Category Archives: Über Musik

www.justament.de, 26.3.2018: Weltretten in 45 Minuten

Mike Rosa Vogel auf ihrem fünften Album „Alles was ich will“

Thomas Claer

Bei Maike Rosa Vogel ist eigentlich alles wie immer. Mit dem ersten Song ihres neuen Albums, „Es ist ganz leicht“, geht es ja schon los… Wieder einmal werden Behauptungen fern jeder Empirie losgetreten, wonach alle Menschen einfach nur möglichst viel miteinander teilen müssten, um glücklich zu sein, und zur Erfüllung einfach nur mehr lieben sollten, statt einander zu hassen. (Warum tun die Menschen dann aber so oft genau das Gegenteil, wenn es angeblich so einfach ist?) Wohl jedem und jeder anderen, der oder die so etwas sänge oder sagte, würde man ein beträchtliches Maß an Naivität oder, schlimmer noch, an Verlogenheit bescheinigen. Doch es ist seltsam: Kommen solche Worte aus Maike Rosa Vogels schönem Mund, werden sie von ihrer warmen, trotzigen Mädchenstimme mit Inbrunst in die Welt geschleudert, wird auf der Stelle all das Fragwürdige und Bedenkliche wahr und richtig. Und es besteht ja auch kein Zweifel daran: In einer Welt aus lauter Maike Rosa Vogels gäbe es alle diese schrecklichen Dinge nicht mehr, die uns tagtäglich das Leben zur Hölle machen. Kurz gesagt, auf einer intellektuellen Ebene ist dieser Songwriterin also keineswegs beizukommen. Vielmehr ist auch „Alles was ich will“, ihr mittlerweile fünftes Album, das wie die Vorgänger-CD im Eigenverlag erschienen ist, eine Ausgeburt an feuriger Emotionalität. Man wird sie dafür lieben oder hassen. Wir haben uns natürlich längst entschieden… Auch musikalisch kann das neue Album trotz seines erkennbar spartanischen Herstellungsverfahrens (auf eine Band wird ganz verzichtet) ohne weiteres mit den vorzüglichen Maike-Scheiben der vergangenen Jahre mithalten. Im weiteren Verlauf der Platte finden sich auch diesmal wieder grandiose Popsongs wie „Liebe geht nie“ oder die Lokal-Hymne „Wirklich in Berlin“. Und besonders gelungen sind nicht zuletzt einige sehr melancholische Stücke. Auch wie Maikes lyrisches Alter Ego über seine Ängste und Paranoia berichtet, ist großartig.
Nun könnte man sich allerdings die Frage stellen, wie lange diese, wie soll man sagen?, diese Masche mit dem doch sehr jugendlich anmutenden Charme dieser Künstlerin so noch funktionieren wird. Immerhin tritt sie demnächst schon in ihr viertes Lebensjahrzehnt ein, was zwar noch kein Alter ist, und andere sind in noch weit fortgeschritteneren Jahren noch viel infantiler. Aber wird nicht diese Mädchen-Nummer irgendwann doch an ihre Grenzen stoßen? Doch auch darauf hat Maike Rosa Vogel auf dieser Platte eine überzeugende Antwort: „Jedes Mädchen kann sein wie Yoko Ono“ heißt ein Song, der schon mal klarstellt, wer die Vorbilder sind. Und der Umkehrschluss gilt hier natürlich erst recht: Jede Künstlerin (und warum nicht gleich jeder Mensch?) darf und soll so naiv und kindisch sein, wie sie oder er es für richtig hält, notfalls auch noch mit weit über 80 wie Yoko Ono. Unser Urteil lautet auch diesmal: voll befriedigend (12 Punkte).

Maike Rosa Vogel
Alles was ich will
Eigenvertrieb 2017
www.maikerosavogel.com

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www.justament.de, 19.2.2018: Der aus dem Reihenhaus

Tocotronic auf ihrer zwölften Platte „Die Unendlichkeit“

Thomas Claer

Das Problem bei Tocotronic ist: Ihr Sänger Dirk v. Lowtzow hat einen weichen, mitunter larmoyanten Gesangsstil. Das passt sehr gut (kontrapunktisch) inmitten eines lärmenden Gitarrensounds, und noch besser passte es in Verbindung mit jugendlicher Unbekümmertheit (oder auch jugendbedingter Bekümmertheit) und sehr direkten, griffigen, parolenhaften Texten wie auf den ersten Tocotronic-Alben vor zwei Jahrzehnten. Weit weniger gut passt dieser Gesangsstil allerdings zu glatten, überproduzierten Songs mit abstrakten Texten. Und hier war bereits das weiße Album aus dem Jahr 2000 mit Songzeilen wie „Eines ist jetzt sicher/ Eins zu eins ist jetzt vorbei“ eine Art Sündenfall, von dem sich die Band bis heute nicht erholt hat. Denn das textliche „Eins zu eins“ konnten und können sie entschieden besser. Zwar gab es auch in den Jahren danach immer mal wieder Höhepunkte: „Pure Vernunft darf niemals siegen“ (2005) war nicht ganz schlecht, sogar recht ansprechend war das Album „Kapitulation“ (2007) mit musikalischen Anklängen an The Smiths / Morrissey (wobei sich letzterer längst in einer ähnlichen künstlerischen Falle wie Tocotronic befindet, um von seinen aktuellen politischen Verirrungen gar nicht erst zu reden). Auch „Wie wir leben wollen“ (2013) hatte gelungene Momente. Doch hätten diese Platten – wie eigentlich alle Tocotronic-Veröffentlichungen seit dem Jahr 2000 – weitaus mehr überzeugt, wären sie ohne all den überflüssigen Zuckerguss, gleichsam in der Garage eingespielt worden. Mit Tocotronic ist es wie mit einer alten Geliebten, die man gelegentlich noch trifft und die einem in immer neuen und aufwendigeren Outfits und Zurechtmachungen begegnet; dabei hätte man sie doch viel lieber pur und ungeschminkt.

