justament.de, 12.10.2020: Soundtrack einer Juristenausbildung

Vor 25 Jahren erschien “Digital ist besser” von Tocotronic

Thomas Claer

Muss man über das grandiose Frühwerk der Band Tocotronic, das vor einem Vierteljahrhundert seinen Anfang nahm, überhaupt noch große Worte verlieren? Ist denn nicht längst schon alles darüber gesagt? Das schon, ließe sich mit Karl Valentin einwenden, aber noch nicht von jedem. Meine persönliche Tocotronic-Geschichte begann bereits in den frühen Achtzigern, schon lange vor Gründung dieser Band, als ich zu meiner großen Freude eine Armbanduhr aus dem Westen geschenkt bekam, was für ein Ostkind jener Zeit so ziemlich das Großartigste war, was man sich vorstellen konnte. Entscheidend dabei allerdings war, dass es sich um eine Digitaluhr handelte. So altmodische Uhren mit Zeigern und Zifferblatt waren damals ja sowas von verpönt…

Lange Jahre trug ich fortan meine geliebte Digitaluhr und fühlte mich immer sehr cool damit. Bis ich im Mai 1989, nur wenige Monate vor dem Mauerfall, in den Westen kam und mich auf einem Bremer Gymnasium, umgeben von äußerst stilbewussten jungen Menschen, wiederfand. Schnell bemerkte ich, dass ich dort der einzige war, der eine solche Uhr trug, die noch dazu unter meinen Mitschülern mächtiges Naserümpfen hervorrief. Oh mein Gott, wie uncool war das denn? Wer trägt denn heute noch eine Digitaluhr?! Wahrscheinlich fehlte mir damals, im zarten Alter von 17 Jahren, auch einfach das Selbstbewusstsein, um mich über solche Verächtlichmachungen einfach hinwegzusetzen. Irgendwann gefiel mir meine alte Uhr dann selbst nicht mehr. Nach reiflicher Überlegung kaufte ich mir, ausdrücklich auch aus ökologischen Gründen, eine leuchtend blaue Solaruhr, die ebenfalls sehr schön war, natürlich mit Zeigern und Zifferblatt. Meine Digitaluhr ließ ich in einer Schublade verschwinden und hatte sie bald vergessen.

Mit meiner Solaruhr absolvierte ich das Abitur und bestritt ich auch meine gesamte Juristenausbildung. Aber es irritierte mich dann schon, als Mitte der Neunziger eine Band aus Hamburg in aller Munde war, deren erster Album- und auch Songtitel “Digital ist besser” lautete. Und diese drei Altersgenossen von mir trugen doch wirklich, was man vor kurzem noch für völlig unmöglich gehalten hätte, Trainingsjacken und, ja, tatsächlich auch Digitaluhren! Anfangs ging ich dem nicht weiter nach, auch wenn ich manchmal beim Durchzappen der Fernsehkanäle auf MTV oder Viva etwas davon mitbekam. Aber dann gab es einen in meiner Lern-AG, der Tocotronic-CDs besaß und von ihnen schwärmte. Von ihm lieh ich sie mir aus und überspielte sie mir auf Musikkassetten, die ich dann im Studentenwohnheim auf meinem alten Mono-Kassettenrecorder rauf und runter hörte.

Natürlich war es kein Zufall, dass die Band zu zwei Dritteln aus abgebrochenen Jura-Studenten bestand. Ihre Songs waren wild und eruptiv, oft auch laut und schnell. Die verstimmten Gitarren, das treibende Schlagzeug, die herausgebrüllte Wut in Dirk von Lowtzows Gesang, immer haarscharf neben dem Ton… Und dann diese parolenhaften und zugleich hintersinnigen Texte! So viele von ihnen sprachen mir sowas von aus dem Herzen: “Alles was ich will ist nichts mit euch zu tun haben!” oder “Ich bin viel zu lange mit euch mit gegangen!” Genau das hatte ich mir auch immer gedacht in all den Jahren, hatte aber irgendwie immer den Absprung verpasst, und irgendwann war es dafür dann zu spät. Ich wurde Volljurist und habe dennoch meinen Groll gegen die Juristenausbildung, gegen meine Juristenkollegen, ja gegen alles Juristische überhaupt nicht nur niemals abgelegt, sondern sogar heute noch tief verinnerlicht.

Dennoch wäre ich nie auf die Idee gekommen, meine Solaruhr, die mir immer gute Dienste geleistet hatte, wieder gegen eine Digitaluhr, die nun durch Tocotronic zum Symbol des Slackertums und einer misanthropisch-individualistischen Gegenkultur geworden war, auszutauschen. Erst lange Zeit später, es muss wohl vor sieben oder acht Jahren gewesen sein, gab meine Solaruhr mit einem Mal ihren Geist auf. Das war so plötzlich geschehen, dass ich auf die Schnelle keine Zeit hatte, um mir Gedanken über eine neue Uhr zu machen. Ich musste dringend zu meinen Privatschüler-Terminen und musste dabei vor allem immer wissen, wie spät es war. Hektisch kramte ich in Schränken und durchwühlte Schubladen, und dann hielt ich tatsächlich meine alte Digitaluhr in den Händen. Immerhin, sie lief noch… Mit ihr fuhr ich also zu meinen Nachhilfestunden. Doch was dann geschah, hatte ich nicht erwartet. “Wow, coole Uhr!”, rief mir mein arabischer Schüler in Schöneberg zu. “Sie haben aber eine hübsche Uhr”, fand meine Siebtklässlerin in Mitte. Da wusste ich, dass ich mir das Geld für die Anschaffung einer neuen Uhr sparen konnte. Am selben Abend hörte ich nach langer Zeit wieder den Song “Digital ist besser” – und trage seitdem nur noch Digitaluhren. Als meine alte aus den Achtzigern nach einigen Monaten dann doch nicht mehr funktionieren wollte, kaufte ich mir eine identische neue.

Aber zurück zu Tocotronic: Fünf fantastische Alben in fünf Jahren haben Tocotronic von 1995 bis 1999 herausgebracht. Von beinahe allem, was später von ihnen kam, muss man, ehrlich gesagt, dringend abraten, das war dann fast nur noch weichgespülter Mist. Aber das Frühwerk von “Digital ist besser” bis zu “K.o.o.k.” ist und bleibt gigantisch. Und zu ihren Texten muss man sagen, dass sie keineswegs schlechter sind als die von, sagen wir, Bob Dylan. Und auch gewiss nicht schlechter als die Lyrik dieser Frau Glück, die bis vor wenigen Tagen noch niemand kannte.

Das Urteil für Tocotronics Frühwerk kann daher nur lauten: Gebt ihnen den Nobelpreis!

justament.de, 5.10.2020: Getrennt verbunden, vereint entfremdet

Das zwischenmenschliche Paradox der deutschen Wiedervereinigung

Thomas Claer

Manchmal funktionieren Fernbeziehungen ja deutlich besser als Nahbeziehungen. Durch ungünstige Umstände ist man voneinander getrennt, wartet aufeinander, denkt immer aneinander und freut sich auf die seltenen Gelegenheiten, sich zu treffen. Gleichzeitig ist man nicht ständig im Alltag mit den Macken des anderen konfrontiert… Für die Deutschen in Ost und West hatte die vierzigjährige Trennung, die der nun dreißigjährigen Zeit des Wiedervereintseins vorausging, insofern nicht nur schlechte Seiten. Denn so streng wie etwa im heute noch geteilten Korea – mit jahrzehntelanger Kontaktsperre zwischen Nord und Süd – ist es hierzulande ja nie gewesen.

So manches war erlaubt

Beinahe immer durften die Westdeutschen zu jener Zeit den Osten besuchen. Von der Staatsmacht im Osten war das sogar politisch erwünscht, da der Westbesuch ja schließlich über den obligatorischen Zwangsumtausch an der Grenze begehrte Devisen ins Land brachte. Die Ostdeutschen durften hingegen nur ausnahmsweise mal in den Westen reisen. Vielen wurden ihre Anträge auf Westreisen von den Behörden sogar immer und ohne Begründung abgelehnt (wobei Begründungen hier ohnehin nicht vorgesehen waren), vermutlich weil sie als politisch unzuverlässig oder der Republikflucht verdächtig galten. Erst im Rentenalter durften alle Ossis in den Westen, wie sie wollten. Denn kam ein Rentner nicht wieder zurück, konnte die DDR sich ja dessen Rentenzahlungen sparen.

