www.justament.de, 12.5.2014: Rückkehr der Giganten
Nach 23 Jahren wieder ein Album von den Pixies
Thomas Claer
Man glaubt es kaum, aber nach einer Pause von fast einem Vierteljahrhundert haben die Bostoner Lärm-Virtuosen doch noch ihr sechstes Studio-Album aufgenommen – kein geringes Risiko für eine Band von solchem Format und mit solcher Reputation: Kenner zählen die Pixies zu den einflussreichsten Musikgruppen aller Zeiten.
Ein Jahrzehnt nach ihrer gefeierten Wiedervereinigung (die sich allerdings auf häufige Konzertauftritte beschränkt hat) haben sie es nun also gewagt – und wären um ein Haar gescheitert. Während der Aufnahmen kehrte Bassistin und Co-Leadsängerin Kim Deal, deren erbitterte Richtungskämpfe mit Band-Boss Black Francis schon seinerzeit das Ende ihrer ersten Schaffensperiode (1986-1993) eingeleitet hatten, abermals der Band den Rücken – und diesmal wohl für immer. Doch die verbliebenen drei (männlichen) Bandmitglieder, Gitarrist Joey Santiago, Drummer David Lovering und der besagte Black Francis, zogen die Sache eben allein durch. Das Ergebnis ist durchaus respektabel. Sehr wild und hardrockig und wie in alten Zeiten klingt der Opener „What Goes Boom“, der einen auf der Stelle in Entzücken versetzt. Da fühlt man sich doch gleich um mindestens 20 Jahre verjüngt! Nur leider geht es dann nicht mehr ganz so weiter. Die trotz mancher stimmlichen und instrumentalen Temperamentsausbrüche vergleichsweile ruhige Gangart der darauffolgenden Lieder der Platte lässt ahnen, dass die menschliche Körperchemie mit um die fünfzig wohl doch anders als mit Mitte zwanzig funktioniert. Einige der Songs wären auf einem der unzählbaren Frank-Black-Alben (für Nichteingeweihte: so heißt das weniger ambitionierte Solo-Projekt von Black Francis) vielleicht doch besser aufgehoben. Und doch gibt es ein paar Perlen auf dem Album, die für den einen oder anderen Hänger zwischendurch mehr als entschädigen. Zuallererst ist hier „Bagboy“ zu nennen, das einzige Stück, auf dem die abtrünnige Kim Deal noch stimmlich vertreten ist. (Um so schmerzlicher vermisst man sie in den anderen Liedern.) Zweifellos ist „Bagboy“ der stärkste Song der ganzen CD: Glaubt man anfangs noch, sich versehentlich in einen Rapsong verirrt zu haben, so explodiert bald darauf der Über-Refrain – ungeheuer poppig, ohne banal zu sein. Genau dafür haben wir die Pixies immer geliebt! Auch „Magdalena 318“ und „Snakes“ sind ziemlich toll. Besonders gelungen ist ferner – wie auch schon damals in den 80ern – die aufwendige Cover-Gestaltung. Insgesamt also eine Platte, die völlig in Ordnung geht. Das Urteil lautet: voll befriedigend (12 Punkte).
Pixies
Indie Cindy
Pixies Music 2014-05-10
ASIN: B00J4SP83S
Justament April 2014: Berlin Praktikant. Ein Brettspiel
Die Justament-Redaktion präsentiert: Das etwas andere Karriere-Spiel aus der Hauptstadt
Thomas Claer
Hundert Jahre nach „Mensch ärgere dich nicht!“ (über das sich schon Generationen schwarzgeärgert haben) und achtzig Jahre nach „Monopoly“ (das schon unzählige Wirtschaftskrisen überdauert hat) ist die Zeit reif für ein neues Brettspiel auf der Höhe des Zeitgeistes: Berlin Praktikant.
Und so funktioniert es:
Du bist Praktikant bei einer IT-Start-up-Firma in Friedrichshain und hast zunächst nur ein kümmerliches Einkommen. Du wohnst bei Freunden und frisst dich bei denen durch. Bald entdeckst du aber, dass es in dieser Stadt eine Menge Möglichkeiten gibt, sich noch etwas hinzuzuverdienen, doch auch so einige Gefahren lauern auf dich. Durch Zufalls-Karten kannst du zum Projektleiter in deiner Firma oder sogar zum Firmenchef aufsteigen, eine Erbschaft machen oder nachts als Barkeeper im „Berghain“ arbeiten. Wenn du Pech hast, wird dir aber im Wedding dein Smartphone geraubt, in Kreuzberg dein Auto angezündet oder du wirst beim Schwarzfahren in der S-Bahn erwischt.
Kommst du auf deinem Weg durch Berlin auf die entsprechenden Felder, kannst du mehrere Wohnungen, WG-Zimmer oder Schlafplätze mieten und sie mit Gewinn an Neu-Berliner untervermieten. Mit den richtigen Zufalls-Karten kannst du deine gemieteten Wohnungen sogar noch deutlich lukrativer an reiche Russen oder als Ferienwohnung für Touristen untervermieten. Es kann aber auch passieren, dass deine Freundin Geburtstag hat und du ihr, um sie bei Laune zu halten, ein teures Geschenk machen musst. Oder du machst mit ihr einen kostspieligen Urlaub. Womöglich wirst du sogar zu einer Geldstrafe verurteilt, weil du in deinem Wohnungsinserat die Schwaben diskriminiert hast. Oder aber Mark Zuckerberg macht ein milliardenschweres Übernahmeangebot für deine IT-Firma. Ziel des Spieles ist es, Runde für Runde so viel Geld anzuhäufen, dass du als erster die einzige Eigentumswohnung auf dem Spielfeld kaufen kannst, ein 20 qm großes 1 Zi-Appartment mit Kochnische in Mitte für 100.000 Euro. Wer genug Geld zusammen hat, läuft den Umweg “Unter den Linden”, um auf das Feld mit der Wohnung zu kommen. Sobald einer der Spieler die Wohnung erworben hat, ist das Spiel zu Ende und alle zählen ihr Geld.
