Category Archives: Über Musik

justament.de, 29.7.2019: Björk-Single, 24 Jahre später

Scheiben vor Gericht Spezial: Justament-Autor Thomas Claer über seine lange Jagd nach einem Tonträger

Die schönsten Glücksmomente im Leben sind oft jene, auf die man am längsten gewartet hat. Und die besten Chancen, doch noch an das zu kommen, was man sich so sehr gewünscht hat, bieten sich, wenn jemand anders irgendwann genau das nicht mehr haben will…

Damals, 1995, als Jura-Student in Bielefeld, war ich im dritten oder vierten Semester und bereits seit Jahren ein leidenschaftlicher Jäger und Sammler spezieller und seltener Tonträger. Und ganz besonders hatte es mir eine CD-Single der von mir heiß geliebten isländischen Pop-Sängerin Björk angetan. Wochenlang hatte ich sie bei meinen regelmäßigen Besuchen in meinem Lieblings-Plattenladen „Ween“ am Jahnplatz beobachtet: Sie enthielt gerade einmal zwei Songs: „It’s Oh So Quiet“ und „You’ve Been Flirting Again (Islandic Mix)“, aber sie steckte – was ganz wichtig war – in einem wunderschönen bunten Cover. Es war ein einfaches Card-Sleeve mit einer großen Abbildung von Björks Gesicht, gestützt in ihre Hände. Die junge Björk war damals sehr fotogen und posierte in ihren großartigen Musikvideos und auf ihren Plattencovern immer wieder in den unterschiedlichsten Aufmachungen und Posen. Aber keines ihrer Bilder gefiel mir so gut wie dieses auf dem Card-Sleeve dieser CD-Single. Natürlich wollte ich sie unbedingt haben, aber ich zögerte noch. Sie war nicht besonders teuer, ich glaube 9,95 DM. Doch etwas gleich zu kaufen, was mir gefiel, war nie meine Art. Ich wollte sie mir später als Belohnung gönnen, nach einer bestandenen Klausur.

Doch dann war sie nicht mehr da. Halb so schlimm, dachte ich mir, die kriege ich sicherlich auch noch woanders. Aber das war, wie sich später herausstellen sollte, nicht so ganz einfach. Nirgendwo, in keinem Plattenladen, weder in Bielefeld noch woanders, sah ich sie wieder, egal wo ich nach ihr Ausschau hielt. Einige Jahre später, das Internet war inzwischen erfunden, versuchte ich es auf Ebay. Dort gab es sogar mehrere Versionen der Single von „It’s Oh So Quiet“, aber die von mir gesuchte mit der Abbildung von Björk, die ihren Kopf in ihre Hände stützt, war nicht dabei. Viele Jahre später machte ich mich auf der Spezial-Seite für seltene Popmusik discogs.com schlau. Was ich suchte, so erfuhr ich dort, war die nur für den amerikanischen Markt bestimmte Version dieser Single, die in Deutschland eigentlich gar nicht verkauft werden durfte. Der Laden „Ween“ am Jahnplatz in Bielefeld hatte sich seinerzeit offenbar darüber hinweggesetzt. So wie er es manchmal getan hatte. Ich hatte dort auch einmal eine Tocotronic-CD namens „The Hamburg Years“ erworben, die auch nicht für den deutschen Markt bestimmt war und heute sicherlich sehr wertvoll geworden ist. Nun hatte ich auf discogs.com also die Möglichkeit, das Objekt meiner Begierde für ca. 20 Euro inklusive Porto und Verpackung von einem internationalen Anbieter zu erwerben. Aber das wollte ich nicht, da ich schon manchmal die Erfahrung gemacht hatte, dass sich englische oder amerikanische CD-Pressungen hierzulande nicht richtig abspielen ließen.

Noch einige Jahre lang beobachtete ich die Angebote auf der discogs-Seite. Und dann traute ich vor ein paar Wochen meinen Augen kaum, als ich dort die von mir gesuchte Björk-Single inseriert fand. Von einem deutschen Anbieter, zum sagenhaften Preis von 2,50 Euro, zuzüglich 2 Euro Porto. Sofort bestellte ich sie mir und staunte nicht schlecht, als ich sie dann endlich in den Händen hielt und den Absender auf dem gepolsterten Briefumschlag las: Es war jemand aus… Bielefeld! Vermutlich war es ja genau der, der sie mir damals vor 24 Jahren weggeschnappt hatte!

Advertisements

justament.de, 8.7.2019: Warum ich alle meine Smiths-Platten behalte

Scheiben vor Gericht Spezial: Justament-Autor Thomas Claer über Morrissey, Nolde, Hauptmann und Spacey

Nun hat sich sogar Nick Cave zu dieser peinlichen Angelegenheit auf seiner Homepage geäußert: „Vielleicht ist es besser, Morrissey einfach seine Ansichten haben zu lassen, ihnen zu widersprechen, wann und wo immer es möglich ist, aber seine Musik weiterleben zu lassen. Wenn man bedenkt, dass wir alle widersprüchliche Individuen sind – chaotisch, fehlerhaft und anfällig für Verrücktheiten. Wir sollten Gott danken, dass es unter uns einige gibt, die Werke von einer Schönheit schaffen, die alles übertrifft, was sich die meisten von uns vorstellen können, auch wenn einige dieser Menschen regressiven und gefährlichen Glaubenssystemen zum Opfer fallen.“ Weise Worte, die einem dabei helfen können, den verzweifelten Spagat auszuhalten zwischen unverminderter Bewunderung für das großartige Werk der englischen Indie-Rock-Band The Smiths (1982-1987) und heftigem Abscheu angesichts der aktuellen politischen Äußerungen ihres genialen Sängers und Texters.

