www.justament.de, 7.1.2014: Auf dem Weg zum Rechercheur

Marcel Proust im dritten Band seiner „Suche nach der verlorenen Zeit“: „Die Welt der Guermantes“

Thomas Claer

Cover GuermantesIn der muslimischen Welt gibt es den Ehrentitel des Hadschi. So darf sich nennen, wer bereits eine Pilgerfahrt nach Mekka unternommen hat, zum Beispiel der Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah, der Karl May-Lesern als ständiger Begleiter des Kara Ben Nemsi durch den Orient bekannt ist. Es soll hiermit angeregt werden, eine Entsprechung für den Hadschi-Titel in der Welt der Literatur einzurichten: Wer die gesamten (je nach Ausgabe bis zu 5000 Seiten umfassenden, dabei durchweg lange komplizierte Sätze enthaltenden) sieben Bände von Marcel Prousts Roman-Zyklus „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, dessen erster Band vor ziemlich genau 100 Jahren erschienen ist, vollständig gelesen hat, der darf sich künftig „Rechercheur“ nennen. Viele solche Rechercheure sind mir allerdings nicht bekannt: nur der unvergessliche Claus Koch (1929-2010), der früher gerne seine brillanten Kolumnen in der Süddeutschen Zeitung mit Zitaten aus den hinteren Bänden der „Recherche“ schmückte, der geschätzte Autoren-Kollege Jochen Schmidt, der daraus das Buch „Schmidt liest Proust: Quadratur der Krise“ (2010) machte, und Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow, der daraufhin textete: „Nach der verlorenen Zeit / Hab ich erst mal / Mehr Zeit mit mir verbracht / Und manchmal hab ich wachgelegen / Mitten in der Nacht“ (1996). Heutzutage ist es sicherlich weitaus einfacher, mal eben nach Mekka zu pilgern (da nimmt man ja das Flugzeug und läuft nur noch die letzten Schritte), als das ganze Hauptwerk von Proust zu lesen. Letzteres braucht vor allem unendlich viel Zeit, Aufmerksamkeit und Konzentration – vielleicht die kostbarsten Ressourcen, über die wir heute verfügen. Und doch ist der Justament-Rezensent auf dem langen Weg zum Rechercheur schon ein ganzes Stück vorangekommen: Im folgenden geht es also um Band drei, die „Welt der Guermantes“.
Die Handlung setzt einige Monate nach der Rückkehr des Ich-Erzählers aus dem Sommerurlaub in Balbec nach Paris wieder ein. Seine Liebe zur schönen Albertine, die ihn in Balbec beim Versuch, sie zu küssen, energisch zurückgewiesen hat, ist merklich abgekühlt. Wie erst im weiteren Verlauf des Geschehens klar wird, ist er Albertine schon mehrfach wieder in Paris begegnet, doch ohne die zauberhafte Strandlandschaft im Hintergrund reißt ihn die junge Dame inzwischen keineswegs mehr sonderlich vom Hocker. Dazu trägt vor allem auch der Umstand bei, dass sich der Protagonist inzwischen anderweitig verliebt hat, wenn auch auf sehr schwärmerische und wenig handfeste Weise: Seine neue Nachbarin, die Familie ist inzwischen in eine Wohnung neben dem prächtigen Palais der hochadeligen Familie Guermantes umgezogen, hat es ihm angetan: die Herzogin von Guermantes in persona. Sie ist blond, stets sehr geschmackvoll und vornehm gekleidet und vor allem „noch recht jung“. Wie alt genau, erfahren wir zwar nicht, aber doch wohl deutlich jünger als ihr Ehemann, der Herzog von Guermantes, und vermutlich ein paar Jahre älter als der Ich-Erzähler, der nun wohl etwa Anfang bis Mitte zwanzig sein dürfte. Die Dreyfuß-Affäre sorgt für allerhand Gesprächsstoff, es müssen also die Jahre nach 1894 sein.
Der Erzähler führt ein großbürgerliches Leben ohne auch nur die geringsten materiellen Zwänge. Seine Eltern, bei denen er weiterhin logiert, haben sich großmütig damit arrangiert, dass ihr Sohn ausgerechnet Schriftsteller werden möchte. „Man mag das ja auch als eine schöne Laufbahn ansehen; es ist freilich nicht gerade, was ich mir für dich gewünscht habe, aber du bist nun bald ein ausgewachsener Mann, wir werden nicht immer bei dir sein, da dürfen wir dich nicht hindern, deiner Berufung zu folgen“, erklärt ihm sein Vater. Dabei hat Marcel (so wird der Erzähler in einem der späteren Bände endlich doch einmal genannt werden) noch keine einzige Zeile geschrieben – außer zahlreichen Briefen an seine Favoritinnen, versteht sich. „Ich war nur der Spielball meiner Gewohnheiten, nicht zu arbeiten, nicht früh zu Bett zu gehen, nicht zu schlafen, die sich um jeden Preis durchsetzen sollten“, beschreibt er seinen Lebensstil.
Vor allem ist es der einzigartige Zauber der Familie Guermantes, deren Wurzeln sich bis ins tiefe Mittelalter zurückverfolgen lassen, der unaufhörlich die Phantasie des Erzählers beschäftigt. Und so erscheint ihm Madame de Guermantes, die er bisher nur flüchtig kennt, als außerordentlich verlockend. Ihre Gewandung kommt ihm vor, „wie eine schneeige oder farbig schillernde Materialisation ihres inneren Lebens.“ Hier erhebt sich aber wieder die mahnende Stimme aus dem Off, die darauf hinweist, dass die  Schmerzen der Liebe maßgeblich auf der Macht der menschlichen Einbildungskraft, auf Illusionen, beruhen. Doch lässt sich Marcel davon nicht beirren. Fortan unternimmt er jeden Vormittag einen Spaziergang, nur um die Herzogin einmal täglich, während sie ihre Besorgungen macht, auf der Straße treffen und grüßen zu können, doch nimmt die vornehme Dame anscheinend keine besondere Notiz von ihm. „Ich liebte wirklich Madame de Guermantes … Als größtes Glück hätte ich am liebsten von Gott erbeten, er möge doch alles Ungemach der Welt über sie hereinbrechen lassen und bewirken, dass sie ruiniert, allen Ansehens, aller Vorrechte bar, die sie von mir trennten, ohne Haus und Heim und von niemand mehr gekannt, bei mir Zuflucht suchte. Ich stellte mir vor, sie tue es … Und wenn ich in dieser Weise Stunden damit zugebracht hatte, mir Umstände auszudenken und dann Sätze zu formulieren, die ich zu der Herzogin sagen würde… blieb die Situation die gleiche.“ So schmachtet Marcel vor sich hin. Die Stimme aus dem Off weiß das schon richtig einzuordnen: „Das furchtbare Täuschungsmanöver der Liebe besteht ja darin, dass sie uns nicht mit einer Frau der äußeren Welt in Gedanken spielen lässt, sondern mit einer aus unserem eigenen Hirn entsprungenen Marionette, dem einzigen Bilde, das wir immer zu unserer Verfügung haben, das wir besitzen und das die Willkür unserer Erinnerung, fast eben so unumschränkt wie die der reinen Imagination, ebenso verschieden von der wirklichen Frau gestaltet haben kann, wie es das wirkliche Balbec von dem erträumten war, einer künstlichen Schöpfung also, der wir ganz allmählich zu unserer Qual die wirkliche Frau gewaltsam anzugleichen suchen.“
Da kommt Marcel die rettende Idee, wie eine nähere Kontaktaufnahme mit der Angebeteten gelingen kann: Sein Kumpel aus dem Strandurlaub in Balbeck, der junge Marquis Robert de Saint-Loup, ist glücklicherweise ein Neffe der Herzogin. Ihn besucht er für ein paar Wochen während seines Militärdienstes bei seiner Armeeeinheit in einem kleinen Ort weit außerhalb von Paris. (Marcel selbst ist aus gesundheitlichen Gründen – er leidet unter Asthma – von allen militärischen Verpflichtungen befreit.) Und was sieht Marcel zu seiner großen Freude auf dem Schreibtisch in Roberts Zimmer stehen? Ein wundervolles Porträtfoto der Herzogin.
„Diese Photographie war wie eine weitere Begegnung … mit Madame de Guermantes; ja mehr noch, sie stellte eine sehr ausgedehnte Begegnung dar, als wäre die Dargestellte durch einen jähen Fortschritt in unserer Annäherung im Gartenhut bei mir stehengeblieben und habe mir zum ersten Male Zeit gelassen, hier die Rundung der Wange, dort die Nackenlinie oder den Ansatz der Braue (alles Dinge, die mir bislang beim raschen Vorübergehen, im Überwältigtsein durch den momentanen Eindruck und durch die Lückenhaftigkeit der Erinnerung verborgen geblieben waren) in Ruhe anzuschauen; ihr Anblick aber sowie der von Brust und Armen einer Frau, die ich sonst immer nur im hochgeschlossenen Kleid gesehen hatte, kam für mich einer berauschenden Entdeckung, ja einer Gunstbezeigung von ihrer Seite gleich. Diese Linien, deren Betrachtung mir beinahe unerlaubt erschien, durfte ich nun studieren als eine Abhandlung über die einzige Geometrie, die für mich Wert haben konnte.“
Möglichst unauffällig bittet er Robert unter einem Vorwand darum, eine Begegnung mit seiner Tante zu arrangieren. Robert begreift sofort, was los ist, und verspricht seinem Freund, sein Möglichstes zu tun.
Doch ist Marcel nicht der einzige, der in Liebesqualen verstrickt ist. Robert unterhält seinerseits – von seiner Familie aufs Schärfste missbilligt – eine Liebschaft zu einer Schauspielerin. (Das ist so weit unter „standesgemäß“, dass es dafür gar keinen Ausdruck mehr gibt.) Und die lässt ihn gerade wieder hängen, meldet sich nicht, obwohl Robert ihr schon dreimal nacheinander geschrieben hat. Ihr noch weiter hinterherzulaufen, das geht natürlich nicht. Doch wartet er Tag für Tag wie ein Besessener auf Post von ihr. „Er zwang sich dazu, nicht an sie zu schreiben, wobei er vielleicht dachte, es sei ein geringeres Leiden, ohne Geliebte zu leben, als unter bestimmten Voraussetzungen mit ihr.“ Hier kommt nun aus dem Off eine sehr fundierte Betrachtung über das Schweigen in der Liebe: „Man legt Schweigen gern als Stärke aus, in einem ganz anderen Sinne stellt es sogar eine furchtbare Macht in den Händen derjenigen dar, die geliebt werden. Es steigert die Angst des Wartenden. Nichts lädt so sehr dazu ein, sich einem Wesen zu nähern, als gerade das, was einen von ihm trennt, und welche unüberschreitbarere Barriere gibt es als das Schweigen? Man hat auch gesagt, dass Schweigen eine Qual bedeute und imstande sei, denjenigen, der im Gefängnis dazu verurteilt ist, um den Verstand zu bringen. Doch welche Qual – noch größer als Schweigen – besteht darin, es von der Seite des geliebten Wesens ertragen zu müssen!“
Aber der Marquis Robert de Saint-Loup hat noch einmal Glück gehabt mit seiner Schauspielerin. Irgendwann kommt doch noch der erhoffte Brief von ihr, und ein Versöhnungstreffen wird angesetzt, an dem als bester Freund auch Marcel teilnehmen darf. Doch der ist von Roberts Freundin, nach so viel Zirkus im Vorfeld, dann doch etwas enttäuscht und findet sie alles in allem nur „ziemlich gewöhnlich“. Umso erschütternder ist es für ihn, mit ansehen zu müssen, in welche mentale Abhängigkeit von ihr sich sein Freund Robert begeben hat. Und die Stimme aus dem Off setzt noch einen drauf: „Es ist nur der Zufall eines Augenblicks, jenes einen Augenblicks, in dem diejenige, die bereits sich zu schenken schien, sich entzieht, weil sie vielleicht ein Rendezvous oder einen anderen Grund hat, sich an dem betreffenden Tag etwas schwierig zu zeigen. Hat sie es mit einem stark in Gefühlen lebenden Menschen zu tun, beginnt, selbst wenn sie es gar nicht merkt, besonders aber, wenn sie es merkt, nun ein furchtbares Spiel. Unfähig, auf diese Frau zu verzichten, erhöht er den Einsatz, sie meidet ihn, so dass ein nicht mehr erhofftes Lächeln tausendmal höher bezahlt wird, als es der letzten Gunst angemessen wäre. Es kommt in solchen Fällen sogar manchmal vor, dass man diese letzte Gunst oder sogar einen ersten Kuss nie erlangt oder nicht einmal zu erbitten wagt, um die vorherigen Versicherungen einer rein platonischen Zuneigung nicht etwa Lügen zu strafen. Es ist dann ein großer Schmerz, aus dem Leben zu scheiden, ohne jemals erfahren zu haben, wie ein Kuss der Frau sein mag, die man am meisten geliebt hat.“
Als Marcel wieder nach Paris reist, kommen ihm jedenfalls erhebliche Zweifel an seiner schwärmerischen Begeisterung für Madame de Guermantes. Hinzu kommt, dass diese, als er sie das nächste Mal auf der Straße grüßt, langsam etwas genervt von Marcels Zudringlichkeit wirkt.
„Eine Wahrheit muss nicht ausgesprochen werden, um dennoch ruchbar zu werden. Man kann sie vielleicht mit größerer Sicherheit, ohne auf eine mündliche Mitteilung zu warten oder überhaupt nur darauf zu hören, aus tausend äußeren Zeichen entnehmen, selbst aus manchen unsichtbaren Phänomenen, die in der Welt der menschlichen Charaktere etwa dem entsprechen, was in der Welt der Physik die atmosphärischen Veränderungen sind“, weiß die Stimme aus dem Off. Als Marcel dann ein Brief von Robert erreicht, in welchem dieser ihm eröffnet, dass eine gewisse Madame de Sterma gerade wieder in Paris weilt, eine junge Dame, auf welche Marcel schon früher einmal ein Auge geworfen hat, ist Madame de Guermantes für ihn endgültig abgemeldet. Madame de Sterma lässt Marcel durch Robert ausrichten, dass sie einem Treffen mit ihm in Paris keineswegs abgeneigt sei. Marcel schreibt ihr kurzfristig und schlägt ein gemeinsames Dinet in einem exquisiten Restaurant in malerischer Umgebung auf einer Paris vorgelagerten Seine-Halbinsel in einigen Tagen vor. Madame de Sterma sagt zu.
Und da passiert etwas völlig Unerwartetes: Marcel, dessen Eltern für einige Tage verreist sind, erhält überraschend Besuch von … Albertine. Ausgerechnet von Albertine, in die er am Strand in Balbec so vernarrt gewesen war, und die er in Paris doch längst „abgeschossen“ hatte. Allerdings kommt Albertine in offensichtlich rein freundschaftlicher Absicht, möchte sich einfach nur ein wenig mit ihm unterhalten. Marcel, sonst ganz und gar nicht frei von Eitelkeit, ist gerade nicht besonders schick angezogen und auch nicht rasiert, das hat er sich alles für den Abend mit Madame de Sterma aufgespart. Ganz unbefangen plaudert er mit Albertine. „Ihr Anblick schuf mir keine Unruhe mehr.“ Doch je länger er sie im Gespräch betrachtet, desto öfter kommen ihm doch wieder die verlockenden Assoziationen von Sonne, Strand und Meer in den Sinn. Als Albertine gehen will, fordert er sie wiederholt auf, doch noch etwas länger zu bleiben. Und sie tut es, durchaus nicht widerwillig. Ganz beiläufig erwähnt er dann, dass er ja „überhaupt nicht kitzlig“ sei. Und Albertine, die sofort registriert, dass Marcel schlichtweg Lust auf sie bekommen hat, antwortet: „Soll ich es denn einmal versuchen?“ Sie suchen dafür eine bequeme Position und sind drauf und dran sich zu küssen – da geht im Zimmer plötzlich das Licht an. Es ist die Haushälterin Francois, die den jungen Herrn zum Abendessen ruft.
So etwas wie Privatheit und Privatsphäre im heutigen Sinne war in jener Zeit nicht unbedingt vorgesehen. Die unteren Stände lebten zumeist sehr beengt mit vielen Personen dicht aneinander, die Bessergestellten hingegen hatten ständig ihre Angestellten um sich. Die Dinge, die jeder gerne tut, wenn sie oder er ganz allein ist, waren unter solchen Umständen gar nicht so einfach durchzuführen. Zum Abbau des allgemeinen Hormondrucks lockten dafür (zu Spottpreisen) Bordelle und Kupplerinnen, die auch Marcel ausgiebig frequentierte, die männliche Kundschaft. Den Frauen dagegen, sofern sie sich nicht selbst auf irgendeine Weise im horizontalen Gewerbe betätigten, blieben nur Eheschließungen, Affären oder jene Übellaunigkeit und Gereiztheit, wie sie etwa Madame de Guermantes im weiteren Verlauf der Handlung noch des Öfteren an den Tag legen sollte.
Doch können Albertine und Marcel ihre Annäherung immerhin noch für kurze Zeit fortsetzen. Und wieder fragt Marcel Albertine, warum sie ihn denn damals in Balbec so vehement abgewiesen habe. Und diesmal antwortet ihm Albertine: „ Ach! Damals in Balbec kannte ich Sie ja nicht, ich hätte glauben können, Sie hätten schlechte Absichten.“ Die Stimme aus dem Off kommentiert das mit den Worten: „Es ist für eine Frau schwierig, in den Bewegungen ihrer Glieder, in den Empfindungen ihres Körpers, wenn sie mit einem guten Freund zusammen ist, die unbekannte Sünde zu erkennen, in die sie bei einem Fremden befürchten würde hineingezogen zu werden.“
Als Albertine ein weiteres Treffen vorschlägt, äußert Marcel sich ausweichend, da er noch immer an nichts anderes denkt als an das Essen mit Madame de Sterma. Am Tag des geplanten Dinets, dem Marcel von einer Welle der Euphorie getragen entgegenfiebert, platzt dann die Bombe: Madame de Sterma sagt ab, einfach so, ohne weitere Begründung. Es sei etwas dazwischengekommen, sie müsse dringend Paris verlassen – und sie taucht dann auch nicht wieder auf, ist für Marcel zur bloßen Schimäre geworden. Die Stimme aus dem Off deutet schon an, was wohl noch passieren wird: „Unser Leben unter anderen Menschen gleicht einem Maleratelier voll beiseitegelegter Skizzen, da es mit allen jenen angefüllt ist, an welche wir einmal einen Augenblick lang unser Verlangen nach einer großen Liebe glaubten heften zu können; doch wurde mir dabei nicht bewusst, dass manchmal, wenn die Skizze noch nicht allzulange geruht hat, wir sie am Ende noch einmal vornehmen und ein ganz anderes, vielleicht bedeutenderes Werk daraus machen, als wir ursprünglich planten.“
Man könnte ergänzen: Meistens kommt es anders, als man denkt. Und je größer der gedankliche und emotionale Aufwand in der Liebe, desto unwahrscheinlicher wird ihre Erfüllung. Am Ende läuft es darauf hinaus, dass nur zwei zur richtigen Zeit am richtigen Ort und in der richtigen Stimmung sein müssen und alles andere doch nur ein Produkt der Phantasie ist. Und das, was man die romantische Liebe nennt, also die ausdauernde, in der Regel unglückliche Fixierung auf eine ganz bestimmte Person, ist mehr das Ergebnis bestimmter Zufälle als irgendeine Art von „ höherer Bestimmung“. Als Proust-Leser ist man jedenfalls für jede Art von Romantik verloren.
Aber wenn es schon mit der Liebe nicht so weit her ist, kann einen denn nicht die Freundschaft, die echte, tiefe und wahre Freundschaft im Leben für alles entschädigen? Die Stimme aus dem Off ist hier ebenso skeptisch: „Das ganze Bestreben der Freundschaft ist es, den einzigen wirklichen und (es sei denn durch das Mittel der Kunst) nicht mitteilbaren Teil unserer selbst einem oberflächlichen Ich zum Opfer zu bringen, das nicht wie das andere Freude in sich selber findet, sondern eine verschwommene Rührung dabei verspürt, wenn es von außen her gestützt und in eine fremde Individualität gleichsam gastlich aufgenommen wird, wo es dann beglückt über den ihm zuteil gewordenen Schutz sein Wohlbehagen in Billigung ausströmen lässt und Vorzüge bewundert, die es an sich selbst als Fehler bezeichnen und zu korrigieren bemüht sein würde. Im übrigen können die Verächter der Freundschaft ganz illusionslos – jedoch nicht ohne Gewissensbisse – die besten Freunde der Welt sein…“ So bleibt als letzter Rettungsanker für den ästhetischen Menschen nur die stolze Einsamkeit: „Die Ideen, die mich heimsuchen, sind wie Göttinnen, die zuweilen geruhen, einem einsamen Sterblichen an der Biegung des Weges sichtbar zu erscheinen… Doch sobald man zu zweit ist, verschwinden sie; Menschen, die stets in Gesellschaft leben, bekommen sie nie zu Gesicht.“
In die große Enttäuschung Marcels über das ausgefallene Date mit Madame de Sterma platzt eine Mitteilung von Robert Saint-Loup, der sein Versprechen einhält und Marcel in den Salon seiner Großtante zu einer Abendgesellschaft einlädt, auf der auch seine Tante, die Madame de Guermantes, anwesend ist. Ein paar Wochen früher wäre das für Marcel noch der Gipfel der Genüsse gewesen, doch nun kann er an der Herzogin gar nicht mehr so viel finden. Allein der „Geist der Guermantes“, der Zauber des alten Adels reizt ihn jetzt noch. Und so lässt er sich natürlich nicht zweimal bitten, denn Zeit hat er ja ohnehin immer genug. Zu Marcels großer Überraschung ist die Herzogin, von der er vor kurzem noch so geschwärmt hat, ihm gegenüber nunmehr durchaus aufgeschlossen, allerdings ohne dass Marcel daraufhin wieder Feuer fänge. Sie lädt ihn fortan sogar regelmäßig auch in ihren eigenen Salon ein, was für einen „normalsterblichen“ Bürgerlichen eine vollkommen ungewöhnliche Ehre darstellt, denn ansonsten verkehren dort nur Angehörige des Hochadels oder die gerade angesagten Top-Prominenten. Man gewinnt fast den Eindruck, der Ich-Erzähler berausche sich so sehr an seinem exklusiven Zutritt bei den „Blaublütigen“, dass er es nicht unterdrücken kann, auf gut und gerne 300 Seiten die gesamten Konversationen auf diesen Veranstaltungen bis ins kleinste Detail wiederzugeben, was für den Leser ausgesprochen ermüdend ist. Zumal es sich dabei ganz überwiegend um, in schöne Worte gehülltes, redundantes Geschwafel handelt, was auch der Erzähler am Ende einräumen muss.
Zunächst überwiegt aber noch seine Begeisterung: „Die Guermantes – wenigstens die, die dieses Namens würdig waren, besaßen nicht nur eine erlesene Qualität der Haut, des Haares und des durchscheinenden Blicks, sondern hatten auch eine Art sich zu halten, zu schreiten, die Hand zu geben, durch die sie sich insgesamt von irgendeinem anderen Mann der großen Welt ebenso stark unterschieden wie dieser von einem Bauern in seinem Arbeitskittel.“ Ja, diese Adeligen spielen doch in einer ganz eigenen Liga: „Denn neben allen individuellen Eigentümlichkeiten bestand in jener Epoche zwischen einem eleganten und reichen Mann jenes bestimmten Teils der Aristokratie und einem ebenfalls eleganten und reichen Mann aus der Finanzwelt oder Großindustrie noch ein deutlich spürbarer Unterschied. Da wo einer dieser letzteren geglaubt hätte, seine Weltläufigkeit durch einen barschen und hochmütigen Ton einem Untergebenen gegenüber zu beweisen, schien der Grandseigneur mit seiner milde lächelnden Art als Privileg seiner guten Erziehung gerade eine gewisse vorgebliche Demut und Geduld hervorzukehren und zu üben…“ Und dann die Herzogin: „die achtzehnte Oriane de Guermantes ohne eine einzige Mesalliance, das reinste, älteste Blut, das in Frankreich existiert.“ Und sie pflegt mitunter „eine fast bäuerliche Art der Artikulation, die einen herben köstlichen Erdgeruch hatte“. Hinzu kommt „ihre schleppende, in ihrer Rauheit so angenehme Stimme“. Ihr Mann, der Herzog, „runzelt seine jupiterhafte Stirn“.
Marcel imponiert anfangs noch so ziemlich alles im Hause der Guermantes, bis hin zum dort servierten Fruchtsaft, der damals offenbar als erlesene Köstlichkeit gegolten hat: „Nichts wird man weniger leid als diese Umsetzung der Farbe einer Frucht, die durch das Einkochen noch einmal zur Jahreszeit der Blüte zurückzukehren scheint, in Duft und Wohlgeschmack. Purpurn erglühend wie ein Obstgarten im Frühling oder kühl und farblos wie der Zephir unter den Blütenbäumen lässt der Duft sich darin gleichsam destilliert einatmen und betrachten…“ Die Rede ist von nichts anderem als Kirsch- und Birnensaft. Heute kennen wir das tragische Schicksal vieler Delikatessen, die einst nur den Reichen und Schönen vorbehalten waren, und die heute in jedem Discounter vorrätig sind: „Jede Originalität wird sinnlos, sobald sie Allgemeingut geworden ist.“
Doch erhält Marcel bei seinen Besuchen auch schnell tiefe Einblicke in die ehelichen Verhältnisse bei den Guermantes: „Der Herzog schmückte sich gern mit seiner Frau, aber er liebte sie nicht.“ Ein Bildnis, das ihm nicht gefällt, soll seine Frau doch bitte in ihr Schlafzimmer hängen, damit er es nie wieder zu Gesicht bekomme. Dabei ist der Herzog ein „glühender Bewunderer weiblicher Reize“ und unterhält unzählige Liebschaften mit rangniedrigeren Damen, die aber selbstverständlich alle adelig zu sein haben, nur eben unterhalb des Kalibers der Guermantes. (Er soll mit seinen Liebschaften auch schon ebenso unzählige Kinder in die Welt gesetzt haben, worüber allgemein großzügig hinweggesehen wird.) Die Herzogin dagegen gilt allgemein als „tugendhaft“, was sie von so ziemlich allen anderen Angehörigen ihrer Gesellschaftsschicht unterscheidet. Angesichts der gewaltigen Menge an Klatsch und Tratsch, der im Salon von den Anwesenden über die gerade jeweils Abwesenden verbreitet wird, ist sogar zu vermuten, dass Madame de Guermantes zu recht in diesem Ruf steht, denn in diesen Kreisen lässt sich absolut nichts geheim halten, dafür sorgt schon das immer bestens informierte Personal. Als einer der Diener der Familie sich auf seinen freien Tag freut, den er mit seiner Verlobten verbringen will, befiehlt ihm die Herzogin, die das merkt, kurzfristig, aus purer Missgunst und aus Neid, völlig überflüssigerweise an dem Tag eine Extraschicht zu schieben. Der Herzog, der seinem Diener das Vergnügen von Herzen gönnt, kann seine Frau nicht davon abbringen. „Psychologische Gesetze haben gleich den physikalischen eine gewisse Allgemeingültigkeit. Die dafür notwendigen Voraussetzungen sind die gleichen, ein und derselbe Blick leuchtet aus den verschiedensten menschlichen Lebewesen hervor wie ein gleicher Morgenhimmel über weit auseinandergelegenen und einander ganz fremden Orten der Welt.“
Was im Salon der Guermantes sonst noch so erzählt wird, bewegt sich auf durchaus schwankendem Niveau. Es kommt für die Besucher nicht entscheidend darauf an, besonders gebildet oder belesen zu sein, sondern in erster Linie darauf, „Esprit“ zu haben. So wie bei „Monsieur de Guermantes, dessen bizarrer Wortschatz bewirkte, dass die Weltleute ihn als gar nicht so dumm bezeichneten, literarische Kreise jedoch als einen Idioten schlimmster Art.“ Sein Lieblingsthema ist die Genealogie: „Wir sind vom gleichen Blut wie die Hessen, aber die ältere Linie.“
Die politischen Debatten konzentrieren sich vor allem auf die ausgiebig diskutierte Dreyfus-Affäre. Was da aber von den angeblich so kultivierten Aristokraten, und zwar von fast allen, über „die Juden“ verbreitet wird, würde man heute schlicht als allerunterste Schublade bezeichnen. Einzige rühmliche Ausnahme ist der junge Marquis Robert de Saint-Loup, der unter dem Einfluss seiner geliebten Schauspielerin eine Pro-Dreyfus-Haltung einnimmt, die er aber im Salon seiner Großtante und Tante nicht zu vertreten wagt. Außerdem fürchtet er, aufgrund seiner politischen Ansichten nicht in den Jockey-Klub aufgenommen zu werden.
Da wirkt es wie eine Erlösung für den Leser, als am Ende des Buches noch einmal Charles Swann einen Auftritt hat und der befreundeten Madame de Guermantes einen kurzen Besuch abstattet. Swann ist als Jude seit der Dreyfus-Affäre zur “Belastung“ für die aristokratischen Salons geworden. Zudem ist er durch seine Heirat mit der völlig unmöglichen Odette in diesen Kreisen „unten durch“. Doch weil er einfach so charmant und brillant ist wie kein Zweiter, verkehren einzelne Adelige zumindest sporadisch weiter mit ihm. Als er und Marcel einen Moment alleine sind, fragt Marcel ihn, warum wohl alle Guermantes gegen Dreyfus seien. Swanns Antwort: „Weil alle diese Leute Antisemiten sind.“ Endlich redet mal einer Klartext! Und Swann ergänzt noch: „Alle diese Leute gehören einer anderen Menschenart an. Man hat nicht ungestraft tausend Jahre Feudalwesen in seinem Blut.“ Gerade hat er eine Studie über ein weitläufig mit den Guermantes verwandtes Rittergeschlecht auf der Insel Rhodos verfertigt. Kurz darauf betrachtet er die Madame de Guermantes „wie ein Bild von Meisterhand“, woraufhin diese ihn geschmeichelt fragt: „Gefällt Ihnen meine Toilette?“ Doch Swann sieht bereits sehr angegriffen aus und berichtet, als die Herzogin ihn hartnäckig auffordert, sie in einem halben Jahr auf einer Reise zu begleiten, von seiner fortgeschrittenen Krebserkrankung. Es wird wohl – leider! – sein letzter Auftritt im Romanzyklus gewesen sein.
Am Ende fällt Marcels Einschätzung der Salonkultur im Hause Guermantes jedenfalls zwiespältig aus. Viele der hochadeligen geladenen Gäste haben ihm „den Eindruck platter Gewöhnlichkeit gemacht“. Und nicht zuletzt würden dort „fade Bosheiten verbreitet“. So erschien ihm der Name Guermantes doch „stark an Leuchtkraft vermindert“. Doch sieht Marcel in ihnen immerhin noch „liebenswürdige Bewahrer der Vergangenheit“. Diesem Urteil möchte man als Leser, nach allem, was man sich von diesen aufgeblasenen Feudalheinis alles hat anhören müssen, dann doch nicht zustimmen.
So endet dieses Buch, ohne dass man erfährt, wie es mit Marcel und Albertine wohl weitergehen wird. Doch eine Bemerkung der Stimme aus dem Off erlaubt schon einen Blick in die Zukunft: „Sobald man ganz und gar mit einer Frau lebt, sieht man an ihr nichts mehr von dem, um dessentwillen man sie geliebt hat; sicherlich kann die Eifersucht zum Beispiel diese beiden getrennten Elemente wieder vereinigen. … Man kann unter einer so gefährlichen Form die Erneuerung des Wunders aber nicht für wünschenswert halten.“
Und zum Schluss noch einer der klügsten Sätze des Buches: „Wir sind unausgesetzt darum bemüht, unser Leben zu gestalten, kopieren aber unwillkürlich immer nur wie auf einer Zeichnung die Züge der Person, die wir sind, und nicht derjenigen, die wir gern sein möchten.“