Zubehör:
1 Spielplan, 1 Würfel, 6 Spielfiguren, 168 Spielgeld-Scheine: 24 mal 10.000 Euro (Motiv: Angela Merkel), 24 mal 5.000 Euro (Motiv: Joachim Gauck), 48 mal 1.000 Euro (Motiv: Klaus Wowereit), 72 mal 500 Euro (Motiv: Bushido), 15 Zufallskarten, 30 Wohnungs- bzw. Schlafplatz- bzw. WG-Zimmer-Karten
Spielanleitung:
Zu Beginn des Spiels versammeln sich alle Spieler mit ihren Figuren auf dem Feld „Start“. Die Runde betraut den vertrauenswürdigsten Mitspieler damit, ehrenamtlich und nebenher als Direktor der Berliner Sparkasse zu fungieren. Der Sparkassendirektor verwaltet und betreut sämtliche Geldscheine, Zufallskarten sowie die Wohnungs-, WG-Zimmer- und Schlafplatzkarten und gibt diese, wenn es der Spielverlauf erfordert, an die Mitspieler oder an sich selbst aus. Er mischt die Zufallskarten gut durch und legt sie gestapelt mit der Schrift nach unten auf den Tisch. Später nimmt er, sobald ein Spieler auf ein Zufallsfeld (rot) kommt, jeweils die oberste Karte vom Stapel und liest sie der Runde vor. Anschließend kommt die Karte wieder unter den Stapel.
Einmalig erhält jeder Spieler vom Sparkassendirektor ein Startkapital von 500 Euro ausgehändigt. Der älteste Mitspieler in der Runde beginnt mit dem Würfeln und setzt seine Figur auf dem Spielfeld in Pfeilrichtung entsprechend der geworfenen Augenzahl nach vorne. Die anderen Mitspieler folgen im Uhrzeigersinn mit dem Würfeln und verfahren ebenso. Immer, wenn ein Spieler über (nicht nur auf) das Feld „IT-Firma“ kommt, erhält er seinen jährlichen Praktikantenlohn von zunächst 6.000 Euro (entspricht zwölf Mal 500 Euro pro Monat) ausbezahlt. Wer auf ein Wohnungs-/ WG-Zimmer-/ Schlafplatz-Feld (grün mit Hausnummer) kommt, kann diese Wohnung/ dieses WG-Zimmer/ diesen Schlafplatz mieten und erhält dauerhaft die entsprechende Spielkarte. Auf dieser ist die Höhe des jährlichen Gewinns vermerkt, der durch Untervermietung der Wohnung/ des WG-Zimmers/ des Schlafplatzes an Neu-Berliner erzielt wird. Immer, wenn ein Spieler über (nicht nur auf) das Feld „Berliner Sparkasse“ kommt, wird ihm der aus allen seinen gemieteten Wohnungen zusammen erzielte Jahresgewinn ausgezahlt.
Wer die erforderlichen 100.000 Euro angespart hat, darf die begehrte Eigentumswohnung in Mitte kaufen, wenn er auf das Feld „Unter den Linden 10“ oder auf das Feld „Unter den Linden 11“ kommt. Um die Wohnung schneller erwerben zu können, dürfen die Spieler sich zu diesem Zweck auch gegenseitig Geld leihen und untereinander strategische Partnerschaften eingehen.
Berlin Praktikant. Das etwas andere Karriere-Spiel aus der Hauptstadt
Idee, Konzept und Vertrieb: Redaktion Justament (www.justament.de)
Design und Herstellung (handgezeichnet, handgeschnitten, handgeklebt): Joachim Claer
© Thomas Claer 2014
Preis: 15 Euro (inkl. Versandkosten und Verpackung) per Vorkasse
Zu bestellen nur direkt bei der Justament-Redaktion per E-Mail an: justament@lexxion.de. Bitte Lieferadresse angeben!
Justament April 2014: Schräge Verwandtschaft
Justament-Autor Thomas Claer über den Boxer, Schriftsteller und Sexfilm-Darsteller Hans Henning Claer (1931-2002)
Im Rahmen der Ahnenforschung war ich natürlich schon vor etlichen Jahren im Internet auf Hans Henning Claer gestoßen, hielt aber eine Verbindung zu unserer allgemein sehr sittenstrengen Familie damals für völlig ausgeschlossen. Doch als ich vor einiger Zeit einen direkten Hinweis auf einen ostpreußischen Hintergrund bei ihm entdeckte, konnte ich nicht mehr länger die Augen vor diesem etwas brisanten Verwandtschaftsverhältnis verschließen. Ich kam zu dem Schluss, dass er der Sohn des Berliner Kaufmanns Erich Claer sein musste, der ein Cousin meines ostpreußischen Großvaters Gerhard Claer war. Zur Überprüfung dieser Annahme besorgte ich mir bei Ebay die Autobiographie von Hans Henning “Moppel” Claer, “Bulle, Schläger, Nuttenjäger” (Kostenpunkt: ein Euro plus Porto) und fand meine Vermutung voll bestätigt.
Die Lektüre dieses Buches kostet zunächst etwas Überwindung, denn auf der Rückseite steht geschrieben: “Was ist noch schärfer als Hans Henning Claers aufgeregt diskutierte Ruhrpott-Romane ‚Lass jucken, Kumpel’ und ‚Bei Oma brennt noch Licht’? Seine unverblümt erzählte Lebensgeschichte!” Auch durch die Abbildung auf der Vorderseite macht das Buch einen eher zweifelhaften Eindruck, so dass man es sich eigentlich nicht unbedingt ins Regal stellen möchte. Doch glücklicherweise schildert der Autor darin nicht nur sehr ausführlich und detailliert sein ungeheuer opulentes Liebesleben, sondern auch ebenso ausgiebig seinen familiären und biographischen Hintergrund.
Auch wenn “Moppel” Claer wohl überwiegend als “schwarzes Schaf” der Familie angesehen worden sein dürfte, so handelt es sich bei ihm doch um einen echten Prominenten, denn er ist immerhin der Einzige aus der preußisch-hugenottischen Linie unserer Familie, über den es einen Wikipedia-Eintrag gibt. Sein Vater Erich Claer war vor dem Krieg Treuhandrevisor (eine Art Wirtschaftsprüfer) bei der Deutschen Bank und fuhr einen “Steyer Super 200” mit roten Ledersitzen. Noch zu Lebzeiten seines Vaters, der ihn begeistert zu allen Wettkämpfen begleitete, hatte Hans Henning Claer eine steile Karriere als Boxer hingelegt. Im damaligen West-Berlin erreichte er eine große regionale Popularität und sollte es später bis zum Deutschen Polizeimeister im Halbweltergewicht bringen.
