Category Archives: Über Musik

justament.de, 9.12.2019: Tom’s Wild Years

Scheiben Spezial: Zum 70. Geburtstag von Tom Waits

Thomas Claer

Berlin-Romantik in den wilden Neunzigern: Partys in verfallenen Altbauwohnungen, „absonderliche Gespräche zwischen absonderlichen Leuten“, so beschreibt es Judith Hermann in ihrem Buch „Sommerhaus, später“. Aber im Hintergrund, ganz wichtig!, läuft als Gesprächskulisse nicht etwa Techno-Gewummere, wie es zu jener Zeit aus fast jedem Keller dringt, sondern: Tom Waits-Musik, so richtig schmutzige, schräge, abgefuckte Tom Waits-Musik. Damals, in den Achtzigern und Neunzigern, das kann man wohl sagen, hatte dieser amerikanische Anti-Pop-Star seine beste Zeit. Die wunderbare Katharina Franck hat 1986 ihre großartige Band „Rainbirds“ nach einem Song von Tom Waits benannt. Im Film „Prenom Carmen“ von Jean-Luc Godard (1983) räkelt sich die göttliche Maruschka Detmers minutenlang nackt (und mit üppiger Schambehaarung) in einem Hotel-Bett zu einem sehnsuchtstriefenden Song von Tom Waits.

Viele sind von ihm beeinflusst worden. Nicht nur musikalisch, auch als Stil-Ikone. Der ganzen verlogenen Glamour-Scheiße in der Hochglanz-Welt der Pop-Musik setzte dieser kauzige Eigenbrötler im Second-Hand-Boheme-Outfit sein tiefsinniges heiseres Krächzen entgegen, das sich in den Neunzigern immer mehr zu einem Röcheln und Würgen auswuchs, vor allem auf „Bone Machine“ (1992), seinem wohl stärksten Album, das mir, wie schon früher einmal an dieser Stelle berichtet, so viel bedeutet. Gleich danach ist seine Underground-Trilogie aus den Achtzigern mit den Platten Swordfishtrombones (1983), Rain Dogs (1985) und Frank`s Wild Years (1987) zu rühmen. Und nicht zu vergessen: Schon seine Spelunken-Barmusik aus den Siebzigern („Nighthawks at the Diner“) war große Klasse. Dass er in den letzten zwei Jahrzehnten dann künstlerisch etwas nachließ, sollte ihm niemand verübeln. Herzlichen Glückwunsch, lieber Tom Waits, röchel, grunz, kreisch, zum 70!

justament.de, 25.11.2019: Starkes letztes Drittel

Die Pixies auf „Beneath the Eyrie“

Thomas Claer

Dies ist nun schon die dritte Platte der Pixies seit ihrer Wiedervereinigung 2003 und seit der Wiederaufnahme ihrer Veröffentlichungsaktivitäten 2014. Und natürlich gehen die Bostoner Brachial-Spezialisten mit jeder neuen CD voll ins Risiko, denn die Fallhöhe ist angesichts ihres Frühwerks immens. (Die britische Musikzeitschrift NME hat das Pixies-Album „Doolittle“ (1989) einmal zum zweitbesten Album aller Zeiten gekürt.)
An diesen Vorgaben gemessen war es also beinahe unausweichlich, dass Neues von den Pixies irgendwann auch mal enttäuschen musste. So wie es nun auf „Beneath the Eyrie“ ja in der Tat geschehen ist. Doch ist das Album trotz einiger bedauerlicher Totalausfälle in Richtung Bombast recht vielschichtig geraten. Und wer sucht, findet auch hier eine Hand voll Perlen, die all das Missratene schnell vergessen lassen. Doch ist es diesmal schon ein ziemliches Geduldsspiel. Erst mit dem achten der zwölf Songs, „Los Surfers Muertos“, kommt Freude auf. So entspannt und melancholisch ihr Frühwerk zitierend wie hier, sind einem die Pixies immer willkommen. Und was dann folgt, ist schlichtweg überwältigend: „St. Nazaire“ ist eine Lärm-Orgie ersten Ranges, die auch auf jedem Album ihrer frühen Jahre einen Ehrenplatz eingenommen hätte. (So wie sich auch schon auf dem Vorgänger-Album „Head Carrier“ von 2016 ein solcher Über-Song namens Bal’s Back“ befunden hat.) Überhaupt werden die Stücke der CD zum Ende hin wesentlich besser, und man fragt sich, warum sie aus dem Material nicht lieber ein Mini-Album oder eine Maxi-CD gemacht haben. So bleibt es also bei einem durchwachsenen Album mit starkem letzten Drittel und ein bis zwei herausragenden Höhepunkten. Das Urteil lautet: voll befriedigend (10 Punkte).

