Category Archives: Über Musik

justament.de, 28.1.2019: No Woman, No Cry?

Phillip Boa & The Voodooclub auf „Earthly Powers“

Thomas Claer

Ist Phillip Boa heute eigentlich noch irgendwie relevant? Damals, in den Achtzigern, war er seiner Zeit weit voraus, dann wurde er schwächer, doch gelegentlich gab es auch später wieder stärkere Veröffentlichungen. Seine letzte „gute Zeit“ hatte er mit den Alben „Loyalty“ (2012) und „Bleach House“ (2014). Letzterem, das muss ich hier selbstkritisch einräumen, hatte ich seinerzeit an dieser Stelle zu Unrecht die verdiente Anerkennung verweigert. Dabei bezog es sich auf gar nicht ungelungene Weise auf das grandiose Frühwerk der Band und brauchte nur etwas mehr Zeit, um seine volle Wirkung in den Gehörgängen des Rezensenten zu entfalten. Und auch das Nachfolgealbum „Fresco“ (2016), das erstaunlicherweise nur als Bonus-CD zum Best of-Album „Blank Expression“ herauskam, konnte streckenweise überzeugen, zumal es mit „Twisted Star“ sogar einen richtig großen Popsong enthielt.

Nun also wieder eine neue Boa-Platte, das insgesamt zwanzigste Studio-Album (sofern man das besagte „Fresco“ mitrechnet, was man unbedingt tun sollte). Auffällig ist zunächst: Phillip Boa hat die Haare kurz. Und man muss sagen, es steht ihm gut. Mit seinen inzwischen auch schon 56 Jahren ist er also zumindest optisch noch in ganz guter Verfassung. Was aber ebenfalls gleich ins Auge (und ins Ohr!) springt: Es fehlt diesmal der – für den Voodooclub so essentielle – weibliche Gesangspart bzw. er beschränkt sich auf eine dünne Background-Stimme. Ob das so eine gute Idee war? Nach dem endgültigen Abschied der wunderbaren Pia Lunda (2013), die über lange Jahre eine tragende Säule der Band gewesen war, glaubte man schon, in der sehr begabten Pris, die auf „Bleach House“ rundum überzeugen konnte, eine würdige Nachfolgerin gefunden zu haben. Doch irgendwie hat es der exzentrische Phillip Boa wohl geschafft, die junge Dame so nachhaltig zu vergraulen, dass sie nie wieder mit ihm singen wollte… Seitdem versuchte man es mit wechselnden Sängerinnen – und nun also (fast) ohne. „No Woman, No Cry“ wird sich Bandleader Phillip möglicherweise gedacht haben. Doch ist dies ja bekanntlich – die Älteren werden sich an das missratene Album „Lord Garbage“ (1998) erinnern – schon einmal in die Hose gegangen…

Kein gutes Omen also für „Earthly Powers“. Und in der Tat: Beim ersten Durchhören kommt keine große Freude auf. Die Songs wirken wenig inspirierend, das Songwriting mäßig kreativ. Immerhin hart und schnell von der Grundtendenz her, doch gleichzeitig, wie so oft bei diesem Künstler, immer eine Spur zu bombastisch. Beim zweiten, dritten, vierten, fünften Anhören gewinnen die Lieder teilweise an Kontur, aber eine richtige Pop-Perle lässt sich dennoch nicht finden. Am ehesten können noch „Cruising“, „Strange Days After the Rain“ und „Moonlit“ überzeugen. Immerhin gibt es diesmal keine wirklich peinlichen Momente auf der Platte. Es lässt sich alles hören, ohne dass es einen vom Hocker reißen würde.

Ist Phillip Boa also heute, um die eingangs aufgeworfene Frage wieder aufzugreifen, noch irgendwie relevant? Wohl eher nicht, denkt man, und klickt auf Wikipedia, um sich – nur zur Sicherheit – noch einmal der bestenfalls eingeschränkten Marktgängigkeit dieser Musik zu vergewissern. Aber weit gefehlt: „Earthly Powers“ „erreichte (trotz einer Musikstreaming-Verweigerung) mit Platz 3 der deutschen Albumcharts die höchste Chartsplatzierung in der Bandgeschichte“. Das begreife, wer will. Also schnell noch ein paar ältere Voodooclub-Songs zum Vergleich gehört. Danach wieder „Earthly Powers“. Doch so leid es mir tut: Die alten Lieder sind wirklich um Längen besser! Das Urteil lautet daher: befriedigend (8 Punkte).

