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www.justament.de, 1.10.2018: Gretchenfragen

„Nach Gott“ – Peter Sloterdijks gesammelte Texte zur Religion

Thomas Claer

Dieses Buch ist lange bei mir liegen geblieben, länger als ein Jahr seit seinem Erscheinen. Bei meinen Kritiker-Kollegen war es damals nicht so gut angekommen: wieder nur eine Aufsatzsammlung, fast nichts Neues, immerhin ein Luther-Text im Luther-Jahr, ansonsten nur neue Aufgüsse alter Abhandlungen, teilweise sogar Abdrucke ganze Kapitel aus früheren Büchern. Doch zeigt sich hier wieder einmal, dass man nie zu viel auf die Meinungen anderer geben sollte. „Nach Gott“ ist zu großen Teilen sehr lesenswert, streckenweise brillant. Man kann sogar dankbar sein, dass die vielen verstreuten kleinen Aufsätze und Vorträge des Philosophen Peter Sloterdijk zur Thematik aus den letzten zweieinhalb Jahrzehnten hier einmal leserfreundlich zusammengestellt, geordnet und herausgebracht worden sind.

Die Religion also, ein ganz großes Thema. Wirklich gläubig sein kann man als aufgeklärter Mensch der Gegenwart eigentlich kaum noch. Dennoch ist der Hunger nach Transzendenz in unseren modernen Gesellschaften vielleicht größer als jemals zuvor. Auf der anderen Seite ist für die wenig gebildeten Massen in den wenig bevorzugten Weltregionen (und in manchen Einwanderermilieus westlicher Großstädte) ihr strenger Glaube wohl auch eine Art Grundnahrungsmittel, das sie mental am Leben erhält. Darüber sollte und darf man sich nicht lustig machen, gewiss nicht, aber ein leiser ironischer Unterton muss dennoch erlaubt sein. Und richtiggehend verspotten darf und sollte man natürlich all die religiösen Hardliner in der Welt, die selbst oft sehr scheinheilig sind und ihre Anhänger gegen alles Fremde und Abweichende aufhetzen. Alle diese Fragen werden in „Nach Gott“ angerissen oder sogar vertiefend abgehandelt. Besonders interessant sind auch die Ausflüge in die Psycholgie, in die Lehre von der Seele des Menschen, deren Vorstellung ja schließlich auch tief im Religiösen verwurzelt ist. Wie so oft bei Sloterdijk findet sich eine Überfülle origineller, witziger Gedanken.

Doch bringt der unterschiedliche zeitliche Ursprung der Texte es mit sich, dass einem eine Entwicklung in Sloterdijks Schreiben vollends bewusst wird, die man ohnehin bereits geahnt hat. Seine Anfänge in den Achtzigern mit der „Kritik der zynischen Vernunft“ waren erfrischend und verspielt. Dann aber, in den Neunzigern bis in die Nullerjahre hinein, waren seine Textproduktionen, vorsichtig gesagt, etwas zäh. Sein dreibändiges Hauptwerk „Sphären“ ist recht schwer verdauliche Kost. Ein ganzes Kapitel in „Nach Gott“, „Mir näher als ich selbst“, stammt aus dem ersten der Sphären-Bände von 1998. Da musste ich mich regelrecht durchquälen. Auch eine Abhandlung über die Gnosis von 1993 ist schon recht trocken geraten. Vermutlich stand er zu jener Zeit unter Unernsthaftigkeits-Verdacht, schließlich hatte er früher jahrelang in Indien in einer Hippie-Sekte gelebt und brauchte womöglich seriöse Werke, um sich fachliche Reputation zu verschaffen. Vielleicht ging es ihm auch um so etwas wie Rehabilitation angesichts des Skandals, den seine „Regeln für den Menschenpark“ (1997) ausgelöst hatten. Doch spätestens mit „Zorn und Zeit“ (2006) begann eine neue Phase seines Schreibens, die bis heute anhält und die man als seine beste bezeichnen kann. Nie waren seine Texte bissiger, zugespitzter, flüssiger. Bestes Beispiel dafür ist das – hier ebenfalls abgedruckte – wunderbar blasphemische Jesus-Kapitel aus „Die schrecklichen Kinder der Neuzeit“. Dass diese Veränderung auch mit einer allmählichen Verschiebung seiner politischen Grundierung weg vom Linksalternativen hin zum mitunter schon etwas Rechtslastigen zusammenfällt, ist wohl eher zufällig.

