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justament.de, 8.4.2019: Furioses Finale

Der siebte und letzte Band von Marcel Prousts „Recherche“: „Die wiedergefundene Zeit“

Thomas Claer

Es ist vollbracht. Nach mehr als einem Jahrzehnt hat der Justament-Rezensent dieses (zumindest für seine Verhältnisse) gewaltige Lektürewerk abgeschlossen und darf sich nun stolz, wie bereits vor vielen Jahren angeregt, „Rechercheur“ nennen. Natürlich bringt ein zeitlich so ausgedehnter Leseprozess Vor- und Nachteile mit sich: Ungünstig dabei ist, dass aufgrund der immer wieder langen Unterbrechungen so manches Gelesene zwischenzeitlich in Vergessenheit gerät, besonders was die Namen und Zuordnungen des umfangreichen Personals der Romanhandlung betrifft. Wollte man hier immer vollständig auf der Höhe bleiben, so müsste man wahrscheinlich alle sieben Bände in einem Zug lesen und dafür idealerweise ein Sabbat-Jahr einlegen. Doch ist dies, wie mir jetzt klar geworden ist, gar nicht unbedingt zu empfehlen. Die langgestreckte, häppchenweise Lektüre mit langen Pausen hat den großen – und alle Nachteile bei weitem aufwiegenden – Vorteil, dass sie sich währenddessen immer auch zur eigenen unbeständigen zeitlichen Existenz des Lesers in Beziehung setzen lässt. Besonders gilt dies, wenn einem der Abschluss just in jenem Lebensalter gelingt, in dem sich auch der Ich-Erzähler am Ende des Romans befunden hat. Oder um es mit dem Literaturkritiker Denis Scheck zu sagen: In diesem Buch erfährt der Leser sehr viel über sich selbst – getreu dem auf den hintersten Seiten von der Erzählerstimme aufgestellten Diktum, dass die Leser dieses Werkes in erster Linie die Leser ihrer selbst seien; dieses Buch sei wie ein Vergrößerungsglas, es ermögliche ihnen, in sich selbst zu lesen.

Die alte Flamme

Was tut man, wenn sich die große Liebe für immer aus dem Leben verabschiedet hat, wenn seitdem schon etliche Jahre vergangen sind und man mittlerweile auch schon im fünften Lebensjahrzehnt steht? Sich noch einmal neu verlieben? Das ist für jemanden wie Marcel, den Ich-Erzähler der „Recherche“, der sich am liebsten ausgedehnten Erinnerungsräuschen hingibt und ganz allgemein nicht sonderlich zukunftsorientiert eingestellt ist, natürlich keine Option. Nicht, dass er asketisch lebte. Regelmäßig nimmt er gegen ein kleines Taschengeld leichte junge Mädchen „aus dem Volke“ (und die Mädchen „aus dem Volke“ konnten es sich zu jener Zeit, im frühen 20. Jahrhundert, gar nicht leisten, nicht käuflich zu sein) mit zu sich aufs Zimmer, um sie ein wenig „auf seinem Schoß sitzen zu lassen“, wie es beschönigend heißt. (Die langen Röcke, welche die Frauen aller Gesellschaftsschichten damals ausnahmslos trugen, hatten insofern auch eine durchaus praktische Seite.) Doch selbstverständlich würde er – als Upperclass-Mensch – jenseits seiner leiblichen Bedürfnisse niemals ein ernsthaftes Interesse an ihnen entwickeln. Dafür kämen allenfalls „Damen aus der Gesellschaft“ in Betracht. Allerdings ist Marcel seit den bittersüßen Jahren mit Albertine jede anderweitige Begeisterungsfähigkeit auf diesem Sektor verlorengegangen.

Und doch gäbe es da noch eine andere Möglichkeit… Marcels große unglückliche Jugendliebe Gilberte, die Tochter seines väterlichen Freundes Swann und dessen fataler Ehefrau Odette, ist seit einigen Jahren ausgerechnet mit seinem alten Kumpel, dem Marquis Robert de Saint Loup, verheiratet. Und das wohl – allem Anschein nach – nicht besonders glücklich. Robert hat nämlich inzwischen längst die Freuden der Homosexualität für sich entdeckt. Wobei er zusätzlich – er führt offenbar ein ausschweifendes Sexualleben – sogar noch zwei weibliche Mätressen unterhält. An wem er jedoch, spätestens seit der Geburt der gemeinsamen Tochter, überhaupt kein Interesse mehr zeigt, das ist seine eigene Ehefrau.

Da sollte doch, denkt man als Leser, noch so einiges möglich sein für Marcel. Nur wäre es etwas heikel, so mit der Gattin seines besten Freundes… Aber das Schicksal meint es gut mit Marcel. Als dieser seinem alten Freund Robert einen Besuch abstattet, übrigens im familieneigenen Schloss Tansonville, gelegen in der Normandie zwischen dem Schloss der Guermantes und dem vielfach erwähnten Badeort Balbec, unternimmt er allein mit Gilberte lange Strandspaziergänge bei Mondschein. Und Robert ist alles andere als eifersüchtig. Ganz im Gegenteil dankt er, der meistens wegen angeblicher dringender Angelegenheiten unterwegs ist, seinem Freund Marcel sogar ausdrücklich dafür, dass er sich so rührend um seine Frau kümmert… Und Gilberte findet offenbar großes Gefallen daran, viel Zeit mit Marcel zu verbringen. Als er ihr stockend gesteht, wie sehr er damals in sie verliebt war, antwortet sie: „Aber nein, so war es doch gar nicht. I c h war verliebt in S i e .“ Kurz gesagt, Marcel hat alle Trümpfe in der Hand und müsste nur noch die Gelegenheit beim Schopfe packen. Aber es gibt ein Problem. Gilberte, die mittlerweile um die vierzig sein dürfte, gefällt ihm längst nicht mehr so wie früher. „Sie selber war derart verändert, dass ich sie nicht mehr schön fand, ja, dass sie es überhaupt nicht mehr war.“ (An späterer Stelle des Romans wird Gilberte sogar konkret als „eine dicke Dame“ bezeichnet, die „nur noch für geistige Dinge lebt“). „Vor allem aber spürte ich keinen Kummer mehr; in der Rückerinnerung begriff ich nicht mehr, dass ich so unglücklich hätte sein können…“ Manchmal rostet sie eben doch, die alte Liebe… „Es heißt, und das erklärt vielleicht zum Teil die fortschreitende Abschwächung gewisser nervöser Affektionen, dass auch unser Nervensystem dem Altern ausgesetzt ist. Das trifft nicht nur auf unser Dauer-Ich zu, das für den ganzen Verlauf unseres Lebens vorhält, sondern auch für alle aufeinanderfolgenden Ichs, aus denen es sich alles in allem zusammensetzt.“

Und so bleibt es zwischen den beiden bei einer munteren Unterhaltung: „Wir plauderten, Gilberte und ich, in einer für mich sehr angenehmen Weise, wenn auch nicht ohne Schwierigkeit.“ Zumal sich Gilberte immerhin als kluge, anregende Gesprächspartnerin erweist: „Was den Verstand anbelangt, so war er bei Gilberte, wenn man von einigen Seltsamkeiten absah, die von ihrer Mutter stammten, ungewöhnlich wach.“

Später reflektiert Marcel über die traurige Vergänglichkeit seines Begehrens: „Nichts ist schmerzlicher als dieser Gegensatz zwischen der Verwandlung der Menschen und der Starrheit der Erinnerung, wenn wir begreifen, dass das, was in unserem Gedächtnis so viel Frische bewahrt hat, im Leben keine Frische haben kann, dass wir außerhalb von uns dem nicht mehr nahekommen können, was uns in unserem Inneren so schön erscheint und in uns das gleichwohl so individuelle Verlangen nach einem Wiedersehen weckt, es sei denn, dass wir es in einem Wesen desselben Alters suchen, das aber bedeutet nun einmal: in einem anderen Wesen. Das nämlich, was uns in einer Person, nach der wir Verlangen tragen, so einzigartig scheint, gehört – wie ich schon oft hatte vermuten können – im Grunde gar nicht ihr. Die verflossene Zeit gab mir davon noch einen vollständigeren Beweis, da ich nach zwanzig Jahren ganz spontan anstelle der Mädchen, die ich gekannt hatte, mich nach solchen umzusehen wünschte, die jetzt jene Jugend besaßen, welche den anderen damals zu eigen gewesen war.“ Daran, dass Frauen seines Alters vielleicht ebenfalls knackige junge Männer und nicht ihn bevorzugen würden, wenn sie die Wahl hätten, verschwendet Marcel selbstredend keinen Gedanken. Ebenso wenig – das wissen wir bereits aus den früheren Bänden – hat er Sinn für den (von nicht wenigen Männern sogar besonders goutierten) Liebreiz bestimmter Frauen reiferer Jahrgänge…

Als er Gilberte Jahre später auf einer Feier erneut begegnet, äußert er einen ausgefallenen Wunsch: „Ich sagte Gilberte, sie würde mir immer Vergnügen bereiten, wenn sie mich mit sehr jungen Mädchen einladen würde, sehr armen, wenn es möglich wäre, damit ich ihnen mit kleinen Geschenken eine Freude machen könne, ohne im übrigen von ihnen etwas anderes zu verlangen, als dass sie mir die Träumereien und Traurigkeiten von ehedem wiederschenkten, höchstens eines unwahrscheinlichen Tages einen keuschen Kuss.“ Das heißt, Marcel phantasiert vermutlich von einer Art Bunga-Bunga-Party mit jungen Mädchen unter Beteiligung Gilbertes, die immerhin noch seinen Geist anzuregen imstande ist, den Rest würden die jungen Mädchen besorgen… Gilbertes Reaktion auf diesen Vorschlag ist aber keineswegs empörte Zurückweisung. Nach kurzer Überlegung zog sie, „an der zweifellos etwas von der Herkunft ihrer Mutter haftete, einen kühneren Schluss als alle, die ich hätte voraussehen können: ‚Wenn Sie erlauben, sagte sie zu mir, werde ich jetzt meine Tochter holen und sie ihnen vorstellen… Ich bin sicher, sie wird für Sie eine liebenswürdige kleine Freundin sein.“ Über Gilbertes zu diesem Zeitpunkt 16-jährige Tochter, die von Marcel als „sehr schön“ beschrieben wird, heißt es an anderer Stelle: „Diese Tochter, deren Namen und Vermögen in ihrer Mutter die Hoffnung wecken konnte, sie werde einen königlichen Prinzen heiraten und damit das Aufstiegswerk Swanns und seiner Frau krönen, wählte zum Gatten später einen unbekannten Literaten, denn sie war von allem Snobismus frei, und führte so die Familie wieder hinab, und zwar unter das Niveau, aus dem sie emporgestiegen war.“

Die allgemeinen Gesetze der Liebe

Gibt es wirklich so etwas wie unumstößliche, universelle „Gesetze der Liebe“? Die kluge Erzählerstimme behauptet das, und nennt dafür Beispiele wie dieses:

„Man erinnerte sich, dass das Gefühl den Liebenden zu den größten Opfern für das geliebte Wesen anspornt, manchmal sogar zu dem Opfer seines Verlangens selbst, das im übrigen um so weniger leicht Erhörung findet, je mehr das geliebte Wesen spürt, dass der andere der ist, der stärker liebt.“

Oder dieses:

„Aber nie erhalten schwerwiegende Dinge, die wir sagen, eine mündliche noch schriftliche Erwiderung. Toren allein suchen vergebens zehnmal hintereinander um die Beantwortung eines Briefes nach, den sie nicht hätten schreiben sollen, der eine Entgleisung war; auf solche Briefe bekommt man eine Antwort immer nur durch Handlungen…“

Aber auch dieses:

„Während also tugendhafte junge Leute, sobald sie in die Jahre gekommen sind, sich den Leidenschaften überlassen, deren sie sich endlich bewusst geworden sind, werden leichtsinnige junge Burschen zu grundsatztreuen Männern… Alles ist somit eine Frage der Chronologie.“

Doch das Abgründigste aller Gesetze der Liebe ist zweifellos das folgende:

„Die Beziehungen zu einer Frau, die man liebt, können auch noch aus einem anderen Grunde platonisch bleiben als nur infolge der Tugend der Frau oder der wenig sinnlichen Natur der Liebe, die sie einzuflößen vermag. Dieser Grund kann darin bestehen, dass der Liebende, gerade aus dem Übermaß seiner Liebe heraus allzu ungeduldig, nicht genügend Gleichgültigkeit beim Abwarten des Augenblicks zu heucheln imstande ist, in dem er erlangen wird, was er sich wünscht. Immer wieder setzt er zum Angriff an, unaufhörlich schreibt er an die, die er liebt, er ist die ganze Zeit bemüht, sie zu sehen, sie verweigert sich ihm, er verzweifelt an seinem Glück. Von diesem Augenblick an hat sie begriffen, dass, wenn sie ihm ihre Gesellschaft und ihre Freundschaft zuteil werden lässt, die Vorteile dem, der sich ihrer bereits verlustig glaubte, so beträchtlich erscheinen werden, dass sie darauf verzichten kann, ihm noch mehr zu gewähren, und den Moment, in dem er es nicht mehr ertragen kann, sie nicht zu sehen, in dem er um jeden Preis dem Krieg ein Ende machen will, nutzen sollte, um ihm einen Frieden aufzuzwingen, dessen erste Bedingung in dem rein platonischen Charakter der Beziehungen zwischen ihnen beiden besteht. Im übrigen hat während der ganzen Zeit, die diesem Vertrag vorausgegangen ist, der Liebende, der immer ängstlich in unaufhörlicher Erwartung eines Briefes, eines Blickes dahinlebt, schon aufgehört, an den physischen Besitz zu denken, nach dem er gleichwohl zu Anfang so quälendes Verlangen trug, das sich jedoch in der Erwartung abgenutzt und Bedürfnissen anderer Art Platz gemacht hat, solchen, die im übrigen noch schmerzhafter sind, wofern sie keine Befriedigung finden. Dann empfängt man den Genuss, den man am ersten Tage von Zärtlichkeiten erhofft hatte, später in der völlig abgewandelten Form von freundlichen Worten, Versprechungen einer bloßen Anwesenheit, die nach den Wirkungen der Ungewissheit, manchmal auch schon nach einem von allen Nebeln der Kälte verschleierten Blick, der die Person, von der man glaubt, man werde sie niemals wiedersehen, in weite Ferne zu rücken pflegt, ganz köstliche Augenblicke der Entspannung mit sich führen. Die Frauen erraten das alles und wissen, dass sie sich den Luxus gestatten können, sich denen niemals hinzugeben, die zu nervös gewesen sind, um ihnen in den ersten Tagen das unstillbare Verlangen zu verheimlichen, von dem sie sie nun vollends verzehrt vor sich sehen. Die Frau ist nur zu glücklich darüber, wenn sie jetzt, ohne selbst irgendetwas zu geben, sehr viel mehr empfängt, als sie gemeinhin für ihre Hingabe zu erwarten hat. Stark nervöse Menschen glauben daher an die Tugend ihres Idols. Die Aureole aber, mit der sie es umkränzen, ist auf diese Weise ein – wie man sieht, sehr indirektes – Produkt ihres Liebesüberschwangs. Es existiert dann in der Frau etwas, das – wesentlich ohne ein Bewusstsein davon – in Medikamenten vorhanden ist, die ohne ihr Verschulden geradezu listig sind, wie Schlafmittel oder Morphium. Nicht für diejenigen, denen diese Medikamente die Lust des Schlafes oder ein wirkliches Wohlgefühl schenken, sind sie absolut unentbehrlich, nicht von ihnen werden sie mit Gold aufgewogen oder gegen alles eingetauscht, was der Kranke besitzt; das geschieht vielmehr von seiten der anderen Leidenden (im übrigen können es dieselben sein, aber erst nach ein paar Jahren, wenn sie andere geworden sind), denen das Medikament keinen Schlaf, keinerlei Lust verschafft, die aber, wenn sie es nicht haben, von einer Aufregung befallen werden, der sie um jeden Preis, selbst um den des Todes, ein Ende bereiten wollen.“ Und so bleibt es schließlich bei „ganz platonischen, aber doch aus Erotik etwas in die Länge gezogenen Begegnungen“.

Und zur Erklärung bestimmter individueller erotischer Vorlieben führt die Erzählerstimme aus:

„In den Personen, die wir lieben, ruht, durch uns fest in ihnen verhaftet, ein bestimmter Traum, den wir nicht immer herauserkennen, den wir aber verfolgen. …Gerade wegen dieses Individuellen übrigens, an dem man so leidenschaftlich hängt, ist schon die Liebe zu Personen etwas Ähnliches wie gewisse Abirrungen. Und sind nicht die Krankheiten des Körpers sogar, wenigstens diejenigen, die irgendwie mit dem Nervensystem zusammenhängen, ebenfalls gewisse von unseren Organen und Gelenken angenommene Spezialneigungen oder -abneigungen, aufgrund deren diese vor bestimmten Wetterlagen ein Grauen empfinden, das ebenso unerklärlich und ebenso eigensinnig ist wie die Neigung bestimmter Männer zum Beispiel zu Frauen, die einen Kneifer tragen, oder zu Kunstreiterinnen? Dieses Verlangen, das dann jedesmal der Anblick einer Kunstreiterin erweckt – wer vermag zu sagen, mit welchem chronischen, aber unbewussten Traum er verbunden ist, ebenso unbewusst und geheimnisvoll wie zum Beispiel für jemanden, der sein ganzes Leben lang unter asthmatischen Anfällen gelitten hat, der Einfluss einer ganz bestimmten Stadt, die scheinbar wie alle anderen ist, in der er jedoch zum erstenmal wieder frei atmen kann?“

Es ist Krieg

Die Romanhandlung ist mittlerweile im Ersten Weltkrieg angekommen. Auch in Paris kann kaum jemand dem Trommelfeuer aus Militärberichterstattung und patriotischer Propaganda entgehen. Die Erzählerstimme beurteilt dies kritisch, „aber man liest Zeitungen, wie man liebt: mit verbundenen Augen. Man versucht, den Dingen nicht auf den Grund zu gehen. Man hört die süßen Reden des Chefredakteurs mit an, wie man den Worten seiner Geliebten lauscht.“ Doch gibt es Personengruppen, die all das kalt lässt: „Tatsächlich stand die tiefe, durch den Krieg bewirkte Wandlung im umgekehrten Verhältnis zu dem Wert der betroffenen Geister, mindestens von einer gewissen Stufe an. Ganz unten beschäftigten sich die bloßen Dummköpfe und die einzig dem Amüsement zugewendeten Leute überhaupt nicht mit der Tatsache, dass Krieg war. Ganz oben aber haben die, die sich im Innern eine eigene Welt schaffen und darin leben, wenig Blick für die Wichtigkeit äußerer Ereignisse.“

Marcels Freund Robert de Saint-Loup trägt eine besonders patriotische Gesinnung zur Schau, wird ein, wie es heißt, „doktrinärer Theoretiker“ und meldet sich sogar freiwillig an die Front. Doch gibt es dafür offenbar noch andere Gründe… „Auch außerhalb der Homosexualität besteht bei Leuten, die dieser von Natur völlig abgeneigt sind, ein immer gegenwärtiges Ideal der Männlichkeit, das dem Homosexuellen, wofern er nicht ein sehr überragender Geist ist, recht gelegen dafür kommt, dass er es auf seine Weise verfälscht. Dieses Ideal gewisser Militärs“ ist nicht „das Ideal der Männlichkeit bei Homosexuellen wie Saint-Loup, aber ebenso konventionell und ebenso verlogen, weil sie sich selbst nicht eingestehen wollen, dass physisches Verlangen auf dem Grunde der Gefühle ruht, die sie aus anderen Quellen herleiten.“

Eine besondere Präferenz hat Robert de Saint-Loup dabei für Senegalesen, und er konsumiert bei der Armee begeistert Kokain. Schließlich erreicht Marcel eines Tages die traurige Nachricht, dass sein Freund Saint-Loup im Krieg gefallen ist.

Baron de Charlus wundert sich über den Krieg

Ebenfalls ein interessierter Beobachter des Krieges, jedoch ohne an diesem teilnehmen zu müssen, ist der inzwischen in die Jahre gekommene Onkel Robert de Saint-Loups, der Baron de Charlus.

