justament.de, 25.1.2021: Altersmilder Satans-Follower

Peter Sloterdijk über “Theopoesie”: “Den Himmel zum Sprechen bringen”

Thomas Claer

Es gibt die berühmte Fabel vom “Wolf auf dem Totenbett”, dem es am Lebensende plötzlich wichtig geworden ist, festzustellen, dass er nicht nur böse Taten, sondern gelegentlich auch gute vollbracht habe. Nun lässt sich zwar nicht gerade behaupten, dass der mittlerweile 73-jährige Peter Sloterdijk, der ewig scharfzüngige Spötter, das Enfant terrible unter Deutschlands Philosophen, auf seine alten Tage fromm geworden sei. Aber verglichen mit dem nur allzu oft provozierenden Furor früherer Jahre wirkt sein aktuelles Alterswerk dann doch erstaunlich gedämpft, beinahe schon altersmilde. Ein Opus magnum über die Religion also sollte es noch einmal sein. Doch anders als in früheren Veröffentlichungen zu diesem Thema schlägt Sloterdijk in “Den Himmel zum Sprechen bringen. Über Theopoesie” moderate, fast schon versöhnliche Töne an. Ausdrücklich würdigt er die Religionen als kulturell bedeutsame Systeme menschlicher Sinnstiftung, trotz all ihrer “Merkwürdigkeiten” und Absurditäten, ihrer Dogmatismen und mörderischen Fanatismen. Vor allem aber, und darum geht es in diesem Buch vorrangig, haben sie die Menschen zu dichterischen Glanzleistungen angespornt, denn genau solche verbergen sich – bei Lichte betrachtet – hinter sämtlichen vorgeblich heiligen Texten. Die dichterische menschliche Einbildungskraft ist es, die immer wieder scheinbar den Himmel zum Sprechen gebracht hat.

Nun wäre Sloterdijk aber nicht Sloterdijk, wenn er das unfreiwillig humoristische Potential der religiösen Schriften so einfach ungenutzt liegen lassen würde. Auch diesmal kann er es sich, zur Freude seiner Leser, selten verkneifen, die heiligen Bücher ein ums andere Mal beim Wort zu nehmen, konsequent weiterzudenken und so immer wieder auf groteske logische Ungereimtheiten zu stoßen. Doch mit nur mildem ironischen Unterton zollt er insbesondere dem Christentum Anerkennung für dessen eindrucksvolle erzählerische Umdeutung eines völligen Desasters – der seltsame Wunderheiler sang- und klanglos von der Obrigkeit hingerichtet, und dann ist auch noch sein Leichnam verschwunden – in eine einzigartige Erfolgsgeschichte von Auferstehung und Erlösung. Noch dazu wird über die Jahrhunderte die ursprüngliche Kernbotschaft in pragmatischer Anpassung an die Verhältnisse weitgehend in ihr Gegenteil verkehrt!

Weniger Freude dürfte einem Großteil seiner Leser aber die diesmal wirklich exzessive Bildungshuberei in Form unzähliger ungeläufiger Fremdwörter bereiten, die den Text wie ein roter Faden durchziehen und den Lesefluss immer wieder erheblich stören. (Man könnte hier fast von einer neuen Form der Lektüre zur linken Hand sprechen, bei der die rechte allerdings nicht in unausgesprochene Körperregionen abgleitet, sondern fortwährend hilfesuchend die Tastatur betätigt, um von Google Aufschluss über nebulöse Begrifflichkeiten zu erlangen.) Zwar waren auch Sloterdijks frühere Werke nicht gerade leichte Lektüren, doch mit zunehmendem Alter droht insbesondere seine Überdosierung an Latinismen zur Marotte zu geraten.

Wer sich jedoch durch die manchmal etwas zähen, dann aber auch wieder erfrischend kurzweiligen 352 Seiten durchgearbeitet hat, wird mit einer Fülle von Erkenntnissen belohnt. Wenn einem nur nicht die ganzen nachgeschlagenen Fremdwörter dann schon längst wieder in Vergessenheit geraten wären…

Peter Sloterdijk
Den Himmel zum Sprechen bringen. Über Theopoesie
Suhrkamp Verlag 2020
352 Seiten; 26 Euro
ISBN: 3518429337

justament.de, 25.1.2021: Zufällig Recht behalten?

Recht historisch Spezial: Justament-Autor Thomas Claer erinnert sich an den (zweiten) Golfkrieg vor 30 Jahren

Im Januar 1991 herrschte große Aufregung an unserer Schule. Ausgerüstet mit bunt bemalten Bettlaken, auf denen Parolen wie “Kein Blut für Öl!” oder “Stoppt den US-Imperialismus!” standen, zogen fast alle Schüler in Richtung Innenstadt, um gegen den amerikanischen Militäreinsatz in Kuwait zu demonstrieren. Der Hintergrund war: Eine internationale Koalition, angeführt von den USA und immerhin legitimiert durch eine Resolution des UN-Sicherheitsrates, hatte mit Kampfhandlungen zur Befreiung Kuwaits begonnen, das fünf Monate zuvor vom Irak widerrechtlich annektiert worden war. Fast alle an unserer Schule, einem renommierten Gymnasium in der Hansestadt Bremen, waren sich einig, dass der Kriegstreiberei des US-Präsidenten George Bush sen. unbedingt entgegenzutreten war. Und obwohl uns niemand schulfrei gegeben hatte, zogen wir also in Begleitung einiger friedensbewegter Lehrer mitten am Vormittag (so wie 28 Jahre später die Schüler zu “Fridays for Future”) zur Anti-Golfkriegs-Demo, denn im Angesicht des “drohenden Dritten Weltkriegs” – immer wieder war von einem bevorstehenden “Flächenbrand” die Rede – war an so etwas wie Schul-Unterricht natürlich nicht zu denken. Nur eine Handvoll proamerikanisch eingestellter Schüler blieb in der Schule zurück.

Damals besuchte ich die zwölfte Klasse und gehörte natürlich zu den empörten Demonstranten. Aber in mir nagten wohl auch schon erste Zweifel. Mein Mathe-Lehrer – langhaarig und mit Nickelbrille, immer in Jeans und Pullover – hatte sich zu meinem Erstaunen skeptisch über unsere Demonstrationen geäußert: “Soll das jetzt jeden Tag so weitergehen?” Ja, natürlich finde auch er es ganz schlimm, dass da jetzt Krieg geführt werde. Aber dieser Saddam Hussein, das habe er im SPIEGEL gelesen (den er meistens auf dem Lehrertisch liegen hatte, außerdem hatte er auch noch die ZEIT und die Frankfurter Rundschau abonniert), dieser Saddam Hussein, der sei schon ziemlich gefährlich, ein Anhänger eines Pan-Arabismus, so ähnlich wie der Pan-Germanismus von Hitler… Und vor dem hätten uns die Amerikaner ja schließlich auch mal gerettet… Mich erstaunte aber auch, wie schnell hierzulande immer gleich Tausende gegen Militäreinsätze der USA demonstrierten, während gut ein Jahr zuvor gegen das Massaker der chinesischen Regierung auf dem “Platz des himmlischen Friedens” – das war seinerzeit die erste Demonstration in Bremen, an der ich teilgenommen hatte – gerade einmal 30 Leute zusammengekommen waren.

Nach einigen Tagen war dann allerdings aus unseren Protesten schon wieder etwas die Luft raus. Vom Rektor der Schule kam die Anweisung, dass nun aber wieder regulärer Unterricht stattfinden müsse, das habe auch der Bildungssenator so angeordnet. Und der Krieg am Golf dauerte auch nur noch wenige Wochen und endete mit dem vollständigen Rückzug der irakischen Armee aus Kuwait. (Erst zwölf Jahre später sollte im nächsten Golfkrieg der amerikanische Präsident George W. Bush – diesmal ohne UN-Mandat – den irakischen Diktator Saddam Hussein kurzerhand stürzen, ohne einen wirklichen Plan für das Danach zu haben…)

Doch noch in der aufgeheizten Phase während des Golfkriegs bekam unsere Schule Besuch von einem berühmten Intellektuellen. Der deutsch-französische Politologe Alfred Grosser hielt bei uns einen Vortrag – durch Vermittlung, wie es hieß, des stellvertretenden Rektors der Schule, der bekanntermaßen ein CDU-Mann war. Damals konnte man noch nicht einfach jemanden mal eben googeln. Daher steckte ich den armen Alfred Grosser gedanklich sogleich in die für mich unliebsame Schublade “konservativ”, zumal er in seinem Vortrag auch gleich entsprechend loslegte: Dass er mit erheblicher Verspätung erschienen sei, das liege an diesen sogenannten Friedens-Demonstrationen, die mal wieder den ganzen Verkehr lahmgelegt hätten. Dabei sei der Name
“Friedensbewegung” doch ziemlich anmaßend, denn er suggeriere schließlich, dass alle anderen nicht für den Frieden wären, was aber überhaupt nicht der Fall sei. Und zur innenpolitischen Kontroverse anlässlich des Golfkriegs, den er ausdrücklich unterstützte, meinte er: Deutschland hätte sich auch an dieser internationalen Militäraktion mit UN-Mandat beteiligen müssen. Das wiedervereinigte Deutschland müsse lernen, auch selbst Verantwortung in der Welt zu übernehmen. Es müsse sich verabschieden vom Traum, eine Art Schweiz sein zu wollen und sich immer aus allem rauszuhalten. Dafür sei das Land zu groß und zu bedeutsam. Er habe gerade lange darüber mit seinen Freunden bei den hessischen Grünen diskutiert. (An dieser Stelle fragte ich mich irritiert, wie jemand mit solchen Ansichten Freunde bei den Grünen haben konnte. Ich hielt diesen Hinweis daher für wenig glaubwürdig und vermutete einen Trick, um sich bei uns, den linksalternativen Bremer Schülern, irgendwie “einzuschleimen”.) Mehrere Wortmeldungen von Schülern und Lehrern führten daraufhin die Argumente der Friedensbewegung ins Feld, doch Prof. Grosser hielt argumentativ gekonnt dagegen, indem er sich auf die westliche Wertegemeinschaft berief und darauf, dass Deutschland sich, gerade aufgrund seiner Vergangenheit, nie wieder international isolieren dürfe. Es war wirklich schwer, noch etwas dagegen vorzubringen, was mich auch irgendwie wütend machte. Darüber hinaus bemerkte Alfred Grosser, dass er den letzten Bundestagswahlkampf vor der Wiedervereinigung “sehr traurig” gefunden habe, denn die konservative Bundesregierung habe den Eindruck erweckt, die deutsche Einheit sei ohne große Anstrengung zu erringen und die Opposition habe immer nur vorgerechnet, wie viel alles kosten würde. Kein deutscher Politiker habe den Menschen gesagt, dass zwar große Herausforderungen auf sie zukämen, aber mit großer gemeinsamer Kraftanstrengung alle Schwierigkeiten zu überwinden seien… Dabei entging mir nicht, dass Prof. Grosser in seinen Ausführungen die SPD als “Sozialisten” bezeichnet hatte. Ha, dachte ich, so will er sie diskreditieren, indem er sie in die linksradikale Ecke stellt. Keinen Moment dachte ich daran, dass in Frankreich, wo Alfred Grosser als Hochschullehrer tätig war, die Sozialdemokraten schlicht unter der Bezeichnung “Sozialisten” firmieren…

Bald darauf wurde ich von der Redaktion der Schülerzeitung gefragt, ob ich nicht einen Artikel über den Vortrag von Prof. Grosser an unserer Schule schreiben könnte. Natürlich ließ ich mich nicht lange bitten, denn dies war gewissermaßen meine erste journalistische Arbeit, auf die ich rückblickend aber keineswegs stolz bin. Denn ich ging in diesem Text, der die Überschrift “Macht der Sprache” trug, hart mit Alfred Grosser ins Gericht und kritisierte ihn dafür, dass er mit “rhetorischen Taschenspielertricks” am Ende scheinbar immer Recht behielt, ohne wirklich auf das berechtigte Ansinnen der Friedensbewegung einzugehen. Es dauerte nicht lange, ich glaube es war schon nach wenigen Monaten, da bereute ich zutiefst, was ich da geschrieben hatte. Denn mittlerweile war ich ein regelrechter Fan von Alfred Grosser geworden, den ich endlich als unabhängige liberale Stimme näher kennen- und schätzen gelernt hatte. Auf dem Flohmarkt an der Bremer Bürgerweide hatte ich zum Preis von 50 Pfennigen ein schon ziemlich zerknicktes und ramponiertes Exemplar seines Buches “Versuchte Beeinflussung. Reden und Aufsätze” aus den frühen Achtzigern erstanden und mit wachsender Begeisterung gelesen. Auch verfolgte ich nun regelmäßig die Fernseh-Gesprächsrunde “Baden-Badener Disput”, ausgestrahlt zu später Stunde auf 3Sat, in der Alfred Grosser ein ebenso ständiger Gast war wie der Philosoph Peter Sloterdijk, dessen “Kritik der zynischen Vernunft” ich auch schon eifrig studiert hatte…

Und so kann ich mich nun, nach dreißig Jahren, endlich bei Alfred Grosser, der gottlob noch lebt, aber mittlerweile auch schon 95 Jahre alt ist, für meinen damaligen unqualifizierten Text in der Schülerzeitung öffentlich entschuldigen. Es ist nur so. Bis vor wenigen Jahren war ich mir noch ganz sicher, dass ich damals mit meiner Kritik Unrecht und Alfred Grosser vollkommen Recht hatte. Eine begrenzte Militäraktion mit UN-Mandat gegen einen Aggressor, das ist doch völlig in Ordnung, das dient der Wiederherstellung des internationalen Rechts. Die Friedensbewegung war auf dem völlig falschen Dampfer. So dachte ich, wie gesagt, bis vor kurzem. Aber nun, nach mehreren Jahren Flüchtlingskrise, bin ich mir da gar nicht mehr so sicher. Wäre es nicht vielleicht doch das geringere Übel gewesen, wenn sich der Westen dort einfach herausgehalten hätte? Denn solche Diktatoren, so schlimm sie auch sein mögen, sorgen immerhin für eine gewisse Stabilität… Wenn man sich das ganze Elend in dieser Region, die sich immerhin ziemlich in unserer Nachbarschaft befindet, insbesondere seit den vom Westen beförderten Regimewechseln so ansieht, die ganzen Flüchtlingsströme und den Terrorismus bis vor unseren Haustüren… So gesehen hatte ich also mit meinen damaligen Einwänden in der Schülerzeitung vielleicht gar nicht mal so unrecht…

justament.de, 4.1.2021: Nostalgie ist ihre Strategie

Scheiben Spezial: Element Of Crime machen einen 17-teiligen Podcast über jede ihrer Platten

Thomas Claer

Das wirklich wahre Leben ist, wie jeder Proustianer weiß, das Schwelgen in den eigenen Erinnerungen. Das dachten sich offenbar auch unsere Lieblings-Helden von Element Of Crime und haben für sich selbst und alle ihre Fans gesprächsweise noch einmal die guten alten Zeiten wieder aufleben lassen. 17 Teile – für jede Platte einen – umfasst ihre neue und zugleich erste Podcast-Serie. Es funktioniert ganz einfach: Man muss nur auf den folgenden Link klicken:

und landet dann, ohne sich noch umständlich irgendwo anmelden zu müssen, direkt in diesen bedeutsamen Männer-Gesprächen. Tatsächlich sind es einfach nur Worte, nichts als Worte, die Sven Regener, Jakob Ilja und Richard Pappik hier zum Besten geben. Doch wie könnte es anders sein: Schon nach den ersten beiden Folgen fühlt man sich als alter EOC-Fan reichlich beschenkt. Die 39 Minuten über ihr Debüt “Basically Sad” (1986) und mehr noch die 1 Stunde und 22 Minuten über den Nachfolger “Try To Be Mensch” vergehen wie im Fluge. Die Entstehungsgeschichte beinahe jedes einzelnen Songs und wie sich die Band überhaupt zusammengefunden (und zwischenzeitlich auch immer wieder zerstritten) hat, die prekäre wirtschaftliche Lage der Musiker in den ersten Jahren… Will man das alles wirklich so genau wissen? Die klare und erschöpfende Antwort darauf lautet: ja! Und was dann selbstredend auch noch dazukommt: Vor dem inneren Auge des Hörers werden dabei auch jene entrückten Momente wieder lebendig, als man diese Musik seinerzeit selbst zum ersten Mal und später dann immer wieder gehört hat… Das Urteil lautet: Spitze!

