justament.de, 27.7.2026: Pussypower am Ostseestrand
Scheiben Spezial: Die feministische Indie-Band „Blond“ aus Chemnitz live auf der Warnemünder Woche
Thomas Claer
Und wieder ist Warnemünder Woche mit hochkarätiger Livemusik am Ostseestrand für null Euro Eintritt. Und wenn man ohnehin gerade in Rostock ist, dann geht man da natürlich hin. Diesjähriger Top-Act war die dreiköpfige Chemnitzer Indie-Band „Blond“ mit den Schwestern Nina (29, Gitarre, Gesang) und Lotta Kummer (27, Schlagzeug, Gesang) als Frontfrauen sowie dem blinden Bassisten Johann Bonitz (29) im Hintergrund. Das Trio macht bereits seit 15 Jahren gemeinsam Musik – eine Art Girlie-Punk mit Rap-Einsprengseln – und hat bislang drei Studioalben veröffentlicht, von denen die letzten beiden bis in die Charts geschossen sind. Dazu muss man wissen, dass die beiden Kummer-Schwestern zwei noch prominentere Brüder haben, welche Mitglieder der noch berühmteren Band „Kraftklub“ sind. Und schon ihr Vater war Sänger der DDR-Avantgarde-Band „AG.Geige“. Soviel vorab.
Trotz all dieser vielversprechenden Begleitumstände war ich, nachdem ich mich auf YouTube durch das „Blond“-Oevre gehört hatte, noch nicht so recht überzeugt. Wild und schrill kommen sie daher, das schon, aber ist das wirklich gute Musik? Ich dachte eher an den oft gehörten Spruch meines Vaters, dass man einem geschenkten Gaul nicht ins Maul schaue, als ich mich mit meiner Frau unter das fast ausschließlich jugendliche Volk vor der Bühne am Warnemünder Strand mischte. Aber dann das: Die Drei auf der Bühne machen eine Mords-Stimmung und werden von ihrem Publikum, das wirklich jedes Lied mitsingen kann, enthusiastisch gefeiert. Offenbar kommen nur die wenigsten Konzertbesucher aus Rostock. Vermutlich sind sie ganz überwiegend von weither angereist. Und diese jungen Leute dort tanzen wahrhaftig Pogo, dass es eine Freude ist. So wie ich selbst vor bald vier Jahrzehnten bei den Pogues oder bei Phillip Boa. Nur dass hier der Anteil der Pogo-Tanzenden im Publikum wohl eher noch größer ist als „zu meiner Zeit“. Fast hätte ich mitgemacht, aber wenn man die Musik nicht so gut kennt, dann hat das natürlich nicht so viel Sinn. Wäre vielleicht auch ein bisschen komisch gewesen, so als vergleichsweise alter Sack unter lauter jungen Menschen und sogar überwiegend jungen Mädchen. Wobei der Baden-Württembergische Wirtschaftsminister hierzu vielleicht gesagt hätte: Es gibt unangenehmere Auftritte…
Nina und Lotta, die beiden Sängerinnen, präsentieren sich wie immer in äußerst gewagten Kostümen, wechseln überdies noch zweimal während der Show ihr Outfit. Ihre Tanzeinlagen sind großartig. Die Stimmung ist von Anfang bis Ende phänomenal. Na gut, die Sprüche der beiden Protagonistinnen zwischen den Liedern sind mitunter etwas sehr bemüht, insbesondere ihre vorgeblichen Provokationen („Wer von euch kann sich selber lecken??“ als Ansage zum Song „Gelenkig“). Fast bekommt man etwas Mitleid mit ihnen, denn womit Nina Hagen in ihrer Jugend noch konservative Sittenwächter erschrecken konnte, das lockt heute wohl niemanden mehr hinter dem Ofen hervor. Allenfalls Wladimir Putin würde sie dafür vermutlich für zwanzig Jahre nach Sibirien schicken.
