Category Archives: Über Musik

justament.de, 7.6.2021: Jazz geht’s los!

Drei Musiker von Element Of Crime haben ein Jazz-Album aufgenommen

Thomas Claer

Das Tolle an der Jazz-Musik ist, dass sie kaum zum Pathos tendiert und ebenso wenig zur Sentimentalität. Da ist z.B. die Klassische Musik doch weitaus gefährdeter, und Rock- und Popmusik sind es natürlich erst recht. Jazz dagegen ist eine Musik, die beinahe ohne Schwere auskommt, die aber in all ihrer Leichtigkeit dennoch nur selten ins Banale abrutscht, denn dazu ist sie viel zu cool und distanziert.

Kann man das so sagen? Keine Ahnung, denn ich verstehe nicht viel vom Jazz. Zumindest aber empfinde ich es so, wenn ich an einem viel zu kalten und dann auch noch verregneten Frühlingstag – also unter den, wie sich bald herausstellen wird, bestmöglichen Umständen für diese Musik – den Klängen von „Ask Me Now“ lausche, der Debüt-Platte des Trios Regener Pappik Busch, hinter dem sich ein Nebenprojekt der Band Element Of Crime verbirgt, das wiederum aus den drei wohlbekannten Musikern Sven Regener (Trompete), Richard Pappik (Drums) und Ekki Busch (Piano) besteht. Diese drei alten Kempen, alle um die sechzig, haben also ein Album mit Coverversionen berühmter Jazz-Klassiker aufgenommen. Alles ist rein instrumental, es gibt keinen Gesang. Stücke von den ganz Großen sind dabei, von Thelonius Monk und John Coltrane. Hingegen sucht man Dave Brubeck vergeblich, und die anderen auf der Platte kennt man schon gar nicht mehr.

Warum machen die Drei sowas überhaupt? Diese Frage drängt sich natürlich auf. Vielleicht weil sie in einem Alter sind, in dem sie gerne noch mal etwas Neues ausprobieren wollen. Zumal das Risiko gering ist, dass ihre treuen Fans diesen gewissermaßen exotischen Ausflug ihrer Lieblinge nicht goutieren werden. Kann sein, dass sie auch ihre über den überschaubaren EOC-Kosmos hinausreichenden – und ja auch in der Tat beachtlichen – musikalischen Fähigkeiten demonstrieren möchten. Womöglich ist es aber auch ein Akt der musikpädagogischen Fürsorge gegenüber ihrer Fangemeinde, denn ohne diesen Anstoß wäre zweifellos ein Großteil der Element-Anhänger niemals darauf gekommen, sich näher mit Jazzmusik zu befassen. Der Rezensent zumindest bestimmt nicht…

Was Jazz-Puristen dazu sagen würden, vermag ich also nicht zu beurteilen. Mir jedenfalls gefällt diese Platte. Und einen besonderen Nerv treffen dabei die melancholischen Stücke dieses Albums, allen voran „Don’t Explain“ von Arthur Herzog und Billie Holiday. Gerade weil einen die Traurigkeit hier nicht so brutal überfällt, sondern sich gewissermaßen ganz sachte von hinten anschleicht…

Regener Pappik Busch
Ask Me Now
Universal 2021

justament.de, 10.5.2021: Schön war die Zeit

Vor 30 Jahren erschien „Projekt F.“ von Stephan Remmler

Thomas Claer

Wie verrückt war das denn? Ex-NDW-Star und Trio-Frontmann Stephan Remmler brachte im Mai 1991, vor genau 30 Jahren, eine Platte heraus, über die beinahe alle in seinem Umfeld nur den Kopf schüttelten: alte Schlager von Freddy Quinn aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren, darunter viele Seemannslieder, in neuer, stark reduzierter Inszenierung. Auch seine Plattenfirma hatte zunächst schockiert auf sein Vorhaben reagiert, sich aber, da er so darauf bestand und sich angesichts seiner früheren Verkaufserfolge auch allerhand erlauben konnte, doch noch breitschlagen lassen. Das Ergebnis war niederschmetternd. „Das Album erhielt durchweg schlechte Kritiken“, heißt es bei Wikipedia. „Insbesondere wurden die sparsame Instrumentierung und der Gesangsvortrag Remmlers kritisiert.“ Die Zeitschrift ME Sounds (Nr. 6/1991, S. 46) meinte sogar: „Remmler spricht mehr als daß er singt, und die programmierten Computer-Keyboards wirken so karg, als habe er bewußt Strom sparen wollen. So viel kühle Distanz ist dem Keimen der großen Gefühle doch eher abträglich.“ In den Charts konnten sich weder das Album noch die beiden ausgekoppelten Singles platzieren. Remmler insistierte trotzig: „Ich kann mir meine Musik leisten.“
Vielleicht musste ja einfach nur etwas Zeit vergehen, bis diese Musik dann doch noch ihre verdiente Wertschätzung finden konnte. Denn mittlerweile ist „Projekt F. Auf der Suche nach dem Schatz der verlorenen Gefühle“ von „Stephan Remmler und die Schatzsucher“ schon seit vielen Jahren ein gesuchtes Sammlerstück, für das man bei Medimops gut und gerne 30 bis 40 Euro (fürs Vinyl sogar 100 Euro) hinblättern muss. Und auch wenn die Platte bis heute ihre Hörer polarisiert und bei ihnen enthusiastische Begeisterung ebenso wie heftige Ablehnung hervorruft, so ist sie in ihrer liebenswerten Verschrobenheit doch unbestritten einzigartig. Nun trägt zwar der „Deutsche Schlager“ als solcher seinen anrüchigen Ruf keineswegs zu Unrecht. Doch gelingt es Stephan Remmler mit raffiniert-minimalistischen Adaptionen dieser Lieder gleichsam, eine bisher unter ihrem verkitschten Zuckerguss verborgene Schicht wahrer Größe freizulegen. Vor allem gilt dies für ihre Texte, die oft hölzern und unbeholfen daherkommen, in denen es aber inmitten ihrer genretypischen Verlogenheit auch Momente überraschender Wahrhaftigkeit zu entdecken gilt. Und gerade das Ambivalente dieser Lieder bringt Remmler immer wieder zum Vorschein, indem er sie mit seinem Sprechgesang und seinen übertrieben pathetischen Ausbrüchen zwar durch den Kakao zieht, dabei aber gleichzeitig auch ernst nimmt.
Erst recht, wenn man sich heute, im Abstand von drei Jahrzehnten, noch einmal durch das Album hört, bemerkt man, wie fremd uns die darin besungene Lebenswelt inzwischen geworden ist: die Seemannsromantik, die Verlockung ferner, unbekannter Länder, das vielfach thematisierte Fernweh genauso wie das Heimweh, die alte und immer neue Tragik vergeblicher Liebesmüh. Wie verzaubert war doch die große, weite Welt, bevor man sie einfach mal eben für einen Kurzurlaub mit dem Flugzeug erreichen konnte! „Fährt ein weißes Schiff nach Honkong, hab ich Sehnsucht nach der Ferne/ Aber dann in weiter Ferne hab ich Sehnsucht nach zu Haus.“ „Ob am Kai von Casablanca, ob am Kap von Salvador/ Er denkt immer an Juanita, deren Liebe er verlor.“ „Als er kam, war er ein Fremder, und er glaubte nicht daran/Dass wer alles hat verloren, nochmal glücklich sein kann.“ „Hört mich an ihr gold‘nen Sterne/Grüßt die Liebste in der Ferne.“ „Wo ich die Liebste fand, da ist mein Heimatland./Wann bin ich nicht mehr allein?“ Und so geht es immer weiter…
Der heute 74-jährige Stephan Remmler begründete damals sein merk- und denkwürdiges Projekt F auch damit, dass er nicht nur mit Rockmusik großgeworden sei, sondern auch mit den Schlagern und Seemannsliedern von Freddy Quinn, und dass es ihn schon immer gereizt habe, sich auch selbst dieser einmal anzunehmen. Das ist ihm, was immer seine Verächter auch einwenden mögen, auf bemerkenswerte Weise gelungen. Das Urteil lautet: gut (14 Punkte)