Phillip Boa & The Voodooclub
„Earthly Powers“
Cargo Records 2018

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www.justament.de, 24.12.2018: Goethe & Co. als Rockmusik

Scheiben vor Gericht Spezial: Vor vierzig Jahren erschien „Regenballade“ von Achim Reichel

Thomas Claer

Damals in den Siebzigern wurde viel experimentiert. Und so kam es, dass der umtriebige Rockmusiker Achim Reichel, der sich zuvor bereits u.a. an meditativer Psychedelic und Seemannsliedern erprobt hatte, deutsche Balladen des 19. Jahrhunderts kurzerhand zu Popsongs machte. Reichel, das muss man wissen, hatte seinerzeit einen wirklich guten Lauf. Was er anfasste, gelang ihm, wenn auch die kommerziellen Erfolge sich erst mit erheblicher Verspätung einstellen sollten. Bis heute wird seine LP „Regenballade“ aus dem Jahr 1978 als rundum gelungenes Fusions-Experiment gefeiert, das natürlich längst als Unterrichtsmaterial an deutschen Schulen dient. Wobei diese Musik heutigen Schülern mittlerweile ähnlich fern stehen dürfte wie z.B. die Vertonung von Wilhelm Müllers „Winterreise“ durch Franz Schubert aus dem Jahr 1827. Doch dafür gefällt sie den Lehrern umso besser, oder sagen wir lieber: den älteren Lehrern…

Gitarre, Bass, Schlagzeug und Keyboard – mehr brauchte es nicht, um die angestaubten Balladen plötzlich als luftige Rock-Nummern wiederauferstehen zu lassen. Eigentlich gilt ja unter Musikern der Grundsatz, dass immer zuerst die Melodie vorhanden sein muss, zu der dann nachträglich ein passender Text hinzugefügt wird. Dass es – in seltenen Fällen – auch andersherum funktionieren kann, beweist Reichels „Regenballade“. Beim Lesen der alten Texte, so Achim Reichel später, seien ihm die Melodien nur so zugeflogen. Das glaubt man ihm gerne, so mühelos, wie sich hier alles ineinander fügt.

Besondere Höhepunkte dieses Albums sind „Nis Randers“ aus der Feder des Hamburger Schriftstellers Otto Ernst, das zu einem lupenreinen Gitarrenpop-Song mutiert, „Een Boot is noch buten“ vom Naturalisten Arno Holz und „Trutz blanke Hans“ vom Prä-Naturalisten Detlev von Liliencron. Jener Liliencron ist auch der Verfasser von „Pidder Lüng“ mit dem berühmten Refrain „Lewwer duad üs Slaav!“ Reichel macht daraus einen hochenergetischen Freiheitssong, hier eine großartige Live-Version von 1991. Ebenfalls zweimal auf der Platte vertreten sind Johann Wolfgang von Goethe (neben dem „Zauberlehrling“ noch mit dem „Fischer“: „Halb zog sie ihn, halb sank er hin“) und Theodor Fontane („Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“ und „John Maynard“).

Aber dann hat sich auch noch eine Ballade viel jüngeren Datums, nämlich aus dem 20. Jahrhundert, auf der LP eingeschlichen: Das Titelstück, die „Regenballade“, stammt von der Lyrikerin und Romanautorin Ina Seidel (1885-1974). Endlich ist hier auch mal eine Frau unter den Dichtern vertreten, denkt man. Nur leider ist Ina Seidel eine Art Skandalfigur, die sich in der NS-Zeit als Blut- und Boden-Literatin sowie als begeisterte Hitler-Verehrerin hervorgetan hat („Hier stehn wir alle einig um den Einen, und dieser Eine ist des Volkes Herz“). Ihre „Regenballade“ selbst, um die es hier geht, ist aber wohlgemerkt völlig unpolitisch, eine Art verspätetes Stück Schauerromantik. Und sie ist wirklich grandios. Von daher ist es auch gut so, dass dem guten Achim Reichel daraus noch keiner einen Strick gedreht hat, zumal einem so grundehrlichen und sympathischen Zeitgenossen wie ihm ohnehin niemand unlautere Motive unterstellen würde. Also sei’s drum!

Achim Reichel
Regenballade
Ahorn 1978
Neuauflage als CD: Tangram 2008
ASIN: B007Z1UARK
9,99 Euro (bei Amazon)

www.justament.de, 19.11.2018: Traurig und süß, klagend und quietschend

Scheiben vor Gericht Spezial: 40 Jahre The Cure

Thomas Claer

So düster viele Songs der englischen Band “The Cure” auch sind, vor allem jene aus ihrem Frühwerk, so ist in ihnen doch immer auch eine Spur von Süße enthalten. Und umgekehrt lässt sich sagen: So süßlich und poppig viele Cure-Songs auch sein mögen, insbesondere solche aus ihrer mittleren und späten Schaffensperiode, so tragen sie dennoch stets einen Hauch von Melancholie in sich. Vielleicht liegt ja hierin das Geheimnis von “The Cure” begründet, dem Lebenswerk des Sängers und Texters Robert Smith (Jahrgang 1959), das dieser über nunmehr vier Jahrzehnte mit immer anderen Musikern um- und fortgesetzt hat: Traurigkeit und Süße sind in ihren Liedern unauflöslich ineinander verschränkt. Robert Smiths Gesang hat dabei aber auch fortwährend etwas jammervoll Klagendes – und kontrastiert dadurch auf raffinierte Weise mit den oft einschmeichelnden Melodien seiner Songs. Und noch hinzu kommt, dass diese regelmäßig auf besondere Weise, wie soll man sagen, ein wenig quietschend und schrill klingen, was ihnen einen ganz eigenen Charakter gibt.

