Justament März 2008: Die ewigen Eiferer

Peter Sloterdijk mahnt zur Zivilisierung der monotheistischen Intoleranz-Kulturen

Thomas Claer

Cover Gottes EiferDem Monotheismus als solchem kritisch zu begegnen, ist derzeit en vogue. Vor allem der Ägyptologe Jan Assmann konnte zuletzt in mehreren Büchern und einem ihm gewidmeten SPIEGEL-Titel aufzeigen, wie eng einerseits Religionskriege und Terror, andererseits aber eben auch alle unsere modernen Universalismen letztlich mit dem Eingötter-Glauben zusammenhängen, der große Teile der Welt entscheidend geprägt hat. Wenn der Philosoph Peter Sloterdijk nun ein kompaktes und gedankenreiches Bändchen über die drei monotheistischen Weltreligionen und die ihnen jeweils affinen Konfliktneigungen vorlegt, macht er aus seinem Herzen keine Mördergrube. Weniger die Religionen selbst als vielmehr das mit ihnen in die Welt gekommene spezifische Eiferertum ist ihm herzlich zuwider.
Die eifernden Monotheismen, so Sloterdijk, ziehen ihren Elan “aus der phantastischen Vorstellung, es könne gelingen, gegen alle Irrungen und Wirrungen der kontrovers versprachlichten und multipel verbildlichten Wirklichkeit die einwertige Ursprache wiederherzustellen”. Den logischen Ursprung ihres Eiferertums sieht Sloterdijk daher im Herunterzählen auf die Eins, die nichts und niemanden neben sich duldet. Diese Eins sei die Mutter der Intoleranz. Anders als etwa in den religiösen Toleranzkulturen des alten Ägyptens oder des Buddhismus sei es für alle echten monotheistischen Eiferer evident, dass die Menschen es ohne den Zusammenprall mit dem “wahren Gott” nur zu glänzenden Lastern bringen könnten. Daher dürfe man, ginge es nach jenen, die Menschen nie in Ruhe lassen und solle ihre Gewohnheiten unterbrechen, wo man kann. In sein eigentliches Element, so Sloterdijk, komme das Eifern aber erst, wenn Strenge auf Unterkomplexität trifft. Und deshalb hält es der Verfasser auch für keinen Zufall, dass typische Eiferer instinktsicher im Humor den Feind erkennen, der jeder militanten Einseitigkeit das Geschäft verdirbt.
Keinesfalls lässt sich aber diese eifernde Intoleranz einfach von den Monotheismen abtrennen, ist sie doch geradezu kennzeichnend für sie und, Sloterdijk sagt es vorsichtshalber nur indirekt, hat sich von Moses über Jesus und Paulus (“der erste Puritaner, der erste Jakobiner und der erste Leninist in einer Person”) zu Mohammed sogar noch verschärft. War für das Judentum noch ein souveränistischer Separatismus mit defensiven Zügen prägend, waren es für das Christentum die Expansion durch Mission und für den Islam die Expansion durch den heiligen Krieg. Etwas knapper behandelt, doch in ihrer Nähe zum Religiösen markant herausgestellt, werden die Neo-Monotheismen, die Ideologien des 19. und 20. Jahrhunderts, vor allem die “atheistische Kirche des Kommunismus”. Erst von diesen Menschheitsideologen sei der Ruf des Moses: “Es töte ein jeder selbst den Bruder, Freund und Nächsten” in den größten Verhältnissen befolgt worden, erst in ihnen seien die hybriden Saaten des Monotheismus aufgegangen.
Was also ist zu tun, was hilft gegen das destruktive “Eiferertum als pathologisches Symptom”? Für Sloterdijk einzig und allein eine fortschreitende “Zivilisierung” der Monotheismen, wie sie etwa durch frühere Institutionalisierungs- und Säkularisierungsprozesse bereits erfolgreich angegangen worden ist. Das Fernziel ist jedenfalls klar: “Die Zivilisierung der Monotheismen ist abgeschlossen, sobald die Menschen sich für gewisse Äußerungen ihres Gottes, die unglücklicherweise schriftlich festgehalten wurden, schämen wie für die Auftritte eines im allgemeinen sehr netten, doch jähzornigen Großvaters, den man seit längerem nicht mehr ohne Begleitung in die Öffentlichkeit lässt.” (S.168)

Peter Sloterdijk
Gottes Eifer. Vom Kampf der drei Monotheismen
Verlag der Weltreligionen im Insel Verlag Frankfurt am Main und Leipzig 2007
218 Seiten, 17,80 €
ISBN-10: 3458710043

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