justament.de, 18.3.2019: Liebeskonfusion kurz vor dem Mauerfall

Recht cineastisch, Teil 34: „Adam und Evelyn“ von Andreas Goldstein

Thomas Claer

Das Leben in Diktaturen ist, wie jeder weiß, kein Zuckerschlecken. Doch selbst dort kann man sich mitunter ganz behaglich einrichten, womöglich sogar ein kleines privates Paradies erschaffen. Adam (Florian Teichtmeister), die Hauptfigur in Andreas Goldsteins Debüt-Film „Adam und Evelyn“ nach dem gleichnamigen Roman von Ingo Schulze (2008), hat es nicht schlecht getroffen. Als freischaffender Damen-Konfektionsschneider in einer DDR-Kleinstadt kann er weitgehend tun und lassen, was er will. Die Staatsmacht kommt ihm, der politisch indifferent und ambitionslos ist, nicht in die Quere. Seine Aufträge kann er sich aussuchen, denn die sozialistische Mangelwirtschaft mit ihren potthässlichen Bekleidungs-Erzeugnissen aus den volkseigenen Betrieben sorgt für zuverlässige Nachfrage seiner Kundinnen nach hübschen und kunstvoll individuell geschneiderten Klamotten. Außerdem hat Adam mit der 28-jährigen Kellnerin Evelyn (er selbst ist schon einige Jahre älter) eine bildhübsche Freundin an seiner Seite und unterhält darüber hinaus noch erotischen Kontakt zu einer seiner Kundinnen, was sich wiederum besonders gut mit seinem Hobby verträgt, der Fotografie weiblicher Akte. Und so sitzt er nun tagaus, tagein entweder nähend in seinem idyllischem Garten oder Fotos entwickelnd im dunklen Keller seines großen, alten Hauses, das er nach dem Tod seiner Eltern gemeinsam mit Evelyn bewohnt. Doch irgendwann läuft Evelyns Eifersucht aus dem Ruder und bringt so eine Lawine ins Rollen. Hinzu kommt, dass wir uns im Wende-Jahr 1989 befinden. Niemand unter den fünf Protagonisten, die ihren Sommer-Urlaub am Balaton in Ungarn verbringen (neben Adam und Evelyn sind noch deren Freundin und Kollegin Simone, deren angeberischer West-Cousin Michael und Adams zur Republikflucht entschlossene Bekanntschaft Katja mit von der Partie), ahnt etwas von den grundstürzenden politischen Ereignissen, die unmittelbar bevorstehen. Und die sich bald auch mit den Liebeskonfusionen unter den Hauptpersonen verschränken…

Dem bereits 55-jährigem Film-Newcomer Andreas Goldstein, einem (weiteren) Sohn des DDR-Funktionärs Klaus Gysi, gelingt es über weite Strecken, die ganz eigentümliche Atmosphäre aus Ingo Schulzes vielschichtigem und anspielungsreichem Roman (mit hintergründig- ironischer BIBEL-Metaphorik) einzufangen. Zwar wirken die Figuren manchmal ein wenig hölzern und die Kameraführung etwas statisch, doch passt gerade dies gar nicht schlecht zu den dargestellten Ostdeutschen jener Zeit. Gut getroffen ist auch der „Besserwessi“ Michael, ein Biologe aus Hamburg, der mit dickem Auto und noch dickerer Brieftasche (und dabei einen FDP-Spruch nach dem anderen raushauend) vorübergehend Eindruck auf schöne Ost-Frauen wie Evelyn macht. Und besonders gelungen sind – wie schon in der Romanvorlage – die Dialoge zwischen den Beteiligten. Kostprobe: „Ist schon schlimm“, sagt Michael, „dass ihr im Osten so eingesperrt seid. Ihr kriegt ja gar nichts von der Welt zu sehen.“ Darauf Adam: „Also ich kriege immer eine Menge zu sehen, dazu muss ich nicht mal meinen Garten verlassen…“ Kurzum, eine gelungene und sehenswerte Roman-Adaption.

Adam und Evelyn
Deutschland 2018
1 Stunde 40 Minuten, FSK: 0
Regie: Andreas Goldstein
Drehbuch: Andreas Goldstein, Jakobine Motz
Darsteller: Florian Teichtmeister (Adam), Anne Kanis (Evelyn), Lena Lauzemis (Katja),Milan Zerzawy (Michael), Christin Alexandrow (Simone) u.v.a.

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justament.de, 11,.3.2019: Heiter statt wolkig

„Die Heiterkeit auf ihrem großartigen vierten Album „Was passiert ist“

Thomas Claer

Juristen-Popstars, also erfolgreiche Gesangskünstler mit abgeschlossener juristischer Ausbildung, gibt es nicht gerade viele. Dieter Meier von Yello fällt einem da ein und auch noch der singende Rechtsanwalt Paolo Conte. Aber sonst? Von Juristinnen mit Popstar-Status hatte man bislang sogar noch nie etwas gehört. Doch nun ist alles anders, denn wir haben Stella Sommer, 32, examinierte Juristin, und ihre gefeierte Band „Die Heiterkeit“, mit der sie parallel zu ihrer Juristenausbildung seit 2010 drei vielbeachtete Alben aufgenommen hat. (Hinzu kommt noch ein sogenanntes Soloalbum im vorigen Jahr.)

Dieser Bandname, das muss man wissen, war von Anfang an nicht gerade als programmatisch zu verstehen. Reichlich unterkühlt in jeder Hinsicht präsentierte sich die ursprünglich aus Sankt Peter-Ording in Schleswig-Holstein stammende junge Dame mit den kryptischen Texten und der markanten Stimme (zwischen Nico und Hildegard Knef) auf ihren früheren Veröffentlichungen. Doch nun, auf ihrer vierten Platte, muss, wie es der Albumtitel bereits andeutet, etwas passiert sein. Denn eine ganz andere, viel positivere, ja überschwängliche Grundstimmung – vor allem im Vergleich zum etwas zwiespältigen Vorgängeralbum „Pop und Tod I+II“ von 2016 – durchzieht „Was passiert ist“. Die von der Musikpresse einst ausgerufene „Göttin aus Hamburg“, die mittlerweile längst in Berlin lebt, hat sich hier regelrecht neu erfunden. Vor allem gilt das für ihre Texte. Was bei ihr früher zumeist vage, wolkig und unbestimmt klang, ist nun erfreulich zugänglich geworden.

Man könnte auch sagen: Als Textdichterin ist Stella Sommer spürbar gereift. „Zeit ist nur ein Gummiband, das man zwischen Menschen spannt“ heißt es in „Jeder Tag ist ein kleines Jahrhundert“. (Ein wahrlich abgründiger Vers, wenn man es bedenkt.) Und „Das Loch ist bodenlos und frisst sich langsam groß“. Wir erleben kraftvolle Texte mit mutigen, unverbrauchten Metaphern. „Die Sterne am Himmel sind ausgelaufen, der Himmel ist jetzt ein Aschehaufen“. Wer so textet, geht voll ins Risiko – und wird am Ende belohnt. Man ahnt es ja, was das lyrische Ich umtreibt. „Ich bin in allem, was du siehst, in den Büchern, die du liest.“ „Es ist nur ein Blick, es ist ein Trick, es geht voran und zurück.“ Und „Ich bin in allem, was du kennst, eine Kerze, die immer brennt.“ Die Eisprinzessin wurde zum Schmelzen gebracht, wirkt befreit und beglückt.

Musikalisch ist dieses – Gott sei Dank nicht wieder so überlange – Album vielschichtig geraten: Wir hören Klavier, Bläser, viel Elektronik, nur selten wird es etwas rockig. Und leider gibt gar keine Schrammel-Gitarren mehr, die noch die ersten beiden Heiterkeits-Platten geprägt hatten. Dafür aber viele Chöre, immer haarscharf an der Grenze zum Schlagerkitsch. Doch fällt das alles gar nicht besonders ins Gewicht, denn wir haben ihre Stimme, und wir haben ihre Texte. Auch die Kompositionen sind durchweg beachtlich, es sind kaum schwächere Songs auszumachen. Besonders schön vielleicht: „Wie finden wir uns?“ – eine wahrlich große, vieldeutige Frage. Und dann heißt es in „Alles sieht groß aus“: „Wir wissen, was zu tun ist, und sparen es uns auf“.

Stella Sommer hat mit dieser Platte etwas ganz Eigenständiges geschaffen. Das Urteil lautet: gut (13 Punkte)

Die Heiterkeit
Was passiert ist
Buback 2019

http://dieheiterkeit.de/

justament.de, 4.3.2019: Ich bin einzigartig!

Trendbücher (2): „Die Gesellschaft der Singularitäten“ von Andreas Reckwitz

Thomas Claer

Die Älteren unter uns werden sich vielleicht noch erinnern: Es gab tatsächlich mal eine Zeit, in der die meisten Menschen „normal“ sein und möglichst nicht auffallen wollten. Man war völlig zufrieden, wenn man einfach nur einer von vielen war. Doch das ist lange her. Inzwischen leben wir nämlich längst in einer – Achtung, jetzt kommt das Schlagwort! – „Gesellschaft der Singularitäten“. Der Soziologe Andreas Reckwitz (Jahrgang 1970), Inhaber eines Lehrstuhls für Kultursoziologie in Frankfurt/Oder, hat mit dieser Formulierung den heutigen Zeitgeist auf den Punkt und zugleich auf den Begriff gebracht. Nicht weniger als eine neue Gesellschaftstheorie auf 485 Seiten präsentiert er in seinem gleichnamigen, mittlerweile vielgerühmten Werk.

