justament.de, 11.11.2019: Meine Sesamstraßen-Theorie

Recht histotisch Spezial: Justament-Autor Thomas Claer zum 30. Jahrestag des Mauerfalls

Warum die rechtspopulistische bis rechtsextremistische AfD ausgerechnet in Ostdeutschland so oft gewählt wird, darüber wird nun schon seit Jahren ausgiebig diskutiert. Es mag viele verschiedene Gründe dafür geben, aber in meinen Augen spielt dabei auch die frühkindliche mediale Prägung eine wichtige Rolle. Es ist doch auffällig, dass diese menschenverachtende Partei ihre Spitzen-Werte, also Wahlergebnisse von 40 Prozent und mehr, vor allem in jenen Gebieten erzielte und erzielt, in denen sich früher, zu Teilungszeiten, kein Westfernsehen empfangen ließ: in Vorpommern und im Raum Dresden. Nun war das DDR-Kinderfernsehen, vom Sandmännchen bis zu Pittiplatsch und Schnatterinchen, zwar alles andere als schlecht, aber eben doch längst nicht so für Fragen der Diversität und Pluralität sensibilisiert wie die westlichen Kindersendungen, allen voran die Sesamstraße. Mit großer Selbstverständlichkeit traten dort hell- und dunkelhäutige Kinder nebeneinander auf. In der Sendung „Rappelkiste“ spielte sogar ein kleines türkisches Mädchen namens Filiz mit, das mit einem blonden deutschen Mädchen befreundet war. Erinnert sei auch an die mehrsprachigen Anfangsansagen in der “Sendung mit der Maus”. Und ganz besonders bin ich als westfernsehverwöhntes DDR-Kind in den Siebziger- und Achtzigerjahren durch die grandiosen Kurzfilme und Songs der deutschen Version der Sesamstraße geprägt worden, die immer so human und hintersinnig philosophisch waren, eigentlich ebensogut für Erwachsene geeignet wie für Kinder. Der Mann hinter all diesen Filmchen und auch Liedern war der Christoph Busse, damals frisch gebackener Absolvent der Filmschule, der in der Sesamstraße damals Narrenfreiheit genossen hat, wie er heute, in seinem einzigen jemals geführten Interview, sagt. Er gehörte, ohne dass ich damals seinen Namen kannte, zu den Helden meiner Kindheit. Und dank YouTube lässt sich ja heute noch einmal ganz tief in die eigene frühkindliche Vergangenheit eintauschen… Exemplarisch hier nur zwei dieser umwerfenden Sesamstraßen-Lieder: der „Egal Song“ und der musikalisch ähnlich gestrickte „Song vom Fortbewegen“. Jeder ist anders, und „Es ist egal, du bist, wie du bist.“ Und „Jeder kommt auf seine Weise vorwärts / Vorwärts irgendwie…“ Wer dies einmal verinnerlicht hat, ist wohl für immer und ewig gegen jede ausgrenzende Hass-Ideologie imprägniert.

Egal Song

Song vom Fortbewegen

 

justament.de, 4.11.2019: Lieblingsautor meiner Jugend

Thomas Claer empfiehlt Spezial: Vor 30 Jahren starb Hoimar v. Ditfurth. Ein persönlicher Rückblick

Es gibt im menschlichen Leben eine Art intellektuelle Prägungsphase. Was man als Teenager oder höchstens noch mit Anfang bis Mitte 20 mit Begeisterung gelesen hat, das wird man später nie wieder ganz los, selbst wenn man irgendwann beinahe alle Einzelheiten davon vergessen haben sollte. Was nämlich unterschwellig für immer haften bleibt, ist die Wirkung, die das Gelesene damals auf einen gehabt hat.

Ich weiß es noch genau, es war wohl im Herbst 1987. Damals muss ich 15 Jahre alt gewesen sein, denn mein Vater war bereits im Westen. Meine Mutter und ich warteten mit „Ausreiseantrag“ auf die „Familienzusammenführung“, die man uns aber erst knapp zwei Jahre später erlauben sollte. Wir waren abends eingeladen bei der Schwester der Freundin meiner Mutter. Und da lag dieses Buch aus dem Westen, ein Taschenbuch mit futuristischer Illustration. (Und Bücher aus dem Westen waren bei uns im Osten natürlich schon per se interessant, weil sie so schwer zu kriegen waren.) Es trug den geheimnisvollen Titel „Im Anfang war der Wasserstoff“, sein Autor war Hoimar von Ditfurth. Es handelte von der Entstehung und der Evolution des Lebens auf der Erde. Ich begann sofort zu lesen – und konnte gar nicht mehr aufhören zu lesen. Unsere Gastgeberin freute sich sehr über mein Interesse und bot gleich an, mir das Buch auszuleihen. Später gab sie mir sogar noch ein weiteres Buch dieses Verfassers zur Lektüre. Sein Titel war „Kinder des Weltalls. Der Roman unserer Existenz“. Beide Bücher zusammen bildeten gewissermaßen das allumfassende Buch über unsere Welt, das Alexander von Humboldt vor gut anderthalb Jahrhunderten immer hatte schreiben wollen, aber nie fertigstellen konnte. Und noch dazu waren die Ditfurth-Bücher so allgemeinverständlich und spannend geschrieben, dass auch ein 15-jähriger Schüler daran so viel Freude haben konnte.

Erst mit Verzögerung wurde mir klar, dass dieser grandiose Buchautor jener Professor und Wissenschaftsjournalist war, der im ZDF in der Sendung „Querschnitte“ regelmäßig die Welt erklärt hatte. (Sehr ähnlich wie heute Prof. Harald Lesch in „Leschs Kosmos.) Doch leider wurde die Sendung „Querschnitte“ zu jener Zeit, Ende der Achtzigerjahre, gar nicht mehr ausgestrahlt. In jüngeren Jahren hatte ich nur ein oder zwei Folgen von ihr zu sehen bekommen, die mich regelrecht elektrisiert hatten. Mehr erlaubten mir meine strengen Eltern wegen der (relativ) späten Anfangszeiten leider nicht. Ich musste ja, egal wie energisch ich protestierte, immer rechtzeitig ins Bett. Den Nachgeborenen sei noch einmal erklärt: In der damaligen Welt ohne Internet und YouTube (und für uns im Osten auch ohne Videorecorder) war eine einmal verpasste Fernsehsendung endgültig und unwiderbringlich versäumt.