Inzwischen besteht nämlich kein Zweifel mehr daran, dass der mittlerweile 60-jährige Morrissey, der seit Jahren offen für eine rechtsradikale Partei wirbt, sich vollkommen ideologisch verrannt hat. 2017 behauptete er in einem Interview mit dem SPIEGEL, Berlin (ausgerechnet unser weltoffenes Berlin!!) sei im Zuge der Flüchtlingskrise in Deutschland ab 2015 aufgrund der Zuwanderung von Muslimen zur „Vergewaltigungshauptstadt“ Europas geworden. Multikulturalismus führe letztlich dazu, dass es gar keine Kultur mehr gebe: „Millionen Menschen“ seien für die deutsche Identität gestorben; jetzt gelte es, das Land vor Migranten zu beschützen. Seitdem hat er solche und ähnliche Äußerungen mehrfach wiederholt. Er hat offenbar völlig den Verstand verloren…

Aber was folgt nun daraus? Sollte man jetzt nicht konsequenterweise alle seine Smiths-Platten verkaufen, so wie unsere Bundeskanzlerin alle ihre Emil Nolde-Bilder aus ihrem Büro entfernt hat, nachdem bekannt wurde, dass dieser Maler im Dritten Reich keineswegs ein Dissident, sondern in Wirklichkeit ein glühender Nazi gewesen ist? So wie manche Cineasten nach den MeToo-Enthüllungen alle ihre Filme mit dem Schauspieler Kevin Spacey aussortiert haben?

Aber so etwas passiert ja öfter, dass bedeutende Künstler sehr fragwürdige Dinge tun oder sagen. Doch muss man immer wieder betonen: Dies ändert nichts an der Beurteilung ihrer Kunst. Wie sagte Marcel Reich-Ranicki: „Gerhard Hauptmann war auch dann noch ein großer Schriftsteller, als er die Hand zum Hitlergruß erhoben hat.“ Etwas anderes wäre es, wenn die betreffende Kunst selbst menschenverachtend wäre. Das gibt es natürlich manchmal auch, aber nicht in allen hier genannten Fällen: Gerhard Hauptmanns naturalistische Theaterstücke, Kevin Spaceys Filme, Emil Noldes expressionistische Bilder, das um jugendliche Einsamkeit, unerwiderte Liebe, Außenseitertum und Individualismus kreisende Werk von The Smiths sprechen für sich selbst. Niemand muss sich für seine Smiths-Platten im Regal schämen, da kann Morrissey heute sagen, was er will. Seine Kunst (zumindest seine frühere) ist größer als er selbst. Allerdings: Wäre ich deutscher Bundeskanzler, nur einmal angenommen, und hätte Smiths-Platten in meinem Büro, dann würde ich sie nunmehr vielleicht doch lieber woanders hinstellen, da von ihnen ja auch eine öffentliche Wirkung ausginge. Es könnte ja jemand in den falschen Hals kriegen… Aber so als kleiner Justament-Musikkritiker, da lasse ich meine Vinyl-Schätze doch einfach da, wo sie sind, und erfreue mich trotz allem an ihnen.

„Sumisu“ Farin Urlaub

justament.de, 10.6.2019: 40 Jahre Outlandos d’Amour

Scheiben vor Gericht Spezial: Das aufregende Debüt-Album von „The Police“ im Rückspiegel

Thomas Claer

Wenn eines Tages die Kanonisierung der Rock- und Popmusik endgültig abgeschlossen ist, wenn junge Menschen nicht mehr viel mit dem anfangen können, was ihre Urgroßeltern einst so in Wallung brachte, dann wird die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts unter Kennern vermutlich als eine glänzende Epoche der Musikgeschichte voll überraschender und eruptiver Kreativität gelten. Besonders bemerkenswert könnte den Nachgeborenen dann die stilistische, aber auch rein quantitative Breite dieser Jugendbewegung erscheinen, die schließlich zur Massenkultur wurde. Denn hinter der „ersten Reihe“, den Beatles und Rolling Stones, Madonna oder auch Nirvana, gibt es eine solche Vielzahl exzellenter Vertreter dieses Genres zu entdecken, dass man damit, hat man sich erst einmal darauf eingelassen, wohl kaum jemals zum Ende kommt. Vor allem aber sind es mehrere britische Bands, die vehement ihren Platz in der „zweiten Reihe“ einfordern.

Ganz vorne mit dabei, neben The Cure, Depeche Mode oder The Smiths zum Beispiel, wären dann natürlich auch „The Police“. Nur unrettbare Ignoranten sehen in dieser fulminanten New Wave-Band, die ihre fünf LPs zwischen 1978 und 1983 veröffentlichte, allein die Jugendsünde des späteren Mega-Stars Sting. Zugegeben, in ihrer Spätphase mit gediegenen Songs wie „Every Breath You Take“ klangen sie schon fast so langweilig wie ihr Sänger und Bandleader in seiner anschließenden Solokarriere. Doch darum soll es hier natürlich nicht gehen, sondern um ihr explosives Frühwerk, insbesondere um ihre vor vier Jahrzehnten erschienenen ersten beiden Platten „Outlandos d‘Amour“ und „Regatta de Blanc“, die einen in ein ganz eigenartiges Klanguniversum entführen.