Das neue, inzwischen zwölfte Album der Band, „Die Unendlichkeit“, stellt nun immerhin einen Schritt in die richtige Richtung dar. In jedem Falle gilt dies inhaltlich, denn diese Platte ist eine Art gesungene Autobiographie des Sängers Dirk v. Lowtzow. In chronologischer Reihenfolge erzählen die Songs dieser Platte von Lowtzows Werdegang, und das fast so direkt und unverblümt wie früher, wenn auch (natürlich) leider nicht mehr so unbekümmert wie im Frühwerk der Band. Und die Texte lassen tief blicken, berichten von den schweren Anfängen dieser Künstlerexistenz. Nicht etwa in einem Schloss, wie man glauben könnte, oder wenigstens in einem angesagten Szeneviertel einer Großstadt ist dieser spätere Coolness-Trendsetter aufgewachsen, nein – horribile dictu – in einem Reihenhaus in einer süddeutschen Kleinstadt. Auch der anschließende Studienort Freiburg kommt auf dem Album nicht gut weg und wird als „Schwarzwaldhölle“ geschmäht. Die Erlösung wird dann im Song „1993“ beschrieben bzw. besungen: das Ankommen in Hamburg – und in der dortigen „Schule“, versteht sich. Der spätere Ortswechsel nach Berlin war dann nur noch das Sahnehäubchen.
Musikalisch lässt „Die Unendlichkeit“ ebenfalls einen Aufwärtstrend erkennen. Solides Songwriting, eingängige Melodien. Nur leider haben sie sich auch diesmal in der Produktion verhoben und dadurch einmal mehr ihre Musik verschlimmbesssert. „Alles, was ich immer wollte, war alles“ heißt es im letzten Song. Dabei wäre weniger wirklich mehr gewesen. Jeder Albumtitel soll im musikalischen Gewand seiner jeweiligen Zeit erscheinen und ist zu diesem Zwecke endlos durch diverse Studio-Klangmühlen gedreht worden. Nun ja, irgendwie müssen sie die Millionen-Einnahmen aus ihren Plattenverkäufen wohl auch wieder unter das Volk bringen…

Was allerdings unerträglich ist, ist das ausufernde Geschwätz der Musikpresse und der Feuilletons über diese angeblich so kluge Band und ihren „Diskursrock“. Man tut den Tocos sicherlich keinen Gefallen damit, sie zu tiefsinnigen Intellektuellen aufzublasen. „Es ist einfach Rockmusik“ heißt ein Songtitel aus den frühen Jahren. Das trifft es besser. Das Urteil lautet: voll befriedigend (10 Punkte).

Tocotronic
Die Unendlichkeit
Vertigo Berlin 2017
ASIN: B0775ZP3VC

www.justament.de, 22.1.2018: Achim Reichels wilde Jahre

Eine opulente Box mit 10-CDs und Begleitbuch über „A.R & Machines“ aus den frühen Siebzigern

Thomas Claer

Was für ein Geschenk! Und das sage ich trotz des stolzen Anschaffungspreises von mehr als hundert Euro. Denn dieses vor kurzem erschienene einmalige Box-Set ist jeden einzelnen Euro wert – und noch viel mehr als das…

Die Anfänge meiner Begeisterung für Achim Reichels psychedelische Phase liegen in den frühen Neunzigern. Damals als Oberstufenschüler bin ich über den „Spieler“ und „Blues in Blond“ aus den Achtzigern irgendwann auf „Klabautermann“ und die „Regenballade“ aus den Siebzigern gekommen. Und so musste ich früher oder später natürlich auch auf die – schon sehr exzentrische – „Grüne Reise“ stoßen, die für mich ein regelrechtes Erweckungserlebnis gewesen ist. Doch ging ich seinerzeit zunächst davon aus, dass diese einen einmaligen Ausflug Achim Reichels in spirituell-psychedelische Gefilde darstellte, denn weitere Veröffentlichungen dieser Art von ihm waren nirgendwo zu finden. Für die Jüngeren sei hier ausdrücklich betont: Das Internet war noch nicht erfunden, und Informationen über spezielle Themen wie dieses waren Mangelware.

Was mich aber dann doch stutzig machte, war die lange Zeitspanne zwischen der „Grünen Reise“ (1971) und dem „Shanty Alb’m! (1976). Sollte es in der Zwischenzeit wirklich so gar keinen Output von Achim Reichel gegeben haben? Und dann traute ich meinen Augen kaum, als ich eines Tages in meinem Lieblingsschallplattensecondhandladen bei Bruno in der Bremer Neustadt in der Raritätenkiste ein reichhaltig und geheimnisvoll bebildertes Doppelalbum mit der Aufschrift „Echo“ fand: von Achim Reichel & Machines aus dem Jahr 1972. Mit Songtiteln wie „Im Zauberwald der sieben Sinne“, „Im Irrgarten des Geistes“ oder „Durch fühlbares, messbares Nichts“. Was mich dann aber gehörig schlucken ließ, war der jedenfalls nach meinen damaligen Maßstäben einfach ungeheuerliche Kaufpreis von 70 DM. Ich brauchte einige Tage, um mich schließlich dazu durchzuringen, mir diese Gelegenheit trotz des aberwitzigen Preises nicht entgehen zu lassen. Zum Glück war die Platte noch da. Obwohl ich schon fest zum Kauf entschlossen war, fragte ich Bruno noch, ob nicht vielleicht ein kleiner Rabatt für mich drin sei. „Nein“, war seine sehr entschiedene Antwort, „die Platten in dieser Kiste sind sooo selten. Da kann ich keine Mark runtergehen!“ Als ich dann aber trotz allem zugriff, senkte Bruno – entgegen seiner vorherigen Ankündigung – freundlicherweise doch den Preis für mich auf 65 Mark. Er wollte mich als guten Kunden seines Ladens wohl auch bei Laune halten. Rückblickend war dieser Kauf für mich eine sehr gute Entscheidung. Heute, mehr als ein Vierteljahrhundert später, werden für die Vinyl-Pressung des Echo-Albums, das vor einigen Jahren in einer englischen Musikzeitschrift auf Platz 12 im Ranking der brillantesten unbekannten Perlen der Popgeschichte gewählt wurde, gut und gerne 600 Euro bezahlt. Nun muss ich allerdings auch zugeben, dass mir neben dem musikalischen Hochgenuss auch die Vorstellung ein großes Vergnügen bereitete (und noch immer bereitet), etwas beinahe Einzigartiges nur für mich allein zu haben.

