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www.justament.de, 20.3.2017: Geteilte Stadt der Engel

Recht cineastisch Spezial: Vor 30 Jahren erschien „Der Himmel über Berlin“. Ein persönlicher Rückblick

Thomas Claer

Mein Gott, was für ein großartiger Film! Und ich habe es nicht gemerkt! Damals, in den Neunzigern, als Jurastudent in Bielefeld, sah ich zum ersten Mal dieses fantastische Drama von Wim Wenders – und konnte nicht viel damit anfangen. Zwei Engel in Menschengestalt (Bruno Ganz und Otto Sander als verdammt junge Männer) landen in West-Berlin und durchwandern ausgiebig die geteilte Stadt, machen dabei sogar einen Abstecher in den Osten. Sie sind unsichtbar für die Menschen, können dafür aber hören, was diese denken. Die beiden Engel fahren U-Bahn, besuchen die Staatsbibliothek, stehen am damals noch ruinenhaften Potsdamer Platz, wo ein sehr alter Mann von sehr fernen Zeiten fabuliert, als hier noch pralles Leben getobt habe. Sie ziehen durch die Straßen von Schöneberg und Kreuzberg mit ihren damals noch grauen, kaputten Häusern. Und dann landen sie in einem Kreuzberger Keller, wo zwei Bands aus Australien, Crime & the City Solution und Nick Cave & the Bad Seeds, eine unglaubliche Musik spielen. Zwei japanische Mädchen, und wohl nicht nur sie, erleben dabei, ausweislich ihrer von den Engeln belauschten Gedanken, überwältigende Glücksgefühle.
Doch all diese magischen Momente ließen mich damals kalt. Ich empfand die Handlung als ziemlich langatmig. (Das in der Tat etwas verschwurbelte Drehbuch hat der notorisch verschwurbelte Peter Handke geschrieben). Die Liebesgeschichte zwischen dem Engel Damiel (Bruno Ganz) und der Menschenfrau Marion (Solveig Dommartin), einer Zirkusakrobatin, die seinerzeit auf mich recht tantig wirkte, fand ich nur schwer nachvollziehbar. (Aus heutiger Sicht hingegen – inzwischen bin ich selbst so alt wie damals Bruno Ganz – erscheint mir Marion als durchaus attraktiv.) Vor allem aber war ich blind für all die schönen poetischen Bilder, aus denen dieser Film besteht. Und noch weit weg von Berlin, das mir später für all das die Augen öffnen sollte.
Eine Szene des Films spielt an der erst vor einem Jahr verschwundenen Imbissbude am U-Bahnhof Güntzelstraße, in unmittelbarer Nähe zu den Räumen unseres Lexxion Verlags. Und auf dem Weg in die Verlagsräume sah ich früher an warmen Tagen oft Otto Sander, der gleich um die Ecke wohnte, bei einem Glas Rotwein im Straßencafé sitzen. Ganz nah an seiner einstigen Wirkungsstätte. Dieser Film hat wie kaum ein anderer den Zauber dieser Stadt eingefangen.

www.justament.de, 23.9.2013: Zum Tod von Otto Sander und Marcel Reich-Ranicki

Thomas Claer empfiehlt – Spezial –

Das Leben ist immer auch eine Verkettung verpasster Gelegenheiten. Aber endgültig verpasst sind sie erst dann, wenn die Person, um die es sich handelt, oder man selbst unter der Erde liegt.

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Otto Sander (Foto: Wikipedia)

Bis vor einigen Jahren saß der große Schauspieler Otto Sander bei schönem Wetter oft vor dem Bistro unter den Lexxion-Verlagsräumen in der Güntzelstraße in Berlin-Wilmersdorf. Er wohnt hier gleich um die Ecke, erzählte man sich. Damals kam ich zeitweise täglich in den Verlag und sah ihn dort häufig sitzen, immer mit einem Glas Rotwein und brennender Zigarette. Manchmal klingelte sein Handy, und dann sprach er mit seiner unverkennbaren tiefen olympischen Stimme ein “Ja, hallo?” ins Gerät, so wie man es gerade noch bei einem seiner Auftritte in einer Fernsehkrimi-Reihe gehört zu haben glaubte. Seine Stimme hatte in den letzten beiden Jahrzehnten eine Art Solo-Karriere gemacht. Nachdem er auf ganz und gar großartige Weise einige Hörbücher eingelesen hatte, konnte er sich vor Anfragen gar nicht mehr retten,  sprach in historischen Fernsehsehsendungen ebenso wie auf Audio-Guides zu Sonderausstellungen in Berliner Museen. Allein durch die einzigartige Aura seiner Stimme verlieh er den Dingen, die er da vorlas, ein Gewicht, das sie sonst vielleicht gar nicht gehabt hätten.