Was aber allen in Ost und West damals ausdrücklich erlaubt war: einander Briefe zu schreiben und Pakete zu schicken. Und auch dieser vielpraktizierte Austausch kam der DDR keineswegs ungelegen. Über die Briefe in den und aus dem Westen erhielt sie wertvolle Informationen über das Meinungsbild in der Bevölkerung. (Ganze Stasi-Abteilungen waren nur damit beschäftigt, die täglich tausenden grenzüberschreitenden Briefe über Wasserdampf zu öffnen, gründlich zu lesen, abzulichten und einzuordnen. Man versteht leicht, warum es in der DDR so etwas wie Arbeitslosigkeit nie gegeben hat…) Und die berühmten Westpakete versorgten einen großen Teil der Ostbevölkerung mit begehrten westlichen Konsumartikeln. Besonders westpaketverwöhnte Ossis (wie meine Familie) mussten so niemals den scheußlich schmeckenden Ost-Kaffe trinken, nie die ebenso schlechte Ost-Schokolade essen und auch nicht auf Nylon-Strumpfhosen verzichten, denn sie waren ja immer bestens mit allem aus dem Westen versorgt.

Allerdings war es schon ein Unterschied, ob man sich all diese schönen Dinge täglich für kleines Geld an jeder Ecke kaufen konnte oder ob man sie – in unserer Familie mittels einer ausgedehnten Auspack-Zeremonie – aus einem leuchtend gelben (oder manchmal auch eintönig grauen) Westpaket fischte. Ständiger Überfluss sorgt nicht selten für Verdruss, aber vorübergehend überwundener Mangel erzeugt fast immer Freude. Für mich gehört das rituelle Auspacken der Westpakete im Familienkreis zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen…

Begegnungs- und Geschenkkultur

Überhaupt hat wohl nicht nur die eingeschränkte Begegnungs-, sondern auch die sehr spezifische Geschenkkultur das erstaunlich harmonische Miteinander zwischen Ost- und Westdeutschen zu jener Zeit geprägt. “Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft”, heißt es, aber in einer Überflussgesellschaft wie unserer heutigen (und ansatzweise auch schon der damaligen westlichen) hat das Schenken beinahe alles von seiner ursprünglichen Bedeutung verloren. Wenn einer etwas haben will, dann kann er es sich schließlich in aller Regel auch selbst kaufen. Unerbetene Zuwendungen werden dann eher als Belastungen, wenn nicht sogar als Belästigungen empfunden. Wie anders war das doch zur Zeit der deutschen Teilung! Damals konnten die Menschen des einen Teilstaates jenen im anderen Teilstaat mit ihren Geschenken und Mitbringseln noch wirklich eine Freude bereiten. Und das Beste daran war: Die Freude lag auf beiden Seiten. Wer aus dem Westen kommend mit solch kleinen Dingen für solch strahlende Gesichter bei seinen Ost-Gastgebern sorgen konnte (und das längst nicht nur bei den Kindern), der nahm es, zurück im Westen, gerne auf sich, mehrmals im Jahr seine Ost-Kontakte mit verschnürten Paketen zu beglücken (die sich sogar noch von der Steuer absetzen ließen).

Win-win-Situation

Nun sind Geschenke von gut Versorgten an weniger Bemittelte eigentlich ein zweischneidiges Schwert. Groß ist hier für den Schenker die Gefahr, sein Gegenüber zu beschämen, seinen Stolz zu verletzen. Der Beschenkte fühlt sich dann leicht als Versager, der auf Zuwendungen angewiesen ist, weil er es selbst zu nichts gebracht hat. Doch davon war zur Zeit der deutschen Teilung nichts zu spüren. Niemand im Osten wäre auf die Idee gekommen, sich wegen seiner im Vergleich zu den Westbesuchern relativ bescheidenen Lebensumstände beschämt zu fühlen. Es konnte ja auch keiner etwas dafür, dass es im Osten all die schönen Konsumartikel nicht zu kaufen gab. Es lag einzig und allein an den politischen Verhältnissen. Es war gewissermaßen höhere Gewalt, die dafür gesorgt hat, dass die Deutschen in Ost und West einander in jenen Jahren mit einfachen Mitteln so große Freude bereiten konnten. Heute würde man von einer klassischen Win-win-Situation sprechen.

Kulturschock nach der Wende

Doch damit war es dann schon bald nach Mauerfall und Wiedervereinigung vorbei. Nur kurz währte im Osten das Glücksgefühl, die ungeliebte diktatorische Mangelgesellschaft endlich hinter sich gelassen zu haben. Nun lebten Ost- und Westdeutsche plötzlich im selben Land und waren zu Konkurrenten in einer rauen Wettbewerbsgesellschaft geworden. Klar, wer hier die weitaus besseren Voraussetzungen hatte und wem der Klotz von vierzig Jahren Misswirtschaft und Bevormundung auf Lebenszeit am Bein hängen bleiben sollte. Millionen Ostdeutsche wurden arbeitslos, standen so zwar materiell zumeist besser als zu DDR-Zeiten, verloren aber vielfach ihre Selbstachtung. Nun gehörten sie nicht mehr zu denen, die nur durch unverschuldete politische Umstände hinter ihren westdeutschen Vettern und Kusinen wirtschaftlich zurückgeblieben waren, sondern sie mussten sich vor den oftmals als Kolonisatoren empfundenen “Besserwessis” als Versager fühlen, zu unflexibel, um sich auf dem nun gesamtdeutschen und globalen Arbeitsmarkt behaupten zu können.

Und überhaupt: Wo vor der Wende in den zwischenmenschlichen Ost-West-Beziehungen zumeist eitel Sonnenschein herrschte, ist nach Mauerfall und Wiedervereinigung nicht selten Streit und Missgunst an ihre Stelle getreten. Erbstreitigkeiten, ungeklärte Besitz- und Restitutionsansprüche, es gab so vieles, was die Deutschen in Ost und West nun voneinander trennte. Manche verloren auch einfach das Interesse aneinander, besuchten sich nicht mehr wie früher, denn womit sollte man der anderen Seite jetzt noch eine Freude bereiten? Die Geschenkkultur hatte ihre mangelwirtschaftsbedingte Grundlage verloren, die Begegnungskultur ihre trennungsbedingte. So lässt einen das seit nunmehr dreißig Jahren wiedervereinigte Deutschland an ein altes Ehepaar denken, das oftmals lustlos nebeneinander her lebt, es aber dennoch ganz passabel miteinander aushält. Denn es gibt ja noch die schönen gemeinsamen Erinnerungen an die gute alte schlimme Zeit des Getrenntseins…

justament.de, 14.9.2020: Kritik der Kollateralschäden

Maike Rosa Vogel auf ihrer sechsten CD “Eine Wirklichkeit”

Thomas Claer

Leidenschaftlich, kraftvoll und energisch sind die Frauen des Jahrgangs 1978, geboren im Jahr des Pferdes nach dem chinesischen Horoskop. So wie Franziska Giffey oder Charlotte Roche – oder wie Maike Rosa Vogel, deren mittlerweile sechste CD wir gerade glücklich in den Händen halten. Und alles, was diese wort- und klanggewaltige Liedermacherin aus Prenzlauer Berg ausmacht, findet sich in der gewohnten Fülle auch auf diesem Tonträger. Zwar ist sie, man muss es immer wieder betonen, eigentlich am besten, wenn sie nur mit ihrer Gitarre bewaffnet auf der Bühne steht, weshalb ihr neues, aufwendig instrumentiertes Album mit Auftritten mehrerer Gastmusiker streckenweise ein wenig überproduziert wirkt. Und doch ist ihr manches, und gar nicht so weniges, auf “Eine Wirklichkeit” sogar auf besondere Weise gelungen. So enthält diese Platte selbst nach ihren Maßstäben eine ungewöhnliche Vielzahl herausragender Songs: das feurige Liebeslied “Nie genug”; das melancholisch-tiefsinnige “Die gleichen Stümper”; das dank Sven Regeners Jazz-Trompete und auch sonst bemerkenswert groovende “Baby & Johnny” (noch dazu mit einem so anrührenden Text!); das ein – für ihre Verhältnisse – erstaunlich realistisches Menschenbild textlich und musikalisch umsetzende “Der allerletzte Grund” (es geht um die Schönheit des Angebeteten, die von außen und die von innen, wobei diese natürlich ganz maßgeblich im Auge der Betrachterin liegt…) und – nicht zu vergessen – “Einfach so”, das heitere Duett mit dem Kollegen Felix Meyer, das einen schon ziemlich an das Lied “Herz ist Trumpf” von Achim Reichel erinnert, was aber keineswegs ein Einwand sein soll. So wie auch der Refrain im Lied “Heimat” schwer nach “Watt?” von Torfrock klingt, was aber ebenfalls nicht schlimm ist…

