Kempowski hatte Schiss vor ihm
Ein Besuch im “Literaturhaus Uwe Johnson” in Klütz
Thomas Claer
Mit Uwe Johnson (1934-1984), dem großen deutschen Nachkriegsautor aus Mecklenburg, bin ich lange Zeit nicht richtig warm geworden. Seine übergenaue Sprache mutet sperrig an, schwerfällg, manchmal regelrecht umständlich. Obgleich er thematisch und auch sonst viel mit dem anderen großen Mecklenburger Autor aus jener Zeit, Walter Kempowski (1929-2007), gemeinsam hat, schreiben beide doch vollkommen unterschiedlich: Kempowski immer irgendwie leichthändig, fröhlich und beschwingt, aber Johnson wie gesagt eher schwerfällig und bedrückt, beinahe ungelenk, wenn auch dabei nicht ohne eigene Eleganz.
Meine Eltern waren, nachdem sie kurz vor dem Mauerfall in den Westen gekommen waren (und damit auch endlich Zugang zu Büchern ihrer Wahl hatten), große Fans von den beiden geworden: mein Vater vor allem von Walter Kempowski, aber meine Mutter in erster Linie von Uwe Johnson. Wohl mehr als zwei Jahrzehnte lang bekamen meine Eltern daher von mir jedes Jahr zu Weihnachten immer neue Bücher von Kempowski und Johnson geschenkt – so lange, bis sie schließlich alle von ihnen vollständig hatten. Heute stehen diese Bücher allesamt in einem separaten Regal im Flügelzimmer meiner Frau – als Andenken an meine Eltern. Erst nach deren Tod vor zehn Jahren begann auch ich, in den Büchern zu lesen, wobei mir Kempowski anfangs deutlich besser gefiel. Doch so langsam komme ich nun auch bei Johnson auf den Geschmack. Hatte ich mich vor etwa drei Jahrzehnten durch “Mutmaßungen über Jakob” noch geradezu hindurchquälen müssen, so kann ich dem ersten Band der “Jahrestage”, dessen Lektüre ich nun immerhin vor kurzem abgeschlossen habe, doch einiges abgewinnen.
Die “Jahrestage” spielen zwar 1967/68 in New York, enthalten aber unzählige Rückblicke ins fiktive Mecklenburgische Städtchen Jerichow, hinter dem unschwer der Ort Klütz zu erkennen ist. Auch die umliegenden Ortschaften Rande und Gneez sind für Eingeweihte leicht als Boltenhagen und Grevesmühlen zu identifizieren. Dort ganz in der Nähe habe ich gelebt – wenn auch dreißig bis fünfzig Jahre nach der Romanhandlung. Doch sind inzwischen ja auch schon wieder fast vierzig Jahre vergangen, seitdem ich dort gelebt habe. Jedenfalls war es für mich naheliegend, wenn man schon den Sommer in Rostock verbringt, endlich einmal dem “Literaturhaus Uwe Johnson” in Klütz einen Besuch abzustatten, zumal nachdem es vor ein paar Monaten anlässlich des zwischenzeitlich abgeblasenen und dann doch noch realisierten Auftritts von Michel Friedman dort so ins Gerede gekommen ist.
Ein Lübecker Uwe-Johnson-Enthusiast hat also vor zwanzig Jahren im nahegelegenen und ansonsten verschlafenen Städtchen Klütz, nur vier Kilometer von der Ostseeküste entfernt, in einem alten Kornspeicher ein Literaturhaus errichtet, das auf zwei Ebenen und auf relativ engem Raum eine gleichwohl sehr inhaltsreiche und vielsagende Dauerausstellung über Leben und Werk des schon 49-jährig verstorbenen Schriftstellers enthält. Man erfährt darin eine Menge, was man auch als jahrelang interessierter Beobachter noch nicht wusste, vor allem über Uwe Johnson als Person. Das deckt sich übrigens auch mit dem, was mein Vater, der Anfang der Fünfzigerjahre in Rostock Sportpädagogik und später auch noch Medizin studiert hat, über den Rostocker Literatur- und Anglistikstudenten Uwe Johnson zu berichten hatte. Als meine Eltern und ich uns in den Neunzigern eine Fernsehdokumentation über Uwe Johnson ansahen, rief mein Vater nämlich sogleich: “Den kenn’ ich doch! Den hab ich doch früher immer an der Uni ‘rumlaufen sehen, diesen komischen steifen Typen mit der Pfeife!”
Von Johnsons Schriftsteller-Kollegen, so erfährt man in der Klützer Ausstellung, konnte kaum jemand Zugang finden zu dem Eigenbrötler, der laut seinem langjährigen Freund und Nachbarn Günter Grass “nicht frei war von selbstzerstörerischen Zwängen”. Max Frisch, der ebenfalls in Berlin-Friedenau in der Nähe von Grass und Johnson gelebt hatte, erzählte von einem Abend mit Johnson, an dem dieser in seinen Ausführungen immerwieder thematisch wild hin und her gesprungen sei. Erst im Nachhinein sei man darauf gekommen, was er wohl gemeint haben könnte. Der bereits oben erwähnte Walter Kempowski bekannte, seine Freundschaft zu Johnson “hatte nichts Komfortables”. “Zu den sogenannten angenehmen Menschen gehörte er nicht. Er war verschlossen, wortkarg, mürrisch, auch unduldsam. Wenn ihn etwas störte, wurde er grob, saugrob. Es war nicht gut Kirschen essen mit ihm, wie man so sagt. Äußerlich signalisierte er das dadurch, dass er nicht nur eine schwarze Lederjacke, sondern sogar einen schwarzen Lederschlips trug.” Und weiter: “Irgendwann habe ich ihn auch mal besucht, in Berlin, in der Niedstraße, nicht weit von Günter Grass, mit dem er damals, glaube ich, verfeindet war. … Ich trank ein kleines Helles und er, glaube ich, zehn oder zwölf, dazu nahm er diverse Schnäpse und trank, wenn ich mich nicht sehr täusche, noch eine Flasche Wein dazu. Ich war kein guter Gesprächsprtner und ein Kumpan schon gar nicht. Ich saß still und stumm vor ihm. Bloß kein falsches Wort sagen!, dachte ich, sonst haut er dir noch einen an den Ballon.”
Sie hatten dann noch einen jahrelangen Briefwechsel, in dem Kempowski irgendwann einmal an Johnson schrieb: “Ich habe immer Schiss vor ihnen. Sie haben so etwas Strenges.” Luise Rinser bekannte, dass sie rein gar nichts mit Uwe Johnson anfangen könne, weder mit ihm als Mensch noch mit seinen Büchern, von denen sie nie etwas verstanden habe. Doch gab es zwei prominente Frauen, die überraschend gut mit ihm konnten: In Berlin war das die (vorübergehend) in Grunewald wohnende Ingeorg Bachmann und in New York war es Hannah Arendt, die als eine der Ersten Johnsons “Jahrestage” als ein “Meisterwerk” bezeichnete. Man verlässt das Klützer Literaturhaus mit dem Eindruck, dass sich ein wirklich schwieriger Mensch mit komplizierter Persönlichkeit ein in vieler Hinsicht außergewöhnliches Werk abgerungen hat.
