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Justament Dez. 2008: UFOs über Bielefeld

Best of Jurastudium, Teil 5

Thomas Claer

25 DRUM HERUM TC Ufos über Bielefeld

Der Autor, im Kampf mit der Olive (Foto: privat)

Es gibt im Menschenleben Augenblicke, in denen entscheidet sich das eigene Schicksal. Jetzt umkehren oder doch den eingeschlagenen Weg fortsetzen? Lieber ein Ende mit Schrecken oder besser Augen zu und durch? Diese Fragen stellen sich dann – und niemand nimmt sie einem ab.

Der Tiefpunkt
Es muss wohl im vierten oder fünften Semester gewesen sein und war der Tiefpunkt meiner juristischen Karriere. Niemals hätte ich geglaubt, durch eine Hausarbeit fallen zu können. Eine gewisse Rest-Arroganz aus gymnasialen Tagen hatte sich bei mir noch erhalten. Wer nicht ganz blöd ist und vernünftig arbeitet, der muss es doch irgendwie schaffen, nicht zu den dreißig oder vierzig Prozent Losern zu gehören, dachte ich, zumal es bei den kleinen Scheinen ja auch irgendwie geklappt hatte. Aber weit gefehlt! Diesmal waren es nicht einmal 15 Prozent der insgesamt vielleicht fünfhundert Teilnehmer, die das Klassenziel nicht erreicht hatten, und unter meiner großen Hausarbeit im Zivilrecht stand: mangelhaft (2 Punkte). Was es noch schlimmer machte: Ich hatte viereinhalb Wochen lang wirklich mein Bestes gegeben. Da tröstete es wenig, dass zwei Kommilitonen aus meiner Lerngruppe, in der wir uns nach langer Diskussion auf einen gemeinsamen Lösungsweg geeinigt hatten, das gleiche Schicksal ereilt hatte. Genau genommen waren es jene beiden, die wie ich zur ersten Hälfte der zweigeteilten Übung (Nachnamens-Buchstaben A-K) gehörten. Die beiden anderen Mitstreiter, die unter L-Z fielen, lagen mit jeweils 5 Punkten über dem Strich. Ich glaubte zuerst an ein Missverständnis, was sich doch sicherlich noch irgendwie aufklären lassen würde. In der Fallbesprechung vor Rückgabe der Arbeiten hatten wir doch alle mit großer Befriedigung festgestellt, im Ergebnis exakt die Musterlösung des Falles getroffen zu haben. Doch stand unter meiner Arbeit (wie unter denen meiner Leidensgenossen) etwas von schwerwiegenden Mängeln im Aufbau. Tatsächlich, die Punkte drei und vier der Prüfung des entscheidenden Anspruchs – es war irgendwas mit einer Hypothek – hatten wir andersherum bearbeitet, als es in der offiziellen Musterlösung stand. Aber unser Prüfungsschema hatten wir uns doch nicht ausgedacht, sondern auch nur irgendwo angelesen! Noch am selben Abend schrieb ich, wie meine zwei unglücklichen Mitstreiter, ein ausführlich begründetes Bittgesuch an den Dozenten, der für die Buchstaben A-K verantwortlich war. Mit dieser Methode hatte ich früher bei einer “kleinen” BGB-Klausur schon einmal Erfolg gehabt. Doch nach einer Woche kam das niederschmetternde Ergebnis: Es bleibe dabei wegen schwerer Mängel im Aufbau. Unsere Prüfung sei unlogisch. Fand ich nicht, aber das half ja nun auch nicht mehr.

Die Zweifel
Bevor ich mir den neuen Sachverhalt für die Wiederholer abholte, kamen mir sehr grundsätzliche Zweifel, ob ich mir das überhaupt noch antun sollte. Ich war auch einfach wütend. Was ist das für eine merkwürdige Wissenschaft, fragte ich mich, für die man wegen einer blöden Abweichung vom Schema F mehrere Wochen umsonst gearbeitet hat? Damals kam es mir noch nicht in den Sinn, dass es sich bei der juristischen Ausbildung auch um ein mentales Training handeln könnte, um die Vermittlung von Härte im Nehmen, von Steher- und Wiederaufsteher-Qualitäten. Das Jurastudium, so sehe ich es heute, lehrt einen, die Kontingenz und Absurdität der Welt zu ertragen. Wer sich von solchen Dingen (die wohl jeder Jurist in ähnlicher oder schlimmerer Form schon erlebt haben wird) nicht entmutigen lässt, wer da durchkommt, den wirft so schnell nichts mehr um. Dass aber das Studium der Rechte, wie böse Zungen sagen, den Charakter verdirbt, dass es egoistisch und verschlagen mache, wer wollte da widersprechen? Schon weil niemals alle bestehen können und es immer Lerngruppen gibt, die anderen deshalb wichtige Informationen vorenthalten und die entscheidenden Bücher in der Bibliothek verstecken oder wichtige Seiten herausreißen. Und dann werden die jeweils hübschesten Mädchen zum Spionieren in die anderen Gruppen geschickt. Perfide! Zum Intriganten wird man im Jurastudium also auch ausgebildet.

