justament.de, 25.5.2020: Lärmend ist lange her

Die Einstürzenden Neubauten auf „Alles in allem“, ihrem ersten Studioalbum seit zwölf Jahren

Thomas Claer

Zu den bedeutendsten und einflussreichsten deutschen Musik-Gruppen aller Zeiten zählen ohne jede Frage die Einstürzenden Neubauten, die aufgrund ihres programmatischen Bandnamens wohl selbst jenen vage bekannt sein dürften, die noch niemals eine Note von ihnen gehört haben (und dies wohl auch zeitlebens keinesfalls zu tun gedenken). Überhaupt erscheint es heute, rund vierzig Jahre nach ihren Anfängen in der Underground-Szene Berlin-Kreuzbergs, geradezu als ein Wunder, dass diese Brachial-Avantgardisten mit ihrem wundersam sperrigen Ansatz jemals Eingang in die Populärkultur finden konnten. Aber damals hat so etwas funktioniert – und sogar heute noch bilden ihre Fans (von denen es mehr gibt, als man denken könnte) eine verschworene Gemeinschaft, die mit ihren Helden mittels Crowdfunding durch dick und dünn geht.
Doch nicht nur das musikalische Konzept der Neubauten – der Einsatz diverser Altmetall-Teile von Schrottplätzen sowie Maschinenlärms als Musikinstrumente – war seinerzeit revolutionär. Auch hat sich Bandleader Blixa Bargeld (heute 61), dessen expressiver Gesangsstil damals auf viele Zeitgenossen schockierend gewirkt hat, über die Jahre als ein durchaus tiefsinniger Texter erwiesen – und dabei vor allem als ein Meister der lakonischen Verknappung: „Draußen ist feindlich“ hieß es bei ihm in den Achtzigern und „Architektur ist Geiselnahme“ in den Neunzigern. Spürbar gelitten hat die musikalische Substanz der Band allerdings durch das bedauerliche Ausscheiden von Perkussionist F.M. Einheit, der eine tragende Säule des frühen Neubauten-Sounds war, dessen notorische Differenzen mit Blixa Bargeld sich aber irgendwann als nicht mehr moderierbar erwiesen. Auch zwanzig Jahre später muss man leider feststellen: Er fehlt an allen Ecken und Enden.
„Alles in allem“, das neue Album, setzt nun den Weg fort, den die Neubauten bereits seit den späten Neunzigern beschritten haben: immer mehr weg vom infernalischen Lärm, dafür hin zu den eher leisen Tönen und melancholischen Melodien. So haben schon ihre letzten Studioalben in den Nullerjahren geklungen und auch ihre späteren Arbeiten für Theaterprojekte. Inhaltlich neu sind auf der aktuellen Platte aber die expliziten Berlin-Bezüge in Songs wie „Grazer Damm“ und „Wedding“. Ansonsten bleibt hier mehr oder weniger alles beim Alten, zumindest so, wie wir es aus den beiden zurückliegenden Jahrzehnten von ihnen kennen.
Die Einstürzenden Neubauten haben – das lässt sich somit sagen, ohne ihnen Unrecht zu tun – ihrem Gesamtwerk mit „Alles in allem“ nichts Wesentliches mehr hinzugefügt. Und dennoch hört man dieses Album gern.

Einstürzende Neubauten
Alles in allem
Potomak/Indigo 2020
ASIN: B086Y6JLHL

justament.de, 6.4.2020: Klagelieder

Portishead-Sängerin Beth Gibbons singt eine Sinfonie von Henryk Gorecki – auf Polnisch

Thomas Claer

Nein, Popmusik ist das nun wirklich nicht mehr, worauf sich die mittlerweile 55-jährige Beth Gibbons, die Stimme von Portishead, hier eingelassen hat. Bei einem Festivalauftritt in Krakau wurde sie 2013 eingeladen, an einem Radioprojekt zur Aufführung der 3. Sinfonie op. 36 von Henryk Gorecki mitzuwirken. Der polnische Komponist Gorecki (1933-2010), das sollte man wissen (und hat es dennoch nicht gewusst), gehört zu den wichtigsten Vertretern der zeitgenössischen seriellen Musik, steht also in der Nachfolge von Schönberg und Stockhausen, mal stark vereinfacht gesagt. Die Aufnahme fand dann 2014 statt. Goreckis 3. Sinfonie für Sopran und Orchester, uraufgeführt 1977, gilt als das bekannteste Werk des polnischen Komponisten und wird auch “Sinfonie der Klagelieder” genannt, was wiederum gut zu Beth Gibbons und ihrem immer schon sehr jammervollen Gesangsstil passt. Nicht weniger als 60 Streicher des „Polish National Radio Symphony Orchestra“, davon allein 30 Violinen, haben mitgewirkt. Sechs Jahre später, im Frühjahr 2019, ist diese Aufnahme als CD/DVD-Veröffentlichung erschienen, und immerhin nur ein weiteres Jahr danach hat auch unsere Musikredaktion davon Wind bekommen…
Was ist nun also von diesem doch recht gewagten Experiment zu halten, denn ein solches ist es ohne Frage, wenn man bedenkt, dass diese frühere Bar-Sängerin dann doch ganz andere musikalische Stilrichtungen abdeckt und mit Leib und Seele verkörpert als jene, die man mit „Neuer Musik“ verbinden würde. Ohne Beats und Samples, aber auch ohne sonstige Instrumente der populären Musik kann sie nur ihre bluesgetränkte und doch zerbrechlich wirkende Stimme in die Waagschale werfen. Sagen wir es einmal so: Wer schon immer in Beth Gibbons vernarrt gewesen ist, der wird auch ihrer recht eigenwilligen Gorecki-Interpretation einiges abgewinnen können. Und das, obwohl es sich, vorsichtig ausgedrückt, irgendwie doch nicht alles so ganz ineinanderfügen will… Das Urteil lautet: ohne Bewertung.

“Symphony No. 3 (Symphony Of Sorrowful Songs) performed by Beth Gibbons and the Polish National Radio Symphony Orchestra”, Domino 2019.

Arirang TV, Oktober 2019: Embracing Peace

Thomas Claer erneut als Zeitzeuge im Fernsehen befragt:

Drei Kurzauftritte in einer Dokumentation von Arirang TV, dem Sender der koreanischen Minderheit in den USA:

– 6:56 bis 7:39
– 9:40 bis 10:18
– 17:19 bis 17:41

Korrektur: Anders als es in diesem Beitrag fälschlicherweise eingeblendet ist, bin ich nicht an der Freien Universität Berlin beschäftigt!

justament.de, 9.3.2020: Schöne neue Welt

„Selbstoptimierung und Enhancement. Ein ethischer Grundriss“ von Dagmar Fenner

Thomas Claer

Selbstoptimierung? Enhancement? Was ist denn das für ein neoliberaler Bullshit?! So denkt man sich im ersten Moment, wird aber schon beim flüchtigen Blättern in diesem Buch, das man eher zufällig auf den Schreibtisch bekommen hat, eines Besseren belehrt. Ein „ethischer Grundriss“ ist dies also, aus der Feder der Schweizer Philosophie-Professorin Dagmar Fenner, die darin eine Systematisierung dieser ebenso vieldiskutierten wie unübersichtlichen Thematik unternimmt – einschließlich einer abstrakten Klärung der Grundbegriffe sowie einer Herausarbeitung und ausführlichen Abwägung aller nur denkbaren Argumente dafür und dagegen. Und so erkennt der zunächst nur mäßig an diesem Themenfeld interessierte Leser schnell, dass dieses Wissensgebiet weitaus komplexer und vielschichtiger ist, als er zunächst angenommen hatte…

Allerdings führt die Abbildung auf dem Buchcover – der schöne nackte David von Michelangelo in seiner durchtrainierten Muskelpracht, wenn auch hier mit abgeschnittenem Unterleib – ein wenig in die Irre. Denn um sportliche Ertüchtigung geht es in dieser Studie nahezu überhaupt nicht. Vielmehr liegt der Schwerpunkt dieser Untersuchung auf dem sogenannten Enhancement, d.h. den technikbasierten, vorwiegend biomedizinischen Methoden zur menschlichen Selbstverbesserung.

