justament.de, 1.6.2026: Für so’n richtig verschärftes Leben
Recht cineastisch Spezial: Vor 50 Jahren erschien “Nordsee ist Mordsee” von Hark Bohm
Thomas Claer
“Ich träume oft davon / Ein Segelboot zu klau’n / Und einfach abzuhau’n”. So wild und romantisch textete damals, vor einem halben Jahrhundert, der junge Udo Lindenberg, dessen 80. Geburtstag wir vor wenigen Wochen feiern konnten. Allerdings ist dieser Song, den man wohl als einen seiner stärksten bezeichnen kann, auf keinem regulären Lindenberg-Album enthalten, nur auf dem Soundtrack zum Jugendfilm “Nordsee ist Mordsee” von Hark Bohm und später als Eröffnungslied auf der CD “Raritäten und Spezialitäten” (1998). Doch ist “Nordsee ist Mordsee”, der vierte Film des großen Hamburger Regisseurs und Drehbuchautors Hark Bohm (1939-2025), weit mehr als nur ein Udo-Lindenberg-Musikfim, sondern ebenso ein packendes Sozialdrama und zugleich die Geschichte einer wunderbaren Freundschaft, wie sie wohl nur Jugendliche schließen können.
Der 14-jährige Uwe (Uwe Enkelmann), der regelmäßig von seinem zumeist alkoholisierten Vater geschlagen wird, ist der Anführer einer gefürchteten Jugendbande in der Hamburger Hochhaussiedlung Wilhelmsburg. Mit seinen Kumpanen knackt er Spielautomaten und verprügelt Mitschüler. Zu ihren Opfern zählt auch der gleichaltrige asiatischstämmige Dschingis (Dschingis Bowakow). Doch später befreunden sich die beiden Jungen, reißen von zu Hause aus und segeln mit einem kleinen Boot auf der Elbe in Richtung Nordsee. Insofern ist diese herzergreifende Geschichte auch ein Vorläufer von Wolfgang Herrndorfs Roman “Tschick” (2010), für dessen Verfilmung (2016) durch Fatih Akin niemand anders als Hark Bohm das Drehbuch verfasste. Wer sich “Nordsee ist Mordsee” noch einmal – oder auch erstmalig – anschauen möchte, kann den Film übrigens in voller Länge auf YouTube finden.
Nordsee ist Mordsee
BRD 1976
87 min; FSK: 12
Regie/Drehbuch/Produktion: Hark Bohm
Musik: Udo Lindenberg
Darsteller: Uwe Enkelmann (Uwe Schiedrowsky), Dschingis Bowakow (Dschingis Ulanow) u.v.a.
justament.de, 1.6.2026: Enthemmte Macht-Junkies
Peter Sloterdijk als Staatsphilosoph in “Der Fürst und seine Erben”
Thomas Claer
Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Diese Erkenntis, die sich bei der Lektüre von Peter Sloterdijks neuem staatsphilosophischem Essay “Der Fürst und seine Erben. Über große Männer im Zeitalter der gewöhnlichen Leute” über weite Strecken einstellt, ist zwar alles andere als beruhigend, hat aber immerhin etwas Tröstliches. Denn das Gefühl, dass einem angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen gerade der Boden alles Sichergeglaubten unter den Füßen weggezogen wird, das hatten auch schon frühere Generationen, zumindest immer mal wieder. Populismus? Hatte seine Urszene schon 1852, als sich Napoleon III. zum Kaiser von Frankreich ausrufen ließ. Ein “an die Macht gestolperter Megalopath” (Sloterdijk) wie Trump an der Spitze der ältesten Demokratie der Neuzeit? Stehe in einer langen Reihe von egomanischen Figuren in der langen Perversionsgeschichte “verwilderter Vertikalität”.
Aber unsere jüngsten technischen Errungenschaften, die sind doch nun wirklich ganz neu, oder etwa nicht? Laut Sloterdijk ist Heideggers These, wonach nichts in der modernen Technik sei, was nicht zuvor schon in der Metaphysik gewesen sei, noch hinzuzufügen, es sei auch nichts in der Metaphysik, was nicht schon vorher in der Magie gewesen war. Erst so lasse sich “Technik wirklich angemessen verstehen – nämlich als rationalisierte, operationalisierte, erfolgsgeprüfte Wahrmachung magischer Impulse.” So sei “die Weltgeschichte als ein Drama aufzufassen, in dem der Radius des Schadenszaubers in die Ferne fortwährend modifiziert wurde.” Konkret bedeute das: “Aus den frühen, scheinbar spurlos verschwundenen Regungen des bösen Willens in die Ferne, des Schadenszaubers, der intensiven Verfluchung, der Totsagung, der sibyllinischen Prophetie, sind heute mehr oder weniger einfach zu handhabende technische Geräte geworden. Sie stehen zumeist im Dienst politischer Systeme, die ihre Selbstbehauptung mit ihrer Selbsterweiterung verbinden wollen. Man bedenkt in der Regel nicht, dass die Szene, die man gegenwärtig als Hacker und Trolle bezeichnet, aus den Nachkommen der Schadenszauberer besteht.”
Wie man also sieht und liest, ist der inzwischen 78-jährige Peter Sloterdijk in diesem kleinen Bändchen mal wieder richtig in seinem Element und versprüht darin immerfort seine stets originellen Gedankenblitze. Die Gesellschaftsgeschichte der Menschheit erzählt er in “Der Fürst und seine Erben” als Aufeinanderfolge dreier gravierender Sündenfälle: erstens der Vertreibung der Menschen aus ihrem paradieschen Naturzustand “in die Welt der Not und Sorge”, zweitens ihres “Sturzes in den hierarchisierten Staat” und drittens der “stets drohenden Vergewaltigung des Einzelnen durch aufdringliche Fiktionen eines fusionierten Gemeinwillens”. Insofern nimmt der Philosoph eher eine Perspektive “von unten” ein, jene der Untertanen nämlich, denen von den jeweils Mächtigen über alle Epochen hinweg immer wieder übel mitgespielt worden ist.
Machtausübung ist nämlich, das muss man wissen, eine der härtesten Drogen überhaupt. Laut Gerhard Ritter (1888-1967) ist “die Macht eine dunkle Größe, die ihre Träger wie eine Sucht in Besitz nimmt und ihre Persönlichkeit zersetzt.” So sei es laut Sloterdijk nicht verwunderlich, “wenn viele homines politici von ihrer Droge nicht lassen wollen – sie nehmen Verfassunggsbrüche in Kauf, um weiter an ihren Stoff zu kommen. Nicht selten werden nach dem Amtsentzug die Memoiren zu ihrer Ersatzdroge.”
Befördert wird die leider immer wieder zu beobachtende Skrupellosigkeit von Herrschenden aber auch von kalten Theoretikern der Machtausübung wie dem von Sloterdijk ausführlich porträtierten Niccolo Machiavelli (1469 -1527), der, so Sloterdijk, heute zweifellos “Chef eines Consulting-Unternehmens” sein würde. Dem florentinischen Sekretär zufolge müsse ein politischer Herrscher vor allem dazu fähig sein, “nicht Gutes zu tun”, da er sich anderenfalls nur schwerlich in seinem Amt halten könne. Doch resümiert Sloterdijk, dass nach all den Schrecken und Großkatastrophen insbesondere des 20. Jahrhunderts die Mächtigen heutiger Tage von Macchiavelli nun wirklich nichts mehr zu lernen hätten.
