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justament.de, 14.9.2020: Kritik der Kollateralschäden

Maike Rosa Vogel auf ihrer sechsten CD “Eine Wirklichkeit”

Thomas Claer

Leidenschaftlich, kraftvoll und energisch sind die Frauen des Jahrgangs 1978, geboren im Jahr des Pferdes nach dem chinesischen Horoskop. So wie Franziska Giffey oder Charlotte Roche – oder wie Maike Rosa Vogel, deren mittlerweile sechste CD wir gerade glücklich in den Händen halten. Und alles, was diese wort- und klanggewaltige Liedermacherin aus Prenzlauer Berg ausmacht, findet sich in der gewohnten Fülle auch auf diesem Tonträger. Zwar ist sie, man muss es immer wieder betonen, eigentlich am besten, wenn sie nur mit ihrer Gitarre bewaffnet auf der Bühne steht, weshalb ihr neues, aufwendig instrumentiertes Album mit Auftritten mehrerer Gastmusiker streckenweise ein wenig überproduziert wirkt. Und doch ist ihr manches, und gar nicht so weniges, auf “Eine Wirklichkeit” sogar auf besondere Weise gelungen. So enthält diese Platte selbst nach ihren Maßstäben eine ungewöhnliche Vielzahl herausragender Songs: das feurige Liebeslied “Nie genug”; das melancholisch-tiefsinnige “Die gleichen Stümper”; das dank Sven Regeners Jazz-Trompete und auch sonst bemerkenswert groovende “Baby & Johnny” (noch dazu mit einem so anrührenden Text!); das ein – für ihre Verhältnisse – erstaunlich realistisches Menschenbild textlich und musikalisch umsetzende “Der allerletzte Grund” (es geht um die Schönheit des Angebeteten, die von außen und die von innen, wobei diese natürlich ganz maßgeblich im Auge der Betrachterin liegt…) und – nicht zu vergessen – “Einfach so”, das heitere Duett mit dem Kollegen Felix Meyer, das einen schon ziemlich an das Lied “Herz ist Trumpf” von Achim Reichel erinnert, was aber keineswegs ein Einwand sein soll. So wie auch der Refrain im Lied “Heimat” schwer nach “Watt?” von Torfrock klingt, was aber ebenfalls nicht schlimm ist…

Doch nun zum stärksten Song des Albums, der schon zwei Jahre alt ist und auf dieser Platte in einer (musikalisch) anderen Version erscheint als auf YouTube: “Unser Geld ist wichtiger als ihr”. Ein rigoroser und kompromissloser antikapitalistischer Protestsong, wie er im Buche steht! Er richtet sich mit aller Wucht gegen “die Autoindustrie” und “die Vermieter”. In (selbst-)gerechtem Zorn klagt das lyrische Ich über letztere wie folgt:

“In Deutschland nehmen Menschen
Mieten von den anderen Menschen,
Die nicht die Sorge haben, sich zu überlegen,
Wie sie ihr Erbe investieren in Immobilien in Berlin
Denn bei der Bank gibt es gerade viel zu wenig Zinsen.
Und damit die mit so viel Geld überhaupt noch was verdienen,
Zahlen andere die immer höheren Mieten.
Selber kaufen können sie nichts,
Denn aus kapitalistischer Sicht
Bist du frei genug zum Miete zahlen,
Aber gehören tut dir dadurch nichts.
Und immer dann, wenn einer etwas kann,
Was andere nie können,
Nur weil er Geld hat
Und er hat es nicht verdient.
Ist das ein Fuckyou an die Menschheit,
Jeden einzelnen von uns,
Das sagt: unser Geld ist wichtiger als wir.

Und immer dann, wenn einer nimmt von Menschen, die kaum etwas haben,
Damit der große Haufen Geld von ihm noch etwas größer wird,
Ist das ein Fuckyou an die Kinder dieser Menschen,
Das sagt: Unser Geld ist wichtiger als ihr.”

So sieht es aus Mieterperspektive also aus, ein Schlag voll in die Fresse der Kleinvermieter. Und damit hat das erzählende Ich in diesem Song zweifellos (s)eine subjektive Wahrheit ausgesprochen – und das in meisterhafter Zuspitzung. Aber… Eigentlich könnte und müsste man eine längere Abhandlung, ja einen ganzen Roman über die Einseitigkeit und himmelschreiende Ungerechtigkeit dieser Haltung schreiben! Hier nur so viel in aller Kürze: Wirklich abenteuerlich wäre es, Berliner Vermietern maßlose Gier und Gewinnstreben vorzuwerfen, wenn sie mit den Wohnungen, in die sie investiert haben, Renditen von weit weniger als drei Prozent einfahren (was heute die Regel ist), während das Vermieten auch noch mit einem erheblichen Kraft- und Zeitaufwand verbunden ist, insbesondere was die oft äußerst mühsame Organisation von Reparaturen und Renovierungen betrifft. (Jene Vermieter hingegen, die heute Renditen zwischen vier und sechs Prozent erzielen, haben ihre Berliner Wohnungen bereits in Zeiten gekauft, als noch ein signifikantes Leerstandsrisiko bestand. Sie sind also ein unternehmerisches Risiko eingegangen und werden dafür nun belohnt; es hätte für sie aber auch schiefgehen können…) Und wer sich das Vermieten bei so begrenztem Anreiz nicht mehr antun möchte, kann seine Wohnungen doch jederzeit auch an Selbstnutzer verkaufen und sie somit dem Mietmarkt entziehen, was die Wohnungsnot weiter vergrößern würde. Es wäre also völlig verfehlt, kleinen Vermietern die Schuld an der Wohnungsmisere zuzuschreiben. Man sollte ihnen eher Anerkennung zollen, dass sie die Mühen (und oftmals auch den Ärger!) des Vermietens weiter auf sich nehmen. Wer wirklich viel Geld hat, würde seine Wohnungen doch niemals vermieten (bei im Verhältnis zu den eingesetzten Mitteln so überschaubaren Erträgen), sondern sie nur als Geldparkplatz behalten und leer stehen lassen bzw. vielleicht einmal im Jahr ein paar Tage darin verbringen.

Aber das lyrische Ich wälzt ja auch keineswegs alle Schuld auf die einzelnen Vermieter ab, sondern beschreibt sehr zutreffend den Anlagenotstand aufgrund der Niedrigzinspolitik der Zentralbanken. Trifft dann also EZB, Fed & Co., diese Erfüllungsgehilfen des Finanzkapitals, die Hauptschuld? Wer das glaubt, sollte sich vor Augen halten, dass die entschlossene Niedrigzinspolitik der Notenbanken als Reaktion auf die Finanzkrise 2008f. und aktuell als Reaktion auf den Corona-Lockdown entscheidend dazu beigetragen hat, eine Weltwirtschaftskrise zu verhindern, wie wir sie vor knapp einem Jahrhundert erlebt haben, die Millionen von Menschen in den wirtschaftlichen Ruin getrieben hat und den Zweiten Weltkrieg mit seinen vielen Millionen Toten mit herbeigeführt hat. Nur weil die Zentralbanken – geleitet von fachwissenschaftlichem Sachverstand – diesmal die angemessenen Lehren aus der Geschichte gezogen und die Geldmenge erhöht statt wie damals gedrosselt haben, sind uns Massenarbeitslosigkeit, Not und Elend erspart geblieben. Allerdings führt eine solche jahrelange Politik des billigen Geldes zwangsläufig zu einer Inflation der Vermögenspreise, lässt also den Wert von Immobilien und Aktien (sofern es grundsätzlich eine Nachfrage für sie gibt) bedeutend steigen, was “Kollateralschäden” wie den im Lied beschriebenen (“immer höhere Mieten”) mit sich bringt.