Marcel Proust
Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Band 3: Die Welt der Guermantes
Suhrkamp Verlag; Auflage: 1 (29. November 2004)
996 Seiten, 21,00 Euro
ISBN-10: 3518456431

www.justament.de, 16.12.2013: Unser Snobismus

Recht cineastisch, Teil 17: „Blue Jasmine“ von Woody Allen

Thomas Claer

blue-jasmineDieser Woody Allen-Film ist keine Komödie. So stand es überall geschrieben. Davon ist natürlich kein Wort wahr. Ich gestehe hier sogar, lange nicht mehr so in einem Film gelacht zu haben wie in diesem. Klar, da muss auch eine gehörige Portion Schadenfreude mit im Spiel sein, um angesichts des erschütternden sozialen Abstiegs der dem Film ihren Namen gebenden Protagonistin auf so herzlose Weise in Gelächter auszubrechen. Aber was soll man machen, dieser Film kitzelt auf raffinierte Weise die Ressentiments nur so aus einem heraus. Er hält dem Zuschauer letztlich auch den Spiegel seiner eigenen moralischen Abgründe vor.
Erzählt wird hier, und das so effektiv und elegant wie stets beim späten Woody Allen, die Geschichte von der Luxusdame Jasmine, die – völlig mittellos geworden – von New York nach San Francisco fliegt (natürlich in der Luxusklasse, damit geht es schon los!), um bei ihrer bescheiden lebenden Adoptivschwester Ginger, einer Supermarkt-Kassiererin, unterzukommen. Jasmine, Anfang oder Mitte 40 und ziemlich attraktiv, war ihrem Ehemann Hal, gespielt von Alec Baldwin, der in dieser Rolle optisch wirklich sehr an Klaus Wowereit erinnert, auf die Schliche gekommen, denn dieser hatte hinter ihrem Rücken unzählige Affären mit anderen, natürlich viel jüngeren, Frauen. Nun war Hal aber ein millionenschwerer Finanzbetrüger im Stile von Bernie Madoff, der u.a. auch Jasmines Schwester Ginger und deren Ex-Mann Augie um ihr gesamtes Vermögen, einen Lottogewinn von 200.000 Dollar, gebracht hat. Hal hatte ihnen bei angeblich geringem Risiko eine Rendite von  jährlich 20 Prozent versprochen. Jeder weiß, dass daran, sofern es einem nicht Warren Buffett höchstpersönlich verspricht, etwas faul sein muss. Aber Ginger und Augie wussten es nicht. Als also die gekränkte Jasmine – Hal hat gerade etwas mit dem 18-jährigen Au-pair-Mädchen angefangen  –, ihren Mann aus Wut beim FBI anschwärzt, wird gegen diesen ermittelt, und der ganze Finanzschwindel fliegt auf. Alles Geld ist weg, es bleiben nur Schulden. Später erhängt sich Hal dann im Gefängnis.
Jasmine, obzwar psychisch schwer angeschlagen und viel Alkohol und Tabletten in sich hineinschüttend, lässt sich doch keineswegs unterkriegen, nimmt all das als Herausforderung an und versucht einen Neuanfang. Ihr Studium hatte sie damals abgebrochen, als sie Hal kennengelernt hatte. Doch nun wird eben sehr zielstrebig eine eigene Karriere anvisiert. Bald merkt sie aber, wie mühsam das ist, und sucht stattdessen gezielt nach einem steinreichen Mann. Dabei kommen ihr ihre Upper-Class-Manieren sehr zupass. Mit spielerischer Leichtigkeit erobert sie auf einer High Society-Party einen angehenden Diplomaten mit riesiger Villa. Um ein Haar hätte es auch mit einer schnellen Hochzeit geklappt. Nur durch einen dummen Zufall kommen Details aus Jasmines Vorleben heraus, und sie verstrickt sich so in ihrem Lügengespinst, dass ihre Eroberung schnell das Interesse an ihr verliert. Am Ende des Films sitzt Jasmine nach einem Streit mit ihrer Schwester völlig desorientiert und mit zerzausten Haaren auf einer Parkbank.
Doch Mitleid ist hier völlig fehl am Platze. Die hochmütige Verachtung, mit der sie ihrer Schwester und ihrem Verlobten, einem Autoschlosser, und allen seinen Freunden bis zuletzt begegnet, sowie ihre unablässig zur Schau gestellte Anspruchsunverschämtheit bestärken einen während des Films immer wieder aufs Neue darin, dass sie es wirklich nicht anders verdient hat. Jasmine ist so durchdrungen von ihrem Überlegenheitsgefühl gegenüber ihrer in ihren Augen tief in der Mittelmäßigkeit feststeckenden Adoptivschwester, dass man als Zuschauer, zumal als bescheidener und sparsamer Mensch, den Ausgang der Handlung schon reflexhaft als gerechte Strafe für den hybriden Übermut der Protagonistin empfindet. Und gerade weil es im wirklichen Leben ja eigentlich immer anders läuft und ein bestimmter Frauentyp auf diese Tour bekanntlich noch in allen Zeiten gut durchgekommen ist, macht dieser Film, in dem so eine Frau mal so richtig auf die Schnauze fliegt, soviel Spaß.
Doch ist das nicht alles zu viel Schwarzweißmalerei? So wurde u.a. von Tobias Kniebe in der Süddeutschen Zeitung kritisiert, der Film bleibe oberflächlich, da die Figur der Jasmine so eindimensional gezeichnet sei. Aber ja nun, warum denn nicht? Wäre es anders, wäre der Film bestimmt nicht so witzig geworden! Und wenn manche Kritiker Woody Allen vorwerfen, er drehe inzwischen einfach nur noch einen Film nach dem anderen und gebe sich gar keine richtige Mühe mehr, dann muss man feststellen: Wahrscheinlich hat er sich mit diesem Film wirklich keine besondere Mühe gegeben. Das hat dem Film aber nicht geschadet, im Gegenteil. Denn darin, in der karikaturhaften Zuspitzung seiner Charaktere, ist Woody Allen nun einmal am besten. Und dafür braucht einer wie er schon lange keine Anstrengung mehr, das macht er gewissermaßen mit links. Man mag es vielleicht bedauern, dass er so viele gute Filme in die Welt setzt wie einst Balzac gute Romane und dadurch selbst zur inflationären Entwertung seiner Werke beiträgt, aber sehenswert bleiben seine Filme deshalb trotzdem.

Nachdenklich macht eher ein anderer Aspekt, der einem vor Augen führt, wie hintergründig diese mit so leichter Hand gewebte Geschichte letztendlich doch ist und wie tief man gewissermaßen auch selbst im Schlamassel drinsteckt. Die Rede ist von Jasmines demonstrativ vorgeführtem Snobismus, welcher ja immer die hässliche Fratze eines selbstbewussten Individualismus ist. Als sie – noch in glücklichen Zeiten – ihren feudal anmutenden Altbau-Palast bezieht, sagt sie: „Ich kann nicht verstehen, wie Leute in Wohnungen mit niedrigen Decken ziehen können, ich würde dort ersticken.“ Das erinnert mich an eine gute Bekannte, die sich früher einmal über das geräuschvolle Surren der „Billig-Laptops“ in der Uni-Bibliothek echauffierte und forderte, dass alle Notebooks, die lauter als ihr eigenes IBM-Gerät seien, verboten werden müssten. (Heute hat sie wahrscheinlich längst ein Teil von Apple.) In der scheinbar harmlosen Benennung einer persönlichen Vorliebe, die einen in Geschmacksfragen von anderen unterscheidet, grenzt man sich doch in Wahrheit über den dickeren Geldbeutel von ihnen ab, und lässt das deutlich mit anklingen. Für Jasmine – wir sind wieder im Film – ist es eine unvorstellbare Schande, sich das vornehme Manhattan nicht mehr leisten zu können. „Stell dir vor“, sagt sie zu ihrer Schwester, die von all dem nur träumen kann, „ich musste mir eine Wohnung in Brooklyn mieten.“  (Das ist ungefähr so, als würde sich jemand über einen Umzug von Berlin-Mitte nach Berlin-Schöneberg grämen.) Eine ganz ähnliche Haltung haben wir aber auch schon vor zehn Jahren in Berlin erlebt: Eine Freundin meiner Frau erklärte mir, nachdem sie uns dankenswerter Weise beim Einzug in unsere große und schöne damalige Wohnung im ärmlichen Bezirk Wedding geholfen hatte, dass sie künftig bestimmt nie wieder freiwillig einen Fuß in diese unmögliche Gegend setzen werde. (Sie selbst wohnte damals im feinen Wilmersdorf, inzwischen hat sie – natürlich – Karriere in Frankfurt am Main gemacht. Sie hat uns später – trotz mehrerer Einladungen – auch tatsächlich nie mehr in Wedding besucht.) Und sie fügte damals noch hinzu: „Wenn man schon einen Holzdielenfußboden hat, dann sollten die Dielen aber schon abgezogen und nicht gestrichen sein.“ Das hat gesessen. Wie bei James Bond: Nicht geschüttelt, sondern gerührt. Damals waren wir einfach nur froh, überhaupt ein Dach über dem Kopf gefunden zu haben. Das Schlimme ist aber: Heute wohnen wir, obwohl der Wedding inzwischen schon als regelrecht cool gilt, wenn er auch noch längst nicht so angesagt ist wie der andere frühere Igitt-Bezirk Neukölln, schon lange nicht mehr dort. Unseren jetzigen Dielenboden haben wir auch nicht gestrichen, sondern abgeschliffen. Dabei ist gegen das Fußbodenstreichen eigentlich auch nichts zu sagen, nur dass abgezogene Dielen in der Tat schöner aussehen. Wo genau verläuft eigentlich die Grenze zwischen Coolness und Snobismus? Und ist es nicht ein aussichtsloses Unterfangen, sich von letzterem fernhalten zu wollen? Auch sei an dieser Stelle daran erinnert, dass der eigentlich so sympathische Herr Lehmann in Sven Regeners gleichnamigem Roman auf einem nächtlichen Nachhauseweg in seine Kreuzberger Wohnung extra einen Umweg macht, nur um nicht, und seien es auch nur ein paar Schritte, durch Neukölln gehen zu müssen. Mit anderen Worten: Selbst er ist ein Snob. (Es muss sich, nebenbei gesagt, um den nördlichen, in Kreuzberg gleichsam hineinragenden Zipfel Neuköllns, den Postleitzahlbezirk 12047 am Maybachufer, gehandelt haben, der heute ironischerweise zum Inbegriff einer hippen Wohngegend geworden ist, wo die Angebotsmieten zwischen 2008 und 2012 um sage und schreibe 62,9 Prozent gestiegen sind!)
Neulich habe ich im Bus ein Gespräch zwischen zwei jungen Mädchen belauscht. Die eine sagte: „Das ist eben der Unterschied: In Hamburg kommt es immer darauf an, seinen Reichtum zu präsentieren, in Berlin hingegen geht es darum, cool zu erscheinen.“ Gefährlich wird es spätestens dann, wenn das eine nicht mehr vom anderen zu unterscheiden ist.

Blue Jasmine
USA 2013
Regie: Woody Allen
Drehbuch: Woody Allen
98 Minuten, FSK: 6
Darsteller: Cate Blanchett, Alec Baldwin, Sally Hawkins, Bobby Cannavale, Andrew Dice Clay u.v.a.

www.justament.de, 2.12.2013: 17 Jahr? Wieder da!

Die wunderbaren Mazzy Star mit ihrem neuen Werk “Seasons of Your Day“

Thomas Claer

cover-mazzy-starWas sind schon gut anderthalb Jahrzehnte Pause für eine Band wie Mazzy Star, deren Songs, das lässt sich ohne Übertreibung sagen, für die Ewigkeit gemacht sind. Richtig aufgelöst hatten sie sich zwar nie, doch glaubte angesichts der langen Funkstille nach ihren drei großartigen Alben aus den 90ern lange Zeit niemand mehr an eine Fortsetzung ihres Schaffens. Seit ihrer Gründung im Jahr 1989 aus den Trümmern der kalifornischen Indie-Legende Opal, als die damals noch sehr junge Sängerin Hope Sandoval anstelle der ebenfalls durchaus bezaubernden Kendra Smith die Frau an der musikalischen Seite des Gitarristen David Roback wurde, waren Mazzy Star die amerikanische Neo-Psychedelic-Folk-Band schlechthin. Manche nannten ihre Leichtigkeit und Schwere auf geheimnisvolle Weise miteinander verbindende Musik damals auch Dream Pop.
Und jetzt, nach geschlagenen 17 Jahren, sind sie also tatsächlich mit einem neuen Album in alter Bandbesetzung wieder da. Irgendwelche Presseerklärungen oder Gründe für die lange Abstinenz? Fehlanzeige. Nun ja, schon 2009 hatte Hope Sandoval in einem Interview der entzückten Fangemeinde verraten, dass eine neue Mazzy Star-Platte bereits so gut wie im Kasten sei. Aber auf die vier Jahre bis zur endgültigen Fertigstellung kam es dann offenbar auch nicht mehr an. Der Faktor Zeit ist bei dieser Band ganz nebensächlich. Alles an Mazzy Star ist gewissermaßen slow motion. Berühmt geworden sind ihre frühen Interviews, in denen sie zu den Fragen der Journalisten manchmal minutenlang schwiegen, um dann doch noch einsilbig zu antworten. Aber zurück zum neuen Album: Optisch hat sich bei den beiden Haupt-Protagonisten nicht allzu viel verändert. Na gut, David Roback hat eine mächtige Geheimratsecke bekommen, aber Hope Sandoval sieht mit ihren 47 Jahren, zumindest auf den Bildern, noch immer aus wie ein junges Mädchen, ihre Stimme klingt ebenfalls vollkommen unverändert, so wie auch David Robacks Gitarrenspiel. Überhaupt ist bei Ihnen in musikalischer Hinsicht – was allerdings auch niemanden überraschen wird – nahezu alles beim Alten geblieben. Und das bedeutet: Vom ersten bis zum letzten Song sind diese zehn Lieder – jedes auf seine Weise – beinahe vollendet. (Allenfalls über die Orgel im Auftaktstück kann man geteilter Meinung sein.) Eine solch profunde Melancholie hat man selten gehört. Mazzy Star sind und bleiben in jeder Hinsicht etwas ganz Besonderes. Das Urteil lautet: gut (14 Punkte).

