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justament.de, 13.9.2021: Berlin vor 90 Jahren

Berlin vor 90 Jahren

Recht cineastisch, Teil 38: „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ von Dominik Graf

Thomas Claer

Als Filmkritiker nimmt man sich ja gerne den unvergessenen Hellmuth Karasek zum Vorbild, der einmal unmittelbar nach einem Kinobesuch, wie seine Begleiterin später zu berichten wusste, sich bei ihr entschuldigte, er müsse mal ganz kurz telefonieren, dabei der SPIEGEL-Kulturredaktion seine bereits im Kinosaal gedanklich druckfertig getextete Filmrezension in den Hörer diktierte und sodann mit seiner Gefährtin ins Restaurant ging. Aber so etwas geht natürlich nicht bei jedem Film und keinesfalls bei einer spektakulären Literaturverfilmung, die im Nachgang eine intensive Auseinandersetzung sowohl mit jener selbst als auch mit der literarischen Vorlage verlangt.

Klare Sache, die neue „Fabian“-Verfilmung von Dominik Graf ist, obwohl sie bei der Berlinale leer ausging, ein cineastisches Großereignis. Vielleicht ist sie sogar, wie es in der Süddeutschen Zeitung hieß, die wichtigste deutsche Literaturverfilmung seit Schlöndorffs „Blechtrommel“ von 1979. Und in der Tat haben Graf und sein Team bei der Adaption von Erich Kästners Berlin-Roman aus dem Jahr 1931, die erkennbar auf der „Babylon Berlin“-Welle reitet, eine Menge richtig gemacht.

Zu frei nach Kästner?

Schon die Besetzung lässt sich als ein Glücksfall bezeichnen. Tom Schilling, der leptosome Schönling, ist natürlich geradezu prädestiniert für die Rolle des Fabian, des jungen promovierten Werbetexters, der Anfang der Dreißiger durchs Berliner Nachtleben streunt und dem alle Frauen zu Füßen liegen. Auch gibt Saskia Rosendahl eine mehr als passable Cornelia Battenberg, Fabians ehrgeizige bildhübsche Freundin, die – obgleich promovierte Juristin – eine große Filmkarriere als „neuer Frauentyp“ mit akademischer Bildung einschlägt, die sie allerdings schnurstracks durch das Bett des Filmproduzenten führt. Wirklich toll ist ferner Meret Becker als nymphomanische Anwaltsgattin Irene Moll, die die ganze Zeit hinter Fabian her ist. Und auch alle anderen Rollen sind durchweg überzeugend besetzt.

Ebenfalls kann sich die filmische Umsetzung sehen lassen, wenngleich hier und da vielleicht doch eine Spur zu viele technische Mätzchen eingebaut worden sind, aber zumindest stören sie den Filmgenuss nicht weiter. Selbst die Länge von mehr als drei Stunden geht in Ordnung, da eine noch stärkere Kürzung des Romaninhalts dem ganzen Unterfangen zweifellos geschadet hätte. Doch genau hier, beim Drehbuch, beginnt die Problematik dieser Verfilmung. Gewiss, schon im Vorspann heißt es „Frei nach Erich Kästner“, womit sich die Drehbuch-Autoren gewissermaßen Absolution für alle ihre inhaltlichen Eingriffe verschaffen. Dagegen ist auch grundsätzlich nichts zu sagen. Schwierig wird es nur, wenn dann, wie es hier leider oft der Fall ist, so manches hinten und vorne nicht mehr zusammenpasst. Die inhaltlichen Merkwürdigkeiten treten dann, besonders zum Ende hin, so gehäuft auf, dass einem gar nichts anderes übrig bleibt, als sich nach dem Film noch einmal den Roman vorzunehmen, dessen erstmalige Lektüre bei mir allerdings schon mehr als ein Vierteljahrhundert zurückliegt…

Lies nach im Roman!

Das wiederum erweist sich dann aber auch als Glücksfall, denn man liest das Buch naturgemäß mit ganz anderen Augen als damals im Studentenwohnheim. „Fabian“, soviel ist sicher, darf man getrost zu den großen deutschen Gesellschaftsromanen rechnen. Es ist ein überaus kluges Buch, womöglich sogar klüger als es sein damals 32-jähriger Autor gewesen ist, als er es zu Papier gebracht hat. Und es gibt so unendlich vieles darin, was einem, zumal aus heutiger Perspektive, ins Auge springt. Eine Welt im Umbruch mit modernen Institutionen, aber reichlich antiquierten Verhaltensweisen. Junge alleinstehende Menschen wohnen in aller Regel bei Hauswirtinnen, die für sie kochen, waschen und sogar ihre Zimmer aufräumen. Von Datenschutz oder Privatsphäre hat man damals überhaupt keinen Begriff. Dass plötzlich die besorgte Mutter des Protagonisten im Zimmer steht, weil dieser ihr einige Tage lang nicht geschrieben hat, wird von niemandem als übergriffig empfunden. Hingegen sind regelmäßige Bordell-Besuche für Männer jeden Alters mehr oder weniger sozial akzeptiert, ebenso der Umstand, dass sich ärmere Frauen und insbesondere Künstlerinnen prostituieren.

Besonders spannend ist auch die detaillierte Schilderung der wirtschaftlichen Aspekte des damaligen Alltagslebens. Man erfährt sehr genau, was alles so kostet, die Miete und der Kaffee, und wieviel ein Angestellter verdient. Wer damals in Berlin lebte, hatte demnach schon erhebliche Ausgaben. Für die täglichen Einkäufe gab es ja auch noch keine preisgünstigen Discounter. Daran gemessen waren die Einkünfte durch Erwerbsarbeit äußerst bescheiden, so etwas wie regelmäßige Urlaubsreisen für breite Bevölkerungsschichten kaum erschwinglich. (Woran man gut erkennt, auf welch hohem Niveau heute so gejammert wird…) Dennoch pulsierte das Nachtleben schon ganz ähnlich wie heute, nur dass sich darin noch so viel Ständisches erhalten hatte. Und es war weitgehend einer relativ kleinen, sehr gut verdienenden akademischen Oberschicht vorbehalten. Längst nicht jeder, der wollte, konnte mitmachen. Fabian mit seinem kleinen Einkommen profitiert hier von seinem aus großbürgerlichem Hause (Villa in Grunewald!) stammenden Freund Labude, der ihm immer wieder mit ein paar Scheinen behilflich ist.

Vier „Dinge“, mindestens

Sehr aufschlussreich ist auch, was man über das – wie man es heute nennt – „Männer-Frauen-Ding“ erfährt. Einerseits treten im Roman vielfach sehr selbstbewusste und moderne Frauenfiguren auf. Die erotomanische Anwaltsgattin Irene Moll verwirklicht schließlich ihren Jugendtraum und eröffnet ein Männer-Bordell. Die Mutter von Fabians Freund Labude, ebenfalls die Frau eines Anwalts, lebt die längste Zeit des Jahres in der Schweiz (während ihr Mann, ein berühmter Strafverteidiger, sich zu Hause in Berlin allen nur denkbaren erotischen Eskapaden hingibt). Doch andererseits droht den jungen Frauen noch sehr real die gesellschaftliche Ächtung durch ungewollte Schwangerschaft, und viele zeigen ein großes Interesse an Ehelichung einer in ihren Augen guten Partie. Wer wie Fabians große Liebe Cornelia eine akademische Ausbildung durchlaufen hat (sie ist promovierte Juristin!), träumt dennoch den Traum von der großen Filmkarriere als Schauspielerin und lässt sich dafür bereitwillig vom Filmproduzenten, Typ Harvey Weinstein, erotisch benutzen.

Ist das Buch also, was ihm ja manchmal vorgeworfen wird, insofern frauenfeindlich, weil die Frauenfiguren in ihm so negativ gezeichnet sind? Gegenfrage: Warum sollten Frauenfiguren sich immer als positive Rollenvorbilder eignen? Die männlichen Figuren tun dies doch schließlich auch nicht. Womit wir beim „Moral-Ding“ wären. Die „Geschichte eines Moralisten“ ist natürlich auch ein Stück weit ironisch aufzufassen. Ja, Fabian und erst recht sein Freund Labude sind stets hochmoralisch argumentierende Weltverbesserer (mit interessanten Unterschieden in ihren Weltbildern), aber in ihrem Verhalten dann keineswegs besonders menschenfreundlich, wenn es etwa um die Inanspruchnahme sexueller Dienstleistungen geht. Zwar schlägt Fabian, obwohl er nach seinem Jobverlust eigentlich dringend darauf angewiesen wäre, gleich mehrmals lukrative berufliche Offerten seitens Irene Molls aus, da er spürt, dass diese ihre auf ihn gerichteten amourösen Ambitionen noch längst nicht aufgegeben hat. Aber tut er dies wirklich aus grundsätzlicher Treue zu seiner Freundin Cornelia? Später im Roman beginnt er eine Affäre mit einer verheirateten Dame im Wedding, noch später lässt er sich in einem Bordell in Dresden auf die Zudringlichkeit einer jungen Prostituierten ein, die ihm ihre Dienste gratis zukommen lässt. (Diese beiden Episoden bleiben im Film jeweils ausgespart.) Aber woanders tut er auch eine Menge Gutes, verhilft einem Obdachlosen zu einer Mahlzeit im Restaurant, lässt sogar einen Wohnungslosen zu Hause auf seinem Sofa schlafen, bis hin zur verunglückten Rettungsaktion eines kleinen Jungen, bei der er selbst ums Leben kommt. Aber wer handelt schon immer konsequent?