Auf der Straße in Klütz stellen wir fest, dass wir gerade den Bus zurück nach Wismar verpasst haben, der nur einmal in der Stunde fährt. Also laufen wir noch etwas durch Klütz und bestaunen die Kirche mit der Kirchturmspitze in Form einer Bischofsmütze, die schon ganz vorne in den “Jahrestagen” als “Petrikirche von Jerichow” beschrieben wird. Es ist ein schöner Sommertag ohne übermäßige Hitze, aber kein Mensch ist auf der Straße. Ich erinnere mich an meine Kindheit, als ich mit meinen Eltern mit dem Auto durch kleine Städte in der Region wie Schönberg oder Rehna gefahren bin und unser Besuch aus dem Westen sich dann immer gewundert hat: “Hier wohnen doch Menschen, aber man sieht keine Menschen. Warum ist hier eigentlich kein Mensch auf der Straße?!”
justament.de, 27.7.2026: Pussypower am Ostseestrand
Scheiben Spezial: Die feministische Indie-Band „Blond“ aus Chemnitz live auf der Warnemünder Woche
Thomas Claer
Und wieder ist Warnemünder Woche mit hochkarätiger Livemusik am Ostseestrand für null Euro Eintritt. Und wenn man ohnehin gerade in Rostock ist, dann geht man da natürlich hin. Diesjähriger Top-Act war die dreiköpfige Chemnitzer Indie-Band „Blond“ mit den Schwestern Nina (29, Gitarre, Gesang) und Lotta Kummer (27, Schlagzeug, Gesang) als Frontfrauen sowie dem blinden Bassisten Johann Bonitz (29) im Hintergrund. Das Trio macht bereits seit 15 Jahren gemeinsam Musik – eine Art Girlie-Punk mit Rap-Einsprengseln – und hat bislang drei Studioalben veröffentlicht, von denen die letzten beiden bis in die Charts geschossen sind. Dazu muss man wissen, dass die beiden Kummer-Schwestern zwei noch prominentere Brüder haben, welche Mitglieder der noch berühmteren Band „Kraftklub“ sind. Und schon ihr Vater war Sänger der DDR-Avantgarde-Band „AG.Geige“. Soviel vorab.
Trotz all dieser vielversprechenden Begleitumstände war ich, nachdem ich mich auf YouTube durch das „Blond“-Oevre gehört hatte, noch nicht so recht überzeugt. Wild und schrill kommen sie daher, das schon, aber ist das wirklich gute Musik? Ich dachte eher an den oft gehörten Spruch meines Vaters, dass man einem geschenkten Gaul nicht ins Maul schaue, als ich mich mit meiner Frau unter das fast ausschließlich jugendliche Volk vor der Bühne am Warnemünder Strand mischte. Aber dann das: Die Drei auf der Bühne machen eine Mords-Stimmung und werden von ihrem Publikum, das wirklich jedes Lied mitsingen kann, enthusiastisch gefeiert. Offenbar kommen nur die wenigsten Konzertbesucher aus Rostock. Vermutlich sind sie ganz überwiegend von weither angereist. Und diese jungen Leute dort tanzen wahrhaftig Pogo, dass es eine Freude ist. So wie ich selbst vor bald vier Jahrzehnten bei den Pogues oder bei Phillip Boa. Nur dass hier der Anteil der Pogo-Tanzenden im Publikum wohl eher noch größer ist als „zu meiner Zeit“. Fast hätte ich mitgemacht, aber wenn man die Musik nicht so gut kennt, dann hat das natürlich nicht so viel Sinn. Wäre vielleicht auch ein bisschen komisch gewesen, so als vergleichsweise alter Sack unter lauter jungen Menschen und sogar überwiegend jungen Mädchen. Wobei der Baden-Württembergische Wirtschaftsminister hierzu vielleicht gesagt hätte: Es gibt unangenehmere Auftritte…
Nina und Lotta, die beiden Sängerinnen, präsentieren sich wie immer in äußerst gewagten Kostümen, wechseln überdies noch zweimal während der Show ihr Outfit. Ihre Tanzeinlagen sind großartig. Die Stimmung ist von Anfang bis Ende phänomenal. Na gut, die Sprüche der beiden Protagonistinnen zwischen den Liedern sind mitunter etwas sehr bemüht, insbesondere ihre vorgeblichen Provokationen („Wer von euch kann sich selber lecken??“ als Ansage zum Song „Gelenkig“). Fast bekommt man etwas Mitleid mit ihnen, denn womit Nina Hagen in ihrer Jugend noch konservative Sittenwächter erschrecken konnte, das lockt heute wohl niemanden mehr hinter dem Ofen hervor. Allenfalls Wladimir Putin würde sie dafür vermutlich für zwanzig Jahre nach Sibirien schicken.
Kurzum, die Band „Blond“ mag von der Qualität ihrer Kompositionen her nur guter Durchschnitt sein, doch überzeugt sie durch die Originalität ihrer Texte, durch eine fantastische Bühnenshow – und insbesondere durch die Begeisterungsfähigkeit ihrer Zuschauerinnen und Zuschauer. Hoffen wir, dass das schöne Mecklenburg-Vorpommern niemals zum finsteren AfD-Land mit repressiver Kulturpolitik wird, sodass wir uns auch künftig an Auftritten solcher Art erfreuen können werden.
justament.de, 6.7.2026: Jung und schön ungeschliffen
Scheiben Spezial: Vor 40 Jahren erschien “Basically Sad”, das Debüt von Element of Crime
Thomas Claer
Nun ist es also sage und schreibe 40 Jahre her, dass Element of Crime ihre Debüt-Platte “Basically Sad” beim einflussreichen Düsseldorfer Independent-Label Ata Tak veröffentlichten. Von den heutigen Bandmitgliedern waren damals nur Sänger und Trompeter Sven Regener sowie Gitarrist Jakob Ilja schon dabei, die sich bereits von der avantgardistischen Vorläuferband “Neue Liebe” kannten, die – wie es damals in der West-Berliner Szene gang und gäbe war – weitgehend ohne feste Songstrukturen auskam. Als Element of Crime brachten sie nun erstmals richtige Songs heraus, die freilich noch weitaus ungeschliffener daherkamen als auf ihren späteren Veröffentlichungen. Und noch dazu hatten die Lieder englischsprachige Texte, was auch noch auf den drei Folgealben “Try to be Mensch (1987), “”Freedeom, Love and Happiness” (1988) und “The Ballad of Jimmy and Jonny (1989) sowie auch auf dem anschließenden ersten Live-Album “Crime Pays Live” (1990) der Fall war.