Besonders beeindruckend wirkt aus heutiger Sicht die Anfangsphase der “Cure” in den späten Siebzigern und frühen Achtzigern. Man kann wohl sagen, dass sie seinerzeit so etwas wie ein heißer Szene-Act gewesen sind. Zwar hatten sie mit „Boys Don’t Cry“ gleich zu Beginn einen kleinen Hit in Amerika, doch brachte dies ihren sehr speziellen Ruhm in der Dark Wave- und Gruftiszene nicht ernsthaft in Gefahr. Seit den frühen Achtzigern trat die Band in schwarzer Kluft und Robert Smith mit gebleichtem Gesicht und rotgeschminkten Lippen auf. Ihre Musik zu jener Zeit war dabei überraschend abwechslungsreich, blieb aber gleichwohl immer sehr eigenartig. Als ihr ganz großes Meisterwerk kann die LP „Boys Don’t Cry“ gelten, die zunächst nur für den amerikanischen Markt gedachte Version ihres Debütalbums „Three Imaginary Boys“, ergänzt um mehrere in jener Zeit erschienene Singles der Band. Sie enthält u.a. das manchmal missverstandene „Killing an Arab“, eine Adaption des Romans „Der Fremde“ von Albert Camus, eines Hauptwerks des Existenzialismus. Doch waren die Nachfolgealben ebenfalls noch höchst brillant, wobei hier besonders „The Top“ (1984) hervorzuheben ist, ihr vielleicht geheimnisvollstes Werk mit obskuren ägyptischen und indischen musikalischen Einflüssen und dementsprechend rätselhafter Gestaltung des Plattencovers (siehe Abbildung).

Kommerziell gelang der endgültige Durchbruch mit dem Album „Disintegration“ (1989), dem Single-Hit Lullaby und seinem berühmten Spinnen-Video. Doch obgleich nun im Mainstream angekommen blieb der Cure-Sound auch in den Jahren darauf markant und unverwechselbar, wenn auch längst nicht mehr so aufregend wie in ihrem ersten Jahrzehnt.

Cure-Alben bis 1989
– Three Imaginary Boys / Boys Don’t Cry (1979)
– Seventeen Seconds (1980)
– Faith (1981)
– Pornography (1982)
– Japanese Whispers (1983)
– The Top (1984)
– The Head on the Door (1985)
– Kiss me Kiss me Kiss me (1987)
– Disintegration (1989)

www.justament.de, 15.10.2018: Die elementare Berlin-Platte

Element Of Crime auf „Schafe, Monster und Mäuse“

Thomas Claer

Schon so manches Berlin-Album hat es in der Geschichte der Popmusik gegeben. „Berlin“ von Lou Reed ist vielleicht das berühmteste, von David Bowie gibt es aus den Siebzigern sogar eine „Berlin-Trilogie“. Nun haben also auch Element Of Crime ein solches Konzeptalbum herausgebracht, wenn auch – aus Gründen des für diese Band so typischen Understatements – ohne es entsprechend zu benennen. Doch verbirgt sich hinter dem harmlos klingenden „Schafe, Monster und Mäuse“ vor allem eine überschwängliche Hommage an unsere Hauptstadt: Zehn der zwölf Lieder auf dieser Platte enthalten mehr oder weniger eindeutige textliche Berlin-Bezüge; nur in „Immer noch Liebe in mir“ und „Stein, Schere, Papier“ fehlen solche.

Zwar haben vereinzelt auch schon frühere Songs der Elements explizit in Berlin gespielt, etwa „Jung und schön“ (1999) oder der U-Bahn-Song „Alle vier Minuten“ (2001), doch gleicht das neue Album nun beinahe einer musikalischen Stadtrundfahrt: Von der fröhlichen „Party am Schlesischen Tor“ (unter den Hochbahn-Gleisen!) geht es weiter zum „Prater in Prenzlauer Berg“. Das – wie so oft – liebesleidgequälte lyrische Ich geht bekümmert „den Kurfürstendamm entlang“, trauert still „Im Prinzenbad allein“ und sitzt nachts „in U-Bahn-Zügen, die nirgends halten und trotzdem nicht fahren“. „Der Wald vor deiner Haustür ist nur ein Friedrichshain“, “Auch im Halensee wohnt ein Meer“ und „eingeklemmt und blau“ fühlt man sich „Silvester am Brandenburger Tor“. Im Jahn-Sportpark wird gejoggt, hinterm KaDeWe hält ein LkW und im Grunewald ist Holzauktion. Schließlich liefert das auch von der musikalischen Umsetzung her sehr ansprechende „Nimm dir, was du willst“ eine Art universelle Gebrauchsanweisung für Berlin: „Karneval, FC Union, Ramadan und Hertha BSC“. Da ist für jeden was dabei, und jeder, wie er kann, „Aber nerv mich nicht!“.

