justament.de, 5.8.2019: Ich mach dich Friedhof!

Recht cineastisch, Teil 36: „Nur eine Frau“ von Sherry Hormann

Thomas Claer

„In meinem Land herrscht Gewissens- und Fickfreiheit!“ (nach anderer Quelle: “In meinem Staat herrscht Gedanken- und Fickfreiheit!“), soll Friedrich der Große (1712-1786) einmal geäußert haben. Aber auch dies (in mäßigem Deutsch): „Alle Religionen Seindt gleich und guht wan nuhr die leüte so sie profsiren Erliche leüte seindt, und wen Türken und Heiden kähmen und wollten das Land Pöpliren, so wollen wier sie Mosqueen und Kirchen bauen.“ Zweieinhalb Jahrhunderte später zeigt sich nun, dass es mitunter gar nicht so einfach ist, diese im Grunde sehr löbliche Toleranz- und Willkommenskultur unter einen Hut zu bringen. Denn die Probleme beginnen spätestens dann, wenn man sich ausgesprochene Intoleranzkulturen ins Land holt, die gerade auch in ihren Gotteshäusern Stimmung gegen die liberale Mehrheitsgesellschaft machen und diese verachten. Ob es einem gefällt oder nicht: Zu Deutschland gehören mittlerweile auch Familienstrukturen mit archaisch geprägten Ehrvorstellungen, die ihren Angehörigen (und nicht nur ihnen) das Leben zur Hölle machen – und das auch noch mitten in unseren weltoffenen Großstädten, in denen doch jeder nach seiner Facon glücklich werden sollte. Schuld daran ist gewiss nicht „der Islam“ und sind schon gar nicht „die Muslime“, denn diese und jener sind ihrerseits sehr vielfältig und verdienen es nicht, über einen Kamm geschoren zu werden. Dennoch kann man es nur als völlig falsch verstandene Toleranz ansehen, wenn unsere Rechtsordnung es hinnimmt, dass Frauen in bestimmten Milieus als Menschen zweiter Klasse behandelt und ihnen elementare Freiheiten vorenthalten werden. (Und dass ein Teil der muslimischen Frauen sich auch noch freiwillig solchen rückständigen Moral- und Bekleidungsvorschriften unterwirft, macht alles nur noch schlimmer.)

Der Ehrenmord an der türkisch-kurdischstämmigen Berlinerin Hatun Sürüci, der 2005 deutschlandweit für Entsetzen gesorgt hatte, ist nun mitsamt seiner Vorgeschichte und seinen Folgen auf eindrucksvolle Weise von Sherry Hormann verfilmt worden. Dieser Film ist zugleich ein Aufschrei der Empörung über die – wie zu befürchten ist – hierzulande noch immer zahlreichen in ähnlicher Weise bestehenden familiären Unterdrückungs- und Überwachungsstrukturen. Und vor allem setzt er jenen tapferen Frauen (und manchmal auch Männern) ein Denkmal, die sich dagegen zur Wehr setzen.

Nur eine Frau
Deutschland 2019
97 Minuten, FSK: 12
Regie: Sherry Hormann
Drehbuch: Florian Oeller
Produktion: Sandra Maischberger
Darsteller: Almila Bagriacik (Hatun Aynur Sürüci), Aram Arami (Tarik Sürüci), Jacob Matschenz (Tim) u.v.a.

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justament.de, 29.7.2019: Björk-Single, 24 Jahre später

Scheiben vor Gericht Spezial: Justament-Autor Thomas Claer über seine lange Jagd nach einem Tonträger

Die schönsten Glücksmomente im Leben sind oft jene, auf die man am längsten gewartet hat. Und die besten Chancen, doch noch an das zu kommen, was man sich so sehr gewünscht hat, bieten sich, wenn jemand anders irgendwann genau das nicht mehr haben will…

Damals, 1995, als Jura-Student in Bielefeld, war ich im dritten oder vierten Semester und bereits seit Jahren ein leidenschaftlicher Jäger und Sammler spezieller und seltener Tonträger. Und ganz besonders hatte es mir eine CD-Single der von mir heiß geliebten isländischen Pop-Sängerin Björk angetan. Wochenlang hatte ich sie bei meinen regelmäßigen Besuchen in meinem Lieblings-Plattenladen „Ween“ am Jahnplatz beobachtet: Sie enthielt gerade einmal zwei Songs: „It’s Oh So Quiet“ und „You’ve Been Flirting Again (Islandic Mix)“, aber sie steckte – was ganz wichtig war – in einem wunderschönen bunten Cover. Es war ein einfaches Card-Sleeve mit einer großen Abbildung von Björks Gesicht, gestützt in ihre Hände. Die junge Björk war damals sehr fotogen und posierte in ihren großartigen Musikvideos und auf ihren Plattencovern immer wieder in den unterschiedlichsten Aufmachungen und Posen. Aber keines ihrer Bilder gefiel mir so gut wie dieses auf dem Card-Sleeve dieser CD-Single. Natürlich wollte ich sie unbedingt haben, aber ich zögerte noch. Sie war nicht besonders teuer, ich glaube 9,95 DM. Doch etwas gleich zu kaufen, was mir gefiel, war nie meine Art. Ich wollte sie mir später als Belohnung gönnen, nach einer bestandenen Klausur.

Doch dann war sie nicht mehr da. Halb so schlimm, dachte ich mir, die kriege ich sicherlich auch noch woanders. Aber das war, wie sich später herausstellen sollte, nicht so ganz einfach. Nirgendwo, in keinem Plattenladen, weder in Bielefeld noch woanders, sah ich sie wieder, egal wo ich nach ihr Ausschau hielt. Einige Jahre später, das Internet war inzwischen erfunden, versuchte ich es auf Ebay. Dort gab es sogar mehrere Versionen der Single von „It’s Oh So Quiet“, aber die von mir gesuchte mit der Abbildung von Björk, die ihren Kopf in ihre Hände stützt, war nicht dabei. Viele Jahre später machte ich mich auf der Spezial-Seite für seltene Popmusik discogs.com schlau. Was ich suchte, so erfuhr ich dort, war die nur für den amerikanischen Markt bestimmte Version dieser Single, die in Deutschland eigentlich gar nicht verkauft werden durfte. Der Laden „Ween“ am Jahnplatz in Bielefeld hatte sich seinerzeit offenbar darüber hinweggesetzt. So wie er es manchmal getan hatte. Ich hatte dort auch einmal eine Tocotronic-CD namens „The Hamburg Years“ erworben, die auch nicht für den deutschen Markt bestimmt war und heute sicherlich sehr wertvoll geworden ist. Nun hatte ich auf discogs.com also die Möglichkeit, das Objekt meiner Begierde für ca. 20 Euro inklusive Porto und Verpackung von einem internationalen Anbieter zu erwerben. Aber das wollte ich nicht, da ich schon manchmal die Erfahrung gemacht hatte, dass sich englische oder amerikanische CD-Pressungen hierzulande nicht richtig abspielen ließen.

Noch einige Jahre lang beobachtete ich die Angebote auf der discogs-Seite. Und dann traute ich vor ein paar Wochen meinen Augen kaum, als ich dort die von mir gesuchte Björk-Single inseriert fand. Von einem deutschen Anbieter, zum sagenhaften Preis von 2,50 Euro, zuzüglich 2 Euro Porto. Sofort bestellte ich sie mir und staunte nicht schlecht, als ich sie dann endlich in den Händen hielt und den Absender auf dem gepolsterten Briefumschlag las: Es war jemand aus… Bielefeld! Vermutlich war es ja genau der, der sie mir damals vor 24 Jahren weggeschnappt hatte!

justament.de, 15.7.2019: Leben in concreto

Thomas Claer empfiehlt Spezial – Lieblingsliteratur (2): „Über die Weiber“ von Arthur Schopenhauer (1851)

Ein ganz schlimmes chauvinistisches Machwerk sei dieser Text, so heißt es immer. Doch wer ihn nicht gelesen hat, das muss man schon sagen, hat wirklich etwas verpasst. Kein gutes Haar lässt der griesgrämige Philosoph (1788-1860) in seinem Aufsatz „Über die Weiber“ aus der Kurztextsammlung „Parerga & Paralipomena“ von 1851 am weiblichen Geschlecht und bemerkt dabei offenbar gar nicht, wie sehr er sich damit zu seiner grandiosen übrigen Philosophie in Widerspruch setzt. An deren Grundgedanken – „Die Welt als Wille und Vorstellung“ – ist nämlich schlichtweg nicht zu rütteln: Die Welt – das ist zunächst mal nicht die Welt da draußen, sondern nur das Konstrukt von ihr in meinem Inneren. Sie ist also ganz wesentlich meine Vorstellung. Niemand sieht die Welt, wie sie ist, aber jeder sieht sie so, wie sie ihm erscheint. Und vor allem auch: wie er sie sehen w i l l. Jeder lebt also in erster Linie in seiner ganz eigenen Welt. Und in dieser spielt zwar auch der Intellekt eine Rolle, das schon, aber, bei Lichte betrachtet, doch nur eine sehr untergeordnete. Der Intellekt ist nämlich laut Schopenhauer, der hier mal eben Sigmund Freud und Charles Darwin vorwegnimmt, lediglich der Diener des „Willens“, jener blinden Antriebskraft, die in allem Lebendigen steckt und die er sogar schon in der unbelebten Natur zu erkennen glaubt. Das Ich ist also keineswegs der Herr im eigenen Hause, sondern stets von niederen Instinkten geleitet, die seine Wahrnehmung bestimmen und nachträglich dann oftmals irgendwie intellektuell gerechtfertigt werden. Jeder trifft seine Entscheidungen letztlich „aus dem Bauch heraus“, wie es so schön heißt, um von noch tiefer gelegenen Regionen gar nicht erst zu reden. „Das Sein bestimmt das Bewusstsein“, meinte Karl Marx. Das ist so unwiderleglich richtig, wie auch sein Gegenteil stimmt: „Das Bewusstsein bestimmt das Sein“. Und bei den meisten Menschen gilt letzteres noch viel mehr als ersteres. Der Intellekt ist immer sekundär. Wer das nicht glaubt, der lügt sich nur selbst in die Tasche.

