Category Archives: Über Musik

justament.de, 27.9.2021: Kurt Cobain der Oberstufe?

Scheiben Spezial: 30 Jahre „Nevermind“ von Nirvana. Ein persönlicher Rückblick

Thomas Claer

Ende September 1991, vor dreißig Jahren, erschien die Platte „Nevermind“ der amerikanischen Grungerock-Band Nirvana mit ihrem Single-Hit „Smells Like Teen Spirit“, dessen Video, eine wilde kollektive Headbanging-Orgie, zu jener Zeit immer und immer wieder im Musikfernsehsender MTV gespielt wurde. Ich war damals 19 Jahre alt, Gymnasiast in Bremen und – was ganz wichtig war – ich hatte lange Haare und trug eine Lederjacke. Das war natürlich gutes Timing, denn bis einem die Haare so richtig lang gewachsen sind, dauert es ja schon mindestens zwei Jahre. Und nun, als sie also endlich lang genug waren, lief auf unseren Feten, wie wir unsere ausgelassenen Zusammenkünfte damals nannten, immerzu dieses Lied von Nirvana, und alle bewegten dazu heftig ihre Köpfe, und wer konnte, warf auch seine Haarmähne dabei wild durch den Raum. Ich jedenfalls konnte das – und erntete dadurch regelmäßig bewundernde Blicke meiner Altersgenossen, was ich auch immer sehr genoss.

Ca. 1991

Überhaupt war es damals ein großartiges Lebensgefühl für mich, so lange Haare zu haben. Schon morgens beim Aufwachen kam es mir vor, als ob mich mit den langen Haarsträhnen zugleich auch ein Gefühl von Freiheit umwehte. Dabei hatte ich natürlich von Kurt Cobain und Nirvana noch nichts ahnen können, als ich mich irgendwann zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung entschloss, die Haare von nun an einfach wachsen zu lassen. Es war wohl eher eine Art Protesthaltung, denn ich hatte das zu dieser Zeit nur noch seltene Glück, Eltern zu haben, die sich über so etwas aufregten. Während die superliberalen Eltern meiner Bremer Schulfreunde aus dem gehobenen Bürgertum es alle ganz prima fanden, dass meine Haare immer länger wurden, reagierte insbesondere mein Vater darauf mit Entsetzen. Na gut, wir waren Zugezogene aus dem Osten, da hatte es ja gewissermaßen kein 1968 gegeben. Und nun erlebte ich im freien Westen langhaarige Lehrer, die mir etwas über Rockmusik erzählten. Begeistert holte ich also für mich – gleichsam im Zeitraffer – die emanzipatorischen Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte nach….

Darüber hinaus war mein neues Erscheinungsbild auch noch mit weiteren Vorteilen für mich verbunden. Offenbar wirkte ich nun endlich nicht mehr ganz so jung und kindlich, was bis dahin mein ständiges Problem gewesen war. Als ich mit zwei Freunden eine Disco besuchte, wurde ich vom Türsteher umstandslos hineingelassen, während er von meinem kurzhaarigen Freund S, der sogar ein Jahr älter war als ich, zur Kontrolle seiner Volljährigkeit den Ausweis verlangte. Ferner bemerkte ich, dass ich mit meiner immer länger werdender Haarpracht auch von den Mädchen ganz anders wahrgenommen wurde als zuvor. Was allerdings, wenn man so schüchtern war wie ich, noch nicht viel zu bedeuten hatte… Dennoch sehe ich mich, wenn ich heute mein Foto von damals betrachte, rückblickend fast schon als eine Art Kurt Cobain unserer Oberstufe. Es hat nur keiner gemerkt…

Ein verstörendes Erlebnis hatte ich aber dann doch, im berühmten Club „Lila Eule“ im Steintor-Viertel. Ich zögere noch etwas, ob ich das jetzt wirklich schreiben soll. Aber warum eigentlich nicht? Ich stand dort also eines Nachts nahe der Tanzfläche, als ein unbekanntes bildhübsches Mädchen direkt auf mich zukam, mich leidenschaftlich umarmte und sogleich stürmisch auf den Mund küsste. Ich wusste gar nicht, wie mir geschah, und leistete keinen Widerstand. Allerdings schien sie schon reichlich alkoholisiert zu sein, denn ihre Zunge schmeckte nach diversen hochprozentigen Getränken. Nach einiger Zeit hielt sie inne, sah mich durchdringend an und fragte mich: „Kaufst du mir einen Sekt?!“ Erschrocken wanderten meine Augen zur Preistafel über dem Tresen. Ein Glas Sekt kostete 3 DM. Oha, so teuer! Einen Moment lang überlegte ich. Dann sprang ich über meinen Schatten, sagte „Na gut“ und kaufte ihr das begehrte Getränk, das sie sich sofort in einem Zug sozusagen hinter die Binde kippte. Einen Moment später war sie verschwunden, als hätte sie sich in Luft aufgelöst. Es wäre auch aussichtslos gewesen, im dichten Gedränge der Umstehenden nach ihr zu suchen, um sie zur Rede zur Stellen. In diesem Augenblick habe ich mir geschworen: So etwas soll mir nie wieder passieren!!

Drei Jahre später war ich schon im zweiten Semester des Jura-Studiums und hatte nun keine Lust mehr auf lange Haare. Was ich aber nicht bedacht hatte: Mit meiner neuen Kurzhaarfrisur wirkte ich zu meinem Leidwesen gleich wieder ein paar Jahre jünger. Als in einem Supermarkt zum Jubiläum Sekt ausgeschenkt wurde, wollte ich mir auch ein Glas nehmen. Doch da fragte mich der Verkäufer streng: „Bist du überhaupt schon 18? Zeig mal deinen Ausweis!“ Hastig zog ich mein Portemonnaie aus der Tasche. Da bemerkte ich, dass ich, warum auch immer, meinen Ausweis nicht dabei hatte. Mein Gott, wie peinlich! Ich wollte vor Scham im Erdboden versinken! „Haha“, lachte der Verkäufer. „Wir schenken nämlich keinen Alkohol an Minderjährige aus.“ Dabei war ich schon 22 und konnte es nur nicht beweisen. Was für eine Demütigung! Hätte ich meine Haarpracht doch nur länger behalten, dachte ich. Doch sie kam auch später nie wieder zurück.

justament.de, 6.9.2021: Das einzig umstrittene EoC-Album

Sentimentale Betrachtungen nach 27 1/2 Jahren

Thomas Claer

Von Element of Crime mag man entweder alles oder nichts. Darüber wenigstens herrscht wohl noch weitgehende Einigkeit. Nur über ihr siebtes Studio-Album mit dem klangvollen Titel „An einem Sonntag im April“ gehen die Meinungen, selbst unter eingefleischten EoC-Anhängern, bis heute erheblich auseinander…

