www.justament.de, 10.12.2018: 50 Jahre Schlacht am Tegeler Weg

Ein Film- und Diskussionsabend in Berlin-Charlottenburg

Thomas Claer

Landgericht Berlin (Foto: TC)

Gestern im „Haus am Mierendorffplatz“. Der kleine Raum ist rappelvoll. Auf der Leinwand läuft ein Dokumentarfilm aus den Achtzigern. Hier, rund ums nahe gelegene Landgericht Berlin am Tegeler Weg, wurde Rechtsgeschichte geschrieben. Damals, vor fünfzig Jahren, tobte dort die legendäre „Schlacht am Tegeler Weg“. Während im Gericht über die Aberkennung der Anwaltszulassung des damaligen Apo-Anwalts Horst Mahler wegen „Unwürdigkeit“ gestritten wurde (er hatte zuvor an einer Demonstration gegen die Springer-Presse teilgenommen), hatten sich draußen hunderte Studenten und Sympathisanten versammelt und lieferten sich eine wilde Straßenschlacht mit der Polizei. Am Ende standen 130 verletzte Polizisten. Einige der damaligen Demonstrationsteilnehmer sind anwesend, auch die Regisseurin des gezeigten Films. Nur leider fehlt Alt-Aktivist und LinksanwaltHans-Christian Ströbele, mittlerweile 79. Zunächst hatte er seine Teilnahme zugesagt, musste dann aber leider doch aus gesundheitlichen Gründen passen. Bei der letzten Großdemo gegen den Mietenwahnsinn sei er noch dabei gewesen, heißt es.

Überhaupt besteht das Publikum hauptsächlich aus rüstigen Siebzigern, die in der anschließenden munteren Diskussion genüsslich in ihren Erinnerungen schwelgen. Die große Streitfrage ist mal wieder, wie schon im Dokumentarfilm, wie denn der LkW mit den Pflastersteinen, die später von den Demonstranten auf die Polizisten geworfen wurden, durch die Absperrungen der Polizei gelangen konnte. Zwei Theorien habe es damals gegeben: Verfassungsschutz und CIA. Demgegenüber zitiert ein Anwohner die Meinung seiner Nachbarin: In den Straßen seien doch damals überall die Straßenbahnschienen abmontiert und Pflastersteine aus den Straßen in LkWs verladen worden. Nein, widerspricht ein anderer, die besagten Steine seien doch viel größer gewesen, das habe man im Film doch deutlich erkennen können. Und ein Dritter berichtet, dass ein Polizist sogar zugegeben habe, als „agent provocateure“ gehandelt zu haben, doch den lassen wiederum andere nicht als zuverlässigen Zeugen gelten. Nein, diese Frage ist wohl einfach nicht mehr abschließend zu klären…

Eine Anekdote reiht sich an die nächste. Ein Herr im Pullover berichtet, wie er damals in der S-Bahn von Bauarbeitern angespuckt worden sei, die ihn als „Scheiß-Student“ beschimpften. Auch die Straßenbauarbeiter vor Ort hätten wohl übelste Beleidigungen in Richtung der Demonstranten gerufen. 90 Prozent der Zeitungslandschaft war Springer-Presse. Und die habe gehetzt, was das Zeug hielt. Ja, so war das damals. Eine aufregende Zeit sei das gewesen, da sind sich alle einig. Aber wie ist es denn heute? Doch eigentlich fast genauso aufregend! Und nun gehen die Meinungen munter auseinander. Die Gelbwesten in Frankreich? Ganz großartig, finden die einen. Oh nein, echauffieren sich die anderen. Und Rechts und Links lägen manchmal eben doch dicht beieinander, das sähe man doch an Horst Mahler, damals linker Apo-Aktivist, heute wegen mehrfacher Volksverhetzung verurteilter Rechtsextremist. Und in Frankreich stünden Rechte und Linke schon Seite an Seite, in Italien und Griechenland koalierten sie miteinander. Nein, das machen wir nicht mit, protestieren mehrere ältere Damen. Keine Gleichsetzung von Rechts- und Linksradikalismus! Das sei doch ein himmelweiter Unterschied! Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass die Diskussionsfreude der Aktivisten von einst auch nach 50 Jahren noch kaum nachgelassen hat und dass politisches Temperament wohl auch keine Frage von Alt oder Jung ist.

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MDR-Umschau, 4.12.2018: Westpakete als Stütze der DDR-Planwirtschaft

Thomas Claer als Zeitzeuge im Fernsehen befragt…

www.justament.de, 19.11.2018: Traurig und süß, klagend und quietschend

Scheiben vor Gericht Spezial: 40 Jahre The Cure

Thomas Claer

So düster viele Songs der englischen Band “The Cure” auch sind, vor allem jene aus ihrem Frühwerk, so ist in ihnen doch immer auch eine Spur von Süße enthalten. Und umgekehrt lässt sich sagen: So süßlich und poppig viele Cure-Songs auch sein mögen, insbesondere solche aus ihrer mittleren und späten Schaffensperiode, so tragen sie dennoch stets einen Hauch von Melancholie in sich. Vielleicht liegt ja hierin das Geheimnis von “The Cure” begründet, dem Lebenswerk des Sängers und Texters Robert Smith (Jahrgang 1959), das dieser über nunmehr vier Jahrzehnte mit immer anderen Musikern um- und fortgesetzt hat: Traurigkeit und Süße sind in ihren Liedern unauflöslich ineinander verschränkt. Robert Smiths Gesang hat dabei aber auch fortwährend etwas jammervoll Klagendes – und kontrastiert dadurch auf raffinierte Weise mit den oft einschmeichelnden Melodien seiner Songs. Und noch hinzu kommt, dass diese regelmäßig auf besondere Weise, wie soll man sagen, ein wenig quietschend und schrill klingen, was ihnen einen ganz eigenen Charakter gibt.

Besonders beeindruckend wirkt aus heutiger Sicht die Anfangsphase der “Cure” in den späten Siebzigern und frühen Achtzigern. Man kann wohl sagen, dass sie seinerzeit so etwas wie ein heißer Szene-Act gewesen sind. Zwar hatten sie mit „Boys Don’t Cry“ gleich zu Beginn einen kleinen Hit in Amerika, doch brachte dies ihren sehr speziellen Ruhm in der Dark Wave- und Gruftiszene nicht ernsthaft in Gefahr. Seit den frühen Achtzigern trat die Band in schwarzer Kluft und Robert Smith mit gebleichtem Gesicht und rotgeschminkten Lippen auf. Ihre Musik zu jener Zeit war dabei überraschend abwechslungsreich, blieb aber gleichwohl immer sehr eigenartig. Als ihr ganz großes Meisterwerk kann die LP „Boys Don’t Cry“ gelten, die zunächst nur für den amerikanischen Markt gedachte Version ihres Debütalbums „Three Imaginary Boys“, ergänzt um mehrere in jener Zeit erschienene Singles der Band. Sie enthält u.a. das manchmal missverstandene „Killing an Arab“, eine Adaption des Romans „Der Fremde“ von Albert Camus, eines Hauptwerks des Existenzialismus. Doch waren die Nachfolgealben ebenfalls noch höchst brillant, wobei hier besonders „The Top“ (1984) hervorzuheben ist, ihr vielleicht geheimnisvollstes Werk mit obskuren ägyptischen und indischen musikalischen Einflüssen und dementsprechend rätselhafter Gestaltung des Plattencovers (siehe Abbildung).