Er legte sein Abitur auf einem Steglitzer Oberrealgymnasium ab, ließ sich das aber, ähnlich wie heute etwa Dieter Bohlen, künftig nicht mehr anmerken. Schon als junger Mann entwickelte er eine starke Neigung zum Alkohol, heute würde man sagen: zum Komasaufen. Nach eigener Auskunft verkehrte er fortan bevorzugt in Kneipen und “Bumslokalen”. Das Nachtleben im damaligen Westen Berlins in den frühen 50er Jahren schildert er in den buntesten Farben.
Seine besondere Vorliebe galt den Frauen. Minutiös berichtet er von unzähligen erotischen Abenteuern, die er damals in Berlin erlebt habe. Seine bevorzugte Masche, mit den Damen ins Gespräch zu kommen, sei ein Spruch gewesen, den er sich aus einem seinerzeit populären Film geborgt habe: “Entschuldigen Sie, meine Dame, darf ich Sie auf etwas Wichtiges aufmerksam machen?” “Wieso, worauf denn?” “Auf mich.” Mehrfach betont “Moppel” Claer den unbedingten Wahrheitsgehalt seiner Geschichten. Er sei nun einmal kein Aufschneider. Beispielsweise habe er die Länge seines Zeugungsorgans immer und überall korrekt mit 16 cm angegeben. “Andere hätten 20 gesagt.” Aber er bleibe eben immer bei der Wahrheit.
Nach dem Abitur tritt er in den Dienst bei der Polizei ein, bekommt dort aber immer wieder Schwierigkeiten sowohl wegen seiner Frauengeschichten (u.a. auch Anzeigen wegen Verführung Minderjähriger) als auch wegen seines Alkoholkonsums. Im November 1956 verlässt er sein “heißgeliebtes Berlin” nach seiner “Entlassung aus der Polente” (Grund soll der Alkohol gewesen sein), wird Boxtrainer, später Bergmann im Ruhrgebiet und kommt schließlich nach Bergkamen. In den 60er Jahren gibt es auch in Westdeutschland politische Kampagnen, die Arbeiter zum Schreiben von Literatur anregen wollen. Hans Henning Claer fühlt sich sogleich davon angesprochen, schreibt einen Roman über das angeblich bumsfidele erotische Leben der Bergkamener Bergleute und landet mit “Laß jucken, Kumpel” (1971) einen Riesenerfolg.
Nach der anschließenden Verfilmung, die mit über 4 Millionen Besuchern ein gewaltiger Kassenschlager wird und in der er selbst als Darsteller mitwirkt, posiert “Moppel” Claer gemeinsam mit seiner Frau Brigitte, die angeblich “immer scharf” ist, nackt in Boulevardzeitungen. “Die Claers” werden vorübergehend zum Skandalpaar der deutschen Filmbranche. Die Kumpel-Filme (es folgen noch mehrere Fortsetzungen) werden sogar bei den Filmfestspielen in Cannes aufgeführt, allerdings außer Konkurrenz. Dass von diesen umwerfend harmlosen Klamaukfilmen jemals eine Jugendgefährdung ausgehen konnte, mag man heute kaum glauben, aber damals wurde es offensichtlich so gesehen.
Wie die inzwischen beträchtlich angewachsene literatur- und filmwissenschaftliche Sekundärliteratur beweist, lassen sich die Werke des Hans Henning Claer in erster Linie als Zeitgeistphänomen verstehen, als typische Produkte der 70er Jahre. “Moppel” Claer gehörte zu den wichtigsten Protagonisten der damaligen sexuellen Revolution.
Justament April 2014: Von Kirchhof bis Sloterdijk
Wie unsere Intellektuellen von einem gerechteren Steuerstaat träumen
Thomas Claer
Für unsereinen spielt sie ja praktisch keine große Rolle, aber für viele Besserverdiener und sogar für große Teile der sogenannten Mittelschicht ist sie offenbar ein existenzielles Problem: die immense Steuerlast, die die eigenen Brutto-Einkünfte regelmäßig zusammenschmelzen lässt wie den Schnee in der Sonne. Hinzu kommt noch, dass es aufgrund der “kalten Progression”, manche nennen sie auch “kalte Enteignung”, Jahr für Jahr schlimmer wird: Bei unveränderten Grenzwerten zwischen den Steuersätzen unterliegen mit jeder nominalen Einkommenserhöhung (die doch eigentlich nur ein Inflationsausgleich ist) immer größere Anteile der Einnahmen immer höheren Steuersätzen. Und niemand tut etwas dagegen! Ganz zu schweigen von der wuchernden Steuerbürokratie: Da verbringt man unzählige Stunden kostbarer Lebenszeit mit der zentimeterdicken jährlichen Steuererklärung und lässt sich von Heerscharen raffgieriger Steuerberater ausnehmen, nur um letztlich ein paar kümmerliche Euro vom Staat zurückzubekommen.