Was hingegen in diesem Buch sehr überzeugend beschrieben wird, ist das, was man das „Angry-Young-Man-Ding“ nennen könnte. Die jungen Leute sind empört über die von ihnen beobachteten Missstände und fühlen sich ihrem gesellschaftlichen Umfeld moralisch überlegen, ohne dabei zu bemerken, wie fragwürdig sie sich selbst in ihrem Alltag verhalten. Zwar haben sie, Fabian und Labude, mit ihrer Gesellschaftskritik in vieler Hinsicht recht. Aber gerade in der Spätphase der Weimarer Republik wäre es eigentlich darauf angekommen, mit viel Pragmatismus das zarte Pflänzchen der Demokratie zu schützen und das Schlimmstmögliche zu verhindern; was dann aber prompt eingetreten ist, auch weil eine aufgeklärte junge Generation mit ihrem übersteigerten Moralismus und Sozialromantizismus der Demokratie noch fortwährend Knüppel zwischen die Beine geworfen hat…

Und dann natürlich – eng damit verbunden – das „Verletzter-Stolz-Ding“. Fabian glaubt als promovierter Germanist quasi einen Anspruch darauf zu haben, dass ihm der Arbeitsmarkt einen exzellenten und gutbezahlten Job offerieren möge. Dass dies nicht der Fall ist, sieht er als Systemversagen an und sinniert über die Vorzüge staatlicher Planwirtschaft, statt die historischen Besonderheiten der großen Depression, die Weltwirtschaftskrise zu berücksichtigen… Aber woher soll er so etwas wissen? Die unentwegt an jeder Ecke zu vernehmenden „So wie jetzt kann es nicht mehr weitergehen“ und „Es muss bald einen großen Knall geben“ lesen sich jedenfalls wie düstere Vorzeichen der bald erfolgenden Machtergreifung der Nazis.

Kurzum, dieser zumeist unterschätzte kleine Roman breitet ein sehr lebendiges und buntes Panorama Deutschlands und insbesondere Berlins vor 90 Jahren aus. Zwar war Erich Kästner nicht unbedingt der ganz große sprachliche Stilist, aber das wollte er vermutlich gar nicht sein. Vielmehr agierte er, der sich ja vor allem auch als Kinderbuchautor einen Namen gemacht hat, eher aus einer journalistisch-satirischen Ecke heraus. Und das Buch ist glänzend durchkomponiert, die Handlung sehr durchdacht, was sich vom Drehbuch zum Film hingegen nur eingeschränkt sagen lässt. Wobei der Film teilweise auch auf die vor acht Jahren aus der Versenkung hervorgeholte (damals wegen sittlich anstößiger Stellen vom Verlag abgelehnte) Urversion des Romans zurückgegriffen hat, die sich aber nur relativ geringfügig von der späteren Version unterscheidet, wie sich dem einschlägigen Wikipedia-Eintrag hierzu entnehmen lässt.

Eingriffe ohne Not

Womit wir also wieder beim Film angelangt wären. Dass ihm manche Kritiker den Vorwurf machten, er hätte Längen, lässt sich nur mit fehlender Lektüre der Romanvorlage durch die Betreffenden erklären. Wer den Roman kennt, dem wird der Film eher arg zusammengekürzt vorkommen. Dass das Drehbuch die Reihenfolge vieler Ereignisse auf den Kopf stellt, lässt sich vielleicht noch aus Gründen der Erzählökonomie rechtfertigen, denn so ein Film sollte nach Möglichkeit nicht vier oder fünf Stunden lang sein.

Viel gravierender sind aber die zahlreichen inhaltlichen Eingriffe ohne erkennbare Not dazu. Hier nur ein paar besonders krasse Beispiele: Fabian kauft ein teures Geschenk für Cornelia, nämlich ein schönes Kleid, und übergibt es ihr im Beisein seiner finanziell wie er selbst nicht auf Rosen gebetteten Mutter. Das ist ohne Frage sehr taktlos gegenüber der Mutter und passt überhaupt nicht zu Fabians Persönlichkeit. Im Buch findet sich auch nichts davon, dort erbittet sich lediglich Cornelia von Fabian einen Zuschuss zur Anschaffung eines Kleides fürs Vorsprechen für die Filmrolle. Zum Ende des Filmes heißt es plötzlich, Cornelia, die promovierte Juristin, sei im Wedding aufgewachsen, im sprichwörtlich roten Berliner Arbeiterbezirk. Was vollkommen unplausibel ist, denn dann würde sie niemals so sprechen und sich so verhalten, wie sie es tut. Im Buch ist sie wie Fabian eine Zugezogene aus der Provinz, vermutlich aus Süddeutschland, die in der Liebesszene bayrischen Schuhplattler tanzt. Das wiederum tut sie aber auch im Film, obwohl sie angeblich aus dem Wedding stammen soll… Der Geheimrat, der Ordinarius der Fakultät, der über Labudes Habilitationsschrift, zu befinden hat, wird im Film kurzerhand zum Nazi gemacht, der eine neue autoritäre Führung herbeisehnt. Im Buch kann davon keine Rede sein. Hier verkörpert der Geheimrat eher die besseren Tendenzen an der Universität, die es ja damals auch noch gegeben hat. Für die NS-Strömung steht hingegen dessen Assistent, was den Filmemachern aber wohl nicht genügt hat…

Gruß von Schillers “Taucher”

Und schließlich noch der schwerwiegendste Eingriff: Noch als Fabian nach zahlreichen Schicksalsschlägen Berlin den Rücken gekehrt hat und sich bereits wieder in seiner Heimatstadt Dresden aufhält, hält er im Film Kontakt mit Cornelia, die in der Wohnung lebt, die der Filmproduzent für sie angemietet hat, und verabredet sich mit ihr. Und während Fabian bei der oben erwähnten Rettungsaktion im Fluss ertrinkt, wartet Cornelia sehr lange und vergeblich in einem Berliner Café auf ihn. Das ist natürlich eine charmante Anspielung auf die Ballade „Der Taucher“ von Friedrich Schiller:

Da bückt sich’s hinunter mit liebendem Blick:
Es kommen, es kommen die Wasser all,
Sie rauschen herauf, sie rauschen nieder,
Den Jüngling bringt keines wieder.

Doch verkehrt dies die literarische Situation, wie sie aus der vorhergehenden Handlung entstanden ist, geradezu in ihr Gegenteil. So abgebrüht ist Fabian im Buch natürlich nicht, dass er es dauerhaft erträgt, wie Cornelia sich, um die begehrte Rolle zu bekommen, dem Filmproduzenten hingibt. Der Roman-Fabian, seinem Anspruch nach schließlich ein Moralist, ist weit davon entfernt, sich mit dieser Situation zu arrangieren, sondern ihm dient die Ausweglosigkeit seiner von Cornelia enttäuschten Liebe vielmehr als Anlass, Berlin zu verlassen. Durch diese Abweichung von der Romanhandlung schlägt der Film am Ende eine völlig andere Richtung ein, die auch seine Gesamtaussage entsprechend beeinflusst und zumindest beim aufmerksam mitdenkenden Zuschauer für nicht geringe Verärgerung sorgt.

Aber na gut, es ist nicht mehr zu ändern. So könnte dieser trotz allem sehr sehenswerte Film immerhin auch dafür sorgen, dass der eine oder andere Zuschauer vielleicht noch einmal die Romanvorlage aus dem Regal hervorzieht…

Fabian oder Der Gang vor die Hunde
Deutschland 2021
186 Minuten / FSK 12
Regie: Dominik Graf
Drehbuch: Dominik Graf / Christian Lieb
Darsteller: Tom Schilling (Jakob Fabian), Saskia Rosendahl (Cornelia Battenberg), Albrecht Schuch (Stephan Labude), Meret Becker (Irene Moll) u.v.a.

justament.de, 16.8.2021: 60 Jahre Mauerbau, 40 Jahre Verunzierung eines Fotos

Eine Geschichte aus der Schulzeit

Thomas Claer

So ähnlich hat es ausgesehen… (Collage: TC)

Vor 60 Jahren und drei Tagen hat die DDR die Berliner Mauer errichtet. Vor fast 50 Jahren bin ich hinter dieser Mauer in der DDR geboren worden. Und vor ca. 40 Jahren, so ganz genau kann ich es nicht mehr sagen, jedenfalls muss ich wohl damals in der 3. oder 4. Klasse gewesen sein, wäre mir ein ikonisches Schwarzweiß-Foto vom Mauerbau beinahe zum Verhängnis geworden. Es war in unserem Heimatkunde-Buch abgedruckt und zeigte vier uniformierte Männer mit sehr entschlossenem Gesichtsausdruck, die jeweils ihren Finger am Abzug ihrer bedrohlich großen Gewehre hatten. Vor allem aber standen sie direkt vor dem Brandenburger Tor und schienen dieses zu bewachen. Es waren, wie die unter dem Bild stehende Beschriftung verriet, keine Soldaten, sondern Angehörige der „Kampfgruppen“, einer zusätzlich rekrutierten, heute würde man vielleicht sagen: paramilitärischen Einheit neben Polizei und Armee, die dort im Einsatz waren und – wie uns von unserer Lehrerin eingeschärft wurde – heldenhaft die Staatsgrenze unserer Deutschen Demokratischen Republik gegen westliche imperialistische Provokateure verteidigten.