Einige wenige Stichworte und Zitate aus „Nach Gott“ mögen hier abschließend genügen, um einen kleinen Eindruck von Sloterdijks pointierter Formulierungskunst zu vermitteln: Die Moderne? „Am Treffpunkt von Wille und Vorstellung formt sich die Welt als Projekt und Unternehmen.“ Islamismus? „Die jungen Mörder und Selbstmörder, die zum äußeren Dschihad aufbrechen, haben ohne jede Theologie erfasst, wie sehr ein Gott vom Typus Allah eine unmögliche Figur abgibt, sobald man ihn vor dem Hintergrund einer modernen, das heißt von menschlichen Kreativitäten dynamisierten Welt betrachtet. … Attentate sind missratene Beweise eines Gottes, der die Welt nicht mehr versteht.“ Das Jüngste Gericht? „Impliziert die Logik eines Leihvertrages: Bei der Rücknahme der entliehenen Seele wird geprüft, ob diese vollständig und unbeschädigt erstattet wurde. Anderenfalls vollzieht der Leihgeber seine Rache an den Toten, die ihre Seele beschädigt, entstellt, verdunkelt zurückbringen.“ Der Gang der Aufklärung von Spinoza und Voltaire bis zur Postmoderne? „Eine Geschichte der Resignation vor der Heuchelei.“ Die Menschen? „Ontologisch aus der Bahn geratene Geschöpfe.“ Der Mensch? „Das Tier, das so tut als ob.“ Identität? „Die Selbst-Illusion des Schauspielers, der auch abseits der Bühne sein möchte, was er darstellt.“ Unbehagen an der Kultur? „Geht nicht bloß vom aufgenötigten Triebverzicht aus; es entspringt mehr noch der Belastung durch den Blick des unfreundlichen Anderen. … Existenz impliziert den permanenten Test, ob man sich sehen lassen kann.“ Der liebende Gott? „Seine Liebe blieb freilich oft ein Zwangsvertrag, von Drohungen durchsetzt. Auf liebende Götter jenseits der Ambivalenz wartet man bis auf weiteres, und bis zu ihrer Ankunft tun Menschen gut daran, sich um die Gestaltung ihrer Verhältnisse selbst zu kümmern.“ Und schließlich der „Konfessionskrieg unserer Tage“: „Aufstand der Massenkultur gegen die Hochkultur, der sich als Feldzug der Unzufriedenen gegen die ‚Eliten‘ maskiert…“

Peter Sloterdijk
Nach Gott
Suhrkamp Verlag 2017
364 Seiten; 28 Euro
ISBN-10: 351842632X

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www.justament.de, 29.9.2014: Lob der zynischen Vernunft

Pflichtlektüre: Peter Sloterdijks „Die schrecklichen Kinder der Neuzeit“

Thomas Claer

cover-sloterdijkPeter Sloterdijk war schon immer ein Philosoph, der es krachen ließ. Leisetreterei und Zurückhaltung sind ihm zeitlebens ebenso fremd geblieben wie trockenes Akademisieren. Unentwegt sucht er die Öffentlichkeit. Eckt er mit seinen Positionen irgendwo an, treibt er sie anschließend erst recht auf die Spitze. All das hat natürlich hohen Unterhaltungswert. So war er stets gefragt in allen Medien bis hin zum öffentlich-rechtlichen Fernsehen, das ihn, den Philosophie-Professor, mehr als zehn Jahre lang eine eigene Talkshow ausrichten ließ. Dabei gelang ihm das Kunststück, diese Rolle mit Bravour und ohne größere Zugeständnisse an die seichte und verblödete Massenkultur auszufüllen. Im Gegenteil, Sloterdijk verlangte seinen Zuschauern (wie auch seinen Lesern) gedanklich stets eine Menge ab. Er ließe sich sogar als Musterbeispiel eines kritischen, sich jederzeit in gesellschaftliche Belange einmischenden Intellektuellen bezeichnen, hätte er nur nicht diesen starken Hang zur Provokation, zum geistigen Krawall, zu politisch unkorrekten Haltungen, der ihn insbesondere in den Augen seiner (immer auch etwas neidischen) Fachkollegen immerfort verdächtig macht.