Natürlich ist es legitim und sogar außerordentlich verdienstvoll, dies anzuprangern, da hier ein politisches Gegensteuern nötig ist, das allerdings zielführend und intelligent sein sollte, was eine gesetzliche Deckelung der Miethöhe ganz sicher nicht ist, da sie Anreize zum Investieren abwürgt und die Wohnungsnot dadurch nur verschlimmert… Und noch dazu erscheint das aktuelle Mietniveau in Berlin – trotz der rasanten Anstiege der letzten Jahre – sowohl im nationalen als auch im internationalen Vergleich noch als äußerst moderat. (Wir reden über die Hauptstadt der viertgrößten Volkswirtschaft der Welt und die fünftgrößte Stadt Europas!) Und niemand sollte die Augen davor verschließen, was die Bewirtschaftung einer Immobilie auf lange Sicht kostet und wie wenig von den Einnahmen der Vermieter als deren Gewinn übrig bleibt. Das Problem in Berlin sind jedenfalls eher die ungewöhnlich niedrigen Löhne als die angeblich zu hohen Mieten!

Ist dann also letzten Endes doch wieder “der Kapitalismus” schuld mit seiner perversen Logik der Gewinnmaximierung, die alle Beteiligten nur zu Getriebenen macht? So suggerieren es ja die beiden letzten zitierten Strophen des Songs. Und auch hier kann man nur sagen: Die Kritik dieser Kollateralschäden des Kapitalismus – wer Geld hat, kann etwas, was andere nicht können – ist aller Ehren wert. Aber wäre es ohne Kapitalismus wirklich besser? Wenn nicht das Portemonnaie, sondern eine Partei bestimmt, wer etwas darf und wer nicht und wer eine Wohnung bekommt und wer nicht? Denn die Wohnungsnot wäre ja auch nach einer Abschaffung des Kapitalismus keineswegs beseitigt, solange die Nachfrage nach Wohnungen in bestimmten Lagen das bestehende Angebot bedeutend überschreitet… Bis vor dreißig Jahren hat man westlichen Kapitalismuskritikern immer gesagt: “Geh doch nach drüben!” Bis sich die Grenzen öffneten und die Menschen mit den Füßen abgestimmt haben, in umgekehrter Richtung. Heutigen Kapitalismus-Kritikern könnte man stattdessen sagen: “Geh doch ins rot-rot grüne Mietendeckel-Berlin und versuch dort mal, eine Wohnung zu finden!” Nur dass diesmal ironischerweise die Abstimmung mit den Füßen genau in diese Richtung erfolgt. Alle wollen nach Berlin, obwohl es so schwer ist, dort eine Wohnung zu finden…

Aber nun habe ich doch wieder so viel geschrieben, was ich eigentlich gar nicht wollte. Es ist einfach so aus mir herausgebrochen… Doch was kann man Besseres über den Song einer Liedermacherin sagen, als dass er profunde Denkanstöße gibt und zu tiefschürfenden Diskussionen und ausschweifenden Betrachtungen einlädt. Ein paar schwächere Stücke sind auch noch auf dem Album, aber die fallen nicht weiter ins Gewicht. Einen Extrapunkt gibt es für das prachtvoll gestaltete Booklet mit z.T. atemberaubenden Fotos aus Maikes wilder Jugendzeit. Das Gesamturteil lautet: gut (13 Punkte).

Maike Rosa Vogel
Eine Wirklichkeit
Eigenvertrieb 2020
www.maikerosavogel.com

justament.de, 20.7.2020: Systemkrieger mit Instrumenten

Scheiben vor Gericht Spezial: 50 Jahre Ton Steine Scherben

Thomas Claer

Die Geburtsstunde der deutschsprachigen Rockmusik war nicht „Alles klar auf der Andrea Doria“ von Udo Lindenberg. Schon drei Jahre zuvor, im Sommer 1970, vor genau einem halben Jahrhundert, brachten ein paar Westberliner Theatermusiker eine Single heraus mit dem parolenhaften Titel: „Macht kaputt, was euch kaputtmacht!“ Sie nannten sich Ton Steine Scherben – und ihr Name war Programm. Umstritten ist bis heute, ob der seltsame Bandname auf ein Schliemann-Zitat bei der Entdeckung Trojas („Was ich fand, waren Ton, Steine, Scherben.“) oder auf die westdeutsche Industriegewerkschaft Bau-Steine-Erden zurückgeht. Gemeint war jedenfalls, und so wurde es auch von allen verstanden: Unsere Töne sind wie geworfene Steine aufs verhasste System, das bald in Scherben liegen wird. Das war keine Unterhaltungsmusik, sondern politischer Kampf mit den Mitteln der Kunst. Bald wurden Ton Steine Scherben mit ihrer ein Jahr später erschienenen Debüt-LP „Warum geht es mir so dreckig?“ und dem Folgewerk „Keine Macht für niemand!“ zum populären Sprachrohr der Kreuzberger linksalternativen Szene. In erster Linie lag das natürlich an ihrer unglaublich guten, eruptiven, explosiven Musik und ihren brachial herausgebrüllten Texten, in denen sich ihr Publikum wiedererkannte: die (relativ) wenigen Hausbesetzer und Schwarzfahrer, Sachbeschädiger und Polizistenverprügler und die vielen, die damit irgendwie sympathisierten. Als Jurist ist man allerdings einigermaßen fassungslos darüber, was sie da in ihren Texten alles propagiert haben. Klar, dass ihnen das damals keine Plattenfirma abnehmen wollte. Also gründeten die Musiker kurzerhand ihr eigenes Label: die David Volksmund Produktion – und wurden so auch noch zu Gründungsvätern der deutschen Independent-Musik.
Natürlich stellt sich auch hier die Frage, ob man angesichts der künstlerischen und kulturhistorischen Bedeutung der „Scherben“ über die textlichen Entgleisungen in ihrem Frühwerk – etwa dass „Bullen die Köppe eingeschlagen” werden sollen, wie es im Rauch-Haus-Song heißt – hinwegsehen kann. Nun gut, das haben zornige junge Männer mit Anfang zwanzig getextet… Aber müsste man dann nicht auch den Bösen Onkelz ihre Jugendsünden wie das ähnlich wütend herausgebrüllte unsägliche Lied „Türken raus!“ durchgehen lassen (von dem sie sich noch dazu später wiederholt distanziert haben)? Doch wie weit tragen schon moralistische Einwände in der Kunst? Andererseits: Darf die Kunst alles legitimieren? Verdienen pseudorevolutionäre Gewaltphantasien mehr Nachsicht als völkische Ressentiments? All das ist schwer zu sagen. Sicher ist nur: Vor 50 Jahren entstand in Berlin-Kreuzberg die erste Rockmusik in deutscher Sprache aus dem Geiste einer empörten Gegenkultur.