Der Professor aus Heidelberg
Da denkt sich dann manch einer: Muss das wirklich so sein? Ließe sich das nicht auch irgendwie anders, vernünftiger, gerechter organisieren? Es gibt Leute, die haben schon fast ihr ganzes Leben darüber gegrübelt – wie den Steuerrechtler und Ex-Verfassungsrichter Paul Kirchhof, der vor neun Jahren beinahe Bundesfinanzminister geworden wäre, wenn das nicht der damalige Kanzler Schröder mit einer nicht ganz demagogiefreien Kampagne gegen den “Professor aus Heidelberg” verhindert hätte. Sein Modell eines schlanken Steuer-Staates ist bestechend einfach: Nur drei abgestufte Steuersätze von 15, 20 und 25 Prozent für alle Einkommensgruppen, dazu großzügige Freibeträge und ein Sozialausgleich bei Wegfall aller Ausnahmen und Vergünstigungen. Was das schon mit einem Schlag für Bürokratie einsparen würde! Und die Steuerberater-Lobby hat damals, als all das noch wirklich ernsthaft diskutiert wurde, sogar ein wenig gezittert. Heute ist das Thema aber längst wieder vom Tisch. Wahrscheinlich liegt es daran, dass es in unserer Gesellschaft einfach zu viele Profiteure von all den Ausnahmen und Schlupflöchern, Zuschlägen, Pauschalen und Sondertatbeständen für bestimmte Berufs-, Rand- und sonstige Gruppen gibt, die ja jede für sich auch alle irgendwie ihre Berechtigung haben, zumindest in den Augen derer, die von ihnen begünstigt werden. Dabei ist etwa die Pendlerpauschale, die besonders weite Wege zwischen Wohn- und Arbeitsort prämiert, nun wirklich ein ökologisches Desaster (da steckt wahrscheinlich die erfolgreiche Lobbyarbeit des ADAC dahinter). Aber der Übungsleiterfreibetrag, von dem auch die armen Volkshochschullehrer profitieren, der sollte schon bleiben. Und die Steuervergünstigung für den Nachtarbeiterzuschlag der mies bezahlten Krankenschwestern natürlich auch. Und so kann man es drehen und wenden, wie man will, da mag Paul Kirchhof auch noch so unverdrossen weiter für sein Modell trommeln (was er bis heute tut), die Beharrungskräfte des Status quo werden bis auf weiteres dafür sorgen, dass alles im Wesentlichen so bleibt, wie es ist.
Der Wirbelwind aus Karlsruhe
Vielleicht müsste man aber einfach viel grundsätzlicher an die Sache herangehen, so dachte sich schon vor einigen Jahren der Karlsruher Philosoph und Bestsellerautor Peter Sloterdijk (“Kritik der zynischen Vernunft”, “Du musst dein Leben ändern”), der sich offensichtlich manchmal über die hohen Abzüge von seinen Buchhonoraren geärgert hat. Da doch bei so vielen Superreichen genug Geld vorhanden ist, das sie mit allen erdenklichen Tricks dem Fiskus vorenthalten, das sie aber andererseits nie im Leben alles ausgeben können und über dessen sinnvoller Verwendung sie womöglich schlaflose Nächte verbringen: Warum nicht den Spieß umdrehen und das ganze Steuersystem auf Freiwilligkeit umstellen? Statt die Vermögenden und die Steuerberatungsindustrie mit strengen Steuergesetzen und Kontrollen nur zu immer neuen Steuervermeidungsstrategien anzustacheln, lieber alle bei der Ehre packen und jeden nur das an Steuern zahlen lassen, was er möchte. Denn wenn sich auch nur einige der Superreichen und ein Teil der Besserverdiener darauf einlassen, sei es aus Scham ob ihres obszön großen Vermögens oder aus dem Wunsch heraus, doch noch einmal etwas Gutes im Leben zu tun, dann sollte das doch dem Staate spielend leicht das nötige Steuereinkommen einbringen und viele andere, die das Geld doch eigentlich dringender für sich selbst benötigen, von ihrer bedrückenden Steuerlast befreien. Was aber wäre, wenn sich gar nicht genug freiwillige Steuerspender fänden? Dann hätten wir zweifellos ein Problem. Doch immerhin lehrt die Erfahrung, dass tatsächlich viele Reiche gerne und großzügig Geld für Bedürftige spenden – und besonders gerne auch öffentlich darüber reden. Warren Buffet tut es, Bill Gates tut es. Auch unser Uli Hoeneß hat bekanntlich 5 Millionen Euro gespendet, wie er in den letzten Monaten immer wieder betont hat. Dummerweise ist aber inzwischen herausgekommen, dass er noch ein wenig mehr als 5 Millionen, nämlich insgesamt sogar 28,2 Millionen Euro an Steuern hinterzogen hat. Böse Zungen behaupten, er habe Millionen gespendet, die ihm gar nicht gehörten. Kurz gesagt: Man möchte lieber doch nicht seine Hand dafür ins Feuer legen, dass das mit dem Steuersystem auf freiwilliger Basis irgendwann einmal funktionieren wird.
Und was folgt daraus? Liebe junge Juristen, spezialisiert euch auf Steuerrecht oder werdet gleich Steuerberater! Dann habt ihr nach allem menschlichen Ermessen einen langfristig krisensicheren Job.
www.justament.de, 24.3.2014: Soundtrack eines Lebensgefühls
Das siebte Notwist-Album „Close to he Glass“
Thomas Claer
Welch ein Glück, die begnadeten Soundtüftler aus Oberbayern sind wieder da – mit einem Album, das durchaus mehr zu bieten hat als bloße Ruhmesverwaltung. Viel muss man heute wohl nicht mehr sagen zum traurig-schönen Notwist-Sound, zum universellen Soundtrack eines verloren-urbanen Lebensgefühls. Kaum zu glauben, dass die Brüder Markus und Micha Acher in den frühen Neunzigern mit zwei Heavy-Rock-Platten angefangen haben. Davon war später aber nicht mehr viel zu hören. Zwischen 1995 und 2002 erschienen dann ihre großen Pop-Meisterwerke, an denen man sich nicht satthören konnte: das bunte Album „12“, das blaue Album „Shrink“ und das rote Album „Neon Golden“. Teil der Kernbesetzung neben den Acher-Brüdern ist seit 1997 auch Martin „Konsole“ Gretschmann, der für die elektronische Komponente sorgt. Und ganz nebenbei begründeten die Musiker durch zahlreiche verwandte Nebenprojekte wie Lali Puna und Ms. John Soda mit der „Weilheimer Schule“ der notwistesken Pop-Musik eine Art südliches Pendant zur „Hamburger Schule“ des nördlicheren Indie-Pop.