„Die Situation von Monsieur de Charlus war die gleiche nicht mehr. Da er sich selbst immer weniger um die Gesellschaft kümmerte, sich infolge seines reizbaren Charakters mit ihr überworfen und im Bewusstsein seiner sozialen Höhenlage verschmäht hatte, sich mit der Mehrzahl der Personen wieder zu versöhnen, die die Blüte der großen Welt ausmachten, lebte er in einer relativen Isolierung…“ Es ist sogar so weit gekommen, dass sich dieser stolze Aristokrat mittlerweile hauptsächlich mit Leuten unter seinem Stand abgibt… Und da sich kriegsbedingt immer weniger junge Männer auftreiben lassen, denen nach wie vor seine erotischen Begierden gelten, weicht er mitunter auf kleine Jungen aus… In der Beurteilung des Krieges fehlt ihm jedes Vaterlandsgefühl, vermutlich weil seine Mutter eine Deutsche ist. Überhaupt beurteilt er das Geschehen sehr pointiert und mit ganz eigener Sichtweise.

Über den österreichischen Kaiser urteilt er: „Die schärfste Kritik, die ich an dem alten Souverän üben würde, ist, dass ein Herr seines Ranges, der Chef eines der ältesten und ruhmreichsten Häuser Europas, sich von einem im übrigen recht gescheiten Krautjunker leiten lässt, diesem Wilhelm von Hohenzollern, der letzten Endes ein bloßer Emporkömmling ist. Das gehört für mich zu den am meisten enttäuschenden Anomalien des Kriegen.“

Und was ihn sonst noch stört am Krieg: „Man spricht von Vandalismus, von zerstörten Kulturdenkmälern. Aber liegt ein Vandalismus nicht auch in der Zerstörung so vieler prachtvoller junger Leute, die ganz unvergleichliche polychrome Bildnisstatuen waren? Muss nicht eine Stadt, die über keine schönen Männer verfügt, den gleichen Eindruck erwecken wie eine Stadt, deren gesamter Bestand an Werken der Bildhauerkunst vernichtet ist?“

Was ihm hingegen am Krieg gefällt: „Ich bewundere alle Helden dieses Krieges. Da sind zum Beispiel die englischen Soldaten…Nun, ich muss sagen, rein ästhetisch betrachtet, gleichen sie ganz den Athleten Griechenlands, jawohl Griechenlands, sie sind wie die Schüler Platons oder besser noch wie die Spartiaten. Ein Freund von mir ist nach Rouen gegangen, wo sie ihr Lager haben, er hat dort wundervolle Gestalten erblickt, wahre Weltwunder, wie man sie sich gar nicht vorstellen kann.“

Hinsichtlich der vielen Soldaten aus den französischen Kolonien in den Straßen von Paris befindet er: „‘Ist hier nicht der ganze Orient eines Decamps, eines Fromentin, eines Ingres, eines Delacroix enthalten?‘, sagte er zu mir, immer noch durch den Anblick eines vorbeigehenden Senegalnegers in eine Art von Erstarrung gebannt. ‚Sie wissen ja, ich persönlich interessiere mich für die Dinge und Geschöpfe immer nur als Maler oder als Philosoph. Im übrigen bin ich jetzt zu alt…‘“

Doch dies ist, wie sich zeigen wird, nur eine Schutzbehauptung…

Das Hotel der Lüste

Im weiteren Verlauf der Romanhandlung erhält der Leser tiefe Einblicke in das „nervöse Temperament und die tief leidenschaftliche Charakterveranlagung von Monsieur de Charlus“.
Zur Befriedigung seiner recht speziellen Begierden hat sein alter Bekannter (und homoerotischer Geliebter), der frühere Schneider Jupien, in Paris ein Hotel eingerichtet, das er – vom Baron de Charlus finanziert – nun betreibt. „Das Gewerbe, das er trieb, konnte freilich mit vollem Recht als eines der lukrativsten, aber auch als das letzte von allen angesehen werden.“ Dort lässt sich der Baron, während er von Marcel zufällig dabei beobachtet wird, „auspeitschen, bis das Blut spritzt“. Charlus bestand darauf, „dass man ihm um Hände und Füße Eisenringe von erprobter Festigkeit legte“, verlangte „nach der Geißel und grausamen weiteren Instrumenten, die äußerst schwer zu beschaffen waren…“

In diesem Hotel erfreut sich ein sehr gemischtes Publikum an (homosexuellen) Fetischen aller Art. So sind z.B. Kanadier aufgrund ihres Akzents sehr beliebt. „Wegen ihres Röckchens und weil gewisse sentimentale Träume sich oft mit solchen Wünschen verbinden, waren Schotten besonders gefragt.“ „Da aber jede Narrheit noch besondere Züge, manchmal auch noch eine Verstärkung von den Umständen her erhält, fragte ein Greis, dessen Neugier zweifellos einigermaßen befriedigt war, nachdrücklich immer wieder, ob man ihn nicht mit einem Kriegskrüppel in Verbindung setzen könnte.“

Eine weitere obskure Vorliebe des Baron de Charlus ist es, sich mit Kriminellen, vor allem mit Dieben und Mördern, zu vergnügen. Und obwohl er eigentlich durchschaut, dass die von Jupien engagierten jungen Männer ihm ihre angebliche Verdorbenheit nur vorspielen, „wünscht er sich selbst die Illusion, sie seien nicht eigens für ihn arrangiert.“ „Selbst die entschiedensten Diebe und Mörder hätten ihn nicht zufriedengestellt, denn sie bewegen sich alle mit ihren Worten nicht auf der Höhe ihres Verbrechens. Es besteht im übrigen in dem nach Sadismus Begierigen – selbst wenn er noch so gut ist, oder vielmehr erst recht, je besser er ist – ein förmlicher Durst nach dem Bösen, den die bösen Menschen, da sie ja ganz andere Zwecke im Auge haben, nicht befriedigen können. … Nichts ist begrenzter als Laster und Lust.“

„Im Grunde verriet sein Verlangen, gefesselt und geschlagen zu werden, in seiner Hässlichkeit einen ebenso poetischen Traum, wie es bei anderen der Wunsch war, nach Venedig zu reisen, oder Tänzerinnen auszuhalten. Monsieur de Charlus aber verlangte von diesem Traum freilich eine so weitgehende Illusion der Wirklichkeit, dass Jupien das hölzerne Bett, das in Zimmer Dreiundvierzig stand, verkaufen und durch ein eisernes ersetzen musste, das sich besser mit den Ketten vertrug.“

Lob der Dunkelheit: Luftschutzkeller als Darkrooms

Wie viele andere Kunden des besagten Hotels sehnt Baron de Charlus stets besonders den Bombenalarm herbei.

„Was machen Sirenen und deutsche Flugzeuge Leuten aus, die ihr Vergnügen suchen? Der gesellschaftliche und natürliche Rahmen, der unsere Liebeserlebnisse umgibt, beschäftigt uns beinahe gar nicht.“ „Ja mehr noch, die physische Gefahr, die sie bedrohte, befreite sie von der Furcht, von der sie in geradezu krankhafter Weise seit so langem schon besessen waren. … Während einiger Zeit würden jetzt die Polizeistreifen sich nicht um die so unwichtigen Lebensgewohnheiten der Einwohner kümmern, noch sie eventueller Schande überantworten. Einige von ihnen dachten aber sogar weniger daran, ihre moralische Freiheit wiederzuerlangen, als dass sie die Dunkelheit, die plötzlich in den Straßen herrschte, wie eine Verlockung empfanden. … Die Dunkelheit aber, die alle Dinge rings wie ein ganz neues Element umschließt, bringt die für gewisse Personen unwiderstehliche verlockende Wirkung hervor, das erste Stadium der Lust auszuschalten und unmittelbar in eine Phase der Zärtlichkeit einzutreten, zu der man gewöhnlich erst nach einiger Zeit gelangt. … Auch am Abend jedenfalls ist (wie schwach beleuchtet die Straße auch sei) mindestens ein Vorspiel fällig, bei dem zunächst nur die Augen das Vergnügen vorwegnehmen, da allein schon die Scheu vor den Vorübergehenden, auch vor dem begehrten Wesen selbst, einen zunächst daran hindert, mehr zu tun als zu schauen und zu reden. In völliger Dunkelheit wird dieses ewig alte Spiel jedoch überflüssig, die Hände, die Lippen, die Leiber können von vornherein sich betätigen. Notfalls stehen immer noch als Entschuldigung die Dunkelheit selbst und die Irrtümer zur Verfügung, die durch sie entstehen, wofern der Vorstoß schlecht aufgenommen wird. Findet man aber Verständnis, so erweckt in uns die unmittelbare Antwort des Körpers, der sich nicht zurückzieht, sondern annähert, die Vorstellung, dass die, an die wir uns schweigend wenden, vorurteilsfrei und eher lasterhaften Neigungen unterworfen sind, eine Vorstellung, die eine Vermehrung des Glücks bedeutet, ohne weiteres die Frucht genießen zu können, ohne sie zuvor mit den Augen zu begehren und um Erlaubnis zu bitten.“

Doch sind die vielen erotischen Exzesse des Barons de Charlus offenbar seiner Gesundheit nicht zuträglich. Nach einiger Zeit erleidet er einen Schlaganfall, was zu dauerhaften Sprachstörungen und seiner vorübergehenden Erblindung führt. Darüber hinaus leidet er an Depressionen. Doch selbst in diesem elenden Zustand stellt er noch jungen Männern nach…

Erinnerung als Rettung: Erschaffung eines Kunstwerks

Auch Marcel ist durch sein chronisches Lungenleiden gesundheitlich angeschlagen. Immer öfter begibt er sich in Sanatorien, um sich behandeln zu lassen. Und wie steht es um seine schriftstellerischen Ambitionen? „Da meine Trägheit mir die Gewohnheit mitgeteilt hatte, meine Arbeit immer von einem Tag auf den folgenden zu verschieben, stellte ich mir zweifellos vor, es könne mit dem Tod ebenso sein.“

Nein, an Albertine denkt er nach all den Jahren schon lange nicht mehr. „Niemals dachte ich mehr an sie.“ Und dann denkt er plötzlich doch wieder an sie an einem lauen Sommerabend in Paris: „Ach, hätte Albertine noch gelebt, wie herrlich wäre es dann gewesen, ich hätte mich mit ihr an Abenden, an denen ich in der Stadt zur Nacht gegessen hatte, im Freien unter den Arkaden treffen können! Zunächst hätte ich nichts gesehen, ich hätte die Aufregung durchgemacht zu glauben, sie habe das Rendezvous versäumt, dann aber hätte ich mit einem Male gesehen, wie sich von der schwarzen Mauer eines ihrer geliebten grauen Gewänder abhob und ihre lächelnden Augen mich bemerkten, und dann hätten wir eng umschlungen, ohne dass irgendjemand es sah und uns störte, zusammen nach Hause gehen können…Ach, ich war allein…“ „Ich durchmaß nicht die gleichen Straßen wie die Spaziergänger, die an diesem Tage sich im Freien ergingen, sondern eine gleitende, traurige, weiche Vergangenheit. Diese bestand im übrigen aus so vielen verschiedenen Vergangenheiten, dass es schwierig für mich war, den Grund meiner Schwermut zu begreifen…“

Marcels rettender Einfall wird wie folgt geschildert: „In dem Augenblick aber, in dem uns alles verloren scheint, erreicht uns zuweilen die Stimme, die uns retten kann; man hat an alle Pforten geklopft, die auf gar nichts führen, vor der einzigen aber, durch die man eintreten kann, und die man vergeblich hundert Jahre lang hätte aufsuchen können, steht man, ohne es zu wissen, und sie tut sich auf.“ Es ist die unwillkürliche Erinnerung an früher Erlebtes. Er tritt auf einen schlecht behauenen Pflasterstein und befindet sich – gefühlt – plötzlich auf dem Markusplatz in Venedig, wo ihm einst ähnliches passiert ist. Ganz zu Anfang des Romans weckte der Geschmack eines kleinen Madeleine-Küchleins die Erinnerung an seine Kindheit in Combray. Für Marcel sind dies „einzigartige Glücksmomente“:

„Wie in dem Augenblick, in dem ich die Madeleine gekostet hatte, waren alle Sorgen um meine Zukunft, alle Zweifel meines Verstandes zerstreut.“ „Warum hatten mir die Bilder von Combray und von Venedig so viel Freude gegeben, Freude, die einer Gewissheit glich und ohne sonstige Beweise genügte, mir selbst den Tod gleichgültig erscheinen zu lassen? …Weil in diesem Augenblick das Wesen, das ich zuvor gewesen war, außerzeitlich wurde und daher den Wechselfällen der Zukunft unbesorgt gegenüberstand. Nur außerhalb des Handelns und unmittelbaren Genießens war dieses Wesen zu mir gekommen, hatte es sich manifestiert, sooft das Wunder einer Analogie mich der Gegenwart enthob. Es hatte als einziges die Macht, mich zu den alten Tagen, der verlorenen Zeit wieder hinfinden zu lassen, während gerade das den Bemühungen meines Gedächtnisses und Verstandes immer wieder misslang.“

Die Zeit (wie auch der Raum) ist durch diese unwillkürliche Erinnerung aufgehoben. Nicht verstandesgemäß, sondern eher rein sinnlich. Marcel spürt eine „unbändige Lust zu leben“, jetzt, da „in ihm „ein wirklicher Augenblick der Vergangenheit wiedererstanden war.“ „Vielleicht weit mehr als das; etwas, was – zugleich der Vergangenheit und der Gegenwart zugehörig – viel wesentlicher als beide ist. So viele Male hatte im Laufe meines Lebens die Wirklichkeit mich enttäuscht, weil in dem Augenblick, da ich sie wahrnahm, meine Einbildungskraft, die mein einziges Organ für den Genuss der Schönheit war, sich nicht dafür verwenden ließ: auf Grund des unumstößlichen Gesetzes, dass einzig das Abwesende Gegenstand der Imagination sein kann. Hier nun hatte sich plötzlich die Wirkung dieses harten Gesetzes als neutralisiert und aufgehoben erwiesen durch einen wundervollen Kunstgriff der Natur, die eine Empfindung einmal in der Vergangenheit aufschillern ließ, was meiner Einbildungskraft sie zu genießen gestattete, zugleich aber auch in der Gegenwart, in der nun die wirkliche Aktivierung meiner Sinne … zu den Träumen der Einbildungskraft das hinzutat, was ihnen gewöhnlich fehlte, das heißt die Idee der Existenz; dank diesem Auskunftsmittel aber hatten sie meinem Wesen für die Dauer eines Blitzes erlaubt, etwas zu erlangen, zu sondern und festzuhalten, was es niemals erahnt hatte: ein kleines Quantum zusatzloser Zeit.“ „Das Wesen, das in mir wiedergeboren war… nährt sich einzig von der Essenz der Dinge und findet in ihr allein seinen Bestand und seine Beseligung. …Und unser wahres Ich, das manchmal seit langem tot schien, aber es doch nicht völlig war, erwacht und gewinnt neues Leben aus der göttlichen Speise, die ihm zugeführt wird.“ Für den so „von der Ordnung der Zeit frei gewordenen Menschen“ hat „das Wort Tod keinen Sinn mehr“, „was könnte er, der Zeit enthoben, für die Zukunft fürchten?“

Marcel ist wie berauscht von der Entdeckung dieser „der Zeit entzogenen Fragmente des Daseins“.„Ich hatte zu sehr die Unmöglichkeit an mir selbst erlebt, in der Wirklichkeit zu erreichen, was auf dem Grunde meines Inneren ruhte.“„Eindrücke von der Art derjenigen, die ich festzuhalten versuchte, konnten bei dem Kontakt mit einem unmittelbaren Genuss, der unfähig gewesen ist, sie zum Leben zu erwecken, nur verlorengehen. Die einzige Art, sie nachhaltiger zu genießen, bestand in dem Versuch, sie vollständiger da zu erkennen, wo sie sich befanden, das heißt in mir selbst, sie bis in ihre Tiefen klar und deutlich zu machen.“ „Ich fühlte sehr wohl, dass die Enttäuschung der Reise, die Enttäuschung der Liebe nicht verschiedene Enttäuschungen waren, sondern nur der sich wandelnde Aspekt, den je nach dem Faktum, an das er sich heftet, unsere Ohnmacht annimmt, sich im materiellen Genuss, im tatsächlichen Tun zu verwirklichen.“ „Denn die Wahrheiten, die der Verstand unmittelbar und eindeutig in der Welt des hellen Tageslichts aufgreift, besitzen weniger Tiefe, weniger innere Zwangsläufigkeit als diejenigen, die das Leben uns ohne unser Zutun in einem Eindruck mitgeteilt hat, der zwar gegenständlicher Natur ist, weil er durch die Sinne zu uns dringt, aus dem wir aber das geistige Element dennoch herauslösen können.“Nun macht er sich an die „Wiederauferweckungen durch die Kraft des Gedächtnisses“.

Wie das geschehen soll: „Ich musste versuchen, die Empfindungen als die Zeichen ebenso vieler Gesetze und Ideen zu deuten, indem ich zu denken, das heißt aus dem Halbdunkel hervortreten zu lassen und in ein spirituales Äquivalent umzusetzen versuchte, was ich empfunden hatte. Was anderes war dieses Mittel nun – das mir das einzige zu sein schien – als das Schaffen eines Kunstwerks?“ Er begreift das „Lesen im inneren Buch“ als „Schöpfungsakt“; die Kunst ist für ihn „das Wirklichste, was es gibt, die strengste Schule des Lebens und das wahre Jüngste Gericht.“ Es darf nur nicht zu intellektuell werden: „Die kräftig auftretende Versuchung für den Schriftsteller, intellektuelle Werke zu schreiben, dokumentiert einen großen Mangel an Verfeinerung. Ein Buch, das Theorien enthält, ist wie ein Gegenstand, an dem noch das Preisschild hängt. Man argumentiert, das heißt man redet um die Dinge herum… Die auszudrückende Wirklichkeit hat ihren Sitz – das war mir jetzt klar – nicht in dem äußeren Aspekt des Objekts, sondern in einer Tiefe, in der dieser Schein wenig Bedeutung hat…“

Die gealterte Gesellschaft

Noch ein letztes Mal begibt Marcel sich auf ein rauschendes Fest, einen Empfang der Prinzessin von Guermantes, um sich fortan dann aber wirklich nur noch seinem Buchprojekt zu widmen. Auf dem Empfang begegnen ihm zahlreiche alte Bekannte, deren altersbedingte Veränderung ihm sofort ins Auge springt.

