www.justament.de, 22.7.2013: Wenig Worte, viel gesagt
Vor 90 Jahren erschien “Der Prophet” von Khalil Gibran

Thomas Claer
Manchmal dauert es einfach etwas länger. Schon sieben oder acht Jahre dürfte es her sein, dass meine Kollegin mich frank und frei fragte, ob ich in dieser Kolumne denn nicht auch einmal ihr Lieblingsbuch besprechen könnte. Ich ließ mir von ihr über das Buch berichten, wurde neugierig und sagte zu. Doch dann muss es mir wohl irgendwann in Vergessenheit geraten sein. Vor zwei oder drei Jahren entdeckte ich das schmale Bändchen dann in einer “Bücherbox”, einer ausrangierten Telefonzelle, wie es sie in Berlin wunderbarer Weise in immer größerer Zahl gibt, wo jeder seine aussortierten Bücher ablegen und/oder die dort vorgefundenen mitnehmen kann. Seitdem lag “Der Prophet” von Khalil Gibran auf meinem Schreibtisch. So richtig mochte ich zunächst nicht ran, ich hatte keine ganz großen Erwartungen an das Buch. Aber wie man sich doch täuschen kann! Vorige Woche fand ich dann auf einem der angeblich über 50 Berliner Flohmärkte, auf denen sich der immer wieder märchenhafte Sommer in dieser Stadt in besonders vollen Zügen genießen lässt, die Hörbuch-CD des “Propheten”, gelesen von Otto Sander. Der Preis – ein Euro! – stimmte auch. Nun gab es kein Zurück mehr. Und wie es der Zufall wollte, feiert das Werk just in diesem Jahr sein 90-jähriges Erscheinungsjubiläum.
Also genug der Vorrede: Dieses Buch ist eine Entdeckung, um nicht zu sagen: eine Offenbarung. Doch wer ist sein Autor Khalil Gibran? Geboren 1883 als Gibran Khalil Gibran bin Mikha’il bin Sa’ad im heutigen Libanon (damals Osmanisches Reich) und schon 1895 nach Boston in die USA emigriert, kehrte er 1897 (mit vierzehn Jahren!) zum Studium der Kunst und Literatur in den Libanon zurück, lebte vorübergehend in Paris, dann wieder in Boston, feierte Erfolge als Maler, studierte als 25-Jähriger weiter in Paris, begann zu schreiben und ließ sich ab 1912 als Philosoph und Dichter in New York nieder, wo er 1931 mit nur 48 Jahren an Leberkrebs verstarb. Seine frühen Werke hatte er auf Arabisch verfasst, seit 1918 schrieb er fast nur noch auf Englisch. Er gilt als ein Wanderer zwischen den Welten des Orients und des Okzidents, der es über Generationen hinweg mit seinen stilistisch oftmals anrührenden und inhaltlich spirituellen Büchern zu großer Popularität brachte. Kritiker werfen seinen Werken hingegen einen Hang zur Sentimentalität und namentlich seinen Romanen eine allzu schwache Zeichnung ihrer Figuren vor. Nun, wenn man sein überwiegend aphoristisch gehaltenes Büchlein “Der Prophet” liest, glaubt man gerne, dass die wahre Bestimmung dieses Autors wohl doch eher die Philosophie als die Romanschriftstellerei gewesen ist, denn in Friedrich Nietzsche-Manier (Zarathustra lässt grüßen) verkündet dort ein weiser Mann, in diesem Falle der Prophet Al Mustafa (“der Erwählte und Geliebte”), einer Menschenmenge seine Weisheiten. Doch was vier Jahrzehnte zuvor bei Nietzsche schwerverdaulich bleibt und auf den zweifelhaften Übermenschen hinausläuft, ist bei Khalil Gibran angenehm geerdet. Auf wenigen Seiten entwirft er eine ganz eigene lebenspraktische Alltagsphilosophie, die ohne irgendwelche Zukunftsvisionen und ohne erhobenen Zeigefinger auskommt und die vom Geiste der Toleranz und des Respekts beseelt ist. In kraftvollen poetischen Bildern bringt er so ziemlich alles und jedes auf den Punkt, ohne sich in Abschweifungen zu verlieren. “Wenn die Liebe dir winkt, folge ihr, sind ihre Wege auch schwer und steil. Und wenn ihre Flügel dich umhüllen, gib