Doch gab es vielleicht sogar noch weitere Achim Reichel-Platten aus diesen Jahren, von denen ich nichts wusste? Ich befragte den Flohmarkt-Plattenhändler, bei dem ich die „Grüne Reise“ gekauft hatte. Und dieser rief nur „Oooh“, während er seine ausgebreiteten Hände erhob, und raunte mir verschwörerisch zu: „Es gibt noch einige! `Erholung` und wie sie alle heißen. Aber die sind sooo schwer zu kriegen. Und ich weiß auch von vielen, die da scharf drauf sind! Wenn du mir hundert Mark für jede Platte gibst, besorg ich sie dir alle.“ Nein, da konnte ich als angehender Abiturient natürlich nicht mithalten. Aber mein Jagd- und Sammelinstinkt war nun endgültig geweckt, und ich machte mich auf die Suche.

Aus einem Lexikon namens „Rock in Deutschland“, das ich ebenfalls auf dem Flohmarkt erstehen konnte, erfuhr ich dann die Namen der weiteren psychedelischen Reichel-Alben aus jenen Jahren und dazu noch die Hintergründe ihrer Entstehung und späteren Verknappung. Nach sehr erfolgreichen und einträglichen Jahren als Boygroup-Star in den Sechzigern mit den „Rattles“ erlaubte die Plattenfirma Achim Reichel einige Alben mit diesem experimentellen Zeug, die aber ein kommerzielles Desaster wurden, woraufhin sie später komplett vom Markt genommen und die unverkäuflichen Restbestände eingestampft wurden. Um 1990 herum feierte diese Musik dann eine überraschende Wiederentdeckung in Kennerkreisen, und die wenigen verbliebenen Restexemplare wurden zu gesuchten Liebhaberstücken. Dies sollten sie schließlich auch noch im digitalen Zeitalter bleiben, denn die freie Verfügbarkeit dieser Musik im Netz änderte nichts an der magischen Aura dieser von ihren stolzen Besitzern heiß geliebten Vinylscheiben in ihren bunt gestalteten, vom New Age inspirierten Covern.

Aber zurück in die frühen Neunziger. Es muss wohl schon während meines Zivildienstes gewesen sein, als ich im kleinen, feinen Plattenladen „Scheibenkleister“ im Bremer „Viertel“, auch dort natürlich in der Raritätenkiste, das gesuchte Album „Erholung“ fand. Es handelte sich um einen 1975 erschienenen Zusammenschnitt von Liveaufnahmen aus den vorhergehenden Jahren, der am Ende von Achim Reichels psychedelischer Phase gewissermaßen noch nachgeschoben wurde. Der Preis von 60 DM erschien mir nach meinen bisherigen Erlebnissen noch als durchaus moderat. Und schließlich war ich als Zivi, der noch bei seinen Eltern wohnte, aber dennoch üppige Wohn- und Verpflegungszuschüsse bezog, immer gut bei Kasse. (In diesen 15 Monaten Zivildienst habe ich im Wesentlichen den Grundstock für mein späteres Vermögen angespart.) Kurz gesagt, ich griff also ohne langes Zögern zu, und besaß nunmehr schon die dritte Veröffentlichung dieser Art. Auch „Erholung“ gefiel mir musikalisch sehr gut, obwohl sie weitaus ruhiger und meditativer geraten war als „Echo“ und die „Grüne Reise“. Doch es gab ja noch drei weitere Platten, auf die ich es abgesehen hatte.

Ich war wohl bereits Student in Bielefeld, als ich in „Fun Records“, einem monatlich erscheinenden Katalog mit seltenen Schallplatten und CDs, die mittels Geboten per Postkarte versteigert wurden (es gab ja noch immer kein Internet!), gleich zwei der begehrten Platten auf einmal inseriert fand: „A.R. 3“ aus 1972 und „A.R. IV“ aus 1973. (Nur echt in dieser Schreibweise: A.R. 3 mit arabischer und A.R. IV mit römischer Zahl.) Ich konnte mein Glück kaum fassen. Es hätten ja auch Platten sein können, die ich bereits besaß. Angeboten waren aber just zwei der drei, die mir noch fehlten. Ich schickte meine Postkarte mit dem Gebot von jeweils 50 Mark pro Platte an die Zeitschrift ab. Und ich gewann sie beide! Überflüssig zu erwähnen, dass das aus heutiger Sicht lächerliche Beträge für solche Raritäten waren. Und der Preis tat mir noch nicht einmal besonders weh, da ich auch im Studium finanziell gut versorgt war; was aber vor allem an meinen niedrigen Lebenshaltungskosten lag. Mein Zimmer im Studentenwohnheim kostete nur um die 250 Mark, das Mensa-Essen war für maximal 3,40 Mark zu haben. Und ich gab ja sonst fast nichts aus – außer gelegentlich auf Flohmärkten für Bücher und Schallplatten, und die waren meistens nicht teuer. Genüsslich lauschte ich den Klängen meiner beiden jüngsten Schätze: A.R. 3 mit Songtiteln wie „Warum Peter nur noch Ferien macht“ war schon sehr aufregend, sehr abgespacete Klänge. A.R. IV war dann wiederum viel ruhiger, aber auch sehr schön.

