www.justament.de, 17.9.2018: Sommerhaus, 20 Jahre später

Justament-Autor Thomas Claer erinnert sich an Judith Hermanns gefeierten Erstling

Herbst 1998. Dieser kleine Erzählungsband einer gerade erst 28-jährigen Debütantin schlug ein wie eine Bombe. Ein seltsam verzückter Marcel Reich-Ranicki bekannte im Literarischen Quartett: „Ob das ein gutes, ein sehr gutes Buch ist, ich weiß es nicht. Aber ich weiß etwas anderes: dass wir eine neue Autorin bekommen haben und eine hervorragende Autorin. Nicht alle diese Geschichten sind gut, gewiss, aber es sind etwa vier, fünf, die mir ungewöhnlich scheinen… Der zentrale Satz dieses Buches lautet, und dieser Satz hat mich verblüfft, er scheint mir ungeheuerlich. Ich habe diesen Satz so noch nicht gelesen: ‚Glück ist immer der Moment davor.‘ Ein ganz erstaunlicher Satz. Und davon erzählen diese Geschichten…“ Sein Kollege Hellmuth Karasek glaubte, den „Sound einer neuen Generation“ zu hören und erkannte „neue Landschaften in der Literatur, neue Realitäten, auf die wir gewartet haben, und die es so dargestellt noch nicht gegeben hat.“ Nur Frau Löffler hatte wie üblich etwas zu bekritteln („Ein sehr eng umschriebenes Milieu, ein überschaubares Ambiente“).

Tags darauf kaufte ich mir das Buch in der Bielefelder Universitätsbuchhandlung und begann sofort zu lesen. Es war ganz nach meinem Geschmack. Die Geschichten spielten in einer Welt, die mir fremd war, aber gerade dadurch eine große Anziehungskraft auf mich ausübte. Waren wir damals eigentlich schon auf dem Sprung nach Berlin? Jedenfalls hat wohl auch dieses Buch dazu beigetragen, vier Jahre später endlich diesen Schritt zu wagen. Eine tiefe Melancholie durchzieht diese Erzählungen; ihr besonderer Zauber liegt in der sprachlichen Verknappung und den vielfältigen zarten Andeutungen. Nun ist es eine Binsenweisheit, dass jeder Leser eines Buches jeweils ein anderes Buch liest. Doch diese Geschichten mit ihren vielen Leerstellen fordern die Phantasie des Lesers auf besondere Weise heraus. Die Tragik dieser Autorin liegt darin, dass sie in ihren späteren Veröffentlichungen niemals wieder auch nur annähernd dieses hohe erzählerische Niveau erreichen konnte. (So ist das, wenn eine junge, hoffnungsvolle Autorin durch die Verwertungsmühlen des Literaturbetriebs gedreht wird.) Doch ändert dies – auch im Rückblick nach zwei Jahrzehnten – nichts am einzigartigen Rang von „Sommerhaus, später“.

Es versteht sich von selbst, dass man bei erneuter Lektüre mit großem zeitlichen Abstand wiederum ein anderes Buch liest. Besonders aufgefallen ist mir erst jetzt die – eigentlich sehr traditionelle – Immobilien-Metaphorik, vor allem in der Titelgeschichte. „Riesig und fremd und schön“ wirken die Häuser in der Frankfurter Allee auf die Ich-Erzählerin. Sie hat den Blick der jungen West-Berliner jener Zeit, denen sich neben ihrer alten Stadt plötzlich und unerwartet eine andere, neue geöffnet hat, die es zu entdecken gilt. Der junge, schöne (aus dem Osten stammende!) Taxifahrer, der die Ich-Erzählerin immer wieder durch die Frankfurter Allee kutschiert, während sie Massive Attack hören, versucht einiges, um ihre Liebe zu gewinnen. In ihrer freizügigen Künstler-Clique fühlt er sich nie so richtig wohl. Obwohl es hinsichtlich ihrer Freundinnen heißt: „Er vögelte sie alle“, ist es am Ende doch nur die Ich-Erzählerin, die ihm etwas bedeutet. Schließlich geht er aufs Ganze und kauft – nur für sie! – ein verfallenes Sommerhaus in Brandenburg, um ihr darin gewissermaßen ein Nest zu bauen. Kaufpreis: 80.000 Mark. („Woher hast du 80.000 Mark??“ „Du stellst die falschen Fragen.“) Sie muss nur noch einziehen. Aber ihr geht das zu schnell. Monatelang lässt sie alle seine Postkarten unbeantwortet; wenn aber mal einen Tag keine kommt, ist sie enttäuscht. „Später“, denkt sie. Am Ende hat sie zu hoch gepokert, und die Katastrophe nimmt ihren Lauf. Oder liegt gerade hierin der ultimative Liebesbeweis?

Ebenfalls um ein Sommerhaus geht es in der Erzählung „Diesseits der Oder“, die mir schon damals besonders gefallen hat. Ein 47-jähriger Berliner Drehbuchautor verbringt die warme Jahreszeit mit Frau und kleinem Kind im Oderbruch „Alles Schwachsinn. Er reibt sich die Augen und fühlt sich müde. Die Zeiten, in denen er jedermann: ‚Was denkst du?‘ und ‚Was machst du?‘ gefragt hat, sind vorbei. Koberling kann sich nicht vorstellen, diese Fragen überhaupt je gestellt zu haben. Widerliche, fast peinvolle Erinnerung an nächtelanges Kneipenhocken, an Idealaustausch, Illusionszertrümmerung, emporgezüchtete Gemeinschaftlichkeit. Verlogen alles, denkt Koberling.“ Und: „Liegenbleiben. Einfach liegenbleiben, im Erschöpfungszustand, in der Schaukel zwischen Wachen und Träumen. Niemals hat er sich am Morgen, nach achtstündigem Schlaf, erfrischt und ausgeruht gefühlt. Immer erschöpft. Früher, in den Nächten in seiner Einzimmerwohnung, Berlin und Winter, war er eingeschlafen mit einem Grauen vor all den Tagen, Monaten, Jahren, die da noch auf ihn warteten. Eine Zeit. Eine Zeit, die ausgefüllt, besiegt, zunichte gemacht werden musste. Dann kam Constanze…“ Einen solch tiefen Blick eines so jungen schreibenden Menschen in die Seele seiner literarischen Figuren gab es wohl zuletzt 1901, als Thomas Mann 25-jährig die „Buddenbrooks“ verfasste…

Die vielleicht verstörendste Geschichte in „Sommerhaus, später“ ist „Sonja“. Beim erneuten Lesen konnte ich mich kaum noch an irgendwelche Einzelheiten der Handlung erinnern, und schon gar nicht an das Ende, dafür aber sehr genau an die Atmosphäre: Berlin der Nachwendezeit, verfallene Häuser, riesige Altbauwohnungen mit Kohleofenheizungen, Partys mit Tom Waits-Beschallung und absonderlichen Gesprächen unter absonderlichen Menschen. Ein Künstler, dessen Leben anfangs in ruhigen Bahnen verläuft, trifft auf eine kleine exzentrische junge Dame, die sich beharrlich in sein Leben drängt und ihn schließlich emotional von sich abhängig macht…

Und schließlich spielt noch eine der Geschichten weit weg von Berlin, auf einer Karibikinsel, wo zwei Freundinnen zusammensitzen. „Das Spiel heißt ‚Sich-so-ein-Leben-vorstellen‘, es hat keine Regeln. Man kann es spielen, wenn man auf der Insel abends bei Brenton sitzt, man sollte zwei, drei Zigaretten rauchen und Rum-Cola trinken…“ Von diesen kleinen, feinen, so sehr dem damaligen Zeitgeist verhafteten und dennoch ganz zeitlosen Erzählungen kann man sich immer wieder aufs Neue bezaubern lassen.

Judith Hermann
Sommerhaus, später
Fischer Taschenbuchverlag
192 Seiten; 12,00 Euro
ISBN: 978-3-596-14770-0

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www.justament.de, 10.9.2018: Der Fetischcharakter des Sparens

Verlängert bis 4. November: Die Ausstellung „Sparen – Geschichte einer deutschen Tugend“ in Berlin

Thomas Claer

Sonderausstellungen in unseren Museen sind oftmals fragwürdige und regelmäßig hochkommerzielle Angelegenheiten. Kein Thema ist dann zu abgedroschen und keine These zu platt, um endlich einmal wieder die Massen in unsere Kulturtempel zu locken – und das zu einem Vielfachen des sonst üblichen Eintrittspreises. Doch manchmal können Sonderausstellungen auch wahre Glücksfälle sein. Dann führen sie dem interessierten Besucher ihm bislang Unbekanntes vor Augen oder eröffnen ihm neue Sichtweisen auf Altbekanntes, sodass er allemal auf seine Kosten kommt.