Das letzte Jahrzehnt ließen The Notwist allerdings etwas geruhsamer angehen. Ihre vorige Platte „The Devil You + Me“ von 2008 war eher zwiespältig: Genau fünf exzellente Songs standen sechs reichlich misslungenen gegenüber, auf denen sie sich, man muss es so hart sagen, ein wenig im Bombast verirrt hatten. Jetzt sind sie aber glücklicherweise wieder voll und ganz bei sich angekommen. Der Einstieg in „Close tot he Glas“ ist betont elektronisch. Es frickelt, knarzt und loopt nicht mehr nur wie bisher, nein, neuerdings piept und tutet es sogar bei ihnen. Doch das gibt sich dann im weiteren Verlauf der Platte. Der große Kracher ist natürlich die Single „Kong“. Beim anfänglichen Hören klingt Markus Achers hohe Stimme zu Beginn zwar noch etwas befremdlich, doch dann hat man flugs diesen Ohrwurm in sich und wird ihn nicht mehr los. In der Mitte des Albums folgen ein paar sehr schöne und sehr reduzierte Gitarren-Songs. Und am Ende gibt es plötzlich noch ein paar regelrechte Ambient-Tracks, die an die frühen Pink Floyd und die Anfänge von YELLO erinnern. Mit etwas Gewöhnung lässt sich auch denen etwas abgewinnen. So ließe sich allenfalls einwenden, dass es auf dieser Platte hin und wieder eine Spur zu poppig zugeht. Aber na wenn schon… Alles in allem also wieder eine rundum erfreuliche und dabei überraschend vielfältige Scheibe der Weilheimer. Nicht umsonst haben sie jahrelang dran gefeilt. Das Urteil lautet: gut (13 Punkte).
The Notwist
Close to the Glass
City Slang (Universal) 2014
Ca. € 16,-
ASIN: B00GRHBEAA
www.justament.de, 10.3.2014: Treffend und zitierfähig
Das Creifelds Rechtswörterbuch in 21. Auflage
Thomas Claer
Als bekennender Creifelds-Fan steht man natürlich bei einer Neuauflage immer gleich auf der Matte. In nun schon 21. Auflage liegt unser liebstes Rechtswörterbuch also inzwischen vor und ist natürlich wieder einmal ein Spiegel seiner Zeit geworden. Nicht nur die verkürzten Intervalle zwischen den Auflagen (die vorige erschien erst 2011), die obligatorische Steigerung von Seitenzahl (1573 statt 1500) und Preis (53 statt 46 Euro), sondern auch manche inhaltliche Modifikation zeigen, dass das Werk mittlerweile voll und ganz in den Zehnerjahren angekommen ist. Sein Anspruch ist es auch diesmal, „seiner Tradition entsprechend einen vollständigen und aktuellen Überblick über das gesamte in Deutschland geltende Recht“ zu bieten, wie es im Vorwort der Herausgeber heißt.
Man erinnert sich als, sagen wir, nun nicht mehr so ganz taufrischer Jurist ja noch sehr genau daran, wie oft der Creifelds einem damals in der Juristenausbildung aus der Patsche geholfen hat, wenn man mal wieder irgendwo nur Bahnhof verstanden oder die Zusammenhänge so gar nicht durchschaut hatte. Wie letztlich doch alles im Recht mit allem anderen zusammenhängt, dafür hat mir jedenfalls der Creifelds weitaus besser als irgendein anderes Buch die Augen geöffnet. Fairerweise muss man aber auch sagen: In den Neunzigern gab es noch kein Wikipedia. Den Begriff mal eben googlen, das ging seinerzeit noch nicht. Und so muss man heute im Zeitalter der aussterbenden Lexika notwendigerweise fragen: Was kann ein solches Wörterbuch, was Wikipedia oder ganz allgemein das Internet nicht viel besser (und gratis!) kann?
Testen wir es also einmal. Greifen wir einfach irgendwo in die Mitte des Buches. Unter M steht dort „Mäklervertrag“. Das ist ja lustig. Kein Mensch sagt „Mäkler“, alle sagen Makler. Nur im BGB (immerhin von 1900) heißt es „Mäkler“. Und Creifelds folgt dem BGB. Da steht dann unter 1. etwas zur Begriffsdefinition mit Verweis aufs BGB und anschließend unter 2. einiges über die praktisch sehr bedeutsame Frage, wann die Verpflichtung des Auftraggebers zur Zahlung entsteht. So weit so gut. Und bei Wikipedia? Da heißt es „Maklervertrag“ und darunter steht – viel, viel mehr. Klar, die haben ja auch mehr Platz im Netz. Besser und richtiger als bei Wikipedia ist das, was im Creifelds steht, nun aber auch nicht unbedingt. Ist also der Creifelds, unter uns gesagt, nicht gewissermaßen überflüssig geworden?
Nein, soweit darf man nun auch nicht gehen. Denn gerade diese Beschränkung auf das Wesentliche ist es doch, die ein solches Wörterbuch auszeichnet. Noch deutlicher wird es vier Stichworte über dem „Mäklervertrag“ bei „Machiavelli“. Dass der überhaupt im Creifelds auftaucht, ist allein schon ein Statement! „Florentinischer Historiker, Politiker und Literat, der in seinen Werken das Idealbild des durch keine moralischen Rücksichten gehemmten Alleinherrschers zeichnete“, steht dort. Und: „Als Machiavellismus wird seither eine ausschließlich vom Gebot der Klugheit getragene, von moralischen Bedenken freie Staatskunst bezeichnet, bei der allein der alle Mittel rechtfertigende Erfolg entscheidet.“
Treffer. Versenkt. Genau so viel sollte man als Jurist wissen. So auf den Punkt bringt es Wikipedia nicht! Und noch einen Vorteil hat der von einer ganzen Richter- und Professorenriege verfasste Creifelds: Man darf ihn getrost auch in wissenschaftlichen Arbeiten zitieren, Wikipedia dagegen eher nicht, zumindest nicht zu oft.
Ob diese unbestreitbaren Vorzüge allerdings ausreichen, um dem Creifelds noch zu vielen weiteren Auflagen zu verhelfen, wird die Zukunft zeigen.
