Category Archives: Über Musik

www.justament.de, 18.9.2017: Echo der Vergangenheit

Scheiben Spezial: Achim Reichel lässt “A.R. & Machines“, sein psychedelisches Krautrock-Experiment aus den frühen Siebzigern, wieder auferstehen – in der Elbphilharmonie!

Thomas Claer

Achim Reichel 1971 (Foto: Wikipedia)

Es ist unglaublich. Lange hatte Achim Reichel, heute 73, mit dieser Idee kokettiert, aber dabei war es dann auch geblieben. Zu verwegen erschien die Option, hier noch einmal ranzugehen. „Man soll nie nie sagen“, erklärte der Beat-Veteran schon in den Neunzigern, als er gefragt wurde, ob Konzerte mit der Musik von „A.R. & Machines“ für ihn irgendwann wieder ein Thema sein könnten. Doch er wolle eben auch nicht am Ende als Spinner dastehen. Nach einem gewaltigen kommerziellen Flop war die Restauflage der zwischen 1971 und 1975 aufgenommenen sechs Alben jener obskuren meditativen Rockmusik eingestampft worden – um nach zwei Jahrzehnten eine spektakuläre Wiederentdeckung zu erleben. Plötzlich erfuhren Platten wie „Die grüne Reise“, „Echo“ und „Erholung“ in Kennerkreisen eine regelrecht kultische Verehrung. Hinzu kam, dass die geringe Zahl der übriggebliebenen Vinyl-Exemplare aus jener Zeit nun zu horrenden Sammlerpreisen ihre Besitzer wechselten, bis endlich Neuauflagen auf CD den Knappheits-Druck etwas minderten. Auch erfreute sich diese Musik mittlerweile einer ungeahnten Beliebtheit bei Trance- und Goa-Veranstaltungen. Dennoch blieb die Zahl ihrer Anhänger überschaubar, so dass sie bei allen Achim Reichel-Jubiläums- und Rückblicks-Konzerten der folgenden Jahre ausgespart blieb.

Achim Reichel 2017

Und nun das! Die mit jahrelanger Verspätung endlich eröffnete Hamburger Elbphilharmonie macht`s möglich. Durch seine begrenzte Zuschauerzahl und die einzigartige Akustik ist dieser Ort wie geschaffen für diese ihrer Natur nach wilde Session-Musik voller Improvisationen. Nur sind inzwischen leider nicht mehr viele von Achim Reichels einstigen Mitstreitern bei den „Machines“ am Leben. Immerhin Olaf Casalich, der legendäre Drummer und Percussionist, auch bekannt als Gründer und Kopf der Minne-Rockband Ougenweide, ist dabei. Und ein paar nachgeborene Brüder im Geiste. Am vergangenen Freitag hatten „A.R. & Machines“ einen triumphalen Auftritt im neuen Klangtempel an der Waterkant. Gut Ding will nun einmal Weile haben. Und last not least: Am 27.10.2017 erscheint „The Art Of German Psychedelic (1970-74)“, ein 10-CD-Set mit 96-seitigem Begleitbuch über die A.R. & Machines Story. Wir sind gespannt.

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www.justament.de, 21.8.2017: 33 Jahre bei der Stange

