Category Archives: Über Musik

www.justament.de, 27.11.2017: Röchel, grunz, kreisch!

Scheiben Spezial: Vor 25 Jahren erschien „Bone Machine“ von Tom Waits

Thomas Claer

Ein Vierteljahrhundert ist es nun schon her, dass “Bone Machine”, die wohl abgründigste, kaputteste und zugleich genialste aller Tom Waits-Platten das Licht der Welt erblickte. Auf mich machte dieses Album, damals mit Anfang zwanzig, einen tiefen unauslöschlichen Eindruck. Und das lag nicht nur an der in jungen Jahren – auch bei mir – besonders ausgeprägten Begeisterungsfähigkeit. Gewiss, hätte ich damals schon das ganze Frühwerk dieses Meisters der schrägen Klänge gekannt, dann wären mir gewisse Wiederholungen, zumal bei den langsameren Stücken am Piano, nicht entgangen. Doch hätte wohl auch dies meinen Enthusiasmus kaum getrübt. Natürlich war es ein Glücksfall, Tom Waits gerade mit dieser Platte für mich entdeckt zu haben…

Im Sommer 1993, dem letzten vor Beginn meines Jura-Studiums, reiste ich mit meinem Freund A drei Wochen lang durch Frankreich. Schließlich hatten wir während unseres Zivildienstes ein Jahr lang an der Volkshochschule Französisch gelernt und brannten nun darauf, unsere frisch erworbenen Sprachkenntnisse an Ort und Stelle anwenden zu können. Wir reisten mit Interrail-Ticket, Zelt und Rucksack, das war ja klar. Wie uncool wäre das denn gewesen, sich etwa mit dem Rollkoffer auf die Reise zu machen? Mit der Hygiene nahm man es auf den Campingplätzen nicht sonderlich genau. Hätte ja auch ziemliche Umstände bereitet, sich ständig die schulterlangen Haare zu waschen. Am schönsten war es, keine Frage, in Frankreichs Süden, vor allem in der Provence mit ihren magischen Düften und Farben. Und so landeten wir eines Tages in der Jugendherberge der Stadt Nimes und trafen dort auf eine Gruppe junger Deutscher, mit denen wir den Abend verbrachten. Schnell freundete ich mich mit einem Geschichts-Studenten aus Cloppenburg an, und der legte dann irgendwann seine Tom-Waits-Kassette mit „Bone Machine“ in den dort herumstehenden Kassettenrekorder. Klänge solcher Art hatte ich noch nie zuvor gehört! Die Musik rumpelte, krachte, zischte und dröhnte, dass es eine Freude war. Und dann diese Stimme, die in einem fort röchelte, grunzte und kreischte. Während wir seine Kassette wieder und wieder abspielten, wohl den ganzen Abend lang, erzählte mir der Cloppenburger Geschichtsstudent alles, was er über Tom Waits wusste, und das war eine Menge. Bis tief in die Nacht fachsimpelten wir in der Gruppe über unsere jeweiligen Auffassungen von Pop-Musik…

Am nächsten Tag fuhren wir dann mit einem Kleinbus von der Jugendherberge zum nahe gelegenen Pont du Gare, jenem berühmten Aquädukt aus der Römerzeit. Und dort bin ich mit meinem Freund A oben auf dem Rand der mächtigen Wasserleitung, noch dazu bei stürmischen Winden, in mehr als 20 m Höhe über dem kaum Wasser führenden Fluss von der einen Seite bis zur anderen gelaufen, ohne jede Absicherung. Abends in der Jugendherberge erklärte man uns deshalb für lebensmüde, denn dort seien schon zahlreiche Touristen in die Tiefe gestürzt. Keiner, dem ich später von diesem Abenteuer berichtet habe, wollte es mir glauben, denn inzwischen ist am Pont du Gare längst alles abgesperrt und keine Überquerung mehr möglich…

Am Ende unserer Fahrt habe ich mich dann tatsächlich noch mit meinem Freund A zerstritten. Anlass war eine Ausgabe der Illustrierten BUNTE, die wir irgendwo an einem französischen Bahnhofskiosk erstanden hatten, mit sensationellen Paparazzi-Nacktfotos des Models Claudia Schiffer. Den Kaufpreis hatten wir uns, glaube ich, geteilt. Und nun wollten wir die delikaten Fotos unter uns aufteilen, um den für uns wertlosen Rest der Zeitschrift anschließend entsorgen zu können. Aber wer sollte welches Foto behalten dürfen? Weder A noch ich wollte auf das größte und in unseren Augen schönste dieser Bilder verzichten, auch wenn man zum Ausgleich alle anderen Fotos, und es gab noch einige weitere im Journal, hätte behalten können. Damals ahnten wir noch nichts von der unmittelbar bevorstehenden Erfindung des Internets, das solche Streitereien schon wenige Jahre später hinfällig werden ließ…