Pixies
Beneath the Eyrie
Infectious Music 2019

justament.de, 7.10.2019: 25 Years of Lust

Vor 25 Jahren erschien der legendäre Fetisch-Soundtrack „La Salle Blanche“ von Carlos Perón

Thomas Claer

Die Musik von Carlos Peron, dem heute 67-jährigen Klang-Magier aus der Schweiz, war immer irgendwo zwischen Pop und Avantgarde angesiedelt, im Zweifel aber doch eher Avantgarde als Pop. Angefangen hatte er in den späten Siebzigern als Gründungsmitglied von YELLO (und deren Vorläuferformation Tranceonic), die er aber bereits 1983 wieder verließ, um sich fortan nur noch seinen vielfältigen ambitionierten Solo-Projekten zu widmen. Diese reichten von atonalen elektronischen Spielereien („Impersonator“) bis zu atmosphärisch dichten Literaturvertonungen („Ritter und Unholde“) und nahmen dann im Jahr 1994 mit dem heute als Klassiker seines Genres geltenden Fetisch-Soundtrack „La Salle Blanche“ eine abermals überraschende Wendung.

Wirklich überraschend war dies aber nur für nicht Eingeweihte, denn schon zu jener Zeit wurde gemunkelt, dass sich die frühen Perón-Platten wie „Impersonator I“ und auch „Nothing is True, Everything is Permitted“ in der Fetisch- und Darkwave-Szene großer Beliebtheit erfreuten und insbesondere wohl auch gerne auf entsprechenden Partys gespielt wurden. Mit „La Salle Blanche“, das ursprünglich als Soundtrack zum Fetisch-Film „The White Room“ konzipiert war, brachen dann gewissermaßen alle Dämme. Der CD war ein Bestell-Coupon für Handschellen, Peitschen und die einschlägige Lack- und Lederkluft beigelegt. Angeblich wurde Carlos Perón sogar zugetragen, dass Fans zur Musik von „La Salle Blanche“ ihre Kinder gezeugt hätten…

So folgten Peróns Fetisch-Erstling ob seiner begeisterten Rezeption beim Publikum noch eine Reihe von ähnlich angelegten Nachfolgewerken in den Neunziger- und Nullerjahren, die sich als munteres Farbenspiel präsentierten und inhaltlich bevorzugt auf die Werke des Marquis de Sade bezogen: La Comtesse Rouge, La Salle Violette, La Salle Noire, Terminatrix, Der Luzidus. Den Schluss- und zugleich Höhepunkt bildete dann die opulente 11-CD-Box „11 Deadly Sins: Music for Fetish Erotic Sessions“ aus dem Jahr 2011 (siehe Cover-Abbildung), die alle genannten Werke seit 1994 sowie noch weitere bis dahin unveröffentlichte Kompositionen derselben – man verzeihe mir diesen platten Kalauer – Stoßrichtung enthielt. Außerdem ist dieser (noch heute in kleiner Restauflage erhältlichen) Pracht-Box ein exklusives Erotik-Spielzeug für die geneigte Dame beigelegt, über dessen Praktikabilität der Rezensent allerdings keine Auskunft zu geben vermag. (Wäre ja dann doch etwas zu peinlich, es von der eigenen Ehefrau testen zu lassen…) Im übrigen, das muss man ausdrücklich betonen, eignet sich diese Musik auch ohne weiteres für Hörerinnen und Hörer, die zumindest dieser Spielart des Fetischismus – Sado/Maso, Fesselspiele, Peitschen, Lack und Leder – nicht viel abgewinnen können. Zum Beispiel zur stimmungsvollen Untermalung eines ausgedehnten Frühsports…

justament.de, 2.9.2019: Und wieder im Oktober…

Live-Album von EoC erscheint am 10.10.2019

Thomas Claer

Auch in diesem Jahr können wir also in freudiger Erwartung dem Monat Oktober entgegenfiebern, denn wie schon im Vorjahr bringen unsere Lieblinge von Element of Crime in diesem Herbst abermals eine neue Platte heraus. Und das hat es wirklich seit 1990 nicht mehr gegeben: Es wird ein reguläres Live-Album sein und den Titel „Live im Tempodrom“ tragen. „Live im was?“, wird vielleicht der eine oder andere Ignorant nun fragen. Und hiermit sei ihm gesagt, dass das Tempodrom ein bekanntes und noch dazu traditionsreiches Berliner Veranstaltungszentrum ist, unter dessen Dach sich übrigens auch noch das beliebte Erholungsbad Liquidrom befindet, das unsereiner bislang aber leider ebenfalls nur vom Hörensagen kennt. Und treffenderweise heißt der erste Song von diesem Album, der sich bereits auf YouTube ansehen lässt: „Geh doch hin“.

