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www.bargain-magazine.com, 1.6.2014: “Meistens irrt man sich, wenn man später denkt, man hätte sich geirrt”

Interview mit Buchautor Thomas Claer im Bargain Magazine

„Meistens irrt man sich, wenn man später denkt, man hätte sich geirrt“

am Juni 1, 2014 von Daniel

Bargain-Interview mit Börsen-Buchautor Thomas Claer

Dr. Thomas Claer ist Jurist und Publizist in Berlin, Chefredakteur der Zeitschrift Justament (www.justament.de), Autor des Buches „Auf eigene Faust: Aktiensparen für Kleinanleger“ sowie selbst leidenschaftlicher Anleger. Dem bargain-Magazine steht er nun für ein Interview über sein Buch und seinen langjährigen Erfahrungsschatz zur Verfügung, wofür wir ihm sehr dankbar sind.

b.m.

Thomas, Du beginnst Dein Werk mit der einleitenden Bemerkung, Aktien seien in den Augen von vielen Deutschen „Teufelszeug“ und weist zurecht auf viele Problemfälle wie den „Neuen Markt“ hin, die dazu führen, dass Neulinge sich regelmäßig die Finger verbrennen und anschließend der Börse gezeichnet fernbleiben. Wie beurteilst Du momentan die Lage? Hält sich der Deutsche nach wie vor von dem teuflischen Anlagevehikel fern oder entdeckt er angesichts eines von Höchststand zu Höchststand eilenden Leitindex langsam die Aktie wieder?

T.C.

Es gibt leider unverändert, und längst nicht nur bei uns in Deutschland, eine große Zahl an Kleinanlegern, die mit ihren Geldanlagen auf die Nase fallen. Diese Leute gehen häufig ohne grundlegende Kenntnisse der Kapitalmärkte in wenig lukrative oder zweifelhafte Anlagen, oft genug noch ermuntert von ihren provisionsgetriebenen Bankberatern.

Auf der anderen Seite steht die – glücklicherweise immer weiter wachsende – qualifizierte Minderheit der „aufgeklärten Kleinanleger“, die sich selbst um ihre Geldanlagen kümmert. Und die profitiert natürlich derzeit ganz stark von den Höchstständen in den Aktienindizes.

b.m.

Wie ließe sich dieser Mechanismus verändern – sprich: was kann man als Anleger machen, um sich nicht die Finger zu verbrennen?

T.C.

Wer zu dieser qualifizierten Minderheit der eigenverantwortlichen Selbstanleger gehören will, sollte sich zunächst aus unabhängigen Quellen über die grundlegenden Zusammenhänge informieren und sich dann schrittweise eine „Technik“ des überlegten Anlegens aneignen. Dazu gehört unbedingt eine wirksame Methode der Risikobegrenzung, womit ich aber gerade nicht das Setzen von Stopp Loss-Marken meine, sondern vielmehr eine breite Streuung durch Diversifizierung. Außerdem hat in meinen Augen das Liquiditätsmanagement eine überragende Bedeutung, d.h. wie gut sich ein Wertpapierdepot entwickelt, hängt entscheidend davon ab, nie voll investiert zu sein, sondern immer auch eine angemessene Cash-Reserve zurückzubehalten.

b.m.

Wieviel Zeit (auf Tages-, Wochen- oder Monatsbasis) ist Deiner Meinung nach mindestens erforderlich um sich sinnvollerweise selbst um seine Anlagen zu kümmern? Wie viel Zeit verwendest Du selbst dafür?

T.C.

Wenn man ganz neu anfängt, dann kostet es sicherlich eine Menge Zeit und Kraft, sich nach und nach ein ausgewogenes und vernünftiges Wertpapierdepot zusammenzustellen. Aber um es mal ganz krass zu sagen: Wer sich einmal mit Bedacht ein solches Depot aufgebaut hat, der braucht danach eigentlich nur noch alle paar Monate kurz nach dem Rechten zu sehen und sich gelegentlich über den Newsflow aus den Unternehmen auf dem Laufenden zu halten. Und einmal im Jahr, am besten im September, weil da oft ein temporäres Tief an den Märkten ausgebildet wird, kann man dann die Dividendeneinnahmen des laufenden Jahres sowie etwaige zusätzliche Mittel, die man dem Depot zugeführt hat, für Nachkäufe verwenden. Also sagen wir durchschnittlich einmal im Monat zehn Minuten zum Nachsehen im Depot, ein paar Stunden Recherche im September, welche Positionen aufgestockt werden sollten. Das würde theoretisch reichen, sofern man sich für solide Werte mit nachhaltigem Geschäftsmodell entschieden hat. Sollte es aber zwischenzeitlich an der Börse zu so heftigen Turbulenzen kommen, dass in den Fernsehnachrichten ausführlich darüber berichtet wird oder die Schlagzeilen auf den ersten Seiten der Zeitungen das Thema aufgreifen, dann könnte es sich lohnen, aktiv zu werden – natürlich auf der Kaufseite. Also in solchen Phasen noch ein paar Stunden Recherche für günstige Nachkäufe – das war’s. Umgekehrt darf man natürlich in Phasen irrationalen Überschwangs, wo sich die Märkte in absurden Höhen bewegen, auch mal an teilweise Gewinnmitnahmen denken. (Solche krassen Überbewertungen hatten wir aber zuletzt im Jahr 2000, heute kann davon – zumindest mit Blick auf den Gesamtmarkt – noch absolut keine Rede sein, wie übrigens auch nicht 2008 und 2011.) Dagegen macht alles Hin und Her, was über das Beschriebene hinausgeht, langfristig meistens doch nur die Taschen leer. Klar, man kann sich auch mal irren mit einem Investment, aber wenn man bei seinen Entscheidungen gründlich und überlegt vorgeht, dann kommt das nur selten vor. Meistens irrt man sich nämlich dann, wenn man später denkt, dass man sich beim Kauf geirrt habe. Aber wenn eine gute Aktie billiger wird, dann sollte man sie nicht verkaufen, sondern abwarten oder sogar nachkaufen.

Ich selbst mache es aber beim Zeitaufwand etwas anders. Ich verwende jeden Tag mindestens 15 Minuten, meistens etwas länger, um die Neuigkeiten der Unternehmen, in denen ich investiert bin, zu verfolgen und manchmal auch um die Meinungen bekannter Börsengurus über den Gesamtmarkt und über bestimmte Hintergründe zu lesen, zu hören oder anzusehen, die es ja alle frei im Internet gibt. Das mache ich aber in erster Linie, weil es mir Spaß macht, und nicht, weil es unbedingt nötig wäre.

b.m.

Du legst in Deinem Buch auch Kritikpunkte an aktiv gemanagten Fonds dar. Was hältst Du von Indexfonds und ETF`s, also von einer Anlagephilosophie a la John Bogle?

T.C.

Wer das will, kann das durchaus machen. Nur mit Indexfonds und ETF ist man zwar wegen der Gebühren immer ein wenig schlechter als der Gesamtmarkt, aber doch besser als 80 Prozent der aktiv gemanagten Fonds. Wer sich allerdings ein wenig mehr Arbeit macht und auf Einzeltitel setzt, hat gute Chancen, besser als der Markt abzuschneiden, schon weil man als Kleinanleger – anders als die Profis – völlig frei in seinen Entscheidungen ist und keinen Zwängen unterliegt.

b.m.

Freilich gehören Kostolanys 4 G`s (Geld, Gedanken, Geduld und Glück), die in Deinem Buch als Kapitelüberschriften dienen, untrennbar zusammen. Wenn Du einem Leser aber ein Kapitel aus Deinem Buch besonders ans Herz legen möchtest, welches wäre es dann? Und warum?

T.C.

Ich würde zwei Kapitel besonders hervorheben wollen, nämlich „Geld“ und „Geduld“. Die werden am meisten unterschätzt. Dass zum Börsenerfolg auch viel Glück gehört, wird niemanden überraschen. Dass man sich gleichwohl eine Menge Gedanken machen sollte, leuchtet auch jedem ein. (Manche Marktteilnehmer laufen sogar Gefahr, sich zu viele Gedanken über ihre Investments zu machen.) Mindestens die Hälfte des Börsenerfolgs hat aber mit Geld und Geduld zu tun.