Auch ansonsten lässt sich das Album, musikalisch wie textlich, als über weite Strecken sehr gelungen bezeichnen. Trotz einer Rekordlänge von mehr als 55 Minuten Spielzeit enthält es keinen einzigen missglückten Song. Regelrecht opulent ist diesmal die Instrumentierung geraten: Ausgefeilte Streicher- und Bläser-Arrangements kommen zum Einsatz und sorgen für viel Abwechslung im gewohnten Gitarre-Bass-Schlagzeug-Trompeten-Sound. Manche Lieder lassen slawische und/oder bretonische folkloristische Einflüsse erkennen, andere sind eher jazzig, manchmal swingt und groovt es. Als weibliche stimmliche Verstärkung macht Sven Regeners Tochter Alexandra insbesondere in „Karin, Karin“ eine gute Figur. In mehreren Songs werden, was schon recht gewagt ist, aber noch gerade so in Ordnung geht, gemischte Chöre aufgeboten. Fehlten früheren Veröffentlichungen dieser Band oftmals die Überraschungsmomente, haben wir sie diesmal in Hülle und Fülle.

Nur hier und dort gibt es punktuelle Schwächen. So kommt einem mancher Liedanfang schon arg bekannt vor (vor allem „Gewitter“ erinnert sehr an “Alles, was blieb“ von 1999; „Der erste Sonntag nach dem Weltuntergang“ ist weitgehend abgekupfert vom zweiten Track des fünf Jahre alten Soundtracks von „Haialarm am Müggelsee“; „Bevor ich dich traf“ hat frappierende Ähnlichkeit mit „Die letzte U-Bahn geht später“ von 2005), während „Immer noch Liebe in mir“, das treue EoC-Fans bereits von der zwei Jahre alten Vinyl-EP „Wenn der Wolf schläft“ kennen, mit seinem Rumtata-Rhythmus fast schon karnevalskompatibel ist. Doch reißt der jeweils ausgezeichnete Text am Ende stets alles wieder raus: „Gewitter“ vermittelt düstere Endzeit-Visionen („Und ein heißer Wind verweht, die Jahre, die ihr kennt“), und „Immer noch Liebe in mir“ knüpft inhaltlich an das seinerseits schon recht delikate „Alten Resten eine Chance“ von 1993 an. Auch im sehr melancholischen Titelstück (und diese Platte enthält selbst für EoC-Verhältnisse besonders viele melancholische Stücke) und im etwas kinderliedhaften „Karin, Karin“ verhindert nicht zuletzt die kraftvolle Songlyrik ein Abgleiten ins Sentimentale. Überhaupt werden Sven Regeners Songtexte im Laufe der Jahre wirklich immer, immer besser. Im bewährten dialektischen Drei-Strophen-Muster zumeist auf eine verblüffende oder versöhnliche Schlusspointe zusteuernd, erweist er sich als ungekrönter König des Binnenreims. Insbesondere für das äußerst hintergründige „Stein, Schere, Papier“ sollte man ihm auf der Stelle einen Lyrikpreis verleihen; wobei dieses Lied auch musikalisch zu den stärksten des Albums gehört. Ähnliches lässt sich über „Karin, Karin“ sagen, das im Refrain ganz nebenbei einen alten DDR-Propaganda-Song persifliert. Und dann „Ein Brot und eine Tüte“ – der Song über die Berliner Schimpfkultur…

Kurz gesagt: Diese Platte kann einen über eine Menge hinwegtrösten, besonders „Wenn es dunkel und kalt wird in Berlin“. Das Urteil lautet: gut (14 Punkte).

Element Of Crime
Schafe, Monster und Mäuse
Vertigo Berlin (Universal Music)
ASIN: B07G1XK97T

www.justament.de, 24.9.2018: Der Klassiker zur Literaturvertonung

Scheiben vor Gericht Spezial: Vor 25 Jahren erschien „Ritter und Unholde“ von Carlos Peron und Peter Ehrlich

Thomas Claer

Es ist ein ganz eigenes Genre, sui generis gewissermaßen. Manchmal ist es (im traditionellen Sinne) Musik, manchmal sind es „nur“ Klanggebilde, mit denen Carlos Peron (geb. 1952), der geniale Schweizer Pionier der elektronischen Soundtüftelei und Gründungsmitglied von YELLO, die literarischen Texte, vorgetragen – mit tiefschwarzer, abgründiger Stimme – von Burgschauspieler Peter Ehrlich (1933-2015), unterlegt. 25 Jahre sind seit dem Erscheinen von „Ritter und Unholde“ vergangen, doch ist seither, soweit ich sehe, nichts Vergleichbares mehr auf diesem Gebiet unternommen worden; vielleicht weil das Vorbild so übermächtig ist. Peron und Ehrlich gelingt es in den knapp 75 Minuten Laufzeit dieses Tonträgers, den alten Texten, die allesamt von Rittern handeln, neues Leben einzuhauchen, indem sie um sie herum eine Atmosphäre erschaffen, die den Hörer (insbesondere wenn er die Augen schließt) beinahe zum Teil des Geschehens werden lässt.

