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www.justament.de, 24.7.2017: Je oller, je doller

Peter Schneiders Berlin-New York-Roman “Club der Unentwegten”

Thomas Claer

Jeder Stadtbezirk in Berlin hat seine typische Bewohner-Generation. So trifft man in Friedrichshain vor allem die 20 bis 30-Jährigen, in Prenzlauer Berg die 35 bis 45-Jährigen. Und in Charlottenburg am Stuttgarter Platz, wo einst die legendäre Kommune 1 mit Uschi Obermaier und Rainer Langhans ihre Orgien feierte, sitzt heute zumeist die Generation 60 plus bei einem gepflegten Weißwein in den gediegenen Restaurants und Straßencafés. Um einen ganz überwiegend männlichen lockeren Freundeskreis, der sich dort immer mal wieder in einer italienischen Kneipe begegnet, geht es in Peter Schneiders neuem Roman „Club der Unentwegten“. Dieser besagte Club also, bestehend aus älteren, meist wohlhabenden, gebildeten und beruflich erfolgreichen Herren, ist eine muntere Klatsch- und Tratsch- und Debattierrunde, die sich hauptsächlich auf das wahrheitsgemäße Einander-Berichten selbsterlebter Liebesabenteuer mit überwiegend deutlich jüngeren Damen, größtenteils außerhalb etwaig bestehender ehelicher Bindungen, konzentriert. In ihrer gemeinsamen Überzeugung, dass andere Gesprächsthemen letztlich keinen besonderen Wert besitzen, haben es sich die „Club-Mitglieder“ zur Regel gemacht, dass Ausführungen über den eigenen Gesundheitszustand keinesfalls länger als zehn Minuten andauern dürfen und das Ansprechen politische Themen sogar strikt verboten ist. Jedoch müssen einmal begonnene Liebesgeschichten immer und unbedingt haargenau und vollständig zu Ende erzählt werden.

Lange hatte der Kunsthistoriker und Privatgelehrte Roland, Hauptperson des Romans und erkennbar ein Alter Ego des Autors, in diesem Club nicht viel zu berichten, denn „das mit den Frauen“ war für ihn ja eigentlich schon seit Jahren vorbei. Doch während seiner Uni-Gastdozentur in New York hat es ihn, den alten Schwerenöter, dann doch wieder erwischt. Roland, inzwischen um die 70, hat eine Affäre mit der 30 Jahre jüngeren Leyla – „a striking beauty from Iran“, aber aufgewachsen in New York – begonnen. Wie kann das sein, fragt man sich, dass eine schöne junge Frau um die 40 auf so einen alten Knacker steht? Zunächst einmal, so erfahren wir, sieht Roland locker zehn bis 20 Jahre jünger aus, als er ist. Und dann gibt es einen gemeinsamen Bekannten, der die beiden regelrecht miteinander verkuppelt hat. (Oft genügt es ja im Leben, statt selbst besonders kontaktfreudig zu sein, einen oder mehrere „Multiplikatoren“ zu kennen, die einen dann mit aller Welt bekannt machen.) Schließlich ist Roland als Semiprominenter und gern gesehener TV-Talkshowgast für Leyla, die als Bilder-Verkäuferin in einer New Yorker Luxus-Galerie arbeitet und in einem Mikroapartment in der teuersten Gegend Manhattans lebt, offenbar eine interessante Partie. Zwar reagiert sie anfänglich schockiert, als sie sein wahres Alter erfährt, setzt aber dennoch unverdrossen ihre Liaison mit ihm fort.

Gewisse Schwierigkeiten ergeben sich aus dem sehr unterschiedlichen Kenntnisstand der beiden Liebenden hinsichtlich des Gebrauchs der modernen Kommunikationstechnologien. Immer wieder kommt es vor, dass Roland wichtige Nachrichten von Leyla auf seinem Handy verpasst oder sogar versehentlich gelöscht hat. Auch beim transkontinentalen Skypen tut Roland sich schwer, so dass Leyla ihn nicht selten vorwurfsvoll fragt, in welchem Jahrhundert er eigentlich lebe. Wirklich kompliziert wird es allerdings erst, als Leyla mit ihrem schon seit langem aufgeschobenen Kinderwunsch um die Ecke kommt. Roland, der bereits einen erwachsenen Sohn aus einer früheren Verbindung hat, kann es sich nicht so recht vorstellen, in absehbarer Zeit als womöglich gebrechlicher und vertrottelter Alter noch Erziehungsarbeit leisten zu müssen. Fortan betrachten beide ihre Beziehung als tendenziell interimistisch, kommen aber auch nicht so recht voneinander los, zumal Roland sich, was überaus detailliert beschrieben wird, als fabelhafter Liebhaber erweist …

Wie schon die früheren Bücher dieses Autors, hier sei vor allem an die ausgezeichneten Berlin-Romane „Paarungen“ und „Eduards Heimkehr“ aus den Neunzigern erinnert, liest sich auch der „Club der Unentwegten“ leicht und unterhaltsam. Ausführlich werden dem Leser die regionalen Besonderheiten der Romanschauplätze mitsamt ihren politisch-gesellschaftlichen Hintergründen erklärt. So staunt Roland, der zwischen seiner Charlottenburger Dachterrassenwohnung mit gut gefüllter „Weinbibliothek“ und seinem New Yorker Apartment im Gästehaus der NYU pendelt, immer wieder über die voll besetzten Tische auf den Berliner Trottoirs vor den Kneipen und Bars, insbesondere bei schönem Wetter. „Die meisten Gäste hatten ein Glas Wein vor sich stehen; und obwohl die Mittagszeit vorbei war, schien niemand es mit dem Zahlen und Gehen eilig zu haben. Nicht zum ersten Mal fragte Roland sich, welcher Arbeit all diese Leute nachgingen. Ein vergleichbarer Anblick an einem Werktag in New York war schwer vorstellbar. Berlin schien die Welthauptstadt der flexiblen Arbeits- und Entspannungszeit zu sein.“

Nebenbei zeichnet dieser Roman aber auch ein recht stimmiges Porträt der inzwischen in die Jahre gekommenen deutschen Achtundsechziger-Generation, zu deren Wortführern der Autor in seiner Jugend bekanntlich gehört hat. Diese so genannte Protest-Generation, das wird hier ganz deutlich, war jedenfalls wirtschaftlich gesehen eine goldene. Denn nach dem Abtreten der personell gelichteten und moralisch diskreditierten „Kriegsjahrgänge“ konnte ihr geradezu spielend der vielzitierte „Marsch durch die Institutionen“ gelingen, unbelastet von all den existentiellen Sorgen und Nöten, mit denen die darauffolgenden Generationen zu kämpfen hatten und haben. Am Ende des Buches unternimmt Roland mit Leyla noch einen traumhaften Ausflug in ein ganz zauberhaftes Hotel an der Küste Italiens. Die Toskana-Fraktion lässt grüßen!

Peter Schneider
Club der Unentwegten
Kiepenheuer & Witsch S. Fischer Verlag Köln 2017
288 Seiten, 19,00 EUR
ISBN: 978-3-462-05018-9

www.justament.de, 22.5.2017: Ästhetik des Schreckens

Recht cineastisch, Teil 29: „Tiger Girl“ von Jakob Lass

Thomas Claer

Als Berliner lebt man bekanntlich gefährlich. Auf der Rolltreppe zur U-Bahn stehend kann man hinterrücks einen Fußtritt bekommen und sich beim Sturz nach vorne alle Knochen brechen. Man kann auch von jemandem auf die U-Bahn-Gleise geschubst werden, während man auf den Zug wartet. Oder einem wird von Unbekannten ohne Grund ins Gesicht geschlagen. Es ist schon beunruhigend, dass Leute herumlaufen, die einfach Spaß an der Gewalt gegen ihre Mitmenschen haben. Nun gibt es einen Film, der sich mit diesem Menschenschlag näher beschäftigt: „Tiger Girl“ von Jakob Lass. Natürlich ist das echtes Berliner Underground-Kino aus Neukölln, nur diesmal herausgebracht vom Branchen-Major Constantin Film, das auf die früheren Indie-Produktionen von Jakob Lass und seinen Mitstreitern aufmerksam geworden ist. Ein wilder, ein verstörender Film, der handwerklich außerordentlich gut gemacht ist: Alle Dialoge sind improvisiert, die Kameraführung verwegen.
Die Geschichte, die hier erzählt wird, kann einem allerdings kalte Schauer über den Rücken jagen: Margarethe Fischer, eine junge Dame um die 20, ist durch die Polizeiaufnahmeprüfung gefallen und absolviert nun eine Ausbildung bei einem privaten Security-Dienst. Anfangs ist sie noch höflich und zurückhaltend, bis sie auf eine andere junge Dame trifft, die sich Tiger Girl nennt und das komplette Gegenteil von ihr ist. Tiger Girl, die mit zwei Jungs abwechselnd illegal auf einem Dachboden und in einem stillgelegten Bus lebt, hilft Margarethe, die sie auf den Namen Vanilla tauft, durch imponierende Prügeleinlagen mit und ohne Baseballschläger mehrfach aus der Patsche und wird so zum Vorbild für diese – und zugleich zu ihrer besten Freundin. Nach und nach wird „Vanilla“ zu einem anderen Menschen, indem sie Tiger Girls programmatische Ratschläge beherzigt wie „Höflichkeit ist eine Art Gewalt. Gewalt gegen dich selbst.“ oder „Du musst einfach sagen, was du willst, und dann kriegst du’s auch.“ Schließlich marodieren die beiden pöbelnd, raubend und prügelnd durch die Straßen Berlins. Frei nach Schnauze suchen sie sich ihre Opfer aus. Sogar noch besser klappt es in geklauten Polizeiuniformen.
Das, um es zurückhaltend zu sagen, Irritierende an diesem Film ist dessen ausgestellte Sympathie für seine Protagonistinnen. Und, was nicht minder irritierend ist, auch eine ganze Reihe von Kritikerkollegen ist schier aus dem Häuschen: „Ein Film, nach dem man Lust hat, jemanden zu verprügeln“, befindet Juliane Liebert in der Süddeutschen Zeitung. Und sie führt weiter aus: „Gerade das ist toll an ‚Tiger Girl‘. Keine Moral. Keine Rettung. Dafür Frauen, die nicht in Willenlosigkeit vor sich hin wabern. Aber was heißt ‚Frauen‘: Jakob Lass zeigt selbstbewusst und eigenverantwortlich handelnde Menschen.“ Puh, das kann man nun aber wirklich nicht so stehen lassen. Wenn schon, dann zeigt dieser Film Menschen, konkret gesagt: Frauen, die sich in unverantwortlichster Weise gehen lassen, denen alle zivilisatorischen Sicherungen durchbrennen. Und es stecken fatale Botschaften in ihm, die seinen Machern wohl kaum bewusst gewesen sein dürften. Etwa die, dass der demokratische Rechtsstaat offenbar seine liebe Mühe hat, mit einem solchen Täter-Kaliber fertig zu werden, während solche Schlägerinnen z.B. unter Putin oder Erdogan ganz schnell und ohne viel Aufhebens auf Nimmerwiedersehen im Knast oder Arbeitslager verschwänden. Sind Filmemacher wie Jakob Lass also die nützlichen Idioten der autoritären Herrscher?
Natürlich nicht nur. Denn auf einer rein ästhetischen Ebene kann „Tiger Girl“ durchaus überzeugen. Hier wird eine Geschichte erzählt, so kann man es ja auch sehen, die auf alle Korrektheiten pfeift. So wie, sagen wir, „In Stahlgewittern“ von Ernst Jünger. Ästhetik des Schreckens nennt man so etwas. Ganz ohne Moral. Anhand dieses Films lässt sich also noch einmal über die große Frage nach der Autonomie der Kunst nachdenken.