Nicht weniger ausführlich erfolgt Sloterdijks Auseinandersetzung mit dem Staatsphilosphen und Verfassungsjuristen Carl Schmitt (1888-1985), der “mit seinen antiliberalen Sympathien für die Diktatur als optimalem und in unruhigen Zeiten allein richtigen Modus von Politik” gerade eine Art Mann der Stunde sei. Man müsse befürchten, so Sloterdijk, Carl Schmitt, würde er heute in den USA leben, hielte sich beim Tross um Donald Trump auf, ja, er wäre wohl auch bereit, zu dozieren, es sei die Mission dieses Mannes, uns vor den gefährlichen Schwächen des Liberalismus zu retten.” Doch gesteht Sloterdijk dem notorischen “Kronjuristen des Dritten Reiches” zu, er habe “im Konzept des Volks als Souverän eine morsche Stelle gefunden”.
Der “Volkssouveränität” als neuzeitlichem Ersatz für die monarchische Herrschaft hat Sloterdijk ein ganzes Kapitel gewidmet. “Man wird wohl zugeben”, so führt er darin aus, “nie wurde ein noblerer Traum geträumt als der von der Gleichvernünftigkeit aller oder zumindest der vielen”. Jedoch: “Man muss sich sowohl politisch wie in personalen Dingen mit der Erkenntnis abfinden, dass der Abbau von Naivität das teuerste Verfahren bei der Behandlung von erblichen Fehlstellungen des Bewusstseins ist.” Die Quelle aller Verwirrung hinsichtlich der philosophischen Begründung der Volkssouveränität liege “im eiligen Übergang vom Ich zum Wir”. Das Problem sei nämlich: “Was man gemeinhin Demokratie nennt, ist eine Veranstaltung zur Sedierung von Königen, die sich durch ihre Vielzahl gegenseitig behindern”. Die Fiktion der Volkssouveränität hänge aber letztlich an der Unterstellung, “wonach jeder einzelne Bürger als Inhaber eines Quantum souveränmachender Vernunft fähig sein sollte, seine eigenen Interessen und die des Gemeinwohls angemessen auszulegen. … Adel verpflichtet, Volkssouveränität erst recht.”
Doch sei das, wie schon die historische Erfahrung lehre, wohl zu optimistisch gedacht gewesen. “Von der Brüchigkeit der Idee, nach welcher alle ‘Gewalt’ von dem jetzt souverän genannten Volk ‘ausgehe’, lieferten die Ereignisse zwischen 1789 und 1914 für jeden, der es wissen wollte, eine sehr deutliche Vorstellung.” Allein in Frankreich habe es “vier Rückfälle zu monarchoiden Verhältnissen” gegeben, weshalb leider oft gegolten habe: “Wer Demokratie sät, wird Diktatur ernten.”
So sei es auch eigentlich keine Überraschung, dass nach vielen ruhigen Jahrzehnten das Konzept der Volkssouveränität aktuell wieder unter Druck geraten sei. “Die Krise der Demokratie, die heute in aller Munde ist, geht aus dem Kollaps des Glaubens an die Konvergenz der einzelnen Vernünftigkeiten hervor. Kein Mensch ist noch naiv genug anzunehmen, dass das, was in den Hauptstädten geschieht, ein Output ist aus dem, was die konvergierenden inneren Königtümer des vorgeblichen Souveräns namens Volk kraft ihrer Besonnenheit und Wohlberatenheit wirklich möchten.” Tatsächlich sei es vielmehr so: “Alles, was beschlossen wird, ist ermüdende Aushandlung, Stückwerk, Kompromissprodukt, auch im besten Fall ein geringeres Übel, das sich rühmt, die unter den gegebenen Umständen am wenigsten schlechte Lösung zu bieten.” … “In der Tat, als Gefäß von Vernunftbegabung zu existieren, ist keine Freizeitbeschäftigung.”
Doch hält Sloterdijk die Demokratie durchaus für überlebensfähig: “Das Volk, im Licht seiner besten Qualitäten betrachtet, kann und darf nichts anderes sein als ein Ensemble von Mikro-Kurfürsten, ausgestattet mit dem zu allgemeinem Recht ausgedehnten Vorrecht, die zu bestimmen, die an der Spitze stehen sollen.” Als günstigen Umstand ausgemacht hat der Philosoph ferner, dass in der politischen Klasse neben den oben erwähnten Junkies der Macht auch “immer wieder einzelne auftreten, die ihre eigenen Ambitionen auf der Achse des Gemeinwohls investieren wollen. Man könnte sie die nützlichen Narzissten nennen.” Dennoch warnt der Verfasser eindringlich: “Die Gesellschaft mag so demokratisch eingerichtet sein, wie sie will, der Staatsbau als solcher trägt aufgrund seiner zentralistischen Verfasstheit, sei es offen, sei es kryptisch, das Potential zu einer Diktatur in sich. … Man weiß aus der historischen Beobachtung, dass stark zentralistische Systeme zur autoritären Entgleisung neigen.”
Zu den besonderen aktuellen Herausforderungen, insbesondere auch für die Stabilität unserer Demokratie, zählt Sloterdijk selbstredend auch die mediale Revolution der letzten beiden Jahrzehnte und vor allem deren Auswirkungen auf die nachfolgenden Generationen: “Wollte man weiterhin meinen, auch die Jüngeren sollten Mitträger ihres Gemeinwesens sein, indem sie ‘seriöse’ Medien nutzen, riskiert man Enttäuschungen. … Die Demokratie, wie man sie lange kannte, war graphosphärisch basiert. Die Staatsbürger früherer Jahrzehnte, auch wenn sie sich bekämpften, ließen sich von Zeitungen und Klassikern unterrichten. Bewohner postdemokratischer Zonen verbinden und isolieren sich untereinander, aus gutenbergischer Sicht, schon auf bis auf weiteres unbegreifliche Weise ‘anders’. … Die Revolution der Emissionen blieb bis zur Stunde nahezu unverstanden. Im Universum der Information könnte demnach derjenige als Souverän gelten, dem es gelänge, in die Vielzahl der in sich geschlossenen Blasen einzudringen, seien sie national, subkulturell oder nachbarschaftlich formatiert, um sie auf einen überlokalen, ‘transversalen*, über-subkulturellen Standard festzulegen.”
Doch betont Sloterdijk auch, “dass die Machtvertikale sich von der frühen Neuzeit an mit einer Medienvertikale verbunden” habe: “Wenn politische Vertikalität verwildert, reagiert sie auch auf die Tatsache, dass die modernen Medien eine Revolution der Reichweiten bewirken. Hätten Figuren wie Hitler oder Churchill ihre Botschaften auf einer Gemüsekiste stehend vom Speaker’s Corner im Londoner Hyde Park aus in die Welt gesendet, wüssten wir bis heute nicht, dass es diese schrägen Vögel gegeben hat.”
Ganz allgemein erscheint dem Philosophen die Gegenwart als von multiplen Krisen geprägt: “Unzählige Zeitgenossen leben mit dem Empfinden, sich in einem Zwielicht zu bewegen, in dem man trotz Futuristik, kaum vorhersehen kann, welche böse Überraschung zuerst kommt. Die Warteliste des Unheilvollen ist lang; man weiß nicht, welches von den Debakeln, die anstehen, sich vordrängt.” Und hinzu kommt: “Dass in unseren Tagen ein neues psychopolitisches Kapitel aufgeschlagen worden ist, merkt man auch daran, dass die Verwilderung der Vertikale in zunehmendem Maß anti-intellektuelle Züge annimmt. In der Person von Donald Trump ist ein Beinahe-Analphabet an die Spitze einer Weltmacht gelangt.” Trump sei im übrigen “seinen Anlagen und Neigungen nach kein Politiker, eher ein Dealer, am meisten ein Clown, der den Diktator gibt.”