Singularisierung bedeutet darin „das komplizierte Streben nach Einzigartigkeit und Außergewöhnlichkeit, die zu erreichen freilich nicht nur subjektiver Wunsch, sondern paradoxe gesellschaftliche Erwartung geworden ist.“ Für Reckwitz ist sie kein bloßes Rand- oder Oberflächenphänomen, sondern steht schon seit den 1970er/1980er Jahren „im Zentrum der spätmodernen Gesellschaften“ und markiert einen „struktureller Bruch zwischen der industriellen Moderne und der Spätmoderne“. „Jener bis in die 1970er Jahre herrschende westliche Subjekttypus, den David Riesmann als ‚sozial angepasste Persönlichkeit‘ beschrieb, der Durchschnittsangestellte mit Durchschnittsfamilie in der Vorstadt, ist in den westlichen Gesellschaften zur konformistisch erscheinenden Negativfolie geworden, von der sich das spätmoderne Subjekt abheben will.“ Als „Leitmilieu der Spätmoderne“ hat der Verfasser die „hochqualifizierte Mittelklasse“ ausgemacht: „An alles legt man nun den Maßstab der Besonderung an: wie man wohnt, was man isst, wohin und wie man reist, wie man den eigenen Körper oder den Freundeskreis gestaltet. Im Modus der Singularisierung wird das Leben nicht einfach nur gelebt, es wird kuratiert. … Die allgegenwärtigen sozialen Medien mit ihren Profilen sind eine der zentralen Arenen dieser Arbeit an der Besonderheit. Das Subjekt bewegt sich hier auf einem umfassenden sozialen Attraktivitätsmarkt, auf dem ein Kampf um Sichtbarkeit ausgetragen wird, die nur das ungewöhnlich Erscheinende verspricht.“ Kurz gesagt: „Singularitätsmärkte sind primär Aufmerksamkeits- und Attraktivitätsmärkte“.

Aber wie konnte es überhaupt so weit kommen, dass inzwischen beinahe jeder etwas ganz Besonderes sein will? Laut Reckwitz liegt dies vor allem an drei sich wechselseitig verstärkenden Faktoren: (1) dem Entstehen einer postindustriellen Ökonomie der Singularitäten (im Anschluss an die industrielle „organisierten Moderne“, die ihren Höhepunkt ca. 1920 bis 1970 erreicht hatte), (2) der technischen Revolution der Digitalisierung (die sich in den vergangenen Jahren noch einmal enorm beschleunigt hat) sowie (3) einer vom Lebensstil der neuen Mittelklasse getragenen Authentizitätsrevolution (für die nach 1968 die Werte der Individualität und Authentizität maßgeblich wurden). Ein ökonomischer, ein technologischer und ein soziokultureller Faktor wirken hier also zusammen.

Interessant ist ferner, was Reckwitz zur „Singularisierung der Arbeitswelt“ zu sagen hat: „Vor allem die Arbeitssubjekte selbst werden in der Spätmoderne singularisiert, gefragt sind nicht allein formale Qualifikationen, sondern ist die Pflege eines originellen, möglichst einzigartigen Profils, also ein in seiner Zusammensetzung jeweils singuläres Bündel aus Kompetenzen, Talenten, Potentialen und Persönlichkeitsmerkmalen, das die Nicht-Austauschbarkeit und Unterscheidbarkeit des Arbeitssubjekts sicherstellt. Die Kompetenz-, Talent- und Potenzialbündel der Subjekte kommen in der singularistischen Arbeitswelt nicht in Form von formal-sachlicher Leistung und allgemeiner Vergleichbarkeit zur Geltung, sondern als Performanz. Das spätmoderne Arbeitssubjekt ist ein Performanzarbeiter, der seine Einzigartigkeit, ähnlich einer Casting-Konstellation, vor einem Publikum aufführt.“ Die Rede ist auch von einer „Selbstsingularisierung des Profil-Subjekts“.

Problematisch an dieser Entwicklung ist nun allerdings, dass sie den gesellschaftlichen Zusammenhalt unterminiert. Denn seit den 1980er Jahren, so Reckwitz, lasse sich „eine verstärkte Polarisierung zwischen neuer Mittelklasse (zuzüglich der Oberklasse) und der neuen Unterklasse (und teilweise der alten Mittelklasse) ausmachen“. „Während die neue Mittelklasse eine offensiv zur Schau getragene Selbstkulturalisierung betreibt, dominiert in der Unterklasse die Alltagslogik des ‚muddling through‘ (d.h. des sich Durchwurschtelns oder Durchs-Leben-Quälens). Durch ‚Prozesse der Valorisierung und Entwertung zwischen den Klassen‘ werden die Lebensformen der Unterklasse (und zum Teil auch der alten Mittelklasse) zum Gegenstand der Entwertung. Charakteristisch für die Gesellschaft der Singularitäten ist also eine ‚Kulturalisierung der Ungleichheit‘“. Das bedeutet, dass der distinktive (vor allem auf einer kulturellen Ebene großkotzige) Lebensstil der großstädtischen Mittelklasse, ihre Praktiken des Essens, Wohnens und Reisens u.s.w. – von der Altbauwohnung im angesagten Szeneviertel bis zum Yoga-Camp in Fernost – eine ständige Provokation all derer darstellen, die davon ausgeschlossen bleiben und sich abgehängt fühlen. „Die Kultur dient als Ressource zur Bereicherung und Aufwertung des Selbst“ – auf Kosten derer, die sich nicht dazu gehörig fühlen (müssen). „Der Liberalismus der grenzenlosen Märkte hat die Polarisierung zwischen hoch- und geringqualifizierter Arbeit, zwischen sozialkulturellen Aufsteigern und Absteigern, zwischen Boomregionen und schrumpfenden Regionen weiter entfesselt.“ So wird die Singularisierung zur „Quelle von Defiziterfahrungen“ und zum „Enttäuschungsgenerator“. Laut Reckwitz ist unsere Gesellschaft politisch herausgefordert, auf diese sozialen und kulturellen Entwertungsprozesse eine Antwort zu geben.

Andreas Reckwitz
Die Gesellschaft der Singularitäten
Suhrkamp Verlag 2017 485 Seiten; 28 Euro
ISBN: 978-3-518-58706-5

justament.de, 4.2.2019: Die nächste Gesellschaft

Trendbücher (1): „4.0 oder Die Lücke die der Rechner lässt“ von Dirk Baecker

Thomas Claer

Stehen wir gerade erst an der Schwelle zur digitalen Gesellschaft oder sind wir womöglich schon mittendrin? Wie auch immer, für eine fundierte sozialwissenschaftliche Theorie dieser „nächsten Gesellschaft“ sei es noch zu früh, meint der ebenso renommierte wie umtriebige Soziologe Dirk Baecker in seinem neuen Büchlein „4.0 oder Die Lücke die der Rechner lässt“. Er belässt es daher, wie er es ausdrückt, bei „Probebohrungen“ – und hat dann doch eine erhebliche Menge genauer Beobachtungen und tiefgründiger Überlegungen zur Thematik zusammengetragen.16 Thesen über die Zukunftsfähigkeit der nächsten Gesellschaft hatte der 1955 in Karlsruhe geborene Luhmann-Schüler und Professor für Kulturtheorie und Management an der Universität Witten/Herdecke bereits 2011 aufgestellt. Mittlerweile sind daraus 26 geworden, und nun diskutiert und erläutert er sie ausführlich in einem (nur äußerlich) schlichten kleinen Bändchen aus dem rührigen Merve-Verlag.

Wofür aber, so fragt man sich, steht wohl die ominöse „4.0“ im Buchtitel? Laut Baecker sind es ganz maßgeblich die jeweils genutzten Medien, die einer Gesellschaft ihren Stempel aufdrücken. Drei solcher Medien-Epochen lägen historisch bereits hinter uns, die vierte beginne gerade vor unseren Augen. Baecker unterscheidet zwischen der tribalen, antiken und modernen Gesellschaft – mit den ihnen entsprechenden Medien-Epochen der Mündlichkeit (1.0), der Schriftlichkeit (2.0) und des Buchdrucks (3.0) – und der gerade heraufziehenden „nächsten“ Gesellschaft mit dem Leit-Medium der digitalen Netzwerke.

