justament.de, 24.6.2019: Menage-a-trois am Han-Fluss

Recht cineastisch, Teil 35: „Burning“ von Lee Chang Dong

Thomas Claer

Das südkoreanische Kino ist schon lange kein Geheimtipp mehr. Vielleicht sei es, so mutmaßte schon vor mehr als einem Jahrzehnt das Feuilleton der Süddeutschen Zeitung, „das coolste Kino der Welt“. Nun hat mit „Parasite“ von Bong Joon Ho erstmals ein Film aus dem Land der Morgenstille die „Goldene Palme“ in Cannes gewonnen. Grund genug, sich den ebenfalls hochgelobten koreanischen Vorjahres-Beitrag in Cannes, den Film „Burning“ von Lee Chang Dong, der nun in unsere Kinos kommt, einmal anzusehen.

Hierbei handelt es sich um die Verfilmung einer Kurzgeschichte von Haruki Murakami aus dem Jahr 1983. Haruki Murakami? Richtig, der japanische Schriftsteller, über dessen Buch „Naokos Lächeln“ sich vor 19 Jahren das „Literarische Quartett“ so sehr in die Wolle kriegte, dass Sigrid Löffler nach der Sendung verärgert ihren Austritt aus dem Quartett erklärte. (Für sie war das Buch „literarisches Fastfood“, während es Marcel Reich-Ranicki als „fabelhaft und hocherotisch“ ansah. Natürlich gilt Haruki Murakami heute längst als Schriftsteller von Weltrang…)

Regisseur Lee Chang Dong verlegt nun also die Handlung aus Harukis 36 Jahre alter Geschichte ins Südkorea der Gegenwart. Und dies funktioniert durchaus, denn das Phänomen der zornigen und frustrierten jungen Menschen auf Sinnsuche, die sich in ihrem Außenseitertum eingerichtet haben, ist mittlerweile auch im einstigen Tigerstaat am Han-Fluss angekommen. Was die Japaner schon vor Jahrzehnten kannten, spüren nun auch die lange Zeit von traumhaften Wirtschaftswachstumsraten verwöhnten Südkoreaner: Es ist für junge Leute selbst mit guter Qualifikation nicht mehr so leicht wie früher, irgendwo unterzukommen. Und so mancher wird dabei, was in diesem Land mit seiner traditionell so starken sozialen Kontrolle eigentlich gar nicht vorgesehen ist, zum Individualisten.

So auch Jongsu (Yoo Ah In), der Held dieses Films, ein junger Hochschulabsolvent (Studienschwerpunkt: Kreatives Schreiben), der sich mit Gelegenheitsjobs und Arbeiten auf dem Bauernhof seines Vaters über Wasser hält, während er bereits an seinem Roman-Debüt arbeitet. Eines Tages begegnet ihm so etwas wie der feuchte Traum jedes (angehenden) Schriftstellers: eine attraktive junge Dame, die ihn ausgiebig für sein Tun bewundert. Dass Jongsu einen Roman schreibt, findet Haemi (Jeon Jong Seo), die ebenfalls von Gelegenheitsjobs lebt und auf der Suche nach dem Sinn des Lebens eine Reise nach Afrika unternehmen will, „mochitda“. Dieses kaum ins Deutsche übersetzbare koreanische Wort (es entspricht in etwa dem englischen „handsome“) bedeutet so viel, wie dass sie Jongsu für einen tollen Typen hält. Sehr schnell kommen beide auch zur Sache, wobei die Initiative eindeutig von Haemi ausgeht. Doch dann fliegt Haemi für ein paar Wochen nach Afrika, während Jongsu ihre Katze versorgt. Und zurück kommt Haemi zu Jongsus großem Verdruss in Begleitung des einige Jahre älteren Ben (Steven Yeun), der ebenfalls großen Gefallen an Haemi gefunden hat. Ben ist, in krassem Gegensatz zu den beiden anderen Protagonisten dieser Dreiecksgeschichte, offenbar steinreich und protzt ganz hemmungslos mit seinem Porsche und seinem Luxus-Apartment im mittlerweile weltweit berüchtigten Seouler Nobel-Bezirk Gangnam. Es versteht sich, dass Jongsu in diesem ungleichen Wettbewerb denkbar schlechte Karten hat…

Doch will Haemi, die sonst kaum soziale Bindungen hat und von ihrer Familie verstoßen wurde, am liebsten beide junge Männer gleichzeitig als Freunde (und offenbar auch als Liebhaber) behalten. Ben, der oberflächliche und egomanische Yuppi, der seinerseits Kontakte zu vielen weiteren jungen Damen unterhält, sieht das alles ganz locker, während Jongsu von nun an Höllenqualen der Eifersucht erleidet. Immer wieder treffen sie sich zu dritt, mal in Bens durchgestylter Wohnung, mal auf Jongsus schäbigem Bauernhof, wo sich Haemi in der Abendsonne ihrer Kleidung entledigt und ihren beiden Verehrern nackt etwas vortanzt. (Die schockierende Wirkung solcher Bilder im streng konfuzianischen Korea lässt sich leicht vorstellen…) Beiläufig berichtet Ben noch von seinem bizarren Hobby, ab und zu ein Gewächshaus auf dem Lande anzuzünden. Bis zum Ende des Films wird nicht klar, ob er dies womöglich nur erfunden hat.

Plötzlich ist Haemi spurlos verschwunden und weder für Jongsu noch für Ben erreichbar. Jongsu verdächtigt (ohne dies jemals auszusprechen) Ben, ihr etwas angetan zu haben. Doch aus verschiedenen Quellen erfährt er, dass Haemi wohl erhebliche Kreditkartenschulden angehäuft haben soll, weshalb sie auch aus diesem Grunde schlicht untergetaucht sein könnte. Die Suche nach der verschwundenen Haemi wird nun für Jongsu zur großen Obsession. Doch hilft ihm alles Träumen und Masturbieren und Spekulieren und Spionieren nichts. Haemi taucht nicht wieder auf. Das Ende des Films, in dem sich Jongsus angestauter Groll entlädt, soll hier allerdings nicht verraten werden. Und vielleicht hat er es sich, wofür gewisse Indizien sprechen, ja auch nur vorgestellt, und es ist bereits ein Teil seines Romans… Kurzum: ein starker, ein sehenswerter Film.

Burning
Südkorea 2018
148 Minuten
Regie: Lee Chang Dong
Drehbuch, Oh Jung Mi, Lee Chang Dong
Darsteller: Yoo Ah In (Lee Jongsu), (Ben), Jeon Jong Seo (Shin Haemi)

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justament.de, 10.6.2019: 40 Jahre Outlandos d’ Amour

Scheiben vor Gericht Spezial: Das aufregende Debüt-Album von „The Police“ im Rückspiegel

Thomas Claer

Wenn eines Tages die Kanonisierung der Rock- und Popmusik endgültig abgeschlossen ist, wenn junge Menschen nicht mehr viel mit dem anfangen können, was ihre Urgroßeltern einst so in Wallung brachte, dann wird die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts unter Kennern vermutlich als eine glänzende Epoche der Musikgeschichte voll überraschender und eruptiver Kreativität gelten. Besonders bemerkenswert könnte den Nachgeborenen dann die stilistische, aber auch rein quantitative Breite dieser Jugendbewegung erscheinen, die schließlich zur Massenkultur wurde. Denn hinter der „ersten Reihe“, den Beatles und Rolling Stones, Madonna oder auch Nirvana, gibt es eine solche Vielzahl exzellenter Vertreter dieses Genres zu entdecken, dass man damit, hat man sich erst einmal darauf eingelassen, wohl kaum jemals zum Ende kommt. Vor allem aber sind es mehrere britische Bands, die vehement ihren Platz in der „zweiten Reihe“ einfordern.

Ganz vorne mit dabei, neben The Cure, Depeche Mode oder The Smiths zum Beispiel, wären dann natürlich auch „The Police“. Nur unrettbare Ignoranten sehen in dieser fulminanten New Wave-Band, die ihre fünf LPs zwischen 1978 und 1983 veröffentlichte, allein die Jugendsünde des späteren Mega-Stars Sting. Zugegeben, in ihrer Spätphase mit gediegenen Songs wie „Every Breath You Take“ klangen sie schon fast so langweilig wie ihr Sänger und Bandleader in seiner anschließenden Solokarriere. Doch darum soll es hier natürlich nicht gehen, sondern um ihr explosives Frühwerk, insbesondere um ihre vor vier Jahrzehnten erschienenen ersten beiden Platten „Outlandos d‘ Amour“ und „Regatta de Blanc“, die einen in ein ganz eigenartiges Klanguniversum entführen.

London, Ende der Siebzigerjahre. Ein wildes Sammelsurium musikalischer Einflüsse. Die Reggae-Musik aus den Einwanderervierteln mischt sich mit Punk und New Wave. Drei junge Männer in den Zwanzigern, Gitarre, Bass und Schlagzeug, nehmen sich von überall das Beste und zaubern daraus etwas, das die Welt noch nicht gehört hatte: den hohen, fast dissonanten Gesang von Sting, das atemberaubende Off-Beat-Reggae-Schlagzeug von Stewart Copeland und die schroffe Gitarre von Andy Summers. Vor allem aber auch jene simplen, eindrucksvollen Songtexte, die allesamt von jugendlicher Einsamkeit und Verlorenheit handeln…

Anfang der Neunzigerjahre besuchte ich in Bremen die gymnasiale Oberstufe und hatte dort als Zugezogener aus dem Osten keinen ganz leichten Stand. Es war verdammt schwer, sich in diesem Umfeld aus verwöhnten Großbürgerkindern und Stadtvillenbewohnern Respekt zu verschaffen, denn neben der richtigen Kleidung, je abgerissener, desto besser, zählte hier vor allem eines: der richtige Musikgeschmack. Und hier galt natürlich: je schräger, desto besser. Und noch dazu gab es auf dem Schulhof eine Vielzahl von Grüppchen, die eine jeweils ganz eigene Auffassung davon hatten. Auf eines aber konnten sich alle einigen, wenn an den Wochenenden in den Kellern der prächtigen Bürgervillen die Partys tobten, sobald nur jemand „sturmfreie Bude“ hatte: die Musik von „Police“. Alle waren so cool, so unnahbar, aber nie werde ich vergessen, mit welcher Inbrunst alles lauthals mitsang, sobald „So Lonely“ von „Police“ aus den Lautsprechern ertönte. Dieses Lied durfte auf keiner Party (die man damals auch gerne noch „Fete“ nannte) fehlen. Vor allem sein Mittelteil trieb das junge Partyvolk regelmäßig zur Ekstase, während die Lautstärke vom anfänglichen Pianissimo zum überschwänglichen Fortissimo anschwoll:

(…)
Lonely, I’m so lonely
I feel so alone
I feel low
I feel so
Feel so low
I feel low, low
I feel low, low, low
I feel low, low, low
I feel low, low, low
I feel low, low, low
I feel low, low, low
Low, I feel low
I feel low
I feel low
I feel so lonely
I feel so lonely
I feel so lonely, lonely, lonely, lone
Lone, lone, lone
I feel so lonely
So lonely
So lonely
So lonely
(…)

Darin konnten sie sich, so denke ich mir heute, wohl alle selbst wiedererkennen. Nur in dieser Musik war es ihnen möglich, sich zu öffnen und aus ihrem mentalen Panzer aus Coolsein und Posieren einmal ausbrechen. So wie es ja auch im Refrain eines anderen großen Songs von „Police“ heißt: „Sending out an SOS“.

The Police
Outlandos d‘ Amour
A & M Records (Universal Music) 1979

justament.de, 20.5.2019: Stechuhr 2.0? George Orwell 2.0!

Anmerkungen zum EuGH-Urteil über die Erfassung der Arbeitszeit

Thomas Claer

Ob sich die Luxemburger EuGH-Richter wirklich im Klaren darüber gewesen sind, was sie da – in bester Absicht – entschieden haben? Laut ihrem jüngsten Urteil (EuGH C-55/18 vom 14.5.2019) müssen die Mitgliedstaaten der EU künftig Arbeitgeber dazu verpflichten, die sogenannte tatsächliche Arbeitszeit ihrer Beschäftigten genau zu erfassen, ob Überstunden, Home Office oder Außendienst. Was zunächst wie ein Griff in die Mottenkiste der Lohnsklaven-Disziplinierung aus dem Industrie-Zeitalter aussieht, hat freilich eine ganz andere Zielrichtung. Denn längst ist die Verschmelzung von Arbeits- und Freizeit, die vielgepriesene neue Flexibilität, immer öfter zum Verlustgeschäft für Arbeitnehmer geworden. Wer Tag und Nacht für seinen Chef erreichbar ist, sich Arbeit mit nach Hause nimmt und von früh bis spät dienstliche Mails checkt, gerät leicht in die Selbstausbeutungs-Falle. Nun sollen die Beschäftigten also mittels Zeit-Controlling vor ihren Chefs geschützt werden – und womöglich auch vor ihrem eigenen Ehrgeiz oder Pflichtgefühl. Ausdrücklich berufen sich die Richter auf die Grundrechte-Charta der Europäischen Union. Demnach ist die Einhaltung von Höchstarbeitszeiten und Ruhepausen ein unabdingbares Arbeitnehmer-Grundrecht, das sich aus der Menschenwürde ableitet. Höchstens 48 Stunden Arbeit pro Woche sind erlaubt, täglich sind mindestens 11 Stunden Ruhezeit ohne Unterbrechung und mindestens einmal in der Woche 24 Stunden Ruhezeit zu gewähren.

Aber wie soll man sich die technische Umsetzung einer solchen Arbeitszeit-Erfassung, solch einer Stechuhr 2.0, vorstellen? Die Chipkarte im Büro wäre noch die konservative Variante, weitaus zeitgemäßer (und wohl kaum noch aufzuhalten!) wären ein entsprechendes Programm auf dem Laptop oder eine App auf dem Smartphone. Jedes Login in den dienstlichen E-Mail-Account von außerhalb der Diensträume würde dann also genau nach Minuten und Sekunden gezählt und der bezahlten Arbeitszeit zugeschlagen.