Creifelds Rechtswörterbuch
21. neu bearbeitete Auflage 2014
Verlag C.H. Beck
1573 Seiten, EUR 53,00
ISBN 978-3-406-63871-8
www.justament.de, 3.2.2014: Szene schlägt gutbürgerlich

Gründerzeithäuser in Berlin (Foto: TC)
Im Berliner Wohnungsmarkt spiegelt sich, was gerade in der Stadt passiert
Thomas Claer
Wenn man nach ein paar Jahren der Abwesenheit in eine asiatische Großstadt kommt, dann erkennt man dort vieles nicht mehr wieder, weil sich alles so rasend schnell verändert. Hier in Europa dagegen verläuft der Wandel, wenn er denn überhaupt mal stattfindet, eher langsam und geordnet. Doch in unserer fröhlich-verrückten deutschen Hauptstadt ticken die Uhren bekanntlich anders. Und so springt dem Leser des brandneuen GSW-Wohnmarktreports nicht nur die allgemeine Explosion der Miet- und Immobilienpreise seit etwa fünf Jahren, insbesondere in zentralen Citylagen, ins Auge, sondern auch die vollständige Verwandlung früherer Problemgebiete in Hochpreislagen in kürzester Zeit. Die Rede soll ausdrücklich nicht von Prenzlauer Berg und Friedrichshain sein, wo diese Entwicklung schon gleich nach der Wende eingesetzt hat und nach langen Jahren des Szenekiez-Daseins inzwischen wohl fast an ihrem finalen neubürgerlichen Endpunkt angekommen ist. In Kreuzberg, dem Bezirk der sprichwörtlich langen Nächte, war dieser Prozess sogar noch langwieriger und von ernsthaften Brüchen begleitet, man denke nur an die vorübergehende Abwanderung relevanter Teile der dortigen „Szene“ in die hipperen Ostbezirke nach dem Mauerfall. Aber dass es eine Gegend innerhalb weniger Jahre vom hinterletzten Igitt-Bezirk zum absoluten Hotspot bringt, das macht Berlin so schnell keiner nach: Gestern noch Rütli-Schule, Intensivtäter-Jugendbanden und vermüllte Gehwege, heute Szene-Bars, Luxus-Wohnungen und bepflanzte Baumscheiben – das ist der Norden von Neukölln!
Das ganze Ausmaß dieser Metamorphose wird aber erst deutlich, wenn man die Zahlen des aktuellen GSW-Reports für 2013 mit denen von 2008 vergleicht und von den etwas irreführenden Neubezirksgrenzen auf die wesentlich kleinteiligeren Altbezirksgrenzen von vor der Gebietsreform von 2002 zurückrechnet. Und genau das habe ich getan. Hier das Ergebnis:
Wohnkosten in Berliner Bezirken (Angebotskaltmiete pro qm) gem. GSW-Wohnreport 2013 (2008) nach Alt-Bezirken und ihre Sozialstruktur
1. Mitte (Alt): 11,96 (9,54) +25,4% (alternativ/repräsentativ)
2. Prenzlauer Berg: 10,18 (7,32) +39,1% (alternativ/neubürgerlich)
3. Kreuzberg: 10,14 (6,37) +59,2% (alternativ/lebendig)
4. Friedrichshain: 9,67 (6,60) +46,5% (alternativ/lebendig)
5. Wilmersdorf: 9,55 (8,06) +18,5% (großbürgerlich/bürgerlich)
6. Schöneberg: 9,18 (7,24) +26,8% (bürgerlich/lebendig)
7. Charlottenburg: 9,12 (7,24) +26,0% (großbürgerlich/lebendig)
8. Zehlendorf: 9,02 (7,94) +13,6% (großbürgerlich/bürgerlich)
9. Tiergarten: 8,80 (6,33) +39,0% (gemischt/lebendig)
10. Steglitz: 8,05 (6,45) +24,8% (bürgerlich/kleinbürgerlich)
11. Lichtenberg: 7,55 (5,50) +37,3% (proletarisch/kleinbürgerlich)
12. Weißensee: 7,54 (5,65) +33,5% (bürgerlich)
13. Neukölln*: 7,47 (5,23) +42,8% (alternativ/proletarisch)
14. Pankow: 7,47 (5,99) +24,7% (bürgerlich/lebendig)
15. Wedding: 7,26 (5,26) +38,0% (proletarisch/lebendig)
16. Köpenick: 7,19 (6,11) +17,7% (bürgerlich/proletarisch)
17. Tempelhof: 7,05 (5,82) +21,1% (kleinbürgerlich/bürgerlich)
18. Treptow: 7,01 (5,47) +28,2% (proletarisch/lebendig)
19. Reinickendorf: 6,73 (5,76) +16,9% (kleinbürgerlich/bürgerlich)
20. Hohenschönhausen: 6,69 (5,96) +12,3% (proletarisch/gemischt)
21. Spandau: 6,32 (5,43) +16,4% (kleinbürgerlich/lebendig)
22. Hellersdorf: 6,29 (5,30) +18,7% (proletarisch/gemischt)
23. Marzahn: 5,57 (4,85) +14,8% (proletarisch/gemischt)
* Neukölln-Nord: 8,26 (5,08) +62,6% (alternativ/proletarisch)
Neukölln-Süd: 6,67 (5,41) +23,3% (kleinbürgerl./proletarisch)
Top 20 der Postleitzahlbezirke nach Höhe der Angebotskaltmiete pro qm 2013 (2008)
1. 10117 Unter den Linden (Mitte): 13,11 (12,60) + 4,1%
2. 10178 Hackescher Markt/ Alexanderplatz (Mitte): 13,00 (10,30) +26,3%
3. 10119 Rosenthaler Platz (Mitte): 12,21 (9,00) +35,7%
4. 10435 Kollwitzplatz (Prenzlauer Berg): 11,93 (8,60 ) +38,7%
5. 10115 Chausseestraße (Mitte): 11,50 (8,40) +36,9%
6. 10623 Savignyplatz (Charlottenburg): 11,50 (9,00) +27,8%
7. 10719 Ludwigkirchplatz/ Kurfürstendamm (Wilmersdorf): 11,28 (9,70) +16,3 %