Jede seiner 26 Thesen widmet sich einem Thema oder Lebensbereich und den in diesem jeweils bestehenden Unterschieden zwischen den genannten vier Gesellschaftsepochen. Besonders aufschlussreich ist eine am Ende des Buches platzierte „tabellarische Übersicht“, die diese Unterschiede auf markante Stichworte verkürzt. Der neugierige Leser wird diese Tabelle natürlich nicht erst am Ende, sondern gleich am Anfang seiner Lektüre studieren. So liest man z.B. zum Thema Strukturform die Stichworte: Stamm (Tribale G.) –> Schicht (Antike G.) –> Funktionssysteme (Moderne G.) –> Netzwerke (nächste G.). Bei Konsum heißt es: Reziprozität (Tribale G.) –> Tugend (Antike G.) –> Konformität (Moderne G.) –> Stil (nächste G.). Zum Thema Recht steht dort übrigens: Gebote und Verbote (Tribale G.) –> Kodex (Antike G.) –> positives Recht (Moderne G.) –> Immunsystem (nächste G.). Bezüglich der Liebe heißt es: Gelegenheit (Tribale G.) –> Begehren (Antike G.) –> Leidenschaft (Moderne G.) –> Rücksicht (nächste G.). Und zum Stichwort Vertrauen steht dort: Magie (Tribale G.) –> Götter (Antike G.) –> Technik (Moderne G.) –> Design (nächste G.)…

Das alles klingt schon reichlich spannend und vielversprechend, doch stellt sich beim anschließenden Lesen der ausformulierten Kapitel des Buches eine gewisse Ernüchterung ein. Als Nicht-Soziologe versteht man leider längst nicht alles, aber doch genug, um eine Ahnung von den großen Verwerfungen zu bekommen, welche die digitale Neuformatierung unserer Gesellschaft mit sich bringen wird. Und manches kennt man ja bereits allzu gut aus eigenem Erleben: „Die Menschen werden derweil immer ungeduldiger. Sie erwarten die blitzartige Schnelligkeit digitaler Verbindungen auch von jeder anderen Materie, mit der sie es zu tun haben. Das immerhin war in der Moderne noch anders, von der Antike zu schweigen. Hier war es nicht der momenthafte Zerfall, sondern die Verfügbarkeit von Leerzeiten, die jeglicher Synchronisation von Körper, Geist und Gesellschaft zugrunde lag. Man konnte warten, bis das eine zum anderen kam. Für dieses Warten geht jeder Sinn verloren.“ (S.85) Im Kapitel über die Liebe heißt es im Hinblick auf die elektronischen Medien: „Jetzt ist der andere nahezu jederzeit woanders. Einerseits. Andererseits kann er jederzeit auf den Displays dieser Welt in meiner Welt auftauchen“ (S.164). Und: „Die Netzwerke verknüpfen Elemente weder kausal noch zufällig, sondern gemäß einer von den Elementen selbst zu entscheidenden Attraktivität der Nachbarschaft.“ (S.62) „Das Netzwerkereignis schlechthin ist ein Kontakt von mir, Person A, zu Person B, die dank meines Netzwerks Person C kennenlernt, die für sie interessanter ist, als ich es bin. Dann bin ich draußen. Jede Vernetzung enthält präzise dieses Risiko, dem ich nur durch eine Arbeit an meiner Identität im Spiegel des Netzwerks, das ich bewusst oder unbewusst nicht verlieren möchte, etwas entgegensetzen kann. Privat ist derjenige, der dies nicht nötig zu haben glaubt.“ (S.205f.)

Düster fällt Baeckers Ausblick auf die Politik einer künftigen Gesellschaft aus: „Politik ist die Verfügung nicht mehr über den Ausnahmezustand (Carl Schmitt), sondern über digitale Plattformen…(S.99) Und zum (neuen) Wutbürgertum führt er aus: „Nur die Moderne unterschätzt eine auch politische Geometrie der Gefühle, wie sie von Aristoteles in seiner „Rhetorik“ so präzise beschrieben wurde wie von Baruch Spinoza in seiner „Ethik“ … Die Politik der nächsten Gesellschaft kann es sich nicht mehr leisten, die Dynamik der Affekte zu vernachlässigen.“ (S. 103) Im Kapitel über die Wirtschaft einer künftigen Gesellschaft befindet er: „Das Kalkül einer zwar unbekannten, aber möglichen Zukunft bietet im Spiegel der Datenmengen, die über heterogene Sachverhalte heute abrufbar sind, Kapitalisierungschancen, die keinen Stein auf dem anderen lassen.“ (S.113) Und über das Recht heißt es, es rücke gegenwärtig „in eine Netzwerkfunktion ein, die der Struktur der tribalen Gesellschaft mehr ähnelt als der der modernen Gesellschaft.“ (S.190) Und überhaupt: „In der nächsten Gesellschaft sucht das Recht den Konflikt nicht mehr nur in der Moral, im Gesetz oder im Argument, sondern im Datum und seiner Verknüpfung.“ (S.186) „Das Recht wird zu einem System der Datenhygiene. Man verhält sich so, dass belastende Daten gar nicht erst entstehen…“ (S.191)

Wenig ermutigend, wenn auch sehr erhellend, liest sich insofern das brillante Niklas Luhmann-Zitat: „Freiheit ist das Ergebnis der Fiktion, dass es sie gibt.“

Dirk Baecker
Die Lücke die der Rechner lässt
Merve Verlag Leipzig 2018
272 Euro, 22 Euro
ISBN-10: 3962730125

justament.de, 28.1.2019: No Woman, No Cry?

Phillip Boa & The Voodooclub auf „Earthly Powers“

Thomas Claer

Ist Phillip Boa heute eigentlich noch irgendwie relevant? Damals, in den Achtzigern, war er seiner Zeit weit voraus, dann wurde er schwächer, doch gelegentlich gab es auch später wieder stärkere Veröffentlichungen. Seine letzte „gute Zeit“ hatte er mit den Alben „Loyalty“ (2012) und „Bleach House“ (2014). Letzterem, das muss ich hier selbstkritisch einräumen, hatte ich seinerzeit an dieser Stelle zu Unrecht die verdiente Anerkennung verweigert. Dabei bezog es sich auf gar nicht ungelungene Weise auf das grandiose Frühwerk der Band und brauchte nur etwas mehr Zeit, um seine volle Wirkung in den Gehörgängen des Rezensenten zu entfalten. Und auch das Nachfolgealbum „Fresco“ (2016), das erstaunlicherweise nur als Bonus-CD zum Best of-Album „Blank Expression“ herauskam, konnte streckenweise überzeugen, zumal es mit „Twisted Star“ sogar einen richtig großen Popsong enthielt.

Nun also wieder eine neue Boa-Platte, das insgesamt zwanzigste Studio-Album (sofern man das besagte „Fresco“ mitrechnet, was man unbedingt tun sollte). Auffällig ist zunächst: Phillip Boa hat die Haare kurz. Und man muss sagen, es steht ihm gut. Mit seinen inzwischen auch schon 56 Jahren ist er also zumindest optisch noch in ganz guter Verfassung. Was aber ebenfalls gleich ins Auge (und ins Ohr!) springt: Es fehlt diesmal der – für den Voodooclub so essentielle – weibliche Gesangspart bzw. er beschränkt sich auf eine dünne Background-Stimme. Ob das so eine gute Idee war? Nach dem endgültigen Abschied der wunderbaren Pia Lunda (2013), die über lange Jahre eine tragende Säule der Band gewesen war, glaubte man schon, in der sehr begabten Pris, die auf „Bleach House“ rundum überzeugen konnte, eine würdige Nachfolgerin gefunden zu haben. Doch irgendwie hat es der exzentrische Phillip Boa wohl geschafft, die junge Dame so nachhaltig zu vergraulen, dass sie nie wieder mit ihm singen wollte… Seitdem versuchte man es mit wechselnden Sängerinnen – und nun also (fast) ohne. „No Woman, No Cry“ wird sich Bandleader Phillip möglicherweise gedacht haben. Doch ist dies ja bekanntlich – die Älteren werden sich an das missratene Album „Lord Garbage“ (1998) erinnern – schon einmal in die Hose gegangen…

Kein gutes Omen also für „Earthly Powers“. Und in der Tat: Beim ersten Durchhören kommt keine große Freude auf. Die Songs wirken wenig inspirierend, das Songwriting mäßig kreativ. Immerhin hart und schnell von der Grundtendenz her, doch gleichzeitig, wie so oft bei diesem Künstler, immer eine Spur zu bombastisch. Beim zweiten, dritten, vierten, fünften Anhören gewinnen die Lieder teilweise an Kontur, aber eine richtige Pop-Perle lässt sich dennoch nicht finden. Am ehesten können noch „Cruising“, „Strange Days After the Rain“ und „Moonlit“ überzeugen. Immerhin gibt es diesmal keine wirklich peinlichen Momente auf der Platte. Es lässt sich alles hören, ohne dass es einen vom Hocker reißen würde.

Ist Phillip Boa also heute, um die eingangs aufgeworfene Frage wieder aufzugreifen, noch irgendwie relevant? Wohl eher nicht, denkt man, und klickt auf Wikipedia, um sich – nur zur Sicherheit – noch einmal der bestenfalls eingeschränkten Marktgängigkeit dieser Musik zu vergewissern. Aber weit gefehlt: „Earthly Powers“ „erreichte (trotz einer Musikstreaming-Verweigerung) mit Platz 3 der deutschen Albumcharts die höchste Chartsplatzierung in der Bandgeschichte“. Das begreife, wer will. Also schnell noch ein paar ältere Voodooclub-Songs zum Vergleich gehört. Danach wieder „Earthly Powers“. Doch so leid es mir tut: Die alten Lieder sind wirklich um Längen besser! Das Urteil lautet daher: befriedigend (8 Punkte).

