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justament.de, 30.5.2022: Mit Goethe durch die Pandemie

Manfred Osten über „Die Welt, ‚ein großes Hospital‘. Goethe und die Erziehung des Menschen zum ‚humanen Krankenwärter‘“

Thomas Claer

„Goethe weiß alles“, so hat es Peter Handke schon vor mehr als drei Jahrzehnten auf den Punkt gebracht. Und da Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) ein so umfangreiches Werk hinterlassen hat, zu dem neben all den literarischen und naturwissenschaftlichen Schriften (und Zeichnungen) auch noch unendlich viele Briefe an Zeitgenossen sowie ebenso unzählige Aufzeichnungen seiner Verlautbarungen in unterschiedlichsten Lebenslagen gehören und Goethe noch dazu eine fast schon seherische Begabung in der Wahrnehmung der mitunter verhängnisvoll sich steigernden Gefährdungen der Menschheit in der Moderne mitbrachte, lässt sich wohl sagen, dass wir bei ihm Antwort auf beinahe alles finden, was uns heute, 200 Jahre später, noch umtreibt und beschäftigt. Man muss nur wissen, wo es steht und wie es sich interpretieren lässt. Aber genau hier liegt freilich die Crux, denn wer einmal versucht hat, etwa den Faust II ohne sekundärliterarische Unterstützung zu bewältigen, weiß, wovon die Rede ist…

Bewährte Hilfestellung im ambitionierten Unterfangen der Goethe-Exegese gibt schon seit langen Jahren (und ganz besonders seit seiner Pensionierung) der mittlerweile 84-jährige Manfred Osten, promovierter Jurist, Ex-Diplomat und wohl einer der versiertesten noch lebenden Goethe-Kenner überhaupt. Wie schon in seinen früheren Publikationen wie „Alles veloziferisch. Goethes Entdeckung der Langsamkeit“ (2003) oder „Goethe und das Glück“ (2017) widmet sich Osten auch diesmal wieder einem aktuellen, aber gleichwohl von Goethe bereits hinreichend antizipierten Themenbereich, nämlich der Immunität des Einzelnen und der Allgemeinheit, noch konkreter gesagt: der Corona-Pandemie mit all ihren medizinischen bis hin zu ökologischen Implikationen.
Bekanntlich hat es vergleichbare Seuchen auch schon früher gegeben, sogar zur Genüge, wenn man an die Pest- und Cholera-Epidemien denkt, die sich erst in der frühen Neuzeit dank vermehrter hygienischer Sorgfalt besser eindämmen ließen, an Pocken und Blattern, mit denen sich auch der junge Goethe infizierte. Nach Goethes dezidierter Auffassung jedoch ist individuelle Gesundheit keinesfalls nur Glückssache, sondern es obliegt auch jedem Einzelnen, seine persönliche Immunität durch eine achtsame Lebensführung zu kräftigen. Und obschon die Virologie damals noch nicht einmal in den Kinderschuhen steckte, hatte Goethe schon eine hinlängliche Ahnung der Zusammenhänge, sprach von „kleinen Tieren in unseren Körpern“ und empfahl eine ausgewogene Ernährung nebst regelmäßigen Spaziergängen und überhaupt muntere Bewegung. Hart ging er mit seinem Freund und Kollegen Friedrich Schiller ins Gericht, dessen sich selbst stets verausgabenden und überfordernden Arbeitsstil („Das Leben ist der Güter höchstes nicht.“) er scharf missbilligte und diesem eine universelle Ethik der Mäßigung entgegensetzte. Oder wie es im „Wilhelm Meister“ heißt: „Der verständige Mann braucht sich nur zu mäßigen, so ist er auch glücklich.“

