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www.justament.de, 22.1.2018: Achim Reichels wilde Jahre

Eine opulente Box mit 10-CDs und Begleitbuch über „A.R & Machines“ aus den frühen Siebzigern

Thomas Claer

Was für ein Geschenk! Und das sage ich trotz des stolzen Anschaffungspreises von mehr als hundert Euro. Denn dieses vor kurzem erschienene einmalige Box-Set ist jeden einzelnen Euro wert – und noch viel mehr als das…

Die Anfänge meiner Begeisterung für Achim Reichels psychedelische Phase liegen in den frühen Neunzigern. Damals als Oberstufenschüler bin ich über den „Spieler“ und „Blues in Blond“ aus den Achtzigern irgendwann auf „Klabautermann“ und die „Regenballade“ aus den Siebzigern gekommen. Und so musste ich früher oder später natürlich auch auf die – schon sehr exzentrische – „Grüne Reise“ stoßen, die für mich ein regelrechtes Erweckungserlebnis gewesen ist. Doch ging ich seinerzeit zunächst davon aus, dass diese einen einmaligen Ausflug Achim Reichels in spirituell-psychedelische Gefilde darstellte, denn weitere Veröffentlichungen dieser Art von ihm waren nirgendwo zu finden. Für die Jüngeren sei hier ausdrücklich betont: Das Internet war noch nicht erfunden, und Informationen über spezielle Themen wie dieses waren Mangelware.

Was mich aber dann doch stutzig machte, war die lange Zeitspanne zwischen der „Grünen Reise“ (1971) und dem „Shanty Alb’m! (1976). Sollte es in der Zwischenzeit wirklich so gar keinen Output von Achim Reichel gegeben haben? Und dann traute ich meinen Augen kaum, als ich eines Tages in meinem Lieblingsschallplattensecondhandladen bei Bruno in der Bremer Neustadt in der Raritätenkiste ein reichhaltig und geheimnisvoll bebildertes Doppelalbum mit der Aufschrift „Echo“ fand: von Achim Reichel & Machines aus dem Jahr 1972. Mit Songtiteln wie „Im Zauberwald der sieben Sinne“, „Im Irrgarten des Geistes“ oder „Durch fühlbares, messbares Nichts“. Was mich dann aber gehörig schlucken ließ, war der jedenfalls nach meinen damaligen Maßstäben einfach ungeheuerliche Kaufpreis von 70 DM. Ich brauchte einige Tage, um mich schließlich dazu durchzuringen, mir diese Gelegenheit trotz des aberwitzigen Preises nicht entgehen zu lassen. Zum Glück war die Platte noch da. Obwohl ich schon fest zum Kauf entschlossen war, fragte ich Bruno noch, ob nicht vielleicht ein kleiner Rabatt für mich drin sei. „Nein“, war seine sehr entschiedene Antwort, „die Platten in dieser Kiste sind sooo selten. Da kann ich keine Mark runtergehen!“ Als ich dann aber trotz allem zugriff, senkte Bruno – entgegen seiner vorherigen Ankündigung – freundlicherweise doch den Preis für mich auf 65 Mark. Er wollte mich als guten Kunden seines Ladens wohl auch bei Laune halten. Rückblickend war dieser Kauf für mich eine sehr gute Entscheidung. Heute, mehr als ein Vierteljahrhundert später, werden für die Vinyl-Pressung des Echo-Albums, das vor einigen Jahren in einer englischen Musikzeitschrift auf Platz 12 im Ranking der brillantesten unbekannten Perlen der Popgeschichte gewählt wurde, gut und gerne 600 Euro bezahlt. Nun muss ich allerdings auch zugeben, dass mir neben dem musikalischen Hochgenuss auch die Vorstellung ein großes Vergnügen bereitete (und noch immer bereitet), etwas beinahe Einzigartiges nur für mich allein zu haben.