Kommerziell gelang der endgültige Durchbruch mit dem Album „Disintegration“ (1989), dem Single-Hit Lullaby und seinem berühmten Spinnen-Video. Doch obgleich nun im Mainstream angekommen blieb der Cure-Sound auch in den Jahren darauf markant und unverwechselbar, wenn auch längst nicht mehr so aufregend wie in ihrem ersten Jahrzehnt.

Cure-Alben bis 1989
– Three Imaginary Boys / Boys Don’t Cry (1979)
– Seventeen Seconds (1980)
– Faith (1981)
– Pornography (1982)
– Japanese Whispers (1983)
– The Top (1984)
– The Head on the Door (1985)
– Kiss me Kiss me Kiss me (1987)
– Disintegration (1989)

www.justament.de, 22.10.2018: Die rechte Versuchung

 

Recht historisch Spezial: Justament-Autor Thomas Claer erinnert sich an Botho Straußens „Anschwellenden Bocksgesang“ vor 25 Jahren

Mit Verspätung erst las ich damals diesen Text, der eine magische Wirkung auf mich haben sollte. Den SPIEGEL-Essay im Februar 1993 hatte ich verpasst, aber im Oktober 1993 begann mein Jura-Studium in Bielefeld, und in der Nähe der juristischen Bibliothek, deren Werke ich von Anbeginn als sehr langweilig empfand, entdeckte ich zu meiner Freude das riesige SPIEGEL-Archiv, in das ich mich stundenlang regelrecht vergraben konnte. Man muss es den Nachgeborenen immer wieder erklären: Damals gab es noch kein Internet. Bestimmte Texte oder Bücher und überhaupt Informationen waren mitunter Mangelware, nach denen man lange Zeit auf der Suche war. Und so fand ich dann schließlich jenen Essay von Botho Strauß, der für so viel Aufsehen gesorgt hatte, und war sofort elektrisiert. Klar, mit Anfang zwanzig ist die Begeisterungsfähigkeit manchmal groß und die Lernmodule sind noch weit offen.

Als ich vier Jahre zuvor aus der DDR in den Westen gekommen war, hatte ich mich noch selbstverständlich politisch links positioniert und war damit auf dem Bremer Gymnasium, wo ich mein Abitur ablegte, auch gut gefahren. Doch schon während des Prozesses der deutschen Wiedervereinigung, die ich wegen des durch sie (scheinbar) drohenden nationalen Überschwangs wie viele westdeutsche Linke zunächst abgelehnt hatte, haderte ich mit meiner Haltung. Wie konnte es so weit kommen, fragte ich mich eines Tages zerknirscht, dass ich die deutsche Einheit, die doch so viele Vorteile für alle Deutschen mit sich brachte, nur mit großer Enttäuschung zur Kenntnis genommen hatte, weil sich die Dinge so gänzlich anders entwickelt hatten, als von mir gewünscht. Ich musste mir eingestehen, dass ich mich ideologisch verrannt hatte und fühlte sogar Anflüge von Wut auf all die politisch überkorrekte linke Bedenkenträgerei, die mir, so empfand ich es im Nachhinein, die Freude über die deutsche Wiedervereinigung verdorben hatte.

Schon mit 19 oder 20 begann ich also, mich anderen politisch-weltanschaulichen Ansätzen zu öffnen. Während des Golfkrieges 1991, gegen den ich selbstverständlich gemeinsam mit meiner Bremer Schulklasse auf die Straße gegangen war, las ich im SPIEGEL Hendryk M. Broders witzige und scharfzüngige Polemik „Unser Kampf“, gerichtet gegen die Deutsche Friedensbewegung, zu der damals insbesondere auch Alice Schwarzer zählte, welche er besonders durch den Kakao zog. Mir gefiel vor allem seine in meinen Augen sehr berechtigte Kritik am selbstgerechten westdeutschen linksliberalen Mainstream. (Dass sowohl Broder als auch Schwarzer heute fragwürdige Positionen vertreten und zu den geradezu dogmatischen „Islam-Hassern“ zählen, steht auf einem anderen Blatt.)

Was aber Botho Strauß Anfang 1993 im „Anschwellenden Bocksgesang“ lostrat, war noch einmal ein ganz anderes Kaliber. Es war ein Text wie ein Sprengsatz, der die weltfremde linksliberale kulturelle Hegemonie geißelte, unter deren Einfluss im wiedervereinigten Deutschland niemand mehr verstehen könne, warum „jemand in Tadschikistan es als politischen Auftrag begreift, seine Sprache zu erhalten wie wir unsere Gewässer“. Es schien dem Verfasser, „als hörte er jetzt ein letztes knisterndes Sich-Fügen, als sähe er gerade noch die Letzten, denen die Flucht in ein Heim gelang, vernähme ein leises Einschnappen, wie ein Schloss, ins Gleichgewicht. Danach: nur noch das Reißen von Strängen, gegebenen Händen, Nerven, Kontrakten, Netzen und Träumen“. Es war eine Art Kassandra-Ruf, den er der selbstgewissen westlich-liberalen Vorstellung vom Ende der Geschichte nach dem siegreichen Kalten Krieg vehement entgegenschleuderte.

Er hat, so kann man es heute sehen, mit seismographischem Gespür all das antizipiert, was uns im kommenden Vierteljahrhundert noch alles blühen sollte: den 11. September 2001, die weiteren Terroranschläge, die Finanzkrise, den neuen Kalten Krieg mit Russland, die Flüchtlingskrise, Trump und den Brexit, Orban und die Visegrad-Gruppe. „Wenn wir Reichen nur um minimale Prozente an Reichtum verlieren“, so führe dies bereits zu impulsiven Ausbrüchen von Unduldsamkeit und Aggression. Hingegen könnten „Gesellschaften, bei denen der Ökonomismus nicht im Zentrum aller Antriebe steht, aufgrund ihrer geregelten, glaubensgestützten Bedürfnisbeschränkung im Konfliktfall eine beachtliche Stärke oder Überlegenheit zeigen“. Es lohnt sich ganz unbedingt, den „Anschwellenden Bocksgesang“ heute, 25 Jahre später, noch einmal zu lesen. Denn seine Analyse ist äußerst hellsichtig. Auch der Ekel und Abscheu vor der fröhlich-banalen Konsumgesellschaft, die Feier des Individuums, das sich Ruhezonen suchen müsse in Zeiten der Geschwätzigkeit und des Privatfernsehens, all das ist großartig beschrieben und auch aus heutiger Sicht nur allzu berechtigt.