Nun fehlte mir also nur noch „Autovision“ aus dem Jahr 1974 – die letzte Studioplatte aus der Serie. Und es verging mindestens ein weiteres Jahr, bis ich mal wieder in Bremen im „Viertel“ den schon erwähnten Laden „Scheibenkleister“ besuchte und dort die Raritätenkiste durchwühlte. Da fragte mich der Händler, der mich wohl schon früher manchmal genau dabei beobachtet hatte: „Und du suchst Psychedelic?“ Ja, das stimmte schon. Aber wie kam er nur darauf? Ich hatte doch gar keine langen Haare mehr. Die hatte ich mir doch schon im zweiten Semester abgeschnitten. Da fiel mir ein, dass ich in diesem Laden vor gar nicht langer Zeit schon eine frühe Platte von den „Kastrierten Philosophen“ gekauft hatte, die ja auch irgendwie dieser Richtung zuzuordnen waren. Das hatte sich der Händler wohl gemerkt. Als ich ihm frei heraus sagte, was ich suchte, meinte er: „Oooh ja, die sind aber wirklich sehr selten.“ Aber er kenne da jemanden mit sehr guten Kontakten. Der könnte die „Autovision“ vielleicht besorgen. Was ich denn maximal bereit wäre, dafür ausgeben. Ich beschloss spontan, gleich aufs Ganze zu gehen, und sagte mutig: „100 Mark.“ Da meinte der Händler: „Ja, das könnte klappen.“ Und ich solle mal in zwei Wochen wiederkommen. Was soll ich sagen, es hat tatsächlich geklappt. Als ich die hundert Mark bezahlte, und selbst diese Summe war aus heutiger Sicht natürlich nicht viel für dieses Album, machte der Händler ein jammervolles Gesicht und klagte: „Hundert Mark will er dafür haben! Und was habe ICH davon? Eigentlich müsste da auch noch was für MICH rausspringen.“ Da murmelte ich nur ein unbestimmtes „Tja…“, bedankte mich nochmals und suchte mit meiner Beute schnell das Weite, denn dies war mein bisher teuerster Plattenkauf. (Neben einer extrem seltenen Bootleg-Platte von Phillip Boa & the Voodooclub, die mich auf einer Schallplattenbörse in Bielefeld ebenfalls 100 Mark gekostet hatte.) Ich musste an den Flohmarkthändler denken, bei dem ich vor Jahren die „Grüne Reise“, den „Klabautermann“ und das „Shanty Alb’m“ gekauft hatte, dessen Mantra immer lautete: „Dass ICH hier immer bei Wind und Wetter stehe, nur damit IHR mal ein paar richtig gute Platten bekommt, da könntet ihr ruhig mal Danke sagen!“ Ziemlich genau zu dieser Zeit, Mitte der Neunziger, ist das Tocotronic-Debütalbum mit dem Song „Gitarrenhändler, ihr seid Schweine!“ mit der Textzeile „… und hinterrücks habt ihr mich wieder abgezockt.“ erschienen. Eigentlich könnte man dieses Lied auch gut mit „Schallplattenhändler“ statt „Gitarrenhändler“ singen. Andererseits sollte ruhig mal jemand die Schallplatten-Sammelkultur als Kandidatin zur Aufnahme ins immaterielle UNESCO-Weltkulturerbe vorschlagen. Und schließlich sind es nicht zuletzt die Plattenhändler, die diese Leidenschaft bei ihren Kunden mit ihren Sprüchen befeuern…

Seit mehr als zwei Jahrzehnten sind diese sechs bzw. sogar sieben seltenen Klangscheiben, wenn ich das Doppelalbum „Echo“ zweifach zähle, nun also die Zierde meiner Plattensammlung, haben mehrere Umzüge überstanden und werden gelegentlich einem ungläubig staunenden Besucher vorgeführt, der das erforderliche Hintergrundwissen mitbringt, um die Bedeutung dieser Preziosen würdigen zu können. Und nun das: Es gibt wahrhaftig noch mehr von dieser Musik! Wie oft habe ich in all den Jahren auf YouTube nach Live-Aufnahmen aus jenen Jahren gesucht – bis auf ein Video des Songs „Eisenpferde“ vom Album „Autovision“ vergeblich. Und jetzt diese Fülle: Neben den sechs regulären Platten befinden sich noch vier CDs mit komplett unveröffentlichtem Material in der Box sowie mehrere, bislang ebenfalls unbekannte Tracks auf den CDs „A.R. IV“ und „Erholung“. Was für ein Fest! Und ein reich bebildertes, mehr als 90 Seiten starkes Begleitbuch erzählt ausführlich die Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte dieser Musik. Das Urteil lautet: sehr gut (16 Punkte).

A.R. & Machines
The Art of German Psychedelic 1970-1974 Box-Set
(10 CDs und Begleitbuch)
Mbg Rights Management (Warner)
ASIN: B075G6YL3J

www.justament.de, 25.12.2017: Seltsam, sehr seltsam

„Utopia“ von Björk

Thomas Claer

Überwiegend mit großer Ratlosigkeit haben Fans und Kritiker auf das neue Album der inzwischen 52-jährigen isländischen Pop-Fee Björk reagiert. Zwar gab es vereinzelt enthusiastische Zustimmung wie auch heftige Ablehnung ob der akustischen Zumutungen, denen die extravagante Eis-Königin ihre Zuhörer diesmal aussetzt. Doch für die meisten dürfte diese Platte einfach nur seltsam, sehr seltsam geklungen haben. Zwei Jahre nach „Vulnikura“, dem leidenschaftlich-extrovertierten Vorgänger, auf dem Björk die Trennung von ihrem Ex-Mann Matthew Barney verarbeitete, kehrt sie nun dem Genre Popmusik ganz entschieden den Rücken zu. „Utopia“, erklärtermaßen ein Werk des Aufbruchs, konzipiert unter maßgeblicher Mitwirkung des venezolanischen Produzenten und DJs Arca, ist pure Avantgarde. Von klassischen Songstrukturen kann hier kaum mehr die Rede sein. Da man auch halbwegs eingängige Melodien vergeblich sucht und sich stattdessen einer fortwährenden Kanonade aus Chorgesang, elektronischen (Stör-)Geräuschen, Harfen- und immer wieder Flötenklängen ausgesetzt sieht, ist man nach flüchtigem Durchhören dieses mit 70 Minuten auch reichlich lang geratenen Konzeptalbums beinahe versucht, diese CD gedanklich in die Rubrik „überflüssiger Schnickschnack“ einzusortieren. Doch wäre dies ein Fehlurteil, denn es lohnt sich, soviel steht nach einigen weiteren Durchläufen fest, sich auf dieses Album einzulassen. Es ist wie eine Expedition, die immer wieder ungeahnte Entdeckungen mit sich bringt. Da wechseln orchestrale Klänge unvermittelt mit Naturgeräuschen, da bilden verborgene Harmonien überraschende Synthesen. Und über allem thront Björks unverwechselbare, einzigartige, alles überragende Stimme. Noch ein Wort zu Björks optischer Präsenz auf Utopia: In ihrem Gesicht prangt auf Stirn und Nase, zwischen den von zwei trapezförmigen, balkendicken, blauen Lidstrichen unterlegten Augen, so etwas wie eine riesige Muschel, die auch ganz explizit als weit geöffnete Vagina durchgehen würde. Dies soll vielleicht die Bereitschaft symbolisieren, sich gleichsam von künstlerischen Inspirationen verschiedenster Art befruchten zu lassen. Und dann gibt es im Promo-Material zum Album (wenn auch leider nicht im Begleitheft – warum eigentlich nicht?) eine Abbildung, die Björk in einem Phantasie-Kostüm mit umgeschnalltem Dildo zeigt, was natürlich großartig ist. Und dennoch, die nächste Björk-Platte wünschen wir uns dann doch lieber wieder etwas zugänglicher, etwas poppiger, etwas kürzer und kompakter. Das Urteil lautet: voll befriedigend (10 Punkte).