Nick Cave & the Bad Seeds in einer ultimativen Werkschau

Thomas Claer

Wieder eine Best of-Compilation von Nick Cave & the Bad Seeds, immerhin fast zwei Jahrzehnte nach der ersten von 1998. Und wie immer in solchen Fällen gehen die Meinungen bei Fans und wohlwollenden Beobachtern auseinander. „Muss das sein?“, fragen die einen empört und wittern nun aber wirklich den kommerziellen Ausverkauf. „Doch, das ist schon in Ordnung“, beschwichtigen die anderen – und sie könnten diesmal recht haben. Denn Nick Cave hatte in all den Jahren seit seinem ersten „Solo-Album“ „From her to Eternety“ (1984), seine frühere Band „Birthday Party“ (1980-1983) und seine Nebenbei-Band „Grinderman“ (2007-2011) noch gar nicht mitgerechnet, einen enormen künstlerischen Output, bei dem man erstens schon mal den Überblick verlieren konnte, der zweitens – so viel Kritik am Meister sei hier erlaubt – von unterschiedlicher Qualität war. Und drittens ist diese aktuelle Zusammenstellung so opulent und treffsicher geraten (die Musiker selbst und nicht irgendwelche Heinis von der Plattenfirma haben sie zusammengestellt), und das zu einem mehr als vertretbaren Preis von 22 Euro für 45 Songs auf drei CDs plus einer DVD mit seltenen Live-Auftritten und Interviews plus einem Buch – nein, da kann man wirklich nichts sagen. Außer vielleicht doch noch zu bemängeln, dass ein besonders großartiger Song hier leider fehlt: „Henry Lee“ – das Duett mit P.J. Harvey von 1995. Aber es mag dafür Gründe geben, die wir nicht kennen und gegebenenfalls respektieren müssen. Es ist ja längst kein Geheimnis mehr, dass Nick und die wunderbare P.J. damals eine Zeit lang ein Paar waren…
Stark vereinfacht lassen sich drei Schaffensperioden von Nick Cave & the Bad Seeds unterscheiden, die nicht ganz den drei CDs dieser Zusammenstellung entsprechen: Die erste Phase war die im (West-)Berliner Underground der 80er und frühen 90er Jahre (zu jener Zeit als auch noch die „Einstürzenden Neubauten“ ein ganz heißer Act waren, deren Frontmann Blixa Bargeld bei den „Bad Seeds“ noch bis vor wenigen Jahren Gitarre spielte. Zum Ende hin gab es aber auch schon damals sehr poppige Ausflüge wie das Album „The Good Son“. („Das war aber noch auf der richtigen Seite“, sagte seinerzeit mein AG-Kollege im Referendariat über diese Platte.) Dann kam 1995 gewissermaßen der kommerzielle Durchbruch in den Mainstream-Pop: das Duett mit Kylie Minogue, angesichts dessen einige Nick-Cave-Fans der ersten Stunde noch heute mit den Zähnen fletschen. „Nick Cave von Kylie in die Charts geküsst“ titelte damals eine bekannte Musikzeitschrift. Und doch, es war ein großartiger Song! Danach fiel aber das Niveau der Nick Cave-Produktionen etwas ab, nicht generell und nicht durchgängig zwar, aber es wechselten sich Höhepunkte und ziemliche Durchhänger ab – bis es dann vor einem Jahrzehnt eine Art „Back tot he roots“-Wende gab. Mit seinem schon erwähnten Nebenprojekt Grinderman, an dem kurioserweise auch nahezu alle „Bad Seeds“-Musiker beteiligt waren, ließ es Nick Cave nach zuvor regelrecht ausufernder Seichtigkeit endlich wieder garagenrockmäßig krachen, und das gab offensichtlich auch den „Bad Seeds“ wieder etwas vom alten Schwung zurück. Vor allem aber gelang ihnen schließlich mit “Push The Sky Away” ein stilles und doch äußerst melodisch komponiertes Album, das in seiner grandiosen Stimmigkeit sozusagen den Spätruhm dieser Band begründete.

Wer Nick Cave & the Bad Seeds schon immer mal kennenlernen wollte, findet hier eine vortreffliche Gelegenheit. Na gut, man kann sich natürlich auch einfach durch YouTube klicken. Aber mit dieser schönen Box kommt zumindest noch eine sinnlich-haptische Komponente hinzu. Und die langjährigen Fans können sich über die eine oder andere veränderte Nuance durch neue Abmischungstechnik freuen – und natürlich über die Raritäten auf der DVD sowie über das Buch. Immerhin. Das Urteil lautet: gut (15 Punkte).

Nick Cave & the Bad Seeds
Love Creatures – The Best of
Deluxe Edition 3CDs, 1 DVD + Buch Box-Set
Mute (Warner) 2017
21,99 EUR (zur Zeit bei Amazon)
ASIN: B06XFQY4DP

www.justament.de, 17.7.2017: Geniale Rumpel-Kapelle

„Der Traum vom Anderssein“, die 13. Platte der Alt-West-Berliner Underground-Combo „Mutter“

Thomas Claer

„Ein Kommentar von Sekundo auf spiegel.de. Soeben habe ich ‚Wer hat schon Lust, so zu leben‘ bei youtube über mich ergehen lassen. Ich bin studierter Musiker und entsetzt über eine derartig üble Combo, bei der nichts (in Buchstaben NIX) stimmt!! Verstimmte Gitarren, Temposchwankungen, ein “Sänger” der nicht singt, ein Trommler mit rhythmischen Fragezeichen, ein Gesamtsound, der nach Rausschmiss schreit. Dass diese Rumpel-Kapelle tatsächlich 50 Leute in ein Konzert lockt grenzt an ein Wunder. Und jeder, der diese Band lobt, outet sich als unseriös und inkompetent! Diese furchtbaren Dilettanten als “künstlerisch eigensinnig” zu bezeichnen ist bizarr bis unverschämt.“