Dass man ihm 2012 sein „Philosophisches Quartett“ wegnahm und seinen Sendeplatz stattdessen einem deutlich jüngeren Dünnbrettbohrer überließ, muss ihn tief gekränkt, aber auch herausgefordert haben. Waren seine Bücher in den letzten Jahren ohnehin zusehends packender und interessanter geworden, so präsentiert er sich nunmehr, zu Beginn seines gesetzlichen Rentenalters, in der schriftstellerischen Form seines Lebens. Nie war er, das lässt sich ohne Übertreibung sagen, als Buchautor so gut wie heute! Und mit den „Schrecklichen Kindern der Neuzeit“ liefert er einen kulturhistorisch-anthropologischen Paukenschlag, wie wir ihn lange nicht erlebt haben.

Zwar stimmt es schon, dass der reife Sloterdijk bevorzugt in die linke Ecke keilt, was mit dem Furor des Renegaten zu tun haben mag, dem es im angestammten linksalternativen Milieu irgendwann zu eng geworden ist. Doch in ihm einen „Autor für AfD-Wähler“ zu sehen, wie es SPIEGEL-Online-Rezensent Georg Diez in seiner Rezension dieses Werkes getan hat, lässt sich wohl nur als Folge ideologischer Voreingenommenheit des Kritikers oder einer allenfalls flüchtigen Buchlektüre erklären. Nein, Sloterdijk ist natürlich kein Autor für AfD-Wähler. Mit einem Wut-Bürgertum, das sich in platte Ressentiments flüchtet, hat dieser Autor nicht viel zu tun. Vielmehr erzählt er in seinem Buch die Menschheitsgeschichte noch einmal neu, indem er sie durch die Brille der menschlichen Generationenabfolgen betrachtet. Ähnlich wie einst Horkheimer und Adorno in ihrer legendären „Dialektik der Aufklärung“ führt er dem Leser dabei vor Augen, welch ein unerhörtes Wagnis die moderne Welt doch ist. Die – verglichen mit allen traditionellen Formen menschlichen Zusammenlebens – tiefen Umbrüche im Verhältnis zwischen Eltern und ihren Kindern in den vergangenen Jahrhunderten nennt er „das anti-genealogische Experiment der Moderne“.

Besonders interessant sind aber die Vorläufer dieses Experiments. Als erstes sind da die altgriechischen Philosophen mit Sokrates an der Spitze, der „völlig zu Recht“, wie Sloterdijk süffisant bemerkt, als ein „Verderber der Jugend“ zum Tode verurteilt wurde. Denn er setzte den jungen Leuten den Floh ins Ohr, sich eigene kritische Gedanken zu machen und die natürliche Autorität ihrer Eltern in Frage zu stellen, die doch – wie alle Elterngenerationen zuvor seit Menschen Gedenken – das Ziel verfolgten, den etwaigen eigenen Willen ihre Kinder zu brechen und sie zur Übernehme des Lebensstils ihrer Eltern zu zwingen. Was heute Individualität und Innovation heißt, nannte man damals Sünde. Als zweiten und (was kann schon Aufklärung gegen Religion ausrichten?) natürlich viel bedeutsameren Vorläufer der schrecklichen Kinder der Neuzeit sieht Sloterdijk das Christentum, vor allem in der Person seines Begründers. Jesus von Nazareth war gewissermaßen ein schreckliches Kind, wie es im (heiligen) Buche steht. Die gut 30 Seiten über den „Bastard Gottes“ sind zweifellos der amüsante Höhepunkt in Sloterdijks Studie. In Sachen Blasphemie knüpft der Autor hier nahtlos an diesbezügliche Highlights wie den Monty-Python-Film „Das Leben des Bryan“ oder den Torfrock-Song „Rollos Taufe“ an. Sehr plausibel spekuliert er über den Tatsachen-Kern der Jesus-Legende, den er in einem zutiefst menschlichen Komplex des „seltsamen Wunderheilers“ aufgrund seiner ungeklärten Abstammung vermutet. Zwar distanziert sich Sloterdijk ausdrücklich von denjenigen, die im Christentum die Anfänge des modernen westlichen Universalismus erblicken. (Immerhin konnte bei den Urchristen jeder, der es wollte, mitmachen, doch verstanden sie sich fraglos als elitären Kreis der wenigen Gerechten, die allein dem drohenden Weltuntergang  entkommen zu können glaubten.) Jedoch stiftete Jesus für seine Anhänger erstmals eine neue Art von Gemeinschaft als Alternativangebot zur jeweils eigenen Familientradition, worin Sloterdijk den Anfang einer schrittweisen Entwertung traditioneller Familienstrukturen sieht. In den folgenden Jahrhunderten, in denen sich die Kirche zur machtorientierten und –bewussten Großinstitution wandelte (auch diesen Weg zeichnet Sloterdijk eindrucksvoll nach), etablierte sich mit dem Klosterwesen im Mittelalter (der Autor verweist auch auf Parallelen im Buddhismus) eine noch weitaus umfassendere Gegenwelt zur weltlichen Familie. Wer aussteigen wollte aus dem Hamsterrad familiärer Erwartungen und  Zumutungen, der ging ins Kloster oder als Eremit in die Einsamkeit der Berge.