Dabei war es auch für Goethe selbst eine lebenslange Herausforderung, sein von Natur aus feuriges und leidenschaftliches Temperament unter Kontrolle zu halten. (Seine Figuren Werther und Faust weisen unverkennbar in diese Richtung.) In jungen Jahren, so erfahren wir außerdem, litt Goethe sogar unter diversen Ängsten und Phobien. Doch gelang ihm unter dem Einfluss von Denkern wie Spinoza und Konfuzius eine allmähliche Selbst-Stabilisierung, wozu übrigens auch seine ganz eigene Islam-Rezeption als „Religion der Furchtlosigkeit“ beigetragen haben dürfte. Fortan mochte er mit den „schwankenden Gestalten“ seiner frühen Schaffensjahre nichts mehr zu tun haben, distanzierte sich insbesondere auch von seinem „Werther“, zumal dieser etliche junge Leser in den Nachahmungs-Selbstmord getrieben hatte. Vielmehr entwickelte Goethe die für ihn äußerst fruchtbare Methode, seine keineswegs seltenen Überdruss- und Verzweiflungsschübe jeweils in erhöhte schriftstellerische Produktivität umzumünzen…

Doch nicht nur die individuelle Immunisierung durch Selbstdisziplinierung empfiehlt Goethe, sondern ebenso das, was er als „Reinhaltung der Elemente“ bezeichnet hat, worunter sich nicht weniger als ein lupenreines ökologisches Vordenkertum verbirgt. Im Schulterschluss mit Alexander von Humboldt, der bereits damals gegen die Abholzung des Regenwaldes in Südamerika protestiert, prangert Goethe, der als Minister in Thüringen die Umweltzerstörungen durch den Bergbau miterlebt hat, den Frevel an der Natur an, mit welcher der Mensch „seine Späße treibe“, mit der aber nicht zu spaßen sei. Weite Teile des Faust II beschreiben zerstörerische menschliche Eingriffe in ökologische Zusammenhänge, die sich später rächen werden. So wie uns ja auch aktuell durch das Überspringen tierischer Krankheitserreger auf den Menschen einmal mehr die Rechnung der Natur für unsere Fortschritts-Projekte präsentiert wird.

Ostens wieder einmal kleines, feines Bändchen endet mit einem Nachwort Peter Sloterdijks aus philosophisch-anthropologischer Sicht, das den Menschen als fürsorgebedürftiges Wesen herausstellt, was aber auch ausdrücklich die zu erlernende Fähigkeit zur Selbst-Fürsorge einschließe. So könne der moderne Mensch seine Rolle als „humaner Krankenwärter“ finden – für sich selbst und für andere.

Manfred Osten
Die Welt, „ein großes Hospital“. Goethe und die Erziehung des Menschen zum „humanen Krankenwärter“. Mit einem Nachwort von Peter Sloterdijk
Wallstein Verlag 2022
160 Seiten; 18,00 Euro
ISBN 978-3-8353-5045-8

www.justament.de, 11.12.2017: Sei produktiv!

Manfred Osten denkt nach über „Goethe und das Glück“

Thomas Claer

„Ja renn‘ nur nach dem Glück“, heißt es bei Bertolt Brecht im Lied von der „Unzulänglichkeit menschlichen Strebens“, „doch renne nicht zu sehr. Denn alle rennen nach dem Glück, das Glück rennt hinterher.“ Vielleicht ist die Suche nach dem Glück sogar die Königsdisziplin der Lebenskunst. Denn auch wer womöglich schon alles im Leben erreicht hat, ist deshalb noch lange nicht glücklich. Und umgekehrt! Manfred Osten, Jahrgang 1938, promovierter Jurist, langjähriger Diplomat und als Generalsekretär a.D. der Alexander von Humboldt-Stiftung so etwas wie ein Universalgelehrter ersten Ranges, hat sich in seinem neuen kleinen, feinen Büchlein auf die Suche nach der universellen Glücksformel begeben und zum Gewährsmann bei diesem ambitionierten Unterfangen keinen Geringeren als Deutschlands Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) erwählt. Und da von Goethe neben seinen unerschöpflichen Werken auch noch unzählige sonstige Bekundungen – etwa in Briefen oder in Mitschriften seiner Gesprächspartner – überliefert sind, ja man kann wohl sagen: der Nachwelt kaum eine seiner Äußerungen von Belang verloren gegangen sein dürfte, war es für einen profunden Goethe-Kenner wie Manfred Osten selbstredend ein Leichtes, eine Menge einschlägiger Bemerkungen Goethes über das Glück im menschlichen Leben nicht nur zusammenzutragen, sondern auch gewissenhaft zu ordnen und aufschlussreich zu kommentieren.

