justament.de, 28.11.2022: Der letzte Großintellektuelle?

Zum Tod von Hans Magnus Enzensberger (1929-2022)

Thomas Claer

Seine literarische Lieblingsfigur, so hat Hans Magnus Enzensberger einmal gesagt, sei immer der „Fliegende Robert“ aus dem „Struwwelpeter“ gewesen, der sich trotz aller Warnungen und Ermahnungen so gerne hinaus ins stürmische Ungewisse begeben hat und genussvoll in ihm treiben ließ: „Wo der Wind ihn hingetragen? Nein, das weiß kein Mensch zu sagen.“ Mit ganz ähnlicher Leichtigkeit hat sich dieser gelernte Lyriker, der schon in relativ jungen Jahren zum intellektuellen Superstar avancierte, durch die Winde des Zeitgeistes bewegt, sich mal hierhin, mal dorthin treiben lassen, immer seiner Maxime verpflichtet: „Du sollst nicht langweilen!“. Auch wenn sich seine Standpunkte und Haltungen des Öfteren verändert haben, an Originalität und an der spielerischen Lust zur polemischen Zuspitzung hat es ihm nie gemangelt, ebenso wenig an selbstbewusstem Stolz bei der Verwaltung seines Ruhms. Es gab eine Zeit, in den Jahren nach der Wiedervereinigung, da erreichte der SPIEGEL seine höchsten Verkaufszahlen stets dann, wenn er mit einem Enzensberger-Essay zu aktuellen Zeitgeistfragen erschien. Und Enzensberger ließ sich seine Popularität auch gehörig versilbern, feilschte bei jedem neuen Text mit den SPIEGEL-Verantwortlichen um ein noch fürstlicheres Honorar. (Das weiß ich aus sicherer Quelle, die allerdings ihrerseits nicht mehr am Leben ist.)

Sein Lieblingsgenre neben der Versdichtung war der freie Essay, der „Nomade im Regal“, der schon deshalb seine bevorzugte Form war, weil er sich darin – von keinerlei Regelwerk gestört – nach Herzenslust und Laune austoben konnte. Während sein Schriftstellerkollege Thomas Bernhard einmal verzweifelt beklagte, niemals habe er in seinen Schriften das ausdrücken können, was er wirklich sagen wollte, fand der stets fröhlich-heitere Enzensberger, es sei doch prima, wenn man am Anfang eines Textes noch nicht wisse, wohin er sich letztlich entwickeln werde. Schließlich sei es langweilig, wenn das Ergebnis schon von vornherein feststünde, dann sei es doch kein „Essai“, also Versuch, mehr, und es mache ihm sogar riesigen Spaß, sich immer wieder von sich selbst überraschen zu lassen.

Über die Schriftstellerei hinaus war Enzensberger, der unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg sehr erfolgreich als Schwarzmarkthändler tätig gewesen sein soll, auch eine Art Projektmacher. Mehre Zeitschriften brachte er heraus, allen voran das berühmte „Kursbuch“, aber auch die „Andere Bibliothek“, die vergessene und verschollene literarische Schätze vergangener Epochen in Prachtausgaben neu erscheinen ließ und ihnen mit dem Nachdruck des eigenen Renommees zu Aufmerksamkeit verhalf. Kurzum, Enzensberger ist eine Institution in unserer geistigen Landschaft gewesen. Aber war er wirklich der letzte Großintellektuelle aus der Weltkriegsgeneration, der nun 93-jährig ins Gras gebissen und damit auch einen Schlussstrich unter die Ära der Nachkriegszeit gezogen hat? Nein, nicht ganz, denn der Allerletzte war er nicht. Noch leben schließlich Großphilosoph Jürgen Habermas (93) und Großschriftsteller Martin Walser (95), wobei letzterer Umstand die schöne Pointe mit sich bringt, dass ausgerechnet Walser mit seinen Trinkgewohnheiten (von denen zu berichten Marcel Reich-Ranicki einmal die Indiskretion hatte) nunmehr alle Autorenkollegen seiner Generation überlebt hat…

Aber zurück zu Enzensberger. Von ihm bleiben werden nicht zuletzt einige wunderbare Zitate wie dieses: „Heiterkeit ist eine moralische Frage. Mürrische Leute, die andere mit ihren Problemen behelligen, die halte ich für rücksichtslos.“ Oder dieses: „Wer ist überhaupt dieser Herr Konrad Duden? Irgendein Sesselfurzer!“ Man sollte noch betonen, dass mit Hans Magnus Enzensberger auch einer der witzigsten Intellektuellen deutscher Sprache von der Bühne gegangen ist.

justament.de, 21.11.2022: Ästhetische Negativität

Ästhetische Negativität

Ein Besuch im Käthe-Kollwitz-Museum Berlin, neuerdings im Theaterbau am Schloss Charlottenburg

Thomas Claer

Das Käthe-Kollwitz-Museum ist vor einigen Wochen umgezogen: aus der Fasanenstraße nahe dem Ku’damm, wo es seit 1986 seinen Sitz hatte, in den Theaterbau am Schloss Charlottenburg. Und wenn man schon nur ein paar Ecken davon entfernt wohnt, ist es doch – und nicht nur im buchstäblichen Sinne – naheliegend, es endlich einmal zu besuchen, zumal man dies schon immer mal vorhatte.