Zweifelhaft und bedenklich sind hingegen die Konsequenzen, die aus diesen Befunden sodann in raunendem Ton gezogen werden und denen der Text einen großen Teil seiner verführerischen Kraft verdankt. Schuld an der ganzen Malaise sei letztlich das linke Denken, das doch eigentlich schon in alten Zeiten das Verirrte und Verkehrte symbolisiert hätte. Das Rechte hingegen, eine rechte Haltung, die Beschwörung einer fernen Vergangenheit entspreche doch der Phantasie des einsamen Dichters, sei kurz gesagt das einzig Wahre. Es brauche so viel Mut und Entschlossenheit, sich der linken Hegemonie zu verweigern und als einsamer stolzer intellektueller Rechter dagegenzuhalten. Und mit den rechtsradikalen Schlägern, die damals schon in Deutschland ihr Unwesen trieben und Flüchtlingsheime abfackelten, habe das alles natürlich nichts zu tun. Jene seien lediglich ein Krisensymptom, hervorgerufen durch den ignoranten linksliberalen Mainstream. Eine kulturkonservative Gesellschaftskritik par excellence also, die sich allerdings inhaltlich und sprachlich stark mit linker Kulturkritik aus der Adorno-Schule überschneidet, der Botho Strauß ja schließlich auch entstammt.

Eine Zeit lang, das muss ich zugeben, war ich damals infiziert. Als politisch „rechts“ hätte ich mich niemals bezeichnet, aber das Wort „wertkonservativ“ gefiel mir zu jener Zeit schon recht gut. Indessen gab es bestimmte Erlebnisse, die mich am Ende doch wieder zurück in die Arme des guten, alten Linksliberalismus treiben sollten. Neugierig hatte ich mir den Sammelband „Die selbstbewusste Nation“ (mit Beiträgen von Botho Strauß selbst und einer Reihe intellektueller Sympathisanten) gekauft und las darin eifrig auf Bahnfahrten. Eines Tages sprach mich ein vollbärtiger Mann im Pullover darauf an, der auf mich rein optisch zunächst wie ein Anhänger der Grünen wirkte. Ich dachte im ersten Moment, er wolle mich angesichts dieses politisch unkorrekten Buches zur Rede stellen, aber weit gefehlt. Tatsächlich beglückwünschte er mich zum Erwerb und zur Lektüre dieses Werkes, das sei ja ganz prima und alles sehr richtig. „Und sind wir denn eine selbstbewusste Nation?“, fragte er mich rhetorisch und gab dann gleich darauf die Antwort. „Nein, das sind wir nicht. Sehen Sie sich doch bloß mal an, wer da alles zu uns kommt! Sind das Russen oder Rumänen oder kommen die von sonst wo her? Was wollen die eigentlich hier? Die sollen mal schön zu Hause bleiben.“ Da wurde mir schlagartig bewusst, in was für eine geistige Gesellschaft ich mich begeben hatte. Ich erklärte ihm knapp, dass mich diese Menschen in keinster Weise störten und Deutschland durch Zuwanderung noch immer bereichert worden sei. Und dann versuchte ich ihn abzuwimmeln. Er rief mir noch nach, dass er mir unbedingt empfehle, die „Junge Freiheit“ zu lesen…

Letztlich war es wohl auch der ausgiebige Kontakt mit so vielen Gleichaltrigen aus aller Welt an der Bielefelder Universität und in den Studentenwohnheimen und nicht zuletzt das Kennenlernen meiner aus Korea stammenden heutigen Frau, was mir Multi-Kulti immer schmackhafter machte und mich nachhaltig vor etwaigen rechtslastigen Einstellungen bewahrt hat. Der spätere Ortswechsel nach Berlin tat dann sein übriges. So ist es zwischen mir und dem Konservatismus am Ende nur bei einem vorübergehenden, folgenlosen Flirt geblieben. Auf den „Anschwellenden Bocksgesang“ selbst hingegen, dieses fulminante und gefährliche Stück Literatur, lasse ich hingegen auch heute noch nichts kommen.

www.justament.de, 15.10.2018: Die elementare Berlin-Platte

Element Of Crime auf „Schafe, Monster und Mäuse“

Thomas Claer

Schon so manches Berlin-Album hat es in der Geschichte der Popmusik gegeben. „Berlin“ von Lou Reed ist vielleicht das berühmteste, von David Bowie gibt es aus den Siebzigern sogar eine „Berlin-Trilogie“. Nun haben also auch Element Of Crime ein solches Konzeptalbum herausgebracht, wenn auch – aus Gründen des für diese Band so typischen Understatements – ohne es entsprechend zu benennen. Doch verbirgt sich hinter dem harmlos klingenden „Schafe, Monster und Mäuse“ vor allem eine überschwängliche Hommage an unsere Hauptstadt: Zehn der zwölf Lieder auf dieser Platte enthalten mehr oder weniger eindeutige textliche Berlin-Bezüge; nur in „Immer noch Liebe in mir“ und „Stein, Schere, Papier“ fehlen solche.

Zwar haben vereinzelt auch schon frühere Songs der Elements explizit in Berlin gespielt, etwa „Jung und schön“ (1999) oder der U-Bahn-Song „Alle vier Minuten“ (2001), doch gleicht das neue Album nun beinahe einer musikalischen Stadtrundfahrt: Von der fröhlichen „Party am Schlesischen Tor“ (unter den Hochbahn-Gleisen!) geht es weiter zum „Prater in Prenzlauer Berg“. Das – wie so oft – liebesleidgequälte lyrische Ich geht bekümmert „den Kurfürstendamm entlang“, trauert still „Im Prinzenbad allein“ und sitzt nachts „in U-Bahn-Zügen, die nirgends halten und trotzdem nicht fahren“. „Der Wald vor deiner Haustür ist nur ein Friedrichshain“, “Auch im Halensee wohnt ein Meer“ und „eingeklemmt und blau“ fühlt man sich „Silvester am Brandenburger Tor“. Im Jahn-Sportpark wird gejoggt, hinterm KaDeWe hält ein LkW und im Grunewald ist Holzauktion. Schließlich liefert das auch von der musikalischen Umsetzung her sehr ansprechende „Nimm dir, was du willst“ eine Art universelle Gebrauchsanweisung für Berlin: „Karneval, FC Union, Ramadan und Hertha BSC“. Da ist für jeden was dabei, und jeder, wie er kann, „Aber nerv mich nicht!“.