Doch wie es so ist, wenn man etwas heiß Begehrtes nicht bekommen kann: Das Verlangen danach wächst immer weiter. Als einige Jahre später mein Philosophie-Lehrer auf dem Gymnasium in Bremen uns erklärte, dass man „ein erotisches Verhältnis zu Büchern“ bekommen könne, war ich vermutlich der einzige, der genau zu verstehen glaubte, wovon er sprach. Denn damals, noch im Osten, hatte ich mir nichts sehnlicher gewünscht als weitere Hoimar v. Ditfurth-Bücher. Und ich bekam sie, nach langem Warten, obwohl ihre Einführung in die DDR streng verboten war. Als mein Vater in Bremen von meinem Wunsch erfahren hatte, besorgte er die Bücher und gab sie nach und nach Bekannten, die in den Osten reisten, für mich mit, die sie durch den Zoll schmuggelten. Und so las ich dann „Der Geist fiel nicht vom Himmel. Die Evolution unseres Bewusstseins“ über die Schichten des menschlichen Gehirns, das verglichen mit den beiden vorigen Büchern allerdings etwas zäh war. Noch weitaus spannender für mich war dann aber „Wir sind nicht nur von dieser Welt. Über Naturwissenschaft, Religion und die Zukunft des Menschen“. Mit diesem Buch erwachte erst so richtig mein Interesse an Philosophie. Was dort über Erkenntnistheorie, Immanuel Kant und das ominöse „Ding an sich“ stand, sog ich auf wie ein Schwamm und schockierte damit anschließend meine Mitmenschen, denen ich davon erzählte und die mich augenscheinlich für bekloppt hielten. So lernte ich also schon in jungen Jahren, was mein Philosophielehrer in Bremen uns später ganz ausdrücklich ans Herz legte: Wir sollten bitte niemals versuchen, mit unseren Mitmenschen über „solche Themen“ zu reden. Das sei wirklich Zeitverschwendung, denn gewöhnliche Menschen hätten einfach keinen Sinn für so etwas…

Und schließlich bekam und las ich dann auch noch Hoimar v. Ditfurths „So lasst uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen. Es ist soweit“ aus dem Jahr 1985 über die ökologische Krise. Es ist wohl nicht übertrieben, wenn ich sage, dass dieses Buch mich geprägt hat wie kaum ein anderes. Wir fahren, wenn wir nicht ganz schnell umsteuern, unseren Planeten vor die Wand. So hieß es dort sinngemäß – vor 34 Jahren! Und dies mit ausführlicher und unabweisbarer Begründung. Was Hoimar v. Ditfurth heute wohl zu Greta Thunberg und Fridays for Future sagen würde? So wurde ich also ganz maßgeblich durch dieses Buch zum überzeugten Anhänger der Umweltbewegung und der Grünen, was mir in meinem Umfeld den Ruf eines Spinners einbrachte. Was heute als beinahe unbestrittene allgemeine Erkenntnis gilt, war nämlich seinerzeit – da waren sich meine damaligen Gesprächspartner aus Ost und West erstaunlich einig – abstruses, radikales und potentiell gefährliches Gedankengut. Und dennoch konnte ich mit Hoimar v. Ditfurths Tochter Jutta, zu jener Zeit die Galionsfigur des fundamentalistischen Parteiflügels der Grünen, nie etwas anfangen und positionierte mich schon damals, wie ihr Vater, als grüner „Realo“…

Nun wäre es natürlich interessant, noch einmal in die alten Bücher zu gucken, die seit drei Jahrzehnten beinahe unberührt in meinem Regal stehen. Oder auch die alten Fernsehsendungen mit Hoimar v. Ditfurth anzuschauen, die ja dank YouTube längst wieder aus dem Nirvana des Vergessens aufgetaucht sind. Aber seltsamerweise mag ich nicht so recht… Habe ich vielleicht insgeheim Angst davor, dass ich enttäuscht sein könnte, wenn ich sie mit meinen heutigen Augen sehe? Vielleicht würde ich aber auch viel Neues entdecken, was mir damals entgangen ist. Ich verschiebe also vorerst meine erneute Ditfurth-Lektüre und warte damit zumindest noch zwei Jahre – bis zu Hoimar v. Ditfurths 100. Geburtstag.

justament.de, 21.10.2019: Jura-Abbrecher mit Literatur-Nobelpreis

Thomas Claer empfiehlt Spezial: Anmerkungen zur Peter Handke-Debatte

Da hatte die Akademie wohl etwas gutzumachen. “Solange John Updike und Philip Roth den Literatur-Nobelpreis nicht bekommen haben, kann ich diesen Preis nicht ernstnehmen”, meinte vor langen Jahren Marcel Reich-Ranicki (1920-2013). Immer wieder hatte sich Deutschlands bedeutendster Literaturkritiker darüber mokiert, dass die Schwedische Akademie ihre weltweit höchste Auszeichnung auf dem Gebiet der Literatur offenbar ausschließlich an politisch engagierte Autorinnen und Autoren mit tadelloser Gesinnung vergab. Nicht, dass er etwas gegen gesellschaftlich engagierte Autoren gehabt hätte, aber dass deshalb den in seinen Augen weltweit besten lebenden Literaten dieser Preis vorenthalten wurde, das ging dem “Literatur-Papst” dann doch völlig gegen den Strich. Nun hat sich die in den letzten Jahren von diversen MeToo-Skandalen erschütterte Akademie also endlich einmal anders entschieden, überraschend anders. Für die von Ranicki favorisierten großen Erotomanen der amerikanischen Literatur, John Updike und Philip Roth, war es allerdings zu spät. Updike ist bereits 2009 gestorben und Roth 2018. (Der Preis wird ja grundsätzlich nur an noch lebende Autoren verliehen.)

Nun hat es also Peter Handke getroffen, und an ihm scheiden sich die Geister. Darf jemand den Literaturnobelpreis bekommen, der angesichts der Greuel der jugoslawischen Bürgerkriege allen Ernstes “Gerechtigkeit für Serbien”, also für die mächtigste und rücksichtsloseste der Kriegsparteien, gefordert, der Verständnis für Karadzic und Milosevic gezeigt hatte? Darüber wird nun heftig gestritten. Doch was hätte wohl Marcel Reich-Ranicki dazu gesagt? Für ihn war Peter Handke spätestens seit seinem “Jahr in der Niemandsbucht” (1994) ein “auf den metaphysischen Hund gekommener” Autor, so wie er dessen Kollegen Botho Strauß in selbiger Sendung des “Literarischen Quartetts” als “auf den ideologischen Hund gekommen” bezeichnet hatte. Doch sei er, Reich-Ranicki, gerne dazu bereit, beiden “auf den Hund gekommenen Autoren” alles zu verzeihen, “wenn sie nur besser schreiben würden”…

Aufschlussreich für Juristen dürfte auch noch sein, wie sich der heutige Nobelpreisträger über seine abgebrochene Juristenausbildung geäußert hat, nachzulesen im 30 Jahre alten “Versuch über die Müdigkeit”. Er schreibt darüber, soviel sei an dieser Stelle verraten, nicht viel Gutes. Im übrigen findet sich in diesem kleinen Text wohl schon beinahe alles, was den späten Peter Handke ausmacht: reichlich verschwurbelter Schreibstil, aber doch irgendwie tiefgründig. Zweifellos hat auch solche Art von Literatur ihre Daseinsberechtigung.