Kurzum, die Band „Blond“ mag von der Qualität ihrer Kompositionen her nur guter Durchschnitt sein, doch überzeugt sie durch die Originalität ihrer Texte, durch eine fantastische Bühnenshow – und insbesondere durch die Begeisterungsfähigkeit ihrer Zuschauerinnen und Zuschauer. Hoffen wir, dass das schöne Mecklenburg-Vorpommern niemals zum finsteren AfD-Land mit repressiver Kulturpolitik wird, sodass wir uns auch künftig an Auftritten solcher Art erfreuen können werden.
justament.de, 6.7.2026: Jung und schön ungeschliffen
Scheiben Spezial: Vor 40 Jahren erschien “Basically Sad”, das Debüt von Element of Crime
Thomas Claer
Nun ist es also sage und schreibe 40 Jahre her, dass Element of Crime ihre Debüt-Platte “Basically Sad” beim einflussreichen Düsseldorfer Independent-Label Ata Tak veröffentlichten. Von den heutigen Bandmitgliedern waren damals nur Sänger und Trompeter Sven Regener sowie Gitarrist Jakob Ilja schon dabei, die sich bereits von der avantgardistischen Vorläuferband “Neue Liebe” kannten, die – wie es damals in der West-Berliner Szene gang und gäbe war – weitgehend ohne feste Songstrukturen auskam. Als Element of Crime brachten sie nun erstmals richtige Songs heraus, die freilich noch weitaus ungeschliffener daherkamen als auf ihren späteren Veröffentlichungen. Und noch dazu hatten die Lieder englischsprachige Texte, was auch noch auf den drei Folgealben “Try to be Mensch (1987), “”Freedeom, Love and Happiness” (1988) und “The Ballad of Jimmy and Jonny (1989) sowie auch auf dem anschließenden ersten Live-Album “Crime Pays Live” (1990) der Fall war.
Für alle, die die Elements erst später, nämlich auf ihren deutschsprachigen Erfolgsplatten seit “Damals hinterm Mond” (1991) kennengelernt haben, ist das englischsprachige Frühwerk eine wahre Schatzkammer voll unentdeckter Songperlen. Auf “Basically Sad” können besonders der Opener “I’ll Warm You up” und das romantische Schlussstück “Moonlight” überzeugen. Die ganze Platte atmet den unwiderstehlichen Charme des noch nicht ganz Ausgereiften, mitunter etwas Sperrigen, gelegentlich auch Ungelenken.
Doch endete die kurze Indie-Kariere der Band schon bald darauf, als das Major-Label “Polydor” die Band unter Vertrag nahm und ihre Debüt-Platte noch ein zweites Mal, allerdings mit anderem Cover, herausbrachte. Die “Ablösesumme” die Polydor dafür an Ata Tak zahlte, soll dem Düsseldorfer Kleinstlabel die weitere Existenz gesichert haben. Fortan wurden die Element-of-Crime-Platten zwar etwas glatter, doch blieben sie gleichwohl einzigartig.
Element of Crime
Basically Sad
Ata Tak / Polydor 1986
justament.de, 8.6.2026: Er träumte von blauen Schildkröten
Scheiben Spezial: Vor 40 Jahren erschien das Live-Album “Bring on the Night” von Sting
Thomas Claer
Nur wenige Jahre, nämlich von 1977 bis 1984, bestand die einzigartige englische Band The Police, wenn man von zwei kurzzeitigen Wiedervereinigungen 1986 und 2007/08 absieht. Doch auch die sich daran ab 1985 anschließende Solokarriere ihres Sängers, Bassisten und Frontmans Gordon Matthew Sumner, genannt Sting, begann vielversprechend. Seinem furiosen Debüt “The Dream of the Blue Turtles” folgte schon im Jahr darauf, vor vierzig Jahren, das ebenfalls vielbeachtete Live-Album “Bring on the Night”. Dass seine Musik danach zusehends verflachen und später nie mehr das hohe Niveau aus den mittleren Achtzigern erreichen sollte, steht auf einem anderen Blatt.
