Category Archives: Über Musik

www.justament.de, 15.10.2018: Die elementare Berlin-Platte

Element Of Crime auf „Schafe, Monster und Mäuse“

Thomas Claer

Schon so manches Berlin-Album hat es in der Geschichte der Popmusik gegeben. „Berlin“ von Lou Reed ist vielleicht das berühmteste, von David Bowie gibt es aus den Siebzigern sogar eine „Berlin-Trilogie“. Nun haben also auch Element Of Crime ein solches Konzeptalbum herausgebracht, wenn auch – aus Gründen des für diese Band so typischen Understatements – ohne es entsprechend zu benennen. Doch verbirgt sich hinter dem harmlos klingenden „Schafe, Monster und Mäuse“ vor allem eine überschwängliche Hommage an unsere Hauptstadt: Zehn der zwölf Lieder auf dieser Platte enthalten mehr oder weniger eindeutige textliche Berlin-Bezüge; nur in „Immer noch Liebe in mir“ und „Stein, Schere, Papier“ fehlen solche.

Zwar haben vereinzelt auch schon frühere Songs der Elements explizit in Berlin gespielt, etwa „Jung und schön“ (1999) oder der U-Bahn-Song „Alle vier Minuten“ (2001), doch gleicht das neue Album nun beinahe einer musikalischen Stadtrundfahrt: Von der fröhlichen „Party am Schlesischen Tor“ (unter den Hochbahn-Gleisen!) geht es weiter zum „Prater in Prenzlauer Berg“. Das – wie so oft – liebesleidgequälte lyrische Ich geht bekümmert „den Kurfürstendamm entlang“, trauert still „Im Prinzenbad allein“ und sitzt nachts „in U-Bahn-Zügen, die nirgends halten und trotzdem nicht fahren“. „Der Wald vor deiner Haustür ist nur ein Friedrichshain“, “Auch im Halensee wohnt ein Meer“ und „eingeklemmt und blau“ fühlt man sich „Silvester am Brandenburger Tor“. Im Jahn-Sportpark wird gejoggt, hinterm KaDeWe hält ein LkW und im Grunewald ist Holzauktion. Schließlich liefert das auch von der musikalischen Umsetzung her sehr ansprechende „Nimm dir, was du willst“ eine Art universelle Gebrauchsanweisung für Berlin: „Karneval, FC Union, Ramadan und Hertha BSC“. Da ist für jeden was dabei, und jeder, wie er kann, „Aber nerv mich nicht!“.

Auch ansonsten lässt sich das Album, musikalisch wie textlich, als über weite Strecken sehr gelungen bezeichnen. Trotz einer Rekordlänge von mehr als 55 Minuten Spielzeit enthält es keinen einzigen missglückten Song. Regelrecht opulent ist diesmal die Instrumentierung geraten: Ausgefeilte Streicher- und Bläser-Arrangements kommen zum Einsatz und sorgen für viel Abwechslung im gewohnten Gitarre-Bass-Schlagzeug-Trompeten-Sound. Manche Lieder lassen slawische und/oder bretonische folkloristische Einflüsse erkennen, andere sind eher jazzig, manchmal swingt und groovt es. Als weibliche stimmliche Verstärkung macht Sven Regeners Tochter Alexandra insbesondere in „Karin, Karin“ eine gute Figur. In mehreren Songs werden, was schon recht gewagt ist, aber noch gerade so in Ordnung geht, gemischte Chöre aufgeboten. Fehlten früheren Veröffentlichungen dieser Band oftmals die Überraschungsmomente, haben wir sie diesmal in Hülle und Fülle.

Nur hier und dort gibt es punktuelle Schwächen. So kommt einem mancher Liedanfang schon arg bekannt vor (vor allem „Gewitter“ erinnert sehr an “Alles, was blieb“ von 1999; „Der erste Sonntag nach dem Weltuntergang“ ist weitgehend abgekupfert vom ersten Track des fünf Jahre alten Soundtracks von „Haialarm am Müggelsee“; „Bevor ich dich traf“ hat frappierende Ähnlichkeit mit „Die letzte U-Bahn geht später“ von 2005), während „Immer noch Liebe in mir“, das treue EoC-Fans bereits von der zwei Jahre alten Vinyl-EP „Wenn der Wolf schläft“ kennen, mit seinem Rumtata-Rhythmus fast schon karnevalskompatibel ist. Doch reißt der jeweils ausgezeichnete Text am Ende stets alles wieder raus: „Gewitter“ vermittelt düstere Endzeit-Visionen („Und ein heißer Wind verweht, die Jahre, die ihr kennt“), und „Immer noch Liebe in mir“ knüpft inhaltlich an das seinerseits schon recht delikate „Alten Resten eine Chance“ von 1993 an. Auch im sehr melancholischen Titelstück (und diese Platte enthält selbst für EoC-Verhältnisse besonders viele melancholische Stücke) und im etwas kinderliedhaften „Karin, Karin“ verhindert nicht zuletzt die kraftvolle Songlyrik ein Abgleiten ins Sentimentale. Überhaupt werden Sven Regeners Songtexte im Laufe der Jahre wirklich immer, immer besser. Im bewährten dialektischen Drei-Strophen-Muster zumeist auf eine verblüffende oder versöhnliche Schlusspointe zusteuernd, erweist er sich als ungekrönter König des Binnenreims. Insbesondere für das äußerst hintergründige „Stein, Schere, Papier“ sollte man ihm auf der Stelle einen Lyrikpreis verleihen; wobei dieses Lied auch musikalisch zu den stärksten des Albums gehört. Ähnliches lässt sich über „Karin, Karin“ sagen, das im Refrain ganz nebenbei einen alten DDR-Propaganda-Song persifliert. Und dann „Ein Brot und eine Tüte“ – der Song über die Berliner Schimpfkultur…

Kurz gesagt: Diese Platte kann einen über eine Menge hinwegtrösten, besonders „Wenn es dunkel und kalt wird in Berlin“. Das Urteil lautet: gut (14 Punkte).