dich ihr hin, auch wenn das unterm Gefieder versteckte Schwert dich verwunden kann.” Viel mehr ist hierzu eigentlich gar nicht zu sagen… Natürlich hat auch bei diesem Verfasser – die Kapitelüberschriften (“Von der Liebe”, “Von der Arbeit”, “Von der Freundschaft” etc.) verraten es – der große Montaigne Pate gestanden, aber Khalil Gibran kann es weitaus knapper – ein Montaigne für kurz Angebundene gewissermaßen. Eine Menge der Sätze dieses Propheten ist wirklich universell, andere können einen aber auch schon mal ins Grübeln bringen. Da hat man sich bald zwanzig Jahre lang mit seiner Frau auf der Straße immer zu zweit einen Kaffee geteilt (denn da spart man schließlich am meisten), um dann bei Khalil Gibran unter der Rubrik “Von der Ehe” lesen zu müssen: “Füllt einander den Becher, aber trinkt nicht aus einem Becher.” Und gleich danach heißt es: “Gebt einander von eurem Brot, aber esst nicht vom selben Laib.” Tja, erst heute haben wir uns wieder einen Döner geteilt… Man sollte sich der Gefahren von zu viel Nähe in der Zweisamkeit also bewusst sein.
Was der Prophet “von den Kindern” zu sagen weiß, ist sicherlich eine der bekanntesten Passagen des Buches und hat vermutlich schon Millionen “Erwartungsgeschädigten” aus der Seele gesprochen: “Eure Kinder sind nicht eure Kinder. Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selber. Sie kommen durch euch, aber nicht von euch, und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch doch nicht. Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, aber nicht eure Gedanken, denn sie haben ihre eigenen Gedanken.” Ebenso vielsagend sind die Ausführungen “Vom Geben”, die sich wie ein Aufschrei gegen kleinbürgerliche Moralvorstellungen lesen. “Es gibt jene, die von dem Vielen, das sie haben, wenig geben – und sie geben um der Anerkennung willen, und ihr verborgener Wunsch verdirbt ihre Gaben.” Ja, das einzige Geben, das eine Berechtigung hat, ist demnach das an diejenigen, die etwas haben wollen oder wirklich gebrauchen können, alles andere ist, um es zurückhaltend auszudrücken, fragwürdig. Und am schlimmsten wird es, wenn Abwägungen getroffen werden, wer denn bestimmte Gaben überhaupt verdient und wer nicht, oder dann, wenn Dankbarkeit für ungebetene Geschenke erwartet wird… Danke, Khalil!
Insbesondere den Juristen seien die Passagen “Von Schuld und Sühne” ins Stammbuch geschrieben, ja, man wünscht sich solcherlei Betrachtungen beinahe in Strafrechts-Lehrbüchern: “Und wenn einer von euch im Namen der Rechtschaffenheit strafen und die Axt an den Baum des Bösen legen möchte, soll er ihn bis zu seinen Wurzeln prüfen; und wahrhaftig, er wird die Wurzeln des Guten und Bösen finden, des Fruchtbaren und des Unfruchtbaren, alle ineinander verflochten im stillen Herzen der Erde.” Das ist eine der zentralen Botschaften des Buches: Wer sich immer so sicher ist, was richtig und falsch ist, was gut und schlecht ist, auf welcher Seite man unbedingt stehen sollte, der täte besser daran, etwas mehr nachzudenken und seine vorschnellen Schlüsse selbstkritisch zu überprüfen. Und umgekehrt ist auch die Vorstellung, dass bestimmte menschliche Handlungen von ausschließlich guten und edlen Motiven geleitet werden, bestenfalls naiv. Später heißt es noch im Text: “Sage nicht: ‚Ich habe die Wahrheit gefunden’, sondern besser: ‚Ich habe eine Wahrheit gefunden.’ ” Nehmt das, all ihr wichtigtuerischen Ideologen dieser Welt! Und den guten Lehrer erkenne man daran, dass er seinen Schülern nicht seine eigene Weltsicht aufzwingen, sondern sie zum selbständigen Denken erziehen will. Bravo!