Wer seine Kindheit und Jugend in der DDR verbracht hat, der kennt natürlich Käthe Kollwitz (1867-1945), die bekannte Berliner Grafikerin, Malerin und Bildhauerin, aus den offiziellen Schulbüchern, in denen viele ihrer Werke immer wieder abgedruckt, erläutert und gewürdigt wurden. Käthe Kollwitz galt sozusagen als sozialistische Künstlerin par excellence, was aber genau genommen nicht ganz richtig ist; wirklich falsch ist es allerdings auch nicht. Zwar war sie niemals Mitglied einer politischen Partei, doch hat sie aus ihrer Sympathie für die sozialistische (und wohl auch kommunistische) Bewegung nie ein Geheimnis gemacht und vor allem auch in ihrer Kunst – so wurde es zumindest weithin empfunden – stets einen eindeutigen „Klassenstandpunkt“ vertreten. Allerdings war es für die DDR auch denkbar einfach, sie voll und ganz für ihre Sache zu vereinnahmen, denn sie konnte sich ja infolge ihres Todes bereits kurz vor Kriegsende nicht mehr dagegen wehren. Eine offene Frage bleibt indessen, ob sie den neuen Machthabern im Arbeiter- und Bauern-Staat womöglich kritisch begegnet wäre, sich ihnen – horribile dictu – sogar durch Abwanderung in den Westen entzogen hätte oder ob sie, was ihren Nachruhm angeht, von Glück sagen kann, dass sie nicht noch länger gelebt hat, da sie ansonsten leicht zur stalinistischen Kulturfunktionärin hätte werden können. (So wie z.B. der „progressive“ Schriftsteller Heinrich Mann nach aktuellem Stand der Forschung nur durch sein vorzeitiges Ableben vor einer solchen, eigentlich schon mit ihm ausgehandelten Rolle in der DDR bewahrt wurde.)

Wie auch immer, zumindest hat ihre politische Wirkung und posthume propagandistische Instrumentalisierung Käthe Kollwitz bis heute nicht nachhaltig geschadet. Denn künstlerisch hat sie in der Tat Außerordentliches zu bieten. Der erste Eindruck ihrer im Theaterbau versammelten Werke, die einen Großteil ihres Schaffens ausmachen dürften, ist überwältigend. Eindringlich, grell und enorm plakativ wirken ihre Bilder, obwohl sie alle nur in Schwarz-Weiß gehalten sind. Man merkt, dass sie vom Expressionismus kommt. Schließlich ist sie gerade einmal 14 Jahre jünger als Vincent van Gogh (1853-1890). Und ganz ähnlich intensiv wie bei diesem sind ihre Werke, nur ohne jede Leichtigkeit. Die Stimmungslage geht bei ihr vielmehr ins Anti-Euphorische, ins abgrundtief Traurig-Verzweifelte, allzeit Schwermütige. Aber nicht in stillem Leiden, sondern gleichsam immerfort laut aufschreiend, nur eben bildlich. (Man fühlt sich in dieser Ausstellung auch ständig an den „Schrei“ von Munk erinnert.) Thematisch geht es immer um dieselben Themen: Die Not und das Elend der kleinen Leute, der Arbeiter und Bauern, die mörderische Sinnlosigkeit der Kriege.

Nur stellt man sich im Laufe der Besichtigung dann irgendwann doch die Frage, woher die geradezu monomanische Obsession dieser Künstlerin für diese Themen kommt. Keine Frage, ihre Empörung über die sozialen Missstände ihrer Zeit, über Krieg und Militarismus ist vollauf berechtigt. Aber es gibt bei ihr tatsächlich keine anderen Themen und vor allem auch keine anderen Stimmungen. Niemals entsteht so etwas wie Frohsinn, Entspannung oder vielleicht Sinnlichkeit. Selbst ihren Aktzeichnungen und -skulpturen fehlt wirklich jede Spur, ja jeder Hauch von Erotik. Die Schönheit der Natur oder von Architektur? Kommt bei ihr nicht vor. Und was ihrer Kunst erst recht abgeht, sind Humor oder gar Ironie. Wie anders hat doch ihr Kollege Heinrich Zille (1858-1929) seine ganz ähnlichen Sujets – sogar mit ähnlichen Mitteln – wiedergegeben: heiter, spitzbübisch, augenzwinkernd. Bei Käthe Kollwitz dagegen herrscht nur existentieller Ernst. Wenn nicht alles so nüchtern wäre, könnte man dazu fast sagen: bierernst.

Natürlich ist so etwas immer auch eine Temperamentsfrage. Vielleicht hat diese Künstlerin ja wirklich ein Leben im mentalen Ausnahmezustand geführt. Einen ihrer beiden Söhne und dazu noch einen Enkel hat sie in den beiden Weltkriegen verloren. Aber ihr Sohn hatte sich im Alter von 18 Jahren freiwillig zum Kriegseinsatz an der Front gemeldet, obgleich seine Eltern zweifellos bereits zu dieser Zeit (1914) offen pazifistisch und antinationalistisch eingestellt gewesen waren. Und ihr Enkelsohn wollte gar „nicht der Enkel von Käthe Kollwitz sein“ und verstand sich als überzeugter Nationalsozialist, als er 1940 tödlich verwundet wurde. Wieviel Protesthaltung gegen die dominante Mutter respektive Großmutter wird dabei im Spiel gewesen sein? Im menschlichen Umgang war Käthe Kollwitz vermutlich nicht immer so ganz einfach…

Dennoch sollte, wer es noch nicht getan hat, unbedingt das Käthe-Kollwitz-Museum besuchen. Auch wenn es, was eigentlich denkbar unpassend ist, nun in einem alten preußischen Schloss untergebracht ist. Oder sollte der Hintergedanke dieser Ortsauswahl gerade darin liegen, die verblichenen Hohenzollernkönige mit sozialer Not und Kriegselend zu konfrontieren, was sie während ihrer Herrschaft kaum jemals interessiert haben dürfte?