Um Kosten und insbesondere um deren Vermeidung geht es auch im Deutschen Historischen Museum Unter den Linden, und das schon seit einem halben Jahr. Gerade ist dort die Sonderschau „Sparen – Geschichte einer deutschen Tugend“ außerplanmäßig bis zum 4. November verlängert worden. Wer sie bisher noch nicht gesehen hat, sollte dies unbedingt nachholen, denn es lohnt sich in diesem Falle wirklich. Dabei ist es keineswegs die Fülle des gezeigten Materials, die heraussticht, denn die ist durchaus überschaubar. Doch wird hier sehr gezielt auf eine vielleicht spezifisch deutsche Traditionslinie aufmerksam gemacht, die gegenwärtig besonders in der Diskussion steht: den deutschen Hang zur Sparsamkeit. Nun wird es zweifellos in aller Welt sparsame Menschen geben, doch dass hierzulande diese Tugend über Jahrhunderte und sogar über alle Systemgrenzen hinweg mit solch einer Inbrunst öffentlich propagiert wurde (wie viele der gezeigten Ausstellungsstücke beweisen, insbesondere die Plakate), das macht den Deutschen so leicht keiner nach. Ob in den feudalen Kleinstaaten, im Kaiserreich oder der Demokratie, ob bei den Nazis oder den Kommunisten: Immer gab es das Bestreben, die Bürger respektive Untertanen zur Bildung monetärer Rücklagen zu animieren – und dies zwar aus jeweils unterschiedlichen Anlässen, aber doch zumeist aus ähnlichen Gründen. Steckt die Sparsamkeit also womöglich in der deutschen kulturellen DNA? Sind wir gleichsam historisch belastet, wenn man uns international immer nachdrücklicher unsere notorisch positive Leistungsbilanz und unsere herzlosen Spar-Diktate gegenüber den überschuldeten Südländern vorhält?
Selbst im modernen Kapitalismus, in dem es doch eigentlich um die Förderung des Konsums zur Ankurbelung der Binnennachfrage gehen sollte, stand und steht hierzulande das Sparen hoch im Kurs. Oder gibt es hier womöglich gar keinen Widerspruch, weil das Sparen zu den kapitalistischen Grundtugenden gehört? Niemand anders als Karl Marx hat dies genau so gesehen. Seine zu Recht effektvoll positionierten Zitate gehören zu den Highlights der Ausstellung. Man muss es sich auf der Zunge zergehen lassen: „Der Schatzbildner opfert daher dem Goldfetisch seine Fleischeslust. Er macht Ernst mit dem Evangelium der Entsagung. … Arbeitsamkeit, Sparsamkeit und Geiz bilden daher seine Kardinaltugenden, viel verkaufen, wenig kaufen, die Summe seiner politischen Oekonomie.“ Beinahe jeder hat schon vom „Fetischcharakter der Ware“ im Kapitalismus gehört, aber der Fetischcharakter des Sparens – der wurde wohl bislang selbst von Marxisten unterschätzt. Begreift man den Fetisch als Ersatzbefriedigung für etwas anderes, in der Regel Sexuelles, dann liegt hier womöglich sogar eine der geheimen Antriebskräfte des deutschen „Exportwunders“ und unserer Haushaltssolidität verborgen. Seine Fleischeslust dem Goldfetisch opfern? Hierzu passen im Übrigen auch Erkenntnisse der modernen Hirnforschung, wonach dieselben Gehirnregionen sowohl bei sexueller Aktivität als auch bei der Geldvermehrung aktiviert werden. Nur mit dem Unterschied, dass letztere auch noch in fortgeschrittenem Alter funktioniert… Fazit: Die 8 Euro Eintrittsgeld für diese Ausstellung sind ein lohnendes Investment.

Sparen – Geschichte einer deutschen Tugend
23. März verlängert bis 4. November 2018
Eine Ausstellung des Deutschen Historischen Museums in Zusammenarbeit mit der Berliner Sparkasse
Eintritt: 8 Euro

www.justament.de, 27.8.2018: Der Weg war das Ziel

Recht cineastisch, Teil 32: „303“ – ein Roadmovie von Hans Weingartner

Thomas Claer

Sommer in Berlin, vorlesungsfreie Zeit. Zwei einander zunächst noch unbekannte 24-jährige Studenten machen sich jeweils kurzentschlossen auf nach Spanien: Biologie-Studentin Jule (Mala Emde), um ihren dort lebenden Freund Alex im persönlichen Gespräch von ihrer gerade erst festgestellten Schwangerschaft in Kenntnis zu setzen, und Politologie-Student Jan (Anton Spieker), um dort endlich einmal seinem biologischen Vater zu begegnen. So beginnt „303“, der neue Film des österreichischen Regisseurs Hans Weingartner („Die fetten Jahre sind vorbei“). Jule fährt eigenhändig ein 30 Jahre altes Wohnmobil vom Typ Mercedes 303 (daher der Name des Films), Jan hat Ärger mit der Mitfahrzentrale und steigt an der Tankstelle, nachdem er bei mehreren anderen Autofahrern abgeblitzt ist, schließlich in Jules Fahrzeug. Man weiß ja schon, was kommen wird. Denn wie bei allen Liebenden hat es natürlich auch zwischen Jule und Jan bereits beim ersten Blickkontakt gefunkt. Hach, und wie nervös und schüchtern die beiden sind, während sie langsam miteinander ins Gespräch kommen. (Wirklich sehr überzeugend gespielt von den beiden Hauptdarstellern!)
Aber all das braucht natürlich Zeit, und genau davon ist, welch ein Glück, reichlich vorhanden, so unterwegs auf freier Strecke quer durch Europa. Das Wohnmobil tuckert gemächlich vor sich hin. Überall, wo es schön ist, wird Station gemacht. Beide haben keinen Termindruck. Dafür steigt dann aber, zumal bei diesen jungen Menschen, allmählich der Hormondruck… Klar, der Film ist reichlich idealisierend. Das Nachtparkproblem (überall Abstellverbote oder horrende Gebühren) kommt ebenso wenig vor wie die meist beschwerliche Suche nach den sehenswertesten Orten (die von den beiden ohne Ausnahme mühelos und auf Anhieb gefunden werden). Macht nichts, den üblichen Reisestress will ja ohnehin keiner sehen. Stattdessen erleben wir ausschweifende Grundsatzdiskussionen zwischen den beiden Helden über so ziemlich alle großen Fragen der Menschheit: von der Kapitalismuskritik bis zum Darwinismus. Die beiden gehören nämlich zu den seltenen Vertretern ihrer Generation, die an so etwas große Freude haben. Da haben sich wirklich zwei gefunden. Und dass beide in vieler Hinsicht unterschiedlicher Meinung sind, ist der gegenseitigen Attraktion dabei keineswegs abträglich…

Aber mehr als Reden und Sich-verliebt-Ansehen ist vorerst nicht erlaubt. Denn Jule ist ja schließlich anderweitig fest liiert und hat so ihre Prinzipien (und glaubt noch dazu, schwanger zu sein, was sie Jan aber noch nicht erzählt hat). Mit der Zeit driften ihre Gespräche jedoch immer mehr ab in Richtung Liebe, Partnerschaft, Verhältnis zwischen den Geschlechtern. Nicht ganz uneigennützig singt Jan, dem es immer schwerer fällt, sich zurückzuhalten, ein Loblied auf die Polygamie und konfrontiert die noch standhafte Jule mit offensichtlich frei erfundenen Zahlen („Sowieso gehen doch 80 Prozent fremd“) und der Geschichte von dem Ehepaar, das eine Holzschale im Flur stehen hat, in die im Falle gelegentlicher außerehelicher Aktivitäten der betreffende Teil seinen Ehering vorübergehend hineinlegt, was der Andere dann jeweils zu respektieren hat. So wird Jule langsam, aber sicher weichgeklopft. Am Strand in Südfrankreich küssen sie sich dann endlich. Zumindest denkt man das, aber sie küssen sich dann doch nicht: In letzter Sekunde verfehlen sich ihre Münder. Und dieses Schauspiel wiederholt sich später noch mehrere Male. Selten hat man ein Kinopaar gesehen, das sich so leidenschaftlich nicht geküsst hat. Das Ende des Films soll hier nicht verraten werden. Nur so viel, dass beide das ursprüngliche Ziel ihrer Reise letztlich aus den Augen verlieren.
Ein sehenswerter Film also, keine Frage, der schon sehr an Linklaters „Before Sunrise“ (1994) erinnert. Ganz so gut wie dieser ist er aber dann doch nicht. Allerdings könnte dieses Urteil des Rezensenten auch mit dessen altersbedingt ein wenig nachlassender Begeisterungsfähigkeit zusammenhängen…

303
Deutschland 2018
Regie: Hans Weingartner
Drehbuch: Hans Weingartner
145 Minuten, FSK: 12
Darsteller: Mala Emde, Anton Spieker u.v.a.

www.justament.de, 13.8.2018: Neues von EoC!