Zur Vermeidung solcher Zustände auch hierzulande positioniert sich Sloterdijk schließlich sogar innenpolitisch: Es gehöre “zu den Sonderbarkeiten der modernen Welt, dass auch Ungekrönte den Rücktritt von ihren virtuell souveränen Positionen erklären können.” Insofern sei der letzte König von Sachsen mit seinen im November 1918 ausgesprochenen Worten: ‘Macht euren Dreck alleene’ zum Ahnherr der Postpolitik geworden. Man müsse jetzt nur noch verstehen, “dass, wer in dieser Lage radikal rechts wählt, nicht nur als Bürger abdankt, sondern dem Ganzen des Gemeinwesens, als ob es Dreck wäre, einen Tritt versetzt.”
Peter Sloterdijk
Der Fürst und seine Erben. Über große Männer im Zeitalter der gewöhnlichen Leute
Suhrkamp Verlag, 2026
189 Seiten; 22,00 Euro
ISBN: 978-3-518-00136-3
justament.de, 25.5.2026: Im Schatten des sanften Gebieters
Der Briefwechsel zwischen Peter Handke und Manfred Osten von 1979 bis 2024
Thomas Claer
Das hätte man nicht gedacht: Peter Handke (Jahrgang 1942), der schwer metaphysische große Schwurbler und Literaturnobelpreisträger, und Manfred Osten (Jahrgang 1938), der versierte Goethe-Kenner und Autor knackig pointierter Essays und Sachbücher, hatten einen jahrzehntelangen Briefwechsel. Und nicht nur das: Anders, als man vielleicht vermuten würde, ist es in diesen Briefen nicht etwa Handke, der in einem fort langatmige und mitunter verworrene Prosa produziert, sondern dies tut allein Osten, während sich Handke ganz überwiegend kurz angebunden zeigt. Da muss man sich schon sehr wundern und lernt die zwei geschätzten Autoren in diesem mustergültig editierten und kommentierten Sammelband von ganz neuen Seiten kennen.
Angefangen hat es mit den beiden, dem Jura-Abbrecher aus Kärnten und dem promovierten Juristen aus Mecklenburg, bereits 1970 in Paris, als Handke, seinerzeit aufstrebender Jungliterat und auch schon recht berühmt seit seinem legendären Auftritt in der Gruppe 47 vier Jahre zuvor, an die Tür der dortigen Deutschen Botschaft klopfte und sich Hilfe bei der Suche nach einer Wohnung erbat. Es öffnete ihm niemand anders als Manfred Osten, damals angehender Diplomat, der ihm zwar keine Wohnung beschaffen konnte, ihn aber ersatzweise zu sich nach Hause mitnahm. Dort hätte sich nun also Manfred Osten, der damals mutmaßlich schon einiges von Handke gelesen hatte, sehr gerne mit dem hochverehrten jungen Mann unterhalten. Allein, Handke zog es vor, ein Fußballspiel im Fernsehen schweigend zu verfolgen. (Schließlich sollte er noch im selben Jahr sein einschlägiges Erfolgsbuch “Die Angst des Tormanns beim Elfmeter” herausbringen.)
Erst neun Jahre später, am 27. Dezember 1979, schreibt Manfred Osten aus Budapest, wo er inzwischen als Mitarbeiter im Auswärtigen Dienst tätig ist, erstmals einen Brief an Peter Handke. Darin schickt er diesem zwei dünne Heftchen mit selbstverfassten Gedichten und bittet um Handkes Meinung dazu: “Ich schreibe Ihnen, weil ich weiß, dass sie das sind, was ich gerne werden möchte.” Der hilfsbereite Handke revanchiert sich für Ostens Gastfreundschaft vor fast einem Jahrzehnt in Paris und wird von nun an sein Lehrmeister in der Dichtkunst, denn Osten hat es sich in den Kopf gesetzt, neben seiner diplomatischen Laufbahn auch noch ein großer Dichter zu werden. Desweiteren teilen die beiden Briefeschreiber eine übergroße Verehrung für Johann Wolfgang von Goethe, der – wie sie es nennen – als “sanfter Gebieter” stets unsichtbar über ihnen schwebt.
Doch schon bald bekommt dieser Austausch eine gefährliche Schlagseite, von der er sich nie mehr richtig erholen wird. Manfred Osten hat an Peter Handke offenbar dermaßen einen Narren gefressen, dass er ihm immerfort gedrechselte Lobeshymnen bezüglich seiner jeweils aktuellsten Werke schickt. Der davon sichtlich geschmeichelte Handke macht sich im Gegenzug eine Menge Mühe mit Ostens unzähligen Gedichten, verbessert sie hier, lobt oder tadelt sie dort und vermittelt schließlich eine Auswahl von ihnen an renommierte Verlage, die sie aber trotz allem Zureden nicht drucken wollen. Als wären dies nicht schon genug Umstände für Handke gewesen, werden Ostens Briefe an ihn mit der Zeit immer länger und weitschweifiger, widmen sich philosophischen, spirituellen und allen nur erdenklichen Fragen, auf die Handke immer seltener und zusehends lakonischer antwortet. Denn begreiflicherweise textet er bevorzugt direkt für seine jeweils nächsten Bücher, während Osten vermutlich von seinen beruflichen Kontakten gelangweilt und unterfordert ist und sich womöglich auch auf seinen diplomatischen Stationen in aller Welt (später geht es noch nach Australien und Japan) mitunter etwas einsam fühlt.
Das geht dann so weit, dass es Handke Mitte der Neunziger schließlich zu bunt wird und er Osten, der inzwischen zwar nicht als Lyriker, aber doch eben als Sachbuch-Autor, Essayist und Generalsekretär der Alexander-von-Humboldt-Stiftung Erfolge feiert, schroff zurückweist: “Schicken Sie mir nichts mehr!” Es mag wohl auch eine Rolle gespielt haben, dass Handke seit dem Kauf seines Hauses nahe Paris und der Gründung einer neuen Familie dort seine sonstigen Kontakte etwas reduzieren wollte. Zwanzig Jahre lang ist die Korrespondenz unterbrochen. Dann nimmt Manfred Osten noch einmal Anlauf, und es gelingt immerhin eine (von Handkes Seite eher halbherzige) Versöhnung.
So stellt sich am Ende die Frage, ob es wirklich eine gute Idee gewesen ist, diesen Briefwechsel öffentlich zu machen – und das auch noch zu Lebzeiten der beiden Akteure. Ganz unbedingt ein Gewinn sind aber nicht wenige der hinten im Band abgedruckten Gedichte Manfred Ostens, denn die sind – zumindest nach der unmaßgeblichen Auffassung des Rezensenten – streckenweise richtig gut. Als Kostprobe mag dieses im Buch effektvoll an letzter Stelle platzierte dienen:
fast ein freund
rechtfertigungen
waren nicht seine sache
um mich fernzuhalten
kam er mir entgegen
wenn ich redete
verfolgte mich
sein schweigen
im winterweiß
seiner augen
fand ich
den verschneiten weg
er meinte
weiter käme ich
ohne ihn
am weitesten aber
ohne ziel
Im übrigen sind wir der Meinung, dass bald wieder ein neues Sachbuch von Manfred Osten über Goethe erscheinen sollte.