Ton Steine Scherben
Warum geht es mir so dreckig?
David Volksmund Produktion 1971

Ton Steine Scherben
Keine Macht für niemand!
David Volksmund Produktion 1972

justament.de, 13.7.2020: Fernbeziehung fällt ins Wasser

Fernbeziehung fällt ins Wasser

Recht cineastisch, Teil 37: „Undine“ von Christian Petzold

Thomas Claer

Endlich mal wieder ins Kino nach der langen Corona-Pause. Da kommt „Undine“, das neue Werk von Christian Petzold, doch gerade richtig. Denn diesmal hat sich der Altmeister der „Berliner Schule“ einem besonders reizvollen Gegenstand gewidmet: dem alteuropäischen Undinen-Mythos, wonach jene Wassernymphen, deren bezaubernder Gesang mitunter nachts über unseren Gewässern zu hören sein soll, eine Seele bekommen, wenn sie sich mit einem Menschen vermählen. Wird derjenige seiner Undine jedoch untreu, dann tötet sie ihn und kehrt sodann wieder ins Wasser zurück.
Die Film-Undine (Paula Beer) allerdings lebt zunächst einmal im Hier und Jetzt, genau genommen am Hackeschen Markt in Berlin-Mitte in einem winzigen Mikro-Apartment. Als junge Freelancerin arbeitet die promovierte Historikerin in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen und macht Führungen für Reisegruppen zum Thema Stadtgeschichte. Der Industrietauscher Christoph (Franz Rogowski) hört Undines Vortrag und ist gleich hin und weg von ihr. Dass Undine gerade von ihrem Mann (Jacob Matschenz) verlassen worden ist, macht sie besonders empfänglich für Christophs Verliebtheit, und die beiden erleben wie im Rausch eine beglückend intensive Zeit, der auch die unvermeidliche Pendelei – Christoph lebt und arbeitet in NRW – nichts anhaben kann. Dramatische Abschiede auf Bahnsteigen, das fortwährende Warten aufeinander, ein kleines Geschenk als Liebespfand – das volle Programm einer romantischen Fernbeziehung. Aber dann kommt es knüppeldick: Undine wird von ihrem Ex umgarnt, der sie zu sich zurückholen will, Christoph bemerkt das und verunglückt bald darauf beim Tauchen. Aber Undine opfert sich für ihn, der bereits hirntot im Krankenhaus liegt, indem sie den Mythos wahr macht, ihren nur vorübergehend reumütigen verräterischen Ex erwürgt und anschließend für immer in einen See abtaucht. In diesem Moment wird Christoph wundersamer Weise wieder gesund. Später beginnt er, da er Undine nicht mehr finden kann, eine Partnerschaft mit seiner Kollegin Monika (Maryam Zaree), die zwei Jahre später ein Kind von ihm erwartet. Dennoch bleibt er weiter besessen von Undine, die ihm unversehens bei einem Taucheinsatz unter Wasser begegnet und seine Hand ergreift. Fortan zieht es ihn immer wieder zu diesem See, an dem Undine ihm auch weiterhin als Wassergeist erscheint. Und so behält Christoph am Ende gleich zwei Partnerinnen: aus Fleisch und Blut an seiner Seite die eine, ein irreales Fabelwesen unter Wasser die andere. Und wieder einmal ist Christian Petzold ein ergreifender Film voller schöner Bilder gelungen.

Undine
Deutschland/Frankreich 2020
Regie: Christian Petzold
Drehbuch: Christian Petzold
Länge: 90 min
FSK: 12
Darsteller: Paula Beer (Undine Wibeau), Franz Rogowski (Christoph), (Monika), Jacob Matschenz (Johannes) u.v.a.

justament.de, 1.6.2020: Die Rache der Wilmersdorfer Witwen

Tiergarten macht den größten Sprung, Szenekieze rutschen ab, aber Gentrifizierung 2.0 in Geheimtipp-Lagen: Überraschendes und Erwartbares im neuen Wohnmarktreport Berlin

Thomas Claer

Da haben Berlin Hyp und CBRE mal wieder ganze Arbeit geleistet, denn unter all den Mietmarkt- und Immobilienmarkt-Erhebungen über das Wohnen in unserer Hauptstadt nimmt der inzwischen schon traditionsreiche „Wohnmarktreport Berlin“ eine Sonderstellung ein. Nirgendwo sonst lässt sich ein so immenses – frei zugängliches – Zahlenwerk finden, das von den Angebots-Mietpreisen des zurückliegenden Jahres über die durchschnittlichen Wohnungsgrößen bis hin zum mittleren Einkommen pro Haushalt reicht – und all das für jeden der 190 Postleitzahlbezirke dieser Stadt! Auch in diesem Jahr gräbt man sich als thematisch affiner Leser also gespannt durch die 168 Seiten, auf denen es wie immer eine Menge zu entdecken gibt.

Und zunächst einmal ist festzustellen: Die Zeiten rasant steigender Mieten sind wohl erst einmal vorbei. Mietpreisbremse und Berliner Mietendeckel haben ihre Wirkung nicht verfehlt – wenn auch in mancher Hinsicht anders als von ihren Urhebern beabsichtigt. Das Angebot an Bestandswohnungen der Baujahre vor 2014 dünnt aus. Der Mietmarkt verlagert sich offenbar zunehmend in rechtliche Grauzonen, oder die Eigentümer sind es leid und verkaufen an Selbstnutzer. Deren Nachfrage nimmt, wie die anhaltend steigenden Kaufpreise beweisen, weiter zu, was auch daran liegen könnte, dass Wohnungssuchende, die es sich leisten können, regelrecht zum Kaufen gezwungen werden, denn zum Mieten fehlt es infolge der öffentlichen Regulierungen schlicht an Angeboten. Kurzum, für Wohnungssuchende wird es künftig wohl eher noch schwieriger werden…

So ist zwar aus den genannten Gründen bei den gemessenen Mietpreisen von einem reichlich verzerrten Bild auszugehen. Und dennoch fehlt es den neuesten Erhebungen nicht an Aussagekraft, zeigen sie doch einige bemerkenswerte Trends auf: Der Mythos der Szenekieze scheint langsam zu verblassen. Während sich Friedrichshain und Prenzlauer Berg noch halbwegs halten können, geht es mit Nord-Neukölln und insbesondere Kreuzberg – nach jahrelangen rasanten Mietanstiegen – im Stadtteil-Ranking (siehe unten) doch signifikant bergab. Dafür erlebt der gutbürgerliche (zentrale) Westen eine Renaissance. Wilmersdorf springt von Platz 6 auf Platz 4, Tiergarten sogar von Platz 5 auf Platz 2 (den noch vor einem Jahr Kreuzberg innehatte, das nun aber bis auf Platz 6 durchgereicht wird). Einzig der fulminante Aufwärtstrend im neu-alternativen Bezirk Wedding, der jetzt nur noch knapp hinter dem großbürgerlichen Zehlendorf liegt, ist voll intakt.

