justament.de, 7.9.2026: Paranoia in Kreuzberg
Sven Regeners siebter Roman “Frankie und Freddie”
Thomas Claer
Der Zeitsprung ist (noch) ausgeblieben. Auch Sven Regeners siebter Roman “Frankie und Freddie” spielt wie zuvor schon “Neue Vahr Süd” (2004), “Der kleine Bruder” (2008), Wiener Straße” (2017) und “Glitterschnitter” (2021) im Jahr 1980. Oder anders gesagt: Bis auf sein Debüt “Herr Lehmann” (2001), das im Herbst 1989 angesiedelt ist, und “Magic Mystery oder Die Rückkehr des Karl Schmidt” (2013), dessen Handlung sich 1993 vollzieht, spielen alle Romane dieses Autors im selben Jahr, nämlich 1980. Nur wenige Monate liegen zwischen dem Auszug von Roman-Held Frank Lehmann aus der elterlichen Wohnung in der Neuen Vahr in Bremen, seinem provozierten Abschied von der Bundeswehr, seiner Hals über Kopf erfolgten Übersiedlung nach West-Berlin und seinem Ankommen und Wurzelnschlagen dort fürs (zumindest) nächste Jahrzehnt. Am Ende des neuen Romans greift er ein ihm von seinem Bruder Freddie, der schon auf dem Sprung nach New York ist, hingeworfenes Bibel-Zitat auf, das das Leben der Berliner Boheme verblüffend auf den Punkt bringt, und er weiß: Dort ist ein guter Ort für ihn.
Dass Regener auch diesmal noch im Kreuzberger Szene-Biotop des genannten ereignisreichen Jahres hängengeblieben ist, kann mehrere Gründe haben. Vielleicht sollte der möglicherweise fürs darauffolgende Buch anvisierte Sprung in die Nachwendezeit noch besser vorbereitet, mussten ein paar wichtige Voraussetzungen für spätere Handlungsabläufe erst noch erzählerisch geschaffen werden. Was man sich nach der Lektüre der 278 Seiten allerdings nicht vorstellen kann, ist die Möglichkeit, dass die Geschichte des gelernten Speditions-Kaufmanns und langjährigen Barkeepers Frank Lehmann nun zu Ende erzählt sein könnte…
“Frankie und Freddie” ist – wie schon alle anderen Regener-Romane zuvor – wieder ein großer Spaß geworden. Man lernt die einem bereits bestens vertrauten Figuren allesamt noch ein wenig besser kennen und entdeckt mitunter auch bislang verborgen gebliebene Seiten an ihnen. So erweist sich der junge Frank Lehmann, was man bisher noch nicht wusste, als beinahe vollendeter Paranoiker. (Eine Rolle, die in den Vorgänger-Romanen eher Frank Lehmanns Kneipen-Chef Erwin Kächele in seiner ständigen Angst vor “Zivilbullen” eingenommen hatte.) Darüber hinaus macht der Leser Bekanntschaft mit weiteren Szene-Existenzen wie Artsy Fartsy, erlebt packende Schilderungen des Berliner Öffentlichen Nahverkehrs zu Mauer-Zeiten (u.a. eine abendliche Fahrt mit der U8 von Kreuzberg nach Wedding mit haltloser Durchqueerung der östlichen “Geisterbahnhöfe”) und bekommt insbesondere die sich über einen ganzen Tag erstreckende Jagd nach einer verlorenen Tasche geschildert. Allein die im ersten Drittel des Romans ausführlich beschriebene Kreuzberger Apothekerin, die Frank Lehmann ein Erkältungsmedikament nicht geben will, ist keine sonderlich überzeugende Figur. Denn wenn sie im Jahr 1980 als etwa 60-jährig dargestellt wird, dann müsste sie um 1920 geboren worden sein. Aber wie kann sie dann weitgehend genauso sprechen wie das junge Kreuzberger Szenevolk?
Auf der zwischenmenschlichen Ebene stehen diesmal vor allem die nicht immer einfache Beziehung der beiden Brüder Frank und Freddie Lehmann sowie die sich schon seit Monaten anbahnende Liebe zwischen Frank Lehmann und Erwin Kächeles Nichte Chrissie im Mittelpunkt. Außerdem geht es noch um die Kunstprojekte des Mitbewohners H.R. Ledigt und des Nachbarn Marko sowie das unter Berlinern oftmals leidige Thema, ob man über die Weihnachtstage zu seinen weit entfernt wohnenden Eltern fahren sollte oder nicht. Nun denn, in ein paar Jahren werden wir hoffentlich erfahren, wie es weitergeht.
Sven Regener
Frankie und Freddie. Roman
Galiani Berlin, 2026
278 Seiten; 24,00 Euro
ISBN: 978-3-86971-319-9
justament.de, 6.7.2026: Jung und schön ungeschliffen
Scheiben Spezial: Vor 40 Jahren erschien “Basically Sad”, das Debüt von Element of Crime
Thomas Claer
Nun ist es also sage und schreibe 40 Jahre her, dass Element of Crime ihre Debüt-Platte “Basically Sad” beim einflussreichen Düsseldorfer Independent-Label Ata Tak veröffentlichten. Von den heutigen Bandmitgliedern waren damals nur Sänger und Trompeter Sven Regener sowie Gitarrist Jakob Ilja schon dabei, die sich bereits von der avantgardistischen Vorläuferband “Neue Liebe” kannten, die – wie es damals in der West-Berliner Szene gang und gäbe war – weitgehend ohne feste Songstrukturen auskam. Als Element of Crime brachten sie nun erstmals richtige Songs heraus, die freilich noch weitaus ungeschliffener daherkamen als auf ihren späteren Veröffentlichungen. Und noch dazu hatten die Lieder englischsprachige Texte, was auch noch auf den drei Folgealben “Try to be Mensch (1987), “”Freedeom, Love and Happiness” (1988) und “The Ballad of Jimmy and Jonny (1989) sowie auch auf dem anschließenden ersten Live-Album “Crime Pays Live” (1990) der Fall war.
