justament.de, 4.5.2026: Der grollende Osten (4)
Kassandra von der Pleiße: Jana Hensel mit “Es war einmal ein Land”
Thomas Claer
Was ist da los im Osten Deutschlands? Eine Menge Bücher sind in den letzten Jahren schon über die andauernde Malaise in den deutschen Beitrittsgebieten von 1990 erschienen. Nun hat sich auch noch die Journalistin Jana Hensel, geboren 1976 in Leipzig, mit einem einschlägigen Buchtitel zu Wort gemeldet. Sie tut das genau 25 Jahre nach ihrem Erfolgsbuch “Zonenkinder”, das auf sehr gelungene Weise die damalige Befindlichkeit der ersten Nachwende-Generation im Osten thematisierte. Jener Generation, die in ihrer Kindheit noch viel von der alten DDR mitbekommen, sich später aber mit ihren ganz anders geprägten Altersgenossen aus dem Westen auseinanderzusetzen hatte, die begreiflicherweise zumeist nur wenig Interesse am Osten mitbrachten.
Was also kann ein weiteres Buch über dieses leidige Thema aktuell noch leisten? Mehrere exzellente Autoren, das ist der große Nachteil für Jana Hensel, haben hierzu eigentlich schon so ziemlich alles, was der Fall ist, zusammengetragen und aufgeschrieben. Doch ergibt sich für sie immerhin der erhebliche (wenn auch von ihr gänzlich unerwünschte) Erkenntnisvorteil, dass die fatale Entwicklung mittlerweile noch weiter fortgeschritten ist, sodass inzwischen manch düsteres Zukunftsszenario längst bittere Realität geworden ist: Die extrem rechte AfD ist, wenn man die aktuellen Umfragen zugrunde legt, überall in Ostdeutschland mit großem Abstand die stärkste Partei, und selbst absolute Mehrheiten für sie bei den Landtagswahlen im Herbst erscheinen nicht mehr ausgeschlossen. Sogar auf Bundesebene liegt diese Partei nun deutlich an erster Stelle. Wie konnte das passieren?
Dem auf den Grund zu gehen, hat die Autorin sich vorgenommen, und beleuchtet im ersten Drittel ihres Buches “Die Geschichte von ihrem Ende her denken” die Nachwendejahre bis zur Gegenwart vornehmlich aus ostdeutscher Perspektive. Drei tiefe Kränkungen in diesen Jahren für die Menschen im Osten hat sie herausgearbeitet: Zuerst die Massenarbeitslosigkeit von Millionen eigentlich gut ausgebildeteten Fachkräften ab 1990, dann die Schröderschen Agenda-Reformen 2002/03, mit denen die staatlichen Transferleistungen für deren Bezieher drastisch abgesenkt wurden, was vor allem auch sehr viele Ostdeutsche getroffen hat, für die es seit der Wiedervereinigung auf dem Arbeitsmarkt keine Verwendung mehr gab. Die dritte Kränkung war dann die Aufnahme von Millionen Flüchtlingen in Deutschland, zuerst ab 2015 und dann erneut ab 2022, was offenbar den Neid von vielen Ostdeutschen auf diese angefacht hat (auf Menschen wohlgemerkt, die in beiden Fällen vor Wladimir Putins Bomben geflüchtet sind!). Man kann die Analyse sicherlich als zutreffend ansehen, zumal die Autorin deutlich macht, dass sie für die erste Kränkung der Ostdeutschen volles und auch für die zweite noch weitgehendes Verständnis aufbringt, für die dritte dann allerdings nur noch ein sehr begrenztes, was sich auch vollkommen mit der Ansicht des Rezensenten deckt.
Eher problematisch, vor allem auch methodisch, ist dann aber, wie die Verfasserin das Wahlverhalten der Menschen in Ost und West in den dreieinhalb Jahrzehnten seit der Vereinigung miteinander vergleicht. Dabei addiert sie jeweils die Ergebnisse von SPD, Grünen und PDS/Linkspartei und spricht von einem “progressiven Lager”, das anfangs im Westen, später im Osten stärker gewesen sei, wobei sich hier auch “progressive Traditionen” aus der DDR bemerkbar gemacht hätten (was besonders kritsch zu hinterfragen wäre, zumal sie darauf auch im hinteren Teil des Buches nur sehr knapp eingeht). Erst in den letzten zehn Jahren hätte dann der Osten deutlich “rechter” gewählt als der Westen. Letzteres kann man sicherlich so sagen. Der Erkenntnisgewinn aus dieser Lagerbetrachtung bleibt jedoch vor allem deshalb so gering, weil die große Mehrzahl der Wähler vermutlich generell, aber ganz besonders unter denen in Ostdeutschland ihre Wahlentscheidungen keineswegs zuvörderst aufgrund bestimmter Parteiprogramme getroffen haben dürfte, sondern vielmehr aus einer Melange aus spezifischen Personalvorlieben und -abneigungen, Empfänglichkeit für populistische Verkürzungen und Verdrehungen sowie überkochenden Emotionen (welche gezielt und treffsicher zu bewirtschaften wohl das eigentliche Erfolgsgeheimnis der AfD nicht nur in Ostdeutschland ist). Sehr wahrscheinlich hat eine große Gruppe von Menschen im Osten früher die PDS/Linkspartei und später dann die AfD vor allem deshalb gewählt, weil sich dadurch am wirkungsvollsten gegen “den Westen” und “die da oben” protestieren ließ. Jana Hensel weiß das alles natürlich genau (wie sich in den hinteren Kapiteln ihres Buches zeigt), blendet es aber an dieser Stelle aus, vermutlich um ihre Argumentation zu retten, deren Schlüssigkeit sich zumindest punktuell bezweifeln lässt.
Hierdurch etwas skeptisch geworden beginnt man dann mit der Lektüre des mittleren Teils, in dem die Autorin ausführliche Interviews mit den AfD-Politikern Tino Chrupalla und Maximilian Krah sowie einem jungen rechtsextremistischen Vordenker geführt hat, der als Mitarbeiter eines AfD-Bundestagsabgeordneten arbeitet, jedoch wegen seiner Vergangenheit in der militanten rechten Szene nicht Mitglied dieser Partei werden darf. Ist es wirklich eine gute Idee, solche Leute zu Wort kommen zu lassen?, fragt man sich. Wertet man sie dadurch nicht nur immer weiter auf? Jana Hensel schildert selbst ihre erheblichen Bedenken, hält es aber zum Verfassen eines solchen Buches, wie sie schreibt, sogar für ihre Pflicht, sich mit diesen Personen in solcher Weise auseinanderzusetzen.