Also, worin liegt es denn nun, das Geheimnis des Glücks? Kurz gesagt ist das Glücklichsein eine Kunst, die zwar dem einen mehr, dem anderen weniger in die Wiege gelegt sein mag, die sich aber doch von jedem erlernen und trainieren lässt (was nicht immer leicht ist!) und die darin besteht, die jeweils spezifischen eigenen Glücksquellen nach Kräften auszuschöpfen. Nicht weniger als 15 solcher Glücksquellen hat Osten, auf Goethe zurückgreifend, ausgemacht, etwa die ständige Achtsamkeit und Aufmerksamkeit für sich selbst, für seine Mitmenschen, aber auch für all die Dinge um sich herum. Ebenfalls große Bedeutung hat das Eigentum, allerdings gerade nicht das materielle, dessen Anhäufung nur kurzfristige Erfüllung mit sich bringt und stattdessen immer aufs Neue die unersättliche Gier anstachelt und so – im Gegenteil – zu einer Quelle des Unglücks werden kann (so wie es bei Goethes Anti-Helden Faust geschieht), sondern das immaterielle Eigentum nach Goethescher Lesart: „Ich weiß, daß mir nichts angehört,/ Als der Gedanke, der ungestört/ Aus meiner Seele will fließen, / Und jeder günstige Augenblick,/ Den mich ein liebendes Geschick/ Von Grundaus läßt genießen.“ Hier sind wir wohl an der Wurzel des Glücks: „Der verständige Mann muss sich nur mäßigen, so ist er auch glücklich“, heißt es im „Wilhelm Meister“. Es gilt also, die eigenen überschießenden Begierden unter Kontrolle zu bringen, sich selbst im Zaum zu halten, gewissermaßen zu kultivieren und zu zivilisieren. Und diese Begierden, noch besser, in produktive Bahnen zu lenken: Kaum etwas ist für die meisten Menschen beglückender, als selbst etwas zu erschaffen, schöpferisch tätig zu sein. Dass dies oft ein quälender Prozess ist, versteht sich von selbst. Manfred Osten spricht von der „Geburt des Glücks aus dem Geiste der Verzweiflung“, welche Goethe sogar als Pflicht bezeichnet hat, da nur ein völlig stumpfsinniger Mensch den Zustand der Welt und die eigene Rolle in ihr klaglos hinzunehmen imstande sei. Und überhaupt: „Unglück bildet den Menschen und zwingt ihn sich selber zu kennen.“

Doch ist nun einmal nicht jeder zum Dichter oder Künstler berufen. Vielleicht auch für all jene hat Goethe sich zu einer Bemerkung hinreißen lassen, in der er vorsichtig noch eine andere Art von beglückender Produktivität andeutet: „Ich werde mich hüten, deutlicher zu sein; aber ich weiß am besten, was mich im höchsten Alter jung erhält, und zwar im praktisch-productiven Sinne, worauf denn doch alles ankommt“, schrieb er an den Komponisten Zelter. Diese Stelle hat Manfred Osten wohlweislich nicht in sein Buch aufgenommen… Aber genug davon. Der Rezensent ist hier am Ende seiner Besprechung angelangt und kann sich, welch ein Glück, seiner nächsten Lektüre widmen.