Stephan Remmler und die Schatzsucher
Projekt F. Auf der Suche nach dem Schatz der verlorenen Gefühle
Mercury (Universal Records)
ASIN: B00000853M
(vergriffen)

justament.de, 12.4.2021: Frickelbrüder auf Weltreise

The Notwist mit ihrer achten Platte „Vertigo Days“

Thomas Claer

Sieben Jahre lang haben The Notwist, die Indie-Götter aus Weilheim in Oberbayern, an ihrem bislang achten regulären Album „Vertigo Days“ gearbeitet. Schon vor drei Jahren, so heißt es, sei es eigentlich fertig gewesen. Doch habe man dann doch noch hier und da ein wenig nachbessern müssen. Man kann es sich gut vorstellen, wie die Brüder Markus und Micha Acher, die nach dem Ausscheiden von Martin Gretschmann alias Console im Jahr 2014 einzigen beiden noch verbliebenen Bandmitglieder, gefühlte Ewigkeiten an ihrem Material herumgefrickelt haben. Wobei das elektronische Frickeln an den Sounds ja über die Jahre sozusagen zu ihrem Markenkern geworden ist. Was aber diesmal anders ist als auf allen Vorgänger-Alben, ist die große Zahl an mitwirkenden Gastmusikern aus beinahe allen Teilen der Welt. So haben u.a. ein japanischer Sänger, ein Klarinettist aus Chicago, ein Jazzmusiker namens Ben LarMar Gay und eine argentinische Keyboarderin Akzente gesetzt, die man der Platte auch von vorne bis hinten anhört. Man könnte sogar sagen, dass dieses bemerkenswert vielstimmige Album so etwas wie eine musikalische Weltreise geworden ist.
Dennoch wird „Vertigo Days“ getragen vom unverkennbaren Notwist-Sound und erinnert hierin vielleicht am stärksten an den unmittelbaren Vorgänger „Close to the Glass“ (2014). Doch auch die noch früheren Alben werden gelegentlich gerne zitiert, bis hin zum raffinierten Posaunen-Einsatz, der an das großartig jazzige „Shrink“ (1998) denken lässt. Positiv formuliert ließe sich also feststellen, dass es The Notwist gelungen ist, sehr unterschiedliche musikalische Einflüsse in den eigenen Klang-Kosmos zu integrieren und daraus wieder einmal ein in sich rundes und doch abwechslungsreiches Album zu basteln. Durch eine kritischere Brille betrachtet könnte man aber auch zur Einschätzung gelangen, dass den mittlerweile über 50-jährigen Notwist-Brüdern im 32. Jahr ihres Band-Bestehens so langsam die Ideen ausgehen und sie sich nur noch durch weltmusikalische externe Transfusionen und jahrelanges Damitherumfrickeln überhaupt noch künstlerisch am Leben halten können.
Nun mag jede Hörerin und jeder Hörer selbst entscheiden, welcher Sichtweise sie oder er sich anschließen möchte. Aus unserer Sicht neigt sich die Waagschale jedoch ganz klar zum positiven Gesamturteil. Und dieses lautet: gut (13 Punkte).