Dieses Zitat schmückt die Homepage der Band „Mutter“. Und, hat dieser erboste strenge Musik-Experte denn nicht Recht? Doch, natürlich, aber das ist es ja gerade. „Mutter“ – das ist nicht feine, in sich stimmige Akkuratesse, sondern rohe Urgewalt. Manchmal brachial, meistens schwer und langsam, immer irgendwie bedrohlich. Oder sagen wir: fast immer. Schließlich stehen sie auch für Unberechenbarkeit: Ihr meistverkauftes Album „Hauptsache Musik“ aus den Neunzigern enthält völlig mutteruntypische Folk-Songs. Und zu „Mutters“ Geniestreichen zählt auch eine Fritz-Lang-Stummfilm-Vertonung („Der müde Tod“ von 1921). „Mutter“ schaffen Atmosphäre – und sperrige deutschsprachige Texte, die ihnen einen dauerhaften Ehrenplatz in der Welt des Diskurs-Pops eingebracht haben. (Ihr Debüt-Album trägt den vielsagenden Titel: „Ich schäme mich Gedanken zu haben, die andere Menschen in ihrer Würde verletzen“)
Tief verwurzelt in der Westberliner Gegenkultur der Achtzigerjahre – Band-Leader Max Müller gehörte sogar zur Urbesetzung der legendären „Tödlichen Doris“ um seinen Bruder Wolfgang Müller – haben sie sich ihre Eigenartigkeit über zahlreiche Alben bis heute bewahrt. Den Beweis dafür liefert einmal mehr ihre neue Platte, es ist die inzwischen 13., „Der Traum vom Anderssein“. Sie ist musikalisch recht abwechslungsreich geraten, sehr rockige und manchmal sogar schnelle Stücke („Glauben nicht wissen“) kontrastieren mit einigen überraschend sanften Darbietungen („So bist Du“). Und die Songtitel wie auch Max Müllers gleichsam aus sich herausgeschleuderte Textfetzen („Menschen werden alt und dann sterben sie“) laden ein zu immer neuen Assoziationen. Diese Band lebt ihn, den „Traum vom Anderssein“, vom Anderssein als all die glattgebügelten Mainstream-Kollegen insbesondere. Alles in allem also wieder ein erfreulich unverkennbares „Mutter“-Album. Das Urteil lautet: voll befriedigend (11 Punkte).

Mutter
Der Traum vom Anderssein
DEG 2017
€ 21,90 (Vinyl) bzw. 17,90 (CD) zzgl. Versandkosten bei Hanseplatte
http://muttermusik.de/

www.justament.de, 5.6.2017: 50 Jahre Pink Floyd-Platten

Scheiben vor Gericht Spezial. Ein persönlicher Rückblick

Thomas Claer

Als Kind in der DDR konnte man gar nicht anders, als den Sirenenklängen des westlichen Werbefernsehens zu erliegen. Wer in einer Welt des grauen Einerleis lebte, deren einzige Farbtupfer die roten Fahnen der hohlen Staatspropaganda waren, den mussten die kunterbunten (und ja auch oftmals wirklich originellen!) Reize der Reklamesendungen im öffentlich rechtlichen Westfernsehen schon äußerst entzücken. Und so ging es mir wie dem bildungsfernen, aber gewitzten Banlieue-Bewohner im Film „Ziemlich beste Freunde“: Ich lernte viele berühmte Melodien direkt aus dem Werbefernsehen kennen, von „Unwiderstehlich sind Schoko-Crossies“ bis zu „Komm doch mit auf den Underberg“. Besonders angetan hatte es mir aber eine Bier-Werbung, in der Bilder einer Grüne-Wiesen-Landschaft mit betörenden Sphären-Klänge unterlegt waren, deren anfangs sehr dezente Lautstärke sich ganz allmählich steigerte, bevor sich just im Moment des Öffnens der Bierflasche die aufgebaute Spannung mit einer schlichten, aber eindrucksvollen Melodie auf der E-Gitarre entlud. Damals wusste ich noch nicht, dass ich mich in einen Song von Pink Floyd verliebt hatte. Und es gab auch weit und breit niemanden, der mich darüber hätte aufklären können. (Einen Pink Floyd-begeisterten Mathematik-Lehrer, wie ich ihn später in Bremen bekommen sollte, hat es wahrscheinlich in der ganzen DDR nicht gegeben.)
Ein paar Monate später war ich im Westen. Zu den schönsten Momenten meiner sonntäglichen Flohmarktbesuche auf der Bremer Bürgerweide gehörte dann jener, als ich dort am Stand eines Schallplattenhändlers ausgerechnet meinen Lieblingssong aus der Jever-Werbung auf dem Plattenteller knistern hörte: „Shine on You Crazy Diamond“ von Pink Floyd, vom Album „Wish You Were Here“ aus dem Jahr 1975. Es euphorisierte mich ungemein, diese grandiose Platte mit dem Shakehands zwischen zwei Anzugträgern auf dem Cover, von denen der eine gerade dabei ist, in Flammen aufzugehen, für ein paar müde Mark mit nach Hause nehmen zu können. Später legte ich mir dann noch weitere Pink-Floyd-Scheiben zu, die bis heute einen Ehrenplatz in meiner Schallplattensammlung einnehmen. Erst vor zwei Jahren haben sich Pink Floyd nach unzähligen Streitereien zwischen den verbliebenen Bandmitgliedern offiziell aufgelöst. Vor 50 Jahren ist ihre erste Platte erschienen.