Wenn nun derselbe Schopenhauer so sehr die „Geisteskräfte“ der Männer preist, die angeblich den „Weibern“ mit ihrer „schwachen Vernunft“ fehlen, dann fragt man sich, warum bei ihm nun plötzlich die (angeblich rein männliche) Intellektualität so hoch im Kurs steht, zumal er doch selbst zugesteht, dass „die Weiber“ sich auf ihre Weise und rein instinktiv doch auch sehr schlau verhalten. Sie, die „Weiber“, leben halt mehr „in concreto“ und nicht wie (angeblich) die Männer „in abstracto“… Man weiß ja, woher es kommt, dass dieser Philosoph hier – ausnahmsweise – mit sehr viel Schaum vor dem Mund geschrieben hat: Es hatte sich in ihm viel Ärger gegen diverse Frauen in seinem Leben angestaut – und da er es ihnen auf andere Weise nicht heimzahlen konnte, so hat er eben zum literarischen Rundumschlag ausgeholt.

Dabei hätte er, wäre er wirklich konsequent gewesen, seinen Aufsatz eigentlich ungefähr so schreiben müssen: Die „Weiber“ wissen besser, wo es langgeht. Instinktiv haben sie genau verstanden, worauf es im Leben ankommt, nämlich die eigenen Vorzüge gezielt zum eigenen Vorteil einzusetzen und die Schäfchen rechtzeitig ins Trockene zu bringen. Das intellektuelle Getue der Männer haben sie durchschaut und genau erkannt, dass es nur zur Verschleierung ihrer wahren dunklen Antriebe dient. Und die lächerlichsten Figuren überhaupt sind männliche Philosophen, die sich auf ihre Vernunft etwas einbilden. Denn mit all ihrer theoretischen Intelligenz kommen sie am Ende auch nicht weiter als die „Weiber“ mit ihrer überwiegend rein praktischen.

Und doch enthält „Über die Weiber“ so manche Sentenzen, deren Plausibilität kaum jemand infrage stellen dürfte: „Wer heiratet, halbiert seine Rechte und verdoppelt seine Pflichten.“ Wer wollte da widersprechen? Oder: „Das niedrig gewachsene, schmalschultrige, breithüftige und kurzbeinige Geschlecht das schöne nennen konnte nur der vom Geschlechtstrieb umnebelte männliche Intellekt: in diesem Triebe nämlich steckt seine ganze Schönheit.“ Was sich aber wohl auch umgekehrt über männliche Attraktivität in den Augen von Frauen sagen ließe. Zum Beispiel so: Alte weiße Männer mit dicken Brieftaschen und ebensolchen Autos als attraktiv wahrnehmen kann nur der vom blinden Konsumtrieb angestachelte weibliche Instinkt. Noch besser aber ist dies: „Mit den Mädchen hat es die Natur auf Das, was man, im dramaturgischen Sinne, einen Knalleffekt nennt, abgesehn, indem sie dieselben, auf wenige Jahre, mit überreichlicher Schönheit, Reiz und Fülle ausstattete, auf Kosten ihrer ganzen übrigen Lebenszeit, damit sie nämlich, während jener Jahre, der Phantasie eines Mannes sich in dem Maaße bemächtigen könnten, daß er hingerissen wird, die Sorge für sie auf Zeit Lebens, in irgend einer Form, ehrlich zu übernehmen; zu welchem Schritte ihn zu vermögen, die bloße vernünftige Ueberlegung keine hinlänglich sichere Bürgschaft zu geben schien. Sonach hat die Natur das Weib, eben wie jedes andere ihrer Geschöpfe, mit den Waffen und Werkzeugen ausgerüstet, deren es zur Sicherung seines Daseyns bedarf, und auf die Zeit, da es ihrer bedarf; wobei sie denn auch mit ihrer gewöhnlichen Sparsamkeit verfahren ist. Wie nämlich die weibliche Ameise, nach der Begattung, die fortan überflüssigen, ja, für das Brutverhältniß gefährlichen Flügel verliert; so meistens, nach einem oder zwei Kindbetten, das Weib seine Schönheit; wahrscheinlich sogar aus dem selben Grunde.“ Hier spricht er schon fast wie ein Evolutionsbiologe, doch wusste er noch nichts von heutigen Fitness-Centern und Jogging-Arenen, die den „Weibern“ schon rasch nach dem „Kindbette“ ihre gewohnte Attraktivität zurückbringen, und insbesondere auch nichts von der sich zunehmend verbreitenden männlichen Vorliebe für den Frauentyp „MILF“. Man muss seinen Schopenhauer nur beim Wort nehmen: „Je edeler und vollkommener eine Sache ist, desto später und langsamer gelangt sie zur Reife.“ So wie die Schönheit mancher Frauen – zumindest in den Augen ihrer Verehrer…

Link zum Text: http://aboq.org/schopenhauer/parerga2/weiber.htm

justament.de, 8.7.2019: Ein kurzer Moment der Freiheit

Thomas Claer empfiehlt Spezial – Lieblingsliteratur (1): Die Kurzgeschichte „Das Eiserne Kreuz“ von Heiner Müller

Diese Geschichte ist einfach nur ungeheuerlich. Ihre Pointe liegt in ihrer pechschwarzen Amoralität. Die außerordentlichen politischen Umstände am Ende des Zweiten Weltkriegs erlauben der Hauptfigur in Heiner Müllers kurzer Erzählung „Das Eiserne Kreuz“ aus dem Jahr 1956 etwas normalerweise Unmögliches: Schluss zu machen mit ihrem gesamten bisherigen Leben und zugleich ein neues, vom alten gänzlich unbelastetes, zu beginnen.

Doch hat der Papierhändler aus einer mecklenburgischen Kleinstadt, ein überzeugter Nazi und Träger des Eisernen Kreuzes, so etwas eigentlich gar nicht vor, als er zu Beginn der Geschichte im April 1945, nachdem er vom Selbstmord des Führers gehört hat, beschließt, gemeinsam mit seiner Familie in den Tod zu gehen. Weder von seiner Frau noch von seiner 14-jährigen Tochter (von ihr natürlich am allerwenigsten!) kommt ein Wort des Widerspruchs.

Keiner der drei angehenden Märtyrer artikuliert den geringsten Zweifel am selbstgewählten kollektiven Gang in den Heldentod. Tief in ihrem Innersten, dies wird an mehreren Stellen angedeutet, gibt es aber sehr wohl eine unterschwellige Opposition gegen ihre wahnsinnige ideologische Verbohrtheit, doch die Drei bekämpfen sie offenbar jeweils resolut. Schließlich geht es ja auch darum, voreinander nicht sein Gesicht zu verlieren!

Und dann ist es auch schon geschehen. Frau und Tochter hat der Papierhändler in der Stille des Waldes bereits erschossen. Nun ist nur noch er selbst an der Reihe. Und in diesem Moment wird er sich seiner plötzlich gewonnenen Freiheit bewusst: „Da war niemand, der ihm befahl, die Mündung des Revolvers an die eigene Schläfe zu setzen. Die Toten sahen ihn nicht, niemand sah ihn. Das Stück war aus, der Vorhang gefallen. Er konnte gehen und sich abschminken.“ Es ist der pure Existenzialismus! Mit wenigen treffsicheren Worten schildert der Autor die blitzschnelle Selbst-Entnazifizierung seines Protagonisten. Einfach nach Westen laufen, in die große Stadt, wo ihn keiner kennt. Da wird er im Zweifel ein unbekannter Flüchtling sein wie so viele andere. Am Ende bemerkt er dann noch das verräterische Eiserne Kreuz an sich. Er wirft es weg.

Was sagt uns nun diese unglaubliche Geschichte? Wie böse, egoistisch und verlogen die Nazis sind? Ja, vielleicht auch das. Und es spricht ja auch immer für ein Stück Literatur, wenn es ganz unterschiedlich gedeutet werden kann. Aber sind es wirklich nur die Nazis, die sich voller Heroismus in etwas hineinsteigern, während doch gleichzeitig etwas in ihnen ganz genau weiß, dass sie nur Theater spielen. Dass die elementaren Überlebens-Instinkte am Ende mächtiger sind als alle Überzeugungen. Sind wir das nicht im Grunde sogar alle? Oder andererseits auch wieder nicht? Hat nicht jedes Leben in der menschlichen Gesellschaft etwas von einem Theaterspiel? Wie wohlfeil ist es, die Handlungen dieser literarischen Figur zu verurteilen? Muss man ihr vielleicht sogar zugutehalten, sich aus eigenem Antrieb von der NS-Ideologie befreit zu haben? Liegt darin ein schäbiger Opportunismus oder ein gesunder Pragmatismus? Oder von beidem etwas? Und wie mag es wohl mit diesem Papierhändler weitergegangen sein? Ist er womöglich in seinem späteren Leben mit neuer Identität ein aufrechter Demokrat geworden?