The Notwist
Vertigo Days
Morr Music 2021
LC 10387

justament.de, 22.3.2021: Charmant auch noch mit 60

Suzanne Vega auf einer Live-Platte mit Songs über New York

Thomas Claer

Diese Künstlerin, das muss ich zugeben, hatte ich lange Jahre aus den Augen verloren. Klar, ihr Frühwerk in den Achtzigern war schon sehr bemerkenswert. Und auch später, in den Neunzigern, hat sie noch ein paar beachtliche Platten herausgebracht. Aber dann gab es von ihr auch schwächere Veröffentlichungen…
Inzwischen ist aber eine Menge passiert: Zunächst einmal hat Suzanne Vega zwischen 2010 und 2012 in einem rebellischen Akt gegenüber ihrer früheren Plattenfirma alle ihre Songs von 1985 bis 2007 noch einmal in reduzierter, eher akustisch gehaltener Form eingespielt und herausgebracht, was ihnen sehr gut getan hat. Diese so genannte Close up-Serie besteht aus vier thematisch geordneten Alben („Love Songs“, „People & Places“, „States of Being“, „Songs of Family“), und sie sind allesamt grandios, deutlich besser als die Originale. Da merkt man erst, was pathetisch glattbügelnde Produzenten dieser Musik zuvor angetan hatten…
Und nach einigen neuen Werken in den letzten Jahren hat diese begnadete Songwriterin nun also noch ein weiteres Themen-Album mit Live-Versionen alter Songs herausgebracht: „An Evening of New York Songs and Stories“, aufgenommen noch kurz vor Corona in einem New Yorker Café. Alles auf dieser Platte dreht sich also um die amerikanische Ostküsten-Metropole, als deren lokalpatriotische und beinahe lebenslängliche Bewohnerin sich die Sängerin hier zu erkennen gibt. Doch bemerkt man beim Zuhören rasch, dass offenbar alle ihrer bekannteren Songs von New York handeln oder zumindest dort spielen: von „Marlene on the Wall“ über das bezaubernde „Luka“ bis hin zu „Tom’s Diner“, das ohne die impertinenten Computer-Beats der Hitparaden-Version ebenfalls in ganz neuem Glanz erstrahlt. So ist am Ende also auch eine Art Best of-Album herausgekommen, das Suzanne Vega zudem noch mit kleinen Geschichtchen über ihr Leben in New York anreichert.
Allerdings spielen die meisten Songs und Stories in einer anderen Zeit und damit auch in einer Stadt mit gänzlich anderem Charakter als dem heutigen New York. Man kann es sich heute kaum noch vorstellen, aber damals hat diese Stadt Künstler, Intellektuelle und junge Leute aus aller Welt ganz unabhängig vom Umfang ihres Geldbeutels angezogen. Und die konnten dann mal eben im Diner an der Ecke sitzen und das urbane Treiben beobachten oder Freundschaft mit ihren unterprivilegierten Nachbarn schließen… Vor allem aber konnte jeder, der wollte, einfach so mitmachen. So ähnlich wie heute in Berlin. Oder sollte man besser sagen: wie in Berlin bis vor zehn Jahren?
Zwei besonders gute Songs auf diesem Album haben die Stadt sogar im Namen: „New York is My Destination” und „New York is a Woman“. Wobei letzterer von der Platte „Beauty & Crime“ aus dem Jahr 2007 stammt, dem letzten und bislang einzigen Suzanne-Vega-Album, das wir in dieser Rubrik bislang besprochen haben. Übrigens besitzt „Beauty & Crime“ sogar einen eigenen Wikipedia-Eintrag und erweist sich bei nochmaligem Hören auch als wirklich gelungen. Warum hatten wir es eigentlich seinerzeit so verrissen? Welcher Idiot hat das nur geschrieben?!
Abschließend ist noch auf die einzige Cover-Version dieses Live-Albums (und vermutlich die einzige überhaupt jemals von Suzanne Vega veröffentlichte Cover-Version) hinzuweisen: „Walk on the Wild Side“ von Lou Reed, das sich hervorragend in diese Platte einfügt. Wobei man Suzanne Vega insgesamt bescheinigen kann, dass sie sich ihre unschuldig-mädchenhafte Stimme und ihren ebensolchen Charme auch noch im angehenden Seniorenalter bewahrt hat. Da verzeihen wir ihr gerne, dass sie mit einem New Yorker Rechtsanwalt verheiratet ist und bevorzugt Hosenanzüge trägt, wo doch fast allen schönen Frauen Kleider weitaus besser stehen, wie auch das Cover-Foto auf dieser Platte beweist… Das Urteil lautet: gut (13 Punkte).

Suzanne Vega
An Evening of New York Songs and Stories
Sony Music/Essential Music 2020
ASIN: B084LLFMRQ

justament.de, 1.2.2021: Wo sind sie hin?

Vor 25 Jahren erschien “Sample & Hold” von Sharon Stoned

Thomas Claer

Mitte der Neunziger. Eine vierköpfige Jungmänner-Band aus der tiefsten ostwestfälischen Provinz, deren Bandname auf einem etwas albernen Wortspiel beruht, hat eine beachtliche Debüt-Platte herausgebracht und damit einen Major-Plattenvertrag an Land gezogen. Auf ihrem zweiten Album wirken dann zahlreiche berühmte Gastmusiker mit, u.a. von Notwist und Tocotronic. Und dieses zweite Album ist so unglaublich gut, dass einem Hören und Sehen vergeht. Doch bald darauf löst die Band sich auf, und man hat nie wieder etwas von ihren Mitgliedern gehört. Heute sind Sharon Stoned, die rätselhaften Sonderlinge, schon beinahe vergessen. Und daher wird es höchste Zeit, sich wieder an sie zu erinnern.

Was also ist das Besondere an “Sample & Hold”, diesem ausgesuchten Meisterwerk des ebenso brachialen wie feinfühlig-melodischen Indie-Sounds, das vor 25 Jahren erschienen ist? Nicht nur vielschichtig und abwechslungsreich ist dieses Album, sondern zugleich auch wie aus einem Guss. Alle 13 Lieder, so unterschiedlich sie auch sein mögen, beziehen sich aufeinander. Mühelos verbinden sich trockenste Hardcore-Gitarren-Riffs mit Jazz-Elementen und elektronischen Spielereien. Alles auf dieser Platte fügt sich ganz beiläufig ineinander, von vorne bis hinten wirkt es unangestrengt und cool.