Für alle, die die Elements erst später, nämlich auf ihren deutschsprachigen Erfolgsplatten seit “Damals hinterm Mond” (1991) kennengelernt haben, ist das englischsprachige Frühwerk eine wahre Schatzkammer voll unentdeckter Songperlen. Auf “Basically Sad” können besonders der Opener “I’ll Warm You up” und das romantische Schlussstück “Moonlight” überzeugen. Die ganze Platte atmet den unwiderstehlichen Charme des noch nicht ganz Ausgereiften, mitunter etwas Sperrigen, gelegentlich auch Ungelenken.
Doch endete die kurze Indie-Kariere der Band schon bald darauf, als das Major-Label “Polydor” die Band unter Vertrag nahm und ihre Debüt-Platte noch ein zweites Mal, allerdings mit anderem Cover, herausbrachte. Die “Ablösesumme” die Polydor dafür an Ata Tak zahlte, soll dem Düsseldorfer Kleinstlabel die weitere Existenz gesichert haben. Fortan wurden die Element-of-Crime-Platten zwar etwas glatter, doch blieben sie gleichwohl einzigartig.
Element of Crime
Basically Sad
Ata Tak / Polydor 1986
justament.de, 26.8.2024: Witzig ist’s, wenn jemand lacht
Sven Regeners acht Jahre alte Vorlesung über “Humor in der Literatur”erscheint als kleines Büchlein
Thomas Claer
Vermutlich um den zahlreichen Regener-Fans die Wartezeit bis zum nächsten Lehmann-Roman zu verkürzen, ist der Galiani-Verlag auf die Idee gekommen, die im Rahmen seiner Gastprofessur an der Uni Kassel bereits 2016 vom Autor gehaltene Poetik-Vorlesung “Über Humor in der Literatur” als schmales Bändchen herauszubringen. Dabei täuscht die Seitenzahl von immerhin 90 angesichts des sehr großen gewählten Schriftbilds sogar noch über den tatsächlich viel knapperen Umfang des Textes hinweg, zumal im Buch auch ein Anhang mit einer (noch älteren) Regener-Laudatio für den Kollegen Frank Schulz enthalten ist, aus der noch dazu im Hauptteil mehr als vier Seiten wörtlich zitiert werden. Aber schlimm ist das natürlich alles nicht. Auch nicht, dass auf dem Buchdeckel etwas hochtrabend von einem “kühnen Versuch über ein großes, fast unerforschtes Thema” die Rede ist. Im Gegenteil muss man froh sein, dass der Verfasser auf die zahlreichen existenten Humor-Theorien nicht weiter eingegangen ist (abgesehen von einem kurzen Exkurs zu den einschlägigen Ausdeutungen Sigmund Freuds), denn bis heute hat wohl noch niemand überzeugend darlegen können, was es mit dem Lustigen und Komischen in der Welt nun wirklich auf sich hat. Das kann selbstredend auch der Romanautor und Musiker Sven Regener nicht leisten, aber ihm gelingen in seinen knappen Annäherungen und Einkreisungen der Thematik doch einige bemerkenswerte Treffer, und das vor allem bezugnehmend auf sein eigenes Romanwerk.