Das erste Drittel der CD umfasst Auszüge aus dem Nibelungenlied, der mittelalterlichen deutschen Dichtung par excellence, die jeder gut kennen sollte, der den Nazi-Größenwahn verstehen will. Kriegerische Ehre, unstillbarer Durst nach Rache, Nibelungentreue bis in den Tod – hier fanden die NS-Größen ihre geistigen Inspirationen. Doch steht das Nibelungenlied in literarischer Raffinesse und überraschender Vielschichtigkeit wohl selbst hinter der Ilias oder der Odyssee kaum zurück. Man beachte insbesondere die verhängnisvollen Frauenfiguren, also Kriemhild und Brünhild, die man in ihrer Besessenheit von Eifersucht, Hass und Geltungsdrang mit Fug und Recht als die eigentlichen Triebkräfte des heraufziehenden Unheils ansehen kann. „Die junge Kriemhild“, der zweite Track des Albums, zeigt, wie unschuldig all das begonnen hat…

Doch kommen auf dieser CD neben den Nibelungenkönigen und –recken natürlich auch noch mehrere andere Ritter aus der Literaturgeschichte zu ihrem Recht. Wer jetzt als erstes an „Don Quijote“ von Cervantes denkt, liegt genau richtig. Die fast 15 Minuten aus diesem Roman bilden den längsten Einzeltrack – und einen der gelungensten des ganzen Albums noch dazu! Das düstere spanische Gitarrenspiel im Hintergrund lässt bereits ahnen, wie der Ritter von der traurigen Gestalt in seinen künftigen Windmühlenkämpfen auf die Nase fallen wird. Ebenfalls auf besondere Weise geglückt ist „Der Apfelschuss“ von … Falsch! Nicht der von „Wilhelm Tell“! Für diesen hatte sich Friedrich Schiller nämlich auch nur aus einer ungleich älteren Quelle bedient: aus der nordischen Saga „Wieland der Schmied“. Peron und Ehrlich inszenieren hieraus das Kapitel „Wie Eibel seinen Bruder Wieland besuchte“ als ganz großes Kopfkino. Darüber hinaus darf Goethes „Götz von Berlichingen“ (mit seinem berühmten Arsch-Zitat) hier selbstredend nicht fehlen, ebenso wenig Richard Wagners „Lohengrin“ und der Komtur aus der „Schwarzen Spinne“ von Jeremias Gotthelf. Die vielleicht größte aller Heldentaten auf dieser CD vollbringt aber der liebeskranke Ritter Delorges in Schillers „Handschuh“, indem er seine unwürdige Herzensdame, die auf niederträchtige Weise mit seinen Gefühlen spielt, mittels eines gezielten Handschuhwurfes in die Wüste schickt.

Drei Jahre später, 1996, haben Carlos Peron und Peter Ehrlich noch eine Fortsetzungs-CD namens „Ritter, Tod und Teufel“ herausgebracht, die auch nicht schlecht war, aber längst nicht so überragend wie „Ritter und Unholde“. Das Urteil lautet: sehr gut (16 Punkte).

Carlos Peron
Ritter und Unholde – gesprochen von Peter Ehrlich
Dark Star/Indigo 1993
LC 6526 – Spark 24
Neuauflage: Revisited Records 2006
10,44 EUR (bei Amazon)

www.justament.de, 13.8.2018: Neues von EoC!

Anfang Oktober hat das Warten ein Ende

Thomas Claer

Das mittlerweile vierzehnte Studioalbum unserer Lieblingsband – und dies im dreiunddreißigsten Jahr ihres Bestehens – ist angekündigt für den 5.10.2018. Auch der Titel steht schon fest: „Schafe, Monster und Mäuse“ – was immer das zu bedeuten hat. Einen Vorgeschmack darauf gibt es bereits mit dem Song „Am ersten Sonntag nach dem Weltuntergang“, der sich hier anhören lässt. Noch dazu ist schon seit Längerem ein weiteres Lied von der kommenden Platte in der Welt. Es heißt „Wenn es dunkel und kalt wird in Berlin“ und wurde von der Band bereits des Öfteren live gespielt, zum Beispiel hier.

Dann also mal frisch auf YouTube geklickt und die neuen Songs getestet. Nun ja, der erste Eindruck vom „Ersten Sonntag nach dem Weltuntergang“ ist nicht unbedingt der beste. Irgendwie etwas lahm das Ganze, musikalisch eher uninspiriert. Beim zweiten Hören sollte man vielleicht auch mal genauer auf den Text achten. Und siehe da! Plötzlich gefällt es einem dann doch, und mit jedem weiteren Mal noch ein wenig besser. „Weltuntergang“ ist zweifellos ein großes Wort, das derzeit angesichts der deprimierenden politischen Weltlage in vielen Köpfen herumspuken dürfte. Doch machen wir uns nichts vor: Die wahren Weltuntergänge in unserem Leben sind die kleinen und größeren zwischenmenschlichen Katastrophen, vor allem aber die sich immer wieder einstellenden Enttäuschungen in der Liebe. Und genau darum geht es im „Ersten Sonntag“: „Grausam ist der Haifisch/ Und grausam warst auch du“. Passenderweise legt dann auch „der Regen noch einen Zahn zu“ und überflutet den Weg hinter dem S-Bahn-Übergang. Ja, so ist das: „Treulos ist die Sonne/ Und treulos warst auch du“. Das immer neue alte Lied. Solche als apokalyptisch empfundenen Unglücke trotz allem mit Haltung und Würde zu ertragen, davon handeln viele Songtexte der Elements. Was tut man also als lyrisches Ich in solch einer verzweifelten Lage? Man geht „noch einmal den Kurfürstendamm entlang“ und reflektiert: „Schön war das Leben,/ Schlecht war die Welt./ Gut war die Liebe,/ Böse das Geld… Doch heute ist es genau umgekehrt.“ Es geht doch nichts über eine solch vortreffliche Alltagslyrik! Haben wir eigentlich derzeit bessere Lyriker als Sven Regener? Mir jedenfalls fällt keiner ein.