Phillip Boa & The Voodooclub
„Earthly Powers“
Cargo Records 2018

justament.de, 21.1.2019: Erfüllung mit Kollateralschäden

Recht cineastisch, Teil 33: „Cold War – Der Breitengrad der Liebe“ von Pawel Pawlikowski

Thomas Claer

„Im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt“, lautet ein altes Sprichwort. Aber glücklicherweise stimmt schon die erste Hälfte dieses Satzes seit der Genfer Konvention von 1864 nicht mehr uneingeschränkt, und seit Ende des Zweiten Weltkriegs sind Kriegsverbrechen sogar international geächtet. Auch was die zweite Hälfte des genannten Diktums angeht, hat sich inzwischen so manches, was früher als Kavaliersdelikt gegolten hat, in den Bereich des Justiziablen verschoben. Und dennoch ist die Liebe, um ein weiteres geflügeltes Wort aufzugreifen, bis heute zweifellos ein „Schlachtfeld“ geblieben – eines, um genau zu sein, im ebenfalls viel zitierten „Krieg der Geschlechter“. Vor allem darum geht es im neuen Film des polnischen Regisseurs Pawel Pawlikowski: um eine große leidenschaftliche, aber auch zerstörerische Liebe. Der historische Hintergrund, der Kalte Krieg zwischen Ost und West mit den sich daraus ergebenden Zwängen, macht selbstredend alles noch viel dramatischer. Doch wäre die grundlegende Konstellation wohl auch im Hier und Jetzt vorstellbar.

Polen, 1948. Wiktor (Tomasz Kot), ein Pianist im mittleren Alter, entdeckt im Rahmen eines Forschungsprojektes über polnische Volksmusik auf dem Lande die grandios singende junge Zula (Johanna Kulig ) und verhilft ihr zur Aufnahme in die Warschauer Kunst-Akademie. Zwischen beiden entwickelt sich eine stürmische heimliche Affäre; heimlich, da Wiktor eigentlich noch mit seiner Kollegin Irena liiert ist. Die Verbindung hält sogar, als Zula ihrem Liebsten gesteht, dass sie ihn erzwungenermaßen für den staatlichen Geheimdienst ausspioniert. Und obgleich Zula ein durchaus ausgeprägtes Karrierebewusstsein an den Tag legt, schwört sie Wiktor, der politisch eher unzuverlässig (und daher für Zulas weiteres Fortkommen in diesem System wenig hilfreich) ist, dennoch ewige Liebe. Dabei hätte die bildhübsche und temperamentvolle Zula sich mit Leichtigkeit auch so ziemlich jeden anderen Mann angeln können. Zum Sehnsuchtsort der beiden Liebenden wird bald schon Berlin. Als das Volksmusik-Ensemble, in welchem Zula singt und das von Wiktor künstlerisch begleitet wird, 1952 endlich in der Hauptstadt der DDR gastiert, planen beide die Flucht in den West-Sektor. Doch Zula kommt nicht zum vereinbarten Treffpunkt, hat es sich in letzter Minute anders überlegt, und Wiktor flieht notgedrungen allein nach Paris. Erst Jahre später begegnen sie sich wieder, während Zulas Warschauer Ensemble in Paris gastiert. Längst leben beide in anderen Partnerschaften, doch merken sie beim Wiedersehen rasch, dass sie nicht mehr voneinander lassen können…

Im Folgenden vollzieht sich ein dramatisches Auf und Ab in ihrer Beziehung. Beide beweisen – nach einigem Hin und Her – eine enorme Opferbereitschaft füreinander und trotzen so den ihnen ungünstigen politischen Umständen. Wiktor nimmt eine Verurteilung zu 15 Jahren Arbeitslager in Polen in Kauf, um zu seiner Liebsten zurückkehren zu können. Zula, und das ist wirklich ungeheuerlich, nutzt ihre unvermindert starke Wirkung auf andere Männer, um gleich zweimal eine Ehe einzugehen, die jeweils einzig und allein die Erfüllung ihrer Liebe zu Wiktor voranbringen soll. Am Ende (1964) verlässt sie ihren zweiten Ehemann, einen Funktionär der Staatssicherheit, und ihren kleinen Sohn, um sich dem vorzeitig aus dem Lager entlassenen Wiktor in die Arme zu werfen. Im Abspann erfährt man schließlich noch, dass die Geschichte, die dieser Film erzählt, nicht etwa frei erfunden, sondern die wahre Geschichte der Eltern des Regisseurs ist.

Dieser in vieler Hinsicht beeindruckende Film, radikalästhetisch in schwarz-weiß gehalten und mit glänzenden Gesangseinlagen, entlässt den Zuschauer dennoch verstört und nachdenklich. So ergreifend die Unbedingtheit und Unerschütterlichkeit dieser Liebe auch ist, so fassungslos macht einen dann doch die Rücksichtslosigkeit der Protagonisten gegenüber all denen, die ihrer Liebe im Wege stehen. Oder die sogar – gleichsam als menschliche Werkzeuge – gezielt von ihnen benutzt werden. Ist daran nur der Kommunismus schuld, der schließlich die Liebenden mit Mauer und Stacheldraht voneinander getrennt hat? Wohl zumindest nicht ganz allein, sondern ebenso die universelle Problematik, dass die unbedingte Herbeiführung des eigenen Glücks mitunter das Glück der anderen zerstören kann. Wiktor und ganz besonders Zula handeln hier so skrupellos, dass es einem eiskalt den Rücken herunter läuft…

Cold War – Der Breitengrad der Liebe
Polen, Frankreich, Großbritannien 2018
84 Minuten, FSK: 0
Regie: Pawel Pawlikowski
Drehbuch: Pawel Pawlikowski, Janusz Glowacki
Darsteller: Johanna Kulig (Zula), Tomasz Kot (Wiktor) u.v.a.

Jahresende 2018: Ahnenforschung Claer, Teil 10

Eigentlich hatte ich gedacht, in diesem Jahr 2018 wieder mehr als zuletzt zum „Ahnenforschen“ kommen zu können, aber eine überraschende berufliche Veränderung ließ mir dazu weniger Zeit und Kraft als erhofft. Daher gibt es diesmal also leider nur einen ähnlich schlanken „Forschungsbericht“ wie im Vorjahr, der zwar keine großartigen neuen Erkenntnisse, aber immerhin ein paar interessante Entdeckungen am Rande enthält. Großer Dank gebührt meiner Tante dritten Grades Lorelies Claer-Fischer, der Schwester des legendären Boxers und Skandal-Schriftstellers Hans Henning „Moppel“ Claer, die mir freundlicherweise erlaubt hat, in diesem Bericht aus ihren E-Mails der letzten Jahre an mich einige alte Familiengeschichten zu zitieren und die dazu passenden Fotos zu veröffentlichen. Man könnte sogar sagen, dass dies meinen diesjährigen Forschungsbericht gerettet hat…

1. Der Wahlplakat-Grafiker aus Berlin

Gleich im Januar 2018 erreichte mich eine Anfrage des Rechtshistorikers Prof. Dr. Jörg-Detlef Kühne von der Leibniz-Universität Hannover. Im Rahmen einer verfassungsgeschichtlichen Studie suchte er nach näheren Informationen über den Berliner Grafiker Hans Klaer, der 1924 ein vielbeachtetes Wahlplakat zur Wahl der Weimarer Nationalversammlung angefertigt hatte.

„Plakat 1 der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) zeigt den deutschen Michel mit einer schwarz-weiß-roten Schlafmütze vor einem Burgturm, auf dem, weithin sichtbar, die schwarz-rot-goldene Reichsflagge weht. Der Turm erinnert an das Hambacher Fest auf der Maxburg 1832, ein Ereignis, das im 19. Jahrhundert neben den Farben Schwarz-Rot-Gold die deutsche Nationalbewegung symbolisierte. Die Sonnenmetaphorik kündet von der Zukunft. Der deutsche Michel läuft Gefahr, sie zu verschlafen.“
(http://www.dhm.de/archiv/ausstellungen/grundrechte/katalog/30-31.pdf)

“Willst Du noch immer diese Schlafmütze aufbehalten? Abbildung: Turm mit schwarz-rot-goldener Fahne vor aufgehender Sonne – davor Deutscher Michel mit rotverbundenen Augen (Grafik) Kommentar: Reichstagswahl 1924 Plakatart: Motiv-/Textplakat Künstler_Grafiker: H. Klaer-G. Drucker_Druckart_Druckort: Offsetdruck Hermann Baswitz, Berlin Objekt-Signatur: 10-043 : 10 Bestand: Plakatsammlung Weimarer Republik/NS-Zeit (10-043) GliederungBestand10-18: Zentrum Lizenz: KAS/ACDP 10-043: 10 CC-BY-SA 3.0 DE”
(http://www.demokratisch-links.de/2012/01)

Die Deutsche Demokratische Partei (DDP), das waren in der ersten deutschen Demokratie die Linksliberalen. Sie gehörten aus heutiger Sicht also ganz eindeutig zu „den Guten“. Wir haben hier also einen Namensträger, auf den wir durchaus stolz sein können…

Ferner berichtete mir Prof. Kühne, dass „sich inzwischen ein passender Hans Klär, Zeichner, Schöneberg, Gutzkowstr. 6 IV in den Berliner Adressbüchern von 1919-1925 finden ließ, der vorher und später – bis 1933 – auch als Tischlermeister verzeichnet ist.“ Und er fügt hinzu: „Angesichts der durch bundesweite Telefonbucheinträge belegbaren relativen Seltenheit des Namens und Ihrer ins Netz gestellten Aufstellung halte ich es nicht für ausgeschlossen, dass sich hinter dem am Ende des vorgen. Kürzels gebrachten “G.” die Abkürzung für Gumbinnen verbirgt.“

Hier musste ich Prof. Kühne allerdings enttäuschen, denn die Überlieferung hinsichtlich Gumbinnens ist in unserer Familie zu vage und der Zeitraum der dortigen Ansiedlung von Namensträgern zu kurz, um eine Bezugnahme des Hans Klaer darauf für möglich zu halten. Auch konnte ich keine Hinweise auf eine Verbindung zwischen Hans Klaer und unserem Familienzweig finden. Dafür musste ich aber sofort an Monika Klaer aus Teltow und ihren Mann Joachim denken (siehe meine früheren Berichte), und dies erwies sich als Volltreffer.