Element Of Crime
Schafe, Monster und Mäuse
Vertigo Berlin (Universal Music)
ASIN: B07G1XK97T

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www.justament.de, 24.9.2018: Der Klassiker zur Literaturvertonung

Scheiben vor Gericht Spezial: Vor 25 Jahren erschien „Ritter und Unholde“ von Carlos Peron und Peter Ehrlich

Thomas Claer

Es ist ein ganz eigenes Genre, sui generis gewissermaßen. Manchmal ist es (im traditionellen Sinne) Musik, manchmal sind es „nur“ Klanggebilde, mit denen Carlos Peron (geb. 1952), der geniale Schweizer Pionier der elektronischen Soundtüftelei und Gründungsmitglied von YELLO, die literarischen Texte, vorgetragen – mit tiefschwarzer, abgründiger Stimme – von Burgschauspieler Peter Ehrlich (1933-2015), unterlegt. 25 Jahre sind seit dem Erscheinen von „Ritter und Unholde“ vergangen, doch ist seither, soweit ich sehe, nichts Vergleichbares mehr auf diesem Gebiet unternommen worden; vielleicht weil das Vorbild so übermächtig ist. Peron und Ehrlich gelingt es in den knapp 75 Minuten Laufzeit dieses Tonträgers, den alten Texten, die allesamt von Rittern handeln, neues Leben einzuhauchen, indem sie um sie herum eine Atmosphäre erschaffen, die den Hörer (insbesondere wenn er die Augen schließt) beinahe zum Teil des Geschehens werden lässt.

Das erste Drittel der CD umfasst Auszüge aus dem Nibelungenlied, der mittelalterlichen deutschen Dichtung par excellence, die jeder gut kennen sollte, der den Nazi-Größenwahn verstehen will. Kriegerische Ehre, unstillbarer Durst nach Rache, Nibelungentreue bis in den Tod – hier fanden die NS-Größen ihre geistigen Inspirationen. Doch steht das Nibelungenlied in literarischer Raffinesse und überraschender Vielschichtigkeit wohl selbst hinter der Ilias oder der Odyssee kaum zurück. Man beachte insbesondere die verhängnisvollen Frauenfiguren, also Kriemhild und Brünhild, die man in ihrer Besessenheit von Eifersucht, Hass und Geltungsdrang mit Fug und Recht als die eigentlichen Triebkräfte des heraufziehenden Unheils ansehen kann. „Die junge Kriemhild“, der zweite Track des Albums, zeigt, wie unschuldig all das begonnen hat…

Doch kommen auf dieser CD neben den Nibelungenkönigen und –recken natürlich auch noch mehrere andere Ritter aus der Literaturgeschichte zu ihrem Recht. Wer jetzt als erstes an „Don Quijote“ von Cervantes denkt, liegt genau richtig. Die fast 15 Minuten aus diesem Roman bilden den längsten Einzeltrack – und einen der gelungensten des ganzen Albums noch dazu! Das düstere spanische Gitarrenspiel im Hintergrund lässt bereits ahnen, wie der Ritter von der traurigen Gestalt in seinen künftigen Windmühlenkämpfen auf die Nase fallen wird. Ebenfalls auf besondere Weise geglückt ist „Der Apfelschuss“ von … Falsch! Nicht der von „Wilhelm Tell“! Für diesen hatte sich Friedrich Schiller nämlich auch nur aus einer ungleich älteren Quelle bedient: aus der nordischen Saga „Wieland der Schmied“. Peron und Ehrlich inszenieren hieraus das Kapitel „Wie Eibel seinen Bruder Wieland besuchte“ als ganz großes Kopfkino. Darüber hinaus darf Goethes „Götz von Berlichingen“ (mit seinem berühmten Arsch-Zitat) hier selbstredend nicht fehlen, ebenso wenig Richard Wagners „Lohengrin“ und der Komtur aus der „Schwarzen Spinne“ von Jeremias Gotthelf. Die vielleicht größte aller Heldentaten auf dieser CD vollbringt aber der liebeskranke Ritter Delorges in Schillers „Handschuh“, indem er seine unwürdige Herzensdame, die auf niederträchtige Weise mit seinen Gefühlen spielt, mittels eines gezielten Handschuhwurfes in die Wüste schickt.

Drei Jahre später, 1996, haben Carlos Peron und Peter Ehrlich noch eine Fortsetzungs-CD namens „Ritter, Tod und Teufel“ herausgebracht, die auch nicht schlecht war, aber längst nicht so überragend wie „Ritter und Unholde“. Das Urteil lautet: sehr gut (16 Punkte).

Carlos Peron
Ritter und Unholde – gesprochen von Peter Ehrlich
Dark Star/Indigo 1993
LC 6526 – Spark 24
Neuauflage: Revisited Records 2006
10,44 EUR (bei Amazon)

www.justament.de, 13.8.2018: Neues von EoC!

Anfang Oktober hat das Warten ein Ende

Thomas Claer

Das mittlerweile vierzehnte Studioalbum unserer Lieblingsband – und dies im dreiunddreißigsten Jahr ihres Bestehens – ist angekündigt für den 5.10.2018. Auch der Titel steht schon fest: „Schafe, Monster und Mäuse“ – was immer das zu bedeuten hat. Einen Vorgeschmack darauf gibt es bereits mit dem Song „Am ersten Sonntag nach dem Weltuntergang“, der sich hier anhören lässt. Noch dazu ist schon seit Längerem ein weiteres Lied von der kommenden Platte in der Welt. Es heißt „Wenn es dunkel und kalt wird in Berlin“ und wurde von der Band bereits des Öfteren live gespielt, zum Beispiel hier.

Dann also mal frisch auf YouTube geklickt und die neuen Songs getestet. Nun ja, der erste Eindruck vom „Ersten Sonntag nach dem Weltuntergang“ ist nicht unbedingt der beste. Irgendwie etwas lahm das Ganze, musikalisch eher uninspiriert. Beim zweiten Hören sollte man vielleicht auch mal genauer auf den Text achten. Und siehe da! Plötzlich gefällt es einem dann doch, und mit jedem weiteren Mal noch ein wenig besser. „Weltuntergang“ ist zweifellos ein großes Wort, das derzeit angesichts der deprimierenden politischen Weltlage in vielen Köpfen herumspuken dürfte. Doch machen wir uns nichts vor: Die wahren Weltuntergänge in unserem Leben sind die kleinen und größeren zwischenmenschlichen Katastrophen, vor allem aber die sich immer wieder einstellenden Enttäuschungen in der Liebe. Und genau darum geht es im „Ersten Sonntag“: „Grausam ist der Haifisch/ Und grausam warst auch du“. Passenderweise legt dann auch „der Regen noch einen Zahn zu“ und überflutet den Weg hinter dem S-Bahn-Übergang. Ja, so ist das: „Treulos ist die Sonne/ Und treulos warst auch du“. Das immer neue alte Lied. Solche als apokalyptisch empfundenen Unglücke trotz allem mit Haltung und Würde zu ertragen, davon handeln viele Songtexte der Elements. Was tut man also als lyrisches Ich in solch einer verzweifelten Lage? Man geht „noch einmal den Kurfürstendamm entlang“ und reflektiert: „Schön war das Leben,/ Schlecht war die Welt./ Gut war die Liebe,/ Böse das Geld… Doch heute ist es genau umgekehrt.“ Es geht doch nichts über eine solch vortreffliche Alltagslyrik! Haben wir eigentlich derzeit bessere Lyriker als Sven Regener? Mir jedenfalls fällt keiner ein.