Sogar noch gelungener, vor allem musikalisch, ist „Wenn es dunkel und kalt wird in Berlin“. Und auch dieser Text ist eine dichterische Glanzleistung. Er handelt von Gummibärchen („Da gibt’s die gelben und die roten,/ Das sind alles Vollidioten“), Glühweintrinken (Da geht immer viel daneben / So wie überall im Leben“) und Smog („Wo die Luft am schlimmsten ist/ Ist das Atmen intensiver und das Husten attraktiver“). Nur um schließlich doch noch zum Punkt zu kommen, zum komplizierten Verhältnis zwischen lyrischem Ich und lyrischem Du nämlich, und einen zwar desillusionierenden, aber doch nicht ganz hoffnungslosen Ausblick zu geben… Das vorläufige Urteil lautet: vielversprechend.

www.justament.de, 16.7.2018: Alles außer kommerziell

Scheiben Spezial: Vor 30 Jahren erschien „Nerves“ von den Kastrierten Philosophen

Thomas Claer

Eine wunderschöne Platte von Anfang bis Ende. Kein anderes Werk der Underground-Combo „Kastrierte Philosophen“ (1981-1996), die heute kaum noch jemand kennt, ist so fein arrangiert, so gewählt ausbalanciert, so in sich ruhend wie „Nerves“, das vor nunmehr drei Jahrzehnten als Gesamtkunstwerk in der deutschen Musiklandschaft für Furore sorgte. Damals galten die „Philosophen“ schon seit Jahren als vielversprechender Szene-Act, dem der große Durchbruch allerdings auf unerklärliche Weise immer verwehrt blieb. Dabei wurden die Kritikerlieblinge aus Verden an der Aller, später aus Hamburg, seinerzeit von der Musikpresse als „deutsche Velvet Underground“ hochgejubelt – und blieben dann doch ein ewiger Geheimtipp. Nach einem fulminanten Frühwerk war „Nerves“ (1988) zweifellos der kreative Höhepunkt im Schaffen der Band, die – neben immer anderen Gastmusikern – im Wesentlichen aus den Co-Leadsingern und Multiinstrumentalisten Katrin Achinger (geb. 1962) und Matthias Arfmann (geb. 1964) bestand, die auch privat ein Paar waren. Dies blieben sie auch noch bis 1996; ihre private Trennung fiel mit dem Ende des Bandprojektes zusammen.

Zurück zu „Nerves“: Wenn eingangs von einem Gesamtkunstwerk die Rede war, dann deshalb, weil einfach alles an diesem Album stimmt: Schon das aufklappbare schwarz-gelbe Plattencover mit der Abbildung einer furchterregenden Vogelspinne ist ein visueller und haptischer Hochgenuss. Und dann erst seine Metaphorik! Beim Betrachter entsteht sofort die Assoziation: Das Weibchen frisst das Männchen nach der Paarung. Und hierzu passt auch die Widmung der Platte an Nico, die unsterbliche Velvet-Underground-Chanteuse, deren Vorgruppe die „Philosophen“ in jenen Jahren einmal gewesen sind. (Nico, einst sogar die Geliebte von Alain Delon, war als „männerfressendes Monster“ bekannt…) Und der Text von „Toilet Queen“ tut sein übriges… Das stimmliche Duett von Achinger und Arfmann in diesem Song („Will I still be innocent, when she falls?“) lässt einen wohlig erschauern. Und dann das Cello-Spiel in „Peeping All“, natürlich: Velvet Underground lassen grüßen. Aber auch das Xylophon in “I’m allright (though my hands are trembling)“ ist große Klasse. Und in allen Liedern hören wir Matthias Arfmanns charakteristisch verzerrtes psychedelisches Gittarrenspiel und Katrin Achingers wahrhaft betörende dunkle Stimme. („…als Ausdruck und Enttäuschung ihrer selbst“, hat ein entzückter Musikkritiker einmal über sie geschrieben.) „She’s Allergic“ ist ebenfalls ein überragendes Lied. Und „Dragon Flies Over Cyrenaika“ und das (ausnahmsweise) völlig überdrehte „Maniac Mandrax Fighter“. Und das sehr ruhige Titelstück „Nerves“. Kurz gesagt, die ganze Platte ist großartig.

Wie kamen die Kastrierten Philosophen aber zu ihrem kuriosen Bandnamen? Damals, Anfang der Achtziger, auf ausdrücklichen Wunsch der zu jener Zeit blutjungen Katrin Achinger. Sie habe so viele Leute mit ganz vielen tollen Ideen für Projekte gekannt, aus denen dann nie etwas geworden ist. Aus ihrer Band mit dem verrückten Namen ist dann allerdings eine Menge geworden (abgesehen vom fehlenden kommerziellen Durchbruch). Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet der gemeinsame Sohn der „Kastrierten Philosophen“, David Achinger alias Chassy Wezar (geboren 1994), heute selbst als kreativer Musiker unterwegs ist… Das Urteil für „Nerves“ lautet: sehr gut (17 Punkte).