Wollte man dennoch einzelne Stücke besonders hervorheben, dann am ehesten den Opener “Page” sowie die Uptempo-Gitarren-Nummern “Sample & Hold” und  “Nothing I Could Change”. Doch lässt sich kaum ein Lied auf dieser Platte finden, das weniger Beachtung verdiente. Das Urteil lautet: sehr gut (16 Punkte).

Sharon Stoned
Sample and Hold
Columbia / Sony Music 1996

justament.de, 12.10.2020: Soundtrack einer Juristenausbildung

Vor 25 Jahren erschien “Digital ist besser” von Tocotronic

Thomas Claer

Muss man über das grandiose Frühwerk der Band Tocotronic, das vor einem Vierteljahrhundert seinen Anfang nahm, überhaupt noch große Worte verlieren? Ist denn nicht längst schon alles darüber gesagt? Das schon, ließe sich mit Karl Valentin einwenden, aber noch nicht von jedem. Meine persönliche Tocotronic-Geschichte begann bereits in den frühen Achtzigern, schon lange vor Gründung dieser Band, als ich zu meiner großen Freude eine Armbanduhr aus dem Westen geschenkt bekam, was für ein Ostkind jener Zeit so ziemlich das Größte war, was man sich vorstellen konnte. Entscheidend allerdings war, dass es sich dabei um eine Digitaluhr handelte. So altmodische Uhren mit Zeigern und Zifferblatt waren damals ja sowas von verpönt…

Lange Jahre trug ich fortan meine geliebte Digitaluhr und fühlte mich immer sehr cool damit. Bis ich im Mai 1989, nur wenige Monate vor dem Mauerfall, in den Westen kam und mich auf einem Bremer Gymnasium, umgeben von äußerst stilbewussten jungen Menschen, wiederfand. Schnell bemerkte ich, dass ich dort der einzige war, der eine solche Uhr trug, die noch dazu unter meinen Mitschülern mächtiges Naserümpfen hervorrief. Oh mein Gott, wie uncool war das denn? Wer trägt denn heute noch eine Digitaluhr?! Wahrscheinlich fehlte mir damals, im zarten Alter von 17 Jahren, auch einfach das Selbstbewusstsein, um mich über solche Verächtlichmachungen einfach hinwegzusetzen. Irgendwann gefiel mir meine alte Uhr dann selbst nicht mehr. Nach reiflicher Überlegung kaufte ich mir, ausdrücklich auch aus ökologischen Gründen, eine leuchtend blaue Solaruhr, die ebenfalls sehr schön war, natürlich mit Zeigern und Zifferblatt. Meine Digitaluhr ließ ich in einer Schublade verschwinden und hatte sie bald vergessen.

Mit meiner Solaruhr absolvierte ich das Abitur und bestritt ich auch meine gesamte Juristenausbildung. Aber es irritierte mich dann schon, als Mitte der Neunziger eine Band aus Hamburg in aller Munde war, deren erster Album- und auch Songtitel “Digital ist besser” lautete. Und diese drei Altersgenossen von mir trugen doch wirklich, was man vor kurzem noch für völlig unmöglich gehalten hätte, Trainingsjacken und, ja, tatsächlich auch Digitaluhren! Anfangs ging ich dem nicht weiter nach, auch wenn ich manchmal beim Durchzappen der Fernsehkanäle auf MTV oder Viva etwas davon mitbekam. Aber dann gab es einen in meiner Lern-AG, der Tocotronic-CDs besaß und von ihnen schwärmte. Von ihm lieh ich sie mir aus und überspielte sie mir auf Musikkassetten, die ich dann im Studentenwohnheim auf meinem alten Mono-Kassettenrecorder rauf und runter hörte.

Natürlich war es kein Zufall, dass die Band zu zwei Dritteln aus abgebrochenen Jura-Studenten bestand. Ihre Songs waren wild und eruptiv, oft auch laut und schnell. Die verstimmten Gitarren, das treibende Schlagzeug, die herausgebrüllte Wut in Dirk von Lowtzows Gesang, immer haarscharf neben dem Ton… Und dann diese parolenhaften und zugleich hintersinnigen Texte! So viele von ihnen sprachen mir sowas von aus dem Herzen: “Alles was ich will ist nichts mit euch zu tun haben!” oder “Ich bin viel zu lange mit euch mitgegangen!” Genau das hatte ich mir auch immer gedacht in all den Jahren, hatte aber irgendwie immer den Absprung verpasst, und irgendwann war es dafür dann zu spät. Ich wurde Volljurist und habe dennoch meinen Groll gegen die Juristenausbildung, gegen meine Juristenkollegen, ja gegen alles Juristische überhaupt nicht nur niemals abgelegt, sondern sogar heute noch tief verinnerlicht.