Jahresende 2020: Ahnenforschung Claer, Teil 12

Auch in diesem Jahr bin ich leider kaum zum „Ahnenforschen“ gekommen. Dennoch ist mir – fast ohne eigenes Zutun – doch wieder so viel relevantes Material zugeflogen, dass es erneut für eine hoffentlich kurzweilige Zusammenstellung gereicht hat.

1. Unsere blaublütigen (zumindest) Namensvettern und –kusinen

Die „Von-Frage“, also eine etwaige Verbindung unserer Familie zu gleichnamigen Adelsfamilien, hatte in meinen „Forschungen“ der letzten Jahre eigentlich keine Rolle mehr gespielt. Zur Erinnerung: Zwar hat es nach meinen Erkenntnissen gleich zwei zumindest teilweise und vorübergehend (auch) in Ostpreußen oder Umgebung ansässige namensgleiche adelige Familien gegeben: die v. Claers und die v. Clairs, wobei erstere vom stolzen anglonormannischen Geschlecht der de Clares abstammen und letztere sich vom vermutlich von Friedrich dem Großen für seine Verdienste geadelten hugenottischen Ingenieurkapitän Gottlieb August le Clair (1730/31-1778/79) aus Berlin ableiten (siehe meine früheren Berichte). Aber bis auf vage Überlieferungen und Mutmaßungen konnte ich keinerlei Hinweise auf eine Verbindung zwischen diesen Familien und „unseren“ Claers finden. (Abgesehen von der sehr spekulativen Möglichkeit einer Verwandtschaft über den Erbauer des Königsberger Doms Johannes Clare (1265-1344).) Vielmehr hatte ich den Eindruck gewonnen, dass solche Gerüchte aus dem Wunschdenken bestimmter Familienmitglieder heraus, auch bedingt durch die räumliche Nähe zu den „Blaublütigen“ entstanden sein könnten.

Aber vielleicht war es ja etwas voreilig von mir, mit der „Von-Frage“ bereits abzuschließen. Im Januar meldete sich eine Frau Heidi S. bei mir, die sich als Tochter einer geborenen v. Claer und als Enkeltochter Alexander v. Claers (1862-1946), des Verfassers der Familienchronik v. Claer (1929-32, neu aufgelegt 1979), zu erkennen gab. (Es sind also wohlgemerkt die v. Claers mit den anglonormannischen Wurzeln!) Bemerkenswerterweise vertrat sie die Auffassung, das „von“ sei ja den nichtadeligen Claers womöglich nur aberkannt worden, und trotzdem könne da eine Verwandtschaft sein. Zugleich räumte sie aber auch ein, dass manche Angehörigen ihrer Familie „die Nase ziemlich hoch“ trügen, wohingegen ihr selbst als lediglich Halbadeliger („Violettblütiger“) das „von“ oder nicht „von“ weitgehend egal sei.

a) Familienfotos

Ein erster Ansatz könnte die Suche nach optischen Ähnlichkeiten mithilfe der nebenstehenden Familienfotos sein, die Frau S. mir freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat. In der unteren Reihe sind ihre Großeltern Alexander v. Claer und Erna v. Claer abgelichtet, jeweils darüber in der mittleren und oberen Reihe befinden sich deren Eltern Otto v. Claer und Anna v. Claer (geb. Spitz) sowie Eberhard v. Claer und Jeanne de Bus. Auffällig ist, dass offenbar Großvater und Großmutter von Frau S. mütterlicherseits beide der Familie v. Claer entstammen, es also eine Heirat von Cousin und Cousine gewesen sein muss. Das sich

anschließende große Porträt zeigt den besagten Alexander v. Claer im Alter von ca. 50 Jahren, darunter noch einmal seine deutlich jüngere Frau Erna v. Claer. Allerdings springen mir, um es vorsichtig zu sagen, äußerliche Übereinstimmungen zwischen den v. Claers und Angehörigen unserer Familie nicht unbedingt ins Auge…

b) Die v. Claers im deutschen Osten

Wie steht es aber mit Bezügen der v. Claers zu Ostpreußen, wo „unser“ Familienzweig ja, soweit ersichtlich, zwischen 1712 und 1945 angesiedelt war (von der Einwanderung in die „Schweizer Kolonie“ bis zur Flucht vor der Roten Armee, siehe meine früheren Berichte)? Immerhin kam Alexander v. Claer, der Verfasser der Familienchronik und Großvater von Frau S., im Jahr 1862 in Danzig zur Welt, was ja schon relativ in der Nähe ist. Ergänzend führt Frau S. noch an, dass er auch zeitweise in Breslau aufgewachsen ist (bevor er später nach Berlin zog). Nun, zu jener Zeit waren vermutlich auch schon Teile „unserer“ Claers nach Schlesien ausgewandert. Zwar noch nicht der Vorfahre von Andreas Z., der Jäger Otto Wilhelm Claer (1859-1937), der erst 1890 in Leutmannsdorf/Schlesien geheiratet hat. (Er war der Sohn des Jägers Wilhelm Friedrich Claer (1824-1889), des älteren Bruders meines Ururgroßvaters Franz Claer (1841-1906)). Aber zuvor bereits der 1759 geborene Jäger Clair in Möllendorf/Schlesien, der 1819 im Alter von 60 Jahren auf spektakuläre Weise ein Wildschwein erlegte, siehe meine früheren Berichte. Doch ergeben sich auch hieraus allein noch keinerlei Anhaltspunkte für eine etwaige Verbindung zwischen adeligen und nichtadeligen Claers.

Wie aber kam es überhaupt dazu, dass es den Urgroßvater von Frau S., General Otto v. Claer – einen prominenten preußischer Generalleutnant mit eigenem Wikipedia-Eintrag (https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_von_Claer) in die deutschen Ostgebiete verschlug?
Hierzu Frau S: „Also in unserer Familienchronik steht, nachdem Otto von Claer 1849 mit anderen Bonner Studenten seine langjährige Dienstpflicht bei den 4. Dragonern in Deutz ableistete, wurde dieses Regiment aus politischen Gründen in das ferne Schlesien versetzt. Nach einem Marsche von 6 Wochen in Winterkühle quer durch Deutschland erreichte die Truppe ihre Standorte im Liegnitzer Kreise. Später kam er nach seiner Heirat mit Marie von Spitz nach Danzig.“
 
Dann gab es auch noch einen Alexander v. Claer, der laut Kartei Quassowski in Ostpreußen auf dem Rittergut Posorken in Erscheinung getreten ist (ca. erste Hälfte des 20. Jh.), siehe meinen früheren Bericht. Dies war aber nach Auskunft von Frau S. nicht ihr Großvater, sondern „der jüngere Bruder seiner Frau Erna von Claer, der auch früh gestorben ist. Ich glaube, er war keine 40 Jahre alt.“

Generell ist es nicht ganz einfach, bei den häufig mehrfach auftauchenden Vornamen der adeligen Claers den Überblick zu behalten. Hinzuweisen ist noch auf einen Eduard v. Claer, der 1923 in Königsberg (!) geboren und im Krieg schwer verletzt wurde, später dann im Nachkriegs(west)deutschland als CDU-Politiker hervorgetreten ist, u.a. als Ratsherr der Stadt Oldenburg und Landtagsabgeordneter in Niedersachsen. Interessanterweise war er sogar Vorsitzender des Landesverbandes Niedersachsen des Bundes der Vertriebenen. Auch über ihn gibt es einen Wikipedia-Eintrag, (https://de.wikipedia.org/wiki/Eberhard_von_Claer_(Politiker)), der u.a. davon berichtet, dass Eduard v. Claer die Volksschule und später das Gymnasium bzw. die Oberschule in Königsberg, Manenburg, Stolp und Kolberg besuchte. „Die häufigen Schulwechsel waren durch die Versetzungen seines Vaters, dem späteren Generalleutnant Bernhard von Claer (1888–1953) begründet.“ Frau S. teilte mir mit, von diesem Eduard v. Claer aus Oldenburg oft als Kind Besuch erhalten zu haben. Darüber hinaus hat es noch mehrere weitere Träger dieses Namens in ihrer Familie gegeben. Über einen eigenen Wikipdia-Eintrag verfügt noch der General im ersten Weltkrieg Eberhard v. Claer (1856-1945), nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Urgroßvater von Frau S. (siehe oben) und auch nicht mit einem gleichnamigen Bruder ihrer Mutter, der bereits mit 21 Jahren im 2. Weltkrieg gefallen ist.
Festzuhalten bleibt jedoch, dass obwohl mehrere v. Claers in deutschen Ostgebieten und sogar in Ostpreußen präsent waren, keine Hinweise auf eine Verbindung zu „unseren“ nichtadeligen Claers ersichtlich sind.

Nur am Rande sei hier noch bemerkt, dass man beim Lesen der genannten Wikipedia-Einträge den Eindruck gewinnt, dass fast alle männlichen v. Claers Jura studiert haben, was in unserer Familie, soweit ich sehe, erst ein einziges Mal vorgekommen ist…

c) Schreibfreude

Aber offenbar besteht doch noch eine über die Namensgleichheit hinausgehende Gemeinsamkeit zwischen den Familien, sofern uns schlichten Nichtadeligen hier dieses unbescheidene Wort erlaubt ist, und das ist die auffällige Häufung von schreibfreudigen und -begabten Personen. Schon mehrfach habe ich in meinen „Forschungsberichten“ darauf hingewiesen, dass beinahe alle Claers gut schreiben konnten, und habe dies mit vielen Beispielen belegt. Ein besonders eifriger und guter Schreiber ist aber auch Alexander v. Claer (1862-1946) gewesen, der Großvater von Frau S., der neben der Familienchronik v. Claer (die ich vor langen Jahren vollständig gelesen habe, siehe meine früheren Berichte) noch mehrere weitere Bücher verfasst hat. Er war u.a. Militärattaché in China (dazu gleich mehr im anschließenden Kapitel) und in seinen Ämtern auch noch in viele andere Länder gereist. Frau S. berichtet, dass er ein sehr interessanter Mann gewesen sei und über seine Zeit in Russland ebenso ein ganzes Buch geschrieben habe wie über seine Reise nach und in China, außerdem einen Reisebericht über seinen Ritt von Bukarest nach Berlin und ein Buch über seine Reise auf die Krim, in den Kaukasus und nach Konstantinopel. Ferner schrieb er über seine Kindheit  in Danzig.
Darüber hinaus findet sich unter dem Link https://www.bundesarchiv.de/nachlassdatenbank/viewresult.php?sid=5fa1fa115fe617a000667
der Hinweis, dass sich im Bundesarchiv in Freiburg als schriftlicher Nachlass des Alexander v. Claer dessen „Aufzeichnungen über seine Tätigkeit als Militärattaché in Seoul und den russisch-japanischen Krieg sowie Aufzeichnungen über seine Tätigkeit als Chef des Stabes beim Generalgouvernement in Belgien unter Generalfeldmarschall von der Goltz 1914“ befinden.

2. Meldereiter und Attaché – die (von) Claers in China um 1900

a) Mein Urgroßvater Georg Claer – Meldereiter in China

Über meinen Urgroßvater Georg Claer (1877-1930) weiß ich leider fast nichts. Nicht einmal die Ursache und die Umstände seines frühen Todes im Alter von erst 52 Jahren konnte ich in Erfahrung bringen. Sicher ist nur: Er war Postangestellter, soviel lässt sich den Stammbäumen meines Großvaters und den von ihm ausgefüllten Fragebögen der „Reichsstelle für Sippenforschung“ entnehmen. Und er hatte zwei Brüder, Otto und Richard, die – wie ich später herausgefunden habe – ebenfalls bei der Post waren, wie auch schon sein Vater Franz Claer (1841-1906), mein Ururgroßvater. An die Frau meines Urgroßvaters, meine Urgroßmutter Wilhelmine Claer, geborene Petschinski (1876-1940), hatte immerhin mein Vater Joachim Claer (1933-2016) noch lebendige Erinnerungen, die sich aber darauf beschränkten, dass sie zu ihm und seiner Schwester Renate immer auf Ostpreußisch „Me-ine kle-inen Wiermerchen“ (hochdeutsch: meine kleinen Würmchen) gesagt habe. Und mein Vater erinnerte sich noch daran, wie er und seine Schwester Renate im Garten spielten – sie müssen damals sieben und acht Jahre alt gewesen sein – und ihr Vater, mein Großvater Gerhard Claer (1905-1974), sie mit ernstem Gesicht zu sich rief und zu ihnen sprach: „Ich muss euch etwas sagen. Die Oma ist vorhin gestorben.“ Deren Mann, meinen Urgroßvater, hatten mein Vater und meine Tante nie kennengelernt, da er schon drei bzw. vier Jahre vor ihrer Geburt verstorben war.