Für mich jedenfalls war diese Platte, damals, im Frühjahr 1994, eine riesige Enttäuschung. Mit „Weißes Papier“ hatte es bei mir 1993 angefangen, dann besorgte ich mir das zwei Jahre zuvor erschienene „Damals hinterm Mond“ und war bereits zum ehrfürchtigen Bewunderer dieser Musik und insbesondere auch ihrer stets hintergründigen Texte geworden. Klar, so mit Anfang 20 ist man ja oftmals sehr begeisterungsfähig… Doch während ich noch damit beschäftigt war, mir das englischsprachige Frühwerk dieser Band zu erarbeiten und auch dabei Songperlen in großer Zahl entdeckte, ging bereits ihre dritte deutschsprachige Platte an den Start. Beim ersten Hören fiel ich dann aber leider aus allen Wolken. Schlagerhaft und seicht kamen die neuen Songs mir vor. Was hatte dieses saft- und kraftlose Zeug mit der Band zu tun, die ich so ins Herz geschlossen hatte?! Immerhin, die zweite Hälfte des Albums wurde dann etwas besser, und mit „Im vorigen Jahr“ war sogar noch ein richtig starker Titel dabei. Aber alles andere war für mich nur schwer zu ertragen. Umso irritierender allerdings war es für mich, dass die Platte in den seinerzeit noch sehr einflussreichen Musikzeitschriften durchweg hervorragende Kritiken bekam. War denn vielleicht mit mir etwas nicht in Ordnung?!

Im Laufe der Jahre wurde mein Urteil dann allerdings zunehmend milder. Auch wenn der „Sonntag im April“ bei weitem nicht mit den Vorgänger- und Nachfolgeralben der Elements mithalten konnte, so sah ich ihn doch immer mehr als interessanten Exkurs in stilistisch abgelegene Gebiete mit ganz eigenem Charme. Und das besagte „Im vorigen Jahr“ mit seinen unwiderstehlichen Streicher-Passagen und seiner wunderbar lakonischen Beschreibung einer behutsamen Annäherung in Zeitlupe wurde sogar zu einem meiner Allzeit-Favoriten aus dem Oeuvre der Band.
Doch nun das. In ihrem aktuellen Podcast „Narzissen und Kakteen“, das in 15 Folgen Gespräche der drei maßgeblichen Protagonisten über alle ihre Langspiel-Publikationen bis zu „Lieblingsfarben und Tiere“ enthält, distanzieren sich die Musiker nunmehr scharf von dieser (aber auch nur von dieser!) Platte: Ein Schnellschuss sei der „Sonntag im April“ gewesen, die Band sei damit auf Abwege geraten, eine einzige Verirrung sei diese Platte. Und nur weniger als eine Handvoll Höhepunkte auf dieser lassen sie gelten, darunter das grandiose Streicher-Arrangement von Orm Finnendahl in „Im vorigen Jahr“. So wie ein bekannter Regisseur einmal bekundet habe, manche Filme mache man nur wegen einer einzigen Szene, seien die Streicher im „Vorigen Jahr“ also gewissermaßen diese „Szene“ im Album, das man ansonsten weitgehend vergessen könne, auch wenn es ja durchaus seine Liebhaber gefunden habe, aber diese Musik sei nun einmal wirklich nicht das, was die Band eigentlich ausmache, und auch die Texte seien ziemlich schwach…

Insofern sei es auch nicht weiter verwunderlich, dass die Band kaum jemals ein Lied von diesem Album live gespielt habe, nicht einmal „Im vorigen Jahr“, denn darin, so Sven Regener, sei ihm die Stimmlage zu tief, das könne er live einfach nicht singen. Was aber wirklich sehr schade ist! Und daher hier nun folgender Vorschlag: „Im vorigen Jahr“ wird noch einmal neu eingespielt (und später dann auch entsprechend live zum Besten gegeben), und zwar im stimmlichen Duett mit Stella Sommer von „Die Heiterkeit“, die alle tieferen Passagen übernimmt und deren Stimme mühelos bis in alle Tiefen hinabreichen dürfte. Und bei dieser Gelegenheit wird das bisher dreistrophige Lied, das sich textlich nacheinander – warum auch immer – lediglich dem Frühling, dem Sommer und dem Winter widmet, noch um eine längst überfällige vierte bzw. dann einzufügende neue dritte Strophe über den bislang zu Unrecht ausgesparten Monat Herbst ergänzt. Dafür hier ein Textvorschlag aus der Feder des Rezensenten zur freien Verwendung:

Bunte Blätter wuseln im Wind
Ein halbwegs Erwachsener stellt sich blind
Beim Drachensteigen im Herbst im vorigen Jahr
Ein altes Brett und ein Fliegerschein
Mehr brauchte es nicht, um dabei zu sein
Beim Drachensteigen im Herbst im vorigen Jahr
Wenn unsere Drachen sich zufällig trafen
Dann hast du gelächelt und ich war peinlich berührt
Denn täglich hab ich dich dort ausspioniert
Und du mich an der ganz langen Leine geführt
Beim Drachensteigen im Herbst im vorigen Jahr

Element of Crime
An einem Sonntag im April
Universal Music 1994
ASIN: B000026V8O

justament.de, 9.8.2021: Geheimnisvoller Geheimtipp

Scheiben vor Gericht Spezial: Vor zehn Jahren starb die Berliner Songwriterin Barbara Gosza (1966-2011)

Thomas Claer

Wenn Pop-Musiker in jungen Jahren sterben, werden sie schnell zur Legende. Ein wenig ist es auch mit der Sängerin und Songwriterin Barbara Gosza so gekommen, die vor zehn Jahren, im Mai 2011, tot in ihrer Berliner Wohnung aufgefunden wurde, auf tragische Weise verstorben an den Folgen eines epileptischen Anfalls.