Und plötzlich wird wird das Buch dann richtig interessant. Man mag es gar nicht mehr weglegen. Hier zeigt die Autorin, was sie kann – nämlich einfühlsame Interviews führen, um so ihren Gesprächspartnern auf den Zahn zu fühlen. Sie befragt die Betreffenden nicht nur nach den Sachthemen der Gegenwart, sondern will von ihnen auch wissen, was sie vor zehn, vor zwanzig und vor dreißig jahren gemacht und gedacht haben. Sie erkundigt sich sogar nach deren Kindheit und deren Elternhäusern. Und so erschließt sich tatsächlich, wo und wann diese Menschen falsch abgebogen, politisch auf die schiefe Bahn geraten sind. Es zeigt sich nebenbei auch, dass Krah ein weitaus unangenehmerer Typ ist als Chrupalla, der lange Jahre als grundsolider Handwerker gearbeitet hat und ein zufriedener Staatsbürger gewesen ist, bis seine Firma in die Insolvenz ging und er sich auf der Suche nach Schuldigen zusehends radikalisiert hat. Bei Krah war es das wiederholte Scheitern seiner heiß ersehnten politischen Karriere in der CDU (aus sehr nachvollziehbaren Gründen übrigens), das ihn zur AfD getrieben hat. Fast immer sind es, wie sich dann auch aus den weiteren Kapiteln des Buches erschließt, beruflich oder anderweitig gescheiterte und unglückliche Menschen, die nach diversen Schicksalsschlägen zur AfD gekommen sind und dort neues Selbstbewusstsein bekommen haben: als Teil eines vermeintlichen Opfer-Kollektivs, das nun die angeblich Schuldigen am eigenen Unglück ausgemacht hat und es den “Eliten” nun aber mal so richtig zeigen will. Es funktioniert ganz ähnlich wie bei den Trump-Wählern in Amerika und bei den Brexit-Befürwortern in Großbritannien. Und es funktioniert leider auch weiterhin bedrohlich gut…
Auch die restlichen Kapitel des Buches, die aus weiteren Interviews bestehen, können rundum überzeugen. Es werden zunächst “Abgefriftete” porträtiert, die sich oftmals regelrecht aus Verzweiflung radikalisiert oder in zweifelhafte Gesellschaft begeben haben. So hat ein früherer MDR- und Tagesschau-Journalist ein kritisches Buch über Misstände im öffentlich-rechtlichen Rundfunk geschrieben, aber landauf und landab keinen Verlag gefunden, der es drucken wollte. Nun publiziert er es in einem rechttsradikalen Kleinverlag, und die völkische Bewegung benutzt ihn als Kronzeugen gegen die angebliche “Lügenpresse”.
Im letzten ausführlichen Kapitel mit dem Titel “Die Wehrhaften” kommen dann noch Personen zu Wort, die aufopferungsvoll die Demokratie in Ostdeutschland verteidigen. Leider stehen sie immer mehr auf verlorenem Posten, weil sich insbesondere im ländlichen und kleinstädtischen Raum längst gesellschaftliche Mehrheiten auf den Weg der Abschottung, Abkapselung und Demokratieverachtung begeben haben. Auf die Flüchtlinge, die sich mittlerweile in den zumeist von massiver Abwanderung gekennzeichneten Gebieten angesiedelt haben und dort mitunter schon zehn oder mehr Prozent der Bevölkerung ausmachen, reagieren sie mit Ausgrenzung und unverhohlenem Rassismus. Statt sich über die neue Besiedlung ihrer entvölkerten Regionen zu freuen, die doch ein Anlass zur Zuversicht sein sollte, tun sie wirklich alles dafür, dass Deutschlands Osten in aller Welt einen schlechten Ruf bekommt und etwaige künftige Investoren ebenso abgeschreckt werden wie dringend benötigte Fachkräfte, etwa im Gesundheitswesen. Feine Patrioten sind das!
Mit dem kurzen Schlusskapitel versucht Jana Hensel, ihrem Buch noch einen zumindest ansatzweise optimistischen Ausblick zu geben, aber sie bemerkt dabei selbst, dass ihr das kaum gelingt. Zwar erwartet sie nicht, womit sie auch richtig liegen dürfte, dass die AfD in westlichen Bundesländern oder gar auf Bundesebene in absehbarer Zeit an die Macht kommen wird. Doch sieht sie nicht, wie sich der verhängnisvolle Trend in Ostdeutschland noch aufhalten lassen könnte. Dort erscheinen ihr absolute Mehrheiten für die AfD nur noch eine Frage der Zeit zu sein, was dann natürlich auch für Deutschland insgesamt eine Katastrophe wäre, die alle bestehenden Ost-West-Unterschiede nochmals stärker und anhaltender zementieren würde. Hoffen wir, dass uns ein solches Szenario erspart bleiben wird.
Jana Hensel hat – trotz besagter Schwächen im vorderen Teil – ein in der Summe sehr interessantes und aufschlussreiches Buch geschrieben, das der Ost-Problematik viele neue Facetten abgewinnt und dessen Stärke in den eindrucksvollen Interviews und Porträts der involvierten Personen liegt.
Jana Hensel
Es war einmal ein Land. Warum sich der Osten von der Demokratie verabschiedet
Aufbau Verlag, 2026
263 Seiten; 22,00 Euro
ISBN: 978-3-351-04288-2
justament.de, 6.4.2026: Liebling Prenzlauer Berg aus Rostock
Späte Entdeckung: Der 2019 erschienene Roman “Alles richtig gemacht” von Gregor Sander
Thomas Claer
Dieses Buch hatte ich vor längerer Zeit mal aus einer Bücherbox gefischt, aber dann lag es viele Monate (oder waren es sogar Jahre?!) nur auf meinem Schreibtisch herum. Lesen wollte ich es unbedingt, ich kam nur nie dazu. Ein in Berlin lebender Autor, Jahrgang 1968, der aus Schwerin stammt, die Hauptfigur seines Romans ein in Rostock aufgewachsener Rechtsanwalt in Berlin – schon das erschien mir sehr vielversprechend. Dass die Lektüre dann aber tatsächlich so interessant sein würde, damit hatte ich nicht unbedingt gerechnet. “Alles richtig gemacht” von Gregor Sander aus dem Jahr 2019 ist ein veritabler Gesellschaftsroman über das Leben in Berlin seit den frühen Neunzigern sowie über die Vorwende-, Wende- und unmittelbare Nachwendezeit in Rostock und Umgebung. Auf nur 238 Seiten entfaltet der Verfasser ein komplexes Panorama gesellschaftlicher Entwicklungen. Eine Vielzahl der maßgeblichen politischen und sozialen Ereignisse jener Jahre kommt darin vor und spiegelt sich in den Romanfiguren, die ganz überwiegend aus Mecklenburg-Vorpommern stammen. Über weite Strecken könnte man sogar von einem großen Gesellschaftsroman sprechen, nur leider bleibt der Schluss dann doch ein wenig hinter den Erwartungen zurück.
Der Plott ist meisterhaft komponiert, alle Fäden laufen zum Ende hin zusammen. Die Erzählweise ist flüssig, lakonisch flapsig und immer wieder auch bemerkenswert witzig. Die Figuren reden und handeln eigentlich ganz ähnlich wie jene in den Büchern von Judith Hermann (abzüglich ihrer Traumverhangenheit, versteht sich) oder Sven Regener. Es wird geraucht und gesoffen, was das Zeug hält, und auch die einschlägigen Partydrogen kommen immer wieder in Spiel. Doch bringt der Ost-Hintergrund der Akteure allein schon durch die zeittypischen Nachwendedramen in ihren Familien einen ganz anderen existentiellen Erst mit sich. Insbesondere aber würde man in einem solchen Berliner Party-WG-Umfeld nicht unbedingt jemanden vermuten, der sein Jurastudium mit Prädikatsexamen abschließt, anschließend promoviert und dann als erfolgreicher Anwalt seinen Weg geht, wie es bei der Hauptfigur dieses Romans der Fall ist. Doch fast alles Beschriebene wirkt plausibel.
Zweifellos hat der Autor, der selbst Germanistik und Geschichte studiert hat, akribisch gearbeitet und auch juristische und medizinische, Kunst- und Finanzexperten zu Rate gezogen. Doch ist ihm zumindest an einer Stelle ein offensichtlicher Lapsus unterlaufen: Die Protagonisten fliegen, wie es im Roman heißt, erst nach dem 11. September 2001 nach New York, von wo aus sie mit einer größeren Geldsumme nach Berlin zurückkehren. Da kann es nicht sein, dass einer von ihnen anschließend sein Geld in Dot.com-Aktien anlegt, die allesamt durch die Decke gehen, denn die Dot.com-Blase ist bekanntlich schon im April 2000 geplatzt. (Das weiß ich so genau, weil ich damals als ahnungsloser Student auf dem höchsten Punkt eingestiegen bin. Aber das ist ein anderes Thema…) Zudem wäre zumindest erklärungsbedürftig, wie der Immobilienkauf der beiden anderen Protagonisten in Berlin im Jahr 2007 (wo die Preise sich auf dem absoluten Tiefpunkt befanden) ablaufen konnte, denn in solchen Fällen gibt es in der Regel eine Anfrage vom Finanzamt nach der Herkunft der Gelder, wenn diese sich nicht aus den Umständen erchließt. (Auch das weiß ich aus persönlichem Erleben.)
