www.justament.de, 11.12.2017: Sei produktiv!

Manfred Osten denkt nach über „Goethe und das Glück“

Thomas Claer

„Ja renn‘ nur nach dem Glück“, heißt es bei Bertolt Brecht im Lied von der „Unzulänglichkeit menschlichen Strebens“, „doch renne nicht zu sehr. Denn alle rennen nach dem Glück, das Glück rennt hinterher.“ Vielleicht ist die Suche nach dem Glück sogar die Königsdisziplin der Lebenskunst. Denn auch wer womöglich schon alles im Leben erreicht hat, ist deshalb noch lange nicht glücklich. Und umgekehrt! Manfred Osten, Jahrgang 1938, promovierter Jurist, langjähriger Diplomat und als Generalsekretär a.D. der Alexander von Humboldt-Stiftung so etwas wie ein Universalgelehrter ersten Ranges, hat sich in seinem neuen kleinen, feinen Büchlein auf die Suche nach der universellen Glücksformel begeben und zum Gewährsmann bei diesem ambitionierten Unterfangen keinen Geringeren als Deutschlands Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) erwählt. Und da von Goethe neben seinen unerschöpflichen Werken auch noch unzählige sonstige Bekundungen – etwa in Briefen oder in Mitschriften seiner Gesprächspartner – überliefert sind, ja man kann wohl sagen: der Nachwelt kaum eine seiner Äußerung von Belang verloren gegangen sein dürfte, war es für einen profunden Goethe-Kenner wie Manfred Osten selbstredend ein Leichtes, eine Menge einschlägiger Bemerkungen Goethes über das Glück im menschlichen Leben nicht nur zusammenzutragen, sondern auch gewissenhaft zu ordnen und aufschlussreich zu kommentieren.

Also, worin liegt es denn nun, das Geheimnis des Glücks? Kurz gesagt ist das Glücklichsein eine Kunst, die zwar dem einen mehr, dem anderen weniger in die Wiege gelegt sein mag, die sich aber doch von jedem erlernen und trainieren lässt (was nicht immer leicht ist!) und die darin besteht, die jeweils spezifischen eigenen Glücksquellen nach Kräften auszuschöpfen. Nicht weniger als 15 solcher Glücksquellen hat Osten, auf Goethe zurückgreifend, ausgemacht, etwa die ständige Achtsamkeit und Aufmerksamkeit für sich selbst, für seine Mitmenschen, aber auch für all die Dinge um sich herum. Ebenfalls große Bedeutung hat das Eigentum, allerdings gerade nicht das materielle, dessen Anhäufung nur kurzfristige Erfüllung mit sich bringt und stattdessen immer aufs Neue die unersättliche Gier anstachelt und so – im Gegenteil – zu einer Quelle des Unglücks werden kann (so wie es bei Goethes Anti-Helden Faust geschieht), sondern das immaterielle Eigentum nach Goethescher Lesart: „Ich weiß, daß mir nichts angehört,/ Als der Gedanke, der ungestört/ Aus meiner Seele will fließen, / Und jeder günstige Augenblick,/ Den mich ein liebendes Geschick/ Von Grundaus läßt genießen.“ Hier sind wir wohl an der Wurzel des Glücks: „Der verständige Mann muss sich nur mäßigen, so ist er auch glücklich“, heißt es im „Wilhelm Meister“. Es gilt also, die eigenen überschießenden Begierden unter Kontrolle zu bringen, sich selbst im Zaum zu halten, gewissermaßen zu kultivieren und zu zivilisieren. Und diese Begierden, noch besser, in produktive Bahnen zu lenken: Kaum etwas ist für die meisten Menschen beglückender, als selbst etwas zu erschaffen, schöpferisch tätig zu sein. Dass dies oft ein quälender Prozess ist, versteht sich von selbst. Manfred Osten spricht von der „Geburt des Glücks aus dem Geiste der Verzweiflung“, welche Goethe sogar als Pflicht bezeichnet hat, da nur ein völlig stumpfsinniger Mensch den Zustand der Welt und die eigene Rolle in ihr klaglos hinzunehmen imstande sei. Und überhaupt: „Unglück bildet den Menschen und zwingt ihn sich selber zu kennen.“

Doch ist nun einmal nicht jeder zum Dichter oder Künstler berufen. Vielleicht auch für all jene hat Goethe sich zu einer Bemerkung hinreißen lassen, in der er vorsichtig noch eine andere Art von beglückender Produktivität andeutet: „Ich werde mich hüten, deutlicher zu sein; aber ich weiß am besten, was mich im höchsten Alter jung erhält, und zwar im praktisch-productiven Sinne, worauf denn doch alles ankommt“, schrieb er an den Komponisten Zelter. Diese Stelle hat Manfred Osten wohlweislich nicht in sein Buch aufgenommen… Aber genug davon. Der Rezensent ist hier am Ende seiner Besprechung angelangt und kann sich, welch ein Glück, seiner nächsten Lektüre widmen.

Manfred Osten
„Gedenke zu leben! Wage es, glücklich zu sein!“ oder Goethe und das Glück
Wallstein Verlag 2017-12-07 120 Seiten; 18,00 Euro
ISBN-10: 3835330241

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www.justament.de, 27.11.2017: Röchel, grunz, kreisch!

Scheiben Spezial: Vor 25 Jahren erschien „Bone Machine“ von Tom Waits

Thomas Claer

Ein Vierteljahrhundert ist es nun schon her, dass “Bone Machine”, die wohl abgründigste, kaputteste und zugleich genialste aller Tom Waits-Platten das Licht der Welt erblickte. Auf mich machte dieses Album, damals mit Anfang zwanzig, einen tiefen unauslöschlichen Eindruck. Und das lag nicht nur an der in jungen Jahren – auch bei mir – besonders ausgeprägten Begeisterungsfähigkeit. Gewiss, hätte ich damals schon das ganze Frühwerk dieses Meisters der schrägen Klänge gekannt, dann wären mir gewisse Wiederholungen, zumal bei den langsameren Stücken am Piano, nicht entgangen. Doch hätte wohl auch dies meinen Enthusiasmus kaum getrübt. Natürlich war es ein Glücksfall, Tom Waits gerade mit dieser Platte für mich entdeckt zu haben…

Im Sommer 1993, dem letzten vor Beginn meines Jura-Studiums, reiste ich mit meinem Freund A drei Wochen lang durch Frankreich. Schließlich hatten wir während unseres Zivildienstes ein Jahr lang an der Volkshochschule Französisch gelernt und brannten nun darauf, unsere frisch erworbenen Sprachkenntnisse an Ort und Stelle anwenden zu können. Wir reisten mit Interrail-Ticket, Zelt und Rucksack, das war ja klar. Wie uncool wäre das denn gewesen, sich etwa mit dem Rollkoffer auf die Reise zu machen? Mit der Hygiene nahm man es auf den Campingplätzen nicht sonderlich genau. Hätte ja auch ziemliche Umstände bereitet, sich ständig die schulterlangen Haare zu waschen. Am schönsten war es, keine Frage, in Frankreichs Süden, vor allem in der Provence mit ihren magischen Düften und Farben. Und so landeten wir eines Tages in der Jugendherberge der Stadt Nimes und trafen dort auf eine Gruppe junger Deutscher, mit denen wir den Abend verbrachten. Schnell freundete ich mich mit einem Geschichts-Studenten aus Cloppenburg an, und der legte dann irgendwann seine Tom-Waits-Kassette mit „Bone Machine“ in den dort herumstehenden Kassettenrekorder. Klänge solcher Art hatte ich noch nie zuvor gehört! Die Musik rumpelte, krachte, zischte und dröhnte, dass es eine Freude war. Und dann diese Stimme, die in einem fort röchelte, grunzte und kreischte. Während wir seine Kassette wieder und wieder abspielten, wohl den ganzen Abend lang, erzählte mir der Cloppenburger Geschichtsstudent alles, was er über Tom Waits wusste, und das war eine Menge. Bis tief in die Nacht fachsimpelten wir in der Gruppe über unsere jeweiligen Auffassungen von Pop-Musik…

Am nächsten Tag fuhren wir dann mit einem Kleinbus von der Jugendherberge zum nahe gelegenen Pont du Gare, jenem berühmten Aquädukt aus der Römerzeit. Und dort bin ich mit meinem Freund A oben auf dem Rand der mächtigen Wasserleitung, noch dazu bei stürmischen Winden, in mehr als 20 m Höhe über dem kaum Wasser führenden Fluss von der einen Seite bis zur anderen gelaufen, ohne jede Absicherung. Abends in der Jugendherberge erklärte man uns deshalb für lebensmüde, denn dort seien schon zahlreiche Touristen in die Tiefe gestürzt. Keiner, dem ich später von diesem Abenteuer berichtet habe, wollte es mir glauben, denn inzwischen ist am Pont du Gare längst alles abgesperrt und keine Überquerung mehr möglich…