Mazzy Star
Seasons of Your Day
Rhymes of An Hour (Rough Trade) 2013
ASIN: B00DYEBM3I

PS: Hier noch ein sehr schöner Live-Auftritt von 1994!

www.justament.de, 18.11.2013: Einer wie keiner

Recht cineastisch, Teil 16: Die andere Heimat von Edgar Reitz

Thomas Claer

bild-heimatAhnenforschung hat mittlerweile Hochkonjunktur in Deutschland (Justament September 2012 berichtete). Und so dachte sich wohl auch der inzwischen über 80-jährige Filmemacher Edgar Reitz, der für sein Lebenswerk, die wunderbare dreißigteilige Filmreihe “Heimat” (1982-2004), immer wieder verdientermaßen gefeiert wurde, hier ließe sich doch noch eins draufsetzen, indem man einfach mal anderthalb Jahrhunderte zurückgeht. “Die andere Heimat”, diesmal als vierstündiger Kinofilm konzipiert, spielt nun um 1840 in der Welt der Vorfahren der aus den früheren Heimat-Filmen bekannten Familie Simon im fiktiven Hunsrück-Dörfchen Schabbach. (Gedreht wurde in einem Ort namens Gehlweiler.) Edgar Reitz vermischt hier auf einprägsame Weise Erfundenes mit Biographischem aus dem Leben seiner Ahnen. Zugegeben, ein vierstündiger Kinofilm – das wirkt erst einmal abschreckend. Und man kann auch nicht behaupten, dass sich in ihm nun ständig etwas Aufregendes ereignen würde. Doch gerade diese – im besten Sinne des Wortes – Langatmigkeit des filmischen Erzählens, verbunden mit einer sehr subtilen Kameraführung und den radikal-ästhetischen Schwarzweiß-Bildern, gelegentlich und unvermittelt unterbrochen durch kurzzeitige Ausflüge ins Farbige, macht die Edgar Reitz-Filme so einzigartig. Und in der “Anderen Heimat” kommt noch die weitgehend authentisch hergerichtete historische Dorfkulisse hinzu.
Der Zuschauer erfährt, in welch bitterer Armut die Menschen im ländlichen Raum – damals die große Mehrheit der Bevölkerung – zu jener Zeit leben. Da findet es wenig Verständnis beim Schmied Johann Simon, dass sein Sohn Jakob einer so seltsamen Tätigkeit wie Bücherlesen nachgeht. Immer wieder prügelt er Jakob und wirft sein Buch auf den Misthaufen. Vielleicht wird man ja wirklich vor allem dadurch zum Individualisten, dass man es eigentlich nicht sein darf, dass einen Eltern und Umfeld mit sehr klaren Erwartungen konfrontieren, denen man aber auf gar keinen Fall entsprechen möchte. Jakob träumt vom Auswandern nach Brasilien, verschlingt förmlich die entsprechenden Reiseberichte und lernt schließlich die Sprache der Indianer vom Amazonas. “So einen wie dich gibt es im ganzen Hunsrück nicht!”, sagt ihm, halb anerkennend, halb vorwurfsvoll, seine Freundin Jettchen. Auf berührende Weise erzählt der Film die sich zunächst anbahnende, dann verhinderte und schließlich sich doch noch auf überraschende Weise wenigstens für kurze Zeit erfüllende Liebesgeschichte zwischen Jakob und Jettchen. Stark!

Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht
Deutschland / Frankreich 2013
Regie: Edgar Reitz
Drehbuch: Edgar Reitz / Gert Heidenreich
230 Minuten
Darsteller: Jan Dieter Schneider, Antonia Bill, Maximilian Scheidt, Marita Breuer, Rüdiger Kriese, Philine Lembeck, Christoph Luser u.v.a.

www.justament.de, 7.10.2012: Der Mann mit der Apfelschorle

Sven Regener mit seinem vierten Roman „Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt“

Thomas Claer

regener-coverLange war ja gerätselt worden, wovon der neue Roman von Sven Regener wohl handeln könnte, denn die Figur Frank Lehmann, die der Leser über drei Romane auf zusammen weit über 1000 Seiten ins Herz geschlossen hatte, war ja nach allseits kundgetaner Meinung des Autors schon irgendwie auserzählt. Nun ist es also raus: Herr Lehmanns bester Freund, der Bierzapfer-Kollege und unverstandene Schrott-Künstler Karl Schmidt, der ausgerechnet in der Nacht der Mauer-Öffnung einen durch ausgedehnte Schlaflosigkeit und massiven Drogenabusus beförderten depressiven Nervenzusammenbruch erlitten hat und von Geburtstagskind Frank Lehmann ins Kreuzberger Urban-Krankenhaus gebracht worden ist, nimmt den Erzählfaden im Frühjahr 1995 nunmehr aus der Ich-Perspektive wieder auf.

Karl, inzwischen 36 Jahre alt, lebt nun im „Clean Cut 1“, einer Drogenentzugs-WG in Hamburg-Altona und wird von Werner, seinem sozialpädagogischen Betreuer, streng auf totale Abstinenz getrimmt: keine Drogen, kein Alkohol. Erlaubt sind nur Kaffee und Zigaretten. Daneben hat Karl einen Job als Hilfshausmeister in einem Kinderkurheim und ist zudem verantwortlich für die Versorgung der Tiere des angeschlossenen Streichel-Zoos. Besonders demütigend ist für einen früheren Szene-Menschen wie Karl neben dem Arbeitsbeginn um 7 Uhr morgens natürlich auch, dass seine Mutter ihm den Job besorgt hat, die „ein hohes Tier beim Hamburger Senat“ ist. Als eines Tages seine früheren Kreuzberger Kumpels Ferdi und Raimund auftauchen und Karl einen Job anbieten, wagt dieser den Absprung. Doch traut Karl Schmidt sich selbst noch nicht so ganz. Die Psycho-Pillen hat er inzwischen abgesetzt, doch erlebt er immer wieder labile Schübe, die er aber einigermaßen unter Kontrolle bringen kann. Sicherheitshalber schwört er auch weiterhin auf völlige Abstinenz und ist genau dadurch der richtige Mann für Ferdi und Raimund, mit denen Karl schon um 1980 in der Berliner Avantgarde-Band „Glitterschnitter“ zusammengespielt hat (Karl Schmidt übrigens an der Bohrmaschine). Die beiden früheren Bandkollegen betreiben nämlich inzwischen das sehr erfolgreiche Techno-Label „BumBum Records“ und suchen für ihre Tournee mit mehreren DJs einen zuverlässigen Fahrer, der garantiert keine Drogen nimmt und immer nüchtern bleibt.

Als Karl nach fünfjähriger Abwesenheit ins wiedervereinigte Berlin einfährt, erkennt er es kaum wieder. Auf der Suche nach dem BumBum-Büro in der Sophien-Straße in Mitte wundert er sich zunächst darüber, dass die S-Bahn-Station nicht mehr „Marx-Engels-Forum“, sondern „Hackescher Markt“ heißt. Label-Chef Ferdi, inzwischen 50 Jahre alt, einen Joint nach dem anderen rauchend und zur Illustration seiner Popmusik-Theorien ständig auf fragwürdige Weise „Masse und Macht“ von Elias Canetti zitierend, erklärt ihm dann, dass bei ihnen mittlerweile das Geld nur so durch die Decke regne. „Der Mauerfall … das war ja überhaupt der Hammer, plötzlich machen die da neben uns eine ganz neue Stadt auf und überall die leeren Gebäude, du glaubst ja nicht, was wir da mit Partys verdient haben, da sind wir einfach rein…“ BumBum landen einen Techno-Hit nach dem anderen, die organisatorische Arbeit wird ganz überwiegend von günstigen Praktikanten erledigt. Ferdi berichtet weiter, dass sie, wo soll man mit dem ganzen Geld denn sonst hin, gleich das ganze Haus mit dem Büro in der Sophienstraße gekauft haben und das daneben gleich auch noch. (Aus heutiger Sicht betrachtet, war das, vorsichtig gesagt, keine schlechte Idee…)

Es geht also los auf die „Magic Mystery-Tour“, für 12 Tage einmal quer durch Deutschland in einem kleinen engen Bus mit 10 Personen. Besonders erfüllend ist für Karl, der alle Schwierigkeiten überwindet und als einziger statt Bier mit Koks immer eisern seine Apfelschorle trinkt, die sich anbahnende Liebe zur mitreisenden DJane Rosa. Ihre erste persönliche Begegnung verläuft allerdings denkbar ungünstig für ihn: „Was läuft denn hier für ein schrottiges Gedudel?“, fragt Karl. Und der neben Rosa stehende Ferdi antwortet: „Das ist Rosas neuer Track.“ Doch Rosa ist so ganz anders als Karls frühere Gefährtinnen und auch als die immer aufs Neue enttäuschenden Flammen des Frankie Lehmann. Rosa findet es gar nicht so schlimm, dass er „aus der Klapsmühle“ kommt, und auch nicht, dass er so fett geworden ist (denn immerhin ist er ja noch groß und stark). Sein unsicherer beruflicher Status ist für sie ebenfalls nicht abschreckend, und sie interessiert sich nicht einmal für seine Vermögensverhältnisse. Vermutlich gibt es solche Frauen nur im Roman… Am Ende der Rave trifft Karl Schmidt auf der „Springtime“ in Essen dann sogar noch seinen früheren Kreuzberger Kneipen-Chef, den „Diskurs-Gastronomen“ Erwin Kächele („Kerle, Kerle, Kerle“), den schwäbischen Millionär mit dem Lebensstil eines Sozialhilfeempfängers. Auch Frank Lehmann soll in der Nähe sein, doch der von der anstrengenden Tour völlig übermüdete Karl verpennt das geplante Treffen mit ihm.

Aber immerhin erfährt der Leser dann am Ende des Buches doch noch, wie es mit Herrn Lehmann nach der Wende weitergegangen ist: Gemeinsam mit seinem geschäftstüchtigen Chef Erwin Kächele hat er die hervorragend laufende Firma „Rave Gastro Berlin“ gegründet, die sich um die gastronomische Versorgung von Techno-Großveranstaltungen kümmert. Klar, Frank Lehmann ist, wie wir aus „Neue Vahr Süd“ wissen, gelernter Einzelhandelskaufmann. Und außerdem hatte er von seinen vielen Sonderschichten im „Einfall“, wie es in „Herr Lehmann“ hieß, „sehr viel Geld gespart“. Das wird er dann wohl als Gesellschafter in die neue Firma überführt haben. Womöglich ist damals auch die eine oder andere Mark an der Steuer vorbei geflossen, weshalb Erwin auch seinerzeit immer so panische Angst vor den „Zivilbullen“ hatte. Selbst der langweilige Informatiker Kristall-Reiner, der Frank Lehmann die schöne Köchin Katrin als Freundin ausspannte (denn Herr Lehman war in ihren Augen viel zu unambitioniert), wurde von Erwin verdächtigt, ein Spitzel zu sein. Hoffentlich hat Katrin später von Frank Lehmanns „Karriere“ erfahren und sich darob in eines ihrer hübschesten Körperteile gebissen…

Ist „Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt“ nun also ein gutes Buch, das viele Leser verdient? Ja und nein. Sicher, der Plot ist mal wieder ganz ausgezeichnet. Und gut schreiben kann Sven Regener in seiner sehr individuellen Mischung aus Einfühlsamkeit und Schnodderigkeit, aus opulentem Satzbau und Gossenslang, wenn es drauf ankommt, auch. „Das dunkle Gefühl“ der sich immer wieder anschleichenden Depression des Karl Schmidt ist glänzend geschildert, ebenso die zarte Liebesgeschichte zwischen Karl und Rosa (die ja schon rein namenstechnisch nach einer Fortsetzung in Ost-Berlin schreit). Die Dialoge zwischen den beiden sind vor allem deshalb so gelungen, weil sie in jenem frühen Stadium ihrer Beziehung zueinander noch vorsichtig miteinander umgehen und sich vor ihren Antworten noch Zeit zum Nachdenken nehmen – im Gegensatz zum hemmungslosen Draufloslabern der übrigen Romanfiguren. Ja, dieses Buch hat eigentlich nur einen einzigen gravierenden Fehler: Es ist mit über 500 Seiten um mindestens 150 Seiten zu lang! Zwar liegt der besondere Witz des Romans natürlich nicht zuletzt in den Redundanzen, die in den Gesprächen der Figuren fast schon permanent verhandelt werden, aber irgendwann, spätestens auf der nicht enden wollenden Rave-Tournee, kommt dann doch der Punkt, an dem man als Leser so langsam ein wenig genervt ist. Eine eingedampfte Version auf 300 bis 350 Seiten wäre ein richtig gutes Buch geworden.

Das ändert aber nichts daran, dass, so wie der große Walter Kempowski als Chronist des deutschen Bürgertums gilt, sich Sven Regener mittlerweile als redlicher Chronist des deutschen Szenelebens im ausgehenden 20. Jahrhundert etabliert hat. Wir verdanken Kempowski sieben Bände seiner bürgerlichen Chronik. Wenn Regener, 52, sein bisheriges Tempo durchhält und alle vier Jahre mit einem weiteren Band aufwartet, kann er bis zum Eintritt ins Rentenalter mit Kempowski gleichziehen. Wir warten auf eine Fortsetzung, bei der der Autor vielleicht einen Tick schneller als diesmal zum Punkt kommt.

Sven Regener
Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt
Verlag Galiani Berlin 2013
503 Seiten, EUR 22,99
ISBN: 978-3-86971-073-0

www.justament.de, 23.9.2013: Zum Tod von Otto Sander und Marcel Reich-Ranicki

Thomas Claer empfiehlt – Spezial –

Das Leben ist immer auch eine Verkettung verpasster Gelegenheiten. Aber endgültig verpasst sind sie erst dann, wenn die Person, um die es sich handelt, oder man selbst unter der Erde liegt.

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Otto Sander (Foto: Wikipedia)

Bis vor einigen Jahren saß der große Schauspieler Otto Sander bei schönem Wetter oft vor dem Bistro unter den Lexxion-Verlagsräumen in der Güntzelstraße in Berlin-Wilmersdorf. Er wohnt hier gleich um die Ecke, erzählte man sich. Damals kam ich zeitweise täglich in den Verlag und sah ihn dort häufig sitzen, immer mit einem Glas Rotwein und brennender Zigarette. Manchmal klingelte sein Handy, und dann sprach er mit seiner unverkennbaren tiefen olympischen Stimme ein “Ja, hallo?” ins Gerät, so wie man es gerade noch bei einem seiner Auftritte in einer Fernsehkrimi-Reihe gehört zu haben glaubte. Seine Stimme hatte in den letzten beiden Jahrzehnten eine Art Solo-Karriere gemacht. Nachdem er auf ganz und gar großartige Weise einige Hörbücher eingelesen hatte, konnte er sich vor Anfragen gar nicht mehr retten,  sprach in historischen Fernsehsehsendungen ebenso wie auf Audio-Guides zu Sonderausstellungen in Berliner Museen. Allein durch die einzigartige Aura seiner Stimme verlieh er den Dingen, die er da vorlas, ein Gewicht, das sie sonst vielleicht gar nicht gehabt hätten.

Er saß dort also damals öfter, als ich in den Verlag ging, und einmal bin ich sogar mit ihm zusammen in der U-Bahn gefahren. (Die U-Bahn-Station Güntzelstraße kommt ja auch im Film “Der Himmel über Berlin” vor, in dem Otto Sander eine der Hauptrollen spielt.) Immer, wenn ich ihn sah, dachte ich mir, ich könnte ihn doch einmal darum bitten, mir meine von ihm eingelesene Montaigne-CD zu signieren. Aber dazu ist es nie gekommen. Da hätte man zumindest die CD und einen Stift immer dabei haben müssen. Einen Prominenten einfach nur blöd anquatschen will man ja auch nicht. Aber das schöne blaue, von keinem Kratzer verunstaltete Papp-CD-Cover ständig mit sich herumtragen für den Fall, dass einem Otto Sander mal wieder begegnet, das war auch keine Lösung. Denn das Cover hätte ja dabei Schaden nehmen können. Und so ist meine Montaigne-CD bis heute unsigniert geblieben – und wird es auch für alle Zeiten bleiben.

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Marcel Reich-Ranicki (Foto: Wikipedia)

Zufälligerweise hat in besagter Güntzelstraße in Berlin-Wilmersdorf aber auch ein anderer berühmter Mann seine Kindheit verbracht, der nur wenige Tage nach Otto Sander gestorben ist. Es ist ja wirklich ein sonderbares Gesetz der Serie, dass auf einen verstorbenen Prominenten kurz darauf noch mindestens ein weiterer folgt. So war es zumindest in den letzten Jahren, wenn ich da nicht einer optischen Täuschung unterliege. Nun kann man gegen Marcel Reich-Ranicki sicherlich eine Menge einwenden, ihn selbst als rachsüchtigen Machtmenschen und sein “Literarisches Quartett” als oberflächliches Spektakel ansehen. Doch weiß ich wirklich nicht, ob ich ohne seine theatralische Aufbereitung der Klassiker der Weltliteratur überhaupt jemals zu einem Roman gegriffen hätte. Es war Anfang der 90er Jahre gewissermaßen mein postpubertärer Teenagertraum, einmal selbst mit einem eigenhändig verfassten Buch in dieser scharfzüngigen Fernsehrunde besprochen zu werden. Genüsslich malte ich mir aus, wie Reich-Ranicki mit grimmigem Gesicht, lispelnd und zischend und mit dramatisch rollendem R meinen Namen skandierte, um dann erst einmal Frau Löffler, die sich ohnehin ständig irrte, und Hellmuth Karasek nach ihrer Meinung zu befragen, bevor er schließlich selbst sein unumstößliches Urteil fällte.

Ursprünglich zog ich es sogar in Erwägung, wie Thomas Mann bereits im Alter von 25 Jahren ein ganz großes Meisterwerk vorzulegen, doch je näher mein 25. Geburtstag rückte, desto bewusster wurde mir, dass es eng werden würde, denn ich hatte noch nicht einmal damit angefangen. Als ich dann schon deutlich über 25 war und noch immer kein einziges Buch zustande gebracht hatte, sorgte ein Eklat zwischen Ranicki und Frau Löffler für das Ende des “Literarischen Quartetts”, von dem ich nie auch nur eine einzige Folge versäumt hatte. Der Traum, im “Quartett” besprochen zu werden, war damit ausgeträumt. Doch es gab ja noch die ganz kleine Hoffnung, eines Tages, wenn der erste Roman abgeschlossen sein würde, diesen an den greisen Reich-Ranicki zu schicken, auf dass er sich seiner erbarme und anfange ihn zu lesen – und damit, weil es so interessant wäre, gar nicht mehr aufhören könne. Auch diese letzte verbliebene Hoffnung ist nun also geplatzt. Doch sollte ich irgendwann doch noch einen Roman verfassen, werde ich ständig daran denken, was ER wohl dazu sagen würde.