www.justament.de, 24.4.2017: She Sneaked Around the Corner

Scheiben vor Gericht Spezial: Vor 30 Jahren erschien das Debut-Album der Rainbirds

Thomas Claer

Wohl schon unzählige Prominente haben sie mit strahlenden Augen erzählt: die Geschichte vom Kauf ihrer ersten, ihrer allerersten Schallplatte. Meist werden dann regelrechte Erweckungserlebnisse zum Besten gegeben. Doch ich würde da nicht mitmachen. Selbst wenn ich prominent wäre und man mich dazu befragte, würde ich auf diese Frage lieber die Antwort verweigern, weil mir sonst die Schamesröte ins Gesicht stiege. Was kann denn ich dafür, dass ich damals, als Jugendlicher im Osten, keinen besseren Musikgeschmack hatte. Die DDR-Musik war (das sehe ich auch heute noch so) weitgehend schrottig. Und was aus dem Westen kam, empfand man da schon durch die Bank als erstklassig, auch wenn es das rückblickend keineswegs immer gewesen ist. Mein ganzer Stolz waren damals meine mehr als zehn West-Platten aus dem Intershop. Das waren diese diskreten Läden ohne Schaufenster, wo man mitten in der DDR Westwaren für Westgeld kaufen konnte, das einem die Westverwandten und –bekannten bei ihren Besuchen geschenkt hatten. Die Intershops waren die absoluten Lieblingsorte meiner Kindheit. Hinter der tristen grauen Eingangstür verbarg sich nämlich ein quietschbuntes Paralleluniversum, in dem all die schönen Dinge offeriert wurden, die es sonst nur im ARD- und ZDF-Werbefernsehen zu bestaunen gab. Matchboxautos, Schokoriegel, Seife in farbenfrohen Pappschachteln, Kinder-Überraschung und Huba-Buba. Und alles roch so unverschämt gut nach Kaffee, Chemie und Kaugummi. So musste der Westen riechen! Als ich dann älter wurde und vom Westbesuch auch schon mal 10 oder 20 Westmark zugesteckt bekam, investierte ich diese also irgendwann in echte West-Schallplatten aus dem Intershop. Zwar gab es dort nie eine große Auswahl, doch es war immer etwas dabei, was ich unbedingt haben wollte – und wofür ich dann geduldig meine spärlichen Devisen sparte und bereitwillig auf all die anderen verlockenden Intershop-Waren wie Kaubonbons, Bananenmilchpulver und Schokolade verzichtete.

Heute allerdings besitze ich von meinen damaligen Schätzen gerade noch eine einzige Platte, nämlich jene, die allein in meinen Ohren auch nach dreißig Jahren noch als meisterhafte Musik erklingt: das selbstbetitelte Debutalbum einer damals jungen West-Berliner Band, benannt nach einem Song von Tom Waits, die es wirklich nur ganz aus Versehen in die Hitparaden und den Mainstream gespült hatte. Dabei ist es ein ziemlicher Unsinn, die Rainbirds, wie es so oft getan wird, als One-Hit-Wonder aufzufassen. Sie hatten seinerzeit neben ihrer Hitsingle „Blueprint“ noch eine ganze Reihe großartiger Songs: „Boy on the Beach“, „Seven Compartments“, „Apparantly“, „On the Balcony“… Auf ihrer ersten LP war beinahe jedes Lied phänomenal. Bandleaderin Katharina Franck hatte (und hat noch heute!) eine ganz ungewöhnliche, ungemein jazzige Stimme. Und ihr Songwriting ist überaus charakteristisch und einzigartig. Furioser Gitarrenrock trifft auf Kurt Weill-Harmonien trifft auf melancholische Entrücktheit. Wenn überhaupt, dann erinnern mich die ersten beiden Rainbirds-Platten an …oh ja, an Element of Crime. Ja, auch die zweite Platte „Call me Easy, Say I’m Strong, Love me my Way, it Ain’t Wrong“, die vor 28 Jahren erschien, war noch ziemlich toll. Dies war dann tatsächlich meine erste Platte, in meinem neuen Leben – im Westen! (Oder ist es doch „Bochum“ von Herbert Grönemeyer gewesen? Ich bin nicht mehr ganz sicher.) Jedenfalls erstand ich im Mai 1989 die nagelneue zweite Rainbirds-Scheibe für 13,99 DM im Plattenladen um die Ecke, nur um sie kurz darauf bei Karstadt zum Kampfpreis von 9,99 DM zu entdecken – eine meiner ersten praktischen Lektionen in Marktwirtschaft.