Eine Sache aber gab es, die eigentlich immer stolz erwähnt wurde, sobald von meinem Urgroßvater die Rede war: Er war Meldereiter in China! Und als Beweis wurde dieses kleine Bild mit der Jahreszahl 1900 gezeigt:

Weitere Informationen haben wir nicht. Wie war er dort hingekommen? Hatte er sich freiwillig gemeldet? Es liegt nahe, dass sein dortiger Aufenthalt ausgerechnet zu jener Zeit etwas mit der Niederschlagung des Boxeraufstands im Jahr 1900 zu tun hatte.

Auf dem Bild sieht man ihn hoch zu Pferde in Uniform und mit Pickelhaube. Daneben steht ein anders uniformierter Mann. Vielleicht ein Chinese? Nein, von der Figur und vom Gesicht her ebenfalls ein Europäer, meint meine aus Korea stammende Frau. Aber die Uniform?

Unter https://st.museum-digital.de/index.php?t=objekt&oges=65214 findet sich ein Foto aus dem Jahr 1907 mit dem Titel „Deutsche Truppen in China – Sonntagswache“. (Rechte: Haus der Geschichte, Wittenberg.) Und die Bildunterzeile erklärt:„Die sechs Deutschen posieren in ihren Uniformen und mit Pickelhaube gemeinsam mit ihren chinesischen Kameraden.“ Für mich sieht es schon so aus, dass der neben dem Pferd meines Urgroßvaters stehende Mann auf unserem Bild die gleiche Uniform trägt wie die chinesischen Soldaten auf dem anderen Bild…

Aber wie war das überhaupt mit dem Boxeraufstand und dem Einsatz der deutschen Soldaten? Wikipedia (https://de.wikipedia.org/wiki/Boxerkrieg) gibt Auskunft:

„Unter dem Boxerkrieg oder auch Boxeraufstand … versteht man eine chinesische Bewegung gegen den europäischen, US-amerikanischen und japanischen Imperialismus.

Im Frühjahr und Sommer 1900 führten die Attacken der sogenannten Boxerbewegung gegen Ausländer und chinesische Christen einen Krieg zwischen China und den Vereinigten acht Staaten (bestehend aus dem Deutschen Reich, Frankreich, Großbritannien, Italien, Japan, Österreich-Ungarn, Russland und den USA) herbei, der mit einer Niederlage der Chinesen und dem Abschluss des sogenannten „Boxerprotokolls“ im September 1901 endete.

Ein erster alliierter Gegenschlag (ohne deutsche Beteiligung) im Juni 1900 war  unter dem englischen Admiral Seymour gescheitert, woraufhin dieser Verstärkung u.a. auch durch deutsche Truppen gefordert haben soll („The Germans to  he Front!“, siehe untenstehendes Bild, Quelle: Wikipedia s.o.)“

Daraufhin „stellten sechs europäische Staaten sowie die USA und Japan ein Expeditionskorps für eine Intervention in China zusammen. Der deutsche Kaiser Wilhelm II. hatte unverzüglich auf den Vorschlag einer gemeinsamen Militäraktion europäischer Staaten reagiert, weil sich in diesem Rahmen die verstärkte Rolle des Deutschen Reiches in der Weltpolitik demonstrieren ließ. Zu seiner Genugtuung konnte er erreichen, dass dem ehemaligen deutschen Generalstabschef Feldmarschall Alfred Graf von Waldersee der Oberbefehl über dieses gemeinsame Expeditionsheer übertragen wurde. Bei der Verabschiedung eines Teils der deutschen Truppen am 27. Juli in Bremerhaven hielt Wilhelm II. seine berüchtigte Hunnenrede („Pardon wird nicht gegeben, … dass niemals wieder ein Chinese es wagt, etwa einen Deutschen auch nur scheel anzusehen!“)“
Doch dauerte eine Reise von Bremerhaven nach China zu jener Zeit mit dem Schiff begreiflicherweise noch ziemlich lange…

„Die aus Europa eingeschifften Truppen kamen allerdings zu spät, um noch am Entsatz Tianjins und Pekings teilzunehmen. Die etwa 20.000 Mann starke alliierte Truppe, die am 4. August in Tianjin abmarschierte, bestand in erster Linie aus britisch-indischen, russischen, japanischen und US-Truppen (letztere waren von den Philippinen nach China verlegt worden); Deutsche, Franzosen, Österreicher und Italiener beteiligten sich nur mit einigen Abteilungen Marineinfanterie.“

„Eine Urkunde anlässlich der China-Expedition der 6. Kompanie des 3. ostasiatischen Infanterie-Regiments gibt einen anschaulichen Überblick über den zeitlichen Verlauf der Expedition. Abfahrt mit dem Dampfer „Rhein und Palatia“ in Bremerhaven am 2. August 1900. Fahrt nach China über Gibraltar, Port Said (Sueskanal), Aden, Colombo, Singapur. Dann die Orte in China: Peitang am 20. September 1900; Yung-Shing-Shien am 15. Dezember 1900; Chou-Chouang 24. Dezember 1900; Kwang-Tshang am 20. Februar 1901; Tshang-Tshöng-Puss am 8. März 1901; Huolu am 24. April 1901. Außerdem gab es Militäreinsätze in Taku, Tangku, Tianjin, Pautingfu, Ansu, Tien-Shien, Tsho-Tshou, Jau-Shane. Die Rückkehr erfolgte nach Bremerhaven am 9. August 1901.“

Mein Urgroßvater könnte also dabei gewesen sein. Ob er auch so penibel über seine Aufenthaltsorte Buch geführt hat wie später sein Sohn, mein Großvater Gerhard Claer, im zweiten Weltkrieg? (Siehe meinen vorjährigen Bericht.) Zumindest ist offenbar nichts davon erhalten geblieben… Vor einigen Jahren wurde berichtet, dass deutsche Soldaten in China zu dieser Zeit auch an Kriegsverbrechen beteiligt gewesen sein sollen. Hoffentlich nicht auch mein Urgroßvater…

b) Alexander v. Claer – Militärattaché in Korea und China

Doch war mein Urgroßvater nicht der einzige Claer, den es zu jener Zeit in den fernen Osten verschlagen hatte. In standesgemäß weit gehobenerer Stellung wirkte dort auch der bereits im ersten Kapital ausführlich porträtierte Alexander von Claer (1862-1946), nämlich als Militärattaché in Seoul und Peking. Atta-was?, wird nun vielleicht mancher fragen.

Hier (https://de.wikipedia.org/wiki/Milit%C3%A4rattach%C3%A9) verrät uns Wikipedia, was sich hinter dieser Bezeichnung verbirgt:

„Ein Militärattaché (Sammelbegriff für Verteidigungsattaché, Heeresattaché, Luftwaffenattaché und Marineattaché) ist ein Offizier, der an eine Auslandsvertretung entsandt ist, Diplomatenstatus besitzt und für militärische Belange zuständig ist.“

Und was sind seine Aufgaben und Tätigkeiten?
„So wie andere Entsandte in einer Botschaft die Leiter ihrer jeweiligen Ressorts (soweit vorhanden), repräsentiert der Militärattaché in erster Linie dessen Verteidigungsminister im Gastland. Dabei ist er zugleich erster Berater des Botschafters bei allen Belangen der Militär- und Verteidigungspolitik des Gastlandes, des Entwicklungsstandes der Streitkräfte, der Rüstungsindustrie sowie mit diesen Gebieten verbundenen Themen. Er führt Analysen und Lagebeurteilungen durch, nimmt an Konferenzen und Truppenbesichtigungen teil und ist Ansprechpartner für die eigenen Streitkräfte vor Ort. … An vielen Botschaften sind die Militärattachés für mehrere Länder in Haupt- und Nebenakkreditierung zuständig.“
Aber gibt es solche Militärattachés auch noch heute? Ja, natürlich. „Zurzeit sind in rund 130 Ländern deutsche Militärattachés akkreditiert.“

Und es folgt u.a. eine Liste der Militärattachés des Deutschen Reiches in ausgewählten Ländern (https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Milit%C3%A4rattach%C3%A9s_des_Deutschen_Reiches):
Korea ist nicht in ihr enthalten, wohl aber China. Und dort findet sich für das Jahr 1904 der Eintrag: Alexander Karl August von Claer (1825–1897). Sofort fällt auf, dass diese Jahreszahlen nicht mit den uns bekannten Lebensdaten des Alexander Karl August Claer übereinstimmen, denn diese lauten 1862-1946. Sollte also doch ein exakt gleichnamiger anderer v. Claer dort aufgeführt sein? Aber dann hätte dieser – gemäß den Angaben – seine Position im weit fortgeschrittenen Alter von 79 Jahren bekleidet haben müssen. Und das zur damaligen Zeit… Für wahrscheinlicher halte ich es, dass den Wikipedia-Autoren hier ein Fehler unterlaufen ist, und es sich doch um den uns bekannten Alexander v. Claer handelt.
Wie dieser im Jahre 1906 in Peking gewohnt hat, zeigen diese auf Ebay zum Kauf angebotenen Fotos mit der Beschriftung „Claersches Haus“. Im Begleittext des Anbieters, eines Antiquitätenhändlers, ist ausdrücklich vom Militärattaché Alexander v. Claer in Beijing (Peking) die Rede, nebst der Jahreszahl 1906.

Den Hinweis auf diese bei Ebay angebotenen Fotos verdanke ich übrigens Herrn Sandro Parotta, dem jetzigen Burgherrn der Burg Lede, die sich von 1869 bis 1904 im Besitz der Familie de Claer (seit 1882 v. Claer) befunden hat. (Nähere Informationen hierzu unter http://www.parrotta.de/gallery/QuellenBurgLede.htm).

Herr Parotta hatte bei mir angefragt, ob ich ihm noch mit näheren Informationen zur Geschichte seiner Burg weiterhelfen könnte, aber das vermochte ich leider ebenso wenig wie Frau S.
Ausweislich meiner Google-Recherche wird der Militärattaché in China, Alexander v. Claer, darüber hinaus zweimal im Buch „Bismarcks Missionare. Deutsche Militärinstrukteure in China 1884-1890 “ (2002) von Elisabeth Kaske erwähnt, die seit April 2017 als Professorin für Gesellschaft und Kultur des modernen China an der Universität Leipzig fungiert.
Zuerst auf S.245: „Als die deutsche Regierung im Jahr 1902 überlegte, ob es opportun sein, wieder Instrukteure nach China zu schicken, war der neue Militärattaché Alexander von Claer ein großer Befürworter. Der ehemalige Instrukteur, jetzt Kaiserlicher Geschäftsträger, von der Goltz jedoch lehnte ein solches Unterfangen ab. Selbst bei sorgfältigster Auswahl der Offiziere könne ein Erfolg nicht verbürgt werden. Die Möglichkeit, eine kriegstüchtige chinesische Armee zu schaffen, würde von vielen Kennern bezweifelt, und Goltz teilte diese Ansicht. Offiziere würden also in den Dienst einer von vornherein als aussichtslos zu betrachtenden Sache gestellt…“ (Fußnote enthält Quellennachweis: BArch Berlin R9208/501, S. 89-94: Militärattaché an Preußisches Kriegsministerium; Nr. 47, 27.12.1903.)

Und dann auf S. 253: „ Als deutsche Behörden 1903 über den Sinn deutscher Militärinstrukteure in China debattierten, erklärte der Militärattaché von Claer drei Jahre nach dem Untergang der Militärschule Tianjin: , Wie nachhaltig trotzdem die Wirkung der deutschen Militärinstrukteure war, geht aus dem Verständnis für das deutsche Heer, mitunter auch der Kenntnis der deutschen Sprache hervor, welche man bei chinesischen Militärs finden kann. Mehrfach hatte ich Gelegenheit zu hören, mit welcher Achtung Schüler der ehemaligen Militärschule Tianjin von ihren deutschen Lehrern sprechen, und zwar in flüssigem Deutsch.“ Die Vorstellung, dass Deutschland das führende Land im Bereich der Armeeorganisation war, hatte sich so sehr in den Köpfen der chinesischen Bevölkerung festgesetzt, dass noch im Jahre 1904, als die chinesischen Armeereformen bereits weitgehend mit japanischen Instrukteuren durchgeführt wurden, die populäre in der Umgangssprache geschriebene Pekinger Zeitung Jinghua Ribao den Kindern das Wort Deutschland beibrachte mit der Erklärung, dies sei das Land mit der besten Armee…“

Und in dieser hochangesehenen Armee – und hier schließt sich der Kreis – hat mein Urgroßvater immerhin als Meldereiter gedient…

Bestimmt wäre es interessant, auch im Hinblick auf meine koreanische Frau, in den Aufzeichnungen des Alexander v. Claer über seine Jahre in Fernost zu lesen. Insofern könnte der nächste Schritt sein, eine Anfrage an das oben genannte Bundesarchiv in Freiburg zu richten…

3. Erich Claer: Nachträge aus den Kondolenzbriefen

Und nun springen wir ins Jahr 1950. Am 15.Dezember, also vor genau 70 Jahren und zwei Wochen, ist im Alter von gerade einmal 49 Jahren (so alt, wie ich jetzt bin) Erich Claer gestorben, der Vater des Skandal-Schriftstellers Hans Henning “Moppel“ Claer und seiner Schwester, meiner heute 80-jährigen Tante dritten Grades Lorelies Claer-Fischer. Vor einem Jahr enthielt mein Forschungsbericht ein Kapitel mit Auszügen aus den Kondolenzbriefen für ihn, die mir Tante Lorelies freundlicherweise zur Verfügung gestellt hatte. Nun folgen noch einmal vier weitere Briefe dieser Art, z.T. gekürzt und von Tante Lorelies aus ihren nur schwer lesbaren Handschriften transkribiert sowie jeweils kurz kommentiert. „Auffallend ist, dass auch hier immer die Größe und Stärke meines Vaters und seine Hilfsbereitschaft hervorgehoben worden sind“, schrieb sie mir noch. Und ergänzte im Hinblick auf Heiner Claer (1942-2013), den jüngsten ihrer drei Brüder: „Letzteres Verhalten hatte am ehesten Heiner, der konnte es gar nicht lassen, Probleme für andere Leute zu lösen.“
 

a) Die Magd Anna
Anna war Magd bei unseren Großeltern mütterlicherseits Adolf und Hedwig Keller in Osterode/Ostpr. Sie hat als einzige deren (und weiterer Personen) Erschießung durch die Russen am 29.1.1945 er- und überlebt. Emma Claer, geb. Sakrzewski ist im Winter 1944 auf dem Weg nach Königsberg verschollen. Sie wollte zu ihrer Tochter Hildegard, die nach dem Einmarsch in russ. Kriegsgefangenschaft kam.