Mit der Moderne, die laut Sloterdijk so heißt, weil in ihr die Mode (durch jeweils angesagte zeitgenössische Vorbilder) Vorrang vor der Tradition hat (vor allem vor der Autorität der Vorfahren), brechen dann alle Dämme. Als erstes Gesetz der Moderne bezeichnet der Autor seine Beobachtung, dass sie stets größere Überschüsse an Verheißungen, Wünschen und Ambitionen produziert, als sich in der Folge noch unter Kontrolle bringen lassen. Daher die vielen Unfälle und Kollateralschäden in der modernen Welt, die in einem gesonderten Kapitel als „Drift ins Bodenlose“ beschrieben werden. Gibt man jedem Menschen eigene Rechte, dann weckt dies natürlich allerorts Begehrlichkeiten, und irgendwann treten alle mit allen in ständige Konkurrenz um Status, Macht und Anerkennung. Es muss in diesem Wettbewerb aber immer auch Verlierer geben, die sich dann mit aller Macht Genugtuung verschaffen wollen. (So gesehen wäre beispielsweise der IS, seiner mittelalterlichen Ideologie zum Trotz, ein typisches Produkt der Moderne, weil er die sozialen, wirtschaftlichen und Bildungsverlierer aus aller Welt zu einem monströsen kollektiven Rache-Feldzug gegen die Etablierten aller Länder rekrutiert.)

Wie man sieht, nimmt Peter Sloterdijk also in seiner großen Erzählung – was ihm seine Kritiker verübeln – nicht gerade die Perspektive eines Parteigängers des Fortschritts ein. Andererseits lässt er aber auch nicht den geringsten Zweifel daran, in welcher Hölle sich die Menschen in ihren traditionellen Milieus befunden haben und teils heute noch befinden. Dieser Autor hält der modernen Welt den Spiegel ihrer eigenen Abgründe vor und steht im Übrigen als notorischer Spötter am Rande des Geschehens. Als Nihilist, als Defätist, als ein Klugscheißer, der über alles lästert, ohne konstruktive Vorschläge zu unterbreiten, wie man es denn besser machen könnte. Unverantwortlich sei das, werfen ihm seine Gegner vor. Aber dieses Spotten gelingt Sloterdijk mit großer Treffsicherheit und in einer einzigartigen sprachlichen Brillanz. Da stört es dann auch nicht mehr, dass er in seinen, sagen wir, älteren Tagen wohl endgültig vom Kyniker zum Zyniker geworden ist, der den Glauben an die Verbesserbarkeit der Welt schon längst verloren hat. Zu einem von jenen, vor denen er seine Leser in der „Kritik der zynischen Vernunft“ (1983), seinem ersten großen Werk, noch inständig gewarnt hatte: „Die Frechheit hat die Seite gewechselt.“ Das kommt ja öfter vor: Die größten Kritiker der Elche werden später selber welche. War bei Goethe auch schon so. Alles geschenkt, solange er so gut schreibt.