Irgendwo findet sich dann aber auch der Satz, dass die erbärmlichsten Menschen jene sind, die Gold und Silber anhäufen. Hierin erweist sich, dass auch dieser Autor ein Mensch aus Fleisch und Blut ist, der eigene Ressentiments entwickelt, die er, so wie viele andere auch, zu verabsolutieren geneigt ist. Dass viel Geld auch von klugen Menschen vor allem deshalb geliebt wird, weil es ihnen die Freiheit ermöglicht, ein Leben nach eigenem Gusto zu führen, lässt er nicht gelten. Nein, von der Freiheit hält dieser Philosoph, an dem offensichtlich auch Karl Marx nicht ganz spurlos vorbeigegangen ist, nicht viel. Die Freiheit überfordert den Menschen. Ihre parolenhafte Verkündung erscheint ihm als pure Schönfärberei: “Wie Sklaven sich vor einem Tyrannen erniedrigen und ihn preisen, obwohl er sie tötet.” Freiheit ist eher etwas für Übermenschen, an die er nicht glaubt. “Wirklich frei werdet ihr nicht sein, wenn eure Tage ohne Sorge sind und eure Nächte ohne jeden Wunsch und Kummer, sondern erst dann, wenn sie euer Leben umfassen und ihr euch dennoch nackt und ungebunden über sie erhebt.” Also wohl eher niemals. Und passend hierzu stimmt Khali Gibran auch noch ein Loblied auf die Arbeit an: “Mit Liebe arbeiten”, das sei es doch. “Arbeit ist sichtbar gemachte Liebe.” Na, wenn er meint…
Am Ende des Buches kommt dann die Frage nach der Religion. Und hier windet sich der Prophet, der zuvor doch hin und wieder, wenn auch recht nebulös, von Gott gesprochen hat, ganz ähnlich wie weiland Goethes Faust, als dieser von Gretchen mit nämlicher Frage überrumpelt wird. Er sagt nicht “Namen sind Schall und Rauch”, aber doch: “Habe ich denn bislang nicht ständig über Religion gesprochen?” Denn Religion sei doch irgendwie alles … beziehungsweise nichts. Und hier erinnert er dann doch wieder an Montaigne, der als freier Geist zwar wie selbstverständlich von “seiner christlichen Religion” spricht und sich dann doch über alle ihre zentralen Dogmen stillschweigend hinwegsetzt. Wenn Khalil Gibran auf diese Weise noch ein paar verbohrte Religiöse auf die Wege des freien und kritischen, auch selbstkritischen Denkens mitnehmen kann, dann ist das natürlich schwer in Ordnung.
Khalil Gibran
Der Prophet
Neuausgabe Patmos Verlag Düsseldorf und Zürich München 2010
96 Seiten, EUR 9,90
ISBN-10: 3491725739
www.justament.de, 8.7.2013: Hypnotisch und schön
„The xx“ auf ihrem zweiten Album „Coexist“
Thomas Claer
Wenn man tagsüber im Feuilleton die Lobeshymnen über diese oder jene neue Band gelesen und so richtig Feuer gefangen hat, möchte man sich das Ganze eigentlich abends auf YouTube auch gerne mal mit eigenen Ohren anhören. Aber leider funktioniert das Gedächtnis ab einer bestimmten Semesterzahl nicht mehr ganz so wie noch, sagen wir, mit zwanzig. Wie hieß diese kolossale Band noch gleich? Hat man wirklich heute von ihr gelesen oder war es nicht doch gestern oder vorgestern? Soll man jetzt aufstehen und den Zeitungsstapel durchsuchen? Nein, das ist einem dann meistens doch zu umständlich. Nun wird mancher Leser fragen: „Warum kauft er sich denn nicht einfach ein Smartphone oder iPad mit Kopfhörern?“ Der Einwand ist nicht unberechtigt, aber diese Lösung kommt aus in der hier gebotenen Kürze nicht erschöpfend darstellbaren Gründen dann doch nicht in Betracht. Jedenfalls noch nicht. Da ist es doch andererseits ein Riesenglück, dass eine dieser großartigen neuen Bands einen Namen trägt, den sich im Notfall wohl selbst noch weitaus fortgeschrittenere Jahrgänge, als man selbst es ist, leicht merken könnten, brächten sie nur ein Interesse für solche Musik auf. Die Rede ist natürlich von der dreiköpfigen englischen Indie-Poprock-Band „The xx“, die 2005 in London gegründet wurde. (Huch, das ist ja auch schon wieder acht Jahre her!)