8. 10785 Potsdamer Platz (Tiergarten): 11,23 (7,80) +44,0%
9 . 10967 Graefestraße (Kreuzberg): 10,99 (6,30) +74,4%
10. 10707 Olivaer Platz / Kurfürstendamm (Wilmersdorf): 10,87 (8,40) +29,4%
11. 10405 Prenzlauer Allee (Prenzlauer Berg): 10,56 (7,80) +35,4%
12. 10629 Sybelstraße/ Kurfürstendamm (Charlottenburg): 10,56 (9,00) +17,3%
13. 10965 Mehringdamm / Bergmannstraße (Kreuzberg): 10,55 (6,30) +67,5%
14. 10961 Gneisenaustraße (Kreuzberg): 10,52 (6,80) +54,7%
15. 10437 Helmholtzplatz (Prenzlauer Berg): 10,51 (7,70) +36,5%
16. 10999 Görlitzer Park (Kreuzberg): 10,50 (6,20) +69,4%
17. 14195 Dahlem (Zehlendorf): 10,50 (9,40) +11,7%
18. 14193 Grunewald (Wilmersdorf): 10,48 (10,60) – 1,1%
19. 10997 Wrangelstraße / Paul-Lincke-Ufer (Kreuzberg): 10,42 (6,30) +65,4%
20. 12047 Maybachufer („Kreuzkölln“) (Neukölln): 10,03 (5,50) +82,4%
Gebiete mit dem stärksten Anstieg der Angebotskaltmieten im Fünfjahreszeitraum
1. 12047 Maybachufer („Kreuzkölln“) (Neukölln): 10,03 (5,50) +82,4%
2. 12043 Rathaus Neukölln (Neukölln): 8,95 (5,00) +79,0%
3. 12053 Rollbergstraße (Neukölln): 8,76 (4,90) +78,8%
4. 12045 Sonnenallee Nord (Neukölln): 9,21 (5,20) +77,1%
5. 10967 Graefestraße (Kreuzberg): 10,99 (6,30) +74,4%
6. 12049 Hermannstraße West /Reuterkiez (Neukölln): 8,86 (5,10) +73,7%
7. 10367 Am Stadtpark /Frankfurter Allee (Lichtenberg): 9,21 (5,40) +70,6%
8. 12059 Weigandufer (Neukölln): 8,50 (5,00) +70,0%
9. 10999 Görlitzer Park (Kreuzberg): 10,50 (6,20) +69,4%
10. 10965 Mehringdamm / Bergmannstraße (Kreuzberg): 10,55 (6,30) +67,5%
11. 12051 Hermannstraße Süd (Neukölln): 8,33 (5,00) +66,6%
12. 10997 Wrangelstraße / Paul-Lincke-Ufer (Kreuzberg): 10,42 (6,30) +65,4%
13. 12055 Richardplatz (Neukölln): 8,00 (5,00) +60,0%
14. 13051 Malchow (Hohenschönhausen): 7,24 (4,60) +57,4%
15. 10783 Bülowbogen/Bülowstraße (Schöneberg): 8,77 (5,60) +56,6%
16. 10553 Beusselstraße (Moabit): 7,96 (5,10) +56,1%
17. 10961 Gneisenaustraße (Kreuzberg): 10,52 (6,80) +54,7%
18. 13359 Soldiner Straße (Wedding): 7,24 (4,70) +54,0%
19. 10823 Alt-Schöneberg /Eisenacher Str. (Schöneberg): 9,63 (6,30) +52,9%
20. 10827 Crellestraße/Kleistpark (Schöneberg): 9,00 (5,90) +52,5%
21. 10439 Arnimplatz (Prenzlauer Berg): 9,75 (6,50) +50,0%
22. 13351 Rehberge (Wedding): 7,50 (5,00) +50,0%
23. 10963 Kreuzberg-West / Möckernbrücke (Kreuzberg): 10,00 (6,70) +49,3%
24. 12435 Treptower Park (Treptow): 8,51 (5,70) +49,3%
25. 10249 Volkspark Friedrichshain (Friedrichshain): 9,75 (6,60) +47,7%
Die Zahlen sprechen für sich, meine ich. Wenn sie sich auch durch den Umstand relativieren lassen, dass die durchschnittliche Größe der Wohnungen in den Szenekiezen meist sehr niedrig ist und die absolute Wohnkostenbelastung daher trotz Spitzenmieten nicht weit über der in durchschnittlichen Lagen liegt, so ist es doch bemerkenswert, wie viele Menschen das relativ teure Leben auf engem Raum in den angesagten Innenstadtlagen goutieren. Wohl nirgendwo sonst gilt so sehr wie auf dem Wohnungsmarkt, dass sich einmal etablierte Trends meist sehr viel länger fortsetzen als gedacht. Doch hat der aktuelle GSW-Report noch eine andere auffällige Tendenz ans Licht gebracht: Während die Neu-Berliner (natürlich!) bevorzugt in die zentralen Szene-Kieze ziehen, weichen die alteingesessenen Berliner zunehmend in weniger zentrale Lagen aus. Daraus mag jeder seine eigenen Schlüsse ziehen..
www.justament.de, 20.1.2014: Unter Geistern
Recht cineastisch Spezial: Vor 35 Jahren erschien die DDR-Fernsehserie „Spuk unterm Riesenrad“
Thomas Claer
Ende der Siebziger- und Anfang der Achtzigerjahre verbrachte ich im Sommer manchmal ein oder zwei Ferienwochen bei meinen Großeltern in einer ostmecklenburgischen Kleinstadt ohne Farb- und – was viel schlimmer war! – ohne Westfernsehen. Es war schon starker Tobak für ein fernsehverwöhntes Kind wie mich, ausgerechnet in den Schulferien mit nur zwei Programmen auskommen zu müssen, wie man sie sich langweiliger und eintöniger nicht vorstellen kann: DDR 1 und DDR 2! Manchmal fing auch noch das Bild zu flackern an. Dann stand mein Opa auf, ging bedächtig zu jenem großen Holzkasten mit Röhre, den man damals Fernsehapparat nannte, und klopfte einmal kräftig mit der Faust drauf. Das Bild wurde davon zwar meistens auch nicht besser, aber mein Opa konnte wenigstens mal so richtig seinen Ärger rauslassen.
