Tag Archives: Achim Reichel

www.justament.de, 18.9.2017: Echo der Vergangenheit

Scheiben Spezial: Achim Reichel lässt “A.R. & Machines“, sein psychedelisches Krautrock-Experiment aus den frühen Siebzigern, wieder auferstehen – in der Elbphilharmonie!

Thomas Claer

Achim Reichel 1971 (Foto: Wikipedia)

Es ist unglaublich. Lange hatte Achim Reichel, heute 73, mit dieser Idee kokettiert, aber dabei war es dann auch geblieben. Zu verwegen erschien die Option, hier noch einmal ranzugehen. „Man soll nie nie sagen“, erklärte der Beat-Veteran schon in den Neunzigern, als er gefragt wurde, ob Konzerte mit der Musik von „A.R. & Machines“ für ihn irgendwann wieder ein Thema sein könnten. Doch er wolle eben auch nicht am Ende als Spinner dastehen. Nach einem gewaltigen kommerziellen Flop war die Restauflage der zwischen 1971 und 1975 aufgenommenen sechs Alben jener obskuren meditativen Rockmusik eingestampft worden – um nach zwei Jahrzehnten eine spektakuläre Wiederentdeckung zu erleben. Plötzlich erfuhren Platten wie „Die grüne Reise“, „Echo“ und „Erholung“ in Kennerkreisen eine regelrecht kultische Verehrung. Hinzu kam, dass die geringe Zahl der übriggebliebenen Vinyl-Exemplare aus jener Zeit nun zu horrenden Sammlerpreisen ihre Besitzer wechselten, bis endlich Neuauflagen auf CD den Knappheits-Druck etwas minderten. Auch erfreute sich diese Musik mittlerweile einer ungeahnten Beliebtheit bei Trance- und Goa-Veranstaltungen. Dennoch blieb die Zahl ihrer Anhänger überschaubar, so dass sie bei allen Achim Reichel-Jubiläums- und Rückblicks-Konzerten der folgenden Jahre ausgespart blieb.

Achim Reichel 2017

Und nun das! Die mit jahrelanger Verspätung endlich eröffnete Hamburger Elbphilharmonie macht`s möglich. Durch seine begrenzte Zuschauerzahl und die einzigartige Akustik ist dieser Ort wie geschaffen für diese ihrer Natur nach wilde Session-Musik voller Improvisationen. Nur sind inzwischen leider nicht mehr viele von Achim Reichels einstigen Mitstreitern bei den „Machines“ am Leben. Immerhin Olaf Casalich, der legendäre Drummer und Percussionist, auch bekannt als Gründer und Kopf der Minne-Rockband Ougenweide, ist dabei. Und ein paar nachgeborene Brüder im Geiste. Am vergangenen Freitag hatten „A.R. & Machines“ einen triumphalen Auftritt im neuen Klangtempel an der Waterkant. Gut Ding will nun einmal Weile haben. Und last not least: Am 27.10.2017 erscheint „The Art Of German Psychedelic (1970-74)“, ein 10-CD-Set mit 96-seitigem Begleitbuch über die A.R. & Machines Story. Wir sind gespannt.

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www.justament.de, 6.7.2015: Reichel trifft Radbruch