Ein bemerkenswertes, wenn auch relativ überschaubares Werk hat sie uns hinterlassen, aus dem vor allem das wundervolle Album „Beckett & Buddha“ aus dem Jahr 1992 hervorzuheben ist: eine in sich ruhende, melancholische, vollendet schöne Folk-Platte, produziert von Sven Regener, der Jahre später hierzu lediglich zu Protokoll gegeben hat, dass ihm diese temperamentvolle Dame als „sehr anstrengend“ in Erinnerung geblieben ist… Wohl auch zur Legendenbildung beigetragen hat offenbar der Umstand, dass Barbara Gosza zeit ihres Lebens ein Geheimtipp geblieben ist, dem zumindest ein größerer kommerzieller Durchbruch nicht vergönnt war, obwohl an schwärmerischen Bewunderern – vor allem unter den Musikkritikern – gewiss kein Mangel geherrscht hat…

Die unsichere Quellenlage bezüglich dieser semiprominenten Musikerin bringt es mit sich, dass im Netz zum Teil widersprüchliche Angaben zu ihrer Biographie kursieren. Als gesichert gelten kann, dass sie 1966 geboren wurde, als Tochter tschechischer Einwanderer zunächst in Chicago aufgewachsen ist und dann einen großen Teil ihrer Kindheit in Athen verbracht hat. Nach anderen Quellen soll sie aber auch in München aufgewachsen sein und ihr Boheme-Leben als Metro-Musikerin in Paris begonnen haben. Wiederum woanders heißt es, ihre künstlerische Sozialisation sei in den Cabarets von Berlin erfolgt.

Sicher ist zumindest, dass sie dort um 1990 herum lebte, als ihre erste Platte, „Love it is“, auf dem Bremer Indie-Label „Strangeways“ erschien. Nach dem vielbeachteten – und bis heute heiß geliebten – Nachfolgewerk „Beckett & Buddha“, auf dem u.a. Christian Komorowski (Deine Lakaien, EoC-Umfeld) Geige spielte (1992), ging Barbara Gosza für einige Jahre nach Frankreich und brachte dort zwei Platten heraus: „Ceremonies“ (1995) erschien auf dem französischen Ableger von BMG/Ariola – offenbar hatte ihr also das überschwängliche Kritiker-Lob des Vorgänger-Albums einen Major-Plattenvertrag verschafft. Vier Jahre später folgte dann auf dem Naive-Label das von Carlos Peron (ex YELLO) produzierte „Purify“.

In der Zwischenzeit, d.h. in den Jahren zwischen diesen beiden Veröffentlichungen, soll sie beim Schweizer Maler HR Giger (1940-2014) Malerei studiert und außerdem mehrere Gedichts-Sammlungen herausgebracht haben (von denen sich aber keine Spuren mehr finden lassen). Zurück in Berlin produzierte sie nach langer Pause erneut mit Carlos Peron ein weiteres, ihr fünftes und letztes, Studioalbum namens „Passion Play“ für das Label Blue Note, das bei diesem allerdings nie erschienen, heute jedoch gottlob als Download sowie auf YouTube verfügbar ist, ebenso wie ein Live-Konzertmitschnitt aus Paris von 1999.

Das ist so ziemlich alles, was heute noch in Erfahrung zu bringen ist über die mysteriöse und bezaubernde Barbara Gosza, die sich leider viel zu früh in den Musiker-Himmel verabschiedet hat.

Barbara Gosza
Love it is
Strange Ways Records 1990

Barbara Gosza
Beckett & Buddha
Strange Ways Records 1992

Barbara Gosza
Ceremonies
Semantic/BMG/Ariola 1995

Barbara Gosza
Purify
Naive 1999

Barbara Gosza
Passion Play
Nur als Download 2009

Barbara Gosza
Live at Strasbourg, 23.9.1999
Nur als Download 2020

justament.de, 7.6.2021: Jazz geht’s los!

Drei Musiker von Element Of Crime haben ein Jazz-Album aufgenommen

Thomas Claer

Das Tolle an der Jazz-Musik ist, dass sie kaum zum Pathos tendiert und ebenso wenig zur Sentimentalität. Da ist z.B. die Klassische Musik doch weitaus gefährdeter, und Rock- und Popmusik sind es natürlich erst recht. Jazz dagegen ist eine Musik, die beinahe ohne Schwere auskommt, die aber in all ihrer Leichtigkeit dennoch nur selten ins Banale abrutscht, denn dazu ist sie viel zu cool und distanziert.

Kann man das so sagen? Keine Ahnung, denn ich verstehe nicht viel vom Jazz. Zumindest aber empfinde ich es so, wenn ich an einem viel zu kalten und dann auch noch verregneten Frühlingstag – also unter den, wie sich bald herausstellen wird, bestmöglichen Umständen für diese Musik – den Klängen von „Ask Me Now“ lausche, der Debüt-Platte des Trios Regener Pappik Busch, hinter dem sich ein Nebenprojekt der Band Element Of Crime verbirgt, das wiederum aus den drei wohlbekannten Musikern Sven Regener (Trompete), Richard Pappik (Drums) und Ekki Busch (Piano) besteht. Diese drei alten Kempen, alle um die sechzig, haben also ein Album mit Coverversionen berühmter Jazz-Klassiker aufgenommen. Alles ist rein instrumental, es gibt keinen Gesang. Stücke von den ganz Großen sind dabei, von Thelonius Monk und John Coltrane. Hingegen sucht man Dave Brubeck vergeblich, und die anderen auf der Platte kennt man schon gar nicht mehr.

Warum machen die Drei sowas überhaupt? Diese Frage drängt sich natürlich auf. Vielleicht weil sie in einem Alter sind, in dem sie gerne noch mal etwas Neues ausprobieren wollen. Zumal das Risiko gering ist, dass ihre treuen Fans diesen gewissermaßen exotischen Ausflug ihrer Lieblinge nicht goutieren werden. Kann sein, dass sie auch ihre über den überschaubaren EOC-Kosmos hinausreichenden – und ja auch in der Tat beachtlichen – musikalischen Fähigkeiten demonstrieren möchten. Womöglich ist es aber auch ein Akt der musikpädagogischen Fürsorge gegenüber ihrer Fangemeinde, denn ohne diesen Anstoß wäre zweifellos ein Großteil der Element-Anhänger niemals darauf gekommen, sich näher mit Jazzmusik zu befassen. Der Rezensent zumindest bestimmt nicht…

Was Jazz-Puristen dazu sagen würden, vermag ich also nicht zu beurteilen. Mir jedenfalls gefällt diese Platte. Und einen besonderen Nerv treffen dabei die melancholischen Stücke dieses Albums, allen voran „Don’t Explain“ von Arthur Herzog und Billie Holiday. Gerade weil einen die Traurigkeit hier nicht so brutal überfällt, sondern sich gewissermaßen ganz sachte von hinten anschleicht…