November 2022: Interview als Zeitzeuge

Mitwirkung an einem Video des südkoreanischen Ministeriums für Wiedervereinigung: Rückblick auf 32 Jahre deutsche Einheit (ab 1:49)

justament.de, 7.11.2022: Godfather der Sexfilm-Klamotte

Recht cineastisch Spezial: 50 Jahre „Lass jucken, Kumpel“. Zur Kulturgeschichte des deutschen Klamauk-Sexfilms

Thomas Claer

Für bestimmte kulturelle Erzeugnisse gibt es ein enges Zeitfenster: Ein paar Jahre früher hätten sie noch nicht entstehen können, einige Zeit später aber auch schon nicht mehr. Aus heutiger Sicht erscheint es als geradezu unglaublich, dass damals, in den frühen Siebzigern, vier Millionen bundesdeutsche Kino-Zuschauer einen Film sehen wollten, dessen weitgehend schwachsinnige Handlung nur eine untergeordnete Bedeutung hatte und in dem es hauptsächlich um die gelegentliche Zurschaustellung von nackter Haut, unterlegt mit reichlich derb-anzüglichen Sprüchen, ging. Und doch wurde „Lass jucken, Kumpel“ von Franz Marischka (1918-2009), die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Hans Henning Claer (1931-2002), der darin auch selbst in einer Nebenrolle zu sehen war, wegen seines großen Erfolgs mit dem Preis „Goldene Leinwand“ ausgezeichnet und in diesem Genre nur vom noch populäreren ersten Teil des „Schulmädchenreports“ (1970) übertroffen. In den Jahren darauf erschienen dann noch zahlreiche weitere Fortsetzungen und Abwandlungen dieser so überaus populären Klamauk-Sexfilme. Schon Anfang der Achtziger dünnte deren Produktion dann aber merklich aus und kam bald darauf zum Erliegen.

Sex-Welle währte nur ein Jahrzehnt

So können wir heute vor allem auf die Siebzigerjahre als das Jahrzehnt der Sexfilm-Klamotte zurückblicken. Am Anfang hatte es – neben einigen rechtlichen Liberalisierungen – den emanzipatorischen Geist der 1968er Bewegung gebraucht, der dafür sorgte, dass alle Hemmungen und Geschmacksgrenzen zumindest auf der Kino-Leinwand fallen sollten. Doch die fortschreitende technische Entwicklung grub dieser Entwicklung schon bald wieder das Wasser ab: „‘nen Videorecorder hab ich mir bestellt / Mit so schweinische Filme – was kostet die Welt?“, heißt es im Song „Sex“ von Marius Müller-Westernhagen aus dem Jahr 1981. Seit immer explizitere Werke in großer Zahl verfügbar waren, deren öffentliche Aufführung freilich nur in schmuddeligen „Sex-Kinos“ erlaubt war, konnte man mit Softcore-Produktionen irgendwann keinen Blumentopf mehr gewinnen. So ebbte die cineastische Sex-Welle nach nur einem Jahrzehnt schon wieder ab und verlagerte sich nun dank zeitgemäßer technischer Ausstattung der Konsumenten vor allem ins Private.

Renaissance im Privatfernsehen

Doch erlebten die Sexfilm-Klamotten aus den Siebzigern seit Mitte der Achtzigerjahre einen zweiten Frühling im Nachtprogramm der jungen Privatfernsehsender, namentlich bei RTL plus und SAT 1. Hier waren sie insbesondere für jene Zuschauer relevant, die entweder nur ein flüchtiges und oberflächliches Interesse an sexuellen Inhalten mitbrachten oder denen es am Zugang zu härterem Material fehlte. Zu letzteren gehörten vor allem auch die Bewohner der damaligen DDR, soweit sie überhaupt das Glück hatten, in der Nähe der innerdeutschen Grenze zu leben, wo allein sich die neuen westlichen Privatfernsehsender empfangen ließen. Für damalige Pubertierende mit den alterstypischen hormonellen Aufwallungen konnten solche Filme mit Titeln wie „Frau Wirtin bläst Trompete“ oder „Beim Jodeln juckt die Unterhose“, von denen jeden Samstag um 23.00 Uhr jeweils einer zeitgleich auf RTL plus und Sat 1 ausgestrahlt wurde, leicht zu besonderen Wochenend-Höhepunkten werden, denen man die ganze Woche lang vorfreudig entgegenfieberte, vorausgesetzt, man hatte einen eigenen Fernseher im Zimmer. Praktisch war, dass sich die Längen dieser Filme zwischen den interessanten Szenen leicht dadurch überbrücken ließen, dass man währenddessen zum jeweils anderen Film im konkurrierenden Sender switchten konnte. Nur ganz selten hatte man für einige Minuten die Qual der Wahl, weil es auf beiden Kanälen gleichzeitig zur Sache ging. Dass man von der Handlung der Filme nicht viel mitbekam, zumal man sie ja aus Vorsichts- und Diskretionsgründen auch nur in stark gedämpfter Lautstärke verfolgen konnte, störte wenig, da es nicht viel Bedeutsames gab, das man hätte verpassen können. Ganz anders standen die Dinge allerdings bei den faktischen Konkurrenzprodukten der deutschen Klamotten-Sexfilme, den erotischen Filmen des italienischen oder französischen Kinos der Siebziger- und Achtzigerjahre, in denen es oft sehr freizügig zuging. Nur waren das in der Regel „richtige“ Filme mit „ernsthaften“ Inhalten, mitunter überaus kunstvoll gemacht. Hier hätte man schon gerne Genaueres vom Inhalt mitbekommen, doch leider wäre es viel zu peinlich gewesen, solche Filme in normaler Lautstärke anzusehen. Es hätte ja überraschend jemand ins Zimmer kommen können…