Björk
Utopia
Embassy of Music (Warner) 2017
ASIN: B07713B21D

www.justament.de, 27.11.2017: Röchel, grunz, kreisch!

Scheiben Spezial: Vor 25 Jahren erschien „Bone Machine“ von Tom Waits

Thomas Claer

Ein Vierteljahrhundert ist es nun schon her, dass “Bone Machine”, die wohl abgründigste, kaputteste und zugleich genialste aller Tom Waits-Platten das Licht der Welt erblickte. Auf mich machte dieses Album, damals mit Anfang zwanzig, einen tiefen unauslöschlichen Eindruck. Und das lag nicht nur an der in jungen Jahren – auch bei mir – besonders ausgeprägten Begeisterungsfähigkeit. Gewiss, hätte ich damals schon das ganze Frühwerk dieses Meisters der schrägen Klänge gekannt, dann wären mir gewisse Wiederholungen, zumal bei den langsameren Stücken am Piano, nicht entgangen. Doch hätte wohl auch dies meinen Enthusiasmus kaum getrübt. Natürlich war es ein Glücksfall, Tom Waits gerade mit dieser Platte für mich entdeckt zu haben…

Im Sommer 1993, dem letzten vor Beginn meines Jura-Studiums, reiste ich mit meinem Freund A drei Wochen lang durch Frankreich. Schließlich hatten wir während unseres Zivildienstes ein Jahr lang an der Volkshochschule Französisch gelernt und brannten nun darauf, unsere frisch erworbenen Sprachkenntnisse an Ort und Stelle anwenden zu können. Wir reisten mit Interrail-Ticket, Zelt und Rucksack, das war ja klar. Wie uncool wäre das denn gewesen, sich etwa mit dem Rollkoffer auf die Reise zu machen? Mit der Hygiene nahm man es auf den Campingplätzen nicht sonderlich genau. Hätte ja auch ziemliche Umstände bereitet, sich ständig die schulterlangen Haare zu waschen. Am schönsten war es, keine Frage, in Frankreichs Süden, vor allem in der Provence mit ihren magischen Düften und Farben. Und so landeten wir eines Tages in der Jugendherberge der Stadt Nimes und trafen dort auf eine Gruppe junger Deutscher, mit denen wir den Abend verbrachten. Schnell freundete ich mich mit einem Geschichts-Studenten aus Cloppenburg an, und der legte dann irgendwann seine Tom-Waits-Kassette mit „Bone Machine“ in den dort herumstehenden Kassettenrekorder. Klänge solcher Art hatte ich noch nie zuvor gehört! Die Musik rumpelte, krachte, zischte und dröhnte, dass es eine Freude war. Und dann diese Stimme, die in einem fort röchelte, grunzte und kreischte. Während wir seine Kassette wieder und wieder abspielten, wohl den ganzen Abend lang, erzählte mir der Cloppenburger Geschichtsstudent alles, was er über Tom Waits wusste, und das war eine Menge. Bis tief in die Nacht fachsimpelten wir in der Gruppe über unsere jeweiligen Auffassungen von Pop-Musik…

Am nächsten Tag fuhren wir dann mit einem Kleinbus von der Jugendherberge zum nahe gelegenen Pont du Gare, jenem berühmten Aquädukt aus der Römerzeit. Und dort bin ich mit meinem Freund A oben auf dem Rand der mächtigen Wasserleitung, noch dazu bei stürmischen Winden, in mehr als 20 m Höhe über dem kaum Wasser führenden Fluss von der einen Seite bis zur anderen gelaufen, ohne jede Absicherung. Abends in der Jugendherberge erklärte man uns deshalb für lebensmüde, denn dort seien schon zahlreiche Touristen in die Tiefe gestürzt. Keiner, dem ich später von diesem Abenteuer berichtet habe, wollte es mir glauben, denn inzwischen ist am Pont du Gare längst alles abgesperrt und keine Überquerung mehr möglich…

Am Ende unserer Fahrt habe ich mich dann tatsächlich noch mit meinem Freund A zerstritten. Anlass war eine Ausgabe der Illustrierten BUNTE, die wir irgendwo an einem französischen Bahnhofskiosk erstanden hatten, mit sensationellen Paparazzi-Nacktfotos des Models Claudia Schiffer. Den Kaufpreis hatten wir uns, glaube ich, geteilt. Und nun wollten wir die delikaten Fotos unter uns aufteilen, um den für uns wertlosen Rest der Zeitschrift anschließend entsorgen zu können. Aber wer sollte welches Foto behalten dürfen? Weder A noch ich wollte auf das größte und in unseren Augen schönste dieser Bilder verzichten, auch wenn man zum Ausgleich alle anderen Fotos, und es gab noch einige weitere im Journal, hätte behalten können. Damals ahnten wir noch nichts von der unmittelbar bevorstehenden Erfindung des Internets, das solche Streitereien schon wenige Jahre später hinfällig werden ließ…