Mit Geld meine ich ausdrücklich nicht, dass man an der Börse von vornherein über eine große Menge Geld verfügen sollte, die dann auf einen Schlag angelegt wird. Viel effektiver ist ein kontinuierliches Ansparen notfalls auch kleinerer Beträge und deren nur teilweise Investition. Vor allem ist wichtig, nie sein ganzes Pulver zu früh zu verschießen! Das nächste Schnäppchen kommt bestimmt.

Und schließlich kann man die wichtige Rolle der Geduld, des langen Atems gar nicht genug betonen. Wer stets zu schnell und voreilig entscheidet, dem nutzen auch die besten Gedanken nicht viel, der wird am Ende auch noch sein Glück verlieren.

b.m.

Stichwort Liquiditätsmanagement: mit welcher Cashquote bezogen auf das Gesamtportfolio fühlst Du Dich wohl?

T.C.

Es kommt immer auf die Marktsituation und die persönliche Situation an. Unmittelbar nach den Crashs 2000-2002, 2008/09 und 2011 waren die Märkte so billig, dass es ausnahmsweise angebracht war, zu annähernd 100 Prozent investiert zu sein. Inzwischen haben wir nach dem steilen Anstieg der letzten Jahre schon wieder so hohe Bewertungen, dass ein Viertel oder sogar ein Drittel Cash womöglich keine schlechte Idee wäre.

Ein junger Mensch, der ja noch viel Lebenszeit vor sich hat, sollte immer auf genug Cash in der Hinterhand achten, denn manche Chancen – so wie die genannten Crashs – kommen nur wenige Male im Leben. Wer da knapp bei Kasse ist, weil er schon voll investiert ist, hat wirklich etwas verpasst. Wer im mittleren Alter ist und idealerweise schon einiges Vermögen akkumuliert hat, kann es sich eher erlauben, die Liquidität niedrig und die Investitionsquote hoch zu halten, denn ihm bleiben ja immerhin die regelmäßigen stattlichen Dividendeneinnahmen, während sich die Kursschwankungen noch mühelos aussitzen lassen. Im noch weiter fortgeschrittenen Alter schließlich, wo man nicht mehr weiß, ob sich die Börsenschwankungen überhaupt noch aussitzen lassen und die Aufregung über Kursverluste auch zum gesundheitlichen Risiko werden kann, ist dann wieder eine höhere Liquiditätsquote angemessen.

Eine starre Regel für die Cashquote kann es also nicht geben. Es ist immer auch eine Frage der Situation und des Fingerspitzengefühls. Ich selbst habe im Moment nur zehn Prozent Liquidität im Depot, aber das hat vor allem persönliche Gründe.

b.m.

Stichwort Aktiensuche: Welche Methoden gefallen Dir besonders gut, um potenzielle Investmentkandidaten aus der schier endlosen Menge an börsennotierten Gesellschaften herauszufiltern?

T.C.

Man hört oder liest irgendwo von einem Unternehmen, z.B. in einem Börsenblog oder sogar im Wirtschaftsteil der Tageszeitung, dessen Geschäftsmodell man plausibel und vielversprechend findet. Dann sieht man sich im Internet die Kennzahlen näher an, um herauszufinden, ob es noch günstig bewertet ist. Aus der Entwicklung der Unternehmensgewinne der letzten zehn Jahre sieht man auch gleich, wohin der Trend geht. Besonders wichtig ist aber der Gesamteindruck hinsichtlich der Zuverlässigkeit und Seriosität der Firma. Wenn da irgendwann früher schon mal unschöne oder intransparente Sachen gelaufen sind, lässt man besser die Finger davon. Ebenso bedenklich ist es, wenn ständig Gewinnwarnungen kommen, also das Management regelmäßig die selbstgesetzten Ziele verfehlt. Oft sehr wertvoll sind Börsenforen im Internet wie Wallstreet Online. Wenn da zu einem Wert schon zig Diskussionen parallel ablaufen, sollte man dort lieber nicht mehr einsteigen. Wenn es aber nur etwa fünf bis zehn qualifizierte Kommentare pro Monat gibt, könnte das auf eine gute Aktie hindeuten, die noch nicht von der breiten Masse entdeckt worden ist.

So habe ich bis vor etwa acht Jahren meine Investmentkandidaten ausgesucht. Seitdem beschränke ich mich im wesentlichen auf die Beobachtung der Unternehmen, die ich schon kenne und in denen ich früher mal investiert war oder es noch bin.

b.m.

Ideen „klauen“ ist ja grundsätzlich nicht verboten… welche in der Finanzwelt bekannten Investoren beeinflussen Dich besonders stark? Die Antwort „Warren Buffett“ zählt übrigens nicht… J

T.C.

Ich höre mir gerne an, was Heiko Thieme immer so erzählt. Ähnlich wie der alte Kostolany hat er ja auch etwas von einem Komiker und ist immer sehr unterhaltsam. Auch was Jens Ehrhard und Max Otte in ihren Kolumnen schreiben, ist immer sehr lesenswert. Ein ganz großer Börsendenker ist für mich Robert Rethfeld von http://www.wellenreiter.de. Der hat ein paar Jahre lang mit seiner Zyklentheorie und seinem Korrelationsansatz den Börsenverlauf ganz großartig vorausgesagt. Aber im vorigen Jahr lag er dann katastrophal daneben, so wie alle anderen, sofern sie Prognosen abgeben, sich ja auch recht häufig irren. Vorigen Sommer hat mich ein Freund, als der DAX bei über 8.000 Punkten stand, gefragt, ob man noch einsteigen könnte. Ich riet ihm, eine Korrektur auf 7.200 Punkte abzuwarten. Die ist aber nie gekommen. Jetzt stehen wir fast bei 10.000. Bei kurz- und mittelfristigen Vorhersagen ist der Glücksfaktor eben immer ziemlich hoch. Langfristig wird sich die Börse aber – unter heftigen Schwankungen – wahrscheinlich immer etwas besser als das Wirtschaftswachstum entwickeln. Du weißt ja, dass Kostolany das Verhältnis von Börse und Konjunktur mit dem zwischen einem Hund und seinem Herrchen beim Spaziergang verglichen hat. Mal läuft der Hund weit voraus, mal deutlich hinterher, aber er kommt irgendwann immer wieder zum Herrchen zurück. Und wenn man auf Unternehmen setzt, die auf lange Sicht kontinuierlich ihre Gewinne steigern können und deren Geschäftsmodell das auch für die Zukunft erwarten lässt, dann wird man dafür langfristig sehr wahrscheinlich auch durch steigende Aktienkurse und Dividendenausschüttungen belohnt.

b.m.

Du beziehst Dich im Hinblick auf die Problemstellung der Diversifizierung in Deinem Buch auf eine Untersuchung, wonach die Streuung bis zu ca. 15 Einzeltitel eine Verbesserung des Risikoprofiles bringen kann. Wieviele Titel hältst Du momentan?

T.C.

Ich kann mich genau daran erinnern, dass ich vor ein paar Jahren mal in einem Börsenblog von einer solchen Untersuchung gelesen habe, kann die Quelle aber jetzt leider nicht mehr finden. Man kann es sich aber auch denken: Je breiter man streut, desto weniger fällt ein Totalausfall, den man ja an der Börse nie ganz ausschließen kann, ins Gewicht. Aber wenn man so viele Einzelwerte hat, dass man kaum noch mit ihrer Beobachtung hinterher kommt, oder viel schlimmer: dass darunter die Sorgfalt bei ihrer Auswahl leidet, dann bringt die Streuung natürlich nichts.

Ich halte derzeit 11 Titel. Gottfried Heller, der mir auch immer sehr gefallen hat, sagt gerne: Ein gutes Depot muss aufgestellt sein wie eine Fußballmannschaft. Mit starker Defensive, die für Stabilität sorgt, einem breiten Mittelfeld und zwei bis drei Sturmspitzen. Die letzteren können viele Tore schießen, aber auch mal ein Totalausfall sein. 😉 Bei größeren Depotsummen halte ich etwa 20 Werte für perfekt, das wäre dann eine Fußballmannschaft mit allen Reservespielern.

b.m.