Doch sei es drum. Unter dem Strich ist “Alles richtig gemacht” ein toller Roman , der neugierig macht auf weitere Werke dieses Autors.
Gregor Sander
Alles richtig gemacht. Roman
Penguin Verlag 2019
239 Seiten; 20,00 Euro
ISBN: 978-3-328-60667-3
justament.de, 30.3.2026: Lässig wie ein Tiger
Scheiben Spezial: Vor 50 Jahren erschien der Song “Schmidtchen Schleicher” von Nico Haak
Thomas Claer
“Schmidtchen Schleicher” war mein Lieblingslied im Kindergarten. Immerzu lief dieser Song seinerzeit im Radio und auch sonst überall, und wir kleinen Knirpse sangen ihn lauthals mit, so oft es ging. Schon lange vor meiner Einschulung kannte ich den Text auswendig und konnte auch präzise den holländischen Akzent des Sängers Nico Haak imitieren. Dieser rasante schlagerhafter Popsong hatte alles, was ein gutes Lied haben sollte: Ohrwurm-Melodie, swingenden Rhythmus, einen witzigen Text und einen charismatischen Sänger mit lustiger Aussprache. Manchmal korrigierten uns die Kindergarten-Erzieherinnen, wenn wir den Text von “Schmidtchen Schleicher” nicht richtig verstanden hatten.
Was ich damals noch nicht wissen konnte: Ursprünglich war dieses Lied unter dem Titel “Foxy Foxtrot” auf Holländisch erschienen. Sein Sänger Nico Haak, der in Deutschland erst durch diesen Song bekannt wurde, war in den Niederlanden ein beliebter Show-Man und Entertainer. Während der deutsche Text von einem begeisterten Hobby-Tänzer und Party-Löwen handelt, einem Frauen-Schwarm mit Allerweltsnamen und Alkoholproblem, ist der holländische Original-Text allein auf das Foxtrott-Tanzen seines Protagonisten fokussiert, das dieser, so heißt es dort, auch noch bis ins sehr hohe Alter fortzusetzen gedenke. Für seinen Interpreten Nico Haak endete dieser allzu konkrete Zukunfts-Ausblick allerdings tragisch, denn er verstarb bereits 1990 im Alter von gerade einmal 51 Jahren.
Ganz ähnlich hat dieser Fluch des übergenauen Zukunfts-Szenarios beim Hamburger-Szene-Sänger Lonzo Westphal gewirkt, der sich im berühmten Song “Hamburg 75” detailliert als künftiger Insasse eines Altersheims im fernen Jahr 2010 beschrieben hatte, tatsächlich jedoch bereits 2001 im Alter von erst 49 Jahren das Zeitliche segnete. Entsprechend groß war die spätere Erleicherung beim Schweizer Performance-Künstler und Yello-Musiker Dieter Meier, der auf der Documenta 1972 eine gusseiserne Platte auf dem Bahnhofsplatz von Kassel installieren lassen hatte, die ankündigte, dass er, Dieter Meier, dort am 23. März 1994 von 15 bis 16 Uhr stehen werde – was er 22 Jahre später dann auch wirklich tat. Ihm sei, so Meier im Nachhinein, nicht wohl dabei gewesen, das Schicksal auf diese Weise herausgefordert zu haben, denn es hätte ja auch etwas dazwischenkommen können…
Der Text der deutschen “Foxy Foxtrot”-Version “Schmidtchen Schleicher” behandelt im übrigen ein spezifisches Phänomen der insbesondere deutschen Nachkriegszeit, nämlich den von vielen Damen umschwärmten männlichen Frauenliebling (“Alle Frauen werden weich / Wenn ich lässig wie ein Tiger über den Tanzboden schleich”). Wie auch in “Mit 18” von Marius-Müller-Westernhagen (“An Mädchen hat es uns nie gemangelt, auch ohne ‘n dickes Konto”) macht sich hier der in diesen Generationen erhebliche Frauen-Überschuss infolge der zahlreichen männlichen Weltkriegstoten und -versehrten bemerkbar. Nämliches war auch schon nach dem Ersten Weltkrieg in der Weimarer Republik der Fall. (“Du hast Glück bei den Frau’n, Bel Ami” von Lizzi Waldmüller oder “Ich brech’ die Herzen der stolzesten Frau’n” von den Commedian Harmonists). Und so heißt es bei Nico Haak: “Dann liegen sie in seinen Armen, den weichen / Und flüstern ‘Schmidtchen, ist das schön, mit dir zu schleichen”. Von einem solchen geballten Interesse seitens des weiblichen Geschlechts können heutige Männer nur träumen; insbesondere in weiten Teilen Ostdeutschlands, deren Population einen massiven Männer-Überschuss aufweist.
justament.de, 26.1.2026: NDW-Girlie wird 70
Inga Humpe alias Inga DiLemma zum Jubiläumsgeburtstag
Thomas Claer
Zu den prägendsten Frauengestalten der deutschen Musikszene zählen natürlich bis heute die Humpe-Schwestern – und ganz besonders Inga, die jüngere der beiden. Es waren die Jahre des großen musikalischen Aufbruchs, damals, in den späten Siebzigern, als Inga Humpe, die aus dem westfälischen Hagen stammte, ihrer älteren Schwester Annette ins Aussteiger-Paradies West-Berlin folgte und dort zunächst an der FU ihr in Aachen begonnenes Studium der Kunstgeschichte und Komparatistik fortsetzte. Doch schon bald gründete sie mit ihrer Schwester und ein paar Jungs die legendäre Punk-/New-Wave-Formation Neonbabies, und fortan waren Inga DiLemma und Anita Spinetti, so die zeitgemäßen Künstlernamen der Humpe-Schwestern, ein unverzichtbarer Bestandteil der Neuen Deutschen Welle und gehörten zu den großen Attraktionen in der noch geteilten Stadt.
1984, da war Annette schon mit ihrer eigenen Band Ideal groß rausgekommen und Inga hatte mit DÖF den Single-Hit “Codo”, porträtierte Matthias Koeppel die beiden im Schlosspark Charlottenburg vor dem Mausoleum im Stil der “Prinzessinnengruppe” von Schadow als “Requiem für Luise”. Ein Jahr später fanden die NDW-Prinzessinnen auch wieder zu einem gemeinsamen musikalischen Projekt zusammen und veröffentlichen unter dem Namen “Humpe & Humpe” zwei ziemlich glatte Pop-Alben.
Der ganz große Durchbruch sollte für Inga Humpe aber erst nach dem Mauerfall kommen, als sie auf den sieben Jahre jüngeren Tommi Eckart traf, der bis heute ihr musikalischer und privater Partner geblieben ist. Das Paar bezog gemeinsam eine – wie man im Osten sagte – Zweiraumwohnung in Berlin-Mitte und hatte damit auch bereits seinen Bandnamen gefunden. Es folgten neun CDs von 2Raumwohnung, die über Jahrzehnte hinweg so etwas wie einen Soundtrack des Berliner Lebensgefühls lieferten.