Nische für Nostalgiker

Nach der deutschen Wiedervereinigung konnten sich dann alle Deutschen in West und Ost, die das wollten (und alle sonstigen Zugezogenen und deren Abkömmlinge natürlich ebenso), einen Videorecorder anschaffen, denn diese wurden nun immer besser und preiswerter. Als bald darauf auch noch die DVD ihren Siegeszug antrat und gestochen scharfe Bilder lieferte (so glaubte man es zumindest, bis lange Jahre später das HD-Format erfunden wurde), schossen sogenannte Erotik-DVD-Videotheken wie Pilze aus der Erde, die das alte Schmuddel-Image ihrer VHS-Vorgänger allmählich ablegten und sich schon bald immer größerer Beliebtheit erfreuten. Oftmals gab es in diesen Häusern zusätzlich noch ganze Etagen nur mit Spitzenunterwäsche und Sexspielzeugen für Frauen, um auch das weibliche Geschlecht „abzuholen“, wie man heute sagen würde. Für die Klamauk-Sexfilme aus den Siebzigern jedoch war die Zeit damit abgelaufen, denn sie waren nun angesichts der niedrigschwelligen, für jedermann leicht zugänglichen Fülle von explizitem Material endgültig nicht mehr konkurrenzfähig. Doch gab es offenbar eine Menge Nostalgiker, die ihrem Verschwinden aus dem Fernsehprogramm nachtrauerten, denn seitdem sind unzählige DVD-Sammeleditionen wohl nahezu aller Sex-Klamotten-Filme erschienen, nach denen offenbar bis heute eine erstaunlich große Nachfrage besteht… Was aber in den Erotik-Videotheken der Neunziger- und Nullerjahre noch vom alten Geist des Klamotten-Sexfilms überlebt hatte, waren die Beschriftungen der Leih-DVD-Hüllen mit durchweg beträchtlichem humoristischen Potenzial. Jede war mit einem einschlägigen Begleittext versehen nach dem Motto: „Uschi ist ein geiles Luder, das nie an etwas anderes denken kann als immer nur…“

Große Freiheit der Lüste

Der bis heute überaus schlechte Ruf der Pornografie in feministischen Kreisen (und ganz besonders in alt-feministischen, versteht sich) resultiert vermutlich noch aus der mittlerweile vergangenen Epoche der quasi-industriellen Fertigung pornographischen Materials. Denn mit dem immer besser und schneller werdenden Internet begann vor anderthalb Jahrzehnten die große Freiheit der Lüste, die die alte „Porno-Industrie“, in der gerne noch überkommene Geschlechter-Klischees und ausbeuterische Strukturen gepflegt wurden, inzwischen längst marginalisiert hat (womit dann auch die Videotheken obsolet wurden). Stattdessen ist seitdem im Netz eine Porno-Industrie ganz neuen Typs entstanden, die nur noch aus den Betreibern der einschlägigen Portale (mitsamt ihren ausgefeilten Algorithmus-Systemen) besteht, welche aber mit den dort gezeigten Inhalten kaum noch etwas zu tun haben. Vielmehr sind es inzwischen die „User“ selbst, die den „Content“ liefern: Jeder und jede kann sich dank kinderleicht beherrschbarer Technik nach Belieben selbst ausstellen und/oder anderen dabei zuschauen. Manche verfolgen damit eigene kommerzielle Interessen, andere nicht. Die einen sind bereit, dafür zu bezahlen, für andere käme das nie infrage. Doch jede und jeder Suchende dürfte am Ende irgendwo fündig werden – außer vielleicht diejenigen, deren Vorlieben sich angesichts der permanenten Reizüberflutungen so hochgradig ausdifferenziert haben, dass ihr erotischer Hunger schlichtweg nicht mehr zu stillen ist…

Kritik vom Papst

Kritisch beäugt wird diese Entwicklung heute – außer von den besagten Altfeministinnen und besorgten Psychiatern – wohl nur noch von religiöser Seite. So warnte Papst Franziskus jüngst eindringlich vor „den Versuchungen der digitalen Pornografie“, auch vor der „einigermaßen normalen“. Es handele sich um ein Laster, das auch viele Priester und Nonnen hätten, denn „so tritt der Teufel ein.“ „Das reine Herz, das Jesus jeden Tag empfängt, darf solche pornografischen Informationen nicht empfangen.“ Es sei „eine Sache, die den Geist schwächt“. Immerhin hat er nicht gesagt, dass dadurch das Rückenmark geschädigt oder dass man davon blind wird. Doch befindet er sich mit dieser Haltung ganz im Einklang mit dem – wie Dieter Nuhr einmal treffend sagte – ungeschriebenen ersten Gebot aller Religionen: „Du sollst keinen Spaß haben.“

Die Zukunft der Pornografie

Was aber wird passieren, wenn dank der weiter fortschreitenden technischen Entwicklung in einigen Jahren jeder Mensch mit jedem beliebigen anderen lebensechten virtuellen Sex haben kann (ohne dass der jeweils andere davon erfahren würde)? Der jetzige Zustand der bislang lediglich visuellen Verfügbarkeit einer beinahe unendlich großen Zahl an optisch mehr oder weniger reizvollen Mitmenschen erführe dann noch einmal – vielleicht zum letzten Mal? – eine bedeutsame Steigerung ins Monströse. Und was hieße hier schon „lebensechter Sex“? Es wäre natürlich viel, viel besser und intensiver… Wie bescheiden wirken dagegen etwa die gerade einmal 72 Jungfrauen im Märtyrer-Paradies der Muslime (die noch dazu für eine Ewigkeit genügen sollten!). Vermutlich droht uns wohl schon in absehbarer Zeit ein allgemeines Verhungern in der Fülle.

justament.de, 31.10.2022: Willkommen im Chaos!