Man kann die Geschichte natürlich auch ganz anders lesen: War dieser Papierhändler womöglich besessen von dem unbewussten, aber starken Wunsch, sich von seiner Frau und Tochter zu befreien und ohne sie ein neues Leben zu beginnen? War sein ganzer politischer Fanatismus vielleicht nur vorgeschoben, um sein wahres Ziel zu erreichen? Oder ging es ihm tatsächlich um einen radikalen Neuanfang und waren ihm Frau und Tochter als Mitwissende seiner Vergangenheit dabei im Weg? Diese Geschichte kann einen durchaus ins Grübeln bringen…

Und schließlich könnte man sich als Jurist auch noch die Frage stellen, zu welchem Zweck man diesen Ex-Nazi für seine Untaten eigentlich strafrechtlich belangen sollte. Resozialisiert werden muss er bestimmt nicht, da er sich vermutlich jeder neuen Gesellschaftsordnung bestens anzupassen versteht. Zur Normbestätigung und Abschreckung anderer? Ja, vielleicht. Doch es weiß ja niemand, dass er es war, der Frau und Kind erschossen hat, und niemand wird es jemals erfahren. Auch ist nicht anzunehmen, dass sich die Vorkommnisse wiederholen werden. Bleiben noch die absoluten Straftheorien: Jedes Verbrechen muss gesühnt werden. Doch wer glaubt heute noch an ein universelles Naturrecht? Und außerdem ist er ja gar nicht mehr der, der er war, sondern längst ein ganz anderer… Was für eine tiefgründige, furchtbare, erschreckende Geschichte!

Hier gibt es sie im Wortlaut: http://www.zeiler.me/das-eiserne-kreuz

justament.de, 8.7.2019: Warum ich alle meine Smiths-Platten behalte

Scheiben vor Gericht Spezial: Justament-Autor Thomas Claer über Morrissey, Nolde, Hauptmann und Spacey

Nun hat sich sogar Nick Cave zu dieser peinlichen Angelegenheit auf seiner Homepage geäußert: „Vielleicht ist es besser, Morrissey einfach seine Ansichten haben zu lassen, ihnen zu widersprechen, wann und wo immer es möglich ist, aber seine Musik weiterleben zu lassen. Wenn man bedenkt, dass wir alle widersprüchliche Individuen sind – chaotisch, fehlerhaft und anfällig für Verrücktheiten. Wir sollten Gott danken, dass es unter uns einige gibt, die Werke von einer Schönheit schaffen, die alles übertrifft, was sich die meisten von uns vorstellen können, auch wenn einige dieser Menschen regressiven und gefährlichen Glaubenssystemen zum Opfer fallen.“ Weise Worte, die einem dabei helfen können, den verzweifelten Spagat auszuhalten zwischen unverminderter Bewunderung für das großartige Werk der englischen Indie-Rock-Band The Smiths (1982-1987) und heftigem Abscheu angesichts der aktuellen politischen Äußerungen ihres genialen Sängers und Texters.

Inzwischen besteht nämlich kein Zweifel mehr daran, dass der mittlerweile 60-jährige Morrissey, der seit Jahren offen für eine rechtsradikale Partei wirbt, sich vollkommen ideologisch verrannt hat. 2017 behauptete er in einem Interview mit dem SPIEGEL, Berlin (ausgerechnet unser weltoffenes Berlin!!) sei im Zuge der Flüchtlingskrise in Deutschland ab 2015 aufgrund der Zuwanderung von Muslimen zur „Vergewaltigungshauptstadt“ Europas geworden. Multikulturalismus führe letztlich dazu, dass es gar keine Kultur mehr gebe: „Millionen Menschen“ seien für die deutsche Identität gestorben; jetzt gelte es, das Land vor Migranten zu beschützen. Seitdem hat er solche und ähnliche Äußerungen mehrfach wiederholt. Er hat offenbar völlig den Verstand verloren…

Aber was folgt nun daraus? Sollte man jetzt nicht konsequenterweise alle seine Smiths-Platten verkaufen, so wie unsere Bundeskanzlerin alle ihre Emil Nolde-Bilder aus ihrem Büro entfernt hat, nachdem bekannt wurde, dass dieser Maler im Dritten Reich keineswegs ein Dissident, sondern in Wirklichkeit ein glühender Nazi gewesen ist? So wie manche Cineasten nach den MeToo-Enthüllungen alle ihre Filme mit dem Schauspieler Kevin Spacey aussortiert haben?

Aber so etwas passiert ja öfter, dass bedeutende Künstler sehr fragwürdige Dinge tun oder sagen. Doch muss man immer wieder betonen: Dies ändert nichts an der Beurteilung ihrer Kunst. Wie sagte Marcel Reich-Ranicki: „Gerhard Hauptmann war auch dann noch ein großer Schriftsteller, als er die Hand zum Hitlergruß erhoben hat.“ Etwas anderes wäre es, wenn die betreffende Kunst selbst menschenverachtend wäre. Das gibt es natürlich manchmal auch, aber nicht in allen hier genannten Fällen: Gerhard Hauptmanns naturalistische Theaterstücke, Kevin Spaceys Filme, Emil Noldes expressionistische Bilder, das um jugendliche Einsamkeit, unerwiderte Liebe, Außenseitertum und Individualismus kreisende Werk von The Smiths sprechen für sich selbst. Niemand muss sich für seine Smiths-Platten im Regal schämen, da kann Morrissey heute sagen, was er will. Seine Kunst (zumindest seine frühere) ist größer als er selbst. Allerdings: Wäre ich deutscher Bundeskanzler, nur einmal angenommen, und hätte Smiths-Platten in meinem Büro, dann würde ich sie nunmehr vielleicht doch lieber woanders hinstellen, da von ihnen ja auch eine öffentliche Wirkung ausginge. Es könnte ja jemand in den falschen Hals kriegen… Aber so als kleiner Justament-Musikkritiker, da lasse ich meine Vinyl-Schätze doch einfach da, wo sie sind, und erfreue mich trotz allem an ihnen.

„Sumisu“ Farin Urlaub

justament.de, 1.7.2019: Das Glück der Umwege

Die Wissenschaft von der Leidenschaft: „Liebe als Passion“ von Niklas Luhmann aus dem Jahr 1982

Thomas Claer

Dass ich einmal freiwillig ein ganzes Buch von Niklas Luhmann (1927-1998) lesen würde, konnte ich mir lange Zeit nicht vorstellen. Wie hatte ich mich damals, vor einem Vierteljahrhundert, im Frühjahr 1994, gefreut, anlässlich der Feiern zum 25-jährigen Jubiläum der Universität Bielefeld, einem Vortrag dieses weltberühmten Soziologie-Professors beiwohnen zu können, an dessen Uni ich seit einigen Monaten Jura studierte. Aber was für eine Enttäuschung war dieser Vortrag dann für mich. „Worüber redet er da eigentlich?“, fragte ich mich die ganze Zeit, denn ich verstand von dem, was er sagte, zwar einzelne Worte, aber rein gar nichts von den Zusammenhängen. Freundlich und bestimmt sprach dieser hagere Mann fortwährend von irgendwelchen Systemen und Sub-Systemen und von Kommunikation. Nein, damit konnte ich beim besten Willen nichts anfangen.

Seitdem lief Luhmann, der ursprünglich als Verwaltungsjurist angefangen hatte, bei mir unter „ungenießbare geistige Kost“. Dass er im Ruf stand, sehr witzig und pointiert zu schreiben, irritierte mich zwar ein wenig, und auch sein berühmter monströser „Zettelkasten“ machte mich neugierig. Aber dann dauerte es doch noch mehr als zwei Jahrzehnte, bis ich in einer Berliner „Bücherbox“ auf „Liebe als Passion“ stieß, Niklas Luhmanns meistverkauftes Buch. Es war ein abgegriffenes Exemplar voller Anstreichungen mit Bleistift, die sich allerdings, wie ich später bemerkte, allein auf die ersten knapp 30 Seiten beschränkten. Weiter war der Vorbesitzer meines neuen Buches bei seiner Lektüre offenbar nicht gekommen. Auch hatte er neben den Text eine Menge Fragezeichen gekritzelt. Ich nahm mir vor, dieses Buch ausdauernder zu lesen als mein Vorgänger, denn sein Inhalt schien mir doch sehr bedeutend zu sein. Auf dem Buchrücken las ich den vielsagenden Satz: „Der Weg zum Konkreten erfordert den Umweg über die Abstraktion.“

Und nun, nach Bewältigung dieser 223 Seiten, muss ich zugeben: Ganz leichte Kost ist Luhmann in der Tat nicht. Doch ist er viel zugänglicher, als ich dachte, was allerdings auch am Thema liegen dürfte, der Liebe also. Sie ist nicht nur, wie es im deutschen Schlager heißt, ein seltsames Spiel, sondern auch ein weites Feld. In vielen verschiedenen Varianten kommt sie vor, zwischen Eltern und Kindern z.B. oder zwischen Eheleuten. Doch haben diese Spielarten nur wenig mit jener Liebe zu tun, die Luhmann in seinem Buch vor allem beschreibt: der Liebe als Passion.