Leider zerbrach die Band am großen Erfolg ihrer ersten Jahre. Katharina Franck gründete in den frühen Neunzigern mit anderen Musikern und anderer stilistischer Ausrichtung eine Neuausgabe der Regenvögel, aber diese zündete nur noch bei wenigen Songs, etwa dem sehr eindringlichen „Two Faces“. Die folgenden Platten mit allerhand Experimenten bis hin zur Technolastigkeit konnten dann immer weniger überzeugen. Und doch waren auch diese Lieder allein schon durch Katharina Francks Stimme interessant. Ende der 90er war dann Schluss. Vor drei Jahren hat Katharina Franck noch einmal neue Versionen alter Rainbirds-Klassiker unter dem Namen „Yonder“ herausgebracht.

Während meines Studiums hing in meinem Zimmer im Studentenwohnheim ein Poster von den Rainbirds mit Katharina Franck in Großaufnahme. Mein Freund S. kommentierte dies einmal mit den Worten: “Mann, was hast du hier bloß für ‘ne hässliche Frau hängen!“ Wie mich das ärgerte! Und bei ihm im Zimmer hing Heidi Klum! So ein Blödmann, denke ich mir heute. Katharina Franck ist die Größte!

Rainbirds – Rainbirds
Audio CD
Mercury (Universal Music) 1987
ASIN: B00000E5LN

www.justament.de, 13.3.2017: Im Doppelpack

Phillip Boa and the Voodooclub bringen ihr neues Album „Fresco“ nur als Beimischung zur Best-of-Singles-Compilation „Blank Expression“ heraus

Thomas Claer

Fragwürdig, sehr fragwürdig, diese Veröffentlichungspolitik! Da erscheint „Fresco“, die neue Phillip Boa-Platte, lediglich als Zugabe in der „Deluxe Edition“ von „Blank Expression“, der inzwischen – je nach Zählweise – dritten oder vierten oder fünften Greatest Hits-Sammlung der einstigen Indie-Pioniere. Sollte das neue Werk so schwach sein, dass hier von einer selbständigen Veröffentlichung abgesehen und stattdessen nur zum wiederholten Male die gute alte Zeit beweihräuchert wird?
Hört man dann aber mal rein in diesen auch optisch und haptisch sehr ansprechenden Doppelpack, so ist man schnell wieder versöhnlich gestimmt. Nicht weniger als 19 Höhepunkte aus dreißig Jahren versammelt CD Nr. 1. Und besonders zu erwähnen ist dabei, dass so großartige Songs wie „Diana“, „Punch & Judy-Club“, „Faking to Blend in“ oder „Sunny When It Rains“, um nur einige zu nennen, gar keine Berücksichtigung fanden, ganz einfach, weil es mittlerweile längst so viele überragende Boa-Klassiker gibt, dass man leicht mehrere Best-of-CDs mit ihnen hätte füllen können. Besonders gefallen hat mir neben dem Albumtitel „Blank Expression“, der auf die erste frühe Boa-Compilation „Thirty Years of Blank Expression“ aus den Achtzigern anspielt, die noch wenig bekannte Akustik-Version von „Deep in Velvet“ mit Cello und Banjo vom wunderbaren „Reduced!“-Album von vor drei Jahren, das ich mir aus diesem Anlass dann auch endlich einmal zugelegt habe… Kurz, diese Sammlung dokumentiert den hohen Rang, den sich Phillip Boa & the Voodooclub über die Jahre erarbeitet haben, in denen sie auch nach manchem schwächeren Album, vor allem in den Neunzigern und Nullern, immer wieder zur alten Größe zurückgefunden haben. Bester Beweis für Letzteres ist der vorzügliche neue Song „Twisted Star“ von der beiliegenden Fresco-CD. Und obwohl man auf ihr weitere Kracher dieses Kalibers vergeblich sucht, muss sie sich insgesamt doch keineswegs verstecken. Mit ihren teils melancholischen und ruhigeren Stücken und ohne die sonst gelegentlichen bombastischen Verirrungen überzeugt sie mehr im Unspektakulären. Das Urteil lautet: gut (15 Punkte) für die Best-of-CD und voll befriedigend (10 Punkte) für Fresco.