Doch gab es vielleicht sogar noch weitere Achim Reichel-Platten aus diesen Jahren, von denen ich nichts wusste? Ich befragte den Flohmarkt-Plattenhändler, bei dem ich die „Grüne Reise“ gekauft hatte. Und dieser rief nur „Oooh“, während er seine ausgebreiteten Hände erhob, und raunte mir verschwörerisch zu: „Es gibt noch einige! `Erholung` und wie sie alle heißen. Aber die sind sooo schwer zu kriegen. Und ich weiß auch von vielen, die da scharf drauf sind! Wenn du mir hundert Mark für jede Platte gibst, besorg ich sie dir alle.“ Nein, da konnte ich als angehender Abiturient natürlich nicht mithalten. Aber mein Jagd- und Sammelinstinkt war nun endgültig geweckt, und ich machte mich auf die Suche.

Aus einem Lexikon namens „Rock in Deutschland“, das ich ebenfalls auf dem Flohmarkt erstehen konnte, erfuhr ich dann die Namen der weiteren psychedelischen Reichel-Alben aus jenen Jahren und dazu noch die Hintergründe ihrer Entstehung und späteren Verknappung. Nach sehr erfolgreichen und einträglichen Jahren als Boygroup-Star in den Sechzigern mit den „Rattles“ erlaubte die Plattenfirma Achim Reichel einige Alben mit diesem experimentellen Zeug, die aber ein kommerzielles Desaster wurden, woraufhin sie später komplett vom Markt genommen und die unverkäuflichen Restbestände eingestampft wurden. Um 1990 herum feierte diese Musik dann eine überraschende Wiederentdeckung in Kennerkreisen, und die wenigen verbliebenen Restexemplare wurden zu gesuchten Liebhaberstücken. Dies sollten sie schließlich auch noch im digitalen Zeitalter bleiben, denn die freie Verfügbarkeit dieser Musik im Netz änderte nichts an der magischen Aura dieser von ihren stolzen Besitzern heiß geliebten Vinylscheiben in ihren bunt gestalteten, vom New Age inspirierten Covern.

Aber zurück in die frühen Neunziger. Es muss wohl schon während meines Zivildienstes gewesen sein, als ich im kleinen, feinen Plattenladen „Scheibenkleister“ im Bremer „Viertel“, auch dort natürlich in der Raritätenkiste, das gesuchte Album „Erholung“ fand. Es handelte sich um einen 1975 erschienenen Zusammenschnitt von Liveaufnahmen aus den vorhergehenden Jahren, der am Ende von Achim Reichels psychedelischer Phase gewissermaßen noch nachgeschoben wurde. Der Preis von 60 DM erschien mir nach meinen bisherigen Erlebnissen noch als durchaus moderat. Und schließlich war ich als Zivi, der noch bei seinen Eltern wohnte, aber dennoch üppige Wohn- und Verpflegungszuschüsse bezog, immer gut bei Kasse. (In diesen 15 Monaten Zivildienst habe ich im Wesentlichen den Grundstock für mein späteres Vermögen angespart.) Kurz gesagt, ich griff also ohne langes Zögern zu, und besaß nunmehr schon die dritte Veröffentlichung dieser Art. Auch „Erholung“ gefiel mir musikalisch sehr gut, obwohl sie weitaus ruhiger und meditativer geraten war als „Echo“ und die „Grüne Reise“. Doch es gab ja noch drei weitere Platten, auf die ich es abgesehen hatte.

