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justament.de, 29.6.2020: Das war Mazzy Star, das war David Roback

Scheiben vor Gericht Spezial: Eine Art Nachruf

Thomas Claer

Am 24. Februar dieses Jahres ist David Roback gestorben, der Altmeister der Neo-Psychedelic, der Gründer von Rain Parade und Opal in den Achtzigern und von Mazzy Star in den Neunzigern. Die Todesursache ist bis heute nicht bekannt, zumindest nicht offiziell, was gut zur Informationspolitik passt, die David Roback zeit seines 61 Jahre währenden Lebens gepflegt hat: Keinerlei Auskünfte an die Medien, die Musik spricht für sich selbst. Punkt. Ein paar Interviews haben er und seine Mazzy Star-Mitstreiterin Hope Sandoval aber schon gegeben, damals in den frühen Neunzigern, auf dem Gipfel ihrer Popularität, als sie mit “Fade Into You” aus Versehen mal einen MTV-Hit hatten. Doch dabei haben sie die armen beteiligten Journalisten beinahe in den Wahnsinn getrieben, weil sie auf alle Fragen zuerst minutenlang geschwiegen und dann nur einsilbig und seltsam kryptisch geantwortet haben… So ganz uneitel waren sie ja keineswegs. Vielleicht waren sie auf ihre Art sogar die Großmeister der reduzierten, minimalistischen Selbstinszenierung. Immer getragen vom vollkommen berechtigten Bewusstsein, etwas ganz Besonderes zu sein…

In seinem ersten Leben war David Robak eine der wesentlichen Figuren des “Paisley Underground”. So nannte sich die in den Achtzigerjahren an der amerikanischen Westküste entstandene Sechzigerjahre-Psychedelic-Revival-Bewegung. Doch bei Rain Parade, seiner ersten Band, war er nach nur einer Platte schon wieder weg und tat sich mit Kendra Smith von Dream Syndicate zusammen. Bei Opal, der neuen Band, enwickelte David Robak dann sein künstlerisches Konzept, von dem er nie wieder abweichen sollte: Er selbst als musikalischer Kopf im Hintergrund an der Gitarre, und vorne trällert die bezaubernde Sängerin. Doch auch mit Opal reichte es nur für eine Platte, denn um 1990 herum betrat eine exotische Schönheit namens Hope Sandoval die Bühne, die zunächst nur als Background-Sängerin bei der Band angeheuert hatte. Niemand weiß genau, was da zwischen den Beteiligten womöglich noch vorgefallen ist… Jedenfalls kehrte Sängerin Kendra Smith noch während der laufenden Tournee der Band den Rücken und wurde durch Hope Sandoval ersetzt. Und fortan war das Projekt Opal beerdigt – und Mazzy Star war geboren.

Es folgten drei großartige Platten, deren erste, “She Hangs Brightly” (1990), man wohl als den Höhepunkt in Robacks und Sandovals Schaffen ansehen kann: eine ganz eigenartige und sehr besondere Art von Musik, eine Zelebration der subtilen Zwischentöne, deren Etikettierung als Slow Core oder Dream Pop ihren Zauber nur unzureichend wiedergeben kann. Musikkritiker und Fans reagierten enthusiastisch, auch noch auf die beiden Nachfolge-Alben “So Tonight that I Might See” und “Among my Swan”. Aber dann war plötzlich Schluss, zumindest für lange Zeit, ohne dass sie dies irgendwann einmal begründet hätten. Erst 17 Jahre – siebzehn Jahre! – später waren sie plötzlich wieder da, als wäre nichts geschehen. Doch sollte “Seasons of Your Day” (2013) ihre letzte Platte bleiben. Denn David Roback ist, zumindest erzählte es seine hochbetagte Mutter so der Boulevardpresse, an Krebs gestorben – und hat damit auch der unsterblichen Band Mazzy Star ein Ende gesetzt.

www.justament.de, 2.12.2013: 17 jahr? Wieder da!