Doch nun zum stärksten Song des Albums, der schon zwei Jahre alt ist und auf dieser Platte in einer (musikalisch) anderen Version erscheint als auf YouTube: “Unser Geld ist wichtiger als ihr”. Ein rigoroser und kompromissloser antikapitalistischer Protestsong, wie er im Buche steht! Er richtet sich mit aller Wucht gegen “die Autoindustrie” und “die Vermieter”. In (selbst-)gerechtem Zorn klagt das lyrische Ich über letztere wie folgt:

“In Deutschland nehmen Menschen
Mieten von den anderen Menschen,
Die nicht die Sorge haben, sich zu überlegen,
Wie sie ihr Erbe investieren in Immobilien in Berlin
Denn bei der Bank gibt es gerade viel zu wenig Zinsen.
Und damit die mit so viel Geld überhaupt noch was verdienen,
Zahlen andere die immer höheren Mieten.
Selber kaufen können sie nichts,
Denn aus kapitalistischer Sicht
Bist du frei genug zum Miete zahlen,
Aber gehören tut dir dadurch nichts.
Und immer dann, wenn einer etwas kann,
Was andere nie können,
Nur weil er Geld hat
Und er hat es nicht verdient.
Ist das ein Fuckyou an die Menschheit,
Jeden einzelnen von uns,
Das sagt: unser Geld ist wichtiger als wir.

Und immer dann, wenn einer nimmt von Menschen, die kaum etwas haben,
Damit der große Haufen Geld von ihm noch etwas größer wird,
Ist das ein Fuckyou an die Kinder dieser Menschen,
Das sagt: Unser Geld ist wichtiger als ihr.”

So sieht es aus Mieterperspektive also aus, ein Schlag voll in die Fresse der Kleinvermieter. Und damit hat das erzählende Ich in diesem Song zweifellos (s)eine subjektive Wahrheit ausgesprochen – und das in meisterhafter Zuspitzung. Aber… Eigentlich könnte und müsste man eine längere Abhandlung, ja einen ganzen Roman über die Einseitigkeit und himmelschreiende Ungerechtigkeit dieser Haltung schreiben! Hier nur so viel in aller Kürze: Wirklich abenteuerlich wäre es, Berliner Vermietern maßlose Gier und Gewinnstreben vorzuwerfen, wenn sie mit den Wohnungen, in die sie investiert haben, Renditen von weit weniger als drei Prozent einfahren (was heute die Regel ist), während das Vermieten auch noch mit einem erheblichen Kraft- und Zeitaufwand verbunden ist, insbesondere was die oft äußerst mühsame Organisation von Reparaturen und Renovierungen betrifft. (Jene Vermieter hingegen, die heute Renditen zwischen vier und sechs Prozent erzielen, haben ihre Berliner Wohnungen bereits in Zeiten gekauft, als noch ein signifikantes Leerstandsrisiko bestand. Sie sind also ein unternehmerisches Risiko eingegangen und werden dafür nun belohnt; es hätte für sie aber auch schiefgehen können…) Und wer sich das Vermieten bei so begrenztem Anreiz nicht mehr antun möchte, kann seine Wohnungen doch jederzeit auch an Selbstnutzer verkaufen und sie somit dem Mietmarkt entziehen, was die Wohnungsnot weiter vergrößern würde. Es wäre also völlig verfehlt, kleinen Vermietern die Schuld an der Wohnungsmisere zuzuschreiben. Man sollte ihnen eher Anerkennung zollen, dass sie die Mühen (und oftmals auch den Ärger!) des Vermietens weiter auf sich nehmen. Wer wirklich viel Geld hat, würde seine Wohnungen doch niemals vermieten (bei im Verhältnis zu den eingesetzten Mitteln so überschaubaren Erträgen), sondern sie nur als Geldparkplatz behalten und leer stehen lassen bzw. vielleicht einmal im Jahr ein paar Tage darin verbringen.

Aber das lyrische Ich wälzt ja auch keineswegs alle Schuld auf die einzelnen Vermieter ab, sondern beschreibt sehr zutreffend den Anlagenotstand aufgrund der Niedrigzinspolitik der Zentralbanken. Trifft dann also EZB, Fed & Co., diese Erfüllungsgehilfen des Finanzkapitals, die Hauptschuld? Wer das glaubt, sollte sich vor Augen halten, dass die entschlossene Niedrigzinspolitik der Notenbanken als Reaktion auf die Finanzkrise 2008f. und aktuell als Reaktion auf den Corona-Lockdown entscheidend dazu beigetragen hat, eine Weltwirtschaftskrise zu verhindern, wie wir sie vor knapp einem Jahrhundert erlebt haben, die Millionen von Menschen in den wirtschaftlichen Ruin getrieben hat und den Zweiten Weltkrieg mit seinen vielen Millionen Toten mit herbeigeführt hat. Nur weil die Zentralbanken – geleitet von fachwissenschaftlichem Sachverstand – diesmal die angemessenen Lehren aus der Geschichte gezogen und die Geldmenge erhöht statt wie damals gedrosselt haben, sind uns Massenarbeitslosigkeit, Not und Elend erspart geblieben. Allerdings führt eine solche jahrelange Politik des billigen Geldes zwangsläufig zu einer Inflation der Vermögenspreise, lässt also den Wert von Immobilien und Aktien (sofern es grundsätzlich eine Nachfrage für sie gibt) bedeutend steigen, was “Kollateralschäden” wie den im Lied beschriebenen (“immer höhere Mieten”) mit sich bringt.

Natürlich ist es legitim und sogar außerordentlich verdienstvoll, dies anzuprangern, da hier ein politisches Gegensteuern nötig ist, das allerdings zielführend und intelligent sein sollte, was eine gesetzliche Deckelung der Miethöhe ganz sicher nicht ist, da sie Anreize zum Investieren abwürgt und die Wohnungsnot dadurch nur verschlimmert… Und noch dazu erscheint das aktuelle Mietniveau in Berlin – trotz der rasanten Anstiege der letzten Jahre – sowohl im nationalen als auch im internationalen Vergleich noch als äußerst moderat. (Wir reden über die Hauptstadt der viertgrößten Volkswirtschaft der Welt und die fünftgrößte Stadt Europas!) Und niemand sollte die Augen davor verschließen, was die Bewirtschaftung einer Immobilie auf lange Sicht kostet und wie wenig von den Einnahmen der Vermieter als deren Gewinn übrig bleibt. Das Problem in Berlin sind jedenfalls eher die ungewöhnlich niedrigen Löhne als die angeblich zu hohen Mieten!

Ist dann also letzten Endes doch wieder “der Kapitalismus” schuld mit seiner perversen Logik der Gewinnmaximierung, die alle Beteiligten nur zu Getriebenen macht? So suggerieren es ja die beiden letzten zitierten Strophen des Songs. Und auch hier kann man nur sagen: Die Kritik dieser Kollateralschäden des Kapitalismus – wer Geld hat, kann etwas, was andere nicht können – ist aller Ehren wert. Aber wäre es ohne Kapitalismus wirklich besser? Wenn nicht das Portemonnaie, sondern eine Partei bestimmt, wer etwas darf und wer nicht und wer eine Wohnung bekommt und wer nicht? Denn die Wohnungsnot wäre ja auch nach einer Abschaffung des Kapitalismus keineswegs beseitigt, solange die Nachfrage nach Wohnungen in bestimmten Lagen das bestehende Angebot bedeutend überschreitet… Bis vor dreißig Jahren hat man westlichen Kapitalismuskritikern immer gesagt: “Geh doch nach drüben!” Bis sich die Grenzen öffneten und die Menschen mit den Füßen abgestimmt haben, in umgekehrter Richtung. Heutigen Kapitalismus-Kritikern könnte man stattdessen sagen: “Geh doch ins rot-rot-grüne Mietendeckel-Berlin und versuch dort mal, eine Wohnung zu finden!” Nur dass diesmal ironischerweise die Abstimmung mit den Füßen genau in diese Richtung erfolgt. Alle wollen nach Berlin, obwohl es so schwer ist, dort eine Wohnung zu finden…

Aber nun habe ich doch wieder so viel geschrieben, was ich eigentlich gar nicht wollte. Es ist einfach so aus mir herausgebrochen… Doch was kann man Besseres über den Song einer Liedermacherin sagen, als dass er profunde Denkanstöße gibt und zu tiefschürfenden Diskussionen und ausschweifenden Betrachtungen einlädt. Ein paar schwächere Stücke sind auch noch auf dem Album, aber die fallen nicht weiter ins Gewicht. Einen Extrapunkt gibt es für das prachtvoll gestaltete Booklet mit z.T. atemberaubenden Fotos aus Maikes wilder Jugendzeit. Das Gesamturteil lautet: gut (13 Punkte).

