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www.justament.de, 15.10.2018: Die elementare Berlin-Platte

Element Of Crime auf „Schafe, Monster und Mäuse“

Thomas Claer

Schon so manches Berlin-Album hat es in der Geschichte der Popmusik gegeben. „Berlin“ von Lou Reed ist vielleicht das berühmteste, von David Bowie gibt es aus den Siebzigern sogar eine „Berlin-Trilogie“. Nun haben also auch Element Of Crime ein solches Konzeptalbum herausgebracht, wenn auch – aus Gründen des für diese Band so typischen Understatements – ohne es entsprechend zu benennen. Doch verbirgt sich hinter dem harmlos klingenden „Schafe, Monster und Mäuse“ vor allem eine überschwängliche Hommage an unsere Hauptstadt: Zehn der zwölf Lieder auf dieser Platte enthalten mehr oder weniger eindeutige textliche Berlin-Bezüge; nur in „Immer noch Liebe in mir“ und „Stein, Schere, Papier“ fehlen solche.

Zwar haben vereinzelt auch schon frühere Songs der Elements explizit in Berlin gespielt, etwa „Jung und schön“ (1999) oder der U-Bahn-Song „Alle vier Minuten“ (2001), doch gleicht das neue Album nun beinahe einer musikalischen Stadtrundfahrt: Von der fröhlichen „Party am Schlesischen Tor“ (unter den Hochbahn-Gleisen!) geht es weiter zum „Prater in Prenzlauer Berg“. Das – wie so oft – liebesleidgequälte lyrische Ich geht bekümmert „den Kurfürstendamm entlang“, trauert still „Im Prinzenbad allein“ und sitzt nachts „in U-Bahn-Zügen, die nirgends halten und trotzdem nicht fahren“. „Der Wald vor deiner Haustür ist nur ein Friedrichshain“, “Auch im Halensee wohnt ein Meer“ und „eingeklemmt und blau“ fühlt man sich „Silvester am Brandenburger Tor“. Im Jahn-Sportpark wird gejoggt, hinterm KaDeWe hält ein LkW und im Grunewald ist Holzauktion. Schließlich liefert das auch von der musikalischen Umsetzung her sehr ansprechende „Nimm dir, was du willst“ eine Art universelle Gebrauchsanweisung für Berlin: „Karneval, FC Union, Ramadan und Hertha BSC“. Da ist für jeden was dabei, und jeder, wie er kann, „Aber nerv mich nicht!“.

Auch ansonsten lässt sich das Album, musikalisch wie textlich, als über weite Strecken sehr gelungen bezeichnen. Trotz einer Rekordlänge von mehr als 55 Minuten Spielzeit enthält es keinen einzigen missglückten Song. Regelrecht opulent ist diesmal die Instrumentierung geraten: Ausgefeilte Streicher- und Bläser-Arrangements kommen zum Einsatz und sorgen für viel Abwechslung im gewohnten Gitarre-Bass-Schlagzeug-Trompeten-Sound. Manche Lieder lassen slawische und/oder bretonische folkloristische Einflüsse erkennen, andere sind eher jazzig, manchmal swingt und groovt es. Als weibliche stimmliche Verstärkung macht Sven Regeners Tochter Alexandra insbesondere in „Karin, Karin“ eine gute Figur. In mehreren Songs werden, was schon recht gewagt ist, aber noch gerade so in Ordnung geht, gemischte Chöre aufgeboten. Fehlten früheren Veröffentlichungen dieser Band oftmals die Überraschungsmomente, haben wir sie diesmal in Hülle und Fülle.

Nur hier und dort gibt es punktuelle Schwächen. So kommt einem mancher Liedanfang schon arg bekannt vor (vor allem „Gewitter“ erinnert sehr an “Alles, was blieb“ von 1999; „Der erste Sonntag nach dem Weltuntergang“ ist weitgehend abgekupfert vom ersten Track des fünf Jahre alten Soundtracks von „Haialarm am Müggelsee“; „Bevor ich dich traf“ hat frappierende Ähnlichkeit mit „Die letzte U-Bahn geht später“ von 2005), während „Immer noch Liebe in mir“, das treue EoC-Fans bereits von der zwei Jahre alten Vinyl-EP „Wenn der Wolf schläft“ kennen, mit seinem Rumtata-Rhythmus fast schon karnevalskompatibel ist. Doch reißt der jeweils ausgezeichnete Text am Ende stets alles wieder raus: „Gewitter“ vermittelt düstere Endzeit-Visionen („Und ein heißer Wind verweht, die Jahre, die ihr kennt“), und „Immer noch Liebe in mir“ knüpft inhaltlich an das seinerseits schon recht delikate „Alten Resten eine Chance“ von 1993 an. Auch im sehr melancholischen Titelstück (und diese Platte enthält selbst für EoC-Verhältnisse besonders viele melancholische Stücke) und im etwas kinderliedhaften „Karin, Karin“ verhindert nicht zuletzt die kraftvolle Songlyrik ein Abgleiten ins Sentimentale. Überhaupt werden Sven Regeners Songtexte im Laufe der Jahre wirklich immer, immer besser. Im bewährten dialektischen Drei-Strophen-Muster zumeist auf eine verblüffende oder versöhnliche Schlusspointe zusteuernd, erweist er sich als ungekrönter König des Binnenreims. Insbesondere für das äußerst hintergründige „Stein, Schere, Papier“ sollte man ihm auf der Stelle einen Lyrikpreis verleihen; wobei dieses Lied auch musikalisch zu den stärksten des Albums gehört. Ähnliches lässt sich über „Karin, Karin“ sagen, das im Refrain ganz nebenbei einen alten DDR-Propaganda-Song persifliert. Und dann „Ein Brot und eine Tüte“ – der Song über die Berliner Schimpfkultur…

Kurz gesagt: Diese Platte kann einen über eine Menge hinwegtrösten, besonders „Wenn es dunkel und kalt wird in Berlin“. Das Urteil lautet: gut (14 Punkte).

Element Of Crime
Schafe, Monster und Mäuse
Vertigo Berlin (Universal Music)
ASIN: B07G1XK97T

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www.justament.de, 17.9.2018: Sommerhaus, 20 Jahre später

Justament-Autor Thomas Claer erinnert sich an Judith Hermanns gefeierten Erstling

Herbst 1998. Dieser kleine Erzählungsband einer gerade erst 28-jährigen Debütantin schlug ein wie eine Bombe. Ein seltsam verzückter Marcel Reich-Ranicki bekannte im Literarischen Quartett: „Ob das ein gutes, ein sehr gutes Buch ist, ich weiß es nicht. Aber ich weiß etwas anderes: dass wir eine neue Autorin bekommen haben und eine hervorragende Autorin. Nicht alle diese Geschichten sind gut, gewiss, aber es sind etwa vier, fünf, die mir ungewöhnlich scheinen… Der zentrale Satz dieses Buches lautet, und dieser Satz hat mich verblüfft, er scheint mir ungeheuerlich. Ich habe diesen Satz so noch nicht gelesen: ‚Glück ist immer der Moment davor.‘ Ein ganz erstaunlicher Satz. Und davon erzählen diese Geschichten…“ Sein Kollege Hellmuth Karasek glaubte, den „Sound einer neuen Generation“ zu hören und erkannte „neue Landschaften in der Literatur, neue Realitäten, auf die wir gewartet haben, und die es so dargestellt noch nicht gegeben hat.“ Nur Frau Löffler hatte wie üblich etwas zu bekritteln („Ein sehr eng umschriebenes Milieu, ein überschaubares Ambiente“).

Tags darauf kaufte ich mir das Buch in der Bielefelder Universitätsbuchhandlung und begann sofort zu lesen. Es war ganz nach meinem Geschmack. Die Geschichten spielten in einer Welt, die mir fremd war, aber gerade dadurch eine große Anziehungskraft auf mich ausübte. Waren wir damals eigentlich schon auf dem Sprung nach Berlin? Jedenfalls hat wohl auch dieses Buch dazu beigetragen, vier Jahre später endlich diesen Schritt zu wagen. Eine tiefe Melancholie durchzieht diese Erzählungen; ihr besonderer Zauber liegt in der sprachlichen Verknappung und den vielfältigen zarten Andeutungen. Nun ist es eine Binsenweisheit, dass jeder Leser eines Buches jeweils ein anderes Buch liest. Doch diese Geschichten mit ihren vielen Leerstellen fordern die Phantasie des Lesers auf besondere Weise heraus. Die Tragik dieser Autorin liegt darin, dass sie in ihren späteren Veröffentlichungen niemals wieder auch nur annähernd dieses hohe erzählerische Niveau erreichen konnte. (So ist das, wenn eine junge, hoffnungsvolle Autorin durch die Verwertungsmühlen des Literaturbetriebs gedreht wird.) Doch ändert dies – auch im Rückblick nach zwei Jahrzehnten – nichts am einzigartigen Rang von „Sommerhaus, später“.

Es versteht sich von selbst, dass man bei erneuter Lektüre mit großem zeitlichen Abstand wiederum ein anderes Buch liest. Besonders aufgefallen ist mir erst jetzt die – eigentlich sehr traditionelle – Immobilien-Metaphorik, vor allem in der Titelgeschichte. „Riesig und fremd und schön“ wirken die Häuser in der Frankfurter Allee auf die Ich-Erzählerin. Sie hat den Blick der jungen West-Berliner jener Zeit, denen sich neben ihrer alten Stadt plötzlich und unerwartet eine andere, neue geöffnet hat, die es zu entdecken gilt. Der junge, schöne (aus dem Osten stammende!) Taxifahrer, der die Ich-Erzählerin immer wieder durch die Frankfurter Allee kutschiert, während sie Massive Attack hören, versucht einiges, um ihre Liebe zu gewinnen. In ihrer freizügigen Künstler-Clique fühlt er sich nie so richtig wohl. Obwohl es hinsichtlich ihrer Freundinnen heißt: „Er vögelte sie alle“, ist es am Ende doch nur die Ich-Erzählerin, die ihm etwas bedeutet. Schließlich geht er aufs Ganze und kauft – nur für sie! – ein verfallenes Sommerhaus in Brandenburg, um ihr darin gewissermaßen ein Nest zu bauen. Kaufpreis: 80.000 Mark. („Woher hast du 80.000 Mark??“ „Du stellst die falschen Fragen.“) Sie muss nur noch einziehen. Aber ihr geht das zu schnell. Monatelang lässt sie alle seine Postkarten unbeantwortet; wenn aber mal einen Tag keine kommt, ist sie enttäuscht. „Später“, denkt sie. Am Ende hat sie zu hoch gepokert, und die Katastrophe nimmt ihren Lauf. Oder liegt gerade hierin der ultimative Liebesbeweis?