„Wahldorf, 26.12.50
Ihr lieben Alle,
da Anna die traurige Nachricht erhalten hat, so möchte sie doch gern auch wissen, wie der Tod so plötzlich kam, denn sie macht sich nun auch Gedanken über den Tod Ihres lieben Gatten. Und ob die liebe Frau Claer ein Bild von ihrem Mann habe, denn Anna möchte doch gern eins haben. Nun viele Grüße auch an Familie Pramann, nun noch eine Frage: Anna möchte wissen, „wo dem Herrn Claer seine Mutter ist ?“
Nun mit vielen Grüßen Ihre Anna“


b) Ernst Rathgen, Schwager von Hildegard Claer (Schwester von Erich Claer)

„23.12.50 Hamburg
Liebe Hanni Claer !
Als ich von Hermann (Hildegards Ehemann) die Nachricht bekam über den schweren Verlust, den Sie durch Ihres Mannes Tod erlitten haben, war ich tief erschüttert. Ich spreche Ihnen mein tiefempfundenes Beileid aus…… Inzwischen hat sich viel ereignet und es ist gut, daß wir vorher nicht wissen, was sich noch ereignen wird. Auch ich habe im Sommer 46 eine schwere Zeit durchmachen müssen in Königsberg. Damals erfuhr ich aus Ihrem Brief an Hildegard, daß meine Frau und Schwester verstorben waren. Ich fühle mit Ihnen und mögen Sie die Kraft haben über den schweren Verlust hinwegzukommen…..Ihr Ernst Rathgen“

c) Gertrud Sanden, Frau von Hermann Sanden, dem Bruder von Erich Claers Mutter Emma

„Stuttgart, 20.1.51
Mein liebes Hannchen und Kinder!
Ihr werdet schon recht böse sein, dass wir nichts von uns hören ließen, aber glaube mir liebes Kind, der Schrecken ist mir so in die Glieder gefahren, daß ich oft nicht in der Lage war zu schreiben. Die Nachricht vom Tode des lieben Paten von meinem Erich hat uns beide entsetzlich getroffen. Erich trug den Brief in der Tasche und gab ihn mir am Heiligen Abend. Ich konnte gar nicht fassen, dass unser lieber, guter Erich nicht mehr sein soll.
Dieser gute Mensch, der der uns so oft im Leben Helfer und Vermittler war, und an den man sich gerne gewandt hat, der soll nun nicht mehr sein ?…..
denn mein liebes Kind, ich kann dir am besten nachfühlen, nachdem ich unseren beiden Männern nachtrauern muss, die Ungewissheit kostet oft unsere Gesundheit, aber ein Mutterherz kommt nicht zur Ruhe……nun schreibe uns doch bitte, was Erich zugestoßen ist.
Ich glaube fast, daß es die Folgen von Sibirien waren oder ist ihm ein Unglücksfall zugestoßen ?….
Bei uns hat sich auch im Laufe des alten Jahres so manches geändert. Erich hat seine Stelle gewechselt, er ist auf Empfehlung zur Bank gekommen. Das Gehalt ist allerdings noch klein, aber dadurch, dass ich noch arbeite, schlagen wir uns treu und redlich …..durch
Erichs Arbeitsplatz sind wir nun auch zur neuen Wohnung gekommen. Im Neubau eine 2-Zimmerwohnung mit eigener Küche und Du kannst dir sicher vorstellen, wie glücklich ich bin. Denn in der alten Wohnung waren 5 Parteien in einer Küche. Jetzt bin ich meiner eigenen Wohnung mein eigener Herr! Allerdings mußten wir DM 600 Baukostenzuschuß hinterlegen, die die Bank ihm vorgeschossen hat und nun monatlich DM 50 vom Gehalt abzieht…..
…sei Du nun mit deinen Kindern herzlich gegrüßt von Deiner Tante Gertrud

Meine liebe Tante ! Auch ich möchte Dir auf diesem Wege mein herzliches Beileid aussprechen. Kann es bis heute nicht fassen, dass ich meinen lieben guten Patenonkel Erich gar nicht mehr sehen soll……Euer Erich“

Gertrud Sanden, vormals Sakrzwewski. Ehemann Hermann, Supernazi, hat den Namen „germanisieren lassen“. Er war Bürgermeister von Gröben und wurde, als die Polen Ostpreußen bekamen, von diesen ans Scheunentor genagelt. Er war immer aufs Gröbste mit seinen poln. Arbeitern umgegangen. Erich Sanden (vormals Sakrzewski ) war der Patensohn von Erich Claer. Sein Vater Hermann war der Bruder von Erich Claers Mutter Emma Sakrzweski, verh. Claer.

d) Erich Claers Sekretärin

Kondolenzbrief von Papas Sekretärin. Wegen der 2 Währungen, in denen für ihn gesammelt wurde. Das ist auch Geschichte. Die Fa. Meyer lag in der Ackerstraße in Wedding, an der Grenze zu Ostberlin. 1950 konnte man ja noch hier wie dort arbeiten.

„Berlin, 22.12.1950
Liebe Frau Claer,
aus meinem heutigen Besuch ist nun leider nichts geworden. Hoffentlich sind Sie mir nicht böse, ich von mir aus bedaure es außerordentlich. Ich hätte mich doch so gern einmal mit Ihnen unterhalten. Doch, Frau Claer, aufgehoben ist nicht aufgeschoben. Ich mache jetzt die ganze Importabteilung allein und bin auch schon fast so durchgedreht wie ihr Gatte. Es ist doch ein bissel zu viel für eine Person. Nun aber zu meinem eigentlichen Grund des Besuches.
Ich habe von der Belegschaft für die Beerdigung Ihres Gatten Kranzspenden bekommen. Es kam doch immerhin eine schöne Summe zusammen. Wir hielten es nun für richtiger, nicht die ganze Summe für den Kranz auszugeben, sondern Ihnen zuteil kommen zu lassen, da Sie das Geld doch erstmal nötiger gebrauchen können. Wir haben also nur ein Teil des Betrages für den Kranz angewandt. Ich glaube, das ist auch im Sinne Ihres Gatten so recht gehandelt. Ich wollte Ihnen den Betrag gern persönlich überreichen, nun geht es nicht. Darum heute dieser kleine Schrieb. Ich füge das Geld – 150.—DM West und 10.50 DM Ost (bringt Dieter morgen mit).
Es hilft Ihnen vielleicht im Moment etwas weiter. Ich besuche Sie bestimmt einmal, ich sage Ihnen durch Dieter noch Bescheid.
Ich wünsche Ihnen nun recht guten Verlauf der Festtage……………..nun bringt der Weihnachtsmann auch für Ihre Kinder eine Kleinigkeit“

4. Gerhard und Emmy Claer: Die doppelte Fluchtgeschichte

Es folgt nun – wie vor einem Jahr angekündigt – die doppelte Fluchtgeschichte meiner Großeltern Gerhard Claer (1905-1974) und Emmy Claer, geb. Klatt (1906-1960).

a) Flucht Nr. 1: Von Ostpreußen nach Mecklenburg

Über die Flucht meiner Großeltern (und ihrer damals zehn-, elf- und knapp einjährigen Kinder: meiner Tante Renate, meines Vaters Joachim und meines Onkels Gerd) aus Ostpreußen im Jahr 1944 habe ich bereits vor einigen Jahren an Tante Lorelies wie folgt geschrieben:

„Doch, meine Familie bzw. die Familie meines Vaters ist aus Ostpreußen nach Mecklenburg geflüchtet, nur schon einige Monate vor Ende des Krieges. Mir wurde diese Geschichte oft erzählt. Mein Opa Gerhard, der Cousin Deines Vaters, hat von der Front einen Brief nach Hause geschickt, in dem er (um die Zensur auszutricksen) schrieb: “Es geht mir gut wie unserem Hasso. Ich rate euch dringend, Tante Erna zu besuchen!” Und damit war gemeint, er hatte ein elendes Hundeleben (Hasso galt damals als typischer Hundename, dabei hatten sie aber gar keinen Hund dieses Namens), und Tante Erna war die Schwester meiner Oma, die in Brüel in Mecklenburg wohnte, wohin sie geheiratet hatte. Es war also das Signal: Haut bloß schnell ab Richtung Westen! Und es wurde von meiner Oma verstanden, und sie machte sich mit den drei Kindern (meinem Vater Joachim, seiner Schwester Renate und dem gerade neugeborenen Gerd) mit dem Zug und nur dem nötigsten Handgepäck auf zu Tante Erna nach Brüel. Das muss irgendwann 1944 gewesen sein, jedenfalls viele Monate vor dem Kriegsende. Sonst ist zu dieser Zeit noch kein Mensch geflüchtet. Sie haben praktisch alle Sachen in Neidenburg zurückgelassen. Mein Vater hat am meisten den Verlust seiner schönen Spielzeug-Soldatenburg betrauert…“
 
Tante Lorelies schrieb mir zurück: „Es gab ja das Verbot, Ostpreußen zu verlassen… Also hatte dein Großvater wirklich einen guten Riecher bzw. mehr Insiderwissen. Wenn man angab, einen dringenden Verwandtenbesuch machen zu müssen,  gab es noch Reisebewilligungen.“

Und so fand meine Großmutter mit ihren drei Kindern also 1944 Aufnahme in der großen Villa, die Tante Erna S. (geb. Klatt) in Brüel/Mecklenburg (nahe meiner Geburtsstadt Wismar) mit ihren drei Kindern Alex (später nach Griechenland ausgewandert), Marita und Christa bewohnte. Deren Familienvater, Onkel Hans S., war wie mein Großvater als Soldat im Krieg. Allerdings ist Onkel Hans (von Beruf Arzt) nach Kriegsende nie wieder in seine prächtige Villa (die ja nun im Osten lag) und zu seiner Familie zurückgekehrt. Vielmehr soll er mit einer jungen Tschechin durchgebrannt sein, und niemand habe je wieder etwas von ihm gehört. So erzählte es mir mein Vater, als ich ihn irgendwann einmal fragte, was eigentlich später aus Onkel Hans geworden sei… Mein Großvater Gerhard hingegen ist einige Zeit nach Kriegsende völlig ausgemergelt aus russischer Gefangenschaft zu seiner Familie nach Brüel zurückgekehrt, siehe meinen vorjährigen Bericht. Die schöne große Villa hatte da allerdings schon die sowjetische Militäradministration beschlagnahmt. Die Familien – meine Großeltern mit ihren drei Kindern sowie Tante Erna mit ihren drei Kindern – lebten nun äußerst beengt (wie fast alle anderen auch) in einer kleinen Wohnung in Brüel. Auch Tante Erna ist mit ihren drei Kindern – noch vor meinen Großeltern – in den Westen geflohen, und zwar nach Celle in Niedersachsen. In meiner Kindheit in Wismar besaß ich ein besonderes Matchboxauto aus dem Westen, das nicht von der Firma Matchbox hergestellt worden war, sondern von einer anderen Firma. Dieses Auto wurde „Tante Erna-Auto“ genannt, weil es mir Tante Erna einmal im West-Paket geschickt hatte. Allerdings habe ich Tante Erna niemals kennengelernt. Sie ist wohl irgendwann in den Siebziger- oder Achtzigerjahren gestorben.

Trotz der beengten Verhältnisse in Brüel hat mein Vater dort, wie er berichtet hat, eine durchaus schöne Kindheit gehabt. Besonders gut hat er sich mit seinem jüngeren Vetter Alex verstanden. Die beiden waren unzertrennlich. Später hat uns dann Onkel Alex mit seiner Familie von Griechenland aus noch mehrmals in Wismar besucht. Nach dem Mauerfall, aber noch vor der deutschen Wiedervereinigung flogen meine Eltern mit mir im April 1990 für eine Woche zu Onkel Alex nach Kreta, wo ich zum ersten Mal Auberginen und Tintenfisch gegessen habe…

b) Flucht Nr. 2: Von Mecklenburg ins Rheinland

Die Fluchtgeschichte Nr. 2 meiner Großeltern hat mein Großvater dann selbst geschrieben, nämlich in Form einer dreiseitigen „Fluchtbegründung“ als Anlage zum Antrag auf Ausstellung eines Flüchtlingsausweises, verfasst am 31. August 1956:

Ergänzend hierzu hat auch meine Großmutter ihrerseits eine Fluchtbegründung verfasst, die allerdings weitaus knapper ausgefallen ist:

Schließlich war mein Großvater nach dem frühen Krebstod meiner Großmutter 1960 seiner früheren Arbeitskollegin aus Brüel, der einige Jahre jüngeren Emma Schneiter, die seinerzeit noch vor ihm in den Westen geflüchtet war, bei ihrem Antrag auf Anerkennung als Ostzonenflüchtling mit einer ausführlichen Erklärung behilflich, in der er u.a. schildert, auf welche Weise er sie schon damals unterstützt hat. Wenige Monate später, 1962, wurde sie seine zweite Frau. Eine Liebesgeschichte, die für sich selbst spricht…

Später, nach dem Tod meines Großvaters (1974) hat uns meine Stiefoma Emma Claer in den Achtzigerjahren in Wismar besucht und u.a. im Garten mit mir Fußball gespielt. Und sie hat uns immer zahlreiche Westpakete geschickt, in denen sie sogar Fußballbilder für mich im doppelten Boden versteckt hatte.

5. Marcel Orry Claer: Der Fotograf aus Essen

Schon in meinen früheren Forschungsberichten ist mitunter von der künstlerischen Veranlagung so mancher Claers die Rede gewesen. So hat sich bei mir vor längeren Jahren bereits einmal ein Kölner Fotograf namens Michael Clair mit ostpreußischen Wurzeln gemeldet und mir seinen Stammbaum zur Verfügung gestellt. (Leider hat sich die Verwandtschaft mit ihm als so weitläufig erwiesen, dass wir die Verbindung zwischen seinem und unserem Stammbaum bisher noch nicht herstellen konnten.) Nun bin ich über Google erneut auf einen möglicherweise aus unserer Familie stammenden Fotografen gestoßen: auf den 32-jährigen Marcel Orry Claer, geboren in Unna, derzeit ansässig in Essen. Denkbar wäre, dass er der Fuhrmann-Linie entstammt, also ein Abkömmling des Fuhrmanns Franz Richard Claer (geb. 1872 in Geidlauken) ist, den es der Liebe wegen von Ostpreußen nach Stolberg im Rheinland verschlug, siehe meine früheren Berichte.

