Category Archives: Über Musik

justament.de, 31.10.2022: Willkommen im Chaos!

Björk auf ihrem neuen Album „Fossora“

Thomas Claer

Das wurde ja auch Zeit. Nach fünf Jahren gibt es endlich Neues von Björk, der mittlerweile auch schon 56-jährigen isländischen Pop-Ikone. Aber wer schon ihr Vorgängeralbum „Utopia“ mit all seinen bizarren Flöten-Klängen reichlich seltsam fand, dem kann nun beim Durchhören von „Fossora“ erst recht Hören und Sehen vergehen. Man weiß wirklich nicht so recht, was man davon halten soll. Gewiss, es klingt streckenweise etwas zugänglicher, aber dann auch wieder nicht… Es ist wohl einfach anders verrückt. Diesmal bleiben die Flöten mehr im Hintergrund und werden dafür von Bläsern und allerlei Perkussions-Instrumenten dominiert. Angeblich hat sie bei den Aufnahmen einen Teil der Instrumente ein Stück weit in die Erde eingraben lassen, um – ja wie nur? – bodenständiger bestimmt nicht! – zu klingen. Nach festen Songstrukturen sucht man weitgehend vergeblich. Pop ist hier eigentlich schon lange nichts mehr.

Offenbar ist sie mit der Aufgabe ihrer letzten Konzessionen an konventionelle Hörgewohnheiten wieder in etwa dort angekommen, wo sie vor gut vier Jahrzehnten mit ihrer ersten Teenager-Punk-Band „Kukl“ angefangen hat, die seinerzeit als Vorgruppe der „Einstürzenden Neubauten“ für Furore gesorgt hat. Passend zur Musik gibt einem auch die Gestaltung von Plattencover und Kostümierung einige Rätsel auf. Der neuen Erdverbundenheit entsprechend dreht sich diesmal eine Menge um Pilze, aber natürlich um solche der besonders obskuren Art…

Nach mehreren Hördurchgängen trennt sich dann doch etwas die Spreu vom Weizen. Der eine oder andere Song, sofern dieser konventionelle Begriff hier noch seine Berechtigung hat, ist richtig gut. Mein persönlicher Favorit ist „Trolla-Gabba“, was ja womöglich so viel wie „Tanz der Trolle“ bedeutet – ein wirklich furioses Stück. Angesichts des trotz Verständnisproblemen doch irgendwie überwältigenden Gesamteindrucks lautet das Urteil gleichwohl: voll befriedigend (11 Punkte).

Björk
Fossora
One Little Independent 2022
ASIN: B0BCKWP6QH

justament.de, 3.10.2022: Emma hat Recht

Zufallsfund im Test: „Männersachen“ von Roger Cicero

Thomas Claer

Wer ein tiefergehendes Interesse an Musik mitbringt, wird wohl irgendwann an den Punkt kommen, nur noch das zu hören, was er schon kennt und ihm ohnehin gefällt. Neues zu entdecken gibt es dann nur noch von den eigenen Lieblingen oder womöglich noch von denen, die so ähnlich klingen wie jene. Selbst wer sich nicht nur durch die eigene Musikbibliothek hört, sondern auch mal auf YouTube unterwegs ist, bekommt dann vom Algorithmus schon bald nur noch das vorgeschlagen, was mit dem eigenen Geschmack irgendwie kompatibel erscheint. Da kann es also schon sehr inspirierend und befreiend sein, plötzlich auch mal auf ganz andere Musik zu stoßen.

Zum Beispiel auf Roger Cicero (1970-2016), den vor sechs Jahren tragisch früh verstorbene Pop- und Jazzmusiker aus Hamburg, ursprünglich sogar aus (West-) Berlin. Seine CD „Männersachen“ aus dem Jahr 2006 fand ich in einer „Zu verschenken“-Kiste in unserem Innenhof und nahm sie neugierig mit nach Hause. Ich erinnerte mich, seinen Namen schon öfter gehört zu haben und machte mich auf Wikipedia über ihn schlau. Anscheinend hatte ich Glück, denn „Männersachen“ ist sein bekanntestes Album. Allerdings wohl auch ziemlich umstritten, denn zu jener Zeit wurde Cicero von der Frauenzeitschrift „Emma“ mit dem Negativpreis „Pascha des Monats“ ausgezeichnet. Ach, diese verbissenen Alt-Feministinnen, dachte ich. Die sind ja auch gegen Pornos (als ob es nur frauenfeindliche gäbe) und gegen alles, was Spaß macht im Leben. Wenn die was gegen ihn haben, dann ist er vielleicht sogar richtig gut?
Also frisch reingehört ins anderthalb Jahrzehnte alte Album. Die Musik wirkt glatt und gefällig, erinnert sehr an amerikanische Musicals aus den Vierziger- und Fünfzigerjahren. Das allein muss noch nicht schlecht sein. Selbst Björk hat mal einen richtig guten Song aus diesem Genre rausgebracht: „It’s oh so quiet“ (1995), wo sie im Video im pinken Kleid herumturnt und immer „Schschscht“ macht. Aber sie hat es dann auch bei einem solchen Lied belassen, und das aus gutem Grund. Cicero hingegen macht ein ganzes Album mit solcher Musik, und seine anderen acht Platten gehen, wenn es stimmt, was in Wikipedia steht, ebenfalls in diese Richtung. Das kann einem ziemlich schnell auf die Nerven gehen. Aber es gibt ja auch noch die deutschsprachigen Texte, und wenn die etwas taugen, dann lässt sich die Musik ja vielleicht doch ertragen…