Manfred Osten
„Gedenke zu leben! Wage es, glücklich zu sein!“ oder Goethe und das Glück
Wallstein Verlag 2017-12-07 120 Seiten; 18,00 Euro
ISBN-10: 3835330241

www.justament.de, 7.8.2017: Ein Divan ist kein Möbelstück oder Wie Goethe die Digitalisierung antizipierte

Eine Entdeckung: Manfred Ostens YouTube-Videos zur Zeitdiagnostik

Thomas Claer

Promovierter Jurist (mit einer Diss über das Naturrecht bei Schelling), nebenher noch Philosphie, Literatur und Musik studiert, langjähriger Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes in Frankreich, Kamerun, Tschad, Ungarn, Australien und Japan, Generalsekretär der Alexander von Humboldt-Stiftung, Autor zahlreicher Bücher und Aufsätze – der heute 79-jährige Manfred Osten kann auf ein bewegtes Leben zurückblicken. Vor allem aber hat er sich als Goethe-, Japan- und Napoleon-Kenner einen Namen gemacht und als solcher an 30 der vielgerühmten feinen Kultursendungen von Alexander Kluge im spätabendlichen TV-Programm mitgewirkt. Erstmals ist er mir Anfang der 1990er Jahre im Fernsehen begegnet, beim Durchzappen zu später Stunde. Damals als Abiturient (oder war ich schon im Zivildienst?) konnte ich zunächst gar nicht glauben, dass ausgerechnet auf dem eher bildungsfernen Sender SAT1 Gespräche solcher Art geführt wurden, noch dazu – wie ich später erfahren sollte – von zwei Juristen über einen dritten (den Geheimrat aus Weimar), ohne dass es vorrangig um Fragen des Rechts gegangen wäre. Besonders mochte ich Manfred Ostens lebendige Art zu erzählen, die mir von Anbeginn seltsam vertraut vorkam. Erst Jahre später hörte ich, dass er wie ich aus Mecklenburg stammt, nämlich aus Ludwigslust bei Schwerin, und noch dazu ein Vetter eines guten Freundes meines Vaters ist, des Medizin-Professors Bernd Osten, dessen Stimme und Sprechweise tatsächlich eine frappierende Ähnlichkeit mit der seines Cousins aufweist…
Nun, ein Vierteljahrhundert später, bin ich also zufällig auf das grandiose dreiteilige YouTube-Video „Zeitdiagnostik Ende 2015“ gestoßen, in dem Manfred Osten ausführlich seine Sicht auf die aktuellen Weltläufe darlegt. Wie so oft greift er auch darin bevorzugt auf Goethe zurück, um die existentiellen Probleme unserer Gegenwart verständlich zu machen, denn jener habe sie schließlich zum großen Teil bereits in seinen Werken antizipiert, so das schwierige Verhältnis zwischen westlicher und muslimischer Welt im „West-östlichen Divan“ (wobei ein Divan ein Gespräch zwischen weisen Männern ist) und sogar bestimmte Vorstufen der Digitalisierung im Faust II. Im ersten Teil der „Zeitdiagnostik“ berichtet Manfred Osten über seinen eigenen Werdegang, im zweiten dreht sich alles um Goethe. Im dritten Teil schließlich werden aktuelle Herausforderungen wie die Flüchtlingskrise und Aspekte der Globalisierung thematisiert. Wer hier nicht hin klickt, ist selber schuld:

https://www.youtube.com/watch?v=dFI77UxeDCg
https://www.youtube.com/watch?v=cFp_0RZwB9k
https://www.youtube.com/watch?v=Co-A59gYUYI

