Category Archives: Über Musik

justament.de, 12.10.2020: Soundtrack einer Juristenausbildung

Vor 25 Jahren erschien “Digital ist besser” von Tocotronic

Thomas Claer

Muss man über das grandiose Frühwerk der Band Tocotronic, das vor einem Vierteljahrhundert seinen Anfang nahm, überhaupt noch große Worte verlieren? Ist denn nicht längst schon alles darüber gesagt? Das schon, ließe sich mit Karl Valentin einwenden, aber noch nicht von jedem. Meine persönliche Tocotronic-Geschichte begann bereits in den frühen Achtzigern, schon lange vor Gründung dieser Band, als ich zu meiner großen Freude eine Armbanduhr aus dem Westen geschenkt bekam, was für ein Ostkind jener Zeit so ziemlich das Großartigste war, was man sich vorstellen konnte. Entscheidend dabei allerdings war, dass es sich um eine Digitaluhr handelte. So altmodische Uhren mit Zeigern und Zifferblatt waren damals ja sowas von verpönt…

Lange Jahre trug ich fortan meine geliebte Digitaluhr und fühlte mich immer sehr cool damit. Bis ich im Mai 1989, nur wenige Monate vor dem Mauerfall, in den Westen kam und mich auf einem Bremer Gymnasium, umgeben von äußerst stilbewussten jungen Menschen, wiederfand. Schnell bemerkte ich, dass ich dort der einzige war, der eine solche Uhr trug, die noch dazu unter meinen Mitschülern mächtiges Naserümpfen hervorrief. Oh mein Gott, wie uncool war das denn? Wer trägt denn heute noch eine Digitaluhr?! Wahrscheinlich fehlte mir damals, im zarten Alter von 17 Jahren, auch einfach das Selbstbewusstsein, um mich über solche Verächtlichmachungen einfach hinwegzusetzen. Irgendwann gefiel mir meine alte Uhr dann selbst nicht mehr. Nach reiflicher Überlegung kaufte ich mir, ausdrücklich auch aus ökologischen Gründen, eine leuchtend blaue Solaruhr, die ebenfalls sehr schön war, natürlich mit Zeigern und Zifferblatt. Meine Digitaluhr ließ ich in einer Schublade verschwinden und hatte sie bald vergessen.

Mit meiner Solaruhr absolvierte ich das Abitur und bestritt ich auch meine gesamte Juristenausbildung. Aber es irritierte mich dann schon, als Mitte der Neunziger eine Band aus Hamburg in aller Munde war, deren erster Album- und auch Songtitel “Digital ist besser” lautete. Und diese drei Altersgenossen von mir trugen doch wirklich, was man vor kurzem noch für völlig unmöglich gehalten hätte, Trainingsjacken und, ja, tatsächlich auch Digitaluhren! Anfangs ging ich dem nicht weiter nach, auch wenn ich manchmal beim Durchzappen der Fernsehkanäle auf MTV oder Viva etwas davon mitbekam. Aber dann gab es einen in meiner Lern-AG, der Tocotronic-CDs besaß und von ihnen schwärmte. Von ihm lieh ich sie mir aus und überspielte sie mir auf Musikkassetten, die ich dann im Studentenwohnheim auf meinem alten Mono-Kassettenrecorder rauf und runter hörte.

Natürlich war es kein Zufall, dass die Band zu zwei Dritteln aus abgebrochenen Jura-Studenten bestand. Ihre Songs waren wild und eruptiv, oft auch laut und schnell. Die verstimmten Gitarren, das treibende Schlagzeug, die herausgebrüllte Wut in Dirk von Lowtzows Gesang, immer haarscharf neben dem Ton… Und dann diese parolenhaften und zugleich hintersinnigen Texte! So viele von ihnen sprachen mir sowas von aus dem Herzen: “Alles was ich will ist nichts mit euch zu tun haben!” oder “Ich bin viel zu lange mit euch mit gegangen!” Genau das hatte ich mir auch immer gedacht in all den Jahren, hatte aber irgendwie immer den Absprung verpasst, und irgendwann war es dafür dann zu spät. Ich wurde Volljurist und habe dennoch meinen Groll gegen die Juristenausbildung, gegen meine Juristenkollegen, ja gegen alles Juristische überhaupt nicht nur niemals abgelegt, sondern sogar heute noch tief verinnerlicht.

Dennoch wäre ich nie auf die Idee gekommen, meine Solaruhr, die mir immer gute Dienste geleistet hatte, wieder gegen eine Digitaluhr, die nun durch Tocotronic zum Symbol des Slackertums und einer misanthropisch-individualistischen Gegenkultur geworden war, auszutauschen. Erst lange Zeit später, es muss wohl vor sieben oder acht Jahren gewesen sein, gab meine Solaruhr mit einem Mal ihren Geist auf. Das war so plötzlich geschehen, dass ich auf die Schnelle keine Zeit hatte, um mir Gedanken über eine neue Uhr zu machen. Ich musste dringend zu meinen Privatschüler-Terminen und musste dabei vor allem immer wissen, wie spät es war. Hektisch kramte ich in Schränken und durchwühlte Schubladen, und dann hielt ich tatsächlich meine alte Digitaluhr in den Händen. Immerhin, sie lief noch… Mit ihr fuhr ich also zu meinen Nachhilfestunden. Doch was dann geschah, hatte ich nicht erwartet. “Wow, coole Uhr!”, rief mir mein arabischer Schüler in Schöneberg zu. “Sie haben aber eine hübsche Uhr”, fand meine Siebtklässlerin in Mitte. Da wusste ich, dass ich mir das Geld für die Anschaffung einer neuen Uhr sparen konnte. Am selben Abend hörte ich nach langer Zeit wieder den Song “Digital ist besser” – und trage seitdem nur noch Digitaluhren. Als meine alte aus den Achtzigern nach einigen Monaten dann doch nicht mehr funktionieren wollte, kaufte ich mir eine identische neue.