Charlottenburg verharrt gut behauptet auf Platz 7 in Lauerstellung, profitiert dabei aber auch von einem neuartigen Trend in seinem Nordosten: Die noch vor wenigen Jahren als langweilig geschmähte Gegend um den Mierendorff-Platz (wo die Einkommensstruktur noch immer unterdurchschnittlich ist) hat nunmehr den Sprung auf Platz 22 der Kieze mit dem stärksten Mietpreis-Anstieg der letzten 11 Jahre geschafft – und das weitgehend ohne den sonst typischerweise preistreibenden Zuzug von Künstlern und Alternativen. Vielmehr erlebte diese Gegend zuletzt eine Ansiedlung von kleinen Start-Up-Büros in großer Zahl, die sich in den z.T. seit Jahren leer stehenden Ladenlokalen einquartierten. Ihnen folgte dann die entsprechende Gastronomie – eine Art Gentrifizierung 2.0 also…

Nun bleibt freilich abzuwarten, wie sich die Corona-Krise auf den Berliner Miet- und Kaufimmobilienmarkt auswirken wird. Wird sie angesichts von wirtschaftlicher Rezession und zunehmender Arbeitslosigkeit zu einer allgemeinen Abkühlung führen? Oder wird sich womöglich wiederholen, was schon in den Jahren nach der Finanzkrise zu beobachten war: Dass nämlich Deutschland schneller und besser als andere aus der Talsohle herauskommt und es dadurch erneut scharenweise junge Leute aus Süd- und Osteuropa in seine Hauptstadt zieht, deren Bevölkerungswachstum sich zuletzt deutlich abgeschwächt hat? Wie auch immer, es bleibt spannend auf Deutschlands „heißestem Immobilienmarkt“.

 

Wohnkosten in Berliner Bezirken (Angebotskaltmiete pro qm) gem. Wohnmarktreport 2019 (2008) nach Alt-Bezirken

1. Mitte (Alt) 15,47 (9,54) +62,2% alternativ/repräsentativ
2. Tiergarten 13,47 (6,33) +112,8% gemischt/lebendig
3. Friedrichshain 13,28 (6,60) +101,2% alternativ/lebendig
4. Wilmersdorf 13,11 (8,06) +62,7% großbürgerlich/bürgerlich
5. Prenzlauer Berg 13,04 (7,32) +78,1% alternativ/neubürgerlich
6. Kreuzberg 12,96 (6,37) +103,5% alternativ/lebendig
7. Charlottenburg 12,37 (7,24) +70,9% großbürgerlich/lebendig
8. Schöneberg 12,07 (7,24) +66,7% bürgerlich/lebendig
9. Zehlendorf 11,54 (7,94) +45,3% großbürgerlich/bürgerlich
10. Wedding 11,37 (5,26) +116,2% neualternativ/proletarisch
11. Neukölln 10,52 (5,23) +101,1% alternativ/proletarisch
12. Steglitz 10,42 (6,45) +61,6% bürgerlich/kleinbürgerlich
13. Treptow 10,31 (5,53) +86,4% proletarisch/lebendig
14. Pankow 10,30 (6,28) +64,0% bürgerlich/lebendig
15. Köpenick 9,86 (6,14) +60,6% bürgerlich/proletarisch
16. Tempelhof 9,62 (5,82) +65,3% kleinbürgerlich/bürgerlich
17. Lichtenberg 9,60 (5,50) +74,5% proletarisch/kleinbürgerl.
18. Weißensee 9,51 (5,50) +72,9% bürgerlich
19. Reinickendorf 9,25 (5,76) +60,6% kleinbürgerlich/bürgerlich
20. Spandau 8,81 (5,43) +62,2% kleinbürgerlich/lebendig
22. Hellersdorf 8,65 (5,30) +63,2% proletarisch/gemischt
21. Hohenschönhausen 8,23 (5,96) +38,1% proletarisch/gemischt
23. Marzahn 7,74 (4,85) +59,6% proletarisch/gemischt

Quelle: Wohnmarktreport Berlin 2020 / eigene Berechnungen

 

Top 30 der Postleitzahlbezirke nach Höhe der Angebotskaltmiete pro qm 2019 (2008)

1. 10557 Moabit Südost / Hauptbahnhof / Bellevue (Tiergarten) 16,35 (6,50) +151,5%
2. 10785 Potsdamer Platz / Lützowstr. (Tiergarten) 16,32 (7,80) +109,2%
3. 10179 Jannowitzbrücke (Mitte) 16,00 (7,40) +116,2%
4. 10115 Chausseestraße (Mitte) 15,60 (8,40) +85,7%
5. 10178 Hackescher Markt/ Alexanderplatz (Mitte) 15,52 (10,30) +50,7%
6. 10963 Kreuzberg-West / Möckernbrücke (Kreuzberg) 15,23 (6,70) +127,3%
7. 10117 Unter den Linden (Mitte) 15,18 (12,60) +20,5%
8. 10119 Rosenthaler Platz (Mitte) 15,06 (9,00) +67,3%
9. 10623 Savignyplatz (Charlottenburg) 15,09 (9,00) +67,7%

10. 10719 Ludwigkirchplatz/ Kurfürstendamm (Wilmersdorf) 15,00 (9,70) +54,6 %
11. 10629 Sybelstraße/ Kurfürstendamm (Charlottenburg) 14,44 (9,00) +60,4%
12. 10707 Olivaer Platz / Kurfürstendamm (Wilmersdorf) 14,42 (8,40) +71,7%
13. 14193 Grunewald (Wilmersdorf) 14,31 (10,60) +35,0%
14. 10435 Kollwitzplatz (Prenzlauer Berg) 14,19 (8,60 ) +65,0%
15. 13355 Humboldthain/ Brunnenviertel (Wedding) 14,06 (5,00) +181,2%
16. 10405 Prenzlauer Allee (Prenzlauer Berg) 14,05 (7,80) +80,1%
17. 10245 Ostkreuz / Boxhagener Platz (Friedrichshain) 14,00 (6,80) +105,9%
18. 14057 Lietzensee (Wilmersdorf) 13,98 (7,60) +83,9%
19. 12047 Maybachufer („Kreuzkölln“)(Neukölln) 13,97 (5,50) +154,0%
20. 10965 Mehringdamm / Bergmannstraße (Kreuzberg) 13,91 (6,30) +120,8%
21. 10711 Halensee (Wilmersdorf) 13,91 (7,70) +80,6%
22. 10829 Schöneberger Insel / Julius-Leber-Brücke (Schöneb.) 13,80 (6,30) +119,0%
23. 10243 Ostbahnhof (Friedrichshain) 13,75 (6,60) +108,3%
24. 10787 Bahnhof Zoo/ Kurfürstenstraße (Tiergarten) 13,71 (8,30) + 65,2%
25. 10437 Helmholtzplatz (Prenzlauer Berg) 13,64 (7,70) +77,1%
26. 14195 Dahlem (Zehlendorf) 13,56 (9,40) +44,3%
27. 10439 Arnimplatz(Prenzlauer Berg) 13,52 (6,50) +108,0%
28. 12049 Hermannstraße West (Reuterkiez)(Neukölln) 13,41 (5,10) +162,9%
29. 10555 Alt-Moabit-West (Tiergarten) 13,39 (5,90) +126,9%
30. 10247 Samariterstraße (Friedrichshain) 13,36 (6,40) +108,8%