Das Buch besteht aus vier Teilen, deren erster als eine Art Einleitung in dieses Wissensgebiet fungiert, indem er die einschlägigen Begriffserklärungen liefert sowie die vertretenen Positionen und kulturellen Kontexte aufzeigt. Hierbei ist insbesondere die „Arbeit am Begriff“ auch dringend nötig, denn vieles läuft ja in den einschlägigen Debatten und Diskursen oftmals munter durcheinander. „Selbstoptimierung im Allgemeinen“, so erfahren wir, ist demnach „jede Selbstverbesserung eines Subjekts bis hin zum bestmöglichen oder vollkommenen Zustand“. Darunter fallen dann auch Bildung, Erziehung, Meditation und sportliches Training sowie auch z.B. das Üben eines Musikinstruments. Dagegen bezieht sich die Selbstoptimierung im engeren Sinne lediglich auf technikbasierte, zumeist biomedizinische oder pharmakologische Methoden – und genau dies ist mit dem schillernden Begriff „Enhancement“ gemeint. Doch wird dieses dann sogleich von rein therapeutischen Eingriffen abgegrenzt: Enhancement richtet sich somit nur an eigentlich Gesunde und nicht an medizinisch Bedürftige. Natürlich wirft all das gleich wieder neue Fragen auf: Wann ist jemand krank und wann gesund? Was bedeutet überhaupt Verbesserung? Und nach welchem Ideal wird hier gestrebt? Dies alles untersucht die Autorin (und sorgt dabei noch für viele weitere Abgrenzungen in allen nur denkbaren Richtungen) auf den 58 Seiten des ersten Teils und darüber hinaus auch auf den 60 Seiten des zweiten Teils, der die sogenannten „normativen Bezugsgrößen“ wie Glück, Gerechtigkeit, Freiheit und Würde näher unter die Lupe nimmt. Beispiel: Wann führt jemand ein glückliches Leben? Wenn er oder sie im Leben möglichst viel Freude und Lust empfindet, so die philosophische Schule des Hedonismus. Eine andere Antwort, mit der die Verfasserin erkennbar stärker sympathisiert als mit der vorigen, lautet: Wenn er oder sie die eigenen Lebensziele erreicht und sich die eigenen Wünsche erfüllen…

Der dritte bis fünfte Teil, die mehr als die Hälfte des Buches ausmachen, behandeln dann das „körperliche Enhancement“ (Schönheitsoperationen, Lebensverlängerungen, Digitale Selbstvermessung und Doping im Sport) sowie das „Neuro-Enhancement“ (Emotionales Enhancement, Kognitives Enhancement und Moralisches Neuroenhancement) und schließlich das „Genetische Enhancement“.

Nach der Lektüre des Werkes, die man keineswegs durchgängig als ein Vergnügen und mitunter schon als recht zäh empfinden konnte, sieht man immerhin manches etwas klarer. Natürlich besteht der Verdacht keineswegs zu Unrecht, dass der Einzelne durch gesellschaftlichen Druck, vor allem hinsichtlich der Verwertbarkeitskriterien des Arbeitsmarktes, fortwährend optimiert werden soll. Selbst der DUDEN definiert Selbstoptimierung als „(übermäßige) freiwillige Anpassung an äußere Zwänge, gesellschaftliche Erwartungen oder Ideale“. Doch anknüpfend an letzteres – die Ideale – hält die Verfasserin dagegen: „Aus der Teilnehmerperspektive hat Selbstoptimierung weniger mit Druck, Erfolg und Ehrgeiz zu tun, sondern viel mehr mit Gestaltungsfreiheit, Selbstbestimmtheit und Selbstverwirklichung.“ Wer sich selbst optimiert, tut dies ja vielleicht gar nicht, um den Erwartungen anderer zu entsprechen, sondern vor allem, um sich selbst etwas Gutes zu tun. Aber wo verläuft hier die Grenze? Wer z.B. anderen einen schönen Anblick bieten will und sich ihnen daher stets schlank und durchtrainiert präsentiert, will ja vielleicht vor allem ihre begehrlichen Blicke ernten. Doch wie ist ein solches Motiv ethisch zu bewerten?

Wenn dann schließlich Schönheitsoperationen, Glücks- oder Gedächtnispillen, überhaupt alle möglichen pharmazeutischen Substanzen (die im Buch sämtlich im Detail vorgestellt werden) ins Spiel kommen, perspektivisch sogar ins Gehirn eingepflanzte Festplatten zur Verbesserung der Merkfähigkeit oder auch eingepflanzte Chips unter der Haut, die für eine ständige Verbindung ins Internet sorgen, unterscheidet die Autorin zwischen den „Bio-Konservativen“, die grundsätzlich dagegen sind, und den „Bio-Liberalen“, die grundsätzlich dafür sind, sowie den Transhumanisten, die für eine noch weitergehende Verschmelzung von Mensch und Technik – gewissermaßen als nächsten Evolutionsschritt – plädieren. Sehr ausführlich untersucht die Autorin die Stichhaltigkeit aller insofern vorstellbaren Argumente des Für und Wider – und gibt am Ende mit Abstrichen den „Bio-Liberalen“ Recht, auch weil die Bio-Konservativen (zu denen dann sogar jemand wie Jürgen Habermas gerechnet wird), hauptsächlich ein diffuses Unwohlsein oder mitunter irrationale traditionelle Maßstäbe (wie etwa ein religiöses Menschenbild) gegen das Enhancement ins Feld führen. Und in der Tat: Rein rational betrachtet ist der Autorin ausdrücklich zuzustimmen. Dennoch würde z.B. ich selbst mich, egal wie viele gute Gründe es dafür geben mag, nie im Leben auf so ein Enhancement einlassen. Selbst wenn ich kein einziges stichhaltiges Gegenargument haben sollte… Mir genügt vollkommen mein diffuses Unwohlsein, um für alle Zeiten die Finger von so etwas zu lassen…

Sollte man den ganzen Kram dann also nicht besser verbieten? Da es dafür, wie gesagt, keine wirklich überzeugenden Gründe gibt, kann man das schlecht machen. Und außerdem greift hier ein Argument, das die Verfasserin als ein „schwaches, weil fatalistisches“ bezeichnet: Es wird doch ohnehin gemacht, was geht. Irgendwo, in der rechtlichen Grauzone… Wer es wirklich will, der kriegt schon irgendwie und irgendwo sein Enhancement. Nein, sagt dazu die Autorin, so gehe das nicht, so könne man nicht argumentieren. Es brauche eine rationale öffentliche Debatte darüber, welche Formen des Enhancements zugelassen werden sollten und welche nicht. Einverstanden. Und dennoch wird ganz sicher alles, was technisch machbar ist und wofür es eine Nachfrage gibt, auch irgendwann zu haben sein. Und die Menschen werden es dann nutzen oder auch nicht, je nachdem, was ihr Bauchgefühl ihnen sagt. Wer aber zusätzlich noch eine rationale Begründung für sein Verhalten sucht, um sich vor sich selbst oder vor anderen dafür zu rechtfertigen, der wird vielleicht zu diesem informativen Buch greifen.

Dagmar Fenner
Selbstoptimierung und Enhancement. Ein ethischer Grundriss
Utb Verlag 2019, 350 Seiten, 24,99 Euro
ISBN-10: 3825251276

justament.de, 2.3.2020: Die Pet Shop Boys am Schlachtensee

Scheiben Spezial: Justament-Autor Thomas Claer macht seinen Frieden mit seinen Lieblingen von einst

Als ich Mitte der Achtziger im Osten, im Alter von ca. 14 Jahren, zum ersten Mal die Pet Shop Boys hörte, war ich wie elektrisiert. Unglaublich cool erschien mir dieses Lied, „West End Girls“, das sie in einer Fernsehsendung live zum Besten gaben. Ich glaube sogar, bin mir aber nicht mehr ganz sicher, dass dieses Erlebnis ganz am Anfang meiner Begeisterung für Popmusik stand. Auch die anderen Lieder dieses immer unterkühlt wirkenden Elektro-Duos aus London, die ich im West-Radio gehört und mit dem Kassettenrekorder aufgenommen hatte, gefielen mir sehr.

