Justament März 2008: Was ist das?

PJ Harvey überrascht und verstört auf “White Chalk”

Thomas Claer

White Chalk CoverGewiss war PJ Harvey, britische Songwriterin und nebenher Bildhauerin und Lyrikerin, schon immer mit dem Wahnsinn im Bunde. Und auch an Wandlungsfähigkeit hat sie es in ihrer 15-jährigen alternativen Popkarriere nicht fehlen lassen. Das neue Album schießt hier nun aber definitiv den Vogel ab. Bei den ersten Takten des Openers “The Devil” glaubte ich zunächst an einen Irrtum der Plattenfirma. Waren das Kinderchöre? Ein Klavierspiel wie auf einer Gespenstermesse. Ein gruseliges Kinderlied also? Aber dann doch unverkennbar PJs Gesang, nur mindestens eine Oktave höher als sonst. Es wird dann später streckenweise auch wieder konventioneller, doch die Songs kommen durchgängig ohne Drums und elektrische Gitarren aus. Rein akustisch eingespielt, mit dominantem Klavier sowie Zither, Fiedel, Banjo und Klampfe instrumentiert, gelangt “White chalk” zu einer fast schon aufreizenden Intimität und Zerbrechlichkeit – um dann aber doch immer wieder zu überraschenden konzeptionellen Sprüngen anzusetzen. So versucht sich die Künstlerin im Song “To Talk To You”, wenn wir der Einschätzung des Wikipedia-Autors Glauben schenken dürfen, sogar im mongolischen Kehlkopfgesang.
Früher, auf ihren sieben Vorgängeralben, bei großzügigerer Zählweise waren es sogar neun, klang es bei ihr noch anders: Sie spielte zumeist einen schweren, oft auch harten Bluesrock, mit expressivem Gesang bis hin zu hysterischen Ausbrüchen. Wie etwa im völlig orgiastischen Song “City of No Sun” vom Album “Dance Hall at Louse Point” (1996), einem ihrer stärksten. Es folgten auch einige melodischere, fast schon poppige Ausreißer wie vor allem die irritierende CD “Stories from the City, Stories from the Sea” (2000), bis PJ Harvey mit dem Vorgängeralbum Uh Huh Her (2004) wieder beim erdigen Bluesrock ihrer Anfangsjahre angelangte. Doch nun ist bei der 38-Jährigen nichts mehr wie es war. Ihre öffentlichen Dämonenaustreibungen sind in eine völlig neue Phase gekommen. Rücksichts- und kompromisslos sprengt sie die Grenzen des Genres Rockmusik, ohne dass sich letztlich genau benennen ließe, um was es sich beim Ertrag dieses Ausbruchs eigentlich handelt. So wie white chalk, weiße Kreide, posiert Polly Jane auch auf dem Coverfoto: blass im Gesicht, im weißen Kleid, auf einer unsichtbaren Sitzgelegenheit, die Hände in den Schoß gelegt. Ein minimalistisches Konzeptalbum von großer Intensität. Das Urteil lautet: voll befriedigend (12 Punkte).

PJ Harvey
White Chalk
Island (Universal) 2007, CD, 33:59 Minuten
ca. EUR 15,00
ASIN: B000SFYUV2

Justament März 2008: Der absolute Wahnsinn

Nach 37 Jahren wieder veröffentlicht: Achim Reichels “Grüne Reise”

Thomas Claer

Cover Grüne ReiseHamburg, 1970: Der 26-jährige Rockmusiker Achim Reichel, vormals Boygroup-Star mit den “Rattles”, nimmt aus einer Laune heraus in nur zwei Tagen eine äußerst skurrile Platte auf mit experimenteller Elektronik, indischen Instrumenten, Echo-Gitarren und esoterischen Texten (“Fröhliche Abenteuer für Sinne, Geist und Triebe”). Die “Grüne Reise” wird im “Musikexpress” als “billiges Machwerk” verrissen und floppt gewaltig. Nur 3000 Exemplare verkaufen sich, bis sie 1976 von der Plattenfirma Polydor ganz aus dem Handel genommen wird.
Bremen, 1991: Der Rezensent hört als Gymnasiast auf dem Walkman seines Freundes Olli Achim Reichels “Der Spieler” aus den frühen 80ern und ist nicht nur von den Gitarrenriffs begeistert. Auf der Suche nach Achim Reichels Seemannsliedern und Balladen-Vertonungen aus den Siebzigern lande ich schließlich beim Flohmarkt-Plattenhändler mit den langen Haaren und dem Vollbart, der zu jeder verkauften Platte eine Geschichte erzählt. Und der fragt mich: “Suchst du denn etwa auch die “Grüne Reise”? Ich habe keine Ahnung und schäme mich für meine Unkenntnis. Der Händler sagt: “Ich weiß nicht, was alle an der ollen Kiffer-Scheibe finden, aber die reißen sie mir aus den Händen. Ist wirklich schwer zu besorgen, aber ich konnte bisher immer noch eine auftreiben. Das kostet dann aber auch was: Unter 25 Mark geht da nix mehr.” Das war nun absolut nicht meine Preislage. “Außer”, sagte der Händler, der das merkte, “du willst diese zerkratzte mit den angenagten Ecken, aber Original-Pressung. Die kostet nur 14 Mark.” Das wurde dann meine “Grüne Reise”. Sie knisterte und eierte sogar gewaltig auf dem Plattenteller. Aber sie spielte – und versetzte mich augenblicklich in Entzücken.
Mitte der 90er war die “Grüne Reise” bereits sehr angesagt auf Trance- und Goa-Parties. Und für internationale Musikkritiker ist sie heute längst der beste deutsche Krautrock ever. Doch blieb sie bis zuletzt die ewig knisternde, kultisch verehrte Raubkopie. Nun ist es Achim Reichel (inzwischen 64) endlich gelungen, die Rechte an seiner “Jugendsünde” von der Plattenfirma zurückzukaufen, und er bringt diese auf seinem hauseigenen Tangram-Label digitally remastered auf den Markt. Dazu gibt es als Bonus-DVD eine psychedelische filmische Umsetzung der “Grünen Reise” von 60 Studenten aus dem Fachbereich Medien der Fachhochschule Lippe/ Höxter, ihre Seminararbeit über zwei Semester. Das Urteil lautet: gut (15 Punkte).

