Tag Archives: Berlin

justament.de, 23.9.2019: Gesicht zeigen fürs Klima

Justament-Autor Thomas Claer über „Fridays for Future“

Es ist Freitag. Und diesmal sind auch wir mit dabei. Wir quetschen uns in den von bunt geschmückten Schülern überfüllten Regionalexpress, der um zwanzig vor zwölf von unserem S-Bahnhof zum Hauptbahnhof fährt. „Es kommt immer auf den einzelnen Lehrer an“, sagt ein junges Mädchen zu seiner Begleiterin, „aber unsere Direktorin am ‚Gottfried Keller‘ entschuldigt das grundsätzlich nicht.“ Trotzdem sind wohl mehr als jemals zuvor zu den Schülerprotesten gekommen, die an diesem Tag auch noch vom weltweiten „Streiken fürs Klima“ aller Altersgruppen begleitet werden. Mit den Menschenmassen werden wir über die Spreebrücke in Richtung Brandenburger Tor geschoben. Überall sieht man selbstgemalte Plakate. „Muttermilch ohne Mikroplastik!“, hat eine junge Frau, die ihren Säugling auf dem Arm trägt, auf ihr Transparent geschrieben. Eine ältere Dame streckt ein Schild mit der Aufschrift „Omas for your Future“ in die Höhe. Auch diverse Berufsgruppen haben sich positioniert, von „Hebammen for Future“ bis zu „Lehrer for Future“. Wir hören hochemotionale Ansprachen, die immer wieder von tosendem Applaus unterbrochen werden. Neben uns interviewt ein ZDF-Filmteam einen Herrn im grauen Anzug. Wir erkennen Bernd Riexinger von der Linkspartei. An mehreren Ständen gibt es Flyer und Aufkleber für mehr Klimaschutz. Gleich soll Carola Rackete sprechen, die Kapitänin des Flüchtlingsrettungsschiffs aus dem Mittelmeer, aber ihre Rede wird immer wieder verschoben.

Dieses Bad in der Menge der Gleichgesinnten gibt offenbar allen Beteiligten ein Gefühl der Erhabenheit, das auch uns ein Stück weit erfasst hat. Jahrzehntelang musste ich mich in meiner Generation und vor allem auch unter Jüngeren als weitgehender Flugvermeider und beinahe Auto-Hasser wie eine notorische Spaßbremse fühlen. Und nun das. Jedoch steigen, wenn ich die vielen Familien mit kleinen Kindern sehe, dann doch allerhand Bedenken und Fragen in mir hoch, auf die ich keine Antworten finde. Darf man kleine Kinder so für politische Zwecke instrumentalisieren? Auf Pegida-Demos z.B. empfindet man so etwas doch zurecht als besonders abscheulich. Und werden diese engagierten Menschen, die sich doch nach allen soziologischen Erkenntnissen vorwiegend aus der gehobenen und gebildeten bürgerlichen Mittelschicht rekrutieren und dadurch nachweislich einen besonders tiefen ökologischen Fußabdruck hinterlassen, nun plötzlich alle ihren Lebensstil völlig umkrempeln? Werden sie nun allesamt auf den gediegenen Flugzeug-Familienurlaub am Mittelmeer verzichten und stattdessen mit dem Fahrrad an die Mecklenburgische Seenplatte fahren? Werden sie jetzt statt der gesunden, aber ökologisch desaströsen Avocados aus Südamerika lieber regionalen Beelitzer Spargel essen?

Neben uns packt ein Mann im Mehr-Klimaschutz-T-Shirt seine mitgebrachten Brote aus. Sie sind ausgerechnet in Aluminium-Folie eingewickelt. Also das geht ja nun gar nicht!! Aber andere mit moralisch erhobenem Zeigefinger belehren wollen, das wäre im Zweifel noch schlimmer. Wir sagen also nichts dazu und wissen: Es gibt noch viel zu tun!

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justament.de, 9.9.2019: Aktuell wie uff’m Basar

Recht cineastisch Spezial: Vor 40 Jahren erschien „Das Leben des Brian“

Thomas Claer

Dieser Film gehört zu meinen cineastischen Lieblingswerken. Hier hat die britische Komiker-Truppe Monty Python vor vier Jahrzehnten einen wahren Filmklassiker erschaffen. Lange Jahre konnte – zumindest in unseren Breiten – keiner mehr so richtig verstehen, warum sich seinerzeit so viele über seine ruchlose Blasphemie aufgeregt hatten. Seit einigen Jahren aber hat so vieles von dem, was in diesem Streifen durch den Kakao gezogen wird, wieder traurige Aktualität erlangt: vom religiösen Fanatismus bis zum dilettantischen Sektierertum politischer Akteure. Aber statt nun noch mehr Worte über einen Film zu verlieren, über den doch längst schon alles gesagt ist, schildere ich lieber eine vor kurzem erlebte Begebenheit auf einem Berliner Flohmarkt, die mich stark an die Basarszene aus „Life of Brian“ erinnert hat:

Ein Flohmarktbesucher betrachtet an einem der Stände mit Interesse eine potthässliche Porzellanfigur: „Wat soll‘n die kosten?“
Darauf der Händler: „20 Euro.“
Der Besucher: „Nee, dit is mir viel zu teuer. 15 Euro geb ick dir dafür.“
Der Händler: „20 Euro und keinen Euro wenija. Ick brauch det Geld.“
Der Besucher: „Na jut, 16 Euro.“
Der Händler: „Nüscht is: 19 Euro.“
So geht es noch einige Zeit hin und her. Schließlich einigen sie sich auf 17,50 Euro. Der Kunde gibt einen 20-Euro-Schein. Aber der Händler kann ihm nicht rausgeben. Er hat nur einen 5-Euro-Schein.
Der Besucher, nach einigem Zögern: „Lass jut sein, passt schon.“
Der Händler schiebt ihm seinen 5-Euro-Schein zu: „Nee, den nimmste jetzt.“
Der Besucher, einen Schritt zurücktretend: „Nee, den kannste behalten, den will ick nich.“
Der Händler: „Det is jetzt nich dein Ernst. Du nimmst den jetzt!!“
Der Besucher, sich mit der Figur entfernend: „Nee, is jut.“
Der Händler läuft ihm nach mit dem Schein in der Hand: „Den nimmst du jetzt!!“
Im Gedränge kann ich die beiden nicht mehr sehen und erfahre so nicht mehr, wie es ausgegangen ist…

