Tag Archives: Gustav Seibt

justament.de, 10.8.2026: Häppchenweise

Gustav Seibt ermöglicht uns einen “Sommer mit Goethe”

Thomas Claer

Keiner kennt alles von Goethe, zumindest fast keiner. Gustav Seibt (geb. 1959), den man als Deutschlands besten Feuilletonisten bezeichnen könnte (früher FAZ, seit langem SZ), hat nun einen feinen Sammelband herausgebracht, der sich an ein interessiertes Publikum mit überschaubaren Vorkenntnissen und begrenztem Zeitbudget richtet, das mehr über den maßgeblichen deutschen Großautor erfahren und dabei sachkundig angeleitet werden möchte. In nur einem Sommer, so das Versprechen dieses Buches, könne der Leser täglich auf nur fünf bis sechs Buchseiten einen bestimmten Aspekt im Leben und/oder Werk Goethes vertiefen – jeweils mit ein paar einschlägigen Zitaten und Gustav Seibts Kommentaren. In seinem Vorwort empfiehlt der Autor allerdings, sich dafür jeden Tag zumindest eine halbe Stunde Zeit zu nehmen, denn über die reine Lektüre hinaus sollten die DInge ja anschließend auch noch durchdacht werden. So wie auch Goethe in seinem Terminkalender in seinem jedenfalls in der zweiten Lebenshälfte vollständig durchgetakteten Leben stets gesonderte Zeiten zum Durchdenken bestimmter Angelegenheiten eingeplant hatte.

Dies und weitere weniger bekannte Umstände zu Goethes Person und seinen Arbeiten erfährt man neben auch einigem Geläufigeren aus diesem Werk. Vermutlich sind nicht alle der 51 Miniaturstücke für jeden Leser gleichermaßen interessant, aber es dürfte ganz sicher für jeden, der sich auf dieses Vorhaben einlässt, eine Menge Erhellendes dabeisein – selbst für jene, die sich schon recht gut auszukennen glauben. Und auch wer wie der Rezensent die strenge zeitliche Dosierung nicht durchzuhalten vermag, also an manchen Tagen gar nichts und an anderen dafür gleich mehrere Kapitel nacheinander liest, kommt am Ende gewiss auf seine Kosten. Offen bleiben muss allein die Frage, ob dieses Konzept auch in anderen Jahreszeiten als dem Sommer funktioniert, denn die entspannte und gelassene Stimmungslage des Buches entspricht doch sehr der Lebensart und Leichtigkeit der warmen Urlaubssaison.

Wobei sich mitunter das Wohlgefühl auch erst im Kontrast zwischen dem eigenen Erleben und dem Geschriebenen einstellt. Wenn Goethe sein Leben so dermaßen rigoros verplant und hart gegen sich selbst geführt hat und dann gegenüber Eckermann bekennt:

„Man hat mich immer als einen vom Glück besonders Begünstigten gepriesen […] Aber im Grunde ist es nichts als Mühe und Arbeit gewesen, und ich kann wohl sagen, dass ich in meinen fünfundsiebzig Jahren keine vier Wochen eigentliches Behagen gehabt habe. Es war das ewige Wälzen eines Steines, der immer von neuem gehoben sein wollte.“,

so kann man nur sagen: Kein Wunder! Etwas mehr Work/Life-Balance wie in seinen jungen Jahren auf der Italien-Reise hätte ihm sicher gutgetan. Aber das nur am Rande. Das Themenspektrum in diesem Büchlein reicht, um nur Weniges herauszugreifen, von Goethes sprachlicher Präzision und Kürze (trotz seines umfangreichen Werkes konnte er mit mit wenigen treffenden Worten sehr viel zum Ausdruck bringen) über gesellschaftspolitische Fragen (Goethes widersprüchliche Einlassungen zur Despotie, die er an einer Stelle als ordnungsstiftend lobt und an anderer Stelle als rohe Willkürherrschaft tadelt) bis hin zu Lifestyle- und Selbstoptimierungsfragen in Goethes Novelle “Der Mann von fünfzig Jahren”.

Kurzum, wer sein Wissen über Goethe endlich einmal ausbauen oder wieder auffrischen möchte, trifft mit dieser Sommer-Lektüre eine gute Wahl.