Anfang Oktober hat das Warten ein Ende

Thomas Claer

Das mittlerweile vierzehnte Studioalbum unserer Lieblingsband – und dies im dreiunddreißigsten Jahr ihres Bestehens – ist angekündigt für den 5.10.2018. Auch der Titel steht schon fest: „Schafe, Monster und Mäuse“ – was immer das zu bedeuten hat. Einen Vorgeschmack darauf gibt es bereits mit dem Song „Am ersten Sonntag nach dem Weltuntergang“, der sich hier anhören lässt. Noch dazu ist schon seit Längerem ein weiteres Lied von der kommenden Platte in der Welt. Es heißt „Wenn es dunkel und kalt wird in Berlin“ und wurde von der Band bereits des Öfteren live gespielt, zum Beispiel hier.

Dann also mal frisch auf YouTube geklickt und die neuen Songs getestet. Nun ja, der erste Eindruck vom „Ersten Sonntag nach dem Weltuntergang“ ist nicht unbedingt der beste. Irgendwie etwas lahm das Ganze, musikalisch eher uninspiriert. Beim zweiten Hören sollte man vielleicht auch mal genauer auf den Text achten. Und siehe da! Plötzlich gefällt es einem dann doch, und mit jedem weiteren Mal noch ein wenig besser. „Weltuntergang“ ist zweifellos ein großes Wort, das derzeit angesichts der deprimierenden politischen Weltlage in vielen Köpfen herumspuken dürfte. Doch machen wir uns nichts vor: Die wahren Weltuntergänge in unserem Leben sind die kleinen und größeren zwischenmenschlichen Katastrophen, vor allem aber die sich immer wieder einstellenden Enttäuschungen in der Liebe. Und genau darum geht es im „Ersten Sonntag“: „Grausam ist der Haifisch/ Und grausam warst auch du“. Passenderweise legt dann auch „der Regen noch einen Zahn zu“ und überflutet den Weg hinter dem S-Bahn-Übergang. Ja, so ist das: „Treulos ist die Sonne/ Und treulos warst auch du“. Das immer neue alte Lied. Solche als apokalyptisch empfundenen Unglücke trotz allem mit Haltung und Würde zu ertragen, davon handeln viele Songtexte der Elements. Was tut man also als lyrisches Ich in solch einer verzweifelten Lage? Man geht „noch einmal den Kurfürstendamm entlang“ und reflektiert: „Schön war das Leben,/ Schlecht war die Welt./ Gut war die Liebe,/ Böse das Geld… Doch heute ist es genau umgekehrt.“ Es geht doch nichts über eine solch vortreffliche Alltagslyrik! Haben wir eigentlich derzeit bessere Lyriker als Sven Regener? Mir jedenfalls fällt keiner ein.

Sogar noch gelungener, vor allem musikalisch, ist „Wenn es dunkel und kalt wird in Berlin“. Und auch dieser Text ist eine dichterische Glanzleistung. Er handelt von Gummibärchen („Da gibt’s die gelben und die roten,/ Das sind alles Vollidioten“), Glühweintrinken (Da geht immer viel daneben / So wie überall im Leben“) und Smog („Wo die Luft am schlimmsten ist/ Ist das Atmen intensiver und das Husten attraktiver“). Nur um schließlich doch noch zum Punkt zu kommen, zum komplizierten Verhältnis zwischen lyrischem Ich und lyrischem Du nämlich, und einen zwar desillusionierenden, aber doch nicht ganz hoffnungslosen Ausblick zu geben… Das vorläufige Urteil lautet: vielversprechend.

www.justament.de, 16.7.2018: Alles außer kommerziell

Scheiben Spezial: Vor 30 Jahren erschien „Nerves“ von den Kastrierten Philosophen

Thomas Claer

Eine wunderschöne Platte von Anfang bis Ende. Kein anderes Werk der Underground-Combo „Kastrierte Philosophen“ (1981-1996), die heute kaum noch jemand kennt, ist so fein arrangiert, so gewählt ausbalanciert, so in sich ruhend wie „Nerves“, das vor nunmehr drei Jahrzehnten als Gesamtkunstwerk in der deutschen Musiklandschaft für Furore sorgte. Damals galten die „Philosophen“ schon seit Jahren als vielversprechender Szene-Act, dem der große Durchbruch allerdings auf unerklärliche Weise immer verwehrt blieb. Dabei wurden die Kritikerlieblinge aus Verden an der Aller, später aus Hamburg, seinerzeit von der Musikpresse als „deutsche Velvet Underground“ hochgejubelt – und blieben dann doch ein ewiger Geheimtipp. Nach einem fulminanten Frühwerk war „Nerves“ (1988) zweifellos der kreative Höhepunkt im Schaffen der Band, die – neben immer anderen Gastmusikern – im Wesentlichen aus den Co-Leadsingern und Multiinstrumentalisten Katrin Achinger (geb. 1962) und Matthias Arfmann (geb. 1964) bestand, die auch privat ein Paar waren. Dies blieben sie auch noch bis 1996; ihre private Trennung fiel mit dem Ende des Bandprojektes zusammen.

Zurück zu „Nerves“: Wenn eingangs von einem Gesamtkunstwerk die Rede war, dann deshalb, weil einfach alles an diesem Album stimmt: Schon das aufklappbare schwarz-gelbe Plattencover mit der Abbildung einer furchterregenden Vogelspinne ist ein visueller und haptischer Hochgenuss. Und dann erst seine Metaphorik! Beim Betrachter entsteht sofort die Assoziation: Das Weibchen frisst das Männchen nach der Paarung. Und hierzu passt auch die Widmung der Platte an Nico, die unsterbliche Velvet-Underground-Chanteuse, deren Vorgruppe die „Philosophen“ in jenen Jahren einmal gewesen sind. (Nico, einst sogar die Geliebte von Alain Delon, war als „männerfressendes Monster“ bekannt…) Und der Text von „Toilet Queen“ tut sein übriges… Das stimmliche Duett von Achinger und Arfmann in diesem Song („Will I still be innocent, when she falls?“) lässt einen wohlig erschauern. Und dann das Cello-Spiel in „Peeping All“, natürlich: Velvet Underground lassen grüßen. Aber auch das Xylophon in “I’m allright (though my hands are trembling)“ ist große Klasse. Und in allen Liedern hören wir Matthias Arfmanns charakteristisch verzerrtes psychedelisches Gittarrenspiel und Katrin Achingers wahrhaft betörende dunkle Stimme. („…als Ausdruck und Enttäuschung ihrer selbst“, hat ein entzückter Musikkritiker einmal über sie geschrieben.) „She’s Allergic“ ist ebenfalls ein überragendes Lied. Und „Dragon Flies Over Cyrenaika“ und das (ausnahmsweise) völlig überdrehte „Maniac Mandrax Fighter“. Und das sehr ruhige Titelstück „Nerves“. Kurz gesagt, die ganze Platte ist großartig.

Wie kamen die Kastrierten Philosophen aber zu ihrem kuriosen Bandnamen? Damals, Anfang der Achtziger, auf ausdrücklichen Wunsch der zu jener Zeit blutjungen Katrin Achinger. Sie habe so viele Leute mit ganz vielen tollen Ideen für Projekte gekannt, aus denen dann nie etwas geworden ist. Aus ihrer Band mit dem verrückten Namen ist dann allerdings eine Menge geworden (abgesehen vom fehlenden kommerziellen Durchbruch). Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet der gemeinsame Sohn der „Kastrierten Philosophen“, David Achinger alias Chassy Wezar (geboren 1994), heute selbst als kreativer Musiker unterwegs ist… Das Urteil für „Nerves“ lautet: sehr gut (17 Punkte).

Kastrierte Philosophen
Nerves
Normal 1988
(Vergriffen)

www.justament.de, 9.7.2018: Summer of ’88

Recht historisch Spezial: Vor 30 Jahren erlebte Justament-Autor Thomas Claer eine Art Initiation in Berlin

Der Verfasser mit 17 Jahren (1989), frisch angekommen im Westen.