Nur leider erweisen sich die Texte als mindestens so problematisch wie die Musik. Sie, die aus der Feder eines seinerzeit 36-jährigen Senkrechtstarters stammen, behandeln zumeist „auf ironische Weise den Geschlechterkampf“, wie es auf Wikipedia heißt. Exemplarisch tut dies vor allem der Single-Hit „Zieh die Schuhe aus“:

„Ich bin ein Sammler, ein Jäger
Ein guter Ernährer
Ein Schrauber, ein Dreher
Ein Ganz-Frühaufsteher
Ein Broker, ein Seller
Ein Intellektueller
Ein Helfer, ein Heiler
Im Grunde ein Geiler
Bin ein Schöpfer, ein Macher
Beschützer, Bewacher
Ein Forscher, ein Retter
Adretter Jetsetter
Gestählter Don Juan
Ein Bild von einem Mann

So steh′ ich vor dir und höre dann

Zieh die Schuh aus, bring den Müll raus
Pass aufs Kind auf und dann räum hier auf
Geh nicht spät aus, nicht wieder bis um eins
Ich verstehe, was du sagst, aber nicht, was du meinst“

Tja, ist das jetzt wirklich lustig oder doch eher traurig? Aus heutiger Sicht wirkt das jedenfalls ziemlich altbacken, aber das war es auch schon 2006 und ein paar Jahrzehnte früher eigentlich auch schon. Dass das lyrische Ich überhaupt aufgefordert werden muss zu solchen Selbstverständlichkeiten und dann immer noch nicht versteht, worum es geht, lässt wirklich staunen, dass es offenbar ein weibliches Wesen gegeben haben muss, das sich auf jemanden mit einer solchen Attitüde zumindest vorübergehend eingelassen hat. Den „Pascha des Monats“ hat Roger Cicero sich damit mehr als verdient. „Emma“ hat mit dieser Auszeichnung also vollkommen richtig gelegen, zumal diese Macho-Grundhaltung sich auch durch die weiteren Songtexte auf diesem Album zieht („Kein Mann für eine Frau“, „Schieß mich doch zum Mond“). Einzige immerhin erwähnenswerte Ausnahme hiervon ist die Zeile „Ich kann kochen, bügeln, stricken“ in einem der folgenden Lieder. Aber sie allein kann am verheerenden Gesamteindruck dann auch nichts mehr ändern. Kurz gesagt kann ich Roger Ciceros „Männersachen“ also nicht viel abgewinnen und habe die CD daher in unserer nahegelegenen Bücherbox abgelegt, wo sie ganz schnell einen neuen Besitzer gefunden hat. Das Urteil lautet somit: nicht empfehlenswert.

Roger Cicero
Männersachen
Heinrich & De Wall / Sony Music 2006
ASIN: B01ISQGKA6

justament.de, 12.9.2021: Jazz geht’s weiter

Regener Pappik Busch mit ihrem zweiten Album „Things To Come”

Thomas Claer

Wer hätte das gedacht? Sie legen gleich nochmal nach. Auf ihr fulminantes Debüt „Ask Me Now“, das wir vor einem Jahr an dieser Stelle bereits hinreichend gewürdigt haben, lässt das Element of Crime-Spin-Off „Regener Pappik Busch“ nun die ganz ähnlich gestrickte Fortsetzung „Things To Come“ folgen. Wieder haben sie Jazz-Klassiker von Thelonius Monk, Miles Davis, John Coltrane und mehreren anderen neu eingespielt, auch diesmal im minimalistischen Trio-Format nur mit Schlagzeug, Klavier und Sven Regeners ganz famoser Trompete. Es ist alles wie gehabt, und wieder kann das Ergebnis rundweg überzeugen. Zum John-Coltrane-Song „Mr. P.C.“ gibt es auf der Band-Homepage sogar noch ein richtig gutes Musikvideo mit Schwarz-Weiß-Ästhetik und Großstadt-im-Regen-im-nächtlichen-Laternenschimmer-Bildern.
In der Tat ist dieser Musik nichts so fremd wie Helligkeit und Sonnenschein. Ihr Metier ist die Beschwörung des Schattigen, Wolkigen, Regenverhangenen, Düsteren – doch stets in fingerschnippender Beiläufigkeit. Zwar waren sich die Akteure noch im Element-of-Crime-Band-Podcast „Narzissen und Kakteen“ darüber einig, dass es im Leben eines Musikers grundsätzlich nur eine wahre Band geben könne, niemals habe jemand nacheinander in mehreren großartigen Formationen gespielt – doch nun sind sie mit ihrem späten Nebenprojekt drauf und dran, diesen Glaubenssatz in Frage zu stellen…
Höchste Zeit also, dass nach zwei „Regener Pappik Busch“-CDs auch die Hauptband mal wieder etwas Neues von sich hören lässt. Das Schöne aber ist nun, dass wir uns tatsächlich auf ein neues Element-of-Crime-Album freuen können, das vielleicht noch in diesem Jahr erscheinen wird. Wir sind schon sowas von gespannt. Das Urteil für „Things To Come“ lautet: gut (13 Punkte).