„Liebe ist“, das lernt der Leser zunächst, „kein Gefühl, sondern ein Kommunikationscode, nach dessen Regeln man Gefühle ausdrücken kann.“ Doch besteht dieser Code in starker Abhängigkeit von seinem jeweiligen gesellschaftlichen Umfeld. Die Vorstellung etwa, dass Liebe und Ehe zusammenfallen sollten, ist historisch betrachtet noch sehr jung, entstand vermutlich erst Ende der 18. Jahrhunderts in England. Bis dahin war kulturübergreifend die Ehe als vor allem ökonomisch bedeutsame gesellschaftliche Institution das eine – und die seit der Antike vielfach beschriebene wilde, leidenschaftliche Liebe das andere. Ihren Höhepunkt erlebte die „Liebe als Passion“ in den Darstellungen im Frankreich des 17. Jahrhunderts. Vermutlich rührt daher auch der sich bis heute hartnäckig haltende Ruf Frankreichs als „Land der Liebe“ und insbesondere seiner Hauptstadt Paris als „Stadt der Liebe“.

„Amour passion“ im 17. Jahrhundert

„Wie die Kasernierung physischer Gewalt im Staat, so erscheint auch die Kasernierung der Sexualität in der Ehe als Voraussetzung für alle Höherentwicklung“, befindet Luhmann. Und weiter heißt es: „Man konnte die Individuen, aber nicht die Ehen freigeben, weil die Reproduktion der Oberschicht über Ehen (und nicht, wie heute, über Karrieren) lief. Das bedeutete, dass der Code des „amour passion“ für außereheliche Beziehungen entwickelt wurde. Die Ehe ist zwar ein Kanal für das Ableiten überschüssiger Sinnlichkeit, aber ihr Wesen ist das Sichverstehen, nicht die Leidenschaft. Das Hofieren der eigenen Gattin wäre als höchst lächerlich erschienen und damit auch das Aufwenden von Leidenschaft für den Zugang zum eigenen Ehebett – was Achtung und Liebe (im Sinne des traditionsreichen Begriffs) und vor allem rücksichtsvolle Behandlung der eigenen Frau natürlich nicht ausschließen sollte.“

„In Frankreich hatte man am Falle der außerehelichen Beziehungen einen hochkomplexen Code für Liebesangelegenheiten ausgearbeitet, in England war man in dieser Hinsicht unvorbereitet.“ Eine besondere Rolle spielte hierbei die Literatur, was bereits an der „Nähe der Liebe zur narrativen Form“ liegt. „Sie ist das Romanthema par excellence.“ So kam es, „dass der Roman selbst zum Lern- und Orientierungsfaktor in Liebesangelegenheiten“ wurde.
„Schon im 17. Jahrhundert weiß man: die Dame hat Romane gelesen und kennt den Code. Das steigert ihre Aufmerksamkeit. Sie ist gewarnt – und eben dadurch gefährdet.“ In Luhmanns beschwichtigendem soziologischen Duktus liest sich das so: „Wenn eine Sondersemantik für ein spezielles Kommunikationsmedium hinreichend ausdifferenziert ist, können auch die durch dieses Medium geordneten Prozesse selbstreferenziell werden.“ Aha.
Und Luhmann zitiert aus einer solchen Vielzahl französischer Liebesromane jener Epoche, dass einem schwindelig werden kann. Zusammenfassend lässt sich sagen: „Liebe wäre nicht angemessen begriffen, wollte man sie lediglich als Reziprozität wechselseitig-befriedigender Handlungen auffassen oder als Bereitschaft, Wünsche zu erfüllen. Sie ist Internalisierung des subjektiv systematisierten Weltbezugs eines anderen.“ „Es ist die im Code verankerte Bedeutungssteigerung, die das Lernen des Liebens, die Interpretation der Anzeichen und die Mitteilung kleiner Zeichen für große Gefühle ermöglicht.“

Fortwährende Steigerung der Passion

„Aus der Erfahrung des Liebesgeschehens kommt aber sehr bald ein stärker taktisches Moment hinzu. Anders, als plaisir und Liebe es erfordern würden, werden Handlungen und Ereignisse nicht nur in sich selbst genossen, sondern daraufhin gewertet, was sie für weiteres bedeuten. Die Frau muss sich überlegen, ob sie Briefe annehmen oder gar beantworten, Besuche empfangen, Wünsche äußern darf, weil daraus Schlüsse auf eine Einstellung gezogen werden könnten, die mehr zulässt. Umgekehrt baut die Verführungstaktik gerade auf der Ausnutzbarkeit solcher Zeichen für anderes auf. Die Empfindlichkeit für Nuancen steigert die Verdichtung der Verweisungen in die Zeithorizonte des Geschehens. Die Ereignisse werden zeitlich selbstreferentiell, indem man bedenken muss, dass und wie man später bei stärker engagierenden Zumutungen auf sie zurückkommen kann. Und all dies ist mit sozialer Reflexivität durchsetzt: Die Dame kann, wenn sie erste Zeichen der Gunst gegeben hat, stärkeres Drängen zwar noch abwehren; aber sie kann eine offenere Werbung nicht mehr als völlige Überraschung, als Unverschämtheit behandeln. Der Verführer kann damit rechnen, dass sie berücksichtigen muss, dass sie ihn zum Weitergehen ermutigt hatte. Der Liebesprozess hat mithin seine eigene Selbstreferenz. Die Liebenden beginnen – und ihre Geschichte ist für sie durch den Code schon programmiert.“

„Das Leitsymbol, das die Themenstruktur des Mediums Liebe organisiert, heißt zunächst ‚Passion‘, und Passion drückt aus, dass man etwas erleidet, woran man nichts ändern und wofür man keine Rechenschaft geben kann. … Dies verweist auf ein Ausscheren aus der normalen sozialen Kontrolle, das aber von der Gesellschaft nach Art einer Krankheit toleriert und mit der Zuweisung einer Sonderrolle honoriert werden muss.“ „Im körperlichen Zusammenspiel erfährt man, dass man über das eigene Begehren und dessen Erfüllung auch das Begehren des anderen begehrt und damit auch erfährt, dass der andere sich begehrt wünscht. Das schließt es aus, ‚Selbstlosigkeit‘ zur Grundlage und Form eigenen Handelns zu machen; vielmehr wird die Stärke des eigenen Wunsches zum Maß dessen, was man zu geben in der Lage ist.“ „Man kann bei Liebe nicht nicht an Sinnlichkeit denken.“

Und es geht noch weiter:„Je unsicherer man darüber ist, wie der andere sich zu Erwartungen einstellen wird, desto unentbehrlicher wird es, die eigenen Äußerungen und die darauf erfolgenden Reaktionen im System interpretieren, das heißt jeweils als Indikator für Anderes, für Weiteres, für zu Erhoffendes lesen zu können.“ „Mit Betonung der Passion ist zunächst ausgesagt, dass die Liebe sich außerhalb des Bereichs rationaler Kontrolle abspielt. Man könnte meinen, dass damit dem überlegten Verhalten und der Kunstfertigkeit die Entfaltungsmöglichkeiten genommen seien. Das Gegenteil trifft zu.“

„Amor schießt nicht zwei Pfeile zugleich ab. Liebe mag wie ein Zufall eintreffen, aber normalerweise wohl nicht als Doppelzufall; man muss also nachhelfen – nicht zuletzt auch, um im Werben und Verführen das eigene Gefühl zu festigen. Wehrlosigkeit in Bezug auf die eigene Passion und Raffinesse in Bezug auf die des anderen treten in einen Steigerungszusammenhang – je mehr Leidenschaft, desto mehr Umsicht und durchdachte Verhaltensplanung, und dies auf beiden Seiten, wenn beide der Passion des anderen noch unsicher sind und die Situation insofern als asymmetrisch erleben.“

Ausdrücklich spricht Luhmann von „zwei gegenläufige Asymmetrien“: „Einerseits wird die Liebe als Kampf charakterisiert: als Belagerung und Eroberung der Frau. Andererseits ist bedingungslose Selbstunterwerfung unter den Willen der Geliebten die Form, in der Liebe sich darstellt und gefällt. In der absoluten Unterwerfung geht es um volle Aufgabe der persönlichen Eigenart. … Demnach kulminiert die Liebe im Verlust der Identität – und nicht, wie man heute denken würde, im Gewinn der Identität.“„Man leidet nicht, weil die Liebe sinnlich ist und irdische Begier weckt; man leidet, weil sie sich noch nicht erfüllt hat oder weil sie in der Erfüllung nicht das hält, was sie verspricht.“

„Die verschiedenen Paradoxien (erobernde Selbstunterwerfung, gewünschtes Leiden, sehende Blindheit, bevorzugte Krankheit, bevorzugtes Gefängnis, süßes Martyrium) münden in die Zentralthese des Codes: die Maßlosigkeit, den Exzess. Bei aller sonst geltenden Hochwertung von maßvollem Verhalten: in der Liebe gilt es als entscheidender Fehler. Der Exzess selbst ist das Maß des Verhaltens.