Weihnachten 1987 – meine Mutter und ich warteten noch auf unsere Ausreise in den Westen, während  mein Vater bereits dort war – hatte ich einen Wunsch frei und wünschte mir, was aufgrund einer Lockerung der Zollbestimmungen erst seit kurzem erlaubt war: dass mein Vater mir im Paket eine Popmusik-Schallplatte in den Osten schickte. Es war „Actually“ von den Pet Shop Boys, das so brillante Songs wie “It’s a Sin” und „What Have I Done To Deserve This“ enthielt – und ich liebte diese Platte. Die Musik klang für mich ungefähr so, wie ich mir damals den Westen vorstellte: aufreizend lässig, schön und unnahbar.

Und dann, im Frühling 1989, ließen sie uns endlich raus. Bald darauf fand mich wieder auf einem Bremer Gymnasium und sollte im Englisch-Unterricht conversation machen. Und so fragte ich also ganz unbefangen meine neuen Mitschüler: „Which music do you like best?“ Alle nannten sie dann Bands und Musiker, deren Namen ich noch nie gehört hatte, was mich sehr erstaunte, denn schließlich glaubte ich doch, mich mit Popmusik ziemlich gut auszukennen. Und dann sagte ich den verhängnisvollen Satz: „I like the Pet Shop Boys“. Die Reaktion meiner Mitschüler war für mich niederschmetternd. Einen Moment lang herrschte betretenes Schweigen, dann sagte einer: „Oh, das ist aber sehr kommerziell.“ Ein anderer ergänzte verächtlich: „Voll der Mainstream.“ Ich brauchte einige Zeit, bis ich begriff, dass sich in diesen Kreisen – es waren die Kinder des gehobenen Bürgertums – Ansehen und Reputation ganz maßgeblich über den Musikgeschmack definierten. Und hier galt vor allem: je unbekannter und schräger, desto besser. So unterschiedlich die Geschmäcker und Vorlieben hier auch waren, die zumeist auch mit bestimmten Kleidungsstilen und Verhaltensweisen korrespondierten: von Rasterlocken-Reggae-Fans über Schwarzmantel-Grufty-Underground und Müsli-Öko-Diskurs-Indie-Pop bis zu Lederjacken-Punks… Einig waren sich beinahe alle in der Verachtung des Mainstreams. Was in die Hitparaden kam und im Radio lief, das war banale Massenkultur und als solche völlig inakzeptabel. Das war Musik, das lernte ich mit der Zeit, für Haupt- oder Realschüler, nicht aber für Bremer Gymnasiasten…

Natürlich wusste ich nichts von alledem, als ich 17-jährig erstmals damit konfrontiert wurde. Mein Erfahrungshorizont hatte sich ja zwangsläufig zunächst auf das beschränkt, was ich aus West-Radio und West-Fernsehen kannte. Woher sollte ich, als gebürtiger Ossi, auch anderes kennen?  Aber obwohl ich die Dünkelhaftigkeit meiner neuen Mitschüler befremdlich fand, weckte sie doch meine Neugier. Was war das für eine Musik, die ihnen ein solches Überlegenheitsgefühl mir gegenüber gab? Wahrscheinlich war es auch mein Drang, dazugehören zu wollen… Ich begann also, mich für abseitigere Musikrichtungen zu interessieren. Und tatsächlich, irgendwann war ich geneigt, meinen Mitschülern recht zu geben. Die radiotaugliche Popmusik empfand ich nun im Vergleich zu dem, was es sonst noch so gab und was ich nun nach und nach für mich entdeckte, als ziemlich banal. Meine Mainstream-Pop-Platten, darunter auch die von den Pet Shop Boys, verkaufte ich eine nach der anderen.

Nur einmal noch hörte ich später wieder etwas von den Pet Shop Boys. Ungefähr 1993, während meines Zivildienstes, saß ich im Warteraum vor dem Blutspenden und hörte dort aus dem Radio die mir wohlbekannten Stimmen: „Go West“ war ihr ganz neuer Hit. Was für eine opulente Hymne auf die Freiheit und die westliche Dekadenz! Ich war wohl ähnlich angetan wie damals, als ich zum ersten Mal „West End Girls“ gehört hatte. Ich bemerkte auch, dass alle Anwesenden, die Patienten wie die Krankenschwestern, ihre Köpfe hoben und sich einen Moment lang diesen überwältigenden Klängen hingaben. Aber meine innere Stimme sagte mir: „Das darfst du jetzt nicht gut finden! Das ist durch und durch kommerzielle, oberflächliche, verlogene Musik für den schlechten, verdorbenen Massengeschmack!“

Und dann erschien 2005 von meiner Lieblingsband Element of Crime die Single „Delmenhorst“. Und sie enthielt mit „You Only Tell Me You Love Me When You’re Drunk“ eine Coverversion eines (späteren) Songs von den Pet Shop Boys. Ein unglaublich schönes, ein wirklich großartiges Lied, das musste ich zugeben. Aber wie konnte das sein? Die Pet Shop Boys hatten doch mittlerweile Zigmillionen und Abermillionen Tonträger verkauft. Das konnte doch nichts taugen. Oder vielleicht doch?

Weitere anderthalb Jahrzehnte vergingen, und noch immer hatte ich mit den Pet Shop Boys, meinen alten Lieblingen aus Teenager-Tagen, gewissermaßen eine Rechnung offen. Und nun las ich im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung einen längeren Artikel über die Pet Shop Boys, inzwischen beide Mitte 60, in ihrer neuen Wahlheimat Berlin. Seit Jahren schon, so erfuhr ich, haben sich die beiden rüstigen Herren am Nollendorfplatz einquartiert. Das passt natürlich, denn die Pet Shop Boys gelten mittlerweile als ausgesprochene Schwulen-Ikonen, hatten ja auch bereits in den Achtzigern, als andere das noch befremdlich fanden, ganz offen schwul gelebt. Und an Berlin, so sagen sie, gefalle ihnen einfach alles, bis auf die vielen Hipster hier. „Sie halten sich allein deshalb für cool, weil sie in Berlin wohnen und einen Vollbart tragen.“ Aber ansonsten sei alles gut in Berlin, auch dass niemand sie in der U-Bahn erkenne, ob sie nun mit der U3 nach Friedrichshain führen oder zum Schlachtensee im Südwesten. Zum Schlachtensee? Ja, dort machten sie regelmäßig ausgedehnte Spaziergänge. Einmal um den See dauert genau eine Stunde – und dann mit der U-Bahn wieder zurück.

Als ich das las, bekam ich große Lust, auch mal wieder einen Ausflug zum wunderschönen Schlachtensee zu unternehmen. Gesagt, getan. Nach einer knappen halben Stunde S-Bahn-Fahrt standen wir am Ufer. „Wir sind noch schneller am Schlachtensee als die Pet Shop Boys“, sagte ich freudig zu meiner Frau. Beim Rundgang um den See beobachtete ich dann die zahlreichen Spaziergänger. Ja, es waren sogar des öfteren zwei ältere Herren gemeinsam unterwegs, aber die Pet Shop Boys waren nicht darunter. Wieder zu Hause stellte ich mir dann mittels YouTube eine CD mit ihren alten Hits aus den Achtzigern zusammen, „aus meiner Zeit“ sozusagen. Und ich bekam beim Anhören am nächsten Morgen während meines Frühsports eine regelrechte Gänsehaut. Nein, das waren keineswegs banale Klänge. Zugegeben, manches davon wirkt aus heutiger Sicht übertrieben bombastisch produziert, etwa das inhaltlich ganz ausgezeichnete „It’s a Sin“. Aber vieles ist so fein arrangiert, von solch unterkühlter hintergründiger Schönheit. Man höre nur das auf den ersten Blick so unscheinbare Lied „Rent“ („I love you, you pay my rent“). Die frühen Pet Shop Boys, so kommt es mir heute vor, verkörpern ungefähr das, was Friedrich Nietzsche als „Oberflächlichkeit aus Tiefe“ beschrieb. Oder in den Worten von Rüdiger Safranski: „Das Geheimnis liegt an der Oberfläche. Die Oberfläche des Lebens selbst ist so unendlich tief, dass wir jenseits der Erscheinung keine Tiefe mehr suchen müssen. Der Tanz ist eine Wahrheit in sich. Das Charmieren, die Koketterie ist eine Wahrheit in sich.“ Und ich muss zugeben: Auch kommerzielle, scheinbar oberflächliche Musik kann richtig gut sein. Die Pet Shop Boys sind der Beweis.

justament.de, 17.2.2020: Feindliche Übernahme

Recht cineastisch Spezial: Vier Oscars für „Parasite“ von Bong Joon-ho

Thomas Claer

„Kannst du nicht allen gefallen durch deine That und dein Kunstwerk, mach es wenigen recht“, riet Friedrich Schiller (1759-1802) und fügte hinzu: „Vielen gefallen ist schlimm.“ So war es früher, und so ist es erst recht auch noch heute: auf der einen Seite – in den Biotopen der Hoch- und Nischenkultur – die ausgefeilte Kunst für die wenigen Kenner und Connaisseure, auf der anderen die eher belanglosen Produkte der Massenkultur. Aber manchmal, vielleicht sogar öfter, als man denkt, überschneiden sich beide Sphären dann doch, und (beinahe) allen gefällt es.