justament.de, 2.9.2019: Und wieder im Oktober…

Live-Album von EoC erscheint am 10.10.2019

Thomas Claer

Auch in diesem Jahr können wir also in freudiger Erwartung dem Monat Oktober entgegenfiebern, denn wie schon im Vorjahr bringen unsere Lieblinge von Element of Crime in diesem Herbst abermals eine neue Platte heraus. Und das hat es wirklich seit 1990 nicht mehr gegeben: Es wird ein reguläres Live-Album sein und den Titel „Live im Tempodrom“ tragen. „Live im was?“, wird vielleicht der eine oder andere Ignorant nun fragen. Und hiermit sei ihm gesagt, dass das Tempodrom ein bekanntes und noch dazu traditionsreiches Berliner Veranstaltungszentrum ist, unter dessen Dach sich übrigens auch noch das beliebte Erholungsbad Liquidrom befindet, das unsereiner bislang aber leider ebenfalls nur vom Hörensagen kennt. Und treffenderweise heißt der erste Song von diesem Album, der sich bereits auf YouTube ansehen lässt: „Geh doch hin“.

Abgesehen von dem glänzenden Einfall, ausgerechnet einen Song mit diesem Titel als Appetitmacher für ein Live-Album auszuwählen, weist „Geh doch hin“, dieses grandiose Lied aus dem Jahr 1991 über die zwischenmenschliche Eifersucht, aber auch schon der ganzen Platte die Richtung. Denn wie sich der ebenso bereits feststehenden Titelliste entnehmen lässt, wird sie zahlreiche ältere Songs aus den Oeuvre der Elements enthalten, die schon seit Ewigkeiten nicht mehr in Konzerten von ihnen zu hören waren, so auch das wohl philosophischste aller EoC-Stücke: „Wer ich wirklich bin“ von 1996. Ansonsten stammen von den 25 Liedern, die sowohl auf einer Doppel-CD als auch wahlweise auf einer Dreifach-LP erhältlich sein werden, gleich zehn vom aktuellen Studio-Album „Schafe, Monster und Mäuse“, was angesichts der herausragenden Qualität dieser Platte auch völlig in Ordnung geht. Worauf jedenfalls ich mich aber am meisten freue, ist die neue Live-Version von „Schwere See, mein Herz“ aus dem Jahr 1993.

justament.de, 5.8.2019: Ich mach dich Friedhof!

Recht cineastisch, Teil 36: „Nur eine Frau“ von Sherry Hormann

Thomas Claer

„In meinem Land herrscht Gewissens- und Fickfreiheit!“ (nach anderer Quelle: “In meinem Staat herrscht Gedanken- und Fickfreiheit!“), soll Friedrich der Große (1712-1786) einmal geäußert haben. Aber auch dies (in mäßigem Deutsch): „Alle Religionen Seindt gleich und guht wan nuhr die leüte so sie profsiren Erliche leüte seindt, und wen Türken und Heiden kähmen und wollten das Land Pöpliren, so wollen wier sie Mosqueen und Kirchen bauen.“ Zweieinhalb Jahrhunderte später zeigt sich nun, dass es mitunter gar nicht so einfach ist, diese im Grunde sehr löbliche Toleranz- und Willkommenskultur unter einen Hut zu bringen. Denn die Probleme beginnen spätestens dann, wenn man sich ausgesprochene Intoleranzkulturen ins Land holt, die gerade auch in ihren Gotteshäusern Stimmung gegen die liberale Mehrheitsgesellschaft machen und diese verachten. Ob es einem gefällt oder nicht: Zu Deutschland gehören mittlerweile auch Familienstrukturen mit archaisch geprägten Ehrvorstellungen, die ihren Angehörigen (und nicht nur ihnen) das Leben zur Hölle machen – und das auch noch mitten in unseren weltoffenen Großstädten, in denen doch jeder nach seiner Facon glücklich werden sollte. Schuld daran ist gewiss nicht „der Islam“ und sind schon gar nicht „die Muslime“, denn diese und jener sind ihrerseits sehr vielfältig und verdienen es nicht, über einen Kamm geschoren zu werden. Dennoch kann man es nur als völlig falsch verstandene Toleranz ansehen, wenn unsere Rechtsordnung es hinnimmt, dass Frauen in bestimmten Milieus als Menschen zweiter Klasse behandelt und ihnen elementare Freiheiten vorenthalten werden. (Und dass ein Teil der muslimischen Frauen sich auch noch freiwillig solchen rückständigen Moral- und Bekleidungsvorschriften unterwirft, macht alles nur noch schlimmer.)

Der Ehrenmord an der türkisch-kurdischstämmigen Berlinerin Hatun Sürüci, der 2005 deutschlandweit für Entsetzen gesorgt hatte, ist nun mitsamt seiner Vorgeschichte und seinen Folgen auf eindrucksvolle Weise von Sherry Hormann verfilmt worden. Dieser Film ist zugleich ein Aufschrei der Empörung über die – wie zu befürchten ist – hierzulande noch immer zahlreichen in ähnlicher Weise bestehenden familiären Unterdrückungs- und Überwachungsstrukturen. Und vor allem setzt er jenen tapferen Frauen (und manchmal auch Männern) ein Denkmal, die sich dagegen zur Wehr setzen.