Am Ende unserer Fahrt habe ich mich dann tatsächlich noch mit meinem Freund A zerstritten. Anlass war eine Ausgabe der Illustrierten BUNTE, die wir irgendwo an einem französischen Bahnhofskiosk erstanden hatten, mit sensationellen Paparazzi-Nacktfotos des Models Claudia Schiffer. Den Kaufpreis hatten wir uns, glaube ich, geteilt. Und nun wollten wir die delikaten Fotos unter uns aufteilen, um den für uns wertlosen Rest der Zeitschrift anschließend entsorgen zu können. Aber wer sollte welches Foto behalten dürfen? Weder A noch ich wollte auf das größte und in unseren Augen schönste dieser Bilder verzichten, auch wenn man zum Ausgleich alle anderen Fotos, und es gab noch einige weitere im Journal, hätte behalten können. Damals ahnten wir noch nichts von der unmittelbar bevorstehenden Erfindung des Internets, das solche Streitereien schon wenige Jahre später hinfällig werden ließ…

Bald nach dem Urlaub kaufte ich mir die Tom Waits-Platte „Bone Machine“, den Soundtrack unserer Reise, natürlich auf Vinyl. Und die aufgenommene Kassette mit dieser Musik lief bei mir dann in den folgenden Jahren recht häufig im Studentenwohnheim. Sollte ich jemals ein Testament verfassen, dieser Gedanke kam mir wohl schon damals in den unteren Semestern, dann werde ich darin den Wunsch äußern, dass der Song „Dirt in the Ground“, das zweite Stück von „Bone Machine“, auf meiner Beerdigung gespielt wird. Aber unbedingt auf einem möglichst schäbigen Mono-Kassettenrekorder. „Cause we ´re all gonna be just dirt in the ground.“

Tom Waits
Bone Machine
Island Records 1992
ASIN: B001SXE0T0

www.justament.de, 6.11.2017: 100 Jahre Russische Revolution

Recht historisch Spezial: Justament-Autor Thomas Claer erinnert sich an den 70. Jahrestag der „Großen Sozialistischen Oktoberrevolution“ vor 30 Jahren

Steht ein besonderes Jubiläum ins Haus, dann sollte man rechtzeitig mit den Vorbereitungen beginnen. Das lernte ich bereits in der Schule, als unser Kunsterziehungslehrer vor ziemlich genau 31 Jahren, im Herbst 1986, vor versammelter Klasse verkündete: „Im nächsten Jahr begehen wir den 70. Jahrestag der Oktoberrevolution. Und dazu sollt ihr nun jeder ein Poster entwerfen.“ Das war keine ganz leichte Aufgabe für einen Neuntklässler ohne künstlerische Begabung, der ich damals war. Meine Noten in diesem Fach lagen nur dank der Kunstinterpretationen, also dem mir weitaus mehr liegenden gepflegten Geschwafel über Werke berühmter Maler oder Bildhauer, im erträglichen Bereich. Und nun sollte ich ein Poster zeichnen. Aber glücklicherweise gab es ja noch meinen Vater, für den solche Herausforderungen ein Klacks waren. Sehr gelegen kam mir, dass wir die Kunstwerke, an denen wir gerade arbeiteten, zwischen den Kunstunterrichtsstunden zur weiteren Ausgestaltung mit nach Hause nehmen durften. Mein Vater brauchte kaum eine Minute, da hatte er schon die rettende Idee: Er zeichnete mit dem Bleistift den Panzerkreuzer Arora, im Wasser liegend, aus dem Schornstein in seiner Mitte stieg als Rauchwolke die Zahl 70. Drumherum ein paar Fahnen, die später noch rot auszumalen waren, darunter die Beschriftung „Große Sozialistische Oktoberrevolution“ – fertig. Mein Kunstlehrer war begeistert. Eine Glanzleistung, für die ich die Note 1 bekam.

Nun gab es aber in den folgenden Monaten zwei Ereignisse, die mein Revolutionsplakat und seine Benotung nachträglich in einem anderen Licht erscheinen ließen. Zum einen beging mein Vater, der mir gerade noch – zu rein schulischen Zwecken – bei der Glorifizierung der Oktoberrevolution geholfen hatte, kurz nach Weihnachten Republikflucht. Er kam von einem Besuch meiner Oma in Westdeutschland, der ihm immerhin von den DDR-Behörden genehmigt worden war (vielleicht ja, weil er Frau und Kind im Osten zurückließ), nicht mehr zurück. Kurz darauf stellte meine Mutter für sich und mich den berühmten Ausreiseantrag auf Familienzusammenführung. Von nun an waren wir in der DDR so etwas wie Staatsfeinde.

Zum anderen wurde mein Kunstlehrer, der außerdem noch Deutsch und Englisch unterrichtete (ausgerechnet die Sprache des Klassenfeindes!) zum neuen Schuldirektor befördert, nachdem der bisherige Amtsinhaber, ein nervöser Kettenraucher, der ständig herumschrie, an einem Magengeschwür verstorben war.

Der Sozialismus und ich – das ist eine lange Geschichte, in der nun, zum Jahreswechsel 1987, im 70. Jahr nach der Oktoberrevolution, ein neues Kapitel aufgeschlagen wurde. So richtig überzeugt von der „wissenschaftlichen Weltanschauung der Arbeiterklasse“ war ich wohl – trotz aller Gehirnwäsche, der ich in diesem Lande fortwährend ausgesetzt war – nicht einmal in den unteren Schulklassen. Beim Fahnenappell, als immer wieder von der unverbrüchlichen und ewig währenden Freundschaft zwischen unserer DDR und der Sowjetunion die Rede war, stellte ich mir schon als ca. Neunjähriger die ketzerische Frage, wie das denn sein könne mit der „Ewigkeit“. Es erschien mir dann doch höchst fragwürdig, ob diese beiden Staaten wirklich für alle Zeiten Bestand hätten, auch noch in 100 oder in 1000 Jahren. Allerdings ahnte ich damals nicht, dass es sie alle beide schon in 10 Jahren nicht mehr geben würde…

Diese Fahnenappelle, auf denen man manchmal eine geschlagene Stunde draußen in der Kälte herumstehen und langweilige propagandistische Reden ertragen musste, hatten zwar den von manchem meiner Mitschüler empfundenen Vorteil, dass dafür eine Stunde regulärer Unterricht ausfiel. (Es gab solche Appelle in unregelmäßigen Abständen, ca. alle zwei Monate, zu irgendwelchen Anlässen.) Mir waren sie aber immer sehr unsympathisch. Besonders seit ich einmal als sehr junger Schüler erleben musste, wie drei ältere Schüler sich vor allen versammelten Klassen der Schule vorne hinstellen mussten und unter den in barschem Ton vorgebrachten Anschuldigungen des Direktors von der Schule verwiesen wurden. Ihr Vergehen: Sie hatten sich einen Jux gemacht, indem sie eine Wandzeitung auf frevelhafte Weise veränderten. Dort hatte ursprünglich so etwas gestanden wie: „In fester Solidarität zur ruhmreichen UdSSR!“ und „Wider die Lügen des USA-Imperialismus!“ Und sie hatten ein paar Buchstaben vertauscht, so dass dort anschließend zu lesen war: „In fester Solidarität zur ruhmreichen USA!“ und „Wider die Lügen des UdSSR-Imperialismus!“ Als der Direktor den „Tatbestand“ schilderte, bemerkte ich, wie mehrere ältere Schüler dabei grinsen mussten…

Jahre später war ich selbst eine Zeit lang Wandzeitungsverantwortlicher im Pionierrat und hatte mit zwei Mitschülerinnen die politische Wandzeitung unseres Klassenraumes zu gestalten. Das Thema war meistens vorgegeben. Ich bemühte mich damals, da mir die Gefahr bewusst war, sich bei einem ideologischen Fehltritt großen Ärger einzuhandeln, sozusagen um Subversion durch übertriebene Erfüllung der Vorgaben. Ich textete also für die Wandzeitung Überschriften und Beiträge in so grotesker Floskelhaftigkeit, dass sie selbst die Artikel im „Neuen Deutschland“ in den Schatten stellten. Immer wieder benutzte ich Adjektive wie „heldenhaft“, „ruhmreich“ „unerschütterlich“, auch dort, wo es überhaupt nicht passte. Doch niemand schien meine Übertreibungen und Veralberungen zu bemerken. Meine Mitschülerinnen waren froh, dass ich für sie so schnell einen passenden Text schrieb, die Lehrerin fand ihn sehr schön, und auch sonst nahm keiner daran Anstoß. (Es interessierte wohl auch niemanden besonders, was genau dort geschrieben stand, Hauptsache es machte keinen Ärger.)