Auch ansonsten lässt sich das Album, musikalisch wie textlich, als über weite Strecken sehr gelungen bezeichnen. Trotz einer Rekordlänge von mehr als 55 Minuten Spielzeit enthält es keinen einzigen missglückten Song. Regelrecht opulent ist diesmal die Instrumentierung geraten: Ausgefeilte Streicher- und Bläser-Arrangements kommen zum Einsatz und sorgen für viel Abwechslung im gewohnten Gitarre-Bass-Schlagzeug-Trompeten-Sound. Manche Lieder lassen slawische und/oder bretonische folkloristische Einflüsse erkennen, andere sind eher jazzig, manchmal swingt und groovt es. Als weibliche stimmliche Verstärkung macht Sven Regeners Tochter Alexandra insbesondere in „Karin, Karin“ eine gute Figur. In mehreren Songs werden, was schon recht gewagt ist, aber noch gerade so in Ordnung geht, gemischte Chöre aufgeboten. Fehlten früheren Veröffentlichungen dieser Band oftmals die Überraschungsmomente, haben wir sie diesmal in Hülle und Fülle.

Nur hier und dort gibt es punktuelle Schwächen. So kommt einem mancher Liedanfang schon arg bekannt vor (vor allem „Gewitter“ erinnert sehr an “Alles, was blieb“ von 1999; „Der erste Sonntag nach dem Weltuntergang“ ist weitgehend abgekupfert vom ersten Track des fünf Jahre alten Soundtracks von „Haialarm am Müggelsee“; „Bevor ich dich traf“ hat frappierende Ähnlichkeit mit „Die letzte U-Bahn geht später“ von 2005), während „Immer noch Liebe in mir“, das treue EoC-Fans bereits von der zwei Jahre alten Vinyl-EP „Wenn der Wolf schläft“ kennen, mit seinem Rumtata-Rhythmus fast schon karnevalskompatibel ist. Doch reißt der jeweils ausgezeichnete Text am Ende stets alles wieder raus: „Gewitter“ vermittelt düstere Endzeit-Visionen („Und ein heißer Wind verweht, die Jahre, die ihr kennt“), und „Immer noch Liebe in mir“ knüpft inhaltlich an das seinerseits schon recht delikate „Alten Resten eine Chance“ von 1993 an. Auch im sehr melancholischen Titelstück (und diese Platte enthält selbst für EoC-Verhältnisse besonders viele melancholische Stücke) und im etwas kinderliedhaften „Karin, Karin“ verhindert nicht zuletzt die kraftvolle Songlyrik ein Abgleiten ins Sentimentale. Überhaupt werden Sven Regeners Songtexte im Laufe der Jahre wirklich immer, immer besser. Im bewährten dialektischen Drei-Strophen-Muster zumeist auf eine verblüffende oder versöhnliche Schlusspointe zusteuernd, erweist er sich als ungekrönter König des Binnenreims. Insbesondere für das äußerst hintergründige „Stein, Schere, Papier“ sollte man ihm auf der Stelle einen Lyrikpreis verleihen; wobei dieses Lied auch musikalisch zu den stärksten des Albums gehört. Ähnliches lässt sich über „Karin, Karin“ sagen, das im Refrain ganz nebenbei einen alten DDR-Propaganda-Song persifliert. Und dann „Ein Brot und eine Tüte“ – der Song über die Berliner Schimpfkultur…

Kurz gesagt: Diese Platte kann einen über eine Menge hinwegtrösten, besonders „Wenn es dunkel und kalt wird in Berlin“. Das Urteil lautet: gut (14 Punkte).

Element Of Crime
Schafe, Monster und Mäuse
Vertigo Berlin (Universal Music)
ASIN: B07G1XK97T

www.justament.de, 1.10.2018: Gretchenfragen

„Nach Gott“ – Peter Sloterdijks gesammelte Texte zur Religion

Thomas Claer

Dieses Buch ist lange bei mir liegen geblieben, länger als ein Jahr seit seinem Erscheinen. Bei meinen Kritiker-Kollegen war es damals nicht so gut angekommen: wieder nur eine Aufsatzsammlung, fast nichts Neues, immerhin ein Luther-Text im Luther-Jahr, ansonsten nur neue Aufgüsse alter Abhandlungen, teilweise sogar Abdrucke ganze Kapitel aus früheren Büchern. Doch zeigt sich hier wieder einmal, dass man nie zu viel auf die Meinungen anderer geben sollte. „Nach Gott“ ist zu großen Teilen sehr lesenswert, streckenweise brillant. Man kann sogar dankbar sein, dass die vielen verstreuten kleinen Aufsätze und Vorträge des Philosophen Peter Sloterdijk zur Thematik aus den letzten zweieinhalb Jahrzehnten hier einmal leserfreundlich zusammengestellt, geordnet und herausgebracht worden sind.

Die Religion also, ein ganz großes Thema. Wirklich gläubig sein kann man als aufgeklärter Mensch der Gegenwart eigentlich kaum noch. Dennoch ist der Hunger nach Transzendenz in unseren modernen Gesellschaften vielleicht größer als jemals zuvor. Auf der anderen Seite ist für die wenig gebildeten Massen in den wenig bevorzugten Weltregionen (und in manchen Einwanderermilieus westlicher Großstädte) ihr strenger Glaube wohl auch eine Art Grundnahrungsmittel, das sie mental am Leben erhält. Darüber sollte und darf man sich nicht lustig machen, gewiss nicht, aber ein leiser ironischer Unterton muss dennoch erlaubt sein. Und richtiggehend verspotten darf und sollte man natürlich all die religiösen Hardliner in der Welt, die selbst oft sehr scheinheilig sind und ihre Anhänger gegen alles Fremde und Abweichende aufhetzen. Alle diese Fragen werden in „Nach Gott“ angerissen oder sogar vertiefend abgehandelt. Besonders interessant sind auch die Ausflüge in die Psycholgie, in die Lehre von der Seele des Menschen, deren Vorstellung ja schließlich auch tief im Religiösen verwurzelt ist. Wie so oft bei Sloterdijk findet sich eine Überfülle origineller, witziger Gedanken.