Ich war wohl bereits Student in Bielefeld, als ich in „Fun Records“, einem monatlich erscheinenden Katalog mit seltenen Schallplatten und CDs, die mittels Geboten per Postkarte versteigert wurden (es gab ja noch immer kein Internet!), gleich zwei der begehrten Platten auf einmal inseriert fand: „A.R. 3“ aus 1972 und „A.R. IV“ aus 1973. (Nur echt in dieser Schreibweise: A.R. 3 mit arabischer und A.R. IV mit römischer Zahl.) Ich konnte mein Glück kaum fassen. Es hätten ja auch Platten sein können, die ich bereits besaß. Angeboten waren aber just zwei der drei, die mir noch fehlten. Ich schickte meine Postkarte mit dem Gebot von jeweils 50 Mark pro Platte an die Zeitschrift ab. Und ich gewann sie beide! Überflüssig zu erwähnen, dass das aus heutiger Sicht lächerliche Beträge für solche Raritäten waren. Und der Preis tat mir noch nicht einmal besonders weh, da ich auch im Studium finanziell gut versorgt war; was aber vor allem an meinen niedrigen Lebenshaltungskosten lag. Mein Zimmer im Studentenwohnheim kostete nur um die 250 Mark, das Mensa-Essen war für maximal 3,40 Mark zu haben. Und ich gab ja sonst fast nichts aus – außer gelegentlich auf Flohmärkten für Bücher und Schallplatten, und die waren meistens nicht teuer. Genüsslich lauschte ich den Klängen meiner beiden jüngsten Schätze: A.R. 3 mit Songtiteln wie „Warum Peter nur noch Ferien macht“ war schon sehr aufregend, sehr abgespacete Klänge. A.R. IV war dann wiederum viel ruhiger, aber auch sehr schön.

Nun fehlte mir also nur noch „Autovision“ aus dem Jahr 1974 – die letzte Studioplatte aus der Serie. Und es verging mindestens ein weiteres Jahr, bis ich mal wieder in Bremen im „Viertel“ den schon erwähnten Laden „Scheibenkleister“ besuchte und dort die Raritätenkiste durchwühlte. Da fragte mich der Händler, der mich wohl schon früher manchmal genau dabei beobachtet hatte: „Und du suchst Psychedelic?“ Ja, das stimmte schon. Aber wie kam er nur darauf? Ich hatte doch gar keine langen Haare mehr. Die hatte ich mir doch schon im zweiten Semester abgeschnitten. Da fiel mir ein, dass ich in diesem Laden vor gar nicht langer Zeit schon eine frühe Platte von den „Kastrierten Philosophen“ gekauft hatte, die ja auch irgendwie dieser Richtung zuzuordnen waren. Das hatte sich der Händler wohl gemerkt. Als ich ihm frei heraus sagte, was ich suchte, meinte er: „Oooh ja, die sind aber wirklich sehr selten.“ Aber er kenne da jemanden mit sehr guten Kontakten. Der könnte die „Autovision“ vielleicht besorgen. Was ich denn maximal bereit wäre, dafür ausgeben. Ich beschloss spontan, gleich aufs Ganze zu gehen, und sagte mutig: „100 Mark.“ Da meinte der Händler: „Ja, das könnte klappen.“ Und ich solle mal in zwei Wochen wiederkommen. Was soll ich sagen, es hat tatsächlich geklappt. Als ich die hundert Mark bezahlte, und selbst diese Summe war aus heutiger Sicht natürlich nicht viel für dieses Album, machte der Händler ein jammervolles Gesicht und klagte: „Hundert Mark will er dafür haben! Und was habe ICH davon? Eigentlich müsste da auch noch was für MICH rausspringen.“ Da murmelte ich nur ein unbestimmtes „Tja…“, bedankte mich nochmals und suchte mit meiner Beute schnell das Weite, denn dies war mein bisher teuerster Plattenkauf. (Neben einer extrem seltenen Bootleg-Platte von Phillip Boa & the Voodooclub, die mich auf einer Schallplattenbörse in Bielefeld ebenfalls 100 Mark gekostet hatte.) Ich musste an den Flohmarkthändler denken, bei dem ich vor Jahren die „Grüne Reise“, den „Klabautermann“ und das „Shanty Alb’m“ gekauft hatte, dessen Mantra immer lautete: „Dass ICH hier immer bei Wind und Wetter stehe, nur damit IHR mal ein paar richtig gute Platten bekommt, da könntet ihr ruhig mal Danke sagen!“ Ziemlich genau zu dieser Zeit, Mitte der Neunziger, ist das Tocotronic-Debütalbum mit dem Song „Gitarrenhändler, ihr seid Schweine!“ mit der Textzeile „… und hinterrücks habt ihr mich wieder abgezockt.“ erschienen. Eigentlich könnte man dieses Lied auch gut mit „Schallplattenhändler“ statt „Gitarrenhändler“ singen. Andererseits sollte ruhig mal jemand die Schallplatten-Sammelkultur als Kandidatin zur Aufnahme ins immaterielle UNESCO-Weltkulturerbe vorschlagen. Und schließlich sind es nicht zuletzt die Plattenhändler, die diese Leidenschaft bei ihren Kunden mit ihren Sprüchen befeuern…