Kann man nun also mit gutem Gewissen einen Film gut finden, der gleich vier Oscars gewonnen hat? Man kann, zumal wenn er als erste nicht-englischsprachige Produktion überhaupt in der Königskategorie “Bester Film” ausgezeichnet worden ist. Dem südkoreanischen Regisseur Bon Joon-ho, immerhin ein gelernter Autorenfilmer, ist mit „Parasite“ das Kunststück gelungen, unterhaltsames filmisches Erzählen mit kunstvollen Bildfolgen und schärfster Gesellschaftskritik zu verbinden – und damit den Geschmack nicht nur der Koreaner, sondern auch den der restlichen Welt zu treffen. Der Plot hat es wirklich in sich: Mit allerlei Tricks schleichen sich die Mitglieder einer armen Familie nach und nach ins Leben einer reichen Familie ein – eine Art feindliche Übernahme auf leisen Sohlen. Und so kommt man als Zuschauer schließlich ins Grübeln: Wer sind denn nun eigentlich die Parasiten? So spezifisch koreanisch vieles in diesem Film auch sein mag, die Grundfragen, die hier ganz beiläufig verhandelt werden, sind universell, und werden auch überall so verstanden. Und nebenbei zeigt dieser Film auch noch aller Welt, was gutes Kino ausmacht…

 

Parasite (Gisaengchung)
Südkorea 2019
Regie: Bong Joon-ho
Drehbuch: Bong Joon-ho, Han Jin-won
Darsteller: Song Kang-ho (Kim Ki-taek), Lee Sun-kyun (Park Dong-it), Jo Yeo-jeong (Yeon-kyo), Jang Hye-jin (Chung-sook) u.v.a.

justament.de, 27.1.2020: Verwirrt, träge und verliebt

Element of Crime live im Tempodrom

Thomas Claer

Die erst zweite Live-LP von Element of Crime in 35 Jahren Bandgeschichte ist im letzten Herbst erschienen. Nun endlich haben wir sie vollständig durchgehört und können sie ohne Bedenken mit dem Signum „empfehlenswert“ versehen. Nicht weniger als 25 Songs finden sich auf den zwei CDs respektive drei Vinylscheiben, und doch wird man als beständiger Fan dieser Band so manches Lied vermissen. Aber auch umgekehrt lässt sich sagen: Hätten sie 25 andere Stücke ausgewählt, so wäre vermutlich ein ähnlich gutes Album herausgekommen.

Ein Werk auf beinahe durchgängig höchstem Niveau haben EoC über die Jahre geschaffen, dabei ihren ganz eigenen, unverwechselbaren Stil entwickelt und diesen allmählich noch perfektioniert. Während andere Musiker in der Qualität und Originalität ihres Songwritings mit der Zeit naturgemäß nachlassen, sind die Elements, man traut es sich kaum zu sagen, vor allem in den letzten Jahren sogar immer besser geworden. So geht es auch vollkommen in Ordnung, dass gleich elf der 25 Tracks dieses Live-Albums von ihrer aktuellen (Studio-) Platte „Schafe, Monster und Mäuse“ stammen.

Dennoch lauscht man besonders gespannt ihren älteren Titeln, vor allem jenen, die sie schon seit mehr als 20 Jahren nicht mehr gespielt haben. Und natürlich, auch Lieder unterliegen einer Art Alterung, selbst die Unsterblichen unter ihnen. Was für ein abgründiger Song ist doch „Wer ich wirklich bin“ aus dem Jahr 1996! Einst der Feder eines 34-Jährigen entflossen berührt er nun aus dem Munde eines 58-Jährigen auf ganz neue Weise. Oder „Schwere See“ von 1993, ursprünglich ein Ausbund an jugendlicher Romantik, beschwört hier umfassend den Sog der maritimen Elemente und die magischen Momente nautischer Zweisamkeit. Und ganz besonders, immer wieder, entzückt „Weißes Papier“: „Nicht mal das Meer darf ich wiedersehn / Wo der Wind deine Haare vermisst. / Wo jede Welle ein Seufzer / Und jedes Sandkorn ein Blick von dir ist.“ Hat schon irgendwann jemand eindringlicher Vergleichbares ausgedrückt?

Am Ende dieses gelungenen Live-Spektakels stellt sich beim Zuhörer ein Gefühl der Beglückung ein. Da sitzt man dann also fest wie in einem ihrer berühmtesten Songs: „verwirrt, träge und verliebt“ – genau in dieser Reihenfolge! Das Urteil lautet: gut (14 Punkte).

Element of Crime
Live im Tempodrom (Doppel—CD/ 3 LP)
Vertigo Berlin (Universal Music) 2019
ASIN: B07X3QFY7B

Jahresende 2019: Ahnenforschung Claer, Teil 11

Leider bin ich auch im zurückliegenden Jahr nicht viel zum „Ahnenforschen“ gekommen. Irgendwie war ich wohl immer abgelenkt… Doch nehme ich den nun nicht mehr zu ändernden Mangel an recherchiertem Material zum Anlass, diesen „Forschungsbericht“ viel mehr als die bisherigen auf jene „Ahnen“ zu konzentrieren, an die es noch sehr lebendige Erinnerungen gibt oder noch bis vor wenigen Jahren gegeben hat. Diesmal dreht sich also alles um meinen Großvater Gerhard Claer (1905-1974), meinen Vater Joachim Claer (1933-2016) und meinen Großonkel zweiten Grades Erich Claer (1901-1950). Und diese drei Claers haben schließlich noch eine Menge Interessantes und Verwertbares hinterlassen, was nun zu seinem Recht kommen soll. Am Ende steht dann – vielleicht besonders spannend – ein optischer Vergleich im Hinblick auf äußerliche Ähnlichkeiten zwischen drei doch eigentlich recht weit voneinander entfernten Familienzweigen… Auch diesmal danke ich herzlich meiner 79-jährigen Tante dritten Grades Lorelies Claer-Fischer für ihre Unterstützung beim Entziffern der alten Schriften.