Tatsächlich habe ich dieses Bild sofort wiedererkannt, als es vor einigen Tagen in einer Rückblende im „Heute Journal“ gezeigt wurde. Und es war auch gar nicht schwer, es aus dem Internet zu fischen. Wenn ich es heute, mit so großem zeitlichen Abstand, noch einmal betrachte, dann wirft es bei mir allerdings Fragen auf, die ich mir früher begreiflicherweise nie gestellt habe. Auf welcher Seite des Brandenburger Tores stehen diese Kampfgruppen denn eigentlich? Und auf wen richten sie ihre Gewehre? Entweder stehen sie auf der Ost-Seite und drohen der eigenen fluchtwilligen Bevölkerung, dann wäre das Bild aber ein grandioses propagandistisches Eigentor gewesen… Oder sie stehen auf der West-Seite und drohen dem Westen. Aber dann würden sie doch noch hinter den ganzen östlichen Grenzschutzanlagen stehen, und wie konnte überhaupt ein Fotograf auf dieses verminte Gelände gelangen?

Damals, als Dritt- oder Viertklässler, lagen mir solche Überlegungen natürlich noch fern. Und es hatte auch ganz bestimmt keinen politischen Hintergrund, dass ich frecherweise den Männern auf diesem Foto während des langweiligen Unterrichts mit dem Bleistift Bärte und Brillen gemalt hatte. (Schon seinerzeit hatte ich offenbar eine besondere Vorliebe für die kreative Bearbeitung von Fotomaterial…) Woraufhin unsere überaus strenge und politisch ultra-linientreue Klassenlehrerin ein riesiges Fass aufmachte, so dass ich gar nicht mehr wusste, wie mir geschah. Entrüstet und bebend vor Zorn hielt sie das Heimatkunde-Buch mit meiner Foto-Collage vor der Klasse in die Höhe, machte dabei ein angewidertes Gesicht und schimpfte mit schneidender Stimme, dass ich diese Männer, die heldenhaft unseren Sozialismus verteidigten, ins Lächerliche zöge und wie ich mich nur erdreisten könnte. Dabei hatte ich mir wirklich überhaupt nichts dabei gedacht. Erschrocken griff ich nach meinem Radiergummi und wollte meine Verunzierungen der Helden schnell wieder beseitigen, aber so leicht kam ich natürlich nicht davon.

Wie immer, wenn jemand von uns etwas ausgefressen hatte, forderte unsere Lehrerin die anderen Schüler auf, dazu Stellung zu nehmen. Und natürlich nutzten einige meiner Mitschüler die Gelegenheit, um sich von meiner abscheulichen Tat aufs Schärfste zu distanzieren. Nachdem ich mich dann aber auch noch kleinlaut für meinen bedauerlichen Fehltritt entschuldigt hatte, war die Sache zum Glück für mich erledigt. Es hätte auch schlimmer für mich ausgehen können. Andere hatten sich für vergleichbar geringfügige Verfehlungen auch schon mal einen Tadel eingehandelt.

justament.de, 9.8.2021: Geheimnisvoller Geheimtipp

Scheiben vor Gericht Spezial: Vor zehn Jahren starb die Berliner Songwriterin Barbara Gosza (1966-2011)

Thomas Claer

Wenn Pop-Musiker in jungen Jahren sterben, werden sie schnell zur Legende. Ein wenig ist es auch mit der Sängerin und Songwriterin Barbara Gosza so gekommen, die vor zehn Jahren, im Mai 2011, tot in ihrer Berliner Wohnung aufgefunden wurde, auf tragische Weise verstorben an den Folgen eines epileptischen Anfalls.

Ein bemerkenswertes, wenn auch relativ überschaubares Werk hat sie uns hinterlassen, aus dem vor allem das wundervolle Album „Beckett & Buddha“ aus dem Jahr 1992 hervorzuheben ist: eine in sich ruhende, melancholische, vollendet schöne Folk-Platte, produziert von Sven Regener, der Jahre später hierzu lediglich zu Protokoll gegeben hat, dass ihm diese temperamentvolle Dame als „sehr anstrengend“ in Erinnerung geblieben ist… Wohl auch zur Legendenbildung beigetragen hat offenbar der Umstand, dass Barbara Gosza zeit ihres Lebens ein Geheimtipp geblieben ist, dem zumindest ein größerer kommerzieller Durchbruch nicht vergönnt war, obwohl an schwärmerischen Bewunderern – vor allem unter den Musikkritikern – gewiss kein Mangel geherrscht hat…

Die unsichere Quellenlage bezüglich dieser semiprominenten Musikerin bringt es mit sich, dass im Netz zum Teil widersprüchliche Angaben zu ihrer Biographie kursieren. Als gesichert gelten kann, dass sie 1966 geboren wurde, als Tochter tschechischer Einwanderer zunächst in Chicago aufgewachsen ist und dann einen großen Teil ihrer Kindheit in Athen verbracht hat. Nach anderen Quellen soll sie aber auch in München aufgewachsen sein und ihr Boheme-Leben als Metro-Musikerin in Paris begonnen haben. Wiederum woanders heißt es, ihre künstlerische Sozialisation sei in den Cabarets von Berlin erfolgt.

Sicher ist zumindest, dass sie dort um 1990 herum lebte, als ihre erste Platte, „Love it is“, auf dem Bremer Indie-Label „Strangeways“ erschien. Nach dem vielbeachteten – und bis heute heiß geliebten – Nachfolgewerk „Beckett & Buddha“, auf dem u.a. Christian Komorowski (Deine Lakaien, EoC-Umfeld) Geige spielte (1992), ging Barbara Gosza für einige Jahre nach Frankreich und brachte dort zwei Platten heraus: „Ceremonies“ (1995) erschien auf dem französischen Ableger von BMG/Ariola – offenbar hatte ihr also das überschwängliche Kritiker-Lob des Vorgänger-Albums einen Major-Plattenvertrag verschafft. Vier Jahre später folgte dann auf dem Naive-Label das von Carlos Peron (ex YELLO) produzierte „Purify“.

In der Zwischenzeit, d.h. in den Jahren zwischen diesen beiden Veröffentlichungen, soll sie beim Schweizer Maler HR Giger (1940-2014) Malerei studiert und außerdem mehrere Gedichts-Sammlungen herausgebracht haben (von denen sich aber keine Spuren mehr finden lassen). Zurück in Berlin produzierte sie nach langer Pause erneut mit Carlos Peron ein weiteres, ihr fünftes und letztes, Studioalbum namens „Passion Play“ für das Label Blue Note, das bei diesem allerdings nie erschienen, heute jedoch gottlob als Download sowie auf YouTube verfügbar ist, ebenso wie ein Live-Konzertmitschnitt aus Paris von 1999.

Das ist so ziemlich alles, was heute noch in Erfahrung zu bringen ist über die mysteriöse und bezaubernde Barbara Gosza, die sich leider viel zu früh in den Musiker-Himmel verabschiedet hat.

Barbara Gosza
Love it is
Strange Ways Records 1990

Barbara Gosza
Beckett & Buddha
Strange Ways Records 1992

Barbara Gosza
Ceremonies
Semantic/BMG/Ariola 1995

Barbara Gosza
Purify
Naive 1999

Barbara Gosza
Passion Play
Nur als Download 2009

Barbara Gosza
Live at Strasbourg, 23.9.1999
Nur als Download 2020

justament.de, 14.9.2020: Kritik der Kollateralschäden

Maike Rosa Vogel auf ihrer sechsten CD “Eine Wirklichkeit”

Thomas Claer

Leidenschaftlich, kraftvoll und energisch sind die Frauen des Jahrgangs 1978, geboren im Jahr des Pferdes nach dem chinesischen Horoskop. So wie Franziska Giffey oder Charlotte Roche – oder wie Maike Rosa Vogel, deren mittlerweile sechste CD wir gerade glücklich in den Händen halten. Und alles, was diese wort- und klanggewaltige Liedermacherin aus Prenzlauer Berg ausmacht, findet sich in der gewohnten Fülle auch auf diesem Tonträger. Zwar ist sie, man muss es immer wieder betonen, eigentlich am besten, wenn sie nur mit ihrer Gitarre bewaffnet auf der Bühne steht, weshalb ihr neues, aufwendig instrumentiertes Album mit Auftritten mehrerer Gastmusiker streckenweise ein wenig überproduziert wirkt. Und doch ist ihr manches, und gar nicht so weniges, auf “Eine Wirklichkeit” sogar auf besondere Weise gelungen. So enthält diese Platte selbst nach ihren Maßstäben eine ungewöhnliche Vielzahl herausragender Songs: das feurige Liebeslied “Nie genug”; das melancholisch-tiefsinnige “Die gleichen Stümper”; das dank Sven Regeners Jazz-Trompete und auch sonst bemerkenswert groovende “Baby & Johnny” (noch dazu mit einem so anrührenden Text!); das ein – für ihre Verhältnisse – erstaunlich realistisches Menschenbild textlich und musikalisch umsetzende “Der allerletzte Grund” (es geht um die Schönheit des Angebeteten, die von außen und die von innen, wobei diese natürlich ganz maßgeblich im Auge der Betrachterin liegt…) und – nicht zu vergessen – “Einfach so”, das heitere Duett mit dem Kollegen Felix Meyer, das einen schon ziemlich an das Lied “Herz ist Trumpf” von Achim Reichel erinnert, was aber keineswegs ein Einwand sein soll. So wie auch der Refrain im Lied “Heimat” schwer nach “Watt?” von Torfrock klingt, was aber ebenfalls nicht schlimm ist…