Justament Sept. 2013: Immer wieder Goethe

SZ-Feuilletonist Gustav Seibt mit gesammelten Aufsätzen und Reden

Thomas Claer

14 LIT TC empfiehlt Cover Gustav SeibtAls Zeitungleser hat man natürlich immer so seine Lieblinge, deren Artikel man schon allein deshalb ohne Ausnahme liest, weil sie von jenen geschrieben wurden. Neben dem Schreibstil ist es dann meist auch das Themenspektrum der Texte, von dem man sich auf besondere Weise angesprochen fühlt. Und so verhält es sich auch beim Justament-Rezensenten mit Gustav Seibt, geboren 1959 in München und nun schon seit zwölf Jahren die Stimme des SZ-Feuilletons aus Berlin-Prenzlauer Berg. Seine aktuelle Aufsatzsammlung enthält insgesamt zehn Texte, die in den letzten Jahren bereits in diversen Blättern erschienen sind, wovon man als Leser allein der Süddeutschen Zeitung aber nicht immer Wind bekommen hat. Anders als es der Name dieses auch optisch und haptisch sehr feinen Bändchens suggeriert, geht es in ihnen keineswegs nur oder auch nur in erster Linie um Goethe (das ist gerade einmal bei drei dieser Texte der Fall), doch behandeln die übrigen – großzügig betrachtet – Goethes Zeitalter und so bedeutende Personen aus diesem wie Jacob Burckhardt, Friedrich von Gentz und Theodor Fontane. Oder es geht um die Bedeutung Preußens und Mitteldeutschlands, um die Figur des Außenseiters in der Literatur oder um eine Philosophie des Lachens. So schwebt am Ende über allen Abhandlungen doch zumindest der Geist Goethes. Herausgekommen ist ein sehr gelehrtes Büchlein, das mitunter auch schon mal tiefer ins Detail geht, als man es bei dieser kleinen Form erwartet hätte.
Besonders hervorzuheben ist “Sein Kaiser”, der das anfangs von Skepsis, später von Bewunderung und noch später von Ambivalenz gekennzeichnete Verhältnis Goethes zu Napoleon thematisiert. Dieser Text ergänzt eine frühere Veröffentlichung des Verfassers über das einzige Aufeinandertreffen des deutschen Dichterfürsten mit dem französischen Kaiser, die berühmte Unterredung am Vormittag des 2. Oktober 1808, die eine knappe Stunde dauerte. Goethe zeigte sich anschließend sehr geschmeichelt davon, dass Napoleon offensichtlich so gut mit ihm konnte: “Ich will gerne gestehen”, schrieb er an seinen Verleger Cotta, “daß mir in meinem Leben nichts Höheres oder Erfreulicheres begegnen konnte, als vor dem französischen Kaiser, und zwar auf eine solche Weise zu stehen. Ohne mich auf das Detail der Unterredung einzulassen, so kann ich sagen, daß mich doch niemals ein Höherer dergestalt aufgenommen, indem er mit besonderem Zutrauen, mich, wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf, gleichsam gelten ließ, und nicht undeutlich ausdrückte, daß ihm mein Wesen gemäß sei.” Doch sind später doch noch “Details der Unterredung” bekannt geworden, vor allem dieses, dass Napoleon gegenüber Goethe gewisse erzähltechnische Inkonsequenzen im “Werther” getadelt habe. Lange spekulierte die Literaturwissenschaft darüber, was Napoleon damit wohl gemeint haben könnte. Heute nimmt man an, dass Napoleon die Verzweiflung des Rechtspraktikanten Werther nicht so ganz nachvollziehen konnte, denn dieser hätte  doch schließlich mit Lotte unbeschadet ihrer Heirat mit Albert einfach etwas anfangen können. So kann aber natürlich nur ein Franzose respektive Korse denken… Es wird berichtet, auf dem schmählichen Rückzug mit seiner Grande Armée aus Russland vor 200 Jahren habe Napoleon beim Radwechsel in Erfurt Goethe seine Grüße ausrichten lassen.
Im Nachwort schreibt Gustav Seibt in Anspielung auf das berühmte Nietzsche-Zitat: “Ob Goethe ein Zwischenfall ohne Folgen bleibt, das hat jeder seiner Leser selbst in der Hand.” Und wir möchten hinzufügen, dass es auch jeder Leser selbst in der Hand hat, sich mit den gelungenen Aufsätzen und Reden von Gustav Seibt tief hinein in die Goethe-Zeit zu begeben.