Sogar noch gelungener, vor allem musikalisch, ist „Wenn es dunkel und kalt wird in Berlin“. Und auch dieser Text ist eine dichterische Glanzleistung. Er handelt von Gummibärchen („Da gibt’s die gelben und die roten,/ Das sind alles Vollidioten“), Glühweintrinken (Da geht immer viel daneben / So wie überall im Leben“) und Smog („Wo die Luft am schlimmsten ist/ Ist das Atmen intensiver und das Husten attraktiver“). Nur um schließlich doch noch zum Punkt zu kommen, zum komplizierten Verhältnis zwischen lyrischem Ich und lyrischem Du nämlich, und einen zwar desillusionierenden, aber doch nicht ganz hoffnungslosen Ausblick zu geben… Das vorläufige Urteil lautet: vielversprechend.

www.justament.de, 16.7.2018: Alles außer kommerziell

Scheiben Spezial: Vor 30 Jahren erschien „Nerves“ von den Kastrierten Philosophen

Thomas Claer

Eine wunderschöne Platte von Anfang bis Ende. Kein anderes Werk der Underground-Combo „Kastrierte Philosophen“ (1981-1996), die heute kaum noch jemand kennt, ist so fein arrangiert, so gewählt ausbalanciert, so in sich ruhend wie „Nerves“, das vor nunmehr drei Jahrzehnten als Gesamtkunstwerk in der deutschen Musiklandschaft für Furore sorgte. Damals galten die „Philosophen“ schon seit Jahren als vielversprechender Szene-Act, dem der große Durchbruch allerdings auf unerklärliche Weise immer verwehrt blieb. Dabei wurden die Kritikerlieblinge aus Verden an der Aller, später aus Hamburg, seinerzeit von der Musikpresse als „deutsche Velvet Underground“ hochgejubelt – und blieben dann doch ein ewiger Geheimtipp. Nach einem fulminanten Frühwerk war „Nerves“ (1988) zweifellos der kreative Höhepunkt im Schaffen der Band, die – neben immer anderen Gastmusikern – im Wesentlichen aus den Co-Leadsingern und Multiinstrumentalisten Katrin Achinger (geb. 1962) und Matthias Arfmann (geb. 1964) bestand, die auch privat ein Paar waren. Dies blieben sie auch noch bis 1996; ihre private Trennung fiel mit dem Ende des Bandprojektes zusammen.

Zurück zu „Nerves“: Wenn eingangs von einem Gesamtkunstwerk die Rede war, dann deshalb, weil einfach alles an diesem Album stimmt: Schon das aufklappbare schwarz-gelbe Plattencover mit der Abbildung einer furchterregenden Vogelspinne ist ein visueller und haptischer Hochgenuss. Und dann erst seine Metaphorik! Beim Betrachter entsteht sofort die Assoziation: Das Weibchen frisst das Männchen nach der Paarung. Und hierzu passt auch die Widmung der Platte an Nico, die unsterbliche Velvet-Underground-Chanteuse, deren Vorgruppe die „Philosophen“ in jenen Jahren einmal gewesen sind. (Nico, einst sogar die Geliebte von Alain Delon, war als „männerfressendes Monster“ bekannt…) Und der Text von „Toilet Queen“ tut sein übriges… Das stimmliche Duett von Achinger und Arfmann in diesem Song („Will I still be innocent, when she falls?“) lässt einen wohlig erschauern. Und dann das Cello-Spiel in „Peeping All“, natürlich: Velvet Underground lassen grüßen. Aber auch das Xylophon in “I’m allright (though my hands are trembling)“ ist große Klasse. Und in allen Liedern hören wir Matthias Arfmanns charakteristisch verzerrtes psychedelisches Gittarrenspiel und Katrin Achingers wahrhaft betörende dunkle Stimme. („…als Ausdruck und Enttäuschung ihrer selbst“, hat ein entzückter Musikkritiker einmal über sie geschrieben.) „She’s Allergic“ ist ebenfalls ein überragendes Lied. Und „Dragon Flies Over Cyrenaika“ und das (ausnahmsweise) völlig überdrehte „Maniac Mandrax Fighter“. Und das sehr ruhige Titelstück „Nerves“. Kurz gesagt, die ganze Platte ist großartig.

Wie kamen die Kastrierten Philosophen aber zu ihrem kuriosen Bandnamen? Damals, Anfang der Achtziger, auf ausdrücklichen Wunsch der zu jener Zeit blutjungen Katrin Achinger. Sie habe so viele Leute mit ganz vielen tollen Ideen für Projekte gekannt, aus denen dann nie etwas geworden ist. Aus ihrer Band mit dem verrückten Namen ist dann allerdings eine Menge geworden (abgesehen vom fehlenden kommerziellen Durchbruch). Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet der gemeinsame Sohn der „Kastrierten Philosophen“, David Achinger alias Chassy Wezar (geboren 1994), heute selbst als kreativer Musiker unterwegs ist… Das Urteil für „Nerves“ lautet: sehr gut (17 Punkte).