Aber zurück zu Tocotronic: Fünf fantastische Alben in fünf Jahren haben Tocotronic von 1995 bis 1999 herausgebracht. Von beinahe allem, was später von ihnen kam, muss man, ehrlich gesagt, dringend abraten, das war dann fast nur noch weichgespülter Mist. Aber das Frühwerk von “Digital ist besser” bis zu “K.o.o.k.” ist und bleibt gigantisch. Und zu ihren Texten muss man sagen, dass sie keineswegs schlechter sind als die von, sagen wir, Bob Dylan. Und auch gewiss nicht schlechter als die Lyrik dieser Frau Glück, die bis vor wenigen Tagen noch niemand kannte.

Das Urteil für Tocotronics Frühwerk kann daher nur lauten: Gebt ihnen den Nobelpreis!

justament.de, 14.9.2020: Kritik der Kollateralschäden

Maike Rosa Vogel auf ihrer sechsten CD “Eine Wirklichkeit”

Thomas Claer

Leidenschaftlich, kraftvoll und energisch sind die Frauen des Jahrgangs 1978, geboren im Jahr des Pferdes nach dem chinesischen Horoskop. So wie Franziska Giffey oder Charlotte Roche – oder wie Maike Rosa Vogel, deren mittlerweile sechste CD wir gerade glücklich in den Händen halten. Und alles, was diese wort- und klanggewaltige Liedermacherin aus Prenzlauer Berg ausmacht, findet sich in der gewohnten Fülle auch auf diesem Tonträger. Zwar ist sie, man muss es immer wieder betonen, eigentlich am besten, wenn sie nur mit ihrer Gitarre bewaffnet auf der Bühne steht, weshalb ihr neues, aufwendig instrumentiertes Album mit Auftritten mehrerer Gastmusiker streckenweise ein wenig überproduziert wirkt. Und doch ist ihr manches, und gar nicht so weniges, auf “Eine Wirklichkeit” sogar auf besondere Weise gelungen. So enthält diese Platte selbst nach ihren Maßstäben eine ungewöhnliche Vielzahl herausragender Songs: das feurige Liebeslied “Nie genug”; das melancholisch-tiefsinnige “Die gleichen Stümper”; das dank Sven Regeners Jazz-Trompete und auch sonst bemerkenswert groovende “Baby & Johnny” (noch dazu mit einem so anrührenden Text!); das ein – für ihre Verhältnisse – erstaunlich realistisches Menschenbild textlich und musikalisch umsetzende “Der allerletzte Grund” (es geht um die Schönheit des Angebeteten, die von außen und die von innen, wobei diese natürlich ganz maßgeblich im Auge der Betrachterin liegt…) und – nicht zu vergessen – “Einfach so”, das heitere Duett mit dem Kollegen Felix Meyer, das einen schon ziemlich an das Lied “Herz ist Trumpf” von Achim Reichel erinnert, was aber keineswegs ein Einwand sein soll. So wie auch der Refrain im Lied “Heimat” schwer nach “Watt?” von Torfrock klingt, was aber ebenfalls nicht schlimm ist…

Doch nun zum stärksten Song des Albums, der schon zwei Jahre alt ist und auf dieser Platte in einer (musikalisch) anderen Version erscheint als auf YouTube: “Unser Geld ist wichtiger als ihr”. Ein rigoroser und kompromissloser antikapitalistischer Protestsong, wie er im Buche steht! Er richtet sich mit aller Wucht gegen “die Autoindustrie” und “die Vermieter”. In (selbst-)gerechtem Zorn klagt das lyrische Ich über letztere wie folgt:

“In Deutschland nehmen Menschen
Mieten von den anderen Menschen,
Die nicht die Sorge haben, sich zu überlegen,
Wie sie ihr Erbe investieren in Immobilien in Berlin
Denn bei der Bank gibt es gerade viel zu wenig Zinsen.
Und damit die mit so viel Geld überhaupt noch was verdienen,
Zahlen andere die immer höheren Mieten.
Selber kaufen können sie nichts,
Denn aus kapitalistischer Sicht
Bist du frei genug zum Miete zahlen,
Aber gehören tut dir dadurch nichts.
Und immer dann, wenn einer etwas kann,
Was andere nie können,
Nur weil er Geld hat
Und er hat es nicht verdient.
Ist das ein Fuckyou an die Menschheit,
Jeden einzelnen von uns,
Das sagt: unser Geld ist wichtiger als wir.

Und immer dann, wenn einer nimmt von Menschen, die kaum etwas haben,
Damit der große Haufen Geld von ihm noch etwas größer wird,
Ist das ein Fuckyou an die Kinder dieser Menschen,
Das sagt: Unser Geld ist wichtiger als ihr.”

So sieht es aus Mieterperspektive also aus, ein Schlag voll in die Fresse der Kleinvermieter. Und damit hat das erzählende Ich in diesem Song zweifellos (s)eine subjektive Wahrheit ausgesprochen – und das in meisterhafter Zuspitzung. Aber… Eigentlich könnte und müsste man eine längere Abhandlung, ja einen ganzen Roman über die Einseitigkeit und himmelschreiende Ungerechtigkeit dieser Haltung schreiben! Hier nur so viel in aller Kürze: Wirklich abenteuerlich wäre es, Berliner Vermietern maßlose Gier und Gewinnstreben vorzuwerfen, wenn sie mit den Wohnungen, in die sie investiert haben, Renditen von weit weniger als drei Prozent einfahren (was heute die Regel ist), während das Vermieten auch noch mit einem erheblichen Kraft- und Zeitaufwand verbunden ist, insbesondere was die oft äußerst mühsame Organisation von Reparaturen und Renovierungen betrifft. (Jene Vermieter hingegen, die heute Renditen zwischen vier und sechs Prozent erzielen, haben ihre Berliner Wohnungen bereits in Zeiten gekauft, als noch ein signifikantes Leerstandsrisiko bestand. Sie sind also ein unternehmerisches Risiko eingegangen und werden dafür nun belohnt; es hätte für sie aber auch schiefgehen können…) Und wer sich das Vermieten bei so begrenztem Anreiz nicht mehr antun möchte, kann seine Wohnungen doch jederzeit auch an Selbstnutzer verkaufen und sie somit dem Mietmarkt entziehen, was die Wohnungsnot weiter vergrößern würde. Es wäre also völlig verfehlt, kleinen Vermietern die Schuld an der Wohnungsmisere zuzuschreiben. Man sollte ihnen eher Anerkennung zollen, dass sie die Mühen (und oftmals auch den Ärger!) des Vermietens weiter auf sich nehmen. Wer wirklich viel Geld hat, würde seine Wohnungen doch niemals vermieten (bei im Verhältnis zu den eingesetzten Mitteln so überschaubaren Erträgen), sondern sie nur als Geldparkplatz behalten und leer stehen lassen bzw. vielleicht einmal im Jahr ein paar Tage darin verbringen.