Von meinen Eltern war ich weder für noch gegen den Sozialismus erzogen worden, nur zur unbedingten Vorsicht. „Pass bloß auf, was du in der Schule sagst“, war ihr fortwährendes Mantra. Dabei war mein Vater noch weitaus ängstlicher als meine Mutter. Als diese mir einmal den Unterschied zwischen „Arbeitgebern“ und „Arbeitnehmern“ erklärte – diese Begriffe hatte ich in den Westnachrichten aufgeschnappt, die ich schon als Kind stets mit großem Interesse verfolgte – intervenierte mein Vater umgehend und rief aufgeregt: „Was erzählst du ihm denn da?! Das kann man auch genau andersherum sehen, wer die Arbeit gibt und nimmt! Sei bloß vorsichtig!“ Und ich solle das ja nicht in der Schule erzählen. Zwanzig Jahre später, lange Jahre nach der Wiedervereinigung, las mein Vater meine Dissertation Korrektur und fragte mich an einer Stelle, wo es um so etwas wie (berechtigte) Kapitalismuskritik ging: „Sag mal, musst du das hier so  formulieren? Kriegst du da keinen Ärger??“ Dass ich im Westen einen marxistischen Doktorvater hatte, der meine Formulierung wohl eher noch zu mild gefunden hätte, konnte er sich nicht vorstellen…

Nein, ich war nicht einmal als Schüler ein gläubiger Sozialist. Und doch: Was ich gar nicht mochte, war der weit verbreitete Zynismus meiner Mitschüler. Viele von ihnen hatten für alles, was aus unserem Staat stammte, nur Verachtung übrig. Alles, was aus dem Westen kam, war in ihren Augen haushoch überlegen. Vor allem galt das für die Qualität des Fußballs. Auch wenn sie objektiv gesehen völlig Recht hatten, empörte es mich, eine so schlechte Meinung vom eigenen Land zu haben. Und so stritt ich mit ihnen regelmäßig und verteidigte vehement „unseren Fußball“. Nahezu alle Jungs unserer Klasse waren Fans des Hamburger SV oder des FC Bayern München. Nur ich allein hielt zu „unserem“ FC Hansa Rostock. Ich muss zugeben, dass es mir wohl auch aus diesem Grunde ein Jahrzehnt später eine tiefe Genugtuung bereitete, als nach der Wende „mein“ FC Hansa in der Bundesliga die Münchener Bayern sensationell mit 2:1 im Olympiastadion bezwang…

Irgendwann, wohl ca. in der 6. Klasse, ging es los mit der Berufsberatung. Ich wollte Journalist werden, am liebsten Sportreporter. „Dann musst du drei Jahre zur Armee“, sagte man mir. „Sonst wird das nichts.“ Für mich war das eine ziemlich schreckliche Vorstellung. Aber ich erinnere mich noch genau, wie ich mich schließlich zu dem Entschluss durchrang, notfalls in diesen sauren Apfel zu beißen. (Es war ein bisschen so ähnlich wie später beim Entschluss zum Jurastudium. Der Zweck heiligt manchmal die Mittel.) Aber glücklicherweise musste ich dann niemals zur Armee, weil nach Stellung unseres Ausreiseantrags alle meine Karriereplanungen in diesem Staate hinfällig geworden waren.

Abschließend noch einmal zurück zu meinem Kunst- und Englischlehrer, dem späteren Schuldirektor. Wenn ich so zurückdenke, dann hat er auf seinen Ansprachen beim Fahnenappell mitunter ganz erstaunliche und weitsichtige Dinge gesagt. Natürlich war auch er, wie alle anderen Lehrer, die ich im Osten erlebte, sehr autoritär – im krassen Gegensatz zu den Lehrern auf dem Bremer Gymnasium, das ich nur zwei Jahre später besuchten sollte. Gewiss, auch dieser Direktor mag politische Phrasen gedroschen haben, weil das so von ihm erwartet wurde. Aber dann redete er auch vom „lebenslangen Lernen“, das uns mit Sicherheit bevorstehe. Unsere Abschlussprüfung in der 10. Klasse sei nur die erste von unzähligen weiteren Prüfungen, die uns im Leben noch erwarteten. Besonders betonte er den rasanten technischen Wandel, der jedem von uns eine ständig neue Umstellung abverlange. „So wie wir heute einen Kühlschrank und eine Waschmaschine und einen Fernseher im Haushalt benutzen, wird eines Tages der Computer ein selbstverständlicher Alltagsgegenstand werden.“ Ja, jeder von uns werde irgendwann selbst einen Computer haben und müsse dann lernen, damit umzugehen. Und wir dachten etwas irritiert an die schrottigen DDR-Computer, mit denen wir es bislang zu tun hatten… Auf den US-Imperialismus hat er, soweit ich mich erinnere, niemals geschimpft. Und die Freundschaft zur Sowjetunion kam bei ihm auch nur ganz am Rande vor. Vielleicht hatte er ja schon eine Vorahnung, was bald geschehen sollte…

Eigentlich hätte ich in diesem „Memoir“, wie man das heute nennt, noch weitaus mehr zu berichten. Aber der Abgabetermin naht, der 7. November, der Jahrestag der Oktoberrevolution. (Für die Westdeutschen, Zugewanderten und Nachgeborenen: Die Oktoberrevolution fand ungeachtet ihres Namens tatsächlich erst im November statt, nur galt seinerzeit in Russland noch der julianische Kalender, wonach es dort der 25. Oktober war. Das lernte in der DDR jedes Kind in der Schule. Heute wissen es nur noch Experten.) Hätte ich also rechtzeitig vor dem Jubiläum zu schreiben begonnen und nicht erst ein paar Tage vorher, dann wäre womöglich ein ganzes Buch herausgekommen mit dem Titel „Der Sozialismus und ich. Eine Jugend in der DDR“. Ja, man sollte rechtzeitig vor dem Jubiläum mit seinen Vorhaben beginnen, auch hierin hatte mein damaliger Kunstlehrer also recht. Aber vielleicht schreibe ich dieses Buch ja trotzdem noch, dann eben verspätet. Oder zum 30. Jahrestag des Mauerfalls in zwei Jahren…

www.justament.de, 23.10.2017: Call it alte Liebe

Scheiben Spezial: Vor 30 Jahren erschien „One Second“ von YELLO

Thomas Claer

30 Jahre sind eine lange Zeit. Und was ist geblieben von der Musik, an der man sich damals als verwirrter Teenager so innbrünstig erfreut hat? Nun ja, nicht viel. Aber diese Platte, die jahrelang in meinem Plattenschrank stand, bis sie irgendwann in den Neunzigern einer, wie ich es seinerzeit nannte, „ästhetischen Säuberung“ meiner Tonträgersammlung zum Opfer fiel und nach reiflicher Überlegung im Second-Hand-Plattenladen verkauft wurde, diese Platte habe ich nun, nachdem ich sie gut und gerne zwei Jahrzehnte später auf YouTube wiederentdeckt und erstmals seitdem wieder von vorne bis hinten durchgehört habe, erneut ins Herz geschlossen. Es ist, als ob mit dieser Musik meine ganze Welt der späten Achtzigerjahre wiederauferstünde, das Lehrlingswohnheim an der Ostsee, das bald nach der Wende abgerissen wurde, in dem ich sie immer wieder auf dem Kassettenrecorder hörte.
„One Second“ ist die vielleicht rundeste und stimmigste aller YELLO-Platten, aber sie ist, wie ich nun feststelle, keineswegs so glatt und poppig wie ich es wohl angenommen haben muss, als ich sie damals in einem mir heute unerklärlichen Anflug von Rigorismus verkauft hatte. Hier sind die Schweizer Soundtüftler Boris Blank und Dieter Meier in Bestform. Zwei Jahre nach der Trennung von Gründungsmitglied Carlos Peron ist der YELLO-Sound noch längst nicht so verflacht, wie man es ihm später immer wieder und dann ja auch durchaus zutreffenderweise bescheinigt hat. Die beiden Anzug- und Schnurrbartträger präsentieren auf diesem Album ein buntes Sammelsurium aus allerlei Ethno-Sounds verschiedenster Provenienz, wobei der Schwerpunkt zumeist auf einer lateinamerikanisch anmutenden Percussion liegt. Allerhand gewöhnliche und ungewöhnliche Instrumente werden mit spielender Leichtigkeit ins elektronische YELLO-Klanguniversum integriert. Ebenso bunt und vielfältig sind die eingesetzten Gesangsstimmen. Zahlreiche prominente Gastmusiker von Billy Mackenzie („Moon on Ice“) bis Shirley Bassey (“The Rhythm Divine“) unterstützen Blank und Meier, noch dazu in verschiedenen Sprachen. Die „Hit-Singles“ dieses kommerziell gediegenen Albums waren das grandiose „Call it Love“ und „Goldrush“, zwei auch nach heutigen Maßstäben überragende Pop-Songs: Blanks fein dosiertes Pathos, ohne belanglos zu sein, im einen Falle, Meiers mitreißendes stimmliches Stakkato im anderen. Für mich öffnete „One Second“ vor 30 Jahren ein Fenster aus der kleinen, engen DDR in die große weite Welt.