Tiger Girl
D 2017
Länge: 90 Minuten
Regie: Jakob Lass
Drehbuch: Jakob Lass, Ines Schiller, Hannah Schopf, Nicholas Woche, Eva-Maria Reimer
Musik: Golo Schultz
Darsteller: Maria Dragus (Vanilla), Ella Rumpf (Tiger) u.v.a.
GSK: 16

www.justament.de, 13.2.2017: Der rote Wedding marschiert…

… und in Nord-Neukölln ist es schon teurer als in Wilmersdorf! Der neue Wohnmarktreport Berlin hat es wieder mal in sich

Thomas Claer

weddingSeit Jahren gibt es in der Hauptstadt kein beliebteres Thema als Gespräche über Wohnungen. Allerdings nervt es laut Tagesspiegel langsam schon, „wenn jeder Kneipenabend mit Immobilienblabla endet“.

Aber die harten Fakten wollen dann doch wieder alle ganz genau wissen. Nun ist er also erschienen, der auch in diesem Jahr mit Spannung erwartete Wohnmarktreport Berlin 2017 mit den aktuellen Angebotsmieten aller 192 Postleitzahlbezirke. Was hat er uns diesmal zu sagen? Während in den letzten Jahren noch alle Trends intakt waren, zeigt sich nunmehr ein gemischtes Bild. Die früheren Problembezirke Wedding und insbesondere Nord-Neukölln jedenfalls marschieren in der Miethöhe weiter von Rekord zu Rekord und nehmen Kurs aufs obere Drittel. Dagegen lässt sich im seit langem etablierten Szenekiez Kreuzberg eine deutliche Abschwächung feststellen. Die Partymeile Friedrichshain wiederum zieht mit Karacho an Kreuzberg und Prenzlauer Berg vorbei und liegt nun schon gleich hinter Mitte auf Platz zwei. Insgesamt gesehen boomen die östlichen Innenstadtbezirke mehr als die westlichen. Auch die zentraleren Lagen von Lichtenberg werden immer teurer, während Charlottenburg und Wilmersdorf auf hohem Niveau stagnieren, in Schöneberg geht es sogar etwas abwärts. Doch wer gedacht hat, das gut situierte südwestliche Zehlendorf (wo es  vor nur einem Jahrzehnt noch mit am teuersten war) werde immer weiter abgehängt, sieht sich mittlerweile eines Besseren belehrt. Der „reiche Arschlochbezirk“ (wie er in einem bekannten Film genannt wurde) macht einen deutlichen Sprung nach vorne und überholt sogar die westlichen Innenstadtlagen von Charlottenburg und Schöneberg. Wie heißt es so schön: Das Imperium schlägt zurück! Allerdings liegt die zuletzt nur sehr moderate für ganz Berlin gemessene Zunahme der Miethöhe im niedrigen einstelligen Bereich lediglich an einem Rechentrick: Erstmals sind möblierte und auf Zeit vermietete Wohnungen nicht mehr in den Berechnungen enthalten. Ohne diesen Sondereffekt hätte sich wieder ein zehnprozentiges Mietwachstum im Vergleich zum Vorjahr ergeben.

Wohnkosten in Berliner Bezirken (Angebotskaltmiete pro qm 2016/2008) nach Alt-Bezirken* gem. Wohnmarktreport Berlin /eigenen Berechnungen

1. (1.) Mitte (Alt) (12,77/9,54/+33,9%/ alternativ/repräsentativ)
2. (7.) Friedrichshain (11,23/6,60/+70,2%/ alternativ/lebendig)
3. (4.) Prenzlauer Berg (11,08/7,32/+51,4%/ alternativ/neubürgerlich)
4. (9.) Kreuzberg (10,74/6,37/+68,6%/ alternativ/lebendig)
5. (2.) Wilmersdorf (10,43/8,06/+29,4%/ großbürgerlich/bürgerlich)
6. (10.) Tiergarten (10,29/6,33/+58,9%/ gemischt/lebendig)
7. (3.) Zehlendorf (10,22/7,94/+28,7%/ großbürgerlich/bürgerlich)
8. (5.) Charlottenburg (10,06/7,24/+39,0%/ großbürgerlich/lebendig)
9. (6.) Schöneberg (9,87/7,24/+36,3%/ bürgerlich/lebendig)
10. (21.) Wedding (9,19/5,26/+74,7%/ proletarisch/alternativ)
11. (22.) Neukölln** (9,19/5,23/+66,2%/ alternativ/proletarisch)
12. (11.) Pankow (8,90/6,28/+34,6%/ bürgerlich/lebendig)
13. (8.) Steglitz (8,69/6,45/+34,7%/ bürgerlich/kleinbürgerlich)
14. (17.) Lichtenberg (8,61/5,50/+56,5%/ proletarisch/kleinbürgerlich)
15. (16.) Weißensee (8,48/5,50/+54,2%/bürgerlich)
16. (12.) Köpenick (8,27/6,14/+34,7%/ bürgerlich/proletarisch)
17. (18.) Treptow (8,25/5,53/+49,2%/ proletarisch/lebendig)
18. (14.) Tempelhof (8,06/5,82/+38,5%/ kleinbürgerlich/bürgerlich)
19. (15.) Reinickendorf (7,81/5,76/+35,6%/ kleinbürgerlich/bürgerlich)
20. (13.) Hohenschönhausen (7,68/5,96/+28,9%/ proletarisch/gemischt)
21. (19.) Spandau (7,37/5,43/ +35,7%/ kleinbürgerlich/lebendig)
22. (20.) Hellersdorf (7,20/5,30/+35,9%/ proletarisch/gemischt)
23. (23.) Marzahn (6,68/4,85/+37,8%/ proletarisch/gemischt)

* Alt-Bezirke heißt: Man legt die 23 alten Bezirke von vor der Gebietsreform 2001 zugrunde und nicht die zwölf neuen Bezirke, die durch Zusammenlegungen von sozial z.T. sehr heterogenen Gebieten entstanden sind, was seitdem oft zu irreführenden Verzerrungen in den Statistiken geführt hat.

**Neukölln-Nord (10,45/5,08/+105,7%/ alternativ/proletarisch)
Neukölln-Süd (7,56/5,41/+39,7%/ kleinbürgerlich/proletarisch)

 
Top 30 der Postleitzahlbezirke nach Höhe der Angebotskaltmiete pro qm 2016 (2008)

1. 10178 Hackescher Markt/ Alexanderplatz (Mitte) (13,80/10,30/+34,0%)
2. 10117 Unter den Linden (Mitte) (13,01/12,60/+ 3,3%)
3. 10785 Potsdamer Platz / Lützowstr. (Tiergarten) (13,00/7,80/+66,7%)
4. 10119 Rosenthaler Platz (Mitte) (13,00/9,00/+44,4%)
5. 10405 Prenzlauer Allee (Prenzlauer Berg) (12,50/7,80/+60,3%)
6. 10115 Chausseestraße (Mitte) (12,50/8,40/+48,8%)
7. 10435 Kollwitzplatz (Prenzlauer Berg) (12,00/8,60/+39,5%)
8. 12055 Richardplatz (Neukölln) (11,92/5,00/+138,4%)
9. 10245 Ostkreuz / Boxhagener Platz (Friedrichshain) (11,82/6,80/+73,8%)
10. 10965 Mehringdamm / Bergmannstraße (Kreuzberg) (11,66/6,30/+85,1%)
11. 10179 Jannowitzbrücke (Mitte) (11,53/7,40/+55,8%)
12. 10707 Olivaer Platz / Kurfürstendamm (Wilmersdorf) (11,50/8,40/+36,9%)
13. 14195 Dahlem (Zehlendorf) (11,50/9,40/+22,3%)
14. 10719 Ludwigkirchplatz/ Kurfürstendamm (Wilmersdorf) (11,50/9,70/+18,6%)
15. 10437 Helmholtzplatz (Prenzlauer Berg) (11,44/7,70/+48,6%)
16. 10629 Sybelstraße/ Kurfürstendamm (Charlottenburg) (11,43/9,00/+27,0%)
17. 10627 Westliche Kantstr./ Bismarckstr. (Charlottenburg) (11,37/6,60/+72,3%)
18. 14193 Grunewald (Wilmersdorf) (11,29/10,60/+6,5%)
19. 10997 Wrangelstraße / Paul-Lincke-Ufer (Kreuzberg) (11,20/6,30/+77,8%)
20. 12051 Hermannstraße Süd (Neukölln) (11,17/5,00/+123,4%)
21. 10249 Volkspark Friedrichshain (Friedrichshain) (11,09/6,60/+68,0%)
22. 10777 Viktoria-Luise-Platz (Schöneberg) (11,04/7,60/+45,3%)
23 .10967 Graefestraße (Kreuzberg) (11,03/6,30/+75,1%)
24. 12049 Hermannstraße West (Reuterkiez/Neukölln) (11,00/5,10/+115,7%)
25. 12045 Sonnenallee Nord (Neukölln) (11,00/5,20/+111,5%)
26. 10247 Samariterstraße (Friedrichshain) (11,00/6,40/+71,9%)
27. 10243 Ostbahnhof (Friedrichshain) (11,00/6,60/+66,7%)
28. 10961 Gneisenaustraße (Kreuzberg) (11,00/6,80/+61,8%)
29. 14167 Zehlendorf-Südost / Sundgauer Straße (Zehlendorf) (11,00/7,50/+46,7%)
30. 10623 Savignyplatz (Charlottenburg) (10,96/9,00/+21,8%)