Oktober 2019: In eigener Sache

“Auf eigene Faust. Aktiensparen für Kleinanleger” von Thomas Claer demnächst nicht mehr als Buch erhältlich – aber dafür bald auf dieser Seite!

Am 30. November 2019 wird das Buch “Auf eigene Faust. Aktiensparen für Kleinanleger” (BoD 2012) vom Markt genommen und ist dann nicht mehr in gedruckter Form und als E-Book erhältlich. Wer sich also zum Preis von 10,00 Euro noch ein Print-Exemplar sichern möchte, zum Beispiel hier, hat dazu letztmalig bis Ende November die Gelegenheit. Wer aber nur am Inhalt interessiert ist, sollte sich noch etwas gedulden und dann gelegentlich diese Seite besuchen, denn ab Anfang 2020 wird das Buch mit aktuellen Kommentierungen versehen nach und nach auf thomas-claer.de erscheinen. Eine spätere Neuauflage als gedrucktes Buch ist nicht unbedingt beabsichtigt, aber auch nicht völlig ausgeschlossen.

Das im Sommer 2011 entstandene Buch konnte sich ohne besondere Werbeaktionen (außer einer kleinen Anzeigenserie in der Zeitschrift Justament, siehe Abbildung) bis heute immerhin 652-mal verkaufen, was bei Kleinauflagen dieser Art beinahe schon als “kleiner Bestseller” gilt. Allen, die es erworben haben, sei hiermit herzlich gedankt! Möglicherweise kann es künftig ohne “Bezahlschranke” ja sogar noch mehr Interessenten erreichen.

justament.de, 7.10.2019: 25 Years of Lust

Vor 25 Jahren erschien der legendäre Fetisch-Soundtrack „La Salle Blanche“ von Carlos Perón

Thomas Claer

Die Musik von Carlos Peron, dem heute 67-jährigen Klang-Magier aus der Schweiz, war immer irgendwo zwischen Pop und Avantgarde angesiedelt, im Zweifel aber doch eher Avantgarde als Pop. Angefangen hatte er in den späten Siebzigern als Gründungsmitglied von YELLO (und deren Vorläuferformation Tranceonic), die er aber bereits 1983 wieder verließ, um sich fortan nur noch seinen vielfältigen ambitionierten Solo-Projekten zu widmen. Diese reichten von atonalen elektronischen Spielereien („Impersonator“) bis zu atmosphärisch dichten Literaturvertonungen („Ritter und Unholde“) und nahmen dann im Jahr 1994 mit dem heute als Klassiker seines Genres geltenden Fetisch-Soundtrack „La Salle Blanche“ eine abermals überraschende Wendung.

Wirklich überraschend war dies aber nur für nicht Eingeweihte, denn schon zu jener Zeit wurde gemunkelt, dass sich die frühen Perón-Platten wie „Impersonator I“ und auch „Nothing is True, Everything is Permitted“ in der Fetisch- und Darkwave-Szene großer Beliebtheit erfreuten und insbesondere wohl auch gerne auf entsprechenden Partys gespielt wurden. Mit „La Salle Blanche“, das ursprünglich als Soundtrack zum Fetisch-Film „The White Room“ konzipiert war, brachen dann gewissermaßen alle Dämme. Der CD war ein Bestell-Coupon für Handschellen, Peitschen und die einschlägige Lack- und Lederkluft beigelegt. Angeblich wurde Carlos Perón sogar zugetragen, dass Fans zur Musik von „La Salle Blanche“ ihre Kinder gezeugt hätten…

So folgten Peróns Fetisch-Erstling ob seiner begeisterten Rezeption beim Publikum noch eine Reihe von ähnlich angelegten Nachfolgewerken in den Neunziger- und Nullerjahren, die sich als munteres Farbenspiel präsentierten und inhaltlich bevorzugt auf die Werke des Marquis de Sade bezogen: La Comtesse Rouge, La Salle Violette, La Salle Noire, Terminatrix, Der Luzidus. Den Schluss- und zugleich Höhepunkt bildete dann die opulente 11-CD-Box „11 Deadly Sins: Music for Fetish Erotic Sessions“ aus dem Jahr 2011 (siehe Cover-Abbildung), die alle genannten Werke seit 1994 sowie noch weitere bis dahin unveröffentlichte Kompositionen derselben – man verzeihe mir diesen platten Kalauer – Stoßrichtung enthielt. Außerdem ist dieser (noch heute in kleiner Restauflage erhältlichen) Pracht-Box ein exklusives Erotik-Spielzeug für die geneigte Dame beigelegt, über dessen Praktikabilität der Rezensent allerdings keine Auskunft zu geben vermag. (Wäre ja dann doch etwas zu peinlich, es von der eigenen Ehefrau testen zu lassen…) Im übrigen, das muss man ausdrücklich betonen, eignet sich diese Musik auch ohne weiteres für Hörerinnen und Hörer, die zumindest dieser Spielart des Fetischismus – Sado/Maso, Fesselspiele, Peitschen, Lack und Leder – nicht viel abgewinnen können. Zum Beispiel zur stimmungsvollen Untermalung eines ausgedehnten Frühsports…

justament.de, 30.9.2019: Rückkehr nach Bielefeld

Recht historisch Spezial: Justament-Autor Thomas Claer über eine nostalgische Sommerreise an die Orte seiner Juristenausbildung

Immer musste ich an die abgründigen Worte des Schriftstellers Uwe Johnson (1934-1984) denken: „Da, wo ich herkomm‘, das gibt es nicht mehr.“ Gemeint war damit vordergründig das alte Mecklenburg vor der DDR-Zeit, aber im Grunde genommen gilt dieser Satz doch universell: Kommt man an die Orte seiner früheren Lebensetappen, dann erkennt man sie oft kaum mehr wieder. Einerseits, weil sie sich in der Zwischenzeit tatsächlich stark verändert haben und womöglich gar nicht mehr sie selbst sind. (Besonders krass gilt dies, wenn der Staat, in dem man aufgewachsen ist, gar nicht mehr existiert. Meine Cousine aus Karl-Marx-Stadt, heute Chemnitz, pflegt immer zu sagen: „Es gibt die Straße, die Stadt und das Land nicht mehr, in denen ich aufgewachsen bin.“) Und andererseits sieht man diese Orte natürlich auch deshalb mit anderen Augen, weil man selbst schon längst nicht mehr der ist, der man seinerzeit noch war, als man in ihnen gelebt hatte…

17 Jahre ist es nun schon her, dass meine Frau und ich unsere Zelte in Bielefeld, der entgegen allen abstrusen Gerüchten sehr real existierenden Stadt am Teutoburger Wald, abgebrochen haben und nach Berlin gezogen sind. Nur einmal noch, im Jahr 2003, bin ich ganz kurz dort gewesen, um meine Doktorarbeit zu verteidigen. Seitdem nicht mehr. Dabei haben wir seinerzeit fast ein ganzes Jahrzehnt in der ostwestfälischen Provinz-Metropole verbracht. In den unteren Semestern hatte ich sogar noch lange Haare. Aber am Ende wollten wir, und ganz besonders meine Frau, nur noch weg von dort und auf ins Ungewisse, auf nach Berlin!