YELLO
One Second
Mercury 1987

www.justament.de, 16.10.2017: Eindrucksvolle Milieustudie

„Wiener Straße“ von Sven Regener

Thomas Claer

Ah, es gibt Neues von Sven Regener. „Wiener Straße“ ist der nunmehr fünfte Roman in seiner beliebten Lehmann-Reihe. Und er springt, den Nachwende-Exkurs des Vorgängers „Magical Mystery oder Die Rückkehr des Karl Schmidt“ hinter sich lassend, noch einmal zurück ins gute alte Kreuzberg im Herbst 1980 und erzählt exakt da weiter, wo „Der kleine Bruder“, sein Vorvorgänger, aufgehört hat. Denn schließlich möchte man als langjähriger Regener-Leser ja auch noch erfahren, wie der junge Frank Lehmann eigentlich zu seinem Job als Barkeeper in Erwin Kächeles Kneipe „Einfall“ gekommen ist, den er dann bis ins Wendejahr 1989 innehatte und wohl auch noch etwas darüber hinaus innegehabt haben muss – bis zu seinem späteren Aufstieg als Gesellschafter einer auf Partygastronomie spezialisierten GmbH (an der Seite von Erwin Kächele), von dem in „Magical Mystery“ beiläufig die Rede war.

Auffällig ist zunächst, dass der Roman formal neue Wege geht. Waren die ersten drei Bände noch Musterbeispiele des „personalen Erzählens“, d.h. es wurde alles ausschließlich aus der Sicht des Protagonisten Frank Lehmann geschildert, allerdings nicht in der Ich-Form, so hatten wir es in „Magical Mystery“ mit Lehmann-Kumpel Karl Schmidt als Ich-Erzähler zu tun. Nun aber wird abwechselnd die Sicht immer anderer Romanfiguren eingenommen, ohne dass es einen auktorialen (allwissenden) Erzähler gäbe, man könnte dies als multipersonales Erzählen bezeichnen. Somit ist Frank Lehmann in diesem Buch nur noch einer von vielen, die ihre jeweilige Sicht der Dinge darlegen, wenn auch stets in der Er- bzw. Sie-Form. Nacheinander kommen so Erwin Kächele (er besonders ausführlich), der Performance-Künstler H.R. Ledigt, Erwins Nichte Chrissie, deren aus Schwaben anreisende Mutter Kerstin, der Fake-Hausbesetzer P. Immel (der in Wirklichkeit Hauseigentümer ist und dessen wahrer Name Peter v. Immel lautet), sein Mitbewohner Kacki, der ZDF-Reporter Prohaska, der für ein Kulturmagazin aus dem besetzten Haus berichtet, sowie der Kunstausstellungskurator Wiemer zu Wort.

Nun wurde dem Roman vorgehalten, und zwar von keinem Geringeren als Gustav Seibt in der Süddeutschen Zeitung, dass er nur eine recht belanglose Handlung habe und allenfalls als volkstümliche Mundart-Prosa überzeugen könne. Tatsächlich wird diesmal auch der eingeborenen Berliner Bevölkerung, den „Allet frisch-Berlinern“, die u.a. als Verkäuferinnen, Polizisten und Kaffeemaschinen-Monteure auftreten, breiter Raum gewidmet („Uff jeden, sa‘ ick ma.“). Doch dürfte man diesem Buch eher gerecht werden, wenn man es nicht nur als solitäres Werk, sondern auch als Etappe in der besagten Reihe betrachtet. Es erzählt einen Teil der Vorgeschichte der liebgewonnenen Figur Frank Lehmann – und das ganze Drumherum. Wir lernen mehrere Nebenfiguren besser kennen. Kurz gesagt, wer bis hierhin alle Regener-Romane gelesen hat, wird auch von „Wiener Straße“ nicht enttäuscht sein. Ganz im Gegenteil.

Und überhaupt das damalige Leben in West-Berlin… Es ist schon eine Art Schlaraffenland gewesen, vor allem nach heutigen Maßstäben. Für ein WG-Zimmer im Altbau mitten in Kreuzberg (allerdings auch nur mit Ofenheizung) zahlte man 150 Mark. Die Stundenlöhne in der Kneipe lagen bei 8 bis 10 Mark. Heute, 37 Jahre später, schlagen sich die Gastronomie-Mitarbeiter (und nicht nur sie) mit nominal ganz ähnlichen Stundenlöhnen von 4 bis 5 Euro durch. Das WG-Zimmer kostet aber durchschnittlich 450 Euro, also das Sechsfache von damals! Und natürlich ist auch fast alles andere entsprechend teurer geworden. Wer soll da noch Zeit und Kraft z.B. für Kunst haben, wenn schon das Bestreiten des Lebensunterhalts derart kostspielig geworden ist. Seinerzeit, 1980, ging das aber noch sehr gut!

Bemerkenswert ist ferner noch die sich mit jedem Band steigernde Virtuosität des Regenerschen Satzbaus. Mitunter erinnern die ausufernden Wortkaskaden schon an Regeners heimliches Vorbild Thomas Bernhardt. Und schließlich lässt der Roman inhaltlich eine nicht ganz unbedeutende Frage offen und weckt so den Appetit des Lesers auf weitere Fortsetzungen: Wird sich die bislang nur sehr subtile Annäherung zwischen Frank Lehmann und Erwin Kächeles Nichte Chrissie weiter fortsetzen? Die Antwort gibt es, vielleicht, in ein paar Jahren.

Sven Regener
Wiener Straße
Galiani-Berlin 2017
304 Seiten; 22,00 EUR
ISBN-10: 3869711361

Salzgitter Zeitung, 27.9.2015: Jurist: Diktatur – kein Unrechtsstaat

Bericht über meinen Vortrag am 26.9.2015 bei den 21. Helmstedter Universitätstagen zum Thema “Die schwierige Einheit”

Adresse dieses Artikels: http://www.salzgitter-zeitung.de/helmstedt/article152035665/Jurist-Diktatur-kein-Unrechtsstaat.html#

Helmstedt.  Ein Anwalt sorgt mit seiner Definition für Diskussionen.

Von Stefani Koch

27.09.2015 – 16:44 Uhr

Referierte zum Thema „Unrechtsstaat“: der Jurist Thomas Claer.