A.R. & Machines
Die grüne Reise
Tangram (Indigo) 2007, Doppel-CD, 40:49 Minuten
ca. EUR 20,00
ASIN: B000XJOCNE

Justament März 2008: Die ewigen Eiferer

Peter Sloterdijk mahnt zur Zivilisierung der monotheistischen Intoleranz-Kulturen

Thomas Claer

Cover Gottes EiferDem Monotheismus als solchem kritisch zu begegnen, ist derzeit en vogue. Vor allem der Ägyptologe Jan Assmann konnte zuletzt in mehreren Büchern und einem ihm gewidmeten SPIEGEL-Titel aufzeigen, wie eng einerseits Religionskriege und Terror, andererseits aber eben auch alle unsere modernen Universalismen letztlich mit dem Eingötter-Glauben zusammenhängen, der große Teile der Welt entscheidend geprägt hat. Wenn der Philosoph Peter Sloterdijk nun ein kompaktes und gedankenreiches Bändchen über die drei monotheistischen Weltreligionen und die ihnen jeweils affinen Konfliktneigungen vorlegt, macht er aus seinem Herzen keine Mördergrube. Weniger die Religionen selbst als vielmehr das mit ihnen in die Welt gekommene spezifische Eiferertum ist ihm herzlich zuwider.
Die eifernden Monotheismen, so Sloterdijk, ziehen ihren Elan “aus der phantastischen Vorstellung, es könne gelingen, gegen alle Irrungen und Wirrungen der kontrovers versprachlichten und multipel verbildlichten Wirklichkeit die einwertige Ursprache wiederherzustellen”. Den logischen Ursprung ihres Eiferertums sieht Sloterdijk daher im Herunterzählen auf die Eins, die nichts und niemanden neben sich duldet. Diese Eins sei die Mutter der Intoleranz. Anders als etwa in den religiösen Toleranzkulturen des alten Ägyptens oder des Buddhismus sei es für alle echten monotheistischen Eiferer evident, dass die Menschen es ohne den Zusammenprall mit dem “wahren Gott” nur zu glänzenden Lastern bringen könnten. Daher dürfe man, ginge es nach jenen, die Menschen nie in Ruhe lassen und solle ihre Gewohnheiten unterbrechen, wo man kann. In sein eigentliches Element, so Sloterdijk, komme das Eifern aber erst, wenn Strenge auf Unterkomplexität trifft. Und deshalb hält es der Verfasser auch für keinen Zufall, dass typische Eiferer instinktsicher im Humor den Feind erkennen, der jeder militanten Einseitigkeit das Geschäft verdirbt.
Keinesfalls lässt sich aber diese eifernde Intoleranz einfach von den Monotheismen abtrennen, ist sie doch geradezu kennzeichnend für sie und, Sloterdijk sagt es vorsichtshalber nur indirekt, hat sich von Moses über Jesus und Paulus (“der erste Puritaner, der erste Jakobiner und der erste Leninist in einer Person”) zu Mohammed sogar noch verschärft. War für das Judentum noch ein souveränistischer Separatismus mit defensiven Zügen prägend, waren es für das Christentum die Expansion durch Mission und für den Islam die Expansion durch den heiligen Krieg. Etwas knapper behandelt, doch in ihrer Nähe zum Religiösen markant herausgestellt, werden die Neo-Monotheismen, die Ideologien des 19. und 20. Jahrhunderts, vor allem die “atheistische Kirche des Kommunismus”. Erst von diesen Menschheitsideologen sei der Ruf des Moses: “Es töte ein jeder selbst den Bruder, Freund und Nächsten” in den größten Verhältnissen befolgt worden, erst in ihnen seien die hybriden Saaten des Monotheismus aufgegangen.
Was also ist zu tun, was hilft gegen das destruktive “Eiferertum als pathologisches Symptom”? Für Sloterdijk einzig und allein eine fortschreitende “Zivilisierung” der Monotheismen, wie sie etwa durch frühere Institutionalisierungs- und Säkularisierungsprozesse bereits erfolgreich angegangen worden ist. Das Fernziel ist jedenfalls klar: “Die Zivilisierung der Monotheismen ist abgeschlossen, sobald die Menschen sich für gewisse Äußerungen ihres Gottes, die unglücklicherweise schriftlich festgehalten wurden, schämen wie für die Auftritte eines im allgemeinen sehr netten, doch jähzornigen Großvaters, den man seit längerem nicht mehr ohne Begleitung in die Öffentlichkeit lässt.” (S.168)

Peter Sloterdijk
Gottes Eifer. Vom Kampf der drei Monotheismen
Verlag der Weltreligionen im Insel Verlag Frankfurt am Main und Leipzig 2007
218 Seiten, 17,80 €
ISBN-10: 3458710043

Justament Dez. 2007: Wem gehört der Mond?