Diese Musiker pflegen einen Minimalismus in jeder Hinsicht, nicht zuletzt auch in ihrer Veröffentlichungspolitik. Nur zwei CDs in acht Jahren, das findet man nicht alle Tage. Und wenn sich Newcomer in ihrem Output so beschränken, dann zeugt das schon von einem bemerkenswerten Selbstbewusstsein: Willst du gelten, dann mach dich selten! Und die Rechnung ging auf. Fand ihr schlicht „xx“ benannter Erstling aus dem Jahr 2009 noch allein auf der Insel Beachtung, brachte „Coexist“ im letzten Jahr den weltweiten kommerziellen Durchbruch. Tja, und ihre Musik? Die ist reduziert, hypnotisch und schön. Ein paar dezente Beats aus der Drum Machine, ein wenig Gitarrenspiel und ein paar Bassläufe. Und darüber erhebt sich der charakteristische Wechselgesang aus weiblicher und männlicher Stimme. Besonders Sängerin und Gitarristin Romy Madley Croft singt einfach meisterhaft. Ihr Gesangs-Kollege und Bassist Oliver Sim eigentlich auch, nur sollte der junge Mann vielleicht mal über seine Frisur nachdenken. Einen solchen Über-Song wie „Crystalised“ auf ihrem ersten Album enthält die aktuelle CD „Coexist“ zwar nicht. Das Urteil lautet dennoch: voll befriedigend (11 Punkte).
The xx
Coexist
Young Turks/X1/Beggars Group (Indigo) 2012
8,99 EUR (bei Amazon)
ASIN: B008B11R1Q
www.justament.de, 17.6.2013: Alles ist zyklisch
Der FinanzBuch Verlag druckt das Frühwerk des Börsen-Experten Robert Rethfeld und seines Mitstreiters Klaus Singer „Weltsichten – Weitsichten“ nun immerhin wieder auf Bestellung
Thomas Claer
Manchmal werden schwer greifbare Nebenwerke semiprominenter Autoren mit eher speziellem Inhalt allein durch ihre Knappheit zu regelrechten Kultbüchern, ganz ähnlich wie wir es etwa von bestimmten Popmusik-Schallplatten kennen. Auch für die „Weltsichten – Weitsichten“ von Robert Rethfeld, dem Betreiber des inzwischen recht erfolgreichen Finanzmarkt-Onlineportals www.wellenreiter-invest.de, und seinem Co-Autor Klaus Singer aus dem Jahr 2004 musste man bisher beim antiquarischen Erwerb schon etwas tiefer in die Tasche greifen. Doch seit Ende 2012 bietet der FinanzBuch Verlag das Werk in einer broschierten Ausgabe wieder an. Bei Nachfrage erfährt man dann allerdings, dass es nur auf Bestellung gedruckt wird. Aber immerhin. Neugierig beginnt man also die Lektüre am Computerbildschirm, um bald wenig überrascht festzustellen, dass der immer wieder so originelle und verblüffende Ansatz des Wellenreiters hier bereits, um es in seiner typischen Diktion zu sagen, antizipiert wird. Eine ganz eigentümliche Weltsicht tut sich in diesem Buch auf: die Interpretation alles wirtschaftlichen und politischen Geschehens als Abläufe von Entwicklungszyklen.