Die wunderbaren Mazzy Star mit ihrem neuen Werk “Seasons of Your Day“

Thomas Claer

cover-mazzy-starWas sind schon gut anderthalb Jahrzehnte Pause für eine Band wie Mazzy Star, deren Songs, das lässt sich ohne Übertreibung sagen, für die Ewigkeit gemacht sind. Richtig aufgelöst hatten sie sich zwar nie, doch glaubte angesichts der langen Funkstille nach ihren drei großartigen Alben aus den 90ern lange Zeit niemand mehr an eine Fortsetzung ihres Schaffens. Seit ihrer Gründung im Jahr 1989 aus den Trümmern der kalifornischen Indie-Legende Opal, als die damals noch sehr junge Sängerin Hope Sandoval anstelle der ebenfalls durchaus bezaubernden Kendra Smith die Frau an der musikalischen Seite des Gitarristen David Roback wurde, waren Mazzy Star die amerikanische Neo-Psychedelic-Folk-Band schlechthin. Manche nannten ihre Leichtigkeit und Schwere auf geheimnisvolle Weise miteinander verbindende Musik damals auch Dream Pop.
Und jetzt, nach geschlagenen 17 Jahren, sind sie also tatsächlich mit einem neuen Album in alter Bandbesetzung wieder da. Irgendwelche Presseerklärungen oder Gründe für die lange Abstinenz? Fehlanzeige. Nun ja, schon 2009 hatte Hope Sandoval in einem Interview der entzückten Fangemeinde verraten, dass eine neue Mazzy Star-Platte bereits so gut wie im Kasten sei. Aber auf die vier Jahre bis zur endgültigen Fertigstellung kam es dann offenbar auch nicht mehr an. Der Faktor Zeit ist bei dieser Band ganz nebensächlich. Alles an Mazzy Star ist gewissermaßen slow motion. Berühmt geworden sind ihre frühen Interviews, in denen sie zu den Fragen der Journalisten manchmal minutenlang schwiegen, um dann doch noch einsilbig zu antworten. Aber zurück zum neuen Album: Optisch hat sich bei den beiden Haupt-Protagonisten nicht allzu viel verändert. Na gut, David Roback hat eine mächtige Geheimratsecke bekommen, aber Hope Sandoval sieht mit ihren 47 Jahren, zumindest auf den Bildern, noch immer aus wie ein junges Mädchen, ihre Stimme klingt ebenfalls vollkommen unverändert, so wie auch David Robacks Gitarrenspiel. Überhaupt ist bei Ihnen in musikalischer Hinsicht – was allerdings auch niemanden überraschen wird – nahezu alles beim Alten geblieben. Und das bedeutet: Vom ersten bis zum letzten Song sind diese zehn Lieder – jedes auf seine Weise – beinahe vollendet. (Allenfalls über die Orgel im Auftaktstück kann man geteilter Meinung sein.) Eine solch profunde Melancholie hat man selten gehört. Mazzy Star sind und bleiben in jeder Hinsicht etwas ganz Besonderes. Das Urteil lautet: gut (14 Punkte).

Mazzy Star
Seasons of Your Day
Rhymes of An Hour (Rough Trade) 2013
ASIN: B00DYEBM3I

PS: Hier noch ein sehr schöner Live-Auftritt von 1994!

Justament Dez. 2009: Abgründige Parallelwelt

Hope Sandoval beglückt uns mit ihrem zweiten Soloalbum

Thomas Claer

21 Scheiben TC Cover Hope SandovalDas CD-Cover zeigt einen nackten Arm über einer unbestimmbaren Lichtquelle in völliger Dunkelheit und sonst gar nichts. Hope Sandoval ist wieder da: die rätselhafte, undurchdringliche, undurchschaubare. Ihre letzte Platte, “Bavarien Fruit Bread”, liegt schon acht Jahre zurück. Wenn wir richtig gerechnet haben, ist sie jetzt 43 Jahre alt. Ihre Stimme aber klingt kaum anders als vor zwanzig Jahren: eigentlich hell und klar, doch immer auch etwas gedämpft und zerbrechlich. Klein und zierlich, elfengleich und mädchenhaft stand sie erstmals Ende der Achtziger mit “Opal” auf der Bühne, der Band des amerikanischen Underground-Gitarristen David Roback. Die junge Hope Sandoval, aus einer mexikanischen Einwandererfamilie in Los Angeles stammend, war Opal-Fan, hatte der Band Demo-Kassetten mit eigenen Songs geschickt und wurde von den Musikern kurz darauf als Bühnenvertretung für Sängerin Kendra Smith engagiert. Nach deren Ausscheiden 1989 übernahm Hope Sandoval den Gesangs-Part, und Roback nannte die Gruppe nun “Mazzy Star”. Fortan waren alle Lieder auf Hope Sandoval und ihren einzigartig-geheimnisvollen, seltsam entrückten sphärischen Gesangsstil zugeschnitten. Das Mazzy Star-Debütalbum “She Hangs Brightly” (1990) begeisterte mit Sechzigerjahre-Psychedelic-Anklängen, spartanisch instrumentierten Gitarrenpop-Nummern und einem einfach unbeschreiblichen Titelstück. Auch die beiden folgenden Mazzy-Star CDs “So Tonight that I Might See” (1993) und “Among my Swan” (1996) entzückten mit traumhaft-düsteren Songs im Zeitlupentempo. Legendär sind ferner die schüchternen Interviews, die Hope Sandoval in den 90ern gab, in denen sie die Fragesteller manchmal minutenlang anschwieg, um sie dann mit knappen und vieldeutigen Antworten zu verwirren. Ohne dass Mazzy Star sich jemals aufgelöst hätten, brachte Hope Sandoval die nächsten beiden stilistisch ähnlichen CDs ohne Dave Roback unter dem Bandnamen “Hope Sandoval & The Warm Inventions” (2001) heraus, nämlich das besagte “Bavarien Fruit Bread” und nun also “Through The Devil Softly”: Geradezu gemächlich hebt das Album an, erst der dritte Song “For the Rest of your Life” wird richtig abgründig. Doch atmet das ganze Album jenen Mazzy Star-Spirit der ausgedehnten Töne und zerfließenden Realitäten. Es dominieren Gitarren, mitunter kommen Mundharmonikas und Violine hinzu. Scheinbar ist das Folk, aber ein bodenloser Folk, der einen in die Tiefe zieht. Das überraschend kraftvolle “Trouble” klingt dann jedoch plötzlich wie ein Lied von Portishead. Und das effektvoll als Schlussstück angeordnete “Satellite” mutet an wie eine Botschaft aus dem Jenseits. Das Urteil lautet: gut (13 Punkte).

Hope Sandoval & The Warm Inventions
Through The Devil Softly
Nettwerk (Soulfood Music) 2009
Ca. € 17,-
ASIN: B002GZQZQ0