Überragend war Inga Humpe in all den Jahren vor allem als Sängerin, Komponistin und Texterin. Dass sie auch Keyboard spielen und Synthesizer bedienen konnte, galt als weniger von Belang. Nun ist sie 70, und mit Wilhelm Busch ließe sich sagen: Eins, zwei, drei, im Sauseschritt, düst die Zeit, wir düsen mit.
justament.de, 12.1.2026: Ein potentielles Schreckensjahr
Was uns 2026 noch blühen könnte. EIn besorgter Ausblick
Thomas Claer
So schlimm wird es schon nicht kommen. Das haben wir uns im vergangenen Jahrzehnt oft gedacht. Gekommen ist dann aber alles noch viel schlimmer. Dass die Engländer aus der Europäischen Union austreten könnten? Hätte niemand für möglich gehalten. Dass ein erfolgloser Immobilienhändler, aber notorischer Fernseh-Entertainer ohne die geringste weltpolitische Sachkenntnis oder Qualifikation amerikanischer Präsident werden könnte? Galt als ausgeschlossen. Dass er, nachdem er wieder abgewählt war, seine Anhänger das weiße Haus stürmen lassen und die Demokratie infrage stellen konnte, ohne dafür zu einer langjährigen Freiheitsstrafe verurteilt zu werden, dass dieser hochkriminelle Mensch sogar noch ein zweites Mal ins amerikanische Präsidentenamt gewählt werden könnte, hielt man für unmöglich. Dass Russland knapp drei Jahre zuvor die Ukraine überfallen könnte? Galt als unwahrscheinlich, denn es sollten doch alle Länder an blühenden Wirtschaftsbeziehungen in alle Richtungen interessiert sein, dachte man. Dass der impulsive Dilettant im weißen Haus nun tatsächlich die ganze Welt mit Zöllen überzieht und so den Welthandel gefährdet, dass er seine Bundesbehörde in amerikanischen Städten Jagd auf Einwanderer machen lässt, dass er den Armen der Welt die Entwicklungshilfe streicht und die USA aus fast allen internaltionalen Organisationen sowie dem Klimaschutz-Abkommen austreten lässt, dass er seinen NATO-Verbündeteten in den Rücken fällt und der geschundenen Ukraine die Unterstützung versagen will, dass er ein anderes Land überfällt, um dessen Ölquellen ausbeuten zu können, und nun die militärische Eroberung des Territoriums eines NATO-Mitgliedslands in Aussicht stellt? Hatte man damit gerechnet?
Man braucht mittlerweile gar nicht mehr viel Phantasie, um sich vorzustellen, wie es nun weitergehen könnte. Wenn es richtig blöd kommt, dann annektieren die USA in den kommenden Wochen im Handstreich Grönland, woraufhin Dänemark den NATO-Bündnisfall nach Artikel 5 ausruft. Da die NATO aber nicht militärisch gegen ihr stärkstes Mitgliedsland vorgehen kann, können die übrigen Mitglieder nur aufs Schärfste gegen die USA protestieren und über deren Ausschluss aus der NATO debattieren, was die USA dann zum Anlass nehmen, um selbst aus der NATO auszutreten und ihre Atomwaffen aus Europa abzuziehen. Russland sieht sich daraufhin als natürliche neue Führungsmacht in Europa. Nach der nun unvermeidlichen Kapitulation der Ukraine reklamiert Russland seine Ansprüche auf zunächst das Baltikum und Moldau, später auch auf die restlichen früheren Ostblock-Länder. Bei den Landtagswahlen im Herbst in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern siegt mit absoluter Mehrheit die AfD, die mit der Forderung nach guten Beziehungen zu Moskau in den Wahlkampf gezogen ist. Infolgedessen zerbricht nach endlosem Streit die schwarz-rote Regierungskoalition auf Bundesebene, und es werden Neuwahlen noch im alten Jahr abgehalten, bei denen die AfD dann zur stärksten Partei wird. In der Union erklärt man deshalb die Brandmauer für gescheitert und beschließt zur Anerkennung der neuen Realitäten eine Unterstützung der neuen AfD-Minderheitsregierung. Alice Weidel wird neue Bundeskanzlerin, woraufhin eine kulturelle und rechtliche Gleichschaltung der Gesellschaft nach dem Vorbild Ungarns einsetzt. Mittlerweile sind auch die Labour-Regierung in Großbritannien und Macron als französischer Präsident gestürzt worden. Jeweils vorgezogene Neuwahlen enden mit deutlichen Siegen von Reform UK und Rassemblement National. Nach einem Dreiertreffen mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin erklären die neuen Regierungsschefs Nigel Farage und Jordan Bardella übereinstimmend, sämtliche Atomwaffen ihrer Länder zur Erhöhung der allgemeinen Sicherheit in Europa vorsorglich unter die Kontrolle der Russischen Föderation zu stellen. Angesichts der anhaltenden Flüchtlingsströme gutsituierter Europäer erklären die Regierungen von Kanada, Australien und Neuseeland, dass sie nunmehr strenge Kontingente zur Begrenzung der irregulären Migration aus Europa einführen wollen…
Nein, ganz so schlimm muss es 2026 natürlich nicht kommen. Wir haben es, wie unser Bundeskanzler in seiner Neujahrsansprache zutreffend gesagt hat, noch selbst in der Hand. Zumindest teilweise.
Jahresende 2025: Ahnenforschung Claer, Teil 17
Um es kurz zu machen: Mein diesjähriger „Forschungsbericht“ muss leider schmal ausfallen, da ich zum einen im zurückliegenden Jahr aus verschiedenen Gründen kaum zum „Ahnenforschen“gekommen bin und zum anderen zwar nicht viel neues Material, aber doch immerhin mehr als nichts habe, sodass es mir nun doch vertretbar erscheint, meinen eigentlich angedachten Rückgriff auf die Flucht- und Übersiedlungsgeschichte meiner Eltern und mir aus der DDR noch um ein Jahr zu verschieben. Denn dann wird die Republikflucht meines Vaters zum Jahresende 1986, mit der es begann, genau 40 Jahre zurückliegen. Und mir wird, wenn ich denn rechtzeitig anfangen kann, auch mehr Zeit dafür bleiben, als sie mir jetzt noch bis zum Jahresende zur Verfügung steht…
1. Neues aus Ludwigswalde: Todeseintrag von Unterförster Friedrich Wilhelm Claere gefunden!
Nun haben wir ihn also doch noch entdeckt: den Todeseintrag unseres bislang ältesten gesicherten Vorfahren, meines Ururururgroßvaters, des Unterförsters Friedrich Wilhelm Klair/Clair in Ludwigswalde. Dort ist er 1799 als Vater „unseres“ Christian Friedrich Klair/Clair und 1802 als Vater von dessen jüngerem Bruder Johann Wilhelm Claer in Erscheinung getreten. Bislang kannten wir von ihm nur aus der Mundia-Datenbank, die ich früher mal einsehen konnte, dessen Lebensdaten: 1770-1815 – entnommen aus dem Stammbaum einer Familie Hart aus den USA, die vom Ludwigswalder Förster Johann Wilhelm Claer abstammt, also dem erwähnten jüngeren Bruder unseres Christian Friedrich.
Als ich vor mehr als einem Jahrzehnt die Ludwigswalder Kirchenbücher durchgesehen hatte, konnte ich Friedrich Wilhelms Todeseintrag um 1815 dort nicht finden, dafür aber viele andere Claers, die dann letztendlich – nachdem ein Schriftsachverständiger einmal drübergesehen hatte – alle keine waren. Nun hat mein Neffe 5. Grades Andreas Z. aber verdienstvollerweise mittels seines Ancestry-Datenbank-Zugangs doch noch den so lange gesuchten Todeseintrag gefunden.
Dort steht also im Feld des 1. Januars 1816 unter „gestorben in Ludwigswalde“:
„Friedrich Claere Unterförster 46 Jahre alt“
Mehr nicht. Bemerkenswert ist zunächst die Schreibweise: Claere hatten wir bisher noch nicht. Dies zeigt aber einmal mehr, wie willkürlich vor der Einrichtung von Standesämtern ab 1871 in Deutschland die Namen in den Kirchenbüchern geschrieben wurden.
Was geschah in der Silvesternacht 1815/16?