Im ersten der drei Teile des Buches erfolgt eine Analyse der Welt zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Es geht um Bevölkerungswachstum, die globale Erwärmung, den Arbeitsmarkt in der Dauerkrise bis hin zu Themenfeldern wie „Korpulenz und Konsum“ oder den steigenden Selbstmordraten. Das muss man heute, fast zehn Jahre nach dem Erscheinen, nicht mehr unbedingt so genau lesen. (Gleichwohl finden sich dort etliche aufschlussreiche Passagen, etwa über den Zusammenhang von Wirtschaftsentwicklung und Stilepochen.) Viel interessanter sind aber die beiden anderen Teile. Ausgesprochen geschichtsphilosophisch wird es im zweiten Teil „Was die Welt bewegt“. Schon immer wollten die Menschen – und das aus ganz unterschiedlichen Motiven – die Zukunft voraussehen können und suchten nach Gesetzmäßigkeiten, die dem Lauf der Welt zugrunde liegen. Dass es hier kein sicheres Wissen geben kann, ist nach dem fast globalen Zusammenbruch des Staatskommunismus zwar Allgemeingut geworden. Doch gäbe es nicht immer wieder bestimmte Wahrscheinlichkeiten, sich häufig wiederholende Entwicklungsmuster, die Fortsetzung bereits begonnener Trends und Zyklen, so wäre es unmöglich, mit einer darauf basierenden Strategie an den Finanzmärkten eine nennenswerte „Outperformance“ zu erzielen. Robert Rethfeld ist mit seinen vielfach treffsicheren Prognosen der lebende Beweis dafür, dass der Blick in die Glaskugel gelingen kann. Doch was vielleicht die größte Überraschung des Buches ist: Neben den erwarteten einschlägigen Theorien von Charles Dow (dem Begründer der Charttechnik; nach ihm ist der amerikanische Aktienindex benannt), Ralph Nelson Elliott (dem Schöpfer der gleichnamigen Wellen-Theorie) und Nikolai Kondratjew (der die nach ihm benannten wirtschaftlichen Groß-Zyklen begründete), kommt sehr ausführlich ein Denker zu Wort, den man im erzkapitalistischen Metier der Kapitalmarktvorhersage eher weniger erwartet hätte: nämlich Karl Marx. „Für das Verständnis heutiger wirtschaftlicher Entwicklungen sind Kenntnisse über den von Marx geprägten dialektischen Materialismus und seine politische Ökonomie äußerst nützlich“, heißt es schon im Vorwort. Und weiter hinten im Buch wird es konkret: „Drei entscheidende Gesetze, die dem Kapitalismus innewohnen“ habe die Marxsche politische Ökonomie herausgearbeitet: den tendenziellen Fall der Profitrate, die Tendenz zur Akkumulation des Kapitals und die Rolle des „fiktiven Kapitals“. Im übrigen sei hier daran erinnert, dass Karl Marx auch ein tüchtiger Börsenspekulant war; ein Umstand, dem er immerhin sein Häuschen in London verdankte, was im Lichte dieses Buches gesehen wohl auch kein Zufall war.
Überhaupt kommen bei Rethfeld und Singer gerade jene Denker besonders gut weg, die der kritische Rationalist Karl R. Popper in „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ als „orakelnde Geschichtsphilosophen“ verdammt und bekämpft hat: Oswald Spengler, Arnold Toynbee und eben Karl Marx. Hervorzuheben ist aber die völlig unideologische Herangehensweise der beiden Verfasser: Sie greifen sich aus dem Werk der genannten, z.T. durchaus unter Ideologieverdacht stehenden Autoren einfach (nur) das heraus, was sie für ihre Zwecke brauchen können. Andererseits offenbaren sich dem Leser dann aber auch oftmals ungeahnte Zusammenhänge: So geht Elliotts Wellenprinzip auf die Zahlenreihe nach Leonardo Fibonacci zurück, die dieser im 13. Jahrhundert auf der Suche nach einer Regel für die Kaninchenfortpflanzung entdeckt haben soll. Ein neues Mitglied der Zahlenreihe ergibt sich jeweils durch Addition seiner beiden Vorgänger. „Außerdem tendiert das Verhältnis einer Zahl zur nächsthöheren mit fortschreitendem Rang immer mehr in Richtung der Zahl Phi (0,618).“ Diese wiederum und ihr Kehrwert (1,618), die schon lange vor Fibonacci bekannt waren, spielen beim „Goldenen Schnitt“ eine wichtige Rolle, der das menschliche Harmonie- und Schönheitsempfinden maßgeblich beeinflusst. Heute benutzen Chart-Theoretiker die „Fibonacci-Spiegelung“ zur Projektion vergangener Kursverläufe auf die Zukunft, was dem in der modernen Chaos-Theorie postulierten Prinzip der Selbstähnlichkeit komplexer Strukturen entspricht. Und schließlich: „Das Prinzip der Selbstähnlichkeit findet ebenfalls in der assoziativen Art des Menschen, Schlüsse zu ziehen, eine Entsprechung.“ Das kann man wohl sagen!