Doch bringt der unterschiedliche zeitliche Ursprung der Texte es mit sich, dass einem eine Entwicklung in Sloterdijks Schreiben vollends bewusst wird, die man ohnehin bereits geahnt hat. Seine Anfänge in den Achtzigern mit der „Kritik der zynischen Vernunft“ waren erfrischend und verspielt. Dann aber, in den Neunzigern bis in die Nullerjahre hinein, waren seine Textproduktionen, vorsichtig gesagt, etwas zäh. Sein dreibändiges Hauptwerk „Sphären“ ist recht schwer verdauliche Kost. Ein ganzes Kapitel in „Nach Gott“, „Mir näher als ich selbst“, stammt aus dem ersten der Sphären-Bände von 1998. Da musste ich mich regelrecht durchquälen. Auch eine Abhandlung über die Gnosis von 1993 ist schon recht trocken geraten. Vermutlich stand er zu jener Zeit unter Unernsthaftigkeits-Verdacht, schließlich hatte er früher jahrelang in Indien in einer Hippie-Sekte gelebt und brauchte womöglich seriöse Werke, um sich fachliche Reputation zu verschaffen. Vielleicht ging es ihm auch um so etwas wie Rehabilitation angesichts des Skandals, den seine „Regeln für den Menschenpark“ (1997) ausgelöst hatten. Doch spätestens mit „Zorn und Zeit“ (2006) begann eine neue Phase seines Schreibens, die bis heute anhält und die man als seine beste bezeichnen kann. Nie waren seine Texte bissiger, zugespitzter, flüssiger. Bestes Beispiel dafür ist das – hier ebenfalls abgedruckte – wunderbar blasphemische Jesus-Kapitel aus „Die schrecklichen Kinder der Neuzeit“. Dass diese Veränderung auch mit einer allmählichen Verschiebung seiner politischen Grundierung weg vom Linksalternativen hin zum mitunter schon etwas Rechtslastigen zusammenfällt, ist wohl eher zufällig.

Einige wenige Stichworte und Zitate aus „Nach Gott“ mögen hier abschließend genügen, um einen kleinen Eindruck von Sloterdijks pointierter Formulierungskunst zu vermitteln: Die Moderne? „Am Treffpunkt von Wille und Vorstellung formt sich die Welt als Projekt und Unternehmen.“ Islamismus? „Die jungen Mörder und Selbstmörder, die zum äußeren Dschihad aufbrechen, haben ohne jede Theologie erfasst, wie sehr ein Gott vom Typus Allah eine unmögliche Figur abgibt, sobald man ihn vor dem Hintergrund einer modernen, das heißt von menschlichen Kreativitäten dynamisierten Welt betrachtet. … Attentate sind missratene Beweise eines Gottes, der die Welt nicht mehr versteht.“ Das Jüngste Gericht? „Impliziert die Logik eines Leihvertrages: Bei der Rücknahme der entliehenen Seele wird geprüft, ob diese vollständig und unbeschädigt erstattet wurde. Anderenfalls vollzieht der Leihgeber seine Rache an den Toten, die ihre Seele beschädigt, entstellt, verdunkelt zurückbringen.“ Der Gang der Aufklärung von Spinoza und Voltaire bis zur Postmoderne? „Eine Geschichte der Resignation vor der Heuchelei.“ Die Menschen? „Ontologisch aus der Bahn geratene Geschöpfe.“ Der Mensch? „Das Tier, das so tut als ob.“ Identität? „Die Selbst-Illusion des Schauspielers, der auch abseits der Bühne sein möchte, was er darstellt.“ Unbehagen an der Kultur? „Geht nicht bloß vom aufgenötigten Triebverzicht aus; es entspringt mehr noch der Belastung durch den Blick des unfreundlichen Anderen. … Existenz impliziert den permanenten Test, ob man sich sehen lassen kann.“ Der liebende Gott? „Seine Liebe blieb freilich oft ein Zwangsvertrag, von Drohungen durchsetzt. Auf liebende Götter jenseits der Ambivalenz wartet man bis auf weiteres, und bis zu ihrer Ankunft tun Menschen gut daran, sich um die Gestaltung ihrer Verhältnisse selbst zu kümmern.“ Und schließlich der „Konfessionskrieg unserer Tage“: „Aufstand der Massenkultur gegen die Hochkultur, der sich als Feldzug der Unzufriedenen gegen die ‚Eliten‘ maskiert…“

Peter Sloterdijk
Nach Gott
Suhrkamp Verlag 2017
364 Seiten; 28 Euro
ISBN-10: 351842632X

www.justament.de, 24.9.2018: Der Klassiker zur Literaturvertonung

Scheiben vor Gericht Spezial: Vor 25 Jahren erschien „Ritter und Unholde“ von Carlos Peron und Peter Ehrlich

Thomas Claer

Es ist ein ganz eigenes Genre, sui generis gewissermaßen. Manchmal ist es (im traditionellen Sinne) Musik, manchmal sind es „nur“ Klanggebilde, mit denen Carlos Peron (geb. 1952), der geniale Schweizer Pionier der elektronischen Soundtüftelei und Gründungsmitglied von YELLO, die literarischen Texte, vorgetragen – mit tiefschwarzer, abgründiger Stimme – von Burgschauspieler Peter Ehrlich (1933-2015), unterlegt. 25 Jahre sind seit dem Erscheinen von „Ritter und Unholde“ vergangen, doch ist seither, soweit ich sehe, nichts Vergleichbares mehr auf diesem Gebiet unternommen worden; vielleicht weil das Vorbild so übermächtig ist. Peron und Ehrlich gelingt es in den knapp 75 Minuten Laufzeit dieses Tonträgers, den alten Texten, die allesamt von Rittern handeln, neues Leben einzuhauchen, indem sie um sie herum eine Atmosphäre erschaffen, die den Hörer (insbesondere wenn er die Augen schließt) beinahe zum Teil des Geschehens werden lässt.