Gustav Seibt
Ein Sommer mit Goethe
Verlag C.H. Beck, 1. Auflage 2026
272 Seiten; 25,00 Euro
ISBN: 978-3-406-843600

Justament Sept. 2013: Immer wieder Goethe

SZ-Feuilletonist Gustav Seibt mit gesammelten Aufsätzen und Reden

Thomas Claer

14 LIT TC empfiehlt Cover Gustav SeibtAls Zeitungleser hat man natürlich immer so seine Lieblinge, deren Artikel man schon allein deshalb ohne Ausnahme liest, weil sie von jenen geschrieben wurden. Neben dem Schreibstil ist es dann meist auch das Themenspektrum der Texte, von dem man sich auf besondere Weise angesprochen fühlt. Und so verhält es sich auch beim Justament-Rezensenten mit Gustav Seibt, geboren 1959 in München und nun schon seit zwölf Jahren die Stimme des SZ-Feuilletons aus Berlin-Prenzlauer Berg. Seine aktuelle Aufsatzsammlung enthält insgesamt zehn Texte, die in den letzten Jahren bereits in diversen Blättern erschienen sind, wovon man als Leser allein der Süddeutschen Zeitung aber nicht immer Wind bekommen hat. Anders als es der Name dieses auch optisch und haptisch sehr feinen Bändchens suggeriert, geht es in ihnen keineswegs nur oder auch nur in erster Linie um Goethe (das ist gerade einmal bei drei dieser Texte der Fall), doch behandeln die übrigen – großzügig betrachtet – Goethes Zeitalter und so bedeutende Personen aus diesem wie Jacob Burckhardt, Friedrich von Gentz und Theodor Fontane. Oder es geht um die Bedeutung Preußens und Mitteldeutschlands, um die Figur des Außenseiters in der Literatur oder um eine Philosophie des Lachens. So schwebt am Ende über allen Abhandlungen doch zumindest der Geist Goethes. Herausgekommen ist ein sehr gelehrtes Büchlein, das mitunter auch schon mal tiefer ins Detail geht, als man es bei dieser kleinen Form erwartet hätte.
Besonders hervorzuheben ist “Sein Kaiser”, der das anfangs von Skepsis, später von Bewunderung und noch später von Ambivalenz gekennzeichnete Verhältnis Goethes zu Napoleon thematisiert. Dieser Text ergänzt eine frühere Veröffentlichung des Verfassers über das einzige Aufeinandertreffen des deutschen Dichterfürsten mit dem französischen Kaiser, die berühmte Unterredung am Vormittag des 2. Oktober 1808, die eine knappe Stunde dauerte. Goethe zeigte sich anschließend sehr geschmeichelt davon, dass Napoleon offensichtlich so gut mit ihm konnte: “Ich will gerne gestehen”, schrieb er an seinen Verleger Cotta, “daß mir in meinem Leben nichts Höheres oder Erfreulicheres begegnen konnte, als vor dem französischen Kaiser, und zwar auf eine solche Weise zu stehen. Ohne mich auf das Detail der Unterredung einzulassen, so kann ich sagen, daß mich doch niemals ein Höherer dergestalt aufgenommen, indem er mit besonderem Zutrauen, mich, wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf, gleichsam gelten ließ, und nicht undeutlich ausdrückte, daß ihm mein Wesen gemäß sei.” Doch sind später doch noch “Details der Unterredung” bekannt geworden, vor allem dieses, dass Napoleon gegenüber Goethe gewisse erzähltechnische Inkonsequenzen im “Werther” getadelt habe. Lange spekulierte die Literaturwissenschaft darüber, was Napoleon damit wohl gemeint haben könnte. Heute nimmt man an, dass Napoleon die Verzweiflung des Rechtspraktikanten Werther nicht so ganz nachvollziehen konnte, denn dieser hätte  doch schließlich mit Lotte unbeschadet ihrer Heirat mit Albert einfach etwas anfangen können. So kann aber natürlich nur ein Franzose respektive Korse denken… Es wird berichtet, auf dem schmählichen Rückzug mit seiner Grande Armée aus Russland vor 200 Jahren habe Napoleon beim Radwechsel in Erfurt Goethe seine Grüße ausrichten lassen.
Im Nachwort schreibt Gustav Seibt in Anspielung auf das berühmte Nietzsche-Zitat: “Ob Goethe ein Zwischenfall ohne Folgen bleibt, das hat jeder seiner Leser selbst in der Hand.” Und wir möchten hinzufügen, dass es auch jeder Leser selbst in der Hand hat, sich mit den gelungenen Aufsätzen und Reden von Gustav Seibt tief hinein in die Goethe-Zeit zu begeben.

Gustav Seibt
Goethes Autorität. Aufsätze und Reden
Zu Klampen Verlag Springe 2013
175 Seiten, EUR 18,00
ISBN 978-3-86674-223-9