Maike Rosa Vogel
Eine Wirklichkeit
Eigenvertrieb 2020
www.maikerosavogel.com

justament.de, 31.8.2020: Ich bin der Hass!

Karl Heinz Bohrers Studie zum literarischen Hass-Effekt “Mit Dolchen sprechen”

Thomas Claer

Hassgefühle können für Menschen ein starker Antrieb sein – und sind es ja auch nur allzu oft… Zwar dürfte zu den Grundvoraussetzungen jedes Gelingens im Leben die Kontrolle über die eigenen negativen Emotionen gehören, doch befinden sich nun einmal die meisten von uns in Lebensumständen, die immer wieder aufs Neue Empörung, Wut und Hass in ihnen erzeugen. Und wenn die Literatur das wahre Leben schildert – und dabei zudem imaginativ noch eins draufsetzt! -, dann greift sie natürlich immer wieder gerne zur Darstellung des zwischenmenschlichen Hasses, sonst würde es ja schließlich auch langweilig…

Nun hat sich also kein Geringerer als Karl Heinz Bohrer, der große alte Mann der deutschen Literaturwissenschaft im selbstgewählten Londoner Exil, in einer fast 500-seitigen Untersuchung dem “literarischen Hass-Effekt” gewidmet. Und es verwundert nicht, dass er hierzu in allen Epochen fündig geworden ist, vom Zorn des Achilles in der Antike bis zum gegenwärtigen “Hassen, um gehasst zu werden” bei Michel Houellebecq. Interessant und diskussionswürdig ist bereits die Auswahl der von ihm herangezogenen Literatur. So hätte man beispielsweise die Satire “Gullivers Reisen” von Jonathan Swift (1667-1745) eher nicht unter Hassliteratur eingeordnet. Aber Bohrer zeigt, dass sie sich, vom richtigen Blickwinkel aus betrachtet, sehr wohl als solche interpretieren lässt. Weniger überraschend ist der Schwerpunkt auf William Shakespeare (1564-1616) und hier vor allem auf Hamlet, dem angry young man par excellence. Dieser sagt “I will speak daggers to her” und meint damit ausgerechnet seine Mutter, die er verantwortlich für so manches macht, was in seinen Augen “faul” ist “im Staate Dänemark”… “Mit Dolchen sprechen” dann aber auch die Helden bei Heinrich v. Kleist (ganz besonders: Michael Kohlhaas), in Richard Wagners “Ring der Nibelungen” und natürlich bei Bohrers Hausgott Charles Baudelaire (1821-1867) in seinem Versepos “Die Blumen des Bösen”. Unter der Überschrift “Hass im Wohnzimmer” firmieren die bösen Dramen-Figuren bei August Strindberg (1849-1812). Ja klar, denkt man, den kennt man doch von “Hedda Gabler” – und merkt nach einigen Seiten, dass man ihn gerade mit Henrik Ibsen (1828-1906) verwechselt hat, den Bohrer aber als längst nicht so radikal wie Strindberg ansieht.

Überhaupt, die Radikalen jeder Couleur haben es Bohrer besonders angetan (die Moderaten findet er künstlerisch eher langweilig): vom bekennenden Rassisten und Antisemiten Louis-Ferdinand Celine (“Die Reise ans Ende der Nacht”, 1933) bis hin zur Nobelpreisträgerin und Brachialfeministin Elfriede Jelinek. Auch im Roman “Der Ekel” und im Drama “Die Fliegen” des frühen Jean-Paul Sartre (1905-1980) erblickt Bohrer veritable Hass-Dichtungen. Gleiches gilt begreiflicherweise für “Auslöschung” und “Heldenplatz” von Thomas Bernhard (1931-1989), aber auch für einige Werke des heutigen Nobelpreisträgers Peter Handke. Nur zwei Nachkriegsliteraten aus Deutschland können in Bohrers Augen mit den Österreichern Bernhard, Handke und Jelinek mithalten: Raimund Goetz und Wolf-Dieter Brinkmann. Am Ende dieser Parade des Hasses steht dann der mittlerweile zum Groß-Autor avancierte Michel Houellebecq mit seinen gesammelte Obszönitäten, die Bohrer genüsslich ausbreitet…

Abschließend noch die einschlägige Selbstbefragung des Rezensenten: Wann in meinem Leben hatte ich die stärksten Hass-Gefühle? Wenn mich nicht alles täuscht, war das während meiner Juristenausbildung…

Karl Heinz Bohrer
Mit Dolchen sprechen. Der literarische Hass-Effekt
Suhrkamp Verlag 2019
493 Seiten; 28 Euro
ISBN: 978-3-518-42881-8

justament.de, 17.8.2020: Brettern, Schrammeln, Frickeln

Ein großes Werk des Übergangs: Vor 25 Jahren erschien “12” von The Notwist

Thomas Claer

So wie man sich eigentlich ganz sicher ist, dass Otto Schily niemals bei den Grünen gewesen sein kann und Thilo Sarrazin nicht in der SPD, es aber aufgrund historischer Aufzeichnungen dennoch besser weiß, so glaubt man auch zu wissen, dass die genialische Indie-Band The Notwist nie etwas mit Heavy Metal zu tun gehabt haben kann. Und dennoch haben die Soundtüftler aus Oberbayern ihre ersten beiden Alben ausgerechnet in diesem eher grobschlächtigen Genre gefertigt. Es lohnt sich schon, diese beiden Frühwerke noch einmal anzuhören, denn hinter der Lärmwand aus wildem Gebretter lauern doch hier und da bereits erste zarte Spuren der unverkennbar melancholischen und später so stilprägenden Notwist-Harmonien.

Noch viel mehr gilt dies aber für ihre dritte Platte “12”, den ersten wahren Geniestreich aus dem Notwist-Kosmos, den sie vor genau 25 Jahren, im Sommer 1995, einer erstaunten Welt präsentierten: noch sehr gitarrenlastig, aber doch ganz anders als auf ihren Erstlingen – und sogar schon mit ersten elektronischen Spielereien. Kurz gesagt: aus Gebretter wurde Geschrammel, und hinzu trat erstmals das für sie später so charakteristische Gefrickel. Doch ist der eigentliche Frickel-Song auf der regulären Version von “12” gar nicht drauf. Er findet sich nur auf der den ersten 5000 Exemplaren beigefügten Bonus-CD “Loup” und ist die gleichnamige vollelektronische Version des Album-Openers “Torture Day”. Hier durfte sich erstmalig Martin Gretschmann (alias Console) austoben, der später neben den Brüdern Micha und Markus Acher festes Bandmitglied wurde. Ganz besonders besticht auf “Loup”, das leider nicht auf YouTube zu finden ist, aber auch der unerhört laszive Gastgesang der Amerikanerin Cindy Dall, die zu jener Zeit auch mit der Band Smog kooperierte sowie zwei wenig beachtete Solo-Alben herausbrachte. (Später hat Cindy Dall hauptsächlich als Fotografin gewirkt und ist dann leider bereits 2012 im Alter von nur 41 Jahren gestorben.) “Loup” sollte The Notwists einziges Experiment mit einer weiblichen Stimme bleiben.

In den Jahren darauf sind die bayrischen Indie-Götter mit ihrem blauen Album “Shrink” (1998) und ihrem roten Album “Neon Golden” (2002) dann endgültig auf dem Olymp ihrer Kreativität angekommen. Das Gesamturteil für das bunte Album “12” (einschließlich der “Loup”-Single!) lautet: gut (15 Punkte).