Wie so etwas allerdings mit den Richtlinien des Datenschutzes vereinbar sein könnte, steht derzeit noch in den Sternen. Denn wenn der Arbeitgeber Programme auf dem Laptop oder Handy seines Angestellten installierte – wären dann dem Missbrauch persönlichster und sensibelster Daten nicht Tür und Tor geöffnet? Wäre es da nicht nur noch ein kleiner Schritt zum vielzitierten gläsernen Mitarbeiter?

Vermutlich käme alles sogar noch viel schlimmer: Denn so wie heute bereits jeder Fußballprofi während seiner Pflichtspiele und im Training unter lückenloser technischer Beobachtung steht, wäre dann nämlich auch in diversen Büro-Jobs für die Arbeitgeber vollkommen transparent, wie viel Zeit ihre Angestellten für die Erfüllung dieser oder jener Aufgabe benötigen, das heißt: wie effektiv sie funktionieren. Konnten „Minderleister“, die Mühe haben, alle ihre Aufgaben in der regulären Arbeitszeit zu schaffen, dies bisher noch gut kaschieren“, indem sie sich unauffällig Arbeit mit nach Hause nahmen, wird dies künftig nicht mehr so leicht möglich sein. Für Firmenchefs ist das natürlich großartig: Nur die nachweislich effektiven Mitarbeiter werden gehalten, der Rest wird früher oder später („betriebsbedingt“) gefeuert. Und wer in der Arbeitszeit mal eben schnell privat im Netz unterwegs ist, fliegt dann natürlich auch gleich auf – und später womöglich ebenfalls raus.

Die eigentliche Problematik liegt aber im zugrundegelegten Menschenbild. Bei Lichte betrachtet ist die EuGH-Entscheidung nämlich nicht weniger als ein Anschlag auf die elementarsten Freiheitsrechte des Individuums. Konsequent zu Ende gedacht, müssten jedem Arbeitnehmer, sobald dies technisch möglich und rentabel umsetzbar wäre (und das wird es schon sehr bald sein!), Dioden an den Kopf geheftet oder besser gleich ins Gehirn implantiert werden, die seine Denkströme erfassen. Wer im Büro einen Moment lang einfach nur döst und vor sich hin träumt (was sich anhand der Durchblutung der einzelnen Gehirnregionen leicht feststellen lässt), arbeitet in dieser Zeit schließlich nicht. Und schon gar nicht arbeitet der, bei dem, was sich ebenfalls leicht feststellen lässt, z.B. die Gehirnregionen für sexuelle Erregung aktiviert sind. Oder die für Hunger und Durst. Andererseits müsste es dann aber auch der (bezahlten) Arbeitszeit zugerechnet werden, wenn jemand den ganzen Feierabend und die halbe Nacht über einem dienstlichen Problem brütet. Genau genommen dürfte man so etwas aber gar nicht tun, denn dann hätte man doch die Ruhezeit nicht eingehalten! Aber wie sinnvoll ist es überhaupt, nur das Tippen eines Textes, den man vielleicht längst fertig formuliert im Kopf mit sich herumträgt, zur Arbeitszeit zu zählen, nicht aber die gedankliche Vorarbeit, die man z.B. längst in der Warteschlange an der Supermarktkasse verrichtet hat? Kurz gesagt, wer wirklich die „tatsächliche Arbeitszeit“ der Arbeitnehmer genau messen will, wie es die EuGH-Richter von allen Arbeitgebern gefordert haben, wird um eine vollständige technische Überwachung ihrer Gehirnaktivitäten nicht herumkommen. So würde letztlich „Stechuhr 2.0“ zu „George Orwell 2.0“.

Aber ist so etwas denn wirklich ernsthaft zu befürchten? Nein, zum Glück ist es das nicht. Jede Überwachung der menschlichen Gehirnaktivität durch den Arbeitgeber würde natürlich eklatant gegen das allgemeine Persönlichkeitsrecht der Betroffenen und ihre Menschenwürde verstoßen und hätte rechtlich somit keinen Bestand. Zumindest nicht hier und jetzt. Woanders in der Welt – und in einer dystopischen Zukunft vielleicht irgendwann auch hierzulande – liegt die vollständige und dann natürlich auch ihrerseits voll automatisierte Kontrolle über das menschliche Denken leider durchaus im Bereich des Vorstellbaren. Im Übrigen hätten wir dann genau das verwirklicht, was von alters her schon alle Religionen behaupten: Jeder Mensch steht in seinem Denken und Tun permanent unter der Beobachtung einer höheren Instanz, die ihm am Ende seines Lebens die „moralische Bilanz“ seiner Handlungen und Gedanken präsentiert.

So weit sind wir also glücklicherweise noch nicht gekommen. Dennoch sind die EuGH-Richter in ihrem scheinbar so arbeitnehmerfreundlichen Urteil einen kleinen, aber bereits gefährlichen Schritt in diese Richtung gegangen. Wenn uns unsere individuellen Freiheitsrechte also lieb sind, dann muss eine technische Überwachung von Laptop und Handy durch den Arbeitgeber weiterhin Tabu bleiben. Es liegt nun am Gesetzgeber, hier einen Riegel vorzuschieben. Sollen die Arbeitnehmer doch selbst manuelle Stundenlisten führen, um den Vorgaben der Luxemburger Richter Genüge zu tun.

justament.de, 5.5.2019: Widersprüchlicher Weltverbesserer

Recht cineastisch Spezial: „Goldene Lola“ für „Gundermann“ von Andreas Dresen

Thomas Claer

Nein, diesen Film wollte ich eigentlich gar nicht sehen. Musikfilme sind eigentlich nicht so meine Richtung, zumal die Songs des stasiverstrickten DDR-Liedermachers und Baggerfahrers Gerhard Gundermann (1955-1998) bislang auch nicht gerade zu meinen großen Vorlieben zählten. Doch nun bin ich sehr froh, doch noch den Weg ins Kino „Casablanca“ in Adlershof gefunden zu haben, wo „Gundermann“ (D 2018) anlässlich der Preisverleihung am Wochenende noch einmal gezeigt wurde. Beinahe hätte man uns nicht mehr hereingelassen. Eine lange Schlange von Interessenten stand vor dem Kino bis auf die Straße. Als wir mit leichter Verspätung eintrafen, hörten wir eine laute Stimme rufen: „Ich frage jetzt zum letzten Mal: Hat noch jemand Online-Tickets nicht abgeholt??“ Ja, das waren wir. Zum Glück hatten wir schon vorher gebucht. Seufzend und stöhnend lief die enttäuschte Menschenmenge auseinander, denn unsere beiden Karten waren die letzten verfügbaren.

Ob einem dieser Gundermann gefällt oder nicht, er ist eine hochinteressante Figur. Und mit ihm hat Regisseur Andreas Dresen auf seine leise unaufdringliche Weise auch gleich noch die ganze alte versunkene schäbige DDR-Welt wieder zum Leben erweckt. Wer eine möglichst genaue Vorstellung vom damaligen Leben jenseits des eisernen Vorhangs bekommen möchte, sollte unbedingt diesen Film sehen. Die Schauspieler wirken, wie so oft in Andreas-Dresen-Filmen, allesamt beinahe so echt wie in einem Dokumentarfilm.

Wer es schon immer unverständlich fand, wie ein sensibler Künstler, ein Weltverbesserer mit höchstem moralischem Anspruch, jahrelang seine Mitmenschen ausspionieren und an die Stasi verpfeifen konnte und sich hinterher dafür gar nicht richtig entschuldigen mochte, wird durch diesen Film zwar auch nicht unbedingt schlauer, denn die nachvollziehbaren Gründe dafür gibt es einfach nicht. Aber man blickt nach diesen über zwei Stunden doch mit anderen Augen auf all diese Dinge. Manches hat eine gewisse Logik und dann auch wieder nicht. Vieles ist Psychologie. Dieser hochreflektierte, belesene, immer wieder Karl Marx zitierende Dichter und Musiker Gundermann lebt in einer ganz eigenen Welt, in der Welt seiner Sehnsüchte, Wünsche und Hoffnungen vor allem. Obwohl er so vieles in seiner Gesellschaft kritisch hinterfragt, glaubt er doch felsenfest daran, etwas Gutes zu tun, wenn er Fluchtwillige verrät.

Grandios dargestellt ist, wie stark sich Politisches, Privates und Künstlerisches im Leben dieses merkwürdigen Musikpoeten immer wieder gegenseitig beeinflusst. Seine künstlerisch besten Jahre hat er ausgerechnet während seiner aktiven Zeit als Stasi-Spitzel – und während seiner jahrelangen unglücklichen Liebe zur anderweitig verheirateten schönen Conny. Unzählige Lieder schreibt er für sie, bis sie dann doch noch zur Frau an seiner Seite wird. Felsenfest steht sie zu ihm, als er nach der Wende als Stasi-Informant enttarnt wird. Doch Gundermann selbst zerbricht daran und stirbt mit gerade erst 43 Jahren.

Gundermann
Deutschland 2018
Länge: 127 Minuten
Regie: Andreas Dresen
Drehbuch: Laila Stieler
Darsteller: Alexander Scheer (Gerhard Gundermann), Anna Unterberger (Conny), Benjamin Krause (Wenni) u.v.a.

justament.de, 22.4.2019: Packende Zeitreise

Achim Reichel präsentiert „Das Beste“ – mal wieder…

Thomas Claer

Musste das jetzt noch sein? Schon wieder eine Best of-Platte von Achim Reichel? Das hatten wir doch nun schon mehrfach, zuletzt gab es „Solo mit euch“ (2010), davor das große Jubiläumskonzert zum 60. Geburtstag (2004), noch davor „Herz ist Trumpf – Das Beste von Achim Reichel“ (1997) und wiederum davor „Große Freiheit“ (1994), die Live-Platte zum 50. Geburtstag. Bedenkt man aber die Zeitabstände zwischen den Veröffentlichungen und lauscht sich durch die neue Zusammenstellung mit ihren zahlreichen seltenen Spezialversionen und besonders gelungenen Live-Aufnahmen, dann findet man am Ende doch, dass das Ganze schon irgendwie seine Berechtigung hat.

Und gerade wer viele der alten Stücke schon lange nicht mehr gehört hat, den kann diese launige Zeitreise auf zwei CDs durchaus packen, und man erkennt, wie dieser eigenwillige Sänger und exzellente Gitarrist, der jederzeit für eine Überraschung gut war, die Musikwelt immer wieder mit seinen Experimenten bereichert hat. Klar, es gibt die glattgebügelte, kommerzielle und radiotaugliche Seite dieses Musikanten, die auf diesem Querschnitt durch sein Schaffen auch unüberhörbar zu ihrem Recht kommt. Natürlich dürfen all die Radio-Hits aus den Achtzigern und Neunzigern nicht fehlen, von denen einige dem Deutschen Schlager schon bedenklich nahekommen. Das ganz schräge Zeug andererseits, die komplette erste Hälfte der Siebziger mit „A.R. und Machines“, mit „Wonderland“ und „Propeller“, bleibt dafür leider ausgespart, ebenso wie die Sechziger mit den „Rattles“. Dafür ist aber immerhin die zweite Hälfte der Siebziger mit den Seemannsliedern und Balladen-Vertonungen reichlich vertreten. Gleich sechs Titel von der „Regenballade“ (darunter das phänomenale „Nis Randers“) sind – verdientermaßen – auf der Platte, doch bedauerlicherweise nur zwei vom „Klabautermann-“ und nur einer vom “Shanty Alb’m”.

Was die späteren Schaffensphasen angeht, so ist nahezu von jeder etwas dabei. Ein nicht ganz unproblematischer weiterer kleiner Schwerpunkt liegt auf dem Album „Volxlieder“ von 2006. Zwei der hiervon ausgewählten drei Songs, „Heidenröslein“ und „Der Mond ist aufgegangen“, zählen fraglos zum berühmtesten deutschen Liedgut überhaupt, sind in Reichels Umsetzung aber keineswegs als sonderlich gelungen anzusehen, wohingegen der dritte, „Oh wie kalt ist mir geworden“, schon um einiges besser ist. Überhaupt haben diese Volkslied-Adaptionen seinerzeit so manche Irritationen ausgelöst, zumal Reichel damals leichtsinnigerweise dem rechtslastigen „Ostpreußenblatt“ ein Interview gegeben hatte, in dem er u.a. mit den Worten zitiert wurde, jedes Volk müsse sich auch zu seinem traditionellen Liedgut bekennen. Man fragt sich, ob das eine oder andere weniger starke Stück – so der Multikulti-Song „Kuddels Revolution“ oder der Umwelt-Protestsong „Exxon Valdez“ – es vor allem deshalb auf das Album geschafft hat, um diesen im Grunde unpolitischen Künstler in ein politisch (wieder) besseres Licht zu rücken. Dafür mussten andere Song-Perlen (wie etwa „Blues in Blond“ oder „Der Klabautermann“) leider außen vor bleiben.

Doch wird man sich letztlich bei jeder Kompilation dieser Art über die Auswahl des Materials streiten können. Der hervorragende Gesamteindruck bleibt davon unberührt. Das Urteil lautet: gut (14 Punkte).

Achim Reichel
Das Beste (2 CDs)
Tangram / BMG 2019

justament.de, 15.4.2019: Es boomt, wohin man blickt

Der aktuelle „Wohnmarktreport Berlin“ bestätigt die laufenden Trends

Thomas Claer

Hauseingang in Berlin-Kreuzberg

Seit ziemlich genau zehn Jahren befinden sich die Immobilienmärkte, insbesondere in unseren Großstädten, in einem signifikanten Aufwärtstrend. Was Vermieter und Projektentwickler jubeln lässt, kann manchen Mietern allerdings die Schweißperlen auf die Stirn treiben. Wohnen ist, so hört man es längst an jeder Ecke, zur „sozialen Frage unserer Zeit geworden“. Wohl nirgendwo aber ist diese Entwicklung so krass verlaufen wie in unserer Hauptstadt, wo sich die Mietpreise bei Wohnungs-Neuvermietungen im letzten Jahrzehnt – von einem sehr niedrigen Ausgangsniveau aus – beinahe verdoppelt haben. Besonders aussagekräftig sind die Zahlen des aktuellen „Wohnmarktreports Berlin“, herausgegeben von CBRE und Berlin Hyp, wenn man sie, was untenstehend getan wird, mit jenen von vor genau zehn Jahren vergleicht. Besondere Gewinner dieser Entwicklung sind zentral gelegene, ehemals ärmliche Stadtviertel wie Nord-Neukölln, Moabit oder Wedding, die mittlerweile zu heiß begehrten Innenstadtlagen mutiert sind. Dicht dahinter folgen die schon lange Zeit etablierten Zentrumslagen, und zwar besonders die trendigen Szenebezirke Kreuzberg, Friedrichshain und Prenzlauer Berg, aber auch eher bürgerliche Bezirke wie Charlottenburg, Tiergarten oder Schöneberg. Weniger stark am Aufschwung partizipieren konnten hingegen gutbürgerliche Randlagen wie Zehlendorf. Jedoch lässt sich seit einigen Jahren beobachten, dass auch sie zunehmend stärker vom Aufwärtstrend erfasst werden, so wie auch die als weniger attraktiv geltenden Randbezirke wie Reinickendorf oder Spandau bis hin zu den einst berüchtigten Plattenbau-Bezirken Marzahn, Hellersdorf und Hohenschönhausen. Längst gibt es in Berlin keinen Flecken mehr, der nicht vom Boom erfasst wäre.