Quelle: Wohnmarktreport Berlin 2020 / eigene Berechnungen

 

Gebiete mit dem stärksten Anstieg der Angebotskaltmieten im Elfjahreszeitraum

1. 13355 Humboldthain/ Brunnenviertel (Wedding) 14,06 (5,00) +181,2%
2. 12049 Hermannstraße West /Reuterkiez (Neukölln) 13,41 (5,10) +162,9%
3. 12051 Hermannstraße Süd (Neukölln) 12,75 (5,00) +155,0%
4. 12047 Maybachufer („Kreuzkölln“) (Neukölln) 13,97 (5,50) +154,0%
5. 10557 Moabit SO/ Hauptbahnhof / Bellevue(Tiergart.) 16,35 (6,50) +151,5%
6. 12055 Richardplatz (Neukölln) 12,26 (5,00) +145,2%
7. 12053 Rollbergstraße (Neukölln) 12,01 (4,90) +145,1%
8. 12045 Sonnenallee Nord (Neukölln) 12,53 (5,20) +141,0%
9. 13359 Soldiner Straße (Wedding) 11,00 (4,70) +134,0%
10. 12059 Weigandufer (Neukölln) 11,57 (5,00) +131,4%
11. 10557 Moabit SO / Hauptbahnhof / Bellevue (Tierg.) 15,00 (6,50) +130,7%
12. 10553 Beusselstraße (Moabit/Tiergarten) 11,74 (5,10) +130,2%
13. 13347 Nauener Platz (Wedding) 11,63 (5,10) +128,0%
14. 10963 Kreuzberg-West / Möckernbrücke (Kreuzberg) 15,26 (6,70) +127,8%
15. 10555 Alt-Moabit-West (Tiergarten) 13,39 (5,90) +126,9%
16. 12435 Treptower Park (Treptow) 12,65 (5,70) +121,9%
17. 13351 Rehberge (Wedding) 11,05 (5,00) +121,0%
18. 10965 Mehringdamm / Bergmannstraße (Kreuzberg) 13,91 (6,30) +120,8%
19. 10829 Schöneberger Insel / Julius-Leber-Brücke 13,80 (6,30) +119,0%
20. 10179 Jannowitzbrücke (Mitte) 16,00 (7,40) +116,2%
21. 10551 Birkenstraße (Moabit/Tiergarten) 11,63 (5,40) +115,4%
22. 10589 Mierendorff-Platz (Charlottenburg) 12,90 (6,00) +115,0%
23. 13405 Kurt-Schumacher-Damm (Reinickendorf) 10,00 (4,70) +112,8%
24. 10969 Prinzenstraße (Kreuzberg) 12,76 (6,00) +112,7%
25. 12439 Niederschöneweide (Treptow) 10,81 (5,10) +112,0%
26. 12043 Rathaus Neukölln (Neukölln) 10,55 (5,00) +111,0%
27. 10247 Samariterstraße (Friedrichshain) 13,36 (6,40) +108,8%
28. 13357 Gesundbrunnen (Wedding) 10,64 (5,10) +108,6%
29. 10243 Ostbahnhof (Friedrichshain) 13,75 (6,60) +108,3%
30. 10559 Stephanstraße (Moabit/Tiergarten) 11,18 (5,30) +107,8%

Quelle: Wohnmarktreport Berlin 2020 / eigene Berechnungen

justament.de, 25.5.2020: Lärmend ist lange her

Die Einstürzenden Neubauten auf „Alles in allem“, ihrem ersten Studioalbum seit zwölf Jahren

Thomas Claer

Zu den bedeutendsten und einflussreichsten deutschen Musik-Gruppen aller Zeiten zählen ohne jede Frage die Einstürzenden Neubauten, die aufgrund ihres programmatischen Bandnamens wohl selbst jenen vage bekannt sein dürften, die noch niemals eine Note von ihnen gehört haben (und dies wohl auch zeitlebens keinesfalls zu tun gedenken). Überhaupt erscheint es heute, rund vierzig Jahre nach ihren Anfängen in der Underground-Szene Berlin-Kreuzbergs, geradezu als ein Wunder, dass diese Brachial-Avantgardisten mit ihrem wundersam sperrigen Ansatz jemals Eingang in die Populärkultur finden konnten. Aber damals hat so etwas funktioniert – und sogar heute noch bilden ihre Fans (von denen es mehr gibt, als man denken könnte) eine verschworene Gemeinschaft, die mit ihren Helden mittels Crowdfunding durch dick und dünn geht.
Doch nicht nur das musikalische Konzept der Neubauten – der Einsatz diverser Altmetall-Teile von Schrottplätzen sowie Maschinenlärms als Musikinstrumente – war seinerzeit revolutionär. Auch hat sich Bandleader Blixa Bargeld (heute 61), dessen expressiver Gesangsstil damals auf viele Zeitgenossen schockierend gewirkt hat, über die Jahre als ein durchaus tiefsinniger Texter erwiesen – und dabei vor allem als ein Meister der lakonischen Verknappung: „Draußen ist feindlich“ hieß es bei ihm in den Achtzigern und „Architektur ist Geiselnahme“ in den Neunzigern. Spürbar gelitten hat die musikalische Substanz der Band allerdings durch das bedauerliche Ausscheiden von Perkussionist F.M. Einheit, der eine tragende Säule des frühen Neubauten-Sounds war, dessen notorische Differenzen mit Blixa Bargeld sich aber irgendwann als nicht mehr moderierbar erwiesen. Auch zwanzig Jahre später muss man leider feststellen: Er fehlt an allen Ecken und Enden.
„Alles in allem“, das neue Album, setzt nun den Weg fort, den die Neubauten bereits seit den späten Neunzigern beschritten haben: immer mehr weg vom infernalischen Lärm, dafür hin zu den eher leisen Tönen und melancholischen Melodien. So haben schon ihre letzten Studioalben in den Nullerjahren geklungen und auch ihre späteren Arbeiten für Theaterprojekte. Inhaltlich neu sind auf der aktuellen Platte aber die expliziten Berlin-Bezüge in Songs wie „Grazer Damm“ und „Wedding“. Ansonsten bleibt hier mehr oder weniger alles beim Alten, zumindest so, wie wir es aus den beiden zurückliegenden Jahrzehnten von ihnen kennen.
Die Einstürzenden Neubauten haben – das lässt sich somit sagen, ohne ihnen Unrecht zu tun – ihrem Gesamtwerk mit „Alles in allem“ nichts Wesentliches mehr hinzugefügt. Und dennoch hört man dieses Album gern.