The Notwist
12
IRS CD 984.064 (1995)

justament.de, 3.8.2020: Närrisches Treiben

Iwan Turgenjews Novelle “Erste Liebe” (1860)

Thomas Claer

Da hab ich ja mal wieder einen interessanten Fang aus der Bücherbox gezogen: aus der Reihe “Die schönsten Liebesgeschichten aus aller Welt in Einzelausgaben” ein schmales Bändchen mit der Novelle “Erste Liebe” von Iwan Turgenjew aus dem Jahr 1860. Ah, Turgenjew, der dritte realistische russische Großschriftsteller des 19. Jahrhunderts nach Tolstoi und Dostojewski. Ihn sollte man unbedingt einmal gelesen haben. Also warum nicht gleich anfangen mit diesem gottlob nicht allzu umfangreichen Büchlein? Und es beginnt allemal vielversprechend: Eine Altherrenrunde ähnlich wie in der “Feuerzangenbowle” sitzt zusammen, und jeder soll von seiner ersten Liebe erzählen, aber es will so gar nichts Ergiebiges dabei herauskommen – bis Wladimir Petrowitsch, ein vierzigjähriger Mann mit angegrauten Schläfen, an der Reihe ist. Er sagt, das sei in seinem Falle ja schon recht ungewöhnlich abgelaufen, und er könne auch gar nicht alles mal so eben aus dem Stegreif erzählen. Lieber wolle er es in Ruhe in ein Heft schreiben und dann beim nächsten Mal der versammelten Runde vorlesen. Und tatsächlich: Beim Treffen darauf hat er seine Erlebnisse zu Papier gebracht, um sie seinen gespannten Freunden vorzutragen. Doch was er dann zum Besten gibt, hat es wirklich in sich, ist selbst aus heutiger Sicht in vieler Hinsicht verstörend und schockierend. Von einer “schönen Liebesgeschichte” kann hier nur sehr eingeschränkt die Rede sein… An dieser Stelle nur so viel in aller Kürze: Im zarten Alter von 16 Jahren verliebt sich der gutsituierte Erzähler unsterblich in die 21-jährige schöne Nachbarstochter, verarmter Adel, die ihn daraufhin zum Mitglied ihres “Fanclubs” werden lässt, der aus noch fünf weiteren jungen bis nicht mehr ganz jungen Männern besteht, die der Angebeteten regelmäßig gemeinsame Besuche abstatten. Man hängt, wie man heute sagen würde, herum, spielt anzügliche Pfänder- und Verlosungsspiele, deren Gewinner stets die Hand der jungen Dame küssen darf. Diese legt ihren Verehrern immer neue Mutproben und Liebesbeweise auf: sich von ihr Nadeln durch die Hand stechen lassen, von hohen Mauern springen… Mal bevorzugt sie den einen, mal den anderen ihrer Bewunderer, und am Ende hat sie dann doch einen ganz anderen Geliebten. Wer das ist, das setzt dem Ganzen dann noch die Krone auf! Der arme 16-jährige Erzähler jedenfalls erleidet Höllenqualen der Ungewissheit und Eifersucht, wird dafür aber auch immer wieder durch keineswegs unerhebliche Gunsterweisungen der jungen Dame entschädigt… Wie blöd, fragt man sich, müssen Männer sein, die sich auf solche Spielchen einlassen, die sich von einer schönen Frau so an der Nase herumführen lassen? Doch so war und ist die Welt nun einmal eingerichtet, und kein männliches Wesen ist jemals zu solcherlei Torheiten gezwungen worden…

 

justament.de, 27.7.2020: Genosse Hassprediger

Recht historisch: Vor zehn Jahren erschien „Deutschland schafft sich ab“ von Thilo Sarrazin. Ein persönlicher Rückblick