„Ungeahnte Möglichkeiten hatte die Zeit aus diesem und jenem gezogen, aber diese Möglichkeiten schienen, obwohl sie rein physiognomischer oder körperlicher Natur waren, dennoch etwas Seelisches zu sein. Wenn die Gesichtszüge sich wandeln oder sich anders ordnen, wenn sie in einer gemeinhin langsameren Weise sich ausgleichen, nehmen sie mit einem neuen Aspekt auch eine neue Bedeutung an. Nicht mehr in einem zoologischen Sinne…, sondern in einem sozialen und psychologischen Sinn konnte man sagen, dass hier eine neue Person vor einem stand.“

In bitterem Sarkasmus betrachtet er den Menschen als „Wesen, das während der ganzen Dauer seines Weges in den Abgrund, in den es geschleudert wird, sich unaufhörlich deformiert“ .„Bei einigen Menschen hatte das nacheinander erfolgende, für mich aber in meiner Abwesenheit vollzogene Ersetzen jeder einzelnen Zelle durch eine andere eine so vollkommene Veränderung, eine so totale Metamorphose bewirkt, dass ich hundertmal beim Abendessen in einem Restaurant ihnen hätte gegenübersitzen können, ohne stärker zu verspüren, dass ich sie früher gekannt hatte…“

Seine eigene Alterung bemerkt Marcel vor allem am Verhalten seiner Mitmenschen. Als Gilberte, die ihre Ambitionen noch nicht ganz aufgegeben hat, ihm vorschlägt: „Wollen wir beide nicht allein in der Stadt zusammen zu Abend essen?“ und Marcel darauf antwortet: „Wenn Sie es nicht kompromittierend finden, allein mit einem jungen Mann zu dinieren“, löst dies bei den Umstehenden Gelächter aus, woraufhin Marcel sich korrigiert: „mit einem alten Mann“ – und niemand widerspricht! Jemand fragt Marcel, ob er noch sein Lungenleiden habe, und als dieser dies bejaht, setzt jener hinzu: „Sehen Sie, selbst mit dieser Krankheit kann man doch ein ganz schönes Alter erreichen.“

Doch altern, wie jeder weiß, der regelmäßig an Klassentreffen teilnimmt, nicht alle Menschen in gleichem Umfang und in gleichem Tempo: „Man hatte das Gefühl, dass es wie im Pflanzenreich Moose, Flechten und dergleichen auch unter den Menschen Arten gibt, die sich beim Nahen des Winters nicht verändern.“ „Die Zeit verfügt demnach über Schnell- und Sonderzüge, die rasch zu einem vorzeitigen Alter führen. Auf einem Parallelgeleise jedoch verkehren Züge in umgekehrter Richtung und fast ebenso schnell. Jemand hatte einen gescheiten Arzt gefunden und verzichtete seither auf Alkohol und Salz; so war er zu dem Status seiner dreißig Jahre zurückgekehrt und schien ihn an diesem speziellen Tag nicht einmal erreicht zu haben…“ „Aber ich hatte auch gesehen, dass die seelischen Zellen, aus denen ein Wesen sich zusammensetzt, beständiger sind als dieses Wesen selbst.“

Marcel erlebt „die Überraschung, mit Männern und Frauen zu sprechen, die früher unerträglich gewesen waren, jetzt aber ihre Fehler fast sämtlich abgelegt hatten, da offenbar das Leben durch Versagen oder Erfüllen ihrer Wünsche ihre Anmaßlichkeit oder Bitterkeit von ihnen genommen hatte. Eine reiche Heirat, dank der man Kampf oder Ostentation nicht mehr nötig hat, der Einfluss auch gerade der betreffenden Frau, die allmählich erworbene Kenntnis von anderen Werten als denjenigen, an die man in einer frivolen Jugend ausschließlich glaubt, hatten ihnen gestattet, ihren Charakter aus seiner Verkrampfung zu lösen und ihre Vorzüge wirksam hervorzukehren.“

Über den Alterungsprozess bei Frauen stellt er fest: „Fast alle Frauen aber kämpften gegen das Alter ohne Ermatten an und boten der Schönheit, die sich von ihnen entfernte wie ein Sonnenuntergang, dessen letzte Strahlen sie leidenschaftlich noch bewahren wollten, den Spiegel ihres Antlitzes dar.“ „Die Züge, in denen sich weniger die Jugend, wohl aber die Schönheit ausgeprägt hatte, waren bei den Frauen dahingeschwunden, und sie hatten daraufhin versucht, ob sie sich mit dem Gesicht, das ihnen verblieben war, eine andere herstellen könnten. Dadurch, dass sie das Zentrum, wenn auch nicht der Schwerkraft, so doch wenigstens der Perspektive ihres Gesichts verlagerten und die Züge einer anderen Wesensmöglichkeit gemäß darumgruppierten, legten sie mit fünfzig Jahren den Grund zu einer neuen Art von Schönheit, so wie man noch spät ein neues Handwerk erlernt oder einem Boden, der zum Weinbau nicht mehr taugt, Rüben abgewinnt.“

Mit Schrecken registriert Marcel, wie so manchen alten Bekannten bereits der Tod hinweggerafft hat. „Für die Leute des gleichen Alters und der gleichen Kreise aber hatte der Tod die einstige Bedeutung von etwas Fremdartigem verloren.“ „Denn jeder Sterbefall bedeutet für die anderen eine Vereinfachung ihrer Existenz, er nimmt einem alle Skrupel wegen des Erzeigens von Dankbarkeit ab und hebt den Zwang zum Besuchemachen auf.“

Natürlich fehlt es auch bei dieser Zusammenkunft der High Society nicht an Klatsch und Tratsch. Der Herzog von Guermantes hat angeblich im Alter von nunmehr 83 Jahren aufgehört, seine Frau zu betrügen, doch nun verliebt er sich doch noch einmal: ausgerechnet in Gilbertes über siebzigjährige Mutter Odette (der dies sehr schmeichelt). „Odettes Aussehen schien, wenn man ihr Alter kannte und sich auf eine alte Frau gefasst machte, ein erstaunlicherer Protest gegen die Gesetze der Chronologie als die Erhaltung des Radiums gegen die der Natur.“ Und auch mit der Tugend der deutlich jüngeren Herzogin von Guermantes, von der Marcel einst vorübergehend geschwärmt hatte, scheint es nicht mehr so weit her zu sein. Zumindest „behauptete Monsieur de Charlus…, dass die Legende von der Reinheit der Herzogin von Guermantes (seiner Schwägerin) in Wirklichkeit aus einer Unzahl von geschickt verhehlten Abenteuern bestehe.“

In seinen Gesprächen mit den Besuchern verblüfft Marcel ferner, wie unterschiedlich sich die Menschen an Zurückliegendes erinnern. „Auch bei sonst gleichem Gedächtnis erinnern sich zwei Personen nicht an die gleichen Dinge.“ „Im übrigen sind die Erinnerungen, die wir aneinander haben, die gleichen nicht einmal in der Liebe.“ „Denn das Gedächtnis, indem es die Vergangenheit in unveränderter Gestalt in die Gegenwart einführt – so nämlich, wie sie sich in dem Augenblick präsentierte, als sie selber noch Gegenwart war – bringt gerade jene große Dimension der Zeit zum Verschwinden, in der das Leben sich realisiert.“ So ist ein „Kunstwerk das einzige Mittel, die verlorene Zeit wiederzufinden.“

Bausteine einer ästhetischen Theorie

Entscheidend für das Gelingen eines (literarischen) Kunstwerks ist es in Marcels Augen somit, die Einwirkung der Zeit auf die menschliche Existenz herauszuarbeiten:

„Eine Sache, die wir zu einem bestimmten Zeitpunkt sehen, ein Buch, das wir lesen, bleibt für immer nicht nur mit dem verknüpft, was um uns her vorhanden war, sondern ebenso treu bleibt es verbunden mit dem, was wir damals waren.“ „Der Schnee, der die Champs-Elysees an dem Tage bedeckte, an dem ich in jenem Bande las, ist nie von ihm geschwunden, er liegt für mich noch immer darauf.“ „Eine Stunde ist nicht nur eine Stunde; sie ist ein mit Düften, mit Tönen, mit Plänen und Klimaten angefülltes Gefäß. Was wir die Wirklichkeit nennen, ist eine bestimmte Beziehung zwischen Empfindungen und Erinnerungen, die uns gleichzeitig umgeben,… eine einzigartige Beziehung, die der Schriftsteller wiederfinden muss…“

Eine Literatur, die dieses nicht zu leisten vermag, kann daher nicht viel taugen: „Die Idee einer populären Kunst schien mir ebenso wie die einer patriotischen Kunst wo nicht gefährlich, so doch auf alle Fälle lächerlich. Wenn dabei die Absicht bestand, die Kunst dem Volke zugänglich zu machen, indem man die Verfeinerung der Formen, die nur ‚für Müßiggänger da sind‘, opferte, so hatte ich jedenfalls genügend mit Damen und Herren der Gesellschaft verkehrt, um zu wissen, dass sie die wahrhaft Ungebildeten sind und nicht die Elektrizitätsarbeiter. (Die Klassen des Geistes nehmen keinerlei Rücksicht auf die Geburt.) In dieser Hinsicht wäre eine der Form nach volkstümliche Kunst eher für die Mitglieder des Jockeyclubs als für die der Gewerkschaft angebracht. Was ihren Gegenstand betrifft, so langweilen volkstümliche Bücher die Leute aus dem Volke ebenso sehr, wie sich Kinder mit Büchern langweilen, die speziell für sie geschrieben sind. Man möchte sich anderswohin versetzen, wenn man liest, und Arbeiter sind ebenso neugierig auf die Fürsten, wie Fürsten es auf Arbeiter sind.“

„Das wahre Leben, das endlich entdeckte und aufgehellte, das einzige infolgedessen von uns wahrhaft gelebte Leben, ist die Literatur. … Der Stil ist für den Schriftsteller wie die Farbe für den Maler nicht eine Frage der Technik, sondern eine Art zu sehen.“ „Dank der Kunst verfügen wir, anstatt nur eine einzige Welt – die unsere – zu sehen, über eine Vielheit von Welten…“

Ferner sollte gute Kunst immer auch der Desillusionierung dienen: „Die mühevolle Arbeit, die unsere Eigenliebe, unsere Leidenschaft, unser Nachahmungstrieb, unser abstrakter Verstand, unsere Gewohnheiten geleistet hatten, ist genau das, was die Kunst erst wieder beseitigen muss; denn gerade den umgekehrten Weg, den Weg, der zu den Tiefen zurückführt, in denen das, was wirklich existiert hat, von uns ungekannt, ruht, heißt es ja gehen. … Es bedeutet, dass man vor allem seine liebsten Illusionen ablegen, den Glauben an die Objektivität dessen, was man selbst sich mühsam erarbeitet hat, aufgeben muss.“

Voraussetzungen zur Schriftstellerei

Daher ist zur Herstellung eines großen Kunstwerks selbstverständlich nicht jeder berufen, und Marcel hat ernste Zweifel, ob er dieser Aufgabe gewachsen sein wird: „Ich hatte als junger Mensch im Schreiben über eine gewisse Leichtigkeit verfügt… Anstatt aber zu arbeiten, hatte ich in Trägheit, in Zerstreuung durch Vergnügen, in Krankheit dahingelebt, mich selbst und meine Manien gepflegt und unternahm nun mein Werk am Vortage meines Todes, ohne irgendetwas von meinem Metier zu verstehen.“ „Wie viele bleiben daher auch dabei stehen, die vielen, die nichts aus ihren Erlebnissen herausziehen und nutzlos und unbefriedigt altern, gleichsam als Hagestolze der Kunst! Sie erleben die Leiden der Jungfrauen und der Trägen, Leiden, denen Fruchtbarkeit oder Arbeit Heilung bringen würden…“ Aber genau hier, an der scheinbar verlorenen Zeit, setzt er an: „Dieser Begriff der entschwundenen Zeit, der vorübergegangenen und doch nicht von uns getrennten Jahre, war das, was ich jetzt herauszuarbeiten gedachte…“

Ferner hat Marcel als Idealvoraussetzung für einen Künstler und insbesondere Literaten ein grundlegendes Unglücklichsein ausgemacht: „Das Glück ist einzig heilsam für den Leib, die Kräfte des Geistes jedoch bringt der Schmerz zur Entfaltung.“ Und später heißt es: „Was das Glück anbelangt, so dient es fast nur einem nützlichen Zweck: das Unglück möglich zu machen. Wir müssen im Glück sehr süße und sehr starke Bande des Vertrauens und der Zuneigung knüpfen, damit ihr Bruch in uns jene unschätzbare, schmerzhafte Zerreißung schafft, die wir Unglück nennen. Wenn man nicht glücklich gewesen wäre, und sei es auch nur durch die Hoffnung, würde einen das Unglück jeweils ohne Grausamkeit und damit fruchtlos treffen.“

Und was ist selbstredend die Quelle des Unglücks schlechthin? „Eine Frau, von der wir nicht lassen können, die uns Leiden verursacht, zieht aus uns ganze Folgen weit tieferer und stärker an unser Lebensmark rührender Gefühle als ein Mann von überlegenem Geist, der uns interessiert. Je nach der Ebene, auf der wir leben, bleibt dabei die Frage offen, ob wir finden, dass ein bestimmter Verrat, durch den eine Frau uns Kummer bereitet hat, etwas Geringfügiges den Wahrheiten gegenüber bedeutet, die dieser Verrat für uns aufdeckt und die die Frau, die uns leiden macht, wohl kaum je begriffen hätte.“ Hier möchte man allerdings hinzufügen: Außer sie ist ihrerseits eine Intellektuelle, eine Frau von Geist oder gar eine Autorin…

Besonders unglücklich machen den Literaten übrigens Frauen mit teuren Ansprüchen: „Es ist etwas Merkwürdiges um diesen Kreislauf des Geldes, das wir Frauen schenken, die uns aus diesem Grunde unglücklich machen, das heißt uns die Möglichkeit zum Bücherschreiben verschaffen: man kann fast sagen, dass es mit den Werken wie mit den artesischen Brunnen ist, nämlich, dass sie sich um so höher erheben, je tiefer die Grube ist, die das Leiden in unserem Herzen ausgehoben hat.“ An dieser Stelle ist beiläufig an die ganz ähnliche Erkenntnis des Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki zu erinnern (der Marcel Prousts „Recherche“ nach eigener Auskunft aus Zeitmangel nie zu Ende gelesen hat!): „Wer gute Bücher schreiben will, muss viel gelitten haben.“ (Und er selbst hat ja bekanntlich immer sehr viel unter den vielen so s c h l e c h t e n Büchern gelitten, die er zu besprechen hatte, konnte später also vielleicht auch deshalb so eine glänzende Autobiographie schreiben.)

In jedem Falle aber gilt: „Unsere Leidenschaften skizzieren unsere Bücher, die Ruhepausen zwischen ihnen bewirken die endgültige Niederschrift.“ Und plötzlich entdeckt Marcel rückblickend, wie sehr ihm Albertine, indem sie ihm in all den Jahren so viele Schmerzen bereitet hat, doch eigentlich geholfen hat… „Dadurch, dass ich meine Zeit mit ihr vergeudete und sie mir Kummer bereitete, war mir Albertine vielleicht selbst in literarischer Hinsicht nützlicher gewesen als ein Sekretär, der meine Papiere in Ordnung gehalten hätte. Immerhin, wenn ein Wesen so schlecht eingerichtet ist (und vielleicht ist innerhalb der Natur dieses Wesen einfach der Mensch), dass er nicht lieben kann, ohne zu leiden, und wenn man leiden muss, um Wahrheiten zu erfahren, so wird das Leben eines solchen Wesens schließlich sehr ermüdend sein. Die glücklichen Jahre sind die verlorenen, man wartet auf einen Schmerz, um an die Arbeit gehen zu können… Da man aber einsieht, dass Leiden das Beste ist, was man im Leben finden kann, denkt man ohne Grauen – wie an eine Befreiung fast – an den Tod.“

Im Angesicht des Todes

Marcel spürt offenbar, obschon erst Mitte vierzig, dass seine Lebenszeit bald abgelaufen sein wird: „Einen Körper zu haben ist die große Bedrohung für den Geist, für das menschliche und denkende Leben… Der Körper schließt den Geist in eine Festung ein; bald aber wird diese von allen Seiten belagert sein, und zuletzt muss der Geist sich ergeben.“ „Das Ich, hinter dem gerade die Empfängnis seines Werkes lag…“ möchte dieses unbedingt noch vollenden. „Mit meinem Tode würde nicht nur der einzige Bergarbeiter verschwunden sein, der befähigt war, diese Erze zu schürfen, sondern sogar das Vorkommen selbst…“ Aber gerade diese Angst, nicht mehr rechtzeitig fertig werden zu können, treibt ihn an. „Die Krankheit hatte mir, als sie mich wie ein strenger geistlicher Berater der Welt absterben hieß, einen Dienst erwiesen.“

Nun gewinnt man bei der Lektüre allerdings den Eindruck, dass Marcel bei einer gesünderen Lebensführung (er schreibt die Nächte durch und schläft am Tag, verlässt nie seine Wohnung und bewegt sich kaum) sowie einem niedrigeren Arbeitstempo trotz seines Lungenleidens womöglich noch deutlich länger hätte leben und schreiben können. Doch ist er in seinem Schreibrausch nicht mehr aufzuhalten: „Das Glück, welches ich jetzt verspürte, rührte nicht mehr aus einer rein subjektiven Spannung meiner Nerven her, die uns von der Vergangenheit isoliert, sondern im Gegenteil von einer Ausweitung meines Geistes, in dem sich die Vergangenheit neu gestaltete, zur Gegenwart wurde und mir – nur für den Augenblick, ach! – Ewigkeitswert verlieh. Ich hätte diesen gern an diejenigen weitergegeben, die ich mit meinem Schatz hätte bereichern können.“ „Ich fühlte mich gewachsen um das Werk, das ich in mir trug.“

„Weil aber die Menschen in dieser Weise noch alle Stunden der Vergangenheit enthalten, können sie denen, die sie lieben, so viel Leid antun, denn damit hegen sie in ihrem Innern auch viele Erinnerungen an Freuden und Wünsche, die für sie schon ausgelöscht sind, aber so grausam noch für den, der den geliebten Leib, um dessentwillen er an Eifersucht krankt – an einer solchen Eifersucht, dass er seine Zerstörung wünscht – betrachtet und in seiner gesamten Erstreckung über die Ebenen der Zeit erblickt. Denn nach dem Tode zieht die Zeit sich aus dem Körper zurück, und die schon so gleichgültig gewordenen, blassen Erinnerungen sind nun von der, die nicht mehr ist, fortgewischt und werden es bald auch von dem sein, den sie immer quälen, in dem aber endlich auch sie einmal sterben werden, wenn das Verlangen nach einem lebendigen Leib sie nicht mehr unterhält.“

„Ein Gefühl der Ermüdung und des Grauens befiel mich bei dem Gedanken, dass diese ganze lange Zeit nicht nur ohne Unterbrechung von mir gelebt, gedacht und wie ein körperliches Sekret abgelagert worden, und dass sie mein Leben, dass sie ich selber war, sondern, dass ich sie auch noch jede Minute bei mir festhalten musste, dass sie mich, der ich auf ihrem schwindenden Gipfel hockte und mich nicht rühren konnte, ohne sie ins Gleiten zu bringen, gewissermaßen trug. … Es schwindelte mir, wenn ich unter mir und trotz allem in mir, als sei ich viele Meilen hoch, so viele Jahre erblickte.“ So lassen sich am Ende „die Menschen als Wesen beschreiben, die neben dem so beschränkten Anteil an Raum, der für sie ausgespart ist, einen im Gegensatz dazu unermesslich ausgedehnten Platz … einnehmen in der ZEIT.“

Mit diesen Worten endet also die „Suche nach der verlorenen Zeit“, das vielleicht ambitionierteste Romanprojekt aller Zeiten, welches allein schon seiner Länge und Kompliziertheit wegen so gar nicht mehr in unsere kurzatmige Zeit zu passen scheint. Doch umso glücklicher kann sich schätzen, wer dennoch genug Zeit und Ruhe gefunden hat, um sich der Lektüre dieses Meisterwerks zu widmen – und mit einer Fülle ganz zeitloser Einsichten in die Untiefen seiner Existenz beschenkt wird. Und gibt es denn einen exklusiveren Club als den Club der Rechercheure?

Marcel Proust
Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Band 7: Die wiedergefundene Zeit
Übersetzung von Eva Rechel-Mertens, 500 Seiten
Suhrkamp Verlag

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justament.de, 4.5.2015: Jedes Wesen folgt seiner Lust

Fifty Shades of Grey? Nein, nur der vierte Band von Marcel Prousts “Recherche”: “Sodom und Gomorra”

Thomas Claer

sodomDie ersten drei Bände seines großen Romanzyklus „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ hatte Marcel Proust (1871-1922) noch zu Lebzeiten herausbringen können, die restlichen vier hingegen wurden erst posthum veröffentlicht. Nach der Lektüre von „Sodom und Gomorra“, dem ersten „nachgelassenen“ und insgesamt vierten Band, ist der Justament-Rezensent nunmehr immerhin schon in Hälfte zwei dieses beispiellosen literarischen Monumentalwerks angekommen. Zwar sollte man sich besser nie zu weit aus dem Fenster lehnen, aber so viel Optimismus muss doch erlaubt sein: Wenn alles gut geht, werde ich die „Recherche“ zu Ende gelesen haben, noch bevor ich im Jahr 2022 das Sterbealter des “göttlichen Proust“ (Willi Winkler) erreicht habe, der genau hundert Jahre vor mir geboren wurde. Und wer weiß, vielleicht geht es sogar noch etwas schneller…

„Sodom und Gomorra“ also. Gemeint ist mit diesem biblischen Titel die schillernde Welt der Homosexualität, wobei der erste Begriff für deren männliche und der zweite für deren weibliche Variante steht. Ich muss zugeben, zu Beginn des Buches gewisse Befürchtungen gehegt zu haben, es könnte sich um einen expliziten Schwulen-Roman handeln, der einem als „gewöhnlichen“ Hetero-Mann vielleicht nicht viel zu sagen hat. Doch so, wie das Thema hier verhandelt wird, ist gewissermaßen unabhängig von allen diesbezüglichen Präferenzen für jeden etwas dabei. (Für jeden, muss man einschränkend sagen, der bereits bis zu diesem Punkt des Gesamtwerkes vorgedrungen ist.) Die Handlung setzt unmittelbar dort ein, wo „Die Welt der Guermantes“ geendet hatte. Marcel ist noch immer bei der „High Society“ eingeladen, d.h. bei der Prinzessin von Guermantes, und beobachtet zwischenzeitlich sehr genau eine in einem Treppenhaus stehende prächtige Orchidee. Weit hat diese ihre Blütenblätter geöffnet, in der Hoffnung, so interpretiert es zumindest Marcel, von einem Insekt bestäubt zu werden. Aber wie unwahrscheinlich ist es, dass in dieses enge Treppenhaus ein entsprechendes Insekt kommt? Marcel ist fast schon geneigt, die wunderbare Orchidee zu bedauern, da sieht er schließlich doch noch, wie eine Hummel sich der Blume nähert. Und aus dem Fenster des Treppenhauses beobachtet er, wie der ebenfalls bei der Prinzessin von Guermantes eingeladene Baron de Charlus, ein Bruder des Herzogs von Guermantes, auf den ihm bislang unbekannten Schneider Juppé trifft.