Abgesehen von dem glänzenden Einfall, ausgerechnet einen Song mit diesem Titel als Appetitmacher für ein Live-Album auszuwählen, weist „Geh doch hin“, dieses grandiose Lied aus dem Jahr 1991 über die zwischenmenschliche Eifersucht, aber auch schon der ganzen Platte die Richtung. Denn wie sich der ebenso bereits feststehenden Titelliste entnehmen lässt, wird sie zahlreiche ältere Songs aus den Oeuvre der Elements enthalten, die schon seit Ewigkeiten nicht mehr in Konzerten von ihnen zu hören waren, so auch das wohl philosophischste aller EoC-Stücke: „Wer ich wirklich bin“ von 1996. Ansonsten stammen von den 25 Liedern, die sowohl auf einer Doppel-CD als auch wahlweise auf einer Dreifach-LP erhältlich sein werden, gleich zehn vom aktuellen Studio-Album „Schafe, Monster und Mäuse“, was angesichts der herausragenden Qualität dieser Platte auch völlig in Ordnung geht. Worauf jedenfalls ich mich aber am meisten freue, ist die neue Live-Version von „Schwere See, mein Herz“ aus dem Jahr 1993.

justament.de, 29.7.2019: Björk-Single, 24 Jahre später

Scheiben vor Gericht Spezial: Justament-Autor Thomas Claer über seine lange Jagd nach einem Tonträger

Die schönsten Glücksmomente im Leben sind oft jene, auf die man am längsten gewartet hat. Und die besten Chancen, doch noch an das zu kommen, was man sich so sehr gewünscht hat, bieten sich, wenn jemand anders irgendwann genau das nicht mehr haben will…

Damals, 1995, als Jura-Student in Bielefeld, war ich im dritten oder vierten Semester und bereits seit Jahren ein leidenschaftlicher Jäger und Sammler spezieller und seltener Tonträger. Und ganz besonders hatte es mir eine CD-Single der von mir heiß geliebten isländischen Pop-Sängerin Björk angetan. Wochenlang hatte ich sie bei meinen regelmäßigen Besuchen in meinem Lieblings-Plattenladen „Ween“ am Jahnplatz beobachtet: Sie enthielt gerade einmal zwei Songs: „It’s Oh So Quiet“ und „You’ve Been Flirting Again (Islandic Mix)“, aber sie steckte – was ganz wichtig war – in einem wunderschönen bunten Cover. Es war ein einfaches Card-Sleeve mit einer großen Abbildung von Björks Gesicht, gestützt in ihre Hände. Die junge Björk war damals sehr fotogen und posierte in ihren großartigen Musikvideos und auf ihren Plattencovern immer wieder in den unterschiedlichsten Aufmachungen und Posen. Aber keines ihrer Bilder gefiel mir so gut wie dieses auf dem Card-Sleeve dieser CD-Single. Natürlich wollte ich sie unbedingt haben, aber ich zögerte noch. Sie war nicht besonders teuer, ich glaube 9,95 DM. Doch etwas gleich zu kaufen, was mir gefiel, war nie meine Art. Ich wollte sie mir später als Belohnung gönnen, nach einer bestandenen Klausur.

Doch dann war sie nicht mehr da. Halb so schlimm, dachte ich mir, die kriege ich sicherlich auch noch woanders. Aber das war, wie sich später herausstellen sollte, nicht so ganz einfach. Nirgendwo, in keinem Plattenladen, weder in Bielefeld noch woanders, sah ich sie wieder, egal wo ich nach ihr Ausschau hielt. Einige Jahre später, das Internet war inzwischen erfunden, versuchte ich es auf Ebay. Dort gab es sogar mehrere Versionen der Single von „It’s Oh So Quiet“, aber die von mir gesuchte mit der Abbildung von Björk, die ihren Kopf in ihre Hände stützt, war nicht dabei. Viele Jahre später machte ich mich auf der Spezial-Seite für seltene Popmusik discogs.com schlau. Was ich suchte, so erfuhr ich dort, war die nur für den amerikanischen Markt bestimmte Version dieser Single, die in Deutschland eigentlich gar nicht verkauft werden durfte. Der Laden „Ween“ am Jahnplatz in Bielefeld hatte sich seinerzeit offenbar darüber hinweggesetzt. So wie er es manchmal getan hatte. Ich hatte dort auch einmal eine Tocotronic-CD namens „The Hamburg Years“ erworben, die auch nicht für den deutschen Markt bestimmt war und heute sicherlich sehr wertvoll geworden ist. Nun hatte ich auf discogs.com also die Möglichkeit, das Objekt meiner Begierde für ca. 20 Euro inklusive Porto und Verpackung von einem internationalen Anbieter zu erwerben. Aber das wollte ich nicht, da ich schon manchmal die Erfahrung gemacht hatte, dass sich englische oder amerikanische CD-Pressungen hierzulande nicht richtig abspielen ließen.