Best of Jurastudium, Teil 1

Thomas Claer

Der Autor, nostalgisch beim Bier (Foto: privat)

Wenn die Tage immer kürzer werden, der Weihnachtsterror beginnt und auch das Staatsexamen bald schon wieder ein Jahr länger zurückliegt, kommen einem schon mal komische Gedanken. Wie wäre es, denkt man bei sich, da noch einmal hinzugehen? In die Uni, an den Ort, der einem so viel Pein bereitet hat, sich dort neben die schwitzenden Massen in eine Klausur zu setzen, es richtig krachen zu lassen und am Ende zu triumphieren: Ihr könnt mich alle mal! Hier sind alle meine Scheine und Abschlüsse!
Doch anders als seinerzeit die Monokel tragenden Honoratioren in der “Feuerzangenbowle” wird man damit heute wohl niemanden mehr in ehrfürchtiges Erstaunen versetzen können. Nach dem Staatsexamen ist es mit dem Darwinismus nicht zu Ende, sondern er geht für die meisten nur in eine neue Runde, ohne dass ein Ende abzusehen wäre. Und dennoch können – über die Jahre – selbst die eher bedrückenden Erinnerungen eine nostalgische Dimension gewinnen.

“Dann fresse ich Sie!”
Ö. war von allen gefürchtet. Im dritten Semester hörten wir bei ihm Sachenrecht. Er hatte die Angewohnheit, seine Vorlesung als Frage-Antwort-Spiel mit seinem Auditorium zu gestalten. Doch blieb er nicht, wie etwa sein Kollege, der freundliche S., an seinem Pult stehen und befragte nur die ersten Reihen. Ö. spazierte unablässig zwischen seinen Zuhörern entlang und jeden konnte es irgendwann treffen. Den Stoff, den sich manch einer von ihm zu erfahren erhofft haben mochte, setzte er zumindest in Grundzügen als bekannt voraus. Seine Zuhörer sollten in seinen Veranstaltungen gut präpariert erscheinen oder gar nicht. Wurde man nach etwas gefragt und gab zu, keine Antwort zu wissen, herrschte er den betreffenden an: “Was heißt das, sie wissen es nicht? Warum wissen sie es nicht? Was machen Sie überhaupt hier? Gehen Sie nach Hause und lesen Sie das Lehrbuch!” Nach einigen Wochen waren die Reihen dann auch schon merklich gelichtet. Aber es war eben erst das dritte Semester! Das Selbstbewusstsein, die Frechheit, sich alles einfach autodidaktisch beizubringen, hatten damals nur die ganz coolen Hunde. Und so kamen wir weiter zu Ö, registrierten aber beunruhigt, dass mit jeder weiteren Reduktion der Teilnehmerzahl das Risiko, im Fragespiel an die Reihe zu kommen, bedrohlich stieg. Und bei dem Tempo, das der sich mikrofonbewaffnet durch unsere Reihen quetschende Ö. in seinem Frage-Stakkato vorlegte, kamen pro Sitzung gut und gerne hundert Unglückliche in die Bredouille, ihm Rede und Antwort stehen zu müssen. Nur gut, dachten wir, dass er dann und wann auch mal lange Monologe hält, die für ein wenig Entspannung sorgen.
Nun fand die Vorlesung aber nicht in irgendeinem kleinen Hörsaal, sondern im riesigen Audimax statt, das in den hintersten Reihen, wo man schon fast mit dem Kopf an die Decke stieß, recht dunkel und schwer einsehbar war. Hier war ein gutes Versteck, um Ö. hören und sehen, sich aber gleichzeitig vor ihm verbergen zu können. Doch diesen scheinbar rettenden Gedanken hatten einfach zu viele. Ö. musste die verräterisch volle Besetzung der hinteren Reihen irgendwann bemerken. Und so kam es auch. Als er uns erspäht hatte, schritt er maliziös lächelnd die Treppen nach oben. Doch dann konnte er plötzlich nicht mehr weiter. Sein Mikrofonkabel war zu kurz. Große Heiterkeit im Saal. Ö. ballte die Faust und rief uns zu: “Fühlen sie sich dort oben nur nicht zu sicher! Für das nächste Mal besorge ich mir ein längeres Kabel – und dann fresse ich sie!”