Ebenfalls um ein Sommerhaus geht es in der Erzählung „Diesseits der Oder“, die mir schon damals besonders gefallen hat. Ein 47-jähriger Berliner Drehbuchautor verbringt die warme Jahreszeit mit Frau und kleinem Kind im Oderbruch „Alles Schwachsinn. Er reibt sich die Augen und fühlt sich müde. Die Zeiten, in denen er jedermann: ‚Was denkst du?‘ und ‚Was machst du?‘ gefragt hat, sind vorbei. Koberling kann sich nicht vorstellen, diese Fragen überhaupt je gestellt zu haben. Widerliche, fast peinvolle Erinnerung an nächtelanges Kneipenhocken, an Idealaustausch, Illusionszertrümmerung, emporgezüchtete Gemeinschaftlichkeit. Verlogen alles, denkt Koberling.“ Und: „Liegenbleiben. Einfach liegenbleiben, im Erschöpfungszustand, in der Schaukel zwischen Wachen und Träumen. Niemals hat er sich am Morgen, nach achtstündigem Schlaf, erfrischt und ausgeruht gefühlt. Immer erschöpft. Früher, in den Nächten in seiner Einzimmerwohnung, Berlin und Winter, war er eingeschlafen mit einem Grauen vor all den Tagen, Monaten, Jahren, die da noch auf ihn warteten. Eine Zeit. Eine Zeit, die ausgefüllt, besiegt, zunichte gemacht werden musste. Dann kam Constanze…“ Einen solch tiefen Blick eines so jungen schreibenden Menschen in die Seele seiner literarischen Figuren gab es wohl zuletzt 1901, als Thomas Mann 25-jährig die „Buddenbrooks“ verfasste…

Die vielleicht verstörendste Geschichte in „Sommerhaus, später“ ist „Sonja“. Beim erneuten Lesen konnte ich mich kaum noch an irgendwelche Einzelheiten der Handlung erinnern, und schon gar nicht an das Ende, dafür aber sehr genau an die Atmosphäre: Berlin der Nachwendezeit, verfallene Häuser, riesige Altbauwohnungen mit Kohleofenheizungen, Partys mit Tom Waits-Beschallung und absonderlichen Gesprächen unter absonderlichen Menschen. Ein Künstler, dessen Leben anfangs in ruhigen Bahnen verläuft, trifft auf eine kleine exzentrische junge Dame, die sich beharrlich in sein Leben drängt und ihn schließlich emotional von sich abhängig macht…

Und schließlich spielt noch eine der Geschichten weit weg von Berlin, auf einer Karibikinsel, wo zwei Freundinnen zusammensitzen. „Das Spiel heißt ‚Sich-so-ein-Leben-vorstellen‘, es hat keine Regeln. Man kann es spielen, wenn man auf der Insel abends bei Brenton sitzt, man sollte zwei, drei Zigaretten rauchen und Rum-Cola trinken…“ Von diesen kleinen, feinen, so sehr dem damaligen Zeitgeist verhafteten und dennoch ganz zeitlosen Erzählungen kann man sich immer wieder aufs Neue bezaubern lassen.

Judith Hermann
Sommerhaus, später
Fischer Taschenbuchverlag
192 Seiten; 12,00 Euro
ISBN: 978-3-596-14770-0

www.justament.de, 13.8.2018: Neues von EoC!

Anfang Oktober hat das Warten ein Ende

Thomas Claer

Das mittlerweile vierzehnte Studioalbum unserer Lieblingsband – und dies im dreiunddreißigsten Jahr ihres Bestehens – ist angekündigt für den 5.10.2018. Auch der Titel steht schon fest: „Schafe, Monster und Mäuse“ – was immer das zu bedeuten hat. Einen Vorgeschmack darauf gibt es bereits mit dem Song „Am ersten Sonntag nach dem Weltuntergang“, der sich hier anhören lässt. Noch dazu ist schon seit Längerem ein weiteres Lied von der kommenden Platte in der Welt. Es heißt „Wenn es dunkel und kalt wird in Berlin“ und wurde von der Band bereits des Öfteren live gespielt, zum Beispiel hier.

Dann also mal frisch auf YouTube geklickt und die neuen Songs getestet. Nun ja, der erste Eindruck vom „Ersten Sonntag nach dem Weltuntergang“ ist nicht unbedingt der beste. Irgendwie etwas lahm das Ganze, musikalisch eher uninspiriert. Beim zweiten Hören sollte man vielleicht auch mal genauer auf den Text achten. Und siehe da! Plötzlich gefällt es einem dann doch, und mit jedem weiteren Mal noch ein wenig besser. „Weltuntergang“ ist zweifellos ein großes Wort, das derzeit angesichts der deprimierenden politischen Weltlage in vielen Köpfen herumspuken dürfte. Doch machen wir uns nichts vor: Die wahren Weltuntergänge in unserem Leben sind die kleinen und größeren zwischenmenschlichen Katastrophen, vor allem aber die sich immer wieder einstellenden Enttäuschungen in der Liebe. Und genau darum geht es im „Ersten Sonntag“: „Grausam ist der Haifisch/ Und grausam warst auch du“. Passenderweise legt dann auch „der Regen noch einen Zahn zu“ und überflutet den Weg hinter dem S-Bahn-Übergang. Ja, so ist das: „Treulos ist die Sonne/ Und treulos warst auch du“. Das immer neue alte Lied. Solche als apokalyptisch empfundenen Unglücke trotz allem mit Haltung und Würde zu ertragen, davon handeln viele Songtexte der Elements. Was tut man also als lyrisches Ich in solch einer verzweifelten Lage? Man geht „noch einmal den Kurfürstendamm entlang“ und reflektiert: „Schön war das Leben,/ Schlecht war die Welt./ Gut war die Liebe,/ Böse das Geld… Doch heute ist es genau umgekehrt.“ Es geht doch nichts über eine solch vortreffliche Alltagslyrik! Haben wir eigentlich derzeit bessere Lyriker als Sven Regener? Mir jedenfalls fällt keiner ein.

Sogar noch gelungener, vor allem musikalisch, ist „Wenn es dunkel und kalt wird in Berlin“. Und auch dieser Text ist eine dichterische Glanzleistung. Er handelt von Gummibärchen („Da gibt’s die gelben und die roten,/ Das sind alles Vollidioten“), Glühweintrinken (Da geht immer viel daneben / So wie überall im Leben“) und Smog („Wo die Luft am schlimmsten ist/ Ist das Atmen intensiver und das Husten attraktiver“). Nur um schließlich doch noch zum Punkt zu kommen, zum komplizierten Verhältnis zwischen lyrischem Ich und lyrischem Du nämlich, und einen zwar desillusionierenden, aber doch nicht ganz hoffnungslosen Ausblick zu geben… Das vorläufige Urteil lautet: vielversprechend.

www.justament.de, 1.7.2018: Kein ehrlicher Makler

Der neue Berlin-Roman „Skandinavisches Viertel“ von Torsten Schulz

Thomas Claer

Rund um den Arnimplatz in Prenzlauer Berg gibt es viele Straßen mit skandinavischen Namen: Dänenstraße, Malmöer Straße, Bornholmer Straße und noch einige mehr. Andere Straßen dieser Gegend sind jedoch nach brandenburgischen Orten benannt wie die Seelower oder die Schönfließer Straße. Den jungen Matthias Weber, der hier in den Siebzigerjahren seine Kindheit in grauer DDR-Tristesse verlebt, bringt dies auf die Idee, das „Skandinavische Viertel“ hinsichtlich seiner Straßennamen zu vereinheitlichen. Eines Nachts überklebt er die Straßenschilder der brandenburgisch benannten Straßen ersatzweise mit weiteren skandinavischen Namen, die er sich schon seit langem für sie überlegt hat. Auch eine Osloer und eine Stockholmer Straße sind dabei, die es zwar schon jenseits der Grenzanlagen im Wedding gibt, doch der Westen ist zu jener Zeit ohnehin unerreichbar…

Der Romancier und Drehbuchautor Torsten Schulz, bekannt u.a. durch „Boxhagener Platz“, hat in seinem neuen Roman ein brandheißes Thema aufgegriffen: die Jagd nach dem „Betongold“ in unserer Hauptstadt. Doch in erster Linie geht es in „Skandinavisches Viertel“ um den Immobilienmakler Matthias Weber und seine wechselvolle Lebensgeschichte. Nach knapp einem Jahrzehnt in der großen, weiten Welt, in Buenos Aires, Kapstadt und Los Angeles (wo er sich freilich überall nur mehr schlecht als recht als prekärer Journalist durchgeschlagen hat) kehrt Matthias bald nach der Jahrtausendwende zurück an die Orte seiner Kindheit und wird, was er keineswegs beabsichtigt hat, Wohnungsmakler in Prenzlauer Berg, genauer gesagt: ausschließlich im Skandinavischen Viertel.

Nun wird mancher einwenden, dass Immobilienmakler zu den unsympathischsten Berufsgruppen überhaupt gehören. Und in der Tat: Womit sie ihr Geld verdienen, hat schon etwas von Wegelagerei. Man kann es sich so vorstellen, dass sich jemand auf eine der wenigen Brücken über einen Fluss stellt und allen den Weg versperrt, die nicht seine Dienste in Anspruch nehmen wollen, die darin bestehen, die Betreffenden gegen einen hohen Obolus über die Brücke zu begleiten, die sie aber ebenso gut auch alleine überqueren könnten. Zugegeben, es ist es auch mit etwas Arbeit verbunden, eine Wohnung zu verkaufen. Aber dafür 7,1 Prozent des Kaufpreises dem Käufer zu berechnen, der den Makler gar nicht bestellt hat, ist eine legale Unverschämtheit sondergleichen. Und unser Gesetzgeber ändert nichts an diesem skandalösen Zustand, sondern beschließt ein bürokratisches Monster namens Baukindergeld, statt die Immobilienkäufer schlicht durch die generelle Einführung des Bestellerprinzips für Makler zu entlasten. Soll doch der Verkäufer den Makler bezahlen, wenn er ihn unbedingt benötigt. Aber das nur so am Rande geschimpft…