Für alle, die die Elements erst später, nämlich auf ihren deutschsprachigen Erfolgsplatten seit “Damals hinterm Mond” (1991) kennengelernt haben, ist das englischsprachige Frühwerk eine wahre Schatzkammer voll unentdeckter Songperlen. Auf “Basically Sad” können besonders der Opener “I’ll Warm You up” und das romantische Schlussstück “Moonlight” überzeugen. Die ganze Platte atmet den unwiderstehlichen Charme des noch nicht ganz Ausgereiften, mitunter etwas Sperrigen, gelegentlich auch Ungelenken.
Doch endete die kurze Indie-Kariere der Band schon bald darauf, als das Major-Label “Polydor” die Band unter Vertrag nahm und ihre Debüt-Platte noch ein zweites Mal, allerdings mit anderem Cover, herausbrachte. Die “Ablösesumme” die Polydor dafür an Ata Tak zahlte, soll dem Düsseldorfer Kleinstlabel die weitere Existenz gesichert haben. Fortan wurden die Element-of-Crime-Platten zwar etwas glatter, doch blieben sie gleichwohl einzigartig.
Element of Crime
Basically Sad
Ata Tak / Polydor 1986
justament.de, 8.6.2026: Er träumte von blauen Schildkröten
Scheiben Spezial: Vor 40 Jahren erschien das Live-Album “Bring on the Night” von Sting
Thomas Claer
Nur wenige Jahre, nämlich von 1977 bis 1984, bestand die einzigartige englische Band The Police, wenn man von zwei kurzzeitigen Wiedervereinigungen 1986 und 2007/08 absieht. Doch auch die sich daran ab 1985 anschließende Solokarriere ihres Sängers, Bassisten und Frontmans Gordon Matthew Sumner, genannt Sting, begann vielversprechend. Seinem furiosen Debüt “The Dream of the Blue Turtles” folgte schon im Jahr darauf, vor vierzig Jahren, das ebenfalls vielbeachtete Live-Album “Bring on the Night”. Dass seine Musik danach zusehends verflachen und später nie mehr das hohe Niveau aus den mittleren Achtzigern erreichen sollte, steht auf einem anderen Blatt.
Mehrere wirklich großartige Songs finden sich auf Stings Debüt, allen voran das rein instrumentelle Titelstück, das auf spielerisch jazzige Weise den surreal bis romantisch anmutenden Traum von blauen Schildkröten vertont. Überhaupt kann man “The Dream of the Blue Turtles” recht eigentlich als ein Jazz-Album ansehen, das die Reggae-Anfänge der Police-Zeit hinter sich gelassen, aber die glattgebügelte Poppigkeit von Stings späteren Veröffentlichungen noch vor sich hat. Weitere Höhepunkte sind das enorm groovende “Consider me Gone” und das betörende Vampirstück “Moon Over Bourbon Street” mit seiner hypnotischen Basslinie. Spuren von Pathos zeigen allerdings bereits die Hitsingles “We Work the Black Seam” und insbesondere “Russians”, das ein Thema von Sergej Prokofjew adaptiert. Der letztgenannte Song ist zwar nicht unbedingt musikalisch, aber ganz sicher textlich gut gealtert, denn seine anklagende Schlusszeile “What might save us me and you / Is if the Russians love their children too” ist ja leider wieder erschreckend aktuell geworden…
Das darauffolgende Live-Album “Bring on the Night” enthält die besten Stücke vom “Dream of the Blue Turtles” (weshalb auch “Russians” nicht dabei ist) sowie noch mehrere ältere Police-Stücke, die allerdings alle zu den weiniger bekannten der Band zählen, so wie das großartige Titelstück “Bring on the Night”, dessen Originalversion vom zweiten Police-Album “Regatta de Blanc” (1979) stammt. Durch die Bank ist auch “Bring on the Night” eine beinahe lupenreine Jazzplatte geworden, was natürlich auch an den erstklassigen Live-Musikern liegt, die Sting hier um sich geschart hat. Schon Stings nächste Patte “… Nothing Like the Sun” (1987) war dann längst nicht mehr so gut, enthielt aber immerhin noch die exzellenten Songs “Englishman in New York” und “We ‘ll be Together”.
Sting
The Dream of the Blue Turtles
A&M Records 1985
Sting
Bring on the Night
A&M Records 1986
justament.de, 1.6.2026: Für so’n richtig verschärftes Leben
Recht cineastisch Spezial: Vor 50 Jahren erschien “Nordsee ist Mordsee” von Hark Bohm
Thomas Claer
“Ich träume oft davon / Ein Segelboot zu klau’n / Und einfach abzuhau’n”. So wild und romantisch textete damals, vor einem halben Jahrhundert, der junge Udo Lindenberg, dessen 80. Geburtstag wir vor wenigen Wochen feiern konnten. Allerdings ist dieser Song, den man wohl als einen seiner stärksten bezeichnen kann, auf keinem regulären Lindenberg-Album enthalten, nur auf dem Soundtrack zum Jugendfilm “Nordsee ist Mordsee” von Hark Bohm und später als Eröffnungslied auf der CD “Raritäten und Spezialitäten” (1998). Doch ist “Nordsee ist Mordsee”, der vierte Film des großen Hamburger Regisseurs und Drehbuchautors Hark Bohm (1939-2025), weit mehr als nur ein Udo-Lindenberg-Musikfim, sondern ebenso ein packendes Sozialdrama und zugleich die Geschichte einer wunderbaren Freundschaft, wie sie wohl nur Jugendliche untereinander schließen können.
Der 14-jährige Uwe (Uwe Enkelmann), der regelmäßig von seinem zumeist alkoholisierten Vater geschlagen wird, ist der Anführer einer gefürchteten Jugendbande in der Hamburger Hochhaussiedlung Wilhelmsburg. Mit seinen Kumpanen knackt er Spielautomaten und verprügelt Mitschüler. Zu ihren Opfern zählt auch der gleichaltrige asiatischstämmige Dschingis (Dschingis Bowakow). Doch später befreunden sich die beiden Jungen, reißen von zu Hause aus und segeln mit einem kleinen Boot auf der Elbe in Richtung Nordsee. Insofern ist diese herzergreifende Geschichte auch ein Vorläufer von Wolfgang Herrndorfs Roman “Tschick” (2010), für dessen Verfilmung (2016) durch Fatih Akin niemand anders als Hark Bohm das Drehbuch verfasste. Darüber hinaus ist auch noch bemerkenswert, dass es sich bei den beiden Hauptdarstellern um die Adoptivsöhne des Regisseurs handelt.Wer sich “Nordsee ist Mordsee” noch einmal – oder auch erstmalig – anschauen möchte, kann den Film übrigens in voller Länge auf YouTube finden.