Kastrierte Philosophen
Nerves
Normal 1988
(Vergriffen)

www.justament.de, 4.6.2018: Schwere See ein Vierteljahrhundert

Scheiben vor Gericht Spezial: Vor 25 Jahren erschien „Weißes Papier“ von Element of Crime

Thomas Claer

Es war ein neuer Lebensabschnitt, den dieses außergewöhnliche Album einer mir bis dahin völlig unbekannten Band für mich einläutete. Damals, 1993, absolvierte ich meinen Zivildienst in einem Bremer Krankenhaus und bekam dort, genauer gesagt in der Teestube, wo ich den Patienten heiße Getränke zubereitete und servierte, eine Indie-Musikzeitschrift in die Finger, die einen Text enthielt, der mich neugierig machte: Das zweite deutschsprachige Album von Element of Crime wurde dort besprochen. Und ein Sänger und Texter namens Sven Regener erging sich in grundlegenden Betrachtungen über die Kulturindustrie, über Basis und Überbau, über die deutsche Musiklandschaft und die politische Relevanz von Liedern über die Liebe. Immer wieder las ich diese brillant geschriebene Rezension, bis ich schließlich einige Wochen später den Weg zum CD-Verleih fand (Ja, zum CD-Verleih! Heute weiß keiner mehr, dass es so etwas einmal gegeben hat!) und mir „Weißes Papier“ besorgte. Seinerzeit waren die Elements noch ein absoluter Geheimtipp, und ich kannte niemanden in ganz Bremen, mit dem ich mich über sie hätte austauschen können. Das sollte sich auch erst ein Jahr später im zweiten Semester meines Studiums in Bielefeld ändern. Bis dahin war „Weißes Papier“, die ich mittlerweile auch als rares Vinyl besaß, natürlich längst zu einer meiner Lieblingsplatten geworden.

Nun sollte man ja eigentlich, wie es ein alter lateinischer Spruch so treffend sagt, zuerst leben und erst anschließend darüber philosophieren. Doch bei mir war es, wie bei vielen anderen eher in der Theorie als deren praktischer Umsetzung begabten Zeitgenossen, umgekehrt. War ich bis weit nach dem Abitur sozusagen noch ein „unbeschriebenes Blatt“ auf dem Feld der (praktizierten) Liebe gewesen, so weckte „Weißes Papier“ in mir die Sehnsucht nach einschlägigen Erfahrungen, die sich bald darauf auch auf dramatische Weise einstellen sollten… Eine bessere Vorbereitung auf diese bittersüßen und schmerzhaft-schönen Erschütterungen, die mich für mindestens vier Semester völlig aus der Bahn warfen (und mich schließlich schon nach vier weiteren Semestern in den sicheren Hafen der Ehe führen sollten), hätte ich mir nicht wünschen können. „Weißes Papier“ ist, wenn man so will, ein großes Konzeptalbum über Liebe und Vergänglichkeit. Mit jederzeit absturzgefährdetem Pathos werden in Regeners Texten, die am Ende aber traumwandlerisch alle Klippen des Schwulstes und Kitsches souverän umfahren, beinahe alle Facetten der damit verbundenen Leidenschaften verhandelt, von der zarten Anbahnung („Draußen hinterm Fenster“) über die Feier des beglückten Augenblicks („Alten Resten eine Chance“), den Krieg der Geschlechter („Mehr als sie erlaubt“), den existentiellen Kampf mit dem Nebenbuhler („Du hast die Wahl“) bis zur tieftraurigen Ernüchterung (im Titelstück „Weißes Papier“) sowie der finalen Resignation („Und du wartest“). Und wie das Motto dieser Platte insgesamt liest sich die Titelzeile jenes Stücks, das auf atemberaubende Weise eine Brücke zwischen See- und Liebeskrankheit schlägt: „Schwere See, mein Herz“. Lange Jahre konnte ich mir dieses Album gar nicht mehr anhören, weil ich es vor seelischen Schmerzen nicht ertragen hätte. So richtig erholt habe ich mich davon wohl bis heute nicht. Das Urteil lautet: sehr gut (17 Punkte).

Element of Crime
Weißes Papier
Polydor (Universal Music) 1993
ASIN: B000025NBYv

www.justament.de, 30.4.2018: Heiße Feger rosten nicht

Nach zehn Jahren wieder ein Album von den Breeders: „All Nerve“

Thomas Claer

Genau so wünscht man sich ein neues Album von den Breeders, erst das fünfte übrigens in fast 30 Jahren Bandgeschichte: Es geht gleich richtig hart und schnell zur Sache. 11 Songs auf gerade einmal 33:50 min sprechen für sich. Und warum auch nicht? Was sollte Lead-Sängerin und Bassistin Kim Deal, mittlerweile 56 Jahre alt, und ihre zu zwei Dritteln weiblichen Mitstreiter daran hindern, es genauso feurig krachen zu lassen wie seinerzeit in den späten Achtzigern, als dieses Nebenprojekt der damals noch weitgehend solitären Pixies das Licht der Musikwelt erblickte. Bei den wiedervereinigten Pixies hat Kim Deal vor fünf Jahren ihren Hut genommen. Die ewigen Differenzen mit Black Francis… Und nun hat sie mit ihrer Schwester Kelley Deal, ihrer Schwester im Geiste Josephine Wiggs sowie dem Drummer Jim MacPherson (was im übrigen exakt der Besetzung ihrer Platte „Last Splash“ von 1993 entspricht) mal eben ein neues Werk eingespielt. Man durfte also gespannt sein, zumal die beiden letzten Breeders-Alben, Mountain Battles (2008) und Title TK (2002) ziemlich überragend waren.
Nun, ganz so grandios wie die besagten schon lange zurückliegenden Vorgänger ist „All Nerve“ nicht. Aber doch voller Höhepunkte wie den Opener „Nervous Mary“, „Metagoth“ oder „Archangel’s Thunderbird“. „Wait in the Car“ klingt sehr nach der Last Splash-Platte, der Titelsong „All Nerve“ erinnert wiederum ans „Title Tk-Album. Stilistisch hat sich bei den Breeders in all den Jahren eigentlich gar nichts geändert. Und das ist auch gut so. Das Urteil lautet: voll befriedigend (11 Punkte).