Berlin kannte ich schon aus meiner Kindheit in den Siebzigern von gelegentlichen Besuchen bei dort lebenden Freunden meiner Eltern. Selbstverständlich war für uns nur der Ost-Teil der Stadt erreichbar. Dass es hinter dieser Beton-Mauer auch ein West-Berlin gab, das noch viel interessanter, bunter und aufregender sein musste als die ihrerseits auch schon sehr besondere DDR-Hauptstadt, ist mir wohl erst Jahre später bewusst geworden. Als Kind bedeutete Berlin für mich nur leckere Vanille-Milch in Tüten, die sonst nirgendwo in der DDR zu kriegen war, Fahrten in der S-Bahn und den gelben U-Bahn-Zügen, die seltsamerweise gar nicht unter, sondern weit über der Erde fuhren, ausgedehnte Einkäufe in der Schönhauser Allee und auf dem Alexanderplatz sowie umfangreiche Reparaturarbeiten, die mein handwerklich geschickter Vater in der Plattenbauwohnung unserer Freunde in Buch regelmäßig ausführte. Erst im Sommer 1988, im Alter von 16 Jahren, sollte ich den Osten Berlins auch noch von ganz anderen Seiten kennenlernen. Zu verdanken hatte ich dies vor allem Christel, einer guten Freundin meiner Mutter. Christel war Professorin für Biochemie an der Universität Greifswald, schon damals grauhaarig und alleinstehend und sehr wählerisch in jeder Hinsicht. Immer wenn sie etwas sagte, war sie erkennbar darum bemüht, für alles und jedes ganz unbedingt die beste und treffendste Formulierung zu finden, die sie dann mit einer überwältigen Rhetorik regelrecht zelebrierte. Sie bewohnte allein ein riesiges Haus in der Nähe der Stadt, das auf mich wie ein Palast wirkte. Schon die Architektur des Gebäudes (das wohl ein namhafter Architekt für sie konzipiert hatte) verriet einen ausgefallenen Geschmack. Die mehr als zehn großzügigen Räume waren jeweils in anderen Stilen eingerichtet. In ihnen befanden sich nur wenige Möbel, die aber dafür mal gediegen und antik, mal fein und modern waren. Darüber hinaus gab es dort dekorativ ausgestellte Krüge und Vasen, Skulpturen und Teppiche, Steine und Muscheln. Es sah großartig aus, und ich bewunderte Christels Anwesen entsprechend. Meine Mutter hingegen lästerte nach den Besuchen bei Christel, wie sie es gerne tat, dass sich ein solches Haus doch niemals sauber und in Ordnung halten lasse. Und sie habe in der Tat auch Staubflocken hinter einer Figur entdeckt. Tja, darauf konzentrierte sich meine Mutter. (Wenn sie wüsste, dass ich heute immer noch gerne mit kaputten Hosen und ungeputzten Schuhen auf die Straße gehe, würde sie sich im Grabe umdrehen.)

Christel jedenfalls war es, die mir im Sommer 1988, als ich gerade die zehnjährige DDR-Schule abgeschlossen und wegen unseres laufenden Ausreiseantrags (mein Vater war schon im Westen) kein Abitur machen durfte und mich notgedrungen für eine Kellnerlehre beim FDGB-Feriendienst angemeldet hatte, einen Vorschlag zur Gestaltung meiner Ferien machte: „Komm doch mit mir für eine Woche nach Berlin. Dort besuche ich zwei Freundinnen. Da kann ich dir die Stadt ein bisschen zeigen.“ Das klang für mich gut, und ich willigte gleich ein. Auch meine Mutter war wohl froh, dass mir auf diese Weise etwas Kultur vermittelt werden sollte. Christel hielt große Stücke von mir, seit ich mir von ihr immer wieder Bücher aus dem Westen, die für uns im Osten schwer erhältlich waren, ausgeliehen und diese regelrecht verschlungen hatte: Hoimar von Ditfurth, Gerd von Haßler, Erich von Dänicken, Konrad Lorenz… Sie mochte mich wohl auch irgendwie. Von ihr ließ ich mir auch gerne Vorträge über irgendwelche kulturellen Themen halten, die mich, wären mir meine Eltern damit gekommen, nicht die Bohne interessiert hätten. Zunächst aber verbot sie mir in jenem Sommer 1988, sie weiter „Tante Christel“ zu nennen, wie ich es bisher getan hatte. Alle Freunde meiner Eltern waren für mich damals Onkel und Tanten, so war das üblich in der DDR. Aber Christel, die schon mehrere Westreisen hinter sich hatte und überhaupt sehr westlich orientiert war, wollte auf keinen Fall „Tante“ genannt werden, was ich dann auch nicht mehr tat. Christel schimpfte eigentlich ständig auf den Osten und vergötterte den Westen. „Wir leben hier im Dreck!“, sagte sie manchmal. Und: „Im Westen sind die Menschen viel besser angezogen.“ Für alles, was mit Staat und Partei zu tun hatte, hatte sie nur Verachtung übrig. Offenbar hatte sie ihre Professur allein aufgrund fachlicher Kompetenz erlangt. Auch bei anderen Freunden meiner Eltern, fast allesamt Ärzte, stellte ich häufig eine sehr staatskritische Haltung fest. Doch es gab einen signifikanten Unterschied zwischen denen, die Kinder hatten und somit vom Staat erpressbar waren – diese waren oftmals sogar in der Partei, obwohl sie privat ganz anders redeten – und den Kinderlosen, die wie Christel kaum ein Blatt vor den Mund nahmen. Diese Gruppe traute sich das wohl auch, weil sie sich fachlich-beruflich für den Staat für unverzichtbar hielt. Doch offen rebelliert hat auch von ihnen niemand, soweit ich weiß. Hätte ich an ihrer Stelle aber wohl auch nicht unbedingt getan…

In Berlin fuhr Christel mit mir als erstes auf den Alexanderplatz, wo wir die Abendstimmung beobachteten. Ich sah viele junge Leute mit Skateboards, andere waren sehr szenig gekleidet, so punk- und gruftiemäßig. Für mich als Provinzling war bereits dieser Anblick sehr erregend. Wir fuhren weiter zur Wohnung von J. und U., Christels Freundinnen, bei denen wir uns einquartierten. Dass zwei Frauen zusammen in einer Lichtenberger Plattenbauwohnung lebten, fand ich schon bemerkenswert, so etwas hatte ich bisher noch nicht erlebt. Meine Eltern kannten solche Leute nicht. U. war Zahnärztin; was J. von Beruf war, habe ich vergessen. Sie waren beide etliche Jahre jünger als Christel, vielleicht Mitte oder Ende vierzig. Sie zeigten lebhaftes Interesse an mir, verwickelten mich oftmals in ausufernde Gespräche und Diskussionen. Dabei sahen sie mich immer wieder aufmerksam von allen Seiten an und lächelten sich dabei gegenseitig zu. Mir gefiel auch die Einrichtung ihrer Wohnung. In ihrer Küche duftete es nach mir unbekannten Gewürzen. In der Nacht teilte ich mir mit Christel das Gästezimmer. Sie hatte mich vorgewarnt, aber ihr Schnarchen war dann doch ziemlich laut.

In den folgenden Tagen klapperte Christel mit mir die Museen ab: Pergamonaltar und so weiter. Auch in verschiedenen Gemäldegalerien waren wir. Und weil Christel alles so gut erklärte, blieb sogar das eine oder andere bei mir hängen. Zum Beispiel erläuterte sie mir, warum sie die Aktmalerei ganz besonders schätzte. Überhaupt der menschliche Körper…. Die Spuren der Zeit im Gesicht und auch überall sonst, die Vergänglichkeit… Ich hörte schweigend zu und traute mich nicht zu sagen, dass ich ebenfalls die Darstellung weiblicher Akte außerordentlich schätzte. Sie meinte dann, in meinem Alter könne man das in seiner Tiefe wohl noch nicht begreifen… Später standen wir vor dem abgesperrten Brandenburger Tor und sahen im Westen die Ruine des Reichtags. Christel raunte mir zu, bloß nichts Falsches zu sagen, hier werde alles abgehört. In einer Buchhandlung kaufte ich mir eine Ausgabe der „Rechtsphilosophischen Schriften“ von Immanuel Kant. Ich hätte nie geglaubt, dass so etwas frei in der DDR verkauft werden würde, aber in Berlin war es zu haben. Einzelne Passagen darin über die Despotie lasen sich wie eine wirklichkeitsgetreue Beschreibung der Verhältnisse in unserem Land. Aus dieser Ausgabe habe ich dann mehr als zehn Jahre später in meiner Doktorarbeit ausführlich zitiert.