Als Jurist befragt: welche Implikationen hat Deiner Meinung nach die jüngste Kehrtwende des BGH in seiner Entscheidung am 8.10.2013 betreffend Delisting und Downlisting (Geschäftszahl II ZB 26/12)?

T.C.

Darauf bin ich auch erst durch Deinen Artikel aufmerksam geworden. Im Wertpapierrecht kenne ich mich aber zu wenig aus, um das fachjuristisch kommentieren zu können. Verfassungsrechtlich kann man das sicherlich als Eingriff in das Grundrecht auf Eigentum bedenklich finden. Andererseits sollte einem als Anleger schon klar sein, dass unseriöse Unternehmen immer einen Weg finden werden, wie sie ihre gutgläubigen Investoren über den Tisch ziehen können, ohne dass einen der Rechtsstaat vollständig davor schützen könnte. Deswegen sollte man besser nur in Firmen investieren, denen man vertraut, weil sie sich in der Vergangenheit auch immer als vertrauenswürdig erwiesen haben. Ein Restrisiko bleibt sicherlich immer, aber damit lässt sich leben.

b.m.

Schonungslose Ehrlichkeit erbeten: Wie oft gibst Du dem Impuls nach, auf Dein Portfolio zu schauen und seine Wertänderung zu verfolgen?

T.C.

Normalerweise einmal am Tag, immer abends. In Marktphasen, in denen die Kurse rasant steigen, gucke ich aber auch gerne mehrmals am Tag ins Depot und gönne mir die Freude. Es spricht ja nichts dagegen, sich das Leben so angenehm wie möglich zu machen. Und was gibt es Angenehmeres als angenehme Gedanken? Im Gegensatz zu anderen angenehmen Dingen im Leben kosten die ja nichts!

In Marktphasen, in denen es rasant abwärts geht, sehe ich mir das Depot dafür manchmal tage- oder wochenlang nicht an. Warum sollte man sich auch über die schlechten Kurse ärgern? Wenn schon, dann sondiere ich in solchen Phasen intensiv die Märkte und suche nach Schnäppchen. Wenn man dafür aber keine Liqidität mehr hat, dann muss man die Schwächephase eben aussitzen.

b.m.

Wann hat für Dich das Interesse an Aktien begonnen? Was war die erste Aktie, die Du gekauft hast?

T.C.

Es ist immer ein großer Vorteil an der Börse, wenn man ein sparsamer Mensch ist, denn nur dann kann immer frisches Geld ins Depot fließen, auch wenn die Beträge noch so klein sind. Auf einer Klassenfahrt in der Schule habe ich mal als einziger mehr Geld wieder mit nach Hause gebracht, als ich mitgenommen hatte, weil ich nicht nur nichts ausgegeben, sondern zwischenzeitlich noch zwei unterwegs gefundene Pfandflaschen abgegeben hatte. Später im Zivildienst und im Studium habe ich immer einen Teil meiner Einkünfte zur Seite gelegt. Damals bekam man für Festgelder noch vier Prozent. Allerdings hab ich mich damals nie für Wirtschaft oder Börse interessiert. Dann kam der Börsenboom der späten 90er. Immer wieder hörte man von Kommilitonen, die mit kleinem Einsatz riesige Summen an der Börse verdient hatten. Und das waren oft gar nicht so die Hellsten… Ich ärgerte mich über mich selbst, dass ich so wenig Ahnung hatte und mit meinen vergleichsweise mickrigen Festgeldern Vorlieb nehmen musste. So begann ich, die Börse einige Monate lang zu beobachten. Auf einer Party prahlte ein Kommilitone, er habe gerade seine Telekom-Aktien für das Fünffache seines Einstandswertes verkauft. Da meinte eine Bekannte: „Mann, bist du blöd. Die hätte ich dir zu dem Preis aber sofort abgekauft.“ (Die Telekom-Aktie stand damals bei etwa 90 Euro.) Diese Bekannte riet mir auch, Deutsche Bank-Aktien zu kaufen. Die standen damals bei etwa 65 Euro. Mit denen könne man nun absolut nichts verkehrt machen. Und darüber hinaus sei die Commerzbank besonders zu empfehlen… Ich ließ mich bei meiner Bank beraten und investierte im April 2000 knapp ein Drittel meines damaligen Vermögens in verschiedene Aktien, darunter auch in solche der Deutschen Bank und des Neuen Marktes. Ein paar Monate später hatten sich die Kurse halbiert – und das sollte erst der Anfang sein.

Aus heutiger Sicht war das für mich eine sehr heilsame Erfahrung. Ein Soziologie-Professor in Speyer, wo ich Ende 2000 ein Semester an der Hochschule für Verwaltungswissenschaft verbrachte, erklärte uns sinngemäß, dass die Börse nur dazu gemacht sei, den kleinen Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen. Ich hörte dort aber auch eine Einführungs-Vorlesung in Volkswirtschaft, wo der Professor sehr anschaulich erklärte, wie Märkte funktionieren und warum es immer Überinvestitionskrisen gibt u.s.w. Ich beschloss, mich näher mit Wirtschaft und Börse zu beschäftigen, um mir das in so kurzer Zeit verlorene Geld vielleicht irgendwann wieder zurückzuverdienen. Im Internet las ich auf einer Seite, die bald darauf eingestellt wurde, sehr viel über Value Investing und Unternehmensbewertung. Im Frühling 2001 verkaufte ich alle meine Positionen mit großem Verlust und kaufte stattdessen Werte, die ich mir selbst mit Verstand ausgesucht hatte: kleine aussichtsreiche deutsche Nebenwerte mit niedriger Bewertung. Als es dann bis März 2003 noch immer weiter abwärts ging, hielt ich durch (immerhin!), aber leider fehlte mir der Mut, auf diesem Niveau noch einmal richtig nachzukaufen. So dauerte es noch bis Ende 2004, bis ich meine Verluste wieder aufgeholt hatte. Erst dann kaufte ich wieder nach (natürlich schon wieder etwas zu teuer, aber langfristig gesehen war es noch in Ordnung). Beim nächsten Crash 2008/09 rutschte ich noch einmal vorübergehend ins Minus, aber da erkannte ich glücklicherweise, welche großartige Chance sich nun bot, und investierte alle Rücklagen, die ich hatte, in Qualitätsaktien zu Spottpreisen. Wahrscheinlich werden wir eine solche Gelegenheit wie Anfang 2009, als der DAX bei 3.300 Punkten notierte, in den nächsten Jahrzehnten nicht mehr bekommen. Aber Rücksetzer und Korrekturen, in denen es sich lohnt, beherzt zuzugreifen, wird es immer geben.

b.m.

Zum Schluss noch: Welche Ziele hast Du Dir für Deine finanzielle Zukunft gesetzt?

T.C.

Ich bin ja nur ein kleiner, bescheidener Freiberufler mit niedriger Rentenerwartung. Daher ist mein erklärtes Ziel als Anleger die Sicherung meiner Unabhängigkeit von staatlichen Transferzahlungen bis ins hohe Alter. Kostolany hat immer gesagt: Nicht reich muss man sein, sondern unabhängig. Das finde ich auch. Er hat aber auch noch gesagt, er habe als Aktionär immer ein gutes Leben führen können, und er meine damit nicht „das gute Leben eines Schotten“. Doch genau dieses „gute Leben eines Schotten“ gefällt mir eigentlich ganz gut. Denn wie sagte Seneca: „Reich nenne ich den, der arm ist an Begierden.“

 

 

 

 

 

 

Börsen-Buchautor Thomas Claer

 

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Justament Sept. 2013: Die Börse ist unser Schicksal

Von den unterschätzten Möglichkeiten des Aktiensparens

Thomas Claer

Im Jahr 1784 beklagte der Philosoph Immanuel Kant die Unaufgeklärtheit seiner Mitmenschen: “Es ist so bequem unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt, usw., so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen” (aus: I. Kant, Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?). Gewiss, in jenen finsteren Zeiten vor der Französischen Revolution war die breite Masse (darunter, so Kant, “das ganze schöne Geschlecht”), noch ziemlich unemanzipiert. Aber sind wir heute wirklich so viel weiter?
Geht es um die Anlage des eigenen Geldes, so folgen gegenwärtig die meisten von uns der Maxime: Habe ich eine Bank, bei der ich ein Sparkonto unterhalten und die mir ein “Finanzprodukt” verkaufen kann, muss ich mir ja selbst keine weiteren Gedanken darüber machen. Gleichzeitig halten viele (nach einer jüngeren Umfrage waren es stolze 42 Prozent) Aktienbesitzer für “gewissenlose Spekulanten”. Was die Banken dann aber ihrerseits mit unserem oft sauer verdienten und mühsam vom Munde abgesparten Geld so anstellen, wird gerne ausgeblendet. Die Antwort ist: Sie investieren es (wenn es gut geht), spekulieren damit (hier wird es schon bedenklicher)  oder verzocken es sogar (dann muss eben der Staat einspringen und der Steuerzahler dafür aufkommen).