Bald nach dem Urlaub kaufte ich mir die Tom Waits-Platte „Bone Machine“, den Soundtrack unserer Reise, natürlich auf Vinyl. Und die aufgenommene Kassette mit dieser Musik lief bei mir dann in den folgenden Jahren recht häufig im Studentenwohnheim. Sollte ich jemals ein Testament verfassen, dieser Gedanke kam mir wohl schon damals in den unteren Semestern, dann werde ich darin den Wunsch äußern, dass der Song „Dirt in the Ground“, das zweite Stück von „Bone Machine“, auf meiner Beerdigung gespielt wird. Aber unbedingt auf einem möglichst schäbigen Mono-Kassettenrekorder. „Cause we ´re all gonna be just dirt in the ground.“

Tom Waits
Bone Machine
Island Records 1992
ASIN: B001SXE0T0

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www.justament.de, 23.10.2017: Call it alte Liebe

Scheiben Spezial: Vor 30 Jahren erschien „One Second“ von YELLO

Thomas Claer

30 Jahre sind eine lange Zeit. Und was ist geblieben von der Musik, an der man sich damals als verwirrter Teenager so innbrünstig erfreut hat? Nun ja, nicht viel. Aber diese Platte, die jahrelang in meinem Plattenschrank stand, bis sie irgendwann in den Neunzigern einer, wie ich es seinerzeit nannte, „ästhetischen Säuberung“ meiner Tonträgersammlung zum Opfer fiel und nach reiflicher Überlegung im Second-Hand-Plattenladen verkauft wurde, diese Platte habe ich nun, nachdem ich sie gut und gerne zwei Jahrzehnte später auf YouTube wiederentdeckt und erstmals seitdem wieder von vorne bis hinten durchgehört habe, erneut ins Herz geschlossen. Es ist, als ob mit dieser Musik meine ganze Welt der späten Achtzigerjahre wiederauferstünde, das Lehrlingswohnheim an der Ostsee, das bald nach der Wende abgerissen wurde, in dem ich sie immer wieder auf dem Kassettenrecorder hörte.
„One Second“ ist die vielleicht rundeste und stimmigste aller YELLO-Platten, aber sie ist, wie ich nun feststelle, keineswegs so glatt und poppig wie ich es wohl angenommen haben muss, als ich sie damals in einem mir heute unerklärlichen Anflug von Rigorismus verkauft hatte. Hier sind die Schweizer Soundtüftler Boris Blank und Dieter Meier in Bestform. Zwei Jahre nach der Trennung von Gründungsmitglied Carlos Peron ist der YELLO-Sound noch längst nicht so verflacht, wie man es ihm später immer wieder und dann ja auch durchaus zutreffenderweise bescheinigt hat. Die beiden Anzug- und Schnurrbartträger präsentieren auf diesem Album ein buntes Sammelsurium aus allerlei Ethno-Sounds verschiedenster Provenienz, wobei der Schwerpunkt zumeist auf einer lateinamerikanisch anmutenden Percussion liegt. Allerhand gewöhnliche und ungewöhnliche Instrumente werden mit spielender Leichtigkeit ins elektronische YELLO-Klanguniversum integriert. Ebenso bunt und vielfältig sind die eingesetzten Gesangsstimmen. Zahlreiche prominente Gastmusiker von Billy Mackenzie („Moon on Ice“) bis Shirley Bassey (“The Rhythm Divine“) unterstützen Blank und Meier, noch dazu in verschiedenen Sprachen. Die „Hit-Singles“ dieses kommerziell gediegenen Albums waren das grandiose „Call it Love“ und „Goldrush“, zwei auch nach heutigen Maßstäben überragende Pop-Songs: Blanks fein dosiertes Pathos, ohne belanglos zu sein, im einen Falle, Meiers mitreißendes stimmliches Stakkato im anderen. Für mich öffnete „One Second“ vor 30 Jahren ein Fenster aus der kleinen, engen DDR in die große weite Welt.

YELLO
One Second
Mercury 1987

www.justament.de, 18.9.2017: Echo der Vergangenheit

Scheiben Spezial: Achim Reichel lässt “A.R. & Machines“, sein psychedelisches Krautrock-Experiment aus den frühen Siebzigern, wieder auferstehen – in der Elbphilharmonie!