Außerdem springt aber das Todesdatum 1.1.1816 ins Auge. Im Mundia-Eintrag war es 1815. Diese Abweichung ließe sich noch erklären, denn so genau konnte damals sicherlich keiner feststellen, ob der Tod erst am 1.1.1816 oder bereits kurz zuvor am 31.12.1815 eingetreten ist. Doch schreibt mir Andreas Z.auch noch, dass in seinem Genealogieprogramm das Sterbedatum 21.12.1815 für Friedrich Wilhelm hinterlegt ist, und er nicht mehr weiß, wie es dort reingekommen ist. Könnte es vielleicht sein, dass Friedrich Wilhelm erst am Jahresende gefunden wurde, aber schon mehr als eine Woche zuvor gestorben ist, was womöglich in der Familie überliefert worden ist? Oder dass der Pastor wegen seiner vielfältigen Verpflichtungen um Weihnachen herum erst am Neujahrstag den Todeseintrag vornehmen konnte? (In der Regel, so sagt es mir meine KI Perplexity, hat im 18. und 19. Jahrhundert in Deutschland tatsächlich der Pastor selbst die Einträge in die Kirchenbücher vorgenommen, oft mit Unterstützung des Küsters oder eines Kirchenschreibers. In vielen Gemeinden schrieb der Pastor die Einträge selbst; in größeren oder wohlhabenderen Gemeinden konnte ein Küster oder Kirchenschreiber nach Vorgabe des Pastors schreiben, der Pastor blieb aber verantwortlich und unterschrieb bzw. zeichnete mit seinem Namen.)
Aber woran könnte Friedrich Wilhelm mit erst 46 Jahren wohl gestorben sein? Sicher ist nur, dass es seinerzeit in Deutschland und Ostpreußen noch kein Silvester-Feuerwerk gegeben hat und auch noch keine Straßenschlachten von Randalierern mit der Polizei (nicht einmal in Berlin-Neukölln). Ausgelassene Feiern zum Jahreswechsel mit Alkoholika wie dem berühmten ostpreußischen „Bärenfang“ dürfte es aber sehr wohl gegeben haben…
Bleibt noch Friedrich Wilhelms Geburtsjahr, das in der Mundia-Datenbank 1770 lautet. Doch wenn man genau rechnet, müsste es, wenn das Todesdatum 1.1.1816 stimmen sollte und er im Alter von 46 Jahren gestorben ist, eigentlich 1769 sein.
Bleibt noch anzumerken, dass laut Kirchenbuch – siehe meine früheren Berichte – 1797 der Unterförster Johann Friedrich Claer, der mutmaßliche Bruder „unseres“ Friedrich Wilhelm, sein nur wenige Wochen altes Söhnlein Friedrich Wilhelm, das offenbar nach seinem Onkel benannt war, begraben musste. Und dass wir jenen Förster Johann Friedrich Claer – siehe meinen vorigen Bericht – im Verdacht haben, später Ludwigswalde und Ostpreußen den Rücken gekehrt und 1802 in Siersleben die Dynastie der Erfurter Claers begründet zu haben…
2. Ein Förster und Administrator Klaer heiratet in Berlin
Von unserer langjährigen Forscherkollegin Monika Klaer mit K. aus Teltow erhielt ich dankenswerterweise die folgende Heiratsurkunde aus dem Jahr1886, die es in sich hat:
Mit erheblicher Hilfe von Tante Lorelies konnte ich sie wie folgt entziffern:
Berlin, den 14. September 1886
Vor dem unterzeichneten Standesbeamten erschienen heute zum Zweck der Eheschließung:
- der Förster und Administrator Adolph, Friedrich, Heinrich Klaer,
der Persönlichkeit nach aufgrund des ausgewiesenen Taufscheins anerkannt, evangelischer Religion, geboren den 1. Oktober des Jahres 1857 zu Wolfsburg, Amt Fallersleben, wohnhaft zu Fahrenhorst, Amt Isenhagen, Sohn des zu Wolfsburg verstorbenen Lehrers Carl August Klaer und dessen Witwe Friedrike, Albertine, Henriette, geborenen Henneke, wohnhaft zu Fahrenhorst
- die Clara, Agnes, Elisabeth Hennicke, ohne besonderen Beruf, der Persönlichkeit nach aufgrund es ausgewiesenen Taufscheins anerkannt, evangelischer Religion, geboren den 27. Februar des Jahres 1859 zu Stettin, wohnhaft zu Berlin, Invalidenstraße Nr. 27/29. Tochter des Stationsvorstehers I. Claße Carl, August, Gottfried Hennicke und dessen Ehefrau Wilhelmine, Charlotte, Auguste geb. Kropnick, beide wohnhaft Berlin, Invalidenstraße
Nun haben wir also erstmals einen Förster Claer, in diesem Fall Klaer geschrieben, außerhalb Ostpreußens, Schlesiens oder Thüringens und Umgebung gefunden. Zwar hat Adolph Friedrich Heinrich Klaer, geb. 1857, in Berlin geheiratet, doch stammt er aus dem ostniedersächsischen Wolfsburg, heute bekannt für VW und Fußball, genau genommen aus dem Ortsteil Fallersleben, nach welchem auch der Texter der deutschen Nationalhymne benannt wurde, der ebenfalls dort das Licht der Welt erblickte – allerdings bereits 1798. So ehrenvoll seine Herkunft aus diesem prominenten Ort auch für uns wäre, gibt es doch leider kaum Indizien, die auf eine Verbindung zu “unseren” ostpreußischen Claers hindeuten würden.Allenfalls eine Abkunft von den Thüringer Claers, die sich bis 1802 zurückverfolgen lassen (siehe meinen vorigen Bericht), wäre denkbar, denn von Erfurt bis Wolfsburg sind es nicht mehr als 243 km – eine Distanz, die überwindbar wäre, wenn man die traditionell hohe Mobilität in der Berufsgruppe der Förster berücksichtigt.
Noch dazu war Friedrich Heinrich Klaer nicht nur Förster, sondern laut seinem Heiratseintrag ein “Förster und Administrator”. Laut der KI Perplexity bezeichnet ein solcher um 1886 herum
sehr wahrscheinlich einen Forstbeamten, der nicht nur praktisch im Wald tätig war, sondern auch die Verwaltungs‑ und Kassenführung eines Forst- oder Gutsbezirkes übernommen hat. Der Zusatz „Administrator“ erklärt sich also daraus, dass es nicht nur um Jagd- und Holzaufsicht ging, sondern um die kaufmännische und rechtliche Verwaltung des Besitzes.
Der Förster überwachte Grenzen, Holzschläge, Jagd und Waldordnung und hatte polizeiliche Aufgaben im Revier.Er wies etwa Brennholzschläge zu, achtete auf unerlaubte Holzentnahmen und setzte forstliche Vorschriften durch.
„Administrator“ bezeichnete im 19. Jahrhundert oft denjenigen, der ein Gut oder einen größeren Besitz (z.B. Forsten eines Adligen oder einer Kirche) verwaltete: Einnahmen, Ausgaben, Pacht, Holzverkauf, Personal.
Ein Förster konnte zugleich Verwalter des gesamten Forstvermögens sein, also z.B. die Forstkasse führen, Nutzungspläne ausarbeiten und Berichte an den Eigentümer oder eine Behörde erstellen. Die Doppelbezeichnung soll deutlich machen, dass die Person nicht nur technischer Forstmann, sondern auch leitender Verwaltungsbeamter für diesen Forst- oder Gutsbezirk war. Besonders bei größeren Privatforsten oder Standesherrschaften wurden solche Kombinationsstellen häufig an gebildete Fachleute vergeben, die sowohl forstliche Ausbildung als auch Verwaltungserfahrung hatten.