Björk auf ihrem neuen Album „Fossora“

Thomas Claer

Das wurde ja auch Zeit. Nach fünf Jahren gibt es endlich Neues von Björk, der mittlerweile auch schon 56-jährigen isländischen Pop-Ikone. Aber wer schon ihr Vorgängeralbum „Utopia“ mit all seinen bizarren Flöten-Klängen reichlich seltsam fand, dem kann nun beim Durchhören von „Fossora“ erst recht Hören und Sehen vergehen. Man weiß wirklich nicht so recht, was man davon halten soll. Gewiss, es klingt streckenweise etwas zugänglicher, aber dann auch wieder nicht… Es ist wohl einfach anders verrückt. Diesmal bleiben die Flöten mehr im Hintergrund und werden dafür von Bläsern und allerlei Perkussions-Instrumenten dominiert. Angeblich hat sie bei den Aufnahmen einen Teil der Instrumente ein Stück weit in die Erde eingraben lassen, um – ja wie nur? – bodenständiger bestimmt nicht! – zu klingen. Nach festen Songstrukturen sucht man weitgehend vergeblich. Pop ist hier eigentlich schon lange nichts mehr.

Offenbar ist sie mit der Aufgabe ihrer letzten Konzessionen an konventionelle Hörgewohnheiten wieder in etwa dort angekommen, wo sie vor gut vier Jahrzehnten mit ihrer ersten Teenager-Punk-Band „Kukl“ angefangen hat, die seinerzeit als Vorgruppe der „Einstürzenden Neubauten“ für Furore gesorgt hat. Passend zur Musik gibt einem auch die Gestaltung von Plattencover und Kostümierung einige Rätsel auf. Der neuen Erdverbundenheit entsprechend dreht sich diesmal eine Menge um Pilze, aber natürlich um solche der besonders obskuren Art…

Nach mehreren Hördurchgängen trennt sich dann doch etwas die Spreu vom Weizen. Der eine oder andere Song, sofern dieser konventionelle Begriff hier noch seine Berechtigung hat, ist richtig gut. Mein persönlicher Favorit ist „Trolla-Gabba“, was ja womöglich so viel wie „Tanz der Trolle“ bedeutet – ein wirklich furioses Stück. Angesichts des trotz Verständnisproblemen doch irgendwie überwältigenden Gesamteindrucks lautet das Urteil gleichwohl: voll befriedigend (11 Punkte).

Björk
Fossora
One Little Independent 2022
ASIN: B0BCKWP6QH

justament, 24.10.2022: Die Welt als Grauzone

Peter Sloterdijk präsentiert mit „Wer noch kein Grau gedacht hat“ eine ganz eigene Farbenlehre

Thomas Claer

Ein ganzes Buch über die triste Farbe Grau. Kann das überhaupt interessant sein? Nun, durchaus, wenn der Autor Peter Sloterdijk heißt. Dem metaphorischen und allegorischen Bedeutungsgehalt dieser unscheinbaren Couleur sind nämlich, wenn man es genauer betrachtet, was Sloterdijk hier ausgiebig tut, kaum Grenzen gesetzt. Grau steht etwa für die unbestimmte Zone oder den Kompromiss zwischen den Gegensätzen Schwarz und Weiß, ferner für Langeweile und Ödnis, für bürokratische Nüchternheit, aber auch für das Laue und Unbestimmte, für das Indifferente, dem alles egal ist. Grau ist so gesehen also eine ganze Menge in unserer Welt, wenn nicht sogar das meiste… So behandelt dann der sprachgewaltige Philosoph in seiner kurzweiligen Betrachtung ein breites Themenspektrum, kommt vom Hölzchen aufs Stöckchen und landet dann doch immer wieder bei seinen bekannten Lieblingssujets: Religions- und sonstiger Autoritätenverspottung zum Beispiel oder dem moralischen Desaster des Weltkommunismus, welchem er unter dem Stichwort „Rotgrauverschiebung“ auch einige treffende Bemerkungen über die reale Alltagstönung in der verblichenen DDR hinzufügt. Längere Kapitel widmen sich auch der Geschichte der Fotographie und des Films (deren Schwarzweißphase eigentlich Grauphase hätte heißen müssen) sowie der Betrachtung gräulicher Landschaftsformen und Naturereignisse von Theodor Storms „grauer Stadt am Meer“ bis zur alpinen Schneesturmbeschreibung von Adalbert Stifter.

Natürlich darf an dieser Stelle auch die berühmte Traumszene im Schneesturm aus Thomas Manns „Zauberberg“ nicht fehlen, in der dem eingedösten Hans Castorp „zwei graue Vetteln“ (d.h. ungepflegte schlampige alte Frauen) mit langen Zitzen an ihren schlaffen hängenden Brüsten erscheinen, die Menschenfleisch verspeisen. Nur kurz widmet sich der Verfasser in einer „Digression“ (d.h. einer Abschweifung) der vielversprechenden Thematik „Grau und Frau“ und kommt darin auch auf die „vier grauen Weiber“ in Goethes Faust II zu sprechen, von denen drei (der Mangel, die Schuld und die Not) gleich wieder verschwinden („Vier sah ich kommen, drei nur gehen“), aber eine, nämlich die Sorge, in Fausts Nähe bleibt und ihn durch böswilliges Anhauchen erblinden lässt. Doch nach nur drei Seiten heißt es unvermittelt:

„Ein zynisches Kapitel ist schneller beendet als ausgeführt. Ein Windstoß vom offenen Fenster reißt die Mitautorschaft an sich und bläst die Notizen fürs Folgende durch den Flur ins Freie. Bedauernd schaut der Autor den verwehten Blättern nach… Vielleicht kam der Windstoß zur rechten Zeit – anderenfalls hätte der Lektor womöglich gesagt: Pass auf, wenn man keine Frau ist, kann man so etwas heute nicht mehr schreiben!“

Ach, wie schade! Das wäre doch zu interessant gewesen… Hoffentlich wird dieses unkorrekte verlorene Kapitel dann wenigstens im Nachlass des Autors erhalten bleiben und eines fernen Tages nach seinem Ableben doch noch den Weg zu seiner neugierigen Lesergemeinde finden… Die „grauen Ekstasen“, die man hier bereits vermutet hätte, bilden dann jedoch erst die Überschrift des fünften und letzten Kapitels.