London, Ende der Siebzigerjahre. Ein wildes Sammelsurium musikalischer Einflüsse. Die Reggae-Musik aus den Einwanderervierteln mischt sich mit Punk und New Wave. Drei junge Männer in den Zwanzigern, Gitarre, Bass und Schlagzeug, nehmen sich von überall das Beste und zaubern daraus etwas, das die Welt noch nicht gehört hatte: den hohen, fast dissonanten Gesang von Sting, das atemberaubende Off-Beat-Reggae-Schlagzeug von Stewart Copeland und die schroffe Gitarre von Andy Summers. Vor allem aber auch jene simplen, eindrucksvollen Songtexte, die allesamt von jugendlicher Einsamkeit und Verlorenheit handeln…

Anfang der Neunzigerjahre besuchte ich in Bremen die gymnasiale Oberstufe und hatte dort als Zugezogener aus dem Osten keinen ganz leichten Stand. Es war verdammt schwer, sich in diesem Umfeld aus verwöhnten Großbürgerkindern und Stadtvillenbewohnern Respekt zu verschaffen, denn neben der richtigen Kleidung, je abgerissener, desto besser, zählte hier vor allem eines: der richtige Musikgeschmack. Und hier galt natürlich: je schräger, desto besser. Und noch dazu gab es auf dem Schulhof eine Vielzahl von Grüppchen, die eine jeweils ganz eigene Auffassung davon hatten. Auf eines aber konnten sich alle einigen, wenn an den Wochenenden in den Kellern der prächtigen Bürgervillen die Partys tobten, sobald nur jemand „sturmfreie Bude“ hatte: die Musik von „Police“. Alle waren so cool, so unnahbar, aber nie werde ich vergessen, mit welcher Inbrunst alles lauthals mitsang, sobald „So Lonely“ von „Police“ aus den Lautsprechern ertönte. Dieses Lied durfte auf keiner Party (die man damals auch gerne noch „Fete“ nannte) fehlen. Vor allem sein Mittelteil trieb das junge Partyvolk regelmäßig zur Ekstase, während die Lautstärke vom anfänglichen Pianissimo zum überschwänglichen Fortissimo anschwoll:

(…)
Lonely, I’m so lonely
I feel so alone
I feel low
I feel so
Feel so low
I feel low, low
I feel low, low, low
I feel low, low, low
I feel low, low, low
I feel low, low, low
I feel low, low, low
Low, I feel low
I feel low
I feel low
I feel so lonely
I feel so lonely
I feel so lonely, lonely, lonely, lone
Lone, lone, lone
I feel so lonely
So lonely
So lonely
So lonely
(…)

Darin konnten sie sich, so denke ich mir heute, wohl alle selbst wiedererkennen. Nur in dieser Musik war es ihnen möglich, sich zu öffnen und aus ihrem mentalen Panzer aus Coolsein und Posieren einmal ausbrechen. So wie es ja auch im Refrain eines anderen großen Songs von „Police“ heißt: „Sending out an SOS“.

The Police
Outlandos d‘Amour
A & M Records (Universal Music) 1979

justament.de, 22.4.2019: Packende Zeitreise

Achim Reichel präsentiert „Das Beste“ – mal wieder…

Thomas Claer

Musste das jetzt noch sein? Schon wieder eine Best of-Platte von Achim Reichel? Das hatten wir doch nun schon mehrfach, zuletzt gab es „Solo mit euch“ (2010), davor das große Jubiläumskonzert zum 60. Geburtstag (2004), noch davor „Herz ist Trumpf – Das Beste von Achim Reichel“ (1997) und wiederum davor „Große Freiheit“ (1994), die Live-Platte zum 50. Geburtstag. Bedenkt man aber die Zeitabstände zwischen den Veröffentlichungen und lauscht sich durch die neue Zusammenstellung mit ihren zahlreichen seltenen Spezialversionen und besonders gelungenen Live-Aufnahmen, dann findet man am Ende doch, dass das Ganze schon irgendwie seine Berechtigung hat.

Und gerade wer viele der alten Stücke schon lange nicht mehr gehört hat, den kann diese launige Zeitreise auf zwei CDs durchaus packen, und man erkennt, wie dieser eigenwillige Sänger und exzellente Gitarrist, der jederzeit für eine Überraschung gut war, die Musikwelt immer wieder mit seinen Experimenten bereichert hat. Klar, es gibt die glattgebügelte, kommerzielle und radiotaugliche Seite dieses Musikanten, die auf diesem Querschnitt durch sein Schaffen auch unüberhörbar zu ihrem Recht kommt. Natürlich dürfen all die Radio-Hits aus den Achtzigern und Neunzigern nicht fehlen, von denen einige dem Deutschen Schlager schon bedenklich nahekommen. Das ganz schräge Zeug andererseits, die komplette erste Hälfte der Siebziger mit „A.R. und Machines“, mit „Wonderland“ und „Propeller“, bleibt dafür leider ausgespart, ebenso wie die Sechziger mit den „Rattles“. Dafür ist aber immerhin die zweite Hälfte der Siebziger mit den Seemannsliedern und Balladen-Vertonungen reichlich vertreten. Gleich sechs Titel von der „Regenballade“ (darunter das phänomenale „Nis Randers“) sind – verdientermaßen – auf der Platte, doch bedauerlicherweise nur zwei vom „Klabautermann-“ und nur einer vom “Shanty Alb’m”.

Was die späteren Schaffensphasen angeht, so ist nahezu von jeder etwas dabei. Ein nicht ganz unproblematischer weiterer kleiner Schwerpunkt liegt auf dem Album „Volxlieder“ von 2006. Zwei der hiervon ausgewählten drei Songs, „Heidenröslein“ und „Der Mond ist aufgegangen“, zählen fraglos zum berühmtesten deutschen Liedgut überhaupt, sind in Reichels Umsetzung aber keineswegs als sonderlich gelungen anzusehen, wohingegen der dritte, „Oh wie kalt ist mir geworden“, schon um einiges besser ist. Überhaupt haben diese Volkslied-Adaptionen seinerzeit so manche Irritationen ausgelöst, zumal Reichel damals leichtsinnigerweise dem rechtslastigen „Ostpreußenblatt“ ein Interview gegeben hatte, in dem er u.a. mit den Worten zitiert wurde, jedes Volk müsse sich auch zu seinem traditionellen Liedgut bekennen. Man fragt sich, ob das eine oder andere weniger starke Stück – so der Multikulti-Song „Kuddels Revolution“ oder der Umwelt-Protestsong „Exxon Valdez“ – es vor allem deshalb auf das Album geschafft hat, um diesen im Grunde unpolitischen Künstler in ein politisch (wieder) besseres Licht zu rücken. Dafür mussten andere Song-Perlen (wie etwa „Blues in Blond“ oder „Der Klabautermann“) leider außen vor bleiben.