Nur eine Frau
Deutschland 2019
97 Minuten, FSK: 12
Regie: Sherry Hormann
Drehbuch: Florian Oeller
Produktion: Sandra Maischberger
Darsteller: Almila Bagriacik (Hatun Aynur Sürüci), Aram Arami (Tarik Sürüci), Jacob Matschenz (Tim) u.v.a.

justament.de, 15.4.2019: Es boomt, wohin man blickt

Der aktuelle „Wohnmarktreport Berlin“ bestätigt die laufenden Trends

Thomas Claer

Hauseingang in Berlin-Kreuzberg

Seit ziemlich genau zehn Jahren befinden sich die Immobilienmärkte, insbesondere in unseren Großstädten, in einem signifikanten Aufwärtstrend. Was Vermieter und Projektentwickler jubeln lässt, kann manchen Mietern allerdings die Schweißperlen auf die Stirn treiben. Wohnen ist, so hört man es längst an jeder Ecke, zur „sozialen Frage unserer Zeit geworden“. Wohl nirgendwo aber ist diese Entwicklung so krass verlaufen wie in unserer Hauptstadt, wo sich die Mietpreise bei Wohnungs-Neuvermietungen im letzten Jahrzehnt – von einem sehr niedrigen Ausgangsniveau aus – beinahe verdoppelt haben. Besonders aussagekräftig sind die Zahlen des aktuellen „Wohnmarktreports Berlin“, herausgegeben von CBRE und Berlin Hyp, wenn man sie, was untenstehend getan wird, mit jenen von vor genau zehn Jahren vergleicht. Besondere Gewinner dieser Entwicklung sind zentral gelegene, ehemals ärmliche Stadtviertel wie Nord-Neukölln, Moabit oder Wedding, die mittlerweile zu heiß begehrten Innenstadtlagen mutiert sind. Dicht dahinter folgen die schon lange Zeit etablierten Zentrumslagen, und zwar besonders die trendigen Szenebezirke Kreuzberg, Friedrichshain und Prenzlauer Berg, aber auch eher bürgerliche Bezirke wie Charlottenburg, Tiergarten oder Schöneberg. Weniger stark am Aufschwung partizipieren konnten hingegen gutbürgerliche Randlagen wie Zehlendorf. Jedoch lässt sich seit einigen Jahren beobachten, dass auch sie zunehmend stärker vom Aufwärtstrend erfasst werden, so wie auch die als weniger attraktiv geltenden Randbezirke wie Reinickendorf oder Spandau bis hin zu den einst berüchtigten Plattenbau-Bezirken Marzahn, Hellersdorf und Hohenschönhausen. Längst gibt es in Berlin keinen Flecken mehr, der nicht vom Boom erfasst wäre.

Quellen: „Wohnmarktreports Berlin“ (hg. von CBRE und Berlin Hyp) sowie eigene Berechnungen

Wohnkosten in Berliner Bezirken (Angebotskaltmiete pro qm) gem. Wohnmarktreport 2018 (2008) nach Alt-Bezirken

1. Mitte (Alt) (15,13/9,54/+58,6%/alternativ/repräsentativ)
2. Kreuzberg (13,06/6,37/+105,0%/alternativ/lebendig)
3. Friedrichshain (12,73/6,60/+79,2%/alternativ/lebendig)
4. Prenzlauer Berg (12,60/7,32/+72,1%/alternativ/neubürgerlich)
5. Tiergarten (12,57/6,33/+98,6%/gemischt/lebendig)
6. Wilmersdorf (12,12/8,06/+50,4%/großbürgerlich/bürgerlich)
7. Charlottenburg (11,90/7,24/+64,3%/großbürgerlich/lebendig)
8. Schöneberg (11,77/ 7,24/+49,9%/bürgerlich/lebendig)
9. Zehlendorf (10,93/ 7,94/+33,5%/großbürgerlich/bürgerlich)
10. Wedding (10,81/5,26/+105,5%/proletarisch/lebendig)
11. Neukölln* (10,54/5,23/+101,5%/alternativ/proletarisch)
12. Pankow (10,21/6,28/+58,3%/bürgerlich/lebendig)
13. Steglitz (10,11/6,45/+56,7%/bürgerlich/kleinbürgerlich)
14. Treptow (10,06/5,53/+81,9%/proletarisch/lebendig)
15. Lichtenberg (9,77/5,50/+77,6%/proletarisch/kleinbürgerlich)
16. Köpenick (9,60/6,14/+42,8%/bürgerlich/proletarisch)
17. Tempelhof (9,47/ 5,82/+62,7%/kleinbürgerlich/bürgerlich)
18. Weißensee (9,41/5,50/+71,1%/bürgerlich)
19. Reinickendorf (8,97/ 5,76/+55,7%/kleinbürgerlich/bürgerlich)
20. Spandau (8,38/5,43/+54,3%/kleinbürgerlich/lebendig)
21. Hohenschönhausen (8,35/5,96/+40,1%/proletarisch/gemischt)
22. Hellersdorf (8,11/5,30)/+53,0%/proletarisch/gemischt)
23. Marzahn (7,77/4,85/+60,2%/proletarisch/gemischt)

* Neukölln-Nord (11,87/ 5,08/+133,7%/alternativ/proletarisch)
Neukölln-Süd (8,84/ 5,41/+63,4%/kleinbürgerlich/proletarisch)

Top 30 der Postleitzahlbezirke nach Höhe der Angebotskaltmiete pro qm 2018 (2008)