Seit mehr als zwei Jahrzehnten sind diese sechs bzw. sogar sieben seltenen Klangscheiben, wenn ich das Doppelalbum „Echo“ zweifach zähle, nun also die Zierde meiner Plattensammlung, haben mehrere Umzüge überstanden und werden gelegentlich einem ungläubig staunenden Besucher vorgeführt, der das erforderliche Hintergrundwissen mitbringt, um die Bedeutung dieser Preziosen würdigen zu können. Und nun das: Es gibt wahrhaftig noch mehr von dieser Musik! Wie oft habe ich in all den Jahren auf YouTube nach Live-Aufnahmen aus jenen Jahren gesucht – bis auf ein Video des Songs „Eisenpferde“ vom Album „Autovision“ vergeblich. Und jetzt diese Fülle: Neben den sechs regulären Platten befinden sich noch vier CDs mit komplett unveröffentlichtem Material in der Box sowie mehrere, bislang ebenfalls unbekannte Tracks auf den CDs „A.R. IV“ und „Erholung“. Was für ein Fest! Und ein reich bebildertes, mehr als 90 Seiten starkes Begleitbuch erzählt ausführlich die Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte dieser Musik. Das Urteil lautet: sehr gut (16 Punkte).

A.R. & Machines
The Art of German Psychedelic 1970-1974 Box-Set
(10 CDs und Begleitbuch)
Mbg Rights Management (Warner)
ASIN: B075G6YL3J

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www.justament.de, 18.9.2017: Echo der Vergangenheit

Scheiben Spezial: Achim Reichel lässt “A.R. & Machines“, sein psychedelisches Krautrock-Experiment aus den frühen Siebzigern, wieder auferstehen – in der Elbphilharmonie!

Thomas Claer

Achim Reichel 1971 (Foto: Wikipedia)

Es ist unglaublich. Lange hatte Achim Reichel, heute 73, mit dieser Idee kokettiert, aber dabei war es dann auch geblieben. Zu verwegen erschien die Option, hier noch einmal ranzugehen. „Man soll nie nie sagen“, erklärte der Beat-Veteran schon in den Neunzigern, als er gefragt wurde, ob Konzerte mit der Musik von „A.R. & Machines“ für ihn irgendwann wieder ein Thema sein könnten. Doch er wolle eben auch nicht am Ende als Spinner dastehen. Nach einem gewaltigen kommerziellen Flop war die Restauflage der zwischen 1971 und 1975 aufgenommenen sechs Alben jener obskuren meditativen Rockmusik eingestampft worden – um nach zwei Jahrzehnten eine spektakuläre Wiederentdeckung zu erleben. Plötzlich erfuhren Platten wie „Die grüne Reise“, „Echo“ und „Erholung“ in Kennerkreisen eine regelrecht kultische Verehrung. Hinzu kam, dass die geringe Zahl der übriggebliebenen Vinyl-Exemplare aus jener Zeit nun zu horrenden Sammlerpreisen ihre Besitzer wechselten, bis endlich Neuauflagen auf CD den Knappheits-Druck etwas minderten. Auch erfreute sich diese Musik mittlerweile einer ungeahnten Beliebtheit bei Trance- und Goa-Veranstaltungen. Dennoch blieb die Zahl ihrer Anhänger überschaubar, so dass sie bei allen Achim Reichel-Jubiläums- und Rückblicks-Konzerten der folgenden Jahre ausgespart blieb.