Regener Pappik Busch
Ask Me Now
Universal 2021

justament.de, 10.5.2021: Schön war die Zeit

Vor 30 Jahren erschien „Projekt F.“ von Stephan Remmler

Thomas Claer

Wie verrückt war das denn? Ex-NDW-Star und Trio-Frontmann Stephan Remmler brachte im Mai 1991, vor genau 30 Jahren, eine Platte heraus, über die beinahe alle in seinem Umfeld nur den Kopf schüttelten: alte Schlager von Freddy Quinn aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren, darunter viele Seemannslieder, in neuer, stark reduzierter Inszenierung. Auch seine Plattenfirma hatte zunächst schockiert auf sein Vorhaben reagiert, sich aber, da er so darauf bestand und sich angesichts seiner früheren Verkaufserfolge auch allerhand erlauben konnte, doch noch breitschlagen lassen. Das Ergebnis war niederschmetternd. „Das Album erhielt durchweg schlechte Kritiken“, heißt es bei Wikipedia. „Insbesondere wurden die sparsame Instrumentierung und der Gesangsvortrag Remmlers kritisiert.“ Die Zeitschrift ME Sounds (Nr. 6/1991, S. 46) meinte sogar: „Remmler spricht mehr als daß er singt, und die programmierten Computer-Keyboards wirken so karg, als habe er bewußt Strom sparen wollen. So viel kühle Distanz ist dem Keimen der großen Gefühle doch eher abträglich.“ In den Charts konnten sich weder das Album noch die beiden ausgekoppelten Singles platzieren. Remmler insistierte trotzig: „Ich kann mir meine Musik leisten.“
Vielleicht musste ja einfach nur etwas Zeit vergehen, bis diese Musik dann doch noch ihre verdiente Wertschätzung finden konnte. Denn mittlerweile ist „Projekt F. Auf der Suche nach dem Schatz der verlorenen Gefühle“ von „Stephan Remmler und die Schatzsucher“ schon seit vielen Jahren ein gesuchtes Sammlerstück, für das man bei Medimops gut und gerne 30 bis 40 Euro (fürs Vinyl sogar 100 Euro) hinblättern muss. Und auch wenn die Platte bis heute ihre Hörer polarisiert und bei ihnen enthusiastische Begeisterung ebenso wie heftige Ablehnung hervorruft, so ist sie in ihrer liebenswerten Verschrobenheit doch unbestritten einzigartig. Nun trägt zwar der „Deutsche Schlager“ als solcher seinen anrüchigen Ruf keineswegs zu Unrecht. Doch gelingt es Stephan Remmler mit raffiniert-minimalistischen Adaptionen dieser Lieder gleichsam, eine bisher unter ihrem verkitschten Zuckerguss verborgene Schicht wahrer Größe freizulegen. Vor allem gilt dies für ihre Texte, die oft hölzern und unbeholfen daherkommen, in denen es aber inmitten ihrer genretypischen Verlogenheit auch Momente überraschender Wahrhaftigkeit zu entdecken gilt. Und gerade das Ambivalente dieser Lieder bringt Remmler immer wieder zum Vorschein, indem er sie mit seinem Sprechgesang und seinen übertrieben pathetischen Ausbrüchen zwar durch den Kakao zieht, dabei aber gleichzeitig auch ernst nimmt.
Erst recht, wenn man sich heute, im Abstand von drei Jahrzehnten, noch einmal durch das Album hört, bemerkt man, wie fremd uns die darin besungene Lebenswelt inzwischen geworden ist: die Seemannsromantik, die Verlockung ferner, unbekannter Länder, das vielfach thematisierte Fernweh genauso wie das Heimweh, die alte und immer neue Tragik vergeblicher Liebesmüh. Wie verzaubert war doch die große, weite Welt, bevor man sie einfach mal eben für einen Kurzurlaub mit dem Flugzeug erreichen konnte! „Fährt ein weißes Schiff nach Honkong, hab ich Sehnsucht nach der Ferne/ Aber dann in weiter Ferne hab ich Sehnsucht nach zu Haus.“ „Ob am Kai von Casablanca, ob am Kap von Salvador/ Er denkt immer an Juanita, deren Liebe er verlor.“ „Als er kam, war er ein Fremder, und er glaubte nicht daran/Dass wer alles hat verloren, nochmal glücklich sein kann.“ „Hört mich an ihr gold‘nen Sterne/Grüßt die Liebste in der Ferne.“ „Wo ich die Liebste fand, da ist mein Heimatland./Wann bin ich nicht mehr allein?“ Und so geht es immer weiter…
Der heute 74-jährige Stephan Remmler begründete damals sein merk- und denkwürdiges Projekt F auch damit, dass er nicht nur mit Rockmusik großgeworden sei, sondern auch mit den Schlagern und Seemannsliedern von Freddy Quinn, und dass es ihn schon immer gereizt habe, sich auch selbst dieser einmal anzunehmen. Das ist ihm, was immer seine Verächter auch einwenden mögen, auf bemerkenswerte Weise gelungen. Das Urteil lautet: gut (14 Punkte)

Stephan Remmler und die Schatzsucher
Projekt F. Auf der Suche nach dem Schatz der verlorenen Gefühle
Mercury (Universal Records)
ASIN: B00000853M
(vergriffen)