Thomas Claer

Achim Reichel 1971 (Foto: Wikipedia)

Es ist unglaublich. Lange hatte Achim Reichel, heute 73, mit dieser Idee kokettiert, aber dabei war es dann auch geblieben. Zu verwegen erschien die Option, hier noch einmal ranzugehen. „Man soll nie nie sagen“, erklärte der Beat-Veteran schon in den Neunzigern, als er gefragt wurde, ob Konzerte mit der Musik von „A.R. & Machines“ für ihn irgendwann wieder ein Thema sein könnten. Doch er wolle eben auch nicht am Ende als Spinner dastehen. Nach einem gewaltigen kommerziellen Flop war die Restauflage der zwischen 1971 und 1975 aufgenommenen sechs Alben jener obskuren meditativen Rockmusik eingestampft worden – um nach zwei Jahrzehnten eine spektakuläre Wiederentdeckung zu erleben. Plötzlich erfuhren Platten wie „Die grüne Reise“, „Echo“ und „Erholung“ in Kennerkreisen eine regelrecht kultische Verehrung. Hinzu kam, dass die geringe Zahl der übriggebliebenen Vinyl-Exemplare aus jener Zeit nun zu horrenden Sammlerpreisen ihre Besitzer wechselten, bis endlich Neuauflagen auf CD den Knappheits-Druck etwas minderten. Auch erfreute sich diese Musik mittlerweile einer ungeahnten Beliebtheit bei Trance- und Goa-Veranstaltungen. Dennoch blieb die Zahl ihrer Anhänger überschaubar, so dass sie bei allen Achim Reichel-Jubiläums- und Rückblicks-Konzerten der folgenden Jahre ausgespart blieb.

Achim Reichel 2017

Und nun das! Die mit jahrelanger Verspätung endlich eröffnete Hamburger Elbphilharmonie macht`s möglich. Durch seine begrenzte Zuschauerzahl und die einzigartige Akustik ist dieser Ort wie geschaffen für diese ihrer Natur nach wilde Session-Musik voller Improvisationen. Nur sind inzwischen leider nicht mehr viele von Achim Reichels einstigen Mitstreitern bei den „Machines“ am Leben. Immerhin Olaf Casalich, der legendäre Drummer und Percussionist, auch bekannt als Gründer und Kopf der Minne-Rockband Ougenweide, ist dabei. Und ein paar nachgeborene Brüder im Geiste. Am vergangenen Freitag hatten „A.R. & Machines“ einen triumphalen Auftritt im neuen Klangtempel an der Waterkant. Gut Ding will nun einmal Weile haben. Und last not least: Am 27.10.2017 erscheint „The Art Of German Psychedelic (1970-74)“, ein 10-CD-Set mit 96-seitigem Begleitbuch über die A.R. & Machines Story. Wir sind gespannt.

www.justament.de, 21.8.2017: 33 Jahre bei der Stange

Nick Cave & the Bad Seeds in einer ultimativen Werkschau

Thomas Claer

Wieder eine Best of-Compilation von Nick Cave & the Bad Seeds, immerhin fast zwei Jahrzehnte nach der ersten von 1998. Und wie immer in solchen Fällen gehen die Meinungen bei Fans und wohlwollenden Beobachtern auseinander. „Muss das sein?“, fragen die einen empört und wittern nun aber wirklich den kommerziellen Ausverkauf. „Doch, das ist schon in Ordnung“, beschwichtigen die anderen – und sie könnten diesmal recht haben. Denn Nick Cave hatte in all den Jahren seit seinem ersten „Solo-Album“ „From her to Eternety“ (1984), seine frühere Band „Birthday Party“ (1980-1983) und seine Nebenbei-Band „Grinderman“ (2007-2011) noch gar nicht mitgerechnet, einen enormen künstlerischen Output, bei dem man erstens schon mal den Überblick verlieren konnte, der zweitens – so viel Kritik am Meister sei hier erlaubt – von unterschiedlicher Qualität war. Und drittens ist diese aktuelle Zusammenstellung so opulent und treffsicher geraten (die Musiker selbst und nicht irgendwelche Heinis von der Plattenfirma haben sie zusammengestellt), und das zu einem mehr als vertretbaren Preis von 22 Euro für 45 Songs auf drei CDs plus einer DVD mit seltenen Live-Auftritten und Interviews plus einem Buch – nein, da kann man wirklich nichts sagen. Außer vielleicht doch noch zu bemängeln, dass ein besonders großartiger Song hier leider fehlt: „Henry Lee“ – das Duett mit P.J. Harvey von 1995. Aber es mag dafür Gründe geben, die wir nicht kennen und gegebenenfalls respektieren müssen. Es ist ja längst kein Geheimnis mehr, dass Nick und die wunderbare P.J. damals eine Zeit lang ein Paar waren…
Stark vereinfacht lassen sich drei Schaffensperioden von Nick Cave & the Bad Seeds unterscheiden, die nicht ganz den drei CDs dieser Zusammenstellung entsprechen: Die erste Phase war die im (West-)Berliner Underground der 80er und frühen 90er Jahre (zu jener Zeit als auch noch die „Einstürzenden Neubauten“ ein ganz heißer Act waren, deren Frontmann Blixa Bargeld bei den „Bad Seeds“ noch bis vor wenigen Jahren Gitarre spielte. Zum Ende hin gab es aber auch schon damals sehr poppige Ausflüge wie das Album „The Good Son“. („Das war aber noch auf der richtigen Seite“, sagte seinerzeit mein AG-Kollege im Referendariat über diese Platte.) Dann kam 1995 gewissermaßen der kommerzielle Durchbruch in den Mainstream-Pop: das Duett mit Kylie Minogue, angesichts dessen einige Nick-Cave-Fans der ersten Stunde noch heute mit den Zähnen fletschen. „Nick Cave von Kylie in die Charts geküsst“ titelte damals eine bekannte Musikzeitschrift. Und doch, es war ein großartiger Song! Danach fiel aber das Niveau der Nick Cave-Produktionen etwas ab, nicht generell und nicht durchgängig zwar, aber es wechselten sich Höhepunkte und ziemliche Durchhänger ab – bis es dann vor einem Jahrzehnt eine Art „Back tot he roots“-Wende gab. Mit seinem schon erwähnten Nebenprojekt Grinderman, an dem kurioserweise auch nahezu alle „Bad Seeds“-Musiker beteiligt waren, ließ es Nick Cave nach zuvor regelrecht ausufernder Seichtigkeit endlich wieder garagenrockmäßig krachen, und das gab offensichtlich auch den „Bad Seeds“ wieder etwas vom alten Schwung zurück. Vor allem aber gelang ihnen schließlich mit “Push The Sky Away” ein stilles und doch äußerst melodisch komponiertes Album, das in seiner grandiosen Stimmigkeit sozusagen den Spätruhm dieser Band begründete.