Justament Sept. 2013: Mächtig gewaltig

Vor 45 Jahren gab es den ersten Film der Olsenbande

Thomas Claer

24 RECHT HISTORISCH TC -_OLSENBANDE08Etwas Besseres kann einem eigentlich gar nicht passieren, als an einem freien Sonntagnachmittag beim Durchzappen vor dem Fernseher beim MDR oder RBB hängenzubleiben, wenn dort ein kleinen Mann im verbeulten Anzug mit altmodischem Hut und Zigarre strahlenden Auges verkündet: “Ich hab einen Plan!” Und ein anderer Mann im etwas lächerlichen karierten Jackett kommentiert das stets mit den Worten “Mächtig gewaltig, Egon!” Auch wenn man alle 14 Folgen der “Olsenbande”, so der Titel dieser aus Dänemark stammenden Gangsterkomödien-Reihe aus den 70er und 80er Jahren, nicht nur einmal und nicht nur mehrmals, sondern wohl schon unzählige Male gesehen hat, wird man es kaum über sich bringen, die Episode, in die man zufällig hineingeraten ist, nicht bis zum Ende weiterzugucken.
Immer vorausgesetzt allerdings, man hat seine Sozialisation in der DDR erlebt, denn einem Westdeutschen die Olsenbanden-Filme nahebringen zu wollen, ist ein völlig sinnloses Unterfangen. Er wird es schlichtweg nie begreifen. In den Kritiken der Zeitschrift TV-Spielfilm ist bislang noch jede Olsenbanden-Folge als unsäglich albern und banal, als billigster Klamauk abgekanzelt worden. Hingegen erblicken Filmexperten aus dem Osten in den Filmen mit dem dänischen Gauner-Trio Sternstunden der Filmgeschichte, etwa in jener berühmten Szene, als die Olsenbande sich im “Königlichen Theater” in Kopenhagen während der Overtüre von Friedrich Kuhlaus “Elverhoj” im Takt der Musik mit Hilfe von Brecheisen und Sprengsätzen unbemerkt bis in den Zuschauerraum vorarbeitet, wo sie eine kostbare Vase und einen Geldkoffer entwenden kann (“Die Olsenbande sieht rot”, 1976). Es ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten schon ausgiebig diskutiert worden, sogar in Universitätsseminaren der Filmwissenschaften, woran diese so unterschiedliche Rezeption der Olsenbanden-Filme in Ost- und West wohl liegen könnte. Erkannten die Ostdeutschen in Egon Olsens immer wieder vergeblichen Bemühungen um den ganz großen Coup wirklich ihre zum Scheitern verurteilte Planwirtschaft wieder? Lag es an der sehr gelungenen, ganz eigene Akzente setzenden DEFA-Synchronisation mit zahlreichen Insider-Jokes? Manche Diskutanten konstatierten am Ende eine tiefgreifende mentale Andersartigkeit von Ost- und Westdeutschen und ihres jeweiligen Humors und resümierten, die DDR hätte sich statt mit der BRD doch lieber mit Dänemark vereinigen sollen.
Mit heutigen Augen betrachtet taucht man in diesen Filmen allerdings in eine in vieler Hinsicht längst vergangene Zeit ein, bei deren Betrachtung sogar die alten Ost- und West-Unterschiede ein wenig verblassen. Was da überall an alltäglicher Gemächlichkeit und Gemütlichkeit vorexerziert wird, man denke nur an die ausgiebig Kaffee trinkenden verbiesterten Bahnbeamten in “Die Olsenbande stellt die Weichen” (1975), das hat es damals wohl ganz ähnlich im Westen wie im Osten, in beiden Deutschlands wie in Dänemark gegeben. Heute ist all das in unserer von Controllern gnadenlos auf schlanke Strukturen, Kostenersparnis und Effektivität getrimmten Welt  nahezu vollkommen verschwunden.
Es war jene (auch im östlichen Realsozialismus) zutiefst sozialdemokratische Ära kurz vor dem von Maggy Thatcher und Ronald Reagan angeschobenen Neoliberalismus, in der man noch grundsätzlich fünfe gerade sein ließ und nichts so heiß gegessen wurde, wie es gekocht worden war. Ja, gerade diese so weit verbreitete Nachlässigkeit und Gutmütigkeit all der Wachmänner und Beamten, der Müllkutscher und sogar der Geldleute war es, die Schlitzohr Egon Olsen und seinen beiden loyalen Mitstreitern Benny und Kjeld ein ums andere Mal die Chance eröffnete, mit sehr einfachen Mitteln immense kleinkriminelle Husarenstücke zu vollbringen und dabei sogar den ganz großen Wirtschaftsverbrechern in die Quere zu kommen.
In einer der letzten Folgen deutet sich allerdings der drohende Epochenwechsel an: Ein Computerexperte namens Georg hat ebenfalls einen – allerdings auf modernste Technik setzenden – Plan, lässt Benny und Kjeld für sich arbeiten und Bandenchef Egon vorübergehend ganz schön alt aussehen. Doch Egon kann mit einem raffinierten Akt der Sabotage (ein in der Öffnung eines Computers versenkter Nagel legt die gesamte IT-Anlage lahm) noch einmal den Status Quo und die Gefolgschaft seiner beiden Kumpane zurückerobern.
Heute lässt sich bei Wikipedia der Plot jeder einzelnen Folge nachlesen. Vor allem die immer wieder auftretenden haarsträubenden Korruptionsfälle in Politik und Großkapital, die Lenkung der Polizei per Telefon durch den zuständigen Minister persönlich, die unbedingt verhindern soll, dass bestimmte brisante Fälle jemals aufgeklärt werden, zeigen, welche überaus kapitalismuskritische Gesellschaftssatire diesen Klamauk-Krimis dann doch zugrundelag.
Aus juristischer Sicht ist noch anzumerken, dass die Olsenbande in ihren 14 Filmen zwar Diebstähle und Unterschlagungen, Sachbeschädigungen und kleinere Betrügereien in großer Zahl beging, auch – allerdings eher zufällig und ohne selbst das Ausmaß zu überblicken – einige kapitale Wirtschaftsdelikte, doch niemals Tötungen oder auch nur Körperverletzungen, letztere allenfalls fahrlässig oder in mittelbarer Täterschaft. Der allererste Olsenbanden-Film, in dem allerdings einige später stilbildende Details noch nicht ganz ausgereift waren, erblickte vor 45 Jahren das Licht der Welt.

Justament Sept. 2013: Immer wieder Goethe

SZ-Feuilletonist Gustav Seibt mit gesammelten Aufsätzen und Reden

Thomas Claer

14 LIT TC empfiehlt Cover Gustav SeibtAls Zeitungleser hat man natürlich immer so seine Lieblinge, deren Artikel man schon allein deshalb ohne Ausnahme liest, weil sie von jenen geschrieben wurden. Neben dem Schreibstil ist es dann meist auch das Themenspektrum der Texte, von dem man sich auf besondere Weise angesprochen fühlt. Und so verhält es sich auch beim Justament-Rezensenten mit Gustav Seibt, geboren 1959 in München und nun schon seit zwölf Jahren die Stimme des SZ-Feuilletons aus Berlin-Prenzlauer Berg. Seine aktuelle Aufsatzsammlung enthält insgesamt zehn Texte, die in den letzten Jahren bereits in diversen Blättern erschienen sind, wovon man als Leser allein der Süddeutschen Zeitung aber nicht immer Wind bekommen hat. Anders als es der Name dieses auch optisch und haptisch sehr feinen Bändchens suggeriert, geht es in ihnen keineswegs nur oder auch nur in erster Linie um Goethe (das ist gerade einmal bei drei dieser Texte der Fall), doch behandeln die übrigen – großzügig betrachtet – Goethes Zeitalter und so bedeutende Personen aus diesem wie Jacob Burckhardt, Friedrich von Gentz und Theodor Fontane. Oder es geht um die Bedeutung Preußens und Mitteldeutschlands, um die Figur des Außenseiters in der Literatur oder um eine Philosophie des Lachens. So schwebt am Ende über allen Abhandlungen doch zumindest der Geist Goethes. Herausgekommen ist ein sehr gelehrtes Büchlein, das mitunter auch schon mal tiefer ins Detail geht, als man es bei dieser kleinen Form erwartet hätte.
Besonders hervorzuheben ist “Sein Kaiser”, der das anfangs von Skepsis, später von Bewunderung und noch später von Ambivalenz gekennzeichnete Verhältnis Goethes zu Napoleon thematisiert. Dieser Text ergänzt eine frühere Veröffentlichung des Verfassers über das einzige Aufeinandertreffen des deutschen Dichterfürsten mit dem französischen Kaiser, die berühmte Unterredung am Vormittag des 2. Oktober 1808, die eine knappe Stunde dauerte. Goethe zeigte sich anschließend sehr geschmeichelt davon, dass Napoleon offensichtlich so gut mit ihm konnte: “Ich will gerne gestehen”, schrieb er an seinen Verleger Cotta, “daß mir in meinem Leben nichts Höheres oder Erfreulicheres begegnen konnte, als vor dem französischen Kaiser, und zwar auf eine solche Weise zu stehen. Ohne mich auf das Detail der Unterredung einzulassen, so kann ich sagen, daß mich doch niemals ein Höherer dergestalt aufgenommen, indem er mit besonderem Zutrauen, mich, wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf, gleichsam gelten ließ, und nicht undeutlich ausdrückte, daß ihm mein Wesen gemäß sei.” Doch sind später doch noch “Details der Unterredung” bekannt geworden, vor allem dieses, dass Napoleon gegenüber Goethe gewisse erzähltechnische Inkonsequenzen im “Werther” getadelt habe. Lange spekulierte die Literaturwissenschaft darüber, was Napoleon damit wohl gemeint haben könnte. Heute nimmt man an, dass Napoleon die Verzweiflung des Rechtspraktikanten Werther nicht so ganz nachvollziehen konnte, denn dieser hätte  doch schließlich mit Lotte unbeschadet ihrer Heirat mit Albert einfach etwas anfangen können. So kann aber natürlich nur ein Franzose respektive Korse denken… Es wird berichtet, auf dem schmählichen Rückzug mit seiner Grande Armée aus Russland vor 200 Jahren habe Napoleon beim Radwechsel in Erfurt Goethe seine Grüße ausrichten lassen.
Im Nachwort schreibt Gustav Seibt in Anspielung auf das berühmte Nietzsche-Zitat: “Ob Goethe ein Zwischenfall ohne Folgen bleibt, das hat jeder seiner Leser selbst in der Hand.” Und wir möchten hinzufügen, dass es auch jeder Leser selbst in der Hand hat, sich mit den gelungenen Aufsätzen und Reden von Gustav Seibt tief hinein in die Goethe-Zeit zu begeben.

Gustav Seibt
Goethes Autorität. Aufsätze und Reden
Zu Klampen Verlag Springe 2013
175 Seiten, EUR 18,00
ISBN 978-3-86674-223-9

Justament Sept. 2013: Die Börse ist unser Schicksal

Von den unterschätzten Möglichkeiten des Aktiensparens

Thomas Claer

Im Jahr 1784 beklagte der Philosoph Immanuel Kant die Unaufgeklärtheit seiner Mitmenschen: “Es ist so bequem unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt, usw., so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen” (aus: I. Kant, Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?). Gewiss, in jenen finsteren Zeiten vor der Französischen Revolution war die breite Masse (darunter, so Kant, “das ganze schöne Geschlecht”), noch ziemlich unemanzipiert. Aber sind wir heute wirklich so viel weiter?
Geht es um die Anlage des eigenen Geldes, so folgen gegenwärtig die meisten von uns der Maxime: Habe ich eine Bank, bei der ich ein Sparkonto unterhalten und die mir ein “Finanzprodukt” verkaufen kann, muss ich mir ja selbst keine weiteren Gedanken darüber machen. Gleichzeitig halten viele (nach einer jüngeren Umfrage waren es stolze 42 Prozent) Aktienbesitzer für “gewissenlose Spekulanten”. Was die Banken dann aber ihrerseits mit unserem oft sauer verdienten und mühsam vom Munde abgesparten Geld so anstellen, wird gerne ausgeblendet. Die Antwort ist: Sie investieren es (wenn es gut geht), spekulieren damit (hier wird es schon bedenklicher)  oder verzocken es sogar (dann muss eben der Staat einspringen und der Steuerzahler dafür aufkommen).

Weltwunder Zinseszins

Natürlich geht es auch anders: Man kann sein Geld in Scheinen oder in Form von Goldbarren unter die Matratze legen und sich dadurch auch noch des – wenn es hoch kommt – kleinen Inflationsausgleichs  berauben, den uns die Banken gönnerhaft in Form von Zinsen im mikroskopischen Bereich gewähren. Oder man nimmt die Sache selbst in die Hand und legt sich ein Wertpapierdepot an. Das immerhin gibt es bei vielen Online-Banken kostenlos! Und dann gilt es, sich mit Umsicht und Bedacht ein langfristig ausgerichtetes Portfolio aus mehreren exzellenten und gerade günstig bewerteten Einzelwerten zusammenzustellen und dabei immer auf ausreichend Liquidität zu achten, also niemals alles auf eine Karte und niemals alles auf einmal einzusetzen. Dabei sollte man heftige Schwankungen aushalten können, aber immer dann beherzt zugreifen, wenn sich an den Märkten wieder einmal Weltuntergangsstimmung ausbreitet. Es geht um Teilhabe am nachhaltigen Wachstum der Weltwirtschaft und an außergewöhnlich gut arbeitenden und wirtschaftenden Unternehmen in zukunftsträchtigen Branchen. Mit Casino-Mentalität hat das wenig zu tun, auch nicht mit dem Traum vom schnellen und leicht verdienten Reichtum. Auch wenn manche Trader anderes behaupten: Viel Hin und Her macht am Ende meistens doch die Taschen leer, zumal die Depotbank bei jedem Trade die Hand aufhält.
Was man beim langfristigen Aktiensparen so verdienen kann? Durchschnittliche Renditen zwischen 8 und 10 Prozent pro Jahr sind auf lange Sicht (also in Zeiträumen von mindestens zehn Jahren) absolut realistisch. Klingt nicht schlecht, wird mancher denken, aber doch keineswegs überwältigend. Aber wer wenig anzulegen hat, kann doch auf diese Weise niemals zu viel Geld kommen, oder doch? Und hier kommt nun der Zinseszins-Effekt ins Spiel, der mitunter auch als das “achte Weltwunder” bezeichnet wird: Die untenstehende Grafik zeigt, wo der DAX (der seit 1988 bestehende deutsche Aktienindex, der die 30 wichtigsten Standardwerte umfasst) am Ende unseres Jahrhunderts stehen könnte, wenn er künftig in etwa so weiter zulegt wie in seinen bisherigen 25 Jahren, also jährlich im Schnitt um gut 8 Prozent, was keine sonderlich abenteuerliche Annahme ist. Und geht man davon aus, dass die heute 20-Jährigen deutlich über 90 Jahre alt werden dürften, ist das ein für uns durchaus relevanter Zeitraum. Wir sehen also, dass die Zeit (der “Anlagehorizont”) der alles entscheidende Faktor ist.

Auch für Geringverdiener

Jetzt werden viele einwenden: “Das hat doch nichts mit mir zu tun. Ich hab doch gar nicht genug Geld, das ich anlegen könnte.” Dieser verbreiteten Auffassung liegt ein fundamentales Missverständnis zu Grunde. Gerade für Geringverdiener kann ein langfristig ausgerichtetes Aktiendepot – anders als etwa die renditearmen, aber kostenreichen Riester-Produkte – ein ganz erhebliches Zubrot bei der eigenen Altersvorsorge sein und zur Unabhängigkeit von staatlichen Transferleistungen bis ins hohe Alter führen. Wer auch nur fünfzig oder hundert Euro monatlich zur Seite legt, hat schon nach wenigen Jahren das nötige Startkapital fürs eigene Depot beisammen. Leitet man dann auch weiterhin regelmäßig Summen dieser Größenordnung ins Depot, so lässt sich diese Liquidität später zu günstigen Nachkäufen in Krisenzeiten nutzen.
Zugegeben, ganz so einfach, wie es jetzt vielleicht klingen mag, ist das Geldanlegen an der Börse zwar nicht. Aber wer es systematisch angeht und sich ausgiebig mit den Hintergründen beschäftigt, auf seine eigene Urteilskraft vertraut, diszipliniert und geduldig ist und schließlich auch noch das notwendige Quäntchen Glück mitbringt, kann es an der Börse auch mit niedrigem Kapitaleinsatz ziemlich weit bringen.

DAX-Stand bei durchschnittlichem Zuwachs von ca. 8 % p.a.:
Jahr: Punktestand
1988: 1.000
2013: 8.000
2023: 17.271
2033: 37.286
2063: 375.202
2100: 6.470.593

Justament-Autor Thomas Claer ist Autor des Buches “Auf eigene Faust. Aktiensparen für Kleinanleger (Verlag BOD, Norderstedt 2012, 10,00 €, ISBN-10: 3844818146 / E-Book 8,49 €).

August 2013: Ahnenforschung, Teil 5

Ahnenforschung über die Familie Claer, Neuigkeiten Sommer 2013

In den letzten Monaten hat es wieder eine ganze Menge neuer Funde und Erkenntnisse gegeben. Zwar warten wir noch immer auf den „großen Durchbruch“, die Entdeckung einer Verbindung zwischen den ostpreußischen Jägern und der hugenottischen Offiziersfamilie, doch sind auch die hier zusammengetragenen Neuigkeiten, so denke ich,  ihrerseits durchaus spektakulär. Große Erwartungen hatte ich in die Microfilm-Kopien der Kirchenbücher aus Ludwigswalde von vor 1800 gesetzt, die Andreas Z. von der Mormonischen Kirche aus den USA nach Görlitz bestellt hat, aber leider ließ, wie ich gehört habe, der gesundheitliche Zustand seiner 90-jährigen Großmutter Marianne E. (deren Mutter Emma Marie eine geborene Claer war) eine Auswertung der in Sütterlin-Schrift gemachten Eintragungen bislang nicht zu. Hier werden wir noch etwas Geduld aufbringen müssen.

1. Friedrich Claer und sein Vater
Ausgangspunkt ist auch diesmal unser bisher frühester gesicherter Vorfahre, der Jäger Friedrich Claer, mein Urururgroßvater, der 1824 in Corjeiten/Ostpreußen im Alter von 25 Jahren mit seiner Braut Justine Knaebe (geboren 1805 in Jouglauken) eine Familie gründete. Aus dem amtlichen Hochzeitseintrag, der vier Wochen nach dem Geburtseintrag des ältesten Sohns Friedrich Wilhelm Claer d.J. erfolgte, geht hervor, dass Friedrich Claer aus Ludwigswalde/Ostpreußen stammte. Es ist ferner noch einmal in Erinnerung zu rufen, dass sich im Geheimen Staatsarchiv in Berlin-Dahlem zudem die Geburtsurkunde des bereits erwähnten Johan (hier mit einem „n“ geschrieben) Wilhelm Claer fand, geb. 10.6.1803, getauft am 15.6.1803, jeweils in Ludwigswalde. Als Vater ist angegeben: Unterförster Friedrich Wilhelm Claer; Mutter ist Susanna Claer, geborene Hoemke. Wir vermuteten daraufhin, dass Friedrich und Johan Wilhelm Brüder seien und Friedrich Wilhelm d.Ä. somit unser direkter Vorfahre, hatten dafür aber keinen Beweis.
Inzwischen konnten wir Einsicht in den gescannten Traueintrag von Friedrich Claer und Justine Knaebe nehmen. Unsere Entzifferung der handgeschriebenen Sütterlin-Schrift ergab:

14. Der königl. Revierjäger Friedrich Clair zu Ludwigswalde. des verstorbenen Unterförsters Friedrich Clair zu Ludwigswalde ältester Sohn. 25., Ja, Nein, Justina Knaebe, des verstorbenen Jägers Johann (n mit Strich drüber bedeutet Doppel-n!) Knaebe in Jouglauken jüngste Tochter., 21. Ja

–  Junggeselle  Joh. Wilhelm Knaebe in Corjeiten, des verstorbenen Jägers Johann Knaebe in Jouglauken ältester Sohn, Jungfer Laufe …

Demnach hätte es also in Ludwigswalde neben dem Unterförster Friedrich Wilhelm Claer d.Ä. (dem Vater des Johann Wilhelm Claer) auch noch den Unterförster Friedrich Clair d.Ä. (den Vater unseres Friedrich Clair d. J.) gegeben. Vielleicht war es aber doch ein und derselbe, und man hatte im Traueintrag nur das “Wilhelm” weggelassen (es herrschte auch durchaus Platzmangel auf dem Papier). Dass Friedrich demnach der älteste Sohn des Friedrich Wilhelm d.Ä. gewesen wäre, würde ja auch passen, denn Johann Wilhelm wurde erst vier Jahre nach ihm geboren. Ferner ist es eine berechtigte Frage, wie viele Unterförster es in Ludwigswalde zu jener Zeit wohl gegeben haben mag. Vermutlich wohl doch nur einen: Friedrich (Wilhelm) Claer/Clair d.Ä. Aber das ist lediglich eine begründete Vermutung und noch kein Beweis.

Gleich mehrere große Schritte nach vorne machte ich aber, als ich mich vor gut drei Monaten beim amerikanischen genealogischen Online-Netzwerk Mundia anmeldete, das sich glücklicherweise noch in einer Testphase befindet, weshalb die Anmeldung noch nichts kostet. Dort erscheint zunächst der Unterförster Friedrich Wilhelm Claer mit fast vollständigen Lebenssdaten: geboren 1770, gestorben am 21.12.1815. Als Ehefrau und Mutter seines einzigen hier aufgeführten Sohnes Johann Wilhelm Claer (10.7.1803-22.4.1880) ist angegeben: Susanne Dorothea Kopfhammer (ohne weitere Angaben).
Irritierend ist weniger, dass das genannte Geburtsdatum des Johann Wilhelm um einen Monat von dem aus seiner Geburtsurkunde abweicht (10.7. statt 10.6., ansonsten stimmt alles überein), als vielmehr, dass dessen Ehefrau Susanna/Susanne hier einen anderen Geburtsnamen trägt als dort: nämlich Kopfhammer statt Hoemke. Darauf kann ich mir einstweilen noch keinen Reim machen.
Es sind ferner angegeben: die Ehefrau des Johann Wilhelm Claer, Wilhelmine Henriette Warnien  (1807-1871) und deren gemeinsame Tochter Dorothea Wilhelmine Ludovica Claer (1.8.1838-9.7.1915). Deren Ehemann war Friedrich Hermann Hardt (1850-1907), „Schribrektor“. Der Sohn von Dorothea Wilhelmine und Friedrich Hermann Hardt war Paul Gustav Hardt (1880-1938), „superintendant of Lutheran Church“, dessen Ehefrau Gertrud Marie Luise Meyhöfer (1883-1949). Die Tochter von Paul Gustav Hardt und Gertrud Marie Luise wiederum war Dorothea Gertrud L. Hardt (1910 in Österreich? –    ), Ehemann: Friedrich Wilhelm Gotthold Wollschläger (1910 in Österreich-1942 in Ägypten). Hinzugefügt hat den gesamten Datensatz Frau Christine Clark, Chicago, Illinois.
Dass hier lediglich Johann Wilhelm Claer als Sohn des Friedrich Wilhelm Claer d.Ä. angegeben ist (und nicht auch Friedrich), hat wahrscheinlich nicht viel zu bedeuten, denn Geschwister tauchen in diesem Eintrag nur bei den zeitlich weniger lange zurückliegenden Personenangaben auf. Doch ist es schon bemerkenswert, wie uns weit entfernte Verwandte aus Amerika mit ihren überlieferten Stammbäumen auf die Sprünge helfen können. Und das ist noch längst nicht alles!

2. Friedrich Claer und seine Kinder
Auch Friedrich Claer taucht in der Mundia-Datenbank nämlich auf, aber an unerwarteter Stelle.
Im Sommer 2012 hatte ich geschrieben:

„Weiterhin  machte ich noch einen überraschenden Fund im Internet bezüglich unseres Vorfahren, des Jägers Friedrich Claer (geb. 1798/99). Im „Großherzoglich-Sachsen-Weimar-Eisenachischem Hof- und Staatshandbuch auf das Jahr 1819“ (inzwischen digitalisiert aus der Bayrischen Staatsbibliothek) erscheint:

– Friedrich Clair, Unterförster zu Krakendorf (http://books.google.de/books?id=B4MAAAAAcAAJ&pg=PA54&lpg=PA54&dq=Friedrich+Clair,+Unterf%C3%B6rster+zu+Krakendorf&source=bl&ots=C5KjJNrVvE&sig=FbhJfzYqceG_Z9WqeHMstzNu_Uc&hl=de&sa=X&ei=WP4bUP-JKs3htQaQ44BQ&ved=0CCgQ6AEwAA#v=onepage&q=Friedrich%20Clair%2C%20Unterf%C3%B6rster%20zu%20Krakendorf&f=false)

Krakendorf ist heute ein Ortsteil der Stadt Blankenhain im Landkreis Weimarer Land, Thüringen. Offenbar hatte der junge Friedrich Clair (im Alter von ca. 20 Jahren) eine Anstellung als Unterförster in Sachsen-Weimar (heute Thüringen). Bereits fünf Jahre später (1824) war er aber wieder in seiner ostpreußischen Heimat, nämlich in Corjeiten, und hat dort eine Familie gegründet.