Noch einige Jahre lang beobachtete ich die Angebote auf der discogs-Seite. Und dann traute ich vor ein paar Wochen meinen Augen kaum, als ich dort die von mir gesuchte Björk-Single inseriert fand. Von einem deutschen Anbieter, zum sagenhaften Preis von 2,50 Euro, zuzüglich 2 Euro Porto. Sofort bestellte ich sie mir und staunte nicht schlecht, als ich sie dann endlich in den Händen hielt und den Absender auf dem gepolsterten Briefumschlag las: Es war jemand aus… Bielefeld! Vermutlich war es ja genau der, der sie mir damals vor 24 Jahren weggeschnappt hatte!

justament.de, 8.7.2019: Warum ich alle meine Smiths-Platten behalte

Scheiben vor Gericht Spezial: Justament-Autor Thomas Claer über Morrissey, Nolde, Hauptmann und Spacey

Nun hat sich sogar Nick Cave zu dieser peinlichen Angelegenheit auf seiner Homepage geäußert: „Vielleicht ist es besser, Morrissey einfach seine Ansichten haben zu lassen, ihnen zu widersprechen, wann und wo immer es möglich ist, aber seine Musik weiterleben zu lassen. Wenn man bedenkt, dass wir alle widersprüchliche Individuen sind – chaotisch, fehlerhaft und anfällig für Verrücktheiten. Wir sollten Gott danken, dass es unter uns einige gibt, die Werke von einer Schönheit schaffen, die alles übertrifft, was sich die meisten von uns vorstellen können, auch wenn einige dieser Menschen regressiven und gefährlichen Glaubenssystemen zum Opfer fallen.“ Weise Worte, die einem dabei helfen können, den verzweifelten Spagat auszuhalten zwischen unverminderter Bewunderung für das großartige Werk der englischen Indie-Rock-Band The Smiths (1982-1987) und heftigem Abscheu angesichts der aktuellen politischen Äußerungen ihres genialen Sängers und Texters.

Inzwischen besteht nämlich kein Zweifel mehr daran, dass der mittlerweile 60-jährige Morrissey, der seit Jahren offen für eine rechtsradikale Partei wirbt, sich vollkommen ideologisch verrannt hat. 2017 behauptete er in einem Interview mit dem SPIEGEL, Berlin (ausgerechnet unser weltoffenes Berlin!!) sei im Zuge der Flüchtlingskrise in Deutschland ab 2015 aufgrund der Zuwanderung von Muslimen zur „Vergewaltigungshauptstadt“ Europas geworden. Multikulturalismus führe letztlich dazu, dass es gar keine Kultur mehr gebe: „Millionen Menschen“ seien für die deutsche Identität gestorben; jetzt gelte es, das Land vor Migranten zu beschützen. Seitdem hat er solche und ähnliche Äußerungen mehrfach wiederholt. Er hat offenbar völlig den Verstand verloren…

Aber was folgt nun daraus? Sollte man jetzt nicht konsequenterweise alle seine Smiths-Platten verkaufen, so wie unsere Bundeskanzlerin alle ihre Emil Nolde-Bilder aus ihrem Büro entfernt hat, nachdem bekannt wurde, dass dieser Maler im Dritten Reich keineswegs ein Dissident, sondern in Wirklichkeit ein glühender Nazi gewesen ist? So wie manche Cineasten nach den MeToo-Enthüllungen alle ihre Filme mit dem Schauspieler Kevin Spacey aussortiert haben?

Aber so etwas passiert ja öfter, dass bedeutende Künstler sehr fragwürdige Dinge tun oder sagen. Doch muss man immer wieder betonen: Dies ändert nichts an der Beurteilung ihrer Kunst. Wie sagte Marcel Reich-Ranicki: „Gerhard Hauptmann war auch dann noch ein großer Schriftsteller, als er die Hand zum Hitlergruß erhoben hat.“ Etwas anderes wäre es, wenn die betreffende Kunst selbst menschenverachtend wäre. Das gibt es natürlich manchmal auch, aber nicht in allen hier genannten Fällen: Gerhard Hauptmanns naturalistische Theaterstücke, Kevin Spaceys Filme, Emil Noldes expressionistische Bilder, das um jugendliche Einsamkeit, unerwiderte Liebe, Außenseitertum und Individualismus kreisende Werk von The Smiths sprechen für sich selbst. Niemand muss sich für seine Smiths-Platten im Regal schämen, da kann Morrissey heute sagen, was er will. Seine Kunst (zumindest seine frühere) ist größer als er selbst. Allerdings: Wäre ich deutscher Bundeskanzler, nur einmal angenommen, und hätte Smiths-Platten in meinem Büro, dann würde ich sie nunmehr vielleicht doch lieber woanders hinstellen, da von ihnen ja auch eine öffentliche Wirkung ausginge. Es könnte ja jemand in den falschen Hals kriegen… Aber so als kleiner Justament-Musikkritiker, da lasse ich meine Vinyl-Schätze doch einfach da, wo sie sind, und erfreue mich trotz allem an ihnen.