Schade um die schönen Scheine
Ich glaube, ich fand es letztlich nur schade und verschwenderisch, meine bereits erworbenen Scheine einfach verfallen zu lassen. Viele andere Semester-Kollegen, mit denen wir das Studium begonnen hatten, waren schließlich schon auf der Strecke geblieben. Nur deshalb machte ich wohl damals überhaupt noch weiter.
Die Nachschreibe-Arbeit schrieben wir also zu dritt, parallel zu den regulären Lehrveranstaltungen. Verbunden mit dem ständigen Gedanken, sich keinen weiteren Fehltritt mehr erlauben zu können, brachte mich das am Abend vor dem Abgabetermin in einen Zustand völliger Erschöpfung. Und auf dem Weg von der Bibliothek ins Wohnheim, es war ein Uhr nachts (In Bielefeld sind die Öffnungszeiten vorbildlich extensiv!), da bemerkte ich am Himmel drei kleine Lichtpunkte, die sich in Zickzacklinien bewegten. War es eine Sinnestäuschung infolge der Überanstrengung oder eher eine Spätfolge meiner ausgiebigen Lektüre der Bücher des Erich von Däniken in Teenagertagen? Ich weiß es bis heute nicht mit Bestimmtheit zu sagen. Schnell ging ich ins Wohnheim und schlief sofort ein. In der Hausarbeit bekam ich 10 Punkte. Es gibt eben Dinge zwischen Himmel und Erde, die gibt’s gar nicht.

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Justament Dez. 2007: Wem gehört der Mond?

Best of Jurastudium, Teil 1

Thomas Claer

Der Autor, nostalgisch beim Bier (Foto: privat)

Wenn die Tage immer kürzer werden, der Weihnachtsterror beginnt und auch das Staatsexamen bald schon wieder ein Jahr länger zurückliegt, kommen einem schon mal komische Gedanken. Wie wäre es, denkt man bei sich, da noch einmal hinzugehen? In die Uni, an den Ort, der einem so viel Pein bereitet hat, sich dort neben die schwitzenden Massen in eine Klausur zu setzen, es richtig krachen zu lassen und am Ende zu triumphieren: Ihr könnt mich alle mal! Hier sind alle meine Scheine und Abschlüsse!
Doch anders als seinerzeit die Monokel tragenden Honoratioren in der “Feuerzangenbowle” wird man damit heute wohl niemanden mehr in ehrfürchtiges Erstaunen versetzen können. Nach dem Staatsexamen ist es mit dem Darwinismus nicht zu Ende, sondern er geht für die meisten nur in eine neue Runde, ohne dass ein Ende abzusehen wäre. Und dennoch können – über die Jahre – selbst die eher bedrückenden Erinnerungen eine nostalgische Dimension gewinnen.