1. 10117 Unter den Linden (Mitte) (15,93/12,60/+26,4%)
2. 10785 Potsdamer Platz / Lützowstr. (Tiergarten) (15,73/7,80/+101,7%)
3. 10179 Jannowitzbrücke (Mitte) (15,48/7,40/+109,2%)
4. 10963 Kreuzberg-West / Möckernbrücke (15,26 /6,70/+127,8%)
5. 10557 Moabit Südost / Hauptbahnhof / Bellevue (Tiergarten) (15,00/6,50/+130,7%)
6. 10178 Hackescher Markt/ Alexanderplatz (Mitte) (15,00/10,30/+45,6%)
7. 10115 Chausseestraße (Mitte) (14,75/8,40/+75,6%)
8. 10119 Rosenthaler Platz (Mitte) (14,49/9,00/+61,0%)
9. 10435 Kollwitzplatz (Prenzlauer Berg) (14,28/8,60 /+66,0%)
10. 10719 Ludwigkirchplatz/ Kurfürstendamm (Wilmersdorf) (14,00/9,70/+44,3 %)
11. 10629 Sybelstraße/ Kurfürstendamm (Charlottenburg) (13,77/9,00/+53,0%)
12. 10245 Ostkreuz / Boxhagener Platz (Friedrichshain) (13,50/6,80/+98,5%)
13. 10243 Ostbahnhof (Friedrichshain) (13,41/6,60/+103,2%)
14. 10405 Prenzlauer Allee (Prenzlauer Berg) (13,12/7,80/+68,2%)
15. 10585 Dt. Oper (Charlottenburg) (13,11/6,60/+98,6%)
16. 12047 Maybachufer („Kreuzkölln“)(Neukölln) (13,07/5,50/+156,3%
17. 10999 Görlitzer Park (Kreuzberg) (13,00/6,20/+109,7%)
18. 10437 Helmholtzplatz (Prenzlauer Berg) (13,00/7,70/+68,8%)
19. 14193 Grunewald (Wilmersdorf) (13,00/10,60/+22,6%)
20. 14057 Lietzensee (Wilmersdorf) (12,99/7,60/+70,9%)
21. 10711 Halensee (Wilmersdorf) ( 12,89/7,70/+67,4%)
22. 10777 Viktoria-Luise-Platz (Schöneberg) (12,82/7,60/+68,7%)
23. 10789 Tauentzienstr. / Kurfürstendamm (Wilmersdorf) (12,54/9,10/+37,8%)
24. 10623 Savignyplatz (Charlottenburg) (12,74 /9,00/+41,6%)
25. 10961 Gneisenaustraße (Kreuzberg) (12,86/6,80/+89,1%)
26. 10965 Mehringdamm / Bergmannstraße (Kreuzberg) (12,79/6,30/+103,0%)
27. 10969 Prinzenstraße (Kreuzberg) (12,68/6,00/+111,3%)
28.10967 Graefestraße (Kreuzberg) (12,63/6,30/+100,5%)
29. 10829 Schöneberger Insel / Julius-Leber-Brücke (Schöneb.) (12,60/6,30/+100,0%)
30. 10627 Westliche Kantstr./ Bismarckstr. (Charlottenburg) (12,58/6,60/+90,6%)

Gebiete mit dem stärksten Anstieg der Angebotskaltmieten im Zehnjahreszeitraum

1. 12047 Maybachufer („Kreuzkölln“) (Neukölln) (13,07/5,50/+156,3%)
2. 12053 Rollbergstraße (Neukölln) (12,53/4,90/+155,7%)
3. 12043 Rathaus Neukölln (Neukölln) (12,51/5,00/+150,2%)
4. 12055 Richardplatz (Neukölln) (12,01/5,00/+140,2%)
5. 12045 Sonnenallee Nord (Neukölln) (12,48 /5,20/+140,0%)
6. 12049 Hermannstraße West /Reuterkiez (Neukölln) (12,12/5,10/+137,6%)
7. 13355 Humboldthain/ Brunnenviertel (Wedding) (11,75/5,00/+135,0%)
8. 12051 Hermannstraße Süd (Neukölln) (11,62/5,00/+132,4%)
9. 10557 Moabit Südost / Hauptbahnhof / Bellevue (15,00/6,50/+130,7%)
10. 10963 Kreuzberg-West / Möckernbrücke (Kreuzberg) (15,26/6,70/+127,8%)
11. 12059 Weigandufer (Neukölln) (11,31/5,00/+126,2%)
12. 10553 Beusselstraße (Moabit/Tiergarten) (11,52/ 5,10/+125,9%)
13. 13359 Soldiner Straße (Wedding) (10,41/4,70/+121,5%)
14. 13351 Rehberge (Wedding) (10,82/5,00/+116,4%)
15. 13347 Nauener Platz (Wedding) (11,00/5,10/+115,7%)
16. 10783 Bülowbogen/Bülowstraße (Schöneberg) (11,91/5,60/+112,7%)
17. 12435 Treptower Park (Treptow) (12,08/5,70/+111,9%)
18. 10969 Prinzenstraße (Kreuzberg) (12,68/6,00/+111,3%)
19. 10999 Görlitzer Park (Kreuzberg) (13,00/6,20/+109,7 %)
20. 13357 Gesundbrunnen (Wedding) (10,68/5,10/+109,4%)
21. 10179 Jannowitzbrücke (Mitte) (15,48/7,40/+109,2%)
22. 10559 Stephanstraße (Moabit/Tiergarten) ( 11,01/5,30/+107,8%)
23. 10551 Birkenstraße (Moabit/Tiergarten) (11,10/5,40/+105,6%)
24. 10555 Alt-Moabit-West (Tiergarten) (12,07/5,90/+104,6%)
25. 10243 Ostbahnhof (Friedrichshain) (13,41/6,60/+103,2%)
26. 10965 Mehringdamm / Bergmannstraße (12,79/6,30/+103,0%)
27. 12439 Niederschöneweide (Treptow) (10,32/5,10/+102,4%)
28. 12347 Britz-West (Neukölln) (10,34/5,10/+101,7%)
29. 10785 Potsdamer Platz/ Lützowstr. (Tiergarten) (15,73/7,80/+101,7%)
30. 10967 Graefestraße (Kreuzberg) (12,63/6,30/+100,5%)

justament.de, 11.3.2019: Heiter statt wolkig

„Die Heiterkeit auf ihrem großartigen vierten Album „Was passiert ist“

Thomas Claer

Juristen-Popstars, also erfolgreiche Gesangskünstler mit abgeschlossener juristischer Ausbildung, gibt es keineswegs wie Sand am Meer. Dieter Meier von Yello fällt einem da ein und auch noch der singende Rechtsanwalt Paolo Conte. Aber sonst? Von Juristinnen mit Popstar-Status hatte man bislang sogar noch nie etwas gehört. Doch nun ist alles anders, denn wir haben Stella Sommer, 32, examinierte Juristin, und ihre gefeierte Band „Die Heiterkeit“, mit der sie parallel zu ihrer Juristenausbildung seit 2010 drei vielbeachtete Alben aufgenommen hat. (Hinzu kommt noch ein sogenanntes Soloalbum im vorigen Jahr.)