Altmeister Achim Reichel auf seinem Album „Raureif“

Thomas Claer

raureifEigentlich hatte ja endgültig Schluss sein sollen nach fünf Jahren „Solo mit euch“- Tournee, Achim Reichels kurzweiligem Rückblick auf ein bewegtes halbes Bühnenjahrhundert. Aber irgendwie hat es den auch mit 71 noch jungenhaft wirkenden Rock-Veteran wohl noch einmal gejuckt. Und so präsentiert er uns nach 16 Jahren Unterbrechung, die er u.a. mit Balladen-Vertonungen und Volkslied-Adaptionen zubrachte, tatsächlich noch einmal eine richtige Pop-Platte. Sie klingt, das lässt sich schon nach wenigen Takten sagen, nicht unbedingt überraschend, sondern vielmehr altvertraut. Die meisten der Stücke erinnern mehr oder weniger deutlich an frühere Kompositionen des Hamburgers, wobei die Arrangements diesmal fast durchweg recht stimmig geworden sind. Der Auftaktsong „Dolles Ding“ lässt einen unvermeidlich an „Die Schlange und das Paradies“ von 1986 denken, doch kommt hier noch der sehr pointierte Bläsereinsatz hinzu, welcher dem Lied einen durchaus besonderen Drive gibt. „In der Hängematte“ ist hingegen ein angenehm entspannter Bluesrock-Song, dem man allenfalls die aus dem Munde eines über Siebzigjährigen vielleicht ein wenig gewagt wirkende Textpassage „Nimm mich! Ich will dich! Deinen Hunger still ich!“ vorhalten könnte. Die restlichen Lieder des Albums sind von schwankender Qualität, doch knüpft Reichel von der luftigen Instrumentierung her sogar an seine stärkste Phase in den mittleren und späten Siebzigern an.
Besonderes Augenmerk verdient allerdings die inhaltliche Seite, denn erkennbar nutzt Achim Reichel sein Alterswerk auch zur Behandlung grundsätzlicher Themen, mit denen er in seinem langen Leben womöglich noch nicht ganz fertig geworden ist. Zum Beispiel ist da diese Geschichte, die er, wie es im Booklet der CD ausdrücklich heißt, selbst irgendwann in den Achtzigern so erlebt und nun im Lied „Dolles Ding“ verarbeitet hat: Das lyrische Ich fährt mit dem Auto in tiefster Nacht an eine einsame Straßenkreuzung auf dem Lande. Die Ampel steht auf rot, es ist weit und breit niemand zu sehen. „Da bin ich ohne Not“, so heißt es im Song, „rüber bei Rot“. Und es kommt, wie es kommen muss: Die Polizei, die plötzlich wie aus dem Nichts aufgetaucht ist, verhängt ein Bußgeld. Das empörte lyrische Ich legt dagegen Einspruch ein und verliert später vor Gericht mit Pauken und Trompeten.
Rechtlich ist der Fall natürlich klar: Der Verwaltungsakt „Rote Ampel“, auch wenn er in der konkreten Situation unsinnig sein mag, gilt dennoch, solange er nicht nichtig ist. Und nichtig ist er nur, wenn ihm seine Fehlerhaftigkeit „auf der Stirn geschrieben steht“, was wohl nur bei einer defekten dauerhaft rot leuchtenden Ampel anzunehmen wäre. Rechtsphilosophisch betrachtet kommt hier ferner die berühmte „Radbruchsche Formel“ ins Spiel, wonach grundsätzlich die Rechtssicherheit stärker wiegt als die Einzelfallgerechtigkeit, abgesehen von Fällen „unerträglichen Unrechts“. Um aber ein solches anzunehmen, braucht es schon Nazi-Gräueltaten oder Schießbefehle an der Mauer. Kurz, rote Ampeln in tiefer Nacht an einsamen Kreuzungen sind weder nichtig noch unerträgliches Unrecht und deshalb trotz allem zu beachten. Daran ändert auch der Umstand nichts, dass in Berliner Szenevierteln das Überqueren der Straße bei roten Ampeln zumindest durch Fußgänger gemeinhin als Kavaliersdelikt angesehen und sogar gewohnheitsrechtlich polizeilich toleriert wird. Das tut die Berliner „Polente“ gewissermaßen ohne Anerkennung einer Rechtspflicht… Weil aber Achim Reichel sein jahrzehntelanger Ärger über dieses Missgeschick auch irgendwie sympathisch macht und er ohnehin ein dufter Typ ist, lautet das Gesamturteil hier: voll befriedigend (10 Punkte).

Achim Reichel
Raureif
Tangram (Indigo) 2015
ASIN: B00OVG45ZU

www.justament.de, 17.1.2011: Redseliger Rock-Rentner

Achim Reichel erzählt und singt auf „Solo mit euch“ – und greift tief in die Schatztruhe seines Frühwerks