1. Mein Großvater Gerhard Claer (1905-1974)
Meinen Großvater Gerhard habe ich leider nicht mehr bewusst kennenlernen können. Zwar hatten er und meine Stief-Oma (meine leibliche Oma war bereits 1960 an Krebs verstorben) uns einmal 1974 vom Rheinland aus, wo sie seit 1956 nach ihrer Flucht aus der DDR wohnten, in Wismar besucht, als ich drei Jahre alt war, aber daran kann ich mich bedauerlicherweise nicht mehr erinnern. Es hieß immer, mein Opa sei ein ausgesprochener Spaßvogel gewesen, sogar noch weitaus mehr als mein Vater (das meinte zumindest eine seiner Cousinen). Überliefert ist insbesondere der Spruch meines Großvaters bei den Mahlzeiten, man dürfe „niemals mehr essen, als mit aller Gewalt reingeht“. Nach dem Tod meiner Eltern und meines Onkels 2016 (und teilweise auch schon vorher) habe ich eine Menge an Unterlagen und Dokumenten über das Leben meines Großvaters erhalten. Aus diesem Fundus kann ich nun schöpfen.

a) Handgeschriebener Lebenslauf

Einen ersten Überblick über sein Leben kann sein handgeschriebener Lebenslauf aus dem Jahr 1958, zwei Jahre nach der abenteuerlichen Flucht meiner Großeltern in den Westen, geben:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

b) Mein Opa als Sportskanone
Über sein ganzes Leben soll mein Großvater dem Sport sehr zugetan gewesen sein. Er war Fußballspieler in der ersten Männermannschaft des Männerturnvereins (MTV; eine solche Ausgrenzung von Frauen schon im Namen wäre heute sicherlich nicht mehr möglich!) Neidenburg. Später, nach der Flucht aus Ostpreußen in die Sowjetzone/DDR soll er, so berichtete es mir mein Vater, auch in Brüel/Mecklenburg regelmäßig Spiele der örtlichen unterklassigen Fußballmannschaft als Zuschauer besucht haben. Zumindest ein wenig scheint mir doch die Sportlichkeit in unserer Familie zu liegen, denn der erste erlernte Beruf meines Vaters Joachim war Sportlehrer, und sein Cousin zweiten Grades, Hans-Henning „Moppel“ Claer, mein Onkel dritten Grades, war sogar Berliner Polizeimeister im Boxen und als solcher überregional sehr populär. (Nur ich selbst habe leider nicht allzu viel davon mitbekommen, aber ich bemühe mich zumindest, meinen Mangel an Talent durch ausdauernden Trainingsfleiß beim Frühsport zu kompensieren.) Hier nun also ein frühes, fast hundert Jahre altes Zeugnis der Sportlichkeit meines Großvaters Gerhard, seine Leistungsnachweise zum Erwerb des „Deutschen Turn- und Sportabzeichens“ in Bronze aus den Jahren 1925/26:

Gerhard Claer (1905-1974) im Alter von ca. zwanzig Jahren

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Eintragungen in Sütterlinschrift lauten wie folgt:
– Zu Gruppe 1:
„…300 m in stehendem Wasser in 7 Minuten 39 Sek. Zurücklegte“

(In stehendem Wasser soll wohl bedeuten: im See und nicht im Fluss.)

– Zu Gruppe 2:
„…4,84 m weit sprang“

– Zu Gruppe 3 :
„…100 m in 13,2 Sekunden überwältigte“

– Zu Gruppe 4:
„…im Steinstoßen, 3,60 links und rechts 4,57 m, zusammen 8,17 m erreichte“

Zu dieser eher unbekannten Sportart heißt es bei Wikipedia: „Das Steinstoßen ist eine Sportart, die zum Rasenkraftsport gehört. … Steinstoßen kann im Bereich Kraft als Disziplin für das Deutsche Sportabzeichen gewählt werden. Dabei wird im Gegensatz zur sonst üblichen Wertung die beste Weite von jeweils drei Stößen mit dem rechten und linken Arm zu einer Gesamtweite addiert.

– Zu Gruppe 5:
„… 10 000 m in 46  Minuten 35,2 Sekunden zurücklegte“

 

b) Soldat im Weltkrieg
Mein Großvater war, wie mir oft berichtet wurde, auch künstlerisch sehr begabt, konnte gut zeichnen, vor allem Karikaturen (was zwar mein Vater noch von ihm geerbt hat, ich dann aber leider gar nicht mehr), war musikalisch und konnte natürlich – wie alle Claers – besonders gut schreiben. Und dann hatte er – wovon ich offensichtlich etwas mitbekommen habe – auch einen besonderen Sinn für Ordnung, Genauigkeit, Dokumentation und Statistik. Während seiner Teilnahme am Zweiten Weltkrieg hat er penibel auf einem kleinen Stück Papier alle seine Aufenthaltsorte mit dem jeweiligen Datum vermerkt:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Am Ende stand seine Entlassung aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft, dokumentiert in diesem Entlassungsschein:

 

 

 

 

 

 

 

Es wurde mir berichtet, er sei extrem abgemagert aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt und sei dann nach und nach vor allem mit Haferflocken wieder aufgepäppelt worden.

 

 

 

 

 

Dementsprechend heißt es in einer ärztlichen Bescheinigung aus dieser Zeit (siehe Abbildung):

„Brüel, den 2.11.46
Ärztliche Bescheinigung
G. Claer, Breite Str. 10 ist aus der Gefangenschaft zurückgekehrt und befindet sich in einem sehr schlechten Ernährungszustand.
Er leidet außerdem an Dystrophie in hohem Grade sowie Herzmuskelschwäche und bedarf einer Ernährungszulage, wenn möglich.
gez. Dr. Butnuth, Arzt

Brüel, den 16.10.46
Ärztliche Bescheinigung

Der Gerhard Claer, Breite Str.10 ist aus russ. Gefangenschaft zurückgekehrt und leidet an Dystrophie und Herzmuskelschwäche.
Er ist  nicht arbeitseinsatzfähig.
gez. wie oben

Brüel, den 4.12.46

Der Gerhard Claer aus Brüel, Breite Str.10 ist Heimkehrer und ist 41 Jahre alt. Er leidet an Dystrophie u. Herzmuskelschwäche und ist bis auf weiteres erwerbsbeschränkt 80%.
gez. Dr. Butnuth
Bezirksarzt“

Aber was verbirgt sich hinter dem Krankheitsbild Dystrophie? Wikipedia erklärt hierzu: „Unter einer Dystrophie – von altgr. dys „schlecht“ (hier „Fehl-“) und trophein („ernähren“, „wachsen“; „Fehlernährung“, „Fehlwachstum“) – werden in der Medizin degenerative Besonderheiten verstanden, bei denen es durch Entwicklungsstörungen einzelner Gewebe, Zellen, Körperteile, Organe oder auch des gesamten Organismus zu entsprechenden Degenerationen (Fehlwüchsen) kommt.
Ursächlich können Dystrophien vielfältig begründet sein, z. B. durch genetische beziehungsweise chromosomale Abweichungen, Erkrankungen, Traumata oder durch einen Mangel an Nährstoffen, häufig aufgrund von Mangel- oder Fehlernährung. … Medizingeschichtlich bedeutsam wurde die Diagnose „Dystrophie“ bei der Deutung der Belastungen der Kriegsheimkehrer, insbesondere von denen aus längerer Gefangenschaft. Internisten und Psychiater machten die Folgen des Hungers und der Fehlernährung für die schleppende Regeneration der Heimkehrer verantwortlich. Dystrophie wird in den Lagerjournalen der Speziallager des NKWD in der sowjetischen Besatzungszone zwischen 1945 und 1950 als die wesentliche Todesursache für die über 42.000 Todesopfer aufgeführt.[2] Kurt Gauger verfasste 1952 ein Buch mit dem Titel Die Dystrophie als psychosomatisches Krankheitsbild und schien damit eine Formel zum Verständnis der sozialen Anpassungsschwierigkeiten erkrankter Personen, in seinem Fall speziell von Kriegsheimkehrern, gefunden zu haben.

Die Journalistin Sabine Bode stellte in ihrem Bestseller Die vergessene Generation – Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen die These auf, dass die „Zahl der Patienten, die unter den Folgen von Krieg und Gefangenschaft litten, so groß“ war, „dass sie die Proportionen dessen sprengte, was man guten Gewissens als ‚anlagebedingt‘ in den Krankenakten festhalten konnte.“ Zudem dürfe „man davon ausgehen, dass sich bei den Ärzten eine gewisse Hemmung zeigte, allzu viele Leidensgenossen als ‚labile Charaktere‘ abzustempeln.“ Zur „Lösung des Problems“ hätten sich die „sichtlich überforderten deutschen Nachkriegspsychiater“ das Krankheitsbild „Dystrophie“ einfallen lassen. Und Bode fährt fort:
„Der Begriff umschrieb ein ganzes Feld an physischen Schädigungen und psychischen Beeinträchtigungen, die man auf eine vorangegangene schwere Mangelernährung zurückführte. Heute ist leicht zu erkennen, dass es sich dabei um eine aus der Not geborene Erfindung handelte. Dystrophie-Patienten litten unter anderem an Depressionen, Konzentrationsschwäche, an unkontrollierbaren Wutausbrüchen, oder sie fühlten sich permanent verfolgt, von Feinden umzingelt. Man könnte auch sagen: Für viele Männer ging nach der Heimkehr der Krieg immer weiter …“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Dystrophie)