Doch hatte es eine glückliche Fügung mit sich gebracht, dass gerade als ich in diesem „Tal der Ahnungslosen“ weilte (so nannte man damals die Gebiete des Ostens ohne Westfernsehempfang), im Ferienprogramm zum wiederholten Male die wirklich unübertreffliche Kinder-Serie „Spuk unterm Riesenrad“ ausgestrahlt wurde: eine Folge täglich. Was konnte es Schöneres geben? Ich kann mich auch nicht erinnern, dass überhaupt jemals irgendeine DDR-Filmproduktion bei uns westfernsehverdorbenen Ost-Kindern so gut angekommen wäre wie diese schaurig-schöne Spukgeschichte, von der es wegen ihres großen Erfolgs später auch noch eine zweiteilige Kino-Version gab. Drei Kinder im Grundschulalter verbringen die Ferien (so ähnlich wie ich in der Wirklichkeit) bei ihren Großeltern – allerdings nicht in irgendeinem Kaff, sondern auf einem Rummel, genau genommen im größten Freizeitpark der DDR in Berlin-Plänterwald. Ihr Großvater betreibt dort die Gespensterbahn, und auf mysteriöse Weise werden seine drei furchterregendsten lebensgroßen Figuren, nämlich Hexe, Riese und Rumpelstilzchen, zum Leben erweckt. Die drei Geister machen sich aus dem Staub und werden von den Kindern im Auftrag ihres Opas und bald auch von der Volkspolizei gejagt. Sie, die letztmalig irgendwann im Mittelalter lebendig waren, irren durch Ost-Berlin, wundern sich über dieses und jenes, fahren U-Bahn (man erkennt den U-Bahnhof Samariterstraße, heute absolute Friedrichshainer Szenelage) und besuchen das HO-Centrum-Warenhaus am Alexanderplatz (heute Galeria Kaufhof). Zwischendurch warten sie mit allerhand Zauberkunststücken auf.
Wie sehr dabei eigentlich unentwegt der triste DDR-Alltag mit seinen heiter-tragischen Momenten auf die Schippe genommen wird, ist mir so richtig erst jetzt beim Ansehen der DVD klar geworden. Und die bürokratisch-vertrottelten Volkspolizisten! Und die nachgestellten stocksteifen Nachrichten der „Aktuellen Kamera“, die am Anfang jeder Folge über die Flucht der Gespenster berichten! Das ist mitunter von atemberaubender Komik. Überhaupt entdeckt man so viele kleine Nebensächlichkeiten. Wie schlecht zum Beispiel die Kinder zu jener Zeit behandelt wurden! Damals im Osten durfte man fremde Kinder einfach so anbrüllen oder ihnen Schläge androhen, da fand niemand etwas dabei. Es hat schon seinen Grund, wenn wir Ostdeutschen unserer Generation, jedenfalls verglichen mit gleichaltrigen Westdeutschen, immer etwas gehemmt und vorsichtig sind. Bei manchen Klassentreffen ist das schon ziemlich auffällig.
Es geht dann so weiter, dass die Hexe im Warenhaus keinen Besen finden kann und stattdessen einen Staubsauger erwirbt. (Da die Geister völlig mittellos sind, muss sie ihn stehlen, so wie der stets hungrige Riese allerhand Würstchen aus der Fleischabteilung und Rumpelstilzchen kostbaren Schmuck erbeutet.) Auf dem Staubsauger – die Stromversorgung gelingt, indem sie den Stecker dem stets wütenden Rumpelstilzchen kurzerhand in die Nase stecken – fliegen die Drei dann in den Harz und verschanzen sich schließlich in der Burg Falkenstein, wo die Hexe in besseren Tagen einmal ein edles Burgfräulein gewesen ist, das erst durch einen bösen Zauber zur Hexe mutierte. Am Ende werden Hexe und Riese, zwischen denen sich eine zunehmende erotische Spannung entwickelt („Ach, lieber Gevatter!“) durch gezielten Gegenzauber zu guten Menschen und anständigen DDR-Bürgern (ihnen werden feierlich die blauen Personalausweise ausgehändigt), während das unverbesserlich böse Rumpelstilzchen, das zwischenzeitlich ein kleines Mädchen entführt und um ein Haar die Burg angezündet hätte, zur Strafe wieder in eine Geisterbahn-Puppe zurückverwandelt wird.
Das namengebende Riesenrad ist im Plänterwald noch heute als Ruine zu bewundern. Überhaupt ist der Spreepark, wie er seit der Wende heißt, inzwischen ein verwunschener Ort geworden, seit der letzte Investor aus dem Westen bei seinem Versuch einer Wiederbelebung der Fuhr- und sonstigen Geschäfte vor zwölf Jahren Pleite ging. Es gab seitdem schon die verrücktesten Ideen, wie man das Gelände in bester Wasserlage, gleich hinter dem Treptower Park mit seinem kolossalen sowjetischen Ehrenmal, künftig nutzen könnte. (Erich von Däniken wollte dort sogar einmal einen Erlebnispark für Außerirdische errichten.) Bis heute wurden aber alle potentiellen Investoren von dem noch vom letzten Spreepark-Betreiber herrührenden immensen Schuldenberg abgeschreckt, der auf dem Pachtvertrag für das Grundstück lastet, in den jeder neue Investor einzutreten hätte. Als Zwischennutzung finden dort manchmal Popkonzerte statt, wie jenes legendäre im Mai 2013, als die Gruppe „The XX“ dort vor über 12.000 Berliner Hipstern spielte. Ach, wäre man da doch nur dabei gewesen!
Spuk unterm Riesenrad
DDR 1979
Länge: 200 Minuten (in 7 Teilen)
Regie/Drehbuch: C.U. Wiesner, Günter Meyer
Musik: Thomas Natschinski
Darsteller: Katja Paryla (Hexe), Stefan Lisewski (Riese), Siegfried Seibt (Rumpelstilzchen), Kurt Radeke (Opa), Käthe Reichel (Oma), Katrin Raukopf, Dima Gratschow, Henning Lehmbäcker (Kinder), Harry Pirtzsch (Leutnant Märzenbecher)



Nach offizieller Geschichtsschreibung gründeten sich die Einstürzenden Neubauten, die bedeutendste und berühmteste aller Kreuzberger Szenebands, am 1.April 1980, als Sänger Blixa Bargeld gefragt wurde, ob er nicht im Berliner Moon-Club spielen wolle und einfach ein paar Freunde anrief. Doch gab es durchaus schon frühere Tonaufnahmen von Blixa Bargeld und „seinen Freunden“ aus dem Jahr 1979, die später als Stücke der Einstürzenden Neubauten auf einem Sampler und einer raren Bootleg-Pressung namens