Quellen: „Wohnmarktreports Berlin“ (hg. von CBRE und Berlin Hyp) sowie eigene Berechnungen

Wohnkosten in Berliner Bezirken (Angebotskaltmiete pro qm) gem. Wohnmarktreport 2018 (2008) nach Alt-Bezirken

1. Mitte (Alt) (15,13/9,54/+58,6%/alternativ/repräsentativ)
2. Kreuzberg (13,06/6,37/+105,0%/alternativ/lebendig)
3. Friedrichshain (12,73/6,60/+79,2%/alternativ/lebendig)
4. Prenzlauer Berg (12,60/7,32/+72,1%/alternativ/neubürgerlich)
5. Tiergarten (12,57/6,33/+98,6%/gemischt/lebendig)
6. Wilmersdorf (12,12/8,06/+50,4%/großbürgerlich/bürgerlich)
7. Charlottenburg (11,90/7,24/+64,3%/großbürgerlich/lebendig)
8. Schöneberg (11,77/ 7,24/+49,9%/bürgerlich/lebendig)
9. Zehlendorf (10,93/ 7,94/+33,5%/großbürgerlich/bürgerlich)
10. Wedding (10,81/5,26/+105,5%/proletarisch/lebendig)
11. Neukölln* (10,54/5,23/+101,5%/alternativ/proletarisch)
12. Pankow (10,21/6,28/+58,3%/bürgerlich/lebendig)
13. Steglitz (10,11/6,45/+56,7%/bürgerlich/kleinbürgerlich)
14. Treptow (10,06/5,53/+81,9%/proletarisch/lebendig)
15. Lichtenberg (9,77/5,50/+77,6%/proletarisch/kleinbürgerlich)
16. Köpenick (9,60/6,14/+42,8%/bürgerlich/proletarisch)
17. Tempelhof (9,47/ 5,82/+62,7%/kleinbürgerlich/bürgerlich)
18. Weißensee (9,41/5,50/+71,1%/bürgerlich)
19. Reinickendorf (8,97/ 5,76/+55,7%/kleinbürgerlich/bürgerlich)
20. Spandau (8,38/5,43/+54,3%/kleinbürgerlich/lebendig)
21. Hohenschönhausen (8,35/5,96/+40,1%/proletarisch/gemischt)
22. Hellersdorf (8,11/5,30)/+53,0%/proletarisch/gemischt)
23. Marzahn (7,77/4,85/+60,2%/proletarisch/gemischt)

* Neukölln-Nord (11,87/ 5,08/+133,7%/alternativ/proletarisch)
Neukölln-Süd (8,84/ 5,41/+63,4%/kleinbürgerlich/proletarisch)

Top 30 der Postleitzahlbezirke nach Höhe der Angebotskaltmiete pro qm 2018 (2008)

1. 10117 Unter den Linden (Mitte) (15,93/12,60/+26,4%)
2. 10785 Potsdamer Platz / Lützowstr. (Tiergarten) (15,73/7,80/+101,7%)
3. 10179 Jannowitzbrücke (Mitte) (15,48/7,40/+109,2%)
4. 10963 Kreuzberg-West / Möckernbrücke (15,26 /6,70/+127,8%)
5. 10557 Moabit Südost / Hauptbahnhof / Bellevue (Tiergarten) (15,00/6,50/+130,7%)
6. 10178 Hackescher Markt/ Alexanderplatz (Mitte) (15,00/10,30/+45,6%)
7. 10115 Chausseestraße (Mitte) (14,75/8,40/+75,6%)
8. 10119 Rosenthaler Platz (Mitte) (14,49/9,00/+61,0%)
9. 10435 Kollwitzplatz (Prenzlauer Berg) (14,28/8,60 /+66,0%)
10. 10719 Ludwigkirchplatz/ Kurfürstendamm (Wilmersdorf) (14,00/9,70/+44,3 %)
11. 10629 Sybelstraße/ Kurfürstendamm (Charlottenburg) (13,77/9,00/+53,0%)
12. 10245 Ostkreuz / Boxhagener Platz (Friedrichshain) (13,50/6,80/+98,5%)
13. 10243 Ostbahnhof (Friedrichshain) (13,41/6,60/+103,2%)
14. 10405 Prenzlauer Allee (Prenzlauer Berg) (13,12/7,80/+68,2%)
15. 10585 Dt. Oper (Charlottenburg) (13,11/6,60/+98,6%)
16. 12047 Maybachufer („Kreuzkölln“)(Neukölln) (13,07/5,50/+156,3%
17. 10999 Görlitzer Park (Kreuzberg) (13,00/6,20/+109,7%)
18. 10437 Helmholtzplatz (Prenzlauer Berg) (13,00/7,70/+68,8%)
19. 14193 Grunewald (Wilmersdorf) (13,00/10,60/+22,6%)
20. 14057 Lietzensee (Wilmersdorf) (12,99/7,60/+70,9%)
21. 10711 Halensee (Wilmersdorf) ( 12,89/7,70/+67,4%)
22. 10777 Viktoria-Luise-Platz (Schöneberg) (12,82/7,60/+68,7%)
23. 10789 Tauentzienstr. / Kurfürstendamm (Wilmersdorf) (12,54/9,10/+37,8%)
24. 10623 Savignyplatz (Charlottenburg) (12,74 /9,00/+41,6%)
25. 10961 Gneisenaustraße (Kreuzberg) (12,86/6,80/+89,1%)
26. 10965 Mehringdamm / Bergmannstraße (Kreuzberg) (12,79/6,30/+103,0%)
27. 10969 Prinzenstraße (Kreuzberg) (12,68/6,00/+111,3%)
28.10967 Graefestraße (Kreuzberg) (12,63/6,30/+100,5%)
29. 10829 Schöneberger Insel / Julius-Leber-Brücke (Schöneb.) (12,60/6,30/+100,0%)
30. 10627 Westliche Kantstr./ Bismarckstr. (Charlottenburg) (12,58/6,60/+90,6%)

Gebiete mit dem stärksten Anstieg der Angebotskaltmieten im Zehnjahreszeitraum

1. 12047 Maybachufer („Kreuzkölln“) (Neukölln) (13,07/5,50/+156,3%)
2. 12053 Rollbergstraße (Neukölln) (12,53/4,90/+155,7%)
3. 12043 Rathaus Neukölln (Neukölln) (12,51/5,00/+150,2%)
4. 12055 Richardplatz (Neukölln) (12,01/5,00/+140,2%)
5. 12045 Sonnenallee Nord (Neukölln) (12,48 /5,20/+140,0%)
6. 12049 Hermannstraße West /Reuterkiez (Neukölln) (12,12/5,10/+137,6%)
7. 13355 Humboldthain/ Brunnenviertel (Wedding) (11,75/5,00/+135,0%)
8. 12051 Hermannstraße Süd (Neukölln) (11,62/5,00/+132,4%)
9. 10557 Moabit Südost / Hauptbahnhof / Bellevue (15,00/6,50/+130,7%)
10. 10963 Kreuzberg-West / Möckernbrücke (Kreuzberg) (15,26/6,70/+127,8%)
11. 12059 Weigandufer (Neukölln) (11,31/5,00/+126,2%)
12. 10553 Beusselstraße (Moabit/Tiergarten) (11,52/ 5,10/+125,9%)
13. 13359 Soldiner Straße (Wedding) (10,41/4,70/+121,5%)
14. 13351 Rehberge (Wedding) (10,82/5,00/+116,4%)
15. 13347 Nauener Platz (Wedding) (11,00/5,10/+115,7%)
16. 10783 Bülowbogen/Bülowstraße (Schöneberg) (11,91/5,60/+112,7%)
17. 12435 Treptower Park (Treptow) (12,08/5,70/+111,9%)
18. 10969 Prinzenstraße (Kreuzberg) (12,68/6,00/+111,3%)
19. 10999 Görlitzer Park (Kreuzberg) (13,00/6,20/+109,7 %)
20. 13357 Gesundbrunnen (Wedding) (10,68/5,10/+109,4%)
21. 10179 Jannowitzbrücke (Mitte) (15,48/7,40/+109,2%)
22. 10559 Stephanstraße (Moabit/Tiergarten) ( 11,01/5,30/+107,8%)
23. 10551 Birkenstraße (Moabit/Tiergarten) (11,10/5,40/+105,6%)
24. 10555 Alt-Moabit-West (Tiergarten) (12,07/5,90/+104,6%)
25. 10243 Ostbahnhof (Friedrichshain) (13,41/6,60/+103,2%)
26. 10965 Mehringdamm / Bergmannstraße (12,79/6,30/+103,0%)
27. 12439 Niederschöneweide (Treptow) (10,32/5,10/+102,4%)
28. 12347 Britz-West (Neukölln) (10,34/5,10/+101,7%)
29. 10785 Potsdamer Platz/ Lützowstr. (Tiergarten) (15,73/7,80/+101,7%)
30. 10967 Graefestraße (Kreuzberg) (12,63/6,30/+100,5%)

justament.de, 8.4.2019: Furioses Finale

Der siebte und letzte Band von Marcel Prousts „Recherche“: „Die wiedergefundene Zeit“

Thomas Claer

Es ist vollbracht. Nach mehr als einem Jahrzehnt hat der Justament-Rezensent dieses (zumindest für seine Verhältnisse) gewaltige Lektürewerk abgeschlossen und darf sich nun stolz, wie bereits vor vielen Jahren angeregt, „Rechercheur“ nennen. Natürlich bringt ein zeitlich so ausgedehnter Leseprozess Vor- und Nachteile mit sich: Ungünstig dabei ist, dass aufgrund der immer wieder langen Unterbrechungen so manches Gelesene zwischenzeitlich in Vergessenheit gerät, besonders was die Namen und Zuordnungen des umfangreichen Personals der Romanhandlung betrifft. Wollte man hier immer vollständig auf der Höhe bleiben, so müsste man wahrscheinlich alle sieben Bände in einem Zug lesen und dafür idealerweise ein Sabbat-Jahr einlegen. Doch ist dies, wie mir jetzt klar geworden ist, gar nicht unbedingt zu empfehlen. Die langgestreckte, häppchenweise Lektüre mit langen Pausen hat den großen – und alle Nachteile bei weitem aufwiegenden – Vorteil, dass sie sich währenddessen immer auch zur eigenen unbeständigen zeitlichen Existenz des Lesers in Beziehung setzen lässt. Besonders gilt dies, wenn einem der Abschluss just in jenem Lebensalter gelingt, in dem sich auch der Ich-Erzähler am Ende des Romans befunden hat. Oder um es mit dem Literaturkritiker Denis Scheck zu sagen: In diesem Buch erfährt der Leser sehr viel über sich selbst – getreu dem auf den hintersten Seiten von der Erzählerstimme aufgestellten Diktum, dass die Leser dieses Werkes in erster Linie die Leser ihrer selbst seien; dieses Buch sei wie ein Vergrößerungsglas, es ermögliche ihnen, in sich selbst zu lesen.

Die alte Flamme

Was tut man, wenn sich die große Liebe für immer aus dem Leben verabschiedet hat, wenn seitdem schon etliche Jahre vergangen sind und man mittlerweile auch schon im fünften Lebensjahrzehnt steht? Sich noch einmal neu verlieben? Das ist für jemanden wie Marcel, den Ich-Erzähler der „Recherche“, der sich am liebsten ausgedehnten Erinnerungsräuschen hingibt und ganz allgemein nicht sonderlich zukunftsorientiert eingestellt ist, natürlich keine Option. Nicht, dass er asketisch lebte. Regelmäßig nimmt er gegen ein kleines Taschengeld leichte junge Mädchen „aus dem Volke“ (und die Mädchen „aus dem Volke“ konnten es sich zu jener Zeit, im frühen 20. Jahrhundert, gar nicht leisten, nicht käuflich zu sein) mit zu sich aufs Zimmer, um sie ein wenig „auf seinem Schoß sitzen zu lassen“, wie es beschönigend heißt. (Die langen Röcke, welche die Frauen aller Gesellschaftsschichten damals ausnahmslos trugen, hatten insofern auch eine durchaus praktische Seite.) Doch selbstverständlich würde er – als Upperclass-Mensch – jenseits seiner leiblichen Bedürfnisse niemals ein ernsthaftes Interesse an ihnen entwickeln. Dafür kämen allenfalls „Damen aus der Gesellschaft“ in Betracht. Allerdings ist Marcel seit den bittersüßen Jahren mit Albertine jede anderweitige Begeisterungsfähigkeit auf diesem Sektor verlorengegangen.

Und doch gäbe es da noch eine andere Möglichkeit… Marcels große unglückliche Jugendliebe Gilberte, die Tochter seines väterlichen Freundes Swann und dessen fataler Ehefrau Odette, ist seit einigen Jahren ausgerechnet mit seinem alten Kumpel, dem Marquis Robert de Saint Loup, verheiratet. Und das wohl – allem Anschein nach – nicht besonders glücklich. Robert hat nämlich inzwischen längst die Freuden der Homosexualität für sich entdeckt. Wobei er zusätzlich – er führt offenbar ein ausschweifendes Sexualleben – sogar noch zwei weibliche Mätressen unterhält. An wem er jedoch, spätestens seit der Geburt der gemeinsamen Tochter, überhaupt kein Interesse mehr zeigt, das ist seine eigene Ehefrau.