Thomas Claer

Es gab mal eine Zeit – ich traue es mich kaum zu sagen – da war ich geradezu ein Fan von Thilo Sarrazin. Als wir uns im Sommer 2002 nach Abschluss meiner Juristenausbildung und Promotion in Berlin niederließen, war er dort seit ein paar Monaten Finanzsenator und sollte es noch für weitere sieben Jahre bleiben. Dabei tat er sich als strenger Sparpolitiker und darüber hinaus auch als pointierter Sprücheklopfer hervor. Mir gefiel das sehr, denn Berlin war damals schließlich fast pleite, und die Landesfinanzen mussten dringend saniert werden. Nicht umsonst hatte Bürgermeister Wowereit das Motto ausgegeben: „Sparen, bis es quietscht!“ Wollte jemand also mehr Geld für dieses oder jenes, dann hielt Senator Sarrazin schützend die Hände über die Landeskasse und legte dar, warum das überhaupt nicht infrage komme. Höhere Ausgaben für Bildung, weil die Berliner Schüler im PISA-Test so schlecht abgeschnitten hatten? Nein, keine Chance, denn in anderen Bundesländern seien die Bildungs-Budgets noch niedriger, die Leistungen der Schüler aber weitaus besser als in Berlin. Doch hat Berlin denn nicht besonders viele Migranten? Nein, rechnete Sarrazin vor, nicht mehr als Bayern oder Baden-Württemberg, und dort würden die Schüler deutlich besser abschneiden. Es müsse also andere Gründe für diese Diskrepanz geben, und keinesfalls werde er mehr Geld als ohnehin schon zur Verfügung stellen! Aber vielleicht höhere Hartz 4-Sätze gegen die zunehmende Armut? Nicht mit Sarrazin. Er veröffentlichte in der BILD-Zeitung einen Speiseplan, wie man sich mit den bestehenden Regelsätzen preiswert, gesund und abwechslungsreich ernähren könne. Wer mit dem Heizkostenzuschuss nicht auskomme, solle sich doch einen warmen Pullover anziehen. Und schließlich gebe es in den Hartz 4-Sätzen doch sogar Positionen für Tabakwaren und Alkohol. Wer darauf verzichte, der habe doch sogar noch Geld übrig…
Mir sprach das damals weitgehend aus dem Herzen. Als Praktikanten und prekäre Freiberufler lagen meine Frau und ich zu jener Zeit mit unseren Einkünften für längere Zeit deutlich unter Hartz 4-Niveau, konnten aber dank sparsamer Lebensführung trotzdem noch jeden Monat ein wenig Geld zur Seite legen. Gut fand ich vor allem, wie Sarrazin mit der verbreiteten Jammer- und Anspruchsmentalität ins Gericht ging. Was er von seinen Berlinern forderte: mehr Eigeninitiative zeigen, Verantwortung für das eigene Leben übernehmen und selbst anpacken, statt sich nur vom Staat alimentieren zu lassen, das hatten auch wir uns auf die Fahne geschrieben.
Schon immer hatte ich eine Vorliebe für rechte Sozialdemokraten (wie etwa mein Kindheitsidol Helmut Schmidt), aber auch für linke Christdemokraten, soziale FDP-Leute und – ganz besonders – für realpolitische Grüne. Mir gefielen solche Pragmatiker, die sich über die jeweiligen Ideologen in den eigenen Reihen hinwegsetzten und vernünftige Sachpolitik machten. So einer war damals in meinen Augen auch Thilo Sarrazin, der sich den linken Geldumverteilungs-Exzessen in den Weg stellte. Doch ist er dabei dann irgendwann selbst zum Ideologen der anderen Seite geworden, hart am rechten Rand. Kein einziges Mal hatte er sich, solange er Senator in Berlin war, abwertend über ethnische Minderheiten geäußert. Doch danach, als er bei der Bundesbank angeheuert hatte, kippte es. „Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate“, behauptete er 2009 im Interview mit einer Kulturzeitschrift. Und weiter: „Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert. Das gilt für 70 Prozent der türkischen und 90 Prozent der arabischen Bevölkerung in Berlin.“ Von nun an ging ich deutlich auf Distanz zu Sarrazin. Ich fand solche Äußerungen über unsere Muslime einfach nur empörend, zumal ich beruflich und privat mit mehreren türkischen und arabischen Familien zu tun hatte, die ausnahmslos nicht diesem Klischee entsprachen (und die iranischen Familien, mit denen ich in Kontakt stand, schon überhaupt nicht). Vielleicht, so dachte ich schon damals, hat er ja irgendwie einen Komplex, weil sich sein Name doch offenbar von den Sarazenen ableitet, einst im christlichen Europa eine Sammelbezeichnung für die islamischen Völker…
Und dann, vor genau zehn Jahren, legte er gründlich nach mit seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“, das sich millionenfach verkaufte und in der Folge den rechtspopulistischen Bewegungen und der AfD den Weg bereitete. Natürlich habe ich es – zunächst – nicht gelesen, mir genügten schon die Zusammenfassungen, etwa die in seinem Essay im SPIEGEL, wo er für Deutschland das Zukunftsszenario entwarf, dass „die autochthonen Deutschen innerhalb kurzer Zeit zur Minderheit in einem mehrheitlich muslimischen Land mit einer gemischten, vorwiegend türkischen, arabischen und afrikanischen Bevölkerung werden“, was es durch restriktive Einwanderungspolitik zu verhindern gelte. In den Jahren darauf erschienen dann noch weitere Bücher aus seiner Feder, in denen er seine Ansichten zusehends weiter radikalisierte. Ich vertrat bislang immer die Meinung, dass man ihm besser keine Beachtung mehr schenken sollte, um solches Gedankengut nicht noch aufzuwerten.
Doch nun bin ich vor kurzem in einer Bücherbox auf eine Ausgabe von „Deutschland schafft sich ab“ gestoßen. Und die Neugier auf den anrüchigen Inhalt packte mich dann doch. Ich nahm das Buch also mit nach Hause und las es zu großen Teilen. Und ja, es war eine spannende Lektüre mit sehr viel Statistik. Aber inhaltlich eben auch sehr grotesk. Die Hauptthesen lauten kurz gesagt so: Deutschland wird immer dümmer, weil unser wuchernder Sozialstaat für die Unterschichten große Anreize setzt, viele Kinder zu bekommen. Und diese Kinder haben dann eine relativ niedrige Intelligenz, weil auch ihre Eltern schon dumm waren, sonst wären sie ja längst in der Gesellschaft aufgestiegen. Schließlich ist Intelligenz zu 50 bis 80 Prozent erblich. Dagegen kriegen die Klugen hierzulande besonders wenige Kinder, sie sterben also irgendwann aus. Und übrig bleiben dann die dummen Kinder aus der Unterschicht. Dieses Problem verschärft sich noch durch die massenhafte Einwanderung in unsere Sozialsysteme hauptsächlich aus muslimischen und afrikanischen Ländern, wo die Menschen ja auch besonders dumm sind, vor allem diejenigen, die auswandern, denn sie werden vom deutschen Sozialstaat angezogen, der ihnen einen weitaus größeren Wohlstand gewährt, als sie jemals durch Arbeit in ihren Herkunftsländern erreichen könnten. Und bald würden daher die Muslime und Afrikaner in Deutschland in der Mehrheit sein, wie es ja in den Schulklassen einiger Bezirke unserer Großstädte auch jetzt schon zu beobachten ist. Und so wird Deutschland bald schon ein muslimisches und wirtschaftlich abgehängtes Land, auf diese Weise schafft es sich also ab. Aber natürlich, so der Verfasser, dürfe man hierzulande so etwas nicht aussprechen, das sei wegen der deutschen Vergangenheit tabuisiert, und er sei also der große Tabubrecher…
Ja, in der Tat knüpft Sarrazin hier an einen Diskurs aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert an, der nach dem zweiten Weltkrieg jahrzehntelang nicht mehr geführt worden ist: den der Eugenik, der Menschenzüchtung, wonach es Aufgabe der Politik sein soll, den Genpool der Bevölkerung eines Landes qualitativ konstant zu halten und möglichst noch zu verbessern. Eine solche Herangehensweise war und ist tatsächlich bis heute tabuisiert und das nun auch wirklich zu Recht. Wäre auch krass verfassungswidrig, weil unvereinbar mit der Menschenwürde. Aber Sarrazin, das sagt er immer wieder, lässt Verfassungswidrigkeit als Argument nicht gelten, denn Gesetze könne man schließlich ändern. Und wo nicht, da lasse sich etwa Menschenwürde notfalls auch ganz anders definieren. Klar, sobald die Verfassungsrichter Sarrazin, Höcke und Gauland heißen… Wo ein politischer Wille ist (und entsprechende Mehrheiten bestehen), da hat sich noch immer ein rechtlicher Weg gefunden.
Lässt man also die Verfassungswidrigkeit für einen Moment beiseite, dann könnte man nun fragen: Ist es denn nicht, obwohl es unmoralisch erscheint und hochgradig politisch unkorrekt sein mag, am Ende doch zwingend geboten, etwas gegen die fortwährende Verdummung Deutschlands zu unternehmen, denn plausibel und folgerichtig ist Sarrazins Argumentation doch schon, oder? Um es ganz klar zu sagen: Nein, das ist sie nicht. Er hat wirklich eine unglaubliche Menge an Zahlenmaterial zusammengetragen, das seine Thesen stützen soll, aber an mehreren entscheidenden Punkten ist die Faktenlage ausgesprochen dünn. Wenn es wirklich so wäre, wie er sagt, dass sich Deutschland durch überproportionale Vermehrung seiner Unterschichten, durch anhaltende Kinderarmut seiner gebildeten Schichten und starke Zuwanderung bildungsferner Menschen aus dem Orient und aus Afrika in einer qualitativen Degenerationsspirale befindet, dann müsste ja die gemessene Intelligenz der deutschen Bevölkerung seit mehreren Jahrzehnten deutlich gesunken sein. Ist sie aber nicht, sie ist deutlich gestiegen, und das permanent seit Beginn der Messungen vor über hundert Jahren. Nur in den allerletzten Jahren ist sie minimal zurückgegangen, Stichwort digitale Demenz. Auch die Wirtschaftskraft Deutschlands, gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP), hat – von wenigen Rezessionsjahren abgesehen – seit Jahrzehnten massiv zugelegt. Keine Spur von Niedergang also.
Woran das liegt? Die Intelligenz der Menschen versteht die moderne Forschung als Anpassung an die sich wandelnden (auch technischen) Herausforderungen des gesellschaftlichen Alltags, und da diese immer komplexer werden, steigen auch die gemessenen Intelligenzwerte der Menschen, die sich schließlich in ihrer Umgebung behaupten müssen. Aber ist Intelligenz denn nicht zum großen Teil angeboren? Doch, sie hat schon eine signifikante genetische Komponente, wenn auch eher weniger als die genannten 50 bis 80 Prozent. Und vor allem lassen sich genetische und erworbene Voraussetzungen der Intelligenz nur äußerst schwer voneinander abgrenzen, da sie sich ja gegenseitig bedingen und wechselseitig aufeinander einwirken. Nur gute Gene oder allein ein gutes Umfeld bewirken jeweils noch keine hohen Intelligenzwerte. Oder hätte Caspar Hauser einen Intelligenztest bestanden? Die Zwillingsforschung jedoch zeigt, dass genetisch gleiche Menschen, die in völlig verschiedener Umgebung aufwachsen, eine ähnlich hohe Intelligenz entwickeln. Was die Intelligenzforschung aber ausdrücklich nicht zeigt, ist, dass die klügsten Eltern auch immer die klügsten Kinder haben und umgekehrt. Hier gibt es sogar häufig frappierende Abweichungen in beiden Richtungen, wie auch die Intelligenzwerte von Geschwistern oft gar nicht enger beieinander liegen als die von nicht miteinander Verwandten. Eher deuten die Forschungsergebnisse der letzten Jahre darauf hin, dass die anlagebedingten Voraussetzungen der Intelligenz eine Tendenz zur Annäherung an den Durchschnitt der Gesamtpopulation aufweisen. Das heißt die Kinder hochintelligenter Eltern werden eher weniger intelligent als diese, und die Kinder wenig intelligenter Eltern werden intelligenter als diese. So gesehen ist also auch bei „ungehindertem Geschehensablauf“ in der Zukunft durchaus keine Verblödung Deutschlands zu erwarten.
Und selbst, wenn es doch so wäre: Ist die gemessene Intelligenz einer Bevölkerung wirklich so entscheidend für das Wohlergehen und den wirtschaftlichen Erfolg eines Landes? Zwar gibt es Untersuchungen, die tatsächlich eine gewisse Korrelation zwischen den für ein Individuum gemessenen Intelligenzwerten und seinem wirtschaftlichem Erfolg aufzeigen. Doch gilt dies für andere individuelle Eigenschaften wie Selbstdisziplin und Selbstkontrolle, Geduld und Ausdauer, Zuverlässigkeit und Berechenbarkeit vermutlich noch viel mehr. Richtig lachen musste ich, als ich las, dass Sarrazin in seinem Buch eine Studie zitiert, wonach die durchschnittliche Intelligenz der ostdeutschen Bevölkerung zur Zeit des Mauerfalls deutlich über der der westdeutschen lag. (Wohl nicht umsonst kursierte im Osten in den Neunzigern der Spruch: „Der Fuchs ist schlau und stellt sich dumm, beim Wessi ist es andersrum.“) Es sollte heute hinlänglich bekannt sein, dass nur ein ganz geringer Anteil der aus dem Osten stammenden Menschen in Gesamtdeutschland jemals in Führungspositionen angekommen ist. An fehlender Intelligenz hat es also offenbar nicht gelegen… Sarrazin versucht die hohen gemessenen Intelligenzwerte der Ossis damit zu erklären, dass in der DDR viel mehr Studenten als im Westen bereits in jungen Jahren Kinder bekommen haben, um so an eine Wohnung zu kommen (die in der DDR nach Personenzahl der Familie zugeteilt wurde). Doch war im Osten nur ein weitaus kleinerer Teil eines Jahrgangs zum Studium zugelassen als im Westen. Es muss also, sofern die Zahlen stimmen, andere Gründe für den ostdeutschen Intelligenzvorsprung geben. Meine aus Ostasien stammende Frau vermutet, dass die Menschen in autoritären Gesellschaften eher dazu angehalten werden, konsequent und folgerichtig geradeaus zu denken, was die Intelligenz befördert (wenn auch manchmal mit ideologischen Verrenkungen, die zu erlernen und anzuwenden aber auch eine gewisse Schulung der Intelligenz mit sich bringen kann). Demgegenüber würden die vielen Freiheiten in der Demokratie dazu führen, dass ein großer Teil der Menschen sich ungeordneten und wirren Gedankengängen überlässt…
Aber zurück zu den Grundthesen von „Deutschland schafft sich ab“. Selbst wenn keine Degeneration unseres Genpools droht und Intelligenz womöglich überschätzt wird: Hat Sarrazin denn nicht wenigstens insofern Recht, dass „die Deutschen“ mit der Zeit aussterben werden, da sie nachweislich weniger Kinder bekommen als die Zuwanderer, insbesondere als die Muslime? Und wenn ja: Ist das schlimm? Zunächst einmal gibt es eine Menge Untersuchungen, wonach sich die Kinderzahl von Einwanderern nach wenigen Generationen an die der Einheimischen anpasst. Und genau das ist auch in Deutschland der Fall, obwohl die Muslime tatsächlich im Durchschnitt mehr Kinder als die Nichtmuslime bekommen, allerdings sinkt der Unterschied mit jeder auf die Einwanderung folgenden Generation deutlich ab. Und würde man alle historischen Einwanderungswellen auf dem Gebiet des heutigen Deutschland in den letzten zweitausend Jahren zurückverfolgen, dann könnte es durchaus sein, dass auch von den Genen der „alten Germanen“ heute nicht mehr viel übrig geblieben ist. Alles vermischt sich eben. So ist es immer gewesen, und so wird es wohl auch in Zukunft sein…
Bei Lichte gesehen hat Sarrazin mit seinem Pamphlet also eine Menge falschen Alarm ausgelöst und dazu beigetragen, das gesellschaftliche Klima zu vergiften. Das darf jedoch nicht den Blick dafür verstellen, dass er selbstverständlich auch eine Vielzahl an gesellschaftlichen Missständen beim Namen genannt und den Finger in so manche Wunde gelegt hat, nur leider auf wenig konstruktive Weise. Ja, natürlich ist es unbefriedigend, dass Menschen abgehängt, passiv und perspektivlos in unseren Sozialsystemen festhängen. Ja, es ist nicht zu bestreiten, dass sich Integrationsprobleme zumeist auf bestimmte Zuwanderergruppen konzentrieren, was allerdings keine genetischen, sondern kulturelle Gründe hat. (Und genau hier gilt es doch anzusetzen!) Ja, es war kontraproduktiv, dass unsere Gesellschaft zu lange die Augen vor solchen Entwicklungen verschlossen hat und so gefährliche Parallelgesellschaften mit rückwärtsgewandten Frauenbildern entstehen konnten. (Was ja dann schließlich auch die Entstehung rechtspopulistischer Bewegungen bis hin zum Einzug der AfD in sämtliche Parlamente begünstigt hat.) Die Lehre für die Zukunft sollte unbedingt sein, bestehende Missstände deutlich beim Namen zu benennen und ihnen frühzeitig aktiv entgegenzuwirken, wenn nötig mit klaren Ansagen. Und es hat sich ja hier in den vergangenen zehn Jahren auch schon eine Menge geändert, und das durchaus auch in Sarrazins Sinne… Umso wichtiger wäre es aber, die Integration der hier lebenden Zuwanderer nicht durch Zündeleien und Hasspredigten zu erschweren, sondern sie im Gegenteil energischer zu befördern. Und hier hätten und haben Zuwanderer in herausgehobenen Positionen als Rollenvorbilder eine überragende symbolische Bedeutung. Um ein Haar hätten wir z.B. vor zweieinhalb Jahren einen türkischstämmigen Außenminister bekommen. Aber auch das hat leider der destruktive FDP-Vorsitzende erfolgreich verhindert…
Und nun frage ich mich, warum ich so viel über Sarrazin geschrieben habe, den ich doch eigentlich ignorieren wollte. Vielleicht ist es noch das Positivste, was man über ihn sagen kann: Er hat wichtige Themen angesprochen und viele Menschen zu entschiedenem Widerspruch herausgefordert, auch mich.