Mehrere wirklich großartige Songs finden sich auf Stings Debüt, allen voran das rein instrumentelle Titelstück, das auf spielerisch jazzige Weise den surreal bis romantisch anmutenden Traum von blauen Schildkröten vertont. Überhaupt kann man “The Dream of the Blue Turtles” recht eigentlich als ein Jazz-Album ansehen, das die Reggae-Anfänge der Police-Zeit hinter sich gelassen, aber die glattgebügelte Poppigkeit von Stings späteren Veröffentlichungen noch vor sich hat. Weitere Höhepunkte sind das enorm groovende “Consider me Gone” und das betörende Vampirstück “Moon Over Bourbon Street” mit seiner hypnotischen Basslinie. Spuren von Pathos zeigen allerdings bereits die Hitsingles “We Work the Black Seam” und insbesondere “Russians”, das ein Thema von Sergej Prokofjew adaptiert. Der letztgenannte Song ist zwar nicht unbedingt musikalisch, aber ganz sicher textlich gut gealtert, denn seine anklagende Schlusszeile “What might save us me and you / Is if the Russians love their children too” ist ja leider wieder erschreckend aktuell geworden…
Das darauffolgende Live-Album “Bring on the Night” enthält die besten Stücke vom “Dream of the Blue Turtles” (weshalb auch “Russians” nicht dabei ist) sowie noch mehrere ältere Police-Stücke, die allerdings alle zu den weiniger bekannten der Band zählen, so wie das großartige Titelstück “Bring on the Night”, dessen Originalversion vom zweiten Police-Album “Regatta de Blanc” (1979) stammt. Durch die Bank ist auch “Bring on the Night” eine beinahe lupenreine Jazzplatte geworden, was natürlich auch an den erstklassigen Live-Musikern liegt, die Sting hier um sich geschart hat. Schon Stings nächste Patte “… Nothing Like the Sun” (1987) war dann längst nicht mehr so gut, enthielt aber immerhin noch die exzellenten Songs “Englishman in New York” und “We ‘ll be Together”.
Sting
The Dream of the Blue Turtles
A&M Records 1985
Sting
Bring on the Night
A&M Records 1986
justament.de, 18.5.2026: Alte Meister bleiben sich treu
The Notwist auf “News from Planet Zombie”
Thomas Claer
Die Indie-Veteranen von The Notwist gehen mittlerweile auch schon mehr oder weniger auf die Sechzig zu und sind nun – fünf Jahre nach ihrer letzten CD “Vertigo Days” – wieder mit einem neuen Album am Start. “News from Planet Zombie” unterscheidet sich deutlich von der (wohl auch Corona-bedingten) weltmusikalischen Attitüde seines Vorgängers und ist nun eher wieder Notwist pur, wenngleich das Album diesmal von einem insgesamt 11-köpfigen Ensemble mit vorwiegend akustischen Instrumenten eingespielt wurde. Die seit dem bedauerlichen Ausscheiden des stilprägenden Elektronik-Fricklers Martin Gretschmann alias Console 2014 nur noch dreiköpfigen Kern-Notwists (die Acher-Brüder und Schlagzeuger Andi Haberl) sind hierzu gemeinsam mit ihrer Live-Band nicht ins Sudio, sondern in einen Konzertsaal gegangen und haben das neue Material dort – wie berichtet wird – an nur vier Tagen live aufgenommen.