Dennoch wäre ich nie auf die Idee gekommen, meine Solaruhr, die mir immer gute Dienste geleistet hatte, wieder gegen eine Digitaluhr, die nun durch Tocotronic zum Symbol des Slackertums und einer misanthropisch-individualistischen Gegenkultur geworden war, auszutauschen. Erst lange Zeit später, es muss wohl vor sieben oder acht Jahren gewesen sein, gab meine Solaruhr mit einem Mal ihren Geist auf. Das war so plötzlich geschehen, dass ich auf die Schnelle keine Zeit hatte, um mir Gedanken über eine neue Uhr zu machen. Ich musste dringend zu meinen Privatschüler-Terminen und musste dabei vor allem immer wissen, wie spät es war. Hektisch kramte ich in Schränken und durchwühlte Schubladen, und dann hielt ich tatsächlich meine alte Digitaluhr in den Händen. Immerhin, sie lief noch… Mit ihr fuhr ich also zu meinen Nachhilfestunden. Doch was dann geschah, hatte ich nicht erwartet. “Wow, coole Uhr!”, rief mir mein arabischer Schüler in Schöneberg zu. “Sie haben aber eine hübsche Uhr”, fand meine Siebtklässlerin in Mitte. Da wusste ich, dass ich mir das Geld für die Anschaffung einer neuen Uhr sparen konnte. Am selben Abend hörte ich nach langer Zeit wieder den Song “Digital ist besser” – und trage seitdem nur noch Digitaluhren. Als meine alte aus den Achtzigern nach einigen Monaten dann doch nicht mehr funktionieren wollte, kaufte ich mir eine identische neue.

Aber zurück zu Tocotronic: Fünf fantastische Alben in fünf Jahren haben Tocotronic von 1995 bis 1999 herausgebracht. Von beinahe allem, was später von ihnen kam, muss man, ehrlich gesagt, dringend abraten, das war dann fast nur noch weichgespülter Mist. Aber das Frühwerk von “Digital ist besser” bis zu “K.o.o.k.” ist und bleibt gigantisch. Und zu ihren Texten muss man sagen, dass sie keineswegs schlechter sind als die von, sagen wir, Bob Dylan. Und auch gewiss nicht schlechter als die Lyrik dieser Frau Glück, die bis vor wenigen Tagen noch niemand kannte.

Das Urteil für Tocotronics Frühwerk kann daher nur lauten: Gebt ihnen den Nobelpreis!

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Tocotronic

Digital ist besser

L’age d’ or 1995

justament.de, 14.9.2020: Kritik der Kollateralschäden

Maike Rosa Vogel auf ihrer sechsten CD “Eine Wirklichkeit”

Thomas Claer

Leidenschaftlich, kraftvoll und energisch sind die Frauen des Jahrgangs 1978, geboren im Jahr des Pferdes nach dem chinesischen Horoskop. So wie Franziska Giffey oder Charlotte Roche – oder wie Maike Rosa Vogel, deren mittlerweile sechste CD wir gerade glücklich in den Händen halten. Und alles, was diese wort- und klanggewaltige Liedermacherin aus Prenzlauer Berg ausmacht, findet sich in der gewohnten Fülle auch auf diesem Tonträger. Zwar ist sie, man muss es immer wieder betonen, eigentlich am besten, wenn sie nur mit ihrer Gitarre bewaffnet auf der Bühne steht, weshalb ihr neues, aufwendig instrumentiertes Album mit Auftritten mehrerer Gastmusiker streckenweise ein wenig überproduziert wirkt. Und doch ist ihr manches, und gar nicht so weniges, auf “Eine Wirklichkeit” sogar auf besondere Weise gelungen. So enthält diese Platte selbst nach ihren Maßstäben eine ungewöhnliche Vielzahl herausragender Songs: das feurige Liebeslied “Nie genug”; das melancholisch-tiefsinnige “Die gleichen Stümper”; das dank Sven Regeners Jazz-Trompete und auch sonst bemerkenswert groovende “Baby & Johnny” (noch dazu mit einem so anrührenden Text!); das ein – für ihre Verhältnisse – erstaunlich realistisches Menschenbild textlich und musikalisch umsetzende “Der allerletzte Grund” (es geht um die Schönheit des Angebeteten, die von außen und die von innen, wobei diese natürlich ganz maßgeblich im Auge der Betrachterin liegt…) und – nicht zu vergessen – “Einfach so”, das heitere Duett mit dem Kollegen Felix Meyer, das einen schon ziemlich an das Lied “Herz ist Trumpf” von Achim Reichel erinnert, was aber keineswegs ein Einwand sein soll. So wie auch der Refrain im Lied “Heimat” schwer nach “Watt?” von Torfrock klingt, was aber ebenfalls nicht schlimm ist…

Doch nun zum stärksten Song des Albums, der schon zwei Jahre alt ist und auf dieser Platte in einer (musikalisch) anderen Version erscheint als auf YouTube: “Unser Geld ist wichtiger als ihr”. Ein rigoroser und kompromissloser antikapitalistischer Protestsong, wie er im Buche steht! Er richtet sich mit aller Wucht gegen “die Autoindustrie” und “die Vermieter”. In (selbst-)gerechtem Zorn klagt das lyrische Ich über letztere wie folgt:

“In Deutschland nehmen Menschen
Mieten von den anderen Menschen,
Die nicht die Sorge haben, sich zu überlegen,
Wie sie ihr Erbe investieren in Immobilien in Berlin
Denn bei der Bank gibt es gerade viel zu wenig Zinsen.
Und damit die mit so viel Geld überhaupt noch was verdienen,
Zahlen andere die immer höheren Mieten.
Selber kaufen können sie nichts,
Denn aus kapitalistischer Sicht
Bist du frei genug zum Miete zahlen,
Aber gehören tut dir dadurch nichts.
Und immer dann, wenn einer etwas kann,
Was andere nie können,
Nur weil er Geld hat
Und er hat es nicht verdient.
Ist das ein Fuckyou an die Menschheit,
Jeden einzelnen von uns,
Das sagt: unser Geld ist wichtiger als wir.

Und immer dann, wenn einer nimmt von Menschen, die kaum etwas haben,
Damit der große Haufen Geld von ihm noch etwas größer wird,
Ist das ein Fuckyou an die Kinder dieser Menschen,
Das sagt: Unser Geld ist wichtiger als ihr.”