Unter den folgenden Links lassen sich seine Arbeiten betrachten:

https://orryginal-fotografie.de/ueber-mich

https://www.fotografensuche.de/fotograf-essen/orryginal-marcel-orry-claer-f9457

https://www.facebook.com/OrryginalFotografie/

Als Fotograf ist Marcel Orry Claer laut Angaben auf seiner Homepage Autodidakt und hauptberuflich als IT-Berater im Außendienst tätig. Sein künstlerischer Schwerpunkt liegt in der Porträtfotografie junger Damen. Seine durchweg ansprechenden Aufnahmen lassen zwar eine deutliche Tendenz zur Erotik erkennen, jedoch in einer noch sehr dezenten Variante. Im Unterschied zu den Büchern und Filmen unseres wohl noch immer prominentesten Familienmitglieds, um das es zum wiederholten Male im letzten Kapitel meiner diesjährigen Ausarbeitung gehen soll.

6. „Moppel“ Claer: Nachruhm in Feuilleton und Fernsehen

Gleich zweimal ist im vergangenen Jahr im großen Stil an meinen Onkel dritten Grades, den Boxer, Schriftsteller und Schauspieler Hans Henning „Moppel“ Claer (1931-2002) erinnert worden.

a) Feuilleton der Süddeutschen Zeitung

Zum einen erschien im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung am 15.6.2020 (online bereits am 14.6.2020) unter dem Titel „Der Bär flattert nicht mehr“ ein Nachruf von Willi Winkler auf den Verleger Jörg Schröder (1938-2020), in dessen März-Verlag auch „Moppel“ Claers Bücher erschienen sind. Darin ist von den „seinerzeit sogar im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gepriesenen Büchern von Hans Henning Claer“ die Rede, wenn diese auch zutreffender Weise unter „Lektüre zur linken Hand“ eingeordnet werden. Besonders ehrenvoll bleibt dennoch die Erwähnung im selben Absatz mit Karl Heinz Bohrer und Marcel Reich-Ranicki.

b) Fernsehen und Blog-Rezension

Noch mehr Aufmerksamkeit erhielt „Moppel“ Claer vom Fernsehsender Tele 5, der die Verfilmung seines Bestseller-Buches „Lass jucken, Kumpel“ (an der er selbst als Schauspieler mitwirkte) aus dem Jahr 1972 am 28. August 2020 in der Reihe „Die schlechtesten Filme aller Zeiten“ ausstrahlte. Die Krönung ist aber wohl die folgende ausführliche Rezension/Vorankündigung dieses Films im renommierten Blog ruhrbarone.de, in der „Lass jucken, Kumpel“ als „ernst gemeinter Roman“ bezeichnet wird. Man kann es schon sensationell finden, welche Beachtung Film und Buch heute noch finden…

https://www.ruhrbarone.de/foerdertuerme-und-mehr-die-traurige-erotik-der-kumpel/188589

„Fördertürme und mehr: Die traurige Erotik der Kumpel
In Kultur | Am 27. August 2020 | Von Mario Thurnes

Tele 5 zeigt am 28. August in der SchleFaZ-Reihe “Laß jucken, Kumpel”. Was heute die wenigsten wissen: Das Sex-Filmchen basiert auf einem ernst gemeinten Roman, der im renommierten, linken März Verlag erschien – und heute ein Dokument ist, etwa über den Umgang mit dem Thema Pädophilie.
Positives vorweg: Mit der Repertoire-Reihe leistet Rowohlt in Zeiten der Cancel Culture einen wertvollen Beitrag Kulturgut zu erhalten, das auf dem Markt keine Chance mehr hätte – meist zurecht – aber als Dokument über vergangenen Zeitgeist durchaus wichtig ist. Außerdem gibt es in der Veröffentlichung des Romans “Laß jucken Kumpel” wenigstens eine spannende Seite.
Es ist Seite vier, auf der eine zeitgenössische Besprechung aus der Frankfurter Rundschau abgedruckt ist. Im Erscheinungsjahr des Romans, 1971, war die FR zusammen mit Konkret noch das Massenblatt der Linken. In der Besprechung wendet sie sich an den “bürgerlichen Leser”, der aus der Lektüre eine Erkenntnis mitnehmen könne: “Sex ist Flucht aus der Arbeit… Unschwer könnte man auch sagen, daß ihrer Tätigkeit weitgehend entfremdete Menschen da auf ihrer Suche nach sich selbst sind.”
Entfremdete Menschen auf der Suche nach sich selbst. Dazu ein Autor, der eine bewegte Biographie vorzeigen kann: Hans Henning Claer, der in Berlin Boxer und Polizist war, dann ins Ruhrgebiet zog, um Bergmann zu werden, und der sich letztlich der Bewegung der Arbeiterautoren anschloss und Romane wie “Laß jucken Kumpel!” oder “Das Bullenkloster” veröffentlichte. Das könnten Zutaten für einen bedeutenden Roman sein.

Der Roman funktioniert nicht
Doch dem ist nicht so. “Laß jucken Kumpel” funktioniert nicht. Vermutlich damals schon nicht – heute erst recht nicht. Die Figuren sind hölzern. Beim Lesen ertappt man sich manchmal bei der Frage, wer denn gerade wer ist, so wenig unterscheiden sie sich in ihrem Charakter. Und sie erleben keine Entwicklung. Die 188 Seiten werden so schnell zur Qual.
An keiner Stelle fühlt sich der Leser in der Lektüre wohl. Das liegt nicht daran, dass Claer so heiße Eisen anfassen würde. Seine Sozialkritik ist zwar pflichtgemäß eingestreut. Der Arbeiterstandpunkt war in den 70ern, was heute der Klimawandel ist. Wer im Zeitgeist liegen will, muss ihn halt mal erwähnt haben. Das klingt dann so albern wie: “Wenn alles kaputt ist und jeder denkt, er lebt nicht mehr lange, dann wird ganz doll geliebt.” Oder: “Nun wurde heute das Soll erfüllt; denn es gab genug treue Kumpel, die auch feiertags die Kohle herausholten.”
Auch im eigentlichen “Thema Nummer eins” des Romans versagt Claer. Er schafft es 188 Seiten über Sex zu schreiben, ohne auch nur einmal erotisch prickelnd zu werden. Das liegt an seiner plumpen Wortwahl:  “Stöhnen – Zischen – Schmatzen – Bumsen!”. Sowie an empathielosen Figuren, die nacheinander die Spielarten der Sexualität kennenlernen beziehungsweise abarbeiten, die 1971 noch als Tabu galten und die Sexpapst Oswalt Kolle seinerzeit in einer Kolumne in der “Neuen Revue” vorstellte.

An Kolle abgearbeitet
An Kolle arbeitet sich Claer regelrecht ab. Inhaltlich findet er nichts, was an dessen Aufklärungsarbeit auszusetzen wäre. Aber er lässt die Figuren Kolle immer wieder dissen. Und er gibt einer Figur dessen Namen – einem alten, impotenten, religiösen Eiferer.
A propos flache Witze mit der Namenswahl: Der fiese, notgeile Obersteiger heißt Adolf Eichel. Der übergriffige, notgeile Frauenarzt Dr. Eichler. Kurze Pause. Genug gelacht? Ok, noch ne kleine Pause. Der abgearbeitete Rentner heißt Otto Schmielewski. Burner. Immerhin ist Schmielewski eine der wenigen Figuren in dem Roman, die nicht notgeil sind.
Der Film “Laß jucken, Kumpel” ist ein dummer Sexstreifen, der in schmierige Kinos gehört oder ins Spätprogramm von quotenschwachen Privatsendern – und der im Zeitalter von XHamster oder YouPorn nahezu grotesk wirkt. Erstaunlicherweise wird der Film der Vorlage dennoch gerecht.
Also beides einfach vergessen? Im Prinzip ja, wäre da nicht noch was. Zum einen die von der FR geweckte Erwartungshaltung und nach der Lektüre dann doch eine Erkenntnis: Wenn deutsche Linke versuchen, sich Arbeiter vorzustellen, bleiben sie von diesen immer meilenweit entfernt. Zum anderen ist da der Aspekt der Pädophilie.

Peinlicher Umgang mit Pädophilie
Pädophilie war ein Thema der zweiten Hälfte der Bonner Republik und wirkte bis tief in die Berliner Jahre hinein: Die Tendenz der Linken von Teilen der 68ern bis zu Teilen der Grünen, Sex mit Jugendlichen gesellschaftlich etablieren zu wollen, war ein großes Thema im Wahlkampf 2013. Das andere linke Massenblatt der frühen 70er Jahre, Konkret machte in den späten 60ern mit dem Tabu gerne Auflage. Und Claer gibt der Pädophilie auch in “Laß jucken Kumpel” breiten Platz.
Oft anhand der Figur der 15-jährigen Ute. Wenn er ein Pettingerlebnis von ihr beschreibt, lässt er es nicht an Alt-Männer-Erotik fehlen: “Der Samen des Mannes spritzte auf den zarten Venushügel der Kindfrau.” Noch peinlicher wird es, wenn Claer versucht, sich vor ihrem ersten Vaginalsex in ihre Psyche zu versetzen: “Ich bin ein moderner Teenager! Ich möchte es haben, ja-ja-ja!”
Wo das hin führt? Ja, eben zu nichts. Claer schreibt keinen Roman, sondern einen Porno. Und da entwickeln sich Figuren nicht mehr, nachdem die Frage geklärt wäre, warum hier Stroh liegt. Offen bleibt nur eine spannende Frage: Wer ist mehr zu bedauern? Der, der in diesem Buch eine traurige Vorlage für Selbstliebe gefunden hat? Oder der, der hier ernsthaft das Gefühl hatte, der Klassenstandpunkt werde angemessen berücksichtigt?

Tele 5 zeigt am Freitag, 28. August, gegen 22.30 Uhr “Lass jucken, Kumpel” als Teil der Reihe “SchleFaZ”.

Schluss und Ausblick
Wie es in einem der zitierten Kondolenzbriefe so ironisch treffend heißt: Aufgehoben ist nicht aufgeschoben. Es wird die Zeit kommen, in der ich auch wieder mehr „Ahnenforschung im engeren Sinne“ betreiben werde. Vielleicht ja schon im kommenden Jahr.

justament.de, 23.11.2020: Voll retro

“Die Heiterkeit”-Frontfrau Stella Sommer auf ihrer zweiten Solo-Platte “Northern Dancer”

Thomas Claer

Stella Sommer, die singende, musizierende, komponierende und textende examinierte Juristin, deren Veröffentlichungen mit ihrer Band “Die Heiterkeit” wir an dieser Stelle schon mehrfach mit Lob überschüttet haben, hat auch noch eine andere, lange Zeit verborgen gebliebene Seite. Und die lebt sie seit 2018 als Solo-Künstlerin aus. Wobei man einschränkend hinzufügen muss, dass sich die nominale Unterscheidung zwischen Band und Solo-Projekt wohl nicht jedem ihrer Hörer sogleich erschließen wird, da auf den “Heiterkeit”-Platten ja auch nur Stella Sommer mit wechselnden Begleitmusikerinnen agierte, während auf ihrer ersten “Soloveröffentlichung, der grandiosen Platte “13 Kinds of Happiness”, u.a. auch zwei frühere Bandkolleginnen von der “Heiterkeit” mitwirkten. Doch kommt es auf solche Feinheiten natürlich überhaupt nicht an. Und fest steht immerhin, dass sie auf ihren “Heiterkeit”-Alben deutsch singt und es manchmal auch indiegitarrenrockmäßig krachen lässt, wohingegen ihre Solo-Scheiben sich am Stil der Sechzigerjahre orientieren und (mit bislang einer Ausnahme: dem letzten Song der ersten CD) englisch besungen sind.

Es liegt nahe, dass Stella Sommer durch die vielen Nico (ex-Velvet Underground)-Vergleiche der Musikkritiker in all den Jahren auf den Trichter gekommen ist, selbst einmal eine Platte wie ihr stimmliches Leitbild, die frühe Nico, einzuspielen. Und dieser inzwischen schon mehr als zwei Jahre zurückliegende Versuch ist ihr so gut gelungen, dass sie nun mit dem Album “Northern Dancer” noch einmal nachgelegt hat. Abermals werden wir musikalisch und instrumental, auch optisch und was die ganze Inszenierung angeht (man betrachte nur das Video zum Song “A Lover Alone”, das mutmaßlich in einem englischen Park spielt!), in die frühen bis mittleren Sechziger zurückversetzt. Nur die Songtexte tanzen hier manchmal ein wenig aus der Reihe, denn die sind mitunter gewagter, als es seinerzeit (vor 1968!) opportun gewesen wäre. Das für mich schönste Lied der Platte, “Lights on the Water”, nicht ohne Grund effektvoll als “Hidden Track” ganz am Ende der CD platziert, beginnt mit den Worten: “Over this body I have limited control”. Da denkt man unwillkürlich an den alten Tocotronic-Song “Über Sex kann man nur auf Englisch singen”. Wäre ja sonst auch wirklich zu peinlich… Aber man erkennt auch, dass der an sich erfreuliche weigehende Wegfall sittlichkeitsgeleiteter Zensur heutzutage das Texten nicht unbedingt einfacher gemacht hat. Jedoch zieht sich Stella Sommer auch in dieser Hinsicht noch immer sehr achtbar aus der Affäre…

Alles in allem liefert “Northern Dancer” also, ähnlich wie sein Vorgänger, wieder ausnehmend stimmungsvolle Musik, die sich – passend zum aktuellen Corona-Lockdown – am besten alleine oder zu zweit genießen lässt. Wobei “Northern Dancer” die überwältigende düstere Eindringlichkeit von “13 Kinds of Happiness” dann allerdings doch nicht ganz erreichen kann. Das Urteil lautet: voll befriedigend (12 Punkte).