Regener Pappik Busch
Things To Come
Universal 2022

justament.de, 8.8.2022: Bajuwarischer Schräg-Bläser

Scheiben Spezial: Vor 40 Jahren erschien die erste Platte von Haindling

Thomas Claer

Seine Debüt-Platte hat er noch ganz allein aufgenommen, einfach mehrere Spuren übereinandergelegt, schließlich beherrscht er wohl an die zwanzig Musikinstrumente. Und er benannte sein Erstlingswerk schlicht nach seinem niederbayrischen Wohnort: „Haindling 1“. Später hat Hans-Jürgen Buchner, Jahrgang 1944, dann auch noch wechselnde Begleitmusiker um sich geschart, womit „Haindling“ auch als Band geboren war. Aber im Grunde genommen war und blieb es doch immer ein Ein-Mann-Projekt: Haindling war Buchner und Buchner war Haindling.
Auf eine ganz erstaunliche, nun vier Jahrzehnte währende Karriere kann Haindling mittlerweile zurückblicken, denn wirklich massentauglich ist eine solche Musik – die abenteuerliche Kreuzung aus Jazz und bayrischer Folklore mit oftmals dadaistischen Mundart-Texten und immerhin gelegentlich poppigen Melodien – eigentlich nie gewesen. Aber Buchner, der Querkopf, der musikalische Autodidakt, der bis heute Wert darauf legt, keine Noten lesen zu können, hat etwas, was nur wenige haben: natürliches Charisma. Und hinzu kommt sein ausgeprägter kauziger Humor. Ein Großteil seiner Songtexte basiert auf skurrilen Alltagsgesprächen und -beobachtungen. So heißt es zum Beispiel in seinem Gassenhauer „Er hod g’raucht“(1993):

Du I sog da oans,
I bin a doadkranker Mo
Ja wieso wos is’n los
I bin a doadkranker Mo
Ja steill da amoi vor wos da Dokta zua mia sogt
I derf ibahabt nix mehr heb’n
Ja konnst da Du des vorsteilln,
Des hoasd I derf ja ned amoi an Kastn Bier heb’n
Ja da bin I do koa Mensch mehr, oda?
Und’s Raucha hob I aufkeahd,
Oba I hob jetzt scho wieada ogfangt,
Weil’s ma einfoch schmeckt
Weil’s ma einfoch schmeckt, vastehsd?
Und woasd was I da sog:
Und sollte ich wirklich einmal sterben,
Konn I zumindest oans sogn –
I hob wenigstens g’raucht.

Lautmalerische und rhythmisierende Texte dieser Art verschmelzen bei Haindling förmlich mit ihren musikalischen Gewändern, am eindrucksvollsten vielleicht im Song „Du Depp“ von 1984, einem wahren Meisterwerk dieser Gattung. Und dazu dann immer wieder diese unwiderstehlichen Bläser-Einschübe, bevorzugt mit dem Saxophon.
Auch wenn Haindling dieses hohe Niveau im Laufe der Jahre nicht durchgängig halten konnte, finden sich doch selbst auf den späteren CDs noch immer wieder großartige Perlen, oftmals auch Instrumental-Miniaturstücke („Hühner-Techno“, „Die Tänzerin“, „Mama“). Dass sich Hans-Jürgen Buchner neben seinen regulären Platten-Veröffentlichungen noch ein zweites musikalisches Standbein mit der Komposition von eher seichter Hintergrundmusik für Filme und Vorabendserien des Bayrischen Rundfunks geschaffen hat, sollte ihm niemand verübeln.
Als stärkste Haindling-Platte gilt seine zweite Veröffentlichung „Stilles Potpourri“ (1984) mit den Hit-Singles „Du Depp“ und „Lang scho‘ nimma gsehn“. Aber dicht danach folgt auch schon „Haindling 1“ (1982) mit Höhepunkten wie „Achtung, Achtung“, „Rote Haar“ oder „Erzherzog Johann“. Man kann es sich gut vorstellen, wie Buchner zu jener Zeit noch als Ein-Mann-Kapelle in Kneipen aufgetreten ist…
Seit 13 Jahren hat Haindling nun allerdings schon kein neues Album mehr veröffentlicht. Kein Wunder, ist Hans-Jürgen Buchner doch mittlerweile auch schon Ende siebzig. Doch ans Aufhören denkt er nach eigenen Angaben keineswegs. Vielmehr arbeite er, so verriet er jüngst in einem Interview, nach wie vor an neuem Material. Möge daraus noch ein Haindling-Alterswerk entstehen!