Das erste Drittel der CD umfasst Auszüge aus dem Nibelungenlied, der mittelalterlichen deutschen Dichtung par excellence, die jeder gut kennen sollte, der den Nazi-Größenwahn verstehen will. Kriegerische Ehre, unstillbarer Durst nach Rache, Nibelungentreue bis in den Tod – hier fanden die NS-Größen ihre geistigen Inspirationen. Doch steht das Nibelungenlied in literarischer Raffinesse und überraschender Vielschichtigkeit wohl selbst hinter der Ilias oder der Odyssee kaum zurück. Man beachte insbesondere die verhängnisvollen Frauenfiguren, also Kriemhild und Brünhild, die man in ihrer Besessenheit von Eifersucht, Hass und Geltungsdrang mit Fug und Recht als die eigentlichen Triebkräfte des heraufziehenden Unheils ansehen kann. „Die junge Kriemhild“, der zweite Track des Albums, zeigt, wie unschuldig all das begonnen hat…

Doch kommen auf dieser CD neben den Nibelungenkönigen und –recken natürlich auch noch mehrere andere Ritter aus der Literaturgeschichte zu ihrem Recht. Wer jetzt als erstes an „Don Quijote“ von Cervantes denkt, liegt genau richtig. Die fast 15 Minuten aus diesem Roman bilden den längsten Einzeltrack – und einen der gelungensten des ganzen Albums noch dazu! Das düstere spanische Gitarrenspiel im Hintergrund lässt bereits ahnen, wie der Ritter von der traurigen Gestalt in seinen künftigen Windmühlenkämpfen auf die Nase fallen wird. Ebenfalls auf besondere Weise geglückt ist „Der Apfelschuss“ von … Falsch! Nicht der von „Wilhelm Tell“! Für diesen hatte sich Friedrich Schiller nämlich auch nur aus einer ungleich älteren Quelle bedient: aus der nordischen Saga „Wieland der Schmied“. Peron und Ehrlich inszenieren hieraus das Kapitel „Wie Eibel seinen Bruder Wieland besuchte“ als ganz großes Kopfkino. Darüber hinaus darf Goethes „Götz von Berlichingen“ (mit seinem berühmten Arsch-Zitat) hier selbstredend nicht fehlen, ebenso wenig Richard Wagners „Lohengrin“ und der Komtur aus der „Schwarzen Spinne“ von Jeremias Gotthelf. Die vielleicht größte aller Heldentaten auf dieser CD vollbringt aber der liebeskranke Ritter Delorges in Schillers „Handschuh“, indem er seine unwürdige Herzensdame, die auf niederträchtige Weise mit seinen Gefühlen spielt, mittels eines gezielten Handschuhwurfes in die Wüste schickt.

Drei Jahre später, 1996, haben Carlos Peron und Peter Ehrlich noch eine Fortsetzungs-CD namens „Ritter, Tod und Teufel“ herausgebracht, die auch nicht schlecht war, aber längst nicht so überragend wie „Ritter und Unholde“. Das Urteil lautet: sehr gut (16 Punkte).

Carlos Peron
Ritter und Unholde – gesprochen von Peter Ehrlich
Dark Star/Indigo 1993
LC 6526 – Spark 24
Neuauflage: Revisited Records 2006
10,44 EUR (bei Amazon)

www.justament.de, 17.9.2018: Sommerhaus, 20 Jahre später

Justament-Autor Thomas Claer erinnert sich an Judith Hermanns gefeierten Erstling

Herbst 1998. Dieser kleine Erzählungsband einer gerade erst 28-jährigen Debütantin schlug ein wie eine Bombe. Ein seltsam verzückter Marcel Reich-Ranicki bekannte im Literarischen Quartett: „Ob das ein gutes, ein sehr gutes Buch ist, ich weiß es nicht. Aber ich weiß etwas anderes: dass wir eine neue Autorin bekommen haben und eine hervorragende Autorin. Nicht alle diese Geschichten sind gut, gewiss, aber es sind etwa vier, fünf, die mir ungewöhnlich scheinen… Der zentrale Satz dieses Buches lautet, und dieser Satz hat mich verblüfft, er scheint mir ungeheuerlich. Ich habe diesen Satz so noch nicht gelesen: ‚Glück ist immer der Moment davor.‘ Ein ganz erstaunlicher Satz. Und davon erzählen diese Geschichten…“ Sein Kollege Hellmuth Karasek glaubte, den „Sound einer neuen Generation“ zu hören und erkannte „neue Landschaften in der Literatur, neue Realitäten, auf die wir gewartet haben, und die es so dargestellt noch nicht gegeben hat.“ Nur Frau Löffler hatte wie üblich etwas zu bekritteln („Ein sehr eng umschriebenes Milieu, ein überschaubares Ambiente“).

Tags darauf kaufte ich mir das Buch in der Bielefelder Universitätsbuchhandlung und begann sofort zu lesen. Es war ganz nach meinem Geschmack. Die Geschichten spielten in einer Welt, die mir fremd war, aber gerade dadurch eine große Anziehungskraft auf mich ausübte. Waren wir damals eigentlich schon auf dem Sprung nach Berlin? Jedenfalls hat wohl auch dieses Buch dazu beigetragen, vier Jahre später endlich diesen Schritt zu wagen. Eine tiefe Melancholie durchzieht diese Erzählungen; ihr besonderer Zauber liegt in der sprachlichen Verknappung und den vielfältigen zarten Andeutungen. Nun ist es eine Binsenweisheit, dass jeder Leser eines Buches jeweils ein anderes Buch liest. Doch diese Geschichten mit ihren vielen Leerstellen fordern die Phantasie des Lesers auf besondere Weise heraus. Die Tragik dieser Autorin liegt darin, dass sie in ihren späteren Veröffentlichungen niemals wieder auch nur annähernd dieses hohe erzählerische Niveau erreichen konnte. (So ist das, wenn eine junge, hoffnungsvolle Autorin durch die Verwertungsmühlen des Literaturbetriebs gedreht wird.) Doch ändert dies – auch im Rückblick nach zwei Jahrzehnten – nichts am einzigartigen Rang von „Sommerhaus, später“.

Es versteht sich von selbst, dass man bei erneuter Lektüre mit großem zeitlichen Abstand wiederum ein anderes Buch liest. Besonders aufgefallen ist mir erst jetzt die – eigentlich sehr traditionelle – Immobilien-Metaphorik, vor allem in der Titelgeschichte. „Riesig und fremd und schön“ wirken die Häuser in der Frankfurter Allee auf die Ich-Erzählerin. Sie hat den Blick der jungen West-Berliner jener Zeit, denen sich neben ihrer alten Stadt plötzlich und unerwartet eine andere, neue geöffnet hat, die es zu entdecken gilt. Der junge, schöne (aus dem Osten stammende!) Taxifahrer, der die Ich-Erzählerin immer wieder durch die Frankfurter Allee kutschiert, während sie Massive Attack hören, versucht einiges, um ihre Liebe zu gewinnen. In ihrer freizügigen Künstler-Clique fühlt er sich nie so richtig wohl. Obwohl es hinsichtlich ihrer Freundinnen heißt: „Er vögelte sie alle“, ist es am Ende doch nur die Ich-Erzählerin, die ihm etwas bedeutet. Schließlich geht er aufs Ganze und kauft – nur für sie! – ein verfallenes Sommerhaus in Brandenburg, um ihr darin gewissermaßen ein Nest zu bauen. Kaufpreis: 80.000 Mark. („Woher hast du 80.000 Mark??“ „Du stellst die falschen Fragen.“) Sie muss nur noch einziehen. Aber ihr geht das zu schnell. Monatelang lässt sie alle seine Postkarten unbeantwortet; wenn aber mal einen Tag keine kommt, ist sie enttäuscht. „Später“, denkt sie. Am Ende hat sie zu hoch gepokert, und die Katastrophe nimmt ihren Lauf. Oder liegt gerade hierin der ultimative Liebesbeweis?