„Der Cousin von Joachims Großvater war Kunsttischler hier in Berlin (verstorben 1915). Der Vater dieses Mannes war Tischler. Er muss noch drei Söhne gehabt haben… Diese drei Brüder werden erwähnt in den Jahren  1920 – 1940. Ich habe mal herausbekommen, dass sie die Tischlerei an einem ganz besonderen Ort mitten in Berlin hatten, ein Museum ist heute noch direkt daneben.“ Und später ergänzte sie noch nach einem Blick in die Familienchronik: „Im Text aus dem Jahre 1920 heißt es ‚Wir lernten auch die aus zweiter Ehe hervorgegangenen in Berlin wohnenden Brüder Karl, Ernst und Max Klaer mit ihren Familien kennen.‘ Natürlich kann Hans ein Sohn von den oben benannten Brüdern sein. … In den Adressbüchern kommt Hans 1920 als Tischler vor mit der gleichen Adresse und 1925 dann als  Hans Klär, Zeichner, Schöneberg, Gutzkowstr. 6 IV.“

Nur haben diese Klaers mit K, soweit wir wissen, keine Beziehung zu „unseren“ ostpreußischen Claers/Clairs/Klaers, sondern lassen sich vielmehr bis ins 18. Jahrhundert in der Gegend von Magdeburg zurückverfolgen. Doch womöglich gibt es ja eine noch frühere Verbindung…

2. Der Hauptmann von Gumbinnen – jetzt auch mit Bild!

Eine weitere hochinteressante Nachricht erhielt ich im März 2018 von einem Herrn Gordon v. J., einem Nachkommen des in meinen früheren Berichten ausführlich behandelten Wilhelm Theodor von Clair (1. Dezember 1767- 15. März 1831), des „Hauptmanns von Gumbinnen“.

„Über seine Tochter Ottilie Henriette Auguste von Clair (* 07. Oktober 1807 in Gumbinnen; † 28. Oktober 1875 in Langfuhr), welche laut Ihrer Quelle aber bereits kurz nach der Geburt verstorben sein soll, bin ich mit ihm verwandt. Die von Ihnen ebenfalls gefundene Luise Wilhelmine Mathilde († 1830), verheiratet mit einem von Aweyde, ist nach meinen Informationen auch eine Tochter Wilhelm Theodors. Ferner habe ich noch folgende Informationen über den Lebenslauf von Wilhelm Theodor:
· August 1781 Gefreiter Korporal im Garnison-Regiment Nr. 2 (der alten Stammliste)
· 01. November 1785 Fähnrich beim Garnison Regiment Nr. 2 (der alten Stammliste)
· 01. Mai 1787 zum Infanterie Regiment Nr. 11 (der alten Stammliste)
· 01. Oktober 1788 Sekondelieutnant
· 1794/95 Teilnahme am Feldzug in Polen
· 17. September 1797 Stabskapitän im Infanterie Regiment Nr. 58 (der alten Stammliste)
· 23. Oktober 1800 zum Infanterie Regiment Nr. 21 (der alten Stammliste)
· 15. Juli 1802 verheiratet mit Henriette Leopoldine Reichardt in (Preußen) Gumbinnen.
geboren 04. April 1783 (in Preußen ?)
· 1804 Beurteilung: “Ein ganz vorzüglicher, kluger Offizier, durch Eifer, Betragen, Talente und militärische Kenntnisse ausgezeichnet. Er zeichnet überaus schön. Kann einst viel leisten.”
· 23. Mai 1805 Kompagniechef
· 1806 Teilnahme am Feldzug
o 14. Oktober bei Auerstädt verwundet
o bei Übergabe von Magdeburg in französische Gefangenschaft geraten
· 31. Januar 1808 zum 3. Ostpreußischen Infanterie Regiment
· 02. August 1809 mit schlichtem Abschied entlassen auf Grund kriegsgerichtlichen Erkenntnissen
· 15. März 1831 gestorben (Voss.Ztg.70) in Gumbinnen
Diese Informationen und weitere Abschriften von Briefen des Wilhelm Theodors liegen mir als Schreibmaschinendurchschlag vor, mit dem Vermerk, dass sich die Originale bei Frau Janert befinden. Dabei handelt es sich sehr wahrscheinlich um seine Tochter Wilhelmine Henriette Leopoldine Bertha († 1864), welche, wie sie bereits herausgefunden haben, einen Dr. Janert geheiratet hat.
Wie genau diese Informationen in den Besitz meiner Familie gekommen sind, ist mir nicht bekannt. Zu weiteren Nachfahren der von Clairs habe ich keinen Kontakt.“

Und als besonderes Bonbon befand sich im Anhang der Mail noch ein Bild des Wilhelm Theodor von Clair:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

3. Die Filmschauspielerin aus „Schwarze Nylons – heiße Nächte“

Schon vor einigen Jahren bin ich bei einer Recherche im Netz auf eine Schauspielerin namens Renate Claer gestoßen, die ca. in den 1950er Jahren in einigen Filmen mitgewirkt hat. Ich befragte damals meinen Vater, ob er von einer Filmkarriere seiner Schwester Renate Scheibner, geb. Claer, also meiner Tante Renate (1932-1986) aus Karl-Marx-Stadt wisse. Er schloss dies kategorisch aus. Nun habe ich bei Ebay ein handsigniertes Foto dieser Schauspielerin gefunden. Sie ist definitiv nicht meine Tante Renate.

 

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Art des Autogramms: Original handsigniert (kein Druck oder ähnliches)“

 

 

Aufschlussreich ist aber die Rückseite der Autogrammkarte. Dort findet sich der Hinweis, dass das umseitige Foto aus dem Film „Schwarze Nylons – heiße Nächte“ stammt. Sollte also neben meinem bereits erwähnten Onkel dritten Grades „Moppel“ Claer (u.a. „Lass jucken, Kumpel“) noch ein weiteres Mitglied unseres erweiterten Familienkreises in anrüchigen Filmen mitgewirkt haben?

Der besagte Film aus dem Jahr 1958 hat sogar einen eigenen Wikipedia-Eintrag: https://de.wikipedia.org/wiki/Schwarze_Nylons_%E2%80%93_Hei%C3%9Fe_N%C3%A4chte
Jedoch wird darin das Lexikon des internationalen Films mit der Einschätzung zitiert: „Kriminalabenteuer in «verruchtem» Milieu – biederer, als der spekulative Titel vermuten läßt.“ Nun gut, die frivolen Filme der späten Fünfzigerjahre sind sicherlich nicht mit jenen aus den Siebzigerjahren zu vergleichen. Noch dazu ist Renate Claer in der Namensliste der in diesem Film auftretenden Schauspieler im Wikipedia-Eintrag gar nicht enthalten. Vermutlich spielte sie also nur eine kleine Nebenrolle.

 

Darüber hinaus lässt sich über Google noch eine Illustrierte aus dem Jahr 1958 finden, in der die Schauspielerin Renate Claer mit zwei Kolleginnen als Cover-Girl posiert:

https://www.zvab.com/servlet/SearchResults?bsi=30&hl=on&kn=abze&sortby=20&prevpage=3

 

 

 

 

Außerdem bin ich nach meiner Erinnerung früher einmal im Netz darauf gestoßen, dass die Schauspielerin Renate Claer aus der Schweiz stammt, doch kann ich diese Quelle jetzt leider nicht mehr finden. Dies wäre aber auch der einzige (unbestimmte) Hinweis auf eine Verbindung zu unserer Familie, da diese wahrscheinlich von Einwanderern aus St. Imier (Berner Land) in die Schweizer Kolonie nach Gumbinnen/Ostpreußen um 1712 abstammt (siehe meine früheren Texte). Vielleicht ist die Schweizer Schauspielerin Renate Claer ja eine Nachkommin der um 1712 in der Schweiz zurückgebliebenen Verwandten der Auswanderer in den Raum Gumbinnen um David und Jakob Clerc (Clair)…

4. Der einzige noch erhaltene Brief meines Großvaters

In meiner Korrespondenz mit Tante Lorelies hatte sich – wie schon früher erwähnt – aus der vergleichenden Betrachtung unserer Familienzweige als herausstechende Gemeinsamkeit aller Claers neben den großen Nasen und einer gewissen Witzigkeit und Lustigkeit auch noch ein auffällig guter Schreibstil ergeben.