Wer Nick Cave & the Bad Seeds schon immer mal kennenlernen wollte, findet hier eine vortreffliche Gelegenheit. Na gut, man kann sich natürlich auch einfach durch YouTube klicken. Aber mit dieser schönen Box kommt zumindest noch eine sinnlich-haptische Komponente hinzu. Und die langjährigen Fans können sich über die eine oder andere veränderte Nuance durch neue Abmischungstechnik freuen – und natürlich über die Raritäten auf der DVD sowie über das Buch. Immerhin. Das Urteil lautet: gut (15 Punkte).

Nick Cave & the Bad Seeds
Love Creatures – The Best of
Deluxe Edition 3CDs, 1 DVD + Buch Box-Set
Mute (Warner) 2017
21,99 EUR (zur Zeit bei Amazon)
ASIN: B06XFQY4DP

www.justament.de, 17.7.2017: Geniale Rumpel-Kapelle

„Der Traum vom Anderssein“, die 13. Platte der Alt-West-Berliner Underground-Combo „Mutter“

Thomas Claer

„Ein Kommentar von Sekundo auf spiegel.de. Soeben habe ich ‚Wer hat schon Lust, so zu leben‘ bei youtube über mich ergehen lassen. Ich bin studierter Musiker und entsetzt über eine derartig üble Combo, bei der nichts (in Buchstaben NIX) stimmt!! Verstimmte Gitarren, Temposchwankungen, ein “Sänger” der nicht singt, ein Trommler mit rhythmischen Fragezeichen, ein Gesamtsound, der nach Rausschmiss schreit. Dass diese Rumpel-Kapelle tatsächlich 50 Leute in ein Konzert lockt grenzt an ein Wunder. Und jeder, der diese Band lobt, outet sich als unseriös und inkompetent! Diese furchtbaren Dilettanten als “künstlerisch eigensinnig” zu bezeichnen ist bizarr bis unverschämt.“