Keine Sekunde haben wir diesen Schritt seitdem bereut. Und wir können auch wirklich nicht behaupten, dass uns in den letzten 17 Jahren in Berlin etwas von Bielefeld gefehlt hätte. Aber irgendwann, mit ganz viel Abstand, sind dann doch nostalgische Erinnerungen in uns aufgestiegen. An all die schönen Momente unserer Jugendzeit. An diese Stadt, von der wir erst mit langer Verzögerung gemerkt haben, wie sehr sie uns trotz all ihrer Enge und Begrenztheit ans Herz gewachsen ist. In diesem Sommer wussten wir dann: Es ist Zeit, dort noch einmal hinzufahren und all die Orte unseres früheren Lebens noch einmal zu besuchen. Gerade einmal 2 ½ Stunden braucht der ICE für eine Strecke von Berlin nach Bielefeld. Ankunft um 10.30 Uhr und zurück um 21.30 Uhr. Dazwischen liegen 11 Stunden bei untypischstem Bielefelder Wetter: blauem Himmel und strahlendem Sonnenschein. (Ein alter Bielefeld-Witz lautet: Woran merkt man, dass es Sommer wird in Bielefeld? Der Regen wird wärmer.)

Wir kommen aus dem Bahnhof und laufen die Straße zum Jahnplatz entlang. Kein einziges der Geschäfte kommt mir irgendwie bekannt vor. Meine Frau glaubt immerhin, sich an ein oder zwei Läden zu erinnern, die es damals schon gegeben hat. Alles andere ist neu. Selbst der Saturn-Markt ist nicht mehr am selben Ort wie früher. Dort am Jahnplatz, wo wir uns immer den großen türkischen Vorspeisenteller geteilt haben, ist jetzt überhaupt kein Imbiss mehr. Der Aldi in der Herforder Straße, wo ich immer auf dem Rückweg vom Repetitorium eingekauft habe? Nicht mehr da. Aber ich möchte doch wenigstens noch mal in meinen liebsten Schallplattenladen. Ist der etwa auch nicht mehr…? Nein, auch ihn gibt es nicht mehr. Aber vielleicht den anderen, den Secondhandladen oben in der Passage? Die ganze obere Etage der City-Passage steht mittlerweile leer. Unten, wo früher das Antiquariat war, in dem wir unsere hübsche E.T.A. Hoffmann-Gesamtausgabe erstanden haben, ist jetzt ein Tattoo-Laden. Überhaupt scheint die ganze Passage fast nur noch aus Tattoo-Läden zu bestehen. Das ist wohl zurzeit sehr angesagt in Bielefeld. Wir sehen auch sehr viele tätowierte Leute auf der Straße, beinahe mehr als in Berlin. Die Imbiss-Läden sehen viel cooler aus als früher, von den Schildern und der Einrichtung her. Fast wie in Berlin in den hippen Bezirken. Die Preise sind auch nicht mehr so sehr anders. Damals, zu unserer Zeit, kostete der Döner in Bielefeld 6,50 DM, was schon sehr teuer für uns war. In Berlin bekamen wir ihn dann bereits für ein bis zwei Euro. Jetzt liegt der Preis hier wie dort bei ca. 3,50 Euro. Auch die Leute auf der Straße wirken nicht viel anders als in Berlin. Es gibt viel mehr Ausländer im Straßenbild als früher.

Wir fahren raus zur Uni, zu unserer geliebten Uni! Da ist aber ganz viel abgesperrt. Überall Bauarbeiten. Pünktlich zum 50-jährigen Jubiläum der Universität – ich erinnere mich noch gut an das 25-jährige Jubiläum kurz nach meiner Immatrikulation, als ich in den Genuss einer Rede von Niklas Luhmann kam – ist leider längst noch nicht alles fertig geworden. Wohin man blickt, stehen große Pappwände zwischen Staub und Schmutz. Aber als wir dann in der Mitte der riesigen Halle zu den vielen bunten Spruchbändern an der Galerie aufblicken, die dort noch immer genauso hängen wie vor zwei Jahrzehnten – Asta, Schwule Gruppe, Feministische AG, Internationale Solidarität und so weiter –, läuft es mir wohlig kalt den Rücken hinunter. Allerdings knurrt uns schon mächtig der Magen, doch zu unserer großen Enttäuschung hat wegen der Bauarbeiten die Mensa nicht geöffnet. Wie hatte ich mich auf das leckere Alternativ-Essen gefreut: diese unvergesslichen köstlichen Gemüse-Bratlinge und die riesigen Nachtisch-Portionen mit Obstjoghurt. Aber es kommt noch schlimmer: Auch die Cafeteria ist wegen der Bauarbeiten geschlossen. Dort, wo wir uns immer eine Tasse Kaffee für 50 Pfennig geteilt haben, was mir eigentlich schon viel zu teuer war… Stattdessen gehen wir zum Mittagessen nun also ins „Westend“ am anderen Ende des Hauptgebäudes, wo wir uns früher manchmal außerhalb der Mensa-Öffnungszeiten verköstigt hatten. Das „Westend“ heißt natürlich auch nicht mehr so, aber immerhin bekommt man dort noch etwas zu Essen, wenn auch gänzlich anderes als zu unseren Zeiten. Nach dem Essen setzen wir uns an einen der kleinen Tische auf der Galerie und lassen unsere Blicke schweifen. Meine Frau hat hier früher stundenlang gesessen, sagt sie, und mit Freundinnen gequatscht.

Nun gehen wir zu unserem alten Studentenwohnheim hinter der Uni, wo wir die ersten fünf Jahre (meine Frau die ersten vier Jahre) in Bielefeld zum unschlagbaren Mietpreis von 245 DM gewohnt haben. Auf diesem Weg habe ich ca. im dritten Semester nach Fertigstellung einer BGB-Hausarbeit, die mich fast in den Wahnsinn getrieben hätte, nachts um eins am Himmel ein kleines UFO gesehen, das in Zickzacklinien über dem Studentenwohnheim kreiste… Genau 18 Quadratmeter betrug die Wohnfläche in den Apartments, das berühmte „Weltraum-Klo“ schon inbegriffen. Doch nun trauten wir unseren Augen kaum. Was war denn mit unserem Studentenwohnheim passiert?? Da stand ja ein völlig anderes Gebäude. Doch, bei genauerem Betrachten erkannten wir noch eine entfernte Ähnlichkeit mit unserem Wohnheim. Man hatte es offenbar völlig entkernt und aufgehübscht. Jetzt waren es Luxus-Wohnungen geworden…

Wir wandern durch den Wald hinter unserem alten Wohnheim zum Tierpark Olderdissen. Nach unserer Erinnerung bestand dieser Wald vor allem aus Nadelbäumen. Nun bemerken wir aber fast überall nur noch Laubbäume, warum auch immer… Es ist ein wunderschöner Weg, den wir früher so oft gegangen sind. Diese liebliche, hügelige Landschaft und dieser atemberaubende Blick auf den Vorort Dornberg! Ach, wie schön das damals doch war, zwischen all dem schrecklichen Paragraphen-Lernen diese schöne Natur zu genießen. Um auch noch alle Tiere im Zoo zu besichtigen, der früher niemals so gut besucht war wie an diesem schönen Sommertag, fehlen uns aber Zeit und Kraft, denn wir haben ja noch einiges vor.