justament.de, 12.4.2021: Frickelbrüder auf Weltreise

The Notwist mit ihrer achten Platte „Vertigo Days“

Thomas Claer

Sieben Jahre lang haben The Notwist, die Indie-Götter aus Weilheim in Oberbayern, an ihrem bislang achten regulären Album „Vertigo Days“ gearbeitet. Schon vor drei Jahren, so heißt es, sei es eigentlich fertig gewesen. Doch habe man dann doch noch hier und da ein wenig nachbessern müssen. Man kann es sich gut vorstellen, wie die Brüder Markus und Micha Acher, die nach dem Ausscheiden von Martin Gretschmann alias Console im Jahr 2014 einzigen beiden noch verbliebenen Bandmitglieder, gefühlte Ewigkeiten an ihrem Material herumgefrickelt haben. Wobei das elektronische Frickeln an den Sounds ja über die Jahre sozusagen zu ihrem Markenkern geworden ist. Was aber diesmal anders ist als auf allen Vorgänger-Alben, ist die große Zahl an mitwirkenden Gastmusikern aus beinahe allen Teilen der Welt. So haben u.a. ein japanischer Sänger, ein Klarinettist aus Chicago, ein Jazzmusiker namens Ben LarMar Gay und eine argentinische Keyboarderin Akzente gesetzt, die man der Platte auch von vorne bis hinten anhört. Man könnte sogar sagen, dass dieses bemerkenswert vielstimmige Album so etwas wie eine musikalische Weltreise geworden ist.
Dennoch wird „Vertigo Days“ getragen vom unverkennbaren Notwist-Sound und erinnert hierin vielleicht am stärksten an den unmittelbaren Vorgänger „Close to the Glass“ (2014). Doch auch die noch früheren Alben werden gelegentlich gerne zitiert, bis hin zum raffinierten Posaunen-Einsatz, der an das großartig jazzige „Shrink“ (1998) denken lässt. Positiv formuliert ließe sich also feststellen, dass es The Notwist gelungen ist, sehr unterschiedliche musikalische Einflüsse in den eigenen Klang-Kosmos zu integrieren und daraus wieder einmal ein in sich rundes und doch abwechslungsreiches Album zu basteln. Durch eine kritischere Brille betrachtet könnte man aber auch zur Einschätzung gelangen, dass den mittlerweile über 50-jährigen Notwist-Brüdern im 32. Jahr ihres Band-Bestehens so langsam die Ideen ausgehen und sie sich nur noch durch weltmusikalische externe Transfusionen und jahrelanges Damitherumfrickeln überhaupt noch künstlerisch am Leben halten können.
Nun mag jede Hörerin und jeder Hörer selbst entscheiden, welcher Sichtweise sie oder er sich anschließen möchte. Aus unserer Sicht neigt sich die Waagschale jedoch ganz klar zum positiven Gesamturteil. Und dieses lautet: gut (13 Punkte).

The Notwist
Vertigo Days
Morr Music 2021
LC 10387

justament.de, 22.3.2021: Charmant auch noch mit 60

Suzanne Vega auf einer Live-Platte mit Songs über New York

Thomas Claer

Diese Künstlerin, das muss ich zugeben, hatte ich lange Jahre aus den Augen verloren. Klar, ihr Frühwerk in den Achtzigern war schon sehr bemerkenswert. Und auch später, in den Neunzigern, hat sie noch ein paar beachtliche Platten herausgebracht. Aber dann gab es von ihr auch schwächere Veröffentlichungen…
Inzwischen ist aber eine Menge passiert: Zunächst einmal hat Suzanne Vega zwischen 2010 und 2012 in einem rebellischen Akt gegenüber ihrer früheren Plattenfirma alle ihre Songs von 1985 bis 2007 noch einmal in reduzierter, eher akustisch gehaltener Form eingespielt und herausgebracht, was ihnen sehr gut getan hat. Diese so genannte Close up-Serie besteht aus vier thematisch geordneten Alben („Love Songs“, „People & Places“, „States of Being“, „Songs of Family“), und sie sind allesamt grandios, deutlich besser als die Originale. Da merkt man erst, was pathetisch glattbügelnde Produzenten dieser Musik zuvor angetan hatten…
Und nach einigen neuen Werken in den letzten Jahren hat diese begnadete Songwriterin nun also noch ein weiteres Themen-Album mit Live-Versionen alter Songs herausgebracht: „An Evening of New York Songs and Stories“, aufgenommen noch kurz vor Corona in einem New Yorker Café. Alles auf dieser Platte dreht sich also um die amerikanische Ostküsten-Metropole, als deren lokalpatriotische und beinahe lebenslängliche Bewohnerin sich die Sängerin hier zu erkennen gibt. Doch bemerkt man beim Zuhören rasch, dass offenbar alle ihrer bekannteren Songs von New York handeln oder zumindest dort spielen: von „Marlene on the Wall“ über das bezaubernde „Luka“ bis hin zu „Tom’s Diner“, das ohne die impertinenten Computer-Beats der Hitparaden-Version ebenfalls in ganz neuem Glanz erstrahlt. So ist am Ende also auch eine Art Best of-Album herausgekommen, das Suzanne Vega zudem noch mit kleinen Geschichtchen über ihr Leben in New York anreichert.
Allerdings spielen die meisten Songs und Stories in einer anderen Zeit und damit auch in einer Stadt mit gänzlich anderem Charakter als dem heutigen New York. Man kann es sich heute kaum noch vorstellen, aber damals hat diese Stadt Künstler, Intellektuelle und junge Leute aus aller Welt ganz unabhängig vom Umfang ihres Geldbeutels angezogen. Und die konnten dann mal eben im Diner an der Ecke sitzen und das urbane Treiben beobachten oder Freundschaft mit ihren unterprivilegierten Nachbarn schließen… Vor allem aber konnte jeder, der wollte, einfach so mitmachen. So ähnlich wie heute in Berlin. Oder sollte man besser sagen: wie in Berlin bis vor zehn Jahren?
Zwei besonders gute Songs auf diesem Album haben die Stadt sogar im Namen: „New York is My Destination” und „New York is a Woman“. Wobei letzterer von der Platte „Beauty & Crime“ aus dem Jahr 2007 stammt, dem letzten und bislang einzigen Suzanne-Vega-Album, das wir in dieser Rubrik bislang besprochen haben. Übrigens besitzt „Beauty & Crime“ sogar einen eigenen Wikipedia-Eintrag und erweist sich bei nochmaligem Hören auch als wirklich gelungen. Warum hatten wir es eigentlich seinerzeit so verrissen? Welcher Idiot hat das nur geschrieben?!
Abschließend ist noch auf die einzige Cover-Version dieses Live-Albums (und vermutlich die einzige überhaupt jemals von Suzanne Vega veröffentlichte Cover-Version) hinzuweisen: „Walk on the Wild Side“ von Lou Reed, das sich hervorragend in diese Platte einfügt. Wobei man Suzanne Vega insgesamt bescheinigen kann, dass sie sich ihre unschuldig-mädchenhafte Stimme und ihren ebensolchen Charme auch noch im angehenden Seniorenalter bewahrt hat. Da verzeihen wir ihr gerne, dass sie mit einem New Yorker Rechtsanwalt verheiratet ist und bevorzugt Hosenanzüge trägt, wo doch fast allen schönen Frauen Kleider weitaus besser stehen, wie auch das Cover-Foto auf dieser Platte beweist… Das Urteil lautet: gut (13 Punkte).

Suzanne Vega
An Evening of New York Songs and Stories
Sony Music/Essential Music 2020
ASIN: B084LLFMRQ

justament.de, 1.2.2021: Wo sind sie hin?