—————————————————————

Stella Sommer

13 Kinds of Happiness

Affairs of the Heart / Indigo 2018

ASIN: B07CPMDQ16

—————————————————————–

Stella Sommer

Northern Dancer

Northern Dancer Records (Membran) 2020

ASIN: B08H4WQXMS

justament.de, 2.11.2020: Eigene Propaganda

Recht historisch Spezial: Vor 75 Jahren erschien “Die offene Gesellschaft und ihre Feinde” von Karl R. Popper

 Thomas Claer

“All unser Wissen ist nur Vermutungswissen.” Oder: “Lasst Theorien sterben, nicht Menschen!” Schon im zarten Alter von 15 oder 16 Jahren hat mich der österreichisch-britische Philosoph Karl Raimund Popper (1902-1994), von dem diese und viele weitere großartige Zitate stammen, tief beeindruckt. Damals, in den späten Achtzigern, bin ich über die populärwissenschaftlichen Bücher von Hoimar v. Ditfurth und Konrad Lorenz auf ihn gestoßen, die ich regelrecht verschlungen habe. Vielleicht auch, weil es sich um Bücher aus dem Westen, also gewissermaßen um verbotene Früchte, handelte, die zu jener Zeit für einen Ost-Jugendlichen wie mich nur schwer zu kriegen waren. So lernte ich Karl Popper zunächst im Umfeld der Evolutionären Erkenntnistheorie als Wissenschaftstheoretiker und Begründer des Kritischen Rationalismus kennen, der im Anschluss an Immanuel Kant die Menschen Demut und Bescheidenheit lehrte: Die Wirklichkeit, die “objektive Realität” (Kant hatte vom ominösen “Ding an sich” gesprochen), können wir mit unseren unzuverlässigen Sinnesorganen, die nur evolutionär erworbene Überlebensinstrumente sind, schlichtweg nicht erkennen. Wie in Platons berühmtem Höhlengleichnis sitzen wir, bildlich gesprochen, in der Dunkelheit und tasten uns nur mühsam voran bzw. rätseln über die Bedeutung der von den äußeren Dingen geworfenen Schatten an der Höhlenwand. “Ich weiß, dass ich nichts weiß”, wusste Sokrates, und damit schon weitaus mehr als andere. Dementsprechend geht Karl Poppers Wissenschaftstheorie von der menschlichen Unwissenheit aus, die sich durch Versuch und Irrtum, also durch Hypothesen und ihre Widerlegung (Falsifikation) der Wahrheit anzunähern versucht, diese aber notwendigerweise nie erreichen kann. Beweise (Verifikationen) können nämlich immer nur vorläufig sein, da spätere Falsifikationen niemals auszuschließen sind.

Zugegeben: Wer sich als Jugendlicher für solche Themen interessiert, wird zwangsläufig zum Außenseiter, schon weil man sich unter normalen Umständen mit keinem Gleichaltrigen darüber austauschen kann (und mit Erwachsenen in der Regel auch nicht). Und damals gab es ja auch noch kein Internet, über das man sich anderweitig hätte vernetzen können… So war es für mich zu jener Zeit also ein recht einsames Vergnügen, mit Karl Popper die alltäglichen Gewohnheitsmeinungen kritisch zu hinterfragen. Was mich dann aber regelrecht in Entzücken versetzte, war meine spätere Entdeckung, dass er die Grundprinzipien seiner Wissenschaftstheorie auch auf die menschliche Gesellschaft übertragen hat und daraus das Buch “Die offene Gesellschaft und ihre Feinde” entstanden ist. Sehr effektvoll wurde dieses Buch vor 75 Jahren, just am Ende des Zweiten Weltkriegs, der ja auch schon eine Art Krieg der Systeme gewesen ist, von Karl Popper veröffentlicht. Und ebenfalls sehr effektvoll, wurde dieses Buch dann vor gut 30 Jahren, just zwischen Mauerfall und deutscher Wiedervereinigung, am vermeintlichen Endpunkt der Geschichte, als ich bereits im Westen war, von mir gelesen.

Nun hat dieses zweibändige, gar nicht dünne Buch, was aber angesichts meiner biographischen Prägung so überraschend auch wieder nicht ist, eine unvergessliche Wirkung auf mich gehabt. Klar, wenn man mit 17 oder 18 Jahren ein gesellschaftstheoretisches philosophisches Werk liest, das alles, was man bisher in der Schule gelernt hat, auf den Kopf stellt, das von einer solch suggestiven Klarheit und Überzeugungskraft ist und das dem jugendlichen Leser auch noch die schmeichelhafte Illusion einflößt, nun über die Grundprinzipien in der Welt aber ein für alle Mal Bescheid zu wissen… Dabei hätte ich nur die Grundgedanken der Popperschen Skepsis auch auf sein eigenes Werk anwenden müssen: “Wir wissen nicht, wir raten.” Aber dieses Buch ist einfach zu verführerisch in seiner Schwarzweißmalerei, hierin dem von ihm so heftig kritisierten Marxismus gar nicht so unähnlich.

Poppers Thesen lauten kurzgefasst so: Zwei grundlegende und einander entgegengesetzte Konzepte stehen seit alters her in Wettbewerb zueinander, das der Offenen Gesellschaft und das der Geschlossenen Gesellschaft. Die Linie der letzteren führt über Platon und Hegel direkt zu Karl Marx. Die Linie der Offenen Gesellschaft dagegen von Sokrates bis zu Kant und – natürlich – zu Karl Popper selbst. Die Offene Gesellschaft (Demokratie) ermöglicht Regierungswechsel ohne Blutvergießen, was in der Geschlossenen Gesellschaft so in der Regel nicht möglich ist, wie es sich ja gegenwärtig exemplarisch an Herrn Lukaschenko in Belarus beobachten lässt. (Die deutsche 89er Revolution, die ohne einen einzigen Schuss und nur dank Schabowskis Zettel zum Mauerfall führte, gehört insofern zu den seltenen gnädigen Ausnahmen…) In der Tat großartig ist der Parallelismus zu Poppers Wissenschaftstheorie: Jede Regierung ist gewissermaßen eine Hypothese, wie das jeweilige Land regiert werden sollte. Und bei Nichtgefallen nach vier oder fünf Jahren darf der Souverän, das Volk, diese Regierung gegen eine neue eintauschen, also quasi falsifizieren. Und so geschieht es auch mit der nächsten, auch sie wird nach einiger Zeit kritisch überprüft und, wenn sie nicht geliefert hat, in die Wüste geschickt wie eine alte, längst widerlegte wissenschaftliche Theorie. Diktaturen und autoritäre Herrscher hingegen sind den vermeintlichen ewigen Wahrheiten (wie den Ideologien und Religionen) ähnlich, die keine Kritik an sich heranlassen und sich mangels Überzeugungskraft oft nur mit Gewalt und Einschüchterung Andersdenkender an der Macht halten können.

Eine besondere Pointe liegt natürlich darin, dass Popper den Marxismus, diese im Ansatz doch zweifellos emanzipatorische Bewegung, in die Schublade “Geschlossene Gesellschaft” steckt. Aber hat er nicht Recht damit? “Die Lehre von Karl Marx ist allmächtig, weil sie wahr ist.” So und in ähnlichen Variationen stand es immer und immer wieder auf leuchtend roten Transparenten in den Straßen meiner Kindheit und Jugend in der DDR geschrieben. Laut Karl Popper war der Realsozialismus keineswegs eine Pervertierung einer ursprünglich guten Idee, sondern die unausweichliche Konsequenz aus seinem schon im Ansatz verfehlten Weltbild. Für Popper ist nämlich die alte Frage “Wer soll regieren?” falsch gestellt. Es sei eigentlich gar nicht so wichtig, wer regiert: ob diese oder jene Partei, ob die eine oder andere Bewegung. Hauptsache sei vielmehr, dass man die Regierenden jeweils auf einfachem Wege und gewaltlos in regelmäßigen Abständen wieder loswerden könne.

Wohl kaum jemand hat das Wesen und die Vorzüge der liberalen Demokratie auf so einleuchtende Weise auf den Punkt gebracht wie Karl Popper. Und das gilt auch heute noch, nach 75 Jahren, während wir uns in einer Krise der demokratischen Systeme befinden, wie sie die Welt seit fast einem Jahrhundert nicht mehr erlebt hat. Und doch darf man nie vergessen: Es ist und bleibt unsere eigene Propaganda, und man ist gut beraten, zumindest nicht unreflektiert auf sie hereinzufallen. Sie stützt sich ganz wesentlich auf ein Axiom, mit dem gewissermaßen alles übrige steht oder fällt. Und das lautet: Zwar kann nicht jeder von uns selbst einen Staat lenken, aber es kann doch jeder von uns beurteilen, ob ein Staat gut oder schlecht gelenkt wird. Mit diesen Worten zitiert Popper bereits auf den vordersten Seiten seines Werkes einen (wenig bekannten) altgriechischen Vorläufer der “Offenen Gesellschaft”. Aber genau das ist die Frage, ob das wirklich immer jeder so gut beurteilen kann (oder zumindest eine Mehrheit es kann), und wenn nicht, wo und nach welchen Kriterien wollte man dort eine Grenze ziehen? Und vor allem: Wer könnte darüber entscheiden? In über zweihundert Jahren Demokratiegeschichte haben wir erfahren: Manchmal funktioniert es sehr gut mit der Demokratie, manchmal weniger gut und manchmal gar nicht gut. Und an manchen Orten der Welt und in manchen Kulturen funktioniert es überhaupt nicht. Oder anders gesagt, anschließend an Böckenförde: Die Offene Gesellschaft lebt von Voraussetzungen, die sie selbst nicht garantieren kann. Karl Popper hat das sehr wohl gesehen. Er nannte es: das Paradox der Demokratie, das darin bestehe, dass die Demokratie sich selbst mit demokratischen Mitteln abschaffen könne, sobald eine Mehrheit nicht mehr hinter ihr steht. Unsere Mütter und Väter des Grundgesetzes haben angesichts der noch frischen Erfahrungen des Untergangs der Weimarer Republik und der NS-Zeit diese Gefahr ebenfalls gesehen und deshalb die “Ewigkeitsklausel” ins Grundgesetz geschrieben (Art. 79 Abs. 3). Doch ist auch das letztlich nur ein propagandistischer Akt, ähnlich der berüchtigten Koran-Sure, dass niemand auch nur einen Buchstaben der heiligen Schrift verändern dürfe, denn sobald die große Mehrheit nicht mehr hinter der Demokratie steht, dürfte ein Staatsstreich, der die alte Verfassung durch eine neue ersetzt, nur noch Formsache sein…

Kurz gesagt: Die Offene Gesellschaft ist ständig legitimationsbedürftig, vor allem in Krisenzeiten. Denn spätestens dann muss sie beweisen, dass sie es besser kann als die autoritäre und diktatorische Systemkonkurrenz. Und der Ausgang ist, wie sich auch gerade aktuell angesichts der globalen Corona-Herausforderung zeigt, ziemlich ungewiss. Ja, immerhin: Der Ausbruch von Corona hätte wohl in einer Offenen Gesellschaft nicht so lange unter den Teppich gekehrt werden können, wie es im diktatorischen Einparteienstaat China geschehen ist. Und womöglich wäre durch eine solche frühzeitige Transparenz der Welt die Verbreitung dieser Seuche erspart geblieben. Kann sein, ist aber keineswegs sicher. Denn im anschließenden Krisenmanagement hatte das diktatorische China dann wiederum sehr eindeutig die Nase vorn, vor allem gegenüber der größten westlichen Demokratie der Welt. Aber auch gegenüber der zahlenmäßig größten Demokratie der Welt in seiner Nachbarschaft, wobei genau genommen Indien auch schon wieder unter den tendenziell autoritären Demokratien einzuordnen wäre. Und genau hier liegt ein weiterer Knackpunkt: Die Unterscheidung zwischen Offenen und Geschlossenen Gesellschaften wird mit der Zeit immer, immer schwieriger, denn inzwischen gibt es wahrscheinlich schon eine deutliche Mehrheit von Staaten auf der Welt, die sich nicht mehr eindeutig ins eine oder andere Lager einordnen lässt, sondern irgendwo dazwischen anzusiedeln ist: in der breiten Grauzone, mit unzähligen feinsten Abstufungen, zwischen den längst nur noch schmalen schwarzen und weißen Rändern mit lupenreinen Geschlossenen oder Offenen Gesellschaften. Selbst im Iran gibt es freie Wahlen zwischen durchaus unterschiedlichen Positionen und Programmen. Hingegen nimmt es schon beinahe ganz Osteuropa mit der Trennung der Staatsgewalten und mit den Minderheitenrechten nicht (mehr) besonders genau…

Und schließlich könnte man Karl Poppers Konzeption auch noch ihren unterschwelligen Eurozentrismus ankreiden. Aber das lässt sich wohl gegen jeden universalistischen Denkansatz ins Feld führen: Die ganze Welt wird gleichsam durch die westliche Brille der okzidentalen Ideengeschichte betrachtet, was natürlich zum Ergebnis führt, dass die westliche Welt tendenziell offen und fortschrittlich und die außerwestliche Welt tendenziell geschlossen und rückständig ist. Man könnte das auch einen kolonialen Blick auf die Welt nennen. Würde man aber auf diesen universalistischen Ansatz verzichten, dann wäre es auch wieder nicht richtig, denn ein Werte-Relativismus, also unterschiedliche Kriterien für unterschiedliche Länder und Regionen, würde erst recht Tür und Tor öffnen für eine Ausgrenzung der nichtwestlichen Anderen…

Und doch: Im Konzept der Offenen Gesellschaft, heute verbreitet etwa durch die “Open Society Foundations” von George Soros, der einst ein Schüler von Karl Popper in London gewesen ist, liegt so etwas wie die freiheitliche DNA des Westens. Auch wenn sie keineswegs perfekt ist, ungenau und teilweise in sich widersprüchlich. Auch heute noch lohnt es sich, für sie zu streiten. Selbstbewusst, aber besser ohne Selbstgewissheit. Denn es könnte ja sein, dass gelegentlich auch die Feinde der Offenen Gesellschaft einmal Recht haben. Oder womöglich sogar die besseren Konzepte…

justament.de, 12.10.2020: Soundtrack einer Juristenausbildung

Vor 25 Jahren erschien “Digital ist besser” von Tocotronic

Thomas Claer

Muss man über das grandiose Frühwerk der Band Tocotronic, das vor einem Vierteljahrhundert seinen Anfang nahm, überhaupt noch große Worte verlieren? Ist denn nicht längst schon alles darüber gesagt? Das schon, ließe sich mit Karl Valentin einwenden, aber noch nicht von jedem. Meine persönliche Tocotronic-Geschichte begann bereits in den frühen Achtzigern, schon lange vor Gründung dieser Band, als ich zu meiner großen Freude eine Armbanduhr aus dem Westen geschenkt bekam, was für ein Ostkind jener Zeit so ziemlich das Größte war, was man sich vorstellen konnte. Entscheidend allerdings war, dass es sich dabei um eine Digitaluhr handelte. So altmodische Uhren mit Zeigern und Zifferblatt waren damals ja sowas von verpönt…

Lange Jahre trug ich fortan meine geliebte Digitaluhr und fühlte mich immer sehr cool damit. Bis ich im Mai 1989, nur wenige Monate vor dem Mauerfall, in den Westen kam und mich auf einem Bremer Gymnasium, umgeben von äußerst stilbewussten jungen Menschen, wiederfand. Schnell bemerkte ich, dass ich dort der einzige war, der eine solche Uhr trug, die noch dazu unter meinen Mitschülern mächtiges Naserümpfen hervorrief. Oh mein Gott, wie uncool war das denn? Wer trägt denn heute noch eine Digitaluhr?! Wahrscheinlich fehlte mir damals, im zarten Alter von 17 Jahren, auch einfach das Selbstbewusstsein, um mich über solche Verächtlichmachungen einfach hinwegzusetzen. Irgendwann gefiel mir meine alte Uhr dann selbst nicht mehr. Nach reiflicher Überlegung kaufte ich mir, ausdrücklich auch aus ökologischen Gründen, eine leuchtend blaue Solaruhr, die ebenfalls sehr schön war, natürlich mit Zeigern und Zifferblatt. Meine Digitaluhr ließ ich in einer Schublade verschwinden und hatte sie bald vergessen.