Ob Humor zwingend eine, wie es bei Regener heißt, “kalte Technik, herz- und mitleidlos” sein muss, das mag man bezweifeln. Aber sein Ansatz, dass das Witzige und Lustige eine Art der Daseinsbewältigung neben mehreren anderen wie etwa Kunst oder Religion ist und den Menschen dabei hilft, sich mit ihrer Existenz mitsamt dem Wissen um ihre eigene Vergänglichkeit zu versöhnen, ist sicher nicht von der Hand zu weisen. Ebenso plausibel ist Regeners Humor-Begriff (anknüpfend an den legendären Kunstbegriff seines Romanhelden Karl Schmidt), wonach darunter schlichtweg alles fällt, was mindestens einen anderen Menschen zum Lachen bringt. Brauchbar ist ferner die Kategorisierung des Humors in die drei Spielarten übel, flach und gut, wobei sich hieran allerdings bemängeln ließe, dass damit eine moralische und eine qualitative sowie eine aus beidem gemischte Kategorie einander gegenübergestellt werden. Gut kann nämlich sowohl handwerklich gut gemacht (im Gegensatz zu schlecht oder mangelhaft gemacht) als auch moralisch gut (im Gegensatz zu böse) bedeuten. Würde man also auch noch zwischen diesen beiden Arten von gut differenzieren, ergäbe sich ein vierachsiges dreidimensionales Koordinatensystem mit den Polen moralisch gut und böse auf der einen und den Polen handwerklich gut und schlecht auf der anderen Ebene. Demnach gäbe es dann also auch handwerklich gut gemachten, aber moralisch verwerflichen Humor, etwa solchen, der sich gegen Schwächere oder Minderheiten richtet. Und es gäbe auch politisch korrekten Humor, der aber einfach nur flach ist. Am schlimmsten wäre, so gesehen, natürlich ein übler und zugleich flacher Humor, und die beste Variante wäre einer mit Niveau und zugleich tadelloser Gesinnung, wobei letztere allerdings auch nicht zu indiskret im Vordergrund stehen dürfte, denn das zöge dann wiederum das Niveau herab…
Doch zum Glück wird in Regeners Vorlesung gar nicht so viel theoretisiert, sondern auch ausführlich auf die veritable Problematik der missverstandenen Humorrezeption eingegangen. Immer liegt es ja auch maßgeblich am jeweiligen Leser, was in der Literatur als witzig empfunden und worüber aus welchen Gründen gelacht wird. Und der Autor hat darauf am Ende gar keinen Einfluss mehr. So werden etwa Leser, die in Herrn Lehmann eine verkrachte Existenz sehen und sich über sein ambitionsloses Bierzapferdasein lustig machen, womöglich aus ganz anderen Gründen beim Lesen des Romans lachen als andere Leser, die ihn von Anfang an ins Herz geschlossen und sich vielleicht in ihm wiedererkannt haben, denn letztere lachen ja dann zugleich auch über sich selbst. Und so ist anzunehmen, dass auch eher Leserinnen und Leser mit Humor und Herz zu diesem Bändchen greifen werden.
Sven Regener
Zwischen Depression und Witzelsucht: Humor in der Literatur
Galiani Verlag Berlin, 1. Aufl. 2024
90 Seiten; 14,00 Euro
ISBN: 978-3-86971-310-6
justament.de, 20.12.2021: Berlin vor 40 Jahren
Sven Regeners sechster Roman „Glitterschnitter“
Thomas Claer
Wie es im Leben so kommt: Manchmal ist jahrelang alles nur Routine, und dann passiert plötzlich ganz viel in kurzer Zeit. Eine solche ereignisreiche Zeitspanne erlebt der junge Frank Lehmann, seit zwei Jahrzehnten die Hauptfigur in den Romanen des Berliner Autors und Musikers Sven Regener, um das Jahr 1980 herum, als er zunächst die elterliche Wohnung in der Bremer Neuen Vahr Süd verlässt, um während seines Bundeswehrdienstes in einer chaotischen WG im Szeneviertel am Steintor unterzukommen. Bald aber kehrt er der Armee und seiner WG den Rücken und flüchtet Hals über Kopf ins Aussteiger-Paradies West-Berlin, wo er eigentlich nur seinen Bruder besuchen will, dort jedoch ganz schnell hängenbleibt. Wie sich innerhalb weniger ereignisreicher Wochen alles ineinanderfügt, bis er auf die eingefahrenen Gleise gesetzt ist, auf denen er sich bis zum Mauerfall 1989 munter fortbewegt, wovon Sven Regeners gefeierter Debütroman „Herr Lehmann“ (2001) erzählt, davon handeln die vier aufeinander folgenden Romane „Neue Vahr Süd“ (2004), „Der kleine Bruder“ (2008), „Wiener Straße“ (2017) – und ganz aktuell: deren vor kurzem erschienene Fortsetzung „Glitterschnitter“. (Einen Ausreißer im Romanzyklus bildet nur der vierte Band „Magic Mysterie oder Die Rückkehr des Karl Schmidt“ (2013), der einen Zeitsprung ins Jahr 1995 wagt). Dass drei dieser vier zeitlich und inhaltlich direkt aneinander anknüpfenden Romane in Berlin spielen, zeigt, wie voraussetzungsreich Frank Lehmanns Achtzigerjahre-Existenz als Bierzapfer in Erwin Kächeles Kreuzberger Kneipe „Einfall“ zumindest in ihren Anfängen gewesen ist. Aber es liegt auch daran, dass hier über eine wirklich wilde Zeit berichtet wird – mit all ihren Ausbrüchen, Aufbrüchen und Experimenten.