Über die zweifache Fluchtgeschichte meiner Großeltern – zuerst aus Ostpreußen und dann aus Mecklenburg – habe ich jedoch, wie ich jetzt sehe, so viel umfangreiches Material, dass ich darüber erst im nächsten Forschungsbericht Auskunft geben kann, zumal die zweite Fluchtgeschichte offenbar auch noch mit einer sich anbahnenden Liebesgeschichte verknüpft zu sein scheint: Meine spätere Stief-Oma war die Arbeitskollegin meines Großvaters in Brüel/Mecklenburg…

 

2. Mein Vater Joachim Claer (1933-2016)
Mein Vater Joachim wurde, wozu sein vielfach variierbarer Vorname natürlich einlud, von seinen zahlreichen Freunden und Bekannten auf mindestens siebenfach unterschiedliche Weise gerufen: Meine Mutter und sein Bruder nannten ihn Achim, seine Eltern Joa, manche Freunde Jochen oder auch Jöchi, andere Jo oder auch Joe. Nur ganz wenige sagten Joachim zu ihm. Er besaß einen milden Charakter und ein freundliches und fröhliches Wesen, war gesellig und überall beliebt. Wie schon sein Vater, mein Großvater Gerhard, hatte er eine ausgeprägte künstlerische Ader, die er aber beruflich – er war zunächst Sportlehrer und später Facharzt für Orthopädie – nicht ausleben konnte. Dies tat er dafür auf verschiedene Weise im privaten Rahmen. Hier einige Kostproben:

a) Die Reise nach Karl-Marx-Stadt. Ein gereimter Foto-Bericht (1970)
Zum 60. Geburtstag meines Großvaters mütterlicherseits, Erich Nützmann, bastelte mein Vater, und hier war er ganz in seinem Element, ein kleines Foto-Album, in welchem alle Bilder mit gereimten Sprüchen versehen waren. Inhaltlich ging es um eine Reise im Trabant meiner Eltern von ihrem Wohnort Wismar aus über die mecklenburgische Kleinstadt Gnoien, den Wohnsitz meiner Großeltern und die Heimatstadt meiner Mutter Ilse, bis nach Karl-Marx-Stadt, das heutige Chemnitz, wo die Schwester meines Vaters, meine Tante Renate, und ihre Familie zu Hause waren. Das Besondere war, dass meine Großeltern aus Gnoien von meinen Eltern mit nach Sachsen genommen wurden und alle gemeinsam dort allerhand Sehenswürdigkeiten besichtigten. Das alles geschah anderthalb Jahre vor meiner Geburt im Dezember 1971. Aus heutiger Sicht mag ein eigenes Fotoalbum nur für eine kleine Inlands-Reise vielleicht überdimensioniert anmuten. Aber für meine Großeltern war es, soweit mir bekannt ist, wohl beinahe das einzige Mal, dass sie sich so weit von ihrer Heimatregion entfernten, abgesehen von der Kriegsteilnahme meines Großvaters, die ihn u.a. bis nach Südfrankreich – wo er es am schönsten fand – und in sowjetische Kriegsgefangenschaft in der Ukraine führte…

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der unter Bild 8 beim Scannen halb abgeschnittene Spruch lautet vollständig: “Ilse hat schon keine Ruhe / Denn im Fenster stehen … Schuhe!” Das Bekleidungsangebot in den Geschäften der Innenstadt von Karl-Marx-Stadt war im Jahr 1970 (noch vor Honeckers Machtübernahme) offenbar gar nicht so schlecht, in jedem Falle aber besser als in einer kleinen Stadt wie Wismar, wie die enthusiastische Reaktion meiner Mutter darauf beweist…

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

b) Kasperle-Theater in Wismar
Offenbar erstmals zu meinem dritten Geburtstag Ende 1974 führte mein Vater, der eigens dafür eine kleine Theaterbühne gebastelt hatte – er war auch handwerklich geschickt – für mich und meine Geburtstagsgäste ein selbstgetextetes Kasper-Theaterstück auf. Er spielte und sprach alle Figuren mit unterschiedlichen Stimmen und sorgte auch selbst für musikalische Untermalung. Das Stück war so konzipiert, dass es für alle uns damals verfügbaren Handpuppen eine Rolle gab: für Kasper, Großmutter, Krokodil, Teufel, Pittiplatsch (Figur aus dem DDR-Kinderfernsehen) und ein dunkelhäutiges Püppchen namens Eva. Die Schlange muss mein Vater irgendwie selbst gebastelt haben. Natürlich ist „Kasper fährt nach Afrika“ nur vor dem Hintergrund der damals stark eingeschränkten Reisefreiheit in der DDR zu verstehen…

Und hier ist das Manuskript des Stückes in der Schreibmaschinen-Version: (Eine handgeschriebene Version ist ebenfalls noch erhalten.)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Wirkung auf die kindlichen Zuschauer illustriert dieses Bild aus unserem Foto-Album:

Im Jahr darauf zu meinem vierten Geburtstag hat mein Vater noch ein weiteres Stück aufgeführt: „Kasper im wilden Westen“. Er hatte hierzu aus Kaspers gelber Zipfelmütze mit etwas bemalter Pappe einen Cowboy-Hut gebastelt. Auch dieses Manuskript sollte noch vorhanden sein. Ich werde es im nächsten Jahr posten, wenn ich es bis dahin gefunden habe.

Darüber hinaus war mein Vater auch ein großartiger Briefeschreiber. Aber dieses Fass werde ich jetzt nicht auch noch aufmachen, zumindest noch nicht…

 

 

 

 

3. Die Kondolenzbriefe für meinen Großonkel zweiten Grades Erich Claer (1901-1950)

Mein Großonkel zweiten Grades Erich Claer, der Cousin meines Großvaters Gerhard Claer, zählte zweifellos zu den in vieler Hinsicht ambitioniertesten Mitgliedern unserer Familie. Umso tragischer war sein früher Tod – siehe meine früheren Forschungsberichte – im Alter von erst 49 Jahren, nur drei Jahre nach seiner Rückkehr aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft nach Berlin. Seine Tochter, meine Tante dritten Grades Lorelies Claer-Fischer, stellte mir dankenswerterweise die nach seinem Tod bei ihrer Mutter eingegangenen Kondolenzbriefe zur Verfügung, welche zeigen, dass der Verstorbene auch Spuren im Finanz- und Wirtschaftsleben der damaligen Zeit hinterlassen hat.

Insgesamt bewertet Tante Lorelies diese Briefe als „ historisch sehr interessant: fünf Jahre nach dem Krieg, eine junge Witwe mit vier Kindern, die Not schreit aus allen Löchern und es war immer noch ein Suchen und Finden von Freunden und Familien … die Sorgen der Nachkriegszeit – Arbeit, Wohnung, Trennung, Suche nach Familie und Freunden…
Besonders fällt mir auf, wie emotional die Menschen noch miteinander umgingen und wieviel Mühe in so einem handgeschriebenen Brief liegt. … Ja und dann sind die Flüchtlinge wirklich überall in Deutschland gelandet, kein Wunder, dass so viele Freundschaften auseinander brachen, wenn nicht mal Geld für eine Busfahrkarte da war. Einige Briefe musste ich aussortieren, weil sie in Sütterlin und auf schlechtem Papier, auf dem die Tinte zerlief, unlesbar waren.“

Todesanzeige im Tagesspiegel

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zunächst sind zwei Postkarten erhalten, die Erich Claer aus der sowjetischen Kriegsgefangenschaft schrieb:

 

 

 

 

 

 

 

Aus ihnen geht hervor, dass Erich Claers Ehefrau Hanni Claer geb. Keller mit ihren vier Kindern nach ihrer Flucht aus Ostpreußen im Frühling 1946 noch nicht bei den Verwandten in Berlin angelangt war und ihr Aufenthaltsort niemandem bekannt war. (Sie befanden sich zu dieser Zeit auf einem Bauernhof in Polen.) Erst ein Jahr später schreibt Erich Claer an seine nunmehr in Berlin angelangte Familie, wohnhaft nun wieder in der Presselstraße in Steglitz, dass mit seiner baldigen Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft zu rechnen sei.     Bemerkenswert ist, dass er seine Frau bereits zu diesem Zeitpunkt um entsprechende Benachrichtigung von Bekannten bittet, die ihm die schnelle Wiederaufnahme seiner beruflichen Tätigkeit ermöglichen sollen. Dabei dürfte sein gesundheitlicher Zustand am Ende der Kriegsgefangenschaft kaum besser gewesen sein als der seines Cousins, meines Großvaters Gerhard, siehe oben…