Das Ergebnis lässt sich hören. Auf Anhieb möchte man die elf neuen Songs ins Herz schließen, die so unverkennbar die melancholische Beiläufigkeit der alten Notwist-Klassiker aus den Neunzigern und Nullerjahren in sich tragen. Besonders die ersten drei Stücke der CD können begeistern. Das sehr leise und sehr traurige “Teeth” setzt dabei sogleich den Ton für alles Weitere. Mit dem feurig-verspielten “X-Ray” folgt dann jedoch das schnellste, lauteste und zugleich beste Lied des Albums. Hier klingen The Notwist kaum anders als vor 20 oder 30 Jahren – und dafür lieben wir sie bis heute. Auch das anschließende Instrumentalstück “Propeller” überzeugt auf ganzer Linie. Doch dann lassen sie ein wenig nach: Der Rest der Platte ist – bis auf das noch recht muntere “The Turning” – ruhig und fast meditativ, wobei auch einige schwächere Songs den Gesamteindruck etwas trüben. Gleichwohl haben The Notwist unter dem Strich wieder ein stimmiges Album vorgelegt, das Freude macht. Das Urteil lautet: voll befriedigend (12 Punkte).
The Notwist
News from Planet Zombie
Morr Music 2026
justament.de, 30.3.2026: Lässig wie ein Tiger
Scheiben Spezial: Vor 50 Jahren erschien der Song “Schmidtchen Schleicher” von Nico Haak
Thomas Claer
“Schmidtchen Schleicher” war mein Lieblingslied im Kindergarten. Immerzu lief dieser Song seinerzeit im Radio und auch sonst überall, und wir kleinen Knirpse sangen ihn lauthals mit, so oft es ging. Schon lange vor meiner Einschulung kannte ich den Text auswendig und konnte auch präzise den holländischen Akzent des Sängers Nico Haak imitieren. Dieser rasante schlagerhafter Popsong hatte alles, was ein gutes Lied haben sollte: Ohrwurm-Melodie, swingenden Rhythmus, einen witzigen Text und einen charismatischen Sänger mit lustiger Aussprache. Manchmal korrigierten uns die Kindergarten-Erzieherinnen, wenn wir den Text von “Schmidtchen Schleicher” nicht richtig verstanden hatten.
Was ich damals noch nicht wissen konnte: Ursprünglich war dieses Lied unter dem Titel “Foxy Foxtrot” auf Holländisch erschienen. Sein Sänger Nico Haak, der in Deutschland erst durch diesen Song bekannt wurde, war in den Niederlanden ein beliebter Show-Man und Entertainer. Während der deutsche Text von einem begeisterten Hobby-Tänzer und Party-Löwen handelt, einem Frauen-Schwarm mit Allerweltsnamen und Alkoholproblem, ist der holländische Original-Text allein auf das Foxtrott-Tanzen seines Protagonisten fokussiert, das dieser, so heißt es dort, auch noch bis ins sehr hohe Alter fortzusetzen gedenke. Für seinen Interpreten Nico Haak endete dieser allzu konkrete Zukunfts-Ausblick allerdings tragisch, denn er verstarb bereits 1990 im Alter von gerade einmal 51 Jahren.