Doch nun zum stärksten Song des Albums, der schon zwei Jahre alt ist und auf dieser Platte in einer (musikalisch) anderen Version erscheint als auf YouTube: “Unser Geld ist wichtiger als ihr”. Ein rigoroser und kompromissloser antikapitalistischer Protestsong, wie er im Buche steht! Er richtet sich mit aller Wucht gegen “die Autoindustrie” und “die Vermieter”. In (selbst-)gerechtem Zorn klagt das lyrische Ich über letztere wie folgt:

“In Deutschland nehmen Menschen
Mieten von den anderen Menschen,
Die nicht die Sorge haben, sich zu überlegen,
Wie sie ihr Erbe investieren in Immobilien in Berlin
Denn bei der Bank gibt es gerade viel zu wenig Zinsen.
Und damit die mit so viel Geld überhaupt noch was verdienen,
Zahlen andere die immer höheren Mieten.
Selber kaufen können sie nichts,
Denn aus kapitalistischer Sicht
Bist du frei genug zum Miete zahlen,
Aber gehören tut dir dadurch nichts.
Und immer dann, wenn einer etwas kann,
Was andere nie können,
Nur weil er Geld hat
Und er hat es nicht verdient.
Ist das ein Fuckyou an die Menschheit,
Jeden einzelnen von uns,
Das sagt: unser Geld ist wichtiger als wir.

Und immer dann, wenn einer nimmt von Menschen, die kaum etwas haben,
Damit der große Haufen Geld von ihm noch etwas größer wird,
Ist das ein Fuckyou an die Kinder dieser Menschen,
Das sagt: Unser Geld ist wichtiger als ihr.”

So sieht es aus Mieterperspektive also aus, ein Schlag voll in die Fresse der Kleinvermieter. Und damit hat das erzählende Ich in diesem Song zweifellos (s)eine subjektive Wahrheit ausgesprochen – und das in meisterhafter Zuspitzung. Aber… Eigentlich könnte und müsste man eine längere Abhandlung, ja einen ganzen Roman über die Einseitigkeit und himmelschreiende Ungerechtigkeit dieser Haltung schreiben! Hier nur so viel in aller Kürze: Wirklich abenteuerlich wäre es, Berliner Vermietern maßlose Gier und Gewinnstreben vorzuwerfen, wenn sie mit den Wohnungen, in die sie investiert haben, Renditen von weit weniger als drei Prozent einfahren (was heute die Regel ist), während das Vermieten auch noch mit einem erheblichen Kraft- und Zeitaufwand verbunden ist, insbesondere was die oft äußerst mühsame Organisation von Reparaturen und Renovierungen betrifft. (Jene Vermieter hingegen, die heute Renditen zwischen vier und sechs Prozent erzielen, haben ihre Berliner Wohnungen bereits in Zeiten gekauft, als noch ein signifikantes Leerstandsrisiko bestand. Sie sind also ein unternehmerisches Risiko eingegangen und werden dafür nun belohnt; es hätte für sie aber auch schiefgehen können…) Und wer sich das Vermieten bei so begrenztem Anreiz nicht mehr antun möchte, kann seine Wohnungen doch jederzeit auch an Selbstnutzer verkaufen und sie somit dem Mietmarkt entziehen, was die Wohnungsnot weiter vergrößern würde. Es wäre also völlig verfehlt, kleinen Vermietern die Schuld an der Wohnungsmisere zuzuschreiben. Man sollte ihnen eher Anerkennung zollen, dass sie die Mühen (und oftmals auch den Ärger!) des Vermietens weiter auf sich nehmen. Wer wirklich viel Geld hat, würde seine Wohnungen doch niemals vermieten (bei im Verhältnis zu den eingesetzten Mitteln so überschaubaren Erträgen), sondern sie nur als Geldparkplatz behalten und leer stehen lassen bzw. vielleicht einmal im Jahr ein paar Tage darin verbringen.

Aber das lyrische Ich wälzt ja auch keineswegs alle Schuld auf die einzelnen Vermieter ab, sondern beschreibt sehr zutreffend den Anlagenotstand aufgrund der Niedrigzinspolitik der Zentralbanken. Trifft dann also EZB, Fed & Co., diese Erfüllungsgehilfen des Finanzkapitals, die Hauptschuld? Wer das glaubt, sollte sich vor Augen halten, dass die entschlossene Niedrigzinspolitik der Notenbanken als Reaktion auf die Finanzkrise 2008f. und aktuell als Reaktion auf den Corona-Lockdown entscheidend dazu beigetragen hat, eine Weltwirtschaftskrise zu verhindern, wie wir sie vor knapp einem Jahrhundert erlebt haben, die Millionen von Menschen in den wirtschaftlichen Ruin getrieben hat und den Zweiten Weltkrieg mit seinen vielen Millionen Toten mit herbeigeführt hat. Nur weil die Zentralbanken – geleitet von fachwissenschaftlichem Sachverstand – diesmal die angemessenen Lehren aus der Geschichte gezogen und die Geldmenge erhöht statt wie damals gedrosselt haben, sind uns Massenarbeitslosigkeit, Not und Elend erspart geblieben. Allerdings führt eine solche jahrelange Politik des billigen Geldes zwangsläufig zu einer Inflation der Vermögenspreise, lässt also den Wert von Immobilien und Aktien (sofern es grundsätzlich eine Nachfrage für sie gibt) bedeutend steigen, was “Kollateralschäden” wie den im Lied beschriebenen (“immer höhere Mieten”) mit sich bringt.

Natürlich ist es legitim und sogar außerordentlich verdienstvoll, dies anzuprangern, da hier ein politisches Gegensteuern nötig ist, das allerdings zielführend und intelligent sein sollte, was eine gesetzliche Deckelung der Miethöhe ganz sicher nicht ist, da sie Anreize zum Investieren abwürgt und die Wohnungsnot dadurch nur verschlimmert… Und noch dazu erscheint das aktuelle Mietniveau in Berlin – trotz der rasanten Anstiege der letzten Jahre – sowohl im nationalen als auch im internationalen Vergleich noch als äußerst moderat. (Wir reden über die Hauptstadt der viertgrößten Volkswirtschaft der Welt und die fünftgrößte Stadt Europas!) Und niemand sollte die Augen davor verschließen, was die Bewirtschaftung einer Immobilie auf lange Sicht kostet und wie wenig von den Einnahmen der Vermieter als deren Gewinn übrig bleibt. Das Problem in Berlin sind jedenfalls eher die ungewöhnlich niedrigen Löhne als die angeblich zu hohen Mieten!

Ist dann also letzten Endes doch wieder “der Kapitalismus” schuld mit seiner perversen Logik der Gewinnmaximierung, die alle Beteiligten nur zu Getriebenen macht? So suggerieren es ja die beiden letzten zitierten Strophen des Songs. Und auch hier kann man nur sagen: Die Kritik dieser Kollateralschäden des Kapitalismus – wer Geld hat, kann etwas, was andere nicht können – ist aller Ehren wert. Aber wäre es ohne Kapitalismus wirklich besser? Wenn nicht das Portemonnaie, sondern eine Partei bestimmt, wer etwas darf und wer nicht und wer eine Wohnung bekommt und wer nicht? Denn die Wohnungsnot wäre ja auch nach einer Abschaffung des Kapitalismus keineswegs beseitigt, solange die Nachfrage nach Wohnungen in bestimmten Lagen das bestehende Angebot bedeutend überschreitet… Bis vor dreißig Jahren hat man westlichen Kapitalismuskritikern immer gesagt: “Geh doch nach drüben!” Bis sich die Grenzen öffneten und die Menschen mit den Füßen abgestimmt haben, in umgekehrter Richtung. Heutigen Kapitalismus-Kritikern könnte man stattdessen sagen: “Geh doch ins rot-rot-grüne Mietendeckel-Berlin und versuch dort mal, eine Wohnung zu finden!” Nur dass diesmal ironischerweise die Abstimmung mit den Füßen genau in diese Richtung erfolgt. Alle wollen nach Berlin, obwohl es so schwer ist, dort eine Wohnung zu finden…

Aber nun habe ich doch wieder so viel geschrieben, was ich eigentlich gar nicht wollte. Es ist einfach so aus mir herausgebrochen… Doch was kann man Besseres über den Song einer Liedermacherin sagen, als dass er profunde Denkanstöße gibt und zu tiefschürfenden Diskussionen und ausschweifenden Betrachtungen einlädt. Ein paar schwächere Stücke sind auch noch auf dem Album, aber die fallen nicht weiter ins Gewicht. Einen Extrapunkt gibt es für das prachtvoll gestaltete Booklet mit z.T. atemberaubenden Fotos aus Maikes wilder Jugendzeit. Das Gesamturteil lautet: gut (13 Punkte).