Schließlich handelt der dritte Teil des Buches von den jeweils separat vorgebrachten Zukunftsszenarien der beiden Autoren, die einander durchaus punktuell widersprechen. Man muss ihren Mut zur ganz konkreten Prognose herausstellen, denn das Risiko, dabei auch mal grundfalsch zu liegen, ist so natürlich besonders groß. Umso bemerkenswerter ist es, dass beide Autoren bereits im Jahr 2004 die große Finanz- und zwischenzeitliche Weltwirtschaftskrise kommen sahen, die wir seit 2007 erleben. Bei Singer heißt es auf S. 301: „Die nähere Zukunft bringt also eine auf breiter Front nachlassende wirtschaftliche Dynamik. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass eine schwere Finanzkrise näher rückt – in zeitlicher und geographischer Hinsicht.“ Rethfeld schreibt auf S. 331 in seinem Rückblick aus dem Jahr 2015: „Blickt man auf die ersten 15 Jahre des 21. Jahrhunderts zurück, so muss man diese Zeit als einen bedeutenden Wendepunkt der Menschheitsgeschichte einstufen. Zwei Ereignisse, die sich lange angekündigt hatten, trafen viele Menschen dennoch unvorbereitet. Sie mussten erstens lernen, dass die Förderung der fossilen Brennstoffe Erdöl und Erdgas den steigenden Bedarf nicht mehr decken konnte; die Folge war eine Energiekrise. Doch noch viel stärker machte sich – zweitens – eine den Globus umspannende Finanzkrise bemerkbar. Ausgangspunkt waren die USA und dort spezifisch der US-Dollar. Beide Ereignisse führten zu schweren Verwerfungen in Wirtschaft und Gesellschaft.“ Die Energiekrise ist uns bislang noch erspart geblieben…
Abschließend noch ein Blick zurück aus dem Jahr 2030, in das sich Robert Rethfeld mal eben gebeamt hat: „Der große Bären-Markt der ersten beiden Dekaden dieses Jahrhunderts ist Vergangenheit. Die weltweite Währungsreform sowie die neuen Entwicklungen besonders im Energiesektor treiben einen neuen Bullen-Markt. Neue Unternehmen und Technologien sind entstanden. Dieser Bullen-Markt ist in erster Linie – aber nicht ausschließlich – ein asiatisches Phänomen. Kreative Kräfte aus Shanghai und Bombay entwickeln und leisten Erstaunliches, geschürt durch die weltweit führenden Finanzzentren eben jener Städte. Seit der weltweiten Finanzkrise Ende des ersten Jahrzehnts hat New York seine Pole-Position an Schanghai abgeben müssen.“ Das ist gut zu wissen.
Robert Rethfeld / Klaus Singer
Weltsichten – Weitsichten
FinanzBuchVerlag 2012 (Reprint von 2004)
358 Seiten, broschiert, EUR 29,99
ISBN-10: 3898797678
Justament-Rezensent Thomas Claer ist Autor des Buches „Auf eigene Faust. Aktiensparen für Kleinanleger“, BoD 2012, 132 Seiten, EUR 10,00, ISBN 978-3844818147.
www.justament.de, 17.6.2013: Willkommen in der Wirklichkeit!