Gebiete mit dem stärksten Anstieg der Angebotskaltmieten im Achtjahreszeitraum

1. 12055 Richardplatz (Neukölln) (11,92/5,00/+138,4%)
2. 12051 Hermannstraße Süd (Neukölln) (11,17/5,00/+123,4%)
3. 12059 Weigandufer (Neukölln) (10,95/5,00/+119,0%)
4. 12043 Rathaus Neukölln (Neukölln) (10,89/5,00/+117,8%)
5. 12049 Hermannstraße West /Reuterkiez (Neukölln) (11,00/5,10/+115,7%)
6. 13355 Humboldthain/ Brunnenviertel (Wedding) (10,60/5,00/+112,0%)
7. 12045 Sonnenallee Nord (Neukölln) (11,00/5,20/+111,5%)
8. 12053 Rollbergstraße (Neukölln) (10,10/4,90/+106,2%)
9. 13357 Gesundbrunnen (Wedding) (9,87/5,10/+93,6%)
10. 12047 Maybachufer („Kreuzkölln“) (Neukölln) (10,52/5,50/+91,3%)
11. 10553 Beusselstraße (Moabit/Tiergarten) (9,46/5,10/+85,5%)
12. 10965 Mehringdamm / Bergmannstraße (Kreuzberg) (11,66/6,30/+85,1%)
13. 10315 Friedrichsfelde-Nord (Lichtenberg) (8,44/5,10/+85,1%)
14. 10551 Birkenstraße (Moabit/Tiergarten) (9,95/5,40/+84,3%)
15. 13347 Nauener Platz (Wedding) (9,29/5,10/+82,2%)
16. 13359 Soldiner Straße (Wedding) (8,50/4,70/+80,9%)
17. 10367 Am Stadtpark (Frankfurter Allee/Lichtenberg) (9,75/5,40/+80,6%)
18. 10559 Stephanstraße (Moabit/Tiergarten) (9,51/5,30/+79,4%)
19. 13351 Rehberge (Wedding) (8,91/5,00/+78,2%)
20. 10997 Wrangelstraße / Paul-Lincke-Ufer (Kreuzberg) (11,20/6,30/+77,8%)
21. 10967 Graefestraße (Kreuzberg) (11,03/6,30/+75,1%)
22. 10245 Ostkreuz Boxhagener Platz (Friedrichshain) (11,82/6,80/+73,8%)
23. 10555 Alt-Moabit-West (Tiergarten) (10,25/5,90/+73,7%)
24. 10627 Westliche Kantstr./ Bismarckstr. (Charlottenb.) (11,37/6,60/+72,3%)
25. 10247 Samariterstraße (Friedrichshain) (11,00/6,40/+71,9%)
26. 10823 Alt-Schöneberg (Eisenacher Str./ Schöneberg) (10,82/6,30/+71,7%)
27. 10999 Görlitzer Park (Kreuzberg) (10,54/6,20/+70,0%)
28. 10827 Crellestraße/Kleistpark (Schöneberg) (10,00/5,90/+69,5%)
29. 10249 Volkspark Friedrichshain (Friedrichshain) (11,09/6,60/+68,0%)
30. 13353 Amrumer Straße (Wedding) (9,19/5,50/+67,1%)

Quelle jeweils: Wohnmarktreport Berlin / eigene Berechnungen

www.justament.de, 22.8.2016: Kinder, Kinder

Der Erzählungsband „Lettipark“ von Judith Hermann

Thomas Claer

LettiparkNeue Kurzgeschichten von Judith Hermann? Sieben Jahre nach ihrem letzten Erzählungsband und zwei Jahre nach ihrem verunglückten Roman-Debüt, das wir ihr längst verziehen haben? Da freut man sich doch gleich und beginnt erwartungsvoll zu lesen. Aber schnell merkt man, dass die Judith Hermann von 2016 nicht mehr jene von 1998 ist, die uns seinerzeit in „Sommerhaus, später“ mit dem „Sound einer neuen Generation“ betörte. (Womöglich ließe sich in diesem Zusammenhang auch von der „Generation Berlin“ sprechen, denn nicht wenige von uns sind damals sozusagen mit diesem Buch im Gepäck – gleich neben Sven Regeners „Herr Lehmann“ und Wladimir Kaminers „Russendisko –  in die Hauptstadt gezogen, auf der Suche nach dem wilden Leben in der noch unfertigen Metropole.) Inzwischen jedoch ist mit der Autorin auch das Personal ihrer Erzählungen um fast zwei Jahrzehnte gealtert, was nicht unbeträchtliche Spuren hinterlassen hat.
Nun sind die insgesamt 17, allesamt recht kurzen Geschichten dieses Buches sowohl inhaltlich als auch personell sehr heterogen. (Stilistisch sind sie es nicht unbedingt, dafür aber qualitativ.) Judith Hermanns Ich-Erzähler schlüpfen in die unterschiedlichsten Charaktere, sind mal männlich, mal weiblich, mal arm, mal gut situiert. Doch sind sie fast alle verheiratet und haben Kinder, manche sind geschieden und leben in Patchwork-Familien. Überhaupt dreht sich bei ihnen fast alles um den Nachwuchs. Wo bleiben da, so fragt man sich, die vielen Singles, die fast 50 Prozent kinderlosen Akademiker? Nun, auch sie treten vereinzelt auf, etwa als besessene Frau mit fanatischem Kinderwunsch, die schließlich ein russisches Kind adoptiert, woraufhin ihr Lebensgefährte sich fragt, ob er nicht besser die Reißleine ziehen sollte. Es liegt wohl auch daran, dass Leute mit Kindern meistens nur Leute mit Kindern kennen und Kinderlose meistens nur Kinderlose. Problematisch daran ist allein, dass die häufige Fixierung auf Kinder und Jugendliche diesen Geschichten nicht unbedingt guttut. Marcel Reich Ranicki muss es wohl geahnt haben, als er Judith Hermann nach ihren ersten Erfolgen mit den Worten warnte: „Bekommen Sie bloß kein Kind. Dann werden Sie nie wieder ein gutes Buch schreiben!“
Eine Geschichte, „Papierflieger“, die von einer alleinerziehenden Mutter und ihrem Freund handelt, den sie aber nur zum Aufpassen auf den Kleinen gebrauchen kann und will, ist trotzdem richtig gut geworden. Die kleinen poetischen Momente des Lebens vermag diese Autorin manchmal sehr gut einzufangen, mitunter auch die großen existentiellen wie in der Titel-Erzählung „Lettipark“, wo die Protagonistin zufällig an der Supermarktkasse eine alte Bekannte trifft – und alles, was früher einmal gewesen ist, kommt wieder in ihr hoch. Was Judith Hermann nicht so gut kann, ist das Setzen von Schluss-Pointen, mit denen sie jedenfalls in diesem Band regelrecht auf Kriegsfuß steht. Manche Geschichten werden durch ihr schwaches Ende regelrecht ruiniert. Ansonsten wird in diesen Erzählungen viel gereist, dafür aber – in krassem Gegensatz zu früher – fast gar nicht mehr geraucht. Geblieben jedoch ist die Melancholie, die über allen Geschichten liegt. Lachen musste ich beim Lesen nur ein einziges Mal, als die Ich-Erzählerin von einem gesprächigen Freund berichtete. Beim Telefonat mit diesem legte sie zwischenzeitlich den Hörer beiseite, um den Geschirr-Abwasch zu erledigen. Als sie ihn wieder aufnahm, redete ihr Freund noch immer munter weiter und hatte die längere Abwesenheit des Gegenübers gar nicht bemerkt. Kam mir irgendwie bekannt vor.

Judith Hermann
Lettipark. Erzählungen
Fischer Verlag Frankfurt a. M. 2016
187 Seiten, 18,99 EUR
ISBN: 978-3-10-002493-0

www.justament.de, 22.2.2016: Die Letzten werden die Ersten sein

Im neuen Wohnmarktreport Berlin bestätigen sich die signifikanten Trends

Thomas Claer

IMG_1815 (1280x960)Der Wedding (siehe Foto) hat bei den Angebotsmieten neuerdings Steglitz überholt, der Norden von Neukölln liegt nun schon vor Zehlendorf. Gleiches gilt für Moabit. Und Kreuzberg hat ohnehin schon seit Jahren alle abgehängt. Um von Prenzlauer Berg und Friedrichshain gar nicht mehr zu reden… Man muss es sich schon auf der Zunge zergehen lassen, was der jährlich erscheinende Berliner Wohnmarktreport auch diesmal wieder an brisantem Zahlenmaterial liefert: Die einstigen Armenhäuser Berlins im Zentrum der Stadt explodieren förmlich, sind gefragt wie nie und lassen die vormals so guten Gegenden des gediegenen Bürgertums über weite Strecken ziemlich alt aussehen.

Nun waren Szenebezirke wie Kreuzberg, Prenzlauer Berg und Friedrichshain ja auch schon vor einigen Jahren angesagt. Und dass sich Neukölln-Nord inzwischen vom Problemkiez zum Hipster-Eldorado gewandelt hat, darüber ist auch schon unendlich viel geschrieben worden. Neu ist jedoch, dass die noch immer stark von Arbeitslosigkeit, Jugendbanden, Müll auf den Straßen und Frauen mit Kopftüchern geprägten Bezirke Wedding und Moabit voll vom Aufschwung erfasst worden sind. Man muss schon genau hinschauen, um die noch zaghaften Veränderungen im dortigen Staßenbild zu bemerken: ein Künstler-Atelier hier, eine Szenekneipe dort – und vor allem immer mehr junge Leute mit studentischem Habitus. Noch sind sie in der Minderheit, doch manche Ecken wie rund um die Malplaquetstraße in Wedding (nahe Leopoldplatz) haben sie schon vollständig okkupiert. Kurz gesagt: Schmuddeligkeit trifft auf Lifestyle. Man muss kein Prophet sein, um vorauszusagen, was bald die Oberhand gewinnen wird.

Wohnkosten in Berliner Bezirken (Angebotskaltmiete pro qm 2015/2008) nach Alt-Bezirken* gem. Wohnmarktreport Berlin /eigenen Berechnungen

1. (1.) Mitte (Alt) (12,64 /9,54/+32,5%/ alternativ/repräsentativ)
2. (9.) Kreuzberg (11,18 /6,37/+75,5%/ alternativ/lebendig)
3. (4.) Prenzlauer Berg (10,81/7,32/+47,7%/ alternativ/neubürgerlich)
4. (7.) Friedrichshain (10,72/6,60/+62,4%/ alternativ/lebendig)
5. (2.) Wilmersdorf (10,18/8,06/+26,3%/ großbürgerlich/bürgerlich)
6. (6.) Schöneberg (10,06/7,24/+39,0%/ bürgerlich/lebendig)
7. (10.) Tiergarten**(10,06/6,33/+58,9%/ gemischt/lebendig)
8. (5.) Charlottenburg (9,89/7,24/+36,6%/ großbürgerlich/lebendig)
9. (3.) Zehlendorf (9,51/7,94/+19,8%/ großbürgerlich/bürgerlich)
10. (22.) Neukölln***(8,69/5,23/+66,2%/ alternativ/proletarisch)
11. (21.) Wedding (8,53/5,26/+62,2%/ proletarisch/lebendig)
12. (8.) Steglitz (8,47/6,45/+31,3%/ bürgerlich/kleinbürgerlich)
12. (11.) Pankow (8,45/6,28/+34,6%/ bürgerlich/lebendig)
13. (17.) Lichtenberg (8,35/5,50/+51,8%/ proletarisch/kleinbürgerlich)
16. (16.)Weißensee (8,17/5,50/+48,5%/ bürgerlich)
15. (12.) Köpenick (7,95/6,11/+30,1%/ bürgerlich/proletarisch)
17. (14.) Tempelhof (7,84/5,82/+34,7%/ kleinbürgerlich/bürgerlich)
18. (18.) Treptow (7,80/5,47/+42,6%/ proletarisch/lebendig)
19. (15.) Reinickendorf (7,47/5,76/+29,7%/ kleinbürgerlich/bürgerlich)
20. (13.) Hohenschönhausen (7,28/5,96/+22,2%/ proletarisch/gemischt)
21. (19.) Spandau (7,04/5,43/+29,7%/ kleinbürgerlich/lebendig)
22. (20.) Hellersdorf (6,89/5,30/+30,0%/ proletarisch/gemischt)
23. (23.) Marzahn (6,42/4,85/ +32,4%/ proletarisch/gemischt)
Berlin insgesamt (8,99/6,27/+43,4 %)