Ganz ähnlich hat dieser Fluch des übergenauen Zukunfts-Szenarios beim Hamburger-Szene-Sänger Lonzo Westphal gewirkt, der sich im berühmten Song “Hamburg 75” detailliert als künftiger Insasse eines Altersheims im fernen Jahr 2010 beschrieben hatte, tatsächlich jedoch bereits 2001 im Alter von erst 49 Jahren das Zeitliche segnete. Entsprechend groß war die spätere Erleicherung beim Schweizer Performance-Künstler und Yello-Musiker Dieter Meier, der auf der Documenta 1972 eine gusseiserne Platte auf dem Bahnhofsplatz von Kassel installieren lassen hatte, die ankündigte, dass er, Dieter Meier, dort am 23. März 1994 von 15 bis 16 Uhr stehen werde – was er 22 Jahre später dann auch wirklich tat. Ihm sei, so Meier im Nachhinein, nicht wohl dabei gewesen, das Schicksal auf diese Weise herausgefordert zu haben, denn es hätte ja auch etwas dazwischenkommen können…
Der Text der deutschen “Foxy Foxtrot”-Version “Schmidtchen Schleicher” behandelt im übrigen ein spezifisches Phänomen der insbesondere deutschen Nachkriegszeit, nämlich den von vielen Damen umschwärmten männlichen Frauenliebling (“Alle Frauen werden weich / Wenn ich lässig wie ein Tiger über den Tanzboden schleich”). Wie auch in “Mit 18” von Marius-Müller-Westernhagen (“An Mädchen hat es uns nie gemangelt, auch ohne ‘n dickes Konto”) macht sich hier der in diesen Generationen erhebliche Frauen-Überschuss infolge der zahlreichen männlichen Weltkriegstoten und -versehrten bemerkbar. Nämliches war auch schon nach dem Ersten Weltkrieg in der Weimarer Republik der Fall. (“Du hast Glück bei den Frau’n, Bel Ami” von Lizzi Waldmüller oder “Ich brech’ die Herzen der stolzesten Frau’n” von den Commedian Harmonists). Und so heißt es bei Nico Haak: “Dann liegen sie in seinen Armen, den weichen / Und flüstern ‘Schmidtchen, ist das schön, mit dir zu schleichen'”. Von einem solchen geballten Interesse seitens des weiblichen Geschlechts können heutige Männer nur träumen; insbesondere in weiten Teilen Ostdeutschlands, deren Population einen massiven Männer-Überschuss aufweist.
justament.de, 26.1.2026: NDW-Girlie wird 70
Inga Humpe alias Inga DiLemma zum Jubiläumsgeburtstag
Thomas Claer
Zu den prägendsten Frauengestalten der deutschen Musikszene zählen natürlich bis heute die Humpe-Schwestern – und ganz besonders Inga, die jüngere der beiden. Es waren die Jahre des großen musikalischen Aufbruchs, damals, in den späten Siebzigern, als Inga Humpe, die aus dem westfälischen Hagen stammte, ihrer älteren Schwester Annette ins Aussteiger-Paradies West-Berlin folgte und dort zunächst an der FU ihr in Aachen begonnenes Studium der Kunstgeschichte und Komparatistik fortsetzte. Doch schon bald gründete sie mit ihrer Schwester und ein paar Jungs die legendäre Punk-/New-Wave-Formation Neonbabies, und fortan waren Inga DiLemma und Anita Spinetti, so die zeitgemäßen Künstlernamen der Humpe-Schwestern, ein unverzichtbarer Bestandteil der Neuen Deutschen Welle und gehörten zu den großen Attraktionen in der noch geteilten Stadt.
1984, da war Annette schon mit ihrer eigenen Band Ideal groß rausgekommen und Inga hatte mit DÖF den Single-Hit “Codo”, porträtierte Matthias Koeppel die beiden im Schlosspark Charlottenburg vor dem Mausoleum im Stil der “Prinzessinnengruppe” von Schadow als “Requiem für Luise”. Ein Jahr später fanden die NDW-Prinzessinnen auch wieder zu einem gemeinsamen musikalischen Projekt zusammen und veröffentlichen unter dem Namen “Humpe & Humpe” zwei ziemlich glatte Pop-Alben.
Der ganz große Durchbruch sollte für Inga Humpe aber erst nach dem Mauerfall kommen, als sie auf den sieben Jahre jüngeren Tommi Eckart traf, der bis heute ihr musikalischer und privater Partner geblieben ist. Das Paar bezog gemeinsam eine – wie man im Osten sagte – Zweiraumwohnung in Berlin-Mitte und hatte damit auch bereits seinen Bandnamen gefunden. Es folgten neun CDs von 2Raumwohnung, die über Jahrzehnte hinweg so etwas wie einen Soundtrack des Berliner Lebensgefühls lieferten.