Maike Rosa Vogel
Eine Wirklichkeit
Eigenvertrieb 2020
www.maikerosavogel.com

justament.de, 20.7.2020: Systemkrieger mit Instrumenten

Scheiben vor Gericht Spezial: 50 Jahre Ton Steine Scherben

Thomas Claer

Die Geburtsstunde der deutschsprachigen Rockmusik war nicht „Alles klar auf der Andrea Doria“ von Udo Lindenberg. Schon drei Jahre zuvor, im Sommer 1970, vor genau einem halben Jahrhundert, brachten ein paar Westberliner Theatermusiker eine Single heraus mit dem parolenhaften Titel: „Macht kaputt, was euch kaputtmacht!“ Sie nannten sich Ton Steine Scherben – und ihr Name war Programm. Umstritten ist bis heute, ob der seltsame Bandname auf ein Schliemann-Zitat bei der Entdeckung Trojas („Was ich fand, waren Ton, Steine, Scherben.“) oder auf die westdeutsche Industriegewerkschaft Bau-Steine-Erden zurückgeht. Gemeint war jedenfalls, und so wurde es auch von allen verstanden: Unsere Töne sind wie geworfene Steine aufs verhasste System, das bald in Scherben liegen wird. Das war keine Unterhaltungsmusik, sondern politischer Kampf mit den Mitteln der Kunst. Bald wurden Ton Steine Scherben mit ihrer ein Jahr später erschienenen Debüt-LP „Warum geht es mir so dreckig?“ und dem Folgewerk „Keine Macht für niemand!“ zum populären Sprachrohr der Kreuzberger linksalternativen Szene. In erster Linie lag das natürlich an ihrer unglaublich guten, eruptiven, explosiven Musik und ihren brachial herausgebrüllten Texten, in denen sich ihr Publikum wiedererkannte: die (relativ) wenigen Hausbesetzer und Schwarzfahrer, Sachbeschädiger und Polizistenverprügler und die vielen, die damit irgendwie sympathisierten. Als Jurist ist man allerdings einigermaßen fassungslos darüber, was sie da in ihren Texten alles propagiert haben. Klar, dass ihnen das damals keine Plattenfirma abnehmen wollte. Also gründeten die Musiker kurzerhand ihr eigenes Label: die David Volksmund Produktion – und wurden so auch noch zu Gründungsvätern der deutschen Independent-Musik.
Natürlich stellt sich auch hier die Frage, ob man angesichts der künstlerischen und kulturhistorischen Bedeutung der „Scherben“ über die textlichen Entgleisungen in ihrem Frühwerk – etwa dass „Bullen die Köppe eingeschlagen” werden sollen, wie es im Rauch-Haus-Song heißt – hinwegsehen kann. Nun gut, das haben zornige junge Männer mit Anfang zwanzig getextet… Aber müsste man dann nicht auch den Bösen Onkelz ihre Jugendsünden wie das ähnlich wütend herausgebrüllte unsägliche Lied „Türken raus!“ durchgehen lassen (von dem sie sich noch dazu später wiederholt distanziert haben)? Doch wie weit tragen schon moralistische Einwände in der Kunst? Andererseits: Darf die Kunst alles legitimieren? Verdienen pseudorevolutionäre Gewaltphantasien mehr Nachsicht als völkische Ressentiments? All das ist schwer zu sagen. Sicher ist nur: Vor 50 Jahren entstand in Berlin-Kreuzberg die erste Rockmusik in deutscher Sprache aus dem Geiste einer empörten Gegenkultur.

Ton Steine Scherben
Warum geht es mir so dreckig?
David Volksmund Produktion 1971

Ton Steine Scherben
Keine Macht für niemand!
David Volksmund Produktion 1972

justament.de, 13.7.2020: Fernbeziehung fällt ins Wasser

Fernbeziehung fällt ins Wasser

Recht cineastisch, Teil 37: „Undine“ von Christian Petzold

Thomas Claer

Endlich mal wieder ins Kino nach der langen Corona-Pause. Da kommt „Undine“, das neue Werk von Christian Petzold, doch gerade richtig. Denn diesmal hat sich der Altmeister der „Berliner Schule“ einem besonders reizvollen Gegenstand gewidmet: dem alteuropäischen Undinen-Mythos, wonach jene Wassernymphen, deren bezaubernder Gesang mitunter nachts über unseren Gewässern zu hören sein soll, eine Seele bekommen, wenn sie sich mit einem Menschen vermählen. Wird derjenige seiner Undine jedoch untreu, dann tötet sie ihn und kehrt sodann wieder ins Wasser zurück.
Die Film-Undine (Paula Beer) allerdings lebt zunächst einmal im Hier und Jetzt, genau genommen am Hackeschen Markt in Berlin-Mitte in einem winzigen Mikro-Apartment. Als junge Freelancerin arbeitet die promovierte Historikerin in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen und macht Führungen für Reisegruppen zum Thema Stadtgeschichte. Der Industrietauscher Christoph (Franz Rogowski) hört Undines Vortrag und ist gleich hin und weg von ihr. Dass Undine gerade von ihrem Mann (Jacob Matschenz) verlassen worden ist, macht sie besonders empfänglich für Christophs Verliebtheit, und die beiden erleben wie im Rausch eine beglückend intensive Zeit, der auch die unvermeidliche Pendelei – Christoph lebt und arbeitet in NRW – nichts anhaben kann. Dramatische Abschiede auf Bahnsteigen, das fortwährende Warten aufeinander, ein kleines Geschenk als Liebespfand – das volle Programm einer romantischen Fernbeziehung. Aber dann kommt es knüppeldick: Undine wird von ihrem Ex umgarnt, der sie zu sich zurückholen will, Christoph bemerkt das und verunglückt bald darauf beim Tauchen. Aber Undine opfert sich für ihn, der bereits hirntot im Krankenhaus liegt, indem sie den Mythos wahr macht, ihren nur vorübergehend reumütigen verräterischen Ex erwürgt und anschließend für immer in einen See abtaucht. In diesem Moment wird Christoph wundersamer Weise wieder gesund. Später beginnt er, da er Undine nicht mehr finden kann, eine Partnerschaft mit seiner Kollegin Monika (Maryam Zaree), die zwei Jahre später ein Kind von ihm erwartet. Dennoch bleibt er weiter besessen von Undine, die ihm unversehens bei einem Taucheinsatz unter Wasser begegnet und seine Hand ergreift. Fortan zieht es ihn immer wieder zu diesem See, an dem Undine ihm auch weiterhin als Wassergeist erscheint. Und so behält Christoph am Ende gleich zwei Partnerinnen: aus Fleisch und Blut an seiner Seite die eine, ein irreales Fabelwesen unter Wasser die andere. Und wieder einmal ist Christian Petzold ein ergreifender Film voller schöner Bilder gelungen.

Undine
Deutschland/Frankreich 2020
Regie: Christian Petzold
Drehbuch: Christian Petzold
Länge: 90 min
FSK: 12
Darsteller: Paula Beer (Undine Wibeau), Franz Rogowski (Christoph), (Monika), Jacob Matschenz (Johannes) u.v.a.

justament.de, 1.6.2020: Die Rache der Wilmersdorfer Witwen

Tiergarten macht den größten Sprung, Szenekieze rutschen ab, aber Gentrifizierung 2.0 in Geheimtipp-Lagen: Überraschendes und Erwartbares im neuen Wohnmarktreport Berlin

Thomas Claer

Da haben Berlin Hyp und CBRE mal wieder ganze Arbeit geleistet, denn unter all den Mietmarkt- und Immobilienmarkt-Erhebungen über das Wohnen in unserer Hauptstadt nimmt der inzwischen schon traditionsreiche „Wohnmarktreport Berlin“ eine Sonderstellung ein. Nirgendwo sonst lässt sich ein so immenses – frei zugängliches – Zahlenwerk finden, das von den Angebots-Mietpreisen des zurückliegenden Jahres über die durchschnittlichen Wohnungsgrößen bis hin zum mittleren Einkommen pro Haushalt reicht – und all das für jeden der 190 Postleitzahlbezirke dieser Stadt! Auch in diesem Jahr gräbt man sich als thematisch affiner Leser also gespannt durch die 168 Seiten, auf denen es wie immer eine Menge zu entdecken gibt.

Und zunächst einmal ist festzustellen: Die Zeiten rasant steigender Mieten sind wohl erst einmal vorbei. Mietpreisbremse und Berliner Mietendeckel haben ihre Wirkung nicht verfehlt – wenn auch in mancher Hinsicht anders als von ihren Urhebern beabsichtigt. Das Angebot an Bestandswohnungen der Baujahre vor 2014 dünnt aus. Der Mietmarkt verlagert sich offenbar zunehmend in rechtliche Grauzonen, oder die Eigentümer sind es leid und verkaufen an Selbstnutzer. Deren Nachfrage nimmt, wie die anhaltend steigenden Kaufpreise beweisen, weiter zu, was auch daran liegen könnte, dass Wohnungssuchende, die es sich leisten können, regelrecht zum Kaufen gezwungen werden, denn zum Mieten fehlt es infolge der öffentlichen Regulierungen schlicht an Angeboten. Kurzum, für Wohnungssuchende wird es künftig wohl eher noch schwieriger werden…

So ist zwar aus den genannten Gründen bei den gemessenen Mietpreisen von einem reichlich verzerrten Bild auszugehen. Und dennoch fehlt es den neuesten Erhebungen nicht an Aussagekraft, zeigen sie doch einige bemerkenswerte Trends auf: Der Mythos der Szenekieze scheint langsam zu verblassen. Während sich Friedrichshain und Prenzlauer Berg noch halbwegs halten können, geht es mit Nord-Neukölln und insbesondere Kreuzberg – nach jahrelangen rasanten Mietanstiegen – im Stadtteil-Ranking (siehe unten) doch signifikant bergab. Dafür erlebt der gutbürgerliche (zentrale) Westen eine Renaissance. Wilmersdorf springt von Platz 6 auf Platz 4, Tiergarten sogar von Platz 5 auf Platz 2 (den noch vor einem Jahr Kreuzberg innehatte, das nun aber bis auf Platz 6 durchgereicht wird). Einzig der fulminante Aufwärtstrend im neu-alternativen Bezirk Wedding, der jetzt nur noch knapp hinter dem großbürgerlichen Zehlendorf liegt, ist voll intakt.