Aber das lyrische Ich wälzt ja auch keineswegs alle Schuld auf die einzelnen Vermieter ab, sondern beschreibt sehr zutreffend den Anlagenotstand aufgrund der Niedrigzinspolitik der Zentralbanken. Trifft dann also EZB, Fed & Co., diese Erfüllungsgehilfen des Finanzkapitals, die Hauptschuld? Wer das glaubt, sollte sich vor Augen halten, dass die entschlossene Niedrigzinspolitik der Notenbanken als Reaktion auf die Finanzkrise 2008f. und aktuell als Reaktion auf den Corona-Lockdown entscheidend dazu beigetragen hat, eine Weltwirtschaftskrise zu verhindern, wie wir sie vor knapp einem Jahrhundert erlebt haben, die Millionen von Menschen in den wirtschaftlichen Ruin getrieben hat und den Zweiten Weltkrieg mit seinen vielen Millionen Toten mit herbeigeführt hat. Nur weil die Zentralbanken – geleitet von fachwissenschaftlichem Sachverstand – diesmal die angemessenen Lehren aus der Geschichte gezogen und die Geldmenge erhöht statt wie damals gedrosselt haben, sind uns Massenarbeitslosigkeit, Not und Elend erspart geblieben. Allerdings führt eine solche jahrelange Politik des billigen Geldes zwangsläufig zu einer Inflation der Vermögenspreise, lässt also den Wert von Immobilien und Aktien (sofern es grundsätzlich eine Nachfrage für sie gibt) bedeutend steigen, was “Kollateralschäden” wie den im Lied beschriebenen (“immer höhere Mieten”) mit sich bringt.

Natürlich ist es legitim und sogar außerordentlich verdienstvoll, dies anzuprangern, da hier ein politisches Gegensteuern nötig ist, das allerdings zielführend und intelligent sein sollte, was eine gesetzliche Deckelung der Miethöhe ganz sicher nicht ist, da sie Anreize zum Investieren abwürgt und die Wohnungsnot dadurch nur verschlimmert… Und noch dazu erscheint das aktuelle Mietniveau in Berlin – trotz der rasanten Anstiege der letzten Jahre – sowohl im nationalen als auch im internationalen Vergleich noch als äußerst moderat. (Wir reden über die Hauptstadt der viertgrößten Volkswirtschaft der Welt und die fünftgrößte Stadt Europas!) Und niemand sollte die Augen davor verschließen, was die Bewirtschaftung einer Immobilie auf lange Sicht kostet und wie wenig von den Einnahmen der Vermieter als deren Gewinn übrig bleibt. Das Problem in Berlin sind jedenfalls eher die ungewöhnlich niedrigen Löhne als die angeblich zu hohen Mieten!

Ist dann also letzten Endes doch wieder “der Kapitalismus” schuld mit seiner perversen Logik der Gewinnmaximierung, die alle Beteiligten nur zu Getriebenen macht? So suggerieren es ja die beiden letzten zitierten Strophen des Songs. Und auch hier kann man nur sagen: Die Kritik dieser Kollateralschäden des Kapitalismus – wer Geld hat, kann etwas, was andere nicht können – ist aller Ehren wert. Aber wäre es ohne Kapitalismus wirklich besser? Wenn nicht das Portemonnaie, sondern eine Partei bestimmt, wer etwas darf und wer nicht und wer eine Wohnung bekommt und wer nicht? Denn die Wohnungsnot wäre ja auch nach einer Abschaffung des Kapitalismus keineswegs beseitigt, solange die Nachfrage nach Wohnungen in bestimmten Lagen das bestehende Angebot bedeutend überschreitet… Bis vor dreißig Jahren hat man westlichen Kapitalismuskritikern immer gesagt: “Geh doch nach drüben!” Bis sich die Grenzen öffneten und die Menschen mit den Füßen abgestimmt haben, in umgekehrter Richtung. Heutigen Kapitalismus-Kritikern könnte man stattdessen sagen: “Geh doch ins rot-rot-grüne Mietendeckel-Berlin und versuch dort mal, eine Wohnung zu finden!” Nur dass diesmal ironischerweise die Abstimmung mit den Füßen genau in diese Richtung erfolgt. Alle wollen nach Berlin, obwohl es so schwer ist, dort eine Wohnung zu finden…

Aber nun habe ich doch wieder so viel geschrieben, was ich eigentlich gar nicht wollte. Es ist einfach so aus mir herausgebrochen… Doch was kann man Besseres über den Song einer Liedermacherin sagen, als dass er profunde Denkanstöße gibt und zu tiefschürfenden Diskussionen und ausschweifenden Betrachtungen einlädt. Ein paar schwächere Stücke sind auch noch auf dem Album, aber die fallen nicht weiter ins Gewicht. Einen Extrapunkt gibt es für das prachtvoll gestaltete Booklet mit z.T. atemberaubenden Fotos aus Maikes wilder Jugendzeit. Das Gesamturteil lautet: gut (13 Punkte).

Maike Rosa Vogel
Eine Wirklichkeit
Eigenvertrieb 2020
www.maikerosavogel.com

justament.de, 17.8.2020: Brettern, Schrammeln, Frickeln

Ein großes Werk des Übergangs: Vor 25 Jahren erschien “12” von The Notwist

Thomas Claer

So wie man sich eigentlich ganz sicher ist, dass Otto Schily niemals bei den Grünen gewesen sein kann und Thilo Sarrazin nicht in der SPD, es aber aufgrund historischer Aufzeichnungen dennoch besser weiß, so glaubt man auch zu wissen, dass die genialische Indie-Band The Notwist nie etwas mit Heavy Metal zu tun gehabt haben kann. Und dennoch haben die Soundtüftler aus Oberbayern ihre ersten beiden Alben ausgerechnet in diesem eher grobschlächtigen Genre gefertigt. Es lohnt sich schon, diese beiden Frühwerke noch einmal anzuhören, denn hinter der Lärmwand aus wildem Gebretter lauern doch hier und da bereits erste zarte Spuren der unverkennbar melancholischen und später so stilprägenden Notwist-Harmonien.

