitzt nachts „in U-Bahn-Zügen, die nirgends halten und trotzdem nicht fahren“. „Der Wald vor deiner Haustür ist nur ein Friedrichshain“, “Auch im Halensee wohnt ein Meer“ und „eingeklemmt und blau“ fühlt man sich „Silvester am Brandenburger Tor“. Im Jahn-Sportpark wird gejoggt, hinterm KaDeWe hält ein LkW und im Grunewald ist Holzauktion. Schließlich liefert das auch von der musikalischen Umsetzung her sehr ansprechende „Nimm dir, was du willst“ eine Art universelle Gebrauchsanweisung für Berlin: „Karneval, FC Union, Ramadan und Hertha BSC“. Da ist für jeden was dabei, und jeder, wie er kann, „Aber nerv mich nicht!“.

Auch ansonsten lässt sich das Album, musikalisch wie textlich, als über weite Strecken sehr gelungen bezeichnen. Trotz einer Rekordlänge von mehr als 55 Minuten Spielzeit enthält es keinen einzigen missglückten Song. Regelrecht opulent ist diesmal die Instrumentierung geraten: Ausgefeilte Streicher- und Bläser-Arrangements kommen zum Einsatz und sorgen für viel Abwechslung im gewohnten Gitarre-Bass-Schlagzeug-Trompeten-Sound. Manche Lieder lassen slawische und/oder bretonische folkloristische Einflüsse erkennen, andere sind eher jazzig, manchmal swingt und groovt es. Als weibliche stimmliche Verstärkung macht Sven Regeners Tochter Alexandra insbesondere in „Karin, Karin“ eine gute Figur. In mehreren Songs werden, was schon recht gewagt ist, aber noch gerade so in Ordnung geht, gemischte Chöre aufgeboten. Fehlten früheren Veröffentlichungen dieser Band oftmals die Überraschungsmomente, haben wir sie diesmal in Hülle und Fülle.

Nur hier und dort gibt es punktuelle Schwächen. So kommt einem mancher Liedanfang schon arg bekannt vor (vor allem „Gewitter“ erinnert sehr an “Alles, was blieb“ von 1999; „Der erste Sonntag nach dem Weltuntergang“ ist weitgehend abgekupfert vom zweiten Track des fünf Jahre alten Soundtracks von „Haialarm am Müggelsee“; „Bevor ich dich traf“ hat frappierende Ähnlichkeit mit „Die letzte U-Bahn geht später“ von 2005), während „Immer noch Liebe in mir“, das treue EoC-Fans bereits von der zwei Jahre alten Vinyl-EP „Wenn der Wolf schläft“ kennen, mit seinem Rumtata-Rhythmus fast schon karnevalskompatibel ist. Doch reißt der jeweils ausgezeichnete Text am Ende stets alles wieder raus: „Gewitter“ vermittelt düstere Endzeit-Visionen („Und ein heißer Wind verweht, die Jahre, die ihr kennt“), und „Immer noch Liebe in mir“ knüpft inhaltlich an das seinerseits schon recht delikate „Alten Resten eine Chance“ von 1993 an. Auch im sehr melancholischen Titelstück (und diese Platte enthält selbst für EoC-Verhältnisse besonders viele melancholische Stücke) und im etwas kinderliedhaften „Karin, Karin“ verhindert nicht zuletzt die kraftvolle Songlyrik ein Abgleiten ins Sentimentale. Überhaupt werden Sven Regeners Songtexte im Laufe der Jahre wirklich immer, immer besser. Im bewährten dialektischen Drei-Strophen-Muster zumeist auf eine verblüffende oder versöhnliche Schlusspointe zusteuernd, erweist er sich als ungekrönter König des Binnenreims. Insbesondere für das äußerst hintergründige „Stein, Schere, Papier“ sollte man ihm auf der Stelle einen Lyrikpreis verleihen; wobei dieses Lied auch musikalisch zu den stärksten des Albums gehört. Ähnliches lässt sich über „Karin, Karin“ sagen, das im Refrain ganz nebenbei einen alten DDR-Propaganda-Song persifliert. Und dann „Ein Brot und eine Tüte“ – der Song über die Berliner Schimpfkultur…

Kurz gesagt: Diese Platte kann einen über eine Menge hinwegtrösten, besonders „Wenn es dunkel und kalt wird in Berlin“. Das Urteil lautet: gut (14 Punkte).

Element Of Crime
Schafe, Monster und Mäuse
Vertigo Berlin (Universal Music)
ASIN: B07G1XK97T

www.justament.de, 1.10.2018: Gretchenfragen

„Nach Gott“ – Peter Sloterdijks gesammelte Texte zur Religion

Thomas Claer

Dieses Buch ist lange bei mir liegen geblieben, länger als ein Jahr seit seinem Erscheinen. Bei meinen Kritiker-Kollegen war es damals nicht so gut angekommen: wieder nur eine Aufsatzsammlung, fast nichts Neues, immerhin ein Luther-Text im Luther-Jahr, ansonsten nur neue Aufgüsse alter Abhandlungen, teilweise sogar Abdrucke ganze Kapitel aus früheren Büchern. Doch zeigt sich hier wieder einmal, dass man nie zu viel auf die Meinungen anderer geben sollte. „Nach Gott“ ist zu großen Teilen sehr lesenswert, streckenweise brillant. Man kann sogar dankbar sein, dass die vielen verstreuten kleinen Aufsätze und Vorträge des Philosophen Peter Sloterdijk zur Thematik aus den letzten zweieinhalb Jahrzehnten hier einmal leserfreundlich zusammengestellt, geordnet und herausgebracht worden sind.