Besonders meine gerade schon genannte Tante Renate war als Schülerin für ihre exzellenten Deutsch-Aufsätze und überhaupt für ihr hervorragendes Ausdrucksvermögen bekannt. Dies berichtete mir – ohne dass ich danach gefragt hätte – vor einigen Jahren auf einer Geburtstagsfeier meiner inzwischen verstorbenen Eltern auch ihr ehemaliger Lehrer, ein alter Herr von inzwischen über 90 Jahren. Eine seiner Kolleginnen hatte meinen Vater, wie dieser uns später häufig erzählt hat, seinerzeit auf der Oberschule nach einem gelungenen Deutschaufsatz mit den (unzutreffenden) Worten abgebürstet: „Claer, das haben Sie doch von Ihrer Schwester abgeschrieben!“ Ebenfalls einen guten, wenn auch mitunter etwas unkonventionellen Schreibstil pflegte Tante Renates und meines Vaters Cousin zweiten Grades, der schon mehrfach erwähnte Hans Henning „Moppel“ Claer, der ja nach manchen Umwegen, siehe meine früheren Texte, sogar zum Berufsschriftsteller avancierte.

Doch auch mein Großvater Gerhard Claer (1905-1974) konnte sehr gut schreiben, wie die folgende Kostprobe beweist, die ich hier nur deshalb veröffentliche, weil mittlerweile niemand mehr am Leben ist, der etwas dagegen haben könnte. Es handelt sich um den leider einzigen noch erhaltenen Brief meines Großvaters aus dem Rheinland an meine Eltern nach Rostock. Der Brief ist fast 50 Jahre alt, vom 26. Oktober 1969.

Zu dieser Zeit lebte mein Opa schon mit seiner zweiten Frau zusammen (meine Oma war bereits in den 50er Jahren – nach der Flucht aus der DDR – an Krebs gestorben). Diese Stief-Oma hat uns später, nach dem Tod meines Opas 1974, auch einmal in Wismar besucht und uns ansonsten immer viele West-Pakete geschickt. Wie auch mein Onkel Gerd, der jüngere Bruder meines Vaters, der im Brief ausführlich als junger Mann erwähnt wird.

Bald nach Erhalt dieses Briefes sind meine Eltern von Rostock nach Wismar gezogen, wo ich dann zwei Jahre später geboren wurde. Dieser Brief meines Großvaters ist deshalb der einzige, der heute noch existiert, weil mein Vater alle anderen vor seiner Republikflucht Ende 1986 vernichtet hat. Wahrscheinlich hatte mein Opa oft geschrieben, dass meine Eltern doch in den Westen kommen sollten. Und mein Vater fürchtete, dass die Organe der DDR meiner Mutter und mir, die ja zunächst im Osten zurückbleiben mussten, daraus wegen Mitwisserschaft an seiner Republikflucht „einen Strick drehen“ könnten.

Hier also der Brief meines Großvaters:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

5. Stammbaum, Fotos und Geschichten von Tante Lorelies

a) Stammbaum

Hier nun der Stammbaum von Tante Lorelies:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zum Vergleich hier auch noch einmal der einst von meinem Großvater Gerhard erstellte Stammbaum. Wie früher schon mehrfach angesprochen hat sich dort offenbar ein Fehler eingeschlichen: Im unteren Blatt links oben muss es statt „Franz Claer“ heißen: „Otto Claer“. Otto Claer, der Großvater von Tante Lorelies und „Moppel“ Claer, war der ältere Bruder meines Urgroßvaters Georg Claer. Gemeinsam mit ihrem jüngeren Bruder Richard und ihrem Vater Franz waren sie die „Claers von der Post“, siehe hierzu ausführlich meine früheren Texte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

b) Fotos

aa) Erich Claer und seine Schwestern

Von Tante Lorelies erhielt ich die folgenden Fotos ihres Vaters Erich und ihrer Tanten (dessen Schwestern) Margarete und Hildegard. Die drei Geschwister waren Cousin und Cousinen meines Großvaters Gerhard.

 

 

 

 

 

 

 

 

Erich Claer (1901-1950)

 

 

 

 

 

 

 

Margarete Doeppner, geb. Claer (1904-1932/33)

 

 

 

 

 

 

 

 

Hildegard Rathgen, geb. Claer (1904-ca.1960) mit Tochter Ingeborg (geb. 1949)

 

bb) „Moppel“ Claer und seine Geschwister

Weiterhin bekam ich von Tante Lorelies Fotos von ihr und ihren drei Brüdern Hans Henning, Dieter und Heiner.

 

 

 

 

 

 

 

 

Hans Henning „Moppel“ Claer (1931-2002) mit seiner Mutter Hanni Claer, geb. Keller (1910-1992)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dieter Claer (1933-2005) mit Ende 50

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Lorelies Claer-Fischer (geb. 1940)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Heiner Claer (1942-2013) mit 58 Jahren

 

cc) Mein Großvater Gerhard und seine Kinder

Zum direkten Vergleich zwecks Feststellung etwaiger Ähnlichkeiten hier auch Fotos meines Großvaters Gerhard und seiner drei Kinder Renate, Joachim (mein Vater) und Gerd.

 

 

 

 

 

 

Mein Großvater Gerhard Claer (1905-1974) mit seinem jüngsten Sohn (meinem Onkel) Gerd Claer (1943-2016)

 

 

 

 

 

 

Mein Onkel Gerd Claer (1943-2016) und mein Vater Joachim Claer (1933-2016)

 

 

 

 

 

 

 

 

Meine Tante Renate Scheibner, geb. Claer (1932-1986)

 

c) Geschichten

aa) Über Familienangehörige

Tante Lorelies schrieb über Ihren Vater Erich sowie ihre Tanten Margarete und Hildegard:

„Also: alle liebten Erich. Wenn er irgendwo auftauchte, hingen alle an seinen Lippen, nicht nur die Frauen. Er unterhielt alle mit Geschichten, Charme und guter Laune …Über die Schreibbegabung kann ich nicht so viel sagen. Wir haben ja keine Briefe aus der Vorkriegszeit. Grete ist 1942 gestorben, Hilde wohnte in FfM, wir in Berlin, man telefonierte wohl eher. Von ihr weiß ich, dass sie Sekretärin war, meine Mutter sagte, dass beide Mädels sehr intelligent waren. Vom Papa weiß ich nichts, aber wenn er schrieb, wie er reden konnte…
Ich hatte wohl früh eine gewisse Begabung zum Formulieren, denn meine Mutter bat mich immer die Glückwunsch- und Kondolenzbriefe zu schreiben, ich bekam dann eine Mark. Ab meinem 10. Lebensjahr nach dem Tod meines Vaters! Bis dahin hatte er das wohl übernommen. Von meiner Schulzeit weiß ich wenig. Aber meine Aufsätze waren auch gut. Mit 17 Jahren wollte ich ein Buch schreiben, daraus wurde nichts, weil mir die Phantasie fehlte. Dieter hat viel aus Canada geschrieben, aber ich weiß nicht, wie sein Stil war, er verlor auch nach und nach das Denken in der deutschen Sprache.“

„Zu Tante Grete: sie war mit einem Herrn Doeppner verheiratet und ist 1942 bei der Geburt des 3. Kindes gestorben. Das weiß ich so genau, weil mein Bruder Heiner im gleichen Jahr geboren wurde und als Oma Emma meine Mutter im Krankenhaus besuchte, sagte sie: …” und meine arme Grete mußte sterben…”. Meine Mutter war ganz fertig.“

„Mein Vater ist in Königsberg aufgewachsen, hat eine Banklehre gemacht und 1930 Hanni Keller aus Osterode, eine entfernte Verwandte, geheiratet. Er hatte inzwischen eine Stelle bei der Deutschen Bank in Berlin und beiden nahmen  ihren Wohnsitz in Steglitz. Moppel wurde 1931 dort geboren. Dieter 1933 in Ratibor, weil Erich zwei Jahre in die Provinz versetzt wurde. Ich wurde 1940 dann wieder in Berlin geboren, Erich war inzwischen bei der Deutschen Treuhand. Heiner 1942 in Osterode. 1940 wurde Moppel wie alle Schüler des Heesegymnsiums nach Rastenburg evakuiert, meine Mutter ging deshalb mit uns allen nach Gröben, um ihm näher zu sein. Allerdings kam er vor Heimweh schier um, sodass sie ihn nach Osterode umschulen ließ.“

bb) Fluchtgeschichte

Und schließlich noch der Bericht von Tante Lorelies über die Flucht aus Ostpreußen:

„Nochmal zur Flucht: es gab ja das Verbot, Ostpreußen zu verlassen. Meiner Mutter, die mit ihren 4 Kindern festsaß, sagte mein Vater, dass sie aber unbedingt gehen soll, wenn die Landjahrmädels gehen (sie wohnten alle in der Nähe in einem Haus, ich ging dort auch kurz in  den Kindergarten). Er konnte es sich nicht vorstellen, dass Hitler seine deutschen Mädels den Russen in die Hände fallen ließ. Aber genau so kam es ja.
Anlässlich eines Besuchs bei ihren Eltern in Osterode, traf sich meine Mutter mit einer Freundin in einem Restaurant zur Beratung. Dabei hörte sie, wie sich zwei Herren am Nebentisch (sie schätzte sie als Gutsbesitzer ein) leise unterhielten und sagten: …BBC ….wir gehen morgen…”
Daraufhin packte sie sofort den Treck und am nächsten Tag, dem 28. Januar, zogen wir von Gröben nach Osterode und verabschiedeten uns von meinen Großeltern, die sich die Flucht nicht mehr zutrauten (mein Großvater war krank) und meinten, dass ihnen alten Leuten der Russe schon nichts tun werde.
Am nächsten Tag war der Russe da und meine Großeltern und einige Nachbarn wurden im Schlafzimmer, wo sie sich alle beim Kranken aufhielten, von einem russischen 17jährigen betrunkenen Soldaten mit dem Ausruf  “du kapitalisti” erschossen. Eine Magd, die im Nebenzimmer war, hat alles erzählt. Der Soldat bekam dann auch ein Verfahren wegen Kriegsrechtsverletzung. Meine Mutter hat es nie verwunden, dass ihre Eltern nicht erfahren konnten, dass sie und die Kinder die Flucht überlebt hatten.
Wir zogen dann unter  Kriegsgrollen Richtung Dirschau, weil mein Vater dort zu einem Offizierslehrgang war (im Januar 1945 !! Von dort kam er dann in russische Kriegsgefangenschaft, wurde 1947 wegen Unterernährung entlassen und ist 1950 an den Folgen gestorben). Meiner Mutter gelang es tatsächlich, ihn zu sprechen. Er riet ihr, nicht den Seeweg zu nehmen, sondern über Land zu gehen, das ging bis Stolp und da hatte uns der Russe dann. Wir hingen mit anderen Flüchtlingen auf einem pommerschen Bauernhof fest, bis uns im Oktober der Pole mit Fußtritten herauswarf und wieder Züge fuhren…“

Und die Fluchtgeschichte(n) meines Familienzweiges erzähle ich beim nächsten Mal…

Ausblick

Soviel also für diesmal. Im kommenden Jahr gibt es hoffentlich wieder mehr Material und vielleicht sogar neue Erkenntnisse.

Berlin, Dezember 2018

www.justament.de, 31.12.2018: In der DDR gab es kein 1968

Über die grundverschiedene mental-kulturelle Prägung in Ost- und Westdeutschland

Thomas Claer

Ein mächtiger Sturm tobte über Europa, nein, längst nicht nur über Europa, sondern über der ganzen westlichen Welt und selbst noch in Teilen Asiens und Nordafrikas: der Sturm der Studentenproteste – und des gesellschaftlichen Wandels überhaupt. Damals, vor 50 Jahren, hörten junge Leute plötzlich nicht mehr Schlagerkitsch, sondern fetzige Rockmusik. Und von ihren Eltern ließen sie sich schon gar nichts mehr sagen. Langhaarige junge Männer rotteten sich in den Straßen zusammen und riefen „Ho-Ho Ho-Chi-Minh!“ Junge Frauen entblößten in Hör- und Gerichtssälen ihre Brüste und forderten Emanzipation. „Unter den Talaren“ ihrer Professoren hatten empörte Studenten „den Muff von tausend Jahren“ ausgemacht und begaben sich auf den „Marsch durch die Institutionen“, um das „kapitalistische Schweinesystem“ mal so richtig von Grund auf umzugestalten. Fortan gehörte, „wer zweimal mit der Selben“ pennte, bereits „zum Establishment“. Und selbstverständlich traute man „keinem über 30“… Kaum zu glauben, dass es ein Fleckchen Erde mitten in Europa gab, das von all dem kaum etwas mitbekommen hatte. Und doch es gab diese Region der Ahnungslosen, man nannte sie den Ostblock. Dort wehte der Wind der Veränderung, wenn überhaupt, nur als ein laues Lüftchen. Mauer und Stacheldraht hatten hier zwar längst nicht alles vom neuen Zeitgeist zurückhalten können, aber doch genug, um eine Menge von dem zu konservieren, was die westlichen Gesellschaften nach 1968 längst überwunden glaubten, auf dem „Müllhaufen der Geschichte“ wähnten: autoritäre Strukturen, Disziplin und Gehorsam, Homophobie und Fremdenfeindlichkeit zum Beispiel. Und so kam es, dass an der Nahtstelle zwischen Ost und West, an der innerdeutschen Grenze, nicht nur zwei entgegengesetzte politische Welten jahrzehntelang nebeneinander her lebten, sondern deren Bewohner auch grundverschiedene kulturelle Prägungen durchlaufen hatten. Sie sprachen dieselbe Sprache und konnten einander, wie sich später zeigen sollte, doch nur sehr begrenzt verstehen. Ein großes soziologisches Freiluftexperiment am lebenden Objekt gewissermaßen.

Ich selbst war 1968 noch gar nicht geboren. Erst drei Jahre später erblickte ich das Licht der Welt, doch konnte ich die Auswirkungen dieser weitgehend entgegengesetzten sozialen Codierungen in Ost und West sehr eindrucksvoll in der Schule studieren: erst im Osten – in einem Dorf nahe der innerdeutschen Grenze mit starker Armee-Präsenz – und später im Westen: in einer besonders liberalen Großstadt. Einen stärkeren Kontrast, als ich ihn damals erlebt habe, kann man sich nicht vorstellen. Das einzig Verbindende zwischen diesen beiden Welten war (neben der norddeutsch eingefärbten Sprache) die ironischerweise ihnen beiden zugeschriebene Farbe Rot. Aber ansonsten: Wie vollkommen unterschiedlich sich gleichaltrige junge Menschen doch verhalten konnten!

Kam im Osten ein neuer Schüler in die Klasse, wurde er von seinen neuen Mitschülern zuerst interessiert angesehen, sodann auf Schritt und Tritt beobachtet und schließlich neugierig befragt, woher er denn komme und was er so treibe. Nichts davon im Westen. Niemand nahm Notiz von einem Neuankömmling. Überhaupt bestand so eine West-Klasse aus mehreren Grüppchen, die sich offenbar überhaupt nicht miteinander abgaben. Die Gruppenzugehörigkeit, das lernte ich schnell, manifestierte sich vor allem auch in der Kleidung (Ökos, Popper, Grufties, Rocker, Normalos…), während im Osten alle ganz ähnlich angezogen waren und fortwährend jeder mit jedem kommunizierte. Kam man dann schließlich doch mit den West-Kindern ins Gespräch, erwiesen sie sich mitunter als freundlich, doch – jedenfalls im Vergleich zur ganz natürlichen Herzlichkeit der Ostdeutschen – auch als irgendwie unterkühlt. Ganz anders aber war es bei den Lehrern! Während sich die Ost-Lehrer ausnahmslos als Autoritätspersonen präsentierten, die auch gerne mal laut wurden, um Ruhe und Ordnung durchzusetzen, traten die West-Lehrer in vielen Fällen als ausgesprochene Kumpeltypen auf, die sich mit ihren Schülern z.B. über Popmusik und Filme unterhielten und sogar mit ihnen Computerspiele tauschten. Manche männlichen West-Lehrer hatten lange Haare oder waren zerfetzt und abgerissen gekleidet. Und dann der Sportunterricht! Im Osten wurde man im Kasernenhofton herumkommandiert, musste am Anfang der Stunde strammstehen und auch öfter mal in Reih und Glied marschieren. Im Westen liefen eigentlich alle fortwährend durcheinander, ohne dass sich jemand daran gestört hätte. Das T-Shirt trugen die West-Kinder lässig über der Hose, im Osten wäre man dafür vom Lehrer angeschnauzt worden.

In der Schule hatte man im Osten pünktlich zu erscheinen, sonst gab es Ärger, aber so richtig. Im Westen hingegen trudelte alle paar Minuten ein weiterer Nachzügler ein. Wurde im Osten etwas Organisatorisches angesagt, dann geschah dies jeweils genau einmal. Hatte jemand etwas nicht gleich mitbekommen, weil er geträumt hatte oder abgelenkt war, und er fragte nach, so wurde er vom Lehrer vor der versammelten Klasse für seine Unaufmerksamkeit blamiert. Ganz anders im Westen: So ziemlich alles wurde von den Lehrern zweimal, dreimal oder viermal laut und deutlich wiederholt – und dennoch gab es fast immer noch eine Nachfrage: „Also wann sollen wir uns noch mal treffen??“ Wurde auf Klassenfahrten ein Treffpunkt vereinbart, dann waren im Osten stets alle zu der vorgegebenen Zeit anwesend. Im Westen plante man in solchen Fällen immer großzügig noch eine halbe Stunde Zeitpuffer ein – und doch fehlte am Ende noch der eine oder die andere.

Im Osten war es gefährlich, ein Außenseiter zu sein, denn dann wurde man vom Kollektiv gemobbt, wobei es dieses Wort damals noch gar nicht gab. Von den Lehrern hatte man dann wenig Hilfe zu erwarten, sondern wurde höchstens von ihnen ermahnt, sich doch endlich einmal besser ins Klassenkollektiv einzufügen. Ganz anders im Westen. Dort appellierten die Lehrer ausdrücklich an das Sozialverhalten, forderten ihre Schüler auf, niemanden auszugrenzen. Aber die West-Schüler kamen – anders als Ost-Schüler – zumeist gar nicht auf die Idee, andere zu mobben, weil diese ihnen völlig egal waren. Für West-Schüler zählte nur der eigene Freundeskreis; was andere taten oder nicht taten, kümmerte sie nicht.

Gibt es solche mentalen Unterschiede zwischen Ost und West auch heute noch? Wahrscheinlich längst nicht mehr so ausgeprägt wie vor 30 Jahren, aber ganz bestimmt gibt es sie noch. Gewisse regionale, auch personale Kontinuitäten lassen sich nicht so leicht aus der Welt schaffen, und warum auch? Gruppenspezifische mentale Unterschiede gibt es hierzulande schließlich auch zwischen Nord und Süd, zwischen Arm und Reich, zwischen Stadt und Land, zwischen Eingeborenen und Migranten.