Einstürzende Neubauten
Alles in allem
Potomak/Indigo 2020
ASIN: B086Y6JLHL

justament.de, 2.3.2020: Die Pet Shop Boys am Schlachtensee

Scheiben Spezial: Justament-Autor Thomas Claer macht seinen Frieden mit seinen Lieblingen von einst

Als ich Mitte der Achtziger im Osten, im Alter von ca. 14 Jahren, zum ersten Mal die Pet Shop Boys hörte, war ich wie elektrisiert. Unglaublich cool erschien mir dieses Lied, „West End Girls“, das sie in einer Fernsehsendung live zum Besten gaben. Ich glaube sogar, bin mir aber nicht mehr ganz sicher, dass dieses Erlebnis ganz am Anfang meiner Begeisterung für Popmusik stand. Auch die anderen Lieder dieses immer unterkühlt wirkenden Elektro-Duos aus London, die ich im West-Radio gehört und mit dem Kassettenrekorder aufgenommen hatte, gefielen mir sehr.

Weihnachten 1987 – meine Mutter und ich warteten noch auf unsere Ausreise in den Westen, während  mein Vater bereits dort war – hatte ich einen Wunsch frei und wünschte mir, was aufgrund einer Lockerung der Zollbestimmungen erst seit kurzem erlaubt war: dass mein Vater mir im Paket eine Popmusik-Schallplatte in den Osten schickte. Es war „Actually“ von den Pet Shop Boys, das so brillante Songs wie “It’s a Sin” und „What Have I Done To Deserve This“ enthielt – und ich liebte diese Platte. Die Musik klang für mich ungefähr so, wie ich mir damals den Westen vorstellte: aufreizend lässig, schön und unnahbar.

Und dann, im Frühling 1989, ließen sie uns endlich raus. Bald darauf fand ich mich wieder auf einem Bremer Gymnasium und sollte im Englisch-Unterricht conversation machen. Und so fragte ich also ganz unbefangen meine neuen Mitschüler: „Which music do you like best?“ Alle nannten sie dann Bands und Musiker, deren Namen ich noch nie gehört hatte, was mich sehr erstaunte, denn schließlich glaubte ich doch, mich mit Popmusik ziemlich gut auszukennen. Und dann sagte ich den verhängnisvollen Satz: „I like the Pet Shop Boys“. Die Reaktion meiner Mitschüler war für mich niederschmetternd. Einen Moment lang herrschte betretenes Schweigen, dann sagte einer: „Oh, das ist aber sehr kommerziell.“ Ein anderer ergänzte verächtlich: „Voll der Mainstream.“ Ich brauchte einige Zeit, bis ich begriff, dass sich in diesen Kreisen – es waren die Kinder des gehobenen Bürgertums – Ansehen und Reputation ganz maßgeblich über den Musikgeschmack definierten. Und hier galt vor allem: je unbekannter und schräger, desto besser. So unterschiedlich die Geschmäcker und Vorlieben hier auch waren, die zumeist auch mit bestimmten Kleidungsstilen und Verhaltensweisen korrespondierten: von Rasterlocken-Reggae-Fans über Schwarzmantel-Grufty-Underground und Müsli-Öko-Diskurs-Indie-Pop bis zu Lederjacken-Punks… Einig waren sich beinahe alle in der Verachtung des Mainstreams. Was in die Hitparaden kam und im Radio lief, das war banale Massenkultur und als solche völlig inakzeptabel. Das war Musik, das lernte ich mit der Zeit, für Haupt- oder Realschüler, nicht aber für Bremer Gymnasiasten…

Natürlich wusste ich nichts von alledem, als ich 17-jährig erstmals damit konfrontiert wurde. Mein Erfahrungshorizont hatte sich ja zwangsläufig zunächst auf das beschränkt, was ich aus West-Radio und West-Fernsehen kannte. Woher sollte ich, als gebürtiger Ossi, auch anderes kennen?  Aber obwohl ich die Dünkelhaftigkeit meiner neuen Mitschüler befremdlich fand, weckte sie doch meine Neugier. Was war das für eine Musik, die ihnen ein solches Überlegenheitsgefühl mir gegenüber gab? Wahrscheinlich war es auch mein Drang, dazugehören zu wollen… Ich begann also, mich für abseitigere Musikrichtungen zu interessieren. Und tatsächlich, irgendwann war ich geneigt, meinen Mitschülern recht zu geben. Die radiotaugliche Popmusik empfand ich nun im Vergleich zu dem, was es sonst noch so gab und was ich nun nach und nach für mich entdeckte, als ziemlich banal. Meine Mainstream-Pop-Platten, darunter auch die von den Pet Shop Boys, verkaufte ich eine nach der anderen.

Nur einmal noch hörte ich später wieder etwas von den Pet Shop Boys. Ungefähr 1993, während meines Zivildienstes, saß ich im Warteraum vor dem Blutspenden und hörte dort aus dem Radio die mir wohlbekannten Stimmen: „Go West“ war ihr ganz neuer Hit. Was für eine opulente Hymne auf die Freiheit und die westliche Dekadenz! Ich war wohl ähnlich angetan wie damals, als ich zum ersten Mal „West End Girls“ gehört hatte. Ich bemerkte auch, dass alle Anwesenden, die Patienten wie die Krankenschwestern, ihre Köpfe hoben und sich einen Moment lang diesen überwältigenden Klängen hingaben. Aber meine innere Stimme sagte mir: „Das darfst du jetzt nicht gut finden! Das ist durch und durch kommerzielle, oberflächliche, verlogene Musik für den schlechten, verdorbenen Massengeschmack!“

Und dann erschien 2005 von meiner Lieblingsband Element of Crime die Single „Delmenhorst“. Und sie enthielt mit „You Only Tell Me You Love Me When You’re Drunk“ eine Coverversion eines (späteren) Songs von den Pet Shop Boys. Ein unglaublich schönes, ein wirklich großartiges Lied, das musste ich zugeben. Aber wie konnte das sein? Die Pet Shop Boys hatten doch mittlerweile Zigmillionen und Abermillionen Tonträger verkauft. Das konnte doch nichts taugen. Oder vielleicht doch?

Weitere anderthalb Jahrzehnte vergingen, und noch immer hatte ich mit den Pet Shop Boys, meinen alten Lieblingen aus Teenager-Tagen, gewissermaßen eine Rechnung offen. Und nun las ich im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung einen längeren Artikel über die Pet Shop Boys, inzwischen beide Mitte 60, in ihrer neuen Wahlheimat Berlin. Seit Jahren schon, so erfuhr ich, haben sich die beiden rüstigen Herren am Nollendorfplatz einquartiert. Das passt natürlich, denn die Pet Shop Boys gelten mittlerweile als ausgesprochene Schwulen-Ikonen, hatten ja auch bereits in den Achtzigern, als andere das noch befremdlich fanden, ganz offen schwul gelebt. Und an Berlin, so sagen sie, gefalle ihnen einfach alles, bis auf die vielen Hipster hier. „Sie halten sich allein deshalb für cool, weil sie in Berlin wohnen und einen Vollbart tragen.“ Aber ansonsten sei alles gut in Berlin, auch dass niemand sie in der U-Bahn erkenne, ob sie nun mit der U3 nach Friedrichshain führen oder zum Schlachtensee im Südwesten. Zum Schlachtensee? Ja, dort machten sie regelmäßig ausgedehnte Spaziergänge. Einmal um den See dauert genau eine Stunde – und dann mit der U-Bahn wieder zurück.