Das drohende Ende und seine Verzögerung

„Die Liebe endet unvermeidlich, und zwar schneller als die Schönheit, also schneller als die Natur. Liebe dauert nur kurze Zeit, und ihr Ende kompensiert das Fehlen jeder anderen Grenze. Das Wesen selbst der Liebe, der Exzess, ist der Grund für ihr Ende; und umgekehrt.“

„Fast ist die Erfüllung schon das Ende, fast muss man sie fürchten und hinauszögern oder zu vermeiden suchen. … Eben deshalb muss der Widerstand, der Umweg, die Verhinderung geschätzt werden, denn allein dadurch gewinnt die Liebe Dauer. Als Medium dieser Dauer dient das Wort. Worte trennen stärker als Körper, sie machen die Differenz zur Information und zum Anlass der Fortsetzung der Kommunikation…“

„Die Liebe aber existiert nur im „noch nicht“. Der Moment des Glücks und die Ewigkeit des Leids bedingen sich wechselseitig, sind identisch. Nichts wäre abwegiger, als bei Liebe an Ehe zu denken.“

„Man wird in der Anfangsphase oft mit Liebe spielen, um sich dann vor den ersten Hindernissen zu entflammen. Überhaupt dienen die „obstacles“ der Bewusstwerdung und Steigerung der Passion. Auch der erste Gunstbeweis der Geliebten hat eine besondere Note: Ihn kann man nicht verlangen, ist er aber einmal erfolgt, kann man hier Tritt fassen und weiterklettern. Einmal in Gang gebracht, gerät der Prozess unter die Kontrolle seines besonderen Code, und erst mit seinem Erlahmen setzen wieder normale, besonnene Verhaltensweisen ein.“

„Die Eröffnung eines eigenen Zeitraums für jeweils eine Liebesangelegenheit ist die Vorbedingung für einen Steigerungsprozess, der mit dem immer wieder auftauchenden Begriff der Hoffnung (und entsprechenden Befürchtungen) ausgedrückt wird. Der Steigerungseffekt ist vergleichbar mit dem, was man in der Wirtschaft durch Kredit zu erreichen pflegt; er beruht auf Indirektheit, Umweghaftigkeit, „deferred gratification“ und funktionsspezifischen Sicherungen einer trotzdem laufenden Kontinuität des Prozesses. Die Geliebte kann das Spiel zunächst mit Hingabe von Hoffnung finanzieren und ihre eigene Hingabe aufschieben. Der Liebhaber wird dann um so mehr disponiert sein, die Jagd mehr zu schätzen als die Beute. Die temporale Erstreckung dient der Intensivierung, der Verbalisierung, der Sublimierung; sie bildet das latent-gemeinsame Interesse.“

„Hoffnung heißt aber zugleich, dass die Einlösung des Wechsels auf die Zukunft teurer wird, als man erwartet hatte. Nebenkosten, an die man nicht gedacht hatte, fallen ins Gewicht, und die nunmehr erfüllte Passion vermag sie nicht mehr aufzuwiegen. Die Beziehung ist ihrer eigenen Zeitlichkeit nicht mehr gewachsen und löst sich auf. Dadurch, dass sie Zeit in Anspruch nimmt, zerstört die Liebe sich selbst.“

„Die Unmöglichkeit der Dauer macht, besonders den Frauen, das Lieben schwer. Sie müssen unglücklich werden – ob sie sich nun trotzdem zur Liebe entschließen oder es deswegen nicht tun. … Was als „Tugend“ zur Disposition steht, ist in Wahrheit ein Interesse an Dauer.“

„Zwischenmenschliche Interpenetration heißt eben, dass der andere als Horizont seines eigenen Erlebens und Handelns dem Liebenden ein Ichsein ermöglicht, das ohne Liebe nicht Wirklichkeit werden würde. Diese Horizonthaftigkeit der Interpenetration gleitet mit aller Kommunikation mit – und entzieht sich ihr. Das Akzeptieren dieser Erfahrung kann froh machen und bitter – je nach dem, wie es um die Liebe steht.“ An anderer Stelle spricht Luhmann von der „Schwerarbeit der Passion“.

Wende ins Imaginäre

Eine besondere Verfeinerung erfahren diese Abläufe ebenfalls im Frankreich des 17. Jahrhunderts: „Mit der Ehe beginnt die Freiheit… Diese Freiheit der Liebeswahl betrifft verheiratete Personen und außereheliche Beziehungen (nicht die Verführung unverheirateter Töchter)… Das heißt für die Evolution der Liebessemantik vor allem, dass ein wichtiger Liebesbeweis, die Bereitschaft zur Ehe, ausfällt. Es handelt sich um Personen, die dies nicht mehr anbieten, die nicht mehr heiraten können, und die eben deshalb ihre Phantasie quälen müssen, um Formen zu finden, mit denen sie ihre Liebe beweisen bzw. herausfinden können, ob die Liebe aufrichtig gemeint ist oder nicht.“

„In der Imagination verfügt man über die Freiheit des anderen, verschmilzt sie mit den eigenen Wünschen, übergreift die doppelte Kontingenz auf der Metaebene, die dem eigenen und dem anderen Ego das zuweist, was das eigene Ego für beide projiziert. Aber wie kommt es zur Imagination, wie schafft sie sich Raum, und vor allem: wie schafft sie sich Zeit? Die Antwort liegt in der Zentrierung auf die letzte Gunst – und in ihrem Aufschub. Die Idealfigur wird durch Temporalisierung der Liebessemantik abgelöst.“

Ein fortwährendes Problem aber ist dies: „Den Liebenden wird, wie schon im Mittelalter, Geheimhaltung empfohlen; aber sie finden sich immer wieder beobachtet, über sie wird geredet, und es scheint Leute zu geben, für die das zur Hauptbeschäftigung wird.“

Romantik

Nicht unbedingt einfacher wurde es für die „Liebe als Passion“ mit der seit ca. 1800 allmählich aufkommenden Verknüpfung von Liebe und Ehe. Diese stellt sich – bei Lichte betrachtet – weniger als von Emanzipationsbewegungen erkämpfte Errungenschaft dar, sondern vielmehr als Folge eines Strukturwandels (Differenzierung von Wirtschaft, Oberschichtenfamilien hatten ihre staatstragende Bedeutung verloren). „Die gesellschaftsstrukturellen Gründe für eine Kontrolle der Eheschließungen waren entfallen.“

„Die zuerst in England proklamierte Verbindung von Liebe und Ehe (die „sexuell basierte Liebesehe“) konnte dann zwar den Kontinent beeindrucken. Aber sie hatte am entscheidenden Punkt eine fatale Schwäche: Für die Ehe musste die Frau unberührt sein. Für die Liebe wäre das kein Erfordernis gewesen. Es wurde verlangt, was ohne Heuchelei nicht zu leisten war: sich vor der Ehe zu verlieben und erst in der Ehe die Erfahrung der Sexualität einzubeziehen.“

So blieb es wieder einmal einer Literaturströmung, der Romantik, vorbehalten, ein ideelles Konzept für die Liebesheirat zu entwickeln: „Die wichtigste Fortentwicklung des Mediums Liebe in der Romantik liegt im Akzeptieren der Selbstreferenz des Liebens. Das ermöglicht es, Paradoxien, die als gegensätzliche Beschreibungen oder Vorschriften Bestandteile des Code „amour passion“ gewesen waren, nun in die Liebe selbst einzubauen – etwa im Sinne von durchgeistigter Sinnlichkeit, ironischer Erotik, Rollentausch auf der Basis von Liebe als Steigerung etc.“

„Liebe gilt nun als Entropie aufhaltende, dem Zerfall entgegenwirkende Orientierung. Man sucht im Sicheinlasssen auf Intimbeziehungen (und dies besonders bei sexuell fundierter Intimität) Gewissheiten, die über den Moment hinausreichen, und man findet sie letztlich in der Art, wie der Partner sich mit sich selbst identisch weiß: in seiner Subjektivität. So kann die Person des anderen, und nur sie, in ihrer dynamischen Stabilität der Liebe Dauer verleihen, und dies speziell dann, wenn sie als Subjekt/Welt-Verhältnis begriffen wird, also allen Wandel schon vorweg in sich einschließt. Auch unzuverlässig Liebende sind, und wer wüsste das besser als die Romantiker, Subjekte.“

Hier wird, soweit ich sehe, zum einzigen Mal im Buch auf die – nicht zu unterschätzende – Rolle der Eifersucht in langandauernden Liebesbeziehungen angespielt. Selbst da, wo die eigentliche „Liebe als Passion“ längst erloschen sein mag, kann die Eifersucht das Interesse aneinander stetig wieder aufs Neue befeuern.