So sieht es aus Mieterperspektive also aus, ein Schlag voll in die Fresse der Kleinvermieter. Und damit hat das erzählende Ich in diesem Song zweifellos (s)eine subjektive Wahrheit ausgesprochen – und das in meisterhafter Zuspitzung. Aber… Eigentlich könnte und müsste man eine längere Abhandlung, ja einen ganzen Roman über die Einseitigkeit und himmelschreiende Ungerechtigkeit dieser Haltung schreiben! Hier nur so viel in aller Kürze: Wirklich abenteuerlich wäre es, Berliner Vermietern maßlose Gier und Gewinnstreben vorzuwerfen, wenn sie mit den Wohnungen, in die sie investiert haben, Renditen von weit weniger als drei Prozent einfahren (was heute die Regel ist), während das Vermieten auch noch mit einem erheblichen Kraft- und Zeitaufwand verbunden ist, insbesondere was die oft äußerst mühsame Organisation von Reparaturen und Renovierungen betrifft. (Jene Vermieter hingegen, die heute Renditen zwischen vier und sechs Prozent erzielen, haben ihre Berliner Wohnungen bereits in Zeiten gekauft, als noch ein signifikantes Leerstandsrisiko bestand. Sie sind also ein unternehmerisches Risiko eingegangen und werden dafür nun belohnt; es hätte für sie aber auch schiefgehen können…) Und wer sich das Vermieten bei so begrenztem Anreiz nicht mehr antun möchte, kann seine Wohnungen doch jederzeit auch an Selbstnutzer verkaufen und sie somit dem Mietmarkt entziehen, was die Wohnungsnot weiter vergrößern würde. Es wäre also völlig verfehlt, kleinen Vermietern die Schuld an der Wohnungsmisere zuzuschreiben. Man sollte ihnen eher Anerkennung zollen, dass sie die Mühen (und oftmals auch den Ärger!) des Vermietens weiter auf sich nehmen. Wer wirklich viel Geld hat, würde seine Wohnungen doch niemals vermieten (bei im Verhältnis zu den eingesetzten Mitteln so überschaubaren Erträgen), sondern sie nur als Geldparkplatz behalten und leer stehen lassen bzw. vielleicht einmal im Jahr ein paar Tage darin verbringen.

Aber das lyrische Ich wälzt ja auch keineswegs alle Schuld auf die einzelnen Vermieter ab, sondern beschreibt sehr zutreffend den Anlagenotstand aufgrund der Niedrigzinspolitik der Zentralbanken. Trifft dann also EZB, Fed & Co., diese Erfüllungsgehilfen des Finanzkapitals, die Hauptschuld? Wer das glaubt, sollte sich vor Augen halten, dass die entschlossene Niedrigzinspolitik der Notenbanken als Reaktion auf die Finanzkrise 2008f. und aktuell als Reaktion auf den Corona-Lockdown entscheidend dazu beigetragen hat, eine Weltwirtschaftskrise zu verhindern, wie wir sie vor knapp einem Jahrhundert erlebt haben, die Millionen von Menschen in den wirtschaftlichen Ruin getrieben hat und den Zweiten Weltkrieg mit seinen vielen Millionen Toten mit herbeigeführt hat. Nur weil die Zentralbanken – geleitet von fachwissenschaftlichem Sachverstand – diesmal die angemessenen Lehren aus der Geschichte gezogen und die Geldmenge erhöht statt wie damals gedrosselt haben, sind uns Massenarbeitslosigkeit, Not und Elend erspart geblieben. Allerdings führt eine solche jahrelange Politik des billigen Geldes zwangsläufig zu einer Inflation der Vermögenspreise, lässt also den Wert von Immobilien und Aktien (sofern es grundsätzlich eine Nachfrage für sie gibt) bedeutend steigen, was “Kollateralschäden” wie den im Lied beschriebenen (“immer höhere Mieten”) mit sich bringt.

Natürlich ist es legitim und sogar außerordentlich verdienstvoll, dies anzuprangern, da hier ein politisches Gegensteuern nötig ist, das allerdings zielführend und intelligent sein sollte, was eine gesetzliche Deckelung der Miethöhe ganz sicher nicht ist, da sie Anreize zum Investieren abwürgt und die Wohnungsnot dadurch nur verschlimmert… Und noch dazu erscheint das aktuelle Mietniveau in Berlin – trotz der rasanten Anstiege der letzten Jahre – sowohl im nationalen als auch im internationalen Vergleich noch als äußerst moderat. (Wir reden über die Hauptstadt der viertgrößten Volkswirtschaft der Welt und die fünftgrößte Stadt Europas!) Und niemand sollte die Augen davor verschließen, was die Bewirtschaftung einer Immobilie auf lange Sicht kostet und wie wenig von den Einnahmen der Vermieter als deren Gewinn übrig bleibt. Das Problem in Berlin sind jedenfalls eher die ungewöhnlich niedrigen Löhne als die angeblich zu hohen Mieten!

Ist dann also letzten Endes doch wieder “der Kapitalismus” schuld mit seiner perversen Logik der Gewinnmaximierung, die alle Beteiligten nur zu Getriebenen macht? So suggerieren es ja die beiden letzten zitierten Strophen des Songs. Und auch hier kann man nur sagen: Die Kritik dieser Kollateralschäden des Kapitalismus – wer Geld hat, kann etwas, was andere nicht können – ist aller Ehren wert. Aber wäre es ohne Kapitalismus wirklich besser? Wenn nicht das Portemonnaie, sondern eine Partei bestimmt, wer etwas darf und wer nicht und wer eine Wohnung bekommt und wer nicht? Denn die Wohnungsnot wäre ja auch nach einer Abschaffung des Kapitalismus keineswegs beseitigt, solange die Nachfrage nach Wohnungen in bestimmten Lagen das bestehende Angebot bedeutend überschreitet… Bis vor dreißig Jahren hat man westlichen Kapitalismuskritikern immer gesagt: “Geh doch nach drüben!” Bis sich die Grenzen öffneten und die Menschen mit den Füßen abgestimmt haben, in umgekehrter Richtung. Heutigen Kapitalismus-Kritikern könnte man stattdessen sagen: “Geh doch ins rot-rot-grüne Mietendeckel-Berlin und versuch dort mal, eine Wohnung zu finden!” Nur dass diesmal ironischerweise die Abstimmung mit den Füßen genau in diese Richtung erfolgt. Alle wollen nach Berlin, obwohl es so schwer ist, dort eine Wohnung zu finden…