Nordsee ist Mordsee
BRD 1976
87 min; FSK: 12
Regie/Drehbuch/Produktion: Hark Bohm
Musik: Udo Lindenberg
Darsteller: Uwe Enkelmann (Uwe Schiedrowsky), Dschingis Bowakow (Dschingis Ulanow) u.v.a.
justament.de, 1.6.2026: Enthemmte Macht-Junkies
Peter Sloterdijk als Staatsphilosoph in “Der Fürst und seine Erben”
Thomas Claer
Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Diese Erkenntis, die sich bei der Lektüre von Peter Sloterdijks neuem staatsphilosophischen Essay “Der Fürst und seine Erben. Über große Männer im Zeitalter der gewöhnlichen Leute” über weite Strecken einstellt, ist zwar alles andere als beruhigend, hat aber immerhin etwas Tröstliches. Denn das Gefühl, dass einem angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen gerade der Boden alles Sichergeglaubten unter den Füßen weggezogen wird, das hatten auch schon frühere Generationen, zumindest immer mal wieder. Populismus? Hatte seine Urszene schon 1852, als sich Napoleon III. zum Kaiser von Frankreich ausrufen ließ. Ein “an die Macht gestolperter Megalopath” (Sloterdijk) wie Trump an der Spitze der ältesten Demokratie der Neuzeit? Stehe in einer langen Reihe von egomanischen Figuren in der langen Perversionsgeschichte “verwilderter Vertikalität”.
Aber unsere jüngsten technischen Errungenschaften, die sind doch nun wirklich ganz neu, oder etwa nicht? Laut Sloterdijk ist Heideggers These, wonach nichts in der modernen Technik sei, was nicht zuvor schon in der Metaphysik gewesen sei, noch hinzuzufügen, es sei auch nichts in der Metaphysik, was nicht schon vorher in der Magie gewesen war. Erst so lasse sich “Technik wirklich angemessen verstehen – nämlich als rationalisierte, operationalisierte, erfolgsgeprüfte Wahrmachung magischer Impulse.” So sei “die Weltgeschichte als ein Drama aufzufassen, in dem der Radius des Schadenszaubers in die Ferne fortwährend modifiziert wurde.” Konkret bedeute das: “Aus den frühen, scheinbar spurlos verschwundenen Regungen des bösen Willens in die Ferne, des Schadenszaubers, der intensiven Verfluchung, der Totsagung, der sibyllinischen Prophetie, sind heute mehr oder weniger einfach zu handhabende technische Geräte geworden. Sie stehen zumeist im Dienst politischer Systeme, die ihre Selbstbehauptung mit ihrer Selbsterweiterung verbinden wollen. Man bedenkt in der Regel nicht, dass die Szene, die man gegenwärtig als Hacker und Trolle bezeichnet, aus den Nachkommen der Schadenszauberer besteht.”
Wie man also sieht und liest, ist der inzwischen 78-jährige Peter Sloterdijk in diesem kleinen Bändchen mal wieder richtig in seinem Element und versprüht darin immerfort seine stets originellen Gedankenblitze. Die Gesellschaftsgeschichte der Menschheit erzählt er in “Der Fürst und seine Erben” als Aufeinanderfolge dreier gravierender Sündenfälle: erstens der Vertreibung der Menschen aus ihrem paradieschen Naturzustand “in die Welt der Not und Sorge”, zweitens ihres “Sturzes in den hierarchisierten Staat” und drittens der “stets drohenden Vergewaltigung des Einzelnen durch aufdringliche Fiktionen eines fusionierten Gemeinwillens”. Insofern nimmt der Philosoph eher eine Perspektive “von unten” ein, jene der Untertanen nämlich, denen von den jeweils Mächtigen über alle Epochen hinweg immer wieder übel mitgespielt worden ist.
Machtausübung ist nämlich, das muss man wissen, eine der härtesten Drogen überhaupt. Laut Gerhard Ritter (1888-1967) ist “die Macht eine dunkle Größe, die ihre Träger wie eine Sucht in Besitz nimmt und ihre Persönlichkeit zersetzt.” So sei es laut Sloterdijk nicht verwunderlich, “wenn viele homines politici von ihrer Droge nicht lassen wollen – sie nehmen Verfassunggsbrüche in Kauf, um weiter an ihren Stoff zu kommen. Nicht selten werden nach dem Amtsentzug die Memoiren zu ihrer Ersatzdroge.”
Befördert wird die leider immer wieder zu beobachtende Skrupellosigkeit von Herrschenden aber auch von kalten Theoretikern der Machtausübung wie dem von Sloterdijk ausführlich porträtierten Niccolo Machiavelli (1469 -1527), der, so Sloterdijk, heute zweifellos “Chef eines Consulting-Unternehmens” sein würde. Dem florentinischen Sekretär zufolge müsse ein politischer Herrscher vor allem dazu fähig sein, “nicht Gutes zu tun”, da er sich anderenfalls nur schwerlich in seinem Amt halten könne. Doch resümiert Sloterdijk, dass nach all den Schrecken und Großkatastrophen insbesondere des 20. Jahrhunderts die Mächtigen heutiger Tage hinsichtlich ihres Nicht-Gutseins von Macchiavelli nun wirklich nichts mehr zu lernen hätten.
Nicht weniger ausführlich erfolgt Sloterdijks Auseinandersetzung mit dem Staatsphilosphen und Verfassungsjuristen Carl Schmitt (1888-1985), der “mit seinen antiliberalen Sympathien für die Diktatur als optimalem und in unruhigen Zeiten allein richtigen Modus von Politik” gerade eine Art Mann der Stunde sei. Man müsse befürchten, so Sloterdijk, “Carl Schmitt, würde er heute in den USA leben, hielte sich beim Tross um Donald Trump auf, ja, er wäre wohl auch bereit, zu dozieren, es sei die Mission dieses Mannes, uns vor den gefährlichen Schwächen des Liberalismus zu retten.” Doch gesteht Sloterdijk dem notorischen “Kronjuristen des Dritten Reiches” zu, er habe “im Konzept des Volks als Souverän eine morsche Stelle gefunden”.