Charlus und die Schwulen

Monsieur de Charlus, der in den ersten Bänden nur kurz als Freund von Swann aufgetreten war, ist eine der Schlüsselgestalten dieses Buches. Er wird beschrieben als „ein seltsamer, geistreicher, geschminkter Mann von fünfzig Jahren, mit dem man von Chateaubriand und Balzac sprechen kann“. An anderer Stelle heißt es, er sei „ein dicker Mann mit grauem Haar, schwarzem Schnurrbart und rot pomadisierten Lippen“.
Charlus hat „drei Päpste in seiner Familie“ „und das Recht auf rotes Wappentuch von einem Titel her, der dem eines Kardinals entspricht“. Sein Standesdünkel geht noch über den seines Bruders, des Herzogs von Guermantes, hinaus: „Ich weiß, es steht einem nicht wohl an, von den Tugenden seiner Vorfahren zu sprechen. Aber es ist bekannt, dass die unseren immer in der Stunde der Gefahr vornan gewesen sind. … Daher ist es alles in allem ganz legitim, wenn das Recht, überall die ersten zu sein, das wir so viele Jahrhunderte lang im Krieg für uns in Anspruch genommen haben, uns später bei Hofe zuteil geworden ist.“ Später einmal lässt er im Salon von Madame Verdurin alle anderen Gäste spüren, wie glücklich sie sich nach seiner Meinung schätzen können, einen solchen Aristokraten wie ihn in ihrer Runde zu haben: „Es gibt eine gewisse Zahl von hervorragenden Familien, in erster Linie die Guermantes, die vierzehnmal mit dem Hause Frankreich alliiert sind, was schmeichelhaft vor allem für das Haus Frankreich ist, denn an Aldonce de Guermantes und nicht an Ludwig den Dicken, seinen leiblichen, aber nachgeborenen Bruder, hätte der Thron von Frankreich fallen müssen… Weit unter den Guermantes stehend sind immerhin zu erwähnen die La Trémoille, Nachkommen des Königs von Neapel und der Grafen von Poitiers, die Uzès, weniger alt als Familie, aber die ältesten Pairs, die Luynes, die ganz neu sind, aber den Glanz großer Verbindungen haben, die Choiseul, die Harcourt, die La Rochefoucauld. Nehmen sie dazu noch die Noailles trotz des Grafen von Toulouse, die Montesquiou, die Castellane, und wenn ich niemand vergessen habe, so ist damit Schluss. Was all diese kleinen Herren anbetrifft, die sich Marquis, die sich Cambremerde oder Papperlapapp nennen, so besteht kein Unterschied zwischen ihnen und dem letzten kleinen Rekruten Ihres Regiments.“

Doch hat dieser hochmütige Baron de Charlus einen wunden Punkt, seine sexuelle Ausrichtung, denn damals, im Fin de Siècle, sind die Invertierten, wie Proust sie nennt, noch „ein ausgestoßener Teil der menschlichen Gemeinschaft, doch ein bedeutender Teil“. „Es ist ein Geschlecht, auf dem ein Fluch liegt, ein Geschlecht, das in Lüge und Meineid leben muss, da es weiß, dass für sträflich und schmachvoll, für ganz uneingestehbar gilt, was sein höchstes Verlangen ist.“ Und sehr ausführlich beschreibt der Verfasser die Sorgen und Nöte der Homosexuellen jener Zeit, dieses „Freimaurertums der Neigung“: „Sicher bilden sie in allen Ländern eine … kultivierte, musikalische Kolonie, die bezaubernde Vorzüge und unerträgliche Fehler besitzt.“ Und später heißt es: „Es ist seit langem eine gewisse Anzahl engelhafter Frauen durch einen Irrtum der Natur dem männlichen Geschlecht zugeordnet, wo sie nun, gleichsam im Exil, vergebens den Männern zustreben, denen sie physischen Widerwillen einflößen.“ Laut Proust ist es nämlich tragischerweise so, dass Schwule allenfalls notgedrungen an anderen Schwulen Gefallen finden. „Ein Invertierter trachtet wesensmäßig nach der Liebe eines Mannes von der anderen Rasse, das heißt eines Mannes, der Frauen liebt (und infolgedessen ihn nicht lieben kann).“ Das wird der Homosexuelle Proust wohl selbst so erfahren haben. Und als Angehöriger gleich zweier angefeindeter Minderheiten, lässt er seinen Erzähler später sagen: „Wie die Juden meiden sie einander und suchen statt dessen jene, die ihnen am meisten entgegengesetzt sind, doch nichts von ihnen wissen wollen, deren raue Ablehnung sie aber zu verzeihen bereit sind und an deren Entgegenkommen sie sich förmlich berauschen.“

Nicht ganz unwichtig ist nun aber der Umstand, dass der Baron de Charlus geradezu unvorstellbar reich ist, was ihm ermöglicht, seine Vorliebe für reizende junge Männer auf dem Wege der großzügigen finanziellen Belohnung vergleichsweise Minderbemittelter für deren entsprechende Gefälligkeiten auszuleben. Zur Vornahme solcher Anbahnungen steigt der Baron oftmals tagsüber in die Pariser Straßenbahn, wobei sein Hauptaugenmerk den jungen Schaffnern (natürlich in Uniform!) gilt. Doch die Erfolgsquote ist trotz der gleichsam unbegrenzten ihm zur Verfügung stehenden wirtschaftlichen Mittel bescheiden, so dass er sich häufig bereits mit dem zufrieden gibt, was er eine „Vereinigung durch Worte“ nennt. Das heißt, die jungen Männer werden allein für ihre angeregte Unterhaltung mit dem Baron fürstlich entlohnt.

Auf einer anderen Ebene spielt sich hingegen im Hinterhof des Anwesens der Prinzessin von Guermantes etwas ab, was Marcel zum ersten Mal in seinem Leben beobachtet. Zwei gleichgesinnte Männer, Monsieur de Charlus und der Schneider Juppé, erkennen einander nahezu auf den ersten Blick, „so wie die Orchidee der Hummel entgegenkommt“. Unter einem Vorwand ziehen sie sich in eine leere Baracke zurück und werden vom neugierigen Marcel, der ihnen gefolgt ist, heimlich bei ihrem Treiben beobachtet, „denn jedes Wesen folgt seinem Drang zur Lust“.

Im Salon der Prinzessin von Guermantes

Im Anschluss an dieses aufwühlende Erlebnis begibt sich Marcel wieder in die illustre Abendgesellschaft, und für den Leser beginnt eine harte Geduldsprobe, denn das ganz überwiegend leere Geschwätz dieser Aristokraten, das sich abermals über mehr als hundert Seiten am Stück hinzieht, ist nicht immer leicht zu ertragen. „Die Einfallslosigkeit spielt in der großen Gesellschaft eine noch größere Rolle als die Eitelkeit.“ Allerdings kommt Marcel bei aller Faszination, die für ihn nach wie vor von der Upper Class ausgeht, dieser doch allmählich auf die Schliche: „Ich begann, die genaue Nuance der gesprochenen, der stummen Sprache aristokratischer Liebenswürdigkeit zu erkennen, einer Liebenswürdigkeit, die sich darin gefiel, Balsam auf das Inferioritätsbewusstsein derer zu gießen, an die sie sich wendete, aber doch nicht so weit ging, es vollkommen zu zerstreuen, denn in diesem Fall hätte sie keine Daseinsberechtigung mehr gehabt.“

Erfreulicherweise hat dann doch noch einmal der bereits todkranke Swann einen Auftritt – und was für einen! Zunächst äußert sich noch in seiner Abwesenheit der Herzog von Guermantes über ihn: „Aber was Swann anbetrifft, kann ich ihnen ganz offen sagen, dass sein Verhalten mit Rücksicht auf uns unqualifizierbar ist. In der Gesellschaft von uns beiden, sogar vom Herzog von Chartres protegiert, soll er, wie ich jetzt höre, sich in aller Offenheit zu diesem Dreyfus bekennen. Niemals hätte ich das von einem Manne gedacht, der solch ein Kenner, ein positiver Geist, ein Sammler, ein Liebhaber alter Bücher, dazu Mitglied des ‚Jockey‘ ist, einem Mann, von allgemeiner Achtung getragen, im Besitz hervorragender Adressen, der uns den besten Portwein geschickt hat, den man trinken kann, einem Freund der Künste, einem Familienvater! Ah! Ich muss sagen, ich fühle mich wirklich betrogen. … Er hätte sich offen gegen die Juden und gegen die Parteigänger des Verurteilten erklären müssen.“

Später tritt Swann dann selbst in Erscheinung und setzt Marcel etwas umständlich seine ohnehin bekannte Position in der Dreyfus-Affäre auseinander. Da erblickt er die Marquise de Surgis, eine Dame in den Vierzigern mit zwei fast erwachsenen Töchtern in einem auffällig transparenten Kleid. „Swann konnte sich nicht enthalten, auf deren Ausschnitt mit weitaufgerissenen und begehrlichen Augen lange Kennerblicke zu werfen. Er setzte sogar sein Monokel auf, um besser sehen zu können, und während er zu mir sprach (so der Erzähler), warf er von Zeit zu Zeit einen erneuten Blick in die Richtung der Dame.“

Bald darauf werden Swann und Madame de Surgis einander vorgestellt: „Die Marquise kehrte sich um und wendete ein Lächeln und einen Händedruck an Swann, der sich erhoben hatte, um sie zu begrüßen. Doch fast ohne jede Verhüllung – vielleicht weil er bei seinem stark vorgeschrittenen Leben durch Gleichgültigkeit gegenüber der Meinung anderer die moralische Kraft oder durch Übersteigerung der Begehrlichkeit und ein Nachlassen der Fähigkeit, sie zu verbergen, das physische Vermögen dazu verloren hatte – ließ Swann, sobald er die Hand der Marquise ergriff und aus der Nähe, von oben herab ihres Busens ansichtig wurde, einen aufmerksamen, ernsthaft vertieften, ja beinahe besorgten Blick in ihren Taillenausschnitt hinabgleiten, und seine Nasenflügel, vom Duft der Frau berauscht, erbebten wie ein Falter, der sich auf der von weitem erspähten Blume niederzulassen gedenkt. Jäh riss er sich aus dem Schwindel zurück, der ihn erfasst hatte, und Madame de Surgis selbst erstickte, wenn auch befangen, ein tiefes Aufatmen, so ansteckend kann zuweilen physisches Begehren sein.“

Geld ist reichlich da / Briefe an die Damenwelt

In manchen Romanen und Geschichten fragt man sich, wie die Protagonisten eigentlich ihren Lebensunterhalt bestreiten, womit sie ihr Geld verdienen. Nicht so in der „Recherche“. Hier sind offensichtlich alle wichtigen Figuren so gutgestellt, dass sie ein ausschweifendes Leben ohne materielle Beschränkungen führen können. Die Dienerin Francoise sagt einmal zu Marcel: „Ach! Sie haben Glück, dass Sie sich Ihre Eltern unter den Reichen haben aussuchen dürfen; was wäre sonst aus Ihnen geworden, wo Sie doch so verschwenderisch sind?“ Die französische Oberschicht kennt nun einmal keine Geldsorgen. Nur, dass die Adligen ihre Vermögen über viele Generationen hinweg angehäuft haben (wobei ihnen wohl selbst die Revolution nichts anhaben konnte), während das neureiche Bürgertum durchaus noch berufstätig ist. Von Marcels Vater heißt es im Roman, dass er „Tag und Nacht arbeitete“. Doch die einzige Andeutung von elterlicher Kritik am Lebensstil ihres Sohnes ist eine spitze Bemerkung von Marcels Mutter, als diese mit Marcel ein weiteres Mal die Sommermonate im luxuriösen Badeort Balbec verbringt: „Meine Mutter sagte mir, dass ich damals doch wenigstens gelesen habe, ich solle das doch auch in Balbec tun, wenn ich schon nicht arbeitete.“

Marcels offizieller Berufswunsch ist unverändert Schriftsteller. Doch beschränkt sich seine schriftstellerische Tätigkeit nach wie vor auf die fleißige Korrespondenz mit ausgewählten jungen Damen, oft auch mit mehreren gleichzeitig. Das Briefwechseln dieser Art innewohnende Vergnügen schildert er wie folgt: „Man kann sich zu Beginn einer Freundschaft mit einer Frau, oder sogar wenn sie auf die Dauer zu etwas führen sollte, nicht von den ersten Briefen trennen, die man erhalten hat. Man möchte sie unaufhörlich bei sich haben wie Blumen, die man noch ganz frisch als Geschenk erhalten hat und die man unaufhörlich betrachten und ihren Duft man aus immer größerer Nähe genießen möchte. Der Satz, den man schon auswendig weiß, ist angenehm noch einmal nachzulesen, und bei denen, die man weniger wörtlich in Erinnerung hat, möchte man von neuem feststellen, in welchem Maße der eine oder andere Ausdruck von geheimer Zärtlichkeit zeugt. Hat sie geschrieben „Ihr lieber Brief?“ Es bedeutet dann eine kleine Enttäuschung bei allen süßen Gefühlen, in denen man sich wiegt und die vielleicht dadurch entstanden sind, dass man zu schnell gelesen hat und dass die Schrift der Briefpartnerin nicht allzu deutlich ist, wenn man feststellen muss, sie hat nicht „Ihr lieber Brief“ geschrieben, sondern „Als ich Ihren Brief erhielt“. Aber der Rest ist so liebevoll. Oh! Möchte einem der morgige Tag doch gleiche Blüten schenken! … Dann aber genügt das auf einmal nicht mehr, man möchte den geschriebenen Worten auch die Blicke, die Stimme gegenüberstellen. Man verabredet sich und findet, ohne dass jene sich vielleicht verändert hat, da wo man nach der Beschreibung, die einem gemacht wurde, oder nach der persönlichen Erinnerung die Fee Viviane zu finden glaubte, nur einen gestiefelten Kater vor. … Das Verlangen aber, das man nach einer Frau trägt, von der man geträumt hat, erfordert nicht unbedingt die Schönheit irgendeines ganz bestimmten Zuges. Diese Wünsche sind das Verlangen nach einem bestimmten Wesen, schwebend und unbeschreiblich wie Düfte…“

Balbec und Albertine

Marcel reist also mit seiner Mutter ein weiteres Mal nach Balbec, um dort einen ausgedehnten – nur halbherzig als Kur für den asthmatischen Sohn getarnten – Badeurlaub zu verbringen. Er selbst ist es gewesen, der unbedingt wieder nach Balbec wollte, doch keineswegs, um an die schönen Erlebnisse des vergangenen Jahres mit den jungen Mädchen (der „kleinen Schar“) und mit der damals für ihn noch so verlockenden Albertine anknüpfen zu wollen. Marcel ist zu diesem Zeitpunkt – angeblich – „keineswegs in Albertine verliebt“, wenngleich er sie regelmäßig trifft und man als Leser den Eindruck gewinnt, dass zwischen beiden durchaus „etwas läuft“. Das Verhältnis der beiden zueinander droht zur – wie man vor zwanzig Jahren gesagt hätte – „komplizierten Beziehungskiste“ zu werden… Nein, Marcel hat von seinem Kumpel, dem Marquis Robert de Saint-Loup, gehört, dass „die Jungfer der Baronin von Putbus“ in einem Bordell nahe Balbec zu haben sei, was bei Marcel, der bekanntlich eine besondere Schwäche für die Welt des Adels hat, wollüstige Phantasien auslöst, ohne dass er diese Person jemals zu Gesicht bekommen oder anderweitig ihre Bekanntschaft gemacht hätte. In Balbec ist dann aber von der Jungfer der Baronin von Putbus schon bald nicht mehr die Rede; sie ist dann doch nicht anwesend, und er hat sie nach kurzer Zeit vergessen.

Auch Albertine gelingt es, für sich einen erneuten Aufenthalt in Balbec, zeitgleich mit Marcel, zu organisieren. Sie reist mit ihrer Tante an, bei der sie dauerhaft lebt, da sie ihre Eltern schon in früher Kindheit verloren hat. Es ist offensichtlich, dass Albertine mittlerweile ein veritables Interesse an Marcel entwickelt hat, während er sie lediglich hinhält. Die Konstellation des Vorjahres hat sich also umgekehrt. Doch hat das natürlich seine Gründe. Schon bald merkt der Leser, dass an die Stelle des romantischen Zaubers in der Anfangsphase ihrer Beziehung längst eine Art allen emotionalen Verwirrungen übergeordnetes nüchternes Kalkül der Beteiligten getreten ist. Was sogar heute noch gilt, galt damals natürlich erst recht: Der Heiratsmarkt ist für Frauen attraktiver als der Arbeitsmarkt. Der äußerst wohlhabende Marcel wäre für die als relativ arm beschriebene Albertine, deren Tante „nur ein einziges Dienstmädchen hat“ (!), eine sehr gute Partie. Albertines Tante, so wird erzählt, würde eine Heirat der beiden wohl sehr begrüßen, während Marcels Mutter dies mit großer Skepsis sieht und ihrem Sohn ausdrücklich erklärt, dass es für ihn aber deutlich bessere Möglichkeiten der Eheschließung als die mit Albertine gäbe. Es hängt also alles an Marcel, und der wird angesichts seiner ihm zunehmend bewusst werdenden Machtfülle, er ist jetzt vermutlich etwa Mitte zwanzig, verständlicherweise arrogant, unverschämt und übermütig. Keine Sekunde hinterfragt er die Konstellation oder bildet gar ein kritisches Bewusstsein über die ihr zugrundeliegenden wirtschaftlichen Verhältnisse aus. Stattdessen hält er sich offensichtlich für unwiderstehlich und behandelt Albertine, die ihn nach ihrer Ankunft in Balbec gerne treffen würde, geradezu wie den letzten Dreck. (Es kommt ihm nicht in den Sinn, dass ohne sein ihm so selbstverständliches und stets reichlich fließendes Geld gewissermaßen kein weiblicher Hahn nach ihm krähen würde, solange er sich so benimmt, abgesehen vielleicht von der kleinen Minderheit von Frauen, denen so etwas gefällt. Denn welche attraktive junge Dame würde schon einem Schnösel nachlaufen, der sie erst lange in der Hotelhalle warten lässt und ihr dann übermittelt, er wünsche sie jetzt doch nicht zu sehen, da er gerade nicht in der Stimmung sei. Es sei denn, dieser Schnösel ist steinreich.) Und überhaupt wird Albertine ja nicht nur als schön, sondern auch als durchaus klug beschrieben: „Man konnte sich nur über die Sicherheit des Geschmacks wundern, den sie in der Architektur bereits entwickelte“, allerdings „im Gegensatz zu dem jammervollen, den sie in der Musik besaß.“

Ein anderer Umstand, der im Roman mehrfach angesprochen wird und nicht mit Marcels gerade beschriebenem Übermut verwechselt werden darf, ist die Erfahrung, dass es in der Liebe meistens nicht ratsam ist, seine Gefühle zu deutlich zu zeigen und zu leicht verfügbar zu sein, da dies häufig eine relative Abkühlung auf der anderen Seite zur Folge hat, die sich ihrer Sache dann allzu sicher glaubt und einen zu leichten Sieg wittert: „Bestimmt sind die Reize einer Person weniger häufig ein Anlass zur Liebe als etwa ein Satz wie der folgende: ‚Nein, heute Abend bin ich nicht frei.‘“

Doch erwacht Marcels Interesse für Albertine nach einiger Zeit plötzlich und sehr lebhaft aufs Neue, als er auf einer abendlichen Tanzveranstaltung auf den ihm bereits aus den Pariser Salons gut bekannten Arzt Dr. Cottard trifft, welcher den gemeinsamen engen Tanz von Albertine und ihrer Freundin Andrée angeblich „von dem speziellen Gesichtspunkt des Mediziners“ ansieht und kommentiert: „Da sehen Sie, passen Sie auf, setzte er hinzu, indem er auf Albertine und Andrée wies, die langsam, dicht aneinandergepresst vorübertanzten, ich habe meinen Kneifer vergessen und sehe nicht sehr gut, aber bestimmt befinden sich die beiden jetzt auf der Höhe des Genusses. Es ist nicht genügend bekannt, dass die Empfindung bei Frauen vor allem durch die Brüste geht. Sie sehen ja, wie vollkommen beide sich mit ihren berühren.“ Und Marcel muss sich eingestehen: „Tatsächlich fand eine unaufhörliche leise Reibung zwischen denen Andrées und Albertines statt … Ich hatte gesehen, wie Andrée mit einer der anmutigen Bewegungen, die ihr eigen waren, schmeichelnd ihren Kopf an Albertines Schulter lehnte und sie mit halbgeschlossenen Augen in die Beugung des Halses küsste…“