Doch wird man sich letztlich bei jeder Kompilation dieser Art über die Auswahl des Materials streiten können. Der hervorragende Gesamteindruck bleibt davon unberührt. Das Urteil lautet: gut (14 Punkte).

Achim Reichel
Das Beste (2 CDs)
Tangram / BMG 2019

justament.de, 11.3.2019: Heiter statt wolkig

„Die Heiterkeit auf ihrem großartigen vierten Album „Was passiert ist“

Thomas Claer

Juristen-Popstars, also erfolgreiche Gesangskünstler mit abgeschlossener juristischer Ausbildung, gibt es keineswegs wie Sand am Meer. Dieter Meier von Yello fällt einem da ein und auch noch der singende Rechtsanwalt Paolo Conte. Aber sonst? Von Juristinnen mit Popstar-Status hatte man bislang sogar noch nie etwas gehört. Doch nun ist alles anders, denn wir haben Stella Sommer, 32, examinierte Juristin, und ihre gefeierte Band „Die Heiterkeit“, mit der sie parallel zu ihrer Juristenausbildung seit 2010 drei vielbeachtete Alben aufgenommen hat. (Hinzu kommt noch ein sogenanntes Soloalbum im vorigen Jahr.)

Dieser Bandname, das muss man wissen, war von Anfang an nicht gerade als programmatisch zu verstehen. Reichlich unterkühlt in jeder Hinsicht präsentierte sich die ursprünglich aus Sankt Peter-Ording in Schleswig-Holstein stammende junge Dame mit den kryptischen Texten und der markanten Stimme (zwischen Nico und Hildegard Knef) auf ihren früheren Veröffentlichungen. Aber jetzt, auf ihrer vierten Platte, muss, wie es der Albumtitel bereits andeutet, etwas passiert sein. Denn eine ganz andere, viel positivere, ja überschwängliche Grundstimmung – vor allem im Vergleich zum etwas zwiespältigen Vorgängeralbum „Pop und Tod I+II“ von 2016 – durchzieht „Was passiert ist“. Die von der Musikpresse einst ausgerufene „Göttin aus Hamburg“, die mittlerweile längst in Berlin lebt, hat sich hier regelrecht neu erfunden. Vor allem gilt das für ihre Texte. Was bei ihr früher zumeist vage, wolkig und unbestimmt klang, ist nun erfreulich zugänglich geworden.

Man könnte auch sagen: Als Textdichterin ist Stella Sommer spürbar gereift. „Zeit ist nur ein Gummiband, das man zwischen Menschen spannt“, heißt es in „Jeder Tag ist ein kleines Jahrhundert“. (Ein wahrlich abgründiger Vers, wenn man es bedenkt.) Und „Das Loch ist bodenlos und frisst sich langsam groß“. Zu erleben sind kraftvolle Texte mit mutigen, unverbrauchten Metaphern. „Die Sterne am Himmel sind ausgelaufen, der Himmel ist jetzt ein Aschehaufen“. Wer so textet, geht voll ins Risiko – und wird am Ende belohnt. Man ahnt es ja, was das lyrische Ich umtreibt. „Ich bin in allem, was du siehst, in den Büchern, die du liest.“ „Es ist nur ein Blick, es ist ein Trick, es geht voran und zurück.“ Und „Ich bin in allem, was du kennst, eine Kerze, die immer brennt.“ Die Eisprinzessin wurde zum Schmelzen gebracht, wirkt befreit und beglückt.

Musikalisch ist dieses – Gott sei Dank nicht wieder so überlange – Album vielschichtig geraten mit Klavier, Bläsern und viel Elektronik. Nur selten wird es etwas rockig. Und leider gibt es gar keine Schrammel-Gitarren mehr, die noch die ersten beiden Heiterkeits-Platten geprägt hatten. Dafür aber viele Chöre, immer haarscharf an der Grenze zum Schlagerkitsch. Doch fällt das alles gar nicht besonders ins Gewicht, denn wir haben ihre Stimme, und wir haben ihre Texte. Auch die Kompositionen sind durchweg beachtlich, es sind kaum schwächere Songs auszumachen. Besonders schön vielleicht: „Wie finden wir uns?“ – eine wahrlich große, vieldeutige Frage. Und dann heißt es in „Alles sieht groß aus“: „Wir wissen, was zu tun ist, und heben es uns auf“.

Stella Sommer hat auf dieser Platte etwas ganz Eigenständiges geschaffen. Das Urteil lautet: gut (13 Punkte)

Die Heiterkeit
Was passiert ist
Buback 2019

http://dieheiterkeit.de/

justament.de, 28.1.2019: No Woman, No Cry?