Vor 25 Jahren erschien “Sample & Hold” von Sharon Stoned

Thomas Claer

Mitte der Neunziger. Eine vierköpfige Jungmänner-Band aus der tiefsten ostwestfälischen Provinz, deren Bandname auf einem etwas albernen Wortspiel beruht, hat eine beachtliche Debüt-Platte herausgebracht und damit einen Major-Plattenvertrag an Land gezogen. Auf ihrem zweiten Album wirken dann zahlreiche berühmte Gastmusiker mit, u.a. von Notwist und Tocotronic. Und dieses zweite Album ist so unglaublich gut, dass einem Hören und Sehen vergeht. Doch bald darauf löst die Band sich auf, und man hat nie wieder etwas von ihren Mitgliedern gehört. Heute sind Sharon Stoned, die rätselhaften Sonderlinge, schon beinahe vergessen. Und daher wird es höchste Zeit, sich wieder an sie zu erinnern.

Was also ist das Besondere an “Sample & Hold”, diesem ausgesuchten Meisterwerk des ebenso brachialen wie feinfühlig-melodischen Indie-Sounds, das vor 25 Jahren erschienen ist? Nicht nur vielschichtig und abwechslungsreich ist dieses Album, sondern zugleich auch wie aus einem Guss. Alle 13 Lieder, so unterschiedlich sie auch sein mögen, beziehen sich aufeinander. Mühelos verbinden sich trockenste Hardcore-Gitarren-Riffs mit Jazz-Elementen und elektronischen Spielereien. Alles auf dieser Platte fügt sich ganz beiläufig ineinander, von vorne bis hinten wirkt es unangestrengt und cool.

Wollte man dennoch einzelne Stücke besonders hervorheben, dann am ehesten den Opener “Page” sowie die Uptempo-Gitarren-Nummern “Sample & Hold” und  “Nothing I Could Change”. Doch lässt sich kaum ein Lied auf dieser Platte finden, das weniger Beachtung verdiente. Das Urteil lautet: sehr gut (16 Punkte).

Sharon Stoned
Sample and Hold
Columbia / Sony Music 1996

justament.de, 12.10.2020: Soundtrack einer Juristenausbildung

Vor 25 Jahren erschien “Digital ist besser” von Tocotronic

Thomas Claer

Muss man über das grandiose Frühwerk der Band Tocotronic, das vor einem Vierteljahrhundert seinen Anfang nahm, überhaupt noch große Worte verlieren? Ist denn nicht längst schon alles darüber gesagt? Das schon, ließe sich mit Karl Valentin einwenden, aber noch nicht von jedem. Meine persönliche Tocotronic-Geschichte begann bereits in den frühen Achtzigern, schon lange vor Gründung dieser Band, als ich zu meiner großen Freude eine Armbanduhr aus dem Westen geschenkt bekam, was für ein Ostkind jener Zeit so ziemlich das Größte war, was man sich vorstellen konnte. Entscheidend allerdings war, dass es sich dabei um eine Digitaluhr handelte. So altmodische Uhren mit Zeigern und Zifferblatt waren damals ja sowas von verpönt…

Lange Jahre trug ich fortan meine geliebte Digitaluhr und fühlte mich immer sehr cool damit. Bis ich im Mai 1989, nur wenige Monate vor dem Mauerfall, in den Westen kam und mich auf einem Bremer Gymnasium, umgeben von äußerst stilbewussten jungen Menschen, wiederfand. Schnell bemerkte ich, dass ich dort der einzige war, der eine solche Uhr trug, die noch dazu unter meinen Mitschülern mächtiges Naserümpfen hervorrief. Oh mein Gott, wie uncool war das denn? Wer trägt denn heute noch eine Digitaluhr?! Wahrscheinlich fehlte mir damals, im zarten Alter von 17 Jahren, auch einfach das Selbstbewusstsein, um mich über solche Verächtlichmachungen einfach hinwegzusetzen. Irgendwann gefiel mir meine alte Uhr dann selbst nicht mehr. Nach reiflicher Überlegung kaufte ich mir, ausdrücklich auch aus ökologischen Gründen, eine leuchtend blaue Solaruhr, die ebenfalls sehr schön war, natürlich mit Zeigern und Zifferblatt. Meine Digitaluhr ließ ich in einer Schublade verschwinden und hatte sie bald vergessen.

Mit meiner Solaruhr absolvierte ich das Abitur und bestritt ich auch meine gesamte Juristenausbildung. Aber es irritierte mich dann schon, als Mitte der Neunziger eine Band aus Hamburg in aller Munde war, deren erster Album- und auch Songtitel “Digital ist besser” lautete. Und diese drei Altersgenossen von mir trugen doch wirklich, was man vor kurzem noch für völlig unmöglich gehalten hätte, Trainingsjacken und, ja, tatsächlich auch Digitaluhren! Anfangs ging ich dem nicht weiter nach, auch wenn ich manchmal beim Durchzappen der Fernsehkanäle auf MTV oder Viva etwas davon mitbekam. Aber dann gab es einen in meiner Lern-AG, der Tocotronic-CDs besaß und von ihnen schwärmte. Von ihm lieh ich sie mir aus und überspielte sie mir auf Musikkassetten, die ich dann im Studentenwohnheim auf meinem alten Mono-Kassettenrecorder rauf und runter hörte.

Natürlich war es kein Zufall, dass die Band zu zwei Dritteln aus abgebrochenen Jura-Studenten bestand. Ihre Songs waren wild und eruptiv, oft auch laut und schnell. Die verstimmten Gitarren, das treibende Schlagzeug, die herausgebrüllte Wut in Dirk von Lowtzows Gesang, immer haarscharf neben dem Ton… Und dann diese parolenhaften und zugleich hintersinnigen Texte! So viele von ihnen sprachen mir sowas von aus dem Herzen: “Alles was ich will ist nichts mit euch zu tun haben!” oder “Ich bin viel zu lange mit euch mitgegangen!” Genau das hatte ich mir auch immer gedacht in all den Jahren, hatte aber irgendwie immer den Absprung verpasst, und irgendwann war es dafür dann zu spät. Ich wurde Volljurist und habe dennoch meinen Groll gegen die Juristenausbildung, gegen meine Juristenkollegen, ja gegen alles Juristische überhaupt nicht nur niemals abgelegt, sondern sogar heute noch tief verinnerlicht.