Noch viel mehr gilt dies aber für ihre dritte Platte “12”, den ersten wahren Geniestreich aus dem Notwist-Kosmos, den sie vor genau 25 Jahren, im Sommer 1995, einer erstaunten Welt präsentierten: noch sehr gitarrenlastig, aber doch ganz anders als auf ihren Erstlingen – und sogar schon mit ersten elektronischen Spielereien. Kurz gesagt: aus Gebretter wurde Geschrammel, und hinzu trat erstmals das für sie später so charakteristische Gefrickel. Doch ist der eigentliche Frickel-Song auf der regulären Version von “12” gar nicht drauf. Er findet sich nur auf der den ersten 5000 Exemplaren beigefügten Bonus-CD “Loup” und ist die gleichnamige vollelektronische Version des Album-Openers “Torture Day”. Hier durfte sich erstmalig Martin Gretschmann (alias Console) austoben, der später neben den Brüdern Micha und Markus Acher festes Bandmitglied wurde. Ganz besonders besticht auf “Loup”, das leider nicht auf YouTube zu finden ist, aber auch der unerhört laszive Gastgesang der Amerikanerin Cindy Dall, die zu jener Zeit auch mit der Band Smog kooperierte sowie zwei wenig beachtete Solo-Alben herausbrachte. (Später hat Cindy Dall hauptsächlich als Fotografin gewirkt und ist dann leider bereits 2012 im Alter von nur 41 Jahren gestorben.) “Loup” sollte The Notwists einziges Experiment mit einer weiblichen Stimme bleiben.

In den Jahren darauf sind die bayrischen Indie-Götter mit ihrem blauen Album “Shrink” (1998) und ihrem roten Album “Neon Golden” (2002) dann endgültig auf dem Olymp ihrer Kreativität angekommen. Das Gesamturteil für das bunte Album “12” (einschließlich der “Loup”-Single!) lautet: gut (15 Punkte).

The Notwist
12
IRS CD 984.064 (1995)

justament.de, 20.7.2020: Systemkrieger mit Instrumenten

Scheiben vor Gericht Spezial: 50 Jahre Ton Steine Scherben

Thomas Claer

Die Geburtsstunde der deutschsprachigen Rockmusik war nicht „Alles klar auf der Andrea Doria“ von Udo Lindenberg. Schon drei Jahre zuvor, im Sommer 1970, vor genau einem halben Jahrhundert, brachten ein paar Westberliner Theatermusiker eine Single heraus mit dem parolenhaften Titel: „Macht kaputt, was euch kaputtmacht!“ Sie nannten sich Ton Steine Scherben – und ihr Name war Programm. Umstritten ist bis heute, ob der seltsame Bandname auf ein Schliemann-Zitat bei der Entdeckung Trojas („Was ich fand, waren Ton, Steine, Scherben.“) oder auf die westdeutsche Industriegewerkschaft Bau-Steine-Erden zurückgeht. Gemeint war jedenfalls, und so wurde es auch von allen verstanden: Unsere Töne sind wie geworfene Steine aufs verhasste System, das bald in Scherben liegen wird. Das war keine Unterhaltungsmusik, sondern politischer Kampf mit den Mitteln der Kunst. Bald wurden Ton Steine Scherben mit ihrer ein Jahr später erschienenen Debüt-LP „Warum geht es mir so dreckig?“ und dem Folgewerk „Keine Macht für niemand!“ zum populären Sprachrohr der Kreuzberger linksalternativen Szene. In erster Linie lag das natürlich an ihrer unglaublich guten, eruptiven, explosiven Musik und ihren brachial herausgebrüllten Texten, in denen sich ihr Publikum wiedererkannte: die (relativ) wenigen Hausbesetzer und Schwarzfahrer, Sachbeschädiger und Polizistenverprügler und die vielen, die damit irgendwie sympathisierten. Als Jurist ist man allerdings einigermaßen fassungslos darüber, was sie da in ihren Texten alles propagiert haben. Klar, dass ihnen das damals keine Plattenfirma abnehmen wollte. Also gründeten die Musiker kurzerhand ihr eigenes Label: die David Volksmund Produktion – und wurden so auch noch zu Gründungsvätern der deutschen Independent-Musik.
Natürlich stellt sich auch hier die Frage, ob man angesichts der künstlerischen und kulturhistorischen Bedeutung der „Scherben“ über die textlichen Entgleisungen in ihrem Frühwerk – etwa dass „Bullen die Köppe eingeschlagen” werden sollen, wie es im Rauch-Haus-Song heißt – hinwegsehen kann. Nun gut, das haben zornige junge Männer mit Anfang zwanzig getextet… Aber müsste man dann nicht auch den Bösen Onkelz ihre Jugendsünden wie das ähnlich wütend herausgebrüllte unsägliche Lied „Türken raus!“ durchgehen lassen (von dem sie sich noch dazu später wiederholt distanziert haben)? Doch wie weit tragen schon moralistische Einwände in der Kunst? Andererseits: Darf die Kunst alles legitimieren? Verdienen pseudorevolutionäre Gewaltphantasien mehr Nachsicht als völkische Ressentiments? All das ist schwer zu sagen. Sicher ist nur: Vor 50 Jahren entstand in Berlin-Kreuzberg die erste Rockmusik in deutscher Sprache aus dem Geiste einer empörten Gegenkultur.