Mit meiner Solaruhr absolvierte ich das Abitur und bestritt ich auch meine gesamte Juristenausbildung. Aber es irritierte mich dann schon, als Mitte der Neunziger eine Band aus Hamburg in aller Munde war, deren erster Album- und auch Songtitel “Digital ist besser” lautete. Und diese drei Altersgenossen von mir trugen doch wirklich, was man vor kurzem noch für völlig unmöglich gehalten hätte, Trainingsjacken und, ja, tatsächlich auch Digitaluhren! Anfangs ging ich dem nicht weiter nach, auch wenn ich manchmal beim Durchzappen der Fernsehkanäle auf MTV oder Viva etwas davon mitbekam. Aber dann gab es einen in meiner Lern-AG, der Tocotronic-CDs besaß und von ihnen schwärmte. Von ihm lieh ich sie mir aus und überspielte sie mir auf Musikkassetten, die ich dann im Studentenwohnheim auf meinem alten Mono-Kassettenrecorder rauf und runter hörte.

Natürlich war es kein Zufall, dass die Band zu zwei Dritteln aus abgebrochenen Jura-Studenten bestand. Ihre Songs waren wild und eruptiv, oft auch laut und schnell. Die verstimmten Gitarren, das treibende Schlagzeug, die herausgebrüllte Wut in Dirk von Lowtzows Gesang, immer haarscharf neben dem Ton… Und dann diese parolenhaften und zugleich hintersinnigen Texte! So viele von ihnen sprachen mir sowas von aus dem Herzen: “Alles was ich will ist nichts mit euch zu tun haben!” oder “Ich bin viel zu lange mit euch mit gegangen!” Genau das hatte ich mir auch immer gedacht in all den Jahren, hatte aber irgendwie immer den Absprung verpasst, und irgendwann war es dafür dann zu spät. Ich wurde Volljurist und habe dennoch meinen Groll gegen die Juristenausbildung, gegen meine Juristenkollegen, ja gegen alles Juristische überhaupt nicht nur niemals abgelegt, sondern sogar heute noch tief verinnerlicht.

Dennoch wäre ich nie auf die Idee gekommen, meine Solaruhr, die mir immer gute Dienste geleistet hatte, wieder gegen eine Digitaluhr, die nun durch Tocotronic zum Symbol des Slackertums und einer misanthropisch-individualistischen Gegenkultur geworden war, auszutauschen. Erst lange Zeit später, es muss wohl vor sieben oder acht Jahren gewesen sein, gab meine Solaruhr mit einem Mal ihren Geist auf. Das war so plötzlich geschehen, dass ich auf die Schnelle keine Zeit hatte, um mir Gedanken über eine neue Uhr zu machen. Ich musste dringend zu meinen Privatschüler-Terminen und musste dabei vor allem immer wissen, wie spät es war. Hektisch kramte ich in Schränken und durchwühlte Schubladen, und dann hielt ich tatsächlich meine alte Digitaluhr in den Händen. Immerhin, sie lief noch… Mit ihr fuhr ich also zu meinen Nachhilfestunden. Doch was dann geschah, hatte ich nicht erwartet. “Wow, coole Uhr!”, rief mir mein arabischer Schüler in Schöneberg zu. “Sie haben aber eine hübsche Uhr”, fand meine Siebtklässlerin in Mitte. Da wusste ich, dass ich mir das Geld für die Anschaffung einer neuen Uhr sparen konnte. Am selben Abend hörte ich nach langer Zeit wieder den Song “Digital ist besser” – und trage seitdem nur noch Digitaluhren. Als meine alte aus den Achtzigern nach einigen Monaten dann doch nicht mehr funktionieren wollte, kaufte ich mir eine identische neue.

Aber zurück zu Tocotronic: Fünf fantastische Alben in fünf Jahren haben Tocotronic von 1995 bis 1999 herausgebracht. Von beinahe allem, was später von ihnen kam, muss man, ehrlich gesagt, dringend abraten, das war dann fast nur noch weichgespülter Mist. Aber das Frühwerk von “Digital ist besser” bis zu “K.o.o.k.” ist und bleibt gigantisch. Und zu ihren Texten muss man sagen, dass sie keineswegs schlechter sind als die von, sagen wir, Bob Dylan. Und auch gewiss nicht schlechter als die Lyrik dieser Frau Glück, die bis vor wenigen Tagen noch niemand kannte.

Das Urteil für Tocotronics Frühwerk kann daher nur lauten: Gebt ihnen den Nobelpreis!

——————————

Tocotronic

Digital ist besser

L’age d’ or 1995

justament.de, 5.10.2020: Getrennt verbunden, vereint entfremdet

Das zwischenmenschliche Paradox der deutschen Wiedervereinigung

Thomas Claer

Manchmal funktionieren Fernbeziehungen ja deutlich besser als Nahbeziehungen. Durch ungünstige Umstände ist man voneinander getrennt, wartet aufeinander, denkt immer aneinander und freut sich auf die seltenen Gelegenheiten, sich zu treffen. Gleichzeitig ist man nicht ständig im Alltag mit den Macken des anderen konfrontiert… Für die Deutschen in Ost und West hatte die vierzigjährige Trennung, die der nun dreißigjährigen Zeit des Wiedervereintseins vorausging, insofern nicht nur schlechte Seiten. Denn so streng wie etwa im heute noch geteilten Korea – mit jahrzehntelanger Kontaktsperre zwischen Nord und Süd – ist es hierzulande ja nie gewesen.

So manches war erlaubt

Beinahe immer durften die Westdeutschen zu jener Zeit den Osten besuchen. Von der Staatsmacht im Osten war das sogar politisch erwünscht, da der Westbesuch ja schließlich über den obligatorischen Zwangsumtausch an der Grenze begehrte Devisen ins Land brachte. Die Ostdeutschen durften hingegen nur ausnahmsweise mal in den Westen reisen. Vielen wurden ihre Anträge auf Westreisen von den Behörden sogar immer und ohne Begründung abgelehnt (wobei Begründungen hier ohnehin nicht vorgesehen waren), vermutlich weil sie als politisch unzuverlässig oder der Republikflucht verdächtig galten. Erst im Rentenalter durften alle Ossis in den Westen, wie sie wollten. Denn kam ein Rentner nicht wieder zurück, konnte die DDR sich ja dessen Rentenzahlungen sparen.

Was aber allen in Ost und West damals ausdrücklich erlaubt war: einander Briefe zu schreiben und Pakete zu schicken. Und auch dieser vielpraktizierte Austausch kam der DDR keineswegs ungelegen. Über die Briefe in den und aus dem Westen erhielt sie wertvolle Informationen über das Meinungsbild in der Bevölkerung. (Ganze Stasi-Abteilungen waren nur damit beschäftigt, die täglich tausenden grenzüberschreitenden Briefe über Wasserdampf zu öffnen, gründlich zu lesen, abzulichten und einzuordnen. Man versteht leicht, warum es in der DDR so etwas wie Arbeitslosigkeit nie gegeben hat…) Und die berühmten Westpakete versorgten einen großen Teil der Ostbevölkerung mit begehrten westlichen Konsumartikeln. Besonders westpaketverwöhnte Ossis (wie meine Familie) mussten so niemals den scheußlich schmeckenden Ost-Kaffe trinken, nie die ebenso schlechte Ost-Schokolade essen und auch nicht auf Nylon-Strumpfhosen verzichten, denn sie waren ja immer bestens mit allem aus dem Westen versorgt.

Allerdings war es schon ein Unterschied, ob man sich all diese schönen Dinge täglich für kleines Geld an jeder Ecke kaufen konnte oder ob man sie – in unserer Familie mittels einer ausgedehnten Auspack-Zeremonie – aus einem leuchtend gelben (oder manchmal auch eintönig grauen) Westpaket fischte. Ständiger Überfluss sorgt nicht selten für Verdruss, aber vorübergehend überwundener Mangel erzeugt fast immer Freude. Für mich gehört das rituelle Auspacken der Westpakete im Familienkreis zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen…

Begegnungs- und Geschenkkultur

Überhaupt hat wohl nicht nur die eingeschränkte Begegnungs-, sondern auch die sehr spezifische Geschenkkultur das erstaunlich harmonische Miteinander zwischen Ost- und Westdeutschen zu jener Zeit geprägt. “Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft”, heißt es, aber in einer Überflussgesellschaft wie unserer heutigen (und ansatzweise auch schon der damaligen westlichen) hat das Schenken beinahe alles von seiner ursprünglichen Bedeutung verloren. Wenn einer etwas haben will, dann kann er es sich schließlich in aller Regel auch selbst kaufen. Unerbetene Zuwendungen werden dann eher als Belastungen, wenn nicht sogar als Belästigungen empfunden. Wie anders war das doch zur Zeit der deutschen Teilung! Damals konnten die Menschen des einen Teilstaates jenen im anderen Teilstaat mit ihren Geschenken und Mitbringseln noch wirklich eine Freude bereiten. Und das Beste daran war: Die Freude lag auf beiden Seiten. Wer aus dem Westen kommend mit solch kleinen Dingen für solch strahlende Gesichter bei seinen Ost-Gastgebern sorgen konnte (und das längst nicht nur bei den Kindern), der nahm es, zurück im Westen, gerne auf sich, mehrmals im Jahr seine Ost-Kontakte mit verschnürten Paketen zu beglücken (die sich sogar noch von der Steuer absetzen ließen).

Win-win-Situation

Nun sind Geschenke von gut Versorgten an weniger Bemittelte eigentlich ein zweischneidiges Schwert. Groß ist hier für den Schenker die Gefahr, sein Gegenüber zu beschämen, seinen Stolz zu verletzen. Der Beschenkte fühlt sich dann leicht als Versager, der auf Zuwendungen angewiesen ist, weil er es selbst zu nichts gebracht hat. Doch davon war zur Zeit der deutschen Teilung nichts zu spüren. Niemand im Osten wäre auf die Idee gekommen, sich wegen seiner im Vergleich zu den Westbesuchern relativ bescheidenen Lebensumstände beschämt zu fühlen. Es konnte ja auch keiner etwas dafür, dass es im Osten all die schönen Konsumartikel nicht zu kaufen gab. Es lag einzig und allein an den politischen Verhältnissen. Es war gewissermaßen höhere Gewalt, die dafür gesorgt hat, dass die Deutschen in Ost und West einander in jenen Jahren mit einfachen Mitteln so große Freude bereiten konnten. Heute würde man von einer klassischen Win-win-Situation sprechen.

Kulturschock nach der Wende

Doch damit war es dann schon bald nach Mauerfall und Wiedervereinigung vorbei. Nur kurz währte im Osten das Glücksgefühl, die ungeliebte diktatorische Mangelgesellschaft endlich hinter sich gelassen zu haben. Nun lebten Ost- und Westdeutsche plötzlich im selben Land und waren zu Konkurrenten in einer rauen Wettbewerbsgesellschaft geworden. Klar, wer hier die weitaus besseren Voraussetzungen hatte und wem der Klotz von vierzig Jahren Misswirtschaft und Bevormundung auf Lebenszeit am Bein hängen bleiben sollte. Millionen Ostdeutsche wurden arbeitslos, standen so zwar materiell zumeist besser als zu DDR-Zeiten, verloren aber vielfach ihre Selbstachtung. Nun gehörten sie nicht mehr zu denen, die nur durch unverschuldete politische Umstände hinter ihren westdeutschen Vettern und Kusinen wirtschaftlich zurückgeblieben waren, sondern sie mussten sich vor den oftmals als Kolonisatoren empfundenen “Besserwessis” als Versager fühlen, zu unflexibel, um sich auf dem nun gesamtdeutschen und globalen Arbeitsmarkt behaupten zu können.