Gustav Seibt
Goethes Autorität. Aufsätze und Reden
Zu Klampen Verlag Springe 2013
175 Seiten, EUR 18,00
ISBN 978-3-86674-223-9

Justament Juni 2007: Goethe als Kapitalismuskritiker

Der Soziologe Oskar Negt deutet den Faust II gesellschaftswissenschaftlich

Thomas Claer

Negt CoverMit Goethes Faust können eigentlich fast alle etwas anfangen. Auch wem sich nicht jede hintergründige Frotzelei Mephistos und jede zeitbezogene Anspielung Faustens auf Anhieb erschließt, wird an dem dramatischen Plot und der lebendigen Sprache seine Freude haben. Und noch viel mehr gilt das für die vermutlich glücklichen Experten, die über das nötige Rüstzeug verfügen, um sich dem Werk systematisch zu nähern. Doch leider kann hier nur von der Tragödie erstem Teil die Rede sein. Dass es noch einen zweiten, von Goethe erst kurz vor seinem Tode freigegebenen, Band des Faust gibt, dem nahezu alle Volkstümlichkeit des ersten abgeht, wird gerne ausgeblendet. Denn dieser ist nicht nur für den gemeinen Leser eine Zumutung. “Ach”, heißt es dann bei all jenen, die das Buch nach seitenlangen Chorgesängen irgendwelcher altgriechischer und neuheidnischer Fabelwesen entnervt aus der Hand legen, “hätte er doch nur einen zweiten ersten Teil geschrieben!” Goethe selbst hat den Faust II  geheimnisvoll als “versiegelten Text” bezeichnet und betont, er erfordere eine deutlich größere Anstrengung des Verstandes und sei eher für die Nachwelt bestimmt. In die lange Reihe der Interpreten reiht sich nun auch der emeritierte Hannoveraner Soziologe und Philosoph Oskar Negt (Jahrgang 1934) ein, seines Zeichens Horkheimer- und Adorno-Epigone, früher Vordenker der 68er Bewegung und Gewerkschaftsspezialist, einem größeren Publikum bekannt auch durch die vielen gemeinsamen Bücher mit dem Juristen, Schriftsteller und Filmemacher Alexander Kluge. Der explizit linke, an Kant und Marx geschulte Sozialwissenschaftler Negt also betrachtet Faust II im anzuzeigenden Buch durch die soziologische Brille und erkennt in ihm nicht weniger als einen geschichtsphilosophischen Schlüsseltext. Die Figur Faust erscheint ihm als paradigmatische Gestalt für die Moderne. Kapitalistischer Erwerbsgeist, moderne Wissenschaft und Ruhelosigkeit des Daseins ergreifen allmählich vom Menschen Besitz. Doch erst im zweiten Teil des Dramas lässt Faust sein verzweifeltes Intellektuellendasein endgültig hinter sich und mutiert zum fanatischen Unternehmer, der aus Brachen nutzbares Land gewinnt und dabei buchstäblich über Leichen geht. Während Faust von den desaströsen Folgen seines Handelns nichts wissen will, präsentiert ihm Mephisto als dunkler Aufklärer, der die Dinge beim Namen nennt, die Bilanz: “Krieg, Handel und Piraterie, / Dreieinig sind sie, nicht zu trennen”. Der ganz im Sinne der Puritaner immer strebend sich bemühende Faust nimmt so auch Max Webers Theorie zur Entstehung des modernen Kapitalismus aus dem Geiste der protestantischen Arbeitsethik vorweg und verkörpert die innerweltliche Askese eines totalen Erwerbsstrebens. Dadurch wird Faust für Oskar Negt zum Vorboten des Totalitarismus und in gewisser Weise sogar des Nationalsozialismus. Darüber kann den Verfasser auch die idealistische Tendenz der letzten Rede Fausts (“Ein Sumpf zieht am Gebirge hin …”) – überdies vor Arbeitssklaven und einer zwielichtigen Führungsmannschaft gehalten – nicht hinwegtäuschen, die mit dessen wirklichen Leben, wie es sich den Texten entnehmen lässt, “absolut nichts zu tun hat”. Tatsächlich betrachtete Goethe, dem in seinen späten Jahren die Beschleunigungstendenzen seiner Zeit nicht geheuer waren (“Alles ist ultra, … alles veluziferisch.”), die frühkapitalistische Entwicklung mit einer Mischung aus Faszination und Abscheu. Und vieles davon findet sich eben auch in seiner Figur Faust. Dank Oskar Negt ist uns das noch klarer geworden.