Peter Sloterdijk
Die schrecklichen Kinder der Neuzeit. Über das anti-genealogische Experiment der Moderne
Suhrkamp Verlag Berlin 2014
489 Seiten, EUR 26,95
ISBN-13: 978-3518424353

Justament März 2008: Die ewigen Eiferer

Peter Sloterdijk mahnt zur Zivilisierung der monotheistischen Intoleranz-Kulturen

Thomas Claer

Cover Gottes EiferDem Monotheismus als solchem kritisch zu begegnen, ist derzeit en vogue. Vor allem der Ägyptologe Jan Assmann konnte zuletzt in mehreren Büchern und einem ihm gewidmeten SPIEGEL-Titel aufzeigen, wie eng einerseits Religionskriege und Terror, andererseits aber eben auch alle unsere modernen Universalismen letztlich mit dem Eingötter-Glauben zusammenhängen, der große Teile der Welt entscheidend geprägt hat. Wenn der Philosoph Peter Sloterdijk nun ein kompaktes und gedankenreiches Bändchen über die drei monotheistischen Weltreligionen und die ihnen jeweils affinen Konfliktneigungen vorlegt, macht er aus seinem Herzen keine Mördergrube. Weniger die Religionen selbst als vielmehr das mit ihnen in die Welt gekommene spezifische Eiferertum ist ihm herzlich zuwider.
Die eifernden Monotheismen, so Sloterdijk, ziehen ihren Elan “aus der phantastischen Vorstellung, es könne gelingen, gegen alle Irrungen und Wirrungen der kontrovers versprachlichten und multipel verbildlichten Wirklichkeit die einwertige Ursprache wiederherzustellen”. Den logischen Ursprung ihres Eiferertums sieht Sloterdijk daher im Herunterzählen auf die Eins, die nichts und niemanden neben sich duldet. Diese Eins sei die Mutter der Intoleranz. Anders als etwa in den religiösen Toleranzkulturen des alten Ägyptens oder des Buddhismus sei es für alle echten monotheistischen Eiferer evident, dass die Menschen es ohne den Zusammenprall mit dem “wahren Gott” nur zu glänzenden Lastern bringen könnten. Daher dürfe man, ginge es nach jenen, die Menschen nie in Ruhe lassen und solle ihre Gewohnheiten unterbrechen, wo man kann. In sein eigentliches Element, so Sloterdijk, komme das Eifern aber erst, wenn Strenge auf Unterkomplexität trifft. Und deshalb hält es der Verfasser auch für keinen Zufall, dass typische Eiferer instinktsicher im Humor den Feind erkennen, der jeder militanten Einseitigkeit das Geschäft verdirbt.
Keinesfalls lässt sich aber diese eifernde Intoleranz einfach von den Monotheismen abtrennen, ist sie doch geradezu kennzeichnend für sie und, Sloterdijk sagt es vorsichtshalber nur indirekt, hat sich von Moses über Jesus und Paulus (“der erste Puritaner, der erste Jakobiner und der erste Leninist in einer Person”) zu Mohammed sogar noch verschärft. War für das Judentum noch ein souveränistischer Separatismus mit defensiven Zügen prägend, waren es für das Christentum die Expansion durch Mission und für den Islam die Expansion durch den heiligen Krieg. Etwas knapper behandelt, doch in ihrer Nähe zum Religiösen markant herausgestellt, werden die Neo-Monotheismen, die Ideologien des 19. und 20. Jahrhunderts, vor allem die “atheistische Kirche des Kommunismus”. Erst von diesen Menschheitsideologen sei der Ruf des Moses: “Es töte ein jeder selbst den Bruder, Freund und Nächsten” in den größten Verhältnissen befolgt worden, erst in ihnen seien die hybriden Saaten des Monotheismus aufgegangen.
Was also ist zu tun, was hilft gegen das destruktive “Eiferertum als pathologisches Symptom”? Für Sloterdijk einzig und allein eine fortschreitende “Zivilisierung” der Monotheismen, wie sie etwa durch frühere Institutionalisierungs- und Säkularisierungsprozesse bereits erfolgreich angegangen worden ist. Das Fernziel ist jedenfalls klar: “Die Zivilisierung der Monotheismen ist abgeschlossen, sobald die Menschen sich für gewisse Äußerungen ihres Gottes, die unglücklicherweise schriftlich festgehalten wurden, schämen wie für die Auftritte eines im allgemeinen sehr netten, doch jähzornigen Großvaters, den man seit längerem nicht mehr ohne Begleitung in die Öffentlichkeit lässt.” (S.168)

Peter Sloterdijk
Gottes Eifer. Vom Kampf der drei Monotheismen
Verlag der Weltreligionen im Insel Verlag Frankfurt am Main und Leipzig 2007
218 Seiten, 17,80 €
ISBN-10: 3458710043