“Dann fresse ich Sie!”
Ö. war von allen gefürchtet. Im dritten Semester hörten wir bei ihm Sachenrecht. Er hatte die Angewohnheit, seine Vorlesung als Frage-Antwort-Spiel mit seinem Auditorium zu gestalten. Doch blieb er nicht, wie etwa sein Kollege, der freundliche S., an seinem Pult stehen und befragte nur die ersten Reihen. Ö. spazierte unablässig zwischen seinen Zuhörern entlang und jeden konnte es irgendwann treffen. Den Stoff, den sich manch einer von ihm zu erfahren erhofft haben mochte, setzte er zumindest in Grundzügen als bekannt voraus. Seine Zuhörer sollten in seinen Veranstaltungen gut präpariert erscheinen oder gar nicht. Wurde man nach etwas gefragt und gab zu, keine Antwort zu wissen, herrschte er den betreffenden an: “Was heißt das, sie wissen es nicht? Warum wissen sie es nicht? Was machen Sie überhaupt hier? Gehen Sie nach Hause und lesen Sie das Lehrbuch!” Nach einigen Wochen waren die Reihen dann auch schon merklich gelichtet. Aber es war eben erst das dritte Semester! Das Selbstbewusstsein, die Frechheit, sich alles einfach autodidaktisch beizubringen, hatten damals nur die ganz coolen Hunde. Und so kamen wir weiter zu Ö, registrierten aber beunruhigt, dass mit jeder weiteren Reduktion der Teilnehmerzahl das Risiko, im Fragespiel an die Reihe zu kommen, bedrohlich stieg. Und bei dem Tempo, das der sich mikrofonbewaffnet durch unsere Reihen quetschende Ö. in seinem Frage-Stakkato vorlegte, kamen pro Sitzung gut und gerne hundert Unglückliche in die Bredouille, ihm Rede und Antwort stehen zu müssen. Nur gut, dachten wir, dass er dann und wann auch mal lange Monologe hält, die für ein wenig Entspannung sorgen.
Nun fand die Vorlesung aber nicht in irgendeinem kleinen Hörsaal, sondern im riesigen Audimax statt, das in den hintersten Reihen, wo man schon fast mit dem Kopf an die Decke stieß, recht dunkel und schwer einsehbar war. Hier war ein gutes Versteck, um Ö. hören und sehen, sich aber gleichzeitig vor ihm verbergen zu können. Doch diesen scheinbar rettenden Gedanken hatten einfach zu viele. Ö. musste die verräterisch volle Besetzung der hinteren Reihen irgendwann bemerken. Und so kam es auch. Als er uns erspäht hatte, schritt er maliziös lächelnd die Treppen nach oben. Doch dann konnte er plötzlich nicht mehr weiter. Sein Mikrofonkabel war zu kurz. Große Heiterkeit im Saal. Ö. ballte die Faust und rief uns zu: “Fühlen sie sich dort oben nur nicht zu sicher! Für das nächste Mal besorge ich mir ein längeres Kabel – und dann fresse ich sie!”

Reden, reden, reden
Wenn ich mich recht erinnere, mied ich fortan Ö’s Vorlesungen. Irgendwie auch schade, denke ich aus heutiger Sicht. Denn es war nicht alles schlecht bei Ö. (Wobei man das heute auch oft über die DDR hört.) Ö hatte durchaus Witz. Auf die Frage, warum er denn keine Handzettel mit dem Inhalt seiner Vorlesung verteile, meinte er, um all das, was er uns erzähle, zu Papier zu bringen, müssten ganze Wälder gerodet werden. Und er erklärte auch einmal, warum er uns ständig so viel fragte. Er wolle uns zum Reden bringen. Denn das Handwerkszeug des Juristen sei nun einmal die Sprache. Ein sprachloser Jurist sei einfach nur ein Unding. Und daher müsse doch jeder in der Lage sein, auf jede Frage irgendetwas Vernünftiges zu sagen.
Daraus entwickelten einige ganz gewitzte Kommilitonen eine Strategie, mit der man Ö.’s Fragen manchmal parieren konnte. Sie warfen einfach einen beliebigen Paragraphen des BGB in den Raum, möglichst einen sachenrechtlichen oder einen aus dem Allgemeinen Teil. Und Ö ging darauf ein! Er war dann verdutzt, aber er ging dem nach. Selbstverständlich hatte er alle über zweitausend Paragraphen des BGB im Kopf. “Na, das ist doch jetzt aber ziemlich weit hergeholt”, hieß es dann, “aber immerhin eine Antwort. Fragen wir mal den Nachbarn…”

Wem gehört der Mond?
Nach etlichen Wochen Pause ließ ich mich von einigen mutigen Kommilitonen überreden, doch einmal wieder mitzukommen zu Ö., so schlimm sei er doch gar nicht. Ich ging darauf ein. Und es kam, wie es kommen musste. Ö war schon bei den Grenzbereichen des Sachenrechts angelangt und debattierte knifflige Spezialprobleme. Und dann fragte er: “Wem gehört der Mond?” und zeigte mit seinem Finger genau auf mich. Zum Glück präzisierte er seine Frage sogleich noch etwas: “Gehört den Amerikanern der Mond?” “Auf keinen Fall!”, platzte es laut aus mir heraus. Heiterkeit im Saal. Ich schob dann sogar noch eine improvisierte Betrachtung über die Nichtanwendbarkeit des irdischen Sachenrechts auf extraterrestrische Objekte nach, die Ö. nur mit einem “Hmm” quittierte und sein nächstes Opfer suchte.
Dann hatte ich lange Zeit nichts mehr mit Ö. zu tun. Doch was für eine Genugtuung, Jahre später die Promotionsurkunde entgegenzunehmen – unterzeichnet ausgerechnet von Ö., der just in jenem Semester turnusmäßiger Dekan der Fakultät war.