Ein weiterer „Trick“ der Romantik zur Konservierung von Liebe liegt in der Herstellung von Distanz zwischen den Liebenden: „Es gilt, in der Selbsthingabe das Selbst zu bewahren und zu steigern, die Liebe voll und zugleich reflektiert, ekstatisch und zugleich ironisch zu vollziehen. In all dem setzt sich eine neuartige, typisch romantische Paradoxie durch: die Erfahrung der Steigerung des Sehens, Erlebens, Genießens durch Distanz. Der Abstand ermöglicht jede Einheit von Selbstreflexion und Engagement, die im unmittelbaren Genuss verlorengehen würde. So wird der Akzent von der Erfüllung in die Hoffnung, in die Sehnsucht, in die Ferne verlagert, und man muss den Fortschritt im Prozess des Lebens dann ebenso suchen wie fürchten.“

Die Kritiker dieser romantischen Konzepte von dauerhafter (ehelicher) Liebe und Treue überzeugt dies freilich nicht. Sie erblicken in jeder „institutionalisierten Liebe“ nur eine „fingierte Liebe“. Auch Luhmann ist eher skeptisch:„Viele Neuerungen erscheinen als aufgepfropft am alten Stamm des amour passion.“ „Die Romantik feiert mit einer rauschhaften Orgie das Ungewöhnliche… Sie trifft aber kaum Vorsorge für den Liebesalltag derjenigen, die sich auf eine Ehe einlassen und sich nachher in einer Situation finden, an der sie selbst schuld sind.“

Hier und jetzt

Eine nochmalige Umwälzung auf diesem Felde war – analog zur gesellschaftlichen „Freigabe“ der Eheschließungen um 1800 – die gesellschaftliche „Freigabe“ aller Liebesbeziehungen seit den späten 1960er Jahren. „Die Radikalität der Veränderung, verglichen etwa mit dem Zeitraum 1780-1830, ergibt sich aus soziostrukturellen Entwicklungen und besteht letztlich darin, dass die moderne Gesellschaft die Unterscheidung von persönlichen und unpersönlichen Beziehungen radikalisiert.“ „Der symbiotische Mechanismus sexueller Beziehungen ist damit nicht nur in den Code inkorporiert, er ist „die Sache selbst“, zu der man verschiedene Einstellungen haben kann.“ „Die alte (z.B. puritanische) Vorstellung des „Lebensgefährten“ wird, ohne dass man sich ihrer erinnert, wiedergeboren… Man sucht in der Ehe eine Basis für Verständigung und für gemeinsames Handeln in allem, was einem wichtig ist.“ „Empirische Daten zeigen, dass romantischer Enthusiasmus in Liebesvorstellungen nicht sehr verbreitet ist; und diese Fakten wirken natürlich abkühlend auf die Semantik zurück.“ „Vielleicht macht gerade die Entwicklung, die wir als Ausdifferenzierung, Autonomisierung, soziale Regression charakterisiert haben, es zu riskant, den prekären Prozess der Erwartungsabstimmungen auch noch durch kulturell hochgetriebene Modelle, Ansprüche, Sprachformen zu belasten.“ „Man wird sich sogar fragen müssen, ob und wie das Thema überhaupt literaturfähig ist… Das lange Schmachten vor der Erfüllung wirkt lächerlich.“

Und dabei hat Luhmann die technischen Entwicklungen der vergangenen zwei Jahrzehnte – Stichwort: Tinder – noch gar nicht gekannt. Aktuelle Studien zeigen im übrigen, dass sich die Sexualität immer mehr vom Zwischenmenschlichen in Richtung medial induzierter autosexueller Handlungen verlagert hat. Kommt es doch einmal zu Liebesbeziehungen, steht die sexuelle Erfüllung bereits an deren Anfang und nicht erst an deren Ende. In wenigen Jahren werden Avatare lebensechten virtuellen Sex für jeden mit jedem beliebigen anderen Menschen ermöglichen. Warum sollte sich da noch irgendjemand anstrengen, irgendwen zu „erobern“?

Ist demnach also die „Liebe als Passion“ bereits an ihrem historischen Endpunkt angelangt? Hat sie sich längst in einer allgemeinen Beliebigkeit aufgelöst? Vielleicht bleibt sie ja am Ende nur noch etwas für einige ewiggestrige Traditionalisten aus der alten Generation…

Niklas Luhmann
Liebe als Passion. Zur Codierung von Intimität
14. Aufl. 1994
Suhrkamp Verlag
ISBN-10: 9783518287248

Alexander Kluge interviewt Niklas Luhmann über “Liebe als Passion” (ca. 15 min):

https://www.dctp.tv/filme/luhmann_liebe-als-passion/

justament.de, 24.6.2019: Menage-a-trois am Han-Fluss

Recht cineastisch, Teil 35: „Burning“ von Lee Chang Dong

Thomas Claer

Das südkoreanische Kino ist schon lange kein Geheimtipp mehr. Vielleicht sei es, so mutmaßte schon vor mehr als einem Jahrzehnt das Feuilleton der Süddeutschen Zeitung, „das coolste Kino der Welt“. Nun hat mit „Parasite“ von Bong Joon Ho erstmals ein Film aus dem Land der Morgenstille die „Goldene Palme“ in Cannes gewonnen. Grund genug, sich den ebenfalls hochgelobten koreanischen Vorjahres-Beitrag in Cannes, den Film „Burning“ von Lee Chang Dong, der nun in unsere Kinos kommt, einmal anzusehen.

Hierbei handelt es sich um die Verfilmung einer Kurzgeschichte von Haruki Murakami aus dem Jahr 1983. Haruki Murakami? Richtig, der japanische Schriftsteller, über dessen Buch „Naokos Lächeln“ sich vor 19 Jahren das „Literarische Quartett“ so sehr in die Wolle kriegte, dass Sigrid Löffler nach der Sendung verärgert ihren Austritt aus dem Quartett erklärte. (Für sie war das Buch „literarisches Fastfood“, während es Marcel Reich-Ranicki als „fabelhaft und hocherotisch“ ansah. Natürlich gilt Haruki Murakami heute längst als Schriftsteller von Weltrang…)

Regisseur Lee Chang Dong verlegt nun also die Handlung aus Harukis 36 Jahre alter Geschichte ins Südkorea der Gegenwart. Und dies funktioniert durchaus, denn das Phänomen der zornigen und frustrierten jungen Menschen auf Sinnsuche, die sich in ihrem Außenseitertum eingerichtet haben, ist mittlerweile auch im einstigen Tigerstaat am Han-Fluss angekommen. Was die Japaner schon vor Jahrzehnten kannten, spüren nun auch die lange Zeit von traumhaften Wirtschaftswachstumsraten verwöhnten Südkoreaner: Es ist für junge Leute selbst mit guter Qualifikation nicht mehr so leicht wie früher, irgendwo unterzukommen. Und so mancher wird dabei, was in diesem Land mit seiner traditionell so starken sozialen Kontrolle eigentlich gar nicht vorgesehen ist, zum Individualisten.

So auch Jongsu (Yoo Ah In), der Held dieses Films, ein junger Hochschulabsolvent (Studienschwerpunkt: Kreatives Schreiben), der sich mit Gelegenheitsjobs und Arbeiten auf dem Bauernhof seines Vaters über Wasser hält, während er bereits an seinem Roman-Debüt arbeitet. Eines Tages begegnet ihm so etwas wie der feuchte Traum jedes (angehenden) Schriftstellers: eine attraktive junge Dame, die ihn ausgiebig für sein Tun bewundert. Dass Jongsu einen Roman schreibt, findet Haemi (Jeon Jong Seo), die ebenfalls von Gelegenheitsjobs lebt und auf der Suche nach dem Sinn des Lebens eine Reise nach Afrika unternehmen will, „mochitda“. Dieses kaum ins Deutsche übersetzbare koreanische Wort (es entspricht in etwa dem englischen „handsome“) bedeutet so viel, wie dass sie Jongsu für einen tollen Typen hält. Sehr schnell kommen beide auch zur Sache, wobei die Initiative eindeutig von Haemi ausgeht. Doch dann fliegt Haemi für ein paar Wochen nach Afrika, während Jongsu ihre Katze versorgt. Und zurück kommt Haemi zu Jongsus großem Verdruss in Begleitung des einige Jahre älteren Ben (Steven Yeun), der ebenfalls großen Gefallen an Haemi gefunden hat. Ben ist, in krassem Gegensatz zu den beiden anderen Protagonisten dieser Dreiecksgeschichte, offenbar steinreich und protzt ganz hemmungslos mit seinem Porsche und seinem Luxus-Apartment im mittlerweile weltweit berüchtigten Seouler Nobel-Bezirk Gangnam. Es versteht sich, dass Jongsu in diesem ungleichen Wettbewerb denkbar schlechte Karten hat…

Doch will Haemi, die sonst kaum soziale Bindungen hat und von ihrer Familie verstoßen wurde, am liebsten beide junge Männer gleichzeitig als Freunde (und offenbar auch als Liebhaber) behalten. Ben, der oberflächliche und egomanische Yuppi, der seinerseits Kontakte zu vielen weiteren jungen Damen unterhält, sieht das alles ganz locker, während Jongsu von nun an Höllenqualen der Eifersucht erleidet. Immer wieder treffen sie sich zu dritt, mal in Bens durchgestylter Wohnung, mal auf Jongsus schäbigem Bauernhof, wo sich Haemi in der Abendsonne ihrer Kleidung entledigt und ihren beiden Verehrern nackt etwas vortanzt. (Die schockierende Wirkung solcher Bilder im streng konfuzianischen Korea lässt sich leicht vorstellen…) Beiläufig berichtet Ben noch von seinem bizarren Hobby, ab und zu ein Gewächshaus auf dem Lande anzuzünden. Bis zum Ende des Films wird nicht klar, ob er dies womöglich nur erfunden hat.