Katharina Pektor (Hrsg.)
Peter Handke / Manfred Osten
“Sterne glänzend im angebissenen Apfel”: Briefe 1979-2024
Wallstein Verlag, 2026
190 Seiten; 24,00 Euro
ISBN: 978-3-8353-5904-8
justament.de, 18.5.2026: Menage a trois in West-Berlin
Peter Schneiders brisanter letzter Roman „Die Frau an der Bushaltestelle“
Thomas Claer
Am 3. März dieses Jahres ist in Berlin der Schriftsteller Peter Schneider 85-jährig verstorben. Nur wenige Monate zuvor hatte er noch seinen letzten Roman „Die Frau an der Bushaltestelle“ veröffentlicht. In diesem wimmelt es nur so von autobiographischen Bezügen. Schneider, der einer der maßgeblichen Wortführer und Organisatoren der Berliner Studentenbewegung der Sechzigerjahre gewesen ist, bündelt in diesem Roman noch einmal die bevorzugten Themenkreise seines literarischen Schaffens: Deutschland in der Nachkriegszeit, die politische und mentale Ost-West-Spaltung, seine Wahlheimatstadt Berlin sowie – ganz besonders – Liebe und Erotik in diesem Umfeld.
Die Handlung setzt nur kurz in der Gegenwart ein, erstreckt sich dann in einem ausführlichen Rückblick von Mitte der Sechziger- bis Anfang der Siebzigerjahre und endet dann wieder im (beinahe) Hier und Jetzt. Im Zentrum des Romans steht die 1965 beginnende Dreiecksbeziehung zwischen der in der DDR aufgewachsenen und von dort nach West-Berlin geflüchteten jungen Isabel und ihren beiden westlichen Verehrern, den Studenten Nick und Sebastian, wobei letzterer zugleich als Ich-Erzähler fungiert. Als solcher hat er zwar einiges gemein mit dem Verfasser des Romans, doch noch weitaus stärker gleicht dieser Nick, Sebastians Freund und zugleich Konkurrenten um die Gunst der schönen Isabel. Letztere ist ein kapriziöses Wesen, dem die beiden jungen Männer – und mit ihnen noch zahllose weitere Verehrer – hoffnungslos verfallen sind. Die dramatischen Höhen und Tiefen dieser Verbindung nimmt der Ich-Erzähler bereits in seinen einleitenden Reflexionen über die „Frau seines Lebens“ vorweg: „Auf das eigene Gedächtnis sollte sich niemand, der bei Verstand ist, verlassen. Vor allem nicht dann, wenn es um die Liebe geht. Es sind ja nicht die geglückten Liebesgeschichten, die erfüllten Träume, die eingelösten Hoffnungen, die die tiefste Spur im Gedächtnis hinterlassen. Wer von der größten Liebe seines Lebens spricht, meint damit eine, die neben den euphorischen Augenblicken auch das größte Unglück und die schlimmsten Verletzungen hervorgebracht hat. Das Gedächtnis der Gefühle gehorcht einer darwinistischen Logik: Es hält die schiere Wucht einer Liebeserfahrung fest, es privilegiert das Übermaß des Glücks und der Verzweiflung. Für das mittlere, das halbwegs gelingende und vielleicht dauerhafte Glück bringt es kaum Interesse auf.“ (S. 7)
Mit der Zeit gewinnen jedoch zunehmend auch die politischen Radikalisierungstendenzen jener Jahre an Einfluss auf die Romanhandlung, die drei Hauptfiguren und ihr Verhältnis zueinander. Ausgerechnet die Figur, der man dies am wenigsten zugetraut hat, gerät tief in den Sumpf des RAF-Terrorismus, und es nimmt mit ihr ein böses Ende. Dies sowie die ewig großen Fragen um Liebe und Freundschaft, Trennung und Verrat bestimmen dann den weiteren Fortgang der Ereignisse und insbesondere auch die späteren Erinnerungen der beiden Übriggebliebenen an jene wilden Jahre.
„Die Frau an der Bushaltestelle“ ist ein intensiver, streckenweise erschütternder Roman über die Verstricktheit von Privatem und Politischem, der sich in seiner Mischung aus Erinnerung, Rekonstruktion und literarischer Fiktion womöglich auch als autobiographischer Schlüsselroman lesen lässt, wobei aber genau diese Frage am Ende im Dunkeln bleibt. So möge es jede Leserin und jeder Leser selbst beurteilen, ob dieses von seinem Verfasser sehr effektvoll erst am eigenen Lebensende herausgebrachte Buch noch weitere versteckte Bedeutungsebenen enthält.
Peter Schneider
Die Frau an der Bushaltestelle
Kiepenheuer & Witsch Verlag 2025
310 Seiten; 25,00 Euro
ISBN: 978-3-462-00590-5
justament.de, 18.5.2026: Alte Meister bleiben sich treu
The Notwist auf “News from Planet Zombie”
Thomas Claer
Die Indie-Veteranen von The Notwist gehen mittlerweile auch schon mehr oder weniger auf die Sechzig zu und sind nun – fünf Jahre nach ihrer letzten CD “Vertigo Days” – wieder mit einem neuen Album am Start. “News from Planet Zombie” unterscheidet sich deutlich von der (wohl auch Corona-bedingten) weltmusikalischen Attitüde seines Vorgängers und ist nun eher wieder Notwist pur, wenngleich das Album diesmal von einem insgesamt 11-köpfigen Ensemble mit vorwiegend akustischen Instrumenten eingespielt wurde. Die seit dem bedauerlichen Ausscheiden des stilprägenden Elektronik-Fricklers Martin Gretschmann alias Console 2014 nur noch dreiköpfigen Kern-Notwists (die Acher-Brüder und Schlagzeuger Andi Haberl) sind hierzu gemeinsam mit ihrer Live-Band nicht ins Sudio, sondern in einen Konzertsaal gegangen und haben das neue Material dort – wie berichtet wird – an nur vier Tagen live aufgenommen.
Das Ergebnis lässt sich hören. Auf Anhieb möchte man die elf neuen Songs ins Herz schließen, die so unverkennbar die melancholische Beiläufigkeit der alten Notwist-Klassiker aus den Neunzigern und Nullerjahren in sich tragen. Besonders die ersten drei Stücke der CD können begeistern. Das sehr leise und sehr traurige “Teeth” setzt dabei sogleich den Ton für alles Weitere. Mit dem feurig-verspielten “X-Ray” folgt dann jedoch das schnellste, lauteste und zugleich beste Lied des Albums. Hier klingen The Notwist kaum anders als vor 20 oder 30 Jahren – und dafür lieben wir sie bis heute. Auch das anschließende Instrumentalstück “Propeller” überzeugt auf ganzer Linie. Doch dann lassen sie ein wenig nach: Der Rest der Platte ist – bis auf das noch recht muntere “The Turning” – ruhig und fast meditativ, wobei auch einige schwächere Songs den Gesamteindruck etwas trüben. Gleichwohl haben The Notwist unter dem Strich wieder ein stimmiges Album vorgelegt, das Freude macht. Das Urteil lautet: voll befriedigend (12 Punkte).