Oskar Negt
Die Faust-Karriere. Vom verzweifelten Intellektuellen zum gescheiterten Unternehmer
Steidl Verlag Göttingen 2006
301 Seiten, 16,80 €
ISBN 3-86521-188-7

Justament Mai 2004: Alles veloziferisch

Goethe hat die großen Fragen unserer Zeit bereits antizipiert, sagt Manfred Osten

Thomas Claer

Osten CoverDer promovierte Jurist und Generalsekretär der Alexander von Humboldt-Stiftung a. D. Manfred Osten, Jahrgang 1938, ist einem kleinen, aber feinen Fernsehpublikum als häufiger Gesprächspartner in Alexander Kluges mitternächtlichen Kulturmagazinen zu Themen der Philosophie, Musik, Literatur und Geschichte bekannt. Dort und in zahlreichen Veröffentlichungen ging er wiederholt seinen Lieblingspassionen nach: Napoleon, Goethe und Japan (wo er lange Jahre als Diplomat im auswärtigen Dienst verbrachte). Der vorliegende Band behandelt die ungebrochene, ja in der Gegenwart sogar noch gesteigerte Aktualität des klassischsten aller deutschen Dichter. In dessen Wahlverwandtschaften, im West-östlichen Divan und in beiden Teilen des Faust, die hier untersucht werden, sieht Osten “Schläfer”-Texte, die ihre wahre Explosivität erst heute zu entfalten vermögen. Der Titel “Alles veloziferisch” ist eine Wortschöpfung Goethes, eine Verbindung aus der Eile (lateinisch velocitas) und dem Teufel (Luzifer) zur Kennzeichnung der ihm verhängnisvoll erscheinenden Tendenz zur stetigen Beschleunigung in der Moderne. “… alles aber mein Teuerster” schrieb Goethe 1825 an Zelter, “ist jetzt ultra, alles transzendiert unaufhaltsam, im Denken wie im Tun.” Für Osten erscheint nun Faust, der sich bereitwillig unter das sehr moderne Joch der Eile begibt  – “Fluch vor allem der Geduld!” – als “der moderne Blitzkrieger der Erfüllung jener Wünsche einer Forderungs- und Anspruchsgesellschaft, die alles will, und zwar sofort.” Doch trotz Beschleunigung der Einzelvorgänge in allen Lebensbereichen reduziere sich der Netto-Zeitgewinn und Lebenszeit gehe verloren. Auch in anderen Protagonisten des goetheschen Spätwerks entdeckt Manfred Osten “Zeitgenossen des einundzwanzigsten Jahrhunderts”. Im zweiten Teil des Faust wird in der Homunculus-Szene (im 2. Akt) sogar die künstliche Erschaffung des Menschen durchexerziert. Aber von ganz besonderer Brisanz ist, gerade angesichts der heutigen weltpolitischen Herausforderungen, Goethes Begegnung mit dem unerwarteten Phänomen einer religiös begründeten generellen Verweigerung aller übereilenden Tendenzen seiner Zeit im Orient, festgehalten im West-östlichen Divan. Den unbedingten Befürworter jeder Art von “Entschleunigungen” fasziniert die aus Zuversicht und Schicksalsergebung entspringende Ruhe des Islam. Er bewundert Mohammed und den Koran, nimmt an einem mohammedanischen Gottesdienst teil, versucht sich in arabischen Schreibübungen und setzt sich dem Verdacht aus, selbst ein “Muselman” zu sein. Am Ende steht sein “bestürzend modernes Fazit” (Osten): “Das eigentliche, einzige und tiefste Thema der Welt- und Menschheitsgeschichte, dem alle übrigen untergeordnet sind, bleibt der Konflikt des Unglaubens und Glaubens.”

Manfred Osten
“Alles veloziferisch” oder Goethes Entdeckung der Langsamkeit. Zur Modernität eines Klassikers im 21. Jahrhundert
Insel Verlag Frankfurt am Main und Leipzig 2003
110 Seiten, Euro 14,90
ISBN: 3-458-171592