Da sollte doch, denkt man als Leser, noch so einiges möglich sein für Marcel. Nur wäre es etwas heikel, so mit der Gattin seines besten Freundes… Aber das Schicksal meint es gut mit Marcel. Als dieser seinem alten Freund Robert einen Besuch abstattet, übrigens im familieneigenen Schloss Tansonville, gelegen in der Normandie zwischen dem Schloss der Guermantes und dem vielfach erwähnten Badeort Balbec, unternimmt er allein mit Gilberte lange Strandspaziergänge bei Mondschein. Und Robert ist alles andere als eifersüchtig. Ganz im Gegenteil dankt er, der meistens wegen angeblicher dringender Angelegenheiten unterwegs ist, seinem Freund Marcel sogar ausdrücklich dafür, dass er sich so rührend um seine Frau kümmert… Und Gilberte findet offenbar großes Gefallen daran, viel Zeit mit Marcel zu verbringen. Als er ihr stockend gesteht, wie sehr er damals in sie verliebt war, antwortet sie: „Aber nein, so war es doch gar nicht. I c h war verliebt in S i e .“ Kurz gesagt, Marcel hat alle Trümpfe in der Hand und müsste nur noch die Gelegenheit beim Schopfe packen. Aber es gibt ein Problem. Gilberte, die mittlerweile um die vierzig sein dürfte, gefällt ihm längst nicht mehr so wie früher. „Sie selber war derart verändert, dass ich sie nicht mehr schön fand, ja, dass sie es überhaupt nicht mehr war.“ (An späterer Stelle des Romans wird Gilberte sogar konkret als „eine dicke Dame“ bezeichnet, die „nur noch für geistige Dinge lebt“). „Vor allem aber spürte ich keinen Kummer mehr; in der Rückerinnerung begriff ich nicht mehr, dass ich so unglücklich hätte sein können…“ Manchmal rostet sie eben doch, die alte Liebe… „Es heißt, und das erklärt vielleicht zum Teil die fortschreitende Abschwächung gewisser nervöser Affektionen, dass auch unser Nervensystem dem Altern ausgesetzt ist. Das trifft nicht nur auf unser Dauer-Ich zu, das für den ganzen Verlauf unseres Lebens vorhält, sondern auch für alle aufeinanderfolgenden Ichs, aus denen es sich alles in allem zusammensetzt.“

Und so bleibt es zwischen den beiden bei einer munteren Unterhaltung: „Wir plauderten, Gilberte und ich, in einer für mich sehr angenehmen Weise, wenn auch nicht ohne Schwierigkeit.“ Zumal sich Gilberte immerhin als kluge, anregende Gesprächspartnerin erweist: „Was den Verstand anbelangt, so war er bei Gilberte, wenn man von einigen Seltsamkeiten absah, die von ihrer Mutter stammten, ungewöhnlich wach.“

Später reflektiert Marcel über die traurige Vergänglichkeit seines Begehrens: „Nichts ist schmerzlicher als dieser Gegensatz zwischen der Verwandlung der Menschen und der Starrheit der Erinnerung, wenn wir begreifen, dass das, was in unserem Gedächtnis so viel Frische bewahrt hat, im Leben keine Frische haben kann, dass wir außerhalb von uns dem nicht mehr nahekommen können, was uns in unserem Inneren so schön erscheint und in uns das gleichwohl so individuelle Verlangen nach einem Wiedersehen weckt, es sei denn, dass wir es in einem Wesen desselben Alters suchen, das aber bedeutet nun einmal: in einem anderen Wesen. Das nämlich, was uns in einer Person, nach der wir Verlangen tragen, so einzigartig scheint, gehört – wie ich schon oft hatte vermuten können – im Grunde gar nicht ihr. Die verflossene Zeit gab mir davon noch einen vollständigeren Beweis, da ich nach zwanzig Jahren ganz spontan anstelle der Mädchen, die ich gekannt hatte, mich nach solchen umzusehen wünschte, die jetzt jene Jugend besaßen, welche den anderen damals zu eigen gewesen war.“ Daran, dass Frauen seines Alters vielleicht ebenfalls knackige junge Männer und nicht ihn bevorzugen würden, wenn sie die Wahl hätten, verschwendet Marcel selbstredend keinen Gedanken. Ebenso wenig – das wissen wir bereits aus den früheren Bänden – hat er Sinn für den (von nicht wenigen Männern sogar besonders goutierten) Liebreiz bestimmter Frauen reiferer Jahrgänge…

Als er Gilberte Jahre später auf einer Feier erneut begegnet, äußert er einen ausgefallenen Wunsch: „Ich sagte Gilberte, sie würde mir immer Vergnügen bereiten, wenn sie mich mit sehr jungen Mädchen einladen würde, sehr armen, wenn es möglich wäre, damit ich ihnen mit kleinen Geschenken eine Freude machen könne, ohne im übrigen von ihnen etwas anderes zu verlangen, als dass sie mir die Träumereien und Traurigkeiten von ehedem wiederschenkten, höchstens eines unwahrscheinlichen Tages einen keuschen Kuss.“ Das heißt, Marcel phantasiert vermutlich von einer Art Bunga-Bunga-Party mit jungen Mädchen unter Beteiligung Gilbertes, die immerhin noch seinen Geist anzuregen imstande ist, den Rest würden die jungen Mädchen besorgen… Gilbertes Reaktion auf diesen Vorschlag ist aber keineswegs empörte Zurückweisung. Nach kurzer Überlegung zog sie, „an der zweifellos etwas von der Herkunft ihrer Mutter haftete, einen kühneren Schluss als alle, die ich hätte voraussehen können: ‚Wenn Sie erlauben, sagte sie zu mir, werde ich jetzt meine Tochter holen und sie ihnen vorstellen… Ich bin sicher, sie wird für Sie eine liebenswürdige kleine Freundin sein.“ Über Gilbertes zu diesem Zeitpunkt 16-jährige Tochter, die von Marcel als „sehr schön“ beschrieben wird, heißt es an anderer Stelle: „Diese Tochter, deren Namen und Vermögen in ihrer Mutter die Hoffnung wecken konnte, sie werde einen königlichen Prinzen heiraten und damit das Aufstiegswerk Swanns und seiner Frau krönen, wählte zum Gatten später einen unbekannten Literaten, denn sie war von allem Snobismus frei, und führte so die Familie wieder hinab, und zwar unter das Niveau, aus dem sie emporgestiegen war.“

Die allgemeinen Gesetze der Liebe

Gibt es wirklich so etwas wie unumstößliche, universelle „Gesetze der Liebe“? Die kluge Erzählerstimme behauptet das, und nennt dafür Beispiele wie dieses:

„Man erinnerte sich, dass das Gefühl den Liebenden zu den größten Opfern für das geliebte Wesen anspornt, manchmal sogar zu dem Opfer seines Verlangens selbst, das im übrigen um so weniger leicht Erhörung findet, je mehr das geliebte Wesen spürt, dass der andere der ist, der stärker liebt.“

Oder dieses:

„Aber nie erhalten schwerwiegende Dinge, die wir sagen, eine mündliche noch schriftliche Erwiderung. Toren allein suchen vergebens zehnmal hintereinander um die Beantwortung eines Briefes nach, den sie nicht hätten schreiben sollen, der eine Entgleisung war; auf solche Briefe bekommt man eine Antwort immer nur durch Handlungen…“

Aber auch dieses:

„Während also tugendhafte junge Leute, sobald sie in die Jahre gekommen sind, sich den Leidenschaften überlassen, deren sie sich endlich bewusst geworden sind, werden leichtsinnige junge Burschen zu grundsatztreuen Männern… Alles ist somit eine Frage der Chronologie.“

Doch das Abgründigste aller Gesetze der Liebe ist zweifellos das folgende:

„Die Beziehungen zu einer Frau, die man liebt, können auch noch aus einem anderen Grunde platonisch bleiben als nur infolge der Tugend der Frau oder der wenig sinnlichen Natur der Liebe, die sie einzuflößen vermag. Dieser Grund kann darin bestehen, dass der Liebende, gerade aus dem Übermaß seiner Liebe heraus allzu ungeduldig, nicht genügend Gleichgültigkeit beim Abwarten des Augenblicks zu heucheln imstande ist, in dem er erlangen wird, was er sich wünscht. Immer wieder setzt er zum Angriff an, unaufhörlich schreibt er an die, die er liebt, er ist die ganze Zeit bemüht, sie zu sehen, sie verweigert sich ihm, er verzweifelt an seinem Glück. Von diesem Augenblick an hat sie begriffen, dass, wenn sie ihm ihre Gesellschaft und ihre Freundschaft zuteil werden lässt, die Vorteile dem, der sich ihrer bereits verlustig glaubte, so beträchtlich erscheinen werden, dass sie darauf verzichten kann, ihm noch mehr zu gewähren, und den Moment, in dem er es nicht mehr ertragen kann, sie nicht zu sehen, in dem er um jeden Preis dem Krieg ein Ende machen will, nutzen sollte, um ihm einen Frieden aufzuzwingen, dessen erste Bedingung in dem rein platonischen Charakter der Beziehungen zwischen ihnen beiden besteht. Im übrigen hat während der ganzen Zeit, die diesem Vertrag vorausgegangen ist, der Liebende, der immer ängstlich in unaufhörlicher Erwartung eines Briefes, eines Blickes dahinlebt, schon aufgehört, an den physischen Besitz zu denken, nach dem er gleichwohl zu Anfang so quälendes Verlangen trug, das sich jedoch in der Erwartung abgenutzt und Bedürfnissen anderer Art Platz gemacht hat, solchen, die im übrigen noch schmerzhafter sind, wofern sie keine Befriedigung finden. Dann empfängt man den Genuss, den man am ersten Tage von Zärtlichkeiten erhofft hatte, später in der völlig abgewandelten Form von freundlichen Worten, Versprechungen einer bloßen Anwesenheit, die nach den Wirkungen der Ungewissheit, manchmal auch schon nach einem von allen Nebeln der Kälte verschleierten Blick, der die Person, von der man glaubt, man werde sie niemals wiedersehen, in weite Ferne zu rücken pflegt, ganz köstliche Augenblicke der Entspannung mit sich führen. Die Frauen erraten das alles und wissen, dass sie sich den Luxus gestatten können, sich denen niemals hinzugeben, die zu nervös gewesen sind, um ihnen in den ersten Tagen das unstillbare Verlangen zu verheimlichen, von dem sie sie nun vollends verzehrt vor sich sehen. Die Frau ist nur zu glücklich darüber, wenn sie jetzt, ohne selbst irgendetwas zu geben, sehr viel mehr empfängt, als sie gemeinhin für ihre Hingabe zu erwarten hat. Stark nervöse Menschen glauben daher an die Tugend ihres Idols. Die Aureole aber, mit der sie es umkränzen, ist auf diese Weise ein – wie man sieht, sehr indirektes – Produkt ihres Liebesüberschwangs. Es existiert dann in der Frau etwas, das – wesentlich ohne ein Bewusstsein davon – in Medikamenten vorhanden ist, die ohne ihr Verschulden geradezu listig sind, wie Schlafmittel oder Morphium. Nicht für diejenigen, denen diese Medikamente die Lust des Schlafes oder ein wirkliches Wohlgefühl schenken, sind sie absolut unentbehrlich, nicht von ihnen werden sie mit Gold aufgewogen oder gegen alles eingetauscht, was der Kranke besitzt; das geschieht vielmehr von seiten der anderen Leidenden (im übrigen können es dieselben sein, aber erst nach ein paar Jahren, wenn sie andere geworden sind), denen das Medikament keinen Schlaf, keinerlei Lust verschafft, die aber, wenn sie es nicht haben, von einer Aufregung befallen werden, der sie um jeden Preis, selbst um den des Todes, ein Ende bereiten wollen.“ Und so bleibt es schließlich bei „ganz platonischen, aber doch aus Erotik etwas in die Länge gezogenen Begegnungen“.

Und zur Erklärung bestimmter individueller erotischer Vorlieben führt die Erzählerstimme aus:

„In den Personen, die wir lieben, ruht, durch uns fest in ihnen verhaftet, ein bestimmter Traum, den wir nicht immer herauserkennen, den wir aber verfolgen. …Gerade wegen dieses Individuellen übrigens, an dem man so leidenschaftlich hängt, ist schon die Liebe zu Personen etwas Ähnliches wie gewisse Abirrungen. Und sind nicht die Krankheiten des Körpers sogar, wenigstens diejenigen, die irgendwie mit dem Nervensystem zusammenhängen, ebenfalls gewisse von unseren Organen und Gelenken angenommene Spezialneigungen oder -abneigungen, aufgrund deren diese vor bestimmten Wetterlagen ein Grauen empfinden, das ebenso unerklärlich und ebenso eigensinnig ist wie die Neigung bestimmter Männer zum Beispiel zu Frauen, die einen Kneifer tragen, oder zu Kunstreiterinnen? Dieses Verlangen, das dann jedesmal der Anblick einer Kunstreiterin erweckt – wer vermag zu sagen, mit welchem chronischen, aber unbewussten Traum er verbunden ist, ebenso unbewusst und geheimnisvoll wie zum Beispiel für jemanden, der sein ganzes Leben lang unter asthmatischen Anfällen gelitten hat, der Einfluss einer ganz bestimmten Stadt, die scheinbar wie alle anderen ist, in der er jedoch zum erstenmal wieder frei atmen kann?“

Es ist Krieg

Die Romanhandlung ist mittlerweile im Ersten Weltkrieg angekommen. Auch in Paris kann kaum jemand dem Trommelfeuer aus Militärberichterstattung und patriotischer Propaganda entgehen. Die Erzählerstimme beurteilt dies kritisch, „aber man liest Zeitungen, wie man liebt: mit verbundenen Augen. Man versucht, den Dingen nicht auf den Grund zu gehen. Man hört die süßen Reden des Chefredakteurs mit an, wie man den Worten seiner Geliebten lauscht.“ Doch gibt es Personengruppen, die all das kalt lässt: „Tatsächlich stand die tiefe, durch den Krieg bewirkte Wandlung im umgekehrten Verhältnis zu dem Wert der betroffenen Geister, mindestens von einer gewissen Stufe an. Ganz unten beschäftigten sich die bloßen Dummköpfe und die einzig dem Amüsement zugewendeten Leute überhaupt nicht mit der Tatsache, dass Krieg war. Ganz oben aber haben die, die sich im Innern eine eigene Welt schaffen und darin leben, wenig Blick für die Wichtigkeit äußerer Ereignisse.“

Marcels Freund Robert de Saint-Loup trägt eine besonders patriotische Gesinnung zur Schau, wird ein, wie es heißt, „doktrinärer Theoretiker“ und meldet sich sogar freiwillig an die Front. Doch gibt es dafür offenbar noch andere Gründe… „Auch außerhalb der Homosexualität besteht bei Leuten, die dieser von Natur völlig abgeneigt sind, ein immer gegenwärtiges Ideal der Männlichkeit, das dem Homosexuellen, wofern er nicht ein sehr überragender Geist ist, recht gelegen dafür kommt, dass er es auf seine Weise verfälscht. Dieses Ideal gewisser Militärs“ ist nicht „das Ideal der Männlichkeit bei Homosexuellen wie Saint-Loup, aber ebenso konventionell und ebenso verlogen, weil sie sich selbst nicht eingestehen wollen, dass physisches Verlangen auf dem Grunde der Gefühle ruht, die sie aus anderen Quellen herleiten.“

Eine besondere Präferenz hat Robert de Saint-Loup dabei für Senegalesen, und er konsumiert bei der Armee begeistert Kokain. Schließlich erreicht Marcel eines Tages die traurige Nachricht, dass sein Freund Saint-Loup im Krieg gefallen ist.