Überragend war Inga Humpe in all den Jahren vor allem als Sängerin, Komponistin und Texterin. Dass sie auch Keyboard spielen und Synthesizer bedienen konnte, galt als weniger von Belang. Nun ist sie 70, und mit Wilhelm Busch ließe sich sagen: Eins, zwei, drei, im Sauseschritt, düst die Zeit, wir düsen mit.
justament.de, 22.12.2025: Denn er war Hausverwalter
Scheiben Spezial: Vor 50 Jahren erschien der Song “Mein Gott, Walther” von Mike Krüger
Thomas Claer
Minimalismus in der Musik (und nicht nur dort) ist ein durchaus ambitioniertes Unterfangen. Nur ganz sparsam werden die Mittel eingesetzt, aber sie müssen sitzen. Wenn es gelingt, dann steht am Ende ein Song wie “Da Da Da” oder das Techno-Stück von Westbam, das aus nur zwei Noten besteht. Ein ikonischer Minimal-Gitarrensong, der mit lediglich zwei Akkorden auskam, erschien 1975, vor 50 Jahren, mit dem Titel “Mein Gott, Walther” – komponiert, getextet, gespielt und gesungen vom damals gerade erst 24-jährigen Mike Krüger, der seine späteren Karrieren als Fernseh-Moderator, Film-Schauspieler und zuletzt sogar Podcast-Betreiber (gemeinsam mit seinem alten Kumpel Thomas Cottschalk) seinerzeit allesamt noch vor sich hatte und sich zunächst auf seine ursprüngliche Passion als Blödel-Barde beschränkte. Es wird leicht übersehen, dass hier ein wirklich guter Musiker am Werk war, der es jedoch angesichts seiner sonstigen Erfolge im Showbusiness schon bald nicht mehr nötig hatte, sich noch wie in seinen Anfangsjahren als humoristischer Liedermacher zu verdingen.
Krügers erster großer Hit war zugleich auch der beste Song aus seiner Feder, musikalisch wie textlich. “Mein Gott, Walther” erzählt die Geschichte eines ob seiner Ungeschicktheit und seines vielfach erratischen Wirkens oftmals verspotteteten Hausverwalters, der jedoch seine Rolle unverdrossen und mit stoischer Gelassenheit bis zuletzt ausfüllt:
Walther hatte es nicht eilig,
arbeitete ja im selben Haus.
Und wenn er mal keine Lust hatte,
dann fiel die Arbeit eben aus.
Das machte auch nichts,
denn er war Hausverwalter.
Und wenn die ander’n wieder ihn sah’n,
meinten sie nur: Mein Gott, Walther.
Für Wohnungseigentümer, die sich ja nicht selten mit untätigen Hausverwaltern herumschlagen müssen, ist es eine aufschlussreiche Erkenntnis, dass es bereits vor einem halben Jahrhundert offenbar ganz ähnlich zugegangen ist wie heute. Und man kann sogar froh sein, wenn heutige Hausverwalter wenigstens nicht noch selbst Schäden am Wohneigentum verursachen, wie es jener von Mike Krüger besungene Vertreter seiner Zunft mit seinen unkontrollierten Aktionen getan hat:
Walther wollte und ließ das Haus in Ordnung versetzen.
Und machte einer was kaputt,
muss er den Schaden ersetzen.
Meist mußte Walther dies tun
wie gestern den Feuerlöscherhalter.
Als er’s beichtete, sagte Marie: Mein Gott, Walther.
Denn da hatte Walther im Flur Rauch entdeckt
und sofort erkannt,
dass nur ein Feuer dahintersteckt.
Laut “Feuer, Feuer” rufend
riss er den Löscher von der Wand,
natürlich mit Halter.
Und alle, die ihn sah’n, meinten nur: Mein Gott, Walther.
Doch solche Blödelei’n ignorierte er nur
und rannte mit dem Löscher hinaus auf den Flur.
Doch dort staubten nur die von ihm bestellten Gipser und Kalker,
und als sie ihn sah’n: … Mein Gott, Walther.