Phillip Boa & The Voodooclub auf „Earthly Powers“

Thomas Claer

Ist Phillip Boa heute eigentlich noch irgendwie relevant? Damals, in den Achtzigern, war er seiner Zeit weit voraus, dann wurde er schwächer, doch gelegentlich gab es von ihm auch später noch stärkere Veröffentlichungen. Seine letzte „gute Zeit“ hatte er mit den Alben „Loyalty“ (2012) und „Bleach House“ (2014). Letzterem, das muss ich hier selbstkritisch einräumen, hatte ich seinerzeit an dieser Stelle zu Unrecht die verdiente Anerkennung verweigert. Dabei bezog es sich auf gar nicht ungelungene Weise auf das grandiose Frühwerk der Band und brauchte nur etwas mehr Zeit, um seine volle Wirkung in den Gehörgängen des Rezensenten zu entfalten. Und auch das Nachfolgealbum „Fresco“ (2016), das erstaunlicherweise nur als Bonus-CD zum Best of-Album „Blank Expression“ herauskam, konnte streckenweise überzeugen, zumal es mit „Twisted Star“ sogar einen richtig großen Popsong enthielt.

Nun also wieder eine neue Boa-Platte, das insgesamt zwanzigste Studio-Album (sofern man das besagte „Fresco“ mitrechnet, was man unbedingt tun sollte). Auffällig ist zunächst: Phillip Boa hat die Haare kurz. Und man muss sagen, es steht ihm gut. Mit seinen inzwischen auch schon 56 Jahren ist er also zumindest optisch noch in ganz guter Verfassung. Was aber ebenfalls gleich ins Auge (und ins Ohr!) springt: Es fehlt diesmal der – für den Voodooclub so essentielle – weibliche Gesangspart bzw. er beschränkt sich auf eine dünne Background-Stimme. Ob das so eine gute Idee war? Nach dem endgültigen Abschied der wunderbaren Pia Lunda (2013), die über lange Jahre eine tragende Säule der Band gewesen war, glaubte man schon, in der sehr begabten Pris, die auf „Bleach House“ rundum überzeugen konnte, eine würdige Nachfolgerin gefunden zu haben. Doch irgendwie hat es der exzentrische Phillip Boa wohl geschafft, die junge Dame so nachhaltig zu vergraulen, dass sie nie wieder mit ihm singen wollte… Seitdem versuchte man es mit wechselnden Sängerinnen – und nun also (fast) ohne. „No Woman, No Cry“ wird sich Bandleader Phillip möglicherweise gedacht haben. Doch ist dies ja bekanntlich – die Älteren werden sich an das missratene Album „Lord Garbage“ (1998) erinnern – schon einmal in die Hose gegangen…

Kein gutes Omen also für „Earthly Powers“. Und in der Tat: Beim ersten Durchhören kommt keine große Freude auf. Die Songs wirken wenig inspirierend, das Songwriting mäßig kreativ. Immerhin hart und schnell von der Grundtendenz her, doch gleichzeitig, wie so oft bei diesem Künstler, immer eine Spur zu bombastisch. Beim zweiten, dritten, vierten, fünften Anhören gewinnen die Lieder teilweise an Kontur, aber eine richtige Pop-Perle lässt sich dennoch nicht finden. Am ehesten können noch „Cruising“, „Strange Days After the Rain“ und „Moonlit“ überzeugen. Immerhin gibt es diesmal keine wirklich peinlichen Momente auf der Platte. Es lässt sich alles hören, ohne dass es einen vom Hocker reißen würde.

Ist Phillip Boa also heute, um die eingangs aufgeworfene Frage wieder aufzugreifen, noch irgendwie relevant? Wohl eher nicht, denkt man, und klickt auf Wikipedia, um sich – nur zur Sicherheit – noch einmal der bestenfalls eingeschränkten Marktgängigkeit dieser Musik zu vergewissern. Aber weit gefehlt: „Earthly Powers“ „erreichte (trotz einer Musikstreaming-Verweigerung) mit Platz 3 der deutschen Albumcharts die höchste Chartsplatzierung in der Bandgeschichte“. Das begreife, wer will. Also schnell noch ein paar ältere Voodooclub-Songs zum Vergleich gehört. Danach wieder „Earthly Powers“. Doch so leid es mir tut: Die alten Lieder sind wirklich um Längen besser! Das Urteil lautet daher: befriedigend (8 Punkte).

Phillip Boa & The Voodooclub
„Earthly Powers“
Cargo Records 2018

www.justament.de, 24.12.2018: Goethe & Co. als Rockmusik

Scheiben vor Gericht Spezial: Vor vierzig Jahren erschien „Regenballade“ von Achim Reichel

Thomas Claer

Damals in den Siebzigern wurde viel experimentiert. Und so kam es, dass der umtriebige Rockmusiker Achim Reichel, der sich zuvor bereits u.a. an meditativer Psychedelic und Seemannsliedern erprobt hatte, deutsche Balladen des 19. Jahrhunderts kurzerhand zu Popsongs machte. Reichel, das muss man wissen, hatte seinerzeit einen wirklich guten Lauf. Was er anfasste, gelang ihm, wenn auch die kommerziellen Erfolge sich erst mit erheblicher Verspätung einstellen sollten. Bis heute wird seine LP „Regenballade“ aus dem Jahr 1978 als rundum gelungenes Fusions-Experiment gefeiert, das natürlich längst als Unterrichtsmaterial an deutschen Schulen dient. Wobei diese Musik heutigen Schülern mittlerweile ähnlich fern stehen dürfte wie z.B. die Vertonung von Wilhelm Müllers „Winterreise“ durch Franz Schubert aus dem Jahr 1827. Doch dafür gefällt sie den Lehrern umso besser, oder sagen wir lieber: den älteren Lehrern…

Gitarre, Bass, Schlagzeug und Keyboard – mehr brauchte es nicht, um die angestaubten Balladen plötzlich als luftige Rock-Nummern wiederauferstehen zu lassen. Eigentlich gilt ja unter Musikern der Grundsatz, dass immer zuerst die Melodie vorhanden sein muss, zu der dann nachträglich ein passender Text hinzugefügt wird. Dass es – in seltenen Fällen – auch andersherum funktionieren kann, beweist Reichels „Regenballade“. Beim Lesen der alten Texte, so Achim Reichel später, seien ihm die Melodien nur so zugeflogen. Das glaubt man ihm gerne, so mühelos, wie sich hier alles ineinander fügt.