Ferner ist zu erwähnen, dass sich im Adressbuch von Erfurt (etwa 25 km entfernt vom besagten Krakendorf) aus dem Jahr 1882 der Eintrag findet:

– Claer Dorothea Margarethe geb. Fischer, Wittwe, Weißfrauengasse 1
– Rosine geb. Mohnhaupt, Wwe., Schmidtstädterstraße 50
– Christine geb. Scherlitz, verw. Oekonom, Fleischgasse 9 (http://forum.ahnenforschung.net/showthread.php?t=42802&page=9)

Also gleich drei verwitwete Damen mit dem Namen Claer, der sonst in Mitteldeutschland zu dieser Zeit fast überhaupt nicht auftritt. Sollte hier unser Vorfahre Friedrich Claer/Clair bei seinem Aufenthalt in Thüringen über 60 Jahre zuvor in irgendeiner Weise Spuren hinterlassen haben?

Und im „Bürgerbuch der Stadt Erfurt 1761-1831“ findet sich der Eintrag:

– Claer, Christian Friedrich, ev., Fuhrmann, geb. 16.11.1802 in Siersleben bei Hettstedt (http://wiki-de.genealogy.net/B%C3%BCrgerbuch_der_Stadt_Erfurt_1761-1833/329+)

Könnte das womöglich auf Verwandte hindeuten, die Friedrich Claers Aufenthalt in Thüringen erst veranlasst haben (ihm vielleicht die Försterstelle besorgt haben)?“

Und nun lesen wir in der Mundia-Datenbank:

„Friedrich Claer (1800-…), Chausseewächter Zu Frienstedt.“

Frienstedt ist ein Ortsteil der Thüringer Landeshauptstadt Erfurt. (http://de.wikipedia.org/wiki/Frienstedt) Friedrichs Ehefrau oder zumindest die Mutter seines Sohnes ist: Sophie Caterine Hofmann (1800-..). Als Sohn der beiden ist aufgeführt: Friedrich Wilhelm Heinrich Claer (1825 in Erfurt-…in Erfurt), Sattlermeister. Seine Ehefrau war: Barbara Rosine Mohnhaupt (1826-1889); Heirat am 18. Juli 1854 in Erfurt (Barbara Rosines Eltern haben am 14. Juli 1822 ebenfalls in Erfurt geheiratet). Eine Tochter von Friedrich Wilhelm Heinrich und Barbara Rosine ist: Eleonore Marie Claer (1861 in Erfurt-1906 in Erfurt); Ehemann: Julius Fickel (1854-1924), Bäckermeister. Als Tochter von Julius und Eleonore Fickel ist angegeben: Therese Karoline Fickel (1882 in Erfurt-1955 in Merane); Ehemann: Heinrich Wildenauer (1881 in Cham, Oberpfanz-1933 in Köln), Kaufmann. Deren Sohn ist u.a. Herbert Erich Wildenauer (1907 in Pfaffenhofen-1943 in Nikolskoje Starada/Russland), Wiegemeister, Obergefreiter der 2. Kompanie, Wohnort: Merane; dessen Ehefrau: Paula Gertrud Leopoöd (1904 in Zwickau-1985 in Merane), Knopfarbeiterin. Deren Sohn wiederum: Kurt Horst Heymer (1933 in Merane -1993 in Glauchau), und von dessen Sohn oder Enkel stammt der gesamte Eintrag.

Man könnte natürlich auch eine zufällige Namensgleichheit annehmen. Warum sollte „unser“ Friedrich Claer/Clair 1825 als Chausseewächter in Erfurt Vater eines Sohnes geworden sein, wo er doch erst 1824 in Corjeiten als Jäger Justine Knaebe geheiratet hatte? Und der Erfurter Chausseewächter Friedrich Claer war Jahrgang 1800, während der ostpreußische Jäger gleichen Namens Jahrgang 1799 war. Aber es gab nun einmal 1819 einen Jäger Friedrich Clair im thüringischen Krakendorf. Und auch die Namen der Söhne ähneln sich auffällig: Friedrich Wilhelm in Corjeiten, Friedrich Wilhelm Heinrich in Erfurt. Man mag hier nicht so ganz an Zufall glauben.
Aber konnte ein gelernter Jäger zwischenzeitlich zum Chausseewächter werden? Was war überhaupt ein Chausseewächter?

„Als Chausseen bezeichnete man gut ausgebaute, mit fester Fahrbahndecke versehene Fahrstraßen, die ingenieurmäßig geplant waren und daher deutlich geradliniger verliefen. Von der Landstraße unterscheidet sie, dass neben der Fahrbahndecke im Besonderen auch der Fahrdamm, also der Straßenunterbau, konstruiert ist. Entwickelt wurde diese Bauweise in den Niederlanden im 18. Jahrhundert. Es waren mit Backsteinen befestigte künstlichen Dämme.

Oft bestand die Chaussee aus einer festgewalzten Fahrbahn mit einer Deckschicht aus Sand und Lehm; ein Kiesbett bildete den Unterbau. Ein Begleitweg, für den Viehtrieb, verlief parallel zur eigentlichen Fahrbahn, der im Winter kaum genutzt werden konnte.

An den Straßenrändern gepflanzte Bäume bildeten herrliche Alleen, und boten den Reisenden Schutz vor Sonne und Wind. Um die Fahrzeit zu verringern, wählten die Baumeister bei der Trassenführung meist die kürzeste Entfernung zwischen zwei Orten. Sie schufen sanfte Steigungen mit weniger als fünf Prozent, und erhöhten damit den Reisekomfort. Zum Schutz vor Überschwemmungen, führten sie, in der Nähe von Flüssen und Gewässern, die Chausseen, über einen Fahrdamm.

Von 1795 an wurde an jeder Meile ein Chausseehaus errichtet. Es diente den Straßenwärtern als Unterkunft. In der Nähe des Hauses war eine Schranke oder Barriere über die Straße gelegt. An ihr stand der Chausseewächter, der die Schranke hob oder senkte, ganz wie es ihm gefiel. Er berechnete für die Ankömmlinge, federkäuend, die fälligen Gebühren. (Hervorhebung von mir) Viele Bürger segierten die hohen und komplexen Mauttarife. Die Beschwerden, versuchten die verantwortlichen Stellen mit der Begründung zu entkräften, dass diese Abgabe den Benutzern zugemutet werden könnte, da sie von der Güte der Wege durch Ersparung von Pferden, Wagen und Geschirren, Zeit und Zehrkosten unmittelbaren Gewinnst und Vortheil hätten.

Die neuen Wege sollten im guten Zustand bleiben. Neue Gesetze sollten sie schützen: Den Fuhrleuten drohte man nun Strafen an, wenn sie sich nicht an die Wege hielten und Äcker und Wiesen beschädigten oder durch ungeschicktes Fahren die Seitenränder der Straße zerstörten. Um Fahrspuren zu vermeiden, war das Fahren in der Spur des vorausgehenden Wagens, nicht erwünscht. Den Hirten war es untersagt, Vieh durch die Chausseegräben zu treiben oder gar dort zu hüten. Jeder, der einen Verstoß zur Anzeige brachte, erhielt fünf Reichstaler Belohnung.“ (http://pwz-news.de/cdo/aO1.html)

Also war es damals durchaus kein schlechter Job, Chausseewächter zu sein. Man kann sogar von einer relativ qualifizierten Tätigkeit ausgehen, da sie Kenntnisse des Lesens, Schreibens und Rechnens erforderte und es sicherlich auf Zuverlässigkeit, Pflichtbewusstsein und Genauigkeit ankam. Vor allem aber konnte es ein möglicher Job für einen jungen gelernten Jäger gewesen sein, den es der Liebe wegen vom Lande in die Stadt gezogen hatte. Und seinerzeit konnte ein „Pendler“ zwischen Ostpreußen und Thüringen, wie es der junge Friedrich Claer vermutlich war, auch durchaus – ähnlich etwa dem heutigen bayrischen Ministerpräsidenten – an beiden Orten eine Braut gehabt haben, ohne dass juristische Konsequenzen gedroht hätten, denn es gab damals gewiss keinen vollständigen Abgleich von Personendaten zwischen dem Thüringer Großherzogtum und dem Königreich Preußen. Aber was verschlug Friedrich Claer überhaupt nach Thüringen und dann wieder zurück nach Ostpreußen?
Folgendes Szenario wäre denkbar: Nach dem frühen Tod des Vaters Friedrich Wilhelm d.Ä. im Alter von 45 Jahren (1815) übernahm der 15- oder 16-jährige Friedrich als ältester Sohn den vakanten Posten des Unterförsters in Ludwigswalde. Als sein drei bis vier Jahre jüngerer Bruder Johann Wilhelm 1819 ebenfalls dieses Alter erreicht hatte, trat dieser – angelernt von seinem Bruder Friedrich – in dieses Amt ein, und der bereits berufserfahrene Friedrich wechselte selbst als Unterförster nach Thüringen, vermittelt von seinem dort lebenden Verwandten Christian Friedrich Claer, dem Fuhrmann. Beweggrund könnte, zumal in den Jahren unmittelbar nach den napoleonischen Kriegen, die nackte wirtschaftliche Not gewesen sein. Möglicherweise gab es noch mehrere jüngere Geschwister zu versorgen, von denen wir nichts wissen. Friedrich schickte vielleicht Geld nach Ostpreußen, um seine Familie zu unterstützen. Eine eheliche Verbindung mit der Jägerstochter Justine Knaebe könnte ihm die Bekleidung eines Försterpostens in der näheren ostpreußischen Umgebung ermöglicht haben. Dafür hat er dann womöglich seine thüringische Braut Sophie Caterine Hofmann in Erfurt „sitzen lassen“. Möglicherweise hat er sogar jahrelang ein Doppelleben als Pendler zwischen beiden Familien geführt. Es ist nicht einmal völlig auszuschließen, dass die unterschiedlichen Angaben zu seinem Alter bzw. Geburtsjahr sowie in der Namensschreibweise auf Friedrich selbst zurückgingen und der Verschleierung dienen sollten. Beide Söhne, den Corjeitener (1824) und den Erfurter (1825), benannte er nach seinem verstorbenen Vater Friedrich Wilhelm. Der zweitgeborene Erfurter bekam noch ein „Heinrich“ angehängt. Und vielleicht ist Friedrichs „Jugendsünde“ tatsächlich fast 200 Jahre lang nicht „aufgeflogen“ und erst jetzt, im Zeitalter des Internets, von uns entdeckt worden. Es könnte natürlich auch alles ganz anders gewesen sein, aber das werden wir vermutlich nie erfahren.
In welchem Verwandtschaftsverhältnis der Erfurter Fuhrmann Christian Friedrich Claer zu „unserem“ Friedrich stand, lässt sich noch nicht sagen. Doch wird er immerhin fünfmal genannt als „Fuhrmann Clär in Erfurt“ in der mittlerweile digitalisierten Enzyklopädie für Kaufleute und Fabrikanten, Leipzig 1838. (http://books.google.de/books?id=XIBQAAAAYAAJ&pg=PA167&lpg=PA167&dq=claer+erfurt&source=bl&ots=FxNXkjZbth&sig=dzxHgsUrTeutWGzNe1WoI-B9iho&hl=de&sa=X&ei=nNv2Ue7hN8q1tAaZhoHoAw&ved=0CFEQ6AEwBjgK#v=onepage&q=claer%20erfurt&f=false) Es geht dabei um die Durchführung bestimmter, durchaus umfangreicher Transporte.
Von männlichen Nachkommen des Sattlermeisters Friedrich Wilhelm Heinrich Claer in Erfurt, des Friedrichs Sohn in Thüringen, ist zwar im Stammbaum aus der Mundia-Datenbank nicht die Rede (nur von seiner Tochter Eleonore Marie). Doch es könnte sie oder solche des Fuhrmanns Christian Friedrich gegeben haben. Zum einen fehlt uns für zwei der drei Erfurter Witwen namens Claer aus dem Jahr 1882 noch die genaue Zuordnung, nur Rosine, geb. Mohnhaupt, lässt sich als Ehefrau des Friedrich Wilhelm Heinrich erkennen, der folglich im Jahr 1882 nicht mehr am Leben war, also maximal nur 57 Jahre alt geworden sein kann. Zum anderen gibt es den folgenden Eintrag im Erfurter Adressbuch 1948 (also ein Jahrhundert später!):

– Claer, Friedrich, Leder und Galanterie, Schmidtstedter Str. 50, T 20253, P Erf. 8466
– Wilh., Sattlermeister, Schmidtstedter Straße 50 (http://familie-thurm.de/images/dokumente/adressErfurt/Seite_0189.jpg)

Sollte der Sattlermeister Friedrich Wilhelm Heinrich Claer (geb. 1825), der Sohn unseres Friedrich, tatsächlich sein Handwerk über mehrere Generationen weitergegeben haben? Es sieht fast so aus, denn seine mutmaßlichen Nachkommen heißen ausgerechnet wieder Friedrich und Wilhelm!
Demnach sind uns bisher drei Kinder des Friedrich Claer bekannt: sein Thüringer Sohn Friedrich Wilhelm Heinrich (geb. 1925), sein erster ostpreußischer Sohn mit Justine Knaebe, Friedrich Wilhelm d.J. (geb. 1924) sowie unser direkter Vorfahre, mein Ururgroßvater Franz Claer d.Ä. (geb. 1841, Mutter ebenfalls Justine Knaebe). Gab es noch weitere Kinder mit Justine Knaebe?

Ich fand folgenden Eintrag in der „Kleine(n) Jäger/Försterdatei“ von
mitglied.multimania.de/kbbinder/kartei/foerster.xls‎:

Zufallsfunde von Jägern und Förster vor 1850     Stand Apr. 2013    Erstellt von kbbinder@gmx.de

Name    Vorname    Status   in    Quelle    Auftreten    Verehelicht    Bemerkung

Clair    Friedrich    Jä verml. Metgethen    KB Juditten    *1833    Knaebe Justine    20.1. Hermann Aug. geb.
Clair    Friedrich    Jä verml. Metgethen    KB Juditten    *1834        Pa bei Littmann oo Schwill
Zusätze:
20.1.1833 Hermann Aug. geb.
1834 Pate bei Hochzeit Littmann /Schwill (http://www.google.de/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=1&ved=0CC8QFjAA&url=http%3A%2F%2Fmitglied.multimania.de%2Fkbbinder%2Fkartei%2Ffoerster.xls&ei=diLcUfy0COKn4ASMkoHoDQ&usg=AFQjCNHYu5fD0Z0C5pCEk322NrybFGrZzA&bvm=bv.48705608,d.bGE)

Ich würde es so verstehen, dass am 20.1.1833 ein Hermann August Clair als Sohn von Friedrich Clair, Jäger vermutlich in Metgethen, und Justine Knaebe geboren wurde. Außerdem fungierte Friedrich 1834 als Hochzeitspate des Paares Littmann/Schwill.
Wo aber liegt Metgethen? Laut Wikipedia ist es ein westlicher Vorort von Königsberg, nahe dem frischen Haff, und heißt heute Alexander-Kosmodemjanski-Siedlung von Kaliningrad. Bekannt geworden ist dieser Ort vor allem durch das sogenannte „Massaker von Metgethen“ im Februar 1945, bei dem Soldaten der Roten Armee deutsche und ukrainische Zivilpersonen in großer Zahl vergewaltigt, verstümmelt, geschlagen und getötet haben sollen. Man kann sich das, insbesondere angesichts der vorhergehenden deutschen Kriegsverbrechen, zwar gut vorstellen. Doch ist hier eine gewisse Vorsicht angebracht, da über das „Massaker von Metgethen“ vor allem in rechtsextremen Publikationen mit stark propagandistischer Absicht berichtet wurde. Der Wikipedia-Beitrag schließt mit den Worten: „Eine wissenschaftliche Untersuchung der Vorgänge in Metgethen steht bisher jedoch aus.“ ( http://de.wikipedia.org/wiki/Massaker_von_Metgethen)

Battle_Of_Königsberg_BeginMetgethen in der Schlacht um Königsberg im April 1945

Folglich wäre also Friedrich Claer, bevor ihm als „invalidem Jäger“ 1839 im Alter von 40 Jahren die Verwaltung der Försterstelle zu Eichenberg, Oberförsterei Drusksen, übertragen wurde (wo zwei Jahre später unser Vorfahre Franz Claer d.Ä., der spätere Postschaffner, das Licht der Welt erblickte), Förster in Metgethen gewesen. Das Geburtsjahr seines Sohnes Hermann August (1833) liegt etwa in der Mitte zwischen dem seiner früheren Söhne (1824/25) und dem seines späten Sohnes Franz (1841). Es erscheint auch als durchaus denkbar, dass er noch weitere Kinder in die Welt gesetzt hat. Gleiches gilt aber auch für Friedrichs mutmaßlichen Bruder Johann Wilhelm, von dem wir bisher nur die Tochter Dorothea Wilhelmine Ludovica (1838-1915) kennen. Wir kommen später noch darauf zurück.

3. Die Claers in Amerika
Und noch einen dritten überraschenden Fund machte ich in der Mundia-Datenbank. Offensichtlich ist um 1883/84 ein Teil der ostpreußischen Familie Claer nach Texas/Amerika ausgewandert und hat dort zahlreiche Nachkommen hinterlassen. Es finden sich mehrere, teils etwas unübersichtliche und widersprüchliche Stammbaum-Stränge in der Datenbank, deren Zusammensetzung mir aber letztlich doch gelungen ist. Demnach ist der „Stammvater“ aller texanischen Claers ein Gustav F. Claer (man darf wohl vermuten: Gustav Friedrich!), der von 1832 bis 1894 gelebt hat. Es gibt keine Angaben über seinen Geburts- oder Herkunftsort. Es ist nur an anderer Stelle vermerkt, dass er in Archer County/Texas als „Bowman“ gearbeitet hat, das ist eine besondere Art von Matrose auf einem Schiff und wird auch als „Bugmann“ bezeichnet.  (http://www.findagrave.com/cgi-bin/fg.cgi?page=gr&GRid=52355165) Seine Frau war Johanna Claer (geb. 1834, verstorben am 16.6.1926). Gustav Friedrich kommt sicherlich, allein schon durch sein Geburtsjahr, als ein weiterer Sohn von Friedrich oder von Johann Wilhelm Claer in Betracht.
In der Datenbank tauchen zwei Söhne von Gustav F. Claer auf, deren Geburtsjahre weit auseinanderliegen, weshalb hier noch eine gewisse Unsicherheit im Spiel ist. Zum einen Gustaf (mit –f) Claer (1849-1894). Das identische Todesjahr von Vater und Sohn spricht für eine gemeinsame Verunglückung, möglicherweise auf einem Schiff. Ehefrau vom jüngeren Gustaf war Wilhelmina bzw. Johanna Burber, geb. 1844 „in Deutschland“. Die gemeinsame Tochter vom jüngeren Gustaf und Wilhelmine/Johanna Burber war Johannah W. Claer, geb. am 10.9.1873 in Königsberg und verstorben am 28.4.1949 in Verhon/Texas. Sie ist als kleines Mädchen im Jahr 1884 in die Staaten eingewandert, wahrscheinlich im größeren Familienverbund. Ihr späterer Ehemann war Franz Gelhausen (1865-1923). Die Heirat erfolgte 1897, der Schwiegersohn Ed McIlhenny hat den Stammbaum eingestellt.
Der zweite (uns bekannte) Sohn von Gustav F. Claer war William Frederick Claer (in ihm lässt sich unschwer ein Wilhelm Friedrich erkennen!). Er wurde am 1.8.1870 in Koessburg geboren und ist am 16.6.1938 in Burkeburnette/Texas (nach anderer Quelle in Wichita Falls, Wichita, Texas, USA) gestorben. Aber wo liegt Koessburg? In ganz Deutschland gibt es keinen Ort dieses Namens. Man darf vermuten, dass es sich um Keßburg in Westpreußen handelt, was ja räumlich noch gut ins Bild passen würde.

Bild William F. ClaerWilliam Frederick Claer (1870-1938)

Über seine Immigration ist zu erfahren, dass er 1883 im Alter von 13 Jahren auf dem Schiff „The Wexler“ angekommen ist. (Vermutlich gemeinsam mit mehreren anderen Claers.) Er habe erst mit 57 Jahren die amerikanische Staatsbürgerschaft beantragt, sie aber nie erhalten, weil ein Feuer alle benötigten Formulare vernichtet habe. Sein Beruf war „Oilfield Laborer“ (http://www.findagrave.com/cgi-bin/fg.cgi?page=gr&GRid=40615417), also Arbeiter auf einem Öl-Bohrfeld. Seine Ehefrau war Lena Elizabeth Ground (1878-1942). Die beiden hatten nicht weniger als sieben Kinder, nämlich Alice Johana Claer (1897-1994), Robert Gustav Claer (1898-1990), Margurette Lena Claer (1901-2005), Johnnie William Claer (1903-1975), Raymond Lewis Claer (1906-1976), Gertrude Claer (1909-1972) und schließlich Agnes Claer (1910-1983). Es gibt zahlreiche weitere Nachkommen auch von diesen. Vermutlich leben inzwischen nirgendwo so viele Claers wie in Texas.

Familie Claer

Familienfoto mit William Frederick und Lena in der ersten Reihe

Grabstein

Familiengrab von William Frederick und Lena Claer

Zu fragen bleibt allerdings, was Gustav F. Claer, seine Söhne Gustaf und William Frederick sowie deren Familien 1883/84 zur Auswanderung nach Amerika bewogen hat. Wie bei vielen anderen auch, die in jener Zeit diesen Weg gingen, dürfte es die Verlockung des amerikanischen Traums auf der einen und die anhaltende wirtschaftliche Not in der deutschen Heimat auf der anderen Seite gewesen sein. Man muss bedenken, dass auf die deutsche Reichsgründung im Jahr 1871 eine längere Phase wirtschaftlichen Niedergangs folgte, angefangen mit dem Gründerkrach 1873, der einen massiven Einbruch der Finanzmärkte brachte. Bei Wikipedia heißt es: „Die Volkswirtschaften der sich industrialisierenden Staaten gingen in eine Phase des verlangsamten Wachstums und der Deflation über, die bis in die 1890er-Jahre anhielt.“  (http://de.wikipedia.org/wiki/Gr%C3%BCnderkrach) Vielleicht ist es auch kein Zufall, dass in den 1890er Jahren auch der Sohn des Jägers Friedrich Wilhelm d.J., der Jäger Otto Wilhelm Claer (1859-1937), ein Enkel „unseres“ Friedrich Claer, mit seiner Familie nach Ober-Leutmannsdorf (Kreis Schweidnitz) in Schlesien ausgewandert ist. (Hierzu unten mehr.)