Achim Reichel 2017

Und nun das! Die mit jahrelanger Verspätung endlich eröffnete Hamburger Elbphilharmonie macht`s möglich. Durch seine begrenzte Zuschauerzahl und die einzigartige Akustik ist dieser Ort wie geschaffen für diese ihrer Natur nach wilde Session-Musik voller Improvisationen. Nur sind inzwischen leider nicht mehr viele von Achim Reichels einstigen Mitstreitern bei den „Machines“ am Leben. Immerhin Olaf Casalich, der legendäre Drummer und Percussionist, auch bekannt als Gründer und Kopf der Minne-Rockband Ougenweide, ist dabei. Und ein paar nachgeborene Brüder im Geiste. Am vergangenen Freitag hatten „A.R. & Machines“ einen triumphalen Auftritt im neuen Klangtempel an der Waterkant. Gut Ding will nun einmal Weile haben. Und last not least: Am 27.10.2017 erscheint „The Art Of German Psychedelic (1970-74)“, ein 10-CD-Set mit 96-seitigem Begleitbuch über die A.R. & Machines Story. Wir sind gespannt.

www.justament.de, 6.7.2015: Reichel trifft Radbruch

Altmeister Achim Reichel auf seinem Album „Raureif“

Thomas Claer

raureifEigentlich hatte ja endgültig Schluss sein sollen nach fünf Jahren „Solo mit euch“- Tournee, Achim Reichels kurzweiligem Rückblick auf ein bewegtes halbes Bühnenjahrhundert. Aber irgendwie hat es den auch mit 71 noch jungenhaft wirkenden Rock-Veteran wohl noch einmal gejuckt. Und so präsentiert er uns nach 16 Jahren Unterbrechung, die er u.a. mit Balladen-Vertonungen und Volkslied-Adaptionen zubrachte, tatsächlich noch einmal eine richtige Pop-Platte. Sie klingt, das lässt sich schon nach wenigen Takten sagen, nicht unbedingt überraschend, sondern vielmehr altvertraut. Die meisten der Stücke erinnern mehr oder weniger deutlich an frühere Kompositionen des Hamburgers, wobei die Arrangements diesmal fast durchweg recht stimmig geworden sind. Der Auftaktsong „Dolles Ding“ lässt einen unvermeidlich an „Die Schlange und das Paradies“ von 1986 denken, doch kommt hier noch der sehr pointierte Bläsereinsatz hinzu, welcher dem Lied einen durchaus besonderen Drive gibt. „In der Hängematte“ ist hingegen ein angenehm entspannter Bluesrock-Song, dem man allenfalls die aus dem Munde eines über Siebzigjährigen vielleicht ein wenig gewagt wirkende Textpassage „Nimm mich! Ich will dich! Deinen Hunger still ich!“ vorhalten könnte. Die restlichen Lieder des Albums sind von schwankender Qualität, doch knüpft Reichel von der luftigen Instrumentierung her sogar an seine stärkste Phase in den mittleren und späten Siebzigern an.
Besonderes Augenmerk verdient allerdings die inhaltliche Seite, denn erkennbar nutzt Achim Reichel sein Alterswerk auch zur Behandlung grundsätzlicher Themen, mit denen er in seinem langen Leben womöglich noch nicht ganz fertig geworden ist. Zum Beispiel ist da diese Geschichte, die er, wie es im Booklet der CD ausdrücklich heißt, selbst irgendwann in den Achtzigern so erlebt und nun im Lied „Dolles Ding“ verarbeitet hat: Das lyrische Ich fährt mit dem Auto in tiefster Nacht an eine einsame Straßenkreuzung auf dem Lande. Die Ampel steht auf rot, es ist weit und breit niemand zu sehen. „Da bin ich ohne Not“, so heißt es im Song, „rüber bei Rot“. Und es kommt, wie es kommen muss: Die Polizei, die plötzlich wie aus dem Nichts aufgetaucht ist, verhängt ein Bußgeld. Das empörte lyrische Ich legt dagegen Einspruch ein und verliert später vor Gericht mit Pauken und Trompeten.
Rechtlich ist der Fall natürlich klar: Der Verwaltungsakt „Rote Ampel“, auch wenn er in der konkreten Situation unsinnig sein mag, gilt dennoch, solange er nicht nichtig ist. Und nichtig ist er nur, wenn ihm seine Fehlerhaftigkeit „auf der Stirn geschrieben steht“, was wohl nur bei einer defekten dauerhaft rot leuchtenden Ampel anzunehmen wäre. Rechtsphilosophisch betrachtet kommt hier ferner die berühmte „Radbruchsche Formel“ ins Spiel, wonach grundsätzlich die Rechtssicherheit stärker wiegt als die Einzelfallgerechtigkeit, abgesehen von Fällen „unerträglichen Unrechts“. Um aber ein solches anzunehmen, braucht es schon Nazi-Gräueltaten oder Schießbefehle an der Mauer. Kurz, rote Ampeln in tiefer Nacht an einsamen Kreuzungen sind weder nichtig noch unerträgliches Unrecht und deshalb trotz allem zu beachten. Daran ändert auch der Umstand nichts, dass in Berliner Szenevierteln das Überqueren der Straße bei roten Ampeln zumindest durch Fußgänger gemeinhin als Kavaliersdelikt angesehen und sogar gewohnheitsrechtlich polizeilich toleriert wird. Das tut die Berliner „Polente“ gewissermaßen ohne Anerkennung einer Rechtspflicht… Weil aber Achim Reichel sein jahrzehntelanger Ärger über dieses Missgeschick auch irgendwie sympathisch macht und er ohnehin ein dufter Typ ist, lautet das Gesamturteil hier: voll befriedigend (10 Punkte).