Buchner (Haindling)
Haindling 1
Polydor (Universal Music) 1982
ASIN: B0000084YV

justament.de, 11.7.2022: Elfenklänge aus weißen Holzhäusern

Scheiben Spezial: Vor 30 Jahren erschien das Debüt von „Bobo in White Wooden Houses“

Thomas Claer

Diese Musik passte so richtig gut in die Zeit. Damals, in den frühen Neunzigern, als Indie-Folk sehr en vogue war. Besonders der auf einer irischen Volksweise beruhende Eröffnungssong „Ever the Wind“, aber auch Stücke wie „Wide Awake“ und „Hole in Heaven“ konnten überzeugen und machten aus der selbstbetitelten ersten Platte von „Bobo in White Wooden Houses“ gewissermaßen die Antwort der neuen Bundesländer auf die Rainbirds. Aus heutiger Sicht muss man allerdings einschränken: Nicht alle Lieder auf dem Debütalbum sind gleichermaßen gut gealtert – wohl aber lässt sich dies von der bezaubernden Sängerin und Bandleaderin Bobo (bürgerlich Christiane Hebold, Pfarrerstochter aus Gräfenhainichen in Sachsen-Anhalt) sagen, die auch noch mit Mitte fünfzig wie ein junges Mädchen wirkt und mit elfengleicher Stimme unvermindert ihr Publikum in ihren Bann zieht.

Dabei hatte sich schon wenige Jahre nach ihrem furiosen Start ein tragischer Schatten über die Band gelegt: Gitarrist Frank Heise, mit dem Bobo auch privat liiert war, beging 1995 Suizid – und hinterließ eine ratlose Band, die nun nicht mehr weitermachen konnte. Nach nur drei Platten, von denen insbesondere auch die elektronisch ausgerichtete „Cosmic Ceiling“ (1995) gefallen konnte, war vorläufig Schluss. Fortan widmete sich Bobo verschiedenen Kooperationen, von denen man ihr insbesondere jene mit Rammstein (1997/98) nicht zu sehr vorwerfen sollte, denn schließlich war sie jung und verwitwet und brauchte offensichtlich auch das Geld…

Mitte der Nullerjahre kam es aber dann doch zur gefeierten Wiederauferstehung von „Bobo in White Wooden Houses“ in neuer Besetzung. Parallel dazu gründete Bobo das Projekt „Bobo und Herzfeld“, das sich der experimentellen Interpretation deutscher Volkslieder wie auch der Vertonung klassischer deutscher Dichtung widmet, was Bobos glockenhelle Stimme auf gewohnt anmutige Weise zur Geltung bringt. Seitdem sind mehrere neue Alben sowohl von den „White Wooden Houses“ als auch von „Bobo und Herzfeld“ erschienen. Kurzum, Bobo geht auch noch nach drei Jahrzehnten ihren Weg – mit und ohne weiße Holzhäuser.

Bobo in White Wooden Houses
Bobo in White Wooden Houses
Pilgrim Records / Polydor (Universal Music) 1992
ASIN: B00000ASYQ

justament.de, 13.6.2022: Mehr als eine Jugendsünde

Vor zehn Jahren erschien „Herz aus Gold“, das Debüt von „Die Heiterkeit“

Thomas Claer

Je älter man wird, desto schwieriger ist es bekanntlich, noch irgendetwas zu finden, das einen vom Hocker reißt. Man denkt dann: Seltsam, früher gab es so unendlich viel aufregende Musik, und die Helden von einst findet man ja auch weiterhin gut – oftmals sogar das, was sie heute noch fabrizieren. Aber unter den Newcomern der, sagen wir, letzten zwei Jahrzehnte, da ist doch kaum noch etwas Interessantes dabei gewesen. Und das, obwohl ich mich doch nun wirklich bemüht habe: Sobald mal wieder im Feuilleton ein neuer Superstar oder Geheimtipp abgefeiert wurde, habe ich umgehend seinen Namen in die YouTube-Maske eingegeben, um ihn mir mal anzuhören. Aber spätestens nach ein paar Minuten gab ich es in der Regel wieder auf. Selbst an Billie Eilish, der man ein gewisses Charisma in der Tat nicht absprechen kann, vermag ich musikalisch beim besten Willen nichts Erbauliches zu finden. Schwer zu sagen, ob das wirklich am schwachen Niveau der jüngeren Akteure oder eher an der altersbedingt stark nachlassenden Begeisterungsfähigkeit des Rezensenten liegt…