Dieser Bandname, das muss man wissen, war von Anfang an nicht gerade als programmatisch zu verstehen. Reichlich unterkühlt in jeder Hinsicht präsentierte sich die ursprünglich aus Sankt Peter-Ording in Schleswig-Holstein stammende junge Dame mit den kryptischen Texten und der markanten Stimme (zwischen Nico und Hildegard Knef) auf ihren früheren Veröffentlichungen. Aber jetzt, auf ihrer vierten Platte, muss, wie es der Albumtitel bereits andeutet, etwas passiert sein. Denn eine ganz andere, viel positivere, ja überschwängliche Grundstimmung – vor allem im Vergleich zum etwas zwiespältigen Vorgängeralbum „Pop und Tod I+II“ von 2016 – durchzieht „Was passiert ist“. Die von der Musikpresse einst ausgerufene „Göttin aus Hamburg“, die mittlerweile längst in Berlin lebt, hat sich hier regelrecht neu erfunden. Vor allem gilt das für ihre Texte. Was bei ihr früher zumeist vage, wolkig und unbestimmt klang, ist nun erfreulich zugänglich geworden.

Man könnte auch sagen: Als Textdichterin ist Stella Sommer spürbar gereift. „Zeit ist nur ein Gummiband, das man zwischen Menschen spannt“, heißt es in „Jeder Tag ist ein kleines Jahrhundert“. (Ein wahrlich abgründiger Vers, wenn man es bedenkt.) Und „Das Loch ist bodenlos und frisst sich langsam groß“. Zu erleben sind kraftvolle Texte mit mutigen, unverbrauchten Metaphern. „Die Sterne am Himmel sind ausgelaufen, der Himmel ist jetzt ein Aschehaufen“. Wer so textet, geht voll ins Risiko – und wird am Ende belohnt. Man ahnt es ja, was das lyrische Ich umtreibt. „Ich bin in allem, was du siehst, in den Büchern, die du liest.“ „Es ist nur ein Blick, es ist ein Trick, es geht voran und zurück.“ Und „Ich bin in allem, was du kennst, eine Kerze, die immer brennt.“ Die Eisprinzessin wurde zum Schmelzen gebracht, wirkt befreit und beglückt.

Musikalisch ist dieses – Gott sei Dank nicht wieder so überlange – Album vielschichtig geraten mit Klavier, Bläsern und viel Elektronik. Nur selten wird es etwas rockig. Und leider gibt es gar keine Schrammel-Gitarren mehr, die noch die ersten beiden Heiterkeits-Platten geprägt hatten. Dafür aber viele Chöre, immer haarscharf an der Grenze zum Schlagerkitsch. Doch fällt das alles gar nicht besonders ins Gewicht, denn wir haben ihre Stimme, und wir haben ihre Texte. Auch die Kompositionen sind durchweg beachtlich, es sind kaum schwächere Songs auszumachen. Besonders schön vielleicht: „Wie finden wir uns?“ – eine wahrhaft große, vieldeutige Frage. Und dann heißt es in „Alles sieht groß aus“: „Wir wissen, was zu tun ist, und heben es uns auf“.

Stella Sommer hat auf dieser Platte etwas ganz Eigenständiges geschaffen. Das Urteil lautet: gut (13 Punkte)

Die Heiterkeit
Was passiert ist
Buback 2019

http://dieheiterkeit.de/

www.justament.de, 10.12.2018: 50 Jahre Schlacht am Tegeler Weg

Ein Film- und Diskussionsabend in Berlin-Charlottenburg

Thomas Claer

Landgericht Berlin (Foto: TC)

Gestern im „Haus am Mierendorffplatz“. Der kleine Raum ist rappelvoll. Auf der Leinwand läuft ein Dokumentarfilm aus den Achtzigern. Hier, rund ums nahe gelegene Landgericht Berlin am Tegeler Weg, wurde Rechtsgeschichte geschrieben. Damals, vor fünfzig Jahren, tobte dort die legendäre „Schlacht am Tegeler Weg“. Während im Gericht über die Aberkennung der Anwaltszulassung des damaligen Apo-Anwalts Horst Mahler wegen „Unwürdigkeit“ gestritten wurde (er hatte zuvor an einer Demonstration gegen die Springer-Presse teilgenommen), hatten sich draußen hunderte Studenten und Sympathisanten versammelt und lieferten sich eine wilde Straßenschlacht mit der Polizei. Am Ende standen 130 verletzte Polizisten. Einige der damaligen Demonstrationsteilnehmer sind anwesend, auch die Regisseurin des gezeigten Films. Nur leider fehlt Alt-Aktivist und LinksanwaltHans-Christian Ströbele, mittlerweile 79. Zunächst hatte er seine Teilnahme zugesagt, musste dann aber leider doch aus gesundheitlichen Gründen passen. Bei der letzten Großdemo gegen den Mietenwahnsinn sei er noch dabei gewesen, heißt es.

Überhaupt besteht das Publikum hauptsächlich aus rüstigen Siebzigern, die in der anschließenden munteren Diskussion genüsslich in ihren Erinnerungen schwelgen. Die große Streitfrage ist mal wieder, wie schon im Dokumentarfilm, wie denn der LkW mit den Pflastersteinen, die später von den Demonstranten auf die Polizisten geworfen wurden, durch die Absperrungen der Polizei gelangen konnte. Zwei Theorien habe es damals gegeben: Verfassungsschutz und CIA. Demgegenüber zitiert ein Anwohner die Meinung seiner Nachbarin: In den Straßen seien doch damals überall die Straßenbahnschienen abmontiert und Pflastersteine aus den Straßen in LkWs verladen worden. Nein, widerspricht ein anderer, die besagten Steine seien doch viel größer gewesen, das habe man im Film doch deutlich erkennen können. Und ein Dritter berichtet, dass ein Polizist sogar zugegeben habe, als „agent provocateure“ gehandelt zu haben, doch den lassen wiederum andere nicht als zuverlässigen Zeugen gelten. Nein, diese Frage ist wohl einfach nicht mehr abschließend zu klären…