Als nächstes fahren wir nach Baumheide, den einzigen „sozialen Brennpunkt“ in Bielefeld. Dort wohnten wir vier Jahre lang super günstig in einer Genossenschaftswohnung, als unsere Wohnzeit im Studentenwohnheim hinter der Uni abgelaufen war. Bis Baumheide fährt man vom Zentrum der Stadt, dem Jahnplatz, mit der U-Bahn nur 12 Minuten. In Berlin würde das als super zentral gelten, nach Bielefelder Maßstäben aber liegt es schon fast am Ende der Welt. Über drei bis vier U-Bahnstationen (über der Erde) fährt man nur durch trostlosestes Gewerbegebiet – und kommt dann in eine total idyllische Stadtrand-Siedlung direkt am Wald. Die Häuser, die damals, als wir 1998 dort eingezogen waren, alle gerade frisch saniert worden waren, sehen jetzt teilweise etwas mitgenommen aus. Aber ansonsten bin ich auch jetzt noch ganz angetan von Bielefeld-Baumheide. Den riesigen Marktkauf direkt an der U-Bahn-Station gab es damals schon. Nur innendrin erkennen wir nichts mehr wieder. Die Sozialstruktur galt schon damals als problematisch. Inzwischen scheint sich dies noch verstärkt zu haben, wie die Graffitis am U-Bahnhof vermuten lassen. Aber verglichen mit Berlin ist das wirklich lächerlich! Genau wie seinerzeit wirkt ansonsten alles supergepflegt. Kein Müll liegt in den Straßen. An unserem früheren Hausaufgang steht noch genau ein uns bekannter Name geschrieben, alle anderen sind neu. Die älteren Damen, die damals so streng die Einhaltung des Putzplans kontrolliert hatten, wohnen begreiflicherweise nicht mehr dort. Stattdessen lesen wir ganz viele türkische und arabische Namen auf den Klingelschildern. Was uns aber angenehm überrascht, ist, dass wir keine verächtlichen Blicke mehr erleben müssen. Damals wurde insbesondere meine koreanische Frau, manchmal auch wir beide, von überwiegend älteren Damen immer wieder feindselig angestarrt. Irgendwann merkten wir, dass dies wohl Russlanddeutsche waren, die in Baumheide in großer Zahl lebten und offenbar ein sehr rassistisches Weltbild hatten. Glücklicherweise hat sich dies offensichtlich nicht auf die jüngere Generation übertragen.

Wir laufen durch den Wald und kommen auf den einfach nur zauberhaften Landweg von Baumheide nach Milse. Dort marschiert man – genau wie vor 20 Jahren – inmitten zirpender Grillen durch die goldgelben Felder. Nur dass uns diesmal, etwas häufiger als damals, gelegentlich ein vorbeifahrendes Auto oder Fahrrad begegnet. Wir fragen uns, ob es solche idyllischen Orte eigentlich überall gibt oder nur hier am Stadtrand von Bielefeld. In Milse erreichen wir die U-Bahn-Endstation. Viel Zeit bleibt uns nun nicht mehr in Bielefeld. Für den Botanischen Garten reicht sie leider nicht mehr, aber dafür noch für einen Besuch auf der Sparrenburg. Dort hat sich aber auch eine Menge getan. Früher war es einfach nur eine alte Burg, um die sich kaum jemand kümmerte. Heute sind überall Schilder angebracht, die die wechselvolle Geschichte dieser Burg erklären. Große Informationstafeln widmen sich vor allem auch der Fledermauspopulation in den alten Mauern. Und so viele Besucher haben an diesem lauen Sommerabend den Weg zur Burg gefunden! Vor allem sieht man jede Menge Studenten auf den Mauern sitzen, die dort lässig mit einer Flasche Bier in der Hand in den Sonnenuntergang blicken. So schön, wie wir es jetzt erleben, hatten wir Bielefeld gar nicht in Erinnerung!

Auf dem Weg zum Bahnhof, in dessen Nähe wir uns schon gleich nach unserer Ankunft einen Asia-Imbiss zum Abendessen ausgeguckt hatten, sagt meine Frau zu mir: „Hier in Bielefeld ist es wirklich gar nicht schlecht. Hier kann man gut wohnen.“ Und fügt dann aber noch hinzu: „Als Spießer.“

justament.de, 23.9.2019: Gesicht zeigen fürs Klima

Justament-Autor Thomas Claer über „Fridays for Future“

Es ist Freitag. Und diesmal sind auch wir mit dabei. Wir quetschen uns in den von bunt geschmückten Schülern überfüllten Regionalexpress, der um zwanzig vor zwölf von unserem S-Bahnhof zum Hauptbahnhof fährt. „Es kommt immer auf den einzelnen Lehrer an“, sagt ein junges Mädchen zu seiner Begleiterin, „aber unsere Direktorin am ‚Gottfried Keller‘ entschuldigt das grundsätzlich nicht.“ Trotzdem sind wohl mehr als jemals zuvor zu den Schülerprotesten gekommen, die an diesem Tag auch noch vom weltweiten „Streiken fürs Klima“ aller Altersgruppen begleitet werden. Mit den Menschenmassen werden wir über die Spreebrücke in Richtung Brandenburger Tor geschoben. Überall sieht man selbstgemalte Plakate. „Muttermilch ohne Mikroplastik!“, hat eine junge Frau, die ihren Säugling auf dem Arm trägt, auf ihr Transparent geschrieben. Eine ältere Dame streckt ein Schild mit der Aufschrift „Omas for your Future“ in die Höhe. Auch diverse Berufsgruppen haben sich positioniert, von „Hebammen for Future“ bis zu „Lehrer for Future“. Wir hören hochemotionale Ansprachen, die immer wieder von tosendem Applaus unterbrochen werden. Neben uns interviewt ein ZDF-Filmteam einen Herrn im grauen Anzug. Wir erkennen Bernd Riexinger von der Linkspartei. An mehreren Ständen gibt es Flyer und Aufkleber für mehr Klimaschutz. Gleich soll Carola Rackete sprechen, die Kapitänin des Flüchtlingsrettungsschiffs aus dem Mittelmeer, aber ihre Rede wird immer wieder verschoben.