Der “Volkssouveränität” als neuzeitlichem Ersatz für die monarchische Herrschaft hat Sloterdijk ein ganzes Kapitel gewidmet. “Man wird wohl zugeben”, so führt er darin aus, “nie wurde ein noblerer Traum geträumt als der von der Gleichvernünftigkeit aller oder zumindest der vielen”. Jedoch: “Man muss sich sowohl politisch wie in personalen Dingen mit der Erkenntnis abfinden, dass der Abbau von Naivität das teuerste Verfahren bei der Behandlung von erblichen Fehlstellungen des Bewusstseins ist.” Die Quelle aller Verwirrung hinsichtlich der philosophischen Begründung der Volkssouveränität liege “im eiligen Übergang vom Ich zum Wir”. Das Problem sei nämlich: “Was man gemeinhin Demokratie nennt, ist eine Veranstaltung zur Sedierung von Königen, die sich durch ihre Vielzahl gegenseitig behindern”. Die Fiktion der Volkssouveränität hänge aber letztlich an der Unterstellung, “wonach jeder einzelne Bürger als Inhaber eines Quantum souveränmachender Vernunft fähig sein sollte, seine eigenen Interessen und die des Gemeinwohls angemessen auszulegen. … Adel verpflichtet, Volkssouveränität erst recht.”
Doch sei das, wie schon die historische Erfahrung lehre, wohl zu optimistisch gedacht gewesen. “Von der Brüchigkeit der Idee, nach welcher alle ‘Gewalt’ von dem jetzt souverän genannten Volk ‘ausgehe’, lieferten die Ereignisse zwischen 1789 und 1914 für jeden, der es wissen wollte, eine sehr deutliche Vorstellung.” Allein in Frankreich habe es “vier Rückfälle zu monarchoiden Verhältnissen” gegeben, weshalb leider oft gegolten habe: “Wer Demokratie sät, wird Diktatur ernten.”
So sei es auch eigentlich keine Überraschung, dass nach vielen ruhigen Jahrzehnten das Konzept der Volkssouveränität aktuell wieder unter Druck geraten sei. “Die Krise der Demokratie, die heute in aller Munde ist, geht aus dem Kollaps des Glaubens an die Konvergenz der einzelnen Vernünftigkeiten hervor. Kein Mensch ist noch naiv genug anzunehmen, dass das, was in den Hauptstädten geschieht, ein Output ist aus dem, was die konvergierenden inneren Königtümer des vorgeblichen Souveräns namens Volk kraft ihrer Besonnenheit und Wohlberatenheit wirklich möchten.” Tatsächlich sei es vielmehr so: “Alles, was beschlossen wird, ist ermüdende Aushandlung, Stückwerk, Kompromissprodukt, auch im besten Fall ein geringeres Übel, das sich rühmt, die unter den gegebenen Umständen am wenigsten schlechte Lösung zu bieten.” … “In der Tat, als Gefäß von Vernunftbegabung zu existieren, ist keine Freizeitbeschäftigung.”
Doch hält Sloterdijk die Demokratie durchaus für überlebensfähig: “Das Volk, im Licht seiner besten Qualitäten betrachtet, kann und darf nichts anderes sein als ein Ensemble von Mikro-Kurfürsten, ausgestattet mit dem zu allgemeinem Recht ausgedehnten Vorrecht, die zu bestimmen, die an der Spitze stehen sollen.” Als günstigen Umstand ausgemacht hat der Philosoph ferner, dass in der politischen Klasse neben den oben erwähnten Junkies der Macht auch “immer wieder einzelne auftreten, die ihre eigenen Ambitionen auf der Achse des Gemeinwohls investieren wollen. Man könnte sie die nützlichen Narzissten nennen.” Dennoch warnt der Verfasser eindringlich: “Die Gesellschaft mag so demokratisch eingerichtet sein, wie sie will, der Staatsbau als solcher trägt aufgrund seiner zentralistischen Verfasstheit, sei es offen, sei es kryptisch, das Potential zu einer Diktatur in sich. … Man weiß aus der historischen Beobachtung, dass stark zentralistische Systeme zur autoritären Entgleisung neigen.”
Zu den besonderen aktuellen Herausforderungen, insbesondere auch für die Stabilität unserer Demokratie, zählt Sloterdijk selbstredend auch die mediale Revolution der letzten beiden Jahrzehnte und vor allem deren Auswirkungen auf die nachfolgenden Generationen: “Wollte man weiterhin meinen, auch die Jüngeren sollten Mitträger ihres Gemeinwesens sein, indem sie ‘seriöse’ Medien nutzen, riskiert man Enttäuschungen. … Die Demokratie, wie man sie lange kannte, war graphosphärisch basiert. Die Staatsbürger früherer Jahrzehnte, auch wenn sie sich bekämpften, ließen sich von Zeitungen und Klassikern unterrichten. Bewohner postdemokratischer Zonen verbinden und isolieren sich untereinander, aus gutenbergischer Sicht, schon auf bis auf weiteres unbegreifliche Weise ‘anders’. … Die Revolution der Emissionen blieb bis zur Stunde nahezu unverstanden. Im Universum der Information könnte demnach derjenige als Souverän gelten, dem es gelänge, in die Vielzahl der in sich geschlossenen Blasen einzudringen, seien sie national, subkulturell oder nachbarschaftlich formatiert, um sie auf einen überlokalen, ‘transversalen*, über-subkulturellen Standard festzulegen.”
Doch betont Sloterdijk auch, “dass die Machtvertikale sich von der frühen Neuzeit an mit einer Medienvertikale verbunden” habe: “Wenn politische Vertikalität verwildert, reagiert sie auch auf die Tatsache, dass die modernen Medien eine Revolution der Reichweiten bewirken. Hätten Figuren wie Hitler oder Churchill ihre Botschaften auf einer Gemüsekiste stehend vom Speaker’s Corner im Londoner Hyde Park aus in die Welt gesendet, wüssten wir bis heute nicht, dass es diese schrägen Vögel gegeben hat.”
Ganz allgemein erscheint dem Philosophen die Gegenwart als von multiplen Krisen geprägt: “Unzählige Zeitgenossen leben mit dem Empfinden, sich in einem Zwielicht zu bewegen, in dem man trotz Futuristik, kaum vorhersehen kann, welche böse Überraschung zuerst kommt. Die Warteliste des Unheilvollen ist lang; man weiß nicht, welches von den Debakeln, die anstehen, sich vordrängt.” Und hinzu kommt: “Dass in unseren Tagen ein neues psychopolitisches Kapitel aufgeschlagen worden ist, merkt man auch daran, dass die Verwilderung der Vertikale in zunehmendem Maß anti-intellektuelle Züge annimmt. In der Person von Donald Trump ist ein Beinahe-Analphabet an die Spitze einer Weltmacht gelangt.” Trump sei im übrigen “seinen Anlagen und Neigungen nach kein Politiker, eher ein Dealer, am meisten ein Clown, der den Diktator gibt.”
Zur Vermeidung solcher Zustände auch hierzulande positioniert sich Sloterdijk schließlich sogar innenpolitisch: Es gehöre “zu den Sonderbarkeiten der modernen Welt, dass auch Ungekrönte den Rücktritt von ihren virtuell souveränen Positionen erklären können.” Insofern sei der letzte König von Sachsen mit seinen im November 1918 ausgesprochenen Worten: ‘Macht euren Dreck alleene’ zum Ahnherr der Postpolitik geworden. Man müsse jetzt nur noch verstehen, “dass, wer in dieser Lage radikal rechts wählt, nicht nur als Bürger abdankt, sondern dem Ganzen des Gemeinwesens, als ob es Dreck wäre, einen Tritt versetzt.”