Immerhin drei in den letzten beiden Dekaden angetretene Pop-Musikerinnen, von denen ich große Stücke halte, (aber – warum auch immer – kein einziger männlicher Akteur!) fallen mir noch auf die Schnelle ein: Lana Del Rey, Maike Rosa Vogel und Stella Sommer. Und von letzterer soll hier nun die Rede sein, genauer gesagt vom Frühwerk ihres grandiosen Bandprojekts „Die Heiterkeit“, das aus den beiden Alben „Herz aus Gold“ (2012) und „Monterey“ (2014) besteht. Natürlich muss man wissen, dass sich hinter „Die Heiterkeit“ im wesentlichen auch nur Stella Sommer verbirgt, denn ähnlich wie auf ihren beiden exzellenten späteren Solo-Platten hat sie auch bei „Die Heiterkeit“ nur ein paar Musikerinnen (und nur vereinzelt auch männliche Musiker) um sich geschart, die sozusagen nach ihrer Pfeife tanzen. Und der entscheidende Unterschied zwischen Band- und Solo-Projekt ist auch nur der, dass bei „Die Heiterkeit“ auf Deutsch gesungen wird und bei Stella Sommer solo auf Englisch, aber selbst hiervon gibt es Ausnahmen…

Das Frühwerk von „Die Heiterkeit“ also, für das sich wohl hauptsächlich jene interessieren dürften, die bereits durch die späteren Glanzlichter „Pop & Tod, I +II“ (2016) und insbesondere „Was passiert ist“ (2019) auf den Geschmack gekommen sind… (Wir haben damals jeweils an dieser Stelle darüber berichtet.) Da ist also zunächst einmal das vor genau einem Jahrzehnt erschienene Debüt „Herz aus Gold“, das sich zwar noch nicht unbedingt als künstlerischer Höhepunkt, aber doch zweifellos schon als interessanter Versuch ansehen und anhören lässt. Hier und da gibt es schon recht gelungene Details, doch fehlt oftmals noch das Zündende, vor allem bei den Texten. Man spürt, dass diese Platte weit weniger als alle Folgenden von Stella Sommer dominiert wurde und wie die Musikerinnen hier um ihren Stil ringen, den sie noch nicht vollständig gefunden haben. Musikalisch bestimmen Schrammel-Gitarren das Bild. In den Songtexten herrscht noch eine Art jugendlicher Ironiezwang. Das große Pathos wird, anders vor allem als auf der großartig-opulenten „Was passiert ist“ (2019), noch gescheut. Auch steht Stella Sommers überwältigende Stimme hier noch längst nicht so im Vordergrund, wie es auf ihren späteren Alben der Fall sein wird.

Die interessantere der beiden frühen Platten ist aber „Monterey“. Dort gibt Stella Sommer bereits unverkennbar den Ton an, dominiert das Album auch stimmlich. Und sie versucht sich gleich mehrfach an dem, was später ihre besondere Spezialität werden wird: am elegischen Liebeslied. Der mit Abstand stärkste Song des Albums ist sein letzter, „Pauken und Trompeten“. Er hat bereits alles in sich, was den Heiterkeits-Sound der beiden Nachfolge-Alben ausmachen wird, nicht zuletzt eine betörende Melodie und Rhythmik. Ebenfalls sehr gelungen sind „Wässere mich“ und „Kapitän“, aber auch der Opener „Factory“, während die drei dem Schlusstitel „Pauken und Trompeten“ vorhergehenden jeweils sehr langsamen Stücke sich untereinander so ähnlich sind, dass leichte Ermüdungsreflexe des Zuhörers nur schwer zu vermeiden sind…

Kurzum, im Frühwerk der „Heiterkeit“ wechseln sich Licht und Schatten ab, doch ist es ohne jede Frage eine Entdeckung wert, zumal wenn man – wozu sich der Rezensent hier ausdrücklich bekennen möchte – Stella Sommer und „Die Heiterkeit“ eine große Zukunft prophezeit. Das Urteil lautet: voll befriedigend (10 Punkte) für „Herz aus Gold“ und noch einmal voll befriedigend (12 Punkte) für „Monterey“.

Die Heiterkeit
Herz aus Gold
Staatsakt (H’Art) 2012
ASIN: B0087OR138

Die Heiterkeit
Monterey
Staatsakt (H’Art) 2014
ASIN: B00G756GRS

justament.de, 16.5.2022: Folk und Blues und Country up Platt

Scheiben Spezial: Vor 40 Jahren erschien „Platt for ju“ von De Plattfööt

Thomas Claer

Mit populärer Musik aus dem Osten habe ich mich immer etwas schwer getan. Denn eigentlich galt in meiner Jugend, damals in den Achtzigern, ausnahmslos alles, was „von uns“ kam, also aus der DDR, als unrettbar uncool. Nur was aus dem Westen stammte, konnte etwas taugen. Soviel war klar. Das war zwar ungerecht gegenüber allen Musikschaffenden des Ostens, aber doch keineswegs aus der Luft gegriffen. Denn alles, was wild und anarchisch war, und so etwas hat es natürlich auch im Osten gegeben, das kannte man nicht, weil es nie erscheinen durfte. Während Vergleichbares im Westen sogleich zum nächsten großen Ding hochgejubelt wurde und einem über die westlichen Medien rasch zu Ohren kam…