Roman-Makler Matthias Weber, und das spricht für ihn, ist sich immerhin seiner prinzipiellen Überflüssigkeit bewusst. Doch ist er opportunistisch genug, dieses Pferd weiter zu reiten, solange es ihn noch trägt. Er ist gewissermaßen die Idealbesetzung als Makler, da er schon in seiner Kindheit und Jugend hemmungslos und glaubhaft lügen konnte, dass sich die Balken bogen. Und so verfährt er dann später auch mit seinen Kunden: „Es gibt eine ganze Reihe von Interessenten. Soll ich Sie auf die Liste setzen?“ Oder: „Die Wohnung ist schon verkauft.“ Solche Sprüche kennt jeder, der schon einmal mit Immobilienmaklern zu tun hatte. Doch bei Matthias stehen die Dinge noch etwas anders. (Schließlich befinden wir uns nicht in der Wirklichkeit, sondern in einem Roman.) Erstens hat er es schon nach einigen Jahren als Makler nicht mehr nötig, noch jedem Euro hinterherzulaufen, indem er die Preise künstlich hochtreibt. Das liegt weniger an seinen hohen geschäftlichen Umsätzen als vielmehr an mehreren Immobilien-Schnäppchen, die er auf teilweise abenteuerliche Weise für sich selbst an Land ziehen konnte und die jahraus, jahrein weiter an Wert gewinnen. Er wird nämlich innerhalb weniger Jahre nacheinander Eigentümer von gleich fünf Wohnungen, die sich ihrerseits allesamt im Skandinavischen Viertel befinden: der selbstgenutzten Dreizimmerwohnung in der Malmöer Straße (mit ihr fing alles an), in der früher seine Großeltern gewohnt haben, sowie außerdem von vier weiteren kleinen vermieteten Wohnungen (jeweils 46 bis 48 qm groß) in der Schönfließer und Ueckermünder Straße. Von den bescheidenen Mieteinnahmen könnte Matthias, der einen wenig glamourösen Lebensstil pflegt (kein Auto, keine teuren Restaurants, keine teuren Reisen), im Notfall ohne weiteres leben. Weshalb er sich beruflich und auch sonst von niemandem, und schon gar nicht von seinen Kunden, etwas sagen lässt. Zweitens nutzt Matthias die große Machtfülle, die ihm quasi als Herrn über die allseits heiß begehrten Wohnungen in der angesagten Trendlage zukommt, um selbst darüber zu bestimmen, wer künftig im Viertel wohnen soll und wer nicht. Die mit der dicksten Brieftasche lässt er besonders gerne abblitzen: Russische Oligarchen etwa haben bei ihm keine Chance. Auch die wohlhabenden Eltern aus Westdeutschland, die ihren verwöhnten Kindern zum Studium oder Berufseinstieg eine Bleibe in Berlin kaufen wollen, weist er gerne zurück. Willkommen ist hingegen der kleine Handwerksmeister aus Lichtenberg… Gibt es Mängel in den Wohnungen wie Schimmel-Stellen, macht Matthias seine Kunden penibel darauf aufmerksam. Dass eine Wohnung deshalb nicht genommen wird, ist aber noch nie vorgekommen. Jeder, der überhaupt in Prenzlauer Berg zum Zuge kommt, ist froh und dankbar. Doch hat es schon 2002, darüber wird als Kuriosum am Rande berichtet, einen jungen dänischen IT-Mann gegeben, der nicht in Prenzlauer Berg, sondern lieber im wenig einladenden benachbarten Wedding gekauft hat, für weniger als die Hälfte pro qm. Warum nur, fragen sich alle, greift er ausgerechnet in einer so schlechten Gegend zu? Aus heutiger Sicht hat er sich als kluger, vorausschauender Investor erwiesen…

Wenn der Roman den Werdegang seines Protagonisten über mehrere Jahrzehnte schildert, dann tut er das keineswegs streng chronologisch, sondern eher schubweise und mit vielen Zeitsprüngen. Für den Leser ist diese Erzählweise angenehm abwechslungs- und spannungsreich, da er viele interessante Details über das familiäre Umfeld, wie auch der Protagonist selbst, erst nach und nach erfährt. Das Besondere an Matthias ist, dass er zwar gut vernetzt ist, jedoch keine Freunde im eigentlichen Sinne besitzt. Er ist Einzelkämpfer durch und durch. Wichtige Bezugspersonen für ihn kommen entweder aus seiner Familie (Eltern, Großeltern und ein Onkel) oder sind seine, oft nur kurzzeitigen, Partnerinnen.

Matthias‘ Umgang mit Frauen ist gewissermaßen ein Kapitel für sich. Eigentlich ständig ist er auf der Suche nach der einen großen Liebe seines Lebens, hat sie aber bis kurz nach seinem 50. Geburtstag (hier bricht der Roman ab) noch nicht gefunden. Stattdessen hat er, der als äußerlich sehr anziehend beschrieben wird, zum Teil jahrelang, mit Frauen zusammengelebt, die er nie richtig geliebt hat, und sie alle irgendwann verlassen. Doch hat er wirtschaftlich enorm von ihnen profitiert, insbesondere von der Charlottenburger Maklerin, die ihn über das Körperliche-Sexuelle hinaus auch in ihren Beruf eingeführt hat. Hinzu kommt, dass Matthias recht spezielle erotische Vorlieben hat, was das Alter seiner Freundinnen betrifft: Seit seiner ersten Beziehung als 23-jähriger Journalistik-Student mit seiner 41-jährigen Philosophie-Dozentin ist Matthias nämlich fixiert auf Frauen im Alter von Anfang vierzig („manchmal älter, aber niemals jünger“), was sich über die Jahre nicht verändert, nur dass die betreffenden Frauen naturgemäß nicht dauerhaft in diesem Alter verbleiben. In allen Lebensphasen ist Matthias sexuell aktiv. Doch seit er wieder in Berlin lebt und sich von der Maklerin (mit deren ausschweifendem Lebensstil er wenig anfangen kann) getrennt hat, beschränkt er sich auf flüchtige Affären mit (oftmals verheirateten) Kundinnen sowie lose Internetbekanntschaften, jeweils im von ihm favorisierten Alter, versteht sich…

Die Qualität eines Romans, so sagte es Marcel Reich-Ranicki einmal, zeige sich in der Darstellung der Sexualität. Hier trenne sich regelmäßig die Spreu vom Weizen. Nun spielt dieser Bereich in „Skandinavisches Viertel“ auch durchaus eine Rolle, doch liegt die große Stärke dieses Romans woanders, nämlich in der fesselnden Darstellung Matthias‘ erst allmählich zutage tretender verworrener Familiengeschichte, die voller – politisch und historisch aufgeladener – Geheimnisse steckt. Immer wieder, bis zuletzt, erfahren wir neue Details, die alles bisher Bekannte in neuem Licht erscheinen lassen. Das proletarisch-versoffene urwüchsige Prenzlauer Berg-Milieu, dem Matthias entstammt, ist glänzend beschrieben. So wie der trunksüchtige Onkel, als dessen größte Lebensleistung es Matthias ansieht, dass er allen seinen Stamm-Kneipen in der Gegend lustige Spitznamen gegeben hat, die Matthias nie vergessen wird. (Man versteht gut, dass Matthias auf seine Weise noch etwas davon in die neue Zeit hinüberretten möchte, doch wird im Verlauf der Romanhandlung immer deutlicher, dass er in dieser Hinsicht auf verlorenem Posten steht.) Überhaupt wirkt die Darstellung der Figuren sehr lebendig, obwohl es immer wieder um den Tod geht, der schließlich die gesamte Familie hinwegrafft. Eine Beerdigung reiht sich an die nächste. Am Ende steht Matthias ganz alleine da mit seinen fünf Wohnungen, die ihn durch ihren rasanten Preisanstieg in den letzten Jahren zum Millionär gemacht haben dürften: beruflich angeschlagen, ohne Familie, ohne Freunde und ohne Liebe. Wer wird in ferner Zukunft seiner Beerdigung beiwohnen? Eine tiefe Melancholie durchzieht das Geschehen. Was alles überdauert hat, sind allein Matthias‘ sexuelle Obsessionen… Torsten Schulz ist ein eindrucksvolles Buch gelungenen.

Torsten Schulz
Skandinavisches Viertel. Roman
Klett-Cotta 2018
266 Seiten; 20,00 EUR
ISBN: 978-3-608-98137-7

 

www.justament.de, 28.5.2018: Schmutzige alte Liebe

Recht historisch Spezial: Justament-Autor Thomas Claer über seine wilden Nullerjahre im Berliner Wedding vor der Gentrifizierung

Wedding, 2005

Es war Sommer 2002. Wir standen gewissermaßen vor dem Nichts. Meine Promotion hatte ich abgegeben und wartete nur noch auf die mündliche Prüfung, die dann schließlich erst acht Monate später endlich stattfinden sollte. Das Stipendium, das ich durch glückliche Umstände nach dem Referendariat zur Fertigstellung meiner Dissertation bekommen hatte, war ausgelaufen. Meine Frau war auch gerade mit ihrem Studium fertiggeworden. Nichts hielt uns mehr in Bielefeld, der vielleicht nicht in jeder Hinsicht schönen, aber zum Studieren doch sehr praktischen Stadt am Teutoburger Wald, wo wir uns sieben Jahre zuvor kennengelernt hatten. Während ich hinsichtlich unseres weiteren Lebensweges noch sehr unentschlossen war und mir angesichts meiner schwachen Examensnoten große Sorgen über unsere Zukunft machte, wusste meine Frau bereits genau, was sie wollte: Weg aus Bielefeld! In eine möglichst große Stadt ziehen!! Und, wenn es irgendwie geht, nach Berlin!!! Dort waren wir bereits 1996 auf einem von unserer Uni organisierten Ausflug gewesen. Die Stadt hatte uns sofort gepackt. Und dann hatte ich auch noch alle diese Bücher gelesen, die in Berlin spielten und ein abenteuerliches Leben an der Spree versprachen: „Paarungen“ von Peter Schneider, „Sommerhaus, später“ von Judith Herrmann und „Herr Lehmann“ von Sven Regener. Dennoch konnte ich mir lange Zeit nicht vorstellen, wirklich dort zu leben. Beinahe alle rieten uns ab. „Da gibt es doch keine Jobs“, meinten meine Kommilitonen. „Ihr werdet dort untergehen!“, warnten meine Verwandten. Meine Eltern fanden schon die Idee unmöglich. „Man geht dorthin, wo man Arbeit findet. Und man kann auch sehr gut in kleineren Orten leben“, belehrte uns meine Mutter. Und doch hörten wir damals von so einigen, die nach Berlin zogen. Das waren aber alles keine Juristen, sondern Geistes- und Sozialwissenschaftler und ein Architekt. Ich hatte fünfzig und später über hundert Bewerbungen geschrieben, überall hin. Ich bekam nur eine einzige Einladung zu einem Bewerbungsgespräch für ein Praktikum in einem winzig kleinen Verlag – aber der war in Berlin! Und ich wurde prompt genommen, für ein halbes Jahr, das später noch einmal um weitere sechs Monate verlängert wurde.

Mehr hatten wir nicht in Aussicht, als wir im Sommer 2002 nach Berlin aufbrachen. Es war klar, dass die kümmerliche Praktikantenentlohnung für uns niemals zum Leben ausreichen würde. Und meine Frau hatte mit ihrem Literatur-Abschluss ebenso schlechte Karten auf dem Arbeitsmarkt wie ich. Aber es gab ja noch meine Eltern, die uns jeden Monat mit ein paar hundert Euro bezuschussten, uns aber gleichzeitig mit dem ständigen Vorwurf im Nacken saßen, doch nun aber wirklich bald einmal für uns selbst zu sorgen, schließlich waren wir schon über dreißig. In welchen Berliner Stadtbezirk sollten wir also unter diesen Voraussetzungen ziehen? Natürlich dorthin, wo die Mieten am billigsten und dennoch die Wege zur Praktikumsstelle kurz waren. So landeten wir also im sprichwörtlich roten Wedding, dem damaligen Problembezirk, wo wir einen regelrechten Kulturschock erlebten.

Schon früher hatten uns Bekannte, die Berlin besucht hatten, darüber berichtet, dass es dort so „schmutzig“ sei. Ich konnte mir zunächst nichts darunter vorstellen. Wie kann eine Stadt schmutzig sein?, fragte ich mich. Da muss es doch eine Stadtreinigung geben wie woanders auch, dachte ich in meiner naiven Ahnungslosigkeit. Niemals hätte ich geglaubt, dass gar nicht so wenige Menschen dort gewohnheitsmäßig ihren Müll nicht in den Abfalleimer, sondern aus dem Fenster auf die Straße werfen würden. Noch weniger vorstellbar war für mich, dass Leute einfach mal so ins Treppenhaus pinkeln könnten. Und sich überall in den Straßen und Treppenhäusern wild entsorgter Sperrmüll stapelte. Und dass man auf den Gehwegen ständig in Hundekacke trat, auch das war für uns zunächst gewöhnungsbedürftig. In anderen Orten sind Menschen auf der Straße, um sich von hier nach dort zu bewegen. In Berlin-Wedding dagegen hingen damals sehr viele Menschen offenbar einfach nur so auf der Straße rum, ohne einer irgendwie zielgerichteten Tätigkeit nachzugehen. Na gut, manche von ihnen dealten wohl mit Drogen. Und noch viel unangenehmer konnte es werden, wenn man es mit einer der Jugendbanden zu tun bekam, die hier ihr Unwesen trieben. Dennoch fühlten wir uns nicht besonders unsicher. Wer sich um die anderen nicht kümmerte, dem passierte auch in aller Regel nichts. Es war nur alles am Anfang reichlich ungewohnt.