Phillip Boa & the Voodooclub / Blank Expression: Deluxe Edition
Doppel-CD. Best of-Album + New Album
Vertigo Berlin (Universal Music) 2016
ASIN: B01KN53FOE

www.justament.de, 6.2.2017: Das tiefschwarze Album

Nick Cave auf „Skeleton Tree“

Thomas Claer

skeletonDer gute Nick Cave hat über die Jahre schon so manche Höhen und Tiefen durchschritten. Als die Platten seiner „Bad Seeds“ in den Nullerjahren immer langweiliger zu werden drohten, erfand er als Nebenprojekt kurzerhand „Grinderman“, eine Band, die letztlich auch nur aus Musikern der „Bad Seeds“ bestand, dafür aber einen infernalischen Garagenrock spielte, der an Nick Caves erste Band aus den frühen Achtzigern, die legendäre Birthday Party, erinnerte. Der herausragende Song der Grindermänner war der „No Pussy Blues“… Inzwischen ist dieses Kapitel aber längst schon wieder abgeschlossen. Nick Cave konzentriert sich voll und ganz auf seine „Bad Seeds“ und spielt mit ihnen langsamer, leiser und minimalistischer als jemals zuvor. Mit dem allerorts hochgelobten Vorgängeralbum „Push the Sky away“ (2013) hatte die düstere Combo einen unerwarteten Höhepunkt ihres Schaffens erreicht.
Nun also der Nachfolger „Skeleton Tree“, der sich in einem pechschwarzen Steckcover präsentiert. Unmöglich, dieser Platte gerecht zu werden, ohne den traurigen Hintergrund zu berücksichtigen: Nick Cave hat während der Aufnahmen seinen Sohn verloren, der tragisch verunglückt ist. Das ganze Album wirkt tieftraurig. Noch reduzierter geht es kaum. Ein einziges Jammern und Wehklagen mit karger instrumenteller Begleitung. Muss man oder kann das gut finden? Das wird wohl entscheidend von der Stimmungslage und der augenblicklichen Befindlichkeit des Hörers abhängen. Der Rezensent muss zugeben, diese CD beim ersten Hören (und auch noch beim zweiten und dritten) als etwas lahm empfunden zu haben. Später hingegen, in eher gedrückter Stimmung, hat er sie als durchaus beeindruckend wahrgenommen. Möge jeder selbst urteilen. Unser Votum jedenfalls lautet: voll befriedigend (10 Punkte).

Nick Cave and The Bad Seeds
Skeleton Tree
Bad Seed Ltd. 2016
ASIN: B01LW08ARQ

www.justament.de, 12.12.2016: Gelungene Synthese

Matthias Arfmann (Ex Kastrierte Philosophen) remixt klassische Ballett-Musik!

Thomas Claer

arfmannWenn Klassik und Popmusik gekreuzt werden, dann führt das meist zu schaurigen Ergebnissen. Anders war es allerdings vor elf Jahren, als „Recomposed“ von Matthias Arfmann erschien, der manchen Älteren von uns noch als Kopf der so legendären wie genialen Underground-Combo Kastrierte Philosophen (80er und frühe 90er Jahre) bekannt ist. Jener Arfmann also, laut Wikipedia geboren 1964 in Bremen, verschrieb sich nach der Auflösung der „Philosophen“ als Musiker und Produzent voll und ganz der Dub-Musik (elektronische Variante des Reggae) und lieferte auf „Recomposed“ (2005) sein Meisterstück ab, indem er Werke klassischer Komponisten völlig neu bearbeitete und mit elektronischen Beats unterlegte. Von Franz Schuberts „Unvollendeter“ bis zu Richard Wagners „Fliegendem Holländer“ , von Peter Tschaikowskis „Schwanensee“ bis zu Modest Mussorgskys „Bildern einer Ausstellung“ gelangen Arfmann auf „Recomposed“ ebenso gewagte wie gelungene Adaptionen. Den Vogel ab schoss er aber mit Bedrich Smetanas „Moldau“, das bei ihm eine ultra-chillige und unglaublich groovende Wiederauferstehung feierte.
Nun legt der umtriebige Hamburger nach siebenjähriger Vorarbeit also eine Fortsetzung vor, die sich ausschließlich Werken der Ballett-Musik widmet. Und auch diesmal kann sich das Ergebnis hören und sehen lassen. Zwar ist nicht jede Bearbeitung auf „Ballet Jeunesse“ gleichermaßen geglückt, doch ist es immer wieder verblüffend, welche ungeahnten Synthesen die alten Kompositionen, gespielt vom Deutschen Filmorchester Babelsberg, unter der Hand des Meisters und unterstützt von einer Hand voll musikalischer Begleiter, mit zeitgenössischen Klängen eingehen. Hervorzuheben ist neben Tschaikowskis „Nussknacker“, Chachaturians „Säbeltanz“ und Stravinskis „Feuervogel“ insbesondere „Romeo und Julia“ von Sergej Prokowjew, das sich mit spielender Leichtigkeit in seinen neuen musikalischen Rahmen einfügt und als Bonustrack sogar noch in einer – ebenfalls äußerst stimmigen – Rap-Version zu hören ist, die selbst einen entschiedenen Rap-Verächter wie den Rezensenten überzeugt. Am Ende gibt es dann zur Krönung noch Prokowjews „Peter und der Wolf“ – mit Jan Delay als Sprecher. (Arfmann war der Produzent seiner Alben mit den „Absoluten Beginnern“.) Das Urteil lautet: voll befriedigend (11 Punkte).