Bald nach dem Urlaub kaufte ich mir die Tom Waits-Platte „Bone Machine“, den Soundtrack unserer Reise, natürlich auf Vinyl. Und die aufgenommene Kassette mit dieser Musik lief bei mir dann in den folgenden Jahren recht häufig im Studentenwohnheim. Sollte ich jemals ein Testament verfassen, dieser Gedanke kam mir wohl schon damals in den unteren Semestern, dann werde ich darin den Wunsch äußern, dass der Song „Dirt in the Ground“, das zweite Stück von „Bone Machine“, auf meiner Beerdigung gespielt wird. Aber unbedingt auf einem möglichst schäbigen Mono-Kassettenrekorder. „Cause we ´re all gonna be just dirt in the ground.“

Tom Waits
Bone Machine
Island Records 1992
ASIN: B001SXE0T0

www.justament.de, 23.10.2017: Call it alte Liebe

Scheiben Spezial: Vor 30 Jahren erschien „One Second“ von YELLO

Thomas Claer

30 Jahre sind eine lange Zeit. Und was ist geblieben von der Musik, an der man sich damals als verwirrter Teenager so innbrünstig erfreut hat? Nun ja, nicht viel. Aber diese Platte, die jahrelang in meinem Plattenschrank stand, bis sie irgendwann in den Neunzigern einer, wie ich es seinerzeit nannte, „ästhetischen Säuberung“ meiner Tonträgersammlung zum Opfer fiel und nach reiflicher Überlegung im Second-Hand-Plattenladen verkauft wurde, diese Platte habe ich nun, nachdem ich sie gut und gerne zwei Jahrzehnte später auf YouTube wiederentdeckt und erstmals seitdem wieder von vorne bis hinten durchgehört habe, erneut ins Herz geschlossen. Es ist, als ob mit dieser Musik meine ganze Welt der späten Achtzigerjahre wiederauferstünde, das Lehrlingswohnheim an der Ostsee, das bald nach der Wende abgerissen wurde, in dem ich sie immer wieder auf dem Kassettenrecorder hörte.
„One Second“ ist die vielleicht rundeste und stimmigste aller YELLO-Platten, aber sie ist, wie ich nun feststelle, keineswegs so glatt und poppig wie ich es wohl angenommen haben muss, als ich sie damals in einem mir heute unerklärlichen Anflug von Rigorismus verkauft hatte. Hier sind die Schweizer Soundtüftler Boris Blank und Dieter Meier in Bestform. Zwei Jahre nach der Trennung von Gründungsmitglied Carlos Peron ist der YELLO-Sound noch längst nicht so verflacht, wie man es ihm später immer wieder und dann ja auch durchaus zutreffenderweise bescheinigt hat. Die beiden Anzug- und Schnurrbartträger präsentieren auf diesem Album ein buntes Sammelsurium aus allerlei Ethno-Sounds verschiedenster Provenienz, wobei der Schwerpunkt zumeist auf einer lateinamerikanisch anmutenden Percussion liegt. Allerhand gewöhnliche und ungewöhnliche Instrumente werden mit spielender Leichtigkeit ins elektronische YELLO-Klanguniversum integriert. Ebenso bunt und vielfältig sind die eingesetzten Gesangsstimmen. Zahlreiche prominente Gastmusiker von Billy Mackenzie („Moon on Ice“) bis Shirley Bassey (“The Rhythm Divine“) unterstützen Blank und Meier, noch dazu in verschiedenen Sprachen. Die „Hit-Singles“ dieses kommerziell gediegenen Albums waren das grandiose „Call it Love“ und „Goldrush“, zwei auch nach heutigen Maßstäben überragende Pop-Songs: Blanks fein dosiertes Pathos, ohne belanglos zu sein, im einen Falle, Meiers mitreißendes stimmliches Stakkato im anderen. Für mich öffnete „One Second“ vor 30 Jahren ein Fenster aus der kleinen, engen DDR in die große weite Welt.

YELLO
One Second
Mercury 1987

www.justament.de, 18.9.2017: Echo der Vergangenheit

Scheiben Spezial: Achim Reichel lässt “A.R. & Machines“, sein psychedelisches Krautrock-Experiment aus den frühen Siebzigern, wieder auferstehen – in der Elbphilharmonie!

Thomas Claer

Achim Reichel 1971 (Foto: Wikipedia)

Es ist unglaublich. Lange hatte Achim Reichel, heute 73, mit dieser Idee kokettiert, aber dabei war es dann auch geblieben. Zu verwegen erschien die Option, hier noch einmal ranzugehen. „Man soll nie nie sagen“, erklärte der Beat-Veteran schon in den Neunzigern, als er gefragt wurde, ob Konzerte mit der Musik von „A.R. & Machines“ für ihn irgendwann wieder ein Thema sein könnten. Doch er wolle eben auch nicht am Ende als Spinner dastehen. Nach einem gewaltigen kommerziellen Flop war die Restauflage der zwischen 1971 und 1975 aufgenommenen sechs Alben jener obskuren meditativen Rockmusik eingestampft worden – um nach zwei Jahrzehnten eine spektakuläre Wiederentdeckung zu erleben. Plötzlich erfuhren Platten wie „Die grüne Reise“, „Echo“ und „Erholung“ in Kennerkreisen eine regelrecht kultische Verehrung. Hinzu kam, dass die geringe Zahl der übriggebliebenen Vinyl-Exemplare aus jener Zeit nun zu horrenden Sammlerpreisen ihre Besitzer wechselten, bis endlich Neuauflagen auf CD den Knappheits-Druck etwas minderten. Auch erfreute sich diese Musik mittlerweile einer ungeahnten Beliebtheit bei Trance- und Goa-Veranstaltungen. Dennoch blieb die Zahl ihrer Anhänger überschaubar, so dass sie bei allen Achim Reichel-Jubiläums- und Rückblicks-Konzerten der folgenden Jahre ausgespart blieb.