Peter Sloterdijk
Der Fürst und seine Erben. Über große Männer im Zeitalter der gewöhnlichen Leute
Suhrkamp Verlag, 2026
189 Seiten; 22,00 Euro
ISBN: 978-3-518-00136-3
justament.de, 25.5.2026: Im Schatten des sanften Gebieters
Der Briefwechsel zwischen Peter Handke und Manfred Osten von 1979 bis 2024
Thomas Claer
Das hätte man nicht gedacht: Peter Handke (Jahrgang 1942), der schwer metaphysische große Schwurbler und Literaturnobelpreisträger, und Manfred Osten (Jahrgang 1938), der versierte Goethe-Kenner und Autor knackig pointierter Essays und Sachbücher, hatten einen jahrzehntelangen Briefwechsel. Und nicht nur das: Anders, als man vielleicht vermuten würde, ist es in diesen Briefen nicht etwa Handke, der in einem fort langatmige und mitunter verworrene Prosa produziert, sondern dies tut allein Osten, während sich Handke ganz überwiegend kurz angebunden zeigt. Da muss man sich schon sehr wundern und lernt die zwei geschätzten Autoren in diesem mustergültig editierten und kommentierten Sammelband von ganz neuen Seiten kennen.
Angefangen hat es mit den beiden, dem Jura-Abbrecher aus Kärnten und dem promovierten Juristen aus Mecklenburg, bereits 1970 in Paris, als Handke, seinerzeit aufstrebender Jungliterat und auch schon recht berühmt seit seinem legendären Auftritt in der Gruppe 47 vier Jahre zuvor, an die Tür der dortigen Deutschen Botschaft klopfte und sich Hilfe bei der Suche nach einer Wohnung erbat. Es öffnete ihm niemand anders als Manfred Osten, damals angehender Diplomat, der ihm zwar keine Wohnung beschaffen konnte, ihn aber ersatzweise zu sich nach Hause mitnahm. Dort hätte sich nun also Manfred Osten, der damals mutmaßlich schon einiges von Handke gelesen hatte, sehr gerne mit dem hochverehrten jungen Mann unterhalten. Allein, Handke zog es vor, ein Fußballspiel im Fernsehen schweigend zu verfolgen. (Schließlich sollte er noch im selben Jahr sein einschlägiges Erfolgsbuch “Die Angst des Tormanns beim Elfmeter” herausbringen.)
Erst neun Jahre später, am 27. Dezember 1979, schreibt Manfred Osten aus Budapest, wo er inzwischen als Mitarbeiter im Auswärtigen Dienst tätig ist, erstmals einen Brief an Peter Handke. Darin schickt er diesem zwei dünne Heftchen mit selbstverfassten Gedichten und bittet um Handkes Meinung dazu: “Ich schreibe Ihnen, weil ich weiß, dass sie das sind, was ich gerne werden möchte.” Der hilfsbereite Handke revanchiert sich für Ostens Gastfreundschaft vor fast einem Jahrzehnt in Paris und wird von nun an sein Lehrmeister in der Dichtkunst, denn Osten hat es sich in den Kopf gesetzt, neben seiner diplomatischen Laufbahn auch noch ein großer Dichter zu werden. Desweiteren teilen die beiden Briefeschreiber eine übergroße Verehrung für Johann Wolfgang von Goethe, der – wie sie es nennen – als “sanfter Gebieter” stets unsichtbar über ihnen schwebt.
Doch schon bald bekommt dieser Austausch eine gefährliche Schlagseite, von der er sich nie mehr richtig erholen wird. Manfred Osten hat an Peter Handke offenbar dermaßen einen Narren gefressen, dass er ihm immerfort gedrechselte Lobeshymnen bezüglich seiner jeweils aktuellsten Werke schickt. Der davon sichtlich geschmeichelte Handke macht sich im Gegenzug eine Menge Mühe mit Ostens unzähligen Gedichten, verbessert sie hier, lobt oder tadelt sie dort und vermittelt schließlich eine Auswahl von ihnen an renommierte Verlage, die sie aber trotz allem Zureden nicht drucken wollen. Als wären dies nicht schon genug Umstände für Handke gewesen, werden Ostens Briefe an ihn mit der Zeit immer länger und weitschweifiger, widmen sich philosophischen, spirituellen und allen nur erdenklichen Fragen, auf die Handke immer seltener und zusehends lakonischer antwortet. Denn begreiflicherweise textet er bevorzugt direkt für seine jeweils nächsten Bücher, während Osten vermutlich von seinen beruflichen Kontakten gelangweilt und unterfordert ist und sich womöglich auch auf seinen diplomatischen Stationen in aller Welt (später geht es noch nach Australien und Japan) mitunter etwas einsam fühlt.
Das geht dann so weit, dass es Handke Mitte der Neunziger schließlich zu bunt wird und er Osten, der inzwischen zwar nicht als Lyriker, aber doch eben als Sachbuch-Autor, Essayist und Generalsekretär der Alexander-von-Humboldt-Stiftung Erfolge feiert, schroff zurückweist: “Schicken Sie mir nichts mehr!” Es mag wohl auch eine Rolle gespielt haben, dass Handke seit dem Kauf seines Hauses nahe Paris und der Gründung einer neuen Familie dort seine sonstigen Kontakte etwas reduzieren wollte. Zwanzig Jahre lang ist die Korrespondenz unterbrochen. Dann nimmt Manfred Osten noch einmal Anlauf, und es gelingt immerhin eine (von Handkes Seite eher halbherzige) Versöhnung.
So stellt sich am Ende die Frage, ob es wirklich eine gute Idee gewesen ist, diesen Briefwechsel öffentlich zu machen – und das auch noch zu Lebzeiten der beiden Akteure. Ganz unbedingt ein Gewinn sind aber nicht wenige der hinten im Band abgedruckten Gedichte Manfred Ostens, denn die sind – zumindest nach der unmaßgeblichen Auffassung des Rezensenten – streckenweise richtig gut. Als Kostprobe mag dieses im Buch effektvoll an letzter Stelle platzierte dienen:
fast ein freund
rechtfertigungen
waren nicht seine sache
um mich fernzuhalten
kam er mir entgegen
wenn ich redete
verfolgte mich
sein schweigen
im winterweiß
seiner augen
fand ich
den verschneiten weg
er meinte
weiter käme ich
ohne ihn
am weitesten aber
ohne ziel
Im übrigen sind wir der Meinung, dass bald wieder ein neues Sachbuch von Manfred Osten über Goethe erscheinen sollte.