Reden, reden, reden
Wenn ich mich recht erinnere, mied ich fortan Ö’s Vorlesungen. Irgendwie auch schade, denke ich aus heutiger Sicht. Denn es war nicht alles schlecht bei Ö. (Wobei man das heute auch oft über die DDR hört.) Ö hatte durchaus Witz. Auf die Frage, warum er denn keine Handzettel mit dem Inhalt seiner Vorlesung verteile, meinte er, um all das, was er uns erzähle, zu Papier zu bringen, müssten ganze Wälder gerodet werden. Und er erklärte auch einmal, warum er uns ständig so viel fragte. Er wolle uns zum Reden bringen. Denn das Handwerkszeug des Juristen sei nun einmal die Sprache. Ein sprachloser Jurist sei einfach nur ein Unding. Und daher müsse doch jeder in der Lage sein, auf jede Frage irgendetwas Vernünftiges zu sagen.
Daraus entwickelten einige ganz gewitzte Kommilitonen eine Strategie, mit der man Ö.’s Fragen manchmal parieren konnte. Sie warfen einfach einen beliebigen Paragraphen des BGB in den Raum, möglichst einen sachenrechtlichen oder einen aus dem Allgemeinen Teil. Und Ö ging darauf ein! Er war dann verdutzt, aber er ging dem nach. Selbstverständlich hatte er alle über zweitausend Paragraphen des BGB im Kopf. “Na, das ist doch jetzt aber ziemlich weit hergeholt”, hieß es dann, “aber immerhin eine Antwort. Fragen wir mal den Nachbarn…”

Wem gehört der Mond?
Nach etlichen Wochen Pause ließ ich mich von einigen mutigen Kommilitonen überreden, doch einmal wieder mitzukommen zu Ö., so schlimm sei er doch gar nicht. Ich ging darauf ein. Und es kam, wie es kommen musste. Ö war schon bei den Grenzbereichen des Sachenrechts angelangt und debattierte knifflige Spezialprobleme. Und dann fragte er: “Wem gehört der Mond?” und zeigte mit seinem Finger genau auf mich. Zum Glück präzisierte er seine Frage sogleich noch etwas: “Gehört den Amerikanern der Mond?” “Auf keinen Fall!”, platzte es laut aus mir heraus. Heiterkeit im Saal. Ich schob dann sogar noch eine improvisierte Betrachtung über die Nichtanwendbarkeit des irdischen Sachenrechts auf extraterrestrische Objekte nach, die Ö. nur mit einem “Hmm” quittierte und sein nächstes Opfer suchte.
Dann hatte ich lange Zeit nichts mehr mit Ö. zu tun. Doch was für eine Genugtuung, Jahre später die Promotionsurkunde entgegenzunehmen – unterzeichnet ausgerechnet von Ö., der just in jenem Semester turnusmäßiger Dekan der Fakultät war.

Justament Dez. 2007: Ex-Philosoph legt Hand ans Grundgesetz

Indie-Legende Matthias Arfmann mit Dub’l G

Thomas Claer

Cover ArfmannMatthias Arfmann ist in der deutschen Musikszene nicht irgendjemand. Jahrelang ernteten er und seine damalige Mitstreiterin Katrin Achinger als Köpfe der Band “Kastrierte Philosophen” (1981-1996) viel Lob und Anerkennung, doch der kommerzielle Durchbruch blieb aus. Nicht zuletzt hat sich an ihnen der alte und schöne Indie-Spruch bewahrheitet: Eher kommt ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein guter Song in die Hitparade. Nun durchlebten die Philosophen über die Jahre einen kuriosen stilistischen Wandel, der sie vom Postpunk und Garagenrock über Hip-Hop, Trip Hop und Ethno-Pop bis hin zur Reggae-Musik führte. Charakteristisch für sie blieb aber stets das psychedelische Element in Arfmanns Gitarrenspiel. In den zurückliegenden zehn Jahren hat sich Matthias Arfmann dann mit seiner neuen Band “Turtle Bay Country Club” dem Dub verschrieben, der elektronischen Variante des jamaikanischen Reggae. Doch unternahm er zuletzt spektakuläre Ausflüge in neue Experimentierfelder: Auf Recomposed (2005) kreuzte er klassische Kompositionen von Dvorak, Wagner, Tschaikowsky und anderen mit seinen Dub-Klängen. Das Ergebnis war beeindruckend und erschütterte wieder einmal den vom hochkulturellen Dünkel getragenen Mythos einer Wesensverschiedenheit der sogenannten Genres “U” und “E”. Um so gespannter konnte man auf Arfmanns jüngsten Coup sein: den Dub-Remix einer Freejazz-Vertonung unseres Grundgesetzes, mit welcher die Musiker Thomas Bierling, Eva Weis und Peter Lehel schon seit Ende 2004 in deutschen Justizvollzugsanstalten aufgetreten waren. Die Originalaufnahmen letzterer sind dem Tonträger als Bonus-CD beigefügt und nehmen sich eher befremdlich aus. Banausen werden sich hier vermutlich an Hape Kerkelings alte Hurz-Nummer mit dem Habicht erinnert fühlen. Dagegen überführt Matthias Arfmann die Grundgesetz-Artikel souverän in Dub-Klänge und glättet mit geschmeidigen Arrangements die doch ziemlich anstrengende Wirrnis der Vorlage. Anknüpfend an die von der Freejazz-Fraktion aus dem Gesetzestext extrahierten Begriffe (“Sittengesetz”, “Eigentum”, “Gleichheit”) lässt er vielschichtige Klanglandschaften entstehen und gewinnt so dem Grundgesetz Aspekte ab, die gewiss nicht einmal seinen versiertesten Kommentatoren in den Sinn gekommen wären. Hier und da gerät das Resultat eine Spur zu poppig oder man hätte sich ein wenig mehr Stringenz wie in Arfmanns Philosophen-Tagen gewünscht. Gelungen ist das Experiment dennoch. Das Urteil lautet: befriedigend (9 Punkte).