Weltwunder Zinseszins

Natürlich geht es auch anders: Man kann sein Geld in Scheinen oder in Form von Goldbarren unter die Matratze legen und sich dadurch auch noch des – wenn es hoch kommt – kleinen Inflationsausgleichs  berauben, den uns die Banken gönnerhaft in Form von Zinsen im mikroskopischen Bereich gewähren. Oder man nimmt die Sache selbst in die Hand und legt sich ein Wertpapierdepot an. Das immerhin gibt es bei vielen Online-Banken kostenlos! Und dann gilt es, sich mit Umsicht und Bedacht ein langfristig ausgerichtetes Portfolio aus mehreren exzellenten und gerade günstig bewerteten Einzelwerten zusammenzustellen und dabei immer auf ausreichend Liquidität zu achten, also niemals alles auf eine Karte und niemals alles auf einmal einzusetzen. Dabei sollte man heftige Schwankungen aushalten können, aber immer dann beherzt zugreifen, wenn sich an den Märkten wieder einmal Weltuntergangsstimmung ausbreitet. Es geht um Teilhabe am nachhaltigen Wachstum der Weltwirtschaft und an außergewöhnlich gut arbeitenden und wirtschaftenden Unternehmen in zukunftsträchtigen Branchen. Mit Casino-Mentalität hat das wenig zu tun, auch nicht mit dem Traum vom schnellen und leicht verdienten Reichtum. Auch wenn manche Trader anderes behaupten: Viel Hin und Her macht am Ende meistens doch die Taschen leer, zumal die Depotbank bei jedem Trade die Hand aufhält.
Was man beim langfristigen Aktiensparen so verdienen kann? Durchschnittliche Renditen zwischen 8 und 10 Prozent pro Jahr sind auf lange Sicht (also in Zeiträumen von mindestens zehn Jahren) absolut realistisch. Klingt nicht schlecht, wird mancher denken, aber doch keineswegs überwältigend. Aber wer wenig anzulegen hat, kann doch auf diese Weise niemals zu viel Geld kommen, oder doch? Und hier kommt nun der Zinseszins-Effekt ins Spiel, der mitunter auch als das “achte Weltwunder” bezeichnet wird: Die untenstehende Grafik zeigt, wo der DAX (der seit 1988 bestehende deutsche Aktienindex, der die 30 wichtigsten Standardwerte umfasst) am Ende unseres Jahrhunderts stehen könnte, wenn er künftig in etwa so weiter zulegt wie in seinen bisherigen 25 Jahren, also jährlich im Schnitt um gut 8 Prozent, was keine sonderlich abenteuerliche Annahme ist. Und geht man davon aus, dass die heute 20-Jährigen deutlich über 90 Jahre alt werden dürften, ist das ein für uns durchaus relevanter Zeitraum. Wir sehen also, dass die Zeit (der “Anlagehorizont”) der alles entscheidende Faktor ist.

Auch für Geringverdiener

Jetzt werden viele einwenden: “Das hat doch nichts mit mir zu tun. Ich hab doch gar nicht genug Geld, das ich anlegen könnte.” Dieser verbreiteten Auffassung liegt ein fundamentales Missverständnis zu Grunde. Gerade für Geringverdiener kann ein langfristig ausgerichtetes Aktiendepot – anders als etwa die renditearmen, aber kostenreichen Riester-Produkte – ein ganz erhebliches Zubrot bei der eigenen Altersvorsorge sein und zur Unabhängigkeit von staatlichen Transferleistungen bis ins hohe Alter führen. Wer auch nur fünfzig oder hundert Euro monatlich zur Seite legt, hat schon nach wenigen Jahren das nötige Startkapital fürs eigene Depot beisammen. Leitet man dann auch weiterhin regelmäßig Summen dieser Größenordnung ins Depot, so lässt sich diese Liquidität später zu günstigen Nachkäufen in Krisenzeiten nutzen.
Zugegeben, ganz so einfach, wie es jetzt vielleicht klingen mag, ist das Geldanlegen an der Börse zwar nicht. Aber wer es systematisch angeht und sich ausgiebig mit den Hintergründen beschäftigt, auf seine eigene Urteilskraft vertraut, diszipliniert und geduldig ist und schließlich auch noch das notwendige Quäntchen Glück mitbringt, kann es an der Börse auch mit niedrigem Kapitaleinsatz ziemlich weit bringen.

DAX-Stand bei durchschnittlichem Zuwachs von ca. 8 % p.a.:
Jahr: Punktestand
1988: 1.000
2013: 8.000
2023: 17.271
2033: 37.286
2063: 375.202
2100: 6.470.593

Justament-Autor Thomas Claer ist Autor des Buches “Auf eigene Faust. Aktiensparen für Kleinanleger (Verlag BOD, Norderstedt 2012, 10,00 €, ISBN-10: 3844818146 / E-Book 8,49 €).

www.justament.de, 17.12.2012: Rettet die Million! (2)

Der „Börsenguru“ Max Otte demonstriert in seinem Buch „Endlich mit Aktien Geld verdienen“ die reine Lehre des Value Investings