Besondere Höhepunkte dieses Albums sind „Nis Randers“ aus der Feder des Hamburger Schriftstellers Otto Ernst, das zu einem lupenreinen Gitarrenpop-Song mutiert, „Een Boot is noch buten“ vom Naturalisten Arno Holz und „Trutz blanke Hans“ vom Prä-Naturalisten Detlev von Liliencron. Jener Liliencron ist auch der Verfasser von „Pidder Lüng“ mit dem berühmten Refrain „Lewwer duad üs Slaav!“ Reichel macht daraus einen hochenergetischen Freiheitssong, hier eine großartige Live-Version von 1991. Ebenfalls zweimal auf der Platte vertreten sind Johann Wolfgang von Goethe (neben dem „Zauberlehrling“ noch mit dem „Fischer“: „Halb zog sie ihn, halb sank er hin“) und Theodor Fontane („Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“ und „John Maynard“).

Aber dann hat sich auch noch eine Ballade viel jüngeren Datums, nämlich aus dem 20. Jahrhundert, auf der LP eingeschlichen: Das Titelstück, die „Regenballade“, stammt von der Lyrikerin und Romanautorin Ina Seidel (1885-1974). Endlich ist hier auch mal eine Frau unter den Dichtern vertreten, denkt man. Nur leider ist Ina Seidel eine Art Skandalfigur, die sich in der NS-Zeit als Blut- und Boden-Literatin sowie als begeisterte Hitler-Verehrerin hervorgetan hat („Hier stehn wir alle einig um den Einen, und dieser Eine ist des Volkes Herz“). Ihre „Regenballade“ selbst, um die es hier geht, ist aber wohlgemerkt völlig unpolitisch, eine Art verspätetes Stück Schauerromantik. Und sie ist wirklich grandios. Von daher ist es auch gut so, dass dem guten Achim Reichel daraus noch keiner einen Strick gedreht hat, zumal einem so grundehrlichen und sympathischen Zeitgenossen wie ihm ohnehin niemand unlautere Motive unterstellen würde. Also sei’s drum!

Achim Reichel
Regenballade
Ahorn 1978
Neuauflage als CD: Tangram 2008
ASIN: B007Z1UARK
9,99 Euro (bei Amazon)

www.justament.de, 19.11.2018: Traurig und süß, klagend und quietschend

Scheiben vor Gericht Spezial: 40 Jahre The Cure

Thomas Claer

So düster viele Songs der englischen Band “The Cure” auch sind, vor allem jene aus ihrem Frühwerk, so ist in ihnen doch immer auch eine Spur von Süße enthalten. Und umgekehrt lässt sich sagen: So süßlich und poppig viele Cure-Songs auch sein mögen, insbesondere solche aus ihrer mittleren und späten Schaffensperiode, so tragen sie dennoch stets einen Hauch von Melancholie in sich. Vielleicht liegt ja hierin das Geheimnis von “The Cure” begründet, dem Lebenswerk des Sängers und Texters Robert Smith (Jahrgang 1959), das dieser über nunmehr vier Jahrzehnte mit immer anderen Musikern um- und fortgesetzt hat: Traurigkeit und Süße sind in ihren Liedern unauflöslich ineinander verschränkt. Robert Smiths Gesang hat dabei aber auch fortwährend etwas jammervoll Klagendes – und kontrastiert dadurch auf raffinierte Weise mit den oft einschmeichelnden Melodien seiner Songs. Und noch hinzu kommt, dass diese regelmäßig auf besondere Weise, wie soll man sagen, ein wenig quietschend und schrill klingen, was ihnen einen ganz eigenen Charakter gibt.

Besonders beeindruckend wirkt aus heutiger Sicht die Anfangsphase der “Cure” in den späten Siebzigern und frühen Achtzigern. Man kann wohl sagen, dass sie seinerzeit so etwas wie ein heißer Szene-Act gewesen sind. Zwar hatten sie mit „Boys Don’t Cry“ gleich zu Beginn einen kleinen Hit in Amerika, doch brachte dies ihren sehr speziellen Ruhm in der Dark Wave- und Gruftiszene nicht ernsthaft in Gefahr. Seit den frühen Achtzigern trat die Band in schwarzer Kluft und Robert Smith mit gebleichtem Gesicht und rotgeschminkten Lippen auf. Ihre Musik zu jener Zeit war dabei überraschend abwechslungsreich, blieb aber gleichwohl immer sehr eigenartig. Als ihr ganz großes Meisterwerk kann die LP „Boys Don’t Cry“ gelten, die zunächst nur für den amerikanischen Markt gedachte Version ihres Debütalbums „Three Imaginary Boys“, ergänzt um mehrere in jener Zeit erschienene Singles der Band. Sie enthält u.a. das manchmal missverstandene „Killing an Arab“, eine Adaption des Romans „Der Fremde“ von Albert Camus, eines Hauptwerks des Existenzialismus. Doch waren die Nachfolgealben ebenfalls noch höchst brillant, wobei hier besonders „The Top“ (1984) hervorzuheben ist, ihr vielleicht geheimnisvollstes Werk mit obskuren ägyptischen und indischen musikalischen Einflüssen und dementsprechend rätselhafter Gestaltung des Plattencovers (siehe Abbildung).