Matthias Arfmann
Dub’l G – Das Nähere regelt ein Bundesgesetz
Yeotone / Bella Music Edition 2007, CD, 28:11 Minuten
Special Edition including original recordings
ca. EUR 15,00
ASIN: B000R57TEI

Justament Dez. 2007: Müder Voodoo-Zauber

Phillip Boa enttäuscht auf “Faking To Blend In”

Thomas Claer

Cover BoaDas Leben ist zu kurz um mittelmäßige Musik zu hören. Man muss es so deutlich sagen, auch wenn es hier keinen geringeren als Phillip Boa trifft, den Godfather des deutschen Indie-Rock, dessen Einfluss auf die hiesige Musikszene seit den mittleren 80ern gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Dabei ist zwar kaum etwas völlig daneben auf “Faking To Blend In”, der mittlerweile 16. Platte des sich mental zuverlässig zwischen Depression und Größenwahn bewegenden Pop-Exzentrikers. Doch richtig Gutes ist diesmal eben leider auch Mangelware. Es ist schon bezeichnend, dass das stärkste Stück des Albums, ein musikalisches Kleinod namens “Emma”, einen so eindeutig als Oma- und Einzelhandelstanten-Namen (oder allenfalls noch als englische Literaturgestalt anno 1816) konnotierten Titel trägt. Außer Emma kann nur noch der Titelsong “Faking To Blend In” überzeugen.
Nun beobachtet man allerdings bereits seit mindestens 13 Jahren, dass die regelmäßigen Veröffentlichungen des Meisters nicht mehr mit seinem fulminanten Frühwerk mithalten können, vereinzelte Song-Highlights einmal ausgenommen. Auch haben sich Verkaufszahlen und Anhängerschar seitdem spürbar reduziert. Seinerzeit, in den 80ern, waren die ersten Platten des Voodooclub mit poppigen Melodien, schroffen Gitarren und afrikanisch anmutenden Rhythmen wie eine Bombe in der Indieszene eingeschlagen. Der charakteristische Wechselgesang zwischen Boa und Leadsängerin Pia Lund und ein unerhörter kompositorischer Ideenreichtum sorgten für grandiose Alben, fantastische Songs und unvergessliche Konzerte. Letztere immerhin haben bis heute überdauert – um nicht zu sagen: Die Boa-Konzerte sind dank exzellenter Musiker und pointierter Arrangements in kleineren Hallen vielleicht besser als je zuvor, wovon sich der Rezensent zuletzt 2005 im Berliner franzz club überzeugen konnte und wovon sich auch jeder auf Youtube ein Bild machen kann. Der geneigte Leser versuche es etwa mit “Annie Flies The Love Bomber”, “Fine Art In Silver” oder “Diana”. Und ja, es wird auf den Konzerten tatsächlich noch Pogo getanzt!
Allein die Neukompositionen sind vergleichsweise fade und einfallslos. Wo früher einmal jedes Lied ein Kracher war, braucht es heute schon mehrere Alben, um auch nur auf eine Handvoll passabler Songs zu kommen. So ist das eben. Das Urteil lautet daher: ausreichend (6 Punkte).

Phillip Boa & The Voodooclub
Faking To Blend In
Motor music 2007, CD, 50:22 Minuten
ca. EUR 15,00
ASIN: B000S9VRRS

Justament Dez. 2007: Ein Alptraum für Juristen

Unsere Willensfreiheit ist nur eine Illusion, weiß der Evolutions-Biologe Franz M. Wuketis