justament.de, 20.7.2020: Systemkrieger mit Instrumenten

Scheiben vor Gericht Spezial: 50 Jahre Ton Steine Scherben

Thomas Claer

Die Geburtsstunde der deutschsprachigen Rockmusik war nicht „Alles klar auf der Andrea Doria“ von Udo Lindenberg. Schon drei Jahre zuvor, im Sommer 1970, vor genau einem halben Jahrhundert, brachten ein paar Westberliner Theatermusiker eine Single heraus mit dem parolenhaften Titel: „Macht kaputt, was euch kaputtmacht!“ Sie nannten sich Ton Steine Scherben – und ihr Name war Programm. Umstritten ist bis heute, ob der seltsame Bandname auf ein Schliemann-Zitat bei der Entdeckung Trojas („Was ich fand, waren Ton, Steine, Scherben.“) oder auf die westdeutsche Industriegewerkschaft Bau-Steine-Erden zurückgeht. Gemeint war jedenfalls, und so wurde es auch von allen verstanden: Unsere Töne sind wie geworfene Steine aufs verhasste System, das bald in Scherben liegen wird. Das war keine Unterhaltungsmusik, sondern politischer Kampf mit den Mitteln der Kunst. Bald wurden Ton Steine Scherben mit ihrer ein Jahr später erschienenen Debüt-LP „Warum geht es mir so dreckig?“ und dem Folgewerk „Keine Macht für niemand!“ zum populären Sprachrohr der Kreuzberger linksalternativen Szene. In erster Linie lag das natürlich an ihrer unglaublich guten, eruptiven, explosiven Musik und ihren brachial herausgebrüllten Texten, in denen sich ihr Publikum wiedererkannte: die (relativ) wenigen Hausbesetzer und Schwarzfahrer, Sachbeschädiger und Polizistenverprügler und die vielen, die damit irgendwie sympathisierten. Als Jurist ist man allerdings einigermaßen fassungslos darüber, was sie da in ihren Texten alles propagiert haben. Klar, dass ihnen das damals keine Plattenfirma abnehmen wollte. Also gründeten die Musiker kurzerhand ihr eigenes Label: die David Volksmund Produktion – und wurden so auch noch zu Gründungsvätern der deutschen Independent-Musik.
Natürlich stellt sich auch hier die Frage, ob man angesichts der künstlerischen und kulturhistorischen Bedeutung der „Scherben“ über die textlichen Entgleisungen in ihrem Frühwerk – etwa dass „Bullen die Köppe eingeschlagen” werden sollen, wie es im Rauch-Haus-Song heißt – hinwegsehen kann. Nun gut, das haben zornige junge Männer mit Anfang zwanzig getextet… Aber müsste man dann nicht auch den Bösen Onkelz ihre Jugendsünden wie das ähnlich wütend herausgebrüllte unsägliche Lied „Türken raus!“ durchgehen lassen (von dem sie sich noch dazu später wiederholt distanziert haben)? Doch wie weit tragen schon moralistische Einwände in der Kunst? Andererseits: Darf die Kunst alles legitimieren? Verdienen pseudorevolutionäre Gewaltphantasien mehr Nachsicht als völkische Ressentiments? All das ist schwer zu sagen. Sicher ist nur: Vor 50 Jahren entstand in Berlin-Kreuzberg die erste Rockmusik in deutscher Sprache aus dem Geiste einer empörten Gegenkultur.