Eine Ausnahme war aber das folkloristische Duo „De Plattfööt“, das ich schon als Jugendlicher gut fand, woran sich bis heute, zumindest was ihr Frühwerk betrifft, auch nichts geändert hat. Insbesondere die vor vierzig Jahren erschienene Debütplatte der beiden gebürtigen Rostocker Sänger und Gitarristen Peter Wilke und Klaus Lass hatte es in sich. Auf „Platt for ju“, die nur scheinbar harmlos und gefällig daherkam, mischten sie Folk-, Blues- und Country-Klänge (also lauter Musikrichtungen vom Klassenfeind!) mit lustigen und manchmal regelrecht subversiven Texten in mecklenburgischem Platt. In erster Linie waren das Alltagsbeschreibungen, in denen man sich als DDR-Bürger leicht wiedererkennen konnte. Bei Lass und Wilke wurden daraus richtig gute Songs wie ihr bekanntester, „Fru Püttelkow ut Hagenow“, der von einer unablässig Klatsch und Tratsch verbreitenden Verkäuferin in einer mecklenburgischen Kleinstadt handelt und mit einer brillanten Schlusspointe endet. „Disco up’n Dörp“, ihr anderer großer Hit, thematisiert u.a. die Leiden der jugendlichen Landbevölkerung angesichts der bescheidenen Taktung des Öffentlichen Nahverkehrs, was ja systemübergreifend und bis heute ein nicht unerhebliches Problem geblieben ist. In „Jochen un sin Garden“ geht es um die privaten Rückzugsräume der Kleingärtner, nicht ohne die damals im Osten übliche, aber aus heutiger Sicht unvorstellbar geringschätzige Behandlung von Kindern auf die Schippe zu nehmen („Mokt, dat ehr da wegkümmt und trampelt dor nich rüm!“). Ein besonderes Highligt ist ferner das Lied „Lud‘n Jahn ut Doberan“ über das Seemannsgarn eines Kneipengängers („Und Ungeheuer hem wi sehn / Mit twinnig Köppen un döttig Been“), das zugleich das immerwährende Fernweh der weitgehend eingesperrten DDR-Bewohner spiegelt: „Denn jeder weit, dat Lud’n Jahn / Noch nie rutkehm ut Doberan“.

Eigentlich sind alle Songs auf „Platt for ju“ gelungen, es gibt kein einziges schwächeres Lied. Und auch die beiden, noch zu DDR-Zeiten erschienenen, Folgealben „Songs ut Meckelbörg“ (1985) und „Wenn du ok Plattfööt hest“ (1989) konnten – mit Abstrichen – noch überzeugen. Aber dann haben die beiden liebenswerten Plattfööts wohl, wie so viele andere, eine Art Wende-Knacks bekommen. So richtig gut waren sie auf ihren weiteren Veröffentlichungen eigentlich nur noch, wenn sie – was häufiger vorkam – ihre alten Songs aus den Achtzigern recycelt haben. Heute sind die Plattfööt längst Geschichte. Manchmal hat Klaus Lass, die übriggebliebene Hälfte, noch Solo-Auftritte als „De Plattfoot Klaus“. Wenn er nicht Stadtführungen durch Warnemünde macht.

De Plattfööt
Platt for ju
Amiga (DDR) 1982
(Nur noch antiquarisch auf Vinyl erhältlich.)

Informationen: https://de-fischerkaten.de/dpf/plattfoot.html

justament.de, 11.4.2022: Die weißen Tauben waren müde

Scheiben Spezial: Vor 40 Jahren erschien „Sturm“, die Debüt-Platte von Hans Hartz

Thomas Claer

Der Krieg, der jetzt so unvermittelt über die Nachbarn unser Nachbarn hereingebrochen ist, war ja nie ganz weg aus Europa. Irgendwo ist er in den letzten Jahrzehnten immer mal wieder aufgeflackert: auf Zypern, in Transnistrien, gleich zehn Jahre lang in Ex-Jugoslawien. Eigentlich müsste man auch noch Tschetschenien dazuzählen, das genau genommen schließlich ebenfalls in Europa liegt… Dass wir uns rückblickend trotzdem über die mit Abstand friedlichsten sieben Dekaden der europäischen Geschichte freuen dürfen, lag wohl hauptsächlich am atomaren „Gleichgewicht des Schreckens“, das den Ost-West-Konflikt vierzig Jahre lang auf verträgliche Temperaturen heruntergekühlt hatte. Begleitet wurde diese Zeitspanne in Westeuropa, vor allem in West-Deutschland, von mächtigen Friedens-Demonstrationen mit manchmal Hunderttausenden Teilnehmern, denen man aus heutiger Sicht zwar den Vorwurf der politischen Naivität nicht ganz ersparen, einen nicht unerheblichen emotional-psychologischen Beitrag zur Friedenssicherung aber auch nicht absprechen kann.