Thomas Claer

Cover WuketisVielen narzisstischen Kränkungen sah sich der moderne Mensch schon ausgesetzt: Erst sagte ihm Kopernikus, die Sonne drehe sich nicht um die Erde, sondern die Erde um die Sonne. Später offerierte ihm Darwin, dass der Mensch nicht Gottes Geschöpf sei, sondern vom Affen abstamme. Dann fand Freud heraus, dass das Ich nicht Herr im eigenen Hause und der Mensch maßgeblich von unbewussten Trieben gesteuert sei. Doch was wir jetzt erleben, ist ein besonders schwerer Anschlag auf unser Selbstwertgefühl: Schon seit Jahren behaupten Hirnforscher, dass ihren Experimenten zufolge der Mensch keinen freien Willen habe. Bevor wir eine Hand heben, fanden sie heraus, haben neuronale Vorgänge schon über unsere Handlung entschieden. Warum das eigentlich keine Überraschung ist, erklärt der Wiener Biologe Franz M. Wuketis nun aus der Sicht des Evolutions-Forschers. Als Produkt der Evolution sei der menschliche Geist eben nur ein Überlebens-Instrument wie andere Organe auch und nicht zur objektiven Erkenntnis seiner Umwelt oder gar zur freien Selbstbestimmung geschaffen. Doch brachte die rasante Entwicklung der Gehirnfunktion der höheren Primaten jene sich selbst verstärkenden Rückkopplungen hervor, durch die es allmählich zur Abstraktion der Außenwelt durch Symbole und zur beträchtlichen Erweiterung der Vorstellungskraft bis hin zur Antizipation künftiger Ereignisse kam. Dabei seien Illusionen oft sehr nützlich im “struggle for life” und begünstigten ungemein das “survival of the fittest”. Und ein Musterbeispiel für solch eine Illusion sei auch die Annahme, der Mensch könne sich in jeder Situation stets so oder anders entscheiden. Tatsächlich sei das Verhalten des Menschen aber vollständig durch seine genetische Ausstattung sowie die Summe seiner Sozialisationserfahrungen determiniert. Er werde sich, sofern er keinen äußeren Zwänge unterliegt, letztlich immer so verhalten, wie es für ihn am angenehmsten ist. Aus evolutionsbiologischer Sicht sei auch nichts anderes denkbar. Entschieden tritt Wuketis dem unter Philosophen und auch naturwissenschaftlichen Sachbuch-Autoren wie Hoimar von Ditfurth lange sehr populären Dualismus entgegen, wonach es eine eigenständige Welt des Geistes gebe, die mit den materiellen Gehirnen interagiere. Vielmehr sei der Geist nur eine Funktion des Gehirns wie die Bewegung eine Funktion der Gliedmaßen.
Für Juristen ist das alles ein Alptraum, denn wie sollte man Straftäter verurteilen, wenn sie allesamt gar nicht anders konnten? Womöglich sind am Ende auch noch sämtliche zivilrechtlichen Verträge unwirksam, wenn alle Beteiligten unter permanenten schweren Willensmängeln leiden. Da hilft dann wohl nur noch der Rückgriff auf den  Strafrechtler Eduard Kohlrausch (1874-1948), für den die Freiheit eine “staatsnotwendige Fiktion” war, an der festzuhalten sei, weil nur auf diese Weise eine unverzichtbare Voraussetzung des Strafrechts erfüllt werden könne. Im Übrigen wird Wuketis, der sein Buch salopp und unterhaltsam bis zur Krawalligkeit abgefasst hat, besonders gerne ausfällig gegen Politiker und Juristen: “Wir Menschen sind Affen, und so verhalten wir uns auch. Gesetzgeber, Staatsanwälte, Richter und Rechtsanwälte sind davon natürlich nicht auszunehmen, auch wenn die meisten von ihnen über die Natur des Menschen – und damit über ihre eigene Natur – nichts wissen und nichts wissen wollen. Grundlegende biologische Kenntnisse gehören nicht zum Ausbildungsmuster von Juristen” (S.150). Das ist vielleicht – siehe oben – auch besser so. Wo soll das schließlich hinführen?

Franz M. Wuketis
Der freie Wille. Die Evolution einer Illusion
Hirzel Verlag Stuttgart 2007
181 Seiten, 22,00 €
ISBN-10: 3777615099

Justament Dez. 2007: Nicht nur für Geldsäcke

Wie sich unsereins auf den Finanzmärkten verhalten sollte

Thomas Claer

Geldanlage auf den Finanzmärkten – das ist, so denkt man, etwas für Profis oder allenfalls noch für Kleinanleger. Und was sich Kleinanleger nennt, das sind in den Augen des gemeinhin nahezu mittellosen jungen Juristen schon fast Geldsäcke. Erst irgendwann später wird das große Geld kommen, jedenfalls für einige von uns. So sieht es aus. Aber es geht auch anders. Zum Beispiel so: Erst einmal jeden Monat hundert Euro – oder auch mehr – beiseite legen. Das ist oft schon dadurch zu schaffen, dass man nur noch beim Discounter einkauft, sich Bücher auf dem Flohmarkt und CDs bei Ebay beschafft, Restaurants und Cafes zu Tabuzonen erklärt und den Urlaub auf dem Campingplatz verbringt. Wenn man das auch noch seiner Freundin vermitteln kann, ist die größte Hürde schon genommen. Ein paar Jahre sollte man es aber schon durchhalten. Natürlich wird das Geld inzwischen auf hochverzinsten Tages- oder Festgeldkonten geparkt, was auch noch ein wenig abwirft. Und am Ende dieser ersten Phase steht ein Grundkapital von einigen tausend Euro. Mindestens. Nun wird es interessant. Was also weiter mit der Kohle tun?