Eine Anekdote reiht sich an die nächste. Ein Herr im Pullover berichtet, wie er damals in der S-Bahn von Bauarbeitern angespuckt worden sei, die ihn als „Scheiß-Student“ beschimpften. Auch die Straßenbauarbeiter vor Ort hätten wohl übelste Beleidigungen in Richtung der Demonstranten gerufen. 90 Prozent der Zeitungslandschaft war Springer-Presse. Und die habe gehetzt, was das Zeug hielt. Ja, so war das damals. Eine aufregende Zeit sei das gewesen, da sind sich alle einig. Aber wie ist es denn heute? Doch eigentlich fast genauso aufregend! Und nun gehen die Meinungen munter auseinander. Die Gelbwesten in Frankreich? Ganz großartig, finden die einen. Oh nein, echauffieren sich die anderen. Und Rechts und Links lägen manchmal eben doch dicht beieinander, das sähe man doch an Horst Mahler, damals linker Apo-Aktivist, heute wegen mehrfacher Volksverhetzung verurteilter Rechtsextremist. Und in Frankreich stünden Rechte und Linke schon Seite an Seite, in Italien und Griechenland koalierten sie miteinander. Nein, das machen wir nicht mit, protestieren mehrere ältere Damen. Keine Gleichsetzung von Rechts- und Linksradikalismus! Das sei doch ein himmelweiter Unterschied! Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass die Diskussionsfreude der Aktivisten von einst auch nach 50 Jahren noch kaum nachgelassen hat und dass politisches Temperament wohl auch keine Frage von Alt oder Jung ist.

www.justament.de, 15.10.2018: Die elementare Berlin-Platte

Element Of Crime auf „Schafe, Monster und Mäuse“

Thomas Claer

Schon so manches Berlin-Album hat es in der Geschichte der Popmusik gegeben. „Berlin“ von Lou Reed ist vielleicht das berühmteste, von David Bowie gibt es aus den Siebzigern sogar eine „Berlin-Trilogie“. Nun haben also auch Element Of Crime ein solches Konzeptalbum herausgebracht, wenn auch – aus Gründen des für diese Band so typischen Understatements – ohne es entsprechend zu benennen. Doch verbirgt sich hinter dem harmlos klingenden „Schafe, Monster und Mäuse“ vor allem eine überschwängliche Hommage an unsere Hauptstadt: Zehn der zwölf Lieder auf dieser Platte enthalten mehr oder weniger eindeutige textliche Berlin-Bezüge; nur in „Immer noch Liebe in mir“ und „Stein, Schere, Papier“ fehlen solche.

Zwar haben vereinzelt auch schon frühere Songs der Elements explizit in Berlin gespielt, etwa „Jung und schön“ (1999) oder der U-Bahn-Song „Alle vier Minuten“ (2001), doch gleicht das neue Album nun beinahe einer musikalischen Stadtrundfahrt: Von der fröhlichen „Party am Schlesischen Tor“ (unter den Hochbahn-Gleisen!) geht es weiter zum „Prater in Prenzlauer Berg“. Das – wie so oft – liebesleidgequälte lyrische Ich geht bekümmert „den Kurfürstendamm entlang“, trauert still „Im Prinzenbad allein“ und sitzt nachts „in U-Bahn-Zügen, die nirgends halten und trotzdem nicht fahren“. „Der Wald vor deiner Haustür ist nur ein Friedrichshain“, “Auch im Halensee wohnt ein Meer“ und „eingeklemmt und blau“ fühlt man sich „Silvester am Brandenburger Tor“. Im Jahn-Sportpark wird gejoggt, hinterm KaDeWe hält ein LkW und im Grunewald ist Holzauktion. Schließlich liefert das auch von der musikalischen Umsetzung her sehr ansprechende „Nimm dir, was du willst“ eine Art universelle Gebrauchsanweisung für Berlin: „Karneval, FC Union, Ramadan und Hertha BSC“. Da ist für jeden was dabei, und jeder, wie er kann, „Aber nerv mich nicht!“.

Auch ansonsten lässt sich das Album, musikalisch wie textlich, als über weite Strecken sehr gelungen bezeichnen. Trotz einer Rekordlänge von mehr als 55 Minuten Spielzeit enthält es keinen einzigen missglückten Song. Regelrecht opulent ist diesmal die Instrumentierung geraten: Ausgefeilte Streicher- und Bläser-Arrangements kommen zum Einsatz und sorgen für viel Abwechslung im gewohnten Gitarre-Bass-Schlagzeug-Trompeten-Sound. Manche Lieder lassen slawische und/oder bretonische folkloristische Einflüsse erkennen, andere sind eher jazzig, manchmal swingt und groovt es. Als weibliche stimmliche Verstärkung macht Sven Regeners Tochter Alexandra insbesondere in „Karin, Karin“ eine gute Figur. In mehreren Songs werden, was schon recht gewagt ist, aber noch gerade so in Ordnung geht, gemischte Chöre aufgeboten. Fehlten früheren Veröffentlichungen dieser Band oftmals die Überraschungsmomente, haben wir sie diesmal in Hülle und Fülle.

Nur hier und dort gibt es punktuelle Schwächen. So kommt einem mancher Liedanfang schon arg bekannt vor (vor allem „Gewitter“ erinnert sehr an “Alles, was blieb“ von 1999; „Der erste Sonntag nach dem Weltuntergang“ ist weitgehend abgekupfert vom zweiten Track des fünf Jahre alten Soundtracks von „Haialarm am Müggelsee“; „Bevor ich dich traf“ hat frappierende Ähnlichkeit mit „Die letzte U-Bahn geht später“ von 2005), während „Immer noch Liebe in mir“, das treue EoC-Fans bereits von der zwei Jahre alten Vinyl-EP „Wenn der Wolf schläft“ kennen, mit seinem Rumtata-Rhythmus fast schon karnevalskompatibel ist. Doch reißt der jeweils ausgezeichnete Text am Ende stets alles wieder raus: „Gewitter“ vermittelt düstere Endzeit-Visionen („Und ein heißer Wind verweht, die Jahre, die ihr kennt“), und „Immer noch Liebe in mir“ knüpft inhaltlich an das seinerseits schon recht delikate „Alten Resten eine Chance“ von 1993 an. Auch im sehr melancholischen Titelstück (und diese Platte enthält selbst für EoC-Verhältnisse besonders viele melancholische Stücke) und im etwas kinderliedhaften „Karin, Karin“ verhindert nicht zuletzt die kraftvolle Songlyrik ein Abgleiten ins Sentimentale. Überhaupt werden Sven Regeners Songtexte im Laufe der Jahre wirklich immer, immer besser. Im bewährten dialektischen Drei-Strophen-Muster zumeist auf eine verblüffende oder versöhnliche Schlusspointe zusteuernd, erweist er sich als ungekrönter König des Binnenreims. Insbesondere für das äußerst hintergründige „Stein, Schere, Papier“ sollte man ihm auf der Stelle einen Lyrikpreis verleihen; wobei dieses Lied auch musikalisch zu den stärksten des Albums gehört. Ähnliches lässt sich über „Karin, Karin“ sagen, das im Refrain ganz nebenbei einen alten DDR-Propaganda-Song persifliert. Und dann „Ein Brot und eine Tüte“ – der Song über die Berliner Schimpfkultur…

Kurz gesagt: Diese Platte kann einen über eine Menge hinwegtrösten, besonders „Wenn es dunkel und kalt wird in Berlin“. Das Urteil lautet: gut (14 Punkte).