„Sumisu“ Farin Urlaub

justament.de, 10.6.2019: 40 Jahre Outlandos d’Amour

Scheiben vor Gericht Spezial: Das aufregende Debüt-Album von „The Police“ im Rückspiegel

Thomas Claer

Wenn eines Tages die Kanonisierung der Rock- und Popmusik endgültig abgeschlossen ist, wenn junge Menschen nicht mehr viel mit dem anfangen können, was ihre Urgroßeltern einst so in Wallung brachte, dann wird die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts unter Kennern vermutlich als eine glänzende Epoche der Musikgeschichte voll überraschender und eruptiver Kreativität gelten. Besonders bemerkenswert könnte den Nachgeborenen dann die stilistische, aber auch rein quantitative Breite dieser Jugendbewegung erscheinen, die schließlich zur Massenkultur wurde. Denn hinter der „ersten Reihe“, den Beatles und Rolling Stones, Madonna oder auch Nirvana, gibt es eine solche Vielzahl exzellenter Vertreter dieses Genres zu entdecken, dass man damit, hat man sich erst einmal darauf eingelassen, wohl kaum jemals zum Ende kommt. Vor allem aber sind es mehrere britische Bands, die vehement ihren Platz in der „zweiten Reihe“ einfordern.

Ganz vorne mit dabei, neben The Cure, Depeche Mode oder The Smiths zum Beispiel, wären dann natürlich auch „The Police“. Nur unrettbare Ignoranten sehen in dieser fulminanten New Wave-Band, die ihre fünf LPs zwischen 1978 und 1983 veröffentlichte, allein die Jugendsünde des späteren Mega-Stars Sting. Zugegeben, in ihrer Spätphase mit gediegenen Songs wie „Every Breath You Take“ klangen sie schon fast so langweilig wie ihr Sänger und Bandleader in seiner anschließenden Solokarriere. Doch darum soll es hier natürlich nicht gehen, sondern um ihr explosives Frühwerk, insbesondere um ihre vor vier Jahrzehnten erschienenen ersten beiden Platten „Outlandos d‘Amour“ und „Regatta de Blanc“, die einen in ein ganz eigenartiges Klanguniversum entführen.

London, Ende der Siebzigerjahre. Ein wildes Sammelsurium musikalischer Einflüsse. Die Reggae-Musik aus den Einwanderervierteln mischt sich mit Punk und New Wave. Drei junge Männer in den Zwanzigern, Gitarre, Bass und Schlagzeug, nehmen sich von überall das Beste und zaubern daraus etwas, das die Welt noch nicht gehört hatte: den hohen, fast dissonanten Gesang von Sting, das atemberaubende Off-Beat-Reggae-Schlagzeug von Stewart Copeland und die schroffe Gitarre von Andy Summers. Vor allem aber auch jene simplen, eindrucksvollen Songtexte, die allesamt von jugendlicher Einsamkeit und Verlorenheit handeln…

Anfang der Neunzigerjahre besuchte ich in Bremen die gymnasiale Oberstufe und hatte dort als Zugezogener aus dem Osten keinen ganz leichten Stand. Es war verdammt schwer, sich in diesem Umfeld aus verwöhnten Großbürgerkindern und Stadtvillenbewohnern Respekt zu verschaffen, denn neben der richtigen Kleidung, je abgerissener, desto besser, zählte hier vor allem eines: der richtige Musikgeschmack. Und hier galt natürlich: je schräger, desto besser. Und noch dazu gab es auf dem Schulhof eine Vielzahl von Grüppchen, die eine jeweils ganz eigene Auffassung davon hatten. Auf eines aber konnten sich alle einigen, wenn an den Wochenenden in den Kellern der prächtigen Bürgervillen die Partys tobten, sobald nur jemand „sturmfreie Bude“ hatte: die Musik von „Police“. Alle waren so cool, so unnahbar, aber nie werde ich vergessen, mit welcher Inbrunst alles lauthals mitsang, sobald „So Lonely“ von „Police“ aus den Lautsprechern ertönte. Dieses Lied durfte auf keiner Party (die man damals auch gerne noch „Fete“ nannte) fehlen. Vor allem sein Mittelteil trieb das junge Partyvolk regelmäßig zur Ekstase, während die Lautstärke vom anfänglichen Pianissimo zum überschwänglichen Fortissimo anschwoll:

(…)
Lonely, I’m so lonely
I feel so alone
I feel low
I feel so
Feel so low
I feel low, low
I feel low, low, low
I feel low, low, low
I feel low, low, low
I feel low, low, low
I feel low, low, low
Low, I feel low
I feel low
I feel low
I feel so lonely
I feel so lonely
I feel so lonely, lonely, lonely, lone
Lone, lone, lone
I feel so lonely
So lonely
So lonely
So lonely
(…)

Darin konnten sie sich, so denke ich mir heute, wohl alle selbst wiedererkennen. Nur in dieser Musik war es ihnen möglich, sich zu öffnen und aus ihrem mentalen Panzer aus Coolsein und Posieren einmal ausbrechen. So wie es ja auch im Refrain eines anderen großen Songs von „Police“ heißt: „Sending out an SOS“.

The Police
Outlandos d‘Amour
A & M Records (Universal Music) 1979

justament.de, 22.4.2019: Packende Zeitreise

Achim Reichel präsentiert „Das Beste“ – mal wieder…

Thomas Claer

Musste das jetzt noch sein? Schon wieder eine Best of-Platte von Achim Reichel? Das hatten wir doch nun schon mehrfach, zuletzt gab es „Solo mit euch“ (2010), davor das große Jubiläumskonzert zum 60. Geburtstag (2004), noch davor „Herz ist Trumpf – Das Beste von Achim Reichel“ (1997) und wiederum davor „Große Freiheit“ (1994), die Live-Platte zum 50. Geburtstag. Bedenkt man aber die Zeitabstände zwischen den Veröffentlichungen und lauscht sich durch die neue Zusammenstellung mit ihren zahlreichen seltenen Spezialversionen und besonders gelungenen Live-Aufnahmen, dann findet man am Ende doch, dass das Ganze schon irgendwie seine Berechtigung hat.

Und gerade wer viele der alten Stücke schon lange nicht mehr gehört hat, den kann diese launige Zeitreise auf zwei CDs durchaus packen, und man erkennt, wie dieser eigenwillige Sänger und exzellente Gitarrist, der jederzeit für eine Überraschung gut war, die Musikwelt immer wieder mit seinen Experimenten bereichert hat. Klar, es gibt die glattgebügelte, kommerzielle und radiotaugliche Seite dieses Musikanten, die auf diesem Querschnitt durch sein Schaffen auch unüberhörbar zu ihrem Recht kommt. Natürlich dürfen all die Radio-Hits aus den Achtzigern und Neunzigern nicht fehlen, von denen einige dem Deutschen Schlager schon bedenklich nahekommen. Das ganz schräge Zeug andererseits, die komplette erste Hälfte der Siebziger mit „A.R. und Machines“, mit „Wonderland“ und „Propeller“, bleibt dafür leider ausgespart, ebenso wie die Sechziger mit den „Rattles“. Dafür ist aber immerhin die zweite Hälfte der Siebziger mit den Seemannsliedern und Balladen-Vertonungen reichlich vertreten. Gleich sechs Titel von der „Regenballade“ (darunter das phänomenale „Nis Randers“) sind – verdientermaßen – auf der Platte, doch bedauerlicherweise nur zwei vom „Klabautermann-“ und nur einer vom “Shanty Alb’m”.

Was die späteren Schaffensphasen angeht, so ist nahezu von jeder etwas dabei. Ein nicht ganz unproblematischer weiterer kleiner Schwerpunkt liegt auf dem Album „Volxlieder“ von 2006. Zwei der hiervon ausgewählten drei Songs, „Heidenröslein“ und „Der Mond ist aufgegangen“, zählen fraglos zum berühmtesten deutschen Liedgut überhaupt, sind in Reichels Umsetzung aber keineswegs als sonderlich gelungen anzusehen, wohingegen der dritte, „Oh wie kalt ist mir geworden“, schon um einiges besser ist. Überhaupt haben diese Volkslied-Adaptionen seinerzeit so manche Irritationen ausgelöst, zumal Reichel damals leichtsinnigerweise dem rechtslastigen „Ostpreußenblatt“ ein Interview gegeben hatte, in dem er u.a. mit den Worten zitiert wurde, jedes Volk müsse sich auch zu seinem traditionellen Liedgut bekennen. Man fragt sich, ob das eine oder andere weniger starke Stück – so der Multikulti-Song „Kuddels Revolution“ oder der Umwelt-Protestsong „Exxon Valdez“ – es vor allem deshalb auf das Album geschafft hat, um diesen im Grunde unpolitischen Künstler in ein politisch (wieder) besseres Licht zu rücken. Dafür mussten andere Song-Perlen (wie etwa „Blues in Blond“ oder „Der Klabautermann“) leider außen vor bleiben.