* Alt-Bezirke heißt: Man legt die 23 alten Bezirke von vor der Gebietsreform 2001 zugrunde und nicht die zwölf neuen Bezirke, die durch Zusammenlegungen von sozial z.T. sehr heterogenen Gebieten entstanden sind, was seitdem oft zu irreführenden Verzerrungen in den Statistiken geführt hat.
** Moabit (9,55/5,64/+69,3%/ proletarisch/lebendig)
Tiergarten-Süd (11,32/8,05/+40,6%/ repräsentativ/lebendig)
***Neukölln-Nord (9,64/5,08/+89,8%/ alternativ/proletarisch)
Neukölln-Süd (7,45/5,41/+37,7%/ kleinbürgerlich/proletarisch)
Top 30 aller Postleitzahlbezirke nach Höhe der Angebotskaltmiete pro qm 2015/2008

1. 10178 Hackescher Markt/ Alexanderplatz (Mitte/13,70/10,30/+33,0%)
2. 10117 Unter den Linden (Mitte/13,38/12,60/+ 6,2%)
3. 10119 Rosenthaler Platz (Mitte/13,06/9,00/+45,1%)
4. 10785 Potsdamer Platz / Lützowstr. (Tiergarten/13,01/7,80/+66,8%)
5. 10435 Kollwitzplatz (Prenzlauer Berg/12,01/8,60/+39,6%)
6. 10115 Chausseestraße (Mitte/11,99/8,40/+42,7%)
7. 10405 Prenzlauer Allee (Prenzlauer Berg/11,80/7,80/+51,3%)
8. 10997 Wrangelstraße / Paul-Lincke-Ufer (Kreuzberg/11,79/6,30/+87,2%)
9. 10627 Westliche Kantstr./ Bismarckstr. (Charlottenburg/11,61/6,60/+75,9%)
10. 14193 Grunewald (Wilmersdorf/11,61/10,60/+9,5%)
11. 10969 Prinzenstraße (Kreuzberg/11,50/6,00/+91,7%)
12. 10999 Görlitzer Park (Kreuzberg/11,50/6,20/+85,5%)
13. 14195 Dahlem (Zehlendorf/11,50/9,40/+22,3%)
14. 10719 Ludwigkirchplatz/ Kurfürstendamm (Wilmersdorf/11,43/9,70/+17,8 %)
15. 10629 Sybelstraße/ Kurfürstendamm (Charlottenburg/11,41/9,00/+26,8%)
16. 10243 Ostbahnhof (Friedrichshain/11,11/6,60/+68,3%)
17. 10245 Ostkreuz / Boxhagener Platz (Friedrichshain/11,11/6,80/+63,4%)
18. 10437 Helmholtzplatz (Prenzlauer Berg/11,11/7,70/+44,3%)
19. 10777 Viktoria-Luise-Platz (Schöneberg/11,07/7,60/+45,7%)
20. 10179 Jannowitzbrücke (Mitte/11,06/7,40/+49,5%)
21 .10967 Graefestraße (Kreuzberg/11,03/6,30/+75,1%)
22. 10961 Gneisenaustraße (Kreuzberg/11,00/6,80/+61,8%)
23. 10965 Mehringdamm / Bergmannstraße (Kreuzberg/10,98/6,30/+74,3%)
24. 10623 Savignyplatz (Charlottenburg/10,86/9,00/+20,7%)
25. 10711 Halensee (Wilmersdorf/10,67/7,70/+38,6%)
26. 10247 Samariterstraße (Friedrichshain/10,65/6,40/+66,4%)
27. 12047 Maybachufer („Kreuzkölln“) (Neukölln/10,64/5,50/+93,5%)
28. 10707 Olivaer Platz / Kurfürstendamm (Wilmersdorf/10,60/8,40/+26,2%)
29. 10407 Danziger Straße (Prenzlauer Berg/10,57/ 7,20/ +46,8%)
30. 14057 Lietzensee (Charlottenburg/10,55/7,60/+38,8%)

 

Gebiete mit dem stärksten Anstieg der Angebotskaltmieten im Siebenjahreszeitraum

1. 12053 Rollbergstraße (Neukölln/10,37/4,90/+111,7%)
2. 12043 Rathaus Neukölln (Neukölln/10,04/5,00/+100,8%)
3. 12055 Richardplatz (Neukölln/10,00/5,00/+100,0%)
4. 12049 Hermannstraße West /Reuterkiez (Neukölln/10,01/5,10/+96,3%)
5. 12047 Maybachufer („Kreuzkölln“) (Neukölln/10,64/5,50/+93,5%)
6. 12045 Sonnenallee Nord (Neukölln/10,01/5,20/+92,5%)
7. 10969 Prinzenstraße (Kreuzberg/11,50/6,00/+91,7%)
8. 12059 Weigandufer (Neukölln/9,53/5,00/+90,6%)
9. 12051 Hermannstraße Süd (Neukölln/9,45/5,00/+89,0%)
10. 10997 Wrangelstraße / Paul-Lincke-Ufer (Kreuzberg/11,79/6,30/+87,2%)
11. 10999 Görlitzer Park (Kreuzberg/11,50/6,20/+85,5%)
12. 13347 Nauener Platz (Wedding/9,09/5,10/+78,3%)
13. 10551 Birkenstraße (Moabit/Tiergarten/9,52/5,40/+76,3%)
14. 10627 Westliche Kantstr./ Bismarckstr. (Charlottenb./11,61/6,60/+75,9%)
15. 10559 Stephanstraße (Moabit/Tiergarten/9,31/5,30/+75,7%)
16. 10553 Beusselstraße (Moabit/Tiergarten/8,94/5,10/+75,3%)
17. 10967 Graefestraße (Kreuzberg/11,03/6,30/+75,1%)
18. 13359 Soldiner Straße (Wedding/8,20/4,70/+74,5%)
19. 10965 Mehringdamm / Bergmannstraße (Kreuzberg/10,98/6,30/+74,3%)
20. 13357 Gesundbrunnen (Wedding/8,86/5,10/+73,7%)
21. 10317 Rummelsburg (Lichtenberg/10,00/5,80/+72,4%)
22. 10783 Bülowbogen/Bülowstraße (Schöneberg/9,62/5,60/+71,8%)
23. 10823 Alt-Schöneberg /Eisenacher Str. (Schöneberg/10,77/6,30/+71,0%)
24. 13351 Rehberge (Wedding/8,50/5,00/+70,0%)
25. 10827 Crellestraße/Kleistpark (Schöneberg/10,00/5,90/+69,5%)
26. 10555 Alt-Moabit-West (Tiergarten/10,00/5,90/+69,5%)
27. 12435 Treptower Park (Treptow/ 9,65/5,70/+69,3%)
28. 10243 Ostbahnhof (Friedrichshain/11,11/6,60/+68,3%)
29. 10785 Potsdamer Platz/ Lützowstr. (Tiergarten/13,01/7,80/+66,8%)
30. 10247 Samariterstraße (Friedrichshain/10,65/6,40/+66,4%)

Quelle jeweils: Wohnmarktreport Berlin / eigene Berechnungen

www.justament.de, 7.9.2015: Propaganda, Subversion, Protest

Recht cineastisch spezial: Das Kurzfilmprogramm „Generation Freiheit“ im Radialsystem V in Berlin

Thomas Claer

futur25-berlinEinen interessanten Ansatz wählte der Kurator des Kurzfilmprogramms „Generation Freiheit“, das gestern im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Futur 25“ der Bundeszentrale für politische Bildung anlässlich der Jubiläen von Mauerfall und deutscher Wiedervereinigung im Radialsystem V in Berlin-Friedrichshain aufgeführt wurde. Mittels der Darbietung von sechs recht unterschiedlichen Kurzfilmen am Stück – entstanden zwischen 1952 und 2015 – wurde implizit auch immer nach der gesellschaftlichen Rolle des Mediums Film im Deutschland sowohl vor als auch nach der Wende gefragt. Die Antworten bekamen die Zuschauer dank der ausführlichen und erhellenden Kommentierungen des Filmwissenschaftlers Thomas Tode im Anschluss an die Filme auch gleich noch mitgeliefert.

Filme machen ist teuer, an unabhängige Autoren- und Dokumentarfilme war nach dem zweiten Weltkrieg zunächst nicht zu denken. Viel Geld aber wurde in beiden Teilen Deutschlands – schließlich tobte der Kalte Krieg – für Propagandafilme zur Verfügung gestellt. So konnte damals eine Vielzahl solcher Kurzfilme entstehenden, die zumeist im Vorprogramm der eigentlichen Kinofilme in Ost und West gezeigt wurden. Überraschenderweise sind es aber gerade die westlichen Filme dieser Art, die doch eher angestrengt und steif daherkommen, wenn auch nicht ohne Raffinement. Bezahlt von den USA porträtiert der Re-education-Film „Pfeif drauf“ von Eva Kroll aus dem Jahr 1952 einen zunächst unpolitischen jungen Mann, dem unter Hinweis auf die totalitäre deutsche Vergangenheit und ostdeutsche Gegenwart schließlich erfolgreich ein schlechtes Gewissen eingeimpft wird. Dagegen ist der ostdeutsche Film „Träumt von morgen“ (1956) des gebürtigen Österreichers Hugo Hermann (der bald darauf bei den DDR-Oberen in Ungnade fiel) bemerkenswert lebendig und sogar überaus subversiv geraten. Ost-Berliner Kinder verfolgen eine Kaspertheater-Aufführung und berichten von ihren Zukunftswünschen und -träumen. Da scheint dann mitunter mehr unliebsamer Realismus durch, als es den Auftraggebern recht sein konnte… Ein großartiges Zeitdokument! Gleiches lässt sich aber auch vom nun wieder westlichen und diesmal mit europäischen Geldern finanzierten Film „Europa 1978“ von 1958 sagen. Hier ist es vor allem – der Blick richtet sich aus dem Jahr 1958 auf das in ferner Zukunft liegende Jahr 1978 – der überbordende Zukunftsoptimismus, der einem den Atem raubt: Ständiger Pendelverkehr zwischen Erde und Mond, Reisen zwischen den Planeten, private Hubschrauber und hilfreiche Roboter für jedermann – das war die leuchtende Zukunft, die man seinerzeit auch den Westbürgern versprach.