Kastrierte Philosophen
Nerves
Normal 1988
(Vergriffen)

www.justament.de, 4.6.2018: Schwere See ein Vierteljahrhundert

Scheiben vor Gericht Spezial: Vor 25 Jahren erschien „Weißes Papier“ von Element of Crime

Thomas Claer

Es war ein neuer Lebensabschnitt, den dieses außergewöhnliche Album einer mir bis dahin völlig unbekannten Band für mich einläutete. Damals, 1993, absolvierte ich meinen Zivildienst in einem Bremer Krankenhaus und bekam dort, genauer gesagt in der Teestube, wo ich den Patienten heiße Getränke zubereitete und servierte, eine Indie-Musikzeitschrift in die Finger, die einen Text enthielt, der mich neugierig machte: Das zweite deutschsprachige Album von Element of Crime wurde dort besprochen. Und ein Sänger und Texter namens Sven Regener erging sich in grundlegenden Betrachtungen über die Kulturindustrie, über Basis und Überbau, über die deutsche Musiklandschaft und die politische Relevanz von Liedern über die Liebe. Immer wieder las ich diese brillant geschriebene Rezension, bis ich schließlich einige Wochen später den Weg zum CD-Verleih fand (Ja, zum CD-Verleih! Heute weiß keiner mehr, dass es so etwas einmal gegeben hat!) und mir „Weißes Papier“ besorgte. Seinerzeit waren die Elements noch ein absoluter Geheimtipp, und ich kannte niemanden in ganz Bremen, mit dem ich mich über sie hätte austauschen können. Das sollte sich auch erst ein Jahr später im zweiten Semester meines Studiums in Bielefeld ändern. Bis dahin war „Weißes Papier“, die ich mittlerweile auch als rares Vinyl besaß, natürlich längst zu einer meiner Lieblingsplatten geworden.

Nun sollte man ja eigentlich, wie es ein alter lateinischer Spruch so treffend sagt, zuerst leben und erst anschließend darüber philosophieren. Doch bei mir war es, wie bei vielen anderen eher in der Theorie als deren praktischer Umsetzung begabten Zeitgenossen, umgekehrt. War ich bis weit nach dem Abitur sozusagen noch ein „unbeschriebenes Blatt“ auf dem Feld der (praktizierten) Liebe gewesen, so weckte „Weißes Papier“ in mir die Sehnsucht nach einschlägigen Erfahrungen, die sich bald darauf auch auf dramatische Weise einstellen sollten… Eine bessere Vorbereitung auf diese bittersüßen und schmerzhaft-schönen Erschütterungen, die mich für mindestens vier Semester völlig aus der Bahn warfen (und mich schließlich schon nach vier weiteren Semestern in den sicheren Hafen der Ehe führen sollten), hätte ich mir nicht wünschen können. „Weißes Papier“ ist, wenn man so will, ein großes Konzeptalbum über Liebe und Vergänglichkeit. Mit jederzeit absturzgefährdetem Pathos werden in Regeners Texten, die am Ende aber traumwandlerisch alle Klippen des Schwulstes und Kitsches souverän umfahren, beinahe alle Facetten der damit verbundenen Leidenschaften verhandelt, von der zarten Anbahnung („Draußen hinterm Fenster“) über die Feier des beglückten Augenblicks („Alten Resten eine Chance“), den Krieg der Geschlechter („Mehr als sie erlaubt“), den existentiellen Kampf mit dem Nebenbuhler („Du hast die Wahl“) bis zur tieftraurigen Ernüchterung (im Titelstück „Weißes Papier“) sowie der finalen Resignation („Und du wartest“). Und wie das Motto dieser Platte insgesamt liest sich die Titelzeile jenes Stücks, das auf atemberaubende Weise eine Brücke zwischen See- und Liebeskrankheit schlägt: „Schwere See, mein Herz“. Lange Jahre konnte ich mir dieses Album gar nicht mehr anhören, weil ich es vor seelischen Schmerzen nicht ertragen hätte. So richtig erholt habe ich mich davon wohl bis heute nicht. Das Urteil lautet: sehr gut (17 Punkte).