Dieses Zitat schmückt die Homepage der Band „Mutter“. Und, hat dieser erboste strenge Musik-Experte denn nicht Recht? Doch, natürlich, aber das ist es ja gerade. „Mutter“ – das ist nicht feine, in sich stimmige Akkuratesse, sondern rohe Urgewalt. Manchmal brachial, meistens schwer und langsam, immer irgendwie bedrohlich. Oder sagen wir: fast immer. Schließlich stehen sie auch für Unberechenbarkeit: Ihr meistverkauftes Album „Hauptsache Musik“ aus den Neunzigern enthält völlig mutteruntypische Folk-Songs. Und zu „Mutters“ Geniestreichen zählt auch eine Fritz-Lang-Stummfilm-Vertonung („Der müde Tod“ von 1921). „Mutter“ schaffen Atmosphäre – und sperrige deutschsprachige Texte, die ihnen einen dauerhaften Ehrenplatz in der Welt des Diskurs-Pops eingebracht haben. (Ihr Debüt-Album trägt den vielsagenden Titel: „Ich schäme mich Gedanken zu haben, die andere Menschen in ihrer Würde verletzen“)
Tief verwurzelt in der Westberliner Gegenkultur der Achtzigerjahre – Band-Leader Max Müller gehörte sogar zur Urbesetzung der legendären „Tödlichen Doris“ um seinen Bruder Wolfgang Müller – haben sie sich ihre Eigenartigkeit über zahlreiche Alben bis heute bewahrt. Den Beweis dafür liefert einmal mehr ihre neue Platte, es ist die inzwischen 13., „Der Traum vom Anderssein“. Sie ist musikalisch recht abwechslungsreich geraten, sehr rockige und manchmal sogar schnelle Stücke („Glauben nicht wissen“) kontrastieren mit einigen überraschend sanften Darbietungen („So bist Du“). Und die Songtitel wie auch Max Müllers gleichsam aus sich herausgeschleuderte Textfetzen („Menschen werden alt und dann sterben sie“) laden ein zu immer neuen Assoziationen. Diese Band lebt ihn, den „Traum vom Anderssein“, vom Anderssein als all die glattgebügelten Mainstream-Kollegen insbesondere. Alles in allem also wieder ein erfreulich unverkennbares „Mutter“-Album. Das Urteil lautet: voll befriedigend (11 Punkte).

Mutter
Der Traum vom Anderssein
DEG 2017
€ 21,90 (Vinyl) bzw. 17,90 (CD) zzgl. Versandkosten bei Hanseplatte
http://muttermusik.de/

www.justament.de, 5.6.2017: 50 Jahre Pink Floyd-Platten

Scheiben vor Gericht Spezial. Ein persönlicher Rückblick

Thomas Claer

Als Kind in der DDR konnte man gar nicht anders, als den Sirenenklängen des westlichen Werbefernsehens zu erliegen. Wer in einer Welt des grauen Einerleis lebte, deren einzige Farbtupfer die roten Fahnen der hohlen Staatspropaganda waren, den mussten die kunterbunten (und ja auch oftmals wirklich originellen!) Reize der Reklamesendungen im öffentlich rechtlichen Westfernsehen schon äußerst entzücken. Und so ging es mir wie dem bildungsfernen, aber gewitzten Banlieue-Bewohner im Film „Ziemlich beste Freunde“: Ich lernte viele berühmte Melodien direkt aus dem Werbefernsehen kennen, von „Unwiderstehlich sind Schoko-Crossies“ bis zu „Komm doch mit auf den Underberg“. Besonders angetan hatte es mir aber eine Bier-Werbung, in der Bilder einer Grüne-Wiesen-Landschaft mit betörenden Sphären-Klänge unterlegt waren, deren anfangs sehr dezente Lautstärke sich ganz allmählich steigerte, bevor sich just im Moment des Öffnens der Bierflasche die aufgebaute Spannung mit einer schlichten, aber eindrucksvollen Melodie auf der E-Gitarre entlud. Damals wusste ich noch nicht, dass ich mich in einen Song von Pink Floyd verliebt hatte. Und es gab auch weit und breit niemanden, der mich darüber hätte aufklären können. (Einen Pink Floyd-begeisterten Mathematik-Lehrer, wie ich ihn später in Bremen bekommen sollte, hat es wahrscheinlich in der ganzen DDR nicht gegeben.)
Ein paar Monate später war ich im Westen. Zu den schönsten Momenten meiner sonntäglichen Flohmarktbesuche auf der Bremer Bürgerweide gehörte dann jener, als ich dort am Stand eines Schallplattenhändlers ausgerechnet meinen Lieblingssong aus der Jever-Werbung auf dem Plattenteller knistern hörte: „Shine on You Crazy Diamond“ von Pink Floyd, vom Album „Wish You Were Here“ aus dem Jahr 1975. Es euphorisierte mich ungemein, diese grandiose Platte mit dem Shakehands zwischen zwei Anzugträgern auf dem Cover, von denen der eine gerade dabei ist, in Flammen aufzugehen, für ein paar müde Mark mit nach Hause nehmen zu können. Später legte ich mir dann noch weitere Pink-Floyd-Scheiben zu, die bis heute einen Ehrenplatz in meiner Schallplattensammlung einnehmen. Erst vor zwei Jahren haben sich Pink Floyd nach unzähligen Streitereien zwischen den verbliebenen Bandmitgliedern offiziell aufgelöst. Vor 50 Jahren ist ihre erste Platte erschienen.

www.justament.de, 24.4.2017: She Sneaked Around the Corner

Scheiben vor Gericht Spezial: Vor 30 Jahren erschien das Debut-Album der Rainbirds