Angesichts dieser herausgehobenen Stellung Friedrich Heinrich Klaers, ist es nicht verwunderlich, dass er in eine durchaus gehobene Berliner Familie einheiraten konnte, was schon deren Wohnadresse Invalidenstraße 27-29 beweist, heute nahe dem Hauptbahnhof gelegen und eine absolute Toplage in Berlin-Mitte. Noch dazu war sein Schwiegervater laut Heiratsurkunde Stationsvorsteher I. Klasse.
Laut Perplexity war dies
um 1886 der höchste örtliche Bahnhofsbeamte an einem wichtigeren Bahnhof, also der verantwortliche Leiter der Station mit erweitertem Verantwortungsbereich. Die Angabe „I. Klasse“ bezieht sich nicht auf die Wagenklasse, sondern auf die Rangstufe der Dienststelle bzw. des Dienstpostens innerhalb der Eisenbahnverwaltung.
Der Stationsvorstehers trug die Gesamtverantwortung für den Betrieb am Bahnhof: Zugmeldungen, Abfertigung von Personen- und Güterzügen, Sicherheit im Zugverkehr. Zudem hatte er die Dienstaufsicht über das übrige Stationspersonal (Aufseher, Assistenten, Weichenwärter usw.) und war Vertreter der Bahnverwaltung gegenüber Öffentlichkeit und Behörden.
Bahnhöfe und ihre Vorsteher wurden nach Bedeutung des Verkehrs in Klassen eingeteilt; 1. Klasse stand für einen besonders bedeutenden oder stark frequentierten Bahnhof. Ein Stationsvorsteher I. Klasse hatte entsprechend höheren Rang, höhere Besoldung und meist einen größeren Stab unterstellt als Vorsteher niedriger Klassen.
Womöglich trug also Friedrich Heinrich Klaers Schwiegervater sogar die Verantwortung für den nahe seiner Wohnadresse gelegenen Lehrter Bahnhof, dem heutigen Hauptbahnhof. Der Lehrter Bahnhof in Berlin wurde zwischen 1869 und 1871 erbaut und 1871 eröffnet, d.h. 15 Jahre vor der besagten Eheschließung.
Hier sollte mein diesjähriger Bericht eigentlich enden, doch überraschte mich mein Neffe 5. Grades Andreas Z. soeben noch mit einigen weiteren Funden.
3. Hermann Augusts zweite Hochzeit
Am 21.7.1872 hat Hermann August Clair/Claer, geb. 1833, Sohn des oben bereits erwähnten Christian Friedrich Claer (geb. 1799) und seiner Frau Justine Knaebe, ein zweites Mal geheiratet. Laut Kirchenbuch Petersdorf, Kr. Wehlau, hat er Wilhelmine Hill, geb. Mahnke, geehelicht. Aufgebot des Ehemannes in Laukischken, Kreis Labiau, seine Frau in Petersdorf.
Hermann August ist – siehe meine früheren Berichte – sehr wahrscheinlich der Ururgroßvater meines Vetters 4. Grades Manfred Claer aus der “Fuhrmann-Linie”. Manfreds Urgroßvater Franz Richard Claer, geb. am 16.3.1872 in Geidlauken, hat, wie wir wissen, als Fuhrmann Ostpreußen verlassen und ins Rheinland geheiratet.
Nach unserer bisherigen Kenntnis war Franz Richards Vater, Hermann August, (zunächst) mit Henriette Wilhelmine Mettschul verheiratet, und beide haben am 16.3.1872 ihren Sohn Franz Richard, Manfreds Urgroßvater, bekommen.
Wie wir schon früher herausgefunden haben, hatte Hermann August in die Müllersfamilie Metschul eingeheiratet und eine Mühle betrieben. Die Müller waren ja zumeist recht wohlhabend und hatten viele Kinder, daher die besonders weite Verbreitung dieses Familiennamens in Deutschland. (Vgl. auch die wohlgenährte Figur des Meisters Müller in “Max und Moritz” von Wilhelm Busch aus dem Jahr 1865 – vor allem im Vergleich zu den oftmals abgemagerten Gestalten der anderen Dorfbewohner.)
So könnte auch Müller Hermann August Claer eine gute Partie für seine zweite Ehefrau gewesen sein, nachdem allem Anschein nach seine erste Frau Henriette Wilhelmine Mettschul bei der Geburt von Franz Richard verstorben ist. Jedenfalls liegen zwischen Franz Richards Geburt am 16.3.1872 und der Wiederheirat seines Vaters Hermann August am 21.7.1872 gerade einmal vier Monate.
4. Sonstige Funde
Abschließend hier noch weitere Funde bezüglich uns bisher unbekannter ostpreußischer Claers, die Andreas Z. dankenswerterweise vom Ahnenforscher Patrick P. zur Verfügung gestellt bekam:
Bieberswalde Clär (Klär, Klaehr)
– Wilhelm Clär (Klaehr)
– Wilhelmine Ludowike* ca. 1840 °° 14.2.1867 mit Friedrich Wilhelm Schwermer V: Förster – Ida Amalie * ca. 1847 + 30.12.1856 Försterei Biberswalde Försterstochter, Nervenfieber (9 J., 7 M.)
– Dorothea Klär heiratet Johann Lenk und lebt 1859 in Biberswalde
Fischhhausen II
Klaer
– Ludwig Ernst Klaer (Kaufmann) °° Marie Margarete Gertrud Kiepert
* Fritz Hubertus Theodor* 15.11.1932 Fischhausen Groß Legitten
Klehr
Mr. Klehr 1696 Nedau Schneider
5. Ausblick
Soviel also für dieses Jahr – und vielleicht werden wir 2026 einen Termin für unser angedachtes zweites Ahnenforschungstreffen in Erfurt finden.
justament.de, 22.12.2025: Denn er war Hausverwalter
Scheiben Spezial: Vor 50 Jahren erschien der Song “Mein Gott, Walther” von Mike Krüger
Thomas Claer
Minimalismus in der Musik (und nicht nur dort) ist ein durchaus ambitioniertes Unterfangen. Nur ganz sparsam werden die Mittel eingesetzt, aber sie müssen sitzen. Wenn es gelingt, dann steht am Ende ein Song wie “Da Da Da” oder das Techno-Stück von Westbam, das aus nur zwei Noten besteht. Ein ikonischer Minimal-Gitarrensong, der mit lediglich zwei Akkorden auskam, erschien 1975, vor 50 Jahren, mit dem Titel “Mein Gott, Walther” – komponiert, getextet, gespielt und gesungen vom damals gerade erst 24-jährigen Mike Krüger, der seine späteren Karrieren als Fernseh-Moderator, Film-Schauspieler und zuletzt sogar Podcast-Betreiber (gemeinsam mit seinem alten Kumpel Thomas Cottschalk) seinerzeit allesamt noch vor sich hatte und sich zunächst auf seine ursprüngliche Passion als Blödel-Barde beschränkte. Es wird leicht übersehen, dass hier ein wirklich guter Musiker am Werk war, der es jedoch angesichts seiner sonstigen Erfolge im Showbusiness schon bald nicht mehr nötig hatte, sich noch wie in seinen Anfangsjahren als humoristischer Liedermacher zu verdingen.
Krügers erster großer Hit war zugleich auch der beste Song aus seiner Feder, musikalisch wie textlich. “Mein Gott, Walther” erzählt die Geschichte eines ob seiner Ungeschicktheit und seines vielfach erratischen Wirkens oftmals verspotteteten Hausverwalters, der jedoch seine Rolle unverdrossen und mit stoischer Gelassenheit bis zuletzt ausfüllt:
Walther hatte es nicht eilig,
arbeitete ja im selben Haus.
Und wenn er mal keine Lust hatte,
dann fiel die Arbeit eben aus.
Das machte auch nichts,
denn er war Hausverwalter.
Und wenn die ander’n wieder ihn sah’n,
meinten sie nur: Mein Gott, Walther.