Ton Steine Scherben
Warum geht es mir so dreckig?
David Volksmund Produktion 1971

Ton Steine Scherben
Keine Macht für niemand!
David Volksmund Produktion 1972

justament.de, 29.6.2020: Das war Mazzy Star, das war David Roback

Scheiben vor Gericht Spezial: Eine Art Nachruf

Thomas Claer

Am 24. Februar dieses Jahres ist David Roback gestorben, der Altmeister der Neo-Psychedelic, der Gründer von Rain Parade und Opal in den Achtzigern und von Mazzy Star in den Neunzigern. Die Todesursache ist bis heute nicht bekannt, zumindest nicht offiziell, was gut zur Informationspolitik passt, die David Roback zeit seines 61 Jahre währenden Lebens gepflegt hat: Keinerlei Auskünfte an die Medien, die Musik spricht für sich selbst. Punkt. Ein paar Interviews haben er und seine Mazzy Star-Mitstreiterin Hope Sandoval aber schon gegeben, damals in den frühen Neunzigern, auf dem Gipfel ihrer Popularität, als sie mit “Fade Into You” aus Versehen mal einen MTV-Hit hatten. Doch dabei haben sie die armen beteiligten Journalisten beinahe in den Wahnsinn getrieben, weil sie auf alle Fragen zuerst minutenlang geschwiegen und dann nur einsilbig und seltsam kryptisch geantwortet haben… So ganz uneitel waren sie ja keineswegs. Vielleicht waren sie auf ihre Art sogar die Großmeister der reduzierten, minimalistischen Selbstinszenierung. Immer getragen vom vollkommen berechtigten Bewusstsein, etwas ganz Besonderes zu sein…

In seinem ersten Leben war David Robak eine der wesentlichen Figuren des “Paisley Underground”. So nannte sich die in den Achtzigerjahren an der amerikanischen Westküste entstandene Sechzigerjahre-Psychedelic-Revival-Bewegung. Doch bei Rain Parade, seiner ersten Band, war er nach nur einer Platte schon wieder weg und tat sich mit Kendra Smith von Dream Syndicate zusammen. Bei Opal, der neuen Band, enwickelte David Robak dann sein künstlerisches Konzept, von dem er nie wieder abweichen sollte: Er selbst als musikalischer Kopf im Hintergrund an der Gitarre, und vorne trällert die bezaubernde Sängerin. Doch auch mit Opal reichte es nur für eine Platte, denn um 1990 herum betrat eine exotische Schönheit namens Hope Sandoval die Bühne, die zunächst nur als Background-Sängerin bei der Band angeheuert hatte. Niemand weiß genau, was da zwischen den Beteiligten womöglich noch vorgefallen ist… Jedenfalls kehrte Sängerin Kendra Smith noch während der laufenden Tournee der Band den Rücken und wurde durch Hope Sandoval ersetzt. Und fortan war das Projekt Opal beerdigt – und Mazzy Star war geboren.

Es folgten drei großartige Platten, deren erste, “She Hangs Brightly” (1990), man wohl als den Höhepunkt in Robacks und Sandovals Schaffen ansehen kann: eine ganz eigenartige und sehr besondere Art von Musik, eine Zelebration der subtilen Zwischentöne, deren Etikettierung als Slow Core oder Dream Pop ihren Zauber nur unzureichend wiedergeben kann. Musikkritiker und Fans reagierten enthusiastisch, auch noch auf die beiden Nachfolge-Alben “So Tonight that I Might See” und “Among my Swan”. Aber dann war plötzlich Schluss, zumindest für lange Zeit, ohne dass sie dies irgendwann einmal begründet hätten. Erst 17 Jahre – siebzehn Jahre! – später waren sie plötzlich wieder da, als wäre nichts geschehen. Doch sollte “Seasons of Your Day” (2013) ihre letzte Platte bleiben. Denn David Roback ist, zumindest erzählte es seine hochbetagte Mutter so der Boulevardpresse, an Krebs gestorben – und hat damit auch der unsterblichen Band Mazzy Star ein Ende gesetzt.

justament.de, 25.5.2020: Lärmend ist lange her

Die Einstürzenden Neubauten auf „Alles in allem“, ihrem ersten Studioalbum seit zwölf Jahren

Thomas Claer

Zu den bedeutendsten und einflussreichsten deutschen Musik-Gruppen aller Zeiten zählen ohne jede Frage die Einstürzenden Neubauten, die aufgrund ihres programmatischen Bandnamens wohl selbst jenen vage bekannt sein dürften, die noch niemals eine Note von ihnen gehört haben (und dies wohl auch zeitlebens keinesfalls zu tun gedenken). Überhaupt erscheint es heute, rund vierzig Jahre nach ihren Anfängen in der Underground-Szene Berlin-Kreuzbergs, geradezu als ein Wunder, dass diese Brachial-Avantgardisten mit ihrem wundersam sperrigen Ansatz jemals Eingang in die Populärkultur finden konnten. Aber damals hat so etwas funktioniert – und sogar heute noch bilden ihre Fans (von denen es mehr gibt, als man denken könnte) eine verschworene Gemeinschaft, die mit ihren Helden mittels Crowdfunding durch dick und dünn geht.
Doch nicht nur das musikalische Konzept der Neubauten – der Einsatz diverser Altmetall-Teile von Schrottplätzen sowie Maschinenlärms als Musikinstrumente – war seinerzeit revolutionär. Auch hat sich Bandleader Blixa Bargeld (heute 61), dessen expressiver Gesangsstil damals auf viele Zeitgenossen schockierend gewirkt hat, über die Jahre als ein durchaus tiefsinniger Texter erwiesen – und dabei vor allem als ein Meister der lakonischen Verknappung: „Draußen ist feindlich“ hieß es bei ihm in den Achtzigern und „Architektur ist Geiselnahme“ in den Neunzigern. Spürbar gelitten hat die musikalische Substanz der Band allerdings durch das bedauerliche Ausscheiden von Perkussionist F.M. Einheit, der eine tragende Säule des frühen Neubauten-Sounds war, dessen notorische Differenzen mit Blixa Bargeld sich aber irgendwann als nicht mehr moderierbar erwiesen. Auch zwanzig Jahre später muss man leider feststellen: Er fehlt an allen Ecken und Enden.
„Alles in allem“, das neue Album, setzt nun den Weg fort, den die Neubauten bereits seit den späten Neunzigern beschritten haben: immer mehr weg vom infernalischen Lärm, dafür hin zu den eher leisen Tönen und melancholischen Melodien. So haben schon ihre letzten Studioalben in den Nullerjahren geklungen und auch ihre späteren Arbeiten für Theaterprojekte. Inhaltlich neu sind auf der aktuellen Platte aber die expliziten Berlin-Bezüge in Songs wie „Grazer Damm“ und „Wedding“. Ansonsten bleibt hier mehr oder weniger alles beim Alten, zumindest so, wie wir es aus den beiden zurückliegenden Jahrzehnten von ihnen kennen.
Die Einstürzenden Neubauten haben – das lässt sich somit sagen, ohne ihnen Unrecht zu tun – ihrem Gesamtwerk mit „Alles in allem“ nichts Wesentliches mehr hinzugefügt. Und dennoch hört man dieses Album gern.