Hier gelangt der Philosoph nämlich – nachdem er auf seinem fokussierten Streifzug durch die Ideengeschichte u.a. auch noch bei seinen Kollegen Platon, Hegel, Heidegger und Nietzsche haltgemacht hat – zur Interpretation des Projekts der Moderne als markante Grauzonenverschiebung in zweifacher Hinsicht: einerseits als Ausweitung all dessen, was „der Obrigkeit“ egal zu sein hat, also von Freiheiten aller Art, die das neuzeitliche Individuum nunmehr ungehindert genießen kann, worin der Verfasser einen beträchtlichen zivilisatorischem Fortschritt erkennt (sofern es so etwas überhaupt geben könne); andererseits als Aufweichung des zuvor noch elitär verstandenen Kunstbegriffs, was der Autor als ambivalent bewertet, da dies neben einer Absenkung der Zugangsschwelle zugleich auch jeder Form von Banalisierungen Tür und Tor öffnet. So schlicht, wie hier exzerpiert, sagt er es natürlich nicht, aber es dürfte ungefähr dem nahekommen, was er meint. Überhaupt gestaltet sich die Lektüre auch diesmal wieder mitunter etwas anstrengend, weil man immer wieder aufs Neue mehr oder weniger obskure Fremdwörter nachschlagen muss, was den Lesefluss schon erheblich stören kann, gerade auch bei den witzigen Stellen, die sich zum Glück in gewohnt großer Zahl finden lassen. Aber verglichen mit dem Vorgängerbuch „Den Himmel zum Sprechen bringen“ ist die Zahl der verwendeten Gräzismen, Latinismen, Gallizismen und Neologismen immerhin etwas zurückgegangen, die Richtung stimmt also…

Peter Sloterdijk
Wer noch kein Grau gedacht. Eine Farbenlehre
Suhrkamp Verlag 2022
286 Seiten; 28,00 Euro
ISBN: 978-3-518-43068-2

justament.de, 3.10.2022: Emma hat Recht

Zufallsfund im Test: „Männersachen“ von Roger Cicero

Thomas Claer

Wer ein tiefergehendes Interesse an Musik mitbringt, wird wohl irgendwann an den Punkt kommen, nur noch das zu hören, was er schon kennt und ihm ohnehin gefällt. Neues zu entdecken gibt es dann nur noch von den eigenen Lieblingen oder womöglich noch von denen, die so ähnlich klingen wie jene. Selbst wer sich nicht nur durch die eigene Musikbibliothek hört, sondern auch mal auf YouTube unterwegs ist, bekommt dann vom Algorithmus schon bald nur noch das vorgeschlagen, was mit dem eigenen Geschmack irgendwie kompatibel erscheint. Da kann es also schon sehr inspirierend und befreiend sein, plötzlich auch mal auf ganz andere Musik zu stoßen.

Zum Beispiel auf Roger Cicero (1970-2016), den vor sechs Jahren tragisch früh verstorbene Pop- und Jazzmusiker aus Hamburg, ursprünglich sogar aus (West-) Berlin. Seine CD „Männersachen“ aus dem Jahr 2006 fand ich in einer „Zu verschenken“-Kiste in unserem Innenhof und nahm sie neugierig mit nach Hause. Ich erinnerte mich, seinen Namen schon öfter gehört zu haben und machte mich auf Wikipedia über ihn schlau. Anscheinend hatte ich Glück, denn „Männersachen“ ist sein bekanntestes Album. Allerdings wohl auch ziemlich umstritten, denn zu jener Zeit wurde Cicero von der Frauenzeitschrift „Emma“ mit dem Negativpreis „Pascha des Monats“ ausgezeichnet. Ach, diese verbissenen Alt-Feministinnen, dachte ich. Die sind ja auch gegen Pornos (als ob es nur frauenfeindliche gäbe) und gegen alles, was Spaß macht im Leben. Wenn die was gegen ihn haben, dann ist er vielleicht sogar richtig gut?
Also frisch reingehört ins anderthalb Jahrzehnte alte Album. Die Musik wirkt glatt und gefällig, erinnert sehr an amerikanische Musicals aus den Vierziger- und Fünfzigerjahren. Das allein muss noch nicht schlecht sein. Selbst Björk hat mal einen richtig guten Song aus diesem Genre rausgebracht: „It’s oh so quiet“ (1995), wo sie im Video im pinken Kleid herumturnt und immer „Schschscht“ macht. Aber sie hat es dann auch bei einem solchen Lied belassen, und das aus gutem Grund. Cicero hingegen macht ein ganzes Album mit solcher Musik, und seine anderen acht Platten gehen, wenn es stimmt, was in Wikipedia steht, ebenfalls in diese Richtung. Das kann einem ziemlich schnell auf die Nerven gehen. Aber es gibt ja auch noch die deutschsprachigen Texte, und wenn die etwas taugen, dann lässt sich die Musik ja vielleicht doch ertragen…

Nur leider erweisen sich die Texte als mindestens so problematisch wie die Musik. Sie, die aus der Feder eines seinerzeit 36-jährigen Senkrechtstarters stammen, behandeln zumeist „auf ironische Weise den Geschlechterkampf“, wie es auf Wikipedia heißt. Exemplarisch tut dies vor allem der Single-Hit „Zieh die Schuhe aus“:

„Ich bin ein Sammler, ein Jäger
Ein guter Ernährer
Ein Schrauber, ein Dreher
Ein Ganz-Frühaufsteher
Ein Broker, ein Seller
Ein Intellektueller
Ein Helfer, ein Heiler
Im Grunde ein Geiler
Bin ein Schöpfer, ein Macher
Beschützer, Bewacher
Ein Forscher, ein Retter
Adretter Jetsetter
Gestählter Don Juan
Ein Bild von einem Mann

So steh′ ich vor dir und höre dann

Zieh die Schuh aus, bring den Müll raus
Pass aufs Kind auf und dann räum hier auf
Geh nicht spät aus, nicht wieder bis um eins
Ich verstehe, was du sagst, aber nicht, was du meinst“

Tja, ist das jetzt wirklich lustig oder doch eher traurig? Aus heutiger Sicht wirkt das jedenfalls ziemlich altbacken, aber das war es auch schon 2006 und ein paar Jahrzehnte früher eigentlich auch schon. Dass das lyrische Ich überhaupt aufgefordert werden muss zu solchen Selbstverständlichkeiten und dann immer noch nicht versteht, worum es geht, lässt wirklich staunen, dass es offenbar ein weibliches Wesen gegeben haben muss, das sich auf jemanden mit einer solchen Attitüde zumindest vorübergehend eingelassen hat. Den „Pascha des Monats“ hat Roger Cicero sich damit mehr als verdient. „Emma“ hat mit dieser Auszeichnung also vollkommen richtig gelegen, zumal diese Macho-Grundhaltung sich auch durch die weiteren Songtexte auf diesem Album zieht („Kein Mann für eine Frau“, „Schieß mich doch zum Mond“). Einzige immerhin erwähnenswerte Ausnahme hiervon ist die Zeile „Ich kann kochen, bügeln, stricken“ in einem der folgenden Lieder. Aber sie allein kann am verheerenden Gesamteindruck dann auch nichts mehr ändern. Kurz gesagt kann ich Roger Ciceros „Männersachen“ also nicht viel abgewinnen und habe die CD daher in unserer nahegelegenen Bücherbox abgelegt, wo sie ganz schnell einen neuen Besitzer gefunden hat. Das Urteil lautet somit: nicht empfehlenswert.

Roger Cicero
Männersachen
Heinrich & De Wall / Sony Music 2006
ASIN: B01ISQGKA6

justament.de, 19.9.2022: Zum Tod von Jean-Luc Godard (1930-2022)

Ein persönlicher Rückblick

Thomas Claer

Mein erster Godard-Film war für mich zugleich auch der eindrucksvollste und inspirierendste. Als ich im jugendlichen Alter zum ersten Mal „Prénom Carmen“ (dt. Vorname Carmen“) aus dem Jahr 1983 sah, war ich zugegebenermaßen hauptsächlich an den opulenten Nacktszenen mit der unvergleichlichen Maruschka Detmers interessiert, die dann auch weiterhin die favorisierte Sex-Göttin meiner Träume bleiben sollte. Darüber hinaus machte ich in diesem Film aber auch Bekanntschaft mit der Musik von Tom Waits und den späten Streichquartetten Ludwig van Beethovens. Und mir wurden die Augen dafür geöffnet, wie vollendet und poetisch ein Film sein kann. Diese betörend schönen Bilder haben mich nie wieder losgelassen: das Rauschen der Meeresbrandung, das Streichquartett beim Üben und natürlich die hüllenlose Maruschka Detmers mit üppiger Schambehaarung im selbstvergessenen Liebesspiel. Vom Inhalt des Films allerdings habe ich bis heute nicht viel verstanden. Eine ziemlich verworrene Geschichte ist das, auf die es aber auch nicht so entscheidend ankommt. Jean-Luc Godard ist selbst darin aufgetreten, hat in einer nicht unbedeutenden Nebenrolle sich selber gespielt – als Onkel von Carmen (Maruschka Detmers), der er u.a. seine Wohnung am Meer zur Verfügung stellt, wo sie sich dann mit ihrem jungen schönen Geliebten vergnügt, der eigentlich der Polizist ist, der auf sie aufpassen soll, denn sie ist eine Bankräuberin; aber vielleicht ist das ja auch nur der Plot des Films, den sie gerade mit ihren Freunden dreht, wobei sie ihr Onkel unterstützen soll. Es bleibt alles in der Schwebe, und so erinnert man sich rückblickend vor allem an die schönen Bilder in ihrer Verbindung mit der schönen Musik…

Später habe ich mir dann auch noch ganz viele andere Godard-Filme angeschaut: „Außer Atem“, „Die Chinesin“, „Lemmy Caution gegen Alpha 60“… Toll waren sie alle, hintergründig und raffiniert, mal subversiv, mal plakativ. Wie er die großen Filmdiven in Szene setzen konnte – von Anna Karina bis Brigitte Bardot – das war schon einmalig. Schon möglich, dass mit seinem Tod auch der Tod des ganz großen Kinos zusammenfällt. Denn wie es scheint, hat die Streamingdienst-Serie inzwischen das Kino schon beinahe an den Rand der Bedeutungslosigkeit verdrängt. Für mich jedenfalls bleibt der große Jean-Luc Godard ganz besonders mit diesem einen Film verbunden, der mir so viel bedeutet.

justament.de, 12.9.2021: Jazz geht’s weiter

Regener Pappik Busch mit ihrem zweiten Album „Things To Come”