Achim Reichel 2017

Und nun das! Die mit jahrelanger Verspätung endlich eröffnete Hamburger Elbphilharmonie macht`s möglich. Durch seine begrenzte Zuschauerzahl und die einzigartige Akustik ist dieser Ort wie geschaffen für diese ihrer Natur nach wilde Session-Musik voller Improvisationen. Nur sind inzwischen leider nicht mehr viele von Achim Reichels einstigen Mitstreitern bei den „Machines“ am Leben. Immerhin Olaf Casalich, der legendäre Drummer und Percussionist, auch bekannt als Gründer und Kopf der Minne-Rockband Ougenweide, ist dabei. Und ein paar nachgeborene Brüder im Geiste. Am vergangenen Freitag hatten „A.R. & Machines“ einen triumphalen Auftritt im neuen Klangtempel an der Waterkant. Gut Ding will nun einmal Weile haben. Und last not least: Am 27.10.2017 erscheint „The Art Of German Psychedelic (1970-74)“, ein 10-CD-Set mit 96-seitigem Begleitbuch über die A.R. & Machines Story. Wir sind gespannt.

www.justament.de, 21.8.2017: 33 Jahre bei der Stange

Nick Cave & the Bad Seeds in einer ultimativen Werkschau

Thomas Claer

Wieder eine Best of-Compilation von Nick Cave & the Bad Seeds, immerhin fast zwei Jahrzehnte nach der ersten von 1998. Und wie immer in solchen Fällen gehen die Meinungen bei Fans und wohlwollenden Beobachtern auseinander. „Muss das sein?“, fragen die einen empört und wittern nun aber wirklich den kommerziellen Ausverkauf. „Doch, das ist schon in Ordnung“, beschwichtigen die anderen – und sie könnten diesmal recht haben. Denn Nick Cave hatte in all den Jahren seit seinem ersten „Solo-Album“ „From her to Eternety“ (1984), seine frühere Band „Birthday Party“ (1980-1983) und seine Nebenbei-Band „Grinderman“ (2007-2011) noch gar nicht mitgerechnet, einen enormen künstlerischen Output, bei dem man erstens schon mal den Überblick verlieren konnte, der zweitens – so viel Kritik am Meister sei hier erlaubt – von unterschiedlicher Qualität war. Und drittens ist diese aktuelle Zusammenstellung so opulent und treffsicher geraten (die Musiker selbst und nicht irgendwelche Heinis von der Plattenfirma haben sie zusammengestellt), und das zu einem mehr als vertretbaren Preis von 22 Euro für 45 Songs auf drei CDs plus einer DVD mit seltenen Live-Auftritten und Interviews plus einem Buch – nein, da kann man wirklich nichts sagen. Außer vielleicht doch noch zu bemängeln, dass ein besonders großartiger Song hier leider fehlt: „Henry Lee“ – das Duett mit P.J. Harvey von 1995. Aber es mag dafür Gründe geben, die wir nicht kennen und gegebenenfalls respektieren müssen. Es ist ja längst kein Geheimnis mehr, dass Nick und die wunderbare P.J. damals eine Zeit lang ein Paar waren…
Stark vereinfacht lassen sich drei Schaffensperioden von Nick Cave & the Bad Seeds unterscheiden, die nicht ganz den drei CDs dieser Zusammenstellung entsprechen: Die erste Phase war die im (West-)Berliner Underground der 80er und frühen 90er Jahre (zu jener Zeit als auch noch die „Einstürzenden Neubauten“ ein ganz heißer Act waren, deren Frontmann Blixa Bargeld bei den „Bad Seeds“ noch bis vor wenigen Jahren Gitarre spielte. Zum Ende hin gab es aber auch schon damals sehr poppige Ausflüge wie das Album „The Good Son“. („Das war aber noch auf der richtigen Seite“, sagte seinerzeit mein AG-Kollege im Referendariat über diese Platte.) Dann kam 1995 gewissermaßen der kommerzielle Durchbruch in den Mainstream-Pop: das Duett mit Kylie Minogue, angesichts dessen einige Nick-Cave-Fans der ersten Stunde noch heute mit den Zähnen fletschen. „Nick Cave von Kylie in die Charts geküsst“ titelte damals eine bekannte Musikzeitschrift. Und doch, es war ein großartiger Song! Danach fiel aber das Niveau der Nick Cave-Produktionen etwas ab, nicht generell und nicht durchgängig zwar, aber es wechselten sich Höhepunkte und ziemliche Durchhänger ab – bis es dann vor einem Jahrzehnt eine Art „Back tot he roots“-Wende gab. Mit seinem schon erwähnten Nebenprojekt Grinderman, an dem kurioserweise auch nahezu alle „Bad Seeds“-Musiker beteiligt waren, ließ es Nick Cave nach zuvor regelrecht ausufernder Seichtigkeit endlich wieder garagenrockmäßig krachen, und das gab offensichtlich auch den „Bad Seeds“ wieder etwas vom alten Schwung zurück. Vor allem aber gelang ihnen schließlich mit “Push The Sky Away” ein stilles und doch äußerst melodisch komponiertes Album, das in seiner grandiosen Stimmigkeit sozusagen den Spätruhm dieser Band begründete.

Wer Nick Cave & the Bad Seeds schon immer mal kennenlernen wollte, findet hier eine vortreffliche Gelegenheit. Na gut, man kann sich natürlich auch einfach durch YouTube klicken. Aber mit dieser schönen Box kommt zumindest noch eine sinnlich-haptische Komponente hinzu. Und die langjährigen Fans können sich über die eine oder andere veränderte Nuance durch neue Abmischungstechnik freuen – und natürlich über die Raritäten auf der DVD sowie über das Buch. Immerhin. Das Urteil lautet: gut (15 Punkte).