Dieses Bad in der Menge der Gleichgesinnten gibt offenbar allen Beteiligten ein Gefühl der Erhabenheit, das auch uns ein Stück weit erfasst hat. Jahrzehntelang musste ich mich in meiner Generation und vor allem auch unter Jüngeren als weitgehender Flugvermeider und beinahe Auto-Hasser wie eine notorische Spaßbremse fühlen. Und nun das. Jedoch steigen, wenn ich die vielen Familien mit kleinen Kindern sehe, dann doch allerhand Bedenken und Fragen in mir hoch, auf die ich keine Antworten finde. Darf man kleine Kinder so für politische Zwecke instrumentalisieren? Auf Pegida-Demos z.B. empfindet man so etwas doch zurecht als besonders abscheulich. Und werden diese engagierten Menschen, die sich doch nach allen soziologischen Erkenntnissen vorwiegend aus der gehobenen und gebildeten bürgerlichen Mittelschicht rekrutieren und dadurch nachweislich einen besonders tiefen ökologischen Fußabdruck hinterlassen, nun plötzlich alle ihren Lebensstil völlig umkrempeln? Werden sie nun allesamt auf den gediegenen Flugzeug-Familienurlaub am Mittelmeer verzichten und stattdessen mit dem Fahrrad an die Mecklenburgische Seenplatte fahren? Werden sie jetzt statt der gesunden, aber ökologisch desaströsen Avocados aus Südamerika lieber regionalen Beelitzer Spargel essen?

Neben uns packt ein Mann im Mehr-Klimaschutz-T-Shirt seine mitgebrachten Brote aus. Sie sind ausgerechnet in Aluminium-Folie eingewickelt. Also das geht ja nun gar nicht!! Aber andere mit moralisch erhobenem Zeigefinger belehren wollen, das wäre im Zweifel noch schlimmer. Wir sagen also nichts dazu und wissen: Es gibt noch viel zu tun!

justament.de, 9.9.2019: Aktuell wie uff’m Basar

Recht cineastisch Spezial: Vor 40 Jahren erschien „Das Leben des Brian“

Thomas Claer

Dieser Film gehört zu meinen cineastischen Lieblingswerken. Hier hat die britische Komiker-Truppe Monty Python vor vier Jahrzehnten einen wahren Filmklassiker erschaffen. Lange Jahre konnte – zumindest in unseren Breiten – keiner mehr so richtig verstehen, warum sich seinerzeit so viele über seine ruchlose Blasphemie aufgeregt hatten. Seit einigen Jahren aber hat so vieles von dem, was in diesem Streifen durch den Kakao gezogen wird, wieder traurige Aktualität erlangt: vom religiösen Fanatismus bis zum dilettantischen Sektierertum politischer Akteure. Aber statt nun noch mehr Worte über einen Film zu verlieren, über den doch längst schon alles gesagt ist, schildere ich lieber eine vor kurzem erlebte Begebenheit auf einem Berliner Flohmarkt, die mich stark an die Basarszene aus „Life of Brian“ erinnert hat:

Ein Flohmarktbesucher betrachtet an einem der Stände mit Interesse eine potthässliche Porzellanfigur: „Wat soll‘n die kosten?“
Darauf der Händler: „20 Euro.“
Der Besucher: „Nee, dit is mir viel zu teuer. 15 Euro geb ick dir dafür.“
Der Händler: „20 Euro und keinen Euro wenija. Ick brauch det Geld.“
Der Besucher: „Na jut, 16 Euro.“
Der Händler: „Nüscht is: 19 Euro.“
So geht es noch einige Zeit hin und her. Schließlich einigen sie sich auf 17,50 Euro. Der Kunde gibt einen 20-Euro-Schein. Aber der Händler kann ihm nicht rausgeben. Er hat nur einen 5-Euro-Schein.
Der Besucher, nach einigem Zögern: „Lass jut sein, passt schon.“
Der Händler schiebt ihm seinen 5-Euro-Schein zu: „Nee, den nimmste jetzt.“
Der Besucher, einen Schritt zurücktretend: „Nee, den kannste behalten, den will ick nich.“
Der Händler: „Det is jetzt nich dein Ernst. Du nimmst den jetzt!!“
Der Besucher, sich mit der Figur entfernend: „Nee, is jut.“
Der Händler läuft ihm nach mit dem Schein in der Hand: „Den nimmst du jetzt!!“
Im Gedränge kann ich die beiden nicht mehr sehen und erfahre so nicht mehr, wie es ausgegangen ist…

justament.de, 2.9.2019: Und wieder im Oktober…

Live-Album von EoC erscheint am 10.10.2019

Thomas Claer

Auch in diesem Jahr können wir also in freudiger Erwartung dem Monat Oktober entgegenfiebern, denn wie schon im Vorjahr bringen unsere Lieblinge von Element of Crime in diesem Herbst abermals eine neue Platte heraus. Und das hat es wirklich seit 1990 nicht mehr gegeben: Es wird ein reguläres Live-Album sein und den Titel „Live im Tempodrom“ tragen. „Live im was?“, wird vielleicht der eine oder andere Ignorant nun fragen. Und hiermit sei ihm gesagt, dass das Tempodrom ein bekanntes und noch dazu traditionsreiches Berliner Veranstaltungszentrum ist, unter dessen Dach sich übrigens auch noch das beliebte Erholungsbad Liquidrom befindet, das unsereiner bislang aber leider ebenfalls nur vom Hörensagen kennt. Und treffenderweise heißt der erste Song von diesem Album, der sich bereits auf YouTube ansehen lässt: „Geh doch hin“.

Abgesehen von dem glänzenden Einfall, ausgerechnet einen Song mit diesem Titel als Appetitmacher für ein Live-Album auszuwählen, weist „Geh doch hin“, dieses grandiose Lied aus dem Jahr 1991 über die zwischenmenschliche Eifersucht, aber auch schon der ganzen Platte die Richtung. Denn wie sich der ebenso bereits feststehenden Titelliste entnehmen lässt, wird sie zahlreiche ältere Songs aus den Oeuvre der Elements enthalten, die schon seit Ewigkeiten nicht mehr in Konzerten von ihnen zu hören waren, so auch das wohl philosophischste aller EoC-Stücke: „Wer ich wirklich bin“ von 1996. Ansonsten stammen von den 25 Liedern, die sowohl auf einer Doppel-CD als auch wahlweise auf einer Dreifach-LP erhältlich sein werden, gleich zehn vom aktuellen Studio-Album „Schafe, Monster und Mäuse“, was angesichts der herausragenden Qualität dieser Platte auch völlig in Ordnung geht. Worauf jedenfalls ich mich aber am meisten freue, ist die neue Live-Version von „Schwere See, mein Herz“ aus dem Jahr 1993.

justament.de, 26.8.2019: Erst Extremsparen – und dann Rente mit 40?