Wedding, 2004

Schon am ersten Tag nach dem Einzug in unsere neue Wohnung, eine schöne Altbauwohnung aus den 1920er Jahren mit Holzdielenboden und hohen Decken, wollte mir vor dem nahe gelegenen Gesundbrunnen-Center jemand auf offener Straße Munition für Schusswaffen verkaufen. Auf dem Weg zwischen dem Bahnhof Gesundbrunnen und unserer Wohnung kamen wir in der Jülicher Straße an einer Art riesiger Mondlandschaft vorbei, oder sollte man lieber Trümmerwüste dazu sagen? Gewaltige unförmige Betonblöcke ragten aus der Erde, aus denen schwarze und metallene Drähte hervortraten. Zwischen ihnen taten sich tiefe Abgründe auf. Gesichert war diese gewaltige Bauruine durch einen ständig defekten Bauzaun, der nicht verhindern konnte, dass dort fortwährend Müll abgeladen wurde. Am Rande dieser vermüllten Betonlandschaft standen die kümmerlichen Reste einer alten Villa, die wohl einstmals sehr prächtig gewesen sein musste. Im Internet recherchierte ich, dass hier in den Neunzigerjahren während der Nachwende-Euphorie ein großes Sportzentrum errichtet werden sollte, aber der Investor bereits nach den ersten Bauetappen Pleite ging. Seitdem blieb die Bauruine sich selbst überlassen, da ein neuer Investor wohl zunächst für die Beseitigung der Hinterlassenschaften des Vorgängers hätte sorgen müssen, wozu aber niemand bereit war. Die alte verfallene Villa war die frühere Geschäftsstelle des Fußballclubs Hertha BSC gewesen, der gegenüber an der Behmstraße bis in die Siebzigerjahre noch sein altes Stadion am Gesundbrunnen hatte, bevor dieses neu errichteten Hochhäusern weichen musste. Der regelmäßige Anblick der Betonwüste, dieses Schandflecks unserer Wohngegend, hatte eine besonders deprimierende Wirkung auf uns, stand er doch symbolisch für die Hoffnungslosigkeit, dass es mit den problembeladenen Berliner Innenstadtbezirken jemals wieder etwas werden würde.

Manchmal kam ich mit einem alten Mann ins Gespräch, der ein paar Aufgänge weiter in unserem Haus immer aus seiner Erdgeschosswohnung aus dem Fenster auf die Straße blickte. Als ich eines Morgens mit meiner Tasche zu meiner Praktikumsstelle aufbrach, fragte er mich, wohin ich denn ginge. Als ich antwortete „Zur Arbeit“, kommentierte er das mit den Worten: “Arbeiten?! Du bist verrückt!“ Wir hatten schon gemerkt, dass ein großer Teil der Bewohner unserer Gegend, wenn nicht sogar die Mehrheit, von staatlichen Transferleistungen lebte.

Durch unseren Wohnsitz im Wedding waren wir in bestimmten Kreisen von Anfang an unten durch. Eine Freundin meiner Frau, die schon einige Zeit in Berlin (allerdings im vornehmen Wilmersdorf) gelebt und uns beim Umzug geholfen hatte, erklärte uns im Anschluss daran, dass sie diese unmögliche Gegend nur ganz ausnahmsweise und nur dieses eine Mal für uns betreten habe und dies ganz bestimmt nie wieder tun werde. Unsere Einladung zur Einweihungsparty schlug sie aus diesem Grunde aus. Wenn ich irgendjemandem erzählte, dass wir im Wedding wohnen, dann erntete ich mitleidige Blicke. Manche murmelten ein „Oh je“. Eine Kollegin aus dem Verlag, die aus Baden-Württemberg stammte, erzählte in der Mittags-Runde, sie sei mal im Gesundbrunnen-Center gewesen. Dort sei es aber „ganz, ganz schlimm“ gewesen, eine „ganz furchtbare Ecke von Berlin“ sei das. Wahrscheinlich meinte sie die vielen ärmlich gekleideten, zumeist südländisch aussehenden Menschen und die vielen Frauen mit Kopftüchern.

Wedding, 2004

Dabei hatte das Leben im Wedding auch seine angenehmen Seiten. In der sehr lebendigen Bad-Straße gab es spottbillige und dabei ausgezeichnete Imbiss-Läden. Wir aßen köstliche türkische Gözleme für einen Euro (mitunter auch ganze Döner Kebabs zu diesem Preis) und große Asia-Pfannen für 2,10 Euro, von denen wir beide satt wurden. Und wenn man ein paar hundert Meter weiter in Richtung Osten lief, war man in einer völlig anderen Welt: im schon damals sehr angesagten Prenzlauer Berg. Immer wieder unternahmen wir ausgedehnte Spaziergänge ins Skandinavische Viertel und in den Mauerpark, zogen durch die Kneipen in der Kastanien-Allee und die Oderberger Straße. Aber auch in unserem unmittelbaren Umfeld im Wedding gab es schon erste Anzeichen eines Wandels. Mehrere Künstler hatten sich unter dem Namen „Kolonie Wedding“ in der Prinzenallee niedergelassen. In einem kleinen Kellerraum-Club namens „Holz & Farbe“, der aber leider nach ein paar Jahren schon wieder verschwunden war, gab es regelmäßig Konzerte mit unbekannten Bands. Wir erlebten dort zum Beispiel einen unglaublichen Auftritt der englischen Band „Florida“. Der Eintrittspreis lag bei zwei Euro. Zwischendurch ging noch jemand mit seinem Hut herum, um weiteres Geld für die Bandmitglieder zu sammeln. Ich kaufte mir eine CD von „Florida“ mit dieser ganz wunderbaren elektronischen Musik. Doch leider kann man sie heute nicht mehr abspielen, noch lässt sich irgendwelche Musik dieser großartigen Band im Internet finden… Ich vertrat damals die Meinung, dass der Wedding eine große Zukunft vor sich habe. Wenn ich das sagte, meinten aber alle anderen, das werde doch schon seit dem Mauerfall herbeigeredet, und es habe sich im Grunde nie etwas geändert. Es sei alles nur noch schlimmer geworden. Mit dem Wedding werde es nie etwas, das war die einhellige Meinung.

Nach ein oder zwei Jahren gab ich es auf, noch weitere Bewerbungen zu schreiben. Ich hatte gemerkt, dass ich auch mit Promotion beruflich nichts Großartiges reißen konnte. Wir waren in Berlin angekommen und entschlossen, hier zu bleiben. Nach und nach hatten wir uns als kleine Freiberufler vielfältige berufliche Standbeine organisiert. Eine feste Anstellung strebten wir ausdrücklich nicht mehr an. Drei Jahre lang bezog ich sogar noch einen sogenannten Existenzgründerzuschuss als freier Journalist. Klar, auch solches Glück gehört dazu. Als dieser Zuschuss Ende 2006 auslief, war es für uns aber eine grundsätzliche strategische Frage, uns Wohneigentum anzuschaffen, um angesichts unseres unsicheren beruflichen Status nicht länger durch monatliche Mietzahlungen belastet zu werden, auch wenn sie relativ noch so günstig waren. Es hätte uns ja auch einmal was passieren können, Unfälle oder Krankheiten. Da musste man natürlich vorsorgen. Die Ich-AG-Zuschüsse der letzten drei Jahre hatten wir komplett auf die hohe Kante gelegt. Unser Aktien-Depot hatte sich nach damaligen Maßstäben sensationell entwickelt und war reif für Gewinnmitnahmen. Und schon während des Studiums hatte ich ja ohnehin immer jede Menge Geld zur Seite gelegt, da ich im Studenten-Wohnheim nur Geringst-Mieten gezahlt und auch sonst fast kein Geld ausgegeben hatte. Als dann noch meine Eltern, die uns trotz aller Bemühungen nicht von unserem Entschluss, langfristig in Berlin zu bleiben, abbringen konnten, zähneknirschend einen Zuschuss zum Kauf einer Eigentumswohnung in Aussicht stellten, gingen wir auf Immobilienjagd. Ich wollte am liebsten im Wedding bleiben. Und das, obwohl alle Experten davon abrieten. In einer Gerichts-Geschäftsstelle kam ich beim Lesen von Zwangsversteigerungs-Gutachten mit einer freien Immobilien-Beraterin ins Gespräch. Anschließend erklärte sie mir, dass nun eigentlich für mich eine Beratungsgebühr von 400 Euro fällig wäre, aber sie würde mal ausnahmsweise davon absehen und gab mir ihre Visitenkarte. Diese Dame um die vierzig hatte ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein. Auf meine Frage, ob Wedding und insbesondere Gesundbrunnen nicht angesichts der zentralen Lage, der teilweise ansprechenden Bausubstanz und der fantastischen Verkehrsanbindung ganz aussichtsreiche Standorte für Immobilien-Investments wären, zumal dort seinerzeit Spottpreise von zum Teil weit unter 1.000 Euro pro Quadratmeter bezahlt wurden, winkte sie ab. Solche Gegenden, das wisse sie ganz genau, würden niemals besser werden. Sie empfehle solche Lagen, die früher sehr gut waren, inzwischen etwas aus der Mode gekommen seien, aber in der Zukunft bestimmt wieder sehr gut werden würden. Konkret pries sie mir Charlottenburg an, aber das richtig gute, z.B. in der Kantstraße…

Prenzlauer Berg, 2005

Immerhin mit dem zweiten Teil ihrer Analyse sollte sie Recht behalten. Was allerdings kein so großes Kunststück war, da seitdem ausnahmslos alle Lagen von Berlin steil im Wert gestiegen sind. Ich muss zugeben, dass ich schon seit unserer Ankunft in Berlin die Immobilienseiten sondiert und ungläubig feststellt hatte, dass wir mit unseren damaligen kleinen Ersparnissen gar nicht mehr weit entfernt von den Kaufpreisen für eine 3-Zimmer-Eigentumswohnung im Wedding waren. Manchmal wurden 70 qm-Wohnungen schon für 40.000 Euro angeboten. Das waren dann aber auch die schlimmsten Ecken vom Wedding, in denen Gewalt und Kriminalität herrschten. Leider wollte meine Frau keine Wohnung im Wedding kaufen. Sie war es leid, sich jahrelang solche Sprüche über ihre Wohnadresse anhören zu müssen. Auch Neukölln, das ich alternativ ins Spiel brachte, lehnte sie aus dem gleichen Grunde ab. Sie wollte am liebsten nach Prenzlauer Berg, aber das dortige Preisniveau kam für uns eigentlich nicht in Frage. Dennoch waren wir an einer Wohnung nahe dem S- und U-Bahnhof Schönhauser Allee in der Dänenstraße dran. Erdgeschoss, 3 Zimmer, 73 qm, ohne Balkon. Sie sollte weniger als die Hälfte der Wohnungen in den oberen Etagen kosten, die ebenfalls zu haben waren. Ich glaube, es waren 79.000 Euro, das Angebot war ohne Maklerprovision. Bei der Besichtigung stieg uns allerdings von überall her ein markanter Schimmelgeruch in die Nase. Und Schimmel in den Wänden kriegt man bekanntlich nicht so leicht weg. Letztlich entschieden wir uns also gegen diese Wohnung und kauften im ärmlichen Charlottenburger Norden eine Wohnung am Schlosspark. Es ist nicht so, dass wir dies jemals bereut hätten, denn die Preise dort haben sich seitdem vervierfacht. Aber manchmal trauere ich dann doch noch dem Wedding hinterher, der immobilientechnisch bis heute meine verhinderte alte Liebe geblieben ist. Hier hätte sogar eine Verfünf- bis Versechsfachung des eingesetzten Kapitals gewunken (und vom nördlichen Neukölln wollen wir gar nicht erst reden). Manchmal muss man einfach nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Und was alle anderen einem so raten, muss deshalb noch lange nicht richtig sein.