Plötzlich ist Haemi spurlos verschwunden und weder für Jongsu noch für Ben erreichbar. Jongsu verdächtigt (ohne dies jemals auszusprechen) Ben, ihr etwas angetan zu haben. Doch aus verschiedenen Quellen erfährt er, dass Haemi wohl erhebliche Kreditkartenschulden angehäuft haben soll, weshalb sie auch aus diesem Grunde schlicht untergetaucht sein könnte. Die Suche nach der verschwundenen Haemi wird nun für Jongsu zur großen Obsession. Doch hilft ihm alles Träumen und Masturbieren und Spekulieren und Spionieren nichts. Haemi taucht nicht wieder auf. Das Ende des Films, in dem sich Jongsus angestauter Groll entlädt, soll hier allerdings nicht verraten werden. Und vielleicht hat er es sich, wofür gewisse Indizien sprechen, ja auch nur vorgestellt, und es ist bereits ein Teil seines Romans… Kurzum: ein starker, ein sehenswerter Film.

Burning
Südkorea 2018
148 Minuten
Regie: Lee Chang Dong
Drehbuch, Oh Jung Mi, Lee Chang Dong
Darsteller: Yoo Ah In (Lee Jongsu), (Ben), Jeon Jong Seo (Shin Haemi)

justament.de, 10.6.2019: 40 Jahre Outlandos d’Amour

Scheiben vor Gericht Spezial: Das aufregende Debüt-Album von „The Police“ im Rückspiegel

Thomas Claer

Wenn eines Tages die Kanonisierung der Rock- und Popmusik endgültig abgeschlossen ist, wenn junge Menschen nicht mehr viel mit dem anfangen können, was ihre Urgroßeltern einst so in Wallung brachte, dann wird die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts unter Kennern vermutlich als eine glänzende Epoche der Musikgeschichte voll überraschender und eruptiver Kreativität gelten. Besonders bemerkenswert könnte den Nachgeborenen dann die stilistische, aber auch rein quantitative Breite dieser Jugendbewegung erscheinen, die schließlich zur Massenkultur wurde. Denn hinter der „ersten Reihe“, den Beatles und Rolling Stones, Madonna oder auch Nirvana, gibt es eine solche Vielzahl exzellenter Vertreter dieses Genres zu entdecken, dass man damit, hat man sich erst einmal darauf eingelassen, wohl kaum jemals zum Ende kommt. Vor allem aber sind es mehrere britische Bands, die vehement ihren Platz in der „zweiten Reihe“ einfordern.

Ganz vorne mit dabei, neben The Cure, Depeche Mode oder The Smiths zum Beispiel, wären dann natürlich auch „The Police“. Nur unrettbare Ignoranten sehen in dieser fulminanten New Wave-Band, die ihre fünf LPs zwischen 1978 und 1983 veröffentlichte, allein die Jugendsünde des späteren Mega-Stars Sting. Zugegeben, in ihrer Spätphase mit gediegenen Songs wie „Every Breath You Take“ klangen sie schon fast so langweilig wie ihr Sänger und Bandleader in seiner anschließenden Solokarriere. Doch darum soll es hier natürlich nicht gehen, sondern um ihr explosives Frühwerk, insbesondere um ihre vor vier Jahrzehnten erschienenen ersten beiden Platten „Outlandos d‘Amour“ und „Regatta de Blanc“, die einen in ein ganz eigenartiges Klanguniversum entführen.

London, Ende der Siebzigerjahre. Ein wildes Sammelsurium musikalischer Einflüsse. Die Reggae-Musik aus den Einwanderervierteln mischt sich mit Punk und New Wave. Drei junge Männer in den Zwanzigern, Gitarre, Bass und Schlagzeug, nehmen sich von überall das Beste und zaubern daraus etwas, das die Welt noch nicht gehört hatte: den hohen, fast dissonanten Gesang von Sting, das atemberaubende Off-Beat-Reggae-Schlagzeug von Stewart Copeland und die schroffe Gitarre von Andy Summers. Vor allem aber auch jene simplen, eindrucksvollen Songtexte, die allesamt von jugendlicher Einsamkeit und Verlorenheit handeln…

Anfang der Neunzigerjahre besuchte ich in Bremen die gymnasiale Oberstufe und hatte dort als Zugezogener aus dem Osten keinen ganz leichten Stand. Es war verdammt schwer, sich in diesem Umfeld aus verwöhnten Großbürgerkindern und Stadtvillenbewohnern Respekt zu verschaffen, denn neben der richtigen Kleidung, je abgerissener, desto besser, zählte hier vor allem eines: der richtige Musikgeschmack. Und hier galt natürlich: je schräger, desto besser. Und noch dazu gab es auf dem Schulhof eine Vielzahl von Grüppchen, die eine jeweils ganz eigene Auffassung davon hatten. Auf eines aber konnten sich alle einigen, wenn an den Wochenenden in den Kellern der prächtigen Bürgervillen die Partys tobten, sobald nur jemand „sturmfreie Bude“ hatte: die Musik von „Police“. Alle waren so cool, so unnahbar, aber nie werde ich vergessen, mit welcher Inbrunst alles lauthals mitsang, sobald „So Lonely“ von „Police“ aus den Lautsprechern ertönte. Dieses Lied durfte auf keiner Party (die man damals auch gerne noch „Fete“ nannte) fehlen. Vor allem sein Mittelteil trieb das junge Partyvolk regelmäßig zur Ekstase, während die Lautstärke vom anfänglichen Pianissimo zum überschwänglichen Fortissimo anschwoll:

(…)
Lonely, I’m so lonely
I feel so alone
I feel low
I feel so
Feel so low
I feel low, low
I feel low, low, low
I feel low, low, low
I feel low, low, low
I feel low, low, low
I feel low, low, low
Low, I feel low
I feel low
I feel low
I feel so lonely
I feel so lonely
I feel so lonely, lonely, lonely, lone
Lone, lone, lone
I feel so lonely
So lonely
So lonely
So lonely
(…)

Darin konnten sie sich, so denke ich mir heute, wohl alle selbst wiedererkennen. Nur in dieser Musik war es ihnen möglich, sich zu öffnen und aus ihrem mentalen Panzer aus Coolsein und Posieren einmal ausbrechen. So wie es ja auch im Refrain eines anderen großen Songs von „Police“ heißt: „Sending out an SOS“.

The Police
Outlandos d‘Amour
A & M Records (Universal Music) 1979

justament.de, 20.5.2019: Stechuhr 2.0? George Orwell 2.0!

Anmerkungen zum EuGH-Urteil über die Erfassung der Arbeitszeit

Thomas Claer

Ob sich die Luxemburger EuGH-Richter wirklich im Klaren darüber gewesen sind, was sie da – in bester Absicht – entschieden haben? Laut ihrem jüngsten Urteil (EuGH C-55/18 vom 14.5.2019) müssen die Mitgliedstaaten der EU künftig Arbeitgeber dazu verpflichten, die sogenannte tatsächliche Arbeitszeit ihrer Beschäftigten genau zu erfassen, ob Überstunden, Home Office oder Außendienst. Was zunächst wie ein Griff in die Mottenkiste der Lohnsklaven-Disziplinierung aus dem Industrie-Zeitalter aussieht, hat freilich eine ganz andere Zielrichtung. Denn längst ist die Verschmelzung von Arbeits- und Freizeit, die vielgepriesene neue Flexibilität, immer öfter zum Verlustgeschäft für Arbeitnehmer geworden. Wer Tag und Nacht für seinen Chef erreichbar ist, sich Arbeit mit nach Hause nimmt und von früh bis spät dienstliche Mails checkt, gerät leicht in die Selbstausbeutungs-Falle. Nun sollen die Beschäftigten also mittels Zeit-Controlling vor ihren Chefs geschützt werden – und womöglich auch vor ihrem eigenen Ehrgeiz oder Pflichtgefühl. Ausdrücklich berufen sich die Richter auf die Grundrechte-Charta der Europäischen Union. Demnach ist die Einhaltung von Höchstarbeitszeiten und Ruhepausen ein unabdingbares Arbeitnehmer-Grundrecht, das sich aus der Menschenwürde ableitet. Höchstens 48 Stunden Arbeit pro Woche sind erlaubt, täglich sind mindestens 11 Stunden Ruhezeit ohne Unterbrechung und mindestens einmal in der Woche 24 Stunden Ruhezeit zu gewähren.

Aber wie soll man sich die technische Umsetzung einer solchen Arbeitszeit-Erfassung, solch einer Stechuhr 2.0, vorstellen? Die Chipkarte im Büro wäre noch die konservative Variante, weitaus zeitgemäßer (und wohl kaum noch aufzuhalten!) wären ein entsprechendes Programm auf dem Laptop oder eine App auf dem Smartphone. Jedes Login in den dienstlichen E-Mail-Account von außerhalb der Diensträume würde dann also genau nach Minuten und Sekunden gezählt und der bezahlten Arbeitszeit zugeschlagen.