War die DDR ein Unrechtsstaat? Der Jurist Dr. Thomas Claer sagt: Nein. Und eckt mit dieser Meinung bei den Helmstedter Universitätstagen durchaus an. Schließlich hatte die Mehrheit der Besucher seines Vortrages eingangs die Hand gehoben, als er fragte, wer die DDR für einen Unrechtsstaat halte.
Eine Definition des Begriffes allerdings hatte er zunächst nicht mitgeliefert. Aus juristischer Sicht beleuchtete der 1971 in Wismar geborene Claer dann das Thema. Wichtigstes Kriterium für Claer: Einem Unrechtsstaat müsse auch eine Unrechts-Ideologie zugrunde liegen. Und das sei in der DDR nicht der Fall gewesen. „Die DDR sollte ein Staat der Arbeiter und Bauern sein. Ein Staat, in dem alle Menschen gleich sind“, erklärte der Jurist seine Sicht der Dinge. Gestattete jedoch auch die Frage, ob das nicht eine Verharmlosung der DDR sei. „Eigentlich nicht. Meiner Meinung nach wird nur differenziert.“ Festhalten könne man aus seiner Sicht, dass die DDR eine Diktatur war. Ebenso ein „Nicht-Rechtsstaat“ und ein totalitärer Staat. Und ein Verbrecher-Staat? „Die DDR war ein Staat, der politische Verbrechen beging, aber eher in bescheidenem Umfang“, argumentierte Claer. Und: „Die DDR hat Aktenberge hinterlassen – keine Leichenberge. Ich hoffe, das klingt jetzt nicht zu zynisch: Wenn schon, dann Leichenhügel.“
Unrechtsstaaten seien seiner Definition nach das Dritte Reich sowie unter anderen die Sowjetunion unter Stalin – tendenziell –, China unter Mao – ebenfalls zumindest tendenziell – und Nordkorea (tendenziell).
Allerdings sei das Kind in Sachen DDR in der öffentlichen Meinung längst in den Brunnen gefallen. Im alltäglichen Sprachgebrauch sei der Begriff Unrechtsstaat längst übernommen worden. „Mir geht es in diesem Zusammenhang einzig und allein um eine differenzierte Betrachtungsweise.“ Und die sorgte in der Pause und der Abschließenden Podiumsdiskussion für reichlich Gesprächsstoff.

www.justament.de, 25.9.2017: Der Gegenpapst

Die zweibändige Autobiographie des Literatur-Professors und Großintellektuellen Karl Heinz Bohrer

Thomas Claer

Es war wohl das Großereignis des Jahres im deutschen Kulturbetrieb: die vor einigen Monaten erschienenen Lebenserinnerungen Karl Heinz Bohrers (geb. 1932), des immer streitbaren und notorisch umstrittenen Homme de lettres, der insbesondere als FAZ-Literaturblatt-Redakteur in Frankfurt und Kulturkorrespondent in London, als Literatur-Professor in Bielefeld und später in Stanford und nicht zuletzt als langjähriger Herausgeber und scharfzüngiger Kolumnist des „Merkur. Zeitschrift für europäisches Denken“ brillierte. Und da ich seinerzeit in den Neunzigern an der Uni Bielefeld, wo er neben Luhmann (Soziologie), Wehler und Koselleck (Geschichte) zu den Superstars der Professorenzunft gehörte, oftmals und gerne seine Seminare besucht hatte, die ich all den trockenen juristischen Lehrveranstaltungen bei weitem vorzog, und mir das alles noch lebhaft in Erinnerung geblieben ist, lag nichts näher, als diesen Sommer der Lektüre ebendieser Autobiographie namens „Jetzt. Geschichte meines Abenteuers mit der Phantasie“ zu widmen, mitsamt den schon 2012 erschienenen, aber bislang von mir noch nicht gelesenen Jugenderinnerungen „Granatsplitter“. Nach 862 Seiten Karl Heinz Bohrer kann ich sagen: Es war interessant und abwechslungsreich, es hat sich gelohnt.

Damals in Bielefeld erlebte ich, als ich meine heutige Frau, die damals Literaturwissenschaft studierte, erstmals in ein Bohrer-Seminar begleitete, einen zunächst griesgrämig wirkenden Mann jenseits der 60 mit extravaganter Frisur, der jedoch, sobald er zu reden begann, gleichsam erstrahlte und aus dem feurige Begeisterung sprühte für all das, was er seinen Zuhörern mitzuteilen hatte: Das absolute Präsens! Die radikale Melancholie! Das dionysische Prinzip! Die Ästhetik des Schreckens! Die Imagination! Die Plötzlichkeit! Und immer wieder warf er große Namen in den Ring: Baudelaire! Malarmé! Maupassant! Friedrich Nietzsche! Walter Benjamin! Es war schwindelerregend. Nun muss ich einräumen, dass sich meine literarischen Kenntnisse damals, mit Mitte zwanzig, in dem erschöpften, was ich – immerhin – aus der Fernsehsendung „Das Literarische Quartett“ und der Lektüre einiger gewichtiger Romane, hauptsächlich von Thomas Mann und Fjodor Dostojewski, mitgenommen hatte. Von Marcel Reich-Ranicki, der sich, wie ich heute weiß, vor allem an Georg Lukacs und dem literarischen Realismus orientierte, hatte ich gelernt, dass die literarische Moderne maßgeblich aus Thomas Mann und Bertolt Brecht bestand. Nun traf ich aber auf jemanden, der das ganz anders sah, und mir öffnete sich eine neue Welt. Fast noch interessanter allerdings, als die bedeutende Literatur selbst zu lesen, das muss ich zugeben, war es, Karl Heinz Bohrer zuzuhören, wenn er darüber redete. (Das war mir zuvor mit Reich-Ranicki aber auch schon so ähnlich gegangen…) Und auch vom Charisma her stand Bohrer dem alten Ranicki in nichts nach, nur dass er inhaltlich mitunter schwerer zu verstehen war. Alles war komplizierter und auch manchmal nebulöser als bei MRR, aber so ungefähr verstand man schon, was er meinte. Es wurde erzählt, Prof. Bohrer sei nur dienstags bis donnerstags an der Uni anwesend und fahre danach immer gleich wieder zurück an seinen Wohnort Paris. Ja, Paris! Darunter machte er es nicht. Ein Leben in der ostwestfälischen Provinz, so habe er sich mal geäußert, komme für ihn nicht in Frage. Eine Stadt wie Bielefeld sei ihm unerträglich! Klar, als Herausgeber einer „Zeitschrift für europäisches Denken“!
Ich begann, Karl Heinz Bohrers frühere Kolumnen im Merkur zu lesen. Obwohl er immer eine radikale Autonomie der Kunst befürwortete und insbesondere deren politische Vereinnahmung entschieden bekämpfte – wer etwa Ernst Jüngers „In Stahlgewittern“ für üble Kriegsverherrlichung hielt, sei borniert und habe die einzigartige poetische Wucht dieser Sprache nicht verstanden! – hielt ihn das umgekehrt nicht davon ab, ästhetische Maßstäbe auf Fragen der Politik anzuwenden. In seinen köstlichen Glossen ließ er vernichtende Donnerschläge auf Deutschland hinabfahren, das er für zutiefst provinziell, sein Lieblingsbegriff war der Provinzialismus, in jeder Hinsicht hielt – mit einem so mittelmäßigen und konturlosen Mann wie Helmut Kohl an der Spitze, den er nach all dessen Jahren an der Macht einfach nicht mehr ertragen konnte. Verglichen mit Bohrers Wohnorten London und Paris erschien dann selbst die deutsche Hauptstadt Berlin nur als ländlich, beschränkt und zurückgeblieben. Die Politiker ohne Format, die Menschen ohne Stil und Manieren. Dass etwa die Bielefelder Studenten mit angebissenen Pizzastücken in seine Vorlesung kamen, so etwas gäbe es in England oder Frankreich nicht! Und besonders schlimm fand er den gesinnungsethischen (also verantwortungslosen) deutschen Pazifismus, mit dem sich die Deutschen wohl, so sein Verdacht, von ihrer verbrecherischen Vergangenheit reinwaschen wollten, aber sich stattdessen bei ihren Nachbarn – vor allem in London und Paris – nur erneut und erst recht verdächtig machten.
Als Symbolfiguren für das angebliche west- und später gesamtdeutsche Nachkriegselend hatte er die Mainzelmännchen ausgemacht, jene harmlosen, jämmerlich winselnden Pausenclowns aus dem ZDF-Werbefernsehen, die stellvertretend für die ganze deutsche Malaise stünden. Nun ja, mit solchen Tiraden hat Karl Heinz Bohrer sich natürlich nicht gerade überall beliebt gemacht. Und auch ich fühlte mich beim Lesen oftmals zum Widerspruch herausgefordert. Dennoch gefielen mir seine Texte sehr. Es war eine gänzlich andere Sichtweise auf die Dinge. Sicherlich war das, wie es ein Journalist einmal genannt hat, „intellektueller Stammtisch“, aber immer auf hohem Niveau und überaus originell. Auch seine Aversionen gegen die Friedens- und Umweltbewegung, die sich mit ihren omnipräsenten Bannern und Transparenten (gerade an der Uni Bielefeld) in seinen Augen als Gesinnungskitsch der schlimmsten Sorte ausnahm, konnte ich auf einer ästhetischen Ebene durchaus nachvollziehen, obgleich ich inhaltlich sogar streckenweise mit ihr sympathisierte.
Die seit 1998 regierende rot-grüne Koalition beurteilte Bohrer dann aber überraschend wohlwollend, vor allem wohl, weil deren Repräsentanten in seinen Augen gestandene Persönlichkeiten waren. Einmal betonte er im Seminar, die deutschen Grünen an der Regierung würden in Paris und London sehr misstrauisch beobachtet, da sie irrationale ideologische Wurzeln hätten, die manchen an ungute deutscher Traditionen erinnerten. Doch würde er, Bohrer, sie dort dann immer verteidigen, denn in ihren Reihen gäbe es hervorragende Leute, die unser Land ausgezeichnet repräsentierten, z.B. „Wie heißt sie noch gleich? Jutta…?“ Ich saß ganz vorne im Seminarraum und schlug vor: „Jutta Ditfurth?“ Darauf Bohrer empört: „Nein, um Gottes willen!! Wie heißt denn unsere Bundestagsvizepräsidentin??“ Ich legte nach: „Antje Vollmer?“ Ja, genau die meinte er.
In einer seiner Merkur-Kolumnen schrieb er über Physiognomie und behauptete, dass sich aller politischer Korrektheit zum Trotz sehr wohl vom Aussehen und insbesondere dem Gesicht eines Menschen auf dessen Persönlichkeit schließen lasse, der beste Beleg dafür seien doch die Politiker der Bundesregierung (damals noch der schwarz-gelben). Natürlich stehe Kohl seine ganze Mittelmäßigkeit ins Gesicht geschrieben, und Blüm sei ein Kassenbrillenmodell kleinbürgerlich-rechter Sozialdemokratie in der CDU u.s.w. Hingegen erkenne man an der soignierten Vornehmheit eines Klaus v. Dohnanyi doch gleich, aus welch guter Familie er komme…
Eine besondere Feindschaft pflegte Karl Heinz Bohrer zum SPD-Intellektuellen Peter Glotz, der ihn wegen seines entschiedenen Eintretens für die deutsche Wiedervereinigung als Vertreter eines neuen deutschen Nationalismus geschmäht hatte. Bohrer konterte daraufhin, Glotz sei ein Ideologe und „bornierter Parteimann“ und empfahl ihm die Lektüre eines Aufsatzes von Friedrich Schlegel…
In den letzten anderthalb Jahrzehnten hat Karl Heinz Bohrer sich dann wieder mehr auf seine literaturtheoretischen Themen konzentriert, weshalb ich ihn etwas aus dem Blick verloren habe. Umso erfrischender war für mich nun die Lektüre seines ausführlichen Lebensberichts.