Justament Sept. 2004: Schäume im Nomotop

Peter Sloterdijk vollendet seine Sphären-Trilogie

Thomas Claer

Sloterdijk CoverUnter deutschen Intellektuellen, insbesondere bei seinen Fachkollegen, haftet dem Philosophen Peter Sloterdijk, geboren 1947, hartnäckig der zweifelhafte Ruf des unseriösen Gauklers, ja des Scharlatans an, der – eine sensationsgierige Öffentlichkeit bedienend – mit großer Formulierungskunst unverantwortliche  Ideen in die Welt setzt. 1998 hatte er mit seiner Elmauer Rede “Regeln für den Menschenpark” für einen Skandal im Kulturbetrieb gesorgt und sich mit seiner Forderung eines “Codex der Anthropotechniken” zur Menschenzüchtung dem Faschismusverdacht ausgesetzt. Wer wie er die vieldeutig-ironische Geste und Darstellung liebt, läuft mitunter Gefahr, auf groteske Weise missverstanden zu werden. Hinzu kommt der in gewissen Kreisen als anstößig geltende Umstand, dass Sloterdijk Fernsehauftritte nicht scheut, wenngleich sich seine Präsenz auf die vorgerücktesten Sendezeiten  beschränkt.
Andere sehen in ihm dagegen den glänzender Stilisten, der es unternimmt, die Philosophie auf die Höhe der Zeit zu bringen. Daran arbeitet er auch im nun vorliegenden dritten Band “Schäume” seiner vor sechs Jahren mit “Blasen” begonnenen und ein Jahr darauf mit “Globen” fortgesetzten “Sphärologie”, die dem Leser nicht weniger als eine hochkomplexe Theorie der Gegenwart zumutet. Im Umfang gewichtig (zusammen sind es über 2500 Seiten), inhaltlich gleichwohl von einer beschwingten Leichtigkeit, wird hier alle metaphysische Schwere über Bord geworfen. Der Schaum, traditionell das Denkbild des Unzuverlässigen, Flüchtigen, aber auch Unkonventionellen, dient dabei als Metapher der menschlichen Gesellschaft: eine fragile Struktur, auf unwahrscheinliche Weise zusammenhängende luftige Elemente (die Lebenssphären der Individuen), stets vom Zerplatzen bedroht.
“Schäume”, das sich auch ohne weiteres so lesen lässt, als wäre es der erste der drei Teile, nimmt sich vornehmlich drängender “gesellschaftlicher” Fragen an und macht dabei “anthropogene Inseln” aus, darunter auch das “Nomotop”: Jede Kultureinheit insuliere sich spontan durch ihre normative Verfassung eine Art sittlichen Äther. Die Geltung von Recht und Sitte innerhalb der Gruppe übe einen permanenten selbst-stressierenden Reiz auf die Mitglieder aus und versetze das Kollektiv so in eine symbolische Vibration, die man am ehesten mit der endogen stabilisierten Körpertemperatur eines warmblütigen Lebewesens vergleichen könne. Eine zentrale Rolle spiele dabei die Kommunikation, die aber keinesfalls als ein Miteinander-Einigwerden im Sinne der “Konsensusidealisten” (eine Breitseite gegen den philosophischen Erzrivalen Habermas) gedacht werden dürfe, sondern – viel kühler und nüchterner – als ein bloßes Aufeinander-Bezugnehmen. Ein solcher Kommunikationsbegriff liege näher am Modell des Parasitismus als bei der Verständigung unter Chancengleichen. Das soziale Feld lasse sich so auch als ein Netzwerk von selbstbedienenden Anknüpfungen an den Leistungen anderer verstehen und die Umwelt wird zum Verzeichnis der von einem gegebenen Standort aus parasitierbaren Adressen bzw. zur Liste der Parasiten, auf deren Besuch man gefasst sein sollte.
Gibt es Einwände gegen dieses desillusionierende Panorama zeitgenössischer Anthroposphären? Schopenhauer hat in seiner Parabel die bürgerliche Gesellschaft nicht als “Gruppen frierender Igel”, sondern frierender Stachelschweine charakterisiert (S.305) und es heißt schon seit längerem nicht mehr “Deutsche Bundesbahn”, sondern Deutsche Bahn AG (S.469). Geschenkt.

Peter Sloterdijk
Sphären III. Schäume
Broschiert
Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2004
916 Seiten
EUR 29,90
ISBN: 3-518-41466-6