Thomas Claer

lit-tc-otteKlappern gehört natürlich zum Handwerk. Wer zu leise ist, wird gar nicht erst wahrgenommen. Selbst ein so versierter und allseits geschätzter Experte wie der Wormser BWL-Proferssor Max Otte, einem breiten Publikum als einsamer Prophet der seit 2007 währenden Finanzkrise bekanntgeworden und seitdem präsent auf allen Fernsehkanälen, ist da keine Ausnahme. Der Ruhm muss gepflegt werden, und sei es durch reißerische Buchtitel mit einer an Boulevardzeitungen erinnernden Schriftgröße und knallharte Botschaften auf dem Umschlag. Von innen ist das Buch „Endlich mit Aktien Geld verdienen“ dann aber längst nicht so grobkörnig, wie es der äußere Anschein suggeriert. Otte liefert eine fundierte Anleitung zum überlegten und einträglichen Operieren an der Börse, die anders als die Werke mancher Konkurrenten sehr schnell zum entscheidenden Punkt gelangt, der Auswahl aussichtsreicher Einzelwerte, in die zu investieren sich lohnt. Das Wozu und Warum der Aktienanlage setzt er bei seinen Lesern mehr oder weniger als bekannt voraus, da reichen ein paar allgemeine Hinweise in der Einleitung und im ersten Kapitel.
Welche „Papiere“ sollte man also kaufen?  Das ist, wenn man es so anfängt wie Max Otte, keinesfalls eine leichte Sache. Zunächst kommt man noch ganz gut mit, wenn er zwischen Buchwert und Ertragswert eines Unternehmens unterscheidet. Aber sobald die ersten betriebswirtschaftlichen Formeln ins Spiel kommen, wird man sehr genau daran erinnert, warum man damals nie BWL studieren wollte. Wenn einem später auch nach mehrmaliger geduldiger Lektüre an manchen Stellen einfach kein Licht aufgehen will, ist es immerhin beruhigend zu erfahren, dass es etlichen anderen Lesern, glaubt man ihren Kommentaren auf der Amazon-Website, bei der Lektüre ähnlich ergangen ist. Manche gehen sogar so weit, dem „Börsenguru“ fachliche Fehler zu unterstellen. Auch wenn das angesichts der Vielzahl seiner Publikationen in kurzer Zeit noch nicht einmal verwunderlich wäre, würden wir uns ein solches Urteil niemals anmaßen wollen.
Die gute Nachricht für alle Anleger ist aber diese: Es kommt überhaupt nicht drauf an. Zwar gibt es zahlreiche, zum Teil widersprüchliche Strategien und Theorien darüber, wie sich an der Börse erfolgreich agieren lässt. Und das Value Investing gehört sicherlich zu den besseren unter ihnen, denn es ist vernünftig und plausibel und gibt einem das (allerdings manchmal trügerische) Gefühl, die Dinge irgendwie im Griff zu haben. Aber die magische Formel für die garantiert hohen Gewinne an der Börse, die gibt es nun einmal nicht. Und jemand, der, sagen wir, eine einfachere Variante des Value Investings bevorzugt, die ohne betriebswirtschaftliche Formeln auskommt, kann damit auch auf lange Sicht mindestens ebenso gut fahren wie mit den Formeln von Prof. Max Otte. Und manche Trendfolger oder Chart- oder Zyklentheoretiker schaffen das auch irgendwie, jeder auf seine Weise. Nein, ganz beliebig ist die Strategie, von der man sich leiten lässt, zwar nicht, doch sind die Faktoren Glück und vor allem Geduld an der Börse am Ende doch mächtiger als alle Theorie, denn im Zweifel laufen die Kurse dann doch anders, als man denkt, zumindest kurzfristig. Doch lassen sich vor allem durch geschickte Streuung der Anlagen und die Beachtung bestimmter Vorsichtsregeln die systemimmanenten Risiken auf lange Sicht noch halbwegs beherrschen.
Auch hierüber enthält das Buch viel Wissenswertes. Besondere Anerkennung verdient Otte dafür, dass er sich entgegen der einhelligen Überzeugung fast sämtlicher Börsenexperten gegen den Einsatz von Stop-Loss-Marken wendet. Wer sich mit großem gedanklichem Aufwand für ein Investment entschieden hat, der sollte an ihm auch festhalten, wenn die Kurse fallen, und dann natürlich erst recht zugreifen und seine Position aufstocken, denn langfristig wird der Markt ihm wahrscheinlich Recht geben. (Andere behaupten das Gegenteil und haben dafür auch gute Gründe. Jeder sollte ganz einfach das tun, was ihm am meisten einleuchtet.)
Am Ende des Buches erläutert Max Otte – wohl nicht ganz ohne die Absicht der Eigenwerbung – wie er seinen durchaus gut performenden Fonds zu managen pflegt. Selbstkritisch räumt er dabei auch immer wieder „Fehler“ ein, meistens den, diese oder jene Position zu früh verkauft und in andere vermeintlich aussichtsreichere Werte umgeschichtet zu haben. Manchmal hat das zwar gut funktioniert, manchmal aber auch nicht. (Wie das eben so ist an der Börse.) Aber dass ausgerechnet ein so erfahrener Investor wie Otte in seinem Fonds die simple Börsenweisheit des „Hin und her macht Taschen leer“ so systematisch missachtet, erstaunt dann doch. Wofür sollten die Anleger ihren „Guru“ aber schließlich sonst bezahlen, wenn er den Fonds nur alle Jubeljahre mal umschichten würde. Als Fondsmanager ist man nun einmal ein Getriebener seiner Kunden und das nicht nur in der Finanzindustrie (im engeren Sinne). Dabei ist es keineswegs abwegig zu behaupten: Durch weniger häufiges Umschichten und mehr Liquiditätsmanagement hätte der Fonds von Max Otte sehr wahrscheinlich eine noch bessere Performance erzielt.
Zusammenfassend bleibt festzustellen, dass Max Otte eine über weite Strecken, wenn auch nicht durchgängig, gut lesbare Anleitung zum Value Investing geschrieben hat, aus der wir Kleinanleger großen Nutzen ziehen können. Doch besteht kein Anlass, seine „Methode Prof. Max Otte“ (so nennt er sie wirklich!) zu verabsolutieren, sondern vielmehr dazu, sie kritisch zu hinterfragen, um so idealerweise auch die eigene Vorgehensweise optimieren zu können. Wer sich überhaupt nicht eigenständig mit dem Thema Geldanlage beschäftigen möchte, dessen Geld ist in Prof. Ottes Fonds sicherlich besser aufgehoben als in manchem anderen. Wer aber dieses oder ein ähnlich konzipiertes Buch mit wachem Bewusstsein gelesen hat, wer sich fortwährend eigene Gedanken zum Thema Geldanlage macht und sich schließlich auch noch zutraut, die eigenen Emotionen unter Kontrolle zu halten, der braucht keinen Fonds, denn er kann es auch allein.

Max Otte
Endlich mit Aktien Geld verdienen. Die Strategien und Techniken, die Erfolg versprechen
FinanzBuch Verlag 2012
304 Seiten, EUR 22,99
ISBN 978-3-3898796316

Justament-Rezensent Thomas Claer ist Autor des Buches „Auf eigene Faust. Aktiensparen für Kleinanleger“, BoD 2012, 132 Seiten, EUR 10,00, ISBN 978-3844818147.

www.justament.de, 12.11.2012: Rettet die Million!

Der „Börsenguru“ Gottfried Heller weist den „einfachen Weg zum Wohlstand“

Thomas Claer

Cover HellerWenn einem ein Buchtitel den „einfachen Weg zum Wohlstand“ verspricht, wenn er behauptet, man könne zugleich „mehr verdienen, weniger riskieren und besser schlafen“, dann ist natürlich höchste Vorsicht angebracht. Schließlich haben viele dergleichen schon zur Genüge von ihrem Riestervertrags-Vermittler oder Bankberater gehört, um am Ende doch mit renditearmen oder gar kapitalvernichtenden Anlagen abgespeist worden zu sein. Doch wollen einem diesmal ausnahmsweise nicht provisionsgetriebene Lakaien der Finanzindustrie ihre zweifelhaften Produkte andrehen. Vielmehr appelliert hier ein hartgesottener Börsen-Profi sehr nachdrücklich an die Leserschaft, ihre größtenteils ablehnende Haltung gegenüber der Geldanlage in Aktien noch einmal zu überdenken. Und er hat, gerade in Zeiten wie unseren, keine schlechten Argumente.