Breeders
All Nerve
4AD 2018
Ca. € 17,-
ASIN: B07876PWNW

www.justament.de, 26.3.2018: Weltretten in 45 Minuten

Maike Rosa Vogel auf ihrem fünften Album „Alles was ich will“

Thomas Claer

Bei Maike Rosa Vogel ist eigentlich alles wie immer. Mit dem ersten Song ihres neuen Albums, „Es ist ganz leicht“, geht es ja schon los… Wieder einmal werden Behauptungen fern jeder Empirie losgetreten, wonach alle Menschen einfach nur möglichst viel miteinander teilen müssten, um glücklich zu sein, und zur Erfüllung einfach nur mehr lieben sollten, statt einander zu hassen. (Warum tun die Menschen dann aber so oft genau das Gegenteil, wenn es angeblich so einfach ist?) Wohl jedem und jeder anderen, der oder die so etwas sänge oder sagte, würde man ein beträchtliches Maß an Naivität oder, schlimmer noch, an Verlogenheit bescheinigen. Doch es ist seltsam: Kommen solche Worte aus Maike Rosa Vogels schönem Mund, werden sie von ihrer warmen, trotzigen Mädchenstimme mit Inbrunst in die Welt geschleudert, wird auf der Stelle all das Fragwürdige und Bedenkliche wahr und richtig. Und es besteht ja auch kein Zweifel daran: In einer Welt aus lauter Maike Rosa Vogels gäbe es alle diese schrecklichen Dinge nicht mehr, die uns tagtäglich das Leben zur Hölle machen. Kurz gesagt, auf einer intellektuellen Ebene ist dieser Songwriterin also keineswegs beizukommen. Vielmehr ist auch „Alles was ich will“, ihr mittlerweile fünftes Album, das wie die Vorgänger-CD im Eigenverlag erschienen ist, eine Ausgeburt an feuriger Emotionalität. Man wird sie dafür lieben oder hassen. Wir haben uns natürlich längst entschieden… Auch musikalisch kann das neue Album trotz seines erkennbar spartanischen Herstellungsverfahrens (auf eine Band wird ganz verzichtet) ohne weiteres mit den vorzüglichen Maike-Scheiben der vergangenen Jahre mithalten. Im weiteren Verlauf der Platte finden sich auch diesmal wieder grandiose Popsongs wie „Liebe geht nie“ oder die Lokal-Hymne „Wirklich in Berlin“. Und besonders gelungen sind nicht zuletzt einige sehr melancholische Stücke. Auch wie Maikes lyrisches Alter Ego über seine Ängste und Paranoia berichtet, ist großartig.
Nun könnte man sich allerdings die Frage stellen, wie lange diese, wie soll man sagen?, diese Masche mit dem doch sehr jugendlich anmutenden Charme dieser Künstlerin so noch funktionieren wird. Immerhin tritt sie demnächst schon in ihr viertes Lebensjahrzehnt ein, was zwar noch kein Alter ist, und andere sind in noch weit fortgeschritteneren Jahren noch viel infantiler. Aber wird nicht diese Mädchen-Nummer irgendwann doch an ihre Grenzen stoßen? Doch auch darauf hat Maike Rosa Vogel auf dieser Platte eine überzeugende Antwort: „Jedes Mädchen kann sein wie Yoko Ono“ heißt ein Song, der schon mal klarstellt, wer die Vorbilder sind. Und der Umkehrschluss gilt hier natürlich erst recht: Jede Künstlerin (und warum nicht gleich jeder Mensch?) darf und soll so naiv und kindisch sein, wie sie oder er es für richtig hält, notfalls auch noch mit weit über 80 wie Yoko Ono. Unser Urteil lautet auch diesmal: voll befriedigend (12 Punkte).

Maike Rosa Vogel
Alles was ich will
Eigenvertrieb 2017
www.maikerosavogel.com

www.justament.de, 19.2.2018: Der aus dem Reihenhaus

Tocotronic auf ihrer zwölften Platte „Die Unendlichkeit“

Thomas Claer

Das Problem bei Tocotronic ist: Ihr Sänger Dirk v. Lowtzow hat einen weichen, mitunter larmoyanten Gesangsstil. Das passt sehr gut (kontrapunktisch) inmitten eines lärmenden Gitarrensounds, und noch besser passte es in Verbindung mit jugendlicher Unbekümmertheit (oder auch jugendbedingter Bekümmertheit) und sehr direkten, griffigen, parolenhaften Texten wie auf den ersten Tocotronic-Alben vor zwei Jahrzehnten. Weit weniger gut passt dieser Gesangsstil allerdings zu glatten, überproduzierten Songs mit abstrakten Texten. Und hier war bereits das weiße Album aus dem Jahr 2000 mit Songzeilen wie „Eines ist jetzt sicher/ Eins zu eins ist jetzt vorbei“ eine Art Sündenfall, von dem sich die Band bis heute nicht erholt hat. Denn das textliche „Eins zu eins“ konnten und können sie entschieden besser. Zwar gab es auch in den Jahren danach immer mal wieder Höhepunkte: „Pure Vernunft darf niemals siegen“ (2005) war nicht ganz schlecht, sogar recht ansprechend war das Album „Kapitulation“ (2007) mit musikalischen Anklängen an The Smiths / Morrissey (wobei sich letzterer längst in einer ähnlichen künstlerischen Falle wie Tocotronic befindet, um von seinen aktuellen politischen Verirrungen gar nicht erst zu reden). Auch „Wie wir leben wollen“ (2013) hatte gelungene Momente. Doch hätten diese Platten – wie eigentlich alle Tocotronic-Veröffentlichungen seit dem Jahr 2000 – weitaus mehr überzeugt, wären sie ohne all den überflüssigen Zuckerguss, gleichsam in der Garage eingespielt worden. Mit Tocotronic ist es wie mit einer alten Geliebten, die man gelegentlich noch trifft und die einem in immer neuen und aufwendigeren Outfits und Zurechtmachungen begegnet; dabei hätte man sie doch viel lieber pur und ungeschminkt.