Eine bunte Community hat sich da 1980 in Kreuzberg zusammengefunden. Lauter ganz überwiegend junge Leute, die fast alle irgendwelche Kunstprojekte am Laufen haben und nebenher ihren Brotjobs nachgehen: klassischerweise in der Kneipe oder im Taxi. Zwar ist die Szene noch längst nicht so international aufgestellt wie heute, doch immerhin schon aus dem gesamten deutschen Sprachraum zusammengewürfelt. Man hört die verschiedensten Dialekte, die dann mit den einheimischen Urberlinern um sprachliche Dominanz wetteifern. Man kommt mit sehr wenig Geld aus, viele sind schließlich auch Hausbesetzer und leben im ideologischen Biotop der Staatsverachtung und des „Bullen“-Hasses. Während „Der kleine Bruder“ wie seine Vorgänger noch durchgehend die Perspektive des Romanhelden einnahm, probierte Regener in „Wiener Straße“ erstmalig das von ihm so bezeichnete „multiperspektivische Erzählen“. Ohne allwissenden Erzähler wurde der Leser hier durch die jeweiligen Perspektiven und Gedankenströme einer Vielzahl von Romanfiguren geführt. Dieses Konzept setzt sich in „Glitterschnitter“ nun fort – und wird noch weiter radikalisiert. Auch vom Plot her ist der neue Roman deutlich ambitionierter als der vorherige. Es laufen durchweg mehrere Handlungsstränge parallel, die schließlich zu einem grandiosen Finale zusammenfinden. Wie in einem Wimmelbild – so hat es der Verfasser selbst bezeichnet – entfaltet sich so ein überaus lebendiges Panorama des kulturellen Lebens im westlichen Szenebezirk der damals geteilten Stadt. Man könnte sogar von einem alternativen Gesellschaftsroman sprechen, wäre das schöne Wort „alternativ“ nicht inzwischen auf so hässliche Weise vom Rechtspopulismus gekapert worden…
Das einzige, was man dem Roman vorwerfen kann, ist seine Geschwätzigkeit. Sicherlich haben die ausschweifenden Dialoge und nicht minder ausschweifenden inneren Monologe der Romanfiguren in diesem Konzept alle ihre Berechtigung. Aber 470 Seiten sind einfach zu viel des Guten. Hier hätte die Lektorin ihrem Autor vielleicht doch lieber etwas strenger in die Parade fahren sollen, denn ungefähr die Hälfte der endlosen Gesprächskaskaden zwischen den beiden liebenswerten Exil-Österreichern Kacki und P. Immel aus der „Arsch Art Gallery“ hätte es auch getan. Ferner hat das Lektorat auf S. 336 oben links übersehen, dass es richtigerweise: „…ein Heinzelmännchen, das die Arbeit macht…“ heißen muss – und nicht „…ein Heinzelmännchen, dass die Arbeit macht…”.
Ansonsten ist die Romanlektüre ganz überwiegend eine Freude. Im Zentrum der Handlung stehen das avantgardistische Bandprojekt Glitterschnitter mit Lehmann-Kumpel Karl Schmidt an der Bohrmaschine sowie das ausdauernde Ringen des Aktionskünstlers H.R. Ledigt mit seinem Manager Wiemer um den konzeptionell aussichtsreichsten Weg zur Kunstausstellung. Um Freundschaft und Verrat drehen sich die Gespräche nicht nur zwischen Kacki und P. Immel, sondern angesichts kollegialer Unstimmigkeiten hinsichtlich der Interpretation der Öffnungszeiten des Cafe Einfall auch zwischen Frank Lehmann und Karl Schmidt.
Besonders gut gelungen ist diesmal auch die Darstellung sowohl des männlichen als auch weiblichen sexuellen Begehrens, das zumal unter diesen jungen Menschen natürlich zurecht eine so bedeutsame Rolle spielt, und das am Ende des Tages genau dahin führt, wohin so etwas meistens führt, nämlich nirgendwohin. Der 21-jährige Frank Lehmann monologisiert in seinem Inneren ausführlich, wenn auch lustigerweise auf recht verdruckste und verschämte Weise, über seine nächtlichen erotischen Träume, in denen genau drei Frauen eine prominente Rolle spielen: neben der angehenden Glitterschnitter-Saxophonistin Lisa sind dies seine WG-Mitbewohnerin Chrissie (Erwin Kächeles Nichte) sowie deren 37-jährige Mutter Kerstin (Erwin Kächeles Schwester). Besonders schämt sich Frank für einen Traum, in dem er mit Mutter und Tochter gemeinsam zugange ist…
Bleibt noch die Frage, wie es im Romanzyklus weitergehen wird, denn dass Sven Regener von weiteren Fortsetzungen in Zukunft absehen wird, kann man sich zum Glück nicht vorstellen. Da nun aber Frank Lehmann endlich seinen Kneipenjob bekommen hat, könnte nun auch endlich einmal ein Zeitsprung fällig sein: vielleicht ins Jahr 1989 nach dem Mauerfall, hier hatte der Debut-Roman „Herr Lehmann“ geendet. Oder ins Jahr 1995 nach der Rückkehr Karl Schmidts von der Magical-Mystery-Tour. Denkbar wäre aber auch ein noch späterer Zeitpunkt, denn welcher Leser wollte nicht erfahren, wie es mit den Romanhelden auch auf lange Sicht weitergegangen ist. In ein paar Jahren werden wir hoffentlich schlauer sein.
Sven Regener
Glitterschnitter. Roman
Galiani Berlin
480 Seiten; 24,00 Euro
ISBN-10: 3869712341
justament.de, 7.6.2021: Jazz geht’s los!
Drei Musiker von Element Of Crime haben ein Jazz-Album aufgenommen
Thomas Claer
Das Tolle an der Jazz-Musik ist, dass sie kaum zum Pathos tendiert und ebenso wenig zur Sentimentalität. Da ist z.B. die Klassische Musik doch weitaus gefährdeter, und Rock- und Popmusik sind es natürlich erst recht. Jazz dagegen ist eine Musik, die beinahe ohne Schwere auskommt, die aber in all ihrer Leichtigkeit dennoch nur selten ins Banale abrutscht, denn dazu ist sie viel zu cool und distanziert.