Dennoch wäre ich nie auf die Idee gekommen, meine Solaruhr, die mir immer gute Dienste geleistet hatte, wieder gegen eine Digitaluhr, die nun durch Tocotronic zum Symbol des Slackertums und einer misanthropisch-individualistischen Gegenkultur geworden war, auszutauschen. Erst lange Zeit später, es muss wohl vor sieben oder acht Jahren gewesen sein, gab meine Solaruhr mit einem Mal ihren Geist auf. Das war so plötzlich geschehen, dass ich auf die Schnelle keine Zeit hatte, um mir Gedanken über eine neue Uhr zu machen. Ich musste dringend zu meinen Privatschüler-Terminen und musste dabei vor allem immer wissen, wie spät es war. Hektisch kramte ich in Schränken und durchwühlte Schubladen, und dann hielt ich tatsächlich meine alte Digitaluhr in den Händen. Immerhin, sie lief noch… Mit ihr fuhr ich also zu meinen Nachhilfestunden. Doch was dann geschah, hatte ich nicht erwartet. “Wow, coole Uhr!”, rief mir mein arabischer Schüler in Schöneberg zu. “Sie haben aber eine hübsche Uhr”, fand meine Siebtklässlerin in Mitte. Da wusste ich, dass ich mir das Geld für die Anschaffung einer neuen Uhr sparen konnte. Am selben Abend hörte ich nach langer Zeit wieder den Song “Digital ist besser” – und trage seitdem nur noch Digitaluhren. Als meine alte aus den Achtzigern nach einigen Monaten dann doch nicht mehr funktionieren wollte, kaufte ich mir eine identische neue.

Aber zurück zu Tocotronic: Fünf fantastische Alben in fünf Jahren haben Tocotronic von 1995 bis 1999 herausgebracht. Von beinahe allem, was später von ihnen kam, muss man, ehrlich gesagt, dringend abraten, das war dann fast nur noch weichgespülter Mist. Aber das Frühwerk von “Digital ist besser” bis zu “K.o.o.k.” ist und bleibt gigantisch. Und zu ihren Texten muss man sagen, dass sie keineswegs schlechter sind als die von, sagen wir, Bob Dylan. Und auch gewiss nicht schlechter als die Lyrik dieser Frau Glück, die bis vor wenigen Tagen noch niemand kannte.

Das Urteil für Tocotronics Frühwerk kann daher nur lauten: Gebt ihnen den Nobelpreis!

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Tocotronic

Digital ist besser

L’age d’ or 1995

justament.de, 14.9.2020: Kritik der Kollateralschäden

Maike Rosa Vogel auf ihrer sechsten CD “Eine Wirklichkeit”

Thomas Claer

Leidenschaftlich, kraftvoll und energisch sind die Frauen des Jahrgangs 1978, geboren im Jahr des Pferdes nach dem chinesischen Horoskop. So wie Franziska Giffey oder Charlotte Roche – oder wie Maike Rosa Vogel, deren mittlerweile sechste CD wir gerade glücklich in den Händen halten. Und alles, was diese wort- und klanggewaltige Liedermacherin aus Prenzlauer Berg ausmacht, findet sich in der gewohnten Fülle auch auf diesem Tonträger. Zwar ist sie, man muss es immer wieder betonen, eigentlich am besten, wenn sie nur mit ihrer Gitarre bewaffnet auf der Bühne steht, weshalb ihr neues, aufwendig instrumentiertes Album mit Auftritten mehrerer Gastmusiker streckenweise ein wenig überproduziert wirkt. Und doch ist ihr manches, und gar nicht so weniges, auf “Eine Wirklichkeit” sogar auf besondere Weise gelungen. So enthält diese Platte selbst nach ihren Maßstäben eine ungewöhnliche Vielzahl herausragender Songs: das feurige Liebeslied “Nie genug”; das melancholisch-tiefsinnige “Die gleichen Stümper”; das dank Sven Regeners Jazz-Trompete und auch sonst bemerkenswert groovende “Baby & Johnny” (noch dazu mit einem so anrührenden Text!); das ein – für ihre Verhältnisse – erstaunlich realistisches Menschenbild textlich und musikalisch umsetzende “Der allerletzte Grund” (es geht um die Schönheit des Angebeteten, die von außen und die von innen, wobei diese natürlich ganz maßgeblich im Auge der Betrachterin liegt…) und – nicht zu vergessen – “Einfach so”, das heitere Duett mit dem Kollegen Felix Meyer, das einen schon ziemlich an das Lied “Herz ist Trumpf” von Achim Reichel erinnert, was aber keineswegs ein Einwand sein soll. So wie auch der Refrain im Lied “Heimat” schwer nach “Watt?” von Torfrock klingt, was aber ebenfalls nicht schlimm ist…

Doch nun zum stärksten Song des Albums, der schon zwei Jahre alt ist und auf dieser Platte in einer (musikalisch) anderen Version erscheint als auf YouTube: “Unser Geld ist wichtiger als ihr”. Ein rigoroser und kompromissloser antikapitalistischer Protestsong, wie er im Buche steht! Er richtet sich mit aller Wucht gegen “die Autoindustrie” und “die Vermieter”. In (selbst-)gerechtem Zorn klagt das lyrische Ich über letztere wie folgt:

“In Deutschland nehmen Menschen
Mieten von den anderen Menschen,
Die nicht die Sorge haben, sich zu überlegen,
Wie sie ihr Erbe investieren in Immobilien in Berlin
Denn bei der Bank gibt es gerade viel zu wenig Zinsen.
Und damit die mit so viel Geld überhaupt noch was verdienen,
Zahlen andere die immer höheren Mieten.
Selber kaufen können sie nichts,
Denn aus kapitalistischer Sicht
Bist du frei genug zum Miete zahlen,
Aber gehören tut dir dadurch nichts.
Und immer dann, wenn einer etwas kann,
Was andere nie können,
Nur weil er Geld hat
Und er hat es nicht verdient.
Ist das ein Fuckyou an die Menschheit,
Jeden einzelnen von uns,
Das sagt: unser Geld ist wichtiger als wir.

Und immer dann, wenn einer nimmt von Menschen, die kaum etwas haben,
Damit der große Haufen Geld von ihm noch etwas größer wird,
Ist das ein Fuckyou an die Kinder dieser Menschen,
Das sagt: Unser Geld ist wichtiger als ihr.”