4. Der Sänften-Clair
An dieser Stelle soll nun ein Wechsel der Blickrichtung erfolgen, weg von den Nachkommen „unseres“ Friedrich Claer, hin zu seinen möglichen Vorfahren. (Ganz am Ende komme ich noch einmal auf die Nachkommen zurück.)
Vor einem halben Jahr hatte ich eine gewagte Spekulation über den Portechaise-Unternehmer v. Clair in Berlin, nennen wir ihn den Sänften-Clair, angestellt. Ich schrieb damals:

„Eine weitere Möglichkeit wäre, dass der Portechaisen-v. Clair, der mutmaßliche Sohn des Ingenieurscapitäns Gottlieb August v. Clair, durch eine allmähliche oder plötzliche Veränderung der verkehrstechnischen Vorlieben der damaligen Bewohner Berlins im Jahr der Französischen Revolution zur Geschäftsaufgabe gezwungen wurde. Womöglich hatte er dabei sein gesamtes Kapital verloren und sogar Kredite aufgenommen, die er nun nicht mehr bedienen konnte. Als Bankrotteur in jener vorkapitalistischen Zeit blieb ihm vielleicht nur ein vergleichsweise bescheidener Neuanfang unter Verlust des Adelstitels und seiner bürgerlichen Reputation als Unterförster in Ostpreußen, möglicherweise gerade in jenen dem preußischen Staat damals frisch einverleibten vormals polnischen Ländereien. Auch beim Portechaisen-v. Clair könnte es sich also um Friedrich Wilhelm Clair/Claer d.Ä. gehandelt haben, zumal es vom Alter her ebenfalls passen würde: Wenn der Portechaisen-v. Clair zur Zeit seiner Unternehmensgründung 1779 vielleicht 20 bis 30 Jahre alt war, käme er ohne weiteres noch als Vater von Friedrich und/oder Johan(n) Wilhelm Clair/Claer 1798/99 und 1803 in Betracht. Doch ist diese Variante mangels näherer Indizien für sie ziemlich aus der Luft gegriffen. Anders wäre es erst, wenn sich herausstellen sollte, dass der Portechaisen-v. Clair tatsächlich den Vornamen Friedrich Wilhelm getragen hat.“

Nun gibt es sie, die detaillierten Informationen über den Sänften-Claer, und das gleich aus zwei unterschiedlichen Quellen:
Zum einen: Friedrich Nicolai – „Beschreibung der Königlichen Residenzstädte Berlin und Potsdam aller daselbst befindlicher Merkwürdigkeiten, und der umliegenden Gegend“, Zweyter Band, Berlin 1786, S.976
(Bayrische Staatsbibliothek):

Im Jahr 1779 legte Hr. von Clair , Sänften an, die an gewissen Plätzen der Stadt ausgestellet werden. Das Polizeydirektorium setzte ihnen nachstehende Tare:
1) Bey Tage für eine Tour in demselben Viertel 2 Gr. Für eine Tour durch mehrere Viertel 4 Gr. Für die Rücktour 4 Gr. Muß die Sänfte warten, an Wartegeld für jede Viertelstunde 1 Gr.
2) Bey Nacht. Für eine Tour in demselben Viertel 3 Gr. Rücktour 3 Gr. Durch mehrere Vierter 5 Gr. Rücktour 5 Gr.Wartegeld für jede Viertelstunde 1 Gr. 3 Pf. Für ganze Tage muß man sich des Preises wegen mit den Trägern einverständigen.
Im Jahr 1783 kaufte davon einen Theil der Kaufmann Gottlieb Friedrich Aschenborn, und den andern die Clairschen Kreditoren. Diese haben sie wieder an die Träger verpachtet. Man findet sie am Berlinischen Rathhause, Wolkenmarkt, an der Ecke des neuen Markts, unterm Schloß, unter den Linden, am Dönhofschen Platz, und auf dem Friedrichstädtischen Markte. (http://books.google.de/books?id=uS4CAAAAcAAJ&pg=PA977&lpg=PA977&dq=s%C3%A4nften+berlin+v.+clair&source=bl&ots=Kg0jEkOwVt&sig=xodZr3HB1ziPqE_hYMt0nQgwIRs&hl=de&sa=X&ei=ZeVhUf-9PMnRsgaCw4HIAQ&ved=0CC4Q6AEwAA#v=onepage&q=clair&f=false)

Und zum anderen:  Anton Balthasar König – Versuch einer historischen Schilderung der Hauptveränderungen, der Residenzstadt Berlin, Theil 5, Berlin 1800, S.385f.
(Bayrische Staatsbibliothek):

„Der Gebrauch der Sänften (oder Portechaisen) war zwar in Berlin nichts Neues, wie ich solches in der Geschichte der Residenz unter der Regierung König Friedrich des I. gezeigt habe, indem man damals den französischen Flüchtlingen erlaubte, durch Einführung derselben sich Unterhalt zu verschaffen. Da sie aber seitdem fast außer Gebrauch gekommen waren, so fand sich in diesem Jahr ein Projektmacher, Namens Karl Heinrich von Clair (Hervorhebung von mir) ein, der den Vorschlag zur Bequemlichkeit der hiesigen Einwohner machte, solche wieder einzuführen. Die Sache ward dadurch neu, und was neu ist, lockt bekanntlich auf einige Zeit raschen Beifall ab. So erging es auch den Sänften. In allen Vierteln der Stadt wurden dergleichen Tragekutschen ausgestellt, mit Trägern in besonderer Montur versehen, und anfänglich ließen sich wirklich viele Menschen, nicht zur Bequemlichkeit, sondern mehr aus Neugierde, umhertragen. Als diese aber befriedigt war, gerieth das Unternehmen bald wieder in Stecken, und am Ende blieben, wie zuvor, nur noch einige Sänften übrig, die überdem wenig zu thun hatten, und bloß in Nothfällen gebraucht wurden.” (http://books.google.de/books?id=odcAAAAAcAAJ&pg=PA385&lpg=PA385&dq=s%C3%A4nften+berlin+v.+clair&source=bl&ots=t9Egoa-pBV&sig=NEgsReHWWlInr_c77Q25vHTU9UU&hl=de&sa=X&ei=fOxhUczuA4jpswaQ7ICwAw&ved=0CDMQ6AEwATgo#v=onepage&q=s%C3%A4nften%20berlin%20v.%20clair&f=false)

Wir sehen also, dass die Überlegung mit der Geschäftsaufgabe und womöglich auch dem Bankrott wahrscheinlich nicht ganz unzutreffend war. Doch ein Friedrich Wilhelm, der dann Förster wurde, war der Sänften-Clair namens Karl Heinrich mitnichten.

5. Mögliche Verbindungen
Allenfalls als späterer Jäger in Möllendorf mit dem Geburtsjahrgang 1759 käme der Sänften-Clair noch in Betracht. Dann wäre er zur Zeit der Unternehmensgründung 1779 gerade mal 20 Jahre alt gewesen und hätte die väterliche Erbschaft zur Geschäftsgründung genutzt. Ferner könnte er als möglicher späterer Bankrotteur mit Aberkennung seines Adelstitels auch der Vater des Müllers von Zielenzig (geb. 1791/92) gewesen sein, der ganz ähnlich hieß, nämlich Carl Friedrich Klähr (Klehr, Claire) und aus einer Hugenottenfamilie stammte.
Aber welche Beziehung könnte dann zu „unserem“ Ludwigswalder Unterförster Friedrich Wilhelm d.Ä. (1770-1815) bestehen? Um den Friedrich-Wilhelm v. Clar aus den militärischen Ranglisten kann es sich bei ihm nicht handeln, denn dieser ist bereits 1805 verstorben. Jedoch könnte dieser mit dem Friedrich Wilhelm v. le Clair, dem anderen Ingenieurkapitän neben Gottlieb August le (bzw. de bzw. von) Clair, identisch sein. Doch das bringt uns leider nicht weiter, was „unseren“ Unterförster Friedrich Wilhelm betrifft. So scheint es mir doch naheliegender zu sein, in ihm entweder einen „Fehltritt“ des Gottlieb August (1730-1778) im Alter von vierzig Jahren mit einer Hausangestellten auf den Ländereien seiner Frau, der mutmaßlichen polnischen Gräfin Anna Rosine von Dobrakowska, zu vermuten. Oder „unser“ Friedrich Wilhelm ist ein unehelicher Abkömmling einer der hugenottischen Demoiselles le Clair, die im frühen bis mittleren 18. Jahrhundert in Berlin lebten.

Bei Wikipedia heißt es:
„Das uneheliche Kind führt meist den Familiennamen der Mutter; war die Mutter in historischer Zeit adelig, dann ohne Adelsprädikat, doch sind die Fälle nicht selten, dass es nach Anerkennung der Vaterschaft den Familiennamen des Vaters annimmt (oder diesen durch spätere Eheschließung der Eltern erhält). Aber auch nach dieser Legitimation kam es in vergangenen Jahrhunderten vor, dass das auf den Namen der Mutter getaufte Kind deren Geburtsnamen beibehielt.
Bei sehr ungleichem sozialen Stand legitimierten die Väter ihre unehelichen Kinder nicht selten durch Eheschließung auf dem Sterbebett oder durch eine Ehelichkeitserklärung.
In der Genealogie werden Uneheliche auch illegitime Kinder (wörtlich: ‚unrechtmäßig‘) genannt und sind mit ihren wenigen Personalangaben, auch bezüglich der Mutter, oft sogenannte Tote Punkte. Nach dem Willen Josephs II. sollten im Habsburgerreich Väter von unehelichen Kindern ab 1784 nur auf eigenen Wunsch in den Matriken eingetragen werden. Viele Pfarren, die hier von 1784 bis 1938 Standesamtsfunktion hatten, legten jedoch eine eigene Liste für die Väter an.[8] Für Pfarrer war eine zu frühe Geburt früher gelegentlich Anlass, nachträglich das Wort „Jungfrau“ im Traubuch zu streichen. Waren die Schwängerung bzw. der voreheliche Geschlechtsverkehr bereits bei der Trauung bekannt, so fand die Hochzeit in der Regel „in der Stille“ und „ohne Sang und Klang“ statt. Wegen der größeren Kindersterblichkeit bei den vom Milieu häufig benachteiligten Unehelichen sind sie in Ahnenlisten weit seltener vertreten, als man auf Grund dieser Prozentzahlen erwarten könnte.
Im 18. Jahrhundert betrug der Anteil der unehelichen Geburten auf dem Land oft mehrere Prozent, dort, wo die Heirat dem Bauern vorbehalten war und Dienstboten prinzipiell nur unehelich zeugen konnten.
In Württemberg wurde 1807 die Freiheit der Eheschließung verkündet, in Bayern 1808 ein liberaleres System der Ehekonzessionierung eingeführt. Auf Druck der Kommunen, da mit der Ehe das Bürgerrecht und die Unterstützung im Falle der Armut eng verbunden war, und in Eindruck der Pariser Julirevolution von 1830 wurden wieder restriktive Verehelichungsbeschränkungen geschaffen und nach der Revolution von 1848 nochmals verschärft. Vor der Reichsgründung gab es nur in Preußen, in Abstrichen auch in Sachsen, der linksrheinischen Pfalz und einigen Duodezfürstentümern weitgehende Ehefreiheit. In Württemberg mussten Vermählungswillige vor der Reichsgründung 1871 ein gemeinsames Vermögen von 1000 Gulden nachweisen. Eine Verehelichungs-Kommission prüfte dies, aber auch das Verhalten und die „Aufführung“ der Brautleute. Dem Gesuch musste ein Zeugnis des Arbeitgebers beigelegt werden, aus dem die Verdiensthöhe, die Sicherheit des Arbeitsplatzes und das allgemeine Betragen hervorgehen sollte. Durch solche Hemmnisse wurden in Württemberg vor 1871 17 % aller Kinder unehelich geboren, in Bayern 25 %. Nach Einführung der Ehefreiheit halbierten sich die Zahlen innerhalb weniger Jahre.
Um 1900 erreichte der Anteil der unehelichen Geburten in Städten wie Leipzig und Dresden fast 20 Prozent. Seit den 1950er-Jahren steigen die Unehelichkeitsraten wieder enorm an, was mit der Abnahme der Ausgrenzung von Mutter und Kind einherging, und erreichen regional wieder Werte um 50 %.
Je nach kulturellem und sozialem Umfeld galten und gelten uneheliche Geburten als Schande für die Mutter und das Kind. Uneheliche Kinder hatten zeitweise Sanktionen zu tragen, beispielsweise nicht in die Handwerkergilden aufgenommen zu werden. Begründung war die Leute damit von fleischlichen Verbrechen abzuhalten, da sie wissen mussten, dass auch ihre dadurch gezeugten Söhne bestraft werden.
Auch kirchliche Weihen konnten sie nicht empfangen. In der römisch-katholischen Kirche galt die uneheliche Geburt bis 1983 als Weihehindernis für die Priesterweihe.
Ab dem 12. Jahrhundert besannen sich die Herrscher auf Regelungen aus dem römischen Recht. Die illegitimen konnten mit kirchlichen Dispensen und herrschaftlichen Legitimierungen teilweise behelfen.
Einige Heimatfilme der 1950er und 1960er Jahre nahmen sich des Themas der unehelichen Kinder an. Bis in die 1970er Jahre hinein war es üblich, zwischen „ehelichen”, „scheinehelichen” und „unehelichen” Kindern zu unterscheiden. Veraltete, heute beleidigende Bezeichnungen für uneheliche Kinder sind Bastard und Bankert. Auch die Redewendung Kind und Kegel bezieht sich auf eheliche und uneheliche Kinder.“

6. Der Ingenieurkapitän le Clair
Noch einige interessante Details konnte ich über das Leben des Ingenierkapitäns Gottlieb August v. le Clair in Erfahrung bringen:
Zunächst spielte er offenbar eine Rolle bei der Urbarmachung und insbesondere der Karthographierung des Wartebruchs in der Neumark, die zwischen 1767 und 1782 erfolgte.

„Das Warthebruch ist eine Sumpf- und Moorlandschaft in der ehemaligen Brandenburger Neumark, heute in der Woiwodschaft Lebus, Polen. … Der preußische König Friedrich II. beauftragte Franz Balthasar Schönberg von Brenkenhoff mit der Trockenlegung und Urbarmachung der Region zwischen den Städten Küstrin und Landsberg (Warthe). Die Trockenlegung fand 1763 bis 1767 analog zu der Trockenlegung des Netzebruches und ähnlich dem des Oderbruches statt. Hierdurch konnte für den preußischen Staat 95.201 Morgen urbares Land geschaffen werden.“ ( http://de.wikipedia.org/wiki/Warthebruch)

Der Ingenieurkapitän le Clair findet sowohl Erwähnung auf S.7 im Aufsatz von Paul Schwartz, „Die Urbarmachung des Warthebruchs in den Jahren 1767-1782“ in: Die Neumark. Jahrbuch des Vereins für Geschichte der Neumark, Heft 6, 1929 (http://wiki-de.genealogy.net/Jahrbuch_Die_Neumark_06_%28Namensindex%29) als auch im Aufsatz von E.Schwandt „Die Karthographie der Neumark in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts (S.1-83) in: Die Neumark. Jahrbuch des Vereins für Geschichte der Neumark, Heft 10, 1935, S.1-83, gleich viermal auf S. 12, 14, 64 und 77 (http://wiki-de.genealogy.net/NeumarkDB_reg_nm10).

Außerdem gibt es noch zwei ausführliche Schreiben Friedrich des Großen an seinen Etats-Minister von Zedlitz, in welchen der Ingenieur-Capitän le Clair, also vermutlich wieder Gottlieb August, jeweils einmal erwähnt wird. Wir finden Sie wieder in Anton Balthasar König – Versuch einer historischen Schilderung der Hauptveränderungen, der Residenzstadt Berlin, Theil 5, Berlin 1800 auf S.347 ff.:

Brief von König Friedrich II.:
Mein lieber Etats-Minister von Zedlitz!
Da Ich für gut befunden, den Professor Marsson in meine Dienste zu nehmen, um ihn zu Berlin, zum doppelten Gebrauch dergestalt zu bestellen, als Erstens, daß er die jungen Offiziers, von der dortigen Garnison, welche bisher bei dem Kapitän, Le Clair gelernet (Hervorhebung von mir), in der Fortifikationsbaukunst, unterrichten, und zweytens seine übrige Stunden dergestalt einrichten soll, daß er auch an junge Leute bürgerlichen Standes, von Genie, Lektiones geben kann, da er denn in zwei Klassen unterscheiden soll, nehmlich zu der ersten Klasse, solche Leute die ein vorzügliches Genie, und Verstand zeigen, und zu der Fortifikations-Baukunst, mehr incliniren, und zu der anderen Klasse, dergleichen Subjekte, die mehr Lust haben, zu Kondukteurs und Ingenieurs für die Kammern, sich zu appliciren, welchen letztern er denn, besonders in dem Nivellement recht gründliche Anweisung geben soll; So habe ich Euch solches hierdurch bekannt machen, und Euch zugleich aufgeben wollen, diese Sache mit dem Professor Marsson gehörig zu arrangieren, und vorzüglich darauf zu sehen, daß zu denen, so die Geometrie erlernen wollen, Leute bürgerlichen Standes, von Begriffen und Verstand, und die noch jung, von 7 und 8 Jahren sind, ausgesuchet werden. Im übrigen werde ich dem Marsson wohl ein besonderes Trakrement anweisen, und solchergestalt den Meister bezahlen. Es gehen mich aber die übrigen etwa erforderlichen Kosten nichts an, sondern solche müssen die jungen Leute, so Lust haben, was zu erlernen, selbst über sich nehmen. Ihr habt euch demnach mit dem Professor Marsson über alles näher zu concertiren, und eine ordentliche Einrichtung zu treffen, und hiernächst wie die Sache reguliret worden, Euren Bericht zu erstatten. Ich bin Euer wohl affectionierter König.
Potsdam den 20. October 1775.
Friedrich.

Maarsson fertigte darauf einen Plan von dieser neuen Ekole de Genie an, worinnen er die drey französischen Etablissements, nemlich die Ekole de Genie, de Mezieres, die Akademie d‘ Architecture, und die Ekole des Inspecteurs de Pons et Chaussees zu vereinigen wünschte, und dem zur Folge denen Offiziers täglich zwei Stunden, denen jungen Leuten bürgerlichen Standes aber, zwei bis vier Stunden geben, und mit ihnen alle Theile der angewandten Mathematik, als Optik, Mechanik, Hydrostatik und Hydraulik durchgehen wollte. Der Minister aber schlug übrigens die Kosten zu dieser neuen Anstalt, wobei auch ein Zeichenmeister angestellt werden sollte, das Gehalt für den Marsson mit einbegriffen, auf vier bis fünf tausend Thaler an.

(Der Etat wird in allen Einzelheiten aufgeführt.)

Der Monarch aber nahm diesen Etat nicht an, und musste der Minister folgendes für Schlosser- und Tischlerarbeit, in den nachmals auf dem Schlosse angewiesenen Zimmern, die Kosten aus seiner Tasche bezahlen. Uebrigens erhielt derselbe im November d.J. folgendes Kabinetsschreiben.

„Mein lieber Staats-Minister Freyherr von Zedlirt. Auf Eurem gestrigen Bericht, wegen der daselbst zu errichtenden Sale de Genie, will ich Euch nachstehendes zur vorläufigen Direktion nicht verhalten. Zuförderst finde ich nicht nöthig, eine besondere Wohnung dazu zu miethen. Mein Ingenier-Capitän le Clair (Hervorhebung von mir), hat zur Unterweisung der Offiziers im dortigen Fürstenhause, einige Zimmer inne gehabt; und diese können nunmehr den Marsson, zu dieser Sale de Genie angewiesen werden. Hiernach muß , zu denen Eleven, eine sehr behutsame Auswahl getroffen werden. Tumme Teufels müssen sich darunter eben so wenig, als Windbeutels einschleichen. Nur offenen Köpfen, und jungen Leuten von Application, und guter Erziehung, soll der Zugang dazu offen stehen. Ich glaube dahero, daß man sich, auf Berlin, wo die Erziehung größtenteils schlecht ist, nicht einschränken, sondern aus denen Provinzen, dergleichen junge Leute aussuchen muß. Ich rechne auf jeden, etwa Einhundert Rtl. Jährlich, und denke, diese Summe wird hinlänglich seyn…
Ich bin Euer wohl affectionierter König.
Potsdam den 18. Novemb. 1775
Friedrich“

Bei so eingeschränkten Aussichten, mußte sich der Minister so gut helfen, als möglich. Es kam dahin, daß Marsson, auf dem königlichen Schlosse, wo ihm ein Zimmer eingeräumt wurde, Unterricht gab, und wenn der König im Winter zum Karnaval nach Berlin kam, mußten ihm die in dieser Schule befindliche Offiziere, wozu auch einige aus fremden Garnisonen gezogen wurden, ihre Ausarbeitungen und Zeichnungen vorlegen, und sprach sie auch wohl selbst. Dies währete bis zum Tod des Monarchen. (1786; Anm. d.Verf.) Sein Nachfolger legte die Ekole de Genie in Potsdam an, wozu der Major von Scheel aus dänischen Diensten, berufen wurde, um darüber die Aufsicht zu führen. Marsson kam anfänglich auch dahin, überwarf sich aber, und ging nach Berlin zurück, wo er seine Pension, ohne dafür zu arbeiten, verzehrte. Dieser Mann war ein geborener Franzose, sein Körper verwachsen, und kaum drei Fuß hoch, glich einem Aesop, und hatte nur ein Auge. Demohnerachtet war er äußerst lebhaft und witzig. Ob er sein Fach verstanden hat, kann ich nicht entscheiden; so viel ist gewiß, daß er durch seinen Unterricht keine Beispiele gegeben hat, daß daraus großer Nutzen entstanden wäre. Nach seinem Tode ward sein Gehalt zu der neuen Schule gezogen, welche der Obrist von Tempelhof für die Artillerie anlegte. – Der jetzige Major des Ingenieurkorps, Müller, ließt auf königlichen Befehl gegenwärtig Kollegia, für eine Auswahl von Officieren, von denen in Berlin und in der Churmark Brandenburg garnisonirenden Infanterieregimenter, wodurch bereits wesentlicher Nutzen für die Armee gestiftet, und mancher Kopf von Anlagen, für den Dienst des Königs mit Vortheil ausgebildet worden ist. (http://books.google.de/books?id=odcAAAAAcAAJ&pg=PA385&lpg=PA385&dq=s%C3%A4nften+berlin+v.+clair&source=bl&ots=t9Egoa-pBV&sig=NEgsReHWWlInr_c77Q25vHTU9UU&hl=de&sa=X&ei=fOxhUczuA4jpswaQ7ICwAw&ved=0CDMQ6AEwATgo#v=onepage&q=%20clair&f=false)

Es bleibt natürlich zu fragen, warum Gottlieb August le Clair seine Tätigkeit als wissenschaftlicher Ausbilder der jungen preußischen Offiziere im Jahr 1775 im Alter von 45 Jahren, drei Jahre vor seinem frühen Tod, abbrach oder abbrechen musste. Zwangen ihn gesundheitliche Gründe dazu? Musste er sich anderen Aufgaben widmen? War etwas vorgefallen, das ihn in königliche Ungnade hatte fallen lassen? Doch kann zumindest eines als sicher gelten: Etwaige Seitensprünge oder uneheliche Kinder dürften hierbei kaum eine Rolle gespielt haben, denn unter König Friedrich herrschte in dieser Hinsicht in Preußen eine große Liberatität.
Schließlich wird G.A. v. Clair auch noch als Übersetzer eines weiteren Buches aus dem Französischen „auf höchsten Befehl“ angeführt, nämlich von: Marsch. V. Vauban: Abh. v. d. Vertheid. d. Festungen. (http://books.google.de/books?id=cjYPAAAAYAAJ&pg=RA2-PA41&dq=%22v.+Clair%22+-st.&hl=de&sa=X&ei=4UJjUbTeKMHQtQb914CIBQ&ved=0CDQQ6AEwAA#v=onepage&q=%22v.%20Clair%22%20-st.&f=false) Daneben hatte er ein Buch über die Kriegskunst Ludwigs XIV. aus dem Französischen ins Deutsche übertragen.