Element Of Crime
Schafe, Monster und Mäuse
Vertigo Berlin (Universal Music)
ASIN: B07G1XK97T

www.justament.de, 17.9.2018: Sommerhaus, 20 Jahre später

Justament-Autor Thomas Claer erinnert sich an Judith Hermanns gefeierten Erstling

Herbst 1998. Dieser kleine Erzählungsband einer gerade erst 28-jährigen Debütantin schlug ein wie eine Bombe. Ein seltsam verzückter Marcel Reich-Ranicki bekannte im Literarischen Quartett: „Ob das ein gutes, ein sehr gutes Buch ist, ich weiß es nicht. Aber ich weiß etwas anderes: dass wir eine neue Autorin bekommen haben und eine hervorragende Autorin. Nicht alle diese Geschichten sind gut, gewiss, aber es sind etwa vier, fünf, die mir ungewöhnlich scheinen… Der zentrale Satz dieses Buches lautet, und dieser Satz hat mich verblüfft, er scheint mir ungeheuerlich. Ich habe diesen Satz so noch nicht gelesen: ‚Glück ist immer der Moment davor.‘ Ein ganz erstaunlicher Satz. Und davon erzählen diese Geschichten…“ Sein Kollege Hellmuth Karasek glaubte, den „Sound einer neuen Generation“ zu hören und erkannte „neue Landschaften in der Literatur, neue Realitäten, auf die wir gewartet haben, und die es so dargestellt noch nicht gegeben hat.“ Nur Frau Löffler hatte wie üblich etwas zu bekritteln („Ein sehr eng umschriebenes Milieu, ein überschaubares Ambiente“).

Tags darauf kaufte ich mir das Buch in der Bielefelder Universitätsbuchhandlung und begann sofort zu lesen. Es war ganz nach meinem Geschmack. Die Geschichten spielten in einer Welt, die mir fremd war, aber gerade dadurch eine große Anziehungskraft auf mich ausübte. Waren wir damals eigentlich schon auf dem Sprung nach Berlin? Jedenfalls hat wohl auch dieses Buch dazu beigetragen, vier Jahre später endlich diesen Schritt zu wagen. Eine tiefe Melancholie durchzieht diese Erzählungen; ihr besonderer Zauber liegt in der sprachlichen Verknappung und den vielfältigen zarten Andeutungen. Nun ist es eine Binsenweisheit, dass jeder Leser eines Buches jeweils ein anderes Buch liest. Doch diese Geschichten mit ihren vielen Leerstellen fordern die Phantasie des Lesers auf besondere Weise heraus. Die Tragik dieser Autorin liegt darin, dass sie in ihren späteren Veröffentlichungen niemals wieder auch nur annähernd dieses hohe erzählerische Niveau erreichen konnte. (So ist das, wenn eine junge, hoffnungsvolle Autorin durch die Verwertungsmühlen des Literaturbetriebs gedreht wird.) Doch ändert dies – auch im Rückblick nach zwei Jahrzehnten – nichts am einzigartigen Rang von „Sommerhaus, später“.

Es versteht sich von selbst, dass man bei erneuter Lektüre mit großem zeitlichen Abstand wiederum ein anderes Buch liest. Besonders aufgefallen ist mir erst jetzt die – eigentlich sehr traditionelle – Immobilien-Metaphorik, vor allem in der Titelgeschichte. „Riesig und fremd und schön“ wirken die Häuser in der Frankfurter Allee auf die Ich-Erzählerin. Sie hat den Blick der jungen West-Berliner jener Zeit, denen sich neben ihrer alten Stadt plötzlich und unerwartet eine andere, neue geöffnet hat, die es zu entdecken gilt. Der junge, schöne (aus dem Osten stammende!) Taxifahrer, der die Ich-Erzählerin immer wieder durch die Frankfurter Allee kutschiert, während sie Massive Attack hören, versucht einiges, um ihre Liebe zu gewinnen. In ihrer freizügigen Künstler-Clique fühlt er sich nie so richtig wohl. Obwohl es hinsichtlich ihrer Freundinnen heißt: „Er vögelte sie alle“, ist es am Ende doch nur die Ich-Erzählerin, die ihm etwas bedeutet. Schließlich geht er aufs Ganze und kauft – nur für sie! – ein verfallenes Sommerhaus in Brandenburg, um ihr darin gewissermaßen ein Nest zu bauen. Kaufpreis: 80.000 Mark. („Woher hast du 80.000 Mark??“ „Du stellst die falschen Fragen.“) Sie muss nur noch einziehen. Aber ihr geht das zu schnell. Monatelang lässt sie alle seine Postkarten unbeantwortet; wenn aber mal einen Tag keine kommt, ist sie enttäuscht. „Später“, denkt sie. Am Ende hat sie zu hoch gepokert, und die Katastrophe nimmt ihren Lauf. Oder liegt gerade hierin der ultimative Liebesbeweis?