Bereits nach der Wende, 1994, hat die deutsch-türkische Filmemacherin Hatice Ayten den Film „Gülüzar“ über das harte und traurige Leben ihrer Mutter gedreht. Inzwischen sind die Materialien nicht mehr so teuer, mit etwas Glück lassen sich auch Geldgeber finden – so wird der Film allmählich auch zum Medium des sozialen Protestes „von unten“. Ebenfalls eine Protesthaltung nimmt der eher als Videoclip zu bezeichnende 3-min-Film „Arbeit 2.0“ von Clemens Kogler aus dem Jahr 2007 ein. Er bringt die Zumutungen des Berufslebens der – eigentlich privilegierten – Festangestellten (manche nennen sie Lohnsklaven) zu einer Zeit auf den Punkt, als deren heutiges Ausmaß noch gar nicht erreicht war. Und schließlich erzählt „Schicht“ (2015) von Alexandra Gerbaulet eine abgründige Familiengeschichte aus der westdeutschen Provinz. Ein rundum sehenswertes Filmvergnügen!

www.justament.de, 22.6.2015: Mit 70 im Berghain

Peter Schneiders Berlin-Buch „An der Schönheit kann’s nicht liegen“ ist eine Liebeserklärung an seine Wahlheimat

Thomas Claer

schneiderNein, als Schönheit im eigentlichen Sinne kann man unsere Kapitale nun wirklich nicht bezeichnen. „Berlin ist das Aschenputtel unter Europas Hauptstädten“, heißt es in Peter Schneiders vor kurzem erschienenen „Porträt einer unfertigen Stadt“, „und doch will jeder dorthin.“ „Wenn ich in New York, Tel Aviv oder Rom auf die Frage eines Einheimischen, woher ich komme, den Namen Berlin ausspreche, tritt unversehens Neugier, ja Begeisterung in die Augen des Fragenden.“ Und immer wieder aufs Neue, soviel steht fest, kann sich auch der Autor dieses Buches für seine Stadt begeistern, in der er seit mehr als einem halben Jahrhundert lebt und deren besonderer Magie er nun auf den Grund zu gehen verspricht.

In jungen Jahren gehörte Peter Schneider, Jahrgang 1940, als charismatischer Sprecher der Westberliner Studenten zu den Galionsfiguren der 68er Bewegung, gleich nach Rudi Dutschke sozusagen. Anschließend – nach ausgedehntem Studium der Germanistik, Geschichte und Philosophie – wollte er eigentlich Lehrer werden, doch als Referendar erteilte man ihm 1973 wegen angeblicher linksradikaler Umtriebe Berufsverbot. Wie das damals, in jenen wilden Zeiten, eben so war … Stattdessen veröffentlichte Schneider die von Georg Büchner inspirierte Erzählung „Lenz“, die unversehens zum Kultbuch seiner Generation wurde. Und so kam es also, dass Peter Schneider hauptberuflich Schriftsteller geworden ist. Sein „Lebensthema“, wie er selbst sagt, hat er dabei vor allem in seiner Wahlheimatstadt Berlin gefunden. Es begann mit der Erzählung „Der Mauerspringer“ (1982), in welcher Schneider den Begriff der „Mauer im Kopf“ prägte, der später zum geflügelten Wort werden sollte. Unter anderem gelangte er in diesem Werk zum prophetischen Befund, dass die „Mauer in den Köpfen“ wohl noch weitaus länger Bestand haben werde als jene aus Beton.

Nach der Wende befeuerte Peter Schneider dann mit seinen erfolgreichen Berlin-Romanen „Paarungen“ (1992) und „Eduards Heimkehr“ (1999) den literarischen Hauptstadt-Hype: Vor allem „Paarungen“, das damals auch im „Literarischen Quartett“ abgefeiert wurde, ist sehr gelungen und lässt sich, wenn man so will, als Charlottenburger Gegenstück zu Sven Regeners 80er Jahre-Kreuzberg-Roman „Herr Lehmann“ lesen. Der Held der Geschichte, Eduard Hoffmann, ein Molekularbiologe in den Vierzigern, trifft regelmäßig in einer Charlottenburger Intellektuellenkneipe seine Kumpels (darunter einen mit „Doppelpass“ versehenen Ostberliner Schriftsteller, für den wohl Heiner Müller Pate gestanden hat) und diskutiert mit ihnen ausgiebig sowohl die große Weltpolitik als auch private Frauengeschichten. Eduard ist nämlich seit drei Jahren mit seiner schönen Freundin liiert, die sich nun aber nachdrücklich ein Kind von ihm wünscht. Sein hedonistisch-libertäres Lotterleben gerät somit in Gefahr. Doch trotz Verzichts auf Verhütungsmaßnahmen will sich bei Eduards Freundin keine Schwangerschaft einstellen. Eduard lässt sich beim Urologen untersuchen und bekommt seine Zeugungsunfähigkeit aufgrund zu geringer Spermienzahl attestiert. Daraufhin sorglos geworden lässt sich Eduard parallel zu seiner Hauptbeziehung auf Affären mit gleich zwei anderen attraktiven Damen ein, darunter einer Italienerin, mit der er im Sommer die Schäferstündchen in einem abgelegenen Winkel direkt an der Mauer verbringt. Doch völlig überraschend werden beide Frauen kurz nacheinander von ihm schwanger. Grund für Eduards unerwartete Produktivität könnte, so seine Ärzte, der selten beobachtete Fall der „Spermienkonkurrenz“ sein, bei dem aufgrund der besonderen Wettbewerbssituation angesichts mehrerer Sexualpartner die eigentlich bereits fast zum Erliegen gekommene Spermienproduktion noch einmal hochgefahren wird. Eduard entscheidet sich schließlich nach diversen zwischenmenschlichen Dramen für eine seiner bisherigen Nebenfreundinnen und gründet mit ihr – worauf er eigentlich gar nicht so scharf war – eine Kleinfamilie. Die Hauptfreundin hat ohnehin längst das Weite gesucht, die andere Nebenfreundin treibt ab.

Die Fortsetzung der Geschichte ist dann der nach dem Mauerfall spielende Roman „Eduards Heimkehr“. Eduard kommt mit seiner Familie nach einigen Jahren in den USA zurück ins wiedervereinigte Berlin und erkennt seine Stadt kaum noch wieder. Überdies hat er ein Mietshaus in der Rigaer Straße in bester Friedrichshainer Szenelage geerbt, das jedoch von Autonomen besetzt ist. Sein Anwalt, der zugleich sein alter Kumpel ist, muss ihn, was die Hausräumung und die Generierung von Mieteinnahmen angeht, immer wieder vertrösten, doch räumt er Eduard angesichts des gewaltigen Potentials der Wohnlage Zahlungsaufschub in voller Höhe für seine Anwaltsrechnungen ein. Inkognito nimmt Eduard an einer Versammlung der autonomen Hausbesetzer teil und muss sich dabei eingestehen, dass er die schwarz gekleideten jungen Damen unter ihnen mit ihren Mund- und Nasenpiercings außerordentlich reizvoll findet. Ferner liest er auf einer S-Bahn-Fahrt in der BILD-Zeitung seines Sitznachbarn die Überschrift, dass Ost-Frauen einer wissenschaftlichen Studie gemäß angeblich häufiger als West-Frauen einen Orgasmus bekommen. Und Eduard beginnt, na was schon, eine Affäre mit einer Ost-Frau. Indessen klagt Eduards Frau darüber, dass sie schon seit Jahren keinen Orgasmus mehr erlebt habe. Sie kann dieses Ziel, so glaubt sie, nur noch beim Sex an extrem gefährlichen Orten aufgrund des damit verbundenen Nervenkitzels erreichen. Nach zahlreichen gescheiterten Versuchen an verschiedensten Plätzen erleben Eduard und seine Frau schließlich doch noch den erlösenden Moment in über hundert Metern Höhe auf einer Baustelle am Potsdamer Platz.

Auf einen weiteren Berlin-Roman von Peter Schneider haben wir seitdem allerdings vergeblich gewartet. Stattdessen präsentiert uns der Autor nun seine gesammelten Ansichten über Berlin in einem 330 Seiten starken Stadtporträt, das aus Essays, Berichten, Reportagen, historischen Betrachtungen und autobiographischen Schilderungen besteht. Es liest sich alles sehr gut. Manches überfliegt man nur, weil man es schon zur Genüge kennt (das ist dann mehr etwas für Berlin-Neulinge), anderes ist selbst für den langjährigen Berlin-Bewohner noch von großem Interesse. Als roter Faden zieht sich ein Zitat des großen Publizisten Wolf Jobst Siedler durch das Buch: „Sie werden sich immer wieder zwischen der Schönheit eines Ortes und seiner Lebendigkeit entscheiden müssen.“ Klar, Berlin ist in erster Linie lebendig. „In schönen, perfekt restaurierten und teuren Städten fühlt sich der junge Besucher ausgeschlossen.“ Doch „Berlin gibt jedem Ankömmling das Gefühl, dass er hier noch eine Lücke finden und etwas auf die Beine stellen kann. Es ist diese Eigenschaft Berlins, die die Stadt heute zur Hauptstadt der Kreativen aus aller Welt macht.“ Aber wie jeder weiß, ist gerade dieses Berliner Alleinstellungsmerkmal akut bedroht: „In zehn oder 15 Jahren wird Berlin so teuer sein wie New York oder London.“

Eine besondere Vorliebe hat der Autor für die Architektur, die Erotik und die Soziologie. So hat er die Ossis und Wessis in seinem Bekanntenkreis jahrelang sehr genau beobachtet und befragt und daraus eine plausible Theorie zur Erklärung der größeren Orgasmushäufigkeit bei den Ost-Frauen entwickelt: „Die DDR-Frau war berufstätig, ökonomisch unabhängig, selbstbewusst und scheidungsfreudig.“ Sie sah „ihren männlichen Partner nicht als einen Feind, sondern als einen Partner, der ihr ökonomisch wenig oder nichts voraushatte.“ Der Ost-Mann allerdings konnte sich im DDR-Alltag „nicht mit Privilegien schmücken, die ihm ein Machogehabe gestatteten. Mit Geld, schnellen Autos und einem Haus auf Ibizza konnte er nicht protzen. Er war auf seine eventuellen Begabungen als Liebhaber und auf seine Qualitäten als Vater und Partner angewiesen.“ Und daraus folgt: „Die DDR-Frau suchte nicht den zukünftigen Versorger, wenn sie einen fremden Mann auf einen Wein mit nach Hause nahm. Sie war auf einen guten Liebhaber aus und brach das Abenteuer alsbald wieder ab, wenn sie enttäuscht wurde.“

Bemerkenswert ist weiterhin, was Peter Schneider über die „Ost-West-Paarungen“ seit der Wende herausgefunden hat: „Die Paarung Ostfrau/Westmann ist siebenmal häufiger anzutreffen als die umgekehrte Konstellation.“ Das ist natürlich kein Wunder, denn die selbstbewussten Ostfrauen, denen die Idee völlig fremd ist, sich von einem Mann ökonomisch aushalten zu lassen, gefallen vielen Westmännern nun einmal besser als die oft verbissen feministischen, aber seltener berufstätigen Westfrauen. Dagegen legen die Ost-Männer laut Schneider tendenziell nur wenig Wert auf ihr Äußeres, trinken zu viel und duschen zu selten. Noch als Fünfzig- oder Sechzigjährige verdienen sie nicht gut, denn ihnen fehlt die Fähigkeit, ihre Talente auf dem Markt anzupreisen. Immerhin verrichten sie mehr Hausarbeit als die Westmänner, doch kommen sie nach den Maßstäben der Westfrauen alles in allem für diese kaum in Frage. „Dennoch hat der Ostmann eine Chance: Sie betrifft die alleinstehende und von der Männerwelt enttäuschte Westfrau, die sich nach endlosem und schließlich unheilbarem Streit von dem Ernährer ihrer Kinder getrennt hat. Der Ostmann bietet sich ihr in dieser Situation als guter Kamerad an, er tröstet sie. … Es macht ihm nichts aus, die Kinder der Westfrau morgens in die Schule zu bringen oder sie im Kinderwagen stundenlang durch den Park zu schieben. Solidaritätsgewohnt schließt er diese nicht selten krass verwöhnten Kinder in seine Zuneigung ein, macht mit ihnen Hausaufgaben und erweist sich als geduldiger Spielkamerad. Vorsichtig – und nur in Abwesenheit der Mutter – versucht er ihnen ein Minimum an Erziehung zukommen zu lassen. Nach langer und bestandener Probezeit öffnet ihm seine westliche Geliebte endlich die Tür zu ihrem Schlafzimmer.“

Als Kommentator des politischen Geschehens hat Peter Schneider seine revolutionären Anfänge selbstverständlich schon seit Jahrzehnten weit hinter sich gelassen. Wie auch viele andere „Renegaten“ seiner Generation legt er sich besonders vehement ins Zeug, wenn es darum geht, gutgemeinte linke und linksradikale Bestrebungen zu kritisieren. Doch tut er das glücklicherweise zumeist mit Augenmaß und viel gesundem Menschenverstand. Immer wieder warnt er vor zu viel politischer Korrektheit. Man solle doch bitte die Probleme zuerst einmal beim Namen nennen, um sie dann später hoffentlich irgendwann lösen zu können. So dürfe man weder vor dem in Ostdeutschland deutlich stärker als in Westdeutschland verbreiteten Rechtsextremismus die Augen verschließen noch vor der besonders hohen Kriminalität und Gewaltbereitschaft unter jungen männlichen religiösen Muslimen in europäischen Großstädten.