Wie Mike Krüger auf diesen Text gekommen ist, liegt auf der Hand, denn laut Wikipedia-Eintrag absolvierte er nach seinem Abitur zuerst eine Lehre als Betonbauer und begann anschließend ein Architektur-Studium, das er aber wegen seiner besagten anderweitigen Verpflichtungen nicht zum Abschluss brachte. Bereits in früher Jugend hatte er sich für die Bauten des Architekten Richard Neutra begeistert. Mike Krügers Vater Friedrich W. Krüger war übrigens Prokurist der Norddeutschen Treuhandgesellschaft und später Direktor des Hamburger Bauträgers Bewobau.
justament.de, 1.12.2025: Flöten, Harfen, Chöre
Björk live auf “Cornucopia”
Thomas Claer
Wenn man als Musik-Rezensent über eine neue musikalische Veröffentlichung schreibt, dann sollte man sie sich zuvor schon mindestens einige Male aufmerksam angehört haben, denn mit jedem erneuten Hördurchgang entdeckt man für gewöhnlich etwas, das einem zuvor noch nicht aufgefallen ist. Außerdem ist man ja auch nicht immer in der gleichen Stimmung, und so manches Lied klingt einem – je nach Tagesform und Laune – heute vielleicht so und morgen womöglich schon ganz anders. Jedenfalls bei mir gilt das Prinzip, dass ich eine CD schon wenigstens fünfmal durchgehört haben muss, um über sie schreiben zu können. Normalerweise. Bei “Cornucopia” (lateinisch für Füllhorn), dem neuen Live-Doppelalbum der isländischen Pop-Göttin Björk, ist das aber anders. Denn nach gerade einmal zweieinhalb Laufzeiten im CD-Player bin ich mir bereits absolut sicher, dass sich auch nach fünf oder zehn oder noch mehr Anhörungen nichts Wesentliches mehr an meinem aktuellen EIndruck ändern würde, weshalb ich also bereits jetzt zur Tastatur greife. Über die Qualität dieser Musik ist damit wohlgemerkt noch rein gar nichts gesagt. Nein, hier sind zunächst ganz andere Kategorien zu verhandeln.
Ein Live-Album von Björk also – hat es das überhaupt schon mal gegeben? Mit etwas Nachdenken kommt man sogar auf eine Live Box, die sie vor 22 Jahren mal herausgebracht hat, mit jeweils einer Live-Versions-CD ihrer vier ersten Alben Debut (1993), Post (1995), Homogenic (1997) und Vespertine (2001). Darunter machte sie es nicht. Und insofern erscheint es auch in gewisser Weise konsequent, dass sich nun auf dem aktuellen Live-Doppler fast keine Songs aus ihren frühen Jahren finden lassen. Nur “Isobel” (von “Post) sowie “Hidden Place” und “Pagan Poetry” (beide von “Vespertine”) erinnern überhaupt noch an ihre Vergangenheit als fröhliche Popsirene. Stattdessen stammen fast alle Songs auf “Cornucopia” aus den – gob gesagt – letzten zwei Jahrzehnten, in denen sich Björk zur reichlich obskuren Diva mit immer unzugänglicheren Veröffentlichungen gewandelt hat. Ihre alten Fans haben ihr mutmaßlich fast alle die Treue gehalten, auch wenn wohl der Verdacht nicht aus der Luft gegriffen ist, dass sich die meisten eventuell auch ein paar zugänglichere Klänge von ihr gewünscht hätten. Aber Björk macht, was sie will, weil sie es kann. Ihre Anhänger fressen ihr gewissermaßen aus der Hand und schlucken auch, ohne zu murren, all ihre reichlich experimentellen Kompositionen. Ein besonders sperriges Album von ihr, mit dem wohl wirklich niemand so richtig warm wurde, ist “Utopia” von 2017 – durch und durch seltsam mit vorwiegend Flöten, Harfen und Chören. Ausgerechnet von diesem Werk stammt nun aber exakt die Hälfte der Songs auf ihrer neuen Live-Platte (nämlich 11 der insgesamt 22 Songs). Das muss man bzw. frau sich erstmal trauen!