Das neue, inzwischen zwölfte Album der Band, „Die Unendlichkeit“, stellt nun immerhin einen Schritt in die richtige Richtung dar. In jedem Falle gilt dies inhaltlich, denn diese Platte ist eine Art gesungene Autobiographie des Sängers Dirk v. Lowtzow. In chronologischer Reihenfolge erzählen die Songs dieser Platte von Lowtzows Werdegang, und das fast so direkt und unverblümt wie früher, wenn auch (natürlich) leider nicht mehr so unbekümmert wie im Frühwerk der Band. Und die Texte lassen tief blicken, berichten von den schweren Anfängen dieser Künstlerexistenz. Nicht etwa in einem Schloss, wie man glauben könnte, oder wenigstens in einem angesagten Szeneviertel einer Großstadt ist dieser spätere Coolness-Trendsetter aufgewachsen, nein – horribile dictu – in einem Reihenhaus in einer süddeutschen Kleinstadt. Auch der anschließende Studienort Freiburg kommt auf dem Album nicht gut weg und wird als „Schwarzwaldhölle“ geschmäht. Die Erlösung wird dann im Song „1993“ beschrieben bzw. besungen: das Ankommen in Hamburg – und in der dortigen „Schule“, versteht sich. Der spätere Ortswechsel nach Berlin war dann nur noch das Sahnehäubchen.
Musikalisch lässt „Die Unendlichkeit“ ebenfalls einen Aufwärtstrend erkennen. Solides Songwriting, eingängige Melodien. Nur leider haben sie sich auch diesmal in der Produktion verhoben und dadurch einmal mehr ihre Musik verschlimmbesssert. „Alles, was ich immer wollte, war alles“ heißt es im letzten Song. Dabei wäre weniger wirklich mehr gewesen. Jeder Albumtitel soll im musikalischen Gewand seiner jeweiligen Zeit erscheinen und ist zu diesem Zwecke endlos durch diverse Studio-Klangmühlen gedreht worden. Nun ja, irgendwie müssen sie die Millionen-Einnahmen aus ihren Plattenverkäufen wohl auch wieder unter das Volk bringen…

Was allerdings unerträglich ist, ist das ausufernde Geschwätz der Musikpresse und der Feuilletons über diese angeblich so kluge Band und ihren „Diskursrock“. Man tut den Tocos sicherlich keinen Gefallen damit, sie zu tiefsinnigen Intellektuellen aufzublasen. „Es ist einfach Rockmusik“ heißt ein Songtitel aus den frühen Jahren. Das trifft es besser. Das Urteil lautet: voll befriedigend (10 Punkte).

Tocotronic
Die Unendlichkeit
Vertigo Berlin 2017
ASIN: B0775ZP3VC

www.justament.de, 22.1.2018: Achim Reichels wilde Jahre

Eine opulente Box mit 10-CDs und Begleitbuch über „A.R & Machines“ aus den frühen Siebzigern

Thomas Claer

Was für ein Geschenk! Und das sage ich trotz des stolzen Anschaffungspreises von mehr als hundert Euro. Denn dieses vor kurzem erschienene einmalige Box-Set ist jeden einzelnen Euro wert – und noch viel mehr als das…

Die Anfänge meiner Begeisterung für Achim Reichels psychedelische Phase liegen in den frühen Neunzigern. Damals als Oberstufenschüler bin ich über den „Spieler“ und „Blues in Blond“ aus den Achtzigern irgendwann auf „Klabautermann“ und die „Regenballade“ aus den Siebzigern gekommen. Und so musste ich früher oder später natürlich auch auf die – schon sehr exzentrische – „Grüne Reise“ stoßen, die für mich ein regelrechtes Erweckungserlebnis gewesen ist. Doch ging ich seinerzeit zunächst davon aus, dass diese einen einmaligen Ausflug Achim Reichels in spirituell-psychedelische Gefilde darstellte, denn weitere Veröffentlichungen dieser Art von ihm waren nirgendwo zu finden. Für die Jüngeren sei hier ausdrücklich betont: Das Internet war noch nicht erfunden, und Informationen über spezielle Themen wie dieses waren Mangelware.

Was mich aber dann doch stutzig machte, war die lange Zeitspanne zwischen der „Grünen Reise“ (1971) und dem „Shanty Alb’m! (1976). Sollte es in der Zwischenzeit wirklich so gar keinen Output von Achim Reichel gegeben haben? Und dann traute ich meinen Augen kaum, als ich eines Tages in meinem Lieblingsschallplattensecondhandladen bei Bruno in der Bremer Neustadt in der Raritätenkiste ein reichhaltig und geheimnisvoll bebildertes Doppelalbum mit der Aufschrift „Echo“ fand: von Achim Reichel & Machines aus dem Jahr 1972. Mit Songtiteln wie „Im Zauberwald der sieben Sinne“, „Im Irrgarten des Geistes“ oder „Durch fühlbares, messbares Nichts“. Was mich dann aber gehörig schlucken ließ, war der jedenfalls nach meinen damaligen Maßstäben einfach ungeheuerliche Kaufpreis von 70 DM. Ich brauchte einige Tage, um mich schließlich dazu durchzuringen, mir diese Gelegenheit trotz des aberwitzigen Preises nicht entgehen zu lassen. Zum Glück war die Platte noch da. Obwohl ich schon fest zum Kauf entschlossen war, fragte ich Bruno noch, ob nicht vielleicht ein kleiner Rabatt für mich drin sei. „Nein“, war seine sehr entschiedene Antwort, „die Platten in dieser Kiste sind sooo selten. Da kann ich keine Mark runtergehen!“ Als ich dann aber trotz allem zugriff, senkte Bruno – entgegen seiner vorherigen Ankündigung – freundlicherweise doch den Preis für mich auf 65 Mark. Er wollte mich als guten Kunden seines Ladens wohl auch bei Laune halten. Rückblickend war dieser Kauf für mich eine sehr gute Entscheidung. Heute, mehr als ein Vierteljahrhundert später, werden für die Vinyl-Pressung des Echo-Albums, das vor einigen Jahren in einer englischen Musikzeitschrift auf Platz 12 im Ranking der brillantesten unbekannten Perlen der Popgeschichte gewählt wurde, gut und gerne 600 Euro bezahlt. Nun muss ich allerdings auch zugeben, dass mir neben dem musikalischen Hochgenuss auch die Vorstellung ein großes Vergnügen bereitete (und noch immer bereitet), etwas beinahe Einzigartiges nur für mich allein zu haben.

Doch gab es vielleicht sogar noch weitere Achim Reichel-Platten aus diesen Jahren, von denen ich nichts wusste? Ich befragte den Flohmarkt-Plattenhändler, bei dem ich die „Grüne Reise“ gekauft hatte. Und dieser rief nur „Oooh“, während er seine ausgebreiteten Hände erhob, und raunte mir verschwörerisch zu: „Es gibt noch einige! `Erholung` und wie sie alle heißen. Aber die sind sooo schwer zu kriegen. Und ich weiß auch von vielen, die da scharf drauf sind! Wenn du mir hundert Mark für jede Platte gibst, besorg ich sie dir alle.“ Nein, da konnte ich als angehender Abiturient natürlich nicht mithalten. Aber mein Jagd- und Sammelinstinkt war nun endgültig geweckt, und ich machte mich auf die Suche.