Thomas Claer

scheiben-tc-achim-reichel-bildWenn Rockmusiker in die Jahre kommen, dann gibt es zu den Jubiläen nicht selten  entsprechende Konzerte, und aus diesem Material erwächst dann wiederum meist eine C-, wenn nicht gleich DVD – oder noch besser: beides nebeneinander. So hält es auch der Hamburger Ex-Boygroupstar, Ex-Krautrocker, Shanty- und Volksliedadoptierer, Balladen- und Großstadtlyrikvertoner Achim Reichel, inzwischen 66. Anlässlich seines Eintritts ins gesetzliche Rentenalter ist von ihm nun schon das dritte Live-Album in nur 16 Jahren erschienen. Doch anders als auf „Große Freiheit“ (1994) und „100 % Leben“ (2004) versucht sich Reichel diesmal auf der ersten der beiden CDs von „Solo mit euch“ auch als unterhaltsamer „Storyteller“, der heiter und beschwingt Anekdoten aus seinem bewegten Musiker-Leben zum besten gibt. Und was soll man sagen, man hört das alles schon ganz gerne, zumal hier erfreulicherweise auch die Hinter- und Beweggründe so mancher seiner früheren – oft überraschenden – konzeptionellen Neuausrichtungen erklärt werden. Auf der zweiten CD finden sich dann Solo- (d.h. nur von Berry Sarluis auf dem Akkordion und Pete Sage auf der Violine begleitete) Einspielungen vieler Reichel-Klassiker, aber auch etlicher Songs, die er locker zwanzig oder gar dreißig Jahre nicht mehr live gespielt haben dürfte. Seine Rock-Version des alten Seemanns-Schlagers „Sie hieß Mary Ann“ gab es bislang nur auf der nie als CD gepressten Compilation-Platte „Rock in Deutschland, Vol. 7“ von 1981! Und auch der „Blonde Hans“ vom Skandal-Poeten Kiev Stingl und die wunderbar böse Christian Morgenstern-Adaption „Sophie, mein Henkersmädel“ hat man schon verdammt lange nicht mehr von ihm gehört. Die größte Entdeckung ist aber zweifellos „Mama Stadt“ aus der Feder des 1987 tragisch verunglückten Popliteraten Jörg Fauser, ein bislang eher unauffälliges Stück vom legendären „Blues in Blond“-Album aus den frühen Achtzigern, das hier in der reduzierten Version mit ihren lapidaren Gitarrenriffs zu ungeahnter Größe aufsteigt. „Blätter fall’n von totgesagten Bäumen …“ heißt es dort, und: „Die Leben geben dürfen sich auch Leben nehmen/ Und sich aus Trümmern Träume baun“. Das hat schon Klasse! So möchte man Achim Reichel am Ende inständig bitten, doch künftig bei der Auswahl seiner Songs ruhig noch etwas tiefer in die versunkene Schatztruhe seines Frühwerks zu greifen. Spätestens zum 70. Geburtstagskonzert wünschen wir uns endlich einmal den „Fliegenden Holländer“ vom Klabautermann-Album (1977), auch wenn manche Aloha Heja He-Fans damit vielleicht wenig anfangen können. Oder noch besser: „Zehn Jahre lebenslänglich“ von A.R. 3 (1972). Das Urteil lautet: voll befriedigend (12 Punkte).

Achim Reichel
Solo mit euch
Doppel-CD
Indigo 2010
Ca. € 17,-
ASIN: B003Y5W3Z8

Justament April 2008: Schiff ahoi!

Wieder da: Achim Reichels Seemannslieder und Balladen aus den 70ern

Thomas Claer

Cover ShantyDa kommt Freude auf. Nach der “Grünen Reise” (siehe Justament 1/08) gibt es jetzt auch die digital remasterte Wiederveröffentlichung der kompletten Seemanslieder- und Balladenphase Achim Reichels zu bestaunen. Es handelt sich um insgesamt vier CDs, jeweils mit aufwändigem Booklet versehen. Zunächst ist da das “Shanty Alb’m” von 1976, auf dem der Meister hochbetagte Songs aus dem maritimen Umfeld (“Rolling Home”) mit recht schroffen und bisweilen regelrecht bösen Gitarrenriffs unterlegt. Nur einmal wurde das Programm damals mit Piraten-Kostümierung und folkloristischen Instrumenten in einem Hamburger Theater aufgeführt. Einige Shanty-Puristen, die sich in der Veranstaltung geirrt hatten, reagierten verstört. Ein größeres Publikum gab es für diese lange als Geheimtipp gehandelte Musik erst in den Neunzigern, als Reichel mit dem Party-Kracher Aloha Heja He die Hitparaden stürmte und die Konzertbesucher plötzlich nach den alten Stücken verlangten.

Die dem Shanty Alb’m folgende und konzeptionell ähnlich gestrickte Platte “Klabautermann” (1977) kann nicht minder überzeugen und wendet sich mit einer Christian Morgenstern-Vertonung (“Sophie, mein Henkersmädel”) erstmals auch literarischen Quellen zu.

Es folgt das ausschließlich klassische Balladen adaptierende Album “Regenballade” (1978), ein weiteres Meisterwerk, in welchem Theodor Fontane, Detlef von Liliencron, Ina Seidel und viele andere ein manchmal rockiges, oft aber auch eher subtiles Gewand erhalten.