Aber nun habe ich doch wieder so viel geschrieben, was ich eigentlich gar nicht wollte. Es ist einfach so aus mir herausgebrochen… Doch was kann man Besseres über den Song einer Liedermacherin sagen, als dass er profunde Denkanstöße gibt und zu tiefschürfenden Diskussionen und ausschweifenden Betrachtungen einlädt. Ein paar schwächere Stücke sind auch noch auf dem Album, aber die fallen nicht weiter ins Gewicht. Einen Extrapunkt gibt es für das prachtvoll gestaltete Booklet mit z.T. atemberaubenden Fotos aus Maikes wilder Jugendzeit. Das Gesamturteil lautet: gut (13 Punkte).

Maike Rosa Vogel
Eine Wirklichkeit
Eigenvertrieb 2020
www.maikerosavogel.com

justament.de, 17.8.2020: Brettern, Schrammeln, Frickeln

Ein großes Werk des Übergangs: Vor 25 Jahren erschien “12” von The Notwist

Thomas Claer

So wie man sich eigentlich ganz sicher ist, dass Otto Schily niemals bei den Grünen gewesen sein kann und Thilo Sarrazin nicht in der SPD, es aber aufgrund historischer Aufzeichnungen dennoch besser weiß, so glaubt man auch zu wissen, dass die genialische Indie-Band The Notwist nie etwas mit Heavy Metal zu tun gehabt haben kann. Und dennoch haben die Soundtüftler aus Oberbayern ihre ersten beiden Alben ausgerechnet in diesem eher grobschlächtigen Genre gefertigt. Es lohnt sich schon, diese beiden Frühwerke noch einmal anzuhören, denn hinter der Lärmwand aus wildem Gebretter lauern doch hier und da bereits erste zarte Spuren der unverkennbar melancholischen und später so stilprägenden Notwist-Harmonien.

Noch viel mehr gilt dies aber für ihre dritte Platte “12”, den ersten wahren Geniestreich aus dem Notwist-Kosmos, den sie vor genau 25 Jahren, im Sommer 1995, einer erstaunten Welt präsentierten: noch sehr gitarrenlastig, aber doch ganz anders als auf ihren Erstlingen – und sogar schon mit ersten elektronischen Spielereien. Kurz gesagt: aus Gebretter wurde Geschrammel, und hinzu trat erstmals das für sie später so charakteristische Gefrickel. Doch ist der eigentliche Frickel-Song auf der regulären Version von “12” gar nicht drauf. Er findet sich nur auf der den ersten 5000 Exemplaren beigefügten Bonus-CD “Loup” und ist die gleichnamige vollelektronische Version des Album-Openers “Torture Day”. Hier durfte sich erstmalig Martin Gretschmann (alias Console) austoben, der später neben den Brüdern Micha und Markus Acher festes Bandmitglied wurde. Ganz besonders besticht auf “Loup”, das leider nicht auf YouTube zu finden ist, aber auch der unerhört laszive Gastgesang der Amerikanerin Cindy Dall, die zu jener Zeit auch mit der Band Smog kooperierte sowie zwei wenig beachtete Solo-Alben herausbrachte. (Später hat Cindy Dall hauptsächlich als Fotografin gewirkt und ist dann leider bereits 2012 im Alter von nur 41 Jahren gestorben.) “Loup” sollte The Notwists einziges Experiment mit einer weiblichen Stimme bleiben.

In den Jahren darauf sind die bayrischen Indie-Götter mit ihrem blauen Album “Shrink” (1998) und ihrem roten Album “Neon Golden” (2002) dann endgültig auf dem Olymp ihrer Kreativität angekommen. Das Gesamturteil für das bunte Album “12” (einschließlich der “Loup”-Single!) lautet: gut (15 Punkte).

The Notwist
12
IRS CD 984.064 (1995)