Kann man das so sagen? Keine Ahnung, denn ich verstehe nicht viel vom Jazz. Zumindest aber empfinde ich es so, wenn ich an einem viel zu kalten und dann auch noch verregneten Frühlingstag – also unter den, wie sich bald herausstellen wird, bestmöglichen Umständen für diese Musik – den Klängen von „Ask Me Now“ lausche, der Debüt-Platte des Trios Regener Pappik Busch, hinter dem sich ein Nebenprojekt der Band Element Of Crime verbirgt, das wiederum aus den drei wohlbekannten Musikern Sven Regener (Trompete), Richard Pappik (Drums) und Ekki Busch (Piano) besteht. Diese drei alten Kempen, alle um die sechzig, haben also ein Album mit Coverversionen berühmter Jazz-Klassiker aufgenommen. Alles ist rein instrumental, es gibt keinen Gesang. Stücke von den ganz Großen sind dabei, von Thelonius Monk und John Coltrane. Hingegen sucht man Dave Brubeck vergeblich, und die anderen auf der Platte kennt man schon gar nicht mehr.
Warum machen die Drei sowas überhaupt? Diese Frage drängt sich natürlich auf. Vielleicht weil sie in einem Alter sind, in dem sie gerne noch mal etwas Neues ausprobieren wollen. Zumal das Risiko gering ist, dass ihre treuen Fans diesen gewissermaßen exotischen Ausflug ihrer Lieblinge nicht goutieren werden. Kann sein, dass sie auch ihre über den überschaubaren EOC-Kosmos hinausreichenden – und ja auch in der Tat beachtlichen – musikalischen Fähigkeiten demonstrieren möchten. Womöglich ist es aber auch ein Akt der musikpädagogischen Fürsorge gegenüber ihrer Fangemeinde, denn ohne diesen Anstoß wäre zweifellos ein Großteil der Element-Anhänger niemals darauf gekommen, sich näher mit Jazzmusik zu befassen. Der Rezensent zumindest bestimmt nicht…
Was Jazz-Puristen dazu sagen würden, vermag ich also nicht zu beurteilen. Mir jedenfalls gefällt diese Platte. Und einen besonderen Nerv treffen dabei die melancholischen Stücke dieses Albums, allen voran „Don’t Explain“ von Arthur Herzog und Billie Holiday. Gerade weil einen die Traurigkeit hier nicht so brutal überfällt, sondern sich gewissermaßen ganz sachte von hinten anschleicht…
Regener Pappik Busch
Ask Me Now
Universal 2021
justament.de, 4.1.2021: Nostalgie ist ihre Strategie
Scheiben Spezial: Element Of Crime machen einen 17-teiligen Podcast über jede ihrer Platten
Thomas Claer
Das wirklich wahre Leben ist, wie jeder Proustianer weiß, das Schwelgen in den eigenen Erinnerungen. Das dachten sich offenbar auch unsere Lieblings-Helden von Element Of Crime und haben für sich selbst und alle ihre Fans gesprächsweise noch einmal die guten alten Zeiten wieder aufleben lassen. 17 Teile – für jede Platte einen – umfasst ihre neue und zugleich erste Podcast-Serie. Es funktioniert ganz einfach: Man muss nur auf den folgenden Link klicken:
und landet dann, ohne sich noch umständlich irgendwo anmelden zu müssen, direkt in diesen bedeutsamen Männer-Gesprächen. Tatsächlich sind es einfach nur Worte, nichts als Worte, die Sven Regener, Jakob Ilja und Richard Pappik hier zum Besten geben. Doch wie könnte es anders sein: Schon nach den ersten beiden Folgen fühlt man sich als alter EOC-Fan reichlich beschenkt. Die 39 Minuten über ihr Debüt “Basically Sad” (1986) und mehr noch die 1 Stunde und 22 Minuten über den Nachfolger “Try To Be Mensch” vergehen wie im Fluge. Die Entstehungsgeschichte beinahe jedes einzelnen Songs und wie sich die Band überhaupt zusammengefunden (und zwischenzeitlich auch immer wieder zerstritten) hat, die prekäre wirtschaftliche Lage der Musiker in den ersten Jahren… Will man das alles wirklich so genau wissen? Die klare und erschöpfende Antwort darauf lautet: ja! Und was dann selbstredend auch noch dazukommt: Vor dem inneren Auge des Hörers werden dabei auch jene entrückten Momente wieder lebendig, als man diese Musik seinerzeit selbst zum ersten Mal und später dann immer wieder gehört hat… Das Urteil lautet: Spitze!
www.justament.de, 4.6.2018: Schwere See ein Vierteljahrhundert
Scheiben vor Gericht Spezial: Vor 25 Jahren erschien „Weißes Papier“ von Element of Crime
Thomas Claer
Es war ein neuer Lebensabschnitt, den dieses außergewöhnliche Album einer mir bis dahin völlig unbekannten Band für mich einläutete. Damals, 1993, absolvierte ich meinen Zivildienst in einem Bremer Krankenhaus und bekam dort, genauer gesagt in der Teestube, wo ich den Patienten heiße Getränke zubereitete und servierte, eine Indie-Musikzeitschrift in die Finger, die einen Text enthielt, der mich neugierig machte: Das zweite deutschsprachige Album von Element of Crime wurde dort besprochen. Und ein Sänger und Texter namens Sven Regener erging sich in grundlegenden Betrachtungen über die Kulturindustrie, über Basis und Überbau, über die deutsche Musiklandschaft und die politische Relevanz von Liedern über die Liebe. Immer wieder las ich diese brillant geschriebene Rezension, bis ich schließlich einige Wochen später den Weg zum CD-Verleih fand (Ja, zum CD-Verleih! Heute weiß keiner mehr, dass es so etwas einmal gegeben hat!) und mir „Weißes Papier“ besorgte. Seinerzeit waren die Elements noch ein absoluter Geheimtipp, und ich kannte niemanden in ganz Bremen, mit dem ich mich über sie hätte austauschen können. Das sollte sich auch erst ein Jahr später im zweiten Semester meines Studiums in Bielefeld ändern. Bis dahin war „Weißes Papier“, die ich mittlerweile auch als rares Vinyl besaß, natürlich längst zu einer meiner Lieblingsplatten geworden.