The Notwist
News from Planet Zombie
Morr Music 2026
justament.de, 11.5.2026: Ahnenforschung mit Leichen im Keller
Judith Hermann in “Ich möchte zurückgehen in der Zeit”
Thomas Claer
Viele bekommen mit zunehmendem Alter einen neuen Blick auf die Familien, denen sie entstammen. Will man als junger Mensch oftmals größtmöglichen Abstand zu jenen halten, lieber sein eigenes Ding machen, sich womöglich auch nerviger Kontrolle und Bevormundung durch sie entziehen, erkennt man irgendwann jenseits der Fünfzig dann doch, welch starken Einfluss die eigenen Eltern und ebenso die Großeltern auf einen selbst ausgeübt haben, letztere zumindest indirekt – sogar dann, wenn man sie nie kennengelernt hat. Wer sich für seine Vorfahren interessiert, erfährt daher zumeist auch viel über sich selbst. Mit der Zeit sieht man seine Altvorderen auch als eigenständige Personen mit Zwängen und Nöten, kann sich besser in ihre Lage versetzen und hat Fragen an sie, die man ihnen früher nie gestellt hätte. Nur leider sind sie dann mitunter gar nicht mehr am Leben. Oder sie antworten nicht oder nur ausweichend, weil sie sich angeblich an nichts mehr erinnern können…
In der Literatur ist es von jeher ein dankbares Thema gewesen, sich der eigenen Familienhistorie zuzuwenden. Zwar sind nicht alle Familien gleichermaßen interessant, doch finden sich wohl in fast jeder Verwandtschaft reale Begebenheiten, die sich kein Literat besser hätte ausdenken können. Schätze, die nur gehoben zu werden brauchen. Und natürlich gilt dies ganz besonders hierzulande, im Land der Naziverstrickten!
Das dachte sich wohl auch die Schriftstellerin Judith Hermann, geboren 1970 in Westberlin, die spät, aber noch nicht zu spät auf diesen Trichter gekommen ist. Viel Geduld brauchten ihre treuen Fans, zu denen sich auch der Rezensent rechnet, mit ihr, denn seit ihrem fulminanten und hymnisch gefeierten Debüt “Sommerhaus, später” (1998) waren ihre weiteren Werke zumeist ernüchternd. Doch nun hat sie, wenn nicht alles täuscht, in der ihr allein gemäßen kleinen Form endlich wieder einen großen Wurf gelandet. “Ich möchte zurückgehen in der Zeit” ist ein – ja was eigentlich? Auf gerade einmal 150 Seiten handelt es sich, so könnte man vielleicht sagen, um drei “literarisch-essayistische Reflexionen über ihre Familie mütterlicherseits, insbesondere über ihren lange vor ihrer Geburt vertorbenen Großvater, sowie ganz allgemein über die Vergänglichkeit und familiäres Verstricktsein.
Darüber hinaus sind es Reiseberichte, denn die Ich-Erzählerin, die sich keinerlei Mühe gibt, ihre Identität mit der hinter ihr stehenden Autorin zu verbergen, ist unterwegs. Zuerst nach Radon in Polen. Dort, wo es 1943/44 zu schrecklichen Gräueltaten an der jüdischen Bevölkerung gekommen ist, hat ihr Großvater zu eben jener Zeit in SS-Uniform auf einem Platz für ein Foto posiert, das eins der nur drei Bilder ist, die überhaupt von ihm noch existieren. Viel mehr Informationen gibt es nicht über ihn. Aus den Archiven hat die Ich-Erzählerin bei ihren Recherchen nur erfahren, dass er dort in Radon in der Tat stationiert gewesen ist. Ihre hochbetagte Mutter sagt ihr im Wesentlichen nur immer wieder, dass sie sich an nichts, was ihren Vater angeht, erinnern könne. Auch die zwei älteren Brüder der Mütter, hatten nie etwas über ihren Vater erzählt. Also macht sich die Ich-Erzählerin selbst auf die Reise, um vor Ort etwas über ihren Großvater herauszufinden. Ohne hier großartig zu spoilern, kann man verraten, dass der Ertrag der Reise an faktischen Erkenntnissen zwar dürftig geblieben ist, doch hat die Erzählerin ihren Aufenthalt in Radon zum Anlass genommen für einfach hinreißende Schilderungen über ihr Nichtwissen, über ihre düsteren Vermutungen, über ihre Scham, über ihre dortige schöne Unterkunft, über ihre traumwandlerischen Spaziergänge durch diese zumal im Winter weitgehend menschenleere kleine Stadt.
Manche Kritiker haben das in Anbetracht der Thematik anstößig, unangemessen, zumindest frivol gefunden. Aber erlaubt ist ausdrücklich auch das, was nicht jedem gefällt. Judith Hermann hat mit diesem Buch einen ganz eigenen Ansatz entwickelt, sich der dunklen deutschen Vergangenheit, diesem doch eigentlich mehr als auserzählten Thema, erzählerisch anzunähern. Und dabei hat sie auch gleich noch ihre Jahrzehnte währende Schreibkrise überwunden!
Die beiden folgenden Kapitel, die wie gesagt eigentlich zwei weitere eigenständige Essays sind, schildern dann noch die anschließende Reise der Ich-Erzählerin zu ihrer in Neapel lebenden Schwester sowie – schon ein Vierteljahrhundert zurückliegend – das mysteriöse vorübergehende Verschwinden ihrer Schwiegereltern. Besonders gelungen ist das Neapel-Kapitel – schon durch seine bemerkenswerte Ausgangskonstellation: Die Familie der Schwester der Ich-Erzählerin lebt in Neapel übergangsweise in einer prachtvollen Wohnung aus dem 17. Jahrhundert, in der bis vor kurzem noch eine unlängst verstorbene Malerin gelebt hat, deren Bilder weiterhin überall an den Wänden hängen und deren Lebensutensilien dort noch vollständig vorhanden sind, aber von den neuen Bewohnern keinesfalls verändert werden dürfen. Auch dies ist wieder eine anscheinend wahre Geschichte, die jede Fiktion um Längen schlägt. Kurzum, die frohe Botschaft lautet: Judith Hermann ist als Erzählerin endlich wieder dort angekommen, wo sie hingehört.
Judith Hermann
Ich möchte zurückgehen in der Zeit
S. Fischer Verlag, 2026
157 Seiten; 23,00 Euro
ISBN: 978-3-10-397764-6
justament.de, 4.5.2026: Der grollende Osten (4)
Kassandra von der Pleiße: Jana Hensel mit “Es war einmal ein Land”
Thomas Claer
Was ist da los im Osten Deutschlands? Eine Menge Bücher sind in den letzten Jahren schon über die andauernde Malaise in den deutschen Beitrittsgebieten von 1990 erschienen. Nun hat sich auch noch die Journalistin Jana Hensel, geboren 1976 in Leipzig, mit einem einschlägigen Buchtitel zu Wort gemeldet. Sie tut das genau 25 Jahre nach ihrem Erfolgsbuch “Zonenkinder”, das auf sehr gelungene Weise die damalige Befindlichkeit der ersten Nachwende-Generation im Osten thematisierte. Jener Generation, die in ihrer Kindheit noch viel von der alten DDR mitbekommen, sich später aber mit ihren ganz anders geprägten Altersgenossen aus dem Westen auseinanderzusetzen hatte, die begreiflicherweise zumeist nur wenig Interesse am Osten mitbrachten.