Zu bemängeln sind an diesem Buch allenfalls ein paar geringfügige Fehler und Ungenauigkeiten: So muss es z.B. „Rosenthaler Platz“ statt „Rosenheimer Platz“ heißen, und der Kissingenplatz, wo Schneiders Freund, der Dramatiker Heiner Müller, einst wohnte, liegt genau genommen nicht in Prenzlauer Berg, sondern schon im angrenzenden Pankow. Weiterhin nehmen die vielen kleinen Eitelkeiten des Autors hin und wieder doch etwas Überhand, etwa das ausufernde „Namedropping“, wenn es um die zahlreichen Freundschaften des Verfassers mit allen möglichen Prominenten geht. Und schließlich kann es sich der Autor auch nicht immer ganz verkneifen, seine offensichtlich ganz außerordentliche Wirkung auf Frauen zu erwähnen. Sogar im legendären Nachtclub „Berghain“, den er noch im Alter von ca. 70 Jahren aus Recherchegründen besucht hat (sicherheitshalber nicht ohne sich zuvor auf die Gästeliste setzen zu lassen, um nicht vom gefürchteten Türsteher abgewiesen zu werden), wird er, kaum dass er die Tanzfläche betreten hat, unversehens von einer etwa 30-jährigen Dame geküsst. Als Schneider dies später voller Stolz seinem erwachsenen Sohn berichtet, meint dieser, dass dies sicherlich an den dort von fast allen Besuchern exzessiv eingeworfenen Drogen gelegen habe, woraufhin der Autor aber entgegnet, dass Drogen doch nur Gefühle verstärkten, die ohnehin vorhanden seien…

Peter Schneider
An der Schönheit kann’s nicht liegen. Berlin – Porträt einer ewig unfertigen Stadt
Verlag Kiepenheuer & Witsch
330 Seiten, EUR 19,99
ISBN-10: 3462047442

www.justament.de, 22.6.2015: Dogma 2.0

Recht cineastisch, Teil 23: „Victoria“ von Sebastian Schipper

Thomas Claer

victoriaSchon auf der Berlinale hat dieser Film für Furore gesorgt. Nun lässt sich „Victoria“, dieses atemlose und verwegene Filmexperiment, auch deutschlandweit in den Kinos bewundern. Wohl zum ersten Mal in der (Spiel-) Filmgeschichte wurde hier 140 Minuten lang alles von vorne bis hinten in einem Zug ohne einen einzigen Schnitt gedreht, womit sich Regisseur Sebastian Schipper ein mindestens ebensolches Denkmal gesetzt hat wie vor zwei Jahrzehnten sein dänischer Kollege Lars von Trier mit seinem damals ebenfalls aufsehenerregenden Konzept des “Dogma-Films”. Nur dass sich in Schippers Fall wohl nicht so leicht ein Nachahmer für diesen Wahnsinn finden wird…
Über die revolutionäre Form hinaus kann der Film aber auch erzähltechnisch überzeugen: Die junge Spanierin Victoria (hinreißend gespielt von Laia Costa) ist erst seit drei Monaten in Berlin und schlägt sich die Nacht in einem coolen Club irgendwo zwischen Mitte und Kreuzberg um die Ohren. Wie so viele andere junge Südeuropäer sieht sie keine Perspektive mehr in ihrer von Jugendarbeitslosigkeit und Hoffnungslosigkeit gezeichneten Heimat und hat sich in die allerorts gelobte Stadt an der Spree aufgemacht. Dort jobbt sie für vier Euro Stundenlohn in einem Café und fühlt sich, da sie noch nicht so recht Anschluss gefunden hat, zunächst einmal ziemlich einsam. Doch in jener Nacht vor dem besagten Club lernt sie endlich jemanden kennen – es sind aber genau die falschen Leute, nämlich Sonne (gespielt von Frederick Lau, dem Herr Lehmann aus „Neue Vahr Süd“) und seine Gang. Sie sind die Repräsentanten einer noch nicht vollständig weggentrifizierten kriminellen Unterschicht und werden auch gar nicht erst in den Club hineingelassen; der Türsteher kennt schon seine Pappenheimer… Die vier Mittzwanziger brechen Autos auf, begehen Ladendiebstähle, einer von ihnen hat schon eine Knastvergangenheit. All das kriegt Victoria, die sich den jungen Männern leichtsinnigerweise anschließt, erst nach und nach mit und will es auch eigentlich gar nicht wahrhaben, denn längst hat sie sich in Sonne verguckt, der seinerseits schon mächtig für sie entflammt ist. Fast ist es rührend, wie ritterlich sich diese zwielichtigen Typen gegenüber der erkennbar „aus gutem Hause“ stammenden Victoria verhalten. Doch dann sollen die vier, um eine alte Schuld zu begleichen, noch in dieser Nacht eine Bank ausrauben. Und so nimmt das Unheil seinen Lauf…  Was für ein Film!

Victoria
Deutschland 2015
Regie: Sebastian Schipper
Drehbuch: Sebastian Schipper, Olivia Neergaard-Holm, Eike Schulz
140 Minuten, FSK: 12
Darsteller: Laia Costa, Frederick Lau, Franz Rogowski, Burak Yiğit, Max Mauff u.a.

www.justament.de, 16.2.2015: Zustände wie in Neukölln?!

Der neue Berliner Wohnmarktreport liefert wieder brisantes Zahlenmaterial

Thomas Claer

Berlin-Neukölln (Foto: TC)

Berlin-Neukölln (Foto: TC)

„Weiß jemand von euch, wo Zehlendorf liegt? War schon mal jemand von euch  in Zehlendorf?“, fragt der Lehrer seine Neuköllner Schulklasse in Detlev Bucks grandiosem Film „Knallhart“ aus dem Jahr 2006, als ein neuer Schüler aus dem großbürgerlichen Zehlendorf im Berliner Südwesten die Klasse einer offenkundigen „Problemschule“ im damaligen „Problembezirk“ Nord-Neukölln betreten hat. Fast alle sind damit überfragt, nur einer weiß Bescheid: „Zehlendorf? Reiche Arschlochgegend!“, klärt er seine Mitschüler auf. Zu jener Zeit, die noch nicht einmal ein Jahrzehnt zurückliegt, waren das reiche Zehlendorf und der arme Migrantenviertel Neukölln annähernd die größten Gegensätze in Berlin. Bei den von den Vermietern verlangten Angebots-Kaltmieten auf dem Wohnungsmarkt lag Zehlendorf gleich hinter dem neureichen Trendbezirk Mitte an der Spitze der Berliner Alt-Bezirke. (Alt-Bezirke heißt: Man legt die 23 alten Bezirke von vor der Gebietsreform 2001 zugrunde und nicht die zwölf neuen Bezirke, die durch Zusammenlegungen von sozial z.T. sehr heterogenen Gebieten entstanden sind, was seitdem oft zu irreführenden Verzerrungen in den Statistiken geführt hat.) Neukölln lag damals – so gerechnet – knapp vor dem östlichen Plattenbaubezirk Marzahn (der fiktiven Heimat der mittlerweile zu Berühmtheit gelangten Komikerin Cindy) auf dem vorletzten Platz. Am Ende des Films „Knallhart“ ist der Protagonist (gespielt vom jungen David Kross) heilfroh, dass er das schreckliche Neukölln schnell wieder verlassen kann, da seine Mutter eine Wohnung im bürgerlichen Steglitz gefunden hat.

Inzwischen hat sich das Kräfteverhältnis auf dem Berliner Wohnungsmarkt nun aber, vorsichtig ausgedrückt, ein wenig verschoben:

Wohnkosten in Berliner Bezirken (Angebotskaltmiete pro qm 2014/2008) nach Alt-Bezirken gem. Wohnmarktreport Berlin / eigenen Berechnungen

1. Mitte (Alt) (12,05/9,54/+26,3%/alternativ/repräsentativ)
2. Kreuzberg (10,92/6,37/+59,2%/alternativ/lebendig)
3. Prenzlauer Berg (10,44/7,32/+39,1%/alternativ/neubürgerlich)
4. Friedrichshain (10,00/6,60/+51,5%/alternativ/lebendig)
5. Wilmersdorf (9,82/8,06/+21,8%/großbürgerlich/bürgerlich)
6. Charlottenburg (9,56/7,24/+32,1%/großbürgerlich/lebendig)
7. Schöneberg (9,44/7,24/+26,8%/bürgerlich/lebendig)
8. Tiergarten (9,40/6,33/+39,0%/gemischt/lebendig)
9. Zehlendorf (9,32/7,94/+13,6%/großbürgerlich/bürgerlich)
10. Neukölln* (8,24/5,23/+57,5%/alternativ/proletarisch)
11. Steglitz (8,24/6,45/+27,7%/bürgerlich/kleinbürgerlich)
12. Weißensee (8,09/5,65/+43,2%/bürgerlich)
13. Lichtenberg (8,00/5,50/+45,5%/proletarisch/kleinbürgerl.)
14. Wedding (7,79/5,26/+48,1%/proletarisch/lebendig)
15. Köpenick (7,78/6,11/+17,7%/bürgerlich/proletarisch)
16. Pankow (7,75/5,99/+29,4%/bürgerlich/lebendig)
17. Tempelhof (7,47/5,82/+28,3%/kleinbürgerlich/bürgerlich)
18. Treptow (7,34/5,47/+34,2%/proletarisch/lebendig)
19. Reinickendorf (7,15/5,76/+24,1%/kleinbürgerlich/bürgerlich)
20. Hohenschönhausen (7,00/5,96/+17,5%/proletarisch/gemischt)
21. Spandau (6,76/5,43/+24,5%/kleinbürgerlich/lebendig)
22. Hellersdorf (6,55/5,30/+23,6%/proletarisch/gemischt)
23. Marzahn (6,24/4,85/+28,7%/proletarisch/gemischt)

* Neukölln-Nord (9,18/5,08/+80,7%/alternativ/proletarisch)
Neukölln-Süd (7,03/5,41/+30,0%/kleinbürgerl./proletarisch)

Für Zehlendorf reicht es jetzt also nur noch zu einem guten Mittelplatz. Nun ist Zehlendorf zweifellos auch heute noch eine „reiche Arschlochgegend“. Die Solideren unter den dort ansässigen Vermögenden haben natürlich, um es James-Bond-haft auszudrücken, nicht gemietet, sondern gekauft. Und doch sagt es eine Menge über den dynamischen Wandel in Berlin aus, dass dieser Bezirk in den letzten sechs Jahren den prozentual niedrigsten Anstieg der Angebotskaltmieten – gerade einmal 13,6 Prozent – zu verzeichnen hatte. Nahezu alle Innenstadtbezirke sind mit Karacho an Zehlendorf vorbeigezogen, allen voran die heiß begehrten Szenelagen von Kreuzberg, Prenzlauer Berg und Friedrichshain mit Zuwächsen von bis zu 59,2 Prozent in diesem Zeitraum.