Fortan hält Marcel Albertine für lesbisch, was ihn aber nicht, wie nun mancher vielleicht denken könnte, sexuell erregt, sondern vielmehr rasend eifersüchtig macht. Und diese manische Eifersucht wiederum ist es, die seine Liebe befeuert. Er trifft die darüber hocherfreute Albertine nun täglich, unternimmt mit ihr zahlreiche Ausflüge in die Umgebung und beobachtet sie dabei auf Schritt und Tritt hinsichtlich ihres Verhältnisses zu anderen Frauen. „Was Albertine anbelangt, so kann ich nicht sagen, dass sie im Kasino oder am Strand irgendeinem jungen Mädchen gegenüber allzu freie Sitten an den Tag gelegt hätte; eher stellte ich übertriebene undurchdringliche Kühle bei ihr fest, die mir weniger wie ein Zeichen guter Erziehung als vielmehr wie eine List erschien, die den Zweck verfolgte, den Argwohn zu zerstreuen.“ Irgendwann stellt er Albertine zur Rede, woraufhin diese Marcels Verdacht weit von sich weist und sogar ausdrücklich ihren unbedingten Abscheu gegenüber der lesbischen Liebe betont. Schließlich bringt er die Ambivalenz seiner Empfindungen für Albertine so auf den Punkt: „Es liegt … im Charakter der Liebe, dass sie uns gleichzeitig misstrauischer und leichtgläubiger macht, uns dazu bringt, leichter als jede andere die Geliebte zu beargwöhnen, ihren Beteuerungen aber auch desto bereitwilliger Glauben zu schenken. … Dann aber kann auch das Wesen, das wir lieben, in so vielfältiger Gestalt es uns erscheinen mag, auf alle Fälle zwei wesentliche Persönlichkeiten für uns darstellen, je nachdem ob es uns als ein uns zugehöriges erscheint oder als eines, das seine Wünsche auf jemand anderen richtet als auf uns. Die erste dieser Persönlichkeiten besitzt das besondere Vermögen, das uns daran hindert, an die Wirklichkeit jener zweiten zu glauben…“

Einmal treffen Albertine und Marcel auf dessen alten Freund Saint-Loup, welcher Marcel unter vier Augen seine Verwunderung darüber zum Ausdruck bringt, dass er und Albertine sich küssten, denn vor einem Jahr hätte Marcel ihm doch voller Überzeugung gesagt, „mit Albertine sei nichts anzufangen, sie sei die Tugend selbst“… Da aber bei diesem Treffen Saint-Loup und Albertine heftig miteinander flirten, ist Marcel, dem das keineswegs gefällt, immerhin insofern beruhigt, als er nun annimmt, dass Albertine wohl anscheinend doch keine „Bewohnerin von Gomorra“ sei. Später kommentiert er das  mit den Worten: „Ich besaß die Naivität aller Leute, die des Glaubens sind, eine Art von Neigung schließe notwendig die andere aus.“

Besonders großen Gefallen findet Albertine am gehobenen Lebensstil, den sie nun mit Marcel teilt. Geradezu begeistert ist sie, als Marcel zur besseren Beweglichkeit auf den Ausflügen fortan ein Automobil mit Chauffeur bestellt. Als dieses einmal nicht fährt und sie wieder mit einer Kutsche vorlieb nehmen müssen, ruft Albertine enttäuscht: „Was für ein Rumpelkasten!“ Doch ist auch Marcel dem neuen Fortbewegungsmittel zugetan, wobei er jedoch differenziert: „Dem Automobil hält kein Geheimnis stand… Es mag so aussehen, als ob meine Liebe zu den fabelhaften Fahrten mit der Eisenbahn mich hindern müssen, das bewundernde Staunen Albertines dem Automobil gegenüber zu teilen, welches sogar einen Kranken dorthin fährt, wo er hin will, und verhindert, die Lage eines Ortes – wie ich es bisher getan hatte – als ein individuelles Merkmal, die unersetzliche Essenz seiner unverrückbaren Schönheiten zu betrachten. … Nein, das Automobil führte uns nicht in so märchenhafter Weise in eine Stadt, die wir zunächst nur in dem Bild ihres Namens verdichtet und mit den Illusionen des Theaterbesuchers im Zuschauerraum erblicken. Es trug uns unmittelbar in die Kulissen der Straßen hinein und blieb stehen, wenn man von einem Einwohner eine Auskunft brauchte. Aber die Kompensation für so ein geheimnisloses Eindringen bilden auf der anderen Seite die tastenden Berührungen sogar des Chauffeurs, der seines Weges nicht sicher ist, und manchmal wieder umkehren muss, wie auch die wechselseitige Verschiebung der Perspektive beim Näherkommen…; so kommt es, dass das Automobil die individuelle Lage an einem einzigartigen Punkt zwar des Geheimnisses entkleidet zu haben scheint, das ihr zur Zeit der Expresszüge anhaftete, uns andererseits aber den Eindruck schenkt, sie erst selbst zu entdecken und wie mit dem Kompass zu bestimmen, und uns dazu verhilft, mit verliebt sich vortastender Hand und in feinster Präzision der wahren Geometrie, dem schönen Maß der Erde nachzuspüren.“ So hat wohl noch niemand sonst das Autofahren beschrieben…

Im Salon der Madame de Verdurin / Baron de Charlus wird ausgenommen

Doch ist Marcel in Balbec nicht nur mit Albertine unterwegs. Viele vornehme Herrschaften aus Paris, die er von seinen dortigen Salonbesuchen kennt, verbringen ebenfalls die Sommermonate in dem mondänen Badeort. Und weil die feine Gesellschaft sich sonst langweilen würde, blüht die Salonkultur also auch in Balbec, namentlich bei Madame Verdurin. Marcel ist natürlich regelmäßig mit von der Partie, und alle freuen sich, als er auch Albertine in die Runde einführt, die er dort etwas schamhaft als seine Cousine ausgibt. Albertine ist es im Kreise der Großbürger und Aristokraten auch gar nicht langweilig, sondern sie freut sich, die schönen teuren Kleider, die ihr Marcel ständig kauft, dort präsentieren zu können.

Überhaupt finden es die jungen Leute zu dieser Zeit offensichtlich alle gut und richtig, ein Teil der Welt der Erwachsenen zu sein. Niemand von ihnen würde auf die Idee kommen, sich von diesen abzugrenzen, etwas abweichendes Eigenes darstellen zu wollen. Gedanken an etwas wie Jugendbewegungen oder Subkulturen sind ihnen vollkommen fremd. Aber wenn nicht alles täuscht, bewegen wir uns ja auch gegenwärtig wieder genau in diese Richtung. So werden heute z.B. Metal- oder auch Lady Gaga-Konzerte gemeinsam von Großeltern, Eltern und Kindern besucht, und Eltern und Großeltern wirken mit vereinten Kräften an den Seminararbeiten ihrer studierenden Kinder und Enkel mit („Wir schreiben jetzt deine Hausarbeit.“) All das hätte sich noch vor zwanzig Jahren kein Mensch vorstellen können!

Aber zurück zum Salon von Madame Verdurin: Besonders gefällt es Albertine, wenn der eingangs beschriebene und auch in Balbec anwesende Monsieur de Charlus, der auch ein großer Modekenner ist, sich für ihre Kleidung interessiert. Besitzt Albertines Geschmack zunächst „sehr viel Sinn für maßvolle Nüchternheit“, so experimentiert sie mit der Zeit auch ein wenig mit ausgefalleneren und bunteren Stoffen, was den Beifall des Barons de Charlus findet: „Nur Frauen, die sich nicht anzuziehen verstehen, fürchten die Farben… Man kann bunt sein, ohne vulgär zu wirken.“ Allerdings gibt der Erzähler – an anderer Stelle – auch zu bedenken: „Fast alle Frauen bilden sich ein, ein Kompliment, das man ihnen macht, sei unbedingt der Ausdruck der Wahrheit und stelle ein Urteil dar, das man unparteiisch fällt und weil man einfach nicht anders kann, als handle es sich um einen Kunstgegenstand ohne Beziehung auf eine Person.“

Doch befindet sich Baron de Charlus in einer traurigen Lage. Er hat sich unsterblich in den jungen Musiker im Salon der Madame Verdurin verliebt, der zur Erbauung der vornehmen Gesellschaft auf seiner Geige stets ein breites Repertoire an klassischen Stücken zum Besten gibt. Die Gegenliebe des jungen Mannes geht, was wenig überraschend ist, aber nur so weit, dass der Baron als Gegenleistung für gemeinsam verbrachte Stunden immer neue und immer höhere Geldbeträge aufbringen muss, die der Musiker angeblich gerade dringend benötigt, denn „derjenige, welcher liebt“, ist „gezwungen, immer von neuem einen Versuch zu machen und sein Gebot dauernd zu erhöhen“. „Eine sinnlose gewaltige Macht stellen die Strömungen der Leidenschaft dar, von welchen der Liebende, wie jemand, der im Wasser treibend fortgerissen wird, ohne es zu bemerken, sehr bald den festen Boden unter den Füßen verliert. Zweifellos kann auch die Liebe eines Mannes, wenn der Liebende sich mit Hilfe der Erfindungsgabe, kraft deren nacheinander seine Wünsche, seine Sehnsüchte, seine Enttäuschungen, seine Pläne einen ganzen Roman um eine Frau her schaffen, die er gar nicht kennt, eine bemerkenswerte Abweichung der Magnetnadel auf dem Kompass bewerkstelligen. Doch wird diese Abweichung noch ganz erheblich vergrößert durch den Charakter einer nicht allgemein geteilten Leidenschaft…“

Es kommt so weit, dass der junge Musiker sich vor anderen über den einfältigen Baron mokiert. „Zweifellos ist es … ein allgemeines Gesetz, … dass uns ein Wesen, das wir selbst nicht lieben, welches aber uns liebt, unerträglich erscheint. Einem solchen Wesen, einer solchen Frau, von der wir auch nicht etwa sagen, dass sie uns liebt, sondern dass sie sich an uns hängt, ziehen wir dann die Gesellschaft jeder beliebigen anderen vor, auch wenn sie weder deren Charme, noch ihre angenehmen Umgangsformen, noch ihren Geist besitzt. Sie selbst wird ihn in unseren Augen erst wieder erlangen, wenn sie uns einmal nicht mehr liebt.“ Dabei ist Monsieur de Charlus, der den unglücklich geliebten Musiker mit ausgesuchter Liebenswürdigkeit behandelt, ansonsten alles andere als ein netter, umgänglicher Mensch. Er behandelt so ziemlich alle und jeden anderen mit unfreundlicher spöttischer Herablassung. „Innerhalb der Menschheit besteht die Regel, von der es natürlich viele Ausnahmen gibt, darin, dass die harten Menschen Schwache sind, die keine Gegenliebe gefunden haben, und nur die Starken, da sie sich keine Gedanken darüber machen, ob man sie mag oder nicht, jene Sanftmut aufbringen, die der gemeine Mann für Schwäche hält.“

Showdown: Heirat mit Albertine

Marcel und Albertine erleben also in Balbec eine berauschende Zeit in geteilter Zweisamkeit, wobei man unterstellen darf, dass sie den damaligen bürgerlichen Konventionen doch so entsprochen haben, dass es zwischen ihnen noch nicht zur völligen finalen Erfüllung ihrer fleischlichen Lüste gekommen ist. (Es versteht sich natürlich von selbst, dass gerade dieser Zustand eine permanente Erotisierung mit sich bringt.) So schwebt über allem die Frage einer künftigen Heirat. „Mein ganzer Seelenzustand, die Zukunft meiner Existenz hatte vor mir die allegorische und schicksalhafte Gestalt eines jungen Mädchens angenommen.“ Doch Marcel ist sich der Tragweite einer solchen Entscheidung wohl bewusst. Es kommt zu den üblichen Aufs und Abs im Verhältnis zwischen den beiden Liebenden, zum „rhythmischen Schwanken zwischen Liebeserklärung und Bruch“, zu den „entgegengesetzten Bewegungen der Liebe“. Zum Ende des Romans hin ist Marcel in seinem Übermut zwischenzeitlich schon so weit, dass er Albertines „überdrüssig wird“, mit ihr Schluss machen und stattdessen mit ihrer Freundin Andrée etwas anfangen will, die ihm ja auch immer wieder schöne Augen gemacht hat (und Marcel war ja auch eigentlich in die ganze „kleine Schar“ verliebt), aber dabei – „um frei zu bleiben, sie nicht zu heiraten, wenn ich nicht wollte“ – nicht aufs Ganze zu gehen gedenkt. „Ich lächelte in mich hinein, wenn ich an dies Gespräch dachte, denn auf diese Weise würde ich in Andrée die Täuschung erwecken, dass ich sie nicht wirklich liebte; so würde sie meiner nicht müde werden, ich aber könnte vergnügt und in aller Ruhe mich ihrer Zärtlichkeit freuen.“ Marcel ist also gedanklich schon auf dem Weg, sozusagen ein Casanova zu werden.

Doch am entscheidenden Abend, als Marcel sich von Albertine trennen will, erzählt diese ihm ganz beiläufig davon, dass sie bald mit einer Bekannten in den Urlaub fahren möchte, von der Marcel aus angeblich sicherer Quelle weiß, dass sie der lesbischen Liebe zugeneigt ist. Augenblicklich erwacht in ihm wieder seine ungeheure Eifersucht – „die Überschärfe der Sinne bringt eingebildete Leiden hervor“: „Sie verursachte mir, als sie sich von mir trennte, einen derartigen Schmerz, dass ich nach ihr griff und sie verzweifelt am Arm zog.“ Fortan ist für Marcel mit den Qualen der Eifersucht auch seine Liebe zu Albertine wieder entflammt, und zwar in jeweils bisher ungekanntem Ausmaß. „Oft liegt es nur an einem Mangel schöpferischer Phantasie, dass man in seinen Leiden immer noch nicht weit genug geht…“ Damit sind für ihn die Würfel gefallen: „Ich spürte, dass der Tag, der gleich anbrechen sollte, und alle darauffolgenden Tage mir niemals mehr die Hoffnung auf ein unbekanntes Glück bringen würden, sondern nur die Fortdauer meiner Qual.“ Wobei die Qualen der Eifersucht für Marcel ganz offensichtlich auch eine verborgene lustvolle Seite haben: „Jede Regung der Eifersucht stellt etwas Besonderes dar und trägt den Stempel eines bestimmten Wesens, durch das sie geweckt worden ist.“ Und er erklärt sich diese Verkettung von Eifersucht und Liebe so: „Welch trügerischer Sinn ist das Gesicht! Ein menschlicher Körper scheint uns, selbst wenn er geliebt wird wie der Albertines, ein paar Meter oder Zentimeter von uns entfernt zu sein, nicht anders aber ist es mit der Seele, die in diesem Körper wohnt. Nur wenn ihre Stellung zu uns durch irgendetwas gewaltsam verändert und dadurch deutlicher spürbar wird, dass sie andere liebt und nicht uns, fühlen wir an den Schlägen unseres haltlos gewordenen Herzens, dass die, die wir lieben, nicht ein paar Schritte von uns entfernt, sondern in uns lebt.“ Am nächsten Morgen erklärt Marcel seiner Mutter: „Wir wollen es gleich als entschieden betrachten, weil ich mir jetzt darüber klar bin, weil ich mich nicht mehr ändern werde und weil ich auf andere Weise nicht leben kann: Ich heirate Albertine.“

Die Stimme aus dem Off weiß hierzu zu sagen: „Man wäre für immer von jeder Romantik geheilt, wenn man in Ansehung derjenigen, die man liebt, bereits der Mensch zu sein versuchte, der man sein wird, wenn man nicht mehr liebt.“

Das unbeständige Ich in der Zeit

Begleitet wird Marcels Entscheidung von seinen Reflexionen über das, was mit ihm und in ihm in den vergangenen Monaten und Jahren passiert ist und künftig noch passieren wird: „Ich wurde mir der Wandlungen meines eigenen Inneren bewusst, indem ich sie an der steten Gleichheit der mich umgebenden Dinge maß. An diese gewöhnt man sich, wie man sich an Personen gewöhnt, und wenn man sich plötzlich darüber klar wird, dass sie früher eine so ganz andere Bedeutung in sich trugen, dann scheint, nachdem sie jetzt jede Bedeutung verloren haben, die völlige Verschiedenheit der damals ihren Rahmen bildenden Umstände von den heutigen, die Mannigfaltigkeit der Szenen, die sich unter der gleichen Zimmerdecke zwischen den gleichen Bücherregalen mit ihren Glasscheiben abgespielt haben, scheint die Wandlung in Herz und Leben, welche in dieser Vielheit sichtbar wird, durch die unbewegliche Dauer der Dekoration noch vergrößert und durch die Einheit des Ortes verstärkt.“

Und es wird noch viel grundsätzlicher: „Immer hat unsere seelische Ganzheit nur einen beinahe fiktiven Wert trotz der umfangreichen Bilanz ihrer Reichtümer, denn bald stehen die einen, bald die anderen nicht zu unserer Verfügung, und zwar die effektiven Schätze ebensowenig wie die der Einbildungskraft… Denn mit den Störungen des Gedächtnisses ist eine Intermittenz, ein Versagen auch des Herzens verbunden. … Wenn die Güter unseres Inneren uns bleiben, so die meiste Zeit in einem unbekannten Bereich, in dem sie ohne Nutzen für uns sind und wo sogar die allervertrautesten von Erinnerungen einer anderen Ordnung zurückgedrängt werden, die jede Gleichzeitigkeit mit jenen in unserem Bewusstsein ausschließen…Die Bilder, welche die Erinnerung auswählt, sind ebenso willkürlich, ebenso enggefasst, ebenso ungreifbar wie die, welche die Einbildungskraft gestattet und die Wirklichkeit dann zerschlagen hat. Es besteht kein Grund, weshalb ein wirklicher Ort außerhalb von uns mehr Bilder der Erinnerung als des Traums in sich enthalten soll.“

Schon mancher wird sich irgendwann einmal die Frage gestellt haben, ob er gegenwärtig überhaupt noch etwas mit jener Person anfangen könnte, die er vor zehn oder zwanzig Jahren gewesen ist. Bei Proust aber resultiert aus dieser Überlegung sogar eine Absage an jede Vorstellung von Unsterblichkeit, da unser Ich ohnehin schon zu Lebzeiten tausende Tode stirbt. „Wir wünschen uns leidenschaftlich, es möchte ein anderes Leben geben, in dem wir dieselben bleiben, die wir hienieden gewesen sind. Aber wir bedenken nicht, dass wir, sogar ohne erst auf ein anderes Leben zu warten, schon in diesem hier nach einigen Jahren dem untreu werden, was wir gewesen sind und was wir selbst in der Unsterblichkeit noch wiederfinden wollten. Doch selbst wenn wir nicht voraussetzen, dass der Tod uns stärker verändert als die Wandlungen, die sich im Laufe unseres Lebens vollziehen, würden wir uns in jenem anderen Sein, sobald wir dem Ich begegneten, das wir gewesen sind, von ihm abwenden wie von Personen, mit denen wir zwar befreundet waren, die wir aber längere Zeit nicht mehr gesehen haben… Man träumt viel vom Paradies, oder vielmehr von zahlreichen, wechselnden Paradiesen, doch alle diese sind schon lange, bevor man stirbt, verlorene Paradiese, in denen man sich selbst verloren fühlen würde.“

All dies findet seine Entsprechung natürlich auch im immer trügerischen Charakter der Liebe. Marcel stellt fest: „Im übrigen haben die Frauen, für die ich das meiste empfunden habe, sich niemals mit meiner Liebe im richtigen Gleichtakt befunden. … Wenn ich sie sah, sie hörte, fand ich nichts in ihnen, was meiner Liebe glich und sie erklären konnte. Dennoch war meine einzige Freude, sie zu sehen, meine einzige Beängstigung, auf sie warten zu müssen. Man hätte meinen können, eine Kraft, die eigentlich in keiner Beziehung zu ihnen stand, sei ihnen von der Natur nachträglich hinzugesetzt worden, diese Kraft aber habe, der Elektrizität verwandt, die Wirkung auf mich gehabt, in mir Liebe zu entzünden, das heißt mein ganzes Handeln zu leiten und Ursache meiner Leiden zu sein. Etwas völlig anderes aber war die Schönheit, der Geist, die Güte dieser Frauen…“