Aus einem Lexikon namens „Rock in Deutschland“, das ich ebenfalls auf dem Flohmarkt erstehen konnte, erfuhr ich dann die Namen der weiteren psychedelischen Reichel-Alben aus jenen Jahren und dazu noch die Hintergründe ihrer Entstehung und späteren Verknappung. Nach sehr erfolgreichen und einträglichen Jahren als Boygroup-Star in den Sechzigern mit den „Rattles“ erlaubte die Plattenfirma Achim Reichel einige Alben mit diesem experimentellen Zeug, die aber ein kommerzielles Desaster wurden, woraufhin sie später komplett vom Markt genommen und die unverkäuflichen Restbestände eingestampft wurden. Um 1990 herum feierte diese Musik dann eine überraschende Wiederentdeckung in Kennerkreisen, und die wenigen verbliebenen Restexemplare wurden zu gesuchten Liebhaberstücken. Dies sollten sie schließlich auch noch im digitalen Zeitalter bleiben, denn die freie Verfügbarkeit dieser Musik im Netz änderte nichts an der magischen Aura dieser von ihren stolzen Besitzern heiß geliebten Vinylscheiben in ihren bunt gestalteten, vom New Age inspirierten Covern.

Aber zurück in die frühen Neunziger. Es muss wohl schon während meines Zivildienstes gewesen sein, als ich im kleinen, feinen Plattenladen „Scheibenkleister“ im Bremer „Viertel“, auch dort natürlich in der Raritätenkiste, das gesuchte Album „Erholung“ fand. Es handelte sich um einen 1975 erschienenen Zusammenschnitt von Liveaufnahmen aus den vorhergehenden Jahren, der am Ende von Achim Reichels psychedelischer Phase gewissermaßen noch nachgeschoben wurde. Der Preis von 60 DM erschien mir nach meinen bisherigen Erlebnissen noch als durchaus moderat. Und schließlich war ich als Zivi, der noch bei seinen Eltern wohnte, aber dennoch üppige Wohn- und Verpflegungszuschüsse bezog, immer gut bei Kasse. (In diesen 15 Monaten Zivildienst habe ich im Wesentlichen den Grundstock für mein späteres Vermögen angespart.) Kurz gesagt, ich griff also ohne langes Zögern zu, und besaß nunmehr schon die dritte Veröffentlichung dieser Art. Auch „Erholung“ gefiel mir musikalisch sehr gut, obwohl sie weitaus ruhiger und meditativer geraten war als „Echo“ und die „Grüne Reise“. Doch es gab ja noch drei weitere Platten, auf die ich es abgesehen hatte.

Ich war wohl bereits Student in Bielefeld, als ich in „Fun Records“, einem monatlich erscheinenden Katalog mit seltenen Schallplatten und CDs, die mittels Geboten per Postkarte versteigert wurden (es gab ja noch immer kein Internet!), gleich zwei der begehrten Platten auf einmal inseriert fand: „A.R. 3“ aus 1972 und „A.R. IV“ aus 1973. (Nur echt in dieser Schreibweise: A.R. 3 mit arabischer und A.R. IV mit römischer Zahl.) Ich konnte mein Glück kaum fassen. Es hätten ja auch Platten sein können, die ich bereits besaß. Angeboten waren aber just zwei der drei, die mir noch fehlten. Ich schickte meine Postkarte mit dem Gebot von jeweils 50 Mark pro Platte an die Zeitschrift ab. Und ich gewann sie beide! Überflüssig zu erwähnen, dass das aus heutiger Sicht lächerliche Beträge für solche Raritäten waren. Und der Preis tat mir noch nicht einmal besonders weh, da ich auch im Studium finanziell gut versorgt war; was aber vor allem an meinen niedrigen Lebenshaltungskosten lag. Mein Zimmer im Studentenwohnheim kostete nur um die 250 Mark, das Mensa-Essen war für maximal 3,40 Mark zu haben. Und ich gab ja sonst fast nichts aus – außer gelegentlich auf Flohmärkten für Bücher und Schallplatten, und die waren meistens nicht teuer. Genüsslich lauschte ich den Klängen meiner beiden jüngsten Schätze: A.R. 3 mit Songtiteln wie „Warum Peter nur noch Ferien macht“ war schon sehr aufregend, sehr abgespacete Klänge. A.R. IV war dann wiederum viel ruhiger, aber auch sehr schön.

Nun fehlte mir also nur noch „Autovision“ aus dem Jahr 1974 – die letzte Studioplatte aus der Serie. Und es verging mindestens ein weiteres Jahr, bis ich mal wieder in Bremen im „Viertel“ den schon erwähnten Laden „Scheibenkleister“ besuchte und dort die Raritätenkiste durchwühlte. Da fragte mich der Händler, der mich wohl schon früher manchmal genau dabei beobachtet hatte: „Und du suchst Psychedelic?“ Ja, das stimmte schon. Aber wie kam er nur darauf? Ich hatte doch gar keine langen Haare mehr. Die hatte ich mir doch schon im zweiten Semester abgeschnitten. Da fiel mir ein, dass ich in diesem Laden vor gar nicht langer Zeit schon eine frühe Platte von den „Kastrierten Philosophen“ gekauft hatte, die ja auch irgendwie dieser Richtung zuzuordnen waren. Das hatte sich der Händler wohl gemerkt. Als ich ihm frei heraus sagte, was ich suchte, meinte er: „Oooh ja, die sind aber wirklich sehr selten.“ Aber er kenne da jemanden mit sehr guten Kontakten. Der könnte die „Autovision“ vielleicht besorgen. Was ich denn maximal bereit wäre, dafür ausgeben. Ich beschloss spontan, gleich aufs Ganze zu gehen, und sagte mutig: „100 Mark.“ Da meinte der Händler: „Ja, das könnte klappen.“ Und ich solle mal in zwei Wochen wiederkommen. Was soll ich sagen, es hat tatsächlich geklappt. Als ich die hundert Mark bezahlte, und selbst diese Summe war aus heutiger Sicht natürlich nicht viel für dieses Album, machte der Händler ein jammervolles Gesicht und klagte: „Hundert Mark will er dafür haben! Und was habe ICH davon? Eigentlich müsste da auch noch was für MICH rausspringen.“ Da murmelte ich nur ein unbestimmtes „Tja…“, bedankte mich nochmals und suchte mit meiner Beute schnell das Weite, denn dies war mein bisher teuerster Plattenkauf. (Neben einer extrem seltenen Bootleg-Platte von Phillip Boa & the Voodooclub, die mich auf einer Schallplattenbörse in Bielefeld ebenfalls 100 Mark gekostet hatte.) Ich musste an den Flohmarkthändler denken, bei dem ich vor Jahren die „Grüne Reise“, den „Klabautermann“ und das „Shanty Alb’m“ gekauft hatte, dessen Mantra immer lautete: „Dass ICH hier immer bei Wind und Wetter stehe, nur damit IHR mal ein paar richtig gute Platten bekommt, da könntet ihr ruhig mal Danke sagen!“ Ziemlich genau zu dieser Zeit, Mitte der Neunziger, ist das Tocotronic-Debütalbum mit dem Song „Gitarrenhändler, ihr seid Schweine!“ mit der Textzeile „… und hinterrücks habt ihr mich wieder abgezockt.“ erschienen. Eigentlich könnte man dieses Lied auch gut mit „Schallplattenhändler“ statt „Gitarrenhändler“ singen. Andererseits sollte ruhig mal jemand die Schallplatten-Sammelkultur als Kandidatin zur Aufnahme ins immaterielle UNESCO-Weltkulturerbe vorschlagen. Und schließlich sind es nicht zuletzt die Plattenhändler, die diese Leidenschaft bei ihren Kunden mit ihren Sprüchen befeuern…