Thomas Claer

Wohl schon unzählige Prominente haben sie mit strahlenden Augen erzählt: die Geschichte vom Kauf ihrer ersten, ihrer allerersten Schallplatte. Meist werden dann regelrechte Erweckungserlebnisse zum Besten gegeben. Doch ich würde da nicht mitmachen. Selbst wenn ich prominent wäre und man mich dazu befragte, würde ich auf diese Frage lieber die Antwort verweigern, weil mir sonst die Schamesröte ins Gesicht stiege. Was kann denn ich dafür, dass ich damals, als Jugendlicher im Osten, keinen besseren Musikgeschmack hatte. Die DDR-Musik war (das sehe ich auch heute noch so) weitgehend schrottig. Und was aus dem Westen kam, empfand man da schon durch die Bank als erstklassig, auch wenn es das rückblickend keineswegs immer gewesen ist. Mein ganzer Stolz waren damals meine mehr als zehn West-Platten aus dem Intershop. Das waren diese diskreten Läden ohne Schaufenster, wo man mitten in der DDR Westwaren für Westgeld kaufen konnte, das einem die Westverwandten und –bekannten bei ihren Besuchen geschenkt hatten. Die Intershops waren die absoluten Lieblingsorte meiner Kindheit. Hinter der tristen grauen Eingangstür verbarg sich nämlich ein quietschbuntes Paralleluniversum, in dem all die schönen Dinge offeriert wurden, die es sonst nur im ARD- und ZDF-Werbefernsehen zu bestaunen gab. Matchboxautos, Schokoriegel, Seife in farbenfrohen Pappschachteln, Kinder-Überraschung und Huba-Buba. Und alles roch so unverschämt gut nach Kaffee, Chemie und Kaugummi. So musste der Westen riechen! Als ich dann älter wurde und vom Westbesuch auch schon mal 10 oder 20 Westmark zugesteckt bekam, investierte ich diese also irgendwann in echte West-Schallplatten aus dem Intershop. Zwar gab es dort nie eine große Auswahl, doch es war immer etwas dabei, was ich unbedingt haben wollte – und wofür ich dann geduldig meine spärlichen Devisen sparte und bereitwillig auf all die anderen verlockenden Intershop-Waren wie Kaubonbons, Bananenmilchpulver und Schokolade verzichtete.

Heute allerdings besitze ich von meinen damaligen Schätzen gerade noch eine einzige Platte, nämlich jene, die allein in meinen Ohren auch nach dreißig Jahren noch als meisterhafte Musik erklingt: das selbstbetitelte Debutalbum einer damals jungen West-Berliner Band, benannt nach einem Song von Tom Waits, die es wirklich nur ganz aus Versehen in die Hitparaden und den Mainstream gespült hatte. Dabei ist es ein ziemlicher Unsinn, die Rainbirds, wie es so oft getan wird, als One-Hit-Wonder aufzufassen. Sie hatten seinerzeit neben ihrer Hitsingle „Blueprint“ noch eine ganze Reihe großartiger Songs: „Boy on the Beach“, „Seven Compartments“, „Apparantly“, „On the Balcony“… Auf ihrer ersten LP war beinahe jedes Lied phänomenal. Bandleaderin Katharina Franck hatte (und hat noch heute!) eine ganz ungewöhnliche, ungemein jazzige Stimme. Und ihr Songwriting ist überaus charakteristisch und einzigartig. Furioser Gitarrenrock trifft auf Kurt Weill-Harmonien trifft auf melancholische Entrücktheit. Wenn überhaupt, dann erinnern mich die ersten beiden Rainbirds-Platten an …oh ja, an Element of Crime. Ja, auch die zweite Platte „Call me Easy, Say I’m Strong, Love me my Way, it Ain’t Wrong“, die vor 28 Jahren erschien, war noch ziemlich toll. Dies war dann tatsächlich meine erste Platte, in meinem neuen Leben – im Westen! (Oder ist es doch „Bochum“ von Herbert Grönemeyer gewesen? Ich bin nicht mehr ganz sicher.) Jedenfalls erstand ich im Mai 1989 die nagelneue zweite Rainbirds-Scheibe für 13,99 DM im Plattenladen um die Ecke, nur um sie kurz darauf bei Karstadt zum Kampfpreis von 9,99 DM zu entdecken – eine meiner ersten praktischen Lektionen in Marktwirtschaft.

Leider zerbrach die Band am großen Erfolg ihrer ersten Jahre. Katharina Franck gründete in den frühen Neunzigern mit anderen Musikern und anderer stilistischer Ausrichtung eine Neuausgabe der Regenvögel, aber diese zündete nur noch bei wenigen Songs, etwa dem sehr eindringlichen „Two Faces“. Die folgenden Platten mit allerhand Experimenten bis hin zur Technolastigkeit konnten dann immer weniger überzeugen. Und doch waren auch diese Lieder allein schon durch Katharina Francks Stimme interessant. Ende der 90er war dann Schluss. Vor drei Jahren hat Katharina Franck noch einmal neue Versionen alter Rainbirds-Klassiker unter dem Namen „Yonder“ herausgebracht.