Und überhaupt gilt doch: „Wie wir den Orientierungssinn nicht besitzen, mit dem manche Vögel ausgestattet sind, fehlt uns auch der für Sichtbarkeit und Distanzen, da wir in unserer unmittelbaren Nähe auf interessierte Aufmerksamkeit bei Menschen rechnen, die im Gegenteil gar nicht an uns denken und keine Ahnung haben, wer wir sind, während wir zur gleichen Zeit für andere den einzigen Gegenstand ihres Interesses bilden.“

Marcel Proust
Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Band 4:
Sodom und Gomorra
Deutsch von Eva Rechel-Mertens
737 Seiten
Suhrkamp Verlag

www.justament.de, 7.1.2014: Auf dem Weg zum Rechercheur

Marcel Proust im dritten Band seiner „Suche nach der verlorenen Zeit“: „Die Welt der Guermantes“

Thomas Claer

Cover GuermantesIn der muslimischen Welt gibt es den Ehrentitel des Hadschi. So darf sich nennen, wer bereits eine Pilgerfahrt nach Mekka unternommen hat, zum Beispiel der Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah, der Karl May-Lesern als ständiger Begleiter des Kara Ben Nemsi durch den Orient bekannt ist. Es soll hiermit angeregt werden, eine Entsprechung für den Hadschi-Titel in der Welt der Literatur einzurichten: Wer die gesamten (je nach Ausgabe bis zu 5000 Seiten umfassenden, dabei durchweg lange komplizierte Sätze enthaltenden) sieben Bände von Marcel Prousts Roman-Zyklus „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, dessen erster Band vor ziemlich genau 100 Jahren erschienen ist, vollständig gelesen hat, der darf sich künftig „Rechercheur“ nennen. Viele solche Rechercheure sind mir allerdings nicht bekannt: nur der unvergessliche Claus Koch (1929-2010), der früher gerne seine brillanten Kolumnen in der Süddeutschen Zeitung mit Zitaten aus den hinteren Bänden der „Recherche“ schmückte, der geschätzte Autoren-Kollege Jochen Schmidt, der daraus das Buch „Schmidt liest Proust: Quadratur der Krise“ (2010) machte, und Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow, der daraufhin textete: „Nach der verlorenen Zeit / Hab ich erst mal / Mehr Zeit mit mir verbracht / Und manchmal hab ich wachgelegen / Mitten in der Nacht“ (1996). Heutzutage ist es sicherlich weitaus einfacher, mal eben nach Mekka zu pilgern (da nimmt man ja das Flugzeug und läuft nur noch die letzten Schritte), als das ganze Hauptwerk von Proust zu lesen. Letzteres braucht vor allem unendlich viel Zeit, Aufmerksamkeit und Konzentration – vielleicht die kostbarsten Ressourcen, über die wir heute verfügen. Und doch ist der Justament-Rezensent auf dem langen Weg zum Rechercheur schon ein ganzes Stück vorangekommen: Im folgenden geht es also um Band drei, die „Welt der Guermantes“.
Die Handlung setzt einige Monate nach der Rückkehr des Ich-Erzählers aus dem Sommerurlaub in Balbec nach Paris wieder ein. Seine Liebe zur schönen Albertine, die ihn in Balbec beim Versuch, sie zu küssen, energisch zurückgewiesen hat, ist merklich abgekühlt. Wie erst im weiteren Verlauf des Geschehens klar wird, ist er Albertine schon mehrfach wieder in Paris begegnet, doch ohne die zauberhafte Strandlandschaft im Hintergrund reißt ihn die junge Dame inzwischen keineswegs mehr sonderlich vom Hocker. Dazu trägt vor allem auch der Umstand bei, dass sich der Protagonist inzwischen anderweitig verliebt hat, wenn auch auf sehr schwärmerische und wenig handfeste Weise: Seine neue Nachbarin, die Familie ist inzwischen in eine Wohnung neben dem prächtigen Palais der hochadeligen Familie Guermantes umgezogen, hat es ihm angetan: die Herzogin von Guermantes in persona. Sie ist blond, stets sehr geschmackvoll und vornehm gekleidet und vor allem „noch recht jung“. Wie alt genau, erfahren wir zwar nicht, aber doch wohl deutlich jünger als ihr Ehemann, der Herzog von Guermantes, und vermutlich ein paar Jahre älter als der Ich-Erzähler, der nun wohl etwa Anfang bis Mitte zwanzig sein dürfte. Die Dreyfuß-Affäre sorgt für allerhand Gesprächsstoff, es müssen also die Jahre nach 1894 sein.
Der Erzähler führt ein großbürgerliches Leben ohne auch nur die geringsten materiellen Zwänge. Seine Eltern, bei denen er weiterhin logiert, haben sich großmütig damit arrangiert, dass ihr Sohn ausgerechnet Schriftsteller werden möchte. „Man mag das ja auch als eine schöne Laufbahn ansehen; es ist freilich nicht gerade, was ich mir für dich gewünscht habe, aber du bist nun bald ein ausgewachsener Mann, wir werden nicht immer bei dir sein, da dürfen wir dich nicht hindern, deiner Berufung zu folgen“, erklärt ihm sein Vater. Dabei hat Marcel (so wird der Erzähler in einem der späteren Bände endlich doch einmal genannt werden) noch keine einzige Zeile geschrieben – außer zahlreichen Briefen an seine Favoritinnen, versteht sich. „Ich war nur der Spielball meiner Gewohnheiten, nicht zu arbeiten, nicht früh zu Bett zu gehen, nicht zu schlafen, die sich um jeden Preis durchsetzen sollten“, beschreibt er seinen Lebensstil.
Vor allem ist es der einzigartige Zauber der Familie Guermantes, deren Wurzeln sich bis ins tiefe Mittelalter zurückverfolgen lassen, der unaufhörlich die Phantasie des Erzählers beschäftigt. Und so erscheint ihm Madame de Guermantes, die er bisher nur flüchtig kennt, als außerordentlich verlockend. Ihre Gewandung kommt ihm vor, „wie eine schneeige oder farbig schillernde Materialisation ihres inneren Lebens.“ Hier erhebt sich aber wieder die mahnende Stimme aus dem Off, die darauf hinweist, dass die  Schmerzen der Liebe maßgeblich auf der Macht der menschlichen Einbildungskraft, auf Illusionen, beruhen. Doch lässt sich Marcel davon nicht beirren. Fortan unternimmt er jeden Vormittag einen Spaziergang, nur um die Herzogin einmal täglich, während sie ihre Besorgungen macht, auf der Straße treffen und grüßen zu können, doch nimmt die vornehme Dame anscheinend keine besondere Notiz von ihm. „Ich liebte wirklich Madame de Guermantes … Als größtes Glück hätte ich am liebsten von Gott erbeten, er möge doch alles Ungemach der Welt über sie hereinbrechen lassen und bewirken, dass sie ruiniert, allen Ansehens, aller Vorrechte bar, die sie von mir trennten, ohne Haus und Heim und von niemand mehr gekannt, bei mir Zuflucht suchte. Ich stellte mir vor, sie tue es … Und wenn ich in dieser Weise Stunden damit zugebracht hatte, mir Umstände auszudenken und dann Sätze zu formulieren, die ich zu der Herzogin sagen würde… blieb die Situation die gleiche.“ So schmachtet Marcel vor sich hin. Die Stimme aus dem Off weiß das schon richtig einzuordnen: „Das furchtbare Täuschungsmanöver der Liebe besteht ja darin, dass sie uns nicht mit einer Frau der äußeren Welt in Gedanken spielen lässt, sondern mit einer aus unserem eigenen Hirn entsprungenen Marionette, dem einzigen Bilde, das wir immer zu unserer Verfügung haben, das wir besitzen und das die Willkür unserer Erinnerung, fast eben so unumschränkt wie die der reinen Imagination, ebenso verschieden von der wirklichen Frau gestaltet haben kann, wie es das wirkliche Balbec von dem erträumten war, einer künstlichen Schöpfung also, der wir ganz allmählich zu unserer Qual die wirkliche Frau gewaltsam anzugleichen suchen.“
Da kommt Marcel die rettende Idee, wie eine nähere Kontaktaufnahme mit der Angebeteten gelingen kann: Sein Kumpel aus dem Strandurlaub in Balbeck, der junge Marquis Robert de Saint-Loup, ist glücklicherweise ein Neffe der Herzogin. Ihn besucht er für ein paar Wochen während seines Militärdienstes bei seiner Armeeeinheit in einem kleinen Ort weit außerhalb von Paris. (Marcel selbst ist aus gesundheitlichen Gründen – er leidet unter Asthma – von allen militärischen Verpflichtungen befreit.) Und was sieht Marcel zu seiner großen Freude auf dem Schreibtisch in Roberts Zimmer stehen? Ein wundervolles Porträtfoto der Herzogin.
„Diese Photographie war wie eine weitere Begegnung … mit Madame de Guermantes; ja mehr noch, sie stellte eine sehr ausgedehnte Begegnung dar, als wäre die Dargestellte durch einen jähen Fortschritt in unserer Annäherung im Gartenhut bei mir stehengeblieben und habe mir zum ersten Male Zeit gelassen, hier die Rundung der Wange, dort die Nackenlinie oder den Ansatz der Braue (alles Dinge, die mir bislang beim raschen Vorübergehen, im Überwältigtsein durch den momentanen Eindruck und durch die Lückenhaftigkeit der Erinnerung verborgen geblieben waren) in Ruhe anzuschauen; ihr Anblick aber sowie der von Brust und Armen einer Frau, die ich sonst immer nur im hochgeschlossenen Kleid gesehen hatte, kam für mich einer berauschenden Entdeckung, ja einer Gunstbezeigung von ihrer Seite gleich. Diese Linien, deren Betrachtung mir beinahe unerlaubt erschien, durfte ich nun studieren als eine Abhandlung über die einzige Geometrie, die für mich Wert haben konnte.“
Möglichst unauffällig bittet er Robert unter einem Vorwand darum, eine Begegnung mit seiner Tante zu arrangieren. Robert begreift sofort, was los ist, und verspricht seinem Freund, sein Möglichstes zu tun.
Doch ist Marcel nicht der einzige, der in Liebesqualen verstrickt ist. Robert unterhält seinerseits – von seiner Familie aufs Schärfste missbilligt – eine Liebschaft zu einer Schauspielerin. (Das ist so weit unter „standesgemäß“, dass es dafür gar keinen Ausdruck mehr gibt.) Und die lässt ihn gerade wieder hängen, meldet sich nicht, obwohl Robert ihr schon dreimal nacheinander geschrieben hat. Ihr noch weiter hinterherzulaufen, das geht natürlich nicht. Doch wartet er Tag für Tag wie ein Besessener auf Post von ihr. „Er zwang sich dazu, nicht an sie zu schreiben, wobei er vielleicht dachte, es sei ein geringeres Leiden, ohne Geliebte zu leben, als unter bestimmten Voraussetzungen mit ihr.“ Hier kommt nun aus dem Off eine sehr fundierte Betrachtung über das Schweigen in der Liebe: „Man legt Schweigen gern als Stärke aus, in einem ganz anderen Sinne stellt es sogar eine furchtbare Macht in den Händen derjenigen dar, die geliebt werden. Es steigert die Angst des Wartenden. Nichts lädt so sehr dazu ein, sich einem Wesen zu nähern, als gerade das, was einen von ihm trennt, und welche unüberschreitbarere Barriere gibt es als das Schweigen? Man hat auch gesagt, dass Schweigen eine Qual bedeute und imstande sei, denjenigen, der im Gefängnis dazu verurteilt ist, um den Verstand zu bringen. Doch welche Qual – noch größer als Schweigen – besteht darin, es von der Seite des geliebten Wesens ertragen zu müssen!“
Aber der Marquis Robert de Saint-Loup hat noch einmal Glück gehabt mit seiner Schauspielerin. Irgendwann kommt doch noch der erhoffte Brief von ihr, und ein Versöhnungstreffen wird angesetzt, an dem als bester Freund auch Marcel teilnehmen darf. Doch der ist von Roberts Freundin, nach so viel Zirkus im Vorfeld, dann doch etwas enttäuscht und findet sie alles in allem nur „ziemlich gewöhnlich“. Umso erschütternder ist es für ihn, mit ansehen zu müssen, in welche mentale Abhängigkeit von ihr sich sein Freund Robert begeben hat. Und die Stimme aus dem Off setzt noch einen drauf: „Es ist nur der Zufall eines Augenblicks, jenes einen Augenblicks, in dem diejenige, die bereits sich zu schenken schien, sich entzieht, weil sie vielleicht ein Rendezvous oder einen anderen Grund hat, sich an dem betreffenden Tag etwas schwierig zu zeigen. Hat sie es mit einem stark in Gefühlen lebenden Menschen zu tun, beginnt, selbst wenn sie es gar nicht merkt, besonders aber, wenn sie es merkt, nun ein furchtbares Spiel. Unfähig, auf diese Frau zu verzichten, erhöht er den Einsatz, sie meidet ihn, so dass ein nicht mehr erhofftes Lächeln tausendmal höher bezahlt wird, als es der letzten Gunst angemessen wäre. Es kommt in solchen Fällen sogar manchmal vor, dass man diese letzte Gunst oder sogar einen ersten Kuss nie erlangt oder nicht einmal zu erbitten wagt, um die vorherigen Versicherungen einer rein platonischen Zuneigung nicht etwa Lügen zu strafen. Es ist dann ein großer Schmerz, aus dem Leben zu scheiden, ohne jemals erfahren zu haben, wie ein Kuss der Frau sein mag, die man am meisten geliebt hat.“
Als Marcel wieder nach Paris reist, kommen ihm jedenfalls erhebliche Zweifel an seiner schwärmerischen Begeisterung für Madame de Guermantes. Hinzu kommt, dass diese, als er sie das nächste Mal auf der Straße grüßt, langsam etwas genervt von Marcels Zudringlichkeit wirkt.
„Eine Wahrheit muss nicht ausgesprochen werden, um dennoch ruchbar zu werden. Man kann sie vielleicht mit größerer Sicherheit, ohne auf eine mündliche Mitteilung zu warten oder überhaupt nur darauf zu hören, aus tausend äußeren Zeichen entnehmen, selbst aus manchen unsichtbaren Phänomenen, die in der Welt der menschlichen Charaktere etwa dem entsprechen, was in der Welt der Physik die atmosphärischen Veränderungen sind“, weiß die Stimme aus dem Off. Als Marcel dann ein Brief von Robert erreicht, in welchem dieser ihm eröffnet, dass eine gewisse Madame de Sterma gerade wieder in Paris weilt, eine junge Dame, auf welche Marcel schon früher einmal ein Auge geworfen hat, ist Madame de Guermantes für ihn endgültig abgemeldet. Madame de Sterma lässt Marcel durch Robert ausrichten, dass sie einem Treffen mit ihm in Paris keineswegs abgeneigt sei. Marcel schreibt ihr kurzfristig und schlägt ein gemeinsames Dinet in einem exquisiten Restaurant in malerischer Umgebung auf einer Paris vorgelagerten Seine-Halbinsel in einigen Tagen vor. Madame de Sterma sagt zu.
Und da passiert etwas völlig Unerwartetes: Marcel, dessen Eltern für einige Tage verreist sind, erhält überraschend Besuch von … Albertine. Ausgerechnet von Albertine, in die er am Strand in Balbec so vernarrt gewesen war, und die er in Paris doch längst „abgeschossen“ hatte. Allerdings kommt Albertine in offensichtlich rein freundschaftlicher Absicht, möchte sich einfach nur ein wenig mit ihm unterhalten. Marcel, sonst ganz und gar nicht frei von Eitelkeit, ist gerade nicht besonders schick angezogen und auch nicht rasiert, das hat er sich alles für den Abend mit Madame de Sterma aufgespart. Ganz unbefangen plaudert er mit Albertine. „Ihr Anblick schuf mir keine Unruhe mehr.“ Doch je länger er sie im Gespräch betrachtet, desto öfter kommen ihm doch wieder die verlockenden Assoziationen von Sonne, Strand und Meer in den Sinn. Als Albertine gehen will, fordert er sie wiederholt auf, doch noch etwas länger zu bleiben. Und sie tut es, durchaus nicht widerwillig. Ganz beiläufig erwähnt er dann, dass er ja „überhaupt nicht kitzlig“ sei. Und Albertine, die sofort registriert, dass Marcel schlichtweg Lust auf sie bekommen hat, antwortet: „Soll ich es denn einmal versuchen?“ Sie suchen dafür eine bequeme Position und sind drauf und dran sich zu küssen – da geht im Zimmer plötzlich das Licht an. Es ist die Haushälterin Francois, die den jungen Herrn zum Abendessen ruft.
So etwas wie Privatheit und Privatsphäre im heutigen Sinne war in jener Zeit nicht unbedingt vorgesehen. Die unteren Stände lebten zumeist sehr beengt mit vielen Personen dicht aneinander, die Bessergestellten hingegen hatten ständig ihre Angestellten um sich. Die Dinge, die jeder gerne tut, wenn sie oder er ganz allein ist, waren unter solchen Umständen gar nicht so einfach durchzuführen. Zum Abbau des allgemeinen Hormondrucks lockten dafür (zu Spottpreisen) Bordelle und Kupplerinnen, die auch Marcel ausgiebig frequentierte, die männliche Kundschaft. Den Frauen dagegen, sofern sie sich nicht selbst auf irgendeine Weise im horizontalen Gewerbe betätigten, blieben nur Eheschließungen, Affären oder jene Übellaunigkeit und Gereiztheit, wie sie etwa Madame de Guermantes im weiteren Verlauf der Handlung noch des Öfteren an den Tag legen sollte.
Doch können Albertine und Marcel ihre Annäherung immerhin noch für kurze Zeit fortsetzen. Und wieder fragt Marcel Albertine, warum sie ihn denn damals in Balbec so vehement abgewiesen habe. Und diesmal antwortet ihm Albertine: „ Ach! Damals in Balbec kannte ich Sie ja nicht, ich hätte glauben können, Sie hätten schlechte Absichten.“ Die Stimme aus dem Off kommentiert das mit den Worten: „Es ist für eine Frau schwierig, in den Bewegungen ihrer Glieder, in den Empfindungen ihres Körpers, wenn sie mit einem guten Freund zusammen ist, die unbekannte Sünde zu erkennen, in die sie bei einem Fremden befürchten würde hineingezogen zu werden.“
Als Albertine ein weiteres Treffen vorschlägt, äußert Marcel sich ausweichend, da er noch immer an nichts anderes denkt als an das Essen mit Madame de Sterma. Am Tag des geplanten Dinets, dem Marcel von einer Welle der Euphorie getragen entgegenfiebert, platzt dann die Bombe: Madame de Sterma sagt ab, einfach so, ohne weitere Begründung. Es sei etwas dazwischengekommen, sie müsse dringend Paris verlassen – und sie taucht dann auch nicht wieder auf, ist für Marcel zur bloßen Schimäre geworden. Die Stimme aus dem Off deutet schon an, was wohl noch passieren wird: „Unser Leben unter anderen Menschen gleicht einem Maleratelier voll beiseitegelegter Skizzen, da es mit allen jenen angefüllt ist, an welche wir einmal einen Augenblick lang unser Verlangen nach einer großen Liebe glaubten heften zu können; doch wurde mir dabei nicht bewusst, dass manchmal, wenn die Skizze noch nicht allzulange geruht hat, wir sie am Ende noch einmal vornehmen und ein ganz anderes, vielleicht bedeutenderes Werk daraus machen, als wir ursprünglich planten.“
Man könnte ergänzen: Meistens kommt es anders, als man denkt. Und je größer der gedankliche und emotionale Aufwand in der Liebe, desto unwahrscheinlicher wird ihre Erfüllung. Am Ende läuft es darauf hinaus, dass nur zwei zur richtigen Zeit am richtigen Ort und in der richtigen Stimmung sein müssen und alles andere doch nur ein Produkt der Phantasie ist. Und das, was man die romantische Liebe nennt, also die ausdauernde, in der Regel unglückliche Fixierung auf eine ganz bestimmte Person, ist mehr das Ergebnis bestimmter Zufälle als irgendeine Art von „ höherer Bestimmung“. Als Proust-Leser ist man jedenfalls für jede Art von Romantik verloren.
Aber wenn es schon mit der Liebe nicht so weit her ist, kann einen denn nicht die Freundschaft, die echte, tiefe und wahre Freundschaft im Leben für alles entschädigen? Die Stimme aus dem Off ist hier ebenso skeptisch: „Das ganze Bestreben der Freundschaft ist es, den einzigen wirklichen und (es sei denn durch das Mittel der Kunst) nicht mitteilbaren Teil unserer selbst einem oberflächlichen Ich zum Opfer zu bringen, das nicht wie das andere Freude in sich selber findet, sondern eine verschwommene Rührung dabei verspürt, wenn es von außen her gestützt und in eine fremde Individualität gleichsam gastlich aufgenommen wird, wo es dann beglückt über den ihm zuteil gewordenen Schutz sein Wohlbehagen in Billigung ausströmen lässt und Vorzüge bewundert, die es an sich selbst als Fehler bezeichnen und zu korrigieren bemüht sein würde. Im übrigen können die Verächter der Freundschaft ganz illusionslos – jedoch nicht ohne Gewissensbisse – die besten Freunde der Welt sein…“ So bleibt als letzter Rettungsanker für den ästhetischen Menschen nur die stolze Einsamkeit: „Die Ideen, die mich heimsuchen, sind wie Göttinnen, die zuweilen geruhen, einem einsamen Sterblichen an der Biegung des Weges sichtbar zu erscheinen… Doch sobald man zu zweit ist, verschwinden sie; Menschen, die stets in Gesellschaft leben, bekommen sie nie zu Gesicht.“
In die große Enttäuschung Marcels über das ausgefallene Date mit Madame de Sterma platzt eine Mitteilung von Robert Saint-Loup, der sein Versprechen einhält und Marcel in den Salon seiner Großtante zu einer Abendgesellschaft einlädt, auf der auch seine Tante, die Madame de Guermantes, anwesend ist. Ein paar Wochen früher wäre das für Marcel noch der Gipfel der Genüsse gewesen, doch nun kann er an der Herzogin gar nicht mehr so viel finden. Allein der „Geist der Guermantes“, der Zauber des alten Adels reizt ihn jetzt noch. Und so lässt er sich natürlich nicht zweimal bitten, denn Zeit hat er ja ohnehin immer genug. Zu Marcels großer Überraschung ist die Herzogin, von der er vor kurzem noch so geschwärmt hat, ihm gegenüber nunmehr durchaus aufgeschlossen, allerdings ohne dass Marcel daraufhin wieder Feuer fänge. Sie lädt ihn fortan sogar regelmäßig auch in ihren eigenen Salon ein, was für einen „normalsterblichen“ Bürgerlichen eine vollkommen ungewöhnliche Ehre darstellt, denn ansonsten verkehren dort nur Angehörige des Hochadels oder die gerade angesagten Top-Prominenten. Man gewinnt fast den Eindruck, der Ich-Erzähler berausche sich so sehr an seinem exklusiven Zutritt bei den „Blaublütigen“, dass er es nicht unterdrücken kann, auf gut und gerne 300 Seiten die gesamten Konversationen auf diesen Veranstaltungen bis ins kleinste Detail wiederzugeben, was für den Leser ausgesprochen ermüdend ist. Zumal es sich dabei ganz überwiegend um, in schöne Worte gehülltes, redundantes Geschwafel handelt, was auch der Erzähler am Ende einräumen muss.
Zunächst überwiegt aber noch seine Begeisterung: „Die Guermantes – wenigstens die, die dieses Namens würdig waren, besaßen nicht nur eine erlesene Qualität der Haut, des Haares und des durchscheinenden Blicks, sondern hatten auch eine Art sich zu halten, zu schreiten, die Hand zu geben, durch die sie sich insgesamt von irgendeinem anderen Mann der großen Welt ebenso stark unterschieden wie dieser von einem Bauern in seinem Arbeitskittel.“ Ja, diese Adeligen spielen doch in einer ganz eigenen Liga: „Denn neben allen individuellen Eigentümlichkeiten bestand in jener Epoche zwischen einem eleganten und reichen Mann jenes bestimmten Teils der Aristokratie und einem ebenfalls eleganten und reichen Mann aus der Finanzwelt oder Großindustrie noch ein deutlich spürbarer Unterschied. Da wo einer dieser letzteren geglaubt hätte, seine Weltläufigkeit durch einen barschen und hochmütigen Ton einem Untergebenen gegenüber zu beweisen, schien der Grandseigneur mit seiner milde lächelnden Art als Privileg seiner guten Erziehung gerade eine gewisse vorgebliche Demut und Geduld hervorzukehren und zu üben…“ Und dann die Herzogin: „die achtzehnte Oriane de Guermantes ohne eine einzige Mesalliance, das reinste, älteste Blut, das in Frankreich existiert.“ Und sie pflegt mitunter „eine fast bäuerliche Art der Artikulation, die einen herben köstlichen Erdgeruch hatte“. Hinzu kommt „ihre schleppende, in ihrer Rauheit so angenehme Stimme“. Ihr Mann, der Herzog, „runzelt seine jupiterhafte Stirn“.
Marcel imponiert anfangs noch so ziemlich alles im Hause der Guermantes, bis hin zum dort servierten Fruchtsaft, der damals offenbar als erlesene Köstlichkeit gegolten hat: „Nichts wird man weniger leid als diese Umsetzung der Farbe einer Frucht, die durch das Einkochen noch einmal zur Jahreszeit der Blüte zurückzukehren scheint, in Duft und Wohlgeschmack. Purpurn erglühend wie ein Obstgarten im Frühling oder kühl und farblos wie der Zephir unter den Blütenbäumen lässt der Duft sich darin gleichsam destilliert einatmen und betrachten…“ Die Rede ist von nichts anderem als Kirsch- und Birnensaft. Heute kennen wir das tragische Schicksal vieler Delikatessen, die einst nur den Reichen und Schönen vorbehalten waren, und die heute in jedem Discounter vorrätig sind: „Jede Originalität wird sinnlos, sobald sie Allgemeingut geworden ist.“
Doch erhält Marcel bei seinen Besuchen auch schnell tiefe Einblicke in die ehelichen Verhältnisse bei den Guermantes: „Der Herzog schmückte sich gern mit seiner Frau, aber er liebte sie nicht.“ Ein Bildnis, das ihm nicht gefällt, soll seine Frau doch bitte in ihr Schlafzimmer hängen, damit er es nie wieder zu Gesicht bekomme. Dabei ist der Herzog ein „glühender Bewunderer weiblicher Reize“ und unterhält unzählige Liebschaften mit rangniedrigeren Damen, die aber selbstverständlich alle adelig zu sein haben, nur eben unterhalb des Kalibers der Guermantes. (Er soll mit seinen Liebschaften auch schon ebenso unzählige Kinder in die Welt gesetzt haben, worüber allgemein großzügig hinweggesehen wird.) Die Herzogin dagegen gilt allgemein als „tugendhaft“, was sie von so ziemlich allen anderen Angehörigen ihrer Gesellschaftsschicht unterscheidet. Angesichts der gewaltigen Menge an Klatsch und Tratsch, der im Salon von den Anwesenden über die gerade jeweils Abwesenden verbreitet wird, ist sogar zu vermuten, dass Madame de Guermantes zu recht in diesem Ruf steht, denn in diesen Kreisen lässt sich absolut nichts geheim halten, dafür sorgt schon das immer bestens informierte Personal. Als einer der Diener der Familie sich auf seinen freien Tag freut, den er mit seiner Verlobten verbringen will, befiehlt ihm die Herzogin, die das merkt, kurzfristig, aus purer Missgunst und aus Neid, völlig überflüssigerweise an dem Tag eine Extraschicht zu schieben. Der Herzog, der seinem Diener das Vergnügen von Herzen gönnt, kann seine Frau nicht davon abbringen. „Psychologische Gesetze haben gleich den physikalischen eine gewisse Allgemeingültigkeit. Die dafür notwendigen Voraussetzungen sind die gleichen, ein und derselbe Blick leuchtet aus den verschiedensten menschlichen Lebewesen hervor wie ein gleicher Morgenhimmel über weit auseinandergelegenen und einander ganz fremden Orten der Welt.“
Was im Salon der Guermantes sonst noch so erzählt wird, bewegt sich auf durchaus schwankendem Niveau. Es kommt für die Besucher nicht entscheidend darauf an, besonders gebildet oder belesen zu sein, sondern in erster Linie darauf, „Esprit“ zu haben. So wie bei „Monsieur de Guermantes, dessen bizarrer Wortschatz bewirkte, dass die Weltleute ihn als gar nicht so dumm bezeichneten, literarische Kreise jedoch als einen Idioten schlimmster Art.“ Sein Lieblingsthema ist die Genealogie: „Wir sind vom gleichen Blut wie die Hessen, aber die ältere Linie.“
Die politischen Debatten konzentrieren sich vor allem auf die ausgiebig diskutierte Dreyfus-Affäre. Was da aber von den angeblich so kultivierten Aristokraten, und zwar von fast allen, über „die Juden“ verbreitet wird, würde man heute schlicht als allerunterste Schublade bezeichnen. Einzige rühmliche Ausnahme ist der junge Marquis Robert de Saint-Loup, der unter dem Einfluss seiner geliebten Schauspielerin eine Pro-Dreyfus-Haltung einnimmt, die er aber im Salon seiner Großtante und Tante nicht zu vertreten wagt. Außerdem fürchtet er, aufgrund seiner politischen Ansichten nicht in den Jockey-Klub aufgenommen zu werden.
Da wirkt es wie eine Erlösung für den Leser, als am Ende des Buches noch einmal Charles Swann einen Auftritt hat und der befreundeten Madame de Guermantes einen kurzen Besuch abstattet. Swann ist als Jude seit der Dreyfus-Affäre zur “Belastung“ für die aristokratischen Salons geworden. Zudem ist er durch seine Heirat mit der völlig unmöglichen Odette in diesen Kreisen „unten durch“. Doch weil er einfach so charmant und brillant ist wie kein Zweiter, verkehren einzelne Adelige zumindest sporadisch weiter mit ihm. Als er und Marcel einen Moment alleine sind, fragt Marcel ihn, warum wohl alle Guermantes gegen Dreyfus seien. Swanns Antwort: „Weil alle diese Leute Antisemiten sind.“ Endlich redet mal einer Klartext! Und Swann ergänzt noch: „Alle diese Leute gehören einer anderen Menschenart an. Man hat nicht ungestraft tausend Jahre Feudalwesen in seinem Blut.“ Gerade hat er eine Studie über ein weitläufig mit den Guermantes verwandtes Rittergeschlecht auf der Insel Rhodos verfertigt. Kurz darauf betrachtet er die Madame de Guermantes „wie ein Bild von Meisterhand“, woraufhin diese ihn geschmeichelt fragt: „Gefällt Ihnen meine Toilette?“ Doch Swann sieht bereits sehr angegriffen aus und berichtet, als die Herzogin ihn hartnäckig auffordert, sie in einem halben Jahr auf einer Reise zu begleiten, von seiner fortgeschrittenen Krebserkrankung. Es wird wohl – leider! – sein letzter Auftritt im Romanzyklus gewesen sein.
Am Ende fällt Marcels Einschätzung der Salonkultur im Hause Guermantes jedenfalls zwiespältig aus. Viele der hochadeligen geladenen Gäste haben ihm „den Eindruck platter Gewöhnlichkeit gemacht“. Und nicht zuletzt würden dort „fade Bosheiten verbreitet“. So erschien ihm der Name Guermantes doch „stark an Leuchtkraft vermindert“. Doch sieht Marcel in ihnen immerhin noch „liebenswürdige Bewahrer der Vergangenheit“. Diesem Urteil möchte man als Leser, nach allem, was man sich von diesen aufgeblasenen Feudalheinis alles hat anhören müssen, dann doch nicht zustimmen.
So endet dieses Buch, ohne dass man erfährt, wie es mit Marcel und Albertine wohl weitergehen wird. Doch eine Bemerkung der Stimme aus dem Off erlaubt schon einen Blick in die Zukunft: „Sobald man ganz und gar mit einer Frau lebt, sieht man an ihr nichts mehr von dem, um dessentwillen man sie geliebt hat; sicherlich kann die Eifersucht zum Beispiel diese beiden getrennten Elemente wieder vereinigen. … Man kann unter einer so gefährlichen Form die Erneuerung des Wunders aber nicht für wünschenswert halten.“
Und zum Schluss noch einer der klügsten Sätze des Buches: „Wir sind unausgesetzt darum bemüht, unser Leben zu gestalten, kopieren aber unwillkürlich immer nur wie auf einer Zeichnung die Züge der Person, die wir sind, und nicht derjenigen, die wir gern sein möchten.“