Die Rede ist natürlich von Gottfried Heller, Jahrgang 1935, dem langjährigen Freund und Partner des legendären Andre Kostolany. Um es gleich vorweg zu sagen: Gottfried Heller ist ein selten cooler Hund. August 2011: Die Euro-Schuldenkrise spitzt sich zu. Die Börse crasht gerade zum dritten Mal innerhalb einer Dekade, der Dax rauscht innerhalb weniger Tagen um 25 Prozent in die Tiefe. Bleiche Gesichter in den Redaktionen der Börsensender. Zugeschaltet ist Gottfried Heller, völlig entspannt. Ja, er habe 90 Prozent seines Vermögens in Aktien investiert und schlafe nachts weiterhin sehr gut. Ach, da habe er wirklich schon ganz andere Crashs erlebt. Damals, 1987, da verlor die Börse 23 Prozent an einem Tag. Nach kurzer Besprechung mit Kostolany habe er damals gleich kräftig nachgekauft. So ein Sell-Off sei doch immer eine gute Einstiegsgelegenheit, da nun der Markt bereinigt sei und die „Zittrigen“ schon alle verkauft hätten. Ob er denn jetzt etwa auch gekauft habe? Na was denn sonst…
Gottfried Heller ist kein Vielschreiber. „Der einfache Weg zum Wohlstand“ ist erst sein zweites Buch überhaupt (das erste erschien 1992). Und er redet Klartext, wenn er bekennt, sich in seinem Alter und nach seinem Rückzug aus dem operativen Geschäft der „Fiduka-Vermögensverwaltung“, deren Senior Partner er noch ist, nunmehr ganz freimütig äußern zu können. Dass die vollmundigen Worte seines Buchtitels durchaus nicht zu hoch gegriffen sind, wird deutlich, wenn er sie erklärt. Unter „Wohlstand“ versteht er nicht unbedingt „Reichtum“, aber doch Unabhängigkeit von staatlichen Transferleistungen, auf welche ja nach neuesten Renten-Berechnungen aus dem Bundesarbeitsministerium künftig mehr als die Hälfte aller Berufstätigen im Ruhestand angewiesen sein werden, bis ins hohe Alter. Vergleicht man dann die Risiken und Renditen des staatlichen Rentensystems und der fragwürdigen Riester-Produkte auf der einen Seite mit einem breit gestreuten und langfristig orientierten Wertpapierdepot auf der anderen Seite, dann lässt sich mit letzterem, wenn man es richtig anstellt, sicherlich mehr verdienen (sogar erheblich mehr!), weniger riskieren (denn eher gehen heutzutage Staaten Pleite als grundsolide Unternehmen) und sogar besser schlafen (wenn man das alles nämlich richtig bedenkt!). Dass der Weg dorthin „einfach“ wäre, lässt sich allerdings nur in einem sehr relativen Sinne sagen. Zwar gilt unverändert das Diktum des Kostolany: „Wenn die Börsenspekulation leicht wäre, gäbe es keine Bergarbeiter, Holzfäller und andere Schwerarbeiter. Jeder wäre Spekulant.“ Doch so kompliziert, wie es von interessierter Seite – nämlich der Finanzindustrie – gerne dargestellt wird, ist es nun auch wieder nicht. Insofern kann man Gottfried Heller für seine Aufklärungsarbeit danken, wenn er einräumt, dass zwar Anleger, die partout keine Mühe und Zeit aufwenden wollen oder können, gut bei einem kompetenten Berater aufgehoben sind – Lieber diesen mitverdienen lassen, als das schöne Geld weiter auf Sparkonten versauern zu lassen! – jedoch könnten es (fast) alle anderen, so lässt der Autor durchblicken, auch ganz gut alleine schaffen.

Um nun also diesen „einfachen Weg zum Wohlstand“ zu skizzieren, holt Heller ziemlich weit aus, erklärt zunächst die Zeitenwende, in der wir uns befinden, die Finanzkrise, deren Eindämmung durch die Geldpolitik der Notenbanken und den daraus resultierenden Anlagenotstand sowie schließlich die Megatrends, die unser Leben beeinflussen, von der Bevölkerungszunahme bis zum Aufstieg der Schwellenländer. Es folgen eine ebenso zutreffende wie vernichtende Einschätzung unseres Altersvorsorgesystems und eine ebenfalls sehr kritische Darstellung der Beraterbranche. Eher knapp gehalten sind die Ausführungen darüber, wie man denn nun die Geldanlage in die eigene Hand nehmen kann, dafür aber mit vielen konkreten Tipps zu ETFs und Standardwerten versehen, die Heller als kaufenswürdig ansieht. (Selbstverständlich sind seine Tipps richtigerweise ziemlich konservativ. Zertifikate sind für ihn „Massenvernichtungswaffen“ und Optionen „Zockerpapiere“) Auf diese Weise geht es wirklich relativ einfach, denn wer sich aus diesen Vorschlägen ein Depot zusammenstellt und genug Zeit mitbringt, wird damit wahrscheinlich früher oder später zumindest besser dastehen als mit Tagesgeld oder Bausparvertrag. Sofern er oder sie angesichts der oft erheblichen Schwankungen nicht zwischenzeitlich die Nerven verliert, versteht sich. Wie sich die Rendite aber aller Voraussicht nach noch kräftig steigern lässt, wie man selbst die besonders lukrativen Perlen unter den Nebenwerten herausfischen kann, dazu beschränkt sich das Buch allerdings nur auf grobe Andeutungen.

Wer regelmäßig den Wirtschaftsteil einer überregionalen Tageszeitung liest, wird in diesem Buch wohl nicht viel Neues erfahren. (Den anderen kann es gut als Einführung in die grundlegenden Zusammenhänge dienen.) Doch finden sich immer wieder sehr gelungene Zuspitzungen: Heutzutage noch eine Lebensversicherung abschließen? Ein Wahnsinn! Riester-Produkte? Alles Murks. Die staatliche Altersvorsorge? Vergleichen manche mit einem Schneeballsystem. Dass der Staat 2009 die Spekulationsfrist bei Wertpapiergewinnen abgeschafft und somit langfristiges Aktiensparen der Zockerei gleichgestellt hat? Ist einfach nur Dummheit, denn so wird der Staat bald die Hälfte der Rentner mit Grundsicherung alimentieren müssen.

Besonders faszinierend ist aber eine Grafik, die angibt, welches Endvermögen aus gerade einmal 100 Euro monatlicher Sparleistung bei einer jährlichen Rendite von 10 Prozent (die mit Aktien auf lange Sicht, insbesondere für kundige Privatanleger, durchaus erreichbar ist) nach 10, 20 , 30 und 40 Jahren entsteht, wenn die Erträge nur konsequent wieder angelegt werden. Der Zinseszinseffekt, die eigentliche Quelle jedes langfristigen Kapitalaufbaus, schlägt hier in voller Wucht zu Buche. Es ist fast so wie mit den Reiskörnern auf dem Schachbrett: Nach 10 Jahren hat man 20.161 €, nach 20 Jahren 72.453 €, nach 30 Jahren schon 208.085 € und nach 40 Jahren 559.880 €. Das heißt auch: Wer statt 100 € vielleicht das Doppelte monatlich zurücklegen kann, sollte selbst dann noch zu seiner Million kommen, wenn er erst nach 2009 mit dem Aktiensparen angefangen hat und ihm der Staat folglich von allen Gewinnen etwas mehr als ein Viertel Abgeltungssteuer abzieht. Denn eine Verdopplung der monatlichen Rücklagen sollte letztendlich weit mehr als eine Verdopplung des Endvermögens zur Folge haben, dem exponentiellen Wachstum sei Dank. Doch muss man berücksichtigen, dass das nur nominale Werte sind! Real, d.h. nach Abzug der jährlichen Inflationsrate, ist die Million in 40 Jahren wohl bestenfalls noch die Hälfte wert, eher weniger. Dennoch ist hier ein – selbst für Geringverdiener gangbarer – überaus eleganter Weg zur ersten Million, der sprichwörtlich immer am schwersten verdienten, beschrieben. Klar, andere schaffen es in nur drei Jahren mit einem Nebenjob als Redner, noch andere machen eine Erbschaft oder gewinnen im Lotto oder in einer Fernsehshow, wieder andere bekleiden zwanzig Jahre lang eine Führungsposition und lassen sich dabei graue Haare und Magengeschwüre wachsen. Der Unterschied ist aber, dass die Aktienspar-Methode, anders als alle anderen, so ziemlich jedem offen steht. Man muss nur früh genug damit anfangen, denn der Faktor Zeit ist der alles entscheidende.

Gottfried Heller
Der einfache Weg zum Wohlstand. Mehr verdienen, weniger riskieren und besser schlafen
FinanzBuchVerlag 2012
304 Seiten, EUR 24,99
ISBN 978-3-89879-701-6

Justament-Rezensent Thomas Claer ist Autor des Buches „Auf eigene Faust. Aktiensparen für Kleinanleger“, BoD 2012, 132 Seiten, EUR 10,00, ISBN 978-3844818147.

Justament Dez. 2007: Nicht nur für Geldsäcke

Wie sich unsereins auf den Finanzmärkten verhalten sollte

Thomas Claer

Geldanlage auf den Finanzmärkten – das ist, so denkt man, etwas für Profis oder allenfalls noch für Kleinanleger. Und was sich Kleinanleger nennt, das sind in den Augen des gemeinhin nahezu mittellosen jungen Juristen schon fast Geldsäcke. Erst irgendwann später wird das große Geld kommen, jedenfalls für einige von uns. So sieht es aus. Aber es geht auch anders. Zum Beispiel so: Erst einmal jeden Monat hundert Euro – oder auch mehr – beiseite legen. Das ist oft schon dadurch zu schaffen, dass man nur noch beim Discounter einkauft, sich Bücher auf dem Flohmarkt und CDs bei Ebay beschafft, Restaurants und Cafes zu Tabuzonen erklärt und den Urlaub auf dem Campingplatz verbringt. Wenn man das auch noch seiner Freundin vermitteln kann, ist die größte Hürde schon genommen. Ein paar Jahre sollte man es aber schon durchhalten. Natürlich wird das Geld inzwischen auf hochverzinsten Tages- oder Festgeldkonten geparkt, was auch noch ein wenig abwirft. Und am Ende dieser ersten Phase steht ein Grundkapital von einigen tausend Euro. Mindestens. Nun wird es interessant. Was also weiter mit der Kohle tun?