Achim Reichel
Raureif
Tangram (Indigo) 2015
ASIN: B00OVG45ZU

www.justament.de, 17.1.2011: Redseliger Rock-Rentner

Achim Reichel erzählt und singt auf „Solo mit euch“ – und greift tief in die Schatztruhe seines Frühwerks

Thomas Claer

scheiben-tc-achim-reichel-bildWenn Rockmusiker in die Jahre kommen, dann gibt es zu den Jubiläen nicht selten  entsprechende Konzerte, und aus diesem Material erwächst dann wiederum meist eine C-, wenn nicht gleich DVD – oder noch besser: beides nebeneinander. So hält es auch der Hamburger Ex-Boygroupstar, Ex-Krautrocker, Shanty- und Volksliedadoptierer, Balladen- und Großstadtlyrikvertoner Achim Reichel, inzwischen 66. Anlässlich seines Eintritts ins gesetzliche Rentenalter ist von ihm nun schon das dritte Live-Album in nur 16 Jahren erschienen. Doch anders als auf „Große Freiheit“ (1994) und „100 % Leben“ (2004) versucht sich Reichel diesmal auf der ersten der beiden CDs von „Solo mit euch“ auch als unterhaltsamer „Storyteller“, der heiter und beschwingt Anekdoten aus seinem bewegten Musiker-Leben zum besten gibt. Und was soll man sagen, man hört das alles schon ganz gerne, zumal hier erfreulicherweise auch die Hinter- und Beweggründe so mancher seiner früheren – oft überraschenden – konzeptionellen Neuausrichtungen erklärt werden. Auf der zweiten CD finden sich dann Solo- (d.h. nur von Berry Sarluis auf dem Akkordion und Pete Sage auf der Violine begleitete) Einspielungen vieler Reichel-Klassiker, aber auch etlicher Songs, die er locker zwanzig oder gar dreißig Jahre nicht mehr live gespielt haben dürfte. Seine Rock-Version des alten Seemanns-Schlagers „Sie hieß Mary Ann“ gab es bislang nur auf der nie als CD gepressten Compilation-Platte „Rock in Deutschland, Vol. 7“ von 1981! Und auch der „Blonde Hans“ vom Skandal-Poeten Kiev Stingl und die wunderbar böse Christian Morgenstern-Adaption „Sophie, mein Henkersmädel“ hat man schon verdammt lange nicht mehr von ihm gehört. Die größte Entdeckung ist aber zweifellos „Mama Stadt“ aus der Feder des 1987 tragisch verunglückten Popliteraten Jörg Fauser, ein bislang eher unauffälliges Stück vom legendären „Blues in Blond“-Album aus den frühen Achtzigern, das hier in der reduzierten Version mit ihren lapidaren Gitarrenriffs zu ungeahnter Größe aufsteigt. „Blätter fall’n von totgesagten Bäumen …“ heißt es dort, und: „Die Leben geben dürfen sich auch Leben nehmen/ Und sich aus Trümmern Träume baun“. Das hat schon Klasse! So möchte man Achim Reichel am Ende inständig bitten, doch künftig bei der Auswahl seiner Songs ruhig noch etwas tiefer in die versunkene Schatztruhe seines Frühwerks zu greifen. Spätestens zum 70. Geburtstagskonzert wünschen wir uns endlich einmal den „Fliegenden Holländer“ vom Klabautermann-Album (1977), auch wenn manche Aloha Heja He-Fans damit vielleicht wenig anfangen können. Oder noch besser: „Zehn Jahre lebenslänglich“ von A.R. 3 (1972). Das Urteil lautet: voll befriedigend (12 Punkte).