Ebenfalls um ein Sommerhaus geht es in der Erzählung „Diesseits der Oder“, die mir schon damals besonders gefallen hat. Ein 47-jähriger Berliner Drehbuchautor verbringt die warme Jahreszeit mit Frau und kleinem Kind im Oderbruch. „Alles Schwachsinn. Er reibt sich die Augen und fühlt sich müde. Die Zeiten, in denen er jedermann: ‚Was denkst du?‘ und ‚Was machst du?‘ gefragt hat, sind vorbei. Koberling kann sich nicht vorstellen, diese Fragen überhaupt je gestellt zu haben. Widerliche, fast peinvolle Erinnerung an nächtelanges Kneipenhocken, an Idealaustausch, Illusionszertrümmerung, emporgezüchtete Gemeinschaftlichkeit. Verlogen alles, denkt Koberling.“ Und: „Liegenbleiben. Einfach liegenbleiben, im Erschöpfungszustand, in der Schaukel zwischen Wachen und Träumen. Niemals hat er sich am Morgen, nach achtstündigem Schlaf, erfrischt und ausgeruht gefühlt. Immer erschöpft. Früher, in den Nächten in seiner Einzimmerwohnung, Berlin und Winter, war er eingeschlafen mit einem Grauen vor all den Tagen, Monaten, Jahren, die da noch auf ihn warteten. Eine Zeit. Eine Zeit, die ausgefüllt, besiegt, zunichte gemacht werden musste. Dann kam Constanze…“ Einen solch tiefen Blick eines so jungen schreibenden Menschen in die Seele seiner literarischen Figuren gab es wohl zuletzt 1901, als Thomas Mann 25-jährig die „Buddenbrooks“ verfasste…

Die vielleicht verstörendste Geschichte in „Sommerhaus, später“ ist „Sonja“. Beim erneuten Lesen konnte ich mich kaum noch an irgendwelche Einzelheiten der Handlung erinnern, und schon gar nicht an das Ende, dafür aber sehr genau an die Atmosphäre: Berlin der Nachwendezeit, verfallene Häuser, riesige Altbauwohnungen mit Kohleofenheizungen, Partys mit Tom Waits-Beschallung und absonderlichen Gesprächen unter absonderlichen Menschen. Ein Künstler, dessen Leben anfangs in ruhigen Bahnen verläuft, trifft auf eine kleine exzentrische junge Dame, die sich beharrlich in sein Leben drängt und ihn schließlich emotional von sich abhängig macht…

Und schließlich spielt noch eine der Geschichten weit weg von Berlin, auf einer Karibikinsel, wo zwei Freundinnen zusammensitzen. „Das Spiel heißt ‚Sich-so-ein-Leben-vorstellen‘, es hat keine Regeln. Man kann es spielen, wenn man auf der Insel abends bei Brenton sitzt, man sollte zwei, drei Zigaretten rauchen und Rum-Cola trinken…“ Von diesen kleinen, feinen, so sehr dem damaligen Zeitgeist verhafteten und dennoch ganz zeitlosen Erzählungen kann man sich immer wieder aufs Neue bezaubern lassen.

Judith Hermann
Sommerhaus, später
Fischer Taschenbuchverlag
192 Seiten; 12,00 Euro
ISBN: 978-3-596-14770-0

www.justament.de, 10.9.2018: Der Fetischcharakter des Sparens

Verlängert bis 4. November: Die Ausstellung „Sparen – Geschichte einer deutschen Tugend“ in Berlin

Thomas Claer

Sonderausstellungen in unseren Museen sind oftmals fragwürdige und regelmäßig hochkommerzielle Angelegenheiten. Kein Thema ist dann zu abgedroschen und keine These zu platt, um endlich einmal wieder die Massen in unsere Kulturtempel zu locken – und das zu einem Vielfachen des sonst üblichen Eintrittspreises. Doch manchmal können Sonderausstellungen auch wahre Glücksfälle sein. Dann führen sie dem interessierten Besucher ihm bislang Unbekanntes vor Augen oder eröffnen ihm neue Sichtweisen auf Altbekanntes, sodass er allemal auf seine Kosten kommt.

Um Kosten und insbesondere um deren Vermeidung geht es auch im Deutschen Historischen Museum Unter den Linden, und das schon seit einem halben Jahr. Gerade ist dort die Sonderschau „Sparen – Geschichte einer deutschen Tugend“ außerplanmäßig bis zum 4. November verlängert worden. Wer sie bisher noch nicht gesehen hat, sollte dies unbedingt nachholen, denn es lohnt sich in diesem Falle wirklich. Dabei ist es keineswegs die Fülle des gezeigten Materials, die heraussticht, denn die ist durchaus überschaubar. Doch wird hier sehr gezielt auf eine vielleicht spezifisch deutsche Traditionslinie aufmerksam gemacht, die gegenwärtig besonders in der Diskussion steht: den deutschen Hang zur Sparsamkeit. Nun wird es zweifellos in aller Welt sparsame Menschen geben, doch dass hierzulande diese Tugend über Jahrhunderte und sogar über alle Systemgrenzen hinweg mit solch einer Inbrunst öffentlich propagiert wurde (wie viele der gezeigten Ausstellungsstücke beweisen, insbesondere die Plakate), das macht den Deutschen so leicht keiner nach. Ob in den feudalen Kleinstaaten, im Kaiserreich oder der Demokratie, ob bei den Nazis oder den Kommunisten: Immer gab es das Bestreben, die Bürger respektive Untertanen zur Bildung monetärer Rücklagen zu animieren – und dies zwar aus jeweils unterschiedlichen Anlässen, aber doch zumeist aus ähnlichen Gründen. Steckt die Sparsamkeit also womöglich in der deutschen kulturellen DNA? Sind wir gleichsam historisch belastet, wenn man uns international immer nachdrücklicher unsere notorisch positive Leistungsbilanz und unsere herzlosen Spar-Diktate gegenüber den überschuldeten Südländern vorhält?
Selbst im modernen Kapitalismus, in dem es doch eigentlich um die Förderung des Konsums zur Ankurbelung der Binnennachfrage gehen sollte, stand und steht hierzulande das Sparen hoch im Kurs. Oder gibt es hier womöglich gar keinen Widerspruch, weil das Sparen zu den kapitalistischen Grundtugenden gehört? Niemand anders als Karl Marx hat dies genau so gesehen. Seine zu Recht effektvoll positionierten Zitate gehören zu den Highlights der Ausstellung. Man muss es sich auf der Zunge zergehen lassen: „Der Schatzbildner opfert daher dem Goldfetisch seine Fleischeslust. Er macht Ernst mit dem Evangelium der Entsagung. … Arbeitsamkeit, Sparsamkeit und Geiz bilden daher seine Kardinaltugenden, viel verkaufen, wenig kaufen, die Summe seiner politischen Oekonomie.“ Beinahe jeder hat schon vom „Fetischcharakter der Ware“ im Kapitalismus gehört, aber der Fetischcharakter des Sparens – der wurde wohl bislang selbst von Marxisten unterschätzt. Begreift man den Fetisch als Ersatzbefriedigung für etwas anderes, in der Regel Sexuelles, dann liegt hier womöglich sogar eine der geheimen Antriebskräfte des deutschen „Exportwunders“ und unserer Haushaltssolidität verborgen. Seine Fleischeslust dem Goldfetisch opfern? Hierzu passen im Übrigen auch Erkenntnisse der modernen Hirnforschung, wonach dieselben Gehirnregionen sowohl bei sexueller Aktivität als auch bei der Geldvermehrung aktiviert werden. Nur mit dem Unterschied, dass letztere auch noch in fortgeschrittenem Alter funktioniert… Fazit: Die 8 Euro Eintrittsgeld für diese Ausstellung sind ein lohnendes Investment.