Private Equity Fonds und Hedgefonds zu heiß
Vor allem sollte man wissen, was man um Himmels willen nicht tun sollte: Alles auf eine Karte setzen! Das macht – ähnlich wie das desaströs kapitalvernichtende Lottospielen – zwar gelegentlich jemanden reich, zumeist aber viele arm. Auch kommen bestimmte Anlageformen schon aus strukturellen Gründen nicht in Betracht: Private Equity Fonds, neuerdings kann man sich da manchmal schon ab 2000 Euro beteiligen, sind so risikobehaftet, dass ihr Anteil zehn Prozent der Anlagesumme niemals überschreiten sollte. Noch viel heißer sind Hedgefonds oder gar Derivate wie Hebel-Zertifikate. Wer sich aber auch nicht mit Lebensversicherungen, Bausparverträgen und Bundesschatzbriefen abspeisen lassen will, deren Verzinsung nur geringfügig über der Inflationsrate liegt, der wird am Ende auf die gute alte Aktie kommen. Nun kann man natürlich, um das Risiko zu streuen, in einen Aktienfonds investieren, doch bekanntlich erreichen zwei Drittel dieser Fonds regelmäßig nicht einmal die Wertentwicklung des Vergleichsindexes. Das spricht für ein simples und kostengünstigeres Investment in Indexzertifikate. Kann man machen, wobei man durch den Spread zwischen Ein- und Verkaufspreis und die Bankgebühren letztlich doch wieder unter der Index-Performance liegt, aber nur ein wenig. Mehr als das Sparbuch bringt es im langjährigen Durchschnitt allemal. Doch lautet ein latent chauvinistischer Börsen-Spruch, dass Indexzertifikate etwa so sexy sind, wie seine eigene Schwester zu küssen. Das heißt, und da ist was dran: Es macht keinen Spaß. Wer sich ein paar Einzelwerte ins Depot legt, bekommt nach Jahren wahrscheinlich Ähnliches heraus, investiert aber viel mehr Kraft und Zeit und Nerven – und genau hierin liegt der Reiz. Denn es bleibt immer die Hoffnung, dass man doch besser abschneiden könnte als der Markt. Es kann aber auch schlechter laufen.

Depot Marke Eigenbau 
Wer nun also nach reiflicher Überlegung sein Schicksal in die eigenen Hände nimmt und sich selbst ein Depot zusammenstellt, muss wissen: Eine echte Diversifizierung gibt es erst bei mindestens fünf Einzelwerten. Ideal sind zwanzig, dann liegt der Anteil jeder Position an der Gesamtsumme bei gerade fünf Prozent. Doch die dazu nötige Liquidität will erst einmal verdient sein. Andere Stimmen raten hingegen von zu großer Diversifizierung ab, denn – wieder so ein Chauvi-Spruch – man(n) könne sich auch nicht um mehr als fünf Frauen gleichzeitig kümmern. (Doch das ist alles Imponier-Gehabe der männlichen Börsianer. Untersuchungen zeigen, dass Frauen die signifikant besseren Anleger sind.)
Und welche Werte gehören nun in ein gutes Depot? Vor allem sollte da niemand auf seinen Bankberater hören (sondern dann schon lieber selbst in eine Bankaktie investieren) und auch nicht auf gute Tipps von Bekannten. Ständig bieten Tageszeitungen allgemeine Einführungen in das nötige Börsen-Know how. Und alle wesentlichen Informationen gibt es frei verfügbar im Internet, zum Beispiel auf den unten angeführten Seiten. Entscheidend ist zum einen die Mischung: Man decke viele verschiedene Branchen ab, die der eigene gesunde Menschenverstand als aussichtsreich ansieht und die nicht zuviel miteinander zu tun haben sollten. Müssen es auch viele verschiedene Länder sein, wie immer wieder gesagt wird? Nicht unbedingt, denn durch die zunehmende globale Verflechtung sind auch einheimische Unternehmen auf verschiedensten Märkten präsent und das mit geringerem Risiko. Und man versteht auch wirklich alle Unternehmensmeldungen. Zum anderen sollten es Top-Unternehmen sein, mit kontinuierlicher Gewinnentwicklung und zuverlässiger Informationspolitik, die zudem gerade eine günstige Bewertung aufweisen (also z.B. niedriges KGV und hohe Dividendenrendite). Wer hier Kompromisse macht, wird es oft bitter bereuen.

Erkenne dich selbst!
Letztlich muss jede und jeder selbst herausfinden, welcher Anlegertyp sie oder er ist: offensiv oder defensiv, Zocker oder kühler Rechner. Wichtiger als alle Sachkenntnis (sofern man sich keinen Schrott ins Depot legt) ist die Geduld, denn die Börsianer wissen: Hin und her macht Taschen leer. Wem plötzlich nach einigen Monaten einfällt, dass er das Geld eigentlich doch für etwas anderes braucht, ist an der Börse fehl am Platze. Und keiner sollte sich jemals dazu hinreißen lassen, vor anderen mit seinen Gewinnen zu prahlen, auch nicht nach dem dritten Bier. Das rächt sich immer, wissen die abergläubischen Spekulanten.

Informationen:
http://www.finanznachrichten.de
www. wallstreet-online.de
www. boerse.de
http://www.insiderdaten.de

Justament Okt. 2005: Sorgen in der Zeit

Ein drängendes Thema: private Altersvorsorge für junge Juristen

Thomas Claer

Einst, in fernen Zeiten, glaubte man noch den treuherzigen Worten eines kleinwüchsigen Arbeitsministers, die Renten seien sicher. Heute müssen die Beitragszahler der staatlichen Rentenversicherung befürchten, eines Tages nicht einmal mehr das zurückzuerhalten, was sie nach langen Jahren in die Kasse eingezahlt haben werden. Schuld ist die Demographie. Kinder kriegen die Leute, anders als der erste deutsche Bundeskanzler glaubte, eben nicht immer. Zur Vermeidung eines in Bälde zu befürchtenden Kollabierens des Rentensystems wird daher von Experten ein Mix aus der Anhebung des Renteneintrittsalters, einer Erhöhung der Beitragssätze sowie vor allem dem weiteren Ausbau der privaten Altersvorsorge favorisiert. Das alles würde natürlich schrittweise und über Jahre hin in zahllosen Stufen geschehen, ohne dass ein Ende abzusehen wäre. Früher oder später, so ist anzunehmen, wird auch die Politik ihren Bürgern die ebenso unpopulären wie unausweichlichen Maßnahmen, auf die es letztlich hinauslaufen wird, nicht mehr verheimlichen können.

Trend zur privaten Absicherung
Bereits seit Jahren erheben sich dementsprechend in den Wirtschafts- und Kulturteilen der Qualitätspresse die Kassandrastimmen, dass alle, die im Alter nicht hoffnungslos verarmen wollten, gut daran täten, jetzt den Gürtel enger zu schnallen und sich bitteschön privat abzusichern. Tatsächlich wird das, was wir heute Alter nennen – den Fortschritten der Medizin sei es gedankt – bald schon ein ansehnlich langer Lebensabschnitt sein: Wer heute 35 ist, hat einschlägigen Projektionen zufolge eine durchschnittliche Lebenserwartung von 91 Jahren. Kein Weg wird daher für die meisten an einer zusätzlichen privaten Altersvorsorge vorbeiführen. Für junge Juristen folgt daraus zweierlei: Zum einen können sich aus diesem Trend interessante berufliche Tätigkeitsfelder ergeben: Wem es liegt, seine Klientel von den Vorzügen von Lebensversicherungen, Fondsparplänen und dergleichen zu überzeugen, der kann z. B. auf Provisionsbasis bei einem Finanzdienstleister einsteigen. Manche Kollegen sollen schon jetzt davon leben können. Zum anderen macht sich der junge Jurist aber auch Gedanken über die Absicherung der eigenen Zukunft.