Und was macht Neukölln? Innerhalb weniger Jahre ist es zum ausgesprochenen „place to be“ geworden. Zuerst kamen nur ein paar versprengte Künstler, die sich in die billigen leer stehenden Läden einmieteten. Dann wurde es zum Geheimtipp für die feierwütige Jugend der Welt. Schließlich gab es eine regelrechte Invasion. Längst ist Neukölln bei den Mieten an Steglitz vorbei- und mit Zehlendorf nahezu gleichgezogen. Mit Zuwächsen bei den Angebots-Kaltmieten von 80,7 Prozent im Sechsjahreszeitraum schießt die nunmehrige Hipster-Gegend Neukölln-Nord dabei den Vogel ab. Unter den zehn Postleitzahlgebieten mit dem stärksten Mietanstieg seit 2008 befinden sich acht aus Nord-Neukölln. (Und nahezu alle 30 Postleitzahlgebiete mit dem stärksten Mietanstieg liegen in der Innenstadt.)

Gebiete mit dem stärksten Anstieg der Angebotskaltmieten im Sechsjahreszeitraum

1. 12049 Hermannstraße West /Reuterkiez (Neukölln/10,00/5,10/+96,1%)
2. 12045 Sonnenallee Nord (Neukölln/10,00/5,20/+92,3%)
3. 12043 Rathaus Neukölln (Neukölln/9,54/5,00/+90,8%)
4. 12053 Rollbergstraße (Neukölln/9,32/4,90/+90,2%)
5. 10999 Görlitzer Park (Kreuzberg/11,71/6,20/+88,9%)
6. 12047 Maybachufer („Kreuzkölln“) (Neukölln/10,37/5,50/+88,5%)
7. 10969 Prinzenstraße (Kreuzberg/10,90/6,00/+81,7%)
8. 12059 Weigandufer (Neukölln/9,00/5,00/+80,0%)
9. 12055 Richardplatz (Neukölln/9,00/5,00/+80,0%)
10. 12051 Hermannstraße Süd (Neukölln/8,94/5,00/+78,8%)
11. 10627 Westliche Kantstr./ Bismarckstr. (Charlottenb./11,79/6,60/+78,6%)
12. 10965 Mehringdamm / Bergmannstraße (Kreuzberg/11,21/6,30/+77,9%)
13. 10997 Wrangelstraße / Paul-Lincke-Ufer (Kreuzberg/11,15/6,30/+77,0%)
14. 10559 Stephanstraße (Moabit/Tiergarten/9,22/5,30/+74,0%)
15. 10967 Graefestraße (Kreuzberg/10,50/6,30/+66,7%)
16. 10551 Birkenstraße (Moabit/Tiergarten/8,96/5,40/+65,9%)
17. 13359 Soldiner Straße (Wedding/7,71/4,70/+64,0%)
18. 10961 Gneisenaustraße (Kreuzberg/11,00/6,80/+61,8%)
19. 13357 Gesundbrunnen (Wedding/8,25/5,10/+61,7%)
20. 10827 Crellestraße/Kleistpark (Schöneberg/9,51/5,90/+61,2%)
21. 12526 Bohnsdorf/ Schönefeld (Köpenick/8,50/5,30/+60,4%)
22. 10553 Beusselstraße (Moabit/Tiergarten/8,15/5,10/+59,8%)
23. 10555 Alt-Moabit-West (Tiergarten/9,42/5,90/+59,7%)
24. 13351 Rehberge (Wedding/7,98/5,00/+59,6%)
25. 10823 Alt-Schöneberg /Eisenacher Str. (Schöneberg/10,00/6,30/+58,7%)
26. 10783 Bülowbogen/Bülowstraße (Schöneberg/8,76/5,60/+56,4%)
27. 10247 Samariterstraße (Friedrichshain/10,00/6,40/+56,2%)
28. 10365 Siegfriedstraße (Lichtenberg/8,04/5,20/+54,6%)
29. 10439 Arnimplatz (Prenzlauer Berg/10,00/6,50/+53,8%)
30. 12435 Treptower Park (Treptow/8,75/5,70/+53,6%)

Aber was ist denn nun aus der ausufernden Kriminalität in Neukölln geworden, den Problemschulen und den Jugendbanden? Das alles kann natürlich nicht von heute auf morgen völlig verschwinden, aber es wird angesichts des rasanten sozialen Wandels massiv zurückgedrängt. Jedenfalls redet davon heute kaum noch jemand – außer vielleicht auf PEGIDA-Demonstrationen und AfD-Parteitagen. Dort wurde in letzter Zeit oft gewarnt, es dürfe nicht zugelassen werden, dass sich „Zustände wie in Berlin-Neukölln“ in ganz Deutschland ausbreiten, womöglich noch in Dresden. Hier drängt sich allerdings der Verdacht auf, dass diese Leute in ihrer Argumentation nicht ganz auf dem neuesten Stand sind. Vielleicht sollten sie neben Sarrazin und Buschkowsky auch einfach mal den Berliner Wohnmarktreport lesen? Laut Wikipedia ist die zurückgetretene PEGIDA-Oberaktivistin Kathrin Oertel, die nun eine Bürgerbewegung „rechts von der CDU“ gegründet hat, ja als „freiberufliche Wirtschaftsberaterin und Immobiliensachverständige“ tätig. Doch zeugt es gewiss nicht von viel Sachverstand, generell einen Verfall der Immobilienpreise aufgrund von immer neuen Flüchtlingsheimen zu befürchten, wie es ja häufig aus der Ecke dieser „besorgten Bürger“ zu hören war. Für Berlin jedenfalls gilt: Wenn etwas die Explosion der Mieten und Immobilienpreise aufhalten kann, dann bestimmt nicht ein paar zusätzliche Flüchtlingsheime, sondern vielmehr die Aufmärsche der rechten Aktivisten, die eine durchaus abschreckende Wirkung auf internationale Investoren haben. Man kann nur hoffen, dass das die Gentrifizierungsgegner nicht mitbekommen…

Top 25 aller Postleitzahlbezirke nach Höhe der Angebotskaltmiete pro qm 2014/2008

1.   10117 Unter den Linden (Mitte/12,90/12,60/+2,4%)
2.   10178 Hackescher Markt/ Alexanderplatz (Mitte/12,50/10,30/+21,4%)
3.   10119 Rosenthaler Platz (Mitte/12,50/9,00/+38,9%)
4.   10627 Westliche Kantstr./ Bismarckstr. (Charlottenburg/11,79/6,60/+78,6%)
5.   10999 Görlitzer Park (Kreuzberg/11,71/6,20/+88,9%)
6.   10435 Kollwitzplatz (Prenzlauer Berg/11,66/8,60/+35,6%)
7.   10115 Chausseestraße (Mitte/11,53/8,40/+37,3%)
8.   10785 Potsdamer Platz (Tiergarten/11,25/7,80/+44,2%)
9.   10965 Mehringdamm / Bergmannstraße (Kreuzberg/11,21/6,30/+77,9%)
10. 10997 Wrangelstraße / Paul-Lincke-Ufer (Kreuzberg/11,15/6,30/+77,0%)
11. 10707 Olivaer Platz / Kurfürstendamm (Wilmersdorf/11,14/8,40/+32,6%)
12. 14195 Dahlem (Zehlendorf/11,11/9,40/+18,2%)
13. 10623 Savignyplatz (Charlottenburg/11,01/9,00/+22,4%)
14. 10405 Prenzlauer Allee (Prenzlauer Berg/11,00/7,80/+41,0%)
15. 10961 Gneisenaustraße (Kreuzberg/11,00/6,80/+61,8%)
16. 10629 Sybelstraße/ Kurfürstendamm (Charlottenburg/10,95/9,00/+21,7%)
17. 10969 Prinzenstraße (Kreuzberg/10,90/6,00/+81,7%)
18. 10719 Ludwigkirchplatz/ Kurfürstendamm (Wilmersdorf/10,91/9,70/+12,5%)
19. 10179 Jannowitzbrücke (Mitte/10,84/7,40/+46,5%)
20. 10437 Helmholtzplatz (Prenzlauer Berg/10,70/7,70/+39,0%)
21. 14193 Grunewald (Wilmersdorf/10,63/10,60/+0,3%)
22 .10967 Graefestraße (Kreuzberg/10,50/6,30/+66,7%)
23. 12047 Maybachufer („Kreuzkölln“) (Neukölln/10,37/5,50/+88,5%)
24. 10777 Viktoria-Luise-Platz (Schöneberg/10,37/7,60/+36,4%)
25. 10789 Tauentzienstr. / Kurfürstendamm (Wilmersdorf/10,25/9,10/+12,6%)

www.justament.de, 17.11.2014: Brisante Zwangsversteigerung

Gerichtsgeschichten aus Berlin, Teil 1

Thomas Claer

Amtsgericht Charlottenburg (Foto: Wikipedia)

Amtsgericht Charlottenburg (Foto: Wikipedia)

Johannes K. (Name von der Redaktion geändert) bekam von jemandem eine für seine Verhältnisse nicht ganz unbedeutende Summe zurückgezahlt, von welcher er nicht unbedingt hatte annehmen können, sie jemals wiederzusehen. Es waren um die 10.000 Euro. Was also anfangen mit dem unerwarteten Geldsegen? Seine Ehefrau wusste es sofort: „Kauf mir einen Flügel!“, forderte sie, die eine passionierte Klavierspielerin und mit ihrem Instrument schon seit langem nicht mehr ganz zufrieden war. Doch ist ein Klavier und erst recht ein Flügel kein Musikinstrument wie jedes andere. Es ist immer auch zugleich ein Möbelstück, das sich in die Wohnung einfügen muss. Und nun sollte also solch ein kolossales Teil statt des guten alten Klaviers ins Wohnzimmer ihrer gemeinsamen Wohnung kommen und dort gewissermaßen alles Feng Shui auf den Kopf stellen? Darüber, so fand Johannes K., könne nur im ehegemeinschaftlichen Konsens entschieden werden, und er jedenfalls, soviel stand fest, war völlig dagegen. Um einen Flügel anschaffen zu können, so meinte er, bräuchte man zuerst einmal eine größere Wohnung, und daran war nun wirklich nicht zu denken. Auch durch alle Überredungskünste seiner Frau ließ er sich nicht umstimmen. Und überhaupt stand der Sinn ihm eigentlich mehr danach, das Geld gewinnbringend zu investieren, als es in hedonistischer Manier einfach auf den Kopf zu hauen.