7. Die Clairs in Schlesien
Bleibt noch der Jäger Clair (Jahrgang 1759) aus dem ominösen Möllendorf, der Wildschweinbezwinger. Vor einigen Monaten scheiterten wir noch an der räumlichen Zuordnung Möllendorfs. Mittlerweise hat Kathi, die Freundin bzw. Frau unseres entfernten Verwandten Andreas Z., zwei benachbarte winzige Orte namens Möllendorf in Schlesien entdeckt, so wie es im Zeitungsbericht auch angegeben war. Im „Güteradressbuch Schlesien 1873/Sagan“ finden sich:

Möllendorf, Ober-
Größe
378 Morgen (davon 325 Acker, 48 Wiesen , 5 Wald )
Grundsteuer
338
Besitzer
Louis Napoleon Herzog von Sagan und Valency in Valency und Sagan
Pächter
Amtmann Fischer in

Möllendorf, Unter-
Grundsteuer
333
Besitzer
Louis Napoleon Herzog von Sagan und Valency in Valency und Sagan
Pächter
Amtmann Fischer in (http://wiki-de.genealogy.net/G%C3%BCteradressbuch_Schlesien_1873/Sagan#M.C3.B6llendorf.2C_Ober-)

 

An dieser Stelle ist noch einmal daran zu erinnern, dass der Sohn des Jägers Friedrich Wilhelm d.J., der Jäger Otto Wilhelm Claer (1859-1937) mit seiner Familie in den 1890er Jahren nach Ober-Leutmannsdorf (Kreis Schweidnitz) in Schlesien ausgewandert ist.
Andreas Z. kommentierte den Fund sogleich mit den Worten: „Sagan liegt nicht weit von unserem Leutmannsdorf entfernt, in dem meine Oma geboren wurde.“ Er hatte ohnehin schon zuvor die Annahme geäußert, dass in der Gegend von Leutmannsdorf/Schlesien bereits verwandte Claers gewohnt hatten, als sein Urgroßvater Otto Wilhelm Claer aus Ostpreußen dorthin zog. Er hatte insbesondere eine Emma Claer im Auge, die wohl bei Ankunft der Familie des Otto Wilhelm bereits dort gelebt haben soll. Für sie hatte es aber bislang keine Zuordnung gegeben. Sie könnte ein Abkömmling des Wildschweinbezwingers sein.

Es lassen sich aber auch schon einige Jahrzehnte  vor dem Wildschweinbezwinger Klärs in Schlesien nachweisen. Die folgenden Bauernlisten von Schirmke aus dem Staatsarchiv Breslau zeigen außerdem, wie sich die Namens-Schreibweise in jeder Zeit fast schon beliebig verändert hat:

“Bauernliste” 1723 (http://wiki-de.genealogy.net/Schirmke)
§    Adam KLÄR, Richter (Hervorhebung von mir)
§    Thomas HERDE
§    Hannes FÜLBIER
§    Georg FÜLBIER (MASE)
§    Marianne FÜLBIER (Franzepold)
§    Thomas GRUHMANN (Richard FÜLB[IER])
§    Lorenz ROTHER (Selmes und Josefes)
§    Martin ALBERT (ALKER)
§    Michael BROSCHE
§    Georg Kretschmer FÜLBIER (Ernstes)
§    George MELTZER (ALBRECHT)
§    Martin FÜLBIER (KLEHR Gustav)
§    Lorentz OTHO (PAWELKE)
§    Martin FÜLBIER (WILLISCH)
§    Valentin HAMPEL [1712 aus Zauchwitz]
§    Georg NÖLSCHER (FÜLBIER Leo)
Quelle: Staatsarchiv Breslau, Akten 201c, Kath.-Arch.B.103 und 113 in “Chronik von Schirmke” von Josef Pawelke, Dortmund 1962

Bauern des Katasters 1743 (Ebd.)
§    Jakob KLEER (Hervorhebung von mir)
§    Juditha HERDIN
§    Anna FÜLBIERin
§    Marie FÜLBIERin
§    Marting FÜLBIER olim Marianne
§    Martin GRUHMANN olim Thomas
§    Lorentz ROTHER
§    Eva ALBERTin olim Martin
§    Juditha FÜLBIERin olim George
§    Jakob BROSCHE olim Miachael
§    George MELTZER
§    Martin FÜLBIER
§    Martin WIRTH olim Lorenz OTTO
§    Franz FÜLBIER olim Martin
§    Valentin HAMPEL
§    Georg NÖLSCHER, Richter
§    Georg LAMICH
Quelle: Staatsarchiv Breslau, Akten 201c, Kath.-Arch.B.103 und 113 in “Chronik von Schirmke” von Josef Pawelke, Dortmund 1962

Demnach könnte auch bereits in ganz früher Zeit, also vor 1723, schon eine Abwanderung z.B. aus Berlin nach Schlesien erfolgt sein, von dort vielleicht eine Migration in Teilen der Familie nach Ostpreußen und durch den besagten Otto Wilhelm Claer auch wieder zurück nach Schlesien.
Als ein Bindeglied zwischen Berlin und Schlesien oder auch alternativ als hugenottischer Einwanderer direkt nach Dresden (die es ja auch gegeben hat) könnte der in einem Ahnenforschungsforum diskutierte Oberst le Clair in Dresden im Jahr 1730 angesehen werden. Konkret äußert sich ein Internetnutzer namens Günter Claus am 12.2.2013 um 17.35 Uhr wie folgt:

Oberst le Clair ,Dresden, 1730 ,französisch reformiert. Hugenotte? (http://forum.ahnenforschung.net/showthread.php?t=82516)

Die beiden Antworten im Forum sind aber nicht weiterführend.
Außerdem habe ich noch zwei aus Schlesien stammende Personen mit dem Namen Klehr gefunden, die aber wenn, dann eher eine wenig schmeichelhafte Verwandtschaft wären.
Zum einen ist da Josef Klehr (* 17. Oktober 1904 in Langenau, Oberschlesien; † 23. August 1988 in Leiferde). Er war ein deutscher SS-Oberscharführer und SS-Sanitätsdienstgrad (SDG) im KZ Auschwitz I. (http://de.wikipedia.org/wiki/Josef_Klehr) Weiter heißt es bei Wikipedia:

„Josef Klehr wurde als Sohn eines Erziehers geboren. Nach dem Besuch der Volksschule erlernte er das Tischlerhandwerk. Bis 1934 arbeitete er als Tischlergeselle. Ende 1934 (nach einem vergeblichen Versuch, als Erzieher in der gleichen Anstalt, in der sein Vater tätig war, unterzukommen) wurde er Pfleger in der Heil- und Pflegeanstalt in Lebus. Ab 1938 übernahm er eine Stelle als Hilfswachtmeister im Zuchthaus Wehlau.
Bereits im Herbst 1932 war Klehr der SS und der NSDAP beigetreten. Im August 1939 wurde er zur Waffen-SS eingezogen. Er kam zur Wachmannschaft des KZ Buchenwald. 1940 wurde Klehr als SS-Sanitäter ins KZ Dachau versetzt, wo er sowohl im Häftlingskrankenbau als auch im SS-Revier tätig war. Im Oktober 1941 wurde er zum SS-Unterscharführer befördert und ins KZ Auschwitz abkommandiert. Dort wurde er zunächst im Häftlingskrankenbau des Stammlagers als leitender Sanitäter eingesetzt. (…)
Klehr war berüchtigt für sein „Abspritzen“ (Mord durch Phenolinjektion in den Herzmuskel) von Häftlingen. (…)
Klehr liebte es, nach der Untersuchung der kranken Häftlinge durch den Lagerarzt weitere Häftlinge in den Krankensälen des Häftlingskrankenbaus für die Tötung durch Phenol auszusuchen, sowie der Lagerarzt das Lager verlassen hatte. Dabei ging er durch die Krankenblocks und wählte willkürlich jüdische Häftlinge aus […] [Er] hatte eine Vorliebe für gerade Zahlen. Er wollte die Zahl der durch den Lagerarzt zur Tötung ausgewählten Häftlinge ‚nach oben aufrunden‘.“
Klehr war, ab Frühjahr 1943 als Leiter des Desinfektionskommandos, an den Massenmorden in den Gaskammern direkt beteiligt. In einer Reihe von Fällen hatte er das Zyklon B in die Gaskammern hineingeschüttet, nachdem „jüdische Menschen, die mit einem Reichssicherheitshauptamt-Transport kamen, dort eingeschlossen waren.“[1]
Am 20. April 1943 wurde Klehr für seine „Verdienste“ mit dem Kriegsverdienstkreuz 2. Klasse mit Schwertern ausgezeichnet. Ab Juli 1944 leitete er den Häftlingskrankenbau im Nebenlager Gleiwitz I und war für den sanitären Bereich der Nebenlager Gleiwitz I bis IV verantwortlich. Im Rahmen der Evakuierung des KZ Auschwitz, zwischen dem 17. Januar und dem 23. Januar 1945, bewachte Klehr eine Häftlingskolonne und begleitete diese in das KZ Groß-Rosen. Dort wurde er einem SS-Kampfverband angeschlossen und kam gegen Kriegsende über die Tschechoslowakei nach Österreich.

In Österreich geriet Klehr im Mai 1945 in amerikanische Gefangenschaft. Er wurde ins Kriegsgefangenenlager nach Böblingen verbracht und von einem Lagergericht wegen Zugehörigkeit zur SS zu drei Jahren Arbeitslager verurteilt.
Im März 1948 wurde er aus dem Arbeitslager nach Braunschweig entlassen. Dort arbeitete er bis zu seiner erneuten Verhaftung im September 1960 als Tischler. Zu diesem Zeitpunkt war er verheiratet und hatte zwei Kinder.
Im 1. Auschwitzprozess, der am 20. Dezember 1963 vor dem Schwurgericht in Frankfurt am Main aufgenommen wurde, wurde er im August 1965 zu lebenslangem Zuchthaus und weiteren 15 Jahren Zuchthaus wegen Mordes in „allermindestens 475 Fällen“ und Beihilfe zum Mord in mehreren Tausend Fällen verurteilt. Zudem verlor er die bürgerlichen Ehrenrechte auf Lebenszeit. Am 25. Januar 1988 wurde die Strafvollstreckung wegen Vollzugsuntauglichkeit ausgesetzt, am 10. Juni 1988 wurde dann der Strafrest zur Bewährung ausgesetzt. Klehr starb wenige Monate später.“ (Ebd.)
Auch im Theaterstück „Die Ermittlung“ von Peter Weiß heißt einer der Nazi-Aufseher in Auschwitz Klehr. Es ist anzunehmen, dass Josef Klehr hier Vorbild gestanden hat.

Der andere Klehr aus Schlesien ist  Nikolaus Walther Klehr (* 1944 in Breslau), ein Dermatologe mit Praxen in München und Salzburg. Er ist wegen einer fragwürdigen Therapieform für Krebserkrankungen, deren Wirksamkeit nicht belegt ist, umstritten. (http://de.wikipedia.org/wiki/Nikolaus_Klehr)

Weier heißt es bei Wikipedia: „Nikolaus Walther Klehr wurde 1944 in Breslau als Sohn der Eheleute Walter und Agnes Klehr geboren. Er absolvierte ein Studium der Humanmedizin und Biologie an den Universitäten Heidelberg und Frankfurt am Main. Seinen von einer peruanischen Universität verliehenen Professorentitel darf er nach einem Urteil des Landgerichts München nicht mehr führen.“ (Ebd.)
Berühmt bzw. berüchtigt ist die umstrittene „Krebstherapie nach Klehr“. „Klehr ließ 1991 eine Eigenbluttherapie unter der Bezeichnung Autologe Target Cytokine, kurz ATC, patentieren…. Die Behandlung in Klehrs Salzburger Praxis mit täglichen Infusionen kostet, nach Angaben von Patientenangehörigen, zwischen 13.000 und 35.000 Euro. Die Übernahme der Kosten für die Autologe Target Cytokine-Behandlung nach Klehr durch die deutschen gesetzlichen Krankenkassen ist in der Anlage II der Richtlinie Methoden in der ärztlichen Versorgung des Gemeinsamen Bundesausschuss ausgeschlossen.
Wissenschaftler der Deutschen Krebshilfe fanden keinerlei Nachweis für die behauptete Wirksamkeit von Klehrs „Wundermittel“. … Hans Hege, Präsident der Bayerischen Landesärztekammer, bezeichnete 1998 Klehr als einen „Scharlatan, der mit der Hoffnung von Krebskranken Geld macht“. (Ebd.)

8. Die Klärs, Le Clercs und Le Clairs in der Neumark und der Uckermark
Doch nicht nur in Schlesien, auch in anderen ehemals preußischen Gebieten finden sich Hinweise auf Hugenotten mit Namen Clair in diversen Schreibweisen, die auf eine frühe Abwanderung einzelner Familienmitglieder aus Berlin hindeuten. Vom Müller Carl Friedrich Klähr (Klehr, Claire), geb. 1791/92, aus Zielenzig war bereits mehrfach die Rede.
Im Tauf- und Trauregister 1581-1827 von Königsberg (Neumark) (Nicht zu verwechseln mit der preußischen Metropole Königsberg, heute Kaliningrad. Die Kleinstadt Königsberg/Neumark heißt heute Chojna und liegt direkt hinter der deutsch-polnischen Grenze in Westpolen.) gibt es den Eintrag:

Klär; 1749; 1813 (http://wiki-de.genealogy.net/K%C3%B6nigsberg_%28Neumark%29/Tauf-_und_Trauregister_1581-1827_%28Namen%29)

Wenn die Geburt dieses Namensträgers nicht schon im Jahr 1749 und somit bereits anderthalb Jahrzehnte vor Beginn der Trockenlegung des Warthebruchs erfolgt wäre, hätte man auf den Gedanken verfallen können, dass der Ingenieurkapitän Gottlieb August le Clair hier seine Hand im Spiel gehabt haben könnte.
In Strasburg in der Uckermark, der heute einzigen uckermärkischen Ortschaft im Bundesland  Mecklenburg-Vorpommern, hat es zu verschiedenen Zeiten Einwohner des Namens Le Clerc / Le Clair gegeben.

Strasburg

„Im 17. Jahrhundert wurde die Einwohnerzahl der Stadt durch den Dreißigjährigen Krieg, Stadtbrände und die Pest zeitweise auf 200 dezimiert. Mit der Ansiedlung von 244 Glaubensflüchtlingen aus Frankreich, den Hugenotten, Ende des 17. Jahrhunderts begann die wirtschaftliche Erholung Strasburgs.“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Strasburg_%28Uckermark%29)

Im digitalisierten Buch: „Französische Ackerbauern aus der Pfalz und der Uckermark in Ostpreußen“ von Dr. Siegfried Maire, Berlin 1939, Verlag des Deutschen Hugenottenvereins, stellt der Verfasser die Kolonistenlisten von Strasburg aus den Jahren 1691 und 1700 vor. Sie enthalten die Namen de Frenne, Dubois, Galle, Gobare, L’Allemand, Legrand, Rogé für das Jahr 1691 und  Defrene, Goubart, Leclair (Hervorhebung von mir), Roger für das Jahr 1700. Der Autor versucht anhand von Namensähnlichkeiten der Einwohner von Warnehlen, Groß-Berschkurren, Bibehlen und Guddatschen in Ostpreußen aus den Jahren 1717 ff. den Nachweis, dass es zu jener Zeit eine Auswanderungswelle aus Strasburg nach Ostpreußen gegeben habe. Allerdings finden sich in den genannten ostpreußischen Orten nur die Namen Jean Leauclair, Joh. Leauclair, Heinrich Laucklair, Isaac Leauclair, Abr. Lauclair und Hans Lauclair. (http://edocs.ub.uni-frankfurt.de/volltexte/2006/3544/pdf/A008723060.pdf) Ob sich aber Leauclair, Laucklair und später Lockler wirklich ursprünglich von Le Clair ableiten lassen, ist schon deshahlb äußerst fraglich, weil die französischen Namen bei ihrer Eindeutschung eigentlich immer vereinfacht, aber niemals verkompliziert worden sind.  (So auch die Forum-Kommentare unter http://forum.ahnenforschung.net/archive/index.php/t-27612.html.) Darüber hinaus leitet sich die Familie Loclair in Ostpreußen ausschließlich vom Schweizer Einwanderer Abraham Loclair ab, dessen Genealogie noch in der Schweiz bis zu seinem Großvater Jean Loclair, geb. ca. 1624, zurückgeht. (Ebd.)

Am 21. November 1723 heirateten in Strasburg in der Uckermark Sara und Jean Wendel Kaufmann, letzterer ein Sohn des Jacob Kaufmann und seiner Mutter Anne Clair. (http://www.hugenotten-uckermark.de/genealogyen/efieret/eFIg03.htm)

Am 4. Januar 1761 wurde in Strasburg in der Uckermark eine Susanne Le Cerc als Tochter von Jacques Le Clerc und seiner Frau Marie Magdelaine Travernier geboren. Am 15. April 1967 folgte ihre Schwester Marie Le Clerc. Susanne Le Clerc starb am 5. März 1835 ebenfalls in Strasburg in der Uckermark. ( http://www.hugenotten-uckermark.de/Genealogiedt/defrenne/DEFg06.htm#3333)

In den Kirchenbüchern/Seelenlisten für Strasburg in der Uckermark von 1785 erscheint schließlich ein Jacob le Clair, Beruf: Ackermann.

Und zu guter Letzt noch ein Zitat aus dem Buch von Martin Düspohl, „Kleine Kreuzberggeschichte“, Berlin-Story Verlag:

„Die Besetzung Berlins durch Napoleon war für die Berliner Hugenotten sogar ein Anlass, ihre französische Identität abzustreifen und sich als Preußen zu definieren. Ein Henri Lejeune nannte sich plötzlich Heinrich Junge, Francois Chanalle Franz Schnalle und Charles Leclerc Karl Klericke (Hervorhebung von mir).“ (http://www.kreuzberger-chronik.de/chroniken/2009/november/geschichten.html)

9. „Moppel“ Claer – unsere peinliche Verwandtschaft?
Als abschließende „Krönung“ dieser Ausführungen kommen wir nun zu Hans Henning Claer (1931-2002), Spitzname: „Moppel“ Claer, dem Sohn des Erich Claer, eines Vetters meines Großvaters Gerhard Claer.
Auch wenn er wohl überwiegend als „schwarzes Schaf“ der Familie angesehen worden sein dürfte, so handelt es sich bei ihm doch um einen echten Prominenten, denn er ist immerhin der Einzige aus der preußisch-hugenottischen Linie unserer Familie, über den es einen Wikipedia-Eintrag gibt. (Bei den beiden schlesischen Klehrs, dem KZ-Massenmörder und dem Scharlatan-Krebsarzt, ist die Verwandtschaft – glücklicherweise – unsicher, siehe oben.)
Wikipedia stellt ihn wie folgt vor: „Hans Henning Claer, auch bekannt als Moppel Claer (* 30. Dezember 1931 in Berlin; † Dezember 2002 in Bergkamen), war ein deutscher Schriftsteller. Leben: Ursprünglich Boxer, Bergmann und Polizist, wurde Claer in den frühen 1970er Jahren bekannt durch seine derben Romane, die das Milieu des Ruhrgebiets zum Hintergrund haben und das Bild eines auf Maloche (Arbeit), Sex und Alkoholkonsum reduzierten Lebens in den Zechensiedlungen zeichnen. (…)
Claers Bücher dienten als lockere Vorlage für die Laß jucken, Kumpel-Reihe von insgesamt sechs Sexfilmen, die in den Jahren 1972 bis 1975 und 1981 entstanden und in denen er selbst mitspielte. Er verstarb im Dezember 2002, nachdem er als Folge eines Schlaganfalls nahezu 15 Jahre lang bettlägerig und gegen Ende seines Lebens ein Pflegefall gewesen war. Werke: Autobiografie: Bulle, Schläger, Nuttenjäger. Rowohlt, Reinbek 1987, ISBN 3-499-15892-2. Romane: Laß jucken, Kumpel. März Verlag, Frankfurt/M. 1971, ISBN 3-499-15048-4. Das Bullenkloster. März Verlag, Frankfurt/M. 1972, DNB 720097053. Bei Oma brennt noch Licht. März Verlag, Frankfurt/M. 1979, DNB 800751485.“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Henning_Claer)

Foto Hans-Henning-ClaerHans Henning Claer mit seinem handgeschrieben Manuskript und dem Buch “Lass jucken Kumpel” Foto: Ulrich Bonke

Ich war natürlich bereits vor etlichen Jahren im Internet auf ihn gestoßen, hielt aber eine Verbindung zu unserer Familie damals für völlig ausgeschlossen. Doch als ich vor einigen Wochen einen indirekten Hinweis auf einen ostpreußischen Hintergrund bei ihm fand, konnte ich nicht mehr länger die Augen davor verschließen.
Es ist nämlich mittlerweile die Einwohnerliste von Groeben, Kreis Osterode/Ostpreußen des Jahres 1945 digitalisiert. Dort heißt es:
Laut vorliegenden Aufzeichnungen wohnten in dieser Gemeinde noch nachstehende Personen bzw. Familien (Stand 1945):

… Claer, Erich, Berliner Kaufmann (Zweitwohnsitz) … (http://files.bildarchiv-ostpreussen.de/files/fotoalbum/dokumente/orte/Groeben.pdf)