Als ich das las, bekam ich große Lust, auch mal wieder einen Ausflug zum wunderschönen Schlachtensee zu unternehmen. Gesagt, getan. Nach einer knappen halben Stunde S-Bahn-Fahrt standen wir am Ufer. „Wir sind noch schneller am Schlachtensee als die Pet Shop Boys“, sagte ich freudig zu meiner Frau. Beim Rundgang um den See beobachtete ich dann die zahlreichen Spaziergänger. Ja, es waren sogar des öfteren zwei ältere Herren gemeinsam unterwegs, aber die Pet Shop Boys waren nicht darunter. Wieder zu Hause stellte ich mir dann mittels YouTube eine CD mit ihren alten Hits aus den Achtzigern zusammen, „aus meiner Zeit“ sozusagen. Und ich bekam beim Anhören am nächsten Morgen während meines Frühsports eine regelrechte Gänsehaut. Nein, das waren keineswegs banale Klänge. Zugegeben, manches davon wirkt aus heutiger Sicht übertrieben bombastisch produziert, etwa das inhaltlich ganz ausgezeichnete „It’s a Sin“. Aber vieles ist so fein arrangiert, von solch unterkühlter hintergründiger Schönheit. Man höre nur das auf den ersten Blick so unscheinbare Lied „Rent“ („I love you, you pay my rent“). Die frühen Pet Shop Boys, so kommt es mir heute vor, verkörpern ungefähr das, was Friedrich Nietzsche als „Oberflächlichkeit aus Tiefe“ beschrieben hat. Oder in den Worten von Rüdiger Safranski: „Das Geheimnis liegt an der Oberfläche. Die Oberfläche des Lebens selbst ist so unendlich tief, dass wir jenseits der Erscheinung keine Tiefe mehr suchen müssen. Der Tanz ist eine Wahrheit in sich. Das Charmieren, die Koketterie ist eine Wahrheit in sich.“ Und ich muss zugeben: Auch kommerzielle, scheinbar oberflächliche Musik kann richtig gut sein. Die Pet Shop Boys sind der Beweis.

justament.de, 23.9.2019: Gesicht zeigen fürs Klima

Justament-Autor Thomas Claer über „Fridays for Future“

Es ist Freitag. Und diesmal sind auch wir mit dabei. Wir quetschen uns in den von bunt geschmückten Schülern überfüllten Regionalexpress, der um zwanzig vor zwölf von unserem S-Bahnhof zum Hauptbahnhof fährt. „Es kommt immer auf den einzelnen Lehrer an“, sagt ein junges Mädchen zu seiner Begleiterin, „aber unsere Direktorin am ‚Gottfried Keller‘ entschuldigt das grundsätzlich nicht.“ Trotzdem sind wohl mehr als jemals zuvor zu den Schülerprotesten gekommen, die an diesem Tag auch noch vom weltweiten „Streiken fürs Klima“ aller Altersgruppen begleitet werden. Mit den Menschenmassen werden wir über die Spreebrücke in Richtung Brandenburger Tor geschoben. Überall sieht man selbstgemalte Plakate. „Muttermilch ohne Mikroplastik!“, hat eine junge Frau, die ihren Säugling auf dem Arm trägt, auf ihr Transparent geschrieben. Eine ältere Dame streckt ein Schild mit der Aufschrift „Omas for your Future“ in die Höhe. Auch diverse Berufsgruppen haben sich positioniert, von „Hebammen for Future“ bis zu „Lehrer for Future“. Wir hören hochemotionale Ansprachen, die immer wieder von tosendem Applaus unterbrochen werden. Neben uns interviewt ein ZDF-Filmteam einen Herrn im grauen Anzug. Wir erkennen Bernd Riexinger von der Linkspartei. An mehreren Ständen gibt es Flyer und Aufkleber für mehr Klimaschutz. Gleich soll Carola Rackete sprechen, die Kapitänin des Flüchtlingsrettungsschiffs aus dem Mittelmeer, aber ihre Rede wird immer wieder verschoben.

Dieses Bad in der Menge der Gleichgesinnten gibt offenbar allen Beteiligten ein Gefühl der Erhabenheit, das auch uns ein Stück weit erfasst hat. Jahrzehntelang musste ich mich in meiner Generation und vor allem auch unter Jüngeren als weitgehender Flugvermeider und beinahe Auto-Hasser wie eine notorische Spaßbremse fühlen. Und nun das. Jedoch steigen, wenn ich die vielen Familien mit kleinen Kindern sehe, dann doch allerhand Bedenken und Fragen in mir hoch, auf die ich keine Antworten finde. Darf man kleine Kinder so für politische Zwecke instrumentalisieren? Auf Pegida-Demos z.B. empfindet man so etwas doch zurecht als besonders abscheulich. Und werden diese engagierten Menschen, die sich doch nach allen soziologischen Erkenntnissen vorwiegend aus der gehobenen und gebildeten bürgerlichen Mittelschicht rekrutieren und dadurch nachweislich einen besonders tiefen ökologischen Fußabdruck hinterlassen, nun plötzlich alle ihren Lebensstil völlig umkrempeln? Werden sie nun allesamt auf den gediegenen Flugzeug-Familienurlaub am Mittelmeer verzichten und stattdessen mit dem Fahrrad an die Mecklenburgische Seenplatte fahren? Werden sie jetzt statt der gesunden, aber ökologisch desaströsen Avocados aus Südamerika lieber regionalen Beelitzer Spargel essen?

Neben uns packt ein Mann im Mehr-Klimaschutz-T-Shirt seine mitgebrachten Brote aus. Sie sind ausgerechnet in Aluminium-Folie eingewickelt. Also das geht ja nun gar nicht!! Aber andere mit moralisch erhobenem Zeigefinger belehren wollen, das wäre im Zweifel noch schlimmer. Wir sagen also nichts dazu und wissen: Es gibt noch viel zu tun!

justament.de, 9.9.2019: Aktuell wie uff’m Basar

Recht cineastisch Spezial: Vor 40 Jahren erschien „Das Leben des Brian“

Thomas Claer

Dieser Film gehört zu meinen cineastischen Lieblingswerken. Hier hat die britische Komiker-Truppe Monty Python vor vier Jahrzehnten einen wahren Filmklassiker erschaffen. Lange Jahre konnte – zumindest in unseren Breiten – keiner mehr so richtig verstehen, warum sich seinerzeit so viele über seine ruchlose Blasphemie aufgeregt hatten. Seit einigen Jahren aber hat so vieles von dem, was in diesem Streifen durch den Kakao gezogen wird, wieder traurige Aktualität erlangt: vom religiösen Fanatismus bis zum dilettantischen Sektierertum politischer Akteure. Aber statt nun noch mehr Worte über einen Film zu verlieren, über den doch längst schon alles gesagt ist, schildere ich lieber eine vor kurzem erlebte Begebenheit auf einem Berliner Flohmarkt, die mich stark an die Basarszene aus „Life of Brian“ erinnert hat:

Ein Flohmarktbesucher betrachtet an einem der Stände mit Interesse eine potthässliche Porzellanfigur: „Wat soll‘n die kosten?“
Darauf der Händler: „20 Euro.“
Der Besucher: „Nee, dit is mir viel zu teuer. 15 Euro geb ick dir dafür.“
Der Händler: „20 Euro und keinen Euro wenija. Ick brauch det Geld.“
Der Besucher: „Na jut, 16 Euro.“
Der Händler: „Nüscht is: 19 Euro.“
So geht es noch einige Zeit hin und her. Schließlich einigen sie sich auf 17,50 Euro. Der Kunde gibt einen 20-Euro-Schein. Aber der Händler kann ihm nicht rausgeben. Er hat nur einen 5-Euro-Schein.
Der Besucher, nach einigem Zögern: „Lass jut sein, passt schon.“
Der Händler schiebt ihm seinen 5-Euro-Schein zu: „Nee, den nimmste jetzt.“
Der Besucher, einen Schritt zurücktretend: „Nee, den kannste behalten, den will ick nich.“
Der Händler: „Det is jetzt nich dein Ernst. Du nimmst den jetzt!!“
Der Besucher, sich mit der Figur entfernend: „Nee, is jut.“
Der Händler läuft ihm nach mit dem Schein in der Hand: „Den nimmst du jetzt!!“
Im Gedränge kann ich die beiden nicht mehr sehen und erfahre so nicht mehr, wie es ausgegangen ist…

justament.de, 2.9.2019: Und wieder im Oktober…

Live-Album von EoC erscheint am 10.10.2019

Thomas Claer

Auch in diesem Jahr können wir also in freudiger Erwartung dem Monat Oktober entgegenfiebern, denn wie schon im Vorjahr bringen unsere Lieblinge von Element of Crime in diesem Herbst abermals eine neue Platte heraus. Und das hat es wirklich seit 1990 nicht mehr gegeben: Es wird ein reguläres Live-Album sein und den Titel „Live im Tempodrom“ tragen. „Live im was?“, wird vielleicht der eine oder andere Ignorant nun fragen. Und hiermit sei ihm gesagt, dass das Tempodrom ein bekanntes und noch dazu traditionsreiches Berliner Veranstaltungszentrum ist, unter dessen Dach sich übrigens auch noch das beliebte Erholungsbad Liquidrom befindet, das unsereiner bislang aber leider ebenfalls nur vom Hörensagen kennt. Und treffenderweise heißt der erste Song von diesem Album, der sich bereits auf YouTube ansehen lässt: „Geh doch hin“.

Abgesehen von dem glänzenden Einfall, ausgerechnet einen Song mit diesem Titel als Appetitmacher für ein Live-Album auszuwählen, weist „Geh doch hin“, dieses grandiose Lied aus dem Jahr 1991 über die zwischenmenschliche Eifersucht, aber auch schon der ganzen Platte die Richtung. Denn wie sich der ebenso bereits feststehenden Titelliste entnehmen lässt, wird sie zahlreiche ältere Songs aus den Oeuvre der Elements enthalten, die schon seit Ewigkeiten nicht mehr in Konzerten von ihnen zu hören waren, so auch das wohl philosophischste aller EoC-Stücke: „Wer ich wirklich bin“ von 1996. Ansonsten stammen von den 25 Liedern, die sowohl auf einer Doppel-CD als auch wahlweise auf einer Dreifach-LP erhältlich sein werden, gleich zehn vom aktuellen Studio-Album „Schafe, Monster und Mäuse“, was angesichts der herausragenden Qualität dieser Platte auch völlig in Ordnung geht. Worauf jedenfalls ich mich aber am meisten freue, ist die neue Live-Version von „Schwere See, mein Herz“ aus dem Jahr 1993.

justament.de, 5.8.2019: Ich mach dich Friedhof!

Recht cineastisch, Teil 36: „Nur eine Frau“ von Sherry Hormann

Thomas Claer

„In meinem Land herrscht Gewissens- und Fickfreiheit!“ (nach anderer Quelle: “In meinem Staat herrscht Gedanken- und Fickfreiheit!“), soll Friedrich der Große (1712-1786) einmal geäußert haben. Aber auch dies (in mäßigem Deutsch): „Alle Religionen Seindt gleich und guht wan nuhr die leüte so sie profsiren Erliche leüte seindt, und wen Türken und Heiden kähmen und wollten das Land Pöpliren, so wollen wier sie Mosqueen und Kirchen bauen.“ Zweieinhalb Jahrhunderte später zeigt sich nun, dass es mitunter gar nicht so einfach ist, diese im Grunde sehr löbliche Toleranz- und Willkommenskultur unter einen Hut zu bringen. Denn die Probleme beginnen spätestens dann, wenn man sich ausgesprochene Intoleranzkulturen ins Land holt, die gerade auch in ihren Gotteshäusern Stimmung gegen die liberale Mehrheitsgesellschaft machen und diese verachten. Ob es einem gefällt oder nicht: Zu Deutschland gehören mittlerweile auch Familienstrukturen mit archaisch geprägten Ehrvorstellungen, die ihren Angehörigen (und nicht nur ihnen) das Leben zur Hölle machen – und das auch noch mitten in unseren weltoffenen Großstädten, in denen doch jeder nach seiner Facon glücklich werden sollte. Schuld daran ist gewiss nicht „der Islam“ und sind schon gar nicht „die Muslime“, denn diese und jener sind ihrerseits sehr vielfältig und verdienen es nicht, über einen Kamm geschoren zu werden. Dennoch kann man es nur als völlig falsch verstandene Toleranz ansehen, wenn unsere Rechtsordnung es hinnimmt, dass Frauen in bestimmten Milieus als Menschen zweiter Klasse behandelt und ihnen elementare Freiheiten vorenthalten werden. (Und dass ein Teil der muslimischen Frauen sich auch noch freiwillig solchen rückständigen Moral- und Bekleidungsvorschriften unterwirft, macht alles nur noch schlimmer.)

Der Ehrenmord an der türkisch-kurdischstämmigen Berlinerin Hatun Sürüci, der 2005 deutschlandweit für Entsetzen gesorgt hatte, ist nun mitsamt seiner Vorgeschichte und seinen Folgen auf eindrucksvolle Weise von Sherry Hormann verfilmt worden. Dieser Film ist zugleich ein Aufschrei der Empörung über die – wie zu befürchten ist – hierzulande noch immer zahlreichen in ähnlicher Weise bestehenden familiären Unterdrückungs- und Überwachungsstrukturen. Und vor allem setzt er jenen tapferen Frauen (und manchmal auch Männern) ein Denkmal, die sich dagegen zur Wehr setzen.

Nur eine Frau
Deutschland 2019
97 Minuten, FSK: 12
Regie: Sherry Hormann
Drehbuch: Florian Oeller
Produktion: Sandra Maischberger
Darsteller: Almila Bagriacik (Hatun Aynur Sürüci), Aram Arami (Tarik Sürüci), Jacob Matschenz (Tim) u.v.a.