Ton Steine Scherben
Warum geht es mir so dreckig?
David Volksmund Produktion 1971

Ton Steine Scherben
Keine Macht für niemand!
David Volksmund Produktion 1972

justament.de, 13.7.2020: Fernbeziehung fällt ins Wasser

Fernbeziehung fällt ins Wasser

Recht cineastisch, Teil 37: „Undine“ von Christian Petzold

Thomas Claer

Endlich mal wieder ins Kino nach der langen Corona-Pause. Da kommt „Undine“, das neue Werk von Christian Petzold, doch gerade richtig. Denn diesmal hat sich der Altmeister der „Berliner Schule“ einem besonders reizvollen Gegenstand gewidmet: dem alteuropäischen Undinen-Mythos, wonach jene Wassernymphen, deren bezaubernder Gesang mitunter nachts über unseren Gewässern zu hören sein soll, eine Seele bekommen, wenn sie sich mit einem Menschen vermählen. Wird derjenige seiner Undine jedoch untreu, dann tötet sie ihn und kehrt sodann wieder ins Wasser zurück.
Die Film-Undine (Paula Beer) allerdings lebt zunächst einmal im Hier und Jetzt, genau genommen am Hackeschen Markt in Berlin-Mitte in einem winzigen Mikro-Apartment. Als junge Freelancerin arbeitet die promovierte Historikerin in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen und macht Führungen für Reisegruppen zum Thema Stadtgeschichte. Der Industrietauscher Christoph (Franz Rogowski) hört Undines Vortrag und ist gleich hin und weg von ihr. Dass Undine gerade von ihrem Mann (Jacob Matschenz) verlassen worden ist, macht sie besonders empfänglich für Christophs Verliebtheit, und die beiden erleben wie im Rausch eine beglückend intensive Zeit, der auch die unvermeidliche Pendelei – Christoph lebt und arbeitet in NRW – nichts anhaben kann. Dramatische Abschiede auf Bahnsteigen, das fortwährende Warten aufeinander, ein kleines Geschenk als Liebespfand – das volle Programm einer romantischen Fernbeziehung. Aber dann kommt es knüppeldick: Undine wird von ihrem Ex umgarnt, der sie zu sich zurückholen will, Christoph bemerkt das und verunglückt bald darauf beim Tauchen. Aber Undine opfert sich für ihn, der bereits hirntot im Krankenhaus liegt, indem sie den Mythos wahr macht, ihren nur vorübergehend reumütigen verräterischen Ex erwürgt und anschließend für immer in einen See abtaucht. In diesem Moment wird Christoph wundersamer Weise wieder gesund. Später beginnt er, da er Undine nicht mehr finden kann, eine Partnerschaft mit seiner Kollegin Monika (Maryam Zaree), die zwei Jahre später ein Kind von ihm erwartet. Dennoch bleibt er weiter besessen von Undine, die ihm unversehens bei einem Taucheinsatz unter Wasser begegnet und seine Hand ergreift. Fortan zieht es ihn immer wieder zu diesem See, an dem Undine ihm auch weiterhin als Wassergeist erscheint. Und so behält Christoph am Ende gleich zwei Partnerinnen: aus Fleisch und Blut an seiner Seite die eine, ein irreales Fabelwesen unter Wasser die andere. Und wieder einmal ist Christian Petzold ein ergreifender Film voller schöner Bilder gelungen.

Undine
Deutschland/Frankreich 2020
Regie: Christian Petzold
Drehbuch: Christian Petzold
Länge: 90 min
FSK: 12
Darsteller: Paula Beer (Undine Wibeau), Franz Rogowski (Christoph), (Monika), Jacob Matschenz (Johannes) u.v.a.

justament.de, 29.6.2020: Das war Mazzy Star, das war David Roback

Scheiben vor Gericht Spezial: Eine Art Nachruf

Thomas Claer

Am 24. Februar dieses Jahres ist David Roback gestorben, der Altmeister der Neo-Psychedelic, der Gründer von Rain Parade und Opal in den Achtzigern und von Mazzy Star in den Neunzigern. Die Todesursache ist bis heute nicht bekannt, zumindest nicht offiziell, was gut zur Informationspolitik passt, die David Roback zeit seines 61 Jahre währenden Lebens gepflegt hat: Keinerlei Auskünfte an die Medien, die Musik spricht für sich selbst. Punkt. Ein paar Interviews haben er und seine Mazzy Star-Mitstreiterin Hope Sandoval aber schon gegeben, damals in den frühen Neunzigern, auf dem Gipfel ihrer Popularität, als sie mit “Fade Into You” aus Versehen mal einen MTV-Hit hatten. Doch dabei haben sie die armen beteiligten Journalisten beinahe in den Wahnsinn getrieben, weil sie auf alle Fragen zuerst minutenlang geschwiegen und dann nur einsilbig und seltsam kryptisch geantwortet haben… So ganz uneitel waren sie ja keineswegs. Vielleicht waren sie auf ihre Art sogar die Großmeister der reduzierten, minimalistischen Selbstinszenierung. Immer getragen vom vollkommen berechtigten Bewusstsein, etwas ganz Besonderes zu sein…

In seinem ersten Leben war David Robak eine der wesentlichen Figuren des “Paisley Underground”. So nannte sich die in den Achtzigerjahren an der amerikanischen Westküste entstandene Sechzigerjahre-Psychedelic-Revival-Bewegung. Doch bei Rain Parade, seiner ersten Band, war er nach nur einer Platte schon wieder weg und tat sich mit Kendra Smith von Dream Syndicate zusammen. Bei Opal, der neuen Band, enwickelte David Robak dann sein künstlerisches Konzept, von dem er nie wieder abweichen sollte: Er selbst als musikalischer Kopf im Hintergrund an der Gitarre, und vorne trällert die bezaubernde Sängerin. Doch auch mit Opal reichte es nur für eine Platte, denn um 1990 herum betrat eine exotische Schönheit namens Hope Sandoval die Bühne, die zunächst nur als Background-Sängerin bei der Band angeheuert hatte. Niemand weiß genau, was da zwischen den Beteiligten womöglich noch vorgefallen ist… Jedenfalls kehrte Sängerin Kendra Smith noch während der laufenden Tournee der Band den Rücken und wurde durch Hope Sandoval ersetzt. Und fortan war das Projekt Opal beerdigt – und Mazzy Star war geboren.

Es folgten drei großartige Platten, deren erste, “She Hangs Brightly” (1990), man wohl als den Höhepunkt in Robacks und Sandovals Schaffen ansehen kann: eine ganz eigenartige und sehr besondere Art von Musik, eine Zelebration der subtilen Zwischentöne, deren Etikettierung als Slow Core oder Dream Pop ihren Zauber nur unzureichend wiedergeben kann. Musikkritiker und Fans reagierten enthusiastisch, auch noch auf die beiden Nachfolge-Alben “So Tonight that I Might See” und “Among my Swan”. Aber dann war plötzlich Schluss, zumindest für lange Zeit, ohne dass sie dies irgendwann einmal begründet hätten. Erst 17 Jahre – siebzehn Jahre! – später waren sie plötzlich wieder da, als wäre nichts geschehen. Doch sollte “Seasons of Your Day” (2013) ihre letzte Platte bleiben. Denn David Roback ist, zumindest erzählte es seine hochbetagte Mutter so der Boulevardpresse, an Krebs gestorben – und hat damit auch der unsterblichen Band Mazzy Star ein Ende gesetzt.