Ein paar Tage später kamen Johannes K. und seine Frau auf einem Spaziergang an den Kleingartenanlagen nahe ihrer Berliner Wohnung vorbei und erblickten in einer der Parzellen ein Schild, auf dem in großen Buchstaben „ZU VERKAUFEN“ stand, darunter war eine Telefonnummer aufgeschrieben. Bei seiner anschließenden Internetrecherche zu Hause am PC fand Johannes K. heraus, dass es sich bei diesen Kleingärten um Pachtgärten handelte, die gegen Abschlagzahlung für das jeweilige Gartenhäuschen – üblicherweise um die 10.000 Euro – an neue Pächter abgetreten wurden. Johannes K. dachte den ganzen Abend an nichts anderes. Vor seinem geistigen Auge entstanden Bilder von lauen Sommerabenden, an denen Grillfleisch mit selbstgezogenem Gemüse serviert wurde. Seine Frau erklärte ihr Einverständnis mit seinen Plänen – allerdings unter der Bedingung, dass Johannes K. alle anfallenden Arbeiten allein zu verrichten bereit sei. Ein wenig wurmte es Johannes K. aber doch, dass der Garten, abgesehen von etwas Obst und Gemüse, keine geldwerten Erträge abwerfen würde. Da fiel ihm die Nähe zum S-Bahnhof ein. Schließlich waren in den letzten Jahren unzählige Ferienwohnungen in ihrer Wohngegend entstanden. Da könnte man doch, so dachte er, zumindest ab und zu das Gartenhäuschen auch an Berlin-Touristen vermieten. Und gleich darauf fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Wie oft hatten seine Frau und er sich in den vergangenen Monaten gewundert, wenn sie immer wieder ganze Familien mit Rollkoffern vom S-Bahnhof in Richtung der Gartenanlage ziehen sahen. Die hatten sich, wie ihm jetzt schlagartig klar wurde, also doch nicht im Weg geirrt! Johannes K. zuckte seinen Taschenrechner und berechnete die zu erwartende Rendite. Er war nun fest entschlossen zuzugreifen. Am nächsten Tag ging er mit seiner Frau noch einmal zur besagten Parzelle. Das Schild, das dort gehangen hatte, war aber bereits wieder verschwunden…

Einige Zeit danach klickte sich Johannes K. durch die Gerichtsseiten mit den Immobilien-Zwangsversteigerungen. Vor fast zehn Jahren war er einmal interessehalber auf einer solchen Versteigerung im Amtsgericht Wedding gewesen. Damals ging es um eine leer stehende, renovierungsbedürftige Wohnung im wenig angesagten Reinickendorf. Nachkriegsbau, gut 70 qm, Verkehrswert: 70.000. Außer ihm, der ja nur zuschauen wollte, war nur noch ein weiterer Interessent erschienen, der die Wohnung für gerade einmal 70 % des Verkehrswertes ersteigerte. Johannes K. war seinerzeit zwar auf anderem Wege, aber ebenfalls zu sehr günstigen Preisen an seine bescheidenen Eigentumswohnungen in Berlin gekommen und hatte seitdem mit großer Genugtuung den stetigen Anstieg der Immobilienpreise verfolgt. Und nun erblickte er genau das, was er gesucht hatte: einen Garagenstellplatz in relativer Nähe seiner Wohnung zum Verkehrswert von 10.000 Euro, langjährig vermietet für monatlich 100 Euro abzüglich 15 Euro Hausgeld. Johannes K. errechnete unter Berücksichtigung aller Nebenkosten eine stolze jährliche Rendite im hohen einstelligen Prozentbereich. Allerdings musste er bei seiner Analyse der Mikrolage feststellen, dass andere Stellplätze im Umfeld für Monatsmieten von nur 60 Euro angeboten wurden und trotzdem seit Monaten leer standen. Nach umfassender Abwägung aller Chancen und Risiken, auch unter Berücksichtigung der künftig zumindest in den Innenstadtlagen irgendwann zu erwartenden deutlichen Abnahme der Zahl individuell genutzter Fahrzeuge aufgrund attraktiverer Carsharing-Angebote mit selbstfahrenden Kfz kam Johannes K. zum Ergebnis, dass sich die Sache nur bis zu einem Kaufpreis von 10.500 Euro dauerhaft für ihn lohnen würde. Er war nun entschlossen, bis zu dieser Höhe für den Stellplatz mitzubieten. Um aber besser auf die Situation beim Versteigerungstermin vorbereitet zu sein, besuchte er im Vorfeld drei andere Zwangsversteigerungen in Berliner Amtsgerichten.

Beim ersten Termin ging es um eine Wohnung in Lichtenberg, ganz nahe am Szene- und Partyviertel Friedrichshain gelegen, 3 Zimmer, 73 qm, Baujahr 1905, 3.OG, billig vermietet, Mietrückstände, Verkehrswert laut Gutachten: 106.000 Euro. Über 30 Besucher drängten sich in den kleinen Saal im Amtsgericht Lichtenberg, ein sehr internationales Publikum, darunter viele Jüngere. Nach dramatischem Bietergefecht erteilte der Rechtspfleger den Zuschlag für 170.000 Euro (160 Prozent des Verkehrswerts) an ein deutsch-chinesisches Paar, das sich überglücklich in den Armen lag. Bei den unterlegenen Bietern flossen die Tränen…

Am Tag darauf das Kontrastprogramm: Eine Wohnung am östlichen Stadtrand in Hellersdorf, ziemlich abgelegen, S- und U-Bahn weit entfernt, 105 qm, Baujahr 1996, Erdgeschoss in villenartigem Haus, vermietet, die Mieter hatten die Miete um 70 Prozent gemindert. Verkehrswert laut Gutachten: 135.000 Euro. Nur drei Besucher waren außer Johannes K. erschienen, zwei davon waren die Mieter der Wohnung: ein älteres Paar, das sich vor Gericht darüber beschweren wollte, dass es seit Jahren nicht wüsste, wer ihr Vermieter sei. Der Eigentümer der Wohnung sei völlig überschuldet und habe seine Mietansprüche an einen der Kreditgeber abgetreten, an den die Mieter jetzt ihre Miete zahlten, aber niemand kümmere sich um die Wohnungsmängel: Schimmel in den Räumen, Nässe im Keller… Die Rechtspflegerin entgegnete den Mietern, sie könne ihnen auch nicht weiterhelfen. Die Vertreterin der Gläubigerbank erklärte, dass sie nur bei Geboten ab Höhe des Verkehrswerts einer Zuschlagerteilung zustimmen werde. Es wurde kein Gebot abgegeben und das Verfahren eingestellt.

Einige Tage später ging es vor dem Amtsgericht Charlottenburg um eine 2-Zimmer-Wohnung, 55 qm mit Balkon im 1.OG eines unschönen Nachkriegsbaus von 1962, direkt neben der lauten Stadtautobahn, aber im zentralen und gutbürgerlichen Bezirk Wilmersdorf gelegen, vermietet für 242 Euro kalt an eine türkische Familie mit Satellitenschüssel auf dem Balkon. Verkehrswert laut Gutachten: 105.000 Euro. (Johannes K. errechnete eine jährliche Rendite aufs eingesetzte Kapital von kaum 2 Prozent.) 15 Besucher waren erschienen. Die Gläubigerbank erklärte eingangs, dass sie nur bei Geboten ab Höhe des Verkehrswerts einer Zuschlagerteilung zustimmen werde. Bis auf zwei Teilnehmer, die vorzeitig den Saal verlassen hatten, saßen alle anderen bis zum Ende der Bieterzeit auf ihren Plätzen und belauerten sich gegenseitig intensiv, ob nicht doch noch jemand ein Gebot abgeben würde. Es bot aber niemand. Schließlich setzte der Rechtspfleger einen weiteren Termin in dieser Sache an.

Dann war endlich der große Tag gekommen. Johannes K. machte sich auf den Weg ins Gericht, um „seinen“ Garagenstellplatz mit der attraktiven Rendite für allerhöchstens 10.500 Euro zu ersteigern. Er hatte sich eine ausgefeilte Strategie überlegt, mit der er hoffte, die anderen Interessenten möglicherweise ausstechen zu können. Doch bereits im Flur vor dem Sitzungssaal sah er die Dame von der Gläubigerbank, die ihm schon von der Versteigerung im Amtsgericht Lichtenberg bekannt war. Gleich zu Beginn erklärte diese, dass sie nur bei Geboten ab 12.000 Euro einer Zuschlagerteilung zustimmen werde (stolze 20 Prozent über der Höhe des Verkehrswerts laut Gutachten), woraufhin sie einen triumphierenden Blick in die Runde der enttäuschten Gesichter warf. Es waren neun Personen anwesend, von denen immerhin noch sechs trotzdem Gebote abgaben. Für Johannes K. aber, der genau gerechnet hatte, war dieses Preisniveau bereits zu hoch. Er beschränkte sich darauf, das Geschehen als Zuschauer zu verfolgen. In kleinen Schritten arbeiteten sich fünf Bieter, offensichtlich Privatleute, von denen manche den Stellplatz vielleicht selber nutzen wollten, langsam und tapfer nach oben. Wenige Sekunden vor Ablauf der Bieterzeit waren sie bei 12.650 Euro angelangt. Da trat plötzlich ein Mann von einer Projektentwicklungs GmbH in Erscheinung, der bis dahin nur unbeteiligt daneben gesessen hatte, und bot 13.000 Euro. Einer der Privatmänner hielt mit 13.010 Euro dagegen. Darauf der GmbH-Mann: 13.500 Euro. Dann wieder der Privatmann: 13.600 Euro. Und schließlich der GmbH-Mann: 14.000,- Euro. Das war‘s dann. Johannes K. zog daraus den Schluss, dass die Zeit der Immobilien-Schnäppchen in Berlin nun aber endgültig zu Ende sei…

Doch er hatte ja noch immer seine 10.000 Euro. Sollte es denn wirklich keine lukrative Anlagemöglichkeit mehr für sein Geld geben? Da setzte im Oktober plötzlich und unerwartet eine heftige Korrektur an den Aktienmärkten ein. Immer tiefer und tiefer stürzten die Kurse innerhalb weniger Tage. Für Johannes K. war das wie ein Geschenk des Himmels. Ihm war klar, dass es sich schon aufgrund der ausgedehnten Niedrigzinspolitik der Notenbanken und deren sonstiger geldpolitischer Maßnahmen nur um eine temporäre Irritation an den Märkten handeln konnte. Im Notfall, da war er sich ganz sicher, stünden Politik und Zentralbanken angesichts der explosiven Weltlage jederzeit bereit, um die Situation zu entschärfen. Auch würden sich auf diesem Kursniveau ohnehin früher oder später Schnäppchenjäger finden, die  sich zu moderaten Einstandspreisen mit konservativen Dividendentiteln eindecken und die Kurse weiter stabilisieren würden. Und so geschah es. Beherzt griff auch Johannes K. zu und kann sich nun bei überschaubarem Risiko über jährliche Ausschüttungen von fast 500 Euro freuen, was einer Rendite von knapp 5 Prozent entspricht. Na also, mehr wollte er doch gar nicht.