Als Anwalt auf der sicheren Seite?
Noch bis vor kurzem galt als bombensicherer Geheimtipp zur sicheren Rente die Zulassung als Rechtsanwalt. Raus aus der staatlichen Rentenversicherung, rein ins Rechtsanwaltsversorgungswerk – und die Zukunft schien in trockenen Tüchern: Die alten Anwälte, hieß es, seien oft bis ins hohe Alter im Geschäft und nähmen das Versorgungswerk daher nicht in Anspruch, genug junge Kollegen strömten nach und zahlten ein. Ergo: volle Kassen und sichere Altersbezüge. Inzwischen hat sich aber Skepsis breitgemacht. Diskutiert wird nämlich eine jährliche Nachweispflicht aller Rechtsanwälte hinsichtlich ihrer beruflichen Weiterbildung. Die dadurch drohende Kostenlawine, die die Vorteile bei der Altersvorsorge rasch konterkarieren würde, lässt bereits viele “Nebenheranwälte” erzittern. Darüber hinaus ist für die Zukunft eine strikte Zulassungsbeschränkung für junge Anwälte im Gespräch. Das aber würde bedeuten: Wenn die quantitativ riesige Gruppe der in den letzten zwanzig Jahren neu zugelassenen Anwälte ins Rentenalter kommt, aus ihr dann nur die wenigsten ihre berufliche Tätigkeit im Alter fortsetzen und die Lebenserwartung weiter steigt, steht diesen Leistungsbeziehern eine zahlenmäßig recht beschränkte Gruppe an Beitragszahlern gegenüber. Die Überschüsse im Anwaltsversorgungswerk wären schnell verbraucht und die sichere Rente nur noch eine Fata Morgana.

Renditen rar gesät
Es hilft also alles nichts. Auch die jungen Juristen müssen, sofern sie sich nicht auf die Hartz IV-Schiene begeben wollen (dort lohnt sich alles Sparen nur noch begrenzt) Geld beiseite legen und attraktive Renditen suchen, auf dass sich das Kapital munter vermehre – so wenig es anfangs auch sein mag. Wohlan denn, beim Finanzberater des Vertrauens warten “Finanzprodukte” für jeden Anlegertyp, die nur eines gemeinsam haben: ihre äußerst magere Rendite knapp über der Inflationsrate. Der jährliche Garantiezins für Lebensversicherungen, der zuletzt Anfang 2004 auf 2,75 % gesenkt worden war, soll wegen niedriger Erträge auf dem Anleihenmarkt ab 2007 noch einmal auf 2,25 oder gar 2,00 % reduziert werden (SZ vom 16.9.05, S.34). Die Sparpläne der Banken sind meist noch jämmerlicher. Und die so genannten Mischfonds aus Sparzinsen, Renten, Immobilienanteilen und/oder Aktien, auf deren Auswahl der Kunde keinen Einfluss hat, kombinieren einen nach Abzug der Fondmanagementgebühren bestenfalls bescheidenen Gewinn mit dem zum Teil beachtlichen Risiko, gar keinen solchen zu erzielen. Wer hingegen ein Fondprodukt erwirbt, bei dem er am Ende garantiert seinen Einsatz zurückerhält, begibt sich bei der Rendite rasch wieder auf Sparbuchniveau. Wirklich geholfen ist mit all dem nur den Vermittlern, die damit ihre Provision verdienen. Doch genau diese Anlageformen sind es, die mit einem heute noch moderaten, bald aber schon ganz ansehnlichen jährlichen staatlichen Zuschuss (“Riester-Rente”) gefördert werden. Das freut die Finanzbranche und dämpft ein wenig den Verdruss der Vorsorgewilligen.

Wer nicht wagt …
Auf deutlich höhere Erträge kann im Zeitalter historisch niedriger Zinsen nur hoffen, wer den Mut aufbringt (und den Kraft- und Zeitaufwand nicht scheut), ein zumindest scheinbar höheres Risiko einzugehen und sich getreu dem Motto Immanuel Kants seines eigenen Verstandes zu bedienen. Die Weltwirtschaft wächst kontinuierlich und mit ihr die international aufgestellten heimischen Unternehmen längst nicht nur der ersten Reihe. Untersuchungen unabhängiger Institute zeigen, dass Aktien in den vergangenen Jahrzehnten, ja Jahrhunderten jährliche Zuwachsraten von durchschnittlich über 10 %  erzielten, was keine andere Anlageform erreicht hat. Zwar muss dies nicht bis in alle Ewigkeit gelten, doch verspricht der Prozess der fortschreitenden Globalisierung genug Wachstum und Unternehmensgewinne, um auch in absehbarer Zeit die Kurse beflügeln zu können. Und ein Crash, der Schrecken jedes Anlegers, wie er alle paar Jahrzehnte einmal eintreten und im Extremfall zu Totalverlusten führen kann (häufig nach Phasen heftiger Übertreibungen), liegt gerade erst einige Jahre hinter uns. Kurzfristig birgt das ständige Auf und Ab für den Anleger also immense Risiken. Über längere Zeit betrachtet, zumal bei einem Anlagehorizont von 20 Jahren oder länger, überwiegen die Chancen die Risiken beträchtlich. Auch lässt sich – wenn es die Not gebietet – ein Einzelwert aus einem Aktien-Depot leichter zu Bargeld machen als sich ein Ausstieg aus komplizierten Sparplänen oder Lebensversicherungen bewerkstelligen ließe, ganz zu schweigen von der Veräußerung einer kreditfinanzierten Immobilie.

Aber Vorsicht!
Unverzichtbare Voraussetzung dafür, dass ein Aktienportfolio zur soliden Altersvorsorge und nicht zur unseriösen Zockerei wird, ist allerdings eine konsequente Streuung der Risiken durch die stetige Diversifizierung der Bestände. Als Einstieg eignen sich beispielsweise Indexzertifikate, die einem bestimmten Börsenindex nachgebildet sind, jedoch den Nachteil haben, dass dem Anleger die jährlichen Gewinnausschüttungen der gelisteten Unternehmen, d. h. die mitunter recht attraktiven Dividenden, durch die Lappen gehen. Mit den meisten der aktiv gemanagten Aktienfonds, für die regelmäßig hohe Gebühren fällig werden, können die deutlich kostengünstigeren Indexpapiere in der “Performance”, also der Wertentwicklung, allerdings ohne weiteres mithalten.
Schließlich sollte jeder, der seine Altersvorsorge selbst in die Hand nehmen will, noch bestimmte charakterliche Voraussetzungen mitbringen; zumindest aber sollte er bereit sein, sich diese mit der Zeit anzueignen. Ein notorischer Spielertyp, der zum “Alles oder nichts” tendiert, wird nur selten den langen Atem mitbringen, den es braucht, um an der Börse nachhaltig Gewinne zu erwirtschaften. Es dürfte sich mittlerweile herumgesprochen haben, mit welchem Körperteil dort das meiste Geld verdient wird. Was in Amerika oder England, wo die Mehrheit der Bevölkerung an den Kapitalmärkten investiert ist, als selbstverständlich gilt, muss im Shareholder-Entwicklungsland Deutschland erst noch gelernt werden: Mit äußerster Vorsicht und strenger Disziplin bei der Auswahl der Werte und dazu der nötigen Geduld lässt es sich – auch für junge Juristen – auf dem glatten Börsenparkett recht gut aushalten und sogar ganz ordentlich vorsorgen. Darüber hinaus haben Investments an der Börse noch einen interessanten Nebenaspekt: Sie sind der Bildung förderlich, denn der Anleger muss, um gegebenenfalls schnell reagieren zu können, über alle Belange der Weltwirtschaft und -politik nebst ihren kulturellen Hintergründen stets gut unterrichtet, d. h. im Bilde sein.