Neulich unternahmen wir aus Nostalgie und alter Verbundenheit nach längerer Zeit wieder einen Spaziergang durch unsere alte Wohngegend. Wir erkannten sie kaum wieder. Wo sich früher die riesige vermüllte Bauruine befand, stehen jetzt mehrere exklusive Studentenwohnheime. Die einst verfallene frühere Hertha-Villa ist jetzt ein gefragtes Motel. In der Umgebung wimmelt es von trendigen Cafés und Spätkaufs. Auf der Straße sieht man vornehmlich junge Leute, offensichtlich Studenten, und deutlich weniger Frauen mit Kopftüchern. Dringt man aber etwas tiefer in den Wedding ein, ist das Bild gemischt. In der früher schäbigen und vermüllten Prinzenallee befinden sich schicke Restaurants und Künstler-Ateliers. Doch in manchen Nebenstraßen sieht es nicht viel besser aus als früher. In der Koloniestraße etwa stapelt sich der Müll eher noch schlimmer als seinerzeit, und die Menschen auf der Straße wirken unverändert ärmlich und kriminell. Der eigentlich idyllische Spazierweg am Flüsschen Panke ist ebenfalls mit Müllbergen und umgeworfenen Einkaufswagen verunstaltet. Noch immer besteht ein scharfer Kontrast zum inzwischen sehr gepflegt wirkenden Prenzlauer Berg, wo wir den Abend ausklingen ließen.

Dennoch gilt der Wedding mittlerweile längst nicht mehr als schlechte Adresse, sondern zählt zu jenen inzwischen sündhaft teuren Innenstadtlagen, in denen wegen ihrer Problembezirks-Historie noch manchmal ein kleiner Preisnachlass gegenüber den anderen Gebieten drin ist. Fünf Jahre haben wir im roten Wedding gelebt, nicht einmal halb so lange wie bis heute in Charlottenburg, doch diese frühen Jahre in Berlin, in denen wir damals die Weichen gestellt haben für alles, was später noch kommen sollte, werden mir für immer unvergesslich bleiben. (Fotos: TC)

www.justament.de, 16.4.2018: Wie geht es weiter?

Der aktuelle Berliner Wohnmarktreport lässt die entscheidende Frage offen

Thomas Claer

Wohnhaus in Berlin-Marzahn (Foto: TC)

Schon seit fast einem Jahrzehnt geht es aufwärts mit den Berliner Mieten und Immobilienpreisen. Wie ein Märchen aus längst vergangener Zeit wirkt es da, wenn noch manchmal erzählt wird, wie es früher so war in Berlin, damals in den Nullerjahren, als die Stadt noch „arm, aber sexy“ war. In gewissen Kreisen wurde man da streng nach seinem Wohnbezirk beurteilt: Moabit? Voll assi. Wedding? Das ging ja gar nicht. Und erst Neukölln: Oh mein Gott, wie uncool. Da konnte man ja gleich in die bürgerlichen Spießer-Gegenden am Stadtrand ziehen. Oder noch schlimmer: in die Plattenbau-Wüsten in Marzahn oder Hellersdorf. Es gab eigentlich jede Menge unmögliche Gegenden, wo man seinerzeit auf gar keinen Fall wohnen durfte. Neutral waren vielleicht noch Schöneberg oder Charlottenburg. Aber so richtig angesagt, das waren eigentlich nur Prenzlauer Berg, Friedrichshain, Mitte und Teile von Kreuzberg. Dort pulsierte das Leben. Wenn man heute an jene Zeiten erinnert, in der die Wohnungssuche kein Problem und der Distinktionsgewinn alles war, dann wird man mittlerweile angeguckt, wie früher Opa, wenn er aus den Schützengräben und von der Ostfront erzählte. Wer heute eine bezahlbare 1-Zimmer-Mietwohnung in Marzahn, Spandau oder, sagen wir, Alt-Mariendorf gefunden hat, kann sich mehr als glücklich schätzen – und niemand reißt mehr dumme Sprüche über ihn. Die früheren sozialen Brennpunkte in Wedding und Nord-Neukölln sind längst zu heiß begehrten und sündhaft teuren City-Lagen mutiert. So liest sich denn auch der aktuelle Berliner Wohnmarktreport, der die Entwicklung der Angebotsmieten bis Ende 2017 abbildet, wie ein Stück lokale Wirtschafts- und Sozialgeschichte, besonders wenn man sich die Entwicklung der letzten neun Jahre ansieht (siehe Grafik). So zahlt man heute als Mieter im Norden von Neukölln schon bald das Zweieinhalbfache der Angebotsmieten von 2008, im Wedding beinahe das Doppelte!

Nein, die alten Zeiten, die doch eigentlich noch gar nicht so lange her sind, werden wohl nicht mehr wieder zurückkommen. Wer heut kein Haus hat, um es mit Rilke zu sagen, kauft sich keines mehr, jedenfalls nicht in Berlin, wo die Kaufpreise für bezugsfreie Immobilien in den letzten Jahren noch weitaus stärker explodiert sind als die Mieten. Oder sollte man es vielleicht doch noch wagen? Das fragen sich zumindest alle, die bisher noch nicht zum Zuge gekommen sind, und die sich nun überlegen, ob sie lieber schnell zugreifen, bevor es noch teurer wird, oder nicht doch besser noch das Platzen der aktuellen Blase abwarten sollten. Fragt man die Experten, so geben sie hierauf Antworten, wie sie entgegengesetzter kaum sein könnten: Das Meinungsspektrum reicht von „bis zu 35 Prozent Überbewertung“ bis zu „noch reichlich Luft nach oben“. So bleibt am Ende nur die Erkenntnis: Hinterher ist man klüger. Aber erst dann.

Wohnkosten in Berliner Bezirken (Angebotskaltmiete pro qm) gem. Wohnmarktreport 2017 (2008) nach Alt-Bezirken

1. Mitte (Alt) 14,43 (9,54) +51,3% alternativ/repräsentativ
2. Prenzlauer Berg 11,84 (7,32) +61,7% alternativ/neubürgerlich
3. Friedrichshain 11,83 (6,60) +79,2% alternativ/lebendig
4. Kreuzberg 11,73 (6,37) +68,6% alternativ/lebendig
5. Wilmersdorf 11,50 (8,06) +42,7% großbürgerlich/bürgerlich
6. Tiergarten 11,39 (6,33) +79,9% gemischt/lebendig
7. Charlottenburg 11,03 (7,24) +52,3% großbürgerlich/lebendig
8. Schöneberg 10,85 (7,24) +49,9% bürgerlich/lebendig
9. Zehlendorf 10,60 (7,94) +33,5% großbürgerlich/bürgerlich
10. Wedding 10,05 (5,26) +91,1% proletarisch/neualternativ
11. Neukölln 9,92 (5,23) +89,7% neualternativ/proletarisch
12. Pankow 9,48 (6,28) +51,0% bürgerlich/lebendig
13. Steglitz 9,48 (6,45) +47,0% bürgerlich/kleinbürgerlich
14. Treptow 9,39 (5,53) +69,8% proletarisch/lebendig
15. Lichtenberg 9,33 (5,50) +56,5% proletarisch/kleinbürgerl.
16. Weißensee 8,96 (5,50) +62,9% bürgerlich
17. Köpenick 8,77 (6,14) +42,8% bürgerlich/proletarisch
18. Tempelhof 8,71 (5,82) +49,7% kleinbürgerlich/bürgerlich
19. Reinickendorf 8,47 (5,76) +47,0% kleinbürgerlich/bürgerlich
20. Hohenschönhausen 8,46 (5,96) +41,9% proletarisch/gemischt
21. Spandau 7,96 (5,43) +46,6% kleinbürgerlich/lebendig
22. Hellersdorf 7,70 (5,30) +35,9% proletarisch/gemischt
23. Marzahn 7,22 (4,85) +48,9% proletarisch/gemischt

Top 30 der Postleitzahlbezirke nach Höhe der Angebotskaltmiete pro qm 2017 (2008)

1. 10115 Chausseestraße (Mitte) 15,00 (8,40) +78,6%
2. 10117 Unter den Linden (Mitte) 14,98 (12,60) +18,9%
3. 10785 Potsdamer Platz / Lützowstr. (Tiergarten) 14,50 (7,80) +85,9%
4. 10179 Jannowitzbrücke (Mitte) 14,18 (7,40) +91,6%
5. 10119 Rosenthaler Platz (Mitte) 14,00 (9,00) +55,6%
6. 10178 Hackescher Markt/ Alexanderplatz (Mitte) 14,00 (10,30) +35,9%
7. 10623 Savignyplatz (Charlottenburg) 12,95 (9,00) +43,9%
8. 10963 Kreuzberg-West / Möckernbrücke (Kreuzberg) 12,94 (6,70) +93,1%
9. 10777 Viktoria-Luise-Platz (Schöneberg) 12,87 (7,60) +69,3%
10. 14193 Grunewald (Wilmersdorf) 12,71 (10,60) +19,9%
11. 10435 Kollwitzplatz (Prenzlauer Berg) 12,67 (8,60 ) +47,3%
12. 10405 Prenzlauer Allee (Prenzlauer Berg) 12,51 (7,80) +60,4%
13. 10707 Olivaer Platz / Kurfürstendamm (Wilmersdorf) 12,50 (8,40) +48,8%
14. 10719 Ludwigkirchplatz/ Kurfürstendamm (Wilmersdorf) 12,50 (9,70) +28,8 %
15. 10245 Ostkreuz / Boxhagener Platz (Friedrichshain) 12,48 (6,80) +83,5%
16. 14195 Dahlem (Zehlendorf) 12,40 (9,40) +31,9%
17. 10437 Helmholtzplatz (Prenzlauer Berg) 12,25 (7,70) +59,1%
18. 12055 Richardplatz (Neukölln) 12,22 (5,00) +144,4%
19. 10627 Westliche Kantstr./ Bismarckstr. (Charlottenburg) 12,04 (6,60) +82,4%
20. 10629 Sybelstraße/ Kurfürstendamm (Charlottenburg) 12,03 (9,00) +33,7%
21. 10711 Halensee (Wilmersdorf) 12,02 (7,70) +56,1%
22.10967 Graefestraße (Kreuzberg) 12,00 (6,30) +90,5%
23. 10247 Samariterstraße (Friedrichshain) 12,00 (6,40) +87,5%
24. 10961 Gneisenaustraße (Kreuzberg) 12,00 (6,80) +76,5%
25. 14057 Lietzensee (Charlottenburg) 12,00 (7,60) +57,9%
26. 10439 Arnimplatz (Prenzlauer Berg) 11,99 (6,50) +84,5%
27. 10787 Bahnhof Zoo/ Kurfürstenstraße (Tiergarten) 11,94 (8,30) +43,9%
28. 12045 Sonnenallee Nord (Neukölln) 11,88 (5,20) +128,5%
29. 10789 Tauentzienstr. / Kurfürstendamm (Wilmersdorf) 11,88 (9,10) +30,5%
30. 10625 Karl-August-Platz / Wilmersdorfer Str. (Charlottenburg) 11,81 (7,50) +57,5%