Nun sollte man ja eigentlich, wie es ein alter lateinischer Spruch so treffend sagt, zuerst leben und erst anschließend darüber philosophieren. Doch bei mir war es, wie bei vielen anderen eher in der Theorie als deren praktischer Umsetzung begabten Zeitgenossen, umgekehrt. War ich bis weit nach dem Abitur sozusagen noch ein „unbeschriebenes Blatt“ auf dem Feld der (praktizierten) Liebe gewesen, so weckte „Weißes Papier“ in mir die Sehnsucht nach einschlägigen Erfahrungen, die sich bald darauf auch auf dramatische Weise einstellen sollten… Eine bessere Vorbereitung auf diese bittersüßen und schmerzhaft-schönen Erschütterungen, die mich für mindestens vier Semester völlig aus der Bahn warfen (und mich schließlich schon nach vier weiteren Semestern in den sicheren Hafen der Ehe führen sollten), hätte ich mir nicht wünschen können. „Weißes Papier“ ist, wenn man so will, ein großes Konzeptalbum über Liebe und Vergänglichkeit. Mit jederzeit absturzgefährdetem Pathos werden in Regeners Texten, die am Ende aber traumwandlerisch alle Klippen des Schwulstes und Kitsches souverän umfahren, beinahe alle Facetten der damit verbundenen Leidenschaften verhandelt, von der zarten Anbahnung („Draußen hinterm Fenster“) über die Feier des beglückten Augenblicks („Alten Resten eine Chance“), den Krieg der Geschlechter („Mehr als sie erlaubt“), den existentiellen Kampf mit dem Nebenbuhler („Du hast die Wahl“) bis zur tieftraurigen Ernüchterung (im Titelstück „Weißes Papier“) sowie der finalen Resignation („Und du wartest“). Und wie das Motto dieser Platte insgesamt liest sich die Titelzeile jenes Stücks, das auf atemberaubende Weise eine Brücke zwischen See- und Liebeskrankheit schlägt: „Schwere See, mein Herz“. Lange Jahre konnte ich mir dieses Album gar nicht mehr anhören, weil ich es vor seelischen Schmerzen nicht ertragen hätte. So richtig erholt habe ich mich davon wohl bis heute nicht. Das Urteil lautet: sehr gut (17 Punkte).
Element of Crime
Weißes Papier
Polydor (Universal Music) 1993
ASIN: B000025NBYv
www.justament.de, 16.10.2017: Eindrucksvolle Milieustudie
„Wiener Straße“ von Sven Regener
Thomas Claer
Ah, es gibt Neues von Sven Regener. „Wiener Straße“ ist der nunmehr fünfte Roman in seiner beliebten Lehmann-Reihe. Und er springt, den Nachwende-Exkurs des Vorgängers „Magical Mystery oder Die Rückkehr des Karl Schmidt“ hinter sich lassend, noch einmal zurück ins gute alte Kreuzberg im Herbst 1980 und erzählt exakt da weiter, wo „Der kleine Bruder“, sein Vorvorgänger, aufgehört hat. Denn schließlich möchte man als langjähriger Regener-Leser ja auch noch erfahren, wie der junge Frank Lehmann eigentlich zu seinem Job als Barkeeper in Erwin Kächeles Kneipe „Einfall“ gekommen ist, den er dann bis ins Wendejahr 1989 innehatte und wohl auch noch etwas darüber hinaus innegehabt haben muss – bis zu seinem späteren Aufstieg als Gesellschafter einer auf Partygastronomie spezialisierten GmbH (an der Seite von Erwin Kächele), von dem in „Magical Mystery“ beiläufig die Rede war.
Auffällig ist zunächst, dass der Roman formal neue Wege geht. Waren die ersten drei Bände noch Musterbeispiele des „personalen Erzählens“, d.h. es wurde alles ausschließlich aus der Sicht des Protagonisten Frank Lehmann geschildert, allerdings nicht in der Ich-Form, so hatten wir es in „Magical Mystery“ mit Lehmann-Kumpel Karl Schmidt als Ich-Erzähler zu tun. Nun aber wird abwechselnd die Sicht immer anderer Romanfiguren eingenommen, ohne dass es einen auktorialen (allwissenden) Erzähler gäbe, man könnte dies als multipersonales Erzählen bezeichnen. Somit ist Frank Lehmann in diesem Buch nur noch einer von vielen, die ihre jeweilige Sicht der Dinge darlegen, wenn auch stets in der Er- bzw. Sie-Form. Nacheinander kommen so Erwin Kächele (er besonders ausführlich), der Performance-Künstler H.R. Ledigt, Erwins Nichte Chrissie, deren aus Schwaben anreisende Mutter Kerstin, der Fake-Hausbesetzer P. Immel (der in Wirklichkeit Hauseigentümer ist und dessen wahrer Name Peter v. Immel lautet), sein Mitbewohner Kacki, der ZDF-Reporter Prohaska, der für ein Kulturmagazin aus dem besetzten Haus berichtet, sowie der Kunstausstellungskurator Wiemer zu Wort.