Charlottenburg verharrt gut behauptet auf Platz 7 in Lauerstellung, profitiert dabei aber auch von einem neuartigen Trend in seinem Nordosten: Die noch vor wenigen Jahren als langweilig geschmähte Gegend um den Mierendorff-Platz (wo die Einkommensstruktur noch immer unterdurchschnittlich ist) hat nunmehr den Sprung auf Platz 22 der Kieze mit dem stärksten Mietpreis-Anstieg der letzten 11 Jahre geschafft – und das weitgehend ohne den sonst typischerweise preistreibenden Zuzug von Künstlern und Alternativen. Vielmehr erlebte diese Gegend zuletzt eine Ansiedlung von kleinen Start-Up-Büros in großer Zahl, die sich in den z.T. seit Jahren leer stehenden Ladenlokalen einquartierten. Ihnen folgte dann die entsprechende Gastronomie – eine Art Gentrifizierung 2.0 also…

Nun bleibt freilich abzuwarten, wie sich die Corona-Krise auf den Berliner Miet- und Kaufimmobilienmarkt auswirken wird. Wird sie angesichts von wirtschaftlicher Rezession und zunehmender Arbeitslosigkeit zu einer allgemeinen Abkühlung führen? Oder wird sich womöglich wiederholen, was schon in den Jahren nach der Finanzkrise zu beobachten war: Dass nämlich Deutschland schneller und besser als andere aus der Talsohle herauskommt und es dadurch erneut scharenweise junge Leute aus Süd- und Osteuropa in seine Hauptstadt zieht, deren Bevölkerungswachstum sich zuletzt deutlich abgeschwächt hat? Wie auch immer, es bleibt spannend auf Deutschlands „heißestem Immobilienmarkt“.

 

Wohnkosten in Berliner Bezirken (Angebotskaltmiete pro qm) gem. Wohnmarktreport 2019 (2008) nach Alt-Bezirken

1. Mitte (Alt) 15,47 (9,54) +62,2% alternativ/repräsentativ
2. Tiergarten 13,47 (6,33) +112,8% gemischt/lebendig
3. Friedrichshain 13,28 (6,60) +101,2% alternativ/lebendig
4. Wilmersdorf 13,11 (8,06) +62,7% großbürgerlich/bürgerlich
5. Prenzlauer Berg 13,04 (7,32) +78,1% alternativ/neubürgerlich
6. Kreuzberg 12,96 (6,37) +103,5% alternativ/lebendig
7. Charlottenburg 12,37 (7,24) +70,9% großbürgerlich/lebendig
8. Schöneberg 12,07 (7,24) +66,7% bürgerlich/lebendig
9. Zehlendorf 11,54 (7,94) +45,3% großbürgerlich/bürgerlich
10. Wedding 11,37 (5,26) +116,2% neualternativ/proletarisch
11. Neukölln 10,52 (5,23) +101,1% alternativ/proletarisch
12. Steglitz 10,42 (6,45) +61,6% bürgerlich/kleinbürgerlich
13. Treptow 10,31 (5,53) +86,4% proletarisch/lebendig
14. Pankow 10,30 (6,28) +64,0% bürgerlich/lebendig
15. Köpenick 9,86 (6,14) +60,6% bürgerlich/proletarisch
16. Tempelhof 9,62 (5,82) +65,3% kleinbürgerlich/bürgerlich
17. Lichtenberg 9,60 (5,50) +74,5% proletarisch/kleinbürgerl.
18. Weißensee 9,51 (5,50) +72,9% bürgerlich
19. Reinickendorf 9,25 (5,76) +60,6% kleinbürgerlich/bürgerlich
20. Spandau 8,81 (5,43) +62,2% kleinbürgerlich/lebendig
22. Hellersdorf 8,65 (5,30) +63,2% proletarisch/gemischt
21. Hohenschönhausen 8,23 (5,96) +38,1% proletarisch/gemischt
23. Marzahn 7,74 (4,85) +59,6% proletarisch/gemischt

Quelle: Wohnmarktreport Berlin 2020 / eigene Berechnungen

 

Top 30 der Postleitzahlbezirke nach Höhe der Angebotskaltmiete pro qm 2019 (2008)

1. 10557 Moabit Südost / Hauptbahnhof / Bellevue (Tiergarten) 16,35 (6,50) +151,5%
2. 10785 Potsdamer Platz / Lützowstr. (Tiergarten) 16,32 (7,80) +109,2%
3. 10179 Jannowitzbrücke (Mitte) 16,00 (7,40) +116,2%
4. 10115 Chausseestraße (Mitte) 15,60 (8,40) +85,7%
5. 10178 Hackescher Markt/ Alexanderplatz (Mitte) 15,52 (10,30) +50,7%
6. 10963 Kreuzberg-West / Möckernbrücke (Kreuzberg) 15,23 (6,70) +127,3%
7. 10117 Unter den Linden (Mitte) 15,18 (12,60) +20,5%
8. 10119 Rosenthaler Platz (Mitte) 15,06 (9,00) +67,3%
9. 10623 Savignyplatz (Charlottenburg) 15,09 (9,00) +67,7%

10. 10719 Ludwigkirchplatz/ Kurfürstendamm (Wilmersdorf) 15,00 (9,70) +54,6 %
11. 10629 Sybelstraße/ Kurfürstendamm (Charlottenburg) 14,44 (9,00) +60,4%
12. 10707 Olivaer Platz / Kurfürstendamm (Wilmersdorf) 14,42 (8,40) +71,7%
13. 14193 Grunewald (Wilmersdorf) 14,31 (10,60) +35,0%
14. 10435 Kollwitzplatz (Prenzlauer Berg) 14,19 (8,60 ) +65,0%
15. 13355 Humboldthain/ Brunnenviertel (Wedding) 14,06 (5,00) +181,2%
16. 10405 Prenzlauer Allee (Prenzlauer Berg) 14,05 (7,80) +80,1%
17. 10245 Ostkreuz / Boxhagener Platz (Friedrichshain) 14,00 (6,80) +105,9%
18. 14057 Lietzensee (Wilmersdorf) 13,98 (7,60) +83,9%
19. 12047 Maybachufer („Kreuzkölln“)(Neukölln) 13,97 (5,50) +154,0%
20. 10965 Mehringdamm / Bergmannstraße (Kreuzberg) 13,91 (6,30) +120,8%
21. 10711 Halensee (Wilmersdorf) 13,91 (7,70) +80,6%
22. 10829 Schöneberger Insel / Julius-Leber-Brücke (Schöneb.) 13,80 (6,30) +119,0%
23. 10243 Ostbahnhof (Friedrichshain) 13,75 (6,60) +108,3%
24. 10787 Bahnhof Zoo/ Kurfürstenstraße (Tiergarten) 13,71 (8,30) + 65,2%
25. 10437 Helmholtzplatz (Prenzlauer Berg) 13,64 (7,70) +77,1%
26. 14195 Dahlem (Zehlendorf) 13,56 (9,40) +44,3%
27. 10439 Arnimplatz(Prenzlauer Berg) 13,52 (6,50) +108,0%
28. 12049 Hermannstraße West (Reuterkiez)(Neukölln) 13,41 (5,10) +162,9%
29. 10555 Alt-Moabit-West (Tiergarten) 13,39 (5,90) +126,9%
30. 10247 Samariterstraße (Friedrichshain) 13,36 (6,40) +108,8%

Quelle: Wohnmarktreport Berlin 2020 / eigene Berechnungen

 