Er saß dort also damals öfter, als ich in den Verlag ging, und einmal bin ich sogar mit ihm zusammen in der U-Bahn gefahren. (Die U-Bahn-Station Güntzelstraße kommt ja auch im Film “Der Himmel über Berlin” vor, in dem Otto Sander eine der Hauptrollen spielt.) Immer, wenn ich ihn sah, dachte ich mir, ich könnte ihn doch einmal darum bitten, mir meine von ihm eingelesene Montaigne-CD zu signieren. Aber dazu ist es nie gekommen. Da hätte man zumindest die CD und einen Stift immer dabei haben müssen. Einen Prominenten einfach nur blöd anquatschen will man ja auch nicht. Aber das schöne blaue, von keinem Kratzer verunstaltete Papp-CD-Cover ständig mit sich herumtragen für den Fall, dass einem Otto Sander mal wieder begegnet, das war auch keine Lösung. Denn das Cover hätte ja dabei Schaden nehmen können. Und so ist meine Montaigne-CD bis heute unsigniert geblieben – und wird es auch für alle Zeiten bleiben.

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Marcel Reich-Ranicki (Foto: Wikipedia)

Zufälligerweise hat in besagter Güntzelstraße in Berlin-Wilmersdorf aber auch ein anderer berühmter Mann seine Kindheit verbracht, der nur wenige Tage nach Otto Sander gestorben ist. Es ist ja wirklich ein sonderbares Gesetz der Serie, dass auf einen verstorbenen Prominenten kurz darauf noch mindestens ein weiterer folgt. So war es zumindest in den letzten Jahren, wenn ich mich da nicht einer optischen Täuschung hingebe. Nun kann man gegen Marcel Reich-Ranicki sicherlich eine Menge einwenden, ihn selbst als rachsüchtigen Machtmenschen und sein “Literarisches Quartett” als oberflächliches Spektakel ansehen. Doch weiß ich wirklich nicht, ob ich ohne seine theatralische Aufbereitung der Klassiker der Weltliteratur überhaupt jemals zu einem Roman gegriffen hätte. Es war Anfang der 90er Jahre gewissermaßen mein postpubertärer Teenagertraum, einmal selbst mit einem eigenhändig verfassten Buch in dieser scharfzüngigen Fernsehrunde besprochen zu werden. Genüsslich malte ich mir aus, wie Reich-Ranicki mit grimmigem Gesicht, lispelnd und zischend und mit dramatisch rollendem R meinen Namen skandierte, um dann erst einmal Frau Löffler, die sich ohnehin ständig irrte, und Hellmuth Karasek nach ihrer Meinung zu befragen, bevor er schließlich selbst sein unumstößliches Urteil fällte.

Ursprünglich zog ich es sogar in Erwägung, wie Thomas Mann bereits im Alter von 25 Jahren ein ganz großes Meisterwerk vorzulegen, doch je näher mein 25. Geburtstag rückte, desto bewusster wurde mir, dass es eng werden würde, denn ich hatte noch nicht einmal damit angefangen. Als ich dann schon deutlich über 25 war und noch immer kein einziges Buch zustande gebracht hatte, sorgte ein Eklat zwischen Ranicki und Frau Löffler für das Ende des “Literarischen Quartetts”, von dem ich nie auch nur eine einzige Folge versäumt hatte. Der Traum, im “Quartett” besprochen zu werden, war damit ausgeträumt. Doch es gab ja noch die ganz kleine Hoffnung, eines Tages, wenn der erste Roman abgeschlossen sein würde, diesen an den greisen Reich-Ranicki zu schicken, auf dass er sich seiner erbarme und anfange ihn zu lesen – und damit, weil es so interessant wäre, gar nicht mehr aufhören könne. Auch diese letzte verbliebene Hoffnung ist nun also geplatzt. Doch sollte ich irgendwann doch noch einen Roman verfassen, werde ich ständig daran denken, was ER wohl dazu sagen würde.