Doch wird man sich letztlich bei jeder Kompilation dieser Art über die Auswahl des Materials streiten können. Der hervorragende Gesamteindruck bleibt davon unberührt. Das Urteil lautet: gut (14 Punkte).

Achim Reichel
Das Beste (2 CDs)
Tangram / BMG 2019

justament.de, 11.3.2019: Heiter statt wolkig

„Die Heiterkeit auf ihrem großartigen vierten Album „Was passiert ist“

Thomas Claer

Juristen-Popstars, also erfolgreiche Gesangskünstler mit abgeschlossener juristischer Ausbildung, gibt es keineswegs wie Sand am Meer. Dieter Meier von Yello fällt einem da ein und auch noch der singende Rechtsanwalt Paolo Conte. Aber sonst? Von Juristinnen mit Popstar-Status hatte man bislang sogar noch nie etwas gehört. Doch nun ist alles anders, denn wir haben Stella Sommer, 32, examinierte Juristin, und ihre gefeierte Band „Die Heiterkeit“, mit der sie parallel zu ihrer Juristenausbildung seit 2010 drei vielbeachtete Alben aufgenommen hat. (Hinzu kommt noch ein sogenanntes Soloalbum im vorigen Jahr.)

Dieser Bandname, das muss man wissen, war von Anfang an nicht gerade als programmatisch zu verstehen. Reichlich unterkühlt in jeder Hinsicht präsentierte sich die ursprünglich aus Sankt Peter-Ording in Schleswig-Holstein stammende junge Dame mit den kryptischen Texten und der markanten Stimme (zwischen Nico und Hildegard Knef) auf ihren früheren Veröffentlichungen. Aber jetzt, auf ihrer vierten Platte, muss, wie es der Albumtitel bereits andeutet, etwas passiert sein. Denn eine ganz andere, viel positivere, ja überschwängliche Grundstimmung – vor allem im Vergleich zum etwas zwiespältigen Vorgängeralbum „Pop und Tod I+II“ von 2016 – durchzieht „Was passiert ist“. Die von der Musikpresse einst ausgerufene „Göttin aus Hamburg“, die mittlerweile längst in Berlin lebt, hat sich hier regelrecht neu erfunden. Vor allem gilt das für ihre Texte. Was bei ihr früher zumeist vage, wolkig und unbestimmt klang, ist nun erfreulich zugänglich geworden.

Man könnte auch sagen: Als Textdichterin ist Stella Sommer spürbar gereift. „Zeit ist nur ein Gummiband, das man zwischen Menschen spannt“, heißt es in „Jeder Tag ist ein kleines Jahrhundert“. (Ein wahrlich abgründiger Vers, wenn man es bedenkt.) Und „Das Loch ist bodenlos und frisst sich langsam groß“. Zu erleben sind kraftvolle Texte mit mutigen, unverbrauchten Metaphern. „Die Sterne am Himmel sind ausgelaufen, der Himmel ist jetzt ein Aschehaufen“. Wer so textet, geht voll ins Risiko – und wird am Ende belohnt. Man ahnt es ja, was das lyrische Ich umtreibt. „Ich bin in allem, was du siehst, in den Büchern, die du liest.“ „Es ist nur ein Blick, es ist ein Trick, es geht voran und zurück.“ Und „Ich bin in allem, was du kennst, eine Kerze, die immer brennt.“ Die Eisprinzessin wurde zum Schmelzen gebracht, wirkt befreit und beglückt.

Musikalisch ist dieses – Gott sei Dank nicht wieder so überlange – Album vielschichtig geraten mit Klavier, Bläsern und viel Elektronik. Nur selten wird es etwas rockig. Und leider gibt es gar keine Schrammel-Gitarren mehr, die noch die ersten beiden Heiterkeits-Platten geprägt hatten. Dafür aber viele Chöre, immer haarscharf an der Grenze zum Schlagerkitsch. Doch fällt das alles gar nicht besonders ins Gewicht, denn wir haben ihre Stimme, und wir haben ihre Texte. Auch die Kompositionen sind durchweg beachtlich, es sind kaum schwächere Songs auszumachen. Besonders schön vielleicht: „Wie finden wir uns?“ – eine wahrhaft große, vieldeutige Frage. Und dann heißt es in „Alles sieht groß aus“: „Wir wissen, was zu tun ist, und heben es uns auf“.