Gebiete mit dem stärksten Anstieg der Angebotskaltmieten im Neunjahreszeitraum

1. 12055 Richardplatz (Neukölln) 12,22 (5,00) +144,4%
2. 12053 Rollbergstraße (Neukölln) 11,64 (4,90) +137,6%
3. 12049 Hermannstraße West /Reuterkiez (Neukölln) 11,70 (5,10) +129,4%
4. 12045 Sonnenallee Nord (Neukölln) 11,88 (5,20) +128,5%
5. 12051 Hermannstraße Süd (Neukölln) 11,22 (5,00) +124,4%
6. 12043 Rathaus Neukölln (Neukölln) 11,10 (5,00) +122,0%
7. 12059 Weigandufer (Neukölln) 10,92 (5,00) +118,4%
8. 13355 Humboldthain/ Brunnenviertel (Wedding) 10,92 (5,00) +118,4%
9. 12047 Maybachufer („Kreuzkölln“) (Neukölln) 11,72 (5,50) +113,1%
10. 13347 Nauener Platz (Wedding) 10,50 (5,10) +105,9%
11. 10553 Beusselstraße (Moabit/Tiergarten) 10,21 (5,10) +100,2%
12. 13359 Soldiner Straße (Wedding) 9,41 (4,70) +100,2%
13. 13351 Rehberge (Wedding) 10,00 (5,00) +100,0%
14. 13351 Rehberge (Wedding) 10,00 (5,00) +100,0%
15. 10551 Birkenstraße (Moabit/Tiergarten) 10,75 (5,40) +99,1%
16. 13357 Gesundbrunnen (Wedding) 10,03 (5,10) +96,7%
17. 10963 Kreuzberg-West / Möckernbrücke (Kreuzberg) 12,94 (6,70) +93,1%
18. 10179 Jannowitzbrücke (Mitte) 14,18 (7,40) +91,6%
19. 10967 Graefestraße (Kreuzberg) 12,00 (6,30) +90,5%
20. 12439 Niederschöneweide (Treptow) 9,70 (5,10) +90,2%
21. 12526 Bohnsdorf (Treptow) 10,00 (5,30) +88,7%
22. 10999 Görlitzer Park (Kreuzberg) 11,69 (6,20) +88,5 %
23. 10247 Samariterstraße (Friedrichshain) 12,00 (6,40) +87,5%
24. 10559 Stephanstraße (Moabit/Tiergarten) 9,91 (5,30) +87,0%
25. 12347 Britz-West (Neukölln) 8,53 (5,10) +86,9%
26. 10827 Crellestraße/Kleistpark (Schöneberg) 11,00 (5,90) +86,4%
27. 10315 Friedrichsfelde-Nord (Lichtenberg) 9,50 (5,10) +86,3%
28. 10785 Potsdamer Platz/ Lützowstr. (Tiergarten) 14,50 (7,80) +85,9%
29. 10555 Alt-Moabit-West (Tiergarten) 10,96 (5,90) +85,8%
30. 10439 Arnimplatz (Prenzlauer Berg) 11,99 (6,50) +84,5%
31. 12057 Sonnenallee Süd/ Grenzallee (Neukölln) 9,22 (5,00) +84,4%
32. 10367 Am Stadtpark (Frankfurter Allee/Lichtenberg) 9,92 (5,40) +83,7%
33. 10245 Ostkreuz Boxhagener Platz (Friedrichshain) 12,48 (6,80) +83,5%
34. 10969 Prinzenstraße (Kreuzberg) 11,00 (6,00) +83,3%
35. 10997 Wrangelstraße / Paul-Lincke-Ufer (Kreuzberg) 11,50 (6,30) +82,5%

Quelle: Wohnmarktreport Berlin (Berlin Hyp & CBRE) / eigene Berechnungen

www.justament.de, 24.7.2017: Je oller, je doller

Peter Schneiders Berlin-New York-Roman “Club der Unentwegten”

Thomas Claer

Jeder Stadtbezirk in Berlin hat seine typische Bewohner-Generation. So trifft man in Friedrichshain vor allem die 20 bis 30-Jährigen, in Prenzlauer Berg die 35 bis 45-Jährigen. Und in Charlottenburg am Stuttgarter Platz, wo einst die legendäre Kommune 1 mit Uschi Obermaier und Rainer Langhans ihre Orgien feierte, sitzt heute zumeist die Generation 60 plus bei einem gepflegten Weißwein in den gediegenen Restaurants und Straßencafés. Um einen ganz überwiegend männlichen lockeren Freundeskreis, der sich dort immer mal wieder in einer italienischen Kneipe begegnet, geht es in Peter Schneiders neuem Roman „Club der Unentwegten“. Dieser besagte Club also, bestehend aus älteren, meist wohlhabenden, gebildeten und beruflich erfolgreichen Herren, ist eine muntere Klatsch- und Tratsch- und Debattierrunde, die sich hauptsächlich auf das wahrheitsgemäße Einander-Berichten selbsterlebter Liebesabenteuer mit überwiegend deutlich jüngeren Damen, größtenteils außerhalb etwaig bestehender ehelicher Bindungen, konzentriert. In ihrer gemeinsamen Überzeugung, dass andere Gesprächsthemen letztlich keinen besonderen Wert besitzen, haben es sich die „Club-Mitglieder“ zur Regel gemacht, dass Ausführungen über den eigenen Gesundheitszustand keinesfalls länger als zehn Minuten andauern dürfen und das Ansprechen politische Themen sogar strikt verboten ist. Jedoch müssen einmal begonnene Liebesgeschichten immer und unbedingt haargenau und vollständig zu Ende erzählt werden.

Lange hatte der Kunsthistoriker und Privatgelehrte Roland, Hauptperson des Romans und erkennbar ein Alter Ego des Autors, in diesem Club nicht viel zu berichten, denn „das mit den Frauen“ war für ihn ja eigentlich schon seit Jahren vorbei. Doch während seiner Uni-Gastdozentur in New York hat es ihn, den alten Schwerenöter, dann doch wieder erwischt. Roland, inzwischen um die 70, hat eine Affäre mit der 30 Jahre jüngeren Leyla – „a striking beauty from Iran“, aber aufgewachsen in New York – begonnen. Wie kann das sein, fragt man sich, dass eine schöne junge Frau um die 40 auf so einen alten Knacker steht? Zunächst einmal, so erfahren wir, sieht Roland locker zehn bis 20 Jahre jünger aus, als er ist. Und dann gibt es einen gemeinsamen Bekannten, der die beiden regelrecht miteinander verkuppelt hat. (Oft genügt es ja im Leben, statt selbst besonders kontaktfreudig zu sein, einen oder mehrere „Multiplikatoren“ zu kennen, die einen dann mit aller Welt bekannt machen.) Schließlich ist Roland als Semiprominenter und gern gesehener TV-Talkshowgast für Leyla, die als Bilder-Verkäuferin in einer New Yorker Luxus-Galerie arbeitet und in einem Mikroapartment in der teuersten Gegend Manhattans lebt, offenbar eine interessante Partie. Zwar reagiert sie anfänglich schockiert, als sie sein wahres Alter erfährt, setzt aber dennoch unverdrossen ihre Liaison mit ihm fort.

Gewisse Schwierigkeiten ergeben sich aus dem sehr unterschiedlichen Kenntnisstand der beiden Liebenden hinsichtlich des Gebrauchs der modernen Kommunikationstechnologien. Immer wieder kommt es vor, dass Roland wichtige Nachrichten von Leyla auf seinem Handy verpasst oder sogar versehentlich gelöscht hat. Auch beim transkontinentalen Skypen tut Roland sich schwer, so dass Leyla ihn nicht selten vorwurfsvoll fragt, in welchem Jahrhundert er eigentlich lebe. Wirklich kompliziert wird es allerdings erst, als Leyla mit ihrem schon seit langem aufgeschobenen Kinderwunsch um die Ecke kommt. Roland, der bereits einen erwachsenen Sohn aus einer früheren Verbindung hat, kann es sich nicht so recht vorstellen, in absehbarer Zeit als womöglich gebrechlicher und vertrottelter Alter noch Erziehungsarbeit leisten zu müssen. Fortan betrachten beide ihre Beziehung als tendenziell interimistisch, kommen aber auch nicht so recht voneinander los, zumal Roland sich, was überaus detailliert beschrieben wird, als fabelhafter Liebhaber erweist …

Wie schon die früheren Bücher dieses Autors, hier sei vor allem an die ausgezeichneten Berlin-Romane „Paarungen“ und „Eduards Heimkehr“ aus den Neunzigern erinnert, liest sich auch der „Club der Unentwegten“ leicht und unterhaltsam. Ausführlich werden dem Leser die regionalen Besonderheiten der Romanschauplätze mitsamt ihren politisch-gesellschaftlichen Hintergründen erklärt. So staunt Roland, der zwischen seiner Charlottenburger Dachterrassenwohnung mit gut gefüllter „Weinbibliothek“ und seinem New Yorker Apartment im Gästehaus der NYU pendelt, immer wieder über die voll besetzten Tische auf den Berliner Trottoirs vor den Kneipen und Bars, insbesondere bei schönem Wetter. „Die meisten Gäste hatten ein Glas Wein vor sich stehen; und obwohl die Mittagszeit vorbei war, schien niemand es mit dem Zahlen und Gehen eilig zu haben. Nicht zum ersten Mal fragte Roland sich, welcher Arbeit all diese Leute nachgingen. Ein vergleichbarer Anblick an einem Werktag in New York war schwer vorstellbar. Berlin schien die Welthauptstadt der flexiblen Arbeits- und Entspannungszeit zu sein.“

Nebenbei zeichnet dieser Roman aber auch ein recht stimmiges Porträt der inzwischen in die Jahre gekommenen deutschen Achtundsechziger-Generation, zu deren Wortführern der Autor in seiner Jugend bekanntlich gehört hat. Diese so genannte Protest-Generation, das wird hier ganz deutlich, war jedenfalls wirtschaftlich gesehen eine goldene. Denn nach dem Abtreten der personell gelichteten und moralisch diskreditierten „Kriegsjahrgänge“ konnte ihr geradezu spielend der vielzitierte „Marsch durch die Institutionen“ gelingen, unbelastet von all den existentiellen Sorgen und Nöten, mit denen die darauffolgenden Generationen zu kämpfen hatten und haben. Am Ende des Buches unternimmt Roland mit Leyla noch einen traumhaften Ausflug in ein ganz zauberhaftes Hotel an der Küste Italiens. Die Toskana-Fraktion lässt grüßen!