Porträt eines Lebenskünstlers jenseits der „Fire-Bewegung“

Thomas Claer

Davon träumt wohl so mancher, der sein Leben im ewigen Hamsterrad von Job und Karriere verflucht: Einfach damit aufhören und trotzdem weiter gut leben können. Also nicht mit Hartz IV am Existenzminimum knapsen und auch nicht als Eremit und Selbstversorger ohne Geld in einer Berghütte leben. Nein, einfach so weiter machen wie bisher, sich auch mal etwas gönnen können, nur ohne Arbeit bzw. ohne Erwerbsarbeit. Denn etwas tun möchte man ja schon noch, nur nicht mehr für seinen Chef oder seine Firma und auch nicht als Selbständiger, wo einem alles über den Kopf wächst. Kurz gesagt, ein freies und selbstbestimmtes und unabhängiges und dabei auch noch entspanntes Leben führen. So etwas gibt es nicht? Oder wenn, dann nur im Schlaraffenland?

Die einen, die von so etwas träumen, streiten für ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle und jeden. Utopisch zwar, aber auf lange Sicht vielleicht doch nicht ganz ausgeschlossen, wenn unserer Gesellschaft durch den digitalen Wandel irgendwann einmal die Arbeit ausgehen sollte. Die anderen wollen darauf nicht warten und nehmen es selbst in die Hand. Die sogenannte „Fire-Bewegung“ propagiert seit 2011 den individuellen Weg zur finanziellen Unabhängigkeit durch – vorübergehendes – extremes Sparen, einen minimalistischen Lebensstil und kluges Investieren. Ihr Gründer ist der kanadischer Programmierer Mr. Money Mustache, dem es auf diese Weise sogar gelungen ist, bereits mit Anfang 30 in Rente zu gehen, und der über die näheren Umstände eifrig in seinem Blog berichtet.

Vier-Prozent-Regel

Grundannahme dieser sonderbaren Befreiungsbewegung ist die Vier-Prozent-Regel: Sie geht davon aus, dass sich bei kluger Geldanlage auf lange Sicht eine jährliche Rendite von 4 Prozent des angelegten Kapitals erzielen lässt. Das heißt, ein solcher Anteil kann den eigenen Rücklagen Jahr für Jahr entnommen werden, ohne dass die Substanz angegriffen würde. Wenn man nun weiß, wie viel Geld man pro Jahr bei sparsamer Lebensführung benötigt, um über die Runden zu kommen, dann kennt man bereits 4 Prozent der Summe seines zum Leben als Müßiggänger erforderlichen Vermögens. Und multipliziert mit 25 ergibt sich demnach genau der Betrag, den man zum sorgenfreien Leben braucht. Wer also 24.000 Euro pro Jahr zum Leben benötigt (dies entspricht 2.000 Euro pro Monat), der braucht gerade einmal 625.000 Euro Vermögen, um nicht mehr arbeiten zu müssen. Wer dagegen großzügiger mit monatlich 3.000 Euro kalkuliert, schließlich fallen ja auch noch Steuern und Sozialabgaben an, kommt auf einen Jahres-Bedarf von 36.000 Euro und benötigt folglich ein Vermögen i.H.v. 900.000 Euro. Kurzum, mit einer Summe von einer Million Euro sollte man in jedem Falle auf der sicheren Seite sein.

Wer wird Millionär?

Doch wie kommt man an solche Beträge, wenn es doch nur den wenigsten gelingt, den Lotto-Jackpot zu knacken oder bei „Wer wird Millionär?“ zu gewinnen? Die Antwort lautet: sparen und investieren. Wer einen gut bezahlten Job hat, verfügt über beste Voraussetzungen. Für alle anderen ist es zwar deutlich schwerer, aber auch nicht unmöglich. Jahrelang wird eisern jeden Monat etwas zur Seite gelegt und lukrativ an der Börse investiert. So lange, bis man die gewünschte Summe zusammen hat und seinen ungeliebten Job an den Nagel hängen kann.

Ach herrjeh, so etwas klappt doch nie im Leben, meinen Skeptiker. Und doch haben Journalisten-Kollegen (von SPIEGEL bis Süddeutsche Zeitung) im Rahmen ihrer Berichterstattung über die „Fire-Bewegung“ in den letzten Monaten schon eine Hand voll Vertretern dieser Weltanschauung ausfindig gemacht und porträtiert, bei denen diese Methode offenbar gut funktioniert hat. Nicht jeder allerdings, der auf diese Weise zu einem solchen (relativen) Reichtum gekommen ist, möchte dies auch öffentlich offenbaren. Kapital ist, wie jeder weiß, scheu wie ein Reh…

Ein Lebenskünstler erzählt

Wir treffen in Berlin jemanden, der ebenfalls nicht namentlich bekannt zu werden wünscht und der sich auch nicht unbedingt als Vertreter der „Fire-Bewegung“ sieht, da er sich, wie er sagt, alles ganz allein und ohne solche Einflüsse überlegt habe. Aber im Grunde genommen, das räumt er ein, habe er es schon ganz ähnlich gemacht. Johannes K. (Name von der Redaktion geändert) ist jetzt 47 Jahre alt. Seit drei Jahren ist er Millionär und somit finanziell unabhängig. Er ist weiterhin berufstätig, allerdings nur in geringfügigem Umfang. Sein heutiges Vermögen schätzt er auf ca. 1,5 Millionen Euro. „Vielleicht sind es auch zwanzig Prozent weniger oder mehr.“ So genau könne er es nicht sagen, da inzwischen über 90 Prozent davon in Immobilien steckten. Und dann erzählt er seine Geschichte.

„Als meine Frau und ich vor 17 Jahren nach Berlin kamen, hatten wir Ersparnisse von etwa 30.000 Euro“, berichtet er. Schon im Zivildienst und später im Studium habe er jeden Monat etwas zur Seite gelegt, meistens ein paar hundert Euro. Erst im Jahr 2000, zum ungünstigsten Zeitpunkt, hat er angefangen, einen Teil seiner Rücklagen in Aktien zu investieren und ist damit zunächst voll auf die Nase gefallen. Dann begann er aber, sich mit Value Investing zu beschäftigen, und hatte immerhin nach ein paar Jahren die Verluste aufgeholt. „Seitdem ging es im Wesentlichen nur noch aufwärts.“ Dennoch habe er wegen seines relativ niedrigen Einsatzes in all den Jahren insgesamt „nur“ gut 100.000 Euro an der Börse verdient, was einer Rendite von gut 550 Prozent aufs eigesetzte Kapital entspreche.