In diesem Umfeld nun entstand im Jahr 1982 einer der berühmtesten deutschsprachigen Protestsongs jener Jahre: „Die weißen Tauben sind müde“, gesungen von Hans Hartz, einem singenden Kneipenwirt aus Schleswig-Holstein mit einer Reibeisenstimme, die ihresgleichen suchte. Doch war jener Hans Hartz nur der Interpret all der Lieder, die vor vierzig Jahren auf seinem Debüt-Album „Sturm“ erschienen. Komponiert und getextet hatte sie niemand anders als Christoph Busse, der akustisch omnipräsente fabelhafte Sesamstraßen-Musiker („Egal-Song“), der allerdings aus Schüchternheit niemals eine Bühne betrat und sich daher für eine Karriere als Popstar für ungeeignet hielt. Stattdessen überließ Busse, der sensible Feingeist, seine Songs lieber dem eher deftigen Hans Hartz, der als ausgewiesene Rampensau galt und in der Tat keine schlechte Wahl war.

Heraus kam bei dieser Co-Produktion eine Art ehrlicher Schweinerock mit bewegenden Momenten. Nicht nur die Hit-Single „Die weißen Tauben“ konnte überzeugen, das ganze Album „Sturm“ war bemerkenswert, was sich auch noch von den Folgewerken sagen lässt, deren Höhepunkte auf der ausgezeichneten Compilation „Frei wie der Wind – Die Balladen“ (1986) zusammengefasst wurden. Die stärksten Songs darauf neben den „Weißen Tauben“ waren – um nur einige zu nennen – „Die Fische schweigen“, „Nur Steine leben lang“, „Der blaue Ballon“, „Sturm“, „Musik aus der Ferne“ und „Kanada“.

Einen – allerdings für ihn tragischen – zweiten Karrierefrühling erlebte Hans Hartz dann in den frühen Neunzigern, als seine Interpretation des von Bernie Paul und Todd Canedy komponierten Songs „Sail Away“ als Fernsehwerbung der Biermarke Becks groß herauskam. Allerdings, so erzählte es Christoph Busse viele Jahre später in einem Radio-Interview, hatte sich Hans Hartz zuvor bei den Verhandlungen mit einer Werbeagentur vollkommen über den Tisch ziehen lassen, indem er ihr alle Rechte an den Aufnahmen dieses Songs für kaum mehr als tausend Mark überließ. Als der geknickte Hans Hartz dann eines Nachts seinem Frust freien Lauf ließ und in stark alkoholisiertem Zustand die Agentur anrief, wobei er wütende Drohungen und Verwünschungen gegen sie ausstieß, wurde der Bier-Werbespot mit seinem Gesang kurzerhand abgesetzt und durch eine neue Aufnahme von „Sail Away“ mit Joe Cocker ersetzt. Darüber soll Hans Hartz nie mehr hinweggekommen sein, und sein reichlich ungesunder Lebensstil – u.a. konsumierte er täglich drei Schachteln Zigaretten – tat sein übriges. Vor knapp zwanzig Jahren, am 30. November 2002, ist Hans Hartz dann erst 59-jährig an Lungenkrebs gestorben. Die weißen Tauben flogen nicht mehr.

justament.de, 7.3.2022: Die Geburt der Ukraine aus dem Geiste des John Peel

„The Complete Ukrainian Peel Sessions“ von The Wedding Present aus den Jahren 1987-1989

Thomas Claer

Das war mal wieder einer dieser völlig verrückten Einfälle des legendären BBC-Moderators John Peel (1939-2004), damals vor dreieinhalb Jahrzehnten. Während seiner über vierzigjährigen Radiolaufbahn förderte er in seinen enorm einflussreichen Musiksendungen immer wieder neue, ungewöhnliche Musikstile und insbesondere noch unbekannte Indie-Bands. Seinen ausgesucht-ausgefallenen Geschmack zu treffen, war seinerzeit das Beste, was aufstrebenden Künstlern passieren konnte. Denn er lud die glücklichen, von ihm ausgewählten Musiker regelmäßig zu seinen „Peel-Sessions“ ein, in denen sie dann im BBC-Studio unter seiner kundigen Anleitung ein paar Songs einspielten. Und so hatte er also auch die 1985 in Leeds gegründete Rockformation „The Wedding Present“ zu sich ins Studio gebeten, als deren ukrainischstämmiger Gitarrist Peter Solowka in der Pause zwischen den Aufnahmen mal eben ein ukrainisches Volkslied vor sich hin spielte. Diese Klänge versetzten John Peel augenblicklich in ein solches Entzücken, dass er darauf bestand, dass die Band Wedding Present bei nächster Gelegenheit bei ihm eine Session nur mit ukrainischen Folk-Songs aufnehmen sollte. Flugs wurde in Len Liggins noch ein passender Sänger mit dröhnender Bass-Stimme engagiert, der auch die Geige vortrefflich zu spielen wusste. Hinzu kamen Schlagzeug, E-Gitarre und Mandolinen. Und heraus kam die 1990 erschienene EP „Ukrainski vistupi v Iwana Peela“ („Die ukrainischen John-Peel-Sessions“), die mit über 70 000 verkauften Exemplaren in Großbritannien ein Überraschungs-Erfolg wurde. Diese Songs leben von ihrer puren Energie. Und genau darin liegt auch die Überschneidung zwischen slawischer Folklore und dem Punk-Rock der Achtzigerjahre.