So sieht es aus Mieterperspektive also aus, ein Schlag voll in die Fresse der Kleinvermieter. Und damit hat das erzählende Ich in diesem Song zweifellos (s)eine subjektive Wahrheit ausgesprochen – und das in meisterhafter Zuspitzung. Aber… Eigentlich könnte und müsste man eine längere Abhandlung, ja einen ganzen Roman über die Einseitigkeit und himmelschreiende Ungerechtigkeit dieser Haltung schreiben! Hier nur so viel in aller Kürze: Wirklich abenteuerlich wäre es, Berliner Vermietern maßlose Gier und Gewinnstreben vorzuwerfen, wenn sie mit den Wohnungen, in die sie investiert haben, Renditen von weit weniger als drei Prozent einfahren (was heute die Regel ist), während das Vermieten auch noch mit einem erheblichen Kraft- und Zeitaufwand verbunden ist, insbesondere was die oft äußerst mühsame Organisation von Reparaturen und Renovierungen betrifft. (Jene Vermieter hingegen, die heute Renditen zwischen vier und sechs Prozent erzielen, haben ihre Berliner Wohnungen bereits in Zeiten gekauft, als noch ein signifikantes Leerstandsrisiko bestand. Sie sind also ein unternehmerisches Risiko eingegangen und werden dafür nun belohnt; es hätte für sie aber auch schiefgehen können…) Und wer sich das Vermieten bei so begrenztem Anreiz nicht mehr antun möchte, kann seine Wohnungen doch jederzeit auch an Selbstnutzer verkaufen und sie somit dem Mietmarkt entziehen, was die Wohnungsnot weiter vergrößern würde. Es wäre also völlig verfehlt, kleinen Vermietern die Schuld an der Wohnungsmisere zuzuschreiben. Man sollte ihnen eher Anerkennung zollen, dass sie die Mühen (und oftmals auch den Ärger!) des Vermietens weiter auf sich nehmen. Wer wirklich viel Geld hat, würde seine Wohnungen doch niemals vermieten (bei im Verhältnis zu den eingesetzten Mitteln so überschaubaren Erträgen), sondern sie nur als Geldparkplatz behalten und leer stehen lassen bzw. vielleicht einmal im Jahr ein paar Tage darin verbringen.

Aber das lyrische Ich wälzt ja auch keineswegs alle Schuld auf die einzelnen Vermieter ab, sondern beschreibt sehr zutreffend den Anlagenotstand aufgrund der Niedrigzinspolitik der Zentralbanken. Trifft dann also EZB, Fed & Co., diese Erfüllungsgehilfen des Finanzkapitals, die Hauptschuld? Wer das glaubt, sollte sich vor Augen halten, dass die entschlossene Niedrigzinspolitik der Notenbanken als Reaktion auf die Finanzkrise 2008f. und aktuell als Reaktion auf den Corona-Lockdown entscheidend dazu beigetragen hat, eine Weltwirtschaftskrise zu verhindern, wie wir sie vor knapp einem Jahrhundert erlebt haben, die Millionen von Menschen in den wirtschaftlichen Ruin getrieben hat und den Zweiten Weltkrieg mit seinen vielen Millionen Toten mit herbeigeführt hat. Nur weil die Zentralbanken – geleitet von fachwissenschaftlichem Sachverstand – diesmal die angemessenen Lehren aus der Geschichte gezogen und die Geldmenge erhöht statt wie damals gedrosselt haben, sind uns Massenarbeitslosigkeit, Not und Elend erspart geblieben. Allerdings führt eine solche jahrelange Politik des billigen Geldes zwangsläufig zu einer Inflation der Vermögenspreise, lässt also den Wert von Immobilien und Aktien (sofern es grundsätzlich eine Nachfrage für sie gibt) bedeutend steigen, was “Kollateralschäden” wie den im Lied beschriebenen (“immer höhere Mieten”) mit sich bringt.

Natürlich ist es legitim und sogar außerordentlich verdienstvoll, dies anzuprangern, da hier ein politisches Gegensteuern nötig ist, das allerdings zielführend und intelligent sein sollte, was eine gesetzliche Deckelung der Miethöhe ganz sicher nicht ist, da sie Anreize zum Investieren abwürgt und die Wohnungsnot dadurch nur verschlimmert… Und noch dazu erscheint das aktuelle Mietniveau in Berlin – trotz der rasanten Anstiege der letzten Jahre – sowohl im nationalen als auch im internationalen Vergleich noch als äußerst moderat. (Wir reden über die Hauptstadt der viertgrößten Volkswirtschaft der Welt und die fünftgrößte Stadt Europas!) Und niemand sollte die Augen davor verschließen, was die Bewirtschaftung einer Immobilie auf lange Sicht kostet und wie wenig von den Einnahmen der Vermieter als deren Gewinn übrig bleibt. Das Problem in Berlin sind jedenfalls eher die ungewöhnlich niedrigen Löhne als die angeblich zu hohen Mieten!

Ist dann also letzten Endes doch wieder “der Kapitalismus” schuld mit seiner perversen Logik der Gewinnmaximierung, die alle Beteiligten nur zu Getriebenen macht? So suggerieren es ja die beiden letzten zitierten Strophen des Songs. Und auch hier kann man nur sagen: Die Kritik dieser Kollateralschäden des Kapitalismus – wer Geld hat, kann etwas, was andere nicht können – ist aller Ehren wert. Aber wäre es ohne Kapitalismus wirklich besser? Wenn nicht das Portemonnaie, sondern eine Partei bestimmt, wer etwas darf und wer nicht und wer eine Wohnung bekommt und wer nicht? Denn die Wohnungsnot wäre ja auch nach einer Abschaffung des Kapitalismus keineswegs beseitigt, solange die Nachfrage nach Wohnungen in bestimmten Lagen das bestehende Angebot bedeutend überschreitet… Bis vor dreißig Jahren hat man westlichen Kapitalismuskritikern immer gesagt: “Geh doch nach drüben!” Bis sich die Grenzen öffneten und die Menschen mit den Füßen abgestimmt haben, in umgekehrter Richtung. Heutigen Kapitalismus-Kritikern könnte man stattdessen sagen: “Geh doch ins rot-rot-grüne Mietendeckel-Berlin und versuch dort mal, eine Wohnung zu finden!” Nur dass diesmal ironischerweise die Abstimmung mit den Füßen genau in diese Richtung erfolgt. Alle wollen nach Berlin, obwohl es so schwer ist, dort eine Wohnung zu finden…

Aber nun habe ich doch wieder so viel geschrieben, was ich eigentlich gar nicht wollte. Es ist einfach so aus mir herausgebrochen… Doch was kann man Besseres über den Song einer Liedermacherin sagen, als dass er profunde Denkanstöße gibt und zu tiefschürfenden Diskussionen und ausschweifenden Betrachtungen einlädt. Ein paar schwächere Stücke sind auch noch auf dem Album, aber die fallen nicht weiter ins Gewicht. Einen Extrapunkt gibt es für das prachtvoll gestaltete Booklet mit z.T. atemberaubenden Fotos aus Maikes wilder Jugendzeit. Das Gesamturteil lautet: gut (13 Punkte).

Maike Rosa Vogel
Eine Wirklichkeit
Eigenvertrieb 2020
www.maikerosavogel.com