Einstürzende Neubauten
Alles in allem
Potomak/Indigo 2020
ASIN: B086Y6JLHL

justament.de, 6.4.2020: Klagelieder

Portishead-Sängerin Beth Gibbons singt eine Sinfonie von Henryk Gorecki – auf Polnisch

Thomas Claer

Nein, Popmusik ist das nun wirklich nicht mehr, worauf sich die mittlerweile 55-jährige Beth Gibbons, die Stimme von Portishead, hier eingelassen hat. Bei einem Festivalauftritt in Krakau wurde sie 2013 eingeladen, an einem Radioprojekt zur Aufführung der 3. Sinfonie op. 36 von Henryk Gorecki mitzuwirken. Der polnische Komponist Gorecki (1933-2010), das sollte man wissen (und hat es dennoch nicht gewusst), gehört zu den wichtigsten Vertretern der zeitgenössischen seriellen Musik, steht also in der Nachfolge von Schönberg und Stockhausen, mal stark vereinfacht gesagt. Die Aufnahme fand dann 2014 statt. Goreckis 3. Sinfonie für Sopran und Orchester, uraufgeführt 1977, gilt als das bekannteste Werk des polnischen Komponisten und wird auch “Sinfonie der Klagelieder” genannt, was wiederum gut zu Beth Gibbons und ihrem immer schon sehr jammervollen Gesangsstil passt. Nicht weniger als 60 Streicher des „Polish National Radio Symphony Orchestra“, davon allein 30 Violinen, haben mitgewirkt. Sechs Jahre später, im Frühjahr 2019, ist diese Aufnahme als CD/DVD-Veröffentlichung erschienen, und immerhin nur ein weiteres Jahr danach hat auch unsere Musikredaktion davon Wind bekommen…
Was ist nun also von diesem doch recht gewagten Experiment zu halten, denn ein solches ist es ohne Frage, wenn man bedenkt, dass diese frühere Bar-Sängerin dann doch ganz andere musikalische Stilrichtungen abdeckt und mit Leib und Seele verkörpert als jene, die man mit „Neuer Musik“ verbinden würde. Ohne Beats und Samples, aber auch ohne sonstige Instrumente der populären Musik kann sie nur ihre bluesgetränkte und doch zerbrechlich wirkende Stimme in die Waagschale werfen. Sagen wir es einmal so: Wer schon immer in Beth Gibbons vernarrt gewesen ist, der wird auch ihrer recht eigenwilligen Gorecki-Interpretation einiges abgewinnen können. Und das, obwohl es sich, vorsichtig ausgedrückt, irgendwie doch nicht alles so ganz ineinanderfügen will… Das Urteil lautet: ohne Bewertung.

“Symphony No. 3 (Symphony Of Sorrowful Songs) performed by Beth Gibbons and the Polish National Radio Symphony Orchestra”, Domino 2019.

justament.de, 2.3.2020: Die Pet Shop Boys am Schlachtensee

Scheiben Spezial: Justament-Autor Thomas Claer macht seinen Frieden mit seinen Lieblingen von einst

Als ich Mitte der Achtziger im Osten, im Alter von ca. 14 Jahren, zum ersten Mal die Pet Shop Boys hörte, war ich wie elektrisiert. Unglaublich cool erschien mir dieses Lied, „West End Girls“, das sie in einer Fernsehsendung live zum Besten gaben. Ich glaube sogar, bin mir aber nicht mehr ganz sicher, dass dieses Erlebnis ganz am Anfang meiner Begeisterung für Popmusik stand. Auch die anderen Lieder dieses immer unterkühlt wirkenden Elektro-Duos aus London, die ich im West-Radio gehört und mit dem Kassettenrekorder aufgenommen hatte, gefielen mir sehr.

Weihnachten 1987 – meine Mutter und ich warteten noch auf unsere Ausreise in den Westen, während  mein Vater bereits dort war – hatte ich einen Wunsch frei und wünschte mir, was aufgrund einer Lockerung der Zollbestimmungen erst seit kurzem erlaubt war: dass mein Vater mir im Paket eine Popmusik-Schallplatte in den Osten schickte. Es war „Actually“ von den Pet Shop Boys, das so brillante Songs wie “It’s a Sin” und „What Have I Done To Deserve This“ enthielt – und ich liebte diese Platte. Die Musik klang für mich ungefähr so, wie ich mir damals den Westen vorstellte: aufreizend lässig, schön und unnahbar.

Und dann, im Frühling 1989, ließen sie uns endlich raus. Bald darauf fand ich mich wieder auf einem Bremer Gymnasium und sollte im Englisch-Unterricht conversation machen. Und so fragte ich also ganz unbefangen meine neuen Mitschüler: „Which music do you like best?“ Alle nannten sie dann Bands und Musiker, deren Namen ich noch nie gehört hatte, was mich sehr erstaunte, denn schließlich glaubte ich doch, mich mit Popmusik ziemlich gut auszukennen. Und dann sagte ich den verhängnisvollen Satz: „I like the Pet Shop Boys“. Die Reaktion meiner Mitschüler war für mich niederschmetternd. Einen Moment lang herrschte betretenes Schweigen, dann sagte einer: „Oh, das ist aber sehr kommerziell.“ Ein anderer ergänzte verächtlich: „Voll der Mainstream.“ Ich brauchte einige Zeit, bis ich begriff, dass sich in diesen Kreisen – es waren die Kinder des gehobenen Bürgertums – Ansehen und Reputation ganz maßgeblich über den Musikgeschmack definierten. Und hier galt vor allem: je unbekannter und schräger, desto besser. So unterschiedlich die Geschmäcker und Vorlieben hier auch waren, die zumeist auch mit bestimmten Kleidungsstilen und Verhaltensweisen korrespondierten: von Rasterlocken-Reggae-Fans über Schwarzmantel-Grufty-Underground und Müsli-Öko-Diskurs-Indie-Pop bis zu Lederjacken-Punks… Einig waren sich beinahe alle in der Verachtung des Mainstreams. Was in die Hitparaden kam und im Radio lief, das war banale Massenkultur und als solche völlig inakzeptabel. Das war Musik, das lernte ich mit der Zeit, für Haupt- oder Realschüler, nicht aber für Bremer Gymnasiasten…