Allerdings entzweite dieses fulminante Crossover die Wedding-Present-Fans dann doch. Der eine Teil von ihnen war begeistert, der andere wendete sich ab. Ähnlich gespalten waren die Bandmitglieder. Und so kam es, dass nach diesem erfolgreichen Experiment Solowka und Liggins „The Wedding Present“ den Rücken kehrten und eine neue Band ins Leben riefen, die fortan nur noch ukrainischen Folk-Punk spielte, während der Rest der Band wieder so weitermachte wie zuvor. Mittlerweile gibt es schon seit über drei Jahrzehnten „The Ukrainians“, deren Repertoire neben traditionellen Songs im Punk-Style auch aus einer Menge ähnlich gestrickter Eigenkompositionen sowie ukrainischen Cover-Versionen bekannter Pop-Songs besteht.

Die Anfänge der „Ukrainians“, die besagten Peel-Sessions der Jahre 1987-1989, sind nun in einer gegenüber der damaligen Veröffentlichung um drei Songs erweiterten Version wieder erhältlich. Wobei diese drei Songs den meisten Fans schon von den späteren Ukrainians-Alben bekannt sein dürften, allerdings nicht in diesen Versionen. Als Sahnehäubchen gibt es dazu noch eine DVD mit rarem Filmmaterial aus jener Zeit sowie einem nostalgisch zurückblickenden Interview mit den Bandmitgliedern. Genau genommen ist diese Wiederveröffentlichung aber gar nicht erst jetzt erschienen, sondern schon vor fast drei Jahren. Doch wann, wenn nicht in diesen Tagen nach Putins abscheulichem Überfall auf die Ukraine und anlässlich ihrer tapferen Gegenwehr, sollte man auf dieses großartige Album hinweisen? Das Urteil lautet: sehr gut (16 Punkte).

The Wedding Present
The Complete Ukrainian Peel Sessions (Remastered)
CD + DVD
USM Verlag 2019
ASIN: B07PRZJCC5

justament.de, 24.1.2022: Durchbruch einer Diva

Scheiben vor Gericht Spezial: Vor zehn Jahren erschien „Born to Die“ von Lana del Rey

Thomas Claer

Irgendwie dunkel und melancholisch, morbide und mysteriös. So wirkte vor genau zehn Jahren, Ende Januar 2012, die Musik von „Born to Die“, dem zweiten Album der damals erst 26-jährigen Lana del Rey, auf die Zuhörer, das der wundersamen Amerikanerin ihren ganz großen kommerziellen Durchbruch bescherte. Doch ist diese viel beachtete Platte seinerzeit auch äußerst umstritten gewesen: Die hat doch aufgespritzte Lippen, ist nicht womöglich alles bloß Fake an ihr?, fragten misstrauisch ihre Kritiker. Und dann standen ihr auch noch bei jedem Song diverse Co-Autoren zur Seite. Hatte sie denn überhaupt etwas von diesen Liedern selbst komponiert? Ebenso vorgehalten wurde ihr schließlich das unüberhörbare qualitative Gefälle zwischen den einzelnen Tracks auf dem Album.

Vielleicht wird ein schärferer Blick auf „Born to Die“ ja erst mit dem gebührenden zeitlichen Abstand möglich. Denn obschon einige Füllstücke, ein paar wirklich billige Disko-Nummern, den guten Gesamteindruck etwas trüben, ist doch das meiste auf dieser Platte überaus grandios. Hier hat Lana del Rey ihren ganz eigenen Stil ausgebildet, mit starken Bezügen auf die Sechziger, den sie in den darauffolgenden Jahren auf mittlerweile sechs weiteren Veröffentlichungen immer mehr perfektioniert hat. Dabei ist ihre Stimme keineswegs überragend, und ihre Songs reichen auch nicht durchgängig an die stilistisch verwandten Mazzy Star und Hope Sandoval heran. Und dennoch, sie sind schon verdammt gut, wobei die medialen Selbstinszenierungen, die Lana del Reys sehr spezifischen Ruhm vor allem begründet haben, sich zumindest nicht unmittelbar störend auswirken… Neben der Hit-Single „Video Games“, “Summertime Sadness” und dem Titelstück „Born to Die“ ist besonders „Blue Jeans“ hervorzuheben, ein ganz unglaublicher Song! So steht es also ganz außer Frage, dass sich Lana del Rey auf „Born to Die“ ihren Glamour-Girl-Status redlich verdient hat.

Das Urteil lautet: gut (13 Punkte).

Lana del Rey
Born to Die
Universal Music 2012
ASIN: B0064IPOSE