Marcel Proust
Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Band 3: Die Welt der Guermantes
Suhrkamp Verlag; Auflage: 1 (29. November 2004)
996 Seiten, 21,00 Euro
ISBN-10: 3518456431

www.justament.de, 6.8.2012: Man wird moralisch, sobald man unglücklich ist

Marcel Proust und der zweite Band seiner „Recherche“

Thomas Claer

lit-proust-recherche2Wer in aller Welt kann sich schon rühmen, die mehr als 4000 Seiten von Marcel Prousts „Suche nach der verlorenen Zeit“, diesem ausgesuchten Meisterwerk der literarischen Moderne, wirklich vollständig gelesen zu haben? Die Wahrheit ist: nicht einmal Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki! Das vertraute dieser vor einigen Jahren dem Spiegel an, als der ihn fragte, welche seiner unterlassenen oder unvollständigen Lektüren literarischer Werke ihm am peinlichsten sei. „Das Leben ist zu kurz und Proust zu lang“, befand schon Prousts Kollege und Zeitgenosse Anatole France. Und welch schweren Stand die „Recherche“ mit ihren Satzungetümen, die wohl kein Lektor der Welt heute mehr durchgehen ließe, im Zeitalter der Smartphone-Facebook-Twitter-Menschen, der kurzen Nachrichten und Aufmerksamkeitsspannen hat, das lässt sich leicht vorstellen.
Und doch hat, wie der Justament-Rezensent beim Lesen des immerhin schon zweiten der sieben Bände, „Im Schatten junger Mädchenblüte“, nicht ohne Bewunderung feststellen konnte, dieses monströse Werk uns noch immer eine Menge zu sagen. Das Muster des Romans ist immer gleich: Zwischen den überaus detaillierten und lebendigen Beschreibungen der äußeren und vor allem auch inneren Lebenswelt des jungen namenlosen Ich-Erzählers im ausgehenden 19. Jahrhundert ist in unregelmäßigen Abständen – wie eine Stimme aus dem Off – die Kommentierung des Verfassers zu vernehmen: oft sehr ausführlich, manchmal aber auch in lakonischer Punktgenauigkeit: „Man wird moralisch, sobald man unglücklich ist.“ Ja, das erklärt die Situation und nebenbei auch gleich noch die ganze Welt. Zumeist aber ist es viel komplizierter: „In unserer Phantasie beruhen die Einzelheiten unseres Glücks weit mehr auf der Identität mit den Wünschen, die es in uns weckt, als auf genauen Informationen über seine Beschaffenheit.“ Oder: „Der Verstand eliminiert aus unseren Erinnerungen, die sich auf ein Wesen beziehen, alles, was in unseren alltäglichen Beziehungen zu ihm nicht von unmittelbarem Nutzen ist (sogar und erst recht, wenn diese Beziehungen von der Liebe bestimmt werden, die, weil sie nie genug bekommt, stets schon im Augenblick lebt, der kommen wird). Er lässt die Kette der vergangenen Erinnerungen vorbeigleiten und hält mit Macht nur das letzte Ende fest, das oft aus anderem Metall besteht als die ins Dunkel entglittenen Glieder, und auf unserer Reise durch das Leben hält er für einzig wirklich das Land, in dem wir uns befinden.“ Eine so präzise Ausbreitung und Analyse der menschlichen Gedanken- und Gefühlswelt wie bei Proust haben wir in der deutschen Literatur nie erlebt. Entweder belassen es die Autoren, wie Thomas Mann, bei der feinen diskreten Andeutung oder sie kommen auf ihren Wegen nach innen, wie Hermann Hesse, ins Raunen und Beschwören, was jugendliche Leser mitten ins Herz trifft und dieselben beim späteren Wiederlesen oft peinlich berührt. Bei Proust ist es anders. Er spart nichts aus, wühlt in den Eingeweiden des Geistes, um dann den jeweiligen Irrungen und Wirrungen mit großer Nüchternheit, vollkommen unromantisch und illusionslos, aber mit ungeheurer Genauigkeit und vor allem Sprachkraft auf den Grund zu gehen.
Der vielleicht abgründigste Satz des Buches ist dieser: „Das Wirken der Kausalität, das schließlich alle nur möglichen Effekte hervorbringt und infolgedessen auch die, von denen man es am wenigsten denkt, vollzieht sich oft äußerst langsam, häufig gerade infolge unserer Wünsche, die statt einer Beschleunigung eine Hemmung bewirken – ja, manchmal selbst durch unsere Existenz, und kommt erst zum Ziel, wenn wir zu wünschen, ja zuweilen sogar zu leben aufgehört haben.“ In der Welt dieses Romans bedeutet er, dass Odette de Crecy, vielleicht hört sie ihre biologische Uhr ticken oder erinnert sich doch noch an Swanns vielfältige Vorzüge, zu einem Zeitpunkt Interesse an einer Heirat mit Swann bekundet, als dieser nach Jahren am Rande des Wahnsinns bereits aufgehört hat sie zu lieben. Natürlich nicht völlig, versteht sich, denn an anderer Stelle heißt es, dass er auch weiterhin allem gegenüber blind war, was Odette betraf. Indessen hält Odette an ihrem geheimen Leitspruch fest: „Mit Männern, die einen lieben, kann man machen, was man will, sie sind ja so dumm.“  Doch nun, in der Ehe, hat Swann seine frühere Eifersucht überwunden. Es ist ihm egal geworden, was Odette hinter seinem Rücken gerade tut (und sie tut es immer weiter!), sogar hat er nun selbst eine andere Geliebte. Entscheidend aber dafür, dass Odette in der Ehe so glücklich ist wie nie zuvor, ist das repräsentative Leben, das sie mit dem Reichtum ihres Mannes noch weitaus besser als bisher genießen kann: „Die Wohnung war für die Swanns, was der Körper für die Seele ist.“ In ihrem mit den erlesensten Möbeln und Kunstwerken aufs Geschmackvollste dekorierten Pariser Domizil veranstaltet Odette täglich Kaffeekränzchen und Salonabende mit den Damen und Herren der Oberschicht und führt ihre immer neuen ausgefallenen Kostüme vor. Doch werden Swann und Odette im Laufe der Geschichte immer mehr zu Nebenfiguren, geht es stattdessen um ihre ganz reizende Tochter Gilberte, in die sich der Ich-Erzähler (der erst im fünften Band zweimal mit seinem Namen Marcel angesprochen wird) im ersten der zwei Teile dieses zweiten Bandes, „Madame Swann und ihre Welt“, unsterblich verliebt. Es beginnt irgendwann in der Teenagerzeit und endet, als Marcel um die zwanzig ist. Der junge Marcel unternimmt, wie es Liebenden so eigen ist, einen übergroßen gedanklichen, emotionalen und auch tätigen Aufwand, um Gilbertes Liebe zu gewinnen, der im Buch bis in die kleinsten Einzelheiten dokumentiert und von der Stimme aus dem Off stetig hinterfragt wird: „Unsere Liebe, soweit sie Liebe eines bestimmten Wesens ist, hat nichts sehr Reales an sich.“ „So sehr haben in einer Liebe die Dinge, die wir selber hinzutun – sogar unter einem rein quantitativen Gesichtspunkt – das Übergewicht über diejenigen, die das geliebte Wesen in sich trägt.“ Doch könnte den Betroffenen nicht einmal eine solche Einsicht helfen, denn: „Die Liebenden und die, die Genüsse haben, sind nicht dieselben.“ Marcel kann die gespürte Zurückweisung durch Gilbert, welche ihn nach anfänglich großer Aufgeschlossenheit immer mehr vernachlässigt, nicht ertragen und inszeniert aus verletztem Stolz nach langen Qualen schließlich den radikalen Bruch mit ihr. Die lebenskluge Stimme des Erzählers sieht das als exemplarisch für die – aufgrund des überschießenden inneren Selbstbehauptungstriebes – im jungen Lebensalter zumeist bestehende Tendenz an, alles als etwas Grundsätzliches zu betrachten, wohingegen in späterem Alter die Leidensfähigkeit häufig zunimmt und einem weniger prinzipienfesten Pragmatismus weicht. Doch weiß die Stimme aus dem Off auch: „Die Wesensart, die wir in der zweiten Hälfte unseres Lebens hervorkehren, ist nicht immer – wenn auch häufig – eine dürftigere, vergröberte oder gemilderte Form unserer früheren.“
Dabei hat der junge Marcel wenig von dem oft unangenehm Auftrumpfenden, das man von jugendlichen Helden in der Literatur sonst kennt. Sogar ausnehmend sympathisch macht ihn sein Charakterzug, in zwischenmenschlichen Beziehungen niemals den persönlichen Vorteil zu suchen, was aber vermutlich auch durch seine finanziell abgesicherte großbürgerliche Herkunft und die bemerkenswerte elterliche Toleranz bedingt ist. „Man muss vor allem Freude haben an dem, was man tut“, erklärt ihm sein Vater, ein hoher politischer Angestellter, und unterstützt seinen Sohn sogar in dem gewagten Unterfangen, Schriftsteller zu werden. Marcel begründet seine Selbstlosigkeit und seine enorme Hilfsbereitschaft aber keineswegs mit Tugend oder gar Pflichtgefühl, sondern ausschließlich mit seiner Eigenliebe, der es schmeichelt, im Ansehen anderer gut dazustehen.
Anlässlich der minutiös geschilderten Salonabende erhält der Leser einen tiefen Einblick in die Lebensverhältnisse der Pariser Oberschicht zu jener Zeit. Auffällig ist die hohe Kultiviertheit in den Gesprächen gerade auch der hohen politischen und juristischen Würdenträger, wozu unbedingt immer auch ihre Ruhe und Gelassenheit zählen. Man ist außerordentlich gebildet und belesen, und man hat Zeit für Reflexionen und Unterhaltungen. Die Amtsgeschäfte, so bedeutend sie auch sein mögen, lassen dafür immer noch ausreichend Spielraum. Welch ein Kontrast zu den von Parlamentssitzung zu Pressekonferenz zu Talkshow hetzenden und immer dieselben Floskeln produzierenden Politikern unserer Tage! Schlecht dagegen kommen im Buch die Ärzte weg. Über den gelegentlich an den Salonabenden teilnehmenden Hausarzt Doktor Cottard heißt es zwar, er habe als Arzt einen richtigen Instinkt und sicheren Blick, jedoch: „Diese geheimnisvolle Gabe schließt keineswegs eine Überlegenheit auch der anderen Bezirke des Geistes ein, und ein höchst trivialer Mensch, der sich zu schlechter Musik und Malerei hingezogen fühlt, dem jede geistige Neugier abgeht, kann sie durchaus besitzen.“ (Der reale Marcel Proust stammte anders als seine Romanfigur aus einer Arztfamilie. Sein Vater gilt als Begründer des modernen Krankheitsbildes der Neurasthenie (d.h. der nervösen Befindlichkeitsstörung), einer heute weitgehend vergessenen „Zeitgeistkrankheit“ jener Epoche, inzwischen längst verdrängt vom zeitgemäßeren „Burnout“. Als Objekt seiner Untersuchungen, anhand derer er die Neurasthenie begründete, diente ihm vorwiegend sein Sohn Marcel.)