Auf meinen besonderen Wunsch hin erklärte sich Christel schließlich sogar bereit, mit mir am letzten Tag unseres Berlin-Aufenthalts noch ein Fußball-Spiel zu besuchen: Der BFC Dynamo spielte gegen den Halleschen FC Chemie. Es war wohl der erste Stadion-Besuch ihres Lebens. Und da es der erste Spieltag der neuen Saison war, wurde im Jahn-Sportpark im Prenzlauer Berg, nur wenige Meter entfernt von der Staatsgrenze zum Wedding, vor dem Anpfiff nach einer langweilig-hölzernen Propagandarede irgendeines Funktionärs die DDR-Nationalhymne gespielt. Alle Zuschauer erhoben sich von den Plätzen. Christel zischte mir mit abfällig verzerrtem Gesicht zu, dass wir auch aufstehen müssten. Doch die Fans aus Halle machten nicht mit. Vorher hatten sie noch gestanden und gesungen, nun bei der Nationalhymne setzten sie sich demonstrativ hin. Später stimmten sie sogar noch Hohn- und Spottgesänge gegen die Nationalhymne an. Und während des Spiels riefen sie, sobald es einen Freistoß gab und sich die Abwehrmauer positionierte, in wunderbarer Doppeldeutigkeit immer wieder: „Die Mauer muss weg!“ Mir gefiel das sehr, was die sich trauten, und auch Christel, die sehr genau die bunten Fahnen und Gesänge der Fans beobachtete, schien Gefallen daran zu finden. Da wir auch noch ein abwechslungsreiches Spiel erlebten, das 2:2 endete, gingen wir frohgemut aus dem Stadion.

Damals, vor dreißig Jahren, hätte ich nie gedacht, dass ich später einmal in Berlin leben und schon überhaupt nicht, was ich dieser Stadt eines Tages alles zu verdanken haben würde. Doch diese Woche im Sommer 1988 war schon ein kleiner Vorgeschmack auf all das, was noch kommen sollte. Christel ist vor ein paar Jahren gestorben, noch vor meinen Eltern. Verheiratete leben länger. Sie wurde unter einem Baum auf der Insel Rügen bestattet. Spirituell-esoterisches Naturbegräbnis. So hatte sie es sich ausgesucht.

www.justament.de, 1.7.2018: Kein ehrlicher Makler

Der neue Berlin-Roman „Skandinavisches Viertel“ von Torsten Schulz

Thomas Claer

Rund um den Arnimplatz in Prenzlauer Berg gibt es viele Straßen mit skandinavischen Namen: Dänenstraße, Malmöer Straße, Bornholmer Straße und noch einige mehr. Andere Straßen dieser Gegend sind jedoch nach brandenburgischen Orten benannt wie die Seelower oder die Schönfließer Straße. Den jungen Matthias Weber, der hier in den Siebzigerjahren seine Kindheit in grauer DDR-Tristesse verlebt, bringt dies auf die Idee, das „Skandinavische Viertel“ hinsichtlich seiner Straßennamen zu vereinheitlichen. Eines Nachts überklebt er die Straßenschilder der brandenburgisch benannten Straßen ersatzweise mit weiteren skandinavischen Namen, die er sich schon seit langem für sie überlegt hat. Auch eine Osloer und eine Stockholmer Straße sind dabei, die es zwar schon jenseits der Grenzanlagen im Wedding gibt, doch der Westen ist zu jener Zeit ohnehin unerreichbar…

Der Romancier und Drehbuchautor Torsten Schulz, bekannt u.a. durch „Boxhagener Platz“, hat in seinem neuen Roman ein brandheißes Thema aufgegriffen: die Jagd nach dem „Betongold“ in unserer Hauptstadt. Doch in erster Linie geht es in „Skandinavisches Viertel“ um den Immobilienmakler Matthias Weber und seine wechselvolle Lebensgeschichte. Nach knapp einem Jahrzehnt in der großen, weiten Welt, in Buenos Aires, Kapstadt und Los Angeles (wo er sich freilich überall nur mehr schlecht als recht als prekärer Journalist durchgeschlagen hat) kehrt Matthias bald nach der Jahrtausendwende zurück an die Orte seiner Kindheit und wird, was er keineswegs beabsichtigt hat, Wohnungsmakler in Prenzlauer Berg, genauer gesagt: ausschließlich im Skandinavischen Viertel.

Nun wird mancher einwenden, dass Immobilienmakler zu den unsympathischsten Berufsgruppen überhaupt gehören. Und in der Tat: Womit sie ihr Geld verdienen, hat schon etwas von Wegelagerei. Man kann es sich so vorstellen, dass sich jemand auf eine der wenigen Brücken über einen Fluss stellt und allen den Weg versperrt, die nicht seine Dienste in Anspruch nehmen wollen, die darin bestehen, die Betreffenden gegen einen hohen Obolus über die Brücke zu begleiten, die sie aber ebenso gut auch alleine überqueren könnten. Zugegeben, es ist es auch mit etwas Arbeit verbunden, eine Wohnung zu verkaufen. Aber dafür 7,1 Prozent des Kaufpreises dem Käufer zu berechnen, der den Makler gar nicht bestellt hat, ist eine legale Unverschämtheit sondergleichen. Und unser Gesetzgeber ändert nichts an diesem skandalösen Zustand, sondern beschließt ein bürokratisches Monster namens Baukindergeld, statt die Immobilienkäufer schlicht durch die generelle Einführung des Bestellerprinzips für Makler zu entlasten. Soll doch der Verkäufer den Makler bezahlen, wenn er ihn unbedingt benötigt. Aber das nur so am Rande geschimpft…

Roman-Makler Matthias Weber, und das spricht für ihn, ist sich immerhin seiner prinzipiellen Überflüssigkeit bewusst. Doch ist er opportunistisch genug, dieses Pferd weiter zu reiten, solange es ihn noch trägt. Er ist gewissermaßen die Idealbesetzung als Makler, da er schon in seiner Kindheit und Jugend hemmungslos und glaubhaft lügen konnte, dass sich die Balken bogen. Und so verfährt er dann später auch mit seinen Kunden: „Es gibt eine ganze Reihe von Interessenten. Soll ich Sie auf die Liste setzen?“ Oder: „Die Wohnung ist schon verkauft.“ Solche Sprüche kennt jeder, der schon einmal mit Immobilienmaklern zu tun hatte. Doch bei Matthias stehen die Dinge noch etwas anders. (Schließlich befinden wir uns nicht in der Wirklichkeit, sondern in einem Roman.) Erstens hat er es schon nach einigen Jahren als Makler nicht mehr nötig, noch jedem Euro hinterherzulaufen, indem er die Preise künstlich hochtreibt. Das liegt weniger an seinen hohen geschäftlichen Umsätzen als vielmehr an mehreren Immobilien-Schnäppchen, die er auf teilweise abenteuerliche Weise für sich selbst an Land ziehen konnte und die jahraus, jahrein weiter an Wert gewinnen. Er wird nämlich innerhalb weniger Jahre nacheinander Eigentümer von gleich fünf Wohnungen, die sich ihrerseits allesamt im Skandinavischen Viertel befinden: der selbstgenutzten Dreizimmerwohnung in der Malmöer Straße (mit ihr fing alles an), in der früher seine Großeltern gewohnt haben, sowie außerdem von vier weiteren kleinen vermieteten Wohnungen (jeweils 46 bis 48 qm groß) in der Schönfließer und Ueckermünder Straße. Von den bescheidenen Mieteinnahmen könnte Matthias, der einen wenig glamourösen Lebensstil pflegt (kein Auto, keine teuren Restaurants, keine teuren Reisen), im Notfall ohne weiteres leben. Weshalb er sich beruflich und auch sonst von niemandem, und schon gar nicht von seinen Kunden, etwas sagen lässt. Zweitens nutzt Matthias die große Machtfülle, die ihm quasi als Herrn über die allseits heiß begehrten Wohnungen in der angesagten Trendlage zukommt, um selbst darüber zu bestimmen, wer künftig im Viertel wohnen soll und wer nicht. Die mit der dicksten Brieftasche lässt er besonders gerne abblitzen: Russische Oligarchen etwa haben bei ihm keine Chance. Auch die wohlhabenden Eltern aus Westdeutschland, die ihren verwöhnten Kindern zum Studium oder Berufseinstieg eine Bleibe in Berlin kaufen wollen, weist er gerne zurück. Willkommen ist hingegen der kleine Handwerksmeister aus Lichtenberg… Gibt es Mängel in den Wohnungen wie Schimmel-Stellen, macht Matthias seine Kunden penibel darauf aufmerksam. Dass eine Wohnung deshalb nicht genommen wird, ist aber noch nie vorgekommen. Jeder, der überhaupt in Prenzlauer Berg zum Zuge kommt, ist froh und dankbar. Doch hat es schon 2002, darüber wird als Kuriosum am Rande berichtet, einen jungen dänischen IT-Mann gegeben, der nicht in Prenzlauer Berg, sondern lieber im wenig einladenden benachbarten Wedding gekauft hat, für weniger als die Hälfte pro qm. Warum nur, fragen sich alle, greift er ausgerechnet in einer so schlechten Gegend zu? Aus heutiger Sicht hat er sich als kluger, vorausschauender Investor erwiesen…

Wenn der Roman den Werdegang seines Protagonisten über mehrere Jahrzehnte schildert, dann tut er das keineswegs streng chronologisch, sondern eher schubweise und mit vielen Zeitsprüngen. Für den Leser ist diese Erzählweise angenehm abwechslungs- und spannungsreich, da er viele interessante Details über das familiäre Umfeld, wie auch der Protagonist selbst, erst nach und nach erfährt. Das Besondere an Matthias ist, dass er zwar gut vernetzt ist, jedoch keine Freunde im eigentlichen Sinne besitzt. Er ist Einzelkämpfer durch und durch. Wichtige Bezugspersonen für ihn kommen entweder aus seiner Familie (Eltern, Großeltern und ein Onkel) oder sind seine, oft nur kurzzeitigen, Partnerinnen.