Natürlich wusste ich nichts von alledem, als ich 17-jährig erstmals damit konfrontiert wurde. Mein Erfahrungshorizont hatte sich ja zwangsläufig zunächst auf das beschränkt, was ich aus West-Radio und West-Fernsehen kannte. Woher sollte ich, als gebürtiger Ossi, auch anderes kennen?  Aber obwohl ich die Dünkelhaftigkeit meiner neuen Mitschüler befremdlich fand, weckte sie doch meine Neugier. Was war das für eine Musik, die ihnen ein solches Überlegenheitsgefühl mir gegenüber gab? Wahrscheinlich war es auch mein Drang, dazugehören zu wollen… Ich begann also, mich für abseitigere Musikrichtungen zu interessieren. Und tatsächlich, irgendwann war ich geneigt, meinen Mitschülern recht zu geben. Die radiotaugliche Popmusik empfand ich nun im Vergleich zu dem, was es sonst noch so gab und was ich nun nach und nach für mich entdeckte, als ziemlich banal. Meine Mainstream-Pop-Platten, darunter auch die von den Pet Shop Boys, verkaufte ich eine nach der anderen.

Nur einmal noch hörte ich später wieder etwas von den Pet Shop Boys. Ungefähr 1993, während meines Zivildienstes, saß ich im Warteraum vor dem Blutspenden und hörte dort aus dem Radio die mir wohlbekannten Stimmen: „Go West“ war ihr ganz neuer Hit. Was für eine opulente Hymne auf die Freiheit und die westliche Dekadenz! Ich war wohl ähnlich angetan wie damals, als ich zum ersten Mal „West End Girls“ gehört hatte. Ich bemerkte auch, dass alle Anwesenden, die Patienten wie die Krankenschwestern, ihre Köpfe hoben und sich einen Moment lang diesen überwältigenden Klängen hingaben. Aber meine innere Stimme sagte mir: „Das darfst du jetzt nicht gut finden! Das ist durch und durch kommerzielle, oberflächliche, verlogene Musik für den schlechten, verdorbenen Massengeschmack!“

Und dann erschien 2005 von meiner Lieblingsband Element of Crime die Single „Delmenhorst“. Und sie enthielt mit „You Only Tell Me You Love Me When You’re Drunk“ eine Coverversion eines (späteren) Songs von den Pet Shop Boys. Ein unglaublich schönes, ein wirklich großartiges Lied, das musste ich zugeben. Aber wie konnte das sein? Die Pet Shop Boys hatten doch mittlerweile Zigmillionen und Abermillionen Tonträger verkauft. Das konnte doch nichts taugen. Oder vielleicht doch?

Weitere anderthalb Jahrzehnte vergingen, und noch immer hatte ich mit den Pet Shop Boys, meinen alten Lieblingen aus Teenager-Tagen, gewissermaßen eine Rechnung offen. Und nun las ich im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung einen längeren Artikel über die Pet Shop Boys, inzwischen beide Mitte 60, in ihrer neuen Wahlheimat Berlin. Seit Jahren schon, so erfuhr ich, haben sich die beiden rüstigen Herren am Nollendorfplatz einquartiert. Das passt natürlich, denn die Pet Shop Boys gelten mittlerweile als ausgesprochene Schwulen-Ikonen, hatten ja auch bereits in den Achtzigern, als andere das noch befremdlich fanden, ganz offen schwul gelebt. Und an Berlin, so sagen sie, gefalle ihnen einfach alles, bis auf die vielen Hipster hier. „Sie halten sich allein deshalb für cool, weil sie in Berlin wohnen und einen Vollbart tragen.“ Aber ansonsten sei alles gut in Berlin, auch dass niemand sie in der U-Bahn erkenne, ob sie nun mit der U3 nach Friedrichshain führen oder zum Schlachtensee im Südwesten. Zum Schlachtensee? Ja, dort machten sie regelmäßig ausgedehnte Spaziergänge. Einmal um den See dauert genau eine Stunde – und dann mit der U-Bahn wieder zurück.

Als ich das las, bekam ich große Lust, auch mal wieder einen Ausflug zum wunderschönen Schlachtensee zu unternehmen. Gesagt, getan. Nach einer knappen halben Stunde S-Bahn-Fahrt standen wir am Ufer. „Wir sind noch schneller am Schlachtensee als die Pet Shop Boys“, sagte ich freudig zu meiner Frau. Beim Rundgang um den See beobachtete ich dann die zahlreichen Spaziergänger. Ja, es waren sogar des öfteren zwei ältere Herren gemeinsam unterwegs, aber die Pet Shop Boys waren nicht darunter. Wieder zu Hause stellte ich mir dann mittels YouTube eine CD mit ihren alten Hits aus den Achtzigern zusammen, „aus meiner Zeit“ sozusagen. Und ich bekam beim Anhören am nächsten Morgen während meines Frühsports eine regelrechte Gänsehaut. Nein, das waren keineswegs banale Klänge. Zugegeben, manches davon wirkt aus heutiger Sicht übertrieben bombastisch produziert, etwa das inhaltlich ganz ausgezeichnete „It’s a Sin“. Aber vieles ist so fein arrangiert, von solch unterkühlter hintergründiger Schönheit. Man höre nur das auf den ersten Blick so unscheinbare Lied „Rent“ („I love you, you pay my rent“). Die frühen Pet Shop Boys, so kommt es mir heute vor, verkörpern ungefähr das, was Friedrich Nietzsche als „Oberflächlichkeit aus Tiefe“ beschrieben hat. Oder in den Worten von Rüdiger Safranski: „Das Geheimnis liegt an der Oberfläche. Die Oberfläche des Lebens selbst ist so unendlich tief, dass wir jenseits der Erscheinung keine Tiefe mehr suchen müssen. Der Tanz ist eine Wahrheit in sich. Das Charmieren, die Koketterie ist eine Wahrheit in sich.“ Und ich muss zugeben: Auch kommerzielle, scheinbar oberflächliche Musik kann richtig gut sein. Die Pet Shop Boys sind der Beweis.