Im zweiten Teil dieses zweiten Bandes der Recherche namens „Ortsnamen. Die Landschaft“ verlagert sich die Handlung nach Balbec, ein Seebad in der Normandie, wo Marcel gemeinsam mit seiner geliebten Großmutter eine Mischung aus Kuraufenthalt – er leidet unter Asthma – und ausgedehntem Sommerurlaub in einem Luxushotel absolviert. Seine Trauer über die unerreichbare Gilberte hat er inzwischen überwunden und erlebt in der anmutigen Umgebung wieder Glücksmomente: „Unsere Wünsche verschieben sich oft, und in der Verwirrung des Daseins ist selten ein Glück genau dem Wunsch angepasst, der es herbeiziehen wollte.“ Marcel beschränkt sich neben seiner großen Begeisterung für Architektur (besonders für die Kirchen), Malerei und Landschaft aber nicht auf eine neue Liebe zu nur einer Person, sondern verliebt sich gleich in eine ganze Gruppe hübscher junger Mädchen, die er am Strand beobachtet. Sie sind für ihn die Krönung einer gediegenen Badekultur der Reichen und Schönen, die vom Ballermann-Tourismus späterer Zeiten noch nichts weiß. Am Strand sieht er „edel in sich ruhende Muster menschlicher Schönheit: schöne Leiber, schöne Beine, schöne Hüften, gesunde ausgeruhte Gesichter“. Und über die jungen Mädchen urteilt er: „so etwas Schönes und Unerreichbares, so ein köstliches und vollkommenes Bild des unbekannten, doch möglichen, vom Leben bereitgestellten Glücks“. Besonders lobt nun wieder die Stimme des weisen Erzählers die hohe „Plastizität“ in den Gesichtern der jungen Mädchen, ihre noch nicht bestehende Festgefügtheit, die sie so reizvoll macht. Demgegenüber seien „die Gesichter der Frauen von einem bestimmten Alter an vom Existenzkampf verhärtet, für alle Zeiten zäh oder ekstatisch gemacht“. Die aus der Botanik entlehnte Metaphorik des Buchtitels „Mädchenblüte“, die auf Deutsch ein wenig schwülstig klingt, wird hier zu einer Allegorie vom frühen Aufblühen und raschen Verblühen weiblicher Schönheit fortgeführt. An dieser Stelle erstaunt es den Leser aber doch, wie vollständig nicht nur dem jungen Marcel, sondern auch dem in Dingen des Geschmacks ansonsten so versierten Hintergrund-Erzähler der ganz eigene Reiz entgeht, den gerade die nicht mehr ganz jungen Frauen oftmals zu entfalten vermögen. Hierfür, so scheint es, hatte der Homosexuelle Proust, der sich damals umfänglich zu tarnen gezwungen war, wohl einfach keinen Blick. (Einzig die noch in weit fortgeschrittenem Alter als begehrenswert geschilderte Madame Swann lässt er gelten.)
Dem eigentlich recht schüchternen, aber im Ernstfall auch sehr zielstrebig vorgehenden jungen Marcel gelingt nach etlichen Tagen die Annäherung an die begehrte Mädchengruppe. Zu seiner großen Freude schließen die Mädchen, die sich als Oberschülerinnen erweisen, ihn, anders als die dümmlichen blasierten Jungen vom Golfplatz, schnell ins Herz und unternehmen täglich Ausflüge und Wanderungen mit ihm. Zugute kommt Marcel die Einseitigkeit der Kenntnisse und Interessen der anderen mit den Mädchen bekannten jungen Männer (überwiegend Industriellensöhne), die sich auf alles beschränken, was „die Kleidung und die Art sie zu tragen, Zigarren, Bargetränke, Pferde betraf ohne die geringste Entsprechung auf dem Gebiet der Kultur des Geistes“. Heute würde man ihnen wahrscheinlich eine kuriose Mischung aus Hipster- und Spießertum bescheinigen. Hingegen sind die Mädchen sehr empfänglich für Marcels Gelehrsamkeit, wobei er sich aber auch nicht scheut, an ihren ziemlich albernen Gesellschaftsspielen teilzunehmen. Vor allem jedoch vermeidet er sehr gekonnt den Kardinalfehler junger männlicher Intellektueller im Umgang mit dem weiblichen Geschlecht: Er textet die Mädchen  nicht zu. Vielmehr lässt er sie reden und ergötzt sich dabei nicht nur am Anblick ihrer schönen Gesichter und Körper, sondern besonders auch am Lauschen ihrer in seinen Ohren äußerst wohlklingenden Stimmen. („Jede besitzt mehr Noten als das klangvollste Instrument.“) Allmählich wird Marcel sogar zum Hahn im Korb und löst erhebliche Eifersüchteleien unter den jungen Damen aus.
Erst nach vielem Hin und Her konkretisiert sich sein Verlangen auf die schöne Albertine, die in den späteren Bänden die Frau an seiner Seite werden wird. Warum gerade sie? „Zwischen den Frauen, die wir nacheinander lieben, besteht eine, freilich eine gewisse Entwicklung durchmachende Ähnlichkeit, die mit einer Unveränderlichkeit unserer Anlage zusamenhängt, denn diese wählt sie ja aus, wenn sie mit uns kontrastieren und uns zugleich entsprechen, d.h. sich eignen, unseren Sinnen zu genügen und uns Leiden des Herzens zu bereiten. Diese Frauen sind eine umgekehrte Projektion, ein ‚Negativ‘ unseres eigenen Gefühlslebens.“ Das Leiden des Herzens wird für Marcel aber immens, als Albertine ihm bei einem Ringleinspiel einen Zettel zusteckt mit der Aufschrift „Ich mag Sie sehr gerne.“ Nach einigen Wochen lässt sie ihn heimlich ins Hotelzimmer kommen, in dem sie einen Abend allein verbringen soll. Doch als der völlig entflammte Marcel den Versuch unternimmt, sie zu küssen, wird er heftig von ihr zurückgewiesen. Er findet keine Erklärung für Albertines Verhalten, ergeht sich in quälenden Selbstzweifeln, denn an die „Tugendhaftigkeit“ Albertines will er nicht glauben, dann schon eher an eine Art Koketterie.  Auch eine spätere Befragung Albertines führt nicht zur Auflösung des Rätsels. Und so erläutert die Stimme des Erzählers aus dem Off:„Die Wahrheit über die Absichten eines Menschen erfährt man nicht auf dem Wege direkter Befragung, und die Gefahr eines vorübergehenden Missverständnisses ist geringer als die naiven Insistierens.“ So fährt Marcel zum Sommerende letztlich „unverrichteter Dinge“ wieder zurück nach Paris. Doch bleibt dem Leser die begründete Hoffnung auf ein späteres „Happy End“, denn Albertine wohnt ebenfalls in Paris, wodurch künftige Begegnungen als nicht ausgeschlossen erscheinen.

So lässt das Buch einen verstört und bezaubert zugleich zurück, vor allem aber sensibilisiert für die vielen kleinen Besonderheiten des Alltags, die man in stumpfer Gewöhnung nicht mehr wahrnimmt. Es ermutigt den Leser zur Aufmerksamkeit – nach außen wie nach innen, denn: „Die sichtbare Welt ist auch nicht die wahre Welt, weil unsere Sinne über kaum bessere Fähigkeiten verfügen als unsere Einbildungskraft.“
Welch ein Glück, denkt man, dass jemand ein solches Buch geschrieben hat und darin so viel von dem ausdrücken konnte, von dem man nie annahm, dass es sich überhaupt sprachlich formulieren ließe. Und das in solch einer Eleganz! „Das gesprochene Wort steht in Beziehung zur Seele, drückt sie aber nicht aus wie der Stil beim Schreiben.“ Und noch ein letztes Mal die Stimme aus dem Off: „Das Dasein hat eigentlich nur an jenen Tagen Sinn, wo der Staub der Realitäten magischen Sand mit sich führt.“ Dieses Buch ist eine wahre Sahara aus magischem Sand.

Marcel Proust
Im Schatten junger Mädchenblüte (Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Band 2)
Deutsch von Eva Rechel-Mertens
Suhrkamp Verlag Taschenbuch 2004
851 Seiten, EUR 19,00
ISBN-10: 3518456423

Die Besprechung des ersten Bandes der Recherche gibt es hier.

www.justament.de, 20.9.2010: Falsches Genre

Marcel Proust und der erste Band seiner „Recherche“

Thomas Claer

lit-tc-empfiehlt-proust-rech1Manche Menschen gehen so weit, ihr Leben gedanklich in zwei ungleiche Hälften zu unterteilen: in die Lebenshälfte vor und in die nach der „Verlorenen Zeit“. Dies zeigt die überwältigende Wertschätzung der Lektüre dieses Meisterwerks der literarischen Moderne unter Kennern. Zwischen 1913 und 1927 erschien das siebenbändige Hauptwerk des Arztsohns und Juristen Marcel Proust (1871-1922), der an der Sorbonne Jura studiert und dort 1893 seinen Abschluss erworben hatte, ohne später jemals einen juristischen Beruf auszuüben. Doch fand er während seines Studiums der Rechte Zugang zur gehobenen bürgerlich-adeligen Salonkultur von Paris und avancierte später zum bewunderten Romanschriftsteller. Einen Haken hat seine „Recherche du temps perdu“ allerdings: Ihr Umfang liegt bei weit über 4.000 Seiten. Und da sie dem Leser zudem schon aufgrund ihres durchgehend komplizierten Satzbaus stetige konzentrierte Aufmerksamkeit abfordert, werden wohl nur die wenigsten Interessenten überhaupt einmal im Leben „nach der verlorenen Zeit“ ankommen oder sich zumindest über lange Jahre „in der verlorenen Zeit“ einrichten müssen. So auch der Justament-Kolumnist, der nun aber – nach jahrelanger Leseunterbrechung – immerhin glücklich den Abschluss des ersten der sieben Bände, „In Swanns Welt“, vermelden kann. Dieser erste Band besteht wiederum aus drei Teilen, von denen der erste, „Combray“, noch vergleichsweise bedächtig anhebt – jedenfalls gemessen am wahren Feuerwerk des zweiten Teils, „Eine Liebe von Swann“. Diese gut 250 Seiten bilden quasi einen Roman im Roman, und wer einfach nur überhaupt mal etwas von Proust lesen will, ohne sich mit der gesamten „Recherche“ zu belasten, der mag zu einer der Einzelausgaben der „Liebe von Swann“ greifen.

Der im Zentrum der Handlung stehende Charles Swann, ein vermögender und in Bildung und Geschmack, Takt, Stil und Manieren überaus verfeinerter Pariser Privatier ist ein Decadin aus dem Fin de siècle (Wende vom 19. zum 20. Jh.), wie er im Buche steht. Doch kann bei ihm von „anstrengungslosem Wohlstand“ keine Rede sein. Vielmehr ist er ein unermüdlich harter Arbeiter auf dem Feld der Liebe. Swann begnügt sich nämlich nicht wie andere Menschen mit den sich aus dem eigenen Umfeld quasi ohne besonderes Zutun ergebenden persönlichen Kontakten, sondern er ist ständig aktiv auf der Suche nach neuen Bekanntschaften vornehmlich weiblichen Geschlechts. Hat er aufgrund rein optischer Erwägungen seine Wahl getroffen, setzt er sein einzig zu diesem Zweck gepflegtes immenses Netzwerk in Bewegung, auf dass ihm jemand eine schickliche Gelegenheit zur Kontaktaufnahme mit der betreffenden Person verschaffe. Bevorzugt vergleicht er das Antlitz oder den Körperbau seiner Freundschaften mit Gestalten aus Gemälden großer Künstler vergangener Epochen, schließlich hat er über zehn Jahre Kunst und Architektur studiert. Inzwischen hat Swann allerdings ein Alter erreicht, in dem er, wie er bemerken muss, größere Mühe als bisher aufwenden muss, um bei seinen Favoritinnen zu landen. Doch ist sein Verlangen jeweils umso größer, je schwieriger, ja eigentlich unmöglicher sich die Kontaktierung und spätere Eroberung, jedenfalls in seinen Augen, ausnimmt. Für die rein leiblichen Genüsse bevorzugt er ohnehin die „vulgäre Schönheit“ von Mädchen aus dem einfachen Volke, die er sich ohne größeren Aufwand mit etwas Taschengeld und ein wenig Standesrenommee gefügig zu machen versteht.

Das ist die Ausgangslage, als die abgründige Odette de Crecy in Swanns Leben tritt. Sie wird beschrieben als von kleiner Gestalt mit breitem Gesicht, breiter Stirn und hervorstehenden Wangenknochen, müden und melancholischen Augen, mit unfrischer Haut, doch ausgestattet mit dem „Reiz des Natürlichen“. Und sie gilt als eine der am besten gekleideten Frauen von Paris. Zwar ist sie so gar nicht „sein Typ“, doch fesselt sie ihn vom ersten Moment an durch ihre ungewöhnliche Ausstrahlung. Schon nach kurzer Zeit trifft man sich regelmäßig in den feinen Pariser Salons (so wie es seit einigen Jahren ja auch in Berlin-Prenzlauer Berg wieder en vogue ist, die Salonkultur zu pflegen) und schreibt sich unentwegt, oft mehrmals täglich (vom Privatkurier überbracht), zärtliche Briefe wie diesen, den Odette mit den Worten beginnt: „Lieber Freund, meine Hand zittert so sehr, dass ich Ihnen kaum zu schreiben vermag…“ Kurz, die beiden werden schließlich ein Paar – und für den nervenschwachen Swann beginnt das große Leiden. Denn von nun an beherrscht ihn, für den inzwischen nichts und niemand außer Odette noch von Interesse ist, nur noch die Eifersucht angesichts von Odettes ausschweifender Lebensführung. Und diese Eifersucht ist – wie sich später herausstellen wird – auch keineswegs aus der Luft gegriffen: Odette pflegte und pflegt auch weiterhin vermutlich unzählige intime Männer-, aber auch Frauenkontakte, deren Umfang womöglich selbst die erotischen Eskapaden eines heute bekannten Wettermoderators in den Schatten stellen dürfte. Swanns Gedanken kreisen jetzt nur noch um Odette: Pausenlos antizipiert er künftige Gespräche mit ihr, konzipiert Briefe an sie oder spioniert ihr nach. Als Odette eine „körperlich schlechte Zeit“ durchlebt, u. a. dick wird, sieht Swann das mit Genugtuung, weil er hofft, sie dadurch tendenziell leichter für sich alleine gewinnen zu können. Doch Odettes Attraktivität in den Augen anderer vermindert sich dadurch, wie Swann enttäuscht feststellen muss, nicht im Geringsten. Allmählich nimmt Odette sogar Einfluss auf sein künstlerisches Urteil. Zunehmend findet er Gefallen an ihrem in seinen Augen eigentlich schlechten Geschmack, wie an allem, „was von ihr kam“.

Oft warnt man ihn, dass Odette im zweifelhaften Ruf stehe, sich von Männern aushalten zu lassen, um sich so ihren aufwändigen Lebensstil zu finanzieren. Aber das ist für Swann eher beruhigend, hofft er doch, sie letztlich durch seine großzügigen Geldtransfers und Geschenke an sich binden zu können. Nichts bereitet ihm so starke Glücksgefühle wie Odette immer kostspieligere Geschenke machen zu können. Jedoch verblasst Odettes Begeisterung für Swann schon nach einigen Monaten zusehends. Nicht, dass sie ihn jemals abserviert hätte, aber in der Hierarchie ihrer Interessen und Bekanntschaften geht es für Swann doch merklich abwärts. Die Treffen werden seltener, immer wieder ist Odette verhindert. Dabei hat sie keinen blassen Schimmer, welche Schmerzen, welche Qualen sie Swann bereitet. Das liegt völlig außerhalb ihrer Vorstellungskraft. Doch steht sie zu Swann dennoch in bemerkenswerter Loyalität: Das einzig Schlechte über ihn, was jemals über ihre Lippen kommt, ist, dass sie ihn vor anderen der Faulheit bezichtigt, was nicht ganz falsch ist, da er mit seiner seit Jahren betriebenen Studie über den Maler Vermeer so gar nicht vorankommen will. Schließlich unternimmt Odette mit mehreren Freunden, aber ohne Swann, eine von diesem bezahlte jahrelange luxuriöse Transkontinentalreise.

Zu den Pointen des Romans gehört es sicherlich, dass sich der Geistesmensch Swann beständig – nicht nur ökonomisch betrachtet – alles andere als klug verhält, während die von den übrigen Romanfiguren fortwährend als „dumm“, „von geringer Intelligenz“ und „nicht gescheit“ bezeichnete Odette durch ihre überragenden „soft skills“ mutmaßlich alle ihre Ziele erreicht. Am Ende, nach andauernder räumlicher Entfernung von Odette, die seine Liebeskrankheit lindert, seufzt der entnervte Swann darüber, dass er sich Jahre seines Lebens verdorben habe, dass er sterben wollte, dass er seine größte Leidenschaft erlebt habe, „alles wegen einer Frau, die mir nicht gefiel, die nicht mein Genre war!“ Man sollte meinen, er sei nun endlich fertig mit dieser Frau. Doch im sich anschließenden, anfangs sehr essayistisch gehaltenen, dritten Teil des ersten Bandes, „Ortsnamen. Namen überhaupt“ taucht Odette plötzlich wieder auf – und zwar als Madame Swann.

Marcel Proust
In Swanns Welt (Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Band 1)
Deutsch von Eva Rechel-Mertens
Suhrkamp Verlag Taschenbuch 1997
576 Seiten, EUR 13,00
ISBN 3518391712