Nun wurde dem Roman vorgehalten, und zwar von keinem Geringeren als Gustav Seibt in der Süddeutschen Zeitung, dass er nur eine recht belanglose Handlung habe und allenfalls als volkstümliche Mundart-Prosa überzeugen könne. Tatsächlich wird diesmal auch der eingeborenen Berliner Bevölkerung, den „Allet frisch-Berlinern“, die u.a. als Verkäuferinnen, Polizisten und Kaffeemaschinen-Monteure auftreten, breiter Raum gewidmet („Uff jeden, sa‘ ick ma.“). Doch dürfte man diesem Buch eher gerecht werden, wenn man es nicht nur als solitäres Werk, sondern auch als Etappe in der besagten Reihe betrachtet. Es erzählt einen Teil der Vorgeschichte der liebgewonnenen Figur Frank Lehmann – und das ganze Drumherum. Wir lernen mehrere Nebenfiguren besser kennen. Kurz gesagt, wer bis hierhin alle Regener-Romane gelesen hat, wird auch von „Wiener Straße“ nicht enttäuscht sein. Ganz im Gegenteil.
Und überhaupt das damalige Leben in West-Berlin… Es ist schon eine Art Schlaraffenland gewesen, vor allem nach heutigen Maßstäben. Für ein WG-Zimmer im Altbau mitten in Kreuzberg (allerdings auch nur mit Ofenheizung) zahlte man 150 Mark. Die Stundenlöhne in der Kneipe lagen bei 8 bis 10 Mark. Heute, 37 Jahre später, schlagen sich die Gastronomie-Mitarbeiter (und nicht nur sie) mit nominal ganz ähnlichen Stundenlöhnen von 4 bis 5 Euro durch. Das WG-Zimmer kostet aber durchschnittlich 450 Euro, also das Sechsfache von damals! Und natürlich ist auch fast alles andere entsprechend teurer geworden. Wer soll da noch Zeit und Kraft z.B. für Kunst haben, wenn schon das Bestreiten des Lebensunterhalts derart kostspielig geworden ist. Seinerzeit, 1980, ging das aber noch sehr gut!
Bemerkenswert ist ferner noch die sich mit jedem Band steigernde Virtuosität des Regenerschen Satzbaus. Mitunter erinnern die ausufernden Wortkaskaden schon an Regeners heimliches Vorbild Thomas Bernhardt. Und schließlich lässt der Roman inhaltlich eine nicht ganz unbedeutende Frage offen und weckt so den Appetit des Lesers auf weitere Fortsetzungen: Wird sich die bislang nur sehr subtile Annäherung zwischen Frank Lehmann und Erwin Kächeles Nichte Chrissie weiter fortsetzen? Die Antwort gibt es, vielleicht, in ein paar Jahren.
Sven Regener
Wiener Straße
Galiani-Berlin 2017
304 Seiten; 22,00 EUR
ISBN-10: 3869711361
www.justament.de, 25.9.2017: Bum Bum!
Recht cineastisch, Teil 30: „Magical Mystery oder Die Rückkehr des Karl Schmidt“ von Arne Feldhusen
Thomas Claer
Pünktlich zum neuen Roman von Sven Regener (Justament wird in Kürze berichten) ist auch schon die Verfilmung seines vorigen Buches am Start: Der erprobte Stromberg-Regisseur Arne Feldhusen hat sich der Geschichte rund um die Rückkehr des zwischenzeitlich abgetauchten Lehmann-Kumpels Karl Schmidt angenommen und daraus einen gelungenen Roadmovie gemacht. Dabei hätte eine Menge schiefgehen können: Karl Schmidt wird diesmal nämlich – anders als in Leander Haußmanns Herr Lehmann-Verfilmung – nicht von Detlev Buck gespielt, sondern von Charly Hübner, was zunächst gewöhnungsbedürftig ist. Und schlimmer noch: Detlev Buck ist trotzdem mit von der Partie – und spielt Karl Schmidts alten Weggefährten Ferdi, der es im Berlin der Nachwendezeit zum Chef der enorm erfolgreichen Techno-Plattenfirma „Bum Bum Records“ gebracht hat. Doch alle Bedenken, man könnte hier als Zuschauer den Überblick verlieren, lösen sich im Kinosaal in Wohlgefallen auf: Detlev Buck, der geniale Komödiant, spielt einen großartigen Ferdi, einen völlig anderen Typen als den Karl Schmidt in „Herr Lehmann“. Und dass Detlev Buck natürlich in jeder Rolle zugleich auch unverkennbar Detlev Buck spielt, macht es nur noch witziger. Schließlich gibt auch Charly Hübner einen rundum überzeugenden Karl Schmidt, der dessen hier besonders bedeutsame depressive Seite besser ausspielt, als es der lustige Detlev Buck wohl je gekonnt hätte. Kurzum, die Beteiligten haben bei der Besetzung der Schlüsselpositionen alles richtig gemacht, was aber auch für die anderen Rollen gilt. Bjarne Mädel ist wie geschaffen für die Rolle des Sozialarbeiters Werner, der Karl Schmidt in der Drogen-WG „Cleancut 1“ in Hamburg-Altona betreut. Auch diese Drogen-WG aus kettenrauchenden Ex-Junkies und -Alkies ist grandios in Szene gesetzt, wie dann auch die quietschbunt-vergnügte, schnelle, neue Techno-Welt in Mitte, in die sich Karl Schmidt nach mehrjähriger Berlin-Abstinenz freudig stürzt. Der Film zeigt die überwältigende Aufbruchstimmung jener frühen Jahre nach dem Mauerfall, als plötzlich junges Volk aus Ost und West und aller Herren Länder in die neue Hauptstadt strömt und das Techno-Zeitalter einläutet. Immer wieder streift dieser Film den Klamauk, kriegt aber zuverlässig am Ende dann doch noch die Kurve. Krönender Höhepunkt ist dabei die sich auf der Magical-Mysterie-Tour der Berliner DJs quer durch Deutschland anbahnende und vollziehende Liebesgeschichte zwischen Karl und Rosa (Annika Meier). Ein sehenswertes Spektakel!