Katharina Pektor (Hrsg.)
Peter Handke / Manfred Osten
“Sterne glänzend im angebissenen Apfel”: Briefe 1979-2024
Wallstein Verlag, 2026
190 Seiten; 24,00 Euro
ISBN: 978-3-8353-5904-8
justament.de, 18.5.2026: Menage a trois in West-Berlin
Peter Schneiders brisanter letzter Roman „Die Frau an der Bushaltestelle“
Thomas Claer
Am 3. März dieses Jahres ist in Berlin der Schriftsteller Peter Schneider 85-jährig verstorben. Nur wenige Monate zuvor hatte er noch seinen letzten Roman „Die Frau an der Bushaltestelle“ veröffentlicht. In diesem wimmelt es nur so von autobiographischen Bezügen. Schneider, der einer der maßgeblichen Wortführer und Organisatoren der Berliner Studentenbewegung der Sechzigerjahre gewesen ist, bündelt in diesem Roman noch einmal die bevorzugten Themenkreise seines literarischen Schaffens: Deutschland in der Nachkriegszeit, die politische und mentale Ost-West-Spaltung, seine Wahlheimatstadt Berlin sowie – ganz besonders – Liebe und Erotik in diesem Umfeld.
Die Handlung setzt nur kurz in der Gegenwart ein, erstreckt sich dann in einem ausführlichen Rückblick von Mitte der Sechziger- bis Anfang der Siebzigerjahre und endet dann wieder im (beinahe) Hier und Jetzt. Im Zentrum des Romans steht die 1965 beginnende Dreiecksbeziehung zwischen der in der DDR aufgewachsenen und von dort nach West-Berlin geflüchteten jungen Isabel und ihren beiden westlichen Verehrern, den Studenten Nick und Sebastian, wobei letzterer zugleich als Ich-Erzähler fungiert. Als solcher hat er zwar einiges gemein mit dem Verfasser des Romans, doch noch weitaus stärker gleicht dieser Nick, Sebastians Freund und zugleich Konkurrenten um die Gunst der schönen Isabel. Letztere ist ein kapriziöses Wesen, dem die beiden jungen Männer – und mit ihnen noch zahllose weitere Verehrer – hoffnungslos verfallen sind. Die dramatischen Höhen und Tiefen dieser Verbindung nimmt der Ich-Erzähler bereits in seinen einleitenden Reflexionen über die „Frau seines Lebens“ vorweg: „Auf das eigene Gedächtnis sollte sich niemand, der bei Verstand ist, verlassen. Vor allem nicht dann, wenn es um die Liebe geht. Es sind ja nicht die geglückten Liebesgeschichten, die erfüllten Träume, die eingelösten Hoffnungen, die die tiefste Spur im Gedächtnis hinterlassen. Wer von der größten Liebe seines Lebens spricht, meint damit eine, die neben den euphorischen Augenblicken auch das größte Unglück und die schlimmsten Verletzungen hervorgebracht hat. Das Gedächtnis der Gefühle gehorcht einer darwinistischen Logik: Es hält die schiere Wucht einer Liebeserfahrung fest, es privilegiert das Übermaß des Glücks und der Verzweiflung. Für das mittlere, das halbwegs gelingende und vielleicht dauerhafte Glück bringt es kaum Interesse auf.“ (S. 7)
Mit der Zeit gewinnen jedoch zunehmend auch die politischen Radikalisierungstendenzen jener Jahre an Einfluss auf die Romanhandlung, die drei Hauptfiguren und ihr Verhältnis zueinander. Ausgerechnet die Figur, der man dies am wenigsten zugetraut hat, gerät tief in den Sumpf des RAF-Terrorismus, und es nimmt mit ihr ein böses Ende. Dies sowie die ewig großen Fragen um Liebe und Freundschaft, Trennung und Verrat bestimmen dann den weiteren Fortgang der Ereignisse und insbesondere auch die späteren Erinnerungen der beiden Übriggebliebenen an jene wilden Jahre.
„Die Frau an der Bushaltestelle“ ist ein intensiver, streckenweise erschütternder Roman über die Verstricktheit von Privatem und Politischem, der sich in seiner Mischung aus Erinnerung, Rekonstruktion und literarischer Fiktion womöglich auch als autobiographischer Schlüsselroman lesen lässt, wobei aber genau diese Frage am Ende im Dunkeln bleibt. So möge es jede Leserin und jeder Leser selbst beurteilen, ob dieses von seinem Verfasser sehr effektvoll erst am eigenen Lebensende herausgebrachte Buch noch weitere versteckte Bedeutungsebenen enthält.
Peter Schneider
Die Frau an der Bushaltestelle
Kiepenheuer & Witsch Verlag 2025
310 Seiten; 25,00 Euro
ISBN: 978-3-462-00590-5
justament.de, 18.5.2026: Alte Meister bleiben sich treu
The Notwist auf “News from Planet Zombie”
Thomas Claer
Die Indie-Veteranen von The Notwist gehen mittlerweile auch schon mehr oder weniger auf die Sechzig zu und sind nun – fünf Jahre nach ihrer letzten CD “Vertigo Days” – wieder mit einem neuen Album am Start. “News from Planet Zombie” unterscheidet sich deutlich von der (wohl auch Corona-bedingten) weltmusikalischen Attitüde seines Vorgängers und ist nun eher wieder Notwist pur, wenngleich das Album diesmal von einem insgesamt 11-köpfigen Ensemble mit vorwiegend akustischen Instrumenten eingespielt wurde. Die seit dem bedauerlichen Ausscheiden des stilprägenden Elektronik-Fricklers Martin Gretschmann alias Console 2014 nur noch dreiköpfigen Kern-Notwists (die Acher-Brüder und Schlagzeuger Andi Haberl) sind hierzu gemeinsam mit ihrer Live-Band nicht ins Sudio, sondern in einen Konzertsaal gegangen und haben das neue Material dort – wie berichtet wird – an nur vier Tagen live aufgenommen.
Das Ergebnis lässt sich hören. Auf Anhieb möchte man die elf neuen Songs ins Herz schließen, die so unverkennbar die melancholische Beiläufigkeit der alten Notwist-Klassiker aus den Neunzigern und Nullerjahren in sich tragen. Besonders die ersten drei Stücke der CD können begeistern. Das sehr leise und sehr traurige “Teeth” setzt dabei sogleich den Ton für alles Weitere. Mit dem feurig-verspielten “X-Ray” folgt dann jedoch das schnellste, lauteste und zugleich beste Lied des Albums. Hier klingen The Notwist kaum anders als vor 20 oder 30 Jahren – und dafür lieben wir sie bis heute. Auch das anschließende Instrumentalstück “Propeller” überzeugt auf ganzer Linie. Doch dann lassen sie ein wenig nach: Der Rest der Platte ist – bis auf das noch recht muntere “The Turning” – ruhig und fast meditativ, wobei auch einige schwächere Songs den Gesamteindruck etwas trüben. Gleichwohl haben The Notwist unter dem Strich wieder ein stimmiges Album vorgelegt, das Freude macht. Das Urteil lautet: voll befriedigend (12 Punkte).