Stella Sommer hat auf dieser Platte etwas ganz Eigenständiges geschaffen. Das Urteil lautet: gut (13 Punkte)

Die Heiterkeit
Was passiert ist
Buback 2019

http://dieheiterkeit.de/

justament.de, 28.1.2019: No Woman, No Cry?

Phillip Boa & The Voodooclub auf „Earthly Powers“

Thomas Claer

Ist Phillip Boa heute eigentlich noch irgendwie relevant? Damals, in den Achtzigern, war er seiner Zeit weit voraus, dann wurde er schwächer, doch gelegentlich gab es von ihm auch später noch stärkere Veröffentlichungen. Seine letzte „gute Zeit“ hatte er mit den Alben „Loyalty“ (2012) und „Bleach House“ (2014). Letzterem, das muss ich hier selbstkritisch einräumen, hatte ich seinerzeit an dieser Stelle zu Unrecht die verdiente Anerkennung verweigert. Dabei bezog es sich auf gar nicht ungelungene Weise auf das grandiose Frühwerk der Band und brauchte nur etwas mehr Zeit, um seine volle Wirkung in den Gehörgängen des Rezensenten zu entfalten. Und auch das Nachfolgealbum „Fresco“ (2016), das erstaunlicherweise nur als Bonus-CD zum Best of-Album „Blank Expression“ herauskam, konnte streckenweise überzeugen, zumal es mit „Twisted Star“ sogar einen richtig großen Popsong enthielt.

Nun also wieder eine neue Boa-Platte, das insgesamt zwanzigste Studio-Album (sofern man das besagte „Fresco“ mitrechnet, was man unbedingt tun sollte). Auffällig ist zunächst: Phillip Boa hat die Haare kurz. Und man muss sagen, es steht ihm gut. Mit seinen inzwischen auch schon 56 Jahren ist er also zumindest optisch noch in ganz guter Verfassung. Was aber ebenfalls gleich ins Auge (und ins Ohr!) springt: Es fehlt diesmal der – für den Voodooclub so essentielle – weibliche Gesangspart bzw. er beschränkt sich auf eine dünne Background-Stimme. Ob das so eine gute Idee war? Nach dem endgültigen Abschied der wunderbaren Pia Lunda (2013), die über lange Jahre eine tragende Säule der Band gewesen war, glaubte man schon, in der sehr begabten Pris, die auf „Bleach House“ rundum überzeugen konnte, eine würdige Nachfolgerin gefunden zu haben. Doch irgendwie hat es der exzentrische Phillip Boa wohl geschafft, die junge Dame so nachhaltig zu vergraulen, dass sie nie wieder mit ihm singen wollte… Seitdem versuchte man es mit wechselnden Sängerinnen – und nun also (fast) ohne. „No Woman, No Cry“ wird sich Bandleader Phillip möglicherweise gedacht haben. Doch ist dies ja bekanntlich – die Älteren werden sich an das missratene Album „Lord Garbage“ (1998) erinnern – schon einmal in die Hose gegangen…

Kein gutes Omen also für „Earthly Powers“. Und in der Tat: Beim ersten Durchhören kommt keine große Freude auf. Die Songs wirken wenig inspirierend, das Songwriting mäßig kreativ. Immerhin hart und schnell von der Grundtendenz her, doch gleichzeitig, wie so oft bei diesem Künstler, immer eine Spur zu bombastisch. Beim zweiten, dritten, vierten, fünften Anhören gewinnen die Lieder teilweise an Kontur, aber eine richtige Pop-Perle lässt sich dennoch nicht finden. Am ehesten können noch „Cruising“, „Strange Days After the Rain“ und „Moonlit“ überzeugen. Immerhin gibt es diesmal keine wirklich peinlichen Momente auf der Platte. Es lässt sich alles hören, ohne dass es einen vom Hocker reißen würde.

Ist Phillip Boa also heute, um die eingangs aufgeworfene Frage wieder aufzugreifen, noch irgendwie relevant? Wohl eher nicht, denkt man, und klickt auf Wikipedia, um sich – nur zur Sicherheit – noch einmal der bestenfalls eingeschränkten Marktgängigkeit dieser Musik zu vergewissern. Aber weit gefehlt: „Earthly Powers“ „erreichte (trotz einer Musikstreaming-Verweigerung) mit Platz 3 der deutschen Albumcharts die höchste Chartsplatzierung in der Bandgeschichte“. Das begreife, wer will. Also schnell noch ein paar ältere Voodooclub-Songs zum Vergleich gehört. Danach wieder „Earthly Powers“. Doch so leid es mir tut: Die alten Lieder sind wirklich um Längen besser! Das Urteil lautet daher: befriedigend (8 Punkte).

Phillip Boa & The Voodooclub
„Earthly Powers“
Cargo Records 2018