Matthias Arfmann presents
Ballet Jeunesse
Deutsche Grammophon GmbH / Universal 2016
ASIN: B01H74ZF3I

www.justament.de, 14.11.2016: Für ihn war die Freiheit kein Arschwischpapier

Zum 80. Geburtstag von Wolf Biermann. Ein persönlicher Rückblick

Thomas Claer

ADN-ZB/Grubitzsch/1.12.89/ Leipzig: Biermann-Konzert/ Der Liedermacher, der nach jahrelangen Auftrittsverboten 1976 während einer BRD-Tournee ausgebürgert worden war, trat zum erstenmal wieder in der DDR auf. In der Messehalle 2 wurde er von den etwa 5.000 Besuchern mit einem Beifallsorkan empfangen. (siehe auch 47N)

Zum ersten Mal sah und hörte ich Wolf Biermann in den späten Achtzigerjahren im Westfernsehen. Es muss wohl in der ZDF-Sendung „Kennzeichen D. Deutsches aus Ost und West“ gewesen sein. Jedenfalls war dieser nur wenige Minuten währende Auftritt des ein Jahrzehnt zuvor aus der DDR ausgebürgerten Liedermachers für mich eine regelrechte Offenbarung. Klar, für einen fünfzehn- oder sechzehnjähriger Jugendlichen im Osten, der dem eigenen Staat sehr misstrauisch gegenüberstand, war es überaus elektrisierend, wenn da einer im Leitmedium des Klassenfeindes sang: „Für mich ist die Freiheit kein Arschwischpapier“.
Vielleicht fehlten mir ja damals in der DDR einfach nur die richtigen Kontakte, jedenfalls ist es mir seinerzeit nicht gelungen, das zu bekommen, worauf ich so scharf war: Musik von Wolf Biermann. Was hätte ich gegeben für ein paar Biermann-Songs, überspielt – wie es damals üblich war – von Kassettenrekorder zu Kassettenrekorder in erbärmlicher Tonqualität, aber keiner, den ich kannte, hatte welche. Und schon gar nicht meine Eltern, deren Freunde manchmal wissend von der Zeit der Biermann-Ausbürgerung erzählten, an die ich als Spätgeborener natürlich keine Erinnerungen hatte. Alle fanden es viiiel zu gefährlich, so etwas wie Biermann-Musik auch nur zu besitzen. Und wie oft hörte ich von ihnen: „Pass bloooß auf, was du in der Schule erzählst!“
Als ich dann ein oder zwei Jahre später – wenige Monate vor dem Mauerfall – im Westen angekommen war, hatte ich allerdings den Eindruck, dass sich dort niemand außer mir für Wolf Biermann interessierte. In einem Second-Hand-Schallplattenladen in der Nähe unserer Wohnung fand ich unter B wie Biermann gut und gerne zehn verschiedene Biermann-Platten, die alle schon etwas angestaubt waren. Ich kaufte sie gleich komplett für acht Mark pro Stück und opferte dafür fast mein ganzes Taschengeld. Später auf einem Flohmarkt erstand ich für ein paar Mark sogar einen ganzen Stapel weiterer Biermann-Platten, die mir noch fehlten.
Als dann kurz darauf die Wende kam und im SPIEGEL ständig Essays von Wolf Biermann zu lesen waren, der nun als Sachverständiger die sich anbahnende deutsche Einheit kommentierte, hörte ich meine Biermann-Platten rauf und runter. Besonders gefiel mir seine kritische Auseinandersetzung auch mit den Zuständen im Westen, in dem er seit 1976 unfreiwillig lebte: „Dort stinkt die Macht – na und, hier stinkt das Geld/ egal, wo es mehr stinkt auf der Welt/ Ich bleib immer der aus’m Osten.“ In einer ähnlichen Rolle muss ich mich damals als frisch im Westen Angekommener wohl auch gefühlt haben, zumal meine westdeutschen Mitschüler und Altersgenossen ganz überwiegend mir und insbesondere meiner Herkunft ein – für mich völlig unbegreifliches – Desinteresse entgegengebrachten. Wie neugierig war ich, wohl meine gesamte Kindheit und Jugend lang, auf echte Westkinder und –jugendliche gewesen. Und wie herzlich egal war ich denen nun, als ich ihnen begegnete. Einen gab es aber doch, der großes Interesse an der DDR hatte und mich sehr genau über alles ausfragte: meinen Mathe-Lehrer auf dem Gymnasium. Er war ein eher untypischer Mathe-Lehrer, mit langen Haaren und Nickelbrille, immer in Jeans und Pullover. Und zwischen den Mathe-Aufgaben erzählte er ständig alte Geschichten von1968. Oh, wie viel Wolf Biermann er damals immer gehört habe. Und wie freute er sich, als ich ihm verriet, dass ich alle Biermann-Platten kannte und besaß, bis auf die Live-LP von 1976 vom Konzert vor seiner Ausbürgerung. Ha, und genau dieses Konzert habe er, mein Mathe-Lehrer, damals, 1976, aus dem Radio mitgeschnitten – und zwar auf Tonbänder, denn damals habe er noch keinen Kassettenrekorder besessen. Und er werde ganz bestimmt irgendwann seine alten Tonbänder alle auf moderne Audio-Kassetten überspielen und dabei auch eine Kassette vom legendären Biermann-Konzert von 1976 für mich aufnehmen. Ich nahm ihn beim Wort und fragte ihn später noch einige Male, ob er es denn schon geschafft habe. Manchmal fing er auch selbst davon an, wenn wir irgendwie auf das Thema kamen, was häufig der Fall war. Doch, er werde das mit den Tonbändern ganz bestimmt irgendwann mal in Angriff nehmen, aber es sei nun einmal ziemlich umständlich… Als ich drei Jahre später mein Abitur ablegte, hatte er es noch immer nicht geschafft. Ein paar Jahre später kaufte ich die Platte mit dem Biermann-Konzert von 1976 für eine Mark auf einem Flohmarkt. Und heute findet man ja eh alles, sogar noch mit bewegten Bildern, im Internet auf YouTube.
Wenn ich mir heute die alten Biermann-Lieder wieder anhöre, und ich habe das, bevor ich nun wieder darauf gekommen bin, schon viele Jahre nicht mehr getan, dann bin ich mir längst nicht mehr sicher, ob mir das alles noch so gut gefällt wie damals. Ist schon ziemlich pathetisch, das Ganze. Und diese ausgestellte ostentative Großmäuligkeit… Früher ist mir das entweder gar nicht aufgefallen oder es störte mich nicht so sehr. Nur wer sich ändert, bleibt sich treu! Alles Gute, Wolf Biermann, zum Achtzigsten!