Baron de Charlus wundert sich über den Krieg

Ebenfalls ein interessierter Beobachter des Krieges, jedoch ohne an diesem teilnehmen zu müssen, ist der inzwischen in die Jahre gekommene Onkel Robert de Saint-Loups, der Baron de Charlus.

„Die Situation von Monsieur de Charlus war die gleiche nicht mehr. Da er sich selbst immer weniger um die Gesellschaft kümmerte, sich infolge seines reizbaren Charakters mit ihr überworfen und im Bewusstsein seiner sozialen Höhenlage verschmäht hatte, sich mit der Mehrzahl der Personen wieder zu versöhnen, die die Blüte der großen Welt ausmachten, lebte er in einer relativen Isolierung…“ Es ist sogar so weit gekommen, dass sich dieser stolze Aristokrat mittlerweile hauptsächlich mit Leuten unter seinem Stand abgibt… Und da sich kriegsbedingt immer weniger junge Männer auftreiben lassen, denen nach wie vor seine erotischen Begierden gelten, weicht er mitunter auf kleine Jungen aus… In der Beurteilung des Krieges fehlt ihm jedes Vaterlandsgefühl, vermutlich weil seine Mutter eine Deutsche ist. Überhaupt beurteilt er das Geschehen sehr pointiert und mit ganz eigener Sichtweise.

Über den österreichischen Kaiser urteilt er: „Die schärfste Kritik, die ich an dem alten Souverän üben würde, ist, dass ein Herr seines Ranges, der Chef eines der ältesten und ruhmreichsten Häuser Europas, sich von einem im übrigen recht gescheiten Krautjunker leiten lässt, diesem Wilhelm von Hohenzollern, der letzten Endes ein bloßer Emporkömmling ist. Das gehört für mich zu den am meisten enttäuschenden Anomalien des Krieges.“

Und was ihn sonst noch stört am Krieg: „Man spricht von Vandalismus, von zerstörten Kulturdenkmälern. Aber liegt ein Vandalismus nicht auch in der Zerstörung so vieler prachtvoller junger Leute, die ganz unvergleichliche polychrome Bildnisstatuen waren? Muss nicht eine Stadt, die über keine schönen Männer verfügt, den gleichen Eindruck erwecken wie eine Stadt, deren gesamter Bestand an Werken der Bildhauerkunst vernichtet ist?“

Was ihm hingegen am Krieg gefällt: „Ich bewundere alle Helden dieses Krieges. Da sind zum Beispiel die englischen Soldaten…Nun, ich muss sagen, rein ästhetisch betrachtet, gleichen sie ganz den Athleten Griechenlands, jawohl Griechenlands, sie sind wie die Schüler Platons oder besser noch wie die Spartiaten. Ein Freund von mir ist nach Rouen gegangen, wo sie ihr Lager haben, er hat dort wundervolle Gestalten erblickt, wahre Weltwunder, wie man sie sich gar nicht vorstellen kann.“

Hinsichtlich der vielen Soldaten aus den französischen Kolonien in den Straßen von Paris befindet er: „‘Ist hier nicht der ganze Orient eines Decamps, eines Fromentin, eines Ingres, eines Delacroix enthalten?‘, sagte er zu mir, immer noch durch den Anblick eines vorbeigehenden Senegalnegers in eine Art von Erstarrung gebannt. ‚Sie wissen ja, ich persönlich interessiere mich für die Dinge und Geschöpfe immer nur als Maler oder als Philosoph. Im übrigen bin ich jetzt zu alt…‘“

Doch dies ist, wie sich zeigen wird, nur eine Schutzbehauptung…

Das Hotel der Lüste

Im weiteren Verlauf der Romanhandlung erhält der Leser tiefe Einblicke in das „nervöse Temperament und die tief leidenschaftliche Charakterveranlagung von Monsieur de Charlus“.
Zur Befriedigung seiner recht speziellen Begierden hat sein alter Bekannter (und homoerotischer Geliebter), der frühere Schneider Jupien, in Paris ein Hotel eingerichtet, das er – vom Baron de Charlus finanziert – nun betreibt. „Das Gewerbe, das er trieb, konnte freilich mit vollem Recht als eines der lukrativsten, aber auch als das letzte von allen angesehen werden.“ Dort lässt sich der Baron, während er von Marcel zufällig dabei beobachtet wird, „auspeitschen, bis das Blut spritzt“. Charlus bestand darauf, „dass man ihm um Hände und Füße Eisenringe von erprobter Festigkeit legte“, verlangte „nach der Geißel und grausamen weiteren Instrumenten, die äußerst schwer zu beschaffen waren…“

In diesem Hotel erfreut sich ein sehr gemischtes Publikum an (homosexuellen) Fetischen aller Art. So sind z.B. Kanadier aufgrund ihres Akzents sehr beliebt. „Wegen ihres Röckchens und weil gewisse sentimentale Träume sich oft mit solchen Wünschen verbinden, waren Schotten besonders gefragt.“ „Da aber jede Narrheit noch besondere Züge, manchmal auch noch eine Verstärkung von den Umständen her erhält, fragte ein Greis, dessen Neugier zweifellos einigermaßen befriedigt war, nachdrücklich immer wieder, ob man ihn nicht mit einem Kriegskrüppel in Verbindung setzen könnte.“

Eine weitere obskure Vorliebe des Baron de Charlus ist es, sich mit Kriminellen, vor allem mit Dieben und Mördern, zu vergnügen. Und obwohl er eigentlich durchschaut, dass die von Jupien engagierten jungen Männer ihm ihre angebliche Verdorbenheit nur vorspielen, „wünscht er sich selbst die Illusion, sie seien nicht eigens für ihn arrangiert.“ „Selbst die entschiedensten Diebe und Mörder hätten ihn nicht zufriedengestellt, denn sie bewegen sich alle mit ihren Worten nicht auf der Höhe ihres Verbrechens. Es besteht im übrigen in dem nach Sadismus Begierigen – selbst wenn er noch so gut ist, oder vielmehr erst recht, je besser er ist – ein förmlicher Durst nach dem Bösen, den die bösen Menschen, da sie ja ganz andere Zwecke im Auge haben, nicht befriedigen können. … Nichts ist begrenzter als Laster und Lust.“

„Im Grunde verriet sein Verlangen, gefesselt und geschlagen zu werden, in seiner Hässlichkeit einen ebenso poetischen Traum, wie es bei anderen der Wunsch war, nach Venedig zu reisen, oder Tänzerinnen auszuhalten. Monsieur de Charlus aber verlangte von diesem Traum freilich eine so weitgehende Illusion der Wirklichkeit, dass Jupien das hölzerne Bett, das in Zimmer Dreiundvierzig stand, verkaufen und durch ein eisernes ersetzen musste, das sich besser mit den Ketten vertrug.“

Lob der Dunkelheit: Luftschutzkeller als Darkrooms

Wie viele andere Kunden des besagten Hotels sehnt Baron de Charlus stets besonders den Bombenalarm herbei.

„Was machen Sirenen und deutsche Flugzeuge Leuten aus, die ihr Vergnügen suchen? Der gesellschaftliche und natürliche Rahmen, der unsere Liebeserlebnisse umgibt, beschäftigt uns beinahe gar nicht.“ „Ja mehr noch, die physische Gefahr, die sie bedrohte, befreite sie von der Furcht, von der sie in geradezu krankhafter Weise seit so langem schon besessen waren. … Während einiger Zeit würden jetzt die Polizeistreifen sich nicht um die so unwichtigen Lebensgewohnheiten der Einwohner kümmern, noch sie eventueller Schande überantworten. Einige von ihnen dachten aber sogar weniger daran, ihre moralische Freiheit wiederzuerlangen, als dass sie die Dunkelheit, die plötzlich in den Straßen herrschte, wie eine Verlockung empfanden. … Die Dunkelheit aber, die alle Dinge rings wie ein ganz neues Element umschließt, bringt die für gewisse Personen unwiderstehliche verlockende Wirkung hervor, das erste Stadium der Lust auszuschalten und unmittelbar in eine Phase der Zärtlichkeit einzutreten, zu der man gewöhnlich erst nach einiger Zeit gelangt. … Auch am Abend jedenfalls ist (wie schwach beleuchtet die Straße auch sei) mindestens ein Vorspiel fällig, bei dem zunächst nur die Augen das Vergnügen vorwegnehmen, da allein schon die Scheu vor den Vorübergehenden, auch vor dem begehrten Wesen selbst, einen zunächst daran hindert, mehr zu tun als zu schauen und zu reden. In völliger Dunkelheit wird dieses ewig alte Spiel jedoch überflüssig, die Hände, die Lippen, die Leiber können von vornherein sich betätigen. Notfalls stehen immer noch als Entschuldigung die Dunkelheit selbst und die Irrtümer zur Verfügung, die durch sie entstehen, wofern der Vorstoß schlecht aufgenommen wird. Findet man aber Verständnis, so erweckt in uns die unmittelbare Antwort des Körpers, der sich nicht zurückzieht, sondern annähert, die Vorstellung, dass die, an die wir uns schweigend wenden, vorurteilsfrei und eher lasterhaften Neigungen unterworfen sind, eine Vorstellung, die eine Vermehrung des Glücks bedeutet, ohne weiteres die Frucht genießen zu können, ohne sie zuvor mit den Augen zu begehren und um Erlaubnis zu bitten.“

Doch sind die vielen erotischen Exzesse des Barons de Charlus offenbar seiner Gesundheit nicht zuträglich. Nach einiger Zeit erleidet er einen Schlaganfall, was zu dauerhaften Sprachstörungen und seiner vorübergehenden Erblindung führt. Darüber hinaus leidet er an Depressionen. Doch selbst in diesem elenden Zustand stellt er noch jungen Männern nach…

Erinnerung als Rettung: Erschaffung eines Kunstwerks

Auch Marcel ist durch sein chronisches Lungenleiden gesundheitlich angeschlagen. Immer öfter begibt er sich in Sanatorien, um sich behandeln zu lassen. Und wie steht es um seine schriftstellerischen Ambitionen? „Da meine Trägheit mir die Gewohnheit mitgeteilt hatte, meine Arbeit immer von einem Tag auf den folgenden zu verschieben, stellte ich mir zweifellos vor, es könne mit dem Tod ebenso sein.“

Nein, an Albertine denkt er nach all den Jahren schon lange nicht mehr. „Niemals dachte ich mehr an sie.“ Und dann denkt er plötzlich doch wieder an sie an einem lauen Sommerabend in Paris: „Ach, hätte Albertine noch gelebt, wie herrlich wäre es dann gewesen, ich hätte mich mit ihr an Abenden, an denen ich in der Stadt zur Nacht gegessen hatte, im Freien unter den Arkaden treffen können! Zunächst hätte ich nichts gesehen, ich hätte die Aufregung durchgemacht zu glauben, sie habe das Rendezvous versäumt, dann aber hätte ich mit einem Male gesehen, wie sich von der schwarzen Mauer eines ihrer geliebten grauen Gewänder abhob und ihre lächelnden Augen mich bemerkten, und dann hätten wir eng umschlungen, ohne dass irgendjemand es sah und uns störte, zusammen nach Hause gehen können…Ach, ich war allein…“ „Ich durchmaß nicht die gleichen Straßen wie die Spaziergänger, die an diesem Tage sich im Freien ergingen, sondern eine gleitende, traurige, weiche Vergangenheit. Diese bestand im übrigen aus so vielen verschiedenen Vergangenheiten, dass es schwierig für mich war, den Grund meiner Schwermut zu begreifen…“

Marcels rettender Einfall wird wie folgt geschildert: „In dem Augenblick aber, in dem uns alles verloren scheint, erreicht uns zuweilen die Stimme, die uns retten kann; man hat an alle Pforten geklopft, die auf gar nichts führen, vor der einzigen aber, durch die man eintreten kann, und die man vergeblich hundert Jahre lang hätte aufsuchen können, steht man, ohne es zu wissen, und sie tut sich auf.“ Es ist die unwillkürliche Erinnerung an früher Erlebtes. Er tritt auf einen schlecht behauenen Pflasterstein und befindet sich – gefühlt – plötzlich auf dem Markusplatz in Venedig, wo ihm einst ähnliches passiert ist. Ganz zu Anfang des Romans weckte der Geschmack eines kleinen Madeleine-Küchleins die Erinnerung an seine Kindheit in Combray. Für Marcel sind dies „einzigartige Glücksmomente“:

„Wie in dem Augenblick, in dem ich die Madeleine gekostet hatte, waren alle Sorgen um meine Zukunft, alle Zweifel meines Verstandes zerstreut.“ „Warum hatten mir die Bilder von Combray und von Venedig so viel Freude gegeben, Freude, die einer Gewissheit glich und ohne sonstige Beweise genügte, mir selbst den Tod gleichgültig erscheinen zu lassen? …Weil in diesem Augenblick das Wesen, das ich zuvor gewesen war, außerzeitlich wurde und daher den Wechselfällen der Zukunft unbesorgt gegenüberstand. Nur außerhalb des Handelns und unmittelbaren Genießens war dieses Wesen zu mir gekommen, hatte es sich manifestiert, sooft das Wunder einer Analogie mich der Gegenwart enthob. Es hatte als einziges die Macht, mich zu den alten Tagen, der verlorenen Zeit wieder hinfinden zu lassen, während gerade das den Bemühungen meines Gedächtnisses und Verstandes immer wieder misslang.“

Die Zeit (wie auch der Raum) ist durch diese unwillkürliche Erinnerung aufgehoben. Nicht verstandesgemäß, sondern eher rein sinnlich. Marcel spürt eine „unbändige Lust zu leben“, jetzt, da „in ihm „ein wirklicher Augenblick der Vergangenheit wiedererstanden war.“ „Vielleicht weit mehr als das; etwas, was – zugleich der Vergangenheit und der Gegenwart zugehörig – viel wesentlicher als beide ist. So viele Male hatte im Laufe meines Lebens die Wirklichkeit mich enttäuscht, weil in dem Augenblick, da ich sie wahrnahm, meine Einbildungskraft, die mein einziges Organ für den Genuss der Schönheit war, sich nicht dafür verwenden ließ: auf Grund des unumstößlichen Gesetzes, dass einzig das Abwesende Gegenstand der Imagination sein kann. Hier nun hatte sich plötzlich die Wirkung dieses harten Gesetzes als neutralisiert und aufgehoben erwiesen durch einen wundervollen Kunstgriff der Natur, die eine Empfindung einmal in der Vergangenheit aufschillern ließ, was meiner Einbildungskraft sie zu genießen gestattete, zugleich aber auch in der Gegenwart, in der nun die wirkliche Aktivierung meiner Sinne … zu den Träumen der Einbildungskraft das hinzutat, was ihnen gewöhnlich fehlte, das heißt die Idee der Existenz; dank diesem Auskunftsmittel aber hatten sie meinem Wesen für die Dauer eines Blitzes erlaubt, etwas zu erlangen, zu sondern und festzuhalten, was es niemals erahnt hatte: ein kleines Quantum zusatzloser Zeit.“ „Das Wesen, das in mir wiedergeboren war… nährt sich einzig von der Essenz der Dinge und findet in ihr allein seinen Bestand und seine Beseligung. …Und unser wahres Ich, das manchmal seit langem tot schien, aber es doch nicht völlig war, erwacht und gewinnt neues Leben aus der göttlichen Speise, die ihm zugeführt wird.“ Für den so „von der Ordnung der Zeit frei gewordenen Menschen“ hat „das Wort Tod keinen Sinn mehr“, „was könnte er, der Zeit enthoben, für die Zukunft fürchten?“

Marcel ist wie berauscht von der Entdeckung dieser „der Zeit entzogenen Fragmente des Daseins“.„Ich hatte zu sehr die Unmöglichkeit an mir selbst erlebt, in der Wirklichkeit zu erreichen, was auf dem Grunde meines Inneren ruhte.“„Eindrücke von der Art derjenigen, die ich festzuhalten versuchte, konnten bei dem Kontakt mit einem unmittelbaren Genuss, der unfähig gewesen ist, sie zum Leben zu erwecken, nur verlorengehen. Die einzige Art, sie nachhaltiger zu genießen, bestand in dem Versuch, sie vollständiger da zu erkennen, wo sie sich befanden, das heißt in mir selbst, sie bis in ihre Tiefen klar und deutlich zu machen.“ „Ich fühlte sehr wohl, dass die Enttäuschung der Reise, die Enttäuschung der Liebe nicht verschiedene Enttäuschungen waren, sondern nur der sich wandelnde Aspekt, den je nach dem Faktum, an das er sich heftet, unsere Ohnmacht annimmt, sich im materiellen Genuss, im tatsächlichen Tun zu verwirklichen.“ „Denn die Wahrheiten, die der Verstand unmittelbar und eindeutig in der Welt des hellen Tageslichts aufgreift, besitzen weniger Tiefe, weniger innere Zwangsläufigkeit als diejenigen, die das Leben uns ohne unser Zutun in einem Eindruck mitgeteilt hat, der zwar gegenständlicher Natur ist, weil er durch die Sinne zu uns dringt, aus dem wir aber das geistige Element dennoch herauslösen können.“Nun macht er sich an die „Wiederauferweckungen durch die Kraft des Gedächtnisses“.

Wie das geschehen soll: „Ich musste versuchen, die Empfindungen als die Zeichen ebenso vieler Gesetze und Ideen zu deuten, indem ich zu denken, das heißt aus dem Halbdunkel hervortreten zu lassen und in ein spirituales Äquivalent umzusetzen versuchte, was ich empfunden hatte. Was anderes war dieses Mittel nun – das mir das einzige zu sein schien – als das Schaffen eines Kunstwerks?“ Er begreift das „Lesen im inneren Buch“ als „Schöpfungsakt“; die Kunst ist für ihn „das Wirklichste, was es gibt, die strengste Schule des Lebens und das wahre Jüngste Gericht.“ Es darf nur nicht zu intellektuell werden: „Die kräftig auftretende Versuchung für den Schriftsteller, intellektuelle Werke zu schreiben, dokumentiert einen großen Mangel an Verfeinerung. Ein Buch, das Theorien enthält, ist wie ein Gegenstand, an dem noch das Preisschild hängt. Man argumentiert, das heißt man redet um die Dinge herum… Die auszudrückende Wirklichkeit hat ihren Sitz – das war mir jetzt klar – nicht in dem äußeren Aspekt des Objekts, sondern in einer Tiefe, in der dieser Schein wenig Bedeutung hat…“

Die gealterte Gesellschaft

Noch ein letztes Mal begibt Marcel sich auf ein rauschendes Fest, einen Empfang der Prinzessin von Guermantes, um sich fortan dann aber wirklich nur noch seinem Buchprojekt zu widmen. Auf dem Empfang begegnen ihm zahlreiche alte Bekannte, deren altersbedingte Veränderung ihm sofort ins Auge springt.

„Ungeahnte Möglichkeiten hatte die Zeit aus diesem und jenem gezogen, aber diese Möglichkeiten schienen, obwohl sie rein physiognomischer oder körperlicher Natur waren, dennoch etwas Seelisches zu sein. Wenn die Gesichtszüge sich wandeln oder sich anders ordnen, wenn sie in einer gemeinhin langsameren Weise sich ausgleichen, nehmen sie mit einem neuen Aspekt auch eine neue Bedeutung an. Nicht mehr in einem zoologischen Sinne…, sondern in einem sozialen und psychologischen Sinn konnte man sagen, dass hier eine neue Person vor einem stand.“

In bitterem Sarkasmus betrachtet er den Menschen als „Wesen, das während der ganzen Dauer seines Weges in den Abgrund, in den es geschleudert wird, sich unaufhörlich deformiert“ .„Bei einigen Menschen hatte das nacheinander erfolgende, für mich aber in meiner Abwesenheit vollzogene Ersetzen jeder einzelnen Zelle durch eine andere eine so vollkommene Veränderung, eine so totale Metamorphose bewirkt, dass ich hundertmal beim Abendessen in einem Restaurant ihnen hätte gegenübersitzen können, ohne stärker zu verspüren, dass ich sie früher gekannt hatte…“

Seine eigene Alterung bemerkt Marcel vor allem am Verhalten seiner Mitmenschen. Als Gilberte, die ihre Ambitionen noch nicht ganz aufgegeben hat, ihm vorschlägt: „Wollen wir beide nicht allein in der Stadt zusammen zu Abend essen?“ und Marcel darauf antwortet: „Wenn Sie es nicht kompromittierend finden, allein mit einem jungen Mann zu dinieren“, löst dies bei den Umstehenden Gelächter aus, woraufhin Marcel sich korrigiert: „mit einem alten Mann“ – und niemand widerspricht! Jemand fragt Marcel, ob er noch sein Lungenleiden habe, und als dieser dies bejaht, setzt jener hinzu: „Sehen Sie, selbst mit dieser Krankheit kann man doch ein ganz schönes Alter erreichen.“

Doch altern, wie jeder weiß, der regelmäßig an Klassentreffen teilnimmt, nicht alle Menschen in gleichem Umfang und in gleichem Tempo: „Man hatte das Gefühl, dass es wie im Pflanzenreich Moose, Flechten und dergleichen auch unter den Menschen Arten gibt, die sich beim Nahen des Winters nicht verändern.“ „Die Zeit verfügt demnach über Schnell- und Sonderzüge, die rasch zu einem vorzeitigen Alter führen. Auf einem Parallelgeleise jedoch verkehren Züge in umgekehrter Richtung und fast ebenso schnell. Jemand hatte einen gescheiten Arzt gefunden und verzichtete seither auf Alkohol und Salz; so war er zu dem Status seiner dreißig Jahre zurückgekehrt und schien ihn an diesem speziellen Tag nicht einmal erreicht zu haben…“ „Aber ich hatte auch gesehen, dass die seelischen Zellen, aus denen ein Wesen sich zusammensetzt, beständiger sind als dieses Wesen selbst.“

Marcel erlebt „die Überraschung, mit Männern und Frauen zu sprechen, die früher unerträglich gewesen waren, jetzt aber ihre Fehler fast sämtlich abgelegt hatten, da offenbar das Leben durch Versagen oder Erfüllen ihrer Wünsche ihre Anmaßlichkeit oder Bitterkeit von ihnen genommen hatte. Eine reiche Heirat, dank der man Kampf oder Ostentation nicht mehr nötig hat, der Einfluss auch gerade der betreffenden Frau, die allmählich erworbene Kenntnis von anderen Werten als denjenigen, an die man in einer frivolen Jugend ausschließlich glaubt, hatten ihnen gestattet, ihren Charakter aus seiner Verkrampfung zu lösen und ihre Vorzüge wirksam hervorzukehren.“

Über den Alterungsprozess bei Frauen stellt er fest: „Fast alle Frauen aber kämpften gegen das Alter ohne Ermatten an und boten der Schönheit, die sich von ihnen entfernte wie ein Sonnenuntergang, dessen letzte Strahlen sie leidenschaftlich noch bewahren wollten, den Spiegel ihres Antlitzes dar.“ „Die Züge, in denen sich weniger die Jugend, wohl aber die Schönheit ausgeprägt hatte, waren bei den Frauen dahingeschwunden, und sie hatten daraufhin versucht, ob sie sich mit dem Gesicht, das ihnen verblieben war, eine andere herstellen könnten. Dadurch, dass sie das Zentrum, wenn auch nicht der Schwerkraft, so doch wenigstens der Perspektive ihres Gesichts verlagerten und die Züge einer anderen Wesensmöglichkeit gemäß darumgruppierten, legten sie mit fünfzig Jahren den Grund zu einer neuen Art von Schönheit, so wie man noch spät ein neues Handwerk erlernt oder einem Boden, der zum Weinbau nicht mehr taugt, Rüben abgewinnt.“

Mit Schrecken registriert Marcel, wie so manchen alten Bekannten bereits der Tod hinweggerafft hat. „Für die Leute des gleichen Alters und der gleichen Kreise aber hatte der Tod die einstige Bedeutung von etwas Fremdartigem verloren.“ „Denn jeder Sterbefall bedeutet für die anderen eine Vereinfachung ihrer Existenz, er nimmt einem alle Skrupel wegen des Erzeigens von Dankbarkeit ab und hebt den Zwang zum Besuchemachen auf.“

Natürlich fehlt es auch bei dieser Zusammenkunft der High Society nicht an Klatsch und Tratsch. Der Herzog von Guermantes hat angeblich im Alter von nunmehr 83 Jahren aufgehört, seine Frau zu betrügen, doch nun verliebt er sich doch noch einmal: ausgerechnet in Gilbertes über siebzigjährige Mutter Odette (der dies sehr schmeichelt). „Odettes Aussehen schien, wenn man ihr Alter kannte und sich auf eine alte Frau gefasst machte, ein erstaunlicherer Protest gegen die Gesetze der Chronologie als die Erhaltung des Radiums gegen die der Natur.“ Und auch mit der Tugend der deutlich jüngeren Herzogin von Guermantes, von der Marcel einst vorübergehend geschwärmt hatte, scheint es nicht mehr so weit her zu sein. Zumindest „behauptete Monsieur de Charlus…, dass die Legende von der Reinheit der Herzogin von Guermantes (seiner Schwägerin) in Wirklichkeit aus einer Unzahl von geschickt verhehlten Abenteuern bestehe.“

In seinen Gesprächen mit den Besuchern verblüfft Marcel ferner, wie unterschiedlich sich die Menschen an Zurückliegendes erinnern. „Auch bei sonst gleichem Gedächtnis erinnern sich zwei Personen nicht an die gleichen Dinge.“ „Im übrigen sind die Erinnerungen, die wir aneinander haben, die gleichen nicht einmal in der Liebe.“ „Denn das Gedächtnis, indem es die Vergangenheit in unveränderter Gestalt in die Gegenwart einführt – so nämlich, wie sie sich in dem Augenblick präsentierte, als sie selber noch Gegenwart war – bringt gerade jene große Dimension der Zeit zum Verschwinden, in der das Leben sich realisiert.“ So ist ein „Kunstwerk das einzige Mittel, die verlorene Zeit wiederzufinden.“

Bausteine einer ästhetischen Theorie

Entscheidend für das Gelingen eines (literarischen) Kunstwerks ist es in Marcels Augen somit, die Einwirkung der Zeit auf die menschliche Existenz herauszuarbeiten:

„Eine Sache, die wir zu einem bestimmten Zeitpunkt sehen, ein Buch, das wir lesen, bleibt für immer nicht nur mit dem verknüpft, was um uns her vorhanden war, sondern ebenso treu bleibt es verbunden mit dem, was wir damals waren.“ „Der Schnee, der die Champs-Elysees an dem Tage bedeckte, an dem ich in jenem Bande las, ist nie von ihm geschwunden, er liegt für mich noch immer darauf.“ „Eine Stunde ist nicht nur eine Stunde; sie ist ein mit Düften, mit Tönen, mit Plänen und Klimaten angefülltes Gefäß. Was wir die Wirklichkeit nennen, ist eine bestimmte Beziehung zwischen Empfindungen und Erinnerungen, die uns gleichzeitig umgeben,… eine einzigartige Beziehung, die der Schriftsteller wiederfinden muss…“

Eine Literatur, die dieses nicht zu leisten vermag, kann daher nicht viel taugen: „Die Idee einer populären Kunst schien mir ebenso wie die einer patriotischen Kunst wo nicht gefährlich, so doch auf alle Fälle lächerlich. Wenn dabei die Absicht bestand, die Kunst dem Volke zugänglich zu machen, indem man die Verfeinerung der Formen, die nur ‚für Müßiggänger da sind‘, opferte, so hatte ich jedenfalls genügend mit Damen und Herren der Gesellschaft verkehrt, um zu wissen, dass sie die wahrhaft Ungebildeten sind und nicht die Elektrizitätsarbeiter. (Die Klassen des Geistes nehmen keinerlei Rücksicht auf die Geburt.) In dieser Hinsicht wäre eine der Form nach volkstümliche Kunst eher für die Mitglieder des Jockeyclubs als für die der Gewerkschaft angebracht. Was ihren Gegenstand betrifft, so langweilen volkstümliche Bücher die Leute aus dem Volke ebenso sehr, wie sich Kinder mit Büchern langweilen, die speziell für sie geschrieben sind. Man möchte sich anderswohin versetzen, wenn man liest, und Arbeiter sind ebenso neugierig auf die Fürsten, wie Fürsten es auf Arbeiter sind.“

„Das wahre Leben, das endlich entdeckte und aufgehellte, das einzige infolgedessen von uns wahrhaft gelebte Leben, ist die Literatur. … Der Stil ist für den Schriftsteller wie die Farbe für den Maler nicht eine Frage der Technik, sondern eine Art zu sehen.“ „Dank der Kunst verfügen wir, anstatt nur eine einzige Welt – die unsere – zu sehen, über eine Vielheit von Welten…“

Ferner sollte gute Kunst immer auch der Desillusionierung dienen: „Die mühevolle Arbeit, die unsere Eigenliebe, unsere Leidenschaft, unser Nachahmungstrieb, unser abstrakter Verstand, unsere Gewohnheiten geleistet hatten, ist genau das, was die Kunst erst wieder beseitigen muss; denn gerade den umgekehrten Weg, den Weg, der zu den Tiefen zurückführt, in denen das, was wirklich existiert hat, von uns ungekannt, ruht, heißt es ja gehen. … Es bedeutet, dass man vor allem seine liebsten Illusionen ablegen, den Glauben an die Objektivität dessen, was man selbst sich mühsam erarbeitet hat, aufgeben muss.“

Voraussetzungen zur Schriftstellerei

Daher ist zur Herstellung eines großen Kunstwerks selbstverständlich nicht jeder berufen, und Marcel hat ernste Zweifel, ob er dieser Aufgabe gewachsen sein wird: „Ich hatte als junger Mensch im Schreiben über eine gewisse Leichtigkeit verfügt… Anstatt aber zu arbeiten, hatte ich in Trägheit, in Zerstreuung durch Vergnügen, in Krankheit dahingelebt, mich selbst und meine Manien gepflegt und unternahm nun mein Werk am Vortage meines Todes, ohne irgendetwas von meinem Metier zu verstehen.“ „Wie viele bleiben daher auch dabei stehen, die vielen, die nichts aus ihren Erlebnissen herausziehen und nutzlos und unbefriedigt altern, gleichsam als Hagestolze der Kunst! Sie erleben die Leiden der Jungfrauen und der Trägen, Leiden, denen Fruchtbarkeit oder Arbeit Heilung bringen würden…“ Aber genau hier, an der scheinbar verlorenen Zeit, setzt er an: „Dieser Begriff der entschwundenen Zeit, der vorübergegangenen und doch nicht von uns getrennten Jahre, war das, was ich jetzt herauszuarbeiten gedachte…“

Ferner hat Marcel als Idealvoraussetzung für einen Künstler und insbesondere Literaten ein grundlegendes Unglücklichsein ausgemacht: „Das Glück ist einzig heilsam für den Leib, die Kräfte des Geistes jedoch bringt der Schmerz zur Entfaltung.“ Und später heißt es: „Was das Glück anbelangt, so dient es fast nur einem nützlichen Zweck: das Unglück möglich zu machen. Wir müssen im Glück sehr süße und sehr starke Bande des Vertrauens und der Zuneigung knüpfen, damit ihr Bruch in uns jene unschätzbare, schmerzhafte Zerreißung schafft, die wir Unglück nennen. Wenn man nicht glücklich gewesen wäre, und sei es auch nur durch die Hoffnung, würde einen das Unglück jeweils ohne Grausamkeit und damit fruchtlos treffen.“

Und was ist selbstredend die Quelle des Unglücks schlechthin? „Eine Frau, von der wir nicht lassen können, die uns Leiden verursacht, zieht aus uns ganze Folgen weit tieferer und stärker an unser Lebensmark rührender Gefühle als ein Mann von überlegenem Geist, der uns interessiert. Je nach der Ebene, auf der wir leben, bleibt dabei die Frage offen, ob wir finden, dass ein bestimmter Verrat, durch den eine Frau uns Kummer bereitet hat, etwas Geringfügiges den Wahrheiten gegenüber bedeutet, die dieser Verrat für uns aufdeckt und die die Frau, die uns leiden macht, wohl kaum je begriffen hätte.“ Hier möchte man allerdings hinzufügen: Außer sie ist ihrerseits eine Intellektuelle, eine Frau von Geist oder gar eine Autorin…

Besonders unglücklich machen den Literaten übrigens Frauen mit teuren Ansprüchen: „Es ist etwas Merkwürdiges um diesen Kreislauf des Geldes, das wir Frauen schenken, die uns aus diesem Grunde unglücklich machen, das heißt uns die Möglichkeit zum Bücherschreiben verschaffen: man kann fast sagen, dass es mit den Werken wie mit den artesischen Brunnen ist, nämlich, dass sie sich um so höher erheben, je tiefer die Grube ist, die das Leiden in unserem Herzen ausgehoben hat.“ An dieser Stelle ist beiläufig an die ganz ähnliche Erkenntnis des Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki zu erinnern (der Marcel Prousts „Recherche“ nach eigener Auskunft aus Zeitmangel nie zu Ende gelesen hat!): „Wer gute Bücher schreiben will, muss viel gelitten haben.“ (Und er selbst hat ja bekanntlich immer sehr viel unter den vielen so s c h l e c h t e n Büchern gelitten, die er zu besprechen hatte, konnte später also vielleicht auch deshalb so eine glänzende Autobiographie schreiben.)

In jedem Falle aber gilt: „Unsere Leidenschaften skizzieren unsere Bücher, die Ruhepausen zwischen ihnen bewirken die endgültige Niederschrift.“ Und plötzlich entdeckt Marcel rückblickend, wie sehr ihm Albertine, indem sie ihm in all den Jahren so viele Schmerzen bereitet hat, doch eigentlich geholfen hat… „Dadurch, dass ich meine Zeit mit ihr vergeudete und sie mir Kummer bereitete, war mir Albertine vielleicht selbst in literarischer Hinsicht nützlicher gewesen als ein Sekretär, der meine Papiere in Ordnung gehalten hätte. Immerhin, wenn ein Wesen so schlecht eingerichtet ist (und vielleicht ist innerhalb der Natur dieses Wesen einfach der Mensch), dass er nicht lieben kann, ohne zu leiden, und wenn man leiden muss, um Wahrheiten zu erfahren, so wird das Leben eines solchen Wesens schließlich sehr ermüdend sein. Die glücklichen Jahre sind die verlorenen, man wartet auf einen Schmerz, um an die Arbeit gehen zu können… Da man aber einsieht, dass Leiden das Beste ist, was man im Leben finden kann, denkt man ohne Grauen – wie an eine Befreiung fast – an den Tod.“

Im Angesicht des Todes

Marcel spürt offenbar, obschon erst Mitte vierzig, dass seine Lebenszeit bald abgelaufen sein wird: „Einen Körper zu haben ist die große Bedrohung für den Geist, für das menschliche und denkende Leben… Der Körper schließt den Geist in eine Festung ein; bald aber wird diese von allen Seiten belagert sein, und zuletzt muss der Geist sich ergeben.“ „Das Ich, hinter dem gerade die Empfängnis seines Werkes lag…“ möchte dieses unbedingt noch vollenden. „Mit meinem Tode würde nicht nur der einzige Bergarbeiter verschwunden sein, der befähigt war, diese Erze zu schürfen, sondern sogar das Vorkommen selbst…“ Aber gerade diese Angst, nicht mehr rechtzeitig fertig werden zu können, treibt ihn an. „Die Krankheit hatte mir, als sie mich wie ein strenger geistlicher Berater der Welt absterben hieß, einen Dienst erwiesen.“

Nun gewinnt man bei der Lektüre allerdings den Eindruck, dass Marcel bei einer gesünderen Lebensführung (er schreibt die Nächte durch und schläft am Tag, verlässt nie seine Wohnung und bewegt sich kaum) sowie einem niedrigeren Arbeitstempo trotz seines Lungenleidens womöglich noch deutlich länger hätte leben und schreiben können. Doch ist er in seinem Schreibrausch nicht mehr aufzuhalten: „Das Glück, welches ich jetzt verspürte, rührte nicht mehr aus einer rein subjektiven Spannung meiner Nerven her, die uns von der Vergangenheit isoliert, sondern im Gegenteil von einer Ausweitung meines Geistes, in dem sich die Vergangenheit neu gestaltete, zur Gegenwart wurde und mir – nur für den Augenblick, ach! – Ewigkeitswert verlieh. Ich hätte diesen gern an diejenigen weitergegeben, die ich mit meinem Schatz hätte bereichern können.“ „Ich fühlte mich gewachsen um das Werk, das ich in mir trug.“

„Weil aber die Menschen in dieser Weise noch alle Stunden der Vergangenheit enthalten, können sie denen, die sie lieben, so viel Leid antun, denn damit hegen sie in ihrem Innern auch viele Erinnerungen an Freuden und Wünsche, die für sie schon ausgelöscht sind, aber so grausam noch für den, der den geliebten Leib, um dessentwillen er an Eifersucht krankt – an einer solchen Eifersucht, dass er seine Zerstörung wünscht – betrachtet und in seiner gesamten Erstreckung über die Ebenen der Zeit erblickt. Denn nach dem Tode zieht die Zeit sich aus dem Körper zurück, und die schon so gleichgültig gewordenen, blassen Erinnerungen sind nun von der, die nicht mehr ist, fortgewischt und werden es bald auch von dem sein, den sie immer quälen, in dem aber endlich auch sie einmal sterben werden, wenn das Verlangen nach einem lebendigen Leib sie nicht mehr unterhält.“

„Ein Gefühl der Ermüdung und des Grauens befiel mich bei dem Gedanken, dass diese ganze lange Zeit nicht nur ohne Unterbrechung von mir gelebt, gedacht und wie ein körperliches Sekret abgelagert worden, und dass sie mein Leben, dass sie ich selber war, sondern, dass ich sie auch noch jede Minute bei mir festhalten musste, dass sie mich, der ich auf ihrem schwindenden Gipfel hockte und mich nicht rühren konnte, ohne sie ins Gleiten zu bringen, gewissermaßen trug. … Es schwindelte mir, wenn ich unter mir und trotz allem in mir, als sei ich viele Meilen hoch, so viele Jahre erblickte.“ So lassen sich am Ende „die Menschen als Wesen beschreiben, die neben dem so beschränkten Anteil an Raum, der für sie ausgespart ist, einen im Gegensatz dazu unermesslich ausgedehnten Platz … einnehmen in der ZEIT.“

Mit diesen Worten endet also die „Suche nach der verlorenen Zeit“, das vielleicht ambitionierteste Romanprojekt aller Zeiten, welches allein schon seiner Länge und Kompliziertheit wegen so gar nicht mehr in unsere kurzatmige Zeit zu passen scheint. Doch umso glücklicher kann sich schätzen, wer dennoch genug Zeit und Ruhe gefunden hat, um sich der Lektüre dieses Meisterwerks zu widmen – und mit einer Fülle ganz zeitloser Einsichten in die Untiefen seiner Existenz beschenkt wird. Und gibt es denn einen exklusiveren Club als den Club der Rechercheure?