Dreieinhalb Jahre später verstarb er an den Folgen einer Lungenentzündung. Und sein Tod rief große Anteilnahme nicht nur bei Verwandten und Freunden hervor, sondern auch bei diversen aktuellen und früheren beruflichen Kontaktpersonen. Hier eine kleine Auswahl:

 

 

 

 

 

Für seinen Schwager ist es unfassbar, dass „Erich, dieser große und kräftige Mann, nicht mehr sein könnte“. Auch eine alte Bekannte kann es sich nicht vorstellen, „dass der große, starke Claer nicht mehr ist.“ (In „meinem“ Familienzweig der Claers dagegen war niemand sonderlich groß oder stark…)

 

 

 

 

 

 

Die deutsche Treuhandgesellschaft Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, sein Arbeitgeber von 1937 bis Kriegsende, rühmt die „frische Lebensart und Arbeitsweise“ des Verstorbenen und betrauert ihn als „charakterfesten, liebenswürdigen Menschen“.

 

 

 

Der Magistrat von Groß-Berlin, Abteilung Arbeit, würdigt seinen wertvollen Mitarbeiter „in den Lehrabschlussprüfungskommissionen und im Fachbeirat“.

 

 

 

Ein Kollege mit dem schönen Namen Ernst Kokoschinski – die Herkunft des Ausdrucks „Mein lieber Kokoschinski!“ gilt bis heute als ungewiss – von seinem letzten Arbeitgeber, der Hermann Meyer & Co AG, versichert, sie würden dort „unseren guten Erich nicht vergessen“, mit dem er, Ernst Kokoschinski, „jahrelang durch dick und dünn gegangen“ sei.

 

 

 

 

 

 

 

Ein Rechtsanwalt Dr. Korsch – Fachanwalt für Steuerrecht – betont, dass er Erich Claer „immer ganz besonders in seiner frischen und gewinnenden Art geschätzt“ habe – und überweist eine Unterstützung von 100,- DM an seine Witwe.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Und schließlich schreibt ein Bankdirektor im Ruhestand namens Hugo Joachim einen bewegenden Brief an die Direktion der Hermann Meyer & Co. AG und würdigt darin Erich Claer als langjährigen Freund seiner Familie.

Familienmitglieder mit einer solchen Reputation haben wir seither nicht mehr gehabt…

 

4. Der hochwohlgeborene Bürgermeister
Noch angesehener waren wohl nur die von Claers… In meinen früheren Forschungsberichten ist schon vielfach von der stolzen rheinischen Adelsfamlie von Claer die Rede gewesen, die von Rollo dem Wikinger und Wilhelm dem Eroberer abstammt. Nach allem, was wir wissen, lässt sich keine nähere Verbindung zu unserer Familie nachweisen. Wenn ich dennoch noch einmal kurz auf die rheinischen von Claers zurückkomme, dann nur deshalb, weil es so amüsant ist, was ich hier gefunden habe: das Anschreiben eines frischgegründeten Turnvereins aus dem Juni 1902 an den Bürgermeister der kleinen Stadt Morsbach im Rheinland, einen Herrn von Claer.
(http://sv-morsbach.de/verein/historie.html):

„Morsbach, den 30. Juni 1902
An Herrn Bürgermeister von Claer, Hochwohlgeboren
Morsbach
Die unterzeichneten Vorstandsmitglieder des Morsbacher Turnvereins beehren sich Ew. Hochwohlgeboren ergebenst mit zu teilen, dass unterm 14ten Juni ds. Jahres ein Turnverein hierselbst gegründet worden ist. Anbei senden wir Ihnen die Statuten und bitten Ew. Hochwohlgeboren um Genehmigung derselben.
Gleichzeitig teilen wir Ihnen mit, dass Ew. Hochwohlgeboren in der Hauptversammlung vom 29. Juni der Ehrenvorsitz vom Verein einstimmig übertragen worden ist, und würde es uns zur größten Freude gereichen, wenn Hochderselbe den Ehrenvorsitz annehmen würde.
Mit ergebenstem Turnergruß: Gut Heil!
Der Vorstand :
Franz Kaldeuer, I. Vorsitzender
Eduard Ehlich, II. Vorsitzender
H. Wingendorf, I. Schriftwart
Friedrich Sauer, I. Turnwart
August Schmidt, II. Turnwart
Adolf Schmidt, Kassenwart“

 

5. Ein Koffer aus Erfurt – vom Sattlermeister Friedrich Claer

In meinem Forschungsbericht 2015 schrieb ich über die Thüringer Claers, für deren etwaige Verwandtschaft mit „unseren“ ostpreußischen es immerhin einige vage Indizien gibt (siehe ebd.):

„Dafür lassen sich weitere Spuren späterer Claers in Thüringen finden: So entdeckte ich einen Koffer- und Lederwaren-Original Katalog, wohl aus 1930er Jahren stammend, von Friedrich Claer, Koffer- und Lederwaren Erfurt.“
(http://www.zvab.com/buch-suchen/autor/friedrich-claer-koffer–und-lederwaren-erfurt-hrsg)

 

Es war naheliegend, in diesem Erfurter Sattlermeister Friedrich Claer einen Nachkommen des Erfurter Sattlermeisters Friedrich Wilhelm Heinrich Claer (1825-1882) zu sehen, der wiederum ein Sohn des überregional agierenden Fuhrunternehmers Christoph Friedrich Claer (geb. 1802) war, der als Chausseewächter in Frienstedt bei Erfurt relativ klein angefangen hatte. Dessen Vater wiederum war ein Johann Friedrich Claer, der 1802 in Siersleben geheiratet hatte und dessen Herkunft sich im Dunkeln verliert (laut Heiratseintrag: Wollin oder Wettin; ist auch von Schriftexperten nicht eindeutig zu entziffern).

Nun ist tatsächlich bei Ebay (und Ebay-Kleinanzeigen) ein echter Koffer aus der Herstellung von Friedrich Claer aus Erfurt aufgetaucht. Der Anbieter aus Dortmund schreibt dazu bei Ebay: „Der Überseekoffer wurde von Friedrich Claer in Erfurt hergestellt. Er war Sattlermeister. Im Koffer befindet sich noch der Original-Einsatz aus Stoff und Holz gefertigt. Nach mehr als 100 Jahren muss man außen ein paar Abstriche machen. Natürlich kann ein Fachmann den Koffer wieder etwas aufhübschen. Die Fa. Claer ist nach meinen Recherchen nach dem 1.Weltkrieg nicht mehr vorhanden. Die Größe: 81x52x34 cm. NUR ABHOLUNG“

Der Preis für das gute Stück liegt bei 150 Euro (Ebay) bzw. 250 Euro VB (Ebay-Kleinanzeigen). https://www.ebay.de/itm/292506803804
https://www.ebay-kleinanzeigen.de/s-anzeige/ueberseekoffer-vor-dem-ersten-weltkrieg-hergestellt/977389586-246-1108

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Aber wie kann es sein, dass der Katalog als „30er Jahre“ geschätzt wurde, aber die Sattler-Firma Friedrich Claer nach den Recherchen des Anbieters nach dem ersten Weltkrieg nicht mehr vorhanden war? Aufschluss gibt ein Adressbuch mit Straßenverzeichnis der Stadt Erfurt aus dem Jahr 1948

(http://www.familie-thurm.de/images/dokumente/adressErfurt/Seite_0130.jpg), in dem der Name Claer genau zweimal vorkommt, nämlich:

– Claer, Wilh., Sattlermeister und

– Claer, Friedrich, Leder und Galanterie

Jeweils wohnhaft in der Schmidtstedter Straße 50. Wie sich dem ergänzenden Straßenverzeichnis mit Namensliste der Bewohner entnehmen lässt, hatte Friedrich Claer („Leder und Galanterie“) sogar ein Telefon (!) mit der Nummer 20243.