Gebiete mit dem stärksten Anstieg der Angebotskaltmieten im Elfjahreszeitraum

1. 13355 Humboldthain/ Brunnenviertel (Wedding) 14,06 (5,00) +181,2%
2. 12049 Hermannstraße West /Reuterkiez (Neukölln) 13,41 (5,10) +162,9%
3. 12051 Hermannstraße Süd (Neukölln) 12,75 (5,00) +155,0%
4. 12047 Maybachufer („Kreuzkölln“) (Neukölln) 13,97 (5,50) +154,0%
5. 10557 Moabit SO/ Hauptbahnhof / Bellevue(Tiergart.) 16,35 (6,50) +151,5%
6. 12055 Richardplatz (Neukölln) 12,26 (5,00) +145,2%
7. 12053 Rollbergstraße (Neukölln) 12,01 (4,90) +145,1%
8. 12045 Sonnenallee Nord (Neukölln) 12,53 (5,20) +141,0%
9. 13359 Soldiner Straße (Wedding) 11,00 (4,70) +134,0%
10. 12059 Weigandufer (Neukölln) 11,57 (5,00) +131,4%
11. 10557 Moabit SO / Hauptbahnhof / Bellevue (Tierg.) 15,00 (6,50) +130,7%
12. 10553 Beusselstraße (Moabit/Tiergarten) 11,74 (5,10) +130,2%
13. 13347 Nauener Platz (Wedding) 11,63 (5,10) +128,0%
14. 10963 Kreuzberg-West / Möckernbrücke (Kreuzberg) 15,26 (6,70) +127,8%
15. 10555 Alt-Moabit-West (Tiergarten) 13,39 (5,90) +126,9%
16. 12435 Treptower Park (Treptow) 12,65 (5,70) +121,9%
17. 13351 Rehberge (Wedding) 11,05 (5,00) +121,0%
18. 10965 Mehringdamm / Bergmannstraße (Kreuzberg) 13,91 (6,30) +120,8%
19. 10829 Schöneberger Insel / Julius-Leber-Brücke 13,80 (6,30) +119,0%
20. 10179 Jannowitzbrücke (Mitte) 16,00 (7,40) +116,2%
21. 10551 Birkenstraße (Moabit/Tiergarten) 11,63 (5,40) +115,4%
22. 10589 Mierendorff-Platz (Charlottenburg) 12,90 (6,00) +115,0%
23. 13405 Kurt-Schumacher-Damm (Reinickendorf) 10,00 (4,70) +112,8%
24. 10969 Prinzenstraße (Kreuzberg) 12,76 (6,00) +112,7%
25. 12439 Niederschöneweide (Treptow) 10,81 (5,10) +112,0%
26. 12043 Rathaus Neukölln (Neukölln) 10,55 (5,00) +111,0%
27. 10247 Samariterstraße (Friedrichshain) 13,36 (6,40) +108,8%
28. 13357 Gesundbrunnen (Wedding) 10,64 (5,10) +108,6%
29. 10243 Ostbahnhof (Friedrichshain) 13,75 (6,60) +108,3%
30. 10559 Stephanstraße (Moabit/Tiergarten) 11,18 (5,30) +107,8%

Quelle: Wohnmarktreport Berlin 2020 / eigene Berechnungen

justament.de, 25.5.2020: Lärmend ist lange her

Die Einstürzenden Neubauten auf „Alles in allem“, ihrem ersten Studioalbum seit zwölf Jahren

Thomas Claer

Zu den bedeutendsten und einflussreichsten deutschen Musik-Gruppen aller Zeiten zählen ohne jede Frage die Einstürzenden Neubauten, die aufgrund ihres programmatischen Bandnamens wohl selbst jenen vage bekannt sein dürften, die noch niemals eine Note von ihnen gehört haben (und dies wohl auch zeitlebens keinesfalls zu tun gedenken). Überhaupt erscheint es heute, rund vierzig Jahre nach ihren Anfängen in der Underground-Szene Berlin-Kreuzbergs, geradezu als ein Wunder, dass diese Brachial-Avantgardisten mit ihrem wundersam sperrigen Ansatz jemals Eingang in die Populärkultur finden konnten. Aber damals hat so etwas funktioniert – und sogar heute noch bilden ihre Fans (von denen es mehr gibt, als man denken könnte) eine verschworene Gemeinschaft, die mit ihren Helden mittels Crowdfunding durch dick und dünn geht.
Doch nicht nur das musikalische Konzept der Neubauten – der Einsatz diverser Altmetall-Teile von Schrottplätzen sowie Maschinenlärms als Musikinstrumente – war seinerzeit revolutionär. Auch hat sich Bandleader Blixa Bargeld (heute 61), dessen expressiver Gesangsstil damals auf viele Zeitgenossen schockierend gewirkt hat, über die Jahre als ein durchaus tiefsinniger Texter erwiesen – und dabei vor allem als ein Meister der lakonischen Verknappung: „Draußen ist feindlich“ hieß es bei ihm in den Achtzigern und „Architektur ist Geiselnahme“ in den Neunzigern. Spürbar gelitten hat die musikalische Substanz der Band allerdings durch das bedauerliche Ausscheiden von Perkussionist F.M. Einheit, der eine tragende Säule des frühen Neubauten-Sounds war, dessen notorische Differenzen mit Blixa Bargeld sich aber irgendwann als nicht mehr moderierbar erwiesen. Auch zwanzig Jahre später muss man leider feststellen: Er fehlt an allen Ecken und Enden.
„Alles in allem“, das neue Album, setzt nun den Weg fort, den die Neubauten bereits seit den späten Neunzigern beschritten haben: immer mehr weg vom infernalischen Lärm, dafür hin zu den eher leisen Tönen und melancholischen Melodien. So haben schon ihre letzten Studioalben in den Nullerjahren geklungen und auch ihre späteren Arbeiten für Theaterprojekte. Inhaltlich neu sind auf der aktuellen Platte aber die expliziten Berlin-Bezüge in Songs wie „Grazer Damm“ und „Wedding“. Ansonsten bleibt hier mehr oder weniger alles beim Alten, zumindest so, wie wir es aus den beiden zurückliegenden Jahrzehnten von ihnen kennen.
Die Einstürzenden Neubauten haben – das lässt sich somit sagen, ohne ihnen Unrecht zu tun – ihrem Gesamtwerk mit „Alles in allem“ nichts Wesentliches mehr hinzugefügt. Und dennoch hört man dieses Album gern.

Einstürzende Neubauten
Alles in allem
Potomak/Indigo 2020
ASIN: B086Y6JLHL

justament.de, 2.3.2020: Die Pet Shop Boys am Schlachtensee

Scheiben Spezial: Justament-Autor Thomas Claer macht seinen Frieden mit seinen Lieblingen von einst

Als ich Mitte der Achtziger im Osten, im Alter von ca. 14 Jahren, zum ersten Mal die Pet Shop Boys hörte, war ich wie elektrisiert. Unglaublich cool erschien mir dieses Lied, „West End Girls“, das sie in einer Fernsehsendung live zum Besten gaben. Ich glaube sogar, bin mir aber nicht mehr ganz sicher, dass dieses Erlebnis ganz am Anfang meiner Begeisterung für Popmusik stand. Auch die anderen Lieder dieses immer unterkühlt wirkenden Elektro-Duos aus London, die ich im West-Radio gehört und mit dem Kassettenrekorder aufgenommen hatte, gefielen mir sehr.

Weihnachten 1987 – meine Mutter und ich warteten noch auf unsere Ausreise in den Westen, während  mein Vater bereits dort war – hatte ich einen Wunsch frei und wünschte mir, was aufgrund einer Lockerung der Zollbestimmungen erst seit kurzem erlaubt war: dass mein Vater mir im Paket eine Popmusik-Schallplatte in den Osten schickte. Es war „Actually“ von den Pet Shop Boys, das so brillante Songs wie “It’s a Sin” und „What Have I Done To Deserve This“ enthielt – und ich liebte diese Platte. Die Musik klang für mich ungefähr so, wie ich mir damals den Westen vorstellte: aufreizend lässig, schön und unnahbar.

Und dann, im Frühling 1989, ließen sie uns endlich raus. Bald darauf fand ich mich wieder auf einem Bremer Gymnasium und sollte im Englisch-Unterricht conversation machen. Und so fragte ich also ganz unbefangen meine neuen Mitschüler: „Which music do you like best?“ Alle nannten sie dann Bands und Musiker, deren Namen ich noch nie gehört hatte, was mich sehr erstaunte, denn schließlich glaubte ich doch, mich mit Popmusik ziemlich gut auszukennen. Und dann sagte ich den verhängnisvollen Satz: „I like the Pet Shop Boys“. Die Reaktion meiner Mitschüler war für mich niederschmetternd. Einen Moment lang herrschte betretenes Schweigen, dann sagte einer: „Oh, das ist aber sehr kommerziell.“ Ein anderer ergänzte verächtlich: „Voll der Mainstream.“ Ich brauchte einige Zeit, bis ich begriff, dass sich in diesen Kreisen – es waren die Kinder des gehobenen Bürgertums – Ansehen und Reputation ganz maßgeblich über den Musikgeschmack definierten. Und hier galt vor allem: je unbekannter und schräger, desto besser. So unterschiedlich die Geschmäcker und Vorlieben hier auch waren, die zumeist auch mit bestimmten Kleidungsstilen und Verhaltensweisen korrespondierten: von Rasterlocken-Reggae-Fans über Schwarzmantel-Grufty-Underground und Müsli-Öko-Diskurs-Indie-Pop bis zu Lederjacken-Punks… Einig waren sich beinahe alle in der Verachtung des Mainstreams. Was in die Hitparaden kam und im Radio lief, das war banale Massenkultur und als solche völlig inakzeptabel. Das war Musik, das lernte ich mit der Zeit, für Haupt- oder Realschüler, nicht aber für Bremer Gymnasiasten…

Natürlich wusste ich nichts von alledem, als ich 17-jährig erstmals damit konfrontiert wurde. Mein Erfahrungshorizont hatte sich ja zwangsläufig zunächst auf das beschränkt, was ich aus West-Radio und West-Fernsehen kannte. Woher sollte ich, als gebürtiger Ossi, auch anderes kennen?  Aber obwohl ich die Dünkelhaftigkeit meiner neuen Mitschüler befremdlich fand, weckte sie doch meine Neugier. Was war das für eine Musik, die ihnen ein solches Überlegenheitsgefühl mir gegenüber gab? Wahrscheinlich war es auch mein Drang, dazugehören zu wollen… Ich begann also, mich für abseitigere Musikrichtungen zu interessieren. Und tatsächlich, irgendwann war ich geneigt, meinen Mitschülern recht zu geben. Die radiotaugliche Popmusik empfand ich nun im Vergleich zu dem, was es sonst noch so gab und was ich nun nach und nach für mich entdeckte, als ziemlich banal. Meine Mainstream-Pop-Platten, darunter auch die von den Pet Shop Boys, verkaufte ich eine nach der anderen.