Zunächst seine Jugenderinnerungen „Granatsplitter“, benannt nach den bunten glänzenden Absplitterungen von Flak-Granaten, die bei den Bombenangriffen auf seine Heimatstadt Köln vom Himmel regneten und von den Kindern aufgehoben und gesammelt wurden. Schon in frühem Alter ist Karl Heinz Bohrer, der aus einer großbürgerlich-liberalen Familie stammt, von seinem Vater, einem Ökonomen, auf den verbrecherischen Charakter der NS-Regierung hingewiesen worden. Der Vater steckte seinen Sohn, um ihm eine exzellente Erziehung zukommen zu lassen, in ein Elite-Internat nahe Freiburg im Breisgau. Dort machte er Bekanntschaft mit Kindern der Oberschicht, Sprösslingen von Adligen und Großbürgern, aber auch neureicher Industrieller, auf die in diesen Kreisen allerdings eher herabgeblickt wurde. Diese Sozialisation sollte sich als prägend für sein ganzes Leben erweisen. Als Anfang der fünfziger Jahre eine Delegation junger FDJler aus Ost-Berlin sein Internat besucht und die Jugendlichen aus Ost und West miteinander diskutieren, ist der junge Bohrer nach der Lektüre von Arthur Koestlers „Sonnenfinsternis“ bereits glühender Anti-Kommunist. Die FDJler attestieren ihm, der die westliche Freiheit verteidigt, ein falsches Bewusstsein, da es im Westen doch nur eine Freiheit für die Reichen gäbe, was man doch im Übrigen schon an diesem Elite-Internat sehen könne, in dem man sich gerade befinde. Da entgegnet der junge Bohrer, sein Vater sei keineswegs reich und habe als Universitätsassistent nur ein so kümmerliches Gehalt, dass er, der Vater, sogar sein Familienerbe habe angreifen müssen, um ihm den Aufenthalt im Internat bezahlen zu können… Politisch verortet sich Karl Heinz Bohrer zwar als eher liberal als konservativ, pflegt aber zeitlebens eine besondere Abneigung gegen die politische Linke. Nichts interessiert diesen vielseitig interessierten jungen Mann nach eigener Aussage weniger als die Verbesserung der Situation armer Menschen. Diese „asoziale Grundhaltung“, die er sich selbst ohne Anflüge von Reue bescheinigt, erstaunt umso mehr, als er die entfesselte Phantasie, wie es auch der Untertitel des zweiten Bandes verrät, zu seinem Lebensprinzip erhoben hat. Doch bringt er offenbar keinerlei Phantasie dafür auf, sich vorzustellen, wie er sich wohl ohne diese familiäre Prägung und elitäre Erziehung entwickelt hätte. Auf diesem Auge sieht er rein gar nichts, wohingegen sein Blick auf die Kunst, vor allem die Literatur, und auf alles Schöne schon in früher Jugend ungeheuer scharf ist. Freimütig berichtet er von seinen jugendlichen Leiden unter der mangelnden Gelegenheit zum Ausleben der eigenen Sexualität. Aus heutiger Sicht muss man wohl sagen, zum Glück, denn wie so viele andere Intellektuelle ist offenbar auch er zum großen Teil – so weiß es zumindest die einschlägige Küchenpsychologie – durch sexuelle Frustration zu dem geworden, der er ist. (Ob aus der heutigen „Generation Tinder“ überhaupt noch jemals Intellektuelle hervorgehen werden, möchte man fast bezweifeln…)

Im zweiten Band ist Karl Heinz Bohrer dann schon Leiter des Literaturteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. In der Redaktion dieser Zeitung sitzen nur Leute „aus den besten Familien“. Wichtiger für seine Einstellung als alle akademischen Abschlüsse war nach eigener Einschätzung sein früherer Besuch des richtigen Internats. Auch wenn er dort, wie wir im ersten Band erfahren haben, beinahe von der Schule geflogen wäre, nachdem er einmal wutentbrannt einen Lehrer geohrfeigt hatte. Und in seiner Studentenzeit saß er sogar zwei Wochen im Gefängnis – wegen Unfallflucht nach einem Verkehrsunfall (verursacht als Radfahrer, Bohrer hatte nie einen Führerschein).
Die späten Sechzigerjahre erlebt er als eine berauschende Zeit. Die revolutionäre Stimmung, die mit allem Althergebrachten aufräumt, findet er großartig, obgleich ihm alles Marxistische herzlich zuwider ist. Kurioserweise ist er sogar ziemlich eng mit der späteren Terroristin Ulrike Meinhof befreundet, wobei er aber allen Gerüchten entgegentritt, er hätte „etwas mit ihr gehabt“. Sie habe ihn einfach gemocht, weil er ihr so interessiert zugehört habe, vermutet Bohrer. Allerdings habe sie noch kurz vor ihrer Verhaftung bei ihm übernachtet, was ihm einigen Ärger mit seinen Herausgebern bereitete…
Als FAZ-Literaturchef bringt Karl Heinz Bohrer dann aber immer wieder so komplizierte Texte, die kein Mensch versteht, dass er – nach ein paar Jahren im Amt – unter dem neuen Herausgeber Joachim Fest kurzerhand abgesetzt und – ausgerechnet – durch den weniger akademischen Marcel Reich-Ranicki ersetzt wird. Für Bohrer bricht eine Welt zusammen. Wer soll nun den Lesern die „wahre literarische Moderne“ nahebringen, wo doch dieser Ranicki genau die in seinen Augen falschen Autoren hochschätzt und die eigentlichen Heroen verschmäht? So hält Reich-Ranicki Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“ für ein missratenes Werk, während er für Bohrer das non plus ultra ist. Stattdessen bevorzugt Reich die großen Gesellschaftsromane des 19. und 20. Jahrhunderts, die Bohrer nur zum Gähnen bringen…