Aber was bedeutet „Leder und Galanterie“? Bei Wikipedia heißt es „Galanterie: Galanteriewaren, von französisch galanterie, „Liebenswürdigkeit“, ist eine veraltete Bezeichnung für modische Accessiores. Zu den Galanteriewaren zählen Modeschmuck (Bijouterie; dieses Wort kennt vielleicht mancher aus „Deutschland ein Wintermärchen“ von Heinrich Heine) und kleinere modische Gebrauchsgegenstände wie Parfümfläschchen (Ölflakons) – sie wurden früher manchmal an einem Kettchen getragen –, Puderdosen, auffällige Knöpfe, Armbänder, Schnallen, Tücher, Schals, Bänder, Fächer usw.(https://de.wikipedia.org/wiki/Galanteriewaren)

 

Galanteriewarenladen um 1901

Somit hat sich die Geschäftstradition der Erfurter Claers also über anderthalb Jahrhunderte noch bis in die Nachkriegszeit gehalten, um dann aber letztlich doch mitsamt allen Namensträgern zu verschwinden.

 

 

 

 

6. Familiäre Ähnlichkeiten
Und schließlich soll es noch um familiäre Ähnlichkeiten gehen. Neben der von uns immer wieder festgestellten Schreibfreude und -begabung bis hinein in viele Nebenzweige unseres „Familienverbandes“ sowie der auffälligen Häufung einer grundlegenden Lustigkeit und Witzigkeit (wenn auch bei manchen nur in jüngeren Jahren) gibt es offenbar auch einen äußerlichen, für unsere Familie charakteristischen Typus, der hier anhand einiger Fotos aufgezeigt werden soll. Natürlich sieht längst nicht jeder von uns Claers so aus, ich selbst z.B. nicht, da ich eher nach Meiner Mutter komme, mein Vater ebenfalls nicht unbedingt, aber zumindest diese vier Herren weisen trotz ihrer nur sehr weitläufigen Verwandtschaft eine erstaunliche Ähnlichkeit miteinander auf:

Georg Claer (1877-1930)

Albert Claer (geb. 1923)

Hans-Henning “Moppel” Claer (1931-2002)

Gerd Claer (1943-2016)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hier noch zur besseren Übersicht über die bestehenden Verwandtschaftsverhältnisse ein stark vereinfachter Stammbaum mit Kennzeichnung der Ähnlichkeits- und Forschungskollektive:

Stammbaum (stark vereinfacht)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schluss und Ausblick
Soviel also für dieses Mal. Auch künftig werde ich versuchen, weiter dabei zu bleiben und von Zeit zu Zeit etwas über unsere Namensgeschichte und die Geschichte unserer Vorfahren zu recherchieren. Und schließlich will ja auch noch die doppelte Fluchtgeschichte meiner Großeltern erzählt und mein Vater als Briefeschreiber gewürdigt werden…

Berlin, Dezember 2019

justament.de, 30.12.2019: Könige der Nacht

Vor 25 Jahren erschien „Dummy“, das Debüt der englischen Band Portishead

Thomas Claer

Es war eine ganz neue Art von Musik, die man so noch nicht gehört hatte. Damals, am Jahresende 1994, vor 25 Jahren, brachten zwei Männer und eine Frau aus dem südwestenglischen Bristol auf dem Go! Beat-Label ihre erste Platte heraus, die gleich auf Platz zwei der UK-Albumcharts sprang und von Musikjournalisten zum besten Album des Jahres gewählt wurde. Aus heutiger Sicht muss man wohl ergänzen, dass „Dummy“, das Debüt von Portishead, gut und gerne auch als beste Platte des Jahrzehnts durchgehen würde.
Als musikalischer Kopf der Formation gilt der Soundtüftler Geoff Barrow, den sie in der Musik-Szene von Bristol wegen seiner Herkunft aus einer sehr uncoolen Kleinstadt in der Umgebung alle nur „the guy from Portishaed“ nannten. (Welche Ironie ist es doch, dass diese Band mit ihrem revolutionären Sound nach dem unbedeutenden Vorort einer kaum 500.000 Einwohner zählenden Provinz-Stadt benannt worden ist. Man stelle sich nur einmal hierzulande eine Band mit dem Namen Delmenhorst oder Ilvesheim vor…)
Doch würde Geoff Barrow womöglich noch heute in der Elektro-Avantgarde-Szene von Bristol unbeachtet vor sich hinfrickeln, hätte er nicht eine Barsängerin namens Beth Gibbons getroffen und sie zur grandiosen Stimme seines Bandprojekts gemacht. Niemand konnte so hingebungsvoll klagend, so düster verraucht mit so schmerzverzerrtem Gesicht „Nobody loves me“ singen wie sie. Und dazu noch Barrows fein gewebter atmosphärisch-dichter Klangteppich mit seinen schwerfälligen Beats und simplen, aber eindrucksvollen Melodien. Keinesfalls jedoch kann man sich diese Musik an warmen Sommertagen in der Mittagshitze vorstellen. Nein, dieser traurige, verlorene Sound ist wie gemacht für die Nacht, für die einsamen Nächte insbesondere, Tom Waits 2.0 gewissermaßen.
Die Gattungsbezeichnung Trip-Hop, in Anlehnung an die von Portishead vielfach benutzten Techniken wie Scratching und Sampling, die man bislang nur aus dem Hip-Hop kannte, ist allerdings eine Erfindung von Musikjournalisten, die sich die Band nie zu eigen gemacht hat. Wenn schon, dann sprachen die Bandmitglieder vom „Bristol Sound“ – womit dann auch noch eine weitere englische Stadt mit ansonsten limitierter Bedeutung geadelt worden wäre…

Portishead
Dummy
GO! Beat 1994

justament.de, 9.12.2019: Tom’s Wild Years

Scheiben Spezial: Zum 70. Geburtstag von Tom Waits

Thomas Claer

Berlin-Romantik in den wilden Neunzigern: Partys in verfallenen Altbauwohnungen, „absonderliche Gespräche zwischen absonderlichen Leuten“, so beschreibt es Judith Hermann in ihrem Buch „Sommerhaus, später“. Aber im Hintergrund, ganz wichtig!, läuft als Gesprächskulisse nicht etwa Techno-Gewummere, wie es zu jener Zeit aus fast jedem Keller dringt, sondern: Tom Waits-Musik, so richtig schmutzige, schräge, abgefuckte Tom Waits-Musik. Damals, in den Achtzigern und Neunzigern, das kann man wohl sagen, hatte dieser amerikanische Anti-Pop-Star seine beste Zeit. Die wunderbare Katharina Franck hat 1986 ihre großartige Band „Rainbirds“ nach einem Song von Tom Waits benannt. Im Film „Prenom Carmen“ von Jean-Luc Godard (1983) räkelt sich die göttliche Maruschka Detmers minutenlang nackt (und mit üppiger Schambehaarung) in einem Hotel-Bett zu einem sehnsuchtstriefenden Song von Tom Waits.

Viele sind von ihm beeinflusst worden. Nicht nur musikalisch, auch als Stil-Ikone. Der ganzen verlogenen Glamour-Scheiße in der Hochglanz-Welt der Pop-Musik setzte dieser kauzige Eigenbrötler im Second-Hand-Boheme-Outfit sein tiefsinniges heiseres Krächzen entgegen, das sich in den Neunzigern immer mehr zu einem Röcheln und Würgen auswuchs, vor allem auf „Bone Machine“ (1992), seinem wohl stärksten Album, das mir, wie schon früher einmal an dieser Stelle berichtet, so viel bedeutet. Gleich danach ist seine Underground-Trilogie aus den Achtzigern mit den Platten Swordfishtrombones (1983), Rain Dogs (1985) und Frank`s Wild Years (1987) zu rühmen. Und nicht zu vergessen: Schon seine Spelunken-Barmusik aus den Siebzigern („Nighthawks at the Diner“) war große Klasse. Dass er in den letzten zwei Jahrzehnten dann künstlerisch etwas nachließ, sollte ihm niemand verübeln. Herzlichen Glückwunsch, lieber Tom Waits, röchel, grunz, kreisch, zum 70!