Peter Schneider
Club der Unentwegten
Kiepenheuer & Witsch S. Fischer Verlag Köln 2017
288 Seiten, 19,00 EUR
ISBN: 978-3-462-05018-9

www.justament.de, 22.5.2017: Ästhetik des Schreckens

Recht cineastisch, Teil 29: „Tiger Girl“ von Jakob Lass

Thomas Claer

Als Berliner lebt man bekanntlich gefährlich. Auf der Rolltreppe zur U-Bahn stehend kann man hinterrücks einen Fußtritt bekommen und sich beim Sturz nach vorne alle Knochen brechen. Man kann auch von jemandem auf die U-Bahn-Gleise geschubst werden, während man auf den Zug wartet. Oder einem wird von Unbekannten ohne Grund ins Gesicht geschlagen. Es ist schon beunruhigend, dass Leute herumlaufen, die einfach Spaß an der Gewalt gegen ihre Mitmenschen haben. Nun gibt es einen Film, der sich mit diesem Menschenschlag näher beschäftigt: „Tiger Girl“ von Jakob Lass. Natürlich ist das echtes Berliner Underground-Kino aus Neukölln, nur diesmal herausgebracht vom Branchen-Major Constantin Film, das auf die früheren Indie-Produktionen von Jakob Lass und seinen Mitstreitern aufmerksam geworden ist. Ein wilder, ein verstörender Film, der handwerklich außerordentlich gut gemacht ist: Alle Dialoge sind improvisiert, die Kameraführung verwegen.
Die Geschichte, die hier erzählt wird, kann einem allerdings kalte Schauer über den Rücken jagen: Margarethe Fischer, eine junge Dame um die 20, ist durch die Polizeiaufnahmeprüfung gefallen und absolviert nun eine Ausbildung bei einem privaten Security-Dienst. Anfangs ist sie noch höflich und zurückhaltend, bis sie auf eine andere junge Dame trifft, die sich Tiger Girl nennt und das komplette Gegenteil von ihr ist. Tiger Girl, die mit zwei Jungs abwechselnd illegal auf einem Dachboden und in einem stillgelegten Bus lebt, hilft Margarethe, die sie auf den Namen Vanilla tauft, durch imponierende Prügeleinlagen mit und ohne Baseballschläger mehrfach aus der Patsche und wird so zum Vorbild für diese – und zugleich zu ihrer besten Freundin. Nach und nach wird „Vanilla“ zu einem anderen Menschen, indem sie Tiger Girls programmatische Ratschläge beherzigt wie „Höflichkeit ist eine Art Gewalt. Gewalt gegen dich selbst.“ oder „Du musst einfach sagen, was du willst, und dann kriegst du’s auch.“ Schließlich marodieren die beiden pöbelnd, raubend und prügelnd durch die Straßen Berlins. Frei nach Schnauze suchen sie sich ihre Opfer aus. Sogar noch besser klappt es in geklauten Polizeiuniformen.
Das, um es zurückhaltend zu sagen, Irritierende an diesem Film ist dessen ausgestellte Sympathie für seine Protagonistinnen. Und, was nicht minder irritierend ist, auch eine ganze Reihe von Kritikerkollegen ist schier aus dem Häuschen: „Ein Film, nach dem man Lust hat, jemanden zu verprügeln“, befindet Juliane Liebert in der Süddeutschen Zeitung. Und sie führt weiter aus: „Gerade das ist toll an ‚Tiger Girl‘. Keine Moral. Keine Rettung. Dafür Frauen, die nicht in Willenlosigkeit vor sich hin wabern. Aber was heißt ‚Frauen‘: Jakob Lass zeigt selbstbewusst und eigenverantwortlich handelnde Menschen.“ Puh, das kann man nun aber wirklich nicht so stehen lassen. Wenn schon, dann zeigt dieser Film Menschen, konkret gesagt: Frauen, die sich in unverantwortlichster Weise gehen lassen, denen alle zivilisatorischen Sicherungen durchbrennen. Und es stecken fatale Botschaften in ihm, die seinen Machern wohl kaum bewusst gewesen sein dürften. Etwa die, dass der demokratische Rechtsstaat offenbar seine liebe Mühe hat, mit einem solchen Täter-Kaliber fertig zu werden, während solche Schlägerinnen z.B. unter Putin oder Erdogan ganz schnell und ohne viel Aufhebens auf Nimmerwiedersehen im Knast oder Arbeitslager verschwänden. Sind Filmemacher wie Jakob Lass also die nützlichen Idioten der autoritären Herrscher?
Natürlich nicht nur. Denn auf einer rein ästhetischen Ebene kann „Tiger Girl“ durchaus überzeugen. Hier wird eine Geschichte erzählt, so kann man es ja auch sehen, die auf alle Korrektheiten pfeift. So wie, sagen wir, „In Stahlgewittern“ von Ernst Jünger. Ästhetik des Schreckens nennt man so etwas. Ganz ohne Moral. Anhand dieses Films lässt sich also noch einmal über die große Frage nach der Autonomie der Kunst nachdenken.

Tiger Girl
D 2017
Länge: 90 Minuten
Regie: Jakob Lass
Drehbuch: Jakob Lass, Ines Schiller, Hannah Schopf, Nicholas Woche, Eva-Maria Reimer
Musik: Golo Schultz
Darsteller: Maria Dragus (Vanilla), Ella Rumpf (Tiger) u.v.a.
GSK: 16

www.justament.de, 13.2.2017: Der rote Wedding marschiert…

… und in Nord-Neukölln ist es schon teurer als in Wilmersdorf! Der neue Wohnmarktreport Berlin hat es wieder mal in sich

Thomas Claer

weddingSeit Jahren gibt es in der Hauptstadt kein beliebteres Thema als Gespräche über Wohnungen. Allerdings nervt es laut Tagesspiegel langsam schon, „wenn jeder Kneipenabend mit Immobilienblabla endet“.

Aber die harten Fakten wollen dann doch wieder alle ganz genau wissen. Nun ist er also erschienen, der auch in diesem Jahr mit Spannung erwartete Wohnmarktreport Berlin 2017 mit den aktuellen Angebotsmieten aller 192 Postleitzahlbezirke. Was hat er uns diesmal zu sagen? Während in den letzten Jahren noch alle Trends intakt waren, zeigt sich nunmehr ein gemischtes Bild. Die früheren Problembezirke Wedding und insbesondere Nord-Neukölln jedenfalls marschieren in der Miethöhe weiter von Rekord zu Rekord und nehmen Kurs aufs obere Drittel. Dagegen lässt sich im seit langem etablierten Szenekiez Kreuzberg eine deutliche Abschwächung feststellen. Die Partymeile Friedrichshain wiederum zieht mit Karacho an Kreuzberg und Prenzlauer Berg vorbei und liegt nun schon gleich hinter Mitte auf Platz zwei. Insgesamt gesehen boomen die östlichen Innenstadtbezirke mehr als die westlichen. Auch die zentraleren Lagen von Lichtenberg werden immer teurer, während Charlottenburg und Wilmersdorf auf hohem Niveau stagnieren, in Schöneberg geht es sogar etwas abwärts. Doch wer gedacht hat, das gut situierte südwestliche Zehlendorf (wo es  vor nur einem Jahrzehnt noch mit am teuersten war) werde immer weiter abgehängt, sieht sich mittlerweile eines Besseren belehrt. Der „reiche Arschlochbezirk“ (wie er in einem bekannten Film genannt wurde) macht einen deutlichen Sprung nach vorne und überholt sogar die westlichen Innenstadtlagen von Charlottenburg und Schöneberg. Wie heißt es so schön: Das Imperium schlägt zurück! Allerdings liegt die zuletzt nur sehr moderate für ganz Berlin gemessene Zunahme der Miethöhe im niedrigen einstelligen Bereich lediglich an einem Rechentrick: Erstmals sind möblierte und auf Zeit vermietete Wohnungen nicht mehr in den Berechnungen enthalten. Ohne diesen Sondereffekt hätte sich wieder ein zehnprozentiges Mietwachstum im Vergleich zum Vorjahr ergeben.

Wohnkosten in Berliner Bezirken (Angebotskaltmiete pro qm 2016/2008) nach Alt-Bezirken* gem. Wohnmarktreport Berlin /eigenen Berechnungen

1. (1.) Mitte (Alt) (12,77/9,54/+33,9%/ alternativ/repräsentativ)
2. (7.) Friedrichshain (11,23/6,60/+70,2%/ alternativ/lebendig)
3. (4.) Prenzlauer Berg (11,08/7,32/+51,4%/ alternativ/neubürgerlich)
4. (9.) Kreuzberg (10,74/6,37/+68,6%/ alternativ/lebendig)
5. (2.) Wilmersdorf (10,43/8,06/+29,4%/ großbürgerlich/bürgerlich)
6. (10.) Tiergarten (10,29/6,33/+58,9%/ gemischt/lebendig)
7. (3.) Zehlendorf (10,22/7,94/+28,7%/ großbürgerlich/bürgerlich)
8. (5.) Charlottenburg (10,06/7,24/+39,0%/ großbürgerlich/lebendig)
9. (6.) Schöneberg (9,87/7,24/+36,3%/ bürgerlich/lebendig)
10. (21.) Wedding (9,19/5,26/+74,7%/ proletarisch/alternativ)
11. (22.) Neukölln** (9,19/5,23/+66,2%/ alternativ/proletarisch)
12. (11.) Pankow (8,90/6,28/+34,6%/ bürgerlich/lebendig)
13. (8.) Steglitz (8,69/6,45/+34,7%/ bürgerlich/kleinbürgerlich)
14. (17.) Lichtenberg (8,61/5,50/+56,5%/ proletarisch/kleinbürgerlich)
15. (16.) Weißensee (8,48/5,50/+54,2%/bürgerlich)
16. (12.) Köpenick (8,27/6,14/+34,7%/ bürgerlich/proletarisch)
17. (18.) Treptow (8,25/5,53/+49,2%/ proletarisch/lebendig)
18. (14.) Tempelhof (8,06/5,82/+38,5%/ kleinbürgerlich/bürgerlich)
19. (15.) Reinickendorf (7,81/5,76/+35,6%/ kleinbürgerlich/bürgerlich)
20. (13.) Hohenschönhausen (7,68/5,96/+28,9%/ proletarisch/gemischt)
21. (19.) Spandau (7,37/5,43/ +35,7%/ kleinbürgerlich/lebendig)
22. (20.) Hellersdorf (7,20/5,30/+35,9%/ proletarisch/gemischt)
23. (23.) Marzahn (6,68/4,85/+37,8%/ proletarisch/gemischt)

* Alt-Bezirke heißt: Man legt die 23 alten Bezirke von vor der Gebietsreform 2001 zugrunde und nicht die zwölf neuen Bezirke, die durch Zusammenlegungen von sozial z.T. sehr heterogenen Gebieten entstanden sind, was seitdem oft zu irreführenden Verzerrungen in den Statistiken geführt hat.