Was folgt nun aus all dem? Ich weiß es nicht, nur so viel: Dass im Westen oder im vereinigten Deutschland alles in jeder Hinsicht besser wäre als damals im Osten, lässt sich nun wirklich nicht behaupten. Wo viel Licht ist, da ist immer auch viel Schatten. Und umgekehrt. Insbesondere ist die Freiheit, die sich vor 50 Jahren mit der 1968er Revolte ausgebreitet hat – nicht zuletzt im westlichen Erziehungssystem – ein durchaus zweischneidiges Schwert. Zu viel davon kann leicht fragwürdige Nebenwirkungen oder unbeabsichtigte Folgen mit sich bringen. Aber wenn ich mich entscheiden müsste: Dann doch bitte lieber zu viel Freiheit als zu wenig…

www.justament.de, 24.12.2018: Goethe & Co. als Rockmusik

Scheiben vor Gericht Spezial: Vor vierzig Jahren erschien „Regenballade“ von Achim Reichel

Thomas Claer

Damals in den Siebzigern wurde viel experimentiert. Und so kam es, dass der umtriebige Rockmusiker Achim Reichel, der sich zuvor bereits u.a. an meditativer Psychedelic und Seemannsliedern erprobt hatte, deutsche Balladen des 19. Jahrhunderts kurzerhand zu Popsongs machte. Reichel, das muss man wissen, hatte seinerzeit einen wirklich guten Lauf. Was er anfasste, gelang ihm, wenn auch die kommerziellen Erfolge sich erst mit erheblicher Verspätung einstellen sollten. Bis heute wird seine LP „Regenballade“ aus dem Jahr 1978 als rundum gelungenes Fusions-Experiment gefeiert, das natürlich längst als Unterrichtsmaterial an deutschen Schulen dient. Wobei diese Musik heutigen Schülern mittlerweile ähnlich fern stehen dürfte wie z.B. die Vertonung von Wilhelm Müllers „Winterreise“ durch Franz Schubert aus dem Jahr 1827. Doch dafür gefällt sie den Lehrern umso besser, oder sagen wir lieber: den älteren Lehrern…

Gitarre, Bass, Schlagzeug und Keyboard – mehr brauchte es nicht, um die angestaubten Balladen plötzlich als luftige Rock-Nummern wiederauferstehen zu lassen. Eigentlich gilt ja unter Musikern der Grundsatz, dass immer zuerst die Melodie vorhanden sein muss, zu der dann nachträglich ein passender Text hinzugefügt wird. Dass es – in seltenen Fällen – auch andersherum funktionieren kann, beweist Reichels „Regenballade“. Beim Lesen der alten Texte, so Achim Reichel später, seien ihm die Melodien nur so zugeflogen. Das glaubt man ihm gerne, so mühelos, wie sich hier alles ineinander fügt.

Besondere Höhepunkte dieses Albums sind „Nis Randers“ aus der Feder des Hamburger Schriftstellers Otto Ernst, das zu einem lupenreinen Gitarrenpop-Song mutiert, „Een Boot is noch buten“ vom Naturalisten Arno Holz und „Trutz blanke Hans“ vom Prä-Naturalisten Detlev von Liliencron. Jener Liliencron ist auch der Verfasser von „Pidder Lüng“ mit dem berühmten Refrain „Lewwer duad üs Slaav!“ Reichel macht daraus einen hochenergetischen Freiheitssong, hier eine großartige Live-Version von 1991. Ebenfalls zweimal auf der Platte vertreten sind Johann Wolfgang von Goethe (neben dem „Zauberlehrling“ noch mit dem „Fischer“: „Halb zog sie ihn, halb sank er hin“) und Theodor Fontane („Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“ und „John Maynard“).

Aber dann hat sich auch noch eine Ballade viel jüngeren Datums, nämlich aus dem 20. Jahrhundert, auf der LP eingeschlichen: Das Titelstück, die „Regenballade“, stammt von der Lyrikerin und Romanautorin Ina Seidel (1885-1974). Endlich ist hier auch mal eine Frau unter den Dichtern vertreten, denkt man. Nur leider ist Ina Seidel eine Art Skandalfigur, die sich in der NS-Zeit als Blut- und Boden-Literatin sowie als begeisterte Hitler-Verehrerin hervorgetan hat („Hier stehn wir alle einig um den Einen, und dieser Eine ist des Volkes Herz“). Ihre „Regenballade“ selbst, um die es hier geht, ist aber wohlgemerkt völlig unpolitisch, eine Art verspätetes Stück Schauerromantik. Und sie ist wirklich grandios. Von daher ist es auch gut so, dass dem guten Achim Reichel daraus noch keiner einen Strick gedreht hat, zumal einem so grundehrlichen und sympathischen Zeitgenossen wie ihm ohnehin niemand unlautere Motive unterstellen würde. Also sei’s drum!

Achim Reichel
Regenballade
Ahorn 1978
Neuauflage als CD: Tangram 2008
ASIN: B007Z1UARK
9,99 Euro (bei Amazon)

www.justament.de, 10.12.2018: 50 Jahre Schlacht am Tegeler Weg

Ein Film- und Diskussionsabend in Berlin-Charlottenburg

Thomas Claer

Landgericht Berlin (Foto: TC)

Gestern im „Haus am Mierendorffplatz“. Der kleine Raum ist rappelvoll. Auf der Leinwand läuft ein Dokumentarfilm aus den Achtzigern. Hier, rund ums nahe gelegene Landgericht Berlin am Tegeler Weg, wurde Rechtsgeschichte geschrieben. Damals, vor fünfzig Jahren, tobte dort die legendäre „Schlacht am Tegeler Weg“. Während im Gericht über die Aberkennung der Anwaltszulassung des damaligen Apo-Anwalts Horst Mahler wegen „Unwürdigkeit“ gestritten wurde (er hatte zuvor an einer Demonstration gegen die Springer-Presse teilgenommen), hatten sich draußen hunderte Studenten und Sympathisanten versammelt und lieferten sich eine wilde Straßenschlacht mit der Polizei. Am Ende standen 130 verletzte Polizisten. Einige der damaligen Demonstrationsteilnehmer sind anwesend, auch die Regisseurin des gezeigten Films. Nur leider fehlt Alt-Aktivist und LinksanwaltHans-Christian Ströbele, mittlerweile 79. Zunächst hatte er seine Teilnahme zugesagt, musste dann aber leider doch aus gesundheitlichen Gründen passen. Bei der letzten Großdemo gegen den Mietenwahnsinn sei er noch dabei gewesen, heißt es.

Überhaupt besteht das Publikum hauptsächlich aus rüstigen Siebzigern, die in der anschließenden munteren Diskussion genüsslich in ihren Erinnerungen schwelgen. Die große Streitfrage ist mal wieder, wie schon im Dokumentarfilm, wie denn der LkW mit den Pflastersteinen, die später von den Demonstranten auf die Polizisten geworfen wurden, durch die Absperrungen der Polizei gelangen konnte. Zwei Theorien habe es damals gegeben: Verfassungsschutz und CIA. Demgegenüber zitiert ein Anwohner die Meinung seiner Nachbarin: In den Straßen seien doch damals überall die Straßenbahnschienen abmontiert und Pflastersteine aus den Straßen in LkWs verladen worden. Nein, widerspricht ein anderer, die besagten Steine seien doch viel größer gewesen, das habe man im Film doch deutlich erkennen können. Und ein Dritter berichtet, dass ein Polizist sogar zugegeben habe, als „agent provocateure“ gehandelt zu haben, doch den lassen wiederum andere nicht als zuverlässigen Zeugen gelten. Nein, diese Frage ist wohl einfach nicht mehr abschließend zu klären…

Eine Anekdote reiht sich an die nächste. Ein Herr im Pullover berichtet, wie er damals in der S-Bahn von Bauarbeitern angespuckt worden sei, die ihn als „Scheiß-Student“ beschimpften. Auch die Straßenbauarbeiter vor Ort hätten wohl übelste Beleidigungen in Richtung der Demonstranten gerufen. 90 Prozent der Zeitungslandschaft war Springer-Presse. Und die habe gehetzt, was das Zeug hielt. Ja, so war das damals. Eine aufregende Zeit sei das gewesen, da sind sich alle einig. Aber wie ist es denn heute? Doch eigentlich fast genauso aufregend! Und nun gehen die Meinungen munter auseinander. Die Gelbwesten in Frankreich? Ganz großartig, finden die einen. Oh nein, echauffieren sich die anderen. Und Rechts und Links lägen manchmal eben doch dicht beieinander, das sähe man doch an Horst Mahler, damals linker Apo-Aktivist, heute wegen mehrfacher Volksverhetzung verurteilter Rechtsextremist. Und in Frankreich stünden Rechte und Linke schon Seite an Seite, in Italien und Griechenland koalierten sie miteinander. Nein, das machen wir nicht mit, protestieren mehrere ältere Damen. Keine Gleichsetzung von Rechts- und Linksradikalismus! Das sei doch ein himmelweiter Unterschied! Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass die Diskussionsfreude der Aktivisten von einst auch nach 50 Jahren noch kaum nachgelassen hat und dass politisches Temperament wohl auch keine Frage von Alt oder Jung ist.