justament.de, 20.7.2020: Systemkrieger mit Instrumenten

Scheiben vor Gericht Spezial: 50 Jahre Ton Steine Scherben

Thomas Claer

Die Geburtsstunde der deutschsprachigen Rockmusik war nicht „Alles klar auf der Andrea Doria“ von Udo Lindenberg. Schon drei Jahre zuvor, im Sommer 1970, vor genau einem halben Jahrhundert, brachten ein paar Westberliner Theatermusiker eine Single heraus mit dem parolenhaften Titel: „Macht kaputt, was euch kaputtmacht!“ Sie nannten sich Ton Steine Scherben – und ihr Name war Programm. Umstritten ist bis heute, ob der seltsame Bandname auf ein Schliemann-Zitat bei der Entdeckung Trojas („Was ich fand, waren Ton, Steine, Scherben.“) oder auf die westdeutsche Industriegewerkschaft Bau-Steine-Erden zurückgeht. Gemeint war jedenfalls, und so wurde es auch von allen verstanden: Unsere Töne sind wie geworfene Steine aufs verhasste System, das bald in Scherben liegen wird. Das war keine Unterhaltungsmusik, sondern politischer Kampf mit den Mitteln der Kunst. Bald wurden Ton Steine Scherben mit ihrer ein Jahr später erschienenen Debüt-LP „Warum geht es mir so dreckig?“ und dem Folgewerk „Keine Macht für niemand!“ zum populären Sprachrohr der Kreuzberger linksalternativen Szene. In erster Linie lag das natürlich an ihrer unglaublich guten, eruptiven, explosiven Musik und ihren brachial herausgebrüllten Texten, in denen sich ihr Publikum wiedererkannte: die (relativ) wenigen Hausbesetzer und Schwarzfahrer, Sachbeschädiger und Polizistenverprügler und die vielen, die damit irgendwie sympathisierten. Als Jurist ist man allerdings einigermaßen fassungslos darüber, was sie da in ihren Texten alles propagiert haben. Klar, dass ihnen das damals keine Plattenfirma abnehmen wollte. Also gründeten die Musiker kurzerhand ihr eigenes Label: die David Volksmund Produktion – und wurden so auch noch zu Gründungsvätern der deutschen Independent-Musik.
Natürlich stellt sich auch hier die Frage, ob man angesichts der künstlerischen und kulturhistorischen Bedeutung der „Scherben“ über die textlichen Entgleisungen in ihrem Frühwerk – etwa dass „Bullen die Köppe eingeschlagen” werden sollen, wie es im Rauch-Haus-Song heißt – hinwegsehen kann. Nun gut, das haben zornige junge Männer mit Anfang zwanzig getextet… Aber müsste man dann nicht auch den Bösen Onkelz ihre Jugendsünden wie das ähnlich wütend herausgebrüllte unsägliche Lied „Türken raus!“ durchgehen lassen (von dem sie sich noch dazu später wiederholt distanziert haben)? Doch wie weit tragen schon moralistische Einwände in der Kunst? Andererseits: Darf die Kunst alles legitimieren? Verdienen pseudorevolutionäre Gewaltphantasien mehr Nachsicht als völkische Ressentiments? All das ist schwer zu sagen. Sicher ist nur: Vor 50 Jahren entstand in Berlin-Kreuzberg die erste Rockmusik in deutscher Sprache aus dem Geiste einer empörten Gegenkultur.

Ton Steine Scherben
Warum geht es mir so dreckig?
David Volksmund Produktion 1971

Ton Steine Scherben
Keine Macht für niemand!
David Volksmund Produktion 1972

justament.de, 29.6.2020: Das war Mazzy Star, das war David Roback

Scheiben vor Gericht Spezial: Eine Art Nachruf

Thomas Claer

Am 24. Februar dieses Jahres ist David Roback gestorben, der Altmeister der Neo-Psychedelic, der Gründer von Rain Parade und Opal in den Achtzigern und von Mazzy Star in den Neunzigern. Die Todesursache ist bis heute nicht bekannt, zumindest nicht offiziell, was gut zur Informationspolitik passt, die David Roback zeit seines 61 Jahre währenden Lebens gepflegt hat: Keinerlei Auskünfte an die Medien, die Musik spricht für sich selbst. Punkt. Ein paar Interviews haben er und seine Mazzy Star-Mitstreiterin Hope Sandoval aber schon gegeben, damals in den frühen Neunzigern, auf dem Gipfel ihrer Popularität, als sie mit “Fade Into You” aus Versehen mal einen MTV-Hit hatten. Doch dabei haben sie die armen beteiligten Journalisten beinahe in den Wahnsinn getrieben, weil sie auf alle Fragen zuerst minutenlang geschwiegen und dann nur einsilbig und seltsam kryptisch geantwortet haben… So ganz uneitel waren sie ja keineswegs. Vielleicht waren sie auf ihre Art sogar die Großmeister der reduzierten, minimalistischen Selbstinszenierung. Immer getragen vom vollkommen berechtigten Bewusstsein, etwas ganz Besonderes zu sein…

In seinem ersten Leben war David Robak eine der wesentlichen Figuren des “Paisley Underground”. So nannte sich die in den Achtzigerjahren an der amerikanischen Westküste entstandene Sechzigerjahre-Psychedelic-Revival-Bewegung. Doch bei Rain Parade, seiner ersten Band, war er nach nur einer Platte schon wieder weg und tat sich mit Kendra Smith von Dream Syndicate zusammen. Bei Opal, der neuen Band, enwickelte David Robak dann sein künstlerisches Konzept, von dem er nie wieder abweichen sollte: Er selbst als musikalischer Kopf im Hintergrund an der Gitarre, und vorne trällert die bezaubernde Sängerin. Doch auch mit Opal reichte es nur für eine Platte, denn um 1990 herum betrat eine exotische Schönheit namens Hope Sandoval die Bühne, die zunächst nur als Background-Sängerin bei der Band angeheuert hatte. Niemand weiß genau, was da zwischen den Beteiligten womöglich noch vorgefallen ist… Jedenfalls kehrte Sängerin Kendra Smith noch während der laufenden Tournee der Band den Rücken und wurde durch Hope Sandoval ersetzt. Und fortan war das Projekt Opal beerdigt – und Mazzy Star war geboren.

Es folgten drei großartige Platten, deren erste, “She Hangs Brightly” (1990), man wohl als den Höhepunkt in Robacks und Sandovals Schaffen ansehen kann: eine ganz eigenartige und sehr besondere Art von Musik, eine Zelebration der subtilen Zwischentöne, deren Etikettierung als Slow Core oder Dream Pop ihren Zauber nur unzureichend wiedergeben kann. Musikkritiker und Fans reagierten enthusiastisch, auch noch auf die beiden Nachfolge-Alben “So Tonight that I Might See” und “Among my Swan”. Aber dann war plötzlich Schluss, zumindest für lange Zeit, ohne dass sie dies irgendwann einmal begründet hätten. Erst 17 Jahre – siebzehn Jahre! – später waren sie plötzlich wieder da, als wäre nichts geschehen. Doch sollte “Seasons of Your Day” (2013) ihre letzte Platte bleiben. Denn David Roback ist, zumindest erzählte es seine hochbetagte Mutter so der Boulevardpresse, an Krebs gestorben – und hat damit auch der unsterblichen Band Mazzy Star ein Ende gesetzt.