Marcel Proust
Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Band 7: Die wiedergefundene Zeit
Übersetzung von Eva Rechel-Mertens, 500 Seiten
Suhrkamp Verlag

justament.de, 18.3.2019: Liebeskonfusion kurz vor dem Mauerfall

Recht cineastisch, Teil 34: „Adam und Evelyn“ von Andreas Goldstein

Thomas Claer

Das Leben in Diktaturen ist, wie jeder weiß, kein Zuckerschlecken. Doch selbst dort kann man sich mitunter ganz behaglich einrichten, womöglich sogar ein kleines privates Paradies erschaffen. Adam (Florian Teichtmeister), die Hauptfigur in Andreas Goldsteins Debüt-Film „Adam und Evelyn“ nach dem gleichnamigen Roman von Ingo Schulze (2008), hat es nicht schlecht getroffen. Als freischaffender Damen-Konfektionsschneider in einer DDR-Kleinstadt kann er weitgehend tun und lassen, was er will. Die Staatsmacht kommt ihm, der politisch indifferent und ambitionslos ist, nicht in die Quere. Seine Aufträge kann er sich aussuchen, denn die sozialistische Mangelwirtschaft mit ihren potthässlichen Bekleidungs-Erzeugnissen aus den volkseigenen Betrieben sorgt für zuverlässige Nachfrage seiner Kundinnen nach hübschen und kunstvoll individuell geschneiderten Klamotten. Außerdem hat Adam mit der 28-jährigen Kellnerin Evelyn (er selbst ist schon einige Jahre älter) eine bildhübsche Freundin an seiner Seite und unterhält darüber hinaus noch erotischen Kontakt zu einer seiner Kundinnen, was sich wiederum besonders gut mit seinem Hobby verträgt, der Fotografie weiblicher Akte. Und so sitzt er nun tagaus, tagein entweder nähend in seinem idyllischem Garten oder Fotos entwickelnd im dunklen Keller seines großen, alten Hauses, das er nach dem Tod seiner Eltern gemeinsam mit Evelyn bewohnt. Doch irgendwann läuft Evelyns Eifersucht aus dem Ruder und bringt so eine Lawine ins Rollen. Hinzu kommt, dass wir uns im Wende-Jahr 1989 befinden. Niemand unter den fünf Protagonisten, die ihren Sommer-Urlaub am Balaton in Ungarn verbringen (neben Adam und Evelyn sind noch deren Freundin und Kollegin Simone, deren angeberischer West-Cousin Michael und Adams zur Republikflucht entschlossene Bekanntschaft Katja mit von der Partie), ahnt etwas von den grundstürzenden politischen Ereignissen, die unmittelbar bevorstehen. Und die sich bald auch mit den Liebeskonfusionen unter den Hauptpersonen verschränken…

Dem bereits 55-jährigem Film-Newcomer Andreas Goldstein, einem (weiteren) Sohn des DDR-Funktionärs Klaus Gysi, gelingt es über weite Strecken, die ganz eigentümliche Atmosphäre aus Ingo Schulzes vielschichtigem und anspielungsreichem Roman (mit hintergründig- ironischer BIBEL-Metaphorik) einzufangen. Zwar wirken die Figuren manchmal ein wenig hölzern und die Kameraführung etwas statisch, doch passt gerade dies gar nicht schlecht zu den dargestellten Ostdeutschen jener Zeit. Gut getroffen ist auch der „Besserwessi“ Michael, ein Biologe aus Hamburg, der mit dickem Auto und noch dickerer Brieftasche (und dabei einen FDP-Spruch nach dem anderen raushauend) vorübergehend Eindruck auf schöne Ost-Frauen wie Evelyn macht. Und besonders gelungen sind – wie schon in der Romanvorlage – die Dialoge zwischen den Beteiligten. Kostprobe: „Ist schon schlimm“, sagt Michael, „dass ihr im Osten so eingesperrt seid. Ihr kriegt ja gar nichts von der Welt zu sehen.“ Darauf Adam: „Also ich kriege immer eine Menge zu sehen, dazu muss ich nicht mal meinen Garten verlassen…“ Kurzum, eine gelungene und sehenswerte Roman-Adaption.

Adam und Evelyn
Deutschland 2018
1 Stunde 40 Minuten, FSK: 0
Regie: Andreas Goldstein
Drehbuch: Andreas Goldstein, Jakobine Motz
Darsteller: Florian Teichtmeister (Adam), Anne Kanis (Evelyn), Lena Lauzemis (Katja),Milan Zerzawy (Michael), Christin Alexandrow (Simone) u.v.a.

justament.de, 11.3.2019: Heiter statt wolkig

„Die Heiterkeit auf ihrem großartigen vierten Album „Was passiert ist“

Thomas Claer

Juristen-Popstars, also erfolgreiche Gesangskünstler mit abgeschlossener juristischer Ausbildung, gibt es keineswegs wie Sand am Meer. Dieter Meier von Yello fällt einem da ein und auch noch der singende Rechtsanwalt Paolo Conte. Aber sonst? Von Juristinnen mit Popstar-Status hatte man bislang sogar noch nie etwas gehört. Doch nun ist alles anders, denn wir haben Stella Sommer, 32, examinierte Juristin, und ihre gefeierte Band „Die Heiterkeit“, mit der sie parallel zu ihrer Juristenausbildung seit 2010 drei vielbeachtete Alben aufgenommen hat. (Hinzu kommt noch ein sogenanntes Soloalbum im vorigen Jahr.)

Dieser Bandname, das muss man wissen, war von Anfang an nicht gerade als programmatisch zu verstehen. Reichlich unterkühlt in jeder Hinsicht präsentierte sich die ursprünglich aus Sankt Peter-Ording in Schleswig-Holstein stammende junge Dame mit den kryptischen Texten und der markanten Stimme (zwischen Nico und Hildegard Knef) auf ihren früheren Veröffentlichungen. Aber jetzt, auf ihrer vierten Platte, muss, wie es der Albumtitel bereits andeutet, etwas passiert sein. Denn eine ganz andere, viel positivere, ja überschwängliche Grundstimmung – vor allem im Vergleich zum etwas zwiespältigen Vorgängeralbum „Pop und Tod I+II“ von 2016 – durchzieht „Was passiert ist“. Die von der Musikpresse einst ausgerufene „Göttin aus Hamburg“, die mittlerweile längst in Berlin lebt, hat sich hier regelrecht neu erfunden. Vor allem gilt das für ihre Texte. Was bei ihr früher zumeist vage, wolkig und unbestimmt klang, ist nun erfreulich zugänglich geworden.

Man könnte auch sagen: Als Textdichterin ist Stella Sommer spürbar gereift. „Zeit ist nur ein Gummiband, das man zwischen Menschen spannt“, heißt es in „Jeder Tag ist ein kleines Jahrhundert“. (Ein wahrlich abgründiger Vers, wenn man es bedenkt.) Und „Das Loch ist bodenlos und frisst sich langsam groß“. Zu erleben sind kraftvolle Texte mit mutigen, unverbrauchten Metaphern. „Die Sterne am Himmel sind ausgelaufen, der Himmel ist jetzt ein Aschehaufen“. Wer so textet, geht voll ins Risiko – und wird am Ende belohnt. Man ahnt es ja, was das lyrische Ich umtreibt. „Ich bin in allem, was du siehst, in den Büchern, die du liest.“ „Es ist nur ein Blick, es ist ein Trick, es geht voran und zurück.“ Und „Ich bin in allem, was du kennst, eine Kerze, die immer brennt.“ Die Eisprinzessin wurde zum Schmelzen gebracht, wirkt befreit und beglückt.

Musikalisch ist dieses – Gott sei Dank nicht wieder so überlange – Album vielschichtig geraten mit Klavier, Bläsern und viel Elektronik. Nur selten wird es etwas rockig. Und leider gibt es gar keine Schrammel-Gitarren mehr, die noch die ersten beiden Heiterkeits-Platten geprägt hatten. Dafür aber viele Chöre, immer haarscharf an der Grenze zum Schlagerkitsch. Doch fällt das alles gar nicht besonders ins Gewicht, denn wir haben ihre Stimme, und wir haben ihre Texte. Auch die Kompositionen sind durchweg beachtlich, es sind kaum schwächere Songs auszumachen. Besonders schön vielleicht: „Wie finden wir uns?“ – eine wahrlich große, vieldeutige Frage. Und dann heißt es in „Alles sieht groß aus“: „Wir wissen, was zu tun ist, und heben es uns auf“.

Stella Sommer hat auf dieser Platte etwas ganz Eigenständiges geschaffen. Das Urteil lautet: gut (13 Punkte)

Die Heiterkeit
Was passiert ist
Buback 2019

http://dieheiterkeit.de/

justament.de, 4.3.2019: Ich bin einzigartig!

Trendbücher (2): „Die Gesellschaft der Singularitäten“ von Andreas Reckwitz

Thomas Claer

Die Älteren unter uns werden sich vielleicht noch erinnern: Es gab tatsächlich mal eine Zeit, in der die meisten Menschen „normal“ sein und möglichst nicht auffallen wollten. Man war völlig zufrieden, wenn man einfach nur einer von vielen war. Doch das ist lange her. Inzwischen leben wir nämlich längst in einer – Achtung, jetzt kommt das Schlagwort! – „Gesellschaft der Singularitäten“. Der Soziologe Andreas Reckwitz (Jahrgang 1970), Inhaber eines Lehrstuhls für Kultursoziologie in Frankfurt/Oder, hat mit dieser Formulierung den heutigen Zeitgeist auf den Punkt und zugleich auf den Begriff gebracht. Nicht weniger als eine neue Gesellschaftstheorie auf 485 Seiten präsentiert er in seinem gleichnamigen, mittlerweile vielgerühmten Werk.

Singularisierung bedeutet darin „das komplizierte Streben nach Einzigartigkeit und Außergewöhnlichkeit, die zu erreichen freilich nicht nur subjektiver Wunsch, sondern paradoxe gesellschaftliche Erwartung geworden ist.“ Für Reckwitz ist sie kein bloßes Rand- oder Oberflächenphänomen, sondern steht schon seit den 1970er/1980er Jahren „im Zentrum der spätmodernen Gesellschaften“ und markiert einen „struktureller Bruch zwischen der industriellen Moderne und der Spätmoderne“. „Jener bis in die 1970er Jahre herrschende westliche Subjekttypus, den David Riesmann als ‚sozial angepasste Persönlichkeit‘ beschrieb, der Durchschnittsangestellte mit Durchschnittsfamilie in der Vorstadt, ist in den westlichen Gesellschaften zur konformistisch erscheinenden Negativfolie geworden, von der sich das spätmoderne Subjekt abheben will.“ Als „Leitmilieu der Spätmoderne“ hat der Verfasser die „hochqualifizierte Mittelklasse“ ausgemacht: „An alles legt man nun den Maßstab der Besonderung an: wie man wohnt, was man isst, wohin und wie man reist, wie man den eigenen Körper oder den Freundeskreis gestaltet. Im Modus der Singularisierung wird das Leben nicht einfach nur gelebt, es wird kuratiert. … Die allgegenwärtigen sozialen Medien mit ihren Profilen sind eine der zentralen Arenen dieser Arbeit an der Besonderheit. Das Subjekt bewegt sich hier auf einem umfassenden sozialen Attraktivitätsmarkt, auf dem ein Kampf um Sichtbarkeit ausgetragen wird, die nur das ungewöhnlich Erscheinende verspricht.“ Kurz gesagt: „Singularitätsmärkte sind primär Aufmerksamkeits- und Attraktivitätsmärkte“.

Aber wie konnte es überhaupt so weit kommen, dass inzwischen beinahe jeder etwas ganz Besonderes sein will? Laut Reckwitz liegt dies vor allem an drei sich wechselseitig verstärkenden Faktoren: (1) dem Entstehen einer postindustriellen Ökonomie der Singularitäten (im Anschluss an die industrielle „organisierten Moderne“, die ihren Höhepunkt ca. 1920 bis 1970 erreicht hatte), (2) der technischen Revolution der Digitalisierung (die sich in den vergangenen Jahren noch einmal enorm beschleunigt hat) sowie (3) einer vom Lebensstil der neuen Mittelklasse getragenen Authentizitätsrevolution (für die nach 1968 die Werte der Individualität und Authentizität maßgeblich wurden). Ein ökonomischer, ein technologischer und ein soziokultureller Faktor wirken hier also zusammen.

Interessant ist ferner, was Reckwitz zur „Singularisierung der Arbeitswelt“ zu sagen hat: „Vor allem die Arbeitssubjekte selbst werden in der Spätmoderne singularisiert, gefragt sind nicht allein formale Qualifikationen, sondern ist die Pflege eines originellen, möglichst einzigartigen Profils, also ein in seiner Zusammensetzung jeweils singuläres Bündel aus Kompetenzen, Talenten, Potentialen und Persönlichkeitsmerkmalen, das die Nicht-Austauschbarkeit und Unterscheidbarkeit des Arbeitssubjekts sicherstellt. Die Kompetenz-, Talent- und Potenzialbündel der Subjekte kommen in der singularistischen Arbeitswelt nicht in Form von formal-sachlicher Leistung und allgemeiner Vergleichbarkeit zur Geltung, sondern als Performanz. Das spätmoderne Arbeitssubjekt ist ein Performanzarbeiter, der seine Einzigartigkeit, ähnlich einer Casting-Konstellation, vor einem Publikum aufführt.“ Die Rede ist auch von einer „Selbstsingularisierung des Profil-Subjekts“.

Problematisch an dieser Entwicklung ist nun allerdings, dass sie den gesellschaftlichen Zusammenhalt unterminiert. Denn seit den 1980er Jahren, so Reckwitz, lasse sich „eine verstärkte Polarisierung zwischen neuer Mittelklasse (zuzüglich der Oberklasse) und der neuen Unterklasse (und teilweise der alten Mittelklasse) ausmachen“. „Während die neue Mittelklasse eine offensiv zur Schau getragene Selbstkulturalisierung betreibt, dominiert in der Unterklasse die Alltagslogik des ‚muddling through‘ (d.h. des sich Durchwurschtelns oder Durchs-Leben-Quälens). Durch ‚Prozesse der Valorisierung und Entwertung zwischen den Klassen‘ werden die Lebensformen der Unterklasse (und zum Teil auch der alten Mittelklasse) zum Gegenstand der Entwertung. Charakteristisch für die Gesellschaft der Singularitäten ist also eine ‚Kulturalisierung der Ungleichheit‘“. Das bedeutet, dass der distinktive (vor allem auf einer kulturellen Ebene großkotzige) Lebensstil der großstädtischen Mittelklasse, ihre Praktiken des Essens, Wohnens und Reisens u.s.w. – von der Altbauwohnung im angesagten Szeneviertel bis zum Yoga-Camp in Fernost – eine ständige Provokation all derer darstellen, die davon ausgeschlossen bleiben und sich abgehängt fühlen. „Die Kultur dient als Ressource zur Bereicherung und Aufwertung des Selbst“ – auf Kosten derer, die sich nicht dazu gehörig fühlen (müssen). „Der Liberalismus der grenzenlosen Märkte hat die Polarisierung zwischen hoch- und geringqualifizierter Arbeit, zwischen sozialkulturellen Aufsteigern und Absteigern, zwischen Boomregionen und schrumpfenden Regionen weiter entfesselt.“ So wird die Singularisierung zur „Quelle von Defiziterfahrungen“ und zum „Enttäuschungsgenerator“. Laut Reckwitz ist unsere Gesellschaft politisch herausgefordert, auf diese sozialen und kulturellen Entwertungsprozesse eine Antwort zu geben.

Andreas Reckwitz
Die Gesellschaft der Singularitäten
Suhrkamp Verlag 2017 485 Seiten; 28 Euro
ISBN: 978-3-518-58706-5