Nach dem mir vorliegenden Stammbaum unserer Familie hatte mein Urgroßvater Georg Claer (6.5.1877-2.5.1930), der um 1900 zur Zeit des Boxeraufstands Meldereiter in China gewesen war, fünf Geschwister: neben seinem jüngeren Bruder Richard von der Post und den drei jüngeren Schwestern Armanda, Martha und Hedwig nämlich auch einen älteren Bruder, Franz Claer, verheiratet mit Emma Claer. Dieser Franz Claer d.J. war der älteste Sohn meines Ururgroßvaters Franz Claer d.Ä., des Postschaffners, der ein spätgeborener Sohn des Jägers (und vorübergehenden Chausseewächters) Friedrich Claer war. Und Franz Claer d.J. hatte mit seiner Frau Emma gem. unserem Stammbaum drei Kinder: den Sohn Erich Claer sowie die Töchter Margarete und Hildegard. Über sie gibt es im Stammbaum keine weiteren Angaben.
Nun wissen wir also, dass Erich Claer Kaufmann in Berlin war und seinen Zweitwohnsitz in Groeben/Ostpreußen hatte. Da ist die Vermutung natürlich naheliegend, dass der 1931 in Berlin geborene „Moppel“ Claer der Sohn des Erich Claer war. Zur Überprüfung dieser Annahme besorgte ich mir bei Ebay die Autobiographie von „Moppel“ Claer, „Bulle, Schläger, Nuttenjäger“ (Kostenpunkt: ein Euro plus Porto) und fand meine Vermutung voll bestätigt.
Die Lektüre dieses Buches kostet zunächst etwas Überwindung, denn auf der Rückseite steht geschrieben: „Was ist noch schärfer als Hans Henning Claers aufgeregt diskutierte Ruhrpott-Romane ‚Lass jucken, Kumpel‘ und ‚Bei Oma brennt noch Licht‘? Seine unverblümt erzählte Lebensgeschichte!“ Auch durch die Abbildung auf der Vorderseite macht das Buch einen eher zweifelhaften Eindruck, so dass man es sich eigentlich nicht so gerne ins Regal stellen möchte. Doch glücklicherweise schildert der Autor darin nicht nur sehr ausführlich und detailliert sein ungeheuer opulentes Liebesleben, sondern auch ebenso ausgiebig seinen familiären und biographischen Hintergrund.
Sein Vater Erich Claer wurde am 6.1.1901 geboren. Er wurde leicht zornig, sein Zorn verrauchte aber auch schnell wieder. Vor dem Krieg war er Treuhandrevisor (eine Art Wirtschaftsprüfer) bei der Deutschen Bank und fuhr einen „Steyer Super 200“ mit roten Ledersitzen. Seine Frau, „Moppels“ Mutter, war eine ostpreußische Großbauerntochter. Die Familie, die außerdem aus „Moppels“ drei jüngeren Geschwistern Dieter, Lorelies und Heiner bestand, lebte in Berlin-Steglitz in einer 6-Zimmer-Wohnung, Am Fenn 14, direkt am Teltow-Kanal und am Stadtpark Steglitz. Außerdem hatte Vater Erich Claer „in Ostpreußen im Kreis Osterode eine Landwirtschaft erworben.“
Die Flucht der Familie aus Ostpreußen schildert der Verfasser wie folgt:
„ In Berlin ausgebombt, lebten wir in Ostpreußen bis zu unserer Flucht wie die Maden im Speck. … Oma Emma war zu der Zeit nicht mehr in Gröben … Meine Kaninchen trug ich auf den Heuboden, damit sie Futter hatten. … Die beiden Schäferhunde … wurden abgeknallt. Hinter dem unendlich langen Treck flüchteten Menschen per pedes. In ihrem Rücken das ewige Jaulen der Stalinorgel. Die meisten Wagen flüchteten in Richtung Frisches Haff. Sie sollten in ihr Verderben fahren. Wir entschlossen uns, nach Westpreußen weiterzuziehen. Papa war nämlich vor einem Jahr Soldat geworden und lag zuletzt bei einer Pioniereinheit in Dirschau, war inzwischen Fahnenjunker-Feldwebel. Tatsächlich trafen wir ihn an. Er, der dem Kriegsgeschehen immer skeptisch gegenübergestanden hatte, zeigte sich als wahrer Optimist, seit er den Soldatenrock trug. Fahnenflucht? Kein Gedanke! Winkend stand er hinter unserem Leiterwagen mit der Zeltplane und rief uns nach: ‚Der Iwan kommt höchstens noch bis zu uns, dann kriegt er aber Zunder…‘ In Pommern holte er, der Iwan, uns dann ein. Papa hatte es nicht geschafft, den Krieg zu unseren Gunsten zu entscheiden. … Dieter und ich drückten uns die Nasen an der Fensterscheibe platt und heulten wie die Irren. … Lorelies und Heiner, unsere beiden Kleinen, konnten das wahre Ausmaß der Katastrophe noch nicht erfassen. Unsere zarte Mutter war nun die einzige Erwachsene in der Claerschen Runde. Ich kutschierte jetzt. Trotz der eisigen Kälte hatten wir durch unsere Schafspelze genügend Schutz, und wenn ich heutzutage ein Stück Schinken und ein trockenes Brot aus der Hand esse, denke ich immer an unser gefrorenes Brot und den geräucherten, hartgewordenen Schinken auf dem Treck. Aber in Altschlawe, wo uns der Russe eingeholt hatte, verloren wir unsere letzte Habe. … In Güterwagons gepfercht lagen wir… Dieter war zäher, konnte stehen und gehen, war aber geistig weg. Arme Mama. Sie musste uns Großen helfen und hatte dabei noch die Kleinen. … Wieder hielt der Zug auf freier Strecke, wieder polnische Plünderer. … Berlin hatten wir nach vier Tagen erreicht, die Verwandten lebten.“
Später heißt es: „Wir bezogen eine Dreieinhalb-Zimmer-Wohnung in der Steglitzer Presselstraße gegenüber von Tante Else, die Mamas Schwester ist… „

Steyr_200

Ein Steyer Super 200, wie er von Erich Claer vor dem Krieg gefahren wurde.

Ein weiterer Verwandter von Hans Henning Claer in Berlin war sein Onkel Max Sakrezewski, ein Bruder seiner ostpreußischen Oma Emma. (Von seinem Opa Franz Claer d.J. ist aber nirgendwo die Rede, wahrscheinlich lebte er nicht mehr.) Onkel Max besaß ein Konfektionsgeschäft in der Steglitzer Bergstraße. Vor dem Krieg hatte er in Neukölln gelebt, nach dem Krieg betrieb er zusätzlich noch eine Bekleidungsfabrik und lebte in einer Villa in Steglitz.
Vater Erich Claer kam abgerissen und abgezehrt und müde lächelnd aus der Kriegsgefangenschaft im Ural zurück. Bald wurde er Personalchef bei der Fa. Meyer & Co. Er war oft in der Sauna, „aus reiner Eitelkeit, weil er mit seinen einsachtzig keinen Bauchansatz zeigen wollte.“ Im Dezember 1950 holte er sich an einem nasskalten Tag eine Lungenentzündung, zuvor war er in der Sauna gewesen.
„Onkel Max sagte zu Dr. Kramer (im Krankenhaus): ‚Tun sie alles, um diesen Mann zu retten, und wenn es mich Tausende kostet.‘ Max wusste, dass seine Geschäftsführer ihn nie bescheißen konnten, wenn Papa die Hand über die Bücher hielt.“
Doch Erich Claer war nicht mehr zu retten. „Herzwasser. Rußland. Zur Lungenentzündung war ein Herzkollaps gekommen. Er überwand ihn nicht. Es wurde ein schreckliches Weihnachtsfest 1950. Am 6. Januar `51 wäre Papa fünfzig Jahre als geworden.“
So wurde Hans Henning Claer zur Halbwaise. Noch zu Lebzeiten seines Vaters, der ihn begeistert zu allen Wettkämpfen begleitete, hatte er eine steile Karriere als Boxer hingelegt. Seine Gewichtsklasse war das Fliegengewicht. Bei einer Größe von 1,72 wog er als junger Mann lediglich 64 kg. (In späterem Alter wurde er jedoch übergewichtig.) Als Boxer erreichte er im damaligen West-Berlin eine große regionale Popularität und sollte es später bis zum Deutschen Polizeimeister im Halbweltergewicht bringen.
Er legte sein Abitur auf einem Steglitzer Oberrealgymnasium ab, ließ sich das aber, ähnlich wie heute etwa Dieter Bohlen, künftig nicht mehr anmerken. Schon als junger Mann entwickelte er eine starke Neigung zum Alkohol, heute würde man sagen: zum Komasaufen. Nach eigener Auskunft verkehrte er fortan bevorzugt in Kneipen und „Bumslokalen“. Das Nachtleben im damaligen Westen Berlins in den frühen 50er Jahren schildert er in den buntesten Farben. Insbesondere seien damals große Mengen an DDR-Bürgern nach West-Berlin gekommen, um sich dort zu amüsieren. (Auf einem späteren Berlin-Besuch in den 70er Jahren musste er allerdings feststellen, dass inzwischen längst nicht mehr so viel los sei wie damals zu seiner Zeit.)
Seine besondere Vorliebe galt den Frauen. Minutiös berichtet er von unzähligen erotischen Abenteuern, die er damals in Berlin erlebt habe. Seine bevorzugte Masche, mit den Damen ins Gespräch zu kommen, sei ein Spruch gewesen, den er sich aus einem seinerzeit populären Film geborgt habe: „Entschuldigen Sie, meine Dame, darf ich Sie auf etwas Wichtiges aufmerksam machen?“ „Wieso, worauf denn?“ „Auf mich.“ Mehrfach betont „Moppel“ Claer den unbedingten Wahrheitsgehalt seiner Geschichten. Er sei nun einmal kein Aufschneider. Beispielsweise habe er die Länge seines Zeugungsorgans immer und überall korrekt mit 16 cm angegeben. „Andere hätten 20 gesagt.“ Aber er bleibe nun einmal immer bei der Wahrheit.

Nach dem Abitur tritt er in den Dienst bei der Polizei ein. Sein damals noch lebender Vater habe ihm davon abgeraten, aber er habe es trotzdem gewollt. Einerseits lobt er später den „leichten Dienst auf der Registratur“, der ihm viel Zeit und Kraft für seine amourösen Eskapaden lässt. Andererseits beklagt er aber auch sein „mieses Polizistengehalt“, mit dem er kaum seinen aufwendigen Lebensstil bestreiten kann. Die Lage bessert sich jedoch für ihn, als er eine langjährige Liebesbeziehung zu einer jungen Frau namens Eva beginnt, die in der Bellermannstraße in Wedding wohnt und einen kleinen, aber sehr gut gehenden Laden am Bahnhof Gesundbrunnen betreibt. Dort verkauft sie insbesondere Süßigkeiten an Besucher aus dem Ostsektor Berlins und der DDR. Eva verdient dabei so gut, dass sie sich schon bald ein Auto kaufen kann. Ihren Freund „Moppel“ unterstützt sie finanziell so großzügig, dass dieser weiter auf großem Fuß leben kann.
Doch immer wieder bekommt Hans Henning Claer Schwierigkeiten auf seinem Polizeidienst sowohl wegen seiner Frauengeschichten (u.a. auch Anzeigen wegen Verführung Minderjähriger) als auch wegen seines Alkoholkonsums. Als er eines Tages von seiner Mutter vor die Tür gesetzt wird und auch seine Freundin Eva ihm den Laufpass gibt, bewohnt er ein billiges Zimmer in der Steglitzer Lothar-Buchner-Straße (30 Mark im Souterrain). „Ein Zimmer, auf dessen Wänden die Tapeten Wellen schlugen.“ Als er einmal mit Grippe im Bett liegt, kommt der scharfe Zugführer vom E-Kommando zu Besuch, um nach dem Rechten zu sehen. „Das ist aber keine Wohnung für einen Beamten, Herr Claer“, spricht er entrüstet, als er die billige Einrichtung des kleinen Zimmers betrachtet.
Im November 1956 verlässt er sein „heißgeliebtes Berlin“ nach seiner „Entlassung aus der Polente“ (Grund soll der Alkohol gewesen sein), da der Lingener BC einen Boxtrainer sucht. Unter 25 Bewerbern wird er ausgewählt, später wird er Bergmann im Ruhrgebiet und kommt nach Bergkamen. In den 60er Jahren gibt es auch in Westdeutschland politische Kampagnen, die Arbeiter zum Schreiben von Literatur anregen wollen. Hans Henning Claer fühlt sich sogleich davon angesprochen und schreibt einen Roman über das angeblich bumsfidele erotische Leben der Bergkamener Bergleute und landet mit „Laß jucken, Kumpel“ einen Riesenerfolg.
Nach der anschließenden Verfilmung, die mit über 4 Millionen Besuchern ein gewaltiger Kassenschlager wird, posiert er gemeinsam mit seiner Frau Brigitte, die angeblich „immer scharf“ ist, nackt in Boulevardzeitungen. „Die Claers“ werden vorübergehend zum Skandalpaar der deutschen Filmbranche. Die Kumpel-Filme werden sogar bei den Filmfestspielen in Cannes aufgeführt, allerdings außer Konkurrenz.
Als er seine erste gemeinsame Wohnung mit seiner Frau Brigitte bezieht, heißt es: „Endlich kam von Papas Klitsche in Gröben auch der Lastenausgleich.“ So konnte er auf einen Schlag einen Kobold-Staubsauger, eine Waschmaschine und einen neuen Anzug bezahlen.
Gemeinsam mit Brigitte hat er zwei Kinder, Alwin und Regine. Sein Bruder Dieter Claer wandert nach Kanada aus und lebt heute in Florida. (http://www.mylife.com/dieterclaer) Der jüngste Bruder Heiner lebt in Düsseldorf. (http://telefonbuch-suche.com/heiner-claer-worringer-stra%C3%9Fe-40211-d%C3%BCsseldorf) Der letzte Satz seiner Autobiographie lautet: „Gott sei Dank bin ich wirtschaftlich und sozial abgesichert.“ Wie der folgende aktuelle Text aus dem Internet über Hans Henning Claer beweist, lässt sich sein Werk in erster Linie als Zeitgeistphänomen verstehen, als typisches Produkt der 70er Jahre. „Moppel“ Claer gehörte zu den wichtigsten Protagonisten der damaligen sexuellen Revolution.

claer und biggi

Hans Henning Claer mit seiner Frau Brigitte

Heinrich Peuckmann liest im Internet “Lass jucken Kumpel”
21. März 2013 |

Der wohl erfolgreichste Bergkamener Schriftsteller heißt Hans Henning Claer. Jedenfalls was die Zahlen seiner verkauften Bücher betrifft. Heute kennt kaum noch jemand diesen Namen.
Heinrich Peuckmann hat jetzt etwas daran getan, dass sein Schriftstellerkollege, den er auch persönlich kannte, nicht ganz in Vergessenheit gerät. Er hat nicht nur einen Text über Moppel Claer, wie ihn damals seine Freunde nannten, geschrieben. Er liest ihn auch vor. Das kann sich jeder zu jederzeit über  eine  MP3-Datei auf der Internetseite http://www.reviercast.de / anhören. Dort befindet sein Text „Lass jucken Kumpel“. Das ist auch der Titel von Claers erstem Roman, der Anfang der 1970er Jahre verfilmt wurde. Einige Szenen wurden damals in Bergkamen gedreht.
Hans Henning Claer lebte zunächst in Berlin. Er war dort Polizist und Boxer. Nachdem er nach Bergkamen umgezogen war, wechselte er den Beruf. Auf Grimberg 3/4 fuhr er als Bergmann ein. Vermutlich wäre das handgeschriebene Manuskript seines Erstlingsromans sofort wieder in der Versenkung verschwunden, wenn Hans Henning Claer es nicht zum Melzer-Verlag geschickt hätte. Dort landete das Werk auf dem Schreibtisch von Jörg Schröder, der wenig später den legendären März-Verlag gründete.
Schröder empfand, dass Hans Hennig Claer in der „Protokollsprache eines Polizeiwachtmeisters, der sich zum Schriftsteller berufen fühlte”, geschrieben habe. Er schickte ihm aber einen Brief mit der Aufforderung: „Lassen Sie doch diese gestelzte Sprache. Schreiben Sie, wie die Leute reden, die Leser wollen etwas vom Leben erfahren und nicht, ob Sie die Mittlere Reife geschafft haben.” (Kalender, 2008)
Ein halbes Jahr später lieferte der Bergkamener die korrigierte Fassung. Zu diesem Zeitpunkt trug das Werk noch den Titel „Glück Auf, Kumpel”. Schröder änderte den Titel in die bekannte Fassung. Er war wild entschlossen, den Roman zu veröffentlichen, und zwar so, wie ihn Claer geschrieben hatte. Der Grund: Er wollte damals die Kulturredakteure der großen Tageszeitungen, aber auch die Schriftsteller provozieren, die sich vor 40 Jahren der sogenannten Arbeiterliteratur verschrieben hatten.
Jörg Schröders Rechnung ging auf. Zur offiziellen Buchpräsentation in Dortmund 1971 hatten sich nicht nur Medienvertreter angekündigt, sondern auch Schriftsteller, die Hans Henning Claers Roman „auseinandernehmen” wollten. Doch dazu kam es nicht, wie Schröder sich erinnert. Er bat den Autor, zu dieser Pressekonferenz gleich zehn seiner Kumpel mitzubringen. Diese rissen sofort die Diskussion an sich und sprachen über die Menschen vor Ort statt über die Romanfiguren. Dazu gab es Freibier.
Film für 4 Millionen Besucher ausgezeichnet
Noch peinlicher für die Kulturwelt war dann der Film. Mit betretenen Gesichtern haben die offiziellen Besucher aus Bergkamen der Premiere im Sommer 1972 das Kino in Unna verlassen. Während man in dem Buch mit sehr viel gutem Willen noch Elemente einer Sozialreportage entdecken konnte, so wurde aus „Lass jucken, Kumpel” auf Zelluloid ein Softpornofilm.
Während sich viele Bergkamener irgendwie ein bisschen schämten, war „Lass jucken, Kumpel”, in dem Hans Henning Claer auch als Filmschauspieler debütierte, in der Bundesrepublik ein Kassenschlager. Über vier Millionen Menschen haben ihn gesehen. Er wurde deshalb sogar mit der „Goldenen Leinwand” ausgezeichnet. „Lass jucken, Kumpel” war der Start einer Serie von Softpornofilmen. In einem führte die dürftige Handlung die Kumpel aus dem Ruhrpott in die sündigen bayrischen Alpen. Auch hier befand sich der Name Hans Henning Claer auf der Besetzungsliste. Claer schrieb weitere Romane wie „Das Bullenkloster” oder „Bei Oma brennt noch Licht”. Wer sie heute kaufen möchte, muss in Antiquariaten suchen. Die Filme gibt es hingegen noch auf DVD als „Neuware”. Interessierte Kunden müssen aber nachweisen, dass sie mindestens 18 Jahre alt sind.
Zu den schärfsten Kritikern Hans Hennig Claers und seines Erstlingsromans „Lass jucken Kumpel“ gehörte der Schriftsteller Max von der Grün. „Claers Buch ist gefährlich – gefährlich volksverdummend, weil es einer Verniedlichung der Arbeitswelt dient“, schäumte der Autor in einem Beitrag für das Hamburger Nachrichten-Magazin „Der Spiegel“ (Grün, Der Arbeiter als Hanswurst, 1971). „Arbeitsprobleme lösen sich da mit einem steifen Penis, die Überwindung der Ausbeutung hängt davon ab, ob man die Frau des anderen beschlafen kann; der Obersteiger ist impotent, der Reviersteiger geil, so werden innerbetriebliche Schikanen auf Orgasmus-Probleme reduziert.“

Foto Hans-Henning-Claer-rechts Hans Henning Claer (rechts) in “Zwei Kumpel auf der Alm” (1974)

Nachtrag  am 6.10.2013
Unser Verwandter Andreas Z. hat inzwischen den Film mit den Taufen von 1774-1800 vollständig abfotografiert und online bei Flickr eingestellt.

http://www.flickr.com/photos/siouxphotos/sets/72157635114774687/

Zu einer Kirchenbuchseite gehören jeweils 2 Fotos.

Bisherige Funde (mit Lesehilfe durch einen kundigen Forum-Benutzer):

1799
Ludwigswalde / Christian Friedrich Klaer / 10 Eintrag des Jahres / Nov. 22. / Pater: Friedrich Wilhelm Klaer / Mater: Susanna Ademke (?) / Testes (Paten): 1. Frau ??? Gegenbein / 2. Friedrich Maz / 3. Gottlieb Maz zu Gottenf. / 4. Johann Christian Maz aus Pannerk / 5. H Herolz ??? unscharf…

1797
Ludwigswalde / 10 / männlich, ehelich / Der Haupt ??? Johann Friedrich _Clair_ ist von seiner Ehefrau Susanna
Dorothea Liedmannin (also Liedmann) – oder ähnlich – 9zehnten Februaris ein Söhnlein geboren welcher
ejusdem (also hier in Ludwigswalde) getauft wurde _Friedrich Wilhelm_.
Pathen:
1. Christian Lupgeber (???), Knecht
2. Christoph Schultz, ”
3. Johann Podels, (zwei Worte, die den Stand oder Beruf angeben; kann ich aber nicht lesen, da Flikr keine Vergrößerung zuläßt und ein Screenshot zu pixelig wird)

Die früheren Jahre sind noch nicht vollständig durchsucht.

Die folgenden Filme liegen noch „bei den Mormonen“ und werden von Andreas Z. nach und nach abfotografiert und ins Netz gestellt:
Taufen 1665-1773, Heiraten 1682-1814,Tote 1682-1813

Vorläufige Schlussfolgerung:
„Unser“ Friedrich Claer/Clair wurde geboren am 22. November 1799 als „Christian Friedrich Klaer“ in Ludwigswalde. Eltern: Friedrich Wilhelm Klaer und Susanne Hoemke. Folglich ist er ein Bruder des Johann Wilhelm Claer.
Es gab in Ludwigswalde noch mindestens einen weiteren, uns bisher unbekannten Claer, nämlich Johann Friedrich Clair (vermutlich ein Bruder des Unterförsters Friedrich Wilhelm d. Ä.), Beruf: Haupt ?, Ehefrau: Susanna Dorothea Liedmann. Deren gemeinsamer Sohn ist ein weiterer Friedrich Wilhelm Clair (nun schon der dritte), geboren am 19.2.1797.
Außerdem gab es in Ludwigswalde zu jener Zeit ausweislich der Tauflisten auch den Namen Boxhammer, allerdings nicht als Ehefrau des Friedrich Wilhelm d.Ä. Susanna Boxhammer, wie der Eintrag in der Mundia-Datenbank nahelegt.

Fortsetzung folgt.