Thomas Claer

Wer hätte das gedacht? Sie legen gleich nochmal nach. Auf ihr fulminantes Debüt „Ask Me Now“, das wir vor einem Jahr an dieser Stelle bereits hinreichend gewürdigt haben, lässt das Element of Crime-Spin-Off „Regener Pappik Busch“ nun die ganz ähnlich gestrickte Fortsetzung „Things To Come“ folgen. Wieder haben sie Jazz-Klassiker von Thelonius Monk, Miles Davis, John Coltrane und mehreren anderen neu eingespielt, auch diesmal im minimalistischen Trio-Format nur mit Schlagzeug, Klavier und Sven Regeners ganz famoser Trompete. Es ist alles wie gehabt, und wieder kann das Ergebnis rundweg überzeugen. Zum John-Coltrane-Song „Mr. P.C.“ gibt es auf der Band-Homepage sogar noch ein richtig gutes Musikvideo mit Schwarz-Weiß-Ästhetik und Großstadt-im-Regen-im-nächtlichen-Laternenschimmer-Bildern.
In der Tat ist dieser Musik nichts so fremd wie Helligkeit und Sonnenschein. Ihr Metier ist die Beschwörung des Schattigen, Wolkigen, Regenverhangenen, Düsteren – doch stets in fingerschnippender Beiläufigkeit. Zwar waren sich die Akteure noch im Element-of-Crime-Band-Podcast „Narzissen und Kakteen“ darüber einig, dass es im Leben eines Musikers grundsätzlich nur eine wahre Band geben könne, niemals habe jemand nacheinander in mehreren großartigen Formationen gespielt – doch nun sind sie mit ihrem späten Nebenprojekt drauf und dran, diesen Glaubenssatz in Frage zu stellen…
Höchste Zeit also, dass nach zwei „Regener Pappik Busch“-CDs auch die Hauptband mal wieder etwas Neues von sich hören lässt. Das Schöne aber ist nun, dass wir uns tatsächlich auf ein neues Element-of-Crime-Album freuen können, das vielleicht noch in diesem Jahr erscheinen wird. Wir sind schon sowas von gespannt. Das Urteil für „Things To Come“ lautet: gut (13 Punkte).

Regener Pappik Busch
Things To Come
Universal 2022

justament.de, 5.9.2022: Unser Befreier

Zum Tod von Michail Gorbatschow (1931-2022)

Thomas Claer

Putins Erzählung lautet so: Was russische Führer über Jahrhunderte mühsam aufgebaut haben, ist vor drei Jahrzehnten innerhalb weniger Monate leichtfertig verspielt worden. (Überflüssig zu erwähnen, wem allein er die Schuld am Zerfall der Sowjetunion, der angeblich größten geopolitischen Katastrophe des 20. Jahrhunderts, gibt.) Das andere Narrativ, das man in Russland aber wohl mittlerweile gar nicht mehr aussprechen darf, ohne dafür gleich hinter Gitter zu wandern, ist hingegen: Was Freiheits- und Demokratiebewegung nach 70 respektive 40 düsteren Jahren endlich erreicht hatten: die triumphale Beseitigung von Zwangsherrschaft und Diktatur in halb Europa, ist in Russland während der beiden vergangenen Dekaden Schritt für Schritt wieder gründlich zurückgedreht worden – und nun soll auch noch das alte Imperium mit aller Macht wieder herbeigebombt werden.

Welch ein erbärmliches Weltbild steckt doch hinter einer politischen Haltung, die den Sinn des menschlichen Lebens heute noch – im 21. Jahrhundert! – in der kriegerischen bzw. spezialoperativen Eroberung möglichst großer Landmassen und der Knechtung ihrer Bewohner erblickt, noch dazu wenn man bereits das flächenmäßig größte Land der Erde ist!, statt sich endlich einmal um die Verbesserung des Lebensstandards der eigenen Bevölkerung zu bemühen, die weiterhin perspektivlos in einer rückständigen und hochkorrupten Günstlingswirtschaft sondergleichen feststeckt. Was für eine Lichtgestalt hingegen war doch vor dreieinhalb Dekaden der Glasnost- und Perestroika-Generalsekretär, der mehr als hundert Millionen Menschen in die Freiheit entließ und uns Deutschen den Fall der Mauer sowie die friedliche Revolution und Wiedervereinigung ermöglichte.

Doch hat die jahrelange Putinsche Gehirnwäsche ihre Wirkung bei seinen Untertanen offenbar nicht verfehlt: Der mit Abstand Unbeliebteste unter allen russischen und sowjetischen Führern ist dort – seit Jahren unverändert – Michail Gorbatschow, der ja das stolze Großreich ruiniert hat. Der Beliebteste dagegen ist – ebenfalls schon seit langen Jahren – Josef Stalin (1878-1953), der je nach Zählweise bis zu 60 Millionen (!) Bürger seines Landes um die Ecke gebracht hat, übrigens überwiegend Mitglieder der Kommunistischen Partei, also seine eigenen Anhänger. Und seinen einzigen „Erfolg“, den militärischen Sieg über Hitler-Deutschland im 2. Weltkrieg, nutzte er zu Landraub und Unterjochung anderer Völker in allergrößtem Stil. Echt ein toller Typ! Man stelle sich nur einmal vor, in Deutschland hielte eine Mehrheit Adolf Hitler für den größten Staatsmann aller Zeiten. Wie sagte mein ukrainischer Mieter: Eigentlich bräuchte die russische Bevölkerung eine Umerziehung wie die Deutschen nach dem zweiten Weltkrieg. Dem ist nichts hinzuzufügen. Nur dass leider niemand in Sicht ist, der diese Aufgabe übernehmen könnte.

Und so bleibt es wohl bis auf weiteres dabei, dass im einstigen Land des roten Oktobers nicht das Sein das Bewusstsein bestimmt, sondern die Welt als Wille und Vorstellung.