justament.de, 27.1.2020: Verwirrt, träge und verliebt

Element of Crime live im Tempodrom

Thomas Claer

Die erst zweite Live-LP von Element of Crime in 35 Jahren Bandgeschichte ist im letzten Herbst erschienen. Nun endlich haben wir sie vollständig durchgehört und können sie ohne Bedenken mit dem Signum „empfehlenswert“ versehen. Nicht weniger als 25 Songs finden sich auf den zwei CDs respektive drei Vinylscheiben, und doch wird man als beständiger Fan dieser Band so manches Lied vermissen. Aber auch umgekehrt lässt sich sagen: Hätten sie 25 andere Stücke ausgewählt, so wäre vermutlich ein ähnlich gutes Album herausgekommen.

Ein Werk auf beinahe durchgängig höchstem Niveau haben EoC über die Jahre geschaffen, dabei ihren ganz eigenen, unverwechselbaren Stil entwickelt und diesen allmählich noch perfektioniert. Während andere Musiker in der Qualität und Originalität ihres Songwritings mit der Zeit naturgemäß nachlassen, sind die Elements, man traut es sich kaum zu sagen, vor allem in den letzten Jahren sogar immer besser geworden. So geht es auch vollkommen in Ordnung, dass gleich elf der 25 Tracks dieses Live-Albums von ihrer aktuellen (Studio-) Platte „Schafe, Monster und Mäuse“ stammen.

Dennoch lauscht man besonders gespannt ihren älteren Titeln, vor allem jenen, die sie schon seit mehr als 20 Jahren nicht mehr gespielt haben. Und natürlich, auch Lieder unterliegen einer Art Alterung, selbst die Unsterblichen unter ihnen. Was für ein abgründiger Song ist doch „Wer ich wirklich bin“ aus dem Jahr 1996! Einst der Feder eines 34-Jährigen entflossen berührt er nun aus dem Munde eines 58-Jährigen auf ganz neue Weise. Oder „Schwere See“ von 1993, ursprünglich ein Ausbund an jugendlicher Romantik, beschwört hier umfassend den Sog der maritimen Elemente und die magischen Momente nautischer Zweisamkeit. Und ganz besonders, immer wieder, entzückt „Weißes Papier“: „Nicht mal das Meer darf ich wiedersehn / Wo der Wind deine Haare vermisst. / Wo jede Welle ein Seufzer / Und jedes Sandkorn ein Blick von dir ist.“ Hat schon irgendwann jemand eindringlicher Vergleichbares ausgedrückt?

Am Ende dieses gelungenen Live-Spektakels stellt sich beim Zuhörer ein Gefühl der Beglückung ein. Da sitzt man dann also fest wie in einem ihrer berühmtesten Songs: „verwirrt, träge und verliebt“ – genau in dieser Reihenfolge! Das Urteil lautet: gut (14 Punkte).

Element of Crime
Live im Tempodrom (Doppel—CD/ 3 LP)
Vertigo Berlin (Universal Music) 2019
ASIN: B07X3QFY7B

justament.de, 30.12.2019: Könige der Nacht

Vor 25 Jahren erschien „Dummy“, das Debüt der englischen Band Portishead

Thomas Claer

Es war eine ganz neue Art von Musik, die man so noch nicht gehört hatte. Damals, am Jahresende 1994, vor 25 Jahren, brachten zwei Männer und eine Frau aus dem südwestenglischen Bristol auf dem Go! Beat-Label ihre erste Platte heraus, die gleich auf Platz zwei der UK-Albumcharts sprang und von Musikjournalisten zum besten Album des Jahres gewählt wurde. Aus heutiger Sicht muss man wohl ergänzen, dass „Dummy“, das Debüt von Portishead, gut und gerne auch als beste Platte des Jahrzehnts durchgehen würde.
Als musikalischer Kopf der Formation gilt der Soundtüftler Geoff Barrow, den sie in der Musik-Szene von Bristol wegen seiner Herkunft aus einer sehr uncoolen Kleinstadt in der Umgebung alle nur „the guy from Portishaed“ nannten. (Welche Ironie ist es doch, dass diese Band mit ihrem revolutionären Sound nach dem unbedeutenden Vorort einer kaum 500.000 Einwohner zählenden Provinz-Stadt benannt worden ist. Man stelle sich nur einmal hierzulande eine Band mit dem Namen Delmenhorst oder Ilvesheim vor…)
Doch würde Geoff Barrow womöglich noch heute in der Elektro-Avantgarde-Szene von Bristol unbeachtet vor sich hinfrickeln, hätte er nicht eine Barsängerin namens Beth Gibbons getroffen und sie zur grandiosen Stimme seines Bandprojekts gemacht. Niemand konnte so hingebungsvoll klagend, so düster verraucht mit so schmerzverzerrtem Gesicht „Nobody loves me“ singen wie sie. Und dazu noch Barrows fein gewebter atmosphärisch-dichter Klangteppich mit seinen schwerfälligen Beats und simplen, aber eindrucksvollen Melodien. Keinesfalls jedoch kann man sich diese Musik an warmen Sommertagen in der Mittagshitze vorstellen. Nein, dieser traurige, verlorene Sound ist wie gemacht für die Nacht, für die einsamen Nächte insbesondere, Tom Waits 2.0 gewissermaßen.
Die Gattungsbezeichnung Trip-Hop, in Anlehnung an die von Portishead vielfach benutzten Techniken wie Scratching und Sampling, die man bislang nur aus dem Hip-Hop kannte, ist allerdings eine Erfindung von Musikjournalisten, die sich die Band nie zu eigen gemacht hat. Wenn schon, dann sprachen die Bandmitglieder vom „Bristol Sound“ – womit dann auch noch eine weitere englische Stadt mit ansonsten limitierter Bedeutung geadelt worden wäre…

Portishead
Dummy
GO! Beat 1994