Wie so etwas allerdings mit den Richtlinien des Datenschutzes vereinbar sein könnte, steht derzeit noch in den Sternen. Denn wenn der Arbeitgeber Programme auf dem Laptop oder Handy seines Angestellten installierte – wären dann dem Missbrauch persönlichster und sensibelster Daten nicht Tür und Tor geöffnet? Wäre es da nicht nur noch ein kleiner Schritt zum vielzitierten gläsernen Mitarbeiter?

Vermutlich käme alles sogar noch viel schlimmer: Denn so wie heute bereits jeder Fußballprofi während seiner Pflichtspiele und im Training unter lückenloser technischer Beobachtung steht, wäre dann nämlich auch in diversen Büro-Jobs für die Arbeitgeber vollkommen transparent, wie viel Zeit ihre Angestellten für die Erfüllung dieser oder jener Aufgabe benötigen, das heißt: wie effektiv sie funktionieren. Konnten „Minderleister“, die Mühe haben, alle ihre Aufgaben in der regulären Arbeitszeit zu schaffen, dies bisher noch gut kaschieren“, indem sie sich unauffällig Arbeit mit nach Hause nahmen, wird dies künftig nicht mehr so leicht möglich sein. Für Firmenchefs ist das natürlich großartig: Nur die nachweislich effektiven Mitarbeiter werden gehalten, der Rest wird früher oder später („betriebsbedingt“) gefeuert. Und wer in der Arbeitszeit mal eben schnell privat im Netz unterwegs ist, fliegt dann natürlich auch gleich auf – und später womöglich ebenfalls raus.

Die eigentliche Problematik liegt aber im zugrundegelegten Menschenbild. Bei Lichte betrachtet ist die EuGH-Entscheidung nämlich nicht weniger als ein Anschlag auf die elementarsten Freiheitsrechte des Individuums. Konsequent zu Ende gedacht, müssten jedem Arbeitnehmer, sobald dies technisch möglich und rentabel umsetzbar wäre (und das wird es schon sehr bald sein!), Dioden an den Kopf geheftet oder besser gleich ins Gehirn implantiert werden, die seine Denkströme erfassen. Wer im Büro einen Moment lang einfach nur döst und vor sich hin träumt (was sich anhand der Durchblutung der einzelnen Gehirnregionen leicht feststellen lässt), arbeitet in dieser Zeit schließlich nicht. Und schon gar nicht arbeitet der, bei dem, was sich ebenfalls leicht feststellen lässt, z.B. die Gehirnregionen für sexuelle Erregung aktiviert sind. Oder die für Hunger und Durst. Andererseits müsste es dann aber auch der (bezahlten) Arbeitszeit zugerechnet werden, wenn jemand den ganzen Feierabend und die halbe Nacht über einem dienstlichen Problem brütet. Genau genommen dürfte man so etwas aber gar nicht tun, denn dann hätte man doch die Ruhezeit nicht eingehalten! Aber wie sinnvoll ist es überhaupt, nur das Tippen eines Textes, den man vielleicht längst fertig formuliert im Kopf mit sich herumträgt, zur Arbeitszeit zu zählen, nicht aber die gedankliche Vorarbeit, die man z.B. längst in der Warteschlange an der Supermarktkasse verrichtet hat? Kurz gesagt, wer wirklich die „tatsächliche Arbeitszeit“ der Arbeitnehmer genau messen will, wie es die EuGH-Richter von allen Arbeitgebern gefordert haben, wird um eine vollständige technische Überwachung ihrer Gehirnaktivitäten nicht herumkommen. So würde letztlich „Stechuhr 2.0“ zu „George Orwell 2.0“.

Aber ist so etwas denn wirklich ernsthaft zu befürchten? Nein, zum Glück ist es das nicht. Jede Überwachung der menschlichen Gehirnaktivität durch den Arbeitgeber würde natürlich eklatant gegen das allgemeine Persönlichkeitsrecht der Betroffenen und ihre Menschenwürde verstoßen und hätte rechtlich somit keinen Bestand. Zumindest nicht hier und jetzt. Woanders in der Welt – und in einer dystopischen Zukunft vielleicht irgendwann auch hierzulande – liegt die vollständige und dann natürlich auch ihrerseits voll automatisierte Kontrolle über das menschliche Denken leider durchaus im Bereich des Vorstellbaren. Im Übrigen hätten wir dann genau das verwirklicht, was von alters her schon alle Religionen behaupten: Jeder Mensch steht in seinem Denken und Tun permanent unter der Beobachtung einer höheren Instanz, die ihm am Ende seines Lebens die „moralische Bilanz“ seiner Handlungen und Gedanken präsentiert.

So weit sind wir also glücklicherweise noch nicht gekommen. Dennoch sind die EuGH-Richter in ihrem scheinbar so arbeitnehmerfreundlichen Urteil einen kleinen, aber bereits gefährlichen Schritt in diese Richtung gegangen. Wenn uns unsere individuellen Freiheitsrechte also lieb sind, dann muss eine technische Überwachung von Laptop und Handy durch den Arbeitgeber weiterhin Tabu bleiben. Es liegt nun am Gesetzgeber, hier einen Riegel vorzuschieben. Sollen die Arbeitnehmer doch selbst manuelle Stundenlisten führen, um den Vorgaben der Luxemburger Richter Genüge zu tun.

justament.de, 5.5.2019: Widersprüchlicher Weltverbesserer

Recht cineastisch Spezial: „Goldene Lola“ für „Gundermann“ von Andreas Dresen

Thomas Claer

Nein, diesen Film wollte ich eigentlich gar nicht sehen. Musikfilme sind eigentlich nicht so meine Richtung, zumal die Songs des stasiverstrickten DDR-Liedermachers und Baggerfahrers Gerhard Gundermann (1955-1998) bislang auch nicht gerade zu meinen großen Vorlieben zählten. Doch nun bin ich sehr froh, doch noch den Weg ins Kino „Casablanca“ in Adlershof gefunden zu haben, wo „Gundermann“ (D 2018) anlässlich der Preisverleihung am Wochenende noch einmal gezeigt wurde. Beinahe hätte man uns nicht mehr hereingelassen. Eine lange Schlange von Interessenten stand vor dem Kino bis auf die Straße. Als wir mit leichter Verspätung eintrafen, hörten wir eine laute Stimme rufen: „Ich frage jetzt zum letzten Mal: Hat noch jemand Online-Tickets nicht abgeholt??“ Ja, das waren wir. Zum Glück hatten wir schon vorher gebucht. Seufzend und stöhnend lief die enttäuschte Menschenmenge auseinander, denn unsere beiden Karten waren die letzten verfügbaren.

Ob einem dieser Gundermann gefällt oder nicht, er ist eine hochinteressante Figur. Und mit ihm hat Regisseur Andreas Dresen auf seine leise unaufdringliche Weise auch gleich noch die ganze alte versunkene schäbige DDR-Welt wieder zum Leben erweckt. Wer eine möglichst genaue Vorstellung vom damaligen Leben jenseits des eisernen Vorhangs bekommen möchte, sollte unbedingt diesen Film sehen. Die Schauspieler wirken, wie so oft in Andreas-Dresen-Filmen, allesamt beinahe so echt wie in einem Dokumentarfilm.

Wer es schon immer unverständlich fand, wie ein sensibler Künstler, ein Weltverbesserer mit höchstem moralischem Anspruch, jahrelang seine Mitmenschen ausspionieren und an die Stasi verpfeifen konnte und sich hinterher dafür gar nicht richtig entschuldigen mochte, wird durch diesen Film zwar auch nicht unbedingt schlauer, denn die nachvollziehbaren Gründe dafür gibt es einfach nicht. Aber man blickt nach diesen über zwei Stunden doch mit anderen Augen auf all diese Dinge. Manches hat eine gewisse Logik und dann auch wieder nicht. Vieles ist Psychologie. Dieser hochreflektierte, belesene, immer wieder Karl Marx zitierende Dichter und Musiker Gundermann lebt in einer ganz eigenen Welt, in der Welt seiner Sehnsüchte, Wünsche und Hoffnungen vor allem. Obwohl er so vieles in seiner Gesellschaft kritisch hinterfragt, glaubt er doch felsenfest daran, etwas Gutes zu tun, wenn er Fluchtwillige verrät.

Grandios dargestellt ist, wie stark sich Politisches, Privates und Künstlerisches im Leben dieses merkwürdigen Musikpoeten immer wieder gegenseitig beeinflusst. Seine künstlerisch besten Jahre hat er ausgerechnet während seiner aktiven Zeit als Stasi-Spitzel – und während seiner jahrelangen unglücklichen Liebe zur anderweitig verheirateten schönen Conny. Unzählige Lieder schreibt er für sie, bis sie dann doch noch zur Frau an seiner Seite wird. Felsenfest steht sie zu ihm, als er nach der Wende als Stasi-Informant enttarnt wird. Doch Gundermann selbst zerbricht daran und stirbt mit gerade erst 43 Jahren.

Gundermann
Deutschland 2018
Länge: 127 Minuten
Regie: Andreas Dresen
Drehbuch: Laila Stieler
Darsteller: Alexander Scheer (Gerhard Gundermann), Anna Unterberger (Conny), Benjamin Krause (Wenni) u.v.a.