Achim Reichel
Solo mit euch
Doppel-CD
Indigo 2010
Ca. € 17,-
ASIN: B003Y5W3Z8

Justament April 2008: Schiff ahoi!

Wieder da: Achim Reichels Seemannslieder und Balladen aus den 70ern

Thomas Claer

Cover ShantyDa kommt Freude auf. Nach der “Grünen Reise” (siehe Justament 1/08) gibt es jetzt auch die digital remasterte Wiederveröffentlichung der kompletten Seemanslieder- und Balladenphase Achim Reichels zu bestaunen. Es handelt sich um insgesamt vier CDs, jeweils mit aufwändigem Booklet versehen. Zunächst ist da das “Shanty Alb’m” von 1976, auf dem der Meister hochbetagte Songs aus dem maritimen Umfeld (“Rolling Home”) mit recht schroffen und bisweilen regelrecht bösen Gitarrenriffs unterlegt. Nur einmal wurde das Programm damals mit Piraten-Kostümierung und folkloristischen Instrumenten in einem Hamburger Theater aufgeführt. Einige Shanty-Puristen, die sich in der Veranstaltung geirrt hatten, reagierten verstört. Ein größeres Publikum gab es für diese lange als Geheimtipp gehandelte Musik erst in den Neunzigern, als Reichel mit dem Party-Kracher Aloha Heja He die Hitparaden stürmte und die Konzertbesucher plötzlich nach den alten Stücken verlangten.

Die dem Shanty Alb’m folgende und konzeptionell ähnlich gestrickte Platte “Klabautermann” (1977) kann nicht minder überzeugen und wendet sich mit einer Christian Morgenstern-Vertonung (“Sophie, mein Henkersmädel”) erstmals auch literarischen Quellen zu.

Es folgt das ausschließlich klassische Balladen adaptierende Album “Regenballade” (1978), ein weiteres Meisterwerk, in welchem Theodor Fontane, Detlef von Liliencron, Ina Seidel und viele andere ein manchmal rockiges, oft aber auch eher subtiles Gewand erhalten.

Nach dieser Trilogie ging Achim Reichel lange Zeit andere Wege und kam erst 2002 mit der CD “Wilder Wassermann” (u.a. mit Goethes “Zauberlehrling”) zurück ins alte Fahrwasser. Doch nur in wenigen Liedern fand er wieder zur alten Klasse zurück. Gleichwohl lautet das Gesamturteil: gut (15 Punkte).