Matthias‘ Umgang mit Frauen ist gewissermaßen ein Kapitel für sich. Eigentlich ständig ist er auf der Suche nach der einen großen Liebe seines Lebens, hat sie aber bis kurz nach seinem 50. Geburtstag (hier bricht der Roman ab) noch nicht gefunden. Stattdessen hat er, der als äußerlich sehr anziehend beschrieben wird, zum Teil jahrelang, mit Frauen zusammengelebt, die er nie richtig geliebt hat, und sie alle irgendwann verlassen. Doch hat er wirtschaftlich enorm von ihnen profitiert, insbesondere von der Charlottenburger Maklerin, die ihn über das Körperliche-Sexuelle hinaus auch in ihren Beruf eingeführt hat. Hinzu kommt, dass Matthias recht spezielle erotische Vorlieben hat, was das Alter seiner Freundinnen betrifft: Seit seiner ersten Beziehung als 23-jähriger Journalistik-Student mit seiner 41-jährigen Philosophie-Dozentin ist Matthias nämlich fixiert auf Frauen im Alter von Anfang vierzig („manchmal älter, aber niemals jünger“), was sich über die Jahre nicht verändert, nur dass die betreffenden Frauen naturgemäß nicht dauerhaft in diesem Alter verbleiben. In allen Lebensphasen ist Matthias sexuell aktiv. Doch seit er wieder in Berlin lebt und sich von der Maklerin (mit deren ausschweifendem Lebensstil er wenig anfangen kann) getrennt hat, beschränkt er sich auf flüchtige Affären mit (oftmals verheirateten) Kundinnen sowie lose Internetbekanntschaften, jeweils im von ihm favorisierten Alter, versteht sich…

Die Qualität eines Romans, so sagte es Marcel Reich-Ranicki einmal, zeige sich in der Darstellung der Sexualität. Hier trenne sich regelmäßig die Spreu vom Weizen. Nun spielt dieser Bereich in „Skandinavisches Viertel“ auch durchaus eine Rolle, doch liegt die große Stärke dieses Romans woanders, nämlich in der fesselnden Darstellung Matthias‘ erst allmählich zutage tretender verworrener Familiengeschichte, die voller – politisch und historisch aufgeladener – Geheimnisse steckt. Immer wieder, bis zuletzt, erfahren wir neue Details, die alles bisher Bekannte in neuem Licht erscheinen lassen. Das proletarisch-versoffene urwüchsige Prenzlauer Berg-Milieu, dem Matthias entstammt, ist glänzend beschrieben. So wie der trunksüchtige Onkel, als dessen größte Lebensleistung es Matthias ansieht, dass er allen seinen Stamm-Kneipen in der Gegend lustige Spitznamen gegeben hat, die Matthias nie vergessen wird. (Man versteht gut, dass Matthias auf seine Weise noch etwas davon in die neue Zeit hinüberretten möchte, doch wird im Verlauf der Romanhandlung immer deutlicher, dass er in dieser Hinsicht auf verlorenem Posten steht.) Überhaupt wirkt die Darstellung der Figuren sehr lebendig, obwohl es immer wieder um den Tod geht, der schließlich die gesamte Familie hinwegrafft. Eine Beerdigung reiht sich an die nächste. Am Ende steht Matthias ganz alleine da mit seinen fünf Wohnungen, die ihn durch ihren rasanten Preisanstieg in den letzten Jahren zum Millionär gemacht haben dürften: beruflich angeschlagen, ohne Familie, ohne Freunde und ohne Liebe. Wer wird in ferner Zukunft seiner Beerdigung beiwohnen? Eine tiefe Melancholie durchzieht das Geschehen. Was alles überdauert hat, sind allein Matthias‘ sexuelle Obsessionen… Torsten Schulz ist ein eindrucksvolles Buch gelungenen.

Torsten Schulz
Skandinavisches Viertel. Roman
Klett-Cotta 2018
266 Seiten; 20,00 EUR
ISBN: 978-3-608-98137-7

 

“der stacheldraht”, Nr. 9/2011: Kritik: Keine Unrechtsideologie?

Bericht über meinen Vortrag im „Roten Ochsen“ auf dem Halle-Forum 2011 zum Thema „War die DDR ein Unrechtsstaat? Diskursive Forschung versus ostalgische Verklärung“ in der Zeitschrift „der stacheldraht“, Nr. 9/2011:

http://www.uokg.de/download/20280

Gefährliche Tendenzen deutscher Geschichtsdarstellung

Das Halle-Forum 2011 beschäftigte sich mit dem Thema „War die DDR ein Unrechtsstaat? Diskursive Forschung versus ostalgische Verklärung“. Den Eröffnungsvortrag hielt der Berliner Jurist und Herausgeber der Zeitschrift „Justament“, Dr. Thomas Claer. Nach eigener Auskunft selbst ein Kind der DDR, reiste er später in die Bundesrepublik aus und schlug dort eine akademische Laufbahn als Rechtstheoretiker ein.

Dr. Claer erwies sich als einer derjenigen „diskursiven Forscher“, die auf die Hauptfrage der Veranstaltung eine negative Antwort geben und entsprechend argumentieren. Nein, so Claers grundlegendes Fazit, die DDR war kein Unrechtsstaat! Diese Charakteristik treffe nur für eine bislang bekannte Diktatur zu, nämlich für Nazi-Deutschland, für die damit verbundenen Verbrechen, die singulär seien und für die es nichts Vergleichbares gäbe. Vor Beginn seines Vortrages ließ der Jurist für jeden Teilnehmer der Tagung ein Thesenpapier zur Verfügung stellen: „Warum eine differenzierende Betrachtung weder die DDR verharmlost noch die Würde der Opfer verletzt“. Claer verliert sich dort in einer Reihe rechtstheoretischer Betrachtungen, die schließlich in zwei ausschlaggebenden Thesen gipfeln: 1. Das letztlich entscheidende Merkmal eines „Unrechtsstaates“ ist eine „Unrechtsideologie“; der „Unrechtsstaat“ sei mehr als nur „Nicht-Rechtsstaat“. 2. Ein „Unrechtsstaat“ müsse Unrecht im Sinne der Radbruchschen Formel zielgerichtet produzieren.

Doch was heißt das konkret? Eigenartigerweise blieb der Referent diesbezüglich eine Erklärung schuldig, gab aber den lapidaren Hinweis, daß genau das, was nach Radbruch „unerträgliches Unrecht“ sein soll, „hier leider ausgespart bleiben“ muß. Dennoch: Durch die Hintertür formuliert Claer eine klare und unmißverständliche Antwort, die aufhorchen und zugleich erschaudern läßt.

Er sieht im Marxismus als politikbestimmende und etablierte Weltanschauungsdoktrin in der DDR eben keine Unrechtsideologie als Grundlage für eine machtbesessene Parteinomenklatur. Im Gegenteil: Claer behauptet allen Ernstes die Gleichartigkeit der Zielsetzungen des westlichen Liberalismus und des Marxismus als angeblicher „Weltbefreiungsideologie“. Die DDR wird somit als „fehlgeschlagenes Experiment“ verklärt – zugegeben mit „viel Leid“ für die Opfer des Systems (unermeßliches Leid, das also in einer Werteskala offenbar nur von minderwertigem Range ist). Denn schließlich war und ist es eine gute Idee, die dem Ganzen zugrunde lag, folgt man der erschreckenden Logik Claers, der den zahlreichen Meinungsbekundungen und Entgegnungen der Teilnehmer des Halle-Forums wohl kaum zu folgen in der Lage war.