Nur einmal noch hörte ich später wieder etwas von den Pet Shop Boys. Ungefähr 1993, während meines Zivildienstes, saß ich im Warteraum vor dem Blutspenden und hörte dort aus dem Radio die mir wohlbekannten Stimmen: „Go West“ war ihr ganz neuer Hit. Was für eine opulente Hymne auf die Freiheit und die westliche Dekadenz! Ich war wohl ähnlich angetan wie damals, als ich zum ersten Mal „West End Girls“ gehört hatte. Ich bemerkte auch, dass alle Anwesenden, die Patienten wie die Krankenschwestern, ihre Köpfe hoben und sich einen Moment lang diesen überwältigenden Klängen hingaben. Aber meine innere Stimme sagte mir: „Das darfst du jetzt nicht gut finden! Das ist durch und durch kommerzielle, oberflächliche, verlogene Musik für den schlechten, verdorbenen Massengeschmack!“

Und dann erschien 2005 von meiner Lieblingsband Element of Crime die Single „Delmenhorst“. Und sie enthielt mit „You Only Tell Me You Love Me When You’re Drunk“ eine Coverversion eines (späteren) Songs von den Pet Shop Boys. Ein unglaublich schönes, ein wirklich großartiges Lied, das musste ich zugeben. Aber wie konnte das sein? Die Pet Shop Boys hatten doch mittlerweile Zigmillionen und Abermillionen Tonträger verkauft. Das konnte doch nichts taugen. Oder vielleicht doch?

Weitere anderthalb Jahrzehnte vergingen, und noch immer hatte ich mit den Pet Shop Boys, meinen alten Lieblingen aus Teenager-Tagen, gewissermaßen eine Rechnung offen. Und nun las ich im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung einen längeren Artikel über die Pet Shop Boys, inzwischen beide Mitte 60, in ihrer neuen Wahlheimat Berlin. Seit Jahren schon, so erfuhr ich, haben sich die beiden rüstigen Herren am Nollendorfplatz einquartiert. Das passt natürlich, denn die Pet Shop Boys gelten mittlerweile als ausgesprochene Schwulen-Ikonen, hatten ja auch bereits in den Achtzigern, als andere das noch befremdlich fanden, ganz offen schwul gelebt. Und an Berlin, so sagen sie, gefalle ihnen einfach alles, bis auf die vielen Hipster hier. „Sie halten sich allein deshalb für cool, weil sie in Berlin wohnen und einen Vollbart tragen.“ Aber ansonsten sei alles gut in Berlin, auch dass niemand sie in der U-Bahn erkenne, ob sie nun mit der U3 nach Friedrichshain führen oder zum Schlachtensee im Südwesten. Zum Schlachtensee? Ja, dort machten sie regelmäßig ausgedehnte Spaziergänge. Einmal um den See dauert genau eine Stunde – und dann mit der U-Bahn wieder zurück.

Als ich das las, bekam ich große Lust, auch mal wieder einen Ausflug zum wunderschönen Schlachtensee zu unternehmen. Gesagt, getan. Nach einer knappen halben Stunde S-Bahn-Fahrt standen wir am Ufer. „Wir sind noch schneller am Schlachtensee als die Pet Shop Boys“, sagte ich freudig zu meiner Frau. Beim Rundgang um den See beobachtete ich dann die zahlreichen Spaziergänger. Ja, es waren sogar des öfteren zwei ältere Herren gemeinsam unterwegs, aber die Pet Shop Boys waren nicht darunter. Wieder zu Hause stellte ich mir dann mittels YouTube eine CD mit ihren alten Hits aus den Achtzigern zusammen, „aus meiner Zeit“ sozusagen. Und ich bekam beim Anhören am nächsten Morgen während meines Frühsports eine regelrechte Gänsehaut. Nein, das waren keineswegs banale Klänge. Zugegeben, manches davon wirkt aus heutiger Sicht übertrieben bombastisch produziert, etwa das inhaltlich ganz ausgezeichnete „It’s a Sin“. Aber vieles ist so fein arrangiert, von solch unterkühlter hintergründiger Schönheit. Man höre nur das auf den ersten Blick so unscheinbare Lied „Rent“ („I love you, you pay my rent“). Die frühen Pet Shop Boys, so kommt es mir heute vor, verkörpern ungefähr das, was Friedrich Nietzsche als „Oberflächlichkeit aus Tiefe“ beschrieben hat. Oder in den Worten von Rüdiger Safranski: „Das Geheimnis liegt an der Oberfläche. Die Oberfläche des Lebens selbst ist so unendlich tief, dass wir jenseits der Erscheinung keine Tiefe mehr suchen müssen. Der Tanz ist eine Wahrheit in sich. Das Charmieren, die Koketterie ist eine Wahrheit in sich.“ Und ich muss zugeben: Auch kommerzielle, scheinbar oberflächliche Musik kann richtig gut sein. Die Pet Shop Boys sind der Beweis.

justament.de, 23.9.2019: Gesicht zeigen fürs Klima

Justament-Autor Thomas Claer über „Fridays for Future“

Es ist Freitag. Und diesmal sind auch wir mit dabei. Wir quetschen uns in den von bunt geschmückten Schülern überfüllten Regionalexpress, der um zwanzig vor zwölf von unserem S-Bahnhof zum Hauptbahnhof fährt. „Es kommt immer auf den einzelnen Lehrer an“, sagt ein junges Mädchen zu seiner Begleiterin, „aber unsere Direktorin am ‚Gottfried Keller‘ entschuldigt das grundsätzlich nicht.“ Trotzdem sind wohl mehr als jemals zuvor zu den Schülerprotesten gekommen, die an diesem Tag auch noch vom weltweiten „Streiken fürs Klima“ aller Altersgruppen begleitet werden. Mit den Menschenmassen werden wir über die Spreebrücke in Richtung Brandenburger Tor geschoben. Überall sieht man selbstgemalte Plakate. „Muttermilch ohne Mikroplastik!“, hat eine junge Frau, die ihren Säugling auf dem Arm trägt, auf ihr Transparent geschrieben. Eine ältere Dame streckt ein Schild mit der Aufschrift „Omas for your Future“ in die Höhe. Auch diverse Berufsgruppen haben sich positioniert, von „Hebammen for Future“ bis zu „Lehrer for Future“. Wir hören hochemotionale Ansprachen, die immer wieder von tosendem Applaus unterbrochen werden. Neben uns interviewt ein ZDF-Filmteam einen Herrn im grauen Anzug. Wir erkennen Bernd Riexinger von der Linkspartei. An mehreren Ständen gibt es Flyer und Aufkleber für mehr Klimaschutz. Gleich soll Carola Rackete sprechen, die Kapitänin des Flüchtlingsrettungsschiffs aus dem Mittelmeer, aber ihre Rede wird immer wieder verschoben.

Dieses Bad in der Menge der Gleichgesinnten gibt offenbar allen Beteiligten ein Gefühl der Erhabenheit, das auch uns ein Stück weit erfasst hat. Jahrzehntelang musste ich mich in meiner Generation und vor allem auch unter Jüngeren als weitgehender Flugvermeider und beinahe Auto-Hasser wie eine notorische Spaßbremse fühlen. Und nun das. Jedoch steigen, wenn ich die vielen Familien mit kleinen Kindern sehe, dann doch allerhand Bedenken und Fragen in mir hoch, auf die ich keine Antworten finde. Darf man kleine Kinder so für politische Zwecke instrumentalisieren? Auf Pegida-Demos z.B. empfindet man so etwas doch zurecht als besonders abscheulich. Und werden diese engagierten Menschen, die sich doch nach allen soziologischen Erkenntnissen vorwiegend aus der gehobenen und gebildeten bürgerlichen Mittelschicht rekrutieren und dadurch nachweislich einen besonders tiefen ökologischen Fußabdruck hinterlassen, nun plötzlich alle ihren Lebensstil völlig umkrempeln? Werden sie nun allesamt auf den gediegenen Flugzeug-Familienurlaub am Mittelmeer verzichten und stattdessen mit dem Fahrrad an die Mecklenburgische Seenplatte fahren? Werden sie jetzt statt der gesunden, aber ökologisch desaströsen Avocados aus Südamerika lieber regionalen Beelitzer Spargel essen?

Neben uns packt ein Mann im Mehr-Klimaschutz-T-Shirt seine mitgebrachten Brote aus. Sie sind ausgerechnet in Aluminium-Folie eingewickelt. Also das geht ja nun gar nicht!! Aber andere mit moralisch erhobenem Zeigefinger belehren wollen, das wäre im Zweifel noch schlimmer. Wir sagen also nichts dazu und wissen: Es gibt noch viel zu tun!