Achim Reichel
Dat Shanty Alb’m
Tangram (Indigo) 2008
Ca. EUR 17,00
ASIN: B0015S8166

Cover Klabautermann

Achim Reichel
Klabautermann
Tangram (Indigo) 2008
Ca. EUR 17,00
ASIN: B0015S816G

Cover Regenballade

Achim Reichel
Regenballade
Tangram (Indigo) 2008
Ca. EUR 17,00
ASIN: B0015S816Q

Cover Wilder Wassermann

Achim Reichel
Wilder Wassermann
Tangram (Indigo) 2008
Ca. EUR 17,00
ASIN: B0015S8170

Justament März 2008: Der absolute Wahnsinn

Nach 37 Jahren wieder veröffentlicht: Achim Reichels “Grüne Reise”

Thomas Claer

Cover Grüne ReiseHamburg, 1970: Der 26-jährige Rockmusiker Achim Reichel, vormals Boygroup-Star mit den “Rattles”, nimmt aus einer Laune heraus in nur zwei Tagen eine äußerst skurrile Platte auf mit experimenteller Elektronik, indischen Instrumenten, Echo-Gitarren und esoterischen Texten (“Fröhliche Abenteuer für Sinne, Geist und Triebe”). Die “Grüne Reise” wird im “Musikexpress” als “billiges Machwerk” verrissen und floppt gewaltig. Nur 3000 Exemplare verkaufen sich, bis sie 1976 von der Plattenfirma Polydor ganz aus dem Handel genommen wird.
Bremen, 1991: Der Rezensent hört als Gymnasiast auf dem Walkman seines Freundes Olli Achim Reichels “Der Spieler” aus den frühen 80ern und ist nicht nur von den Gitarrenriffs begeistert. Auf der Suche nach Achim Reichels Seemannsliedern und Balladen-Vertonungen aus den Siebzigern lande ich schließlich beim Flohmarkt-Plattenhändler mit den langen Haaren und dem Vollbart, der zu jeder verkauften Platte eine Geschichte erzählt. Und der fragt mich: “Suchst du denn etwa auch die “Grüne Reise”? Ich habe keine Ahnung und schäme mich für meine Unkenntnis. Der Händler sagt: “Ich weiß nicht, was alle an der ollen Kiffer-Scheibe finden, aber die reißen sie mir aus den Händen. Ist wirklich schwer zu besorgen, aber ich konnte bisher immer noch eine auftreiben. Das kostet dann aber auch was: Unter 25 Mark geht da nix mehr.” Das war nun absolut nicht meine Preislage. “Außer”, sagte der Händler, der das merkte, “du willst diese zerkratzte mit den angenagten Ecken, aber Original-Pressung. Die kostet nur 14 Mark.” Das wurde dann meine “Grüne Reise”. Sie knisterte und eierte sogar gewaltig auf dem Plattenteller. Aber sie spielte – und versetzte mich augenblicklich in Entzücken.
Mitte der 90er war die “Grüne Reise” bereits sehr angesagt auf Trance- und Goa-Parties. Und für internationale Musikkritiker ist sie heute längst der beste deutsche Krautrock ever. Doch blieb sie bis zuletzt die ewig knisternde, kultisch verehrte Raubkopie. Nun ist es Achim Reichel (inzwischen 64) endlich gelungen, die Rechte an seiner “Jugendsünde” von der Plattenfirma zurückzukaufen, und er bringt diese auf seinem hauseigenen Tangram-Label digitally remastered auf den Markt. Dazu gibt es als Bonus-DVD eine psychedelische filmische Umsetzung der “Grünen Reise” von 60 Studenten aus dem Fachbereich Medien der Fachhochschule Lippe/ Höxter, ihre Seminararbeit über zwei Semester. Das Urteil lautet: gut (15 Punkte).

A.R. & Machines
Die grüne Reise
Tangram (Indigo) 2007, Doppel-CD, 40:49 Minuten
ca. EUR 20,00
ASIN: B000XJOCNE