Claer beruft sich in seinem Vortrag auf die Traditionen der Aufklärung und der Moderne – und damit auch auf Karl Marx, den er hier verwurzelt sieht. Natürlich – Marx war ein Kind seiner Zeit, doch er war zugleich visionärer Machtmensch, der die Utopie des neuen Menschen hervorbrachte. Der Marxismus zielte auf alles andere als auf Rechtsstaatlichkeit oder Aufklärung. Der „bürgerliche Rechtsboden“ war ihm suspekt, Freiheit, Gerechtigkeit und Demokratie galt es zu überwinden – nicht herzustellen, wie es Claer suggeriert. Und dafür definierte Marx völlig andere Bezüge, sein Denken und Handeln galt nicht dem „Diskurs der Moderne“, auf den sich Claer immer wieder beruft, sondern auf deren Überwindung und schließlich Vernichtung, denn Diskurs heißt auch Offenheit. Doch von einer offenen Gesellschaft kann man in Anlehnung an den großen Geisteswissenschaftler Karl Popper weder im Marxismusbild des 19. Jahrhunderts noch in dem des realen Sozialismus in der DDR sprechen. Nicht liberale Individualität, sondern das kollektive Diktat bestimmte den Marxismus, und das auch mit strafrechtlichen Mitteln. Ein Gespür für die politische Strafjustiz in der DDR war indes den Ausführungen Claers nicht zu entnehmen. Das kommt wohl auch nicht von ungefähr. Schließlich war es der Bundesgerichtshof selbst, der nach 1990
DDR-Unrecht quasi im Nachhinein legalisierte.
Man fühlt sich fast an die Worte eines bekannten Politikers erinnert, der einmal sagte: „Was damals Recht war, kann heute nicht Unrecht sein.“ Und in diesem Kontext verweist nun Claer auf Radbruch: Unrecht ja, wenn es „unerträglich“ ist. Was das konkret heißt, ist bis heute umstritten. Nur eines scheint klar und politisch korrekt zu sein: der Unrechtsstaat ist aus diesem Verständnis oder vielleicht besser Unverständnis heraus gesehen einmalig präsent und kann nur am Dritten Reich festgemacht werden, also, was nicht sein kann, das nicht sein darf…

Der Einblick in die Denkweise und in den akademischen Diskurs an deutschen Universitäten und Hochschulen, namentlich durch den Vortrag Dr. Thomas Claers, der sich auf zahlreiche seiner Zunftkollegen beruft und mit diesen in Einklang steht, mag für die Teilnehmer des Halle-Forums – die wie ich selbst Opfer der Willkürjustiz der SED waren – sowohl ernüchternd als auch erschreckend und äußerst befremdlich gewesen sein. Für die deutsche Geschichtsdeutung ist dieses Statement fatal!

Dr. Claer möchte ich auffordern, einerseits die „Würde der Opfer“ mit derartigen Verlautbarungen, wie vorgetragen, nicht in Frage zu stellen, denn es gibt keine Opfer erster und zweiter Klasse. Andererseits möge er den breiteren Diskurs zur Thematik ernst nehmen. Eine „differenzierende“ Betrachtung ist nötig und erschöpft sich keineswegs in einem politischen Schlagabtausch, sie ist aber auch wichtig und erforderlich, um die verbrecherischen Diktaturen des 20. Jahrhunderts in Deutschland und ausgehend von deutschem Boden zu verstehen, namentlich die Verwurzelung der ideologischen Vordenker der Linkspartei.

Doch den Anfängen zu wehren hat die deutsch-deutsche Zivilgesellschaft nach dem Untergang des Kommunismus als Staatsgebilde vor über zwanzig Jahren offenbar längst verpaßt.

Dr. Georg Beyer, Gevelsberg
(Roter Ochse 1974/75, Cottbus bis 1976)

 

Richtigstellungen:

Ich bin nicht Herausgeber, sondern verantwortlicher Redakteur der Zeitschrift Justament. Von einer “akademischen Laufbahn als Rechtstheoretiker” kann nicht unbedingt die Rede sein. Ich habe nie behauptet, dass es keine weiteren “Unrechtsstaaten” außer dem Dritten Reich gebe oder gegeben habe; nur für Deutschland habe ich diese Aussage getroffen. Die absolute Singularität der Nazi-Verbrechen, für die es nichts Vergleichbares gebe, habe ich ebenfalls nicht behauptet. Die “Unrechtsideologie” ist für mich keineswegs das entscheidende Merkmal eines “Unrechtsstaates”, sondern nur eins unter vielen. Entscheidend (wenn auch nicht alleinentscheidend) ist sie bei mir nur für die Kategorisierung der DDR als kein “Unrechtsstaat”. Was “unerträgliches Unrecht” bei Radbruch im einzelnen bedeutet, musste ich im Vortrag aussparen, weil es zeitlich völlig den Rahmen gesprengt hätte. Wer mag, kann es in meinem Buch “Negative Staatlichkeit” (Hamburg 2003) sehr detailliert nachlesen. Die These der Gleichartigkeit zentraler Zielsetzungen des Marxismus und westlichen Liberalismus stammt übrigens vom dezidiert konservativen Kulturphilosophen Günther Rohrmoser, der alles andere als ein Marxist oder DDR-Versteher war. Dass der Marxismus eine Art Weltbefreiungsideologie ist, lässt sich m.E. kaum vernünftig bestreiten. Dass er praktisch auch als Unterdrückungsideologie gewirkt hat, ebensowenig. Eine Verklärung der DDR liegt mir völlig fern, was auch ihre Kategorisierung in meinem Vortrag als Nicht-Rechtsstaat, Diktatur und totalitärer Staat beweist. Dass der Marxismus von Anfang an bereits den Keim des Totalitären in sich trug, bestreite ich ebenfalls nicht. Wohl aber, dass er sich darauf reduzieren lässt. Dass der Marxismus von Anbeginn keine “offene Gesellschaft” im Sinne Karl Poppers (den ich ganz besonders schätze) im Sinn hatte, würde ich auch unterschreiben. Daraus folgt aber nur, wenig überraschend, dass er kein Liberalismus war. Der Konservatismus des 19. Jh. strebte sicherlich noch weniger eine “offene Gesellschaft” an als der Marxismus. Mir ist nicht klar, warum es die Würde der Opfer verletzen soll, wenn man die DDR “nur” als Nicht-Rechtsstaat, Diktatur und totalitären Staat, aber nicht als Unrechtsstaat ansieht. Nach meiner Meinung folgt daraus auch keineswegs eine Unterscheidung von “Opfern erster und zweiter Klasse”.

Thomas Claer, Berlin, 1.7.2018 

www.justament.de, 18.6.2018: Die im Dunkeln sieht man hier

Recht cineastisch, Teil 31: „In den Gängen“ von Thomas Stuber

Thomas Claer

Irgendwo in Ostdeutschland. Christian (Franz Rogowski), ein schüchterner junger Mann, ist neu im Logistikzentrum eines Großmarktes. Die Kollegen sind am Anfang nicht besonders nett zu ihm, werden es mit der Zeit aber dann doch. Und Christian, der sich zunächst nicht sonderlich geschickt anstellt, lernt eine Menge über die Arbeitsabläufe in den riesigen, tristen Hallen, wie man Paletten bewegt und Regale einräumt. Schließlich macht er sogar die Gabelstaplerprüfung. Die hier arbeiten, angestrengt und schlecht bezahlt, gehören in unserer glitzernden Konsumwelt nicht so recht dazu, gewährleisten mit ihrer unverzichtbaren Tätigkeit aber zuverlässig, dass alles so weiter funktioniert. Nach und nach lernen wir in Thomas Stubers Sozialdrama „In den Gängen“ auch die Vorgeschichte jener niedergedrückten Existenzen kennen. Alle tragen sie biographische Brüche, Frustrationen, Verletzungen mit sich herum.

Nun kann man Christians Job für öde und eintönig halten, und das ist er auch unzweifelhaft, doch schon bald ändert sich alles, als seine einige Jahre ältere Kollegin Marion (Sandra Hüller) aus der benachbarten Süßwarenabteilung in Christians Leben tritt. Zwar ist Marion anderweitig verheiratet, doch hält sie das nicht davon ab, sich dem konsternierten Christian auf recht eindeutige Weise zu nähern, ohne dabei jedoch gewisse Grenzen zu überschreiten. Der binnen kurzem völlig entflammte Christian zeigt daraufhin Marion auf anrührende Weise seine Liebe, etwa indem er ihr zum Geburtstag ein Yes-Torty mit Kerze überreicht. Von nun an ist für Christian jeder Arbeitstag ein Festtag, vorausgesetzt seine und Marions Schicht überschneiden sich, was längst nicht immer der Fall ist. Aber auch das geduldige Warten aufeinander versüßt den beiden Kollegen ihren Alltag nicht unbeträchtlich. Beinahe Tabu bleibt allerdings jeglicher Körperkontakt zwischen ihnen. Lediglich auf einer Betriebsfeier berühren sich einmal ihre Hände, und sie lehnen ihre Köpfe aneinander. Zu einem Kuss kommt es gar nicht; nicht einmal Begrüßungs- oder Verabschiedungs-Küsschen und/oder –Umarmungen sind drin, da die eher süd- und westdeutsch geprägte „Bussi-Kultur“ in Ostdeutschland abseits der Großstädte noch immer verpönt ist…