Dennoch gibt es so manches, das auch für “Cornucopia” spricht. Wer Björks Gesangsstil verehrt, der wird auch inmitten aller Seltsamkeiten noch seine Freude daran haben. Und vielleicht ist es ja nur meine subjektive Wahrnehmung, aber dass Björk mit ihrem Gesang auch noch als mittlerweile 59-Jährige eine Erotik versprüht, die ihresgleichen sucht, sollte auch einmal gesagt werden. Das Urteil lautet daher: ohne Bewertung. Und übrigens gibt es “Cornucopia” auch noch als Film.
Björk
Cornucopia Live
One Little Independent, 2025
ASIN: B0FK19B5NZ
justament.de, 17.11.2025: Schluss mit lustig war erst später
Vor 15 Jahren erschien “Meine vielleicht besten Lieder… live” von Funny van Dannen. Ein wehmütiger Rückblick
Thomas Claer
Damals war die Welt noch in Ordnung. Wir hatten, jedenfalls aus heutiger Sicht, nichts als Luxusprobleme. Aber wie meine Frau immer sagt: Luxusprobleme sind auch Probleme. Es gab noch keinen Donald Trump an der Macht, noch keine Corona-Pandemie, noch keinen Krieg fast vor unserer Haustür und noch keine Rechtsradikalen in unseren Parlamenten. Also beklagte man sich damals, jedenfalls wenn man in Berlin-Kreuzberg wohnte, gerne über “den Kapitalismus”, über Ungerechtigkeiten aller Art oder über unachtsame Sprache (“Humankapital”). Der Liedermacher Funny van Dannen war seinerzeit so etwas wie die authentische Stimme der aufgeklärten Großstadtbewohner mit kritischem Bewusstsein. Seine immer sehr eingängigen Gitarrensongs kreisten, stets mit einem freundlich-ironischen Augenzwinkern, um Themen wie Inklusion (“Lesbische, schwarze Behinderte”), Gesellschaftskritik (“Arbeitsplatz vernichtet”), Nostalgie (“Als Willy Brandt Bundeskanzler war”) oder Zwischenmenschliches (“Posex und Poesie”). Oftmals ging es auch einfach nur um lustige Alltagsbegebenheiten (“Homebanking”).
Ein wirklich rundum überzeugendes Doppel-Album mit dem Titel “Meine vielleicht besten Lieder… live” hat Funny van Dannen in jener guten, alten Zeit vor genau 15 Jahren veröffentlicht. Die beiden CDs geben einen exzellenten Überblick über sein musikalisches Schaffen und enthalten eine solche Vielzahl von Songperlen, dass man hier wohl schon von einer Perlenkette sprechen kann. Von der Musik her (und grundsätzlich auch, was seine politische Haltung angeht) kommt er unverkennbar aus der Degenhardt/Biermann-Schule. Nur dass er viel, viel lustiger ist. Mein persönliches Lieblingslied auf diesem Album ist “Schilddrüsenunterfunktion”, das mich sehr an die Befindlichkeitssymptomatik meiner Frau erinnert: “Ich dachte an Rinderwahnsinn, an Ganzjahresdepression / Doch die Blutwerte zeigten: Schilddrüsenunterfunktion”.
Wer Funny van Dannen, der mittlerweile seine Liedermachergitarre an den berühmten Nagel gehängt hat, noch nicht kennen sollte, kann das am besten mit der Anschaffung dieses großartigen Albums nachholen.
Funny van Dannen
Meine vielleicht besten Lieder… live
JKP 112 / Warner Music Group, 2010