Sparen – Geschichte einer deutschen Tugend
23. März verlängert bis 4. November 2018
Eine Ausstellung des Deutschen Historischen Museums in Zusammenarbeit mit der Berliner Sparkasse
Eintritt: 8 Euro

www.justament.de, 27.8.2018: Der Weg war das Ziel

Recht cineastisch, Teil 32: „303“ – ein Roadmovie von Hans Weingartner

Thomas Claer

Sommer in Berlin, vorlesungsfreie Zeit. Zwei einander zunächst noch unbekannte 24-jährige Studenten machen sich jeweils kurzentschlossen auf nach Spanien: Biologie-Studentin Jule (Mala Emde), um ihren dort lebenden Freund Alex im persönlichen Gespräch von ihrer gerade erst festgestellten Schwangerschaft in Kenntnis zu setzen, und Politologie-Student Jan (Anton Spieker), um dort endlich einmal seinem biologischen Vater zu begegnen. So beginnt „303“, der neue Film des österreichischen Regisseurs Hans Weingartner („Die fetten Jahre sind vorbei“). Jule fährt eigenhändig ein 30 Jahre altes Wohnmobil vom Typ Mercedes 303 (daher der Name des Films), Jan hat Ärger mit der Mitfahrzentrale und steigt an der Tankstelle, nachdem er bei mehreren anderen Autofahrern abgeblitzt ist, schließlich in Jules Fahrzeug. Man weiß ja schon, was kommen wird. Denn wie bei allen Liebenden hat es natürlich auch zwischen Jule und Jan bereits beim ersten Blickkontakt gefunkt. Hach, und wie nervös und schüchtern die beiden sind, während sie langsam miteinander ins Gespräch kommen. (Wirklich sehr überzeugend gespielt von den beiden Hauptdarstellern!)
Aber all das braucht natürlich Zeit, und genau davon ist, welch ein Glück, reichlich vorhanden, so unterwegs auf freier Strecke quer durch Europa. Das Wohnmobil tuckert gemächlich vor sich hin. Überall, wo es schön ist, wird Station gemacht. Beide haben keinen Termindruck. Dafür steigt dann aber, zumal bei diesen jungen Menschen, allmählich der Hormondruck… Klar, der Film ist reichlich idealisierend. Das Nachtparkproblem (überall Abstellverbote oder horrende Gebühren) kommt ebenso wenig vor wie die meist beschwerliche Suche nach den sehenswertesten Orten (die von den beiden ohne Ausnahme mühelos und auf Anhieb gefunden werden). Macht nichts, den üblichen Reisestress will ja ohnehin keiner sehen. Stattdessen erleben wir ausschweifende Grundsatzdiskussionen zwischen den beiden Helden über so ziemlich alle großen Fragen der Menschheit: von der Kapitalismuskritik bis zum Darwinismus. Die beiden gehören nämlich zu den seltenen Vertretern ihrer Generation, die an so etwas große Freude haben. Da haben sich wirklich zwei gefunden. Und dass beide in vieler Hinsicht unterschiedlicher Meinung sind, ist der gegenseitigen Attraktion dabei keineswegs abträglich…

Aber mehr als Reden und Sich-verliebt-Ansehen ist vorerst nicht erlaubt. Denn Jule ist ja schließlich anderweitig fest liiert und hat so ihre Prinzipien (und glaubt noch dazu, schwanger zu sein, was sie Jan aber noch nicht erzählt hat). Mit der Zeit driften ihre Gespräche jedoch immer mehr ab in Richtung Liebe, Partnerschaft, Verhältnis zwischen den Geschlechtern. Nicht ganz uneigennützig singt Jan, dem es immer schwerer fällt, sich zurückzuhalten, ein Loblied auf die Polygamie und konfrontiert die noch standhafte Jule mit offensichtlich frei erfundenen Zahlen („Sowieso gehen doch 80 Prozent fremd“) und der Geschichte von dem Ehepaar, das eine Holzschale im Flur stehen hat, in die im Falle gelegentlicher außerehelicher Aktivitäten der betreffende Teil seinen Ehering vorübergehend hineinlegt, was der Andere dann jeweils zu respektieren hat. So wird Jule langsam, aber sicher weichgeklopft. Am Strand in Südfrankreich küssen sie sich dann endlich. Zumindest denkt man das, aber sie küssen sich dann doch nicht: In letzter Sekunde verfehlen sich ihre Münder. Und dieses Schauspiel wiederholt sich später noch mehrere Male. Selten hat man ein Kinopaar gesehen, das sich so leidenschaftlich nicht geküsst hat. Das Ende des Films soll hier nicht verraten werden. Nur so viel, dass beide das ursprüngliche Ziel ihrer Reise letztlich aus den Augen verlieren.
Ein sehenswerter Film also, keine Frage, der schon sehr an Linklaters „Before Sunrise“ (1994) erinnert. Ganz so gut wie dieser ist er aber dann doch nicht. Allerdings könnte dieses Urteil des Rezensenten auch mit dessen altersbedingt ein wenig nachlassenden Begeisterungsfähigkeit zusammenhängen…

303
Deutschland 2018
Regie: Hans Weingartner
Drehbuch: Hans Weingartner
145 Minuten, FSK: 12
Darsteller: Mala Emde, Anton Spieker u.v.a.