Kommerziell gelang der endgültige Durchbruch mit dem Album „Disintegration“ (1989), dem Single-Hit Lullaby und seinem berühmten Spinnen-Video. Doch obgleich nun im Mainstream angekommen blieb der Cure-Sound auch in den Jahren darauf markant und unverwechselbar, wenn auch längst nicht mehr so aufregend wie in ihrem ersten Jahrzehnt.

Cure-Alben bis 1989
– Three Imaginary Boys / Boys Don’t Cry (1979)
– Seventeen Seconds (1980)
– Faith (1981)
– Pornography (1982)
– Japanese Whispers (1983)
– The Top (1984)
– The Head on the Door (1985)
– Kiss me Kiss me Kiss me (1987)
– Disintegration (1989)

www.justament.de, 15.10.2018: Die elementare Berlin-Platte

Element Of Crime auf „Schafe, Monster und Mäuse“

Thomas Claer

Schon so manches Berlin-Album hat es in der Geschichte der Popmusik gegeben. „Berlin“ von Lou Reed ist vielleicht das berühmteste, von David Bowie gibt es aus den Siebzigern sogar eine „Berlin-Trilogie“. Nun haben also auch Element Of Crime ein solches Konzeptalbum herausgebracht, wenn auch – aus Gründen des für diese Band so typischen Understatements – ohne es entsprechend zu benennen. Doch verbirgt sich hinter dem harmlos klingenden „Schafe, Monster und Mäuse“ vor allem eine überschwängliche Hommage an unsere Hauptstadt: Zehn der zwölf Lieder auf dieser Platte enthalten mehr oder weniger eindeutige textliche Berlin-Bezüge; nur in „Immer noch Liebe in mir“ und „Stein, Schere, Papier“ fehlen solche.

Zwar haben vereinzelt auch schon frühere Songs der Elements explizit in Berlin gespielt, etwa „Jung und schön“ (1999) oder der U-Bahn-Song „Alle vier Minuten“ (2001), doch gleicht das neue Album nun beinahe einer musikalischen Stadtrundfahrt: Von der fröhlichen „Party am Schlesischen Tor“ (unter den Hochbahn-Gleisen!) geht es weiter zum „Prater in Prenzlauer Berg“. Das – wie so oft – liebesleidgequälte lyrische Ich geht bekümmert „den Kurfürstendamm entlang“, trauert still „Im Prinzenbad allein“ und sitzt nachts „in U-Bahn-Zügen, die nirgends halten und trotzdem nicht fahren“. „Der Wald vor deiner Haustür ist nur ein Friedrichshain“, “Auch im Halensee wohnt ein Meer“ und „eingeklemmt und blau“ fühlt man sich „Silvester am Brandenburger Tor“. Im Jahn-Sportpark wird gejoggt, hinterm KaDeWe hält ein LkW und im Grunewald ist Holzauktion. Schließlich liefert das auch von der musikalischen Umsetzung her sehr ansprechende „Nimm dir, was du willst“ eine Art universelle Gebrauchsanweisung für Berlin: „Karneval, FC Union, Ramadan und Hertha BSC“. Da ist für jeden was dabei, und jeder, wie er kann, „Aber nerv mich nicht!“.

Auch ansonsten lässt sich das Album, musikalisch wie textlich, als über weite Strecken sehr gelungen bezeichnen. Trotz einer Rekordlänge von mehr als 55 Minuten Spielzeit enthält es keinen einzigen missglückten Song. Regelrecht opulent ist diesmal die Instrumentierung geraten: Ausgefeilte Streicher- und Bläser-Arrangements kommen zum Einsatz und sorgen für viel Abwechslung im gewohnten Gitarre-Bass-Schlagzeug-Trompeten-Sound. Manche Lieder lassen slawische und/oder bretonische folkloristische Einflüsse erkennen, andere sind eher jazzig, manchmal swingt und groovt es. Als weibliche stimmliche Verstärkung macht Sven Regeners Tochter Alexandra insbesondere in „Karin, Karin“ eine gute Figur. In mehreren Songs werden, was schon recht gewagt ist, aber noch gerade so in Ordnung geht, gemischte Chöre aufgeboten. Fehlten früheren Veröffentlichungen dieser Band oftmals die Überraschungsmomente, haben wir sie diesmal in Hülle und Fülle.

Nur hier und dort gibt es punktuelle Schwächen. So kommt einem mancher Liedanfang schon arg bekannt vor (vor allem „Gewitter“ erinnert sehr an “Alles, was blieb“ von 1999; „Der erste Sonntag nach dem Weltuntergang“ ist weitgehend abgekupfert vom zweiten Track des fünf Jahre alten Soundtracks von „Haialarm am Müggelsee“; „Bevor ich dich traf“ hat frappierende Ähnlichkeit mit „Die letzte U-Bahn geht später“ von 2005), während „Immer noch Liebe in mir“, das treue EoC-Fans bereits von der zwei Jahre alten Vinyl-EP „Wenn der Wolf schläft“ kennen, mit seinem Rumtata-Rhythmus fast schon karnevalskompatibel ist. Doch reißt der jeweils ausgezeichnete Text am Ende stets alles wieder raus: „Gewitter“ vermittelt düstere Endzeit-Visionen („Und ein heißer Wind verweht, die Jahre, die ihr kennt“), und „Immer noch Liebe in mir“ knüpft inhaltlich an das seinerseits schon recht delikate „Alten Resten eine Chance“ von 1993 an. Auch im sehr melancholischen Titelstück (und diese Platte enthält selbst für EoC-Verhältnisse besonders viele melancholische Stücke) und im etwas kinderliedhaften „Karin, Karin“ verhindert nicht zuletzt die kraftvolle Songlyrik ein Abgleiten ins Sentimentale. Überhaupt werden Sven Regeners Songtexte im Laufe der Jahre wirklich immer, immer besser. Im bewährten dialektischen Drei-Strophen-Muster zumeist auf eine verblüffende oder versöhnliche Schlusspointe zusteuernd, erweist er sich als ungekrönter König des Binnenreims. Insbesondere für das äußerst hintergründige „Stein, Schere, Papier“ sollte man ihm auf der Stelle einen Lyrikpreis verleihen; wobei dieses Lied auch musikalisch zu den stärksten des Albums gehört. Ähnliches lässt sich über „Karin, Karin“ sagen, das im Refrain ganz nebenbei einen alten DDR-Propaganda-Song persifliert. Und dann „Ein Brot und eine Tüte“ – der Song über die Berliner Schimpfkultur…