Magical Mystery oder Die Rückkehr des Karl Schmidt
Deutschland 2017
Regie: Arne Feldhusen
Drehbuch: Sven Regener
111 Minuten, FSK: 12
Darsteller: Charly Hübner, Detlev Buck, Marc Hosemann, Annika Meier, Bjarne Mädel, Lina Beckmann u.a.
www.justament.de, 19.1.2015: Noch immer Punk
Die aktuelle Vinyl-Maxi von Element Of Crime „Liebe ist kälter als der Tod“
Thomas Claer
Nachzutragen ist noch, dass Element Of Crime kurz vor Weihnachten eine weitere EP herausgebracht haben, die wiederum einen Song ihres neuen Albums „Lieblingsfarben und Tiere“ sowie drei weitere Stücke enthält. Allerdings ist daraus diesmal, um es gleich vorweg zu nehmen, eine etwas zwiespältige Sache geworden.
Einerseits hat man, sofern man zu den Glücklichen gehört, die eines der nur 250 Exemplare des streng limitierten 10“ Vinyls abbekommen haben, natürlich keinen Grund, sich zu beschweren. (Da die Scheibe lediglich in ausgewählten Schallplattenläden verkauft wurde, bin ich ihretwegen sogar extra bis nach Kreuzberg gefahren.) Und schließlich erweist sich die Platte bereits deshalb als würdige „Singleauskopplung“, wie man es früher so schön genannt hat, weil sich auf ihr mit „Liebe ist kälter als der Tod“ tatsächlich der – jedenfalls für mich – stärkste Song des ganzen Albums befindet. Positiv zu vermerken ist ferner auch das sehr gelungene Ramones-Cover „Gimme Gimme Shock Treatment“, auf dem Sven Regener eindrucksvoll beweist, dass noch immer ein Punk in ihm steckt.
Andererseits hätte man sich von den beiden restlichen Stücken aber schon etwas mehr erwartet. Dass dem Titelstück das improvisierte Duett mit Ina Müller von „Rette mich vor mir selber“ aus der Fernsehsendung „Inas Nacht“ folgt (das jeder, der es wollte, längst auf YouTube gesehen hat), kann ja vielleicht noch angehen. Und wäre es nur dieses eine Füllstück, hätte man ja auch nichts weiter dazu gesagt. Aber dass sich daran auch noch der wohlbekannte Song „Love and Happiness“ von der 1988er LP „Freedom, Love and Happiness“ anschließt, angeblich als „Grüner-Punkt-Bonus“ (was immer das heißen mag), in Wirklichkeit aber als 26 Jahre alter Original-Album-Track, das geht dann doch etwas zu weit. Oder besser gesagt: Es ist enttäuschend, dass darüber hinaus nicht noch eine weitere EOC-Cover-Version eines anderen Liedes auf der Platte ist. Ein fünftes Stück hätte den Elements nämlich gut zu Gesicht gestanden, zumal die B-Seite der EP insgesamt nur auf eine Spielzeit von gerade mal gut drei Minuten kommt. Für sich genommen ist die Anordnung von „Gimme Gimme Shock Treatment“ und „Love and Happiness“ direkt nacheinander allerdings ein durchaus gelungener Einfall, da dem Zuhörer so bewusst wird, wie punkig manches von den frühen, noch englischsprachigen EOC seinerzeit klang, und wie stark sich Sven Regeners Stimme in den knapp drei Jahrzehnten, die dazwischen lagen, verändert hat.
Bedenkt man nun aber, dass sich die vier Stücke auch schon für moderate 2,50 EUR als Download erwerben lassen, dann relativiert das den soeben indirekt erhobenen Abzocke-Vorwurf zumindest ein wenig. Und dennoch: Vinyl bleibt Vinyl. Und wenigstens darauf hätte es bei diesem Preis ein Lied mehr sein dürfen. Das Gesamturteil lautet gleichwohl: voll befriedigend (11 Punkte).
Element Of Crime
Liebe ist kälter als der Tod
10“ Vinyl (Limited Edition 250 Stück)
Vertigo Berlin (Universal Music) 2014
ca. 12,00 EUR (vergriffen)
ASIN: B00PG11YBM
(auch als Download für 2,50 EUR erhältlich)