Was also kann ein weiteres Buch über dieses leidige Thema aktuell noch leisten? Mehrere exzellente Autoren, das ist der große Nachteil für Jana Hensel, haben hierzu eigentlich schon so ziemlich alles, was der Fall ist, zusammengetragen und aufgeschrieben. Doch ergibt sich für sie immerhin der erhebliche (wenn auch von ihr gänzlich unerwünschte) Erkenntnisvorteil, dass die fatale Entwicklung mittlerweile noch weiter fortgeschritten ist, sodass inzwischen manch düsteres Zukunftsszenario längst bittere Realität geworden ist: Die extrem rechte AfD ist, wenn man die aktuellen Umfragen zugrunde legt, überall in Ostdeutschland mit großem Abstand die stärkste Partei, und selbst absolute Mehrheiten für sie bei den Landtagswahlen im Herbst erscheinen nicht mehr ausgeschlossen. Sogar auf Bundesebene liegt diese Partei nun deutlich an erster Stelle. Wie konnte das passieren?
Dem auf den Grund zu gehen, hat die Autorin sich vorgenommen, und beleuchtet im ersten Drittel ihres Buches “Die Geschichte von ihrem Ende her denken” die Nachwendejahre bis zur Gegenwart vornehmlich aus ostdeutscher Perspektive. Drei tiefe Kränkungen in diesen Jahren für die Menschen im Osten hat sie herausgearbeitet: Zuerst die Massenarbeitslosigkeit von Millionen eigentlich gut ausgebildeteten Fachkräften ab 1990, dann die Schröderschen Agenda-Reformen 2002/03, mit denen die staatlichen Transferleistungen für deren Bezieher drastisch abgesenkt wurden, was vor allem auch sehr viele Ostdeutsche getroffen hat, für die es seit der Wiedervereinigung auf dem Arbeitsmarkt keine Verwendung mehr gab. Die dritte Kränkung war dann die Aufnahme von Millionen Flüchtlingen in Deutschland, zuerst ab 2015 und dann erneut ab 2022, was offenbar den Neid von vielen Ostdeutschen auf jene angefacht hat. Man kann die Analyse sicherlich als zutreffend ansehen, zumal die Autorin deutlich macht, dass sie für die erste Kränkung der Ostdeutschen volles und auch für die zweite noch weitgehendes Verständnis aufbringt, für die dritte dann allerdings nur noch ein sehr begrenztes, was sich auch vollkommen mit der Ansicht des Rezensenten deckt. (Bei den Flüchtligen von 2015 und 2022 handelte es sich wohlgemerkt um Menschen, die vor Wladimir Putins Bomben geflohen sind!)
Eher problematisch, vor allem auch methodisch, ist dann aber, wie die Verfasserin das Wahlverhalten der Menschen in Ost und West in den dreieinhalb Jahrzehnten seit der Vereinigung miteinander vergleicht. Dabei addiert sie jeweils die Ergebnisse von SPD, Grünen und PDS/Linkspartei und spricht von einem “progressiven Lager”, das anfangs im Westen, später im Osten stärker gewesen sei, wobei sich hier auch “progressive Traditionen” aus der DDR bemerkbar gemacht hätten (was besonders kritisch zu hinterfragen wäre, zumal sie darauf auch im hinteren Teil des Buches nur sehr knapp eingeht). Erst in den letzten zehn Jahren hätte dann der Osten deutlich “rechter” gewählt als der Westen. Letzteres kann man sicherlich so sagen. Der Erkenntnisgewinn aus dieser Lagerbetrachtung bleibt jedoch vor allem deshalb so gering, weil die große Mehrzahl der Wähler vermutlich generell, aber ganz besonders unter denen in Ostdeutschland ihre Wahlentscheidungen keineswegs zuvörderst aufgrund bestimmter Parteiprogramme getroffen haben dürfte, sondern vielmehr aus einer Melange aus spezifischen Personalvorlieben und -abneigungen, Empfänglichkeit für populistische Verkürzungen und Verdrehungen sowie überkochenden Emotionen (welche gezielt und treffsicher zu bewirtschaften wohl das eigentliche Erfolgsgeheimnis der AfD nicht nur in Ostdeutschland ist). Sehr wahrscheinlich hat eine große Gruppe von Menschen im Osten früher die PDS/Linkspartei und später dann die AfD vor allem deshalb gewählt, weil sich dadurch am wirkungsvollsten gegen “den Westen” und “die da oben” protestieren ließ. Jana Hensel weiß das alles natürlich genau (wie sich in den hinteren Kapiteln ihres Buches zeigt), blendet es aber an dieser Stelle aus, vermutlich um ihre Argumentation zu retten, deren Schlüssigkeit sich zumindest punktuell bezweifeln lässt.
Hierdurch etwas skeptisch geworden beginnt man dann mit der Lektüre des mittleren Teils, in dem die Autorin ausführliche Interviews mit den AfD-Politikern Tino Chrupalla und Maximilian Krah sowie einem jungen rechtsextremistischen Vordenker geführt hat, der als Mitarbeiter eines AfD-Bundestagsabgeordneten arbeitet, jedoch wegen seiner Vergangenheit in der militanten rechten Szene nicht Mitglied dieser Partei werden darf. Ist es wirklich eine gute Idee, solche Leute zu Wort kommen zu lassen?, fragt man sich. Wertet man sie dadurch nicht nur immer weiter auf? Jana Hensel schildert selbst ihre erheblichen Bedenken, hält es aber zum Verfassen eines solchen Buches, wie sie schreibt, sogar für ihre Pflicht, sich mit diesen Personen in solcher Weise auseinanderzusetzen.
Und plötzlich wird wird das Buch dann richtig interessant. Man mag es gar nicht mehr weglegen. Hier zeigt die Autorin, was sie kann – nämlich einfühlsame Interviews führen, um so ihren Gesprächspartnern auf den Zahn zu fühlen. Sie befragt die Betreffenden nicht nur zu den Sachthemen der Gegenwart, sondern will von ihnen auch wissen, was sie vor zehn, vor zwanzig und vor dreißig jahren gemacht und gedacht haben. Sie erkundigt sich sogar nach deren Kindheit und deren Elternhäusern. Und so erschließt sich tatsächlich, wo und wann diese Menschen falsch abgebogen, politisch auf die schiefe Bahn geraten sind. Es zeigt sich nebenbei auch, dass Krah ein weitaus unangenehmerer Typ ist als Chrupalla, der lange Jahre als grundsolider Handwerker gearbeitet hat und ein zufriedener Staatsbürger gewesen ist, bis seine Firma in die Insolvenz ging und er sich auf der Suche nach Schuldigen zusehends radikalisiert hat. Bei Krah war es das wiederholte Scheitern seiner heiß ersehnten politischen Karriere in der CDU (aus sehr nachvollziehbaren Gründen übrigens), das ihn zur AfD getrieben hat. Fast immer sind es, wie sich dann auch aus den weiteren Kapiteln des Buches erschließt, beruflich oder anderweitig gescheiterte und unglückliche Menschen, die nach diversen Schicksalsschlägen zur AfD gekommen sind und dort neues Selbstbewusstsein bekommen haben: als Teil eines vermeintlichen Opfer-Kollektivs, das nun die angeblich Schuldigen am eigenen Unglück ausgemacht hat und es den “Eliten” nun aber mal so richtig zeigen will. Es funktioniert ganz ähnlich wie bei den Trump-Wählern in Amerika und bei den Brexit-Befürwortern in Großbritannien. Und es funktioniert leider auch weiterhin bedrohlich gut…
Auch die restlichen Kapitel des Buches, die aus weiteren Interviews bestehen, können rundum überzeugen. Es werden zunächst “Abgefriftete” porträtiert, die sich oftmals regelrecht aus Verzweiflung radikalisiert oder in zweifelhafte Gesellschaft begeben haben. So hat ein früherer MDR- und Tagesschau-Journalist ein kritisches Buch über Misstände im öffentlich-rechtlichen Rundfunk geschrieben, aber landauf und landab keinen Verlag gefunden, der es drucken wollte. Nun publiziert er es in einem rechttsradikalen Kleinverlag, und die völkische Bewegung benutzt ihn als Kronzeugen gegen die angebliche “Lügenpresse”.