Bohrer wird also Anfang der 1970er Jahre bei der FAZ zum Kulturkorrespondenten degradiert und – immerhin! – nach London versetzt, von wo aus er großartige Berichte und Reportagen über alles Mögliche schreibt. Er interessiert sich neben dem hochkulturellen Leben in dieser Stadt aber auch sehr für Fußball und die Gesänge der Fans oder die Popmusik aus den Einwanderer-Vierteln. Als Maggie Thatcher an die Macht kommt, findet Bohrer sie als Person mit kleinbürgerlicher Handtasche völlig unmöglich (wie hatte er bis dahin von den englischen Politikern geschwärmt!), wenngleich er ihrer neoliberalen Politik gegen die damals noch mächtigen Gewerkschaften einiges abgewinnen kann. So interessant aber das Leben in London für ihn ist, sehnt er sich doch nach einer größeren geistigen Herausforderung – und das wird 1982 die Professur in Bielefeld! Ausgerechnet an dieser linksversifften Reform-Uni! Nur durch eine Verkettung glücklicher Zufälle und eine exzellente Probe-Vorlesung bekommt er den begehrten Lehrstuhl. Zuvor war er vom Leiter der Auswahlkommission, einem marxistischen Literatur-Historiker in zerschlissener Kleidung und mit einer Dose Bier in der Hand, mit den Worten begrüßt worden: „Du siehst hier heute keinen Stich!“

Der notorische Einzelgänger Bohrer hält sich fern von seinen Professoren-Kollegen und fährt nach den Vorlesungen lieber schnell zu seiner Geliebten in Wuppertal, der unehelichen Tochter eines bekannten Literatur-Professors mit einer Lyrikerin. Diese betörend schöne und 20 Jahre jüngere Dame namens Undine ist ein großer Fan seiner Werke, hat alle seine Bücher gelesen. Sie wird Karl Heinz Bohrers zweite Ehefrau. (Von seiner langjährigen ersten ist im Buch nur ganz am Rande die Rede gewesen.) Mit ihr geht er für ein Gastsemester nach Paris – und Undine gefällt es dort so gut, dass sie gar nicht mehr weg will! Fortan pendelt Ehemann Karl Heinz wöchentlich mit dem Zug nach Bielefeld und wieder zurück nach Paris in die prächtige Wohnung am Montmartre. Undine, die ihre literaturwissenschaftliche Promotion längst abgebrochen hat, wird freie Schriftstellerin und verfasst von der Kritik und ganz besonders von ihrem Ehemann hochgelobte Romane und Erzählungen. Die gut dotierte Professur erlaubt ihnen ein ausschweifendes Leben in Paris, obwohl Undine mit ihren Werken, wie beiläufig bemerkt wird, „keinen Cent verdient“. So verleben sie wunderbare Jahre. Doch dieses Glück ist nicht von Dauer. Undine wird krank, sehr krank, und stirbt schließlich mit kaum fünfzig Jahren an einem seltenen Nervenleiden. Ihr inzwischen in Bielefeld emeritierter Mann pflegt sie jahrelang hingebungsvoll – und steht nach ihrem Tod ziemlich alleine da. Doch mittlerweile hat sich sein exzellenter wissenschaftlicher Ruf in aller Welt herumgesprochen. Mit fast siebzig Jahren tritt Karl Heinz Bohrer noch eine Professur in Stanford/Kalifornien an. Angebote aus London lehnt er ab, weil sein Englisch dafür nicht gut genug sei. Für Amerika findet er es hingegen völlig ausreichend.

Am Ende siedelt sich Karl Heinz Bohrer, der sich absolut nicht vorstellen kann, noch einmal in Deutschland zu leben, dann wieder in London an, wo er abermals sein privates Glück gefunden hat. Seine dritte Ehefrau ist die Enkeltochter eines der Attentäter des 20. Juli 1944, alter preußischer Adel, was ja genau seinem Geschmack entspricht. Sie ist ebenfalls auf dem besagten Elite-Internat gewesen und hat als kleines Mädchen den einige Jahre älteren Karl Heinz als Schauspieler in einem Theaterstück bewundert. Ihre Mutter war dort Lehrerin, Karl Heinz Bohrers Lieblingslehrerin genau genommen, die bei ihm erotische Träume hervorgerufen hat… Als Pensionär und Buchautor in London wird der alte Bohrer nun allerdings in seinen Ansichten zunehmend reaktionärer. Habe er früher noch Wert darauf gelegt, nicht als Teil der konservativen Opposition zu gelten, sei ihm das nach den Anschlägen des 11. September 2001 egal geworden. Jedes Appeasement gegenüber dem radikalen Islam hält er für verfehlt. Auch habe ihn schon als Teenager das Stück „Nathan der Weise“ nicht wirklich überzeugt. Klar, dass er Angela Merkels Flüchtlingspolitik im Jahr 2015 für eine Katastrophe hält. Und er ist auch der Meinung, dass zu viele Schwarze in London leben, die sich doch ganz überwiegend überhaupt nicht integrieren könnten. Andererseits habe er aber vor kurzem zwei junge schwarze Frauen beobachtet, die sich ganz im Stile der englischen Oberschicht unterhielten. Und dann seien sie auch noch so überaus elegant gekleidet gewesen. Das habe ihm dann doch wiederum sehr gefallen… Und bei der letzten Bürgermeisterwahl in London habe er sogar für den indischstämmigen Labour-Kandidaten gestimmt – aber nur, weil dieser ihm kompetenter erschien und um den Tory-Kandidaten zu verhindern, von dem er befürchtete, unter ihm würden noch mehr hässliche Hochhäuser in der Stadt errichtet. Er sieht nun einmal alles durch die ästhetische Brille…

Karl Heinz Bohrer
Granatsplitter: Eine Erzählung
Carl Hanser Verlag 2012
320 Seiten; 19,90 EUR
ISBN-10: 3446239723

Karl Heinz Bohrer
Jetzt: Geschichte meines Abenteuers mit der Phantasie
Suhrkamp Verlag 2017
542 Seiten; 26,00 EUR
ISBN-10: 351842579X

www.justament.de, 25.9.2017: Bum Bum!

Recht cineastisch, Teil 30: „Magical Mystery oder die Rückkehr des Karl Schmidt“ von Arne Feldhusen

Thomas Claer

Pünktlich zum neuen Roman von Sven Regener (Justament wird in Kürze berichten) ist auch schon die Verfilmung seines vorigen Buches am Start: Der erprobte Stromberg-Regisseur Arne Feldhusen hat sich der Geschichte rund um die Rückkehr des zwischenzeitlich abgetauchten Lehmann-Kumpels Karl Schmidt angenommen und daraus einen gelungenen Roadmovie gemacht. Dabei hätte eine Menge schiefgehen können: Karl Schmidt wird diesmal nämlich – anders als in Leander Hausmanns Herr Lehmann-Verfilmung – nicht von Detlev Buck gespielt, sondern von Charly Hübner, was zunächst gewöhnungsbedürftig ist. Und schlimmer noch: Detlev Buck ist trotzdem mit von der Partie – und spielt Karl Schmidts alten Weggefährten Ferdi, der es im Berlin der Nachwendezeit zum Chef der enorm erfolgreichen Techno-Plattenfirma „Bum Bum Records“ gebracht hat. Doch alle Bedenken, man könnte hier als Zuschauer den Überblick verlieren, lösen sich im Kinosaal in Wohlgefallen auf: Detlev Buck, der geniale Komödiant, spielt einen großartigen Ferdi, einen völlig anderen Typen als den Karl Schmidt in „Herr Lehmann“. Und dass Detlev Buck natürlich in jeder Rolle zugleich auch unverkennbar Detlev Buck spielt, macht es nur noch witziger. Schließlich gibt auch Charly Hübner einen rundum überzeugenden Karl Schmidt, der dessen hier besonders bedeutsame depressive Seite besser ausspielt, als es der lustige Detlev Buck wohl je gekonnt hätte. Kurzum, die Beteiligten haben bei der Besetzung der Schlüsselpositionen alles richtig gemacht, was aber auch für die anderen Rollen gilt. Bjarne Mädel ist wie geschaffen für die Rolle des Sozialarbeiters Werner, der Karl Schmidt in der Drogen-WG „Cleancut 1“ in Hamburg-Altona betreut. Auch diese Drogen-WG aus kettenrauchenden Ex-Junkies und -Alkies ist grandios in Szene gesetzt, wie dann auch die quietschbunt-vergnügte, schnelle, neue Techno-Welt in Mitte, in die sich Karl Schmidt nach mehrjähriger Berlin-Abstinenz freudig stürzt. Der Film zeigt die überwältigende Aufbruchstimmung jener frühen Jahre nach dem Mauerfall, als plötzlich junges Volk aus Ost und West und aller Herren Länder in die neue Hauptstadt strömt und das Techno-Zeitalter einläutet. Immer wieder streift dieser Film den Klamauk, kriegt aber zuverlässig am Ende dann doch noch die Kurve. Krönender Höhepunkt ist dabei die sich auf der Magical-Mysterie-Tour der Berliner DJs quer durch Deutschland anbahnende und vollziehende Liebesgeschichte zwischen Karl und Rosa (Annika Meier). Ein sehenswertes Spektakel!