www.justament.de, 7.11.2016: Fast wieder die Alten!

Die Pixies auf „Head Carrier“

Thomas Claer

pixiesDie Götter des wohlklingenden Lärms sind vom Olymp hinabgestiegen und beglücken uns mit einem neuen Album. Wenn schon die Rezension in der Süddeutschen mit einem „Hurra!“ beginnt, so denkt man sich, dann muss die neue Pixies-Platte, die erst sechste in mittlerweile 30 Jahren Bandgeschichte, wohl etwas taugen. Und in der Tat: Der erste Song, das Titelstück „Head Carrier“, ist schon mal umwerfend gut. Da krachen die Gitarren und dröhnen die Verstärker, dass es eine Freude ist. Doch leider geht es so nicht weiter. Jedenfalls nicht ganz. „Classic Masher“, das zweite Stück, ist etwas unangenehm süßlich. Und so hängt man die Erwartungen gleich etwas tiefer – um dann beim nächsten Lied regelrecht aus den Latschen zu kippen. „Baal’s Back“ ist eine Schrei-Nummer wie aus alten Zeiten, den seligen 80ern, als die Pixies mit ihrem furiosen Brachial-Rock den Boden für alles bereiteten, was fortan unter Indie und Alternative firmieren sollte. Es ist tröstlich zu erleben, dass solche Temperaments-Explosionen auch mit über fünfzig noch hervorragend funktionieren. Der Rest des Albums ist dann zwar leider nicht mehr ganz so rasant, aber doch leidlich gelungen. Auffällig ist vor allem, wie ausgerechnet die Pixies, die einst alles, was Rang und Namen hat, beeinflusst haben, sich nun ihrerseits erkennbar von anderen Bands inspirieren lassen: Ein Lied („Oona“) klingt verdächtig nach Nirvana, ein anderes („Tenement Song“) nach Weezer und ein drittes („All I Think About Now“) nach den Breeders. Beim drittletzten Stück „Um Chagga Lagga“ explodieren sie sogar noch einmal in beinahe alter Manier! Nur der Abschluss-Track mit dem vielversprechenden Namen „All the Saints“ fällt etwas ab. Alles in allem haben die Bostoner jedoch ein überzeugendes Album abgeliefert, was nach den jüngsten Querelen um Gitarrist Joey Santiago, der sich in eine Suchtklinik einweisen ließ und hierzu von Bandleader Black Francis ausdrücklich beglückwünscht wurde, nicht unbedingt zu erwarten war. Oder vielleicht gerade, denn schon in ihren ruhmreichen Gründerjahren waren die Pixies immer dann am besten, wenn die Bandmitglieder am heftigsten miteinander gestritten hatten… Das Urteil lautet: gut (13 Punkte).

Pixies
Head Carrier
Pixies Music 2016
Ca. € 15,-
ASIN: B01I4J1WHS