Ebenfalls um ein Sommerhaus geht es in der Erzählung „Diesseits der Oder“, die mir schon damals besonders gefallen hat. Ein 47-jähriger Berliner Drehbuchautor verbringt die warme Jahreszeit mit Frau und kleinem Kind im Oderbruch. „Alles Schwachsinn. Er reibt sich die Augen und fühlt sich müde. Die Zeiten, in denen er jedermann: ‚Was denkst du?‘ und ‚Was machst du?‘ gefragt hat, sind vorbei. Koberling kann sich nicht vorstellen, diese Fragen überhaupt je gestellt zu haben. Widerliche, fast peinvolle Erinnerung an nächtelanges Kneipenhocken, an Idealaustausch, Illusionszertrümmerung, emporgezüchtete Gemeinschaftlichkeit. Verlogen alles, denkt Koberling.“ Und: „Liegenbleiben. Einfach liegenbleiben, im Erschöpfungszustand, in der Schaukel zwischen Wachen und Träumen. Niemals hat er sich am Morgen, nach achtstündigem Schlaf, erfrischt und ausgeruht gefühlt. Immer erschöpft. Früher, in den Nächten in seiner Einzimmerwohnung, Berlin und Winter, war er eingeschlafen mit einem Grauen vor all den Tagen, Monaten, Jahren, die da noch auf ihn warteten. Eine Zeit. Eine Zeit, die ausgefüllt, besiegt, zunichte gemacht werden musste. Dann kam Constanze…“ Einen solch tiefen Blick eines so jungen schreibenden Menschen in die Seele seiner literarischen Figuren gab es wohl zuletzt 1901, als Thomas Mann 25-jährig die „Buddenbrooks“ verfasste…

Die vielleicht verstörendste Geschichte in „Sommerhaus, später“ ist „Sonja“. Beim erneuten Lesen konnte ich mich kaum noch an irgendwelche Einzelheiten der Handlung erinnern, und schon gar nicht an das Ende, dafür aber sehr genau an die Atmosphäre: Berlin der Nachwendezeit, verfallene Häuser, riesige Altbauwohnungen mit Kohleofenheizungen, Partys mit Tom Waits-Beschallung und absonderlichen Gesprächen unter absonderlichen Menschen. Ein Künstler, dessen Leben anfangs in ruhigen Bahnen verläuft, trifft auf eine kleine exzentrische junge Dame, die sich beharrlich in sein Leben drängt und ihn schließlich emotional von sich abhängig macht…

Und schließlich spielt noch eine der Geschichten weit weg von Berlin, auf einer Karibikinsel, wo zwei Freundinnen zusammensitzen. „Das Spiel heißt ‚Sich-so-ein-Leben-vorstellen‘, es hat keine Regeln. Man kann es spielen, wenn man auf der Insel abends bei Brenton sitzt, man sollte zwei, drei Zigaretten rauchen und Rum-Cola trinken…“ Von diesen kleinen, feinen, so sehr dem damaligen Zeitgeist verhafteten und dennoch ganz zeitlosen Erzählungen kann man sich immer wieder aufs Neue bezaubern lassen.

Judith Hermann
Sommerhaus, später
Fischer Taschenbuchverlag
192 Seiten; 12,00 Euro
ISBN: 978-3-596-14770-0

www.justament.de, 13.8.2018: Neues von EoC!

Anfang Oktober hat das Warten ein Ende

Thomas Claer

Das mittlerweile vierzehnte Studioalbum unserer Lieblingsband – und dies im dreiunddreißigsten Jahr ihres Bestehens – ist angekündigt für den 5.10.2018. Auch der Titel steht schon fest: „Schafe, Monster und Mäuse“ – was immer das zu bedeuten hat. Einen Vorgeschmack darauf gibt es bereits mit dem Song „Am ersten Sonntag nach dem Weltuntergang“, der sich hier anhören lässt. Noch dazu ist schon seit Längerem ein weiteres Lied von der kommenden Platte in der Welt. Es heißt „Wenn es dunkel und kalt wird in Berlin“ und wurde von der Band bereits des Öfteren live gespielt, zum Beispiel hier.

Dann also mal frisch auf YouTube geklickt und die neuen Songs getestet. Nun ja, der erste Eindruck vom „Ersten Sonntag nach dem Weltuntergang“ ist nicht unbedingt der beste. Irgendwie etwas lahm das Ganze, musikalisch eher uninspiriert. Beim zweiten Hören sollte man vielleicht auch mal genauer auf den Text achten. Und siehe da! Plötzlich gefällt es einem dann doch, und mit jedem weiteren Mal noch ein wenig besser. „Weltuntergang“ ist zweifellos ein großes Wort, das derzeit angesichts der deprimierenden politischen Weltlage in vielen Köpfen herumspuken dürfte. Doch machen wir uns nichts vor: Die wahren Weltuntergänge in unserem Leben sind die kleinen und größeren zwischenmenschlichen Katastrophen, vor allem aber die sich immer wieder einstellenden Enttäuschungen in der Liebe. Und genau darum geht es im „Ersten Sonntag“: „Grausam ist der Haifisch/ Und grausam warst auch du“. Passenderweise legt dann auch „der Regen noch einen Zahn zu“ und überflutet den Weg hinter dem S-Bahn-Übergang. Ja, so ist das: „Treulos ist die Sonne/ Und treulos warst auch du“. Das immer neue alte Lied. Solche als apokalyptisch empfundenen Unglücke trotz allem mit Haltung und Würde zu ertragen, davon handeln viele Songtexte der Elements. Was tut man also als lyrisches Ich in solch einer verzweifelten Lage? Man geht „noch einmal den Kurfürstendamm entlang“ und reflektiert: „Schön war das Leben,/ Schlecht war die Welt./ Gut war die Liebe,/ Böse das Geld… Doch heute ist es genau umgekehrt.“ Es geht doch nichts über eine solch vortreffliche Alltagslyrik! Haben wir eigentlich derzeit bessere Lyriker als Sven Regener? Mir jedenfalls fällt keiner ein.

Sogar noch gelungener, vor allem musikalisch, ist „Wenn es dunkel und kalt wird in Berlin“. Und auch dieser Text ist eine dichterische Glanzleistung. Er handelt von Gummibärchen („Da gibt’s die gelben und die roten,/ Das sind alles Vollidioten“), Glühweintrinken (Da geht immer viel daneben / So wie überall im Leben“) und Smog („Wo die Luft am schlimmsten ist/ Ist das Atmen intensiver und das Husten attraktiver“). Nur um schließlich doch noch zum Punkt zu kommen, zum komplizierten Verhältnis zwischen lyrischem Ich und lyrischem Du nämlich, und einen zwar desillusionierenden, aber doch nicht ganz hoffnungslosen Ausblick zu geben… Das vorläufige Urteil lautet: vielversprechend.