The Notwist
News from Planet Zombie
Morr Music 2026
justament.de, 11.5.2026: Ahnenforschung mit Leichen im Keller
Judith Hermann in “Ich möchte zurückgehen in der Zeit”
Thomas Claer
Viele bekommen mit zunehmendem Alter einen neuen Blick auf die Familien, denen sie entstammen. Will man als junger Mensch oftmals größtmöglichen Abstand zu jenen halten, lieber sein eigenes Ding machen, sich womöglich auch nerviger Kontrolle und Bevormundung durch sie entziehen, erkennt man irgendwann jenseits der Fünfzig dann doch, welch starken Einfluss die eigenen Eltern und ebenso die Großeltern auf einen selbst ausgeübt haben, letztere zumindest indirekt – sogar dann, wenn man sie nie kennengelernt hat. Wer sich für seine Vorfahren interessiert, erfährt daher zumeist auch viel über sich selbst. Mit der Zeit sieht man seine Altvorderen auch als eigenständige Personen mit Zwängen und Nöten, kann sich besser in ihre Lage versetzen und hat Fragen an sie, die man ihnen früher nie gestellt hätte. Nur leider sind sie dann mitunter gar nicht mehr am Leben. Oder sie antworten nicht oder nur ausweichend, weil sie sich angeblich an nichts mehr erinnern können…
In der Literatur ist es von jeher ein dankbares Thema gewesen, sich der eigenen Familienhistorie zuzuwenden. Zwar sind nicht alle Familien gleichermaßen interessant, doch finden sich wohl in fast jeder Verwandtschaft reale Begebenheiten, die sich kein Literat besser hätte ausdenken können. Schätze, die nur gehoben zu werden brauchen. Und natürlich gilt dies ganz besonders hierzulande, im Land der Naziverstrickten!
Das dachte sich wohl auch die Schriftstellerin Judith Hermann, geboren 1970 in Westberlin, die spät, aber noch nicht zu spät auf diesen Trichter gekommen ist. Viel Geduld brauchten ihre treuen Fans, zu denen sich auch der Rezensent rechnet, mit ihr, denn seit ihrem fulminanten und hymnisch gefeierten Debüt “Sommerhaus, später” (1998) waren ihre weiteren Werke zumeist ernüchternd. Doch nun hat sie, wenn nicht alles täuscht, in der ihr allein gemäßen kleinen Form endlich wieder einen großen Wurf gelandet. “Ich möchte zurückgehen in der Zeit” ist ein – ja was eigentlich? Auf gerade einmal 150 Seiten handelt es sich, so könnte man vielleicht sagen, um drei “literarisch-essayistische Reflexionen über ihre Familie mütterlicherseits, insbesondere über ihren lange vor ihrer Geburt vertorbenen Großvater, sowie ganz allgemein über die Vergänglichkeit und familiäres Verstricktsein.
Darüber hinaus sind es Reiseberichte, denn die Ich-Erzählerin, die sich keinerlei Mühe gibt, ihre Identität mit der hinter ihr stehenden Autorin zu verbergen, ist unterwegs. Zuerst nach Radon in Polen. Dort, wo es 1943/44 zu schrecklichen Gräueltaten an der jüdischen Bevölkerung gekommen ist, hat ihr Großvater zu eben jener Zeit in SS-Uniform auf einem Platz für ein Foto posiert, das eins der nur drei Bilder ist, die überhaupt von ihm noch existieren. Viel mehr Informationen gibt es nicht über ihn. Aus den Archiven hat die Ich-Erzählerin bei ihren Recherchen nur erfahren, dass er dort in Radon in der Tat stationiert gewesen ist. Ihre hochbetagte Mutter sagt ihr im Wesentlichen nur immer wieder, dass sie sich an nichts, was ihren Vater angeht, erinnern könne. Auch die zwei älteren Brüder der Mütter, hatten nie etwas über ihren Vater erzählt. Also macht sich die Ich-Erzählerin selbst auf die Reise, um vor Ort etwas über ihren Großvater herauszufinden. Ohne hier großartig zu spoilern, kann man verraten, dass der Ertrag der Reise an faktischen Erkenntnissen zwar dürftig geblieben ist, doch hat die Erzählerin ihren Aufenthalt in Radon zum Anlass genommen für einfach hinreißende Schilderungen über ihr Nichtwissen, über ihre düsteren Vermutungen, über ihre Scham, über ihre dortige schöne Unterkunft, über ihre traumwandlerischen Spaziergänge durch diese zumal im Winter weitgehend menschenleere kleine Stadt.
Manche Kritiker haben das in Anbetracht der Thematik anstößig, unangemessen, zumindest frivol gefunden. Aber erlaubt ist ausdrücklich auch das, was nicht jedem gefällt. Judith Hermann hat mit diesem Buch einen ganz eigenen Ansatz entwickelt, sich der dunklen deutschen Vergangenheit, diesem doch eigentlich mehr als auserzählten Thema, erzählerisch anzunähern. Und dabei hat sie auch gleich noch ihre Jahrzehnte währende Schreibkrise überwunden!
Die beiden folgenden Kapitel, die wie gesagt eigentlich zwei weitere eigenständige Essays sind, schildern dann noch die anschließende Reise der Ich-Erzählerin zu ihrer in Neapel lebenden Schwester sowie – schon ein Vierteljahrhundert zurückliegend – das mysteriöse vorübergehende Verschwinden ihrer Schwiegereltern. Besonders gelungen ist das Neapel-Kapitel – schon durch seine bemerkenswerte Ausgangskonstellation: Die Familie der Schwester der Ich-Erzählerin lebt in Neapel übergangsweise in einer prachtvollen Wohnung aus dem 17. Jahrhundert, in der bis vor kurzem noch eine unlängst verstorbene Malerin gelebt hat, deren Bilder weiterhin überall an den Wänden hängen und deren Lebensutensilien dort noch vollständig vorhanden sind, aber von den neuen Bewohnern keinesfalls verändert werden dürfen. Auch dies ist wieder eine anscheinend wahre Geschichte, die jede Fiktion um Längen schlägt. Kurzum, die frohe Botschaft lautet: Judith Hermann ist als Erzählerin endlich wieder dort angekommen, wo sie hingehört.
Judith Hermann
Ich möchte zurückgehen in der Zeit
S. Fischer Verlag, 2026
157 Seiten; 23,00 Euro
ISBN: 978-3-10-397764-6