Nick Cave & the Bad Seeds
Love Creatures – The Best of
Deluxe Edition 3CDs, 1 DVD + Buch Box-Set
Mute (Warner) 2017
21,99 EUR (zur Zeit bei Amazon)
ASIN: B06XFQY4DP

www.justament.de, 17.7.2017: Geniale Rumpel-Kapelle

„Der Traum vom Anderssein“, die 13. Platte der Alt-West-Berliner Underground-Combo „Mutter“

Thomas Claer

„Ein Kommentar von Sekundo auf spiegel.de. Soeben habe ich ‚Wer hat schon Lust, so zu leben‘ bei youtube über mich ergehen lassen. Ich bin studierter Musiker und entsetzt über eine derartig üble Combo, bei der nichts (in Buchstaben NIX) stimmt!! Verstimmte Gitarren, Temposchwankungen, ein “Sänger” der nicht singt, ein Trommler mit rhythmischen Fragezeichen, ein Gesamtsound, der nach Rausschmiss schreit. Dass diese Rumpel-Kapelle tatsächlich 50 Leute in ein Konzert lockt grenzt an ein Wunder. Und jeder, der diese Band lobt, outet sich als unseriös und inkompetent! Diese furchtbaren Dilettanten als “künstlerisch eigensinnig” zu bezeichnen ist bizarr bis unverschämt.“

Dieses Zitat schmückt die Homepage der Band „Mutter“. Und, hat dieser erboste strenge Musik-Experte denn nicht Recht? Doch, natürlich, aber das ist es ja gerade. „Mutter“ – das ist nicht feine, in sich stimmige Akkuratesse, sondern rohe Urgewalt. Manchmal brachial, meistens schwer und langsam, immer irgendwie bedrohlich. Oder sagen wir: fast immer. Schließlich stehen sie auch für Unberechenbarkeit: Ihr meistverkauftes Album „Hauptsache Musik“ aus den Neunzigern enthält völlig mutteruntypische Folk-Songs. Und zu „Mutters“ Geniestreichen zählt auch eine Fritz-Lang-Stummfilm-Vertonung („Der müde Tod“ von 1921). „Mutter“ schaffen Atmosphäre – und sperrige deutschsprachige Texte, die ihnen einen dauerhaften Ehrenplatz in der Welt des Diskurs-Pops eingebracht haben. (Ihr Debüt-Album trägt den vielsagenden Titel: „Ich schäme mich Gedanken zu haben, die andere Menschen in ihrer Würde verletzen“)
Tief verwurzelt in der Westberliner Gegenkultur der Achtzigerjahre – Band-Leader Max Müller gehörte sogar zur Urbesetzung der legendären „Tödlichen Doris“ um seinen Bruder Wolfgang Müller – haben sie sich ihre Eigenartigkeit über zahlreiche Alben bis heute bewahrt. Den Beweis dafür liefert einmal mehr ihre neue Platte, es ist die inzwischen 13., „Der Traum vom Anderssein“. Sie ist musikalisch recht abwechslungsreich geraten, sehr rockige und manchmal sogar schnelle Stücke („Glauben nicht wissen“) kontrastieren mit einigen überraschend sanften Darbietungen („So bist Du“). Und die Songtitel wie auch Max Müllers gleichsam aus sich herausgeschleuderte Textfetzen („Menschen werden alt und dann sterben sie“) laden ein zu immer neuen Assoziationen. Diese Band lebt ihn, den „Traum vom Anderssein“, vom Anderssein als all die glattgebügelten Mainstream-Kollegen insbesondere. Alles in allem also wieder ein erfreulich unverkennbares „Mutter“-Album. Das Urteil lautet: voll befriedigend (11 Punkte).

Mutter
Der Traum vom Anderssein
DEG 2017
€ 21,90 (Vinyl) bzw. 17,90 (CD) zzgl. Versandkosten bei Hanseplatte
http://muttermusik.de/

www.justament.de, 5.6.2017: 50 Jahre Pink Floyd-Platten

Scheiben vor Gericht Spezial. Ein persönlicher Rückblick

Thomas Claer

Als Kind in der DDR konnte man gar nicht anders, als den Sirenenklängen des westlichen Werbefernsehens zu erliegen. Wer in einer Welt des grauen Einerleis lebte, deren einzige Farbtupfer die roten Fahnen der hohlen Staatspropaganda waren, den mussten die kunterbunten (und ja auch oftmals wirklich originellen!) Reize der Reklamesendungen im öffentlich rechtlichen Westfernsehen schon äußerst entzücken. Und so ging es mir wie dem bildungsfernen, aber gewitzten Banlieue-Bewohner im Film „Ziemlich beste Freunde“: Ich lernte viele berühmte Melodien direkt aus dem Werbefernsehen kennen, von „Unwiderstehlich sind Schoko-Crossies“ bis zu „Komm doch mit auf den Underberg“. Besonders angetan hatte es mir aber eine Bier-Werbung, in der Bilder einer Grüne-Wiesen-Landschaft mit betörenden Sphären-Klänge unterlegt waren, deren anfangs sehr dezente Lautstärke sich ganz allmählich steigerte, bevor sich just im Moment des Öffnens der Bierflasche die aufgebaute Spannung mit einer schlichten, aber eindrucksvollen Melodie auf der E-Gitarre entlud. Damals wusste ich noch nicht, dass ich mich in einen Song von Pink Floyd verliebt hatte. Und es gab auch weit und breit niemanden, der mich darüber hätte aufklären können. (Einen Pink Floyd-begeisterten Mathematik-Lehrer, wie ich ihn später in Bremen bekommen sollte, hat es wahrscheinlich in der ganzen DDR nicht gegeben.)
Ein paar Monate später war ich im Westen. Zu den schönsten Momenten meiner sonntäglichen Flohmarktbesuche auf der Bremer Bürgerweide gehörte dann jener, als ich dort am Stand eines Schallplattenhändlers ausgerechnet meinen Lieblingssong aus der Jever-Werbung auf dem Plattenteller knistern hörte: „Shine on You Crazy Diamond“ von Pink Floyd, vom Album „Wish You Were Here“ aus dem Jahr 1975. Es euphorisierte mich ungemein, diese grandiose Platte mit dem Shakehands zwischen zwei Anzugträgern auf dem Cover, von denen der eine gerade dabei ist, in Flammen aufzugehen, für ein paar müde Mark mit nach Hause nehmen zu können. Später legte ich mir dann noch weitere Pink-Floyd-Scheiben zu, die bis heute einen Ehrenplatz in meiner Schallplattensammlung einnehmen. Erst vor zwei Jahren haben sich Pink Floyd nach unzähligen Streitereien zwischen den verbliebenen Bandmitgliedern offiziell aufgelöst. Vor 50 Jahren ist ihre erste Platte erschienen.