Und überhaupt: Wo vor der Wende in den zwischenmenschlichen Ost-West-Beziehungen zumeist eitel Sonnenschein herrschte, ist nach Mauerfall und Wiedervereinigung nicht selten Streit und Missgunst an ihre Stelle getreten. Erbstreitigkeiten, ungeklärte Besitz- und Restitutionsansprüche, es gab so vieles, was die Deutschen in Ost und West nun voneinander trennte. Manche verloren auch einfach das Interesse aneinander, besuchten sich nicht mehr wie früher, denn womit sollte man der anderen Seite jetzt noch eine Freude bereiten? Die Geschenkkultur hatte ihre mangelwirtschaftsbedingte Grundlage verloren, die Begegnungskultur ihre trennungsbedingte. So lässt einen das seit nunmehr dreißig Jahren wiedervereinigte Deutschland an ein altes Ehepaar denken, das oftmals lustlos nebeneinander her lebt, es aber dennoch ganz passabel miteinander aushält. Denn es gibt ja noch die schönen gemeinsamen Erinnerungen an die gute alte schlimme Zeit des Getrenntseins…

justament.de, 14.9.2020: Kritik der Kollateralschäden

Maike Rosa Vogel auf ihrer sechsten CD “Eine Wirklichkeit”

Thomas Claer

Leidenschaftlich, kraftvoll und energisch sind die Frauen des Jahrgangs 1978, geboren im Jahr des Pferdes nach dem chinesischen Horoskop. So wie Franziska Giffey oder Charlotte Roche – oder wie Maike Rosa Vogel, deren mittlerweile sechste CD wir gerade glücklich in den Händen halten. Und alles, was diese wort- und klanggewaltige Liedermacherin aus Prenzlauer Berg ausmacht, findet sich in der gewohnten Fülle auch auf diesem Tonträger. Zwar ist sie, man muss es immer wieder betonen, eigentlich am besten, wenn sie nur mit ihrer Gitarre bewaffnet auf der Bühne steht, weshalb ihr neues, aufwendig instrumentiertes Album mit Auftritten mehrerer Gastmusiker streckenweise ein wenig überproduziert wirkt. Und doch ist ihr manches, und gar nicht so weniges, auf “Eine Wirklichkeit” sogar auf besondere Weise gelungen. So enthält diese Platte selbst nach ihren Maßstäben eine ungewöhnliche Vielzahl herausragender Songs: das feurige Liebeslied “Nie genug”; das melancholisch-tiefsinnige “Die gleichen Stümper”; das dank Sven Regeners Jazz-Trompete und auch sonst bemerkenswert groovende “Baby & Johnny” (noch dazu mit einem so anrührenden Text!); das ein – für ihre Verhältnisse – erstaunlich realistisches Menschenbild textlich und musikalisch umsetzende “Der allerletzte Grund” (es geht um die Schönheit des Angebeteten, die von außen und die von innen, wobei diese natürlich ganz maßgeblich im Auge der Betrachterin liegt…) und – nicht zu vergessen – “Einfach so”, das heitere Duett mit dem Kollegen Felix Meyer, das einen schon ziemlich an das Lied “Herz ist Trumpf” von Achim Reichel erinnert, was aber keineswegs ein Einwand sein soll. So wie auch der Refrain im Lied “Heimat” schwer nach “Watt?” von Torfrock klingt, was aber ebenfalls nicht schlimm ist…

Doch nun zum stärksten Song des Albums, der schon zwei Jahre alt ist und auf dieser Platte in einer (musikalisch) anderen Version erscheint als auf YouTube: “Unser Geld ist wichtiger als ihr”. Ein rigoroser und kompromissloser antikapitalistischer Protestsong, wie er im Buche steht! Er richtet sich mit aller Wucht gegen “die Autoindustrie” und “die Vermieter”. In (selbst-)gerechtem Zorn klagt das lyrische Ich über letztere wie folgt:

“In Deutschland nehmen Menschen
Mieten von den anderen Menschen,
Die nicht die Sorge haben, sich zu überlegen,
Wie sie ihr Erbe investieren in Immobilien in Berlin
Denn bei der Bank gibt es gerade viel zu wenig Zinsen.
Und damit die mit so viel Geld überhaupt noch was verdienen,
Zahlen andere die immer höheren Mieten.
Selber kaufen können sie nichts,
Denn aus kapitalistischer Sicht
Bist du frei genug zum Miete zahlen,
Aber gehören tut dir dadurch nichts.
Und immer dann, wenn einer etwas kann,
Was andere nie können,
Nur weil er Geld hat
Und er hat es nicht verdient.
Ist das ein Fuckyou an die Menschheit,
Jeden einzelnen von uns,
Das sagt: unser Geld ist wichtiger als wir.

Und immer dann, wenn einer nimmt von Menschen, die kaum etwas haben,
Damit der große Haufen Geld von ihm noch etwas größer wird,
Ist das ein Fuckyou an die Kinder dieser Menschen,
Das sagt: Unser Geld ist wichtiger als ihr.”

So sieht es aus Mieterperspektive also aus, ein Schlag voll in die Fresse der Kleinvermieter. Und damit hat das erzählende Ich in diesem Song zweifellos (s)eine subjektive Wahrheit ausgesprochen – und das in meisterhafter Zuspitzung. Aber… Eigentlich könnte und müsste man eine längere Abhandlung, ja einen ganzen Roman über die Einseitigkeit und himmelschreiende Ungerechtigkeit dieser Haltung schreiben! Hier nur so viel in aller Kürze: Wirklich abenteuerlich wäre es, Berliner Vermietern maßlose Gier und Gewinnstreben vorzuwerfen, wenn sie mit den Wohnungen, in die sie investiert haben, Renditen von weit weniger als drei Prozent einfahren (was heute die Regel ist), während das Vermieten auch noch mit einem erheblichen Kraft- und Zeitaufwand verbunden ist, insbesondere was die oft äußerst mühsame Organisation von Reparaturen und Renovierungen betrifft. (Jene Vermieter hingegen, die heute Renditen zwischen vier und sechs Prozent erzielen, haben ihre Berliner Wohnungen bereits in Zeiten gekauft, als noch ein signifikantes Leerstandsrisiko bestand. Sie sind also ein unternehmerisches Risiko eingegangen und werden dafür nun belohnt; es hätte für sie aber auch schiefgehen können…) Und wer sich das Vermieten bei so begrenztem Anreiz nicht mehr antun möchte, kann seine Wohnungen doch jederzeit auch an Selbstnutzer verkaufen und sie somit dem Mietmarkt entziehen, was die Wohnungsnot weiter vergrößern würde. Es wäre also völlig verfehlt, kleinen Vermietern die Schuld an der Wohnungsmisere zuzuschreiben. Man sollte ihnen eher Anerkennung zollen, dass sie die Mühen (und oftmals auch den Ärger!) des Vermietens weiter auf sich nehmen. Wer wirklich viel Geld hat, würde seine Wohnungen doch niemals vermieten (bei im Verhältnis zu den eingesetzten Mitteln so überschaubaren Erträgen), sondern sie nur als Geldparkplatz behalten und leer stehen lassen bzw. vielleicht einmal im Jahr ein paar Tage darin verbringen.

Aber das lyrische Ich wälzt ja auch keineswegs alle Schuld auf die einzelnen Vermieter ab, sondern beschreibt sehr zutreffend den Anlagenotstand aufgrund der Niedrigzinspolitik der Zentralbanken. Trifft dann also EZB, Fed & Co., diese Erfüllungsgehilfen des Finanzkapitals, die Hauptschuld? Wer das glaubt, sollte sich vor Augen halten, dass die entschlossene Niedrigzinspolitik der Notenbanken als Reaktion auf die Finanzkrise 2008f. und aktuell als Reaktion auf den Corona-Lockdown entscheidend dazu beigetragen hat, eine Weltwirtschaftskrise zu verhindern, wie wir sie vor knapp einem Jahrhundert erlebt haben, die Millionen von Menschen in den wirtschaftlichen Ruin getrieben hat und den Zweiten Weltkrieg mit seinen vielen Millionen Toten mit herbeigeführt hat. Nur weil die Zentralbanken – geleitet von fachwissenschaftlichem Sachverstand – diesmal die angemessenen Lehren aus der Geschichte gezogen und die Geldmenge erhöht statt wie damals gedrosselt haben, sind uns Massenarbeitslosigkeit, Not und Elend erspart geblieben. Allerdings führt eine solche jahrelange Politik des billigen Geldes zwangsläufig zu einer Inflation der Vermögenspreise, lässt also den Wert von Immobilien und Aktien (sofern es grundsätzlich eine Nachfrage für sie gibt) bedeutend steigen, was “Kollateralschäden” wie den im Lied beschriebenen (“immer höhere Mieten”) mit sich bringt.

Natürlich ist es legitim und sogar außerordentlich verdienstvoll, dies anzuprangern, da hier ein politisches Gegensteuern nötig ist, das allerdings zielführend und intelligent sein sollte, was eine gesetzliche Deckelung der Miethöhe ganz sicher nicht ist, da sie Anreize zum Investieren abwürgt und die Wohnungsnot dadurch nur verschlimmert… Und noch dazu erscheint das aktuelle Mietniveau in Berlin – trotz der rasanten Anstiege der letzten Jahre – sowohl im nationalen als auch im internationalen Vergleich noch als äußerst moderat. (Wir reden über die Hauptstadt der viertgrößten Volkswirtschaft der Welt und die fünftgrößte Stadt Europas!) Und niemand sollte die Augen davor verschließen, was die Bewirtschaftung einer Immobilie auf lange Sicht kostet und wie wenig von den Einnahmen der Vermieter als deren Gewinn übrig bleibt. Das Problem in Berlin sind jedenfalls eher die ungewöhnlich niedrigen Löhne als die angeblich zu hohen Mieten!

Ist dann also letzten Endes doch wieder “der Kapitalismus” schuld mit seiner perversen Logik der Gewinnmaximierung, die alle Beteiligten nur zu Getriebenen macht? So suggerieren es ja die beiden letzten zitierten Strophen des Songs. Und auch hier kann man nur sagen: Die Kritik dieser Kollateralschäden des Kapitalismus – wer Geld hat, kann etwas, was andere nicht können – ist aller Ehren wert. Aber wäre es ohne Kapitalismus wirklich besser? Wenn nicht das Portemonnaie, sondern eine Partei bestimmt, wer etwas darf und wer nicht und wer eine Wohnung bekommt und wer nicht? Denn die Wohnungsnot wäre ja auch nach einer Abschaffung des Kapitalismus keineswegs beseitigt, solange die Nachfrage nach Wohnungen in bestimmten Lagen das bestehende Angebot bedeutend überschreitet… Bis vor dreißig Jahren hat man westlichen Kapitalismuskritikern immer gesagt: “Geh doch nach drüben!” Bis sich die Grenzen öffneten und die Menschen mit den Füßen abgestimmt haben, in umgekehrter Richtung. Heutigen Kapitalismus-Kritikern könnte man stattdessen sagen: “Geh doch ins rot-rot-grüne Mietendeckel-Berlin und versuch dort mal, eine Wohnung zu finden!” Nur dass diesmal ironischerweise die Abstimmung mit den Füßen genau in diese Richtung erfolgt. Alle wollen nach Berlin, obwohl es so schwer ist, dort eine Wohnung zu finden…

Aber nun habe ich doch wieder so viel geschrieben, was ich eigentlich gar nicht wollte. Es ist einfach so aus mir herausgebrochen… Doch was kann man Besseres über den Song einer Liedermacherin sagen, als dass er profunde Denkanstöße gibt und zu tiefschürfenden Diskussionen und ausschweifenden Betrachtungen einlädt. Ein paar schwächere Stücke sind auch noch auf dem Album, aber die fallen nicht weiter ins Gewicht. Einen Extrapunkt gibt es für das prachtvoll gestaltete Booklet mit z.T. atemberaubenden Fotos aus Maikes wilder Jugendzeit. Das Gesamturteil lautet: gut (13 Punkte).

Maike Rosa Vogel
Eine Wirklichkeit
Eigenvertrieb 2020
www.maikerosavogel.com

justament.de, 31.8.2020: Ich bin der Hass!

Karl Heinz Bohrers Studie zum literarischen Hass-Effekt “Mit Dolchen sprechen”

Thomas Claer

Hassgefühle können für Menschen ein starker Antrieb sein – und sind es ja auch nur allzu oft… Zwar dürfte zu den Grundvoraussetzungen jedes Gelingens im Leben die Kontrolle über die eigenen negativen Emotionen gehören, doch befinden sich nun einmal die meisten von uns in Lebensumständen, die immer wieder aufs Neue Empörung, Wut und Hass in ihnen erzeugen. Und wenn die Literatur das wahre Leben schildert – und dabei zudem imaginativ noch eins draufsetzt! -, dann greift sie natürlich immer wieder gerne zur Darstellung des zwischenmenschlichen Hasses, sonst würde es ja schließlich auch langweilig…

Nun hat sich also kein Geringerer als Karl Heinz Bohrer, der große alte Mann der deutschen Literaturwissenschaft im selbstgewählten Londoner Exil, in einer fast 500-seitigen Untersuchung dem “literarischen Hass-Effekt” gewidmet. Und es verwundert nicht, dass er hierzu in allen Epochen fündig geworden ist, vom Zorn des Achilles in der Antike bis zum gegenwärtigen “Hassen, um gehasst zu werden” bei Michel Houellebecq. Interessant und diskussionswürdig ist bereits die Auswahl der von ihm herangezogenen Literatur. So hätte man beispielsweise die Satire “Gullivers Reisen” von Jonathan Swift (1667-1745) eher nicht unter Hassliteratur eingeordnet. Aber Bohrer zeigt, dass sie sich, vom richtigen Blickwinkel aus betrachtet, sehr wohl als solche interpretieren lässt. Weniger überraschend ist der Schwerpunkt auf William Shakespeare (1564-1616) und hier vor allem auf Hamlet, dem angry young man par excellence. Dieser sagt “I will speak daggers to her” und meint damit ausgerechnet seine Mutter, die er verantwortlich für so manches macht, was in seinen Augen “faul” ist “im Staate Dänemark”… “Mit Dolchen sprechen” dann aber auch die Helden bei Heinrich v. Kleist (ganz besonders: Michael Kohlhaas), in Richard Wagners “Ring der Nibelungen” und natürlich bei Bohrers Hausgott Charles Baudelaire (1821-1867) in seinem Versepos “Die Blumen des Bösen”. Unter der Überschrift “Hass im Wohnzimmer” firmieren die bösen Dramen-Figuren bei August Strindberg (1849-1812). Ja klar, denkt man, den kennt man doch von “Hedda Gabler” – und merkt nach einigen Seiten, dass man ihn gerade mit Henrik Ibsen (1828-1906) verwechselt hat, den Bohrer aber als längst nicht so radikal wie Strindberg ansieht.

Überhaupt, die Radikalen jeder Couleur haben es Bohrer besonders angetan (die Moderaten findet er künstlerisch eher langweilig): vom bekennenden Rassisten und Antisemiten Louis-Ferdinand Celine (“Die Reise ans Ende der Nacht”, 1933) bis hin zur Nobelpreisträgerin und Brachialfeministin Elfriede Jelinek. Auch im Roman “Der Ekel” und im Drama “Die Fliegen” des frühen Jean-Paul Sartre (1905-1980) erblickt Bohrer veritable Hass-Dichtungen. Gleiches gilt begreiflicherweise für “Auslöschung” und “Heldenplatz” von Thomas Bernhard (1931-1989), aber auch für einige Werke des heutigen Nobelpreisträgers Peter Handke. Nur zwei Nachkriegsliteraten aus Deutschland können in Bohrers Augen mit den Österreichern Bernhard, Handke und Jelinek mithalten: Raimund Goetz und Wolf-Dieter Brinkmann. Am Ende dieser Parade des Hasses steht dann der mittlerweile zum Groß-Autor avancierte Michel Houellebecq mit seinen gesammelte Obszönitäten, die Bohrer genüsslich ausbreitet…

Abschließend noch die einschlägige Selbstbefragung des Rezensenten: Wann in meinem Leben hatte ich die stärksten Hass-Gefühle? Wenn mich nicht alles täuscht, war das während meiner Juristenausbildung…

Karl Heinz Bohrer
Mit Dolchen sprechen. Der literarische Hass-Effekt
Suhrkamp Verlag 2019
493 Seiten; 28 Euro
ISBN: 978-3-518-42881-8