Seit mehr als zwei Jahrzehnten sind diese sechs bzw. sogar sieben seltenen Klangscheiben, wenn ich das Doppelalbum „Echo“ zweifach zähle, nun also die Zierde meiner Plattensammlung, haben mehrere Umzüge überstanden und werden gelegentlich einem ungläubig staunenden Besucher vorgeführt, der das erforderliche Hintergrundwissen mitbringt, um die Bedeutung dieser Preziosen würdigen zu können. Und nun das: Es gibt wahrhaftig noch mehr von dieser Musik! Wie oft habe ich in all den Jahren auf YouTube nach Live-Aufnahmen aus jener Zeit gesucht – bis auf ein Video des Songs „Eisenpferde“ vom Album „Autovision“ vergeblich. Und jetzt diese Fülle: Neben den sechs regulären Platten befinden sich noch vier CDs mit komplett unveröffentlichtem Material in der Box sowie mehrere, bislang ebenfalls unbekannte Tracks auf den CDs „A.R. IV“ und „Erholung“. Was für ein Fest! Und ein reich bebildertes, mehr als 90 Seiten starkes Begleitbuch erzählt ausführlich die Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte dieser Musik. Das Urteil lautet: sehr gut (16 Punkte).

A.R. & Machines
The Art of German Psychedelic 1970-1974 Box-Set
(10 CDs und Begleitbuch)
Mbg Rights Management (Warner)
ASIN: B075G6YL3J

www.justament.de, 25.12.2017: Seltsam, sehr seltsam

„Utopia“ von Björk

Thomas Claer

Überwiegend mit großer Ratlosigkeit haben Fans und Kritiker auf das neue Album der inzwischen 52-jährigen isländischen Pop-Fee Björk reagiert. Zwar gab es vereinzelt enthusiastische Zustimmung wie auch heftige Ablehnung ob der akustischen Zumutungen, denen die extravagante Eis-Königin ihre Zuhörer diesmal aussetzt. Doch für die meisten dürfte diese Platte einfach nur seltsam, sehr seltsam geklungen haben. Zwei Jahre nach „Vulnikura“, dem leidenschaftlich-extrovertierten Vorgänger, auf dem Björk die Trennung von ihrem Ex-Mann Matthew Barney verarbeitete, kehrt sie nun dem Genre Popmusik ganz entschieden den Rücken zu. „Utopia“, erklärtermaßen ein Werk des Aufbruchs, konzipiert unter maßgeblicher Mitwirkung des venezolanischen Produzenten und DJs Arca, ist pure Avantgarde. Von klassischen Songstrukturen kann hier kaum mehr die Rede sein. Da man auch halbwegs eingängige Melodien vergeblich sucht und sich stattdessen einer fortwährenden Kanonade aus Chorgesang, elektronischen (Stör-)Geräuschen, Harfen- und immer wieder Flötenklängen ausgesetzt sieht, ist man nach flüchtigem Durchhören dieses mit 70 Minuten auch reichlich lang geratenen Konzeptalbums beinahe versucht, diese CD gedanklich in die Rubrik „überflüssiger Schnickschnack“ einzusortieren. Doch wäre dies ein Fehlurteil, denn es lohnt sich, soviel steht nach einigen weiteren Durchläufen fest, sich auf dieses Album einzulassen. Es ist wie eine Expedition, die immer wieder ungeahnte Entdeckungen mit sich bringt. Da wechseln orchestrale Klänge unvermittelt mit Naturgeräuschen, da bilden verborgene Harmonien überraschende Synthesen. Und über allem thront Björks unverwechselbare, einzigartige, alles überragende Stimme. Noch ein Wort zu Björks optischer Präsenz auf Utopia: In ihrem Gesicht prangt auf Stirn und Nase, zwischen den von zwei trapezförmigen, balkendicken, blauen Lidstrichen unterlegten Augen, so etwas wie eine riesige Muschel, die auch ganz explizit als weit geöffnete Vagina durchgehen würde. Dies soll vielleicht die Bereitschaft symbolisieren, sich gleichsam von künstlerischen Inspirationen verschiedenster Art befruchten zu lassen. Und dann gibt es im Promo-Material zum Album (wenn auch leider nicht im Begleitheft – warum eigentlich nicht?) eine Abbildung, die Björk in einem Phantasie-Kostüm mit umgeschnalltem Dildo zeigt, was natürlich großartig ist. Und dennoch, die nächste Björk-Platte wünschen wir uns dann doch lieber wieder etwas zugänglicher, etwas poppiger, etwas kürzer und kompakter. Das Urteil lautet: voll befriedigend (10 Punkte).

Björk
Utopia
Embassy of Music (Warner) 2017
ASIN: B07713B21D