Während meines Studiums hing in meinem Zimmer im Studentenwohnheim ein Poster von den Rainbirds mit Katharina Franck in Großaufnahme. Mein Freund S. kommentierte dies einmal mit den Worten: “Mann, was hast du hier bloß für ‘ne hässliche Frau hängen!“ Wie mich das ärgerte! Und bei ihm im Zimmer hing Heidi Klum! So ein Blödmann, denke ich mir heute. Katharina Franck ist die Größte!

Rainbirds – Rainbirds
Audio CD
Mercury (Universal Music) 1987
ASIN: B00000E5LN

www.justament.de, 13.3.2017: Im Doppelpack

Phillip Boa and the Voodooclub bringen ihr neues Album „Fresco“ nur als Beimischung zur Best-of-Singles-Compilation „Blank Expression“ heraus

Thomas Claer

Fragwürdig, sehr fragwürdig, diese Veröffentlichungspolitik! Da erscheint „Fresco“, die neue Phillip Boa-Platte, lediglich als Zugabe in der „Deluxe Edition“ von „Blank Expression“, der inzwischen – je nach Zählweise – dritten oder vierten oder fünften Greatest Hits-Sammlung der einstigen Indie-Pioniere. Sollte das neue Werk so schwach sein, dass hier von einer selbständigen Veröffentlichung abgesehen und stattdessen nur zum wiederholten Male die gute alte Zeit beweihräuchert wird?
Hört man dann aber mal rein in diesen auch optisch und haptisch sehr ansprechenden Doppelpack, so ist man schnell wieder versöhnlich gestimmt. Nicht weniger als 19 Höhepunkte aus dreißig Jahren versammelt CD Nr. 1. Und besonders zu erwähnen ist dabei, dass so großartige Songs wie „Diana“, „Punch & Judy-Club“, „Faking to Blend in“ oder „Sunny When It Rains“, um nur einige zu nennen, gar keine Berücksichtigung fanden, ganz einfach, weil es mittlerweile längst so viele überragende Boa-Klassiker gibt, dass man leicht mehrere Best-of-CDs mit ihnen hätte füllen können. Besonders gefallen hat mir neben dem Albumtitel „Blank Expression“, der auf die erste frühe Boa-Compilation „Thirty Years of Blank Expression“ aus den Achtzigern anspielt, die noch wenig bekannte Akustik-Version von „Deep in Velvet“ mit Cello und Banjo vom wunderbaren „Reduced!“-Album von vor drei Jahren, das ich mir aus diesem Anlass dann auch endlich einmal zugelegt habe… Kurz, diese Sammlung dokumentiert den hohen Rang, den sich Phillip Boa & the Voodooclub über die Jahre erarbeitet haben, in denen sie auch nach manchem schwächeren Album, vor allem in den Neunzigern und Nullern, immer wieder zur alten Größe zurückgefunden haben. Bester Beweis für Letzteres ist der vorzügliche neue Song „Twisted Star“ von der beiliegenden Fresco-CD. Und obwohl man auf ihr weitere Kracher dieses Kalibers vergeblich sucht, muss sie sich insgesamt doch keineswegs verstecken. Mit ihren teils melancholischen und ruhigeren Stücken und ohne die sonst gelegentlichen bombastischen Verirrungen überzeugt sie mehr im Unspektakulären. Das Urteil lautet: gut (15 Punkte) für die Best-of-CD und voll befriedigend (10 Punkte) für Fresco.

Phillip Boa & the Voodooclub / Blank Expression: Deluxe Edition
Doppel-CD. Best of-Album + New Album
Vertigo Berlin (Universal Music) 2016
ASIN: B01KN53FOE