Die Religion also, ein ganz großes Thema. Wirklich gläubig sein kann man als aufgeklärter Mensch der Gegenwart eigentlich kaum noch. Dennoch ist der Hunger nach Transzendenz in unseren modernen Gesellschaften vielleicht größer als jemals zuvor. Auf der anderen Seite ist für die wenig gebildeten Massen in den wenig bevorzugten Weltregionen (und in manchen Einwanderermilieus westlicher Großstädte) ihr strenger Glaube wohl auch eine Art Grundnahrungsmittel, das sie mental am Leben erhält. Darüber sollte und darf man sich nicht lustig machen, gewiss nicht, aber ein leiser ironischer Unterton muss dennoch erlaubt sein. Und richtiggehend verspotten darf und sollte man natürlich all die religiösen Hardliner in der Welt, die selbst oft sehr scheinheilig sind und ihre Anhänger gegen alles Fremde und Abweichende aufhetzen. Alle diese Fragen werden in „Nach Gott“ angerissen oder sogar vertiefend abgehandelt. Besonders interessant sind auch die Ausflüge in die Psycholgie, in die Lehre von der Seele des Menschen, deren Vorstellung ja schließlich auch tief im Religiösen verwurzelt ist. Wie so oft bei Sloterdijk findet sich eine Überfülle origineller, witziger Gedanken.

Doch bringt der unterschiedliche zeitliche Ursprung der Texte es mit sich, dass einem eine Entwicklung in Sloterdijks Schreiben vollends bewusst wird, die man ohnehin bereits geahnt hat. Seine Anfänge in den Achtzigern mit der „Kritik der zynischen Vernunft“ waren erfrischend und verspielt. Dann aber, in den Neunzigern bis in die Nullerjahre hinein, waren seine Textproduktionen, vorsichtig gesagt, etwas zäh. Sein dreibändiges Hauptwerk „Sphären“ ist recht schwer verdauliche Kost. Ein ganzes Kapitel in „Nach Gott“, „Mir näher als ich selbst“, stammt aus dem ersten der Sphären-Bände von 1998. Da musste ich mich regelrecht durchquälen. Auch eine Abhandlung über die Gnosis von 1993 ist schon recht trocken geraten. Vermutlich stand er zu jener Zeit unter Unernsthaftigkeits-Verdacht, schließlich hatte er früher jahrelang in Indien in einer Hippie-Sekte gelebt und brauchte womöglich seriöse Werke, um sich fachliche Reputation zu verschaffen. Vielleicht ging es ihm auch um so etwas wie Rehabilitation angesichts des Skandals, den seine „Regeln für den Menschenpark“ (1997) ausgelöst hatten. Doch spätestens mit „Zorn und Zeit“ (2006) begann eine neue Phase seines Schreibens, die bis heute anhält und die man als seine beste bezeichnen kann. Nie waren seine Texte bissiger, zugespitzter, flüssiger. Bestes Beispiel dafür ist das – hier ebenfalls abgedruckte – wunderbar blasphemische Jesus-Kapitel aus „Die schrecklichen Kinder der Neuzeit“. Dass diese Veränderung auch mit einer allmählichen Verschiebung seiner politischen Grundierung weg vom Linksalternativen hin zum mitunter schon etwas Rechtslastigen zusammenfällt, ist wohl eher zufällig.

Einige wenige Stichworte und Zitate aus „Nach Gott“ mögen hier abschließend genügen, um einen kleinen Eindruck von Sloterdijks pointierter Formulierungskunst zu vermitteln: Die Moderne? „Am Treffpunkt von Wille und Vorstellung formt sich die Welt als Projekt und Unternehmen.“ Islamismus? „Die jungen Mörder und Selbstmörder, die zum äußeren Dschihad aufbrechen, haben ohne jede Theologie erfasst, wie sehr ein Gott vom Typus Allah eine unmögliche Figur abgibt, sobald man ihn vor dem Hintergrund einer modernen, das heißt von menschlichen Kreativitäten dynamisierten Welt betrachtet. … Attentate sind missratene Beweise eines Gottes, der die Welt nicht mehr versteht.“ Das Jüngste Gericht? „Impliziert die Logik eines Leihvertrages: Bei der Rücknahme der entliehenen Seele wird geprüft, ob diese vollständig und unbeschädigt erstattet wurde. Anderenfalls vollzieht der Leihgeber seine Rache an den Toten, die ihre Seele beschädigt, entstellt, verdunkelt zurückbringen.“ Der Gang der Aufklärung von Spinoza und Voltaire bis zur Postmoderne? „Eine Geschichte der Resignation vor der Heuchelei.“ Die Menschen? „Ontologisch aus der Bahn geratene Geschöpfe.“ Der Mensch? „Das Tier, das so tut als ob.“ Identität? „Die Selbst-Illusion des Schauspielers, der auch abseits der Bühne sein möchte, was er darstellt.“ Unbehagen an der Kultur? „Geht nicht bloß vom aufgenötigten Triebverzicht aus; es entspringt mehr noch der Belastung durch den Blick des unfreundlichen Anderen. … Existenz impliziert den permanenten Test, ob man sich sehen lassen kann.“ Der liebende Gott? „Seine Liebe blieb freilich oft ein Zwangsvertrag, von Drohungen durchsetzt. Auf liebende Götter jenseits der Ambivalenz wartet man bis auf weiteres, und bis zu ihrer Ankunft tun Menschen gut daran, sich um die Gestaltung ihrer Verhältnisse selbst zu kümmern.“ Und schließlich der „Konfessionskrieg unserer Tage“: „Aufstand der Massenkultur gegen die Hochkultur, der sich als Feldzug der Unzufriedenen gegen die ‚Eliten‘ maskiert…“

Peter Sloterdijk
Nach Gott
Suhrkamp Verlag 2017
364 Seiten; 28 Euro
ISBN-10: 351842632X