Freiberufler im Niedriglohn-Sektor

Aber wie hat er dann den Rest seines Vermögens verdient? Hatte er einen gut bezahlten Job? „Nein, überhaupt nicht“, winkt Johannes K. gleich ab. „Ich war anfangs Verlagspraktikant, später prekärer Freiberufler im Niedriglohn-Sektor.“ Zwischendurch habe er aber von 2003 bis 2006 einen Ich-AG-Gründer-Zuschuss in Höhe von insgesamt 14.000 Euro bezogen, den er komplett an der Börse investiert habe. Dennoch konnte er durch seinen ausgesprochen asketischen Lebensstil (sehr zum Leidwesen seiner Frau!) auch weiter jeden Monat ein paar hundert Euro zur Seite legen. Heute hat er – aber auch erst seit etwa einem Jahr – einen relativ gut bezahlten Job, den er allerdings nur stundenweise ausübt. „Eigentlich wäre ich ja jetzt nicht mehr darauf angewiesen“, schmunzelt Johannes K.

Aber wie ist er denn nun zu einem solchen Vermögen gekommen? Hat er geerbt? „Ja, auch das war nicht ganz unwesentlich“, räumt er ein, „wenn auch keineswegs alleinentscheidend.“ Im Jahr 2016 sind kurz nacheinander seine Eltern verstorben, bald darauf auch ein Onkel. „Ich schätze alle Zuschüsse, die mir meine Eltern zu ihren Lebzeiten nach und nach für Wohnungskäufe gegeben haben, auf insgesamt um die 100.000 Euro. 2016 kamen dann durch die Erbfälle, auch durch den Verkauf des Reihenhäuschens meiner Eltern, noch weitere 400.000 Euro hinzu.“ Erst dadurch konnte er Millionär werden. Bis dahin lag sein Vermögen bei „nur“ ca. 600.000 Euro. Doch seit den Erbschaften 2016 ist es durch die rasanten Preissteigerungen seiner Wohnungen bis heute um beinahe 50 Prozent angewachsen.

Rettung durch Immobilien

Letztlich ist er also durch Immobilieninvestments reich geworden. Aber wie konnte er die dafür notwendigen Kredite bekommen, so ohne gut bezahlten Job? „Gar nicht, wir haben beinahe alles ohne Kredite finanziert“, erinnert sich Johannes K. Nur ein einziges Mal, vor zwei Jahren, als für einen weiteren günstigen Wohnungskauf die Liquidität nicht ganz ausreichte, habe er sich von seinem Studienfreund 10.000 Euro für ein Jahr geliehen und das Darlehen dann noch vorfristig wieder zurückgezahlt. „Ansonsten hatten wir immer eine Eigenkapitalquote von 100 Prozent.“

Aber wie konnte das denn gelingen mit den Immobilien-Investments? So etwas kostet doch viel Geld? „Nicht damals, in den Nullerjahren, in Berlin.“ Und auch noch bis vor wenigen Jahren habe man am Berliner Stadtrand wahre Schnäppchen machen können. „Wir haben unsere selbstgenutzte Wohnung in Charlottenburg (3 Zi, 77 qm, sanierter Altbau) im Jahr 2007 für 97.000 Euro gekauft, finanziert je zur Hälfte aus Aktienverkäufen und durch den Zuschuss meiner Eltern. Heute ist sie das Vierfache wert.“ Seine weiteren Wohnungen, ausschließlich kleinere Einheiten in relativen Randlagen, kaufte er ab 2012 und lebt heute weitgehend von den Mieteinnahmen. „Alle unsere Wohnungen in Berlin – außer unserer zuletzt gekauften – sind heute schon mindestens das Doppelte von dem wert, was wir für sie bezahlt haben. Und sie steigen – zumindest noch – immer weiter und weiter im Wert.“ Um die 15 Prozent jährlich haben die Immobilienpreise in Berlin in den letzten Jahren zugelegt. Wohl denen, die voll investiert sind.

Kann das so weitergehen?

Doch fürchtet Johannes K. nicht, dass irgendwann die Blase platzen und er dann womöglich weitaus ärmer als derzeit dastehen könnte? Natürlich könne das irgendwann passieren, sagt er. „Aber wie es jetzt aussieht, wohl frühestens in ferner Zukunft. Vermutlich werden uns die Niedrigzinsen noch sehr lange Zeit erhalten bleiben, sodass auch weiterhin viel Geld in den deutschen Immobilienmarkt und insbesondere nach Berlin strömen wird. Und das trotz der schon ambitionierten Bewertungen.“

Das schöne Leben

Aber wie lebt es sich denn nun, so ohne finanzielle Nöte? „Eigentlich nicht viel anders als vorher. Es ist nur sehr beruhigend zu wissen, dass man nicht mehr jeden Cent umdrehen muss“, resümiert Johannes K. „Und ich genieße es sehr, immer ausreichend Freizeit zu haben, jeden Tag ausschlafen und viel Sport treiben zu können“, fügt er hinzu. Dennoch sei eine grundlegende Sparsamkeit so tief in ihm verwurzelt, dass er sich jetzt nicht mehr grundlegend ändern könne. „Zum Verschwender werde ich also ganz sicher nicht mehr werden“, sagt er lachend. Mal irgendwann in einem Einfamilienhaus wohnen? Sich ein Auto kaufen? Oder teure Klamotten? „Nein, nie im Leben. Dann würde ich eher mein Geld an Bedürftige spenden.“Auch komme für ihn extrem umweltschädigendes Verhalten wie häufiges Reisen mit dem Flugzeug schon aus ethischen Gründen nicht infrage. Man müsse sich allerdings fortwährend um seine Geldanlagen kümmern. „Fast immer ist irgendwo irgendetwas zu organisieren oder zu bedenken. Aber genau das macht mir – jedenfalls bis jetzt noch – großen Spaß.“ Und schließlich legt Johannes K. auch Wert darauf, ein sozialer Vermieter zu sein, der sich, wann immer es erforderlich ist, für seine Mieter engagiert.

Lebensziele

Doch welche Ziele kann man sich noch setzen, wenn man eigentlich, zumindest finanziell gesehen, schon alles im Leben erreicht hat? „Das ist in der Tat ein Problem, ein Luxusproblem natürlich“, lacht Johannes K. Er habe sich erst langsam daran gewöhnen müssen, dass die Geldvermehrung nun nicht mehr an erster Stelle stehen müsse. „Was sollte das denn bringen, immer noch mehr Vermögen anzuhäufen, wenn man zu seinen Lebzeiten doch niemals alles ausgeben kann?“ Er versuche daher lieber, etwas Kreatives zu tun, für seine anderen Hobbies und Interessen zu leben, die es ja neben der Geldvermehrung auch noch gebe.

Könnte das jeder schaffen?

Aber glaubt er, dass auch anderen so etwas gelingen könnte wie ihm, die Erlangung finanzieller Unabhängigkeit durch Sparsamkeit und kluges Investieren? Johannes K. ist skeptisch. Er weiß, dass er zwar so manches richtig gemacht, vor allem aber auch sehr viel Glück gehabt hat. Das ganz entscheidende Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen zu sein. Denn all das, da gibt sich Johannes K. keinen Illusionen hin, sei so nur in Berlin möglich gewesen. Und das auch nur in den letzten anderthalb Jahrzehnten, in dieser völlig verrückten Zeit.