Im letzten ausführlichen Kapitel mit dem Titel “Die Wehrhaften” kommen dann noch Personen zu Wort, die aufopferungsvoll die Demokratie in Ostdeutschland verteidigen. Leider stehen sie immer mehr auf verlorenem Posten, weil sich insbesondere im ländlichen und kleinstädtischen Raum längst gesellschaftliche Mehrheiten auf den Weg der Abschottung, Abkapselung und Demokratieverachtung begeben haben. Auf die Flüchtlinge, die sich mittlerweile in den zumeist von massiver Abwanderung gekennzeichneten Gebieten angesiedelt haben und dort mitunter schon zehn oder mehr Prozent der Bevölkerung ausmachen, reagieren sie mit Ausgrenzung und unverhohlenem Rassismus. Statt sich über die neue Besiedlung ihrer entvölkerten Regionen zu freuen, die doch ein Anlass zur Zuversicht sein sollte, tun sie wirklich alles dafür, dass Deutschlands Osten in aller Welt einen schlechten Ruf bekommt und etwaige künftige Investoren ebenso abgeschreckt werden wie dringend benötigte Fachkräfte, etwa im Gesundheitswesen. Feine Patrioten sind das!
Mit dem kurzen Schlusskapitel versucht Jana Hensel, ihrem Buch noch einen zumindest ansatzweise optimistischen Ausblick zu geben, aber sie bemerkt dabei selbst, dass ihr das kaum gelingt. Zwar erwartet sie nicht, womit sie auch richtig liegen dürfte, dass die AfD in westlichen Bundesländern oder gar auf Bundesebene in absehbarer Zeit an die Macht kommen wird. Doch sieht sie nicht, wie sich der verhängnisvolle Trend in Ostdeutschland noch aufhalten lassen könnte. Dort erscheinen ihr absolute Mehrheiten für die AfD nur noch eine Frage der Zeit zu sein, was dann natürlich auch für Deutschland insgesamt eine Katastrophe wäre, die alle bestehenden Ost-West-Unterschiede nochmals stärker und anhaltender zementieren würde. Hoffen wir, dass uns ein solches Szenario erspart bleiben wird.
Jana Hensel hat – trotz besagter Schwächen im vorderen Teil – ein in der Summe sehr interessantes und aufschlussreiches Buch geschrieben, das der Ost-Problematik viele neue Facetten abgewinnt und dessen Stärke in den eindrucksvollen Interviews und Porträts der involvierten Personen liegt.
Jana Hensel
Es war einmal ein Land. Warum sich der Osten von der Demokratie verabschiedet
Aufbau Verlag, 2026
263 Seiten; 22,00 Euro
ISBN: 978-3-351-04288-2
justament.de, 6.4.2026: Liebling Prenzlauer Berg aus Rostock
Späte Entdeckung: Der 2019 erschienene Roman “Alles richtig gemacht” von Gregor Sander
Thomas Claer
Dieses Buch hatte ich vor längerer Zeit mal aus einer Bücherbox gefischt, aber dann lag es viele Monate (oder waren es sogar Jahre?!) nur auf meinem Schreibtisch herum. Lesen wollte ich es unbedingt, ich kam nur nie dazu. Ein in Berlin lebender Autor, Jahrgang 1968, der aus Schwerin stammt, die Hauptfigur seines Romans ein in Rostock aufgewachsener Rechtsanwalt in Berlin – schon das erschien mir sehr vielversprechend. Dass die Lektüre dann aber tatsächlich so interessant sein würde, damit hatte ich nicht unbedingt gerechnet. “Alles richtig gemacht” von Gregor Sander aus dem Jahr 2019 ist ein veritabler Gesellschaftsroman über das Leben in Berlin seit den frühen Neunzigern sowie über die Vorwende-, Wende- und unmittelbare Nachwendezeit in Rostock und Umgebung. Auf nur 238 Seiten entfaltet der Verfasser ein komplexes Panorama gesellschaftlicher Entwicklungen. Eine Vielzahl der maßgeblichen politischen und sozialen Ereignisse jener Jahre kommt darin vor und spiegelt sich in den Romanfiguren, die ganz überwiegend aus Mecklenburg-Vorpommern stammen. Über weite Strecken könnte man sogar von einem großen Gesellschaftsroman sprechen, nur leider bleibt der Schluss dann doch ein wenig hinter den Erwartungen zurück.
Der Plott ist meisterhaft komponiert, alle Fäden laufen zum Ende hin zusammen. Die Erzählweise ist flüssig, lakonisch flapsig und immer wieder auch bemerkenswert witzig. Die Figuren reden und handeln eigentlich ganz ähnlich wie jene in den Büchern von Judith Hermann (abzüglich ihrer Traumverhangenheit, versteht sich) oder Sven Regener. Es wird geraucht und gesoffen, was das Zeug hält, und auch die einschlägigen Partydrogen kommen immer wieder in Spiel. Doch bringt der Ost-Hintergrund der Akteure allein schon durch die zeittypischen Nachwendedramen in ihren Familien einen ganz anderen existentiellen Erst mit sich. Insbesondere aber würde man in einem solchen Berliner Party-WG-Umfeld nicht unbedingt jemanden vermuten, der sein Jurastudium mit Prädikatsexamen abschließt, anschließend promoviert und dann als erfolgreicher Anwalt seinen Weg geht, wie es bei der Hauptfigur dieses Romans der Fall ist. Doch fast alles Beschriebene wirkt plausibel.
Zweifellos hat der Autor, der selbst Germanistik und Geschichte studiert hat, akribisch gearbeitet und auch juristische und medizinische, Kunst- und Finanzexperten zu Rate gezogen. Doch ist ihm zumindest an einer Stelle ein offensichtlicher Lapsus unterlaufen: Die Protagonisten fliegen, wie es im Roman heißt, erst nach dem 11. September 2001 nach New York, von wo aus sie mit einer größeren Geldsumme nach Berlin zurückkehren. Da kann es nicht sein, dass einer von ihnen anschließend sein Geld in Dot.com-Aktien anlegt, die allesamt durch die Decke gehen, denn die Dot.com-Blase ist bekanntlich schon im April 2000 geplatzt. (Das weiß ich so genau, weil ich damals als ahnungsloser Student auf dem höchsten Punkt eingestiegen bin. Aber das ist ein anderes Thema…) Zudem wäre zumindest erklärungsbedürftig, wie der Immobilienkauf der beiden anderen Protagonisten in Berlin im Jahr 2007 (wo die Preise sich auf dem absoluten Tiefpunkt befanden) ablaufen konnte, denn in solchen Fällen gibt es in der Regel eine Anfrage vom Finanzamt nach der Herkunft der Gelder, wenn diese sich nicht aus den Umständen erchließt. (Auch das weiß ich aus persönlichem Erleben.)