**Neukölln-Nord (10,45/5,08/+105,7%/ alternativ/proletarisch)
Neukölln-Süd (7,56/5,41/+39,7%/ kleinbürgerlich/proletarisch)

 
Top 30 der Postleitzahlbezirke nach Höhe der Angebotskaltmiete pro qm 2016 (2008)

1. 10178 Hackescher Markt/ Alexanderplatz (Mitte) (13,80/10,30/+34,0%)
2. 10117 Unter den Linden (Mitte) (13,01/12,60/+ 3,3%)
3. 10785 Potsdamer Platz / Lützowstr. (Tiergarten) (13,00/7,80/+66,7%)
4. 10119 Rosenthaler Platz (Mitte) (13,00/9,00/+44,4%)
5. 10405 Prenzlauer Allee (Prenzlauer Berg) (12,50/7,80/+60,3%)
6. 10115 Chausseestraße (Mitte) (12,50/8,40/+48,8%)
7. 10435 Kollwitzplatz (Prenzlauer Berg) (12,00/8,60/+39,5%)
8. 12055 Richardplatz (Neukölln) (11,92/5,00/+138,4%)
9. 10245 Ostkreuz / Boxhagener Platz (Friedrichshain) (11,82/6,80/+73,8%)
10. 10965 Mehringdamm / Bergmannstraße (Kreuzberg) (11,66/6,30/+85,1%)
11. 10179 Jannowitzbrücke (Mitte) (11,53/7,40/+55,8%)
12. 10707 Olivaer Platz / Kurfürstendamm (Wilmersdorf) (11,50/8,40/+36,9%)
13. 14195 Dahlem (Zehlendorf) (11,50/9,40/+22,3%)
14. 10719 Ludwigkirchplatz/ Kurfürstendamm (Wilmersdorf) (11,50/9,70/+18,6%)
15. 10437 Helmholtzplatz (Prenzlauer Berg) (11,44/7,70/+48,6%)
16. 10629 Sybelstraße/ Kurfürstendamm (Charlottenburg) (11,43/9,00/+27,0%)
17. 10627 Westliche Kantstr./ Bismarckstr. (Charlottenburg) (11,37/6,60/+72,3%)
18. 14193 Grunewald (Wilmersdorf) (11,29/10,60/+6,5%)
19. 10997 Wrangelstraße / Paul-Lincke-Ufer (Kreuzberg) (11,20/6,30/+77,8%)
20. 12051 Hermannstraße Süd (Neukölln) (11,17/5,00/+123,4%)
21. 10249 Volkspark Friedrichshain (Friedrichshain) (11,09/6,60/+68,0%)
22. 10777 Viktoria-Luise-Platz (Schöneberg) (11,04/7,60/+45,3%)
23 .10967 Graefestraße (Kreuzberg) (11,03/6,30/+75,1%)
24. 12049 Hermannstraße West (Reuterkiez/Neukölln) (11,00/5,10/+115,7%)
25. 12045 Sonnenallee Nord (Neukölln) (11,00/5,20/+111,5%)
26. 10247 Samariterstraße (Friedrichshain) (11,00/6,40/+71,9%)
27. 10243 Ostbahnhof (Friedrichshain) (11,00/6,60/+66,7%)
28. 10961 Gneisenaustraße (Kreuzberg) (11,00/6,80/+61,8%)
29. 14167 Zehlendorf-Südost / Sundgauer Straße (Zehlendorf) (11,00/7,50/+46,7%)
30. 10623 Savignyplatz (Charlottenburg) (10,96/9,00/+21,8%)

Gebiete mit dem stärksten Anstieg der Angebotskaltmieten im Achtjahreszeitraum

1. 12055 Richardplatz (Neukölln) (11,92/5,00/+138,4%)
2. 12051 Hermannstraße Süd (Neukölln) (11,17/5,00/+123,4%)
3. 12059 Weigandufer (Neukölln) (10,95/5,00/+119,0%)
4. 12043 Rathaus Neukölln (Neukölln) (10,89/5,00/+117,8%)
5. 12049 Hermannstraße West /Reuterkiez (Neukölln) (11,00/5,10/+115,7%)
6. 13355 Humboldthain/ Brunnenviertel (Wedding) (10,60/5,00/+112,0%)
7. 12045 Sonnenallee Nord (Neukölln) (11,00/5,20/+111,5%)
8. 12053 Rollbergstraße (Neukölln) (10,10/4,90/+106,2%)
9. 13357 Gesundbrunnen (Wedding) (9,87/5,10/+93,6%)
10. 12047 Maybachufer („Kreuzkölln“) (Neukölln) (10,52/5,50/+91,3%)
11. 10553 Beusselstraße (Moabit/Tiergarten) (9,46/5,10/+85,5%)
12. 10965 Mehringdamm / Bergmannstraße (Kreuzberg) (11,66/6,30/+85,1%)
13. 10315 Friedrichsfelde-Nord (Lichtenberg) (8,44/5,10/+85,1%)
14. 10551 Birkenstraße (Moabit/Tiergarten) (9,95/5,40/+84,3%)
15. 13347 Nauener Platz (Wedding) (9,29/5,10/+82,2%)
16. 13359 Soldiner Straße (Wedding) (8,50/4,70/+80,9%)
17. 10367 Am Stadtpark (Frankfurter Allee/Lichtenberg) (9,75/5,40/+80,6%)
18. 10559 Stephanstraße (Moabit/Tiergarten) (9,51/5,30/+79,4%)
19. 13351 Rehberge (Wedding) (8,91/5,00/+78,2%)
20. 10997 Wrangelstraße / Paul-Lincke-Ufer (Kreuzberg) (11,20/6,30/+77,8%)
21. 10967 Graefestraße (Kreuzberg) (11,03/6,30/+75,1%)
22. 10245 Ostkreuz Boxhagener Platz (Friedrichshain) (11,82/6,80/+73,8%)
23. 10555 Alt-Moabit-West (Tiergarten) (10,25/5,90/+73,7%)
24. 10627 Westliche Kantstr./ Bismarckstr. (Charlottenb.) (11,37/6,60/+72,3%)
25. 10247 Samariterstraße (Friedrichshain) (11,00/6,40/+71,9%)
26. 10823 Alt-Schöneberg (Eisenacher Str./ Schöneberg) (10,82/6,30/+71,7%)
27. 10999 Görlitzer Park (Kreuzberg) (10,54/6,20/+70,0%)
28. 10827 Crellestraße/Kleistpark (Schöneberg) (10,00/5,90/+69,5%)
29. 10249 Volkspark Friedrichshain (Friedrichshain) (11,09/6,60/+68,0%)
30. 13353 Amrumer Straße (Wedding) (9,19/5,50/+67,1%)

Quelle jeweils: Wohnmarktreport Berlin / eigene Berechnungen

www.justament.de, 22.8.2016: Kinder, Kinder

Der Erzählungsband „Lettipark“ von Judith Hermann

Thomas Claer

LettiparkNeue Kurzgeschichten von Judith Hermann? Sieben Jahre nach ihrem letzten Erzählungsband und zwei Jahre nach ihrem verunglückten Roman-Debüt, das wir ihr längst verziehen haben? Da freut man sich doch gleich und beginnt erwartungsvoll zu lesen. Aber schnell merkt man, dass die Judith Hermann von 2016 nicht mehr jene von 1998 ist, die uns seinerzeit in „Sommerhaus, später“ mit dem „Sound einer neuen Generation“ betörte. (Womöglich ließe sich in diesem Zusammenhang auch von der „Generation Berlin“ sprechen, denn nicht wenige von uns sind damals sozusagen mit diesem Buch im Gepäck – gleich neben Sven Regeners „Herr Lehmann“ und Wladimir Kaminers „Russendisko –  in die Hauptstadt gezogen, auf der Suche nach dem wilden Leben in der noch unfertigen Metropole.) Inzwischen jedoch ist mit der Autorin auch das Personal ihrer Erzählungen um fast zwei Jahrzehnte gealtert, was nicht unbeträchtliche Spuren hinterlassen hat.
Nun sind die insgesamt 17, allesamt recht kurzen Geschichten dieses Buches sowohl inhaltlich als auch personell sehr heterogen. (Stilistisch sind sie es nicht unbedingt, dafür aber qualitativ.) Judith Hermanns Ich-Erzähler schlüpfen in die unterschiedlichsten Charaktere, sind mal männlich, mal weiblich, mal arm, mal gut situiert. Doch sind sie fast alle verheiratet und haben Kinder, manche sind geschieden und leben in Patchwork-Familien. Überhaupt dreht sich bei ihnen fast alles um den Nachwuchs. Wo bleiben da, so fragt man sich, die vielen Singles, die fast 50 Prozent kinderlosen Akademiker? Nun, auch sie treten vereinzelt auf, etwa als besessene Frau mit fanatischem Kinderwunsch, die schließlich ein russisches Kind adoptiert, woraufhin ihr Lebensgefährte sich fragt, ob er nicht besser die Reißleine ziehen sollte. Es liegt wohl auch daran, dass Leute mit Kindern meistens nur Leute mit Kindern kennen und Kinderlose meistens nur Kinderlose. Problematisch daran ist allein, dass die häufige Fixierung auf Kinder und Jugendliche diesen Geschichten nicht unbedingt guttut. Marcel Reich Ranicki muss es wohl geahnt haben, als er Judith Hermann nach ihren ersten Erfolgen mit den Worten warnte: „Bekommen Sie bloß kein Kind. Dann werden Sie nie wieder ein gutes Buch schreiben!“
Eine Geschichte, „Papierflieger“, die von einer alleinerziehenden Mutter und ihrem Freund handelt, den sie aber nur zum Aufpassen auf den Kleinen gebrauchen kann und will, ist trotzdem richtig gut geworden. Die kleinen poetischen Momente des Lebens vermag diese Autorin manchmal sehr gut einzufangen, mitunter auch die großen existentiellen wie in der Titel-Erzählung „Lettipark“, wo die Protagonistin zufällig an der Supermarktkasse eine alte Bekannte trifft – und alles, was früher einmal gewesen ist, kommt wieder in ihr hoch. Was Judith Hermann nicht so gut kann, ist das Setzen von Schluss-Pointen, mit denen sie jedenfalls in diesem Band regelrecht auf Kriegsfuß steht. Manche Geschichten werden durch ihr schwaches Ende regelrecht ruiniert. Ansonsten wird in diesen Erzählungen viel gereist, dafür aber – in krassem Gegensatz zu früher – fast gar nicht mehr geraucht. Geblieben jedoch ist die Melancholie, die über allen Geschichten liegt. Lachen musste ich beim Lesen nur ein einziges Mal, als die Ich-Erzählerin von einem gesprächigen Freund berichtete. Beim Telefonat mit diesem legte sie zwischenzeitlich den Hörer beiseite, um den Geschirr-Abwasch zu erledigen. Als sie ihn wieder aufnahm, redete ihr Freund noch immer munter weiter und hatte die längere Abwesenheit des Gegenübers gar nicht bemerkt. Kam mir irgendwie bekannt vor.

Judith Hermann
Lettipark. Erzählungen
Fischer Verlag Frankfurt a. M. 2016
187 Seiten, 18,99 EUR
ISBN: 978-3-10-002493-0