Kurz gesagt: Diese Platte kann einen über eine Menge hinwegtrösten, besonders „Wenn es dunkel und kalt wird in Berlin“. Das Urteil lautet: gut (14 Punkte).

Element Of Crime
Schafe, Monster und Mäuse
Vertigo Berlin (Universal Music)
ASIN: B07G1XK97T

www.justament.de, 24.9.2018: Der Klassiker zur Literaturvertonung

Scheiben vor Gericht Spezial: Vor 25 Jahren erschien „Ritter und Unholde“ von Carlos Peron und Peter Ehrlich

Thomas Claer

Es ist ein ganz eigenes Genre, sui generis gewissermaßen. Manchmal ist es (im traditionellen Sinne) Musik, manchmal sind es „nur“ Klanggebilde, mit denen Carlos Peron (geb. 1952), der geniale Schweizer Pionier der elektronischen Soundtüftelei und Gründungsmitglied von YELLO, die literarischen Texte, vorgetragen mit tiefschwarzer Stimme von Burgschauspieler Peter Ehrlich (1933-2015), unterlegt. 25 Jahre sind seit dem Erscheinen von „Ritter und Unholde“ vergangen, doch ist seither, soweit ich sehe, nichts Vergleichbares mehr auf diesem Gebiet unternommen worden; vielleicht weil das Vorbild so übermächtig ist. Peron und Ehrlich gelingt es in den knapp 75 Minuten Laufzeit dieses Tonträgers, den alten Texten, die allesamt von Rittern handeln, neues Leben einzuhauchen, indem sie um sie herum eine Atmosphäre erschaffen, die den Hörer (insbesondere wenn er die Augen schließt) beinahe zum Teil des Geschehens werden lässt.

Das erste Drittel der CD umfasst Auszüge aus dem Nibelungenlied, der mittelalterlichen deutschen Dichtung par excellence, die jeder gut kennen sollte, der den Nazi-Größenwahn verstehen will. Kriegerische Ehre, unstillbarer Durst nach Rache, Nibelungentreue bis in den Tod – hier fanden die NS-Größen ihre geistigen Inspirationen. Doch steht das Nibelungenlied in literarischer Raffinesse und überraschender Vielschichtigkeit wohl selbst hinter der Ilias oder der Odyssee kaum zurück. Man beachte insbesondere die verhängnisvollen Frauenfiguren, also Kriemhild und Brünhild, die man in ihrer Besessenheit von Eifersucht, Hass und Geltungsdrang mit Fug und Recht als die eigentlichen Triebkräfte des heraufziehenden Unheils ansehen kann. „Die junge Kriemhild“, der zweite Track des Albums, zeigt, wie unschuldig all das begonnen hat…

Doch kommen auf dieser CD neben den Nibelungenkönigen und –recken natürlich auch noch mehrere andere Ritter aus der Literaturgeschichte zu ihrem Recht. Wer jetzt als erstes an „Don Quijote“ von Cervantes denkt, liegt genau richtig. Die fast 15 Minuten aus diesem Roman bilden den längsten Einzeltrack – und einen der gelungensten des ganzen Albums noch dazu! Das düstere spanische Gitarrenspiel im Hintergrund lässt bereits ahnen, wie der Ritter von der traurigen Gestalt in seinen künftigen Windmühlenkämpfen auf die Nase fallen wird. Ebenfalls auf besondere Weise geglückt ist „Der Apfelschuss“ von … Falsch! Nicht der von „Wilhelm Tell“! Für diesen hatte sich Friedrich Schiller nämlich auch nur aus einer ungleich älteren Quelle bedient: aus der nordischen Saga „Wieland der Schmied“. Peron und Ehrlich inszenieren hieraus das Kapitel „Wie Eibel seinen Bruder Wieland besuchte“ als ganz großes Kopfkino. Darüber hinaus darf Goethes „Götz von Berlichingen“ (mit seinem berühmten Arsch-Zitat) hier selbstredend nicht fehlen, ebenso wenig Richard Wagners „Lohengrin“ und der Komtur aus der „Schwarzen Spinne“ von Jeremias Gotthelf. Die vielleicht größte aller Heldentaten auf dieser CD vollbringt aber der liebeskranke Ritter Delorges in Schillers „Handschuh“, indem er seine unwürdige Herzensdame, die auf niederträchtige Weise mit seinen Gefühlen spielt, mittels eines gezielten Handschuhwurfes in die Wüste schickt.

Drei Jahre später, 1996, haben Carlos Peron und Peter Ehrlich noch eine Fortsetzungs-CD namens „Ritter, Tod und Teufel“ herausgebracht, die auch nicht schlecht war, aber längst nicht so überragend wie „Ritter und Unholde“. Das Urteil lautet: sehr gut (16 Punkte).

Carlos Peron
Ritter und Unholde – gesprochen von Peter Ehrlich
Dark Star/Indigo 1993
LC 6526 – Spark 24
Neuauflage: Revisited Records 2006
10,44 EUR (bei Amazon)