Doch sei es drum. Unter dem Strich ist “Alles richtig gemacht” ein toller Roman , der neugierig macht auf weitere Werke dieses Autors.
Gregor Sander
Alles richtig gemacht. Roman
Penguin Verlag 2019
239 Seiten; 20,00 Euro
ISBN: 978-3-328-60667-3
justament.de, 30.3.2026: Lässig wie ein Tiger
Scheiben Spezial: Vor 50 Jahren erschien der Song “Schmidtchen Schleicher” von Nico Haak
Thomas Claer
“Schmidtchen Schleicher” war mein Lieblingslied im Kindergarten. Immerzu lief dieser Song seinerzeit im Radio und auch sonst überall, und wir kleinen Knirpse sangen ihn lauthals mit, so oft es ging. Schon lange vor meiner Einschulung kannte ich den Text auswendig und konnte auch präzise den holländischen Akzent des Sängers Nico Haak imitieren. Dieser rasante schlagerhafter Popsong hatte alles, was ein gutes Lied haben sollte: Ohrwurm-Melodie, swingenden Rhythmus, einen witzigen Text und einen charismatischen Sänger mit lustiger Aussprache. Manchmal korrigierten uns die Kindergarten-Erzieherinnen, wenn wir den Text von “Schmidtchen Schleicher” nicht richtig verstanden hatten.
Was ich damals noch nicht wissen konnte: Ursprünglich war dieses Lied unter dem Titel “Foxy Foxtrot” auf Holländisch erschienen. Sein Sänger Nico Haak, der in Deutschland erst durch diesen Song bekannt wurde, war in den Niederlanden ein beliebter Show-Man und Entertainer. Während der deutsche Text von einem begeisterten Hobby-Tänzer und Party-Löwen handelt, einem Frauen-Schwarm mit Allerweltsnamen und Alkoholproblem, ist der holländische Original-Text allein auf das Foxtrott-Tanzen seines Protagonisten fokussiert, das dieser, so heißt es dort, auch noch bis ins sehr hohe Alter fortzusetzen gedenke. Für seinen Interpreten Nico Haak endete dieser allzu konkrete Zukunfts-Ausblick allerdings tragisch, denn er verstarb bereits 1990 im Alter von gerade einmal 51 Jahren.
Ganz ähnlich hat dieser Fluch des übergenauen Zukunfts-Szenarios beim Hamburger-Szene-Sänger Lonzo Westphal gewirkt, der sich im berühmten Song “Hamburg 75” detailliert als künftiger Insasse eines Altersheims im fernen Jahr 2010 beschrieben hatte, tatsächlich jedoch bereits 2001 im Alter von erst 49 Jahren das Zeitliche segnete. Entsprechend groß war die spätere Erleicherung beim Schweizer Performance-Künstler und Yello-Musiker Dieter Meier, der auf der Documenta 1972 eine gusseiserne Platte auf dem Bahnhofsplatz von Kassel installieren lassen hatte, die ankündigte, dass er, Dieter Meier, dort am 23. März 1994 von 15 bis 16 Uhr stehen werde – was er 22 Jahre später dann auch wirklich tat. Ihm sei, so Meier im Nachhinein, nicht wohl dabei gewesen, das Schicksal auf diese Weise herausgefordert zu haben, denn es hätte ja auch etwas dazwischenkommen können…
Der Text der deutschen “Foxy Foxtrot”-Version “Schmidtchen Schleicher” behandelt im übrigen ein spezifisches Phänomen der insbesondere deutschen Nachkriegszeit, nämlich den von vielen Damen umschwärmten männlichen Frauenliebling (“Alle Frauen werden weich / Wenn ich lässig wie ein Tiger über den Tanzboden schleich”). Wie auch in “Mit 18” von Marius-Müller-Westernhagen (“An Mädchen hat es uns nie gemangelt, auch ohne ‘n dickes Konto”) macht sich hier der in diesen Generationen erhebliche Frauen-Überschuss infolge der zahlreichen männlichen Weltkriegstoten und -versehrten bemerkbar. Nämliches war auch schon nach dem Ersten Weltkrieg in der Weimarer Republik der Fall. (“Du hast Glück bei den Frau’n, Bel Ami” von Lizzi Waldmüller oder “Ich brech’ die Herzen der stolzesten Frau’n” von den Commedian Harmonists). Und so heißt es bei Nico Haak: “Dann liegen sie in seinen Armen, den weichen / Und flüstern ‘Schmidtchen, ist das schön, mit dir zu schleichen'”. Von einem solchen geballten Interesse seitens des weiblichen Geschlechts können heutige Männer nur träumen; insbesondere in weiten Teilen Ostdeutschlands, deren Population einen massiven Männer-Überschuss aufweist.
justament.de, 26.1.2026: NDW-Girlie wird 70
Inga Humpe alias Inga DiLemma zum Jubiläumsgeburtstag
Thomas Claer
Zu den prägendsten Frauengestalten der deutschen Musikszene zählen natürlich bis heute die Humpe-Schwestern – und ganz besonders Inga, die jüngere der beiden. Es waren die Jahre des großen musikalischen Aufbruchs, damals, in den späten Siebzigern, als Inga Humpe, die aus dem westfälischen Hagen stammte, ihrer älteren Schwester Annette ins Aussteiger-Paradies West-Berlin folgte und dort zunächst an der FU ihr in Aachen begonnenes Studium der Kunstgeschichte und Komparatistik fortsetzte. Doch schon bald gründete sie mit ihrer Schwester und ein paar Jungs die legendäre Punk-/New-Wave-Formation Neonbabies, und fortan waren Inga DiLemma und Anita Spinetti, so die zeitgemäßen Künstlernamen der Humpe-Schwestern, ein unverzichtbarer Bestandteil der Neuen Deutschen Welle und gehörten zu den großen Attraktionen in der noch geteilten Stadt.
1984, da war Annette schon mit ihrer eigenen Band Ideal groß rausgekommen und Inga hatte mit DÖF den Single-Hit “Codo”, porträtierte Matthias Koeppel die beiden im Schlosspark Charlottenburg vor dem Mausoleum im Stil der “Prinzessinnengruppe” von Schadow als “Requiem für Luise”. Ein Jahr später fanden die NDW-Prinzessinnen auch wieder zu einem gemeinsamen musikalischen Projekt zusammen und veröffentlichen unter dem Namen “Humpe & Humpe” zwei ziemlich glatte Pop-Alben.
Der ganz große Durchbruch sollte für Inga Humpe aber erst nach dem Mauerfall kommen, als sie auf den sieben Jahre jüngeren Tommi Eckart traf, der bis heute ihr musikalischer und privater Partner geblieben ist. Das Paar bezog gemeinsam eine – wie man im Osten sagte – Zweiraumwohnung in Berlin-Mitte und hatte damit auch bereits seinen Bandnamen gefunden. Es folgten neun CDs von 2Raumwohnung, die über Jahrzehnte hinweg so etwas wie einen Soundtrack des Berliner Lebensgefühls lieferten.
Überragend war Inga Humpe in all den Jahren vor allem als Sängerin, Komponistin und Texterin. Dass sie auch Keyboard spielen und Synthesizer bedienen konnte, galt als weniger von Belang. Nun ist sie 70, und mit Wilhelm Busch ließe sich sagen: Eins, zwei, drei, im Sauseschritt, düst die Zeit, wir düsen mit.