Private Equity Fonds und Hedgefonds zu heiß
Vor allem sollte man wissen, was man um Himmels willen nicht tun sollte: Alles auf eine Karte setzen! Das macht – ähnlich wie das desaströs kapitalvernichtende Lottospielen – zwar gelegentlich jemanden reich, zumeist aber viele arm. Auch kommen bestimmte Anlageformen schon aus strukturellen Gründen nicht in Betracht: Private Equity Fonds, neuerdings kann man sich da manchmal schon ab 2000 Euro beteiligen, sind so risikobehaftet, dass ihr Anteil zehn Prozent der Anlagesumme niemals überschreiten sollte. Noch viel heißer sind Hedgefonds oder gar Derivate wie Hebel-Zertifikate. Wer sich aber auch nicht mit Lebensversicherungen, Bausparverträgen und Bundesschatzbriefen abspeisen lassen will, deren Verzinsung nur geringfügig über der Inflationsrate liegt, der wird am Ende auf die gute alte Aktie kommen. Nun kann man natürlich, um das Risiko zu streuen, in einen Aktienfonds investieren, doch bekanntlich erreichen zwei Drittel dieser Fonds regelmäßig nicht einmal die Wertentwicklung des Vergleichsindexes. Das spricht für ein simples und kostengünstigeres Investment in Indexzertifikate. Kann man machen, wobei man durch den Spread zwischen Ein- und Verkaufspreis und die Bankgebühren letztlich doch wieder unter der Index-Performance liegt, aber nur ein wenig. Mehr als das Sparbuch bringt es im langjährigen Durchschnitt allemal. Doch lautet ein latent chauvinistischer Börsen-Spruch, dass Indexzertifikate etwa so sexy sind, wie seine eigene Schwester zu küssen. Das heißt, und da ist was dran: Es macht keinen Spaß. Wer sich ein paar Einzelwerte ins Depot legt, bekommt nach Jahren wahrscheinlich Ähnliches heraus, investiert aber viel mehr Kraft und Zeit und Nerven – und genau hierin liegt der Reiz. Denn es bleibt immer die Hoffnung, dass man doch besser abschneiden könnte als der Markt. Es kann aber auch schlechter laufen.

Depot Marke Eigenbau 
Wer nun also nach reiflicher Überlegung sein Schicksal in die eigenen Hände nimmt und sich selbst ein Depot zusammenstellt, muss wissen: Eine echte Diversifizierung gibt es erst bei mindestens fünf Einzelwerten. Ideal sind zwanzig, dann liegt der Anteil jeder Position an der Gesamtsumme bei gerade fünf Prozent. Doch die dazu nötige Liquidität will erst einmal verdient sein. Andere Stimmen raten hingegen von zu großer Diversifizierung ab, denn – wieder so ein Chauvi-Spruch – man(n) könne sich auch nicht um mehr als fünf Frauen gleichzeitig kümmern. (Doch das ist alles Imponier-Gehabe der männlichen Börsianer. Untersuchungen zeigen, dass Frauen die signifikant besseren Anleger sind.)
Und welche Werte gehören nun in ein gutes Depot? Vor allem sollte da niemand auf seinen Bankberater hören (sondern dann schon lieber selbst in eine Bankaktie investieren) und auch nicht auf gute Tipps von Bekannten. Ständig bieten Tageszeitungen allgemeine Einführungen in das nötige Börsen-Know how. Und alle wesentlichen Informationen gibt es frei verfügbar im Internet, zum Beispiel auf den unten angeführten Seiten. Entscheidend ist zum einen die Mischung: Man decke viele verschiedene Branchen ab, die der eigene gesunde Menschenverstand als aussichtsreich ansieht und die nicht zuviel miteinander zu tun haben sollten. Müssen es auch viele verschiedene Länder sein, wie immer wieder gesagt wird? Nicht unbedingt, denn durch die zunehmende globale Verflechtung sind auch einheimische Unternehmen auf verschiedensten Märkten präsent und das mit geringerem Risiko. Und man versteht auch wirklich alle Unternehmensmeldungen. Zum anderen sollten es Top-Unternehmen sein, mit kontinuierlicher Gewinnentwicklung und zuverlässiger Informationspolitik, die zudem gerade eine günstige Bewertung aufweisen (also z.B. niedriges KGV und hohe Dividendenrendite). Wer hier Kompromisse macht, wird es oft bitter bereuen.

Erkenne dich selbst!
Letztlich muss jede und jeder selbst herausfinden, welcher Anlegertyp sie oder er ist: offensiv oder defensiv, Zocker oder kühler Rechner. Wichtiger als alle Sachkenntnis (sofern man sich keinen Schrott ins Depot legt) ist die Geduld, denn die Börsianer wissen: Hin und her macht Taschen leer. Wem plötzlich nach einigen Monaten einfällt, dass er das Geld eigentlich doch für etwas anderes braucht, ist an der Börse fehl am Platze. Und keiner sollte sich jemals dazu hinreißen lassen, vor anderen mit seinen Gewinnen zu prahlen, auch nicht nach dem dritten Bier. Das rächt sich immer, wissen die abergläubischen Spekulanten.