Nach dieser Trilogie ging Achim Reichel lange Zeit andere Wege und kam erst 2002 mit der CD “Wilder Wassermann” (u.a. mit Goethes “Zauberlehrling”) zurück ins alte Fahrwasser. Doch nur in wenigen Liedern fand er wieder zur alten Klasse zurück. Gleichwohl lautet das Gesamturteil: gut (15 Punkte).

Achim Reichel
Dat Shanty Alb’m
Tangram (Indigo) 2008
Ca. EUR 17,00
ASIN: B0015S8166

Cover Klabautermann

Achim Reichel
Klabautermann
Tangram (Indigo) 2008
Ca. EUR 17,00
ASIN: B0015S816G

Cover Regenballade

Achim Reichel
Regenballade
Tangram (Indigo) 2008
Ca. EUR 17,00
ASIN: B0015S816Q

Cover Wilder Wassermann

Achim Reichel
Wilder Wassermann
Tangram (Indigo) 2008
Ca. EUR 17,00
ASIN: B0015S8170

Justament März 2008: Der absolute Wahnsinn

Nach 37 Jahren wieder veröffentlicht: Achim Reichels “Grüne Reise”

Thomas Claer

Cover Grüne ReiseHamburg, 1970: Der 26-jährige Rockmusiker Achim Reichel, vormals Boygroup-Star mit den “Rattles”, nimmt aus einer Laune heraus in nur zwei Tagen eine äußerst skurrile Platte auf mit experimenteller Elektronik, indischen Instrumenten, Echo-Gitarren und esoterischen Texten (“Fröhliche Abenteuer für Sinne, Geist und Triebe”). Die “Grüne Reise” wird im “Musikexpress” als “billiges Machwerk” verrissen und floppt gewaltig. Nur 3000 Exemplare verkaufen sich, bis sie 1976 von der Plattenfirma Polydor ganz aus dem Handel genommen wird.
Bremen, 1991: Der Rezensent hört als Gymnasiast auf dem Walkman seines Freundes Olli Achim Reichels “Der Spieler” aus den frühen 80ern und ist nicht nur von den Gitarrenriffs begeistert. Auf der Suche nach Achim Reichels Seemannsliedern und Balladen-Vertonungen aus den Siebzigern lande ich schließlich beim Flohmarkt-Plattenhändler mit den langen Haaren und dem Vollbart, der zu jeder verkauften Platte eine Geschichte erzählt. Und der fragt mich: “Suchst du denn etwa auch die “Grüne Reise”? Ich habe keine Ahnung und schäme mich für meine Unkenntnis. Der Händler sagt: “Ich weiß nicht, was alle an der ollen Kiffer-Scheibe finden, aber die reißen sie mir aus den Händen. Ist wirklich schwer zu besorgen, aber ich konnte bisher immer noch eine auftreiben. Das kostet dann aber auch was: Unter 25 Mark geht da nix mehr.” Das war nun absolut nicht meine Preislage. “Außer”, sagte der Händler, der das merkte, “du willst diese zerkratzte mit den angenagten Ecken, aber Original-Pressung. Die kostet nur 14 Mark.” Das wurde dann meine “Grüne Reise”. Sie knisterte und eierte sogar gewaltig auf dem Plattenteller. Aber sie spielte – und versetzte mich augenblicklich in Entzücken.
Mitte der 90er war die “Grüne Reise” bereits sehr angesagt auf Trance- und Goa-Parties. Und für internationale Musikkritiker ist sie heute längst der beste deutsche Krautrock ever. Doch blieb sie bis zuletzt die ewig knisternde, kultisch verehrte Raubkopie. Nun ist es Achim Reichel (inzwischen 64) endlich gelungen, die Rechte an seiner “Jugendsünde” von der Plattenfirma zurückzukaufen, und er bringt diese auf seinem hauseigenen Tangram-Label digitally remastered auf den Markt. Dazu gibt es als Bonus-DVD eine psychedelische filmische Umsetzung der “Grünen Reise” von 60 Studenten aus dem Fachbereich Medien der Fachhochschule Lippe/ Höxter, ihre Seminararbeit über zwei Semester. Das Urteil lautet: gut (15 Punkte).

A.R. & Machines
Die grüne Reise
Tangram (Indigo) 2007, Doppel-CD, 40:49 Minuten
ca. EUR 20,00
ASIN: B000XJOCNE