www.justament.de, 6.2.2017: Das tiefschwarze Album

Nick Cave auf „Skeleton Tree“

Thomas Claer

skeletonDer gute Nick Cave hat über die Jahre schon so manche Höhen und Tiefen durchschritten. Als die Platten seiner „Bad Seeds“ in den Nullerjahren immer langweiliger zu werden drohten, erfand er als Nebenprojekt kurzerhand „Grinderman“, eine Band, die letztlich auch nur aus Musikern der „Bad Seeds“ bestand, dafür aber einen infernalischen Garagenrock spielte, der an Nick Caves erste Band aus den frühen Achtzigern, die legendäre Birthday Party, erinnerte. Der herausragende Song der Grindermänner war der „No Pussy Blues“… Inzwischen ist dieses Kapitel aber längst schon wieder abgeschlossen. Nick Cave konzentriert sich voll und ganz auf seine „Bad Seeds“ und spielt mit ihnen langsamer, leiser und minimalistischer als jemals zuvor. Mit dem allerorts hochgelobten Vorgängeralbum „Push the Sky away“ (2013) hatte die düstere Combo einen unerwarteten Höhepunkt ihres Schaffens erreicht.
Nun also der Nachfolger „Skeleton Tree“, der sich in einem pechschwarzen Steckcover präsentiert. Unmöglich, dieser Platte gerecht zu werden, ohne den traurigen Hintergrund zu berücksichtigen: Nick Cave hat während der Aufnahmen seinen Sohn verloren, der tragisch verunglückt ist. Das ganze Album wirkt tieftraurig. Noch reduzierter geht es kaum. Ein einziges Jammern und Wehklagen mit karger instrumenteller Begleitung. Muss man oder kann das gut finden? Das wird wohl entscheidend von der Stimmungslage und der augenblicklichen Befindlichkeit des Hörers abhängen. Der Rezensent muss zugeben, diese CD beim ersten Hören (und auch noch beim zweiten und dritten) als etwas lahm empfunden zu haben. Später hingegen, in eher gedrückter Stimmung, hat er sie als durchaus beeindruckend wahrgenommen. Möge jeder selbst urteilen. Unser Votum jedenfalls lautet: voll befriedigend (10 Punkte).

Nick Cave and The Bad Seeds
Skeleton Tree
Bad Seed Ltd. 2016
ASIN: B01LW08ARQ

www.justament.de, 12.12.2016: Gelungene Synthese

Matthias Arfmann (Ex Kastrierte Philosophen) remixt klassische Ballett-Musik!

Thomas Claer

arfmannWenn Klassik und Popmusik gekreuzt werden, dann führt das meist zu schaurigen Ergebnissen. Anders war es allerdings vor elf Jahren, als „Recomposed“ von Matthias Arfmann erschien, der manchen Älteren von uns noch als Kopf der so legendären wie genialen Underground-Combo Kastrierte Philosophen (80er und frühe 90er Jahre) bekannt ist. Jener Arfmann also, laut Wikipedia geboren 1964 in Bremen, verschrieb sich nach der Auflösung der „Philosophen“ als Musiker und Produzent voll und ganz der Dub-Musik (elektronische Variante des Reggae) und lieferte auf „Recomposed“ (2005) sein Meisterstück ab, indem er Werke klassischer Komponisten völlig neu bearbeitete und mit elektronischen Beats unterlegte. Von Franz Schuberts „Unvollendeter“ bis zu Richard Wagners „Fliegendem Holländer“ , von Peter Tschaikowskis „Schwanensee“ bis zu Modest Mussorgskys „Bildern einer Ausstellung“ gelangen Arfmann auf „Recomposed“ ebenso gewagte wie gelungene Adaptionen. Den Vogel ab schoss er aber mit Bedrich Smetanas „Moldau“, das bei ihm eine ultra-chillige und unglaublich groovende Wiederauferstehung feierte.
Nun legt der umtriebige Hamburger nach siebenjähriger Vorarbeit also eine Fortsetzung vor, die sich ausschließlich Werken der Ballett-Musik widmet. Und auch diesmal kann sich das Ergebnis hören und sehen lassen. Zwar ist nicht jede Bearbeitung auf „Ballet Jeunesse“ gleichermaßen geglückt, doch ist es immer wieder verblüffend, welche ungeahnten Synthesen die alten Kompositionen, gespielt vom Deutschen Filmorchester Babelsberg, unter der Hand des Meisters und unterstützt von einer Hand voll musikalischer Begleiter, mit zeitgenössischen Klängen eingehen. Hervorzuheben ist neben Tschaikowskis „Nussknacker“, Chachaturians „Säbeltanz“ und Stravinskis „Feuervogel“ insbesondere „Romeo und Julia“ von Sergej Prokowjew, das sich mit spielender Leichtigkeit in seinen neuen musikalischen Rahmen einfügt und als Bonustrack sogar noch in einer – ebenfalls äußerst stimmigen – Rap-Version zu hören ist, die selbst einen entschiedenen Rap-Verächter wie den Rezensenten überzeugt. Am Ende gibt es dann zur Krönung noch Prokowjews „Peter und der Wolf“ – mit Jan Delay als Sprecher. (Arfmann war der Produzent seiner Alben mit den „Absoluten Beginnern“.) Das Urteil lautet: voll befriedigend (11 Punkte).

Matthias Arfmann presents
Ballet Jeunesse
Deutsche Grammophon GmbH / Universal 2016
ASIN: B01H74ZF3I