Magical Mystery oder die Rückkehr des Karl Schmidt
Deutschland 2017
Regie: Arne Feldhusen
Drehbuch: Sven Regener
111 Minuten, FSK: 12
Darsteller: Charly Hübner, Detlev Buck, Marc Hosemann, Annika Meier, Bjarne Mädel, Lina Beckmann u.a.

www.justament.de, 18.9.2017: Echo der Vergangenheit

Scheiben Spezial: Achim Reichel lässt “A.R. & Machines“, sein psychedelisches Krautrock-Experiment aus den frühen Siebzigern, wieder auferstehen – in der Elbphilharmonie!

Thomas Claer

Achim Reichel 1971 (Foto: Wikipedia)

Es ist unglaublich. Lange hatte Achim Reichel, heute 73, mit dieser Idee kokettiert, aber dabei war es dann auch geblieben. Zu verwegen erschien die Option, hier noch einmal ranzugehen. „Man soll nie nie sagen“, erklärte der Beat-Veteran schon in den Neunzigern, als er gefragt wurde, ob Konzerte mit der Musik von „A.R. & Machines“ für ihn irgendwann wieder ein Thema sein könnten. Doch er wolle eben auch nicht am Ende als Spinner dastehen. Nach einem gewaltigen kommerziellen Flop war die Restauflage der zwischen 1971 und 1975 aufgenommenen sechs Alben jener obskuren meditativen Rockmusik eingestampft worden – um nach zwei Jahrzehnten eine spektakuläre Wiederentdeckung zu erleben. Plötzlich erfuhren Platten wie „Die grüne Reise“, „Echo“ und „Erholung“ in Kennerkreisen eine regelrecht kultische Verehrung. Hinzu kam, dass die geringe Zahl der übriggebliebenen Vinyl-Exemplare aus jener Zeit nun zu horrenden Sammlerpreisen ihre Besitzer wechselten, bis endlich Neuauflagen auf CD den Knappheits-Druck etwas minderten. Auch erfreute sich diese Musik mittlerweile einer ungeahnten Beliebtheit bei Trance- und Goa-Veranstaltungen. Dennoch blieb die Zahl ihrer Anhänger überschaubar, so dass sie bei allen Achim Reichel-Jubiläums- und Rückblicks-Konzerten der folgenden Jahre ausgespart blieb.

Achim Reichel 2017

Und nun das! Die mit jahrelanger Verspätung endlich eröffnete Hamburger Elbphilharmonie macht`s möglich. Durch seine begrenzte Zuschauerzahl und die einzigartige Akustik ist dieser Ort wie geschaffen für diese ihrer Natur nach wilde Session-Musik voller Improvisationen. Nur sind inzwischen leider nicht mehr viele von Achim Reichels einstigen Mitstreitern bei den „Machines“ am Leben. Immerhin Olaf Casalich, der legendäre Drummer und Percussionist, auch bekannt als Gründer und Kopf der Minne-Rockband Ougenweide, ist dabei. Und ein paar nachgeborene Brüder im Geiste. Am vergangenen Freitag hatten „A.R. & Machines“ einen triumphalen Auftritt im neuen Klangtempel an der Waterkant. Gut Ding will nun einmal Weile haben. Und last not least: Am 27.10.2017 erscheint „The Art Of German Psychedelic (1970-74)“, ein 10-CD-Set mit 96-seitigem Begleitbuch über die A.R. & Machines Story. Wir sind gespannt.

www.justament.de, 21.8.2017: 33 Jahre bei der Stange

Nick Cave & the Bad Seeds in einer ultimativen Werkschau

Thomas Claer

Wieder eine Best of-Compilation von Nick Cave & the Bad Seeds, immerhin fast zwei Jahrzehnte nach der ersten von 1998. Und wie immer in solchen Fällen gehen die Meinungen bei Fans und wohlwollenden Beobachtern auseinander. „Muss das sein?“, fragen die einen empört und wittern nun aber wirklich den kommerziellen Ausverkauf. „Doch, das ist schon in Ordnung“, beschwichtigen die anderen – und sie könnten diesmal recht haben. Denn Nick Cave hatte in all den Jahren seit seinem ersten „Solo-Album“ „From her to Eternety“ (1984), seine frühere Band „Birthday Party“ (1980-1983) und seine Nebenbei-Band „Grinderman“ (2007-2011) noch gar nicht mitgerechnet, einen enormen künstlerischen Output, bei dem man erstens schon mal den Überblick verlieren konnte, der zweitens – so viel Kritik am Meister sei hier erlaubt – von unterschiedlicher Qualität war. Und drittens ist diese aktuelle Zusammenstellung so opulent und treffsicher geraten (die Musiker selbst und nicht irgendwelche Heinis von der Plattenfirma haben sie zusammengestellt), und das zu einem mehr als vertretbaren Preis von 22 Euro für 45 Songs auf drei CDs plus einer DVD mit seltenen Live-Auftritten und Interviews plus einem Buch – nein, da kann man wirklich nichts sagen. Außer vielleicht doch noch zu bemängeln, dass ein besonders großartiger Song hier leider fehlt: „Henry Lee“ – das Duett mit P.J. Harvey von 1995. Aber es mag dafür Gründe geben, die wir nicht kennen und gegebenenfalls respektieren müssen. Es ist ja längst kein Geheimnis mehr, dass Nick und die wunderbare P.J. damals eine Zeit lang ein Paar waren…
Stark vereinfacht lassen sich drei Schaffensperioden von Nick Cave & the Bad Seeds unterscheiden, die nicht ganz den drei CDs dieser Zusammenstellung entsprechen: Die erste Phase war die im (West-)Berliner Underground der 80er und frühen 90er Jahre (zu jener Zeit als auch noch die „Einstürzenden Neubauten“ ein ganz heißer Act waren, deren Frontmann Blixa Bargeld bei den „Bad Seeds“ noch bis vor wenigen Jahren Gitarre spielte. Zum Ende hin gab es aber auch schon damals sehr poppige Ausflüge wie das Album „The Good Son“. („Das war aber noch auf der richtigen Seite“, sagte seinerzeit mein AG-Kollege im Referendariat über diese Platte.) Dann kam 1995 gewissermaßen der kommerzielle Durchbruch in den Mainstream-Pop: das Duett mit Kylie Minogue, angesichts dessen einige Nick-Cave-Fans der ersten Stunde noch heute mit den Zähnen fletschen. „Nick Cave von Kylie in die Charts geküsst“ titelte damals eine bekannte Musikzeitschrift. Und doch, es war ein großartiger Song! Danach fiel aber das Niveau der Nick Cave-Produktionen etwas ab, nicht generell und nicht durchgängig zwar, aber es wechselten sich Höhepunkte und ziemliche Durchhänger ab – bis es dann vor einem Jahrzehnt eine Art „Back tot he roots“-Wende gab. Mit seinem schon erwähnten Nebenprojekt Grinderman, an dem kurioserweise auch nahezu alle „Bad Seeds“-Musiker beteiligt waren, ließ es Nick Cave nach zuvor regelrecht ausufernder Seichtigkeit endlich wieder garagenrockmäßig krachen, und das gab offensichtlich auch den „Bad Seeds“ wieder etwas vom alten Schwung zurück. Vor allem aber gelang ihnen schließlich mit “Push The Sky Away” ein stilles und doch äußerst melodisch komponiertes Album, das in seiner grandiosen Stimmigkeit sozusagen den Spätruhm dieser Band begründete.

Wer Nick Cave & the Bad Seeds schon immer mal kennenlernen wollte, findet hier eine vortreffliche Gelegenheit. Na gut, man kann sich natürlich auch einfach durch YouTube klicken. Aber mit dieser schönen Box kommt zumindest noch eine sinnlich-haptische Komponente hinzu. Und die langjährigen Fans können sich über die eine oder andere veränderte Nuance durch neue Abmischungstechnik freuen – und natürlich über die Raritäten auf der DVD sowie über das Buch. Immerhin. Das Urteil lautet: gut (15 Punkte).

Nick Cave & the Bad Seeds
Love Creatures – The Best of
Deluxe Edition 3CDs, 1 DVD + Buch Box-Set
Mute (Warner) 2017
21,99 EUR (zur Zeit bei Amazon)
ASIN: B06XFQY4DP