Für Wohnungseigentümer, die sich ja nicht selten mit untätigen Hausverwaltern herumschlagen müssen, ist es eine aufschlussreiche Erkenntnis, dass es bereits vor einem halben Jahrhundert offenbar ganz ähnlich zugegangen ist wie heute. Und man kann sogar froh sein, wenn heutige Hausverwalter wenigstens nicht noch selbst Schäden am Wohneigentum verursachen, wie es jener von Mike Krüger besungene Vertreter seiner Zunft mit seinen unkontrollierten Aktionen getan hat:
Walther wollte und ließ das Haus in Ordnung versetzen.
Und machte einer was kaputt,
muss er den Schaden ersetzen.
Meist mußte Walther dies tun
wie gestern den Feuerlöscherhalter.
Als er’s beichtete, sagte Marie: Mein Gott, Walther.
Denn da hatte Walther im Flur Rauch entdeckt
und sofort erkannt,
dass nur ein Feuer dahintersteckt.
Laut “Feuer, Feuer” rufend
riss er den Löscher von der Wand,
natürlich mit Halter.
Und alle, die ihn sah’n, meinten nur: Mein Gott, Walther.
Doch solche Blödelei’n ignorierte er nur
und rannte mit dem Löscher hinaus auf den Flur.
Doch dort staubten nur die von ihm bestellten Gipser und Kalker,
und als sie ihn sah’n: … Mein Gott, Walther.
Wie Mike Krüger auf diesen Text gekommen ist, liegt auf der Hand, denn laut Wikipedia-Eintrag absolvierte er nach seinem Abitur zuerst eine Lehre als Betonbauer und begann anschließend ein Architektur-Studium, das er aber wegen seiner besagten anderweitigen Verpflichtungen nicht zum Abschluss brachte. Bereits in früher Jugend hatte er sich für die Bauten des Architekten Richard Neutra begeistert. Mike Krügers Vater Friedrich W. Krüger war übrigens Prokurist der Norddeutschen Treuhandgesellschaft und später Direktor des Hamburger Bauträgers Bewobau.
justament.de, 1.12.2025: Flöten, Harfen, Chöre
Björk live auf “Cornucopia”
Thomas Claer
Wenn man als Musik-Rezensent über eine neue musikalische Veröffentlichung schreibt, dann sollte man sie sich zuvor schon mindestens einige Male aufmerksam angehört haben, denn mit jedem erneuten Hördurchgang entdeckt man für gewöhnlich etwas, das einem zuvor noch nicht aufgefallen ist. Außerdem ist man ja auch nicht immer in der gleichen Stimmung, und so manches Lied klingt einem – je nach Tagesform und Laune – heute vielleicht so und morgen womöglich schon ganz anders. Jedenfalls bei mir gilt das Prinzip, dass ich eine CD schon wenigstens fünfmal durchgehört haben muss, um über sie schreiben zu können. Normalerweise. Bei “Cornucopia” (lateinisch für Füllhorn), dem neuen Live-Doppelalbum der isländischen Pop-Göttin Björk, ist das aber anders. Denn nach gerade einmal zweieinhalb Laufzeiten im CD-Player bin ich mir bereits absolut sicher, dass sich auch nach fünf oder zehn oder noch mehr Anhörungen nichts Wesentliches mehr an meinem aktuellen EIndruck ändern würde, weshalb ich also bereits jetzt zur Tastatur greife. Über die Qualität dieser Musik ist damit wohlgemerkt noch rein gar nichts gesagt. Nein, hier sind zunächst ganz andere Kategorien zu verhandeln.
Ein Live-Album von Björk also – hat es das überhaupt schon mal gegeben? Mit etwas Nachdenken kommt man sogar auf eine Live Box, die sie vor 22 Jahren mal herausgebracht hat, mit jeweils einer Live-Versions-CD ihrer vier ersten Alben Debut (1993), Post (1995), Homogenic (1997) und Vespertine (2001). Darunter machte sie es nicht. Und insofern erscheint es auch in gewisser Weise konsequent, dass sich nun auf dem aktuellen Live-Doppler fast keine Songs aus ihren frühen Jahren finden lassen. Nur “Isobel” (von “Post) sowie “Hidden Place” und “Pagan Poetry” (beide von “Vespertine”) erinnern überhaupt noch an ihre Vergangenheit als fröhliche Popsirene. Stattdessen stammen fast alle Songs auf “Cornucopia” aus den – gob gesagt – letzten zwei Jahrzehnten, in denen sich Björk zur reichlich obskuren Diva mit immer unzugänglicheren Veröffentlichungen gewandelt hat. Ihre alten Fans haben ihr mutmaßlich fast alle die Treue gehalten, auch wenn wohl der Verdacht nicht aus der Luft gegriffen ist, dass sich die meisten eventuell auch ein paar zugänglichere Klänge von ihr gewünscht hätten. Aber Björk macht, was sie will, weil sie es kann. Ihre Anhänger fressen ihr gewissermaßen aus der Hand und schlucken auch, ohne zu murren, all ihre reichlich experimentellen Kompositionen. Ein besonders sperriges Album von ihr, mit dem wohl wirklich niemand so richtig warm wurde, ist “Utopia” von 2017 – durch und durch seltsam mit vorwiegend Flöten, Harfen und Chören. Ausgerechnet von diesem Werk stammt nun aber exakt die Hälfte der Songs auf ihrer neuen Live-Platte (nämlich 11 der insgesamt 22 Songs). Das muss man bzw. frau sich erstmal trauen!
Dennoch gibt es so manches, das auch für “Cornucopia” spricht. Wer Björks Gesangsstil verehrt, der wird auch inmitten aller Seltsamkeiten noch seine Freude daran haben. Und vielleicht ist es ja nur meine subjektive Wahrnehmung, aber dass Björk mit ihrem Gesang auch noch als mittlerweile 59-Jährige eine Erotik versprüht, die ihresgleichen sucht, sollte auch einmal gesagt werden. Das Urteil lautet daher: ohne Bewertung. Und übrigens gibt es “Cornucopia” auch noch als Film.
Björk
Cornucopia Live
One Little Independent, 2025
ASIN: B0FK19B5NZ
justament.de, 17.11.2025: Schluss mit lustig war erst später
Vor 15 Jahren erschien “Meine vielleicht besten Lieder… live” von Funny van Dannen. Ein wehmütiger Rückblick
Thomas Claer
Damals war die Welt noch in Ordnung. Wir hatten, jedenfalls aus heutiger Sicht, nichts als Luxusprobleme. Aber wie meine Frau immer sagt: Luxusprobleme sind auch Probleme. Es gab noch keinen Donald Trump an der Macht, noch keine Corona-Pandemie, noch keinen Krieg fast vor unserer Haustür und noch keine Rechtsradikalen in unseren Parlamenten. Also beklagte man sich damals, jedenfalls wenn man in Berlin-Kreuzberg wohnte, gerne über “den Kapitalismus”, über Ungerechtigkeiten aller Art oder über unachtsame Sprache (“Humankapital”). Der Liedermacher Funny van Dannen war seinerzeit so etwas wie die authentische Stimme der aufgeklärten Großstadtbewohner mit kritischem Bewusstsein. Seine immer sehr eingängigen Gitarrensongs kreisten, stets mit einem freundlich-ironischen Augenzwinkern, um Themen wie Inklusion (“Lesbische, schwarze Behinderte”), Gesellschaftskritik (“Arbeitsplatz vernichtet”), Nostalgie (“Als Willy Brandt Bundeskanzler war”) oder Zwischenmenschliches (“Posex und Poesie”). Oftmals ging es auch einfach nur um lustige Alltagsbegebenheiten (“Homebanking”).