Informationen:
http://www.finanznachrichten.de
www. wallstreet-online.de
www. boerse.de
http://www.insiderdaten.de

Justament Okt. 2007: Sie kann auch anders

Die Französin Keren Ann mit ihrer fünften CD

Thomas Claer

Cover Keren AnnZu den wirklich großen Acts zählt Keren Ann bei uns noch nicht. Daher ist es wohl angebracht, darauf hinzuweisen, dass es sich hier um eine Französin mit niederländischem Pass, Tochter eines russischstämmigen Israeli und einer Niederländerin mit indonesischen Wurzeln, handelt. Seit ihrem ersten Soloalbum “La biographie de Luka Philipsen” (2000) erfreut sich eine stetig wachsende Fangemeinde an stilistisch zwischen sanftem psychedelischen Rock, Blues und Chanson variierenden Songs, die Keren Ann mit einer seltsam eigenen Zurückhaltung vorträgt. Es wäre nicht verfehlt, von dahingehauchtem Schüchternheits-Rock zu sprechen. Einen sehr schönen Single-Hit landete sie 2003 (“Not going anywhere”), der mit den für sie charakteristischen Worten beginnt: “This is why I always whisper”. Drei Platten besang sie auf Französisch, nun die zweite auf Englisch. Und diese ist recht heterogen geraten, mit phantastisch elegischen Songs wie “In your back”, dem schon sehr an die wunderbaren MAZZY STAR erinnernden “It’s a lie”, einem Bluesrock (“It ain’t no crime”), der auch von P.J. Harvey sein könnte, und dem um Haaresbreite an der Folkhymne vorbeischrammenden “Lay your head down”. Doch auch die exakt drei eher missratenen Stücke am Ende der CD (vor allem das schon ziemlich verblasene “Liberty”) können den guten Gesamteindruck kaum trüben.
Wer aber das Glück hatte, die auf ihren Alben so zerbrechlich anmutende Chanteuse live zu erleben, und der Rezensent hatte es am 16.9. im Berliner Columbia-Club, bekam auch eine andere Seite der 33-Jährigen zu sehen: Anfangs wie erwartet schüchtern, den Blick stets gesenkt, trat sie vor das Publikum, um dann aber schon bald mit kräftiger Stimme zu überraschen. Nur mit einem auffällig schlecht frisierten, aber exzellent spielenden Gitarristen (der auch mit dem E-Bass umzugehen verstand) und einem sehr dezenten Schlagzeuger agierend, gab Keren Ann vielen ihrer Lieder so eine entschieden andere Note als in den Studio-Versionen. Etliche Songs gewannen dadurch sogar deutlich. Doch möge jeder selbst entscheiden, welche Keren Ann ihm lieber ist. Das Publikum im leider nur gut zur Hälfte gefüllten Columbia-Club war jedenfalls aus dem Häuschen. Das Urteil lautet: vollbefriedigend (11 Punkte).

Keren Ann
Keren Ann
Delabel/EMI Music France 2007, CD, 43:30 Minuten
ca. EUR 15,00
ASIN: B000KZRO1I

Justament Okt. 2007: Anders schön

Carla Bruni überzeugt auch auf “No Promises”

Thomas Claer

Cover CarlaGegen Carla Bruni spricht einfach alles: Großindustriellentochter, früheres Partygirl an den Stränden der Cote d’ Azur, langbeiniges Supermodel, von dem schon 1996 ein Kaufvideo über seine angeblich rein privaten Seiten in der Serie “Die schönsten Frauen der Welt” erschienen ist – in einer Reihe mit den Damen Schiffer, Campbell und Co. Und nicht zuletzt kursieren von ihr vermutlich Hunderte äußerst freizügiger Fotos im Internet… All das würde hier nicht die Bohne interessieren, hätte sie nicht 2002 eine CD namens Quelqu’un M’a Dit veröffentlicht, auf der sie in kargen Arrangements, selbst akustische Gitarre spielend und nur von drei bis vier zurückhaltend agierenden Instrumentalisten begleitet, selbstverfasste französische Chansons vortrug. Und das so hinreißend stilsicher, so überwältigend schön, wie man es selten gehört hat. Es ist schon verrückt: Was fast alle anderen Musiker im ganzen Leben nicht zustande bringen, gelingt ausgerechnet einem Supermodel beim ersten Versuch. (Andererseits sei hier beiläufig daran erinnert, dass auch eine gewisse Nico als Fotomodell angefangen hatte, bevor sie 1966 entscheidend zu jener legendären Platte mit dem Bananencover beitrug, die heute nicht nur in unserer Redaktion als Maßstab für alles andere gilt.)
Nun also Carla Brunis Zweitling. Auf Englisch singt sie ihre Vertonungen teils jahrhundertealter Gedichte und bewegt sich dabei stilistisch eher in Contry-, Blues- und dezenten Rock-, denn in Chansongefilden. Das ist natürlich riskant, denn mit ihren Chansons war sie auf der sicheren Seite. Doch das Experiment gelingt. Ihre warme Stimme und ihr subtiles Gitarrenspiel machen das Album durchgängig hörenswert. Kann man ihr vorwerfen, die Klasse des Vorgängers nicht erreicht zu haben? Wohl kaum, denn dafür ist “No Promises” zu überzeugend und dazu noch bemerkenswert homogen. Es sind natürlich auch nur gut 34 Minuten auf der CD. Aber Frau Bruni weiß eben, was sie sich und ihrem Ruf als Musikerin schuldig ist und trifft eine strenge Qualitätsauswahl, statt die Fans mit überflüssigem Füllmaterial abzuspeisen. Und aus dem gleichen Grunde macht der Rezensent an dieser Stelle ebenfalls einen Punkt. Das Urteil lautet: vollbefriedigend (11 Punkte).

Carla Bruni
No Promises
Naive/ Ministry O (edel) 2006, CD, 34:47 Minuten
ca. EUR 15,00
ASIN: B000KG4AYG