Dieser kleine, feine, am Ende sehr traurige Film erzählt so etwas wie das wahre Leben jenseits der glamourösen Welt der Schönen und Erfolgreichen. Und er zeigt uns nicht zuletzt, dass hier die zwischenmenschlichen Dramen nicht weniger interessant sind als etwa in Hollywood. Ganz im Gegenteil…

In den Gängen
Deutschland 2017
Regie: Thomas Stuber
Drehbuch: Thomas Stuber, Clemens Meyer
120 Minuten, FSK: 12
Darsteller: Franz Rogowski, Sandra Hüller, Peter Kurth, Andreas Leupold, Michael Specht u.v.a.

www.justament.de, 11.6.2018: Wider den zerebralen Chauvinismus

In „Die Wurzeln der Welt“ präsentiert Emanuele Coccia eine „Philosophie der Pflanzen“

Thomas Claer

„Ach, was kümmern mich die Pflanzen?“ Wer so spricht, der weiß nicht, wovon er redet. Auch der Rezensent muss einräumen, in seinem bisherigen Leben der Pflanzenwelt eher mit Gleichgültigkeit begegnet zu sein. Doch es ist nie zu spät zur Umkehr. Wer „Die Wurzeln der Welt“ des französischen Philosophie-Professors Emanuele Coccia, Jahrgang 1976, gelesen hat, blickt gleichsam mit neuen Augen auf alles um sich herum. Dieses Buch ist nicht nur die Rehabilitierung der grünen Mitbewohner unseres Planeten für eine mehrere Jahrtausende währende Ignoranz durch den Menschen, sondern es eröffnet dem Leser zugleich auch einen völlig anderen Blick auf das große Ganze. Doch wirklich neu ist dieser Blick eigentlich gar nicht. Schon in der Antike, aber durchaus auch noch später gab es Anhänger einer „organischen“ Weltsicht, denen die moderne Aufspaltung aller Wissenschaften in immer detailliertere Unterdisziplinen zutiefst suspekt gewesen ist. (Ihr prominentester Vertreter war zweifellos Johann Wolfgang von Goethe.) Jedoch wurden sie allmählich, über die Jahrhunderte, verdrängt von den Fachidioten aller Disziplinen, denen es nur auf Spezialwissen und nicht mehr auf Welterkenntnis ankam.

Inzwischen befinden wir uns aber vermutlich bereits in einem Prozess der Kehrtwende. Man denke nur an den Boom der traditionellen asiatischen Medizin hierzulande, welche nicht die jeweiligen Krankheitssymptome, sondern stets den kranken Menschen als Ganzen vor Augen hat. Und diese ihrerseits beruht schließlich auf der antiken chinesischen Philosophie, die ebenfalls nie etwas anderes als ganzheitlich orientiert gewesen ist. Und wie der diesem Buch angehängte immense Apparat aus Fußnoten beweist, gibt es mittlerweile auch eine umfangreiche wissenschaftliche Literatur (vor allem aus dem Überschneidungsbereich von Biologie und Philosophie), die emsig daran arbeitet, das ganzheitlich-organische Denken der unverbindlichen Esoterik zu entreißen und in die Fachwissenschaften zurückzuholen.

Es war klar, dass dieses Buch etwas taugen musste, wenn Koryphäen wie Denis Scheck (ARD) und Burkhard Müller (Süddeutsche Zeitung) es empfehlen. Doch es ist trotz seines schmalen Umfangs (der eigentliche Text besteht aus gerade einmal 150 Seiten) alles andere als leichte oder auch nur leicht verdauliche Kost. Es verlangt seinem Leser so einiges ab. Auch bei konzentrierter Lektüre bleiben immer wieder dunkle Stellen zurück, die sich dem Verständnis widersetzen. Doch das Entscheidende wird klar gesagt: Die Pflanzen sind die Grundlage allen Lebens. Ohne sie gäbe es uns Tiere nicht – und uns Menschen schon gar nicht. Keiner von uns könnte auch nur kurze Zeit ohne die Luft existieren, die allein die Pflanzen für uns bereitstellen. Es sind die Pflanzen, die mit der Photosynthese das Sonnenlicht für sich und alle anderen Lebewesen in Energie umzuwandeln verstehen. Durch unsere Atmung stehen wir in einem ständigen Austausch mit der Pflanzenwelt, ja wir sind mit ihr weitaus enger verbunden, als es uns vielleicht je bewusst geworden ist. Und nicht nur das: Die Pflanzen waren es, die erst für die Entstehung einer Atmosphäre gesorgt haben. Sie haben die Erde weitaus intensiver umgestaltet als alle Tierarten zusammen. (Und erst wir Menschen können sie heute, im Anthropozän, auf schreckliche Weise übertreffen, indem wir in unserer Hybris alle unsere Lebensgrundlagen vernichten.) Mit welcher Kraft sich die Wurzeln der Pflanzen in tiefste Schichten der Erde schieben, mit welcher Anmut sich ihre Blätter in den Lüften wiegen! Die Pflanzen verkörpern die denkbar intensivste Form der Weltaneignung. Und ihre Blüten und Samen, der Urtypus aller Sexualität, sind nichts anderes als pure Rationalität.

Schon als Jugendlicher hat mich bei der Lektüre von „Im Anfang war der Wasserstoff“ des unvergesslichen Pioniers des Wissenschaftsjournalismus Hoimar v. Ditfurth ein Satz nicht losgelassen: „Es gibt Verstand auch ohne Gehirne.“ Ditfurth konstatierte dies im Hinblick auf Strategien der Evolution. Emanuele Coccia sieht das genauso. Er zitiert sogar zustimmend einen Kollegen, der sich dem „zerebralen Chauvinismus“ widersetzt, wonach die Vernunft erst mit den Gehirnen in die Welt gekommen sei. Die Gehirne nehmen, so gesehen, nur etwas in sich auf, das womöglich bereits von Anfang an in der Welt vorhanden war. Für Coccia bedeutet Leben das Sich-Mischen mit der Welt. Jeder ist Teil der Welt und trägt weite Teile der Welt in seinem Inneren. Wer sich zunächst einmal für ein Individuum hält, hat wenig verstanden. Die Welt steht niemals still, sondern sie fließt in erster Linie. Wer lebt, taucht in die Welt ein (und die Welt in ihn). Es ist kein Zufall, dass uns zumeist jene Kunst am heftigsten ergreift, in die sich am tiefsten eintauchen lässt: die Musik.

Was folgt nun aber aus all dem?, fragt man sich abschließend. Eine ganze Menge. Wer etwa die Darwinsche Evolutionstheorie, wonach zufällige Mutationen und anschließende Selektionsprozesse die Haupttriebkräfte aller Entwicklung des Lebens auf der Erde gewesen sein sollen, schon immer für sehr unplausibel gehalten hat, kann sich bestätigt sehen. Es sind wohl in der Tat ganz andere Kräfte am Werk. Doch genau hier liegt das Problem. Leider haben wir noch keine nüchterne, sachliche Sprache für diese Dinge. Diese zu erahnen, blieb lange Zeit nur Metaphysikern und Literaten vorbehalten. Und auch Coccias fulminantes Buch ist wohl nur als einer der ersten fachwissenschaftlichen Versuche anzusehen, denn es steht ganz sicher bei der übergroßen Mehrzahl seiner Kollegen längst unter stärkstem Esoterikverdacht…
Als letztes noch eine kleine Anekdote: Als ich vor Jahren mit einem Nachhilfeschüler aus der Oberstufe während der Sommerferien u.a. Goethes „Faust“ las (seine Mutter bezahlte mich dafür, ihren Sohn dreimal wöchentlich auf lehrreiche Weise zu bespaßen, da er ansonsten ohnehin nur Blödsinn triebe), zeigte sich mein Schüler vom Handlungsverlauf des Dramas tief enttäuscht. „Mephisto sollte Faust doch zeigen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Aber was hat er ihm stattdessen gezeigt? Doch nur die erotische Liebe.“ Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen… „Vielleicht ist es das ja gerade?“, gab ich zu bedenken. Doch überzeugte dies meinen Schüler keineswegs: „Also das kann es ja wohl nicht sein.“ „Vielleicht ja doch“, bleib ich hartnäckig. Ein weiterer Anwärter auf jene Urkraft-Rolle ist nun Coccias Durchmischungs- und Eintauch-Prinzip.

Emanuele Coccia
Die Wurzeln der Welt. Eine Philosophie der Pflanzen
Hanser Verlag München, 3. Auflage 2018
188 Seiten; 20,00 Euro
ISBN 978-3-446-25834-1