Ein wirklich rundum überzeugendes Doppel-Album mit dem Titel “Meine vielleicht besten Lieder… live” hat Funny van Dannen in jener guten, alten Zeit vor genau 15 Jahren veröffentlicht. Die beiden CDs geben einen exzellenten Überblick über sein musikalisches Schaffen und enthalten eine solche Vielzahl von Songperlen, dass man hier wohl schon von einer Perlenkette sprechen kann. Von der Musik her (und grundsätzlich auch, was seine politische Haltung angeht) kommt er unverkennbar aus der Degenhardt/Biermann-Schule. Nur dass er viel, viel lustiger ist. Mein persönliches Lieblingslied auf diesem Album ist “Schilddrüsenunterfunktion”, das mich sehr an die Befindlichkeitssymptomatik meiner Frau erinnert: “Ich dachte an Rinderwahnsinn, an Ganzjahresdepression / Doch die Blutwerte zeigten: Schilddrüsenunterfunktion”.
Wer Funny van Dannen, der mittlerweile seine Liedermachergitarre an den berühmten Nagel gehängt hat, noch nicht kennen sollte, kann das am besten mit der Anschaffung dieses großartigen Albums nachholen.
Funny van Dannen
Meine vielleicht besten Lieder… live
JKP 112 / Warner Music Group, 2010
justament.de, 10.11.2025: LSD und rote Fahnen
Der fulminante historische Roman “Lila Eule” von Cordt Schnibben
Thomas Claer
Wer mit 20 kein Sozialist sei, so besagt es ein geflügeltes Wort unbekannter Herkunft, der habe kein Herz, aber wer es mit 30 immer noch sei, der habe keinen Verstand. Cordt Schnibben, namhafter langjähriger SPIEGElL-Reporter, hat beides bewiesen, indem er als zwanzigjähriger Abiturient und schwärmerischer Jungkommunist aus Bremen für ein Jahr auf einer DDR-Parteischule in Ost-Berlin Marxismus/Leninismus studierte (was ihm anschließend sogar von der Uni Bremen für sein Wirtschafts-Studium angerechnet wurde!) und 17 Jahre später dann unmittelbar nach dem Mauerfall als geläuterter Renegat quasi an seine alte Wirkungsstätte zurückkehrte und von dort exklusiv für sein Nachrichtenmagazin über die sich anbahnende Deutsche Wiedervereinigung berichtete. Nun hat er mit Anfang 70 sein bewegtes Leben zu einem Roman verarbeitet, dessen Handlung – wie er freimütig eingeräumt hat – nur zu 30 Prozent fiktiv, aber zu 70 Prozent von ihm selbst erlebt worden sei. Nicht zuletzt an diesen aus eigener Erfahrung entstandenen 70 Prozent liegt es vermutlich, dass ihm dieser Roman so überaus gut gelungen ist.
Allerdings muss ich bereits an dieser Stelle meiner Besprechung einräumen, dass mir eine “objektive Rezension” dieses Buches vollkommen unmöglich ist, da ich mich in zu vieler Hinsicht für historisch und biographisch befangen erklären muss – und das als zwei Jahrzehnte nach dem Autor in Ostdeutschland Geborener. Doch bei der Schilderung so viele Orte und Mentalitäten im Roman hat mich ein Deja vu nach dem anderen überfallen. Allein bei den ganzen Drogen-Geschichten kann ich nicht mitreden. So ziemlich alles andere aber ist mir bestens vertraut: Im titelgebenden legendären Bremer Club “Lila Eule” im Steintorviertel habe ich mir (nach unserer Übersiedlung in den Westen 1989) als Abiturient und Zivi in den frühen Neunzigern so manche Nacht um die Ohren geschlagen. Auf dem “Mädchengymnasium in Schwachhausen”, das eine der Hauptfiguren des Romans besucht, habe ich selbst mein Abitur abgelegt. (Seit 1971 stand die Schule auch männlichen Schülern offen.) Und natürlich bewegte auch ich mich dort – so wie 20 Jahre zuvor der Autor und sein Alter Ego im Roman – in Kreisen, wo sich Coolness und Ansehen in erster Linie über den eigenen ausdiffernzierten (Pop-) Musikgeschmack definierten. In Berlin wiederum wohnt die Geliebte des Protagonisten im Hochhaus Holzmarktstraße 2 am S-Bahnhof Jannowitzbrücke in Mitte, wo ich jahrelang ausgestiegen bin, um meine Studenten an der IU am Rolandufer zu unterrichteten. Noch dazu habe ich mir genau dieses Hochhaus damals sehr genau angesehen, da in ihm zu jener Zeit zwei kleine Einzimmerwohnungen zum Verkauf standen, aber irgendwann war das Angebot wieder weg. Und auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof mit den Gräbern so vieler Prominenter, wo der Roman-Protagonist wie im einschlägigen Wolf-Biermann-Song seine Geliebte trifft, bin ich ebenfalls oft gewesen. Um von meiner jugendlichen Aufgeschlossenheit für den Kommunismus und weitere Weltverbesserungsbewegungen gar nicht erst zu reden…
Doch nun endlich zum Roman selbst: Die Handlung bewegt sich – das ist der raffinierten erzählerischen Konstruktion geschuldet – abwechselnd und parallel in drei verschiedenen Zeiträumen: Mitte der Sechziger in Bremen, 1972 in Ost-Berlin und im Herbst 1989 in Berlin nach dem Mauerfall. Und sie endet bereits Anfang 1990, wo sich vieles, was dann später noch kommen wird, erst andeutet. Es geht um wilde Agentengeschichten, um ganz viel Rockmusik von den Rolling Stones und anderen, später dann auch um Techno-Musik in den maroden Kellern Ost-Berlins und die Rolle von Günter Schabowski hinter den Kulissen. Immer wieder spielen auch Drogen eine Rolle. Im Zentrum des Romans steht dennoch die unerschütterliche, nur vorübergehend erfüllte, später dann von der Stasi verhinderte Liebe des Ich-Erzählers zu Mara, einem Ost-Mädchen aus einer Parteiaristokraten-Familie. 17 Jahre nach ihrer letzten Begegnung macht er sich auf die Suche nach ihr, und erst ganz am Ende des spannungsreichen Romans kommt er ihr auf die Spur…
Alles ist so lebendig erzählt, als ob jemand, der gut schreiben kann, es selbst erlebt hätte, was ja auch weitgehend der Fall ist. Nur fragt man sich beim Lesen ständig, was wohl die 30 Prozent sein könnten, die der Verfasser dazuerfunden hat. Die fast schon innige Beziehung, die der noch junge Roman-Held an der Parteischule zu seiner strengen Dozentin Anneliese aufbaut? Hier könnte der Autor womöglich etwas übertrieben haben. Aber weiß man’s? Dass seine alten Bremer Rockmusik-Freunde später als Techno-DJs in Berlin wieder auftauchen, ist vielleicht auch nicht so ganz plausibel. Sicher erscheint nur, dass ein Referat über die Rolle von LSD im Klassenkampf an der Staatlichen Parteischule in Biesdorf tatsächlich wohl nicht erlaubt worden wäre und auch die anschließende versehentliche Einnahme dieser Substanz durch alle Beteiligten in der Wirklichkeit so wohl eher nicht passiert wäre.
Der Roman ist trotz seiner poppigen Aufmachung (mit großartigen psychedelischen Mustern und Illustrationen versehen) alles andere als oberflächlich, vielmehr tiefschürfend und facettenreich, dazu flott und anschaulich geschrieben. Und man wünscht ihm gerade in unserer aufgewühlten Gegenwart viele Leser – insbesondere auch solche aus den nachgewachsenen Generationen.
Cordt Schnibben
Lila Eule. Der Ostwest-LSD-Beatckub-Roman
Correctiv Verlag, 1. Auflage 2025
524 Seiten; 29,00 Euro
ISBN: 978-3-948013-30-1