Element of Crime
Weißes Papier
Polydor (Universal Music) 1993
ASIN: B000025NBYv

www.justament.de, 30.4.2018: Heiße Feger rosten nicht

Nach zehn Jahren wieder ein Album von den Breeders: „All Nerve“

Thomas Claer

Genau so wünscht man sich ein neues Album von den Breeders, erst das fünfte übrigens in fast 30 Jahren Bandgeschichte: Es geht gleich richtig hart und schnell zur Sache. 11 Songs auf gerade einmal 33:50 min sprechen für sich. Und warum auch nicht? Was sollte Lead-Sängerin und Bassistin Kim Deal, mittlerweile 56 Jahre alt, und ihre zu zwei Dritteln weiblichen Mitstreiter daran hindern, es genauso feurig krachen zu lassen wie seinerzeit in den späten Achtzigern, als dieses Nebenprojekt der damals noch weitgehend solitären Pixies das Licht der Musikwelt erblickte. Bei den wiedervereinigten Pixies hat Kim Deal vor fünf Jahren ihren Hut genommen. Die ewigen Differenzen mit Black Francis… Und nun hat sie mit ihrer Schwester Kelley Deal, ihrer Schwester im Geiste Josephine Wiggs sowie dem Drummer Jim MacPherson (was im übrigen exakt der Besetzung ihrer Platte „Last Splash“ von 1993 entspricht) mal eben ein neues Werk eingespielt. Man durfte also gespannt sein, zumal die beiden letzten Breeders-Alben, Mountain Battles (2008) und Title TK (2002) ziemlich überragend waren.
Nun, ganz so grandios wie die besagten schon lange zurückliegenden Vorgänger ist „All Nerve“ nicht. Aber doch voller Höhepunkte wie den Opener „Nervous Mary“, „Metagoth“ oder „Archangel’s Thunderbird“. „Wait in the Car“ klingt sehr nach der Last Splash-Platte, der Titelsong „All Nerve“ erinnert wiederum ans „Title Tk-Album. Stilistisch hat sich bei den Breeders in all den Jahren eigentlich gar nichts geändert. Und das ist auch gut so. Das Urteil lautet: voll befriedigend (11 Punkte).

Breeders
All Nerve
4AD 2018
Ca. € 17,-
ASIN: B07876PWNW

www.justament.de, 26.3.2018: Weltretten in 45 Minuten

Maike Rosa Vogel auf ihrem fünften Album „Alles was ich will“

Thomas Claer

Bei Maike Rosa Vogel ist eigentlich alles wie immer. Mit dem ersten Song ihres neuen Albums, „Es ist ganz leicht“, geht es ja schon los… Wieder einmal werden Behauptungen fern jeder Empirie losgetreten, wonach alle Menschen einfach nur möglichst viel miteinander teilen müssten, um glücklich zu sein, und zur Erfüllung einfach nur mehr lieben sollten, statt einander zu hassen. (Warum tun die Menschen dann aber so oft genau das Gegenteil, wenn es angeblich so einfach ist?) Wohl jedem und jeder anderen, der oder die so etwas sänge oder sagte, würde man ein beträchtliches Maß an Naivität oder, schlimmer noch, an Verlogenheit bescheinigen. Doch es ist seltsam: Kommen solche Worte aus Maike Rosa Vogels schönem Mund, werden sie von ihrer warmen, trotzigen Mädchenstimme mit Inbrunst in die Welt geschleudert, wird auf der Stelle all das Fragwürdige und Bedenkliche wahr und richtig. Und es besteht ja auch kein Zweifel daran: In einer Welt aus lauter Maike Rosa Vogels gäbe es alle diese schrecklichen Dinge nicht mehr, die uns tagtäglich das Leben zur Hölle machen. Kurz gesagt, auf einer intellektuellen Ebene ist dieser Songwriterin also keineswegs beizukommen. Vielmehr ist auch „Alles was ich will“, ihr mittlerweile fünftes Album, das wie die Vorgänger-CD im Eigenverlag erschienen ist, eine Ausgeburt an feuriger Emotionalität. Man wird sie dafür lieben oder hassen. Wir haben uns natürlich längst entschieden… Auch musikalisch kann das neue Album trotz seines erkennbar spartanischen Herstellungsverfahrens (auf eine Band wird ganz verzichtet) ohne weiteres mit den vorzüglichen Maike-Scheiben der vergangenen Jahre mithalten. Im weiteren Verlauf der Platte finden sich auch diesmal wieder grandiose Popsongs wie „Liebe geht nie“ oder die Lokal-Hymne „Wirklich in Berlin“. Und besonders gelungen sind nicht zuletzt einige sehr melancholische Stücke. Auch wie Maikes lyrisches Alter Ego über seine Ängste und Paranoia berichtet, ist großartig.
Nun könnte man sich allerdings die Frage stellen, wie lange diese, wie soll man sagen?, diese Masche mit dem doch sehr jugendlich anmutenden Charme dieser Künstlerin so noch funktionieren wird. Immerhin tritt sie demnächst schon in ihr viertes Lebensjahrzehnt ein, was zwar noch kein Alter ist, und andere sind in noch weit fortgeschritteneren Jahren noch viel infantiler. Aber wird nicht diese Mädchen-Nummer irgendwann doch an ihre Grenzen stoßen? Doch auch darauf hat Maike Rosa Vogel auf dieser Platte eine überzeugende Antwort: „Jedes Mädchen kann sein wie Yoko Ono“ heißt ein Song, der schon mal klarstellt, wer die Vorbilder sind. Und der Umkehrschluss gilt hier natürlich erst recht: Jede Künstlerin (und warum nicht gleich jeder Mensch?) darf und soll so naiv und kindisch sein, wie sie oder er es für richtig hält, notfalls auch noch mit weit über 80 wie Yoko Ono. Unser Urteil lautet auch diesmal: voll befriedigend (12 Punkte).

Maike Rosa Vogel
Alles was ich will
Eigenvertrieb 2017
www.maikerosavogel.com