Recht cineastisch, Teil 15: „Before Midnight“ mit Julie Delpy und Ethan Hawke
Thomas Claer
Romantischer geht es nicht: Sie treffen sich in einem Zug! Der 23-jährige Amerikaner Jesse (Ethan Hawke) und die gleichaltrige Französin Celine (Julie Delpy) lernen sich als Rucksackreisende zwischen Budapest und Wien kennen, unterhalten sich angeregt und beschließen spontan, in Wien gemeinsam auszusteigen, um dort einen wunderbaren Tag und – wie sich aber erst viel später herausstellen wird – auch eine wunderbare Nacht miteinander zu verbringen. So beginnt „Before Sunrise“, der erste Film aus Richard Linklaters Trilogie der Before-Filme, deren dritten wir nun, 18 Jahre nach dem Erstling, erleben dürfen. Um es gleich vorweg zu sagen: Wer „Before Midnight“ begreifen will, sollte unbedingt zuerst die beiden Vorgänger „Before Sunrise“ (1995) und „Before Sunset“(2004) gesehen haben. Also bitte erst die zwei Euro Leihgebühr und drei Stunden Zeit zum DVD-Gucken investieren, und dann ab ins Kino!
Es war natürlich eine andere Zeit damals, 1994, als es mit Jesse, dem witzigen und charmanten Slacker, und Celine, dem anmutigen Wesen mit idealistisch-umweltbewegtem Weltbild, begann. Wer seinerzeit etwas auf sich hielt, war im Sommer mit dem Rucksack und einem Interrail-Ticket unterwegs. Junge Leute mit Rollkoffern hätte man damals vermutlich als peinlich empfunden. Jedenfalls flanieren Jesse und Celine durch die Wiener Schallplattenläden, Antik-Läden und Cafès und reden, reden, reden. Sie haben sich einfach eine Menge zu sagen. Doch da beide schon anderweitig verplant sind, ist nach einem Tag und einer Nacht Schluss. Sie verlieren sich aus den Augen (Facebook und dergleichen ist noch nicht erfunden), und begegnen sich erst neun Jahre später im nächsten Film wieder. Da ist Jesse, es sind auch im Leben der Filmfiguren neun Jahre vergangen, ein von der Kritik gefeierter Schriftsteller geworden, dessen Roman-Debüt Celine gelesen und sich darin wiedererkannt hat. Nach Jesses Lesung in Paris komm es zum Wiedersehen. Und wieder haben sich die beiden unendlich viel zu erzählen. Allerdings ist Jesse inzwischen anderweitig verheiratet und Vater eines Sohnes, Celine hingegen, die mittlerweile in einer großen Umweltorganisation arbeitet, von der Männerwelt enttäuscht worden. Als der zweite Film endet, läuft Jesse Gefahr, über seinem Gespräch mit Celine den Flieger zu seiner Familie in die Staaten zu verpassen.
Erst jetzt, nach – sowohl in der Filmhandlung als auch tatsächlich – neun weiteren Jahren, erfahren wir, dass es wirklich so gekommen ist. Jesse und Celine, inzwischen Anfang vierzig, sind doch noch ein Paar geworden und haben inzwischen sogar zwei gemeinsame Töchter in die Welt gesetzt. Doch das Leben als Patchwork-Familie gibt immer wieder Anlass zu erbitterten Auseinandersetzungen. Celine beschreibt ihr Dasein als Karriere-Frau in einer Umweltorganisation und Mutter zweier Kinder so: „Die einzige Zeit, die ich mal wirklich für mich selbst habe, ist die auf der Toilette. Ich assoziiere inzwischen schon Nachdenken mit dem Geruch von Scheiße.“ Jesse schiebt dagegen als freier Schriftsteller, der es auf mittlerweile drei Romane gebracht hat, eine deutlich ruhigere Kugel. Die so unterschiedlichen Existenzformen der beiden sorgen ebenso für Konfliktstoff wie die gelegentlichen kulturell bedingten Dissonanzen in der binationalen Partnerschaft. Erst der gemeinsame Urlaub in Griechenland, in dem der Film seine Protagonisten einen Tag lang begleitet (ein berühmter griechischer Schriftsteller hat Jesse in sein Gästehaus eingeladen), ermöglicht wieder eine Kommunikation zwischen beiden wie in alten Zeiten. Doch kaum haben sie endlich einmal Ruhe, um Sonne, Wind und Meer und überhaupt die mediterrane Süße des Lebens genießen zu können, fangen sie an zu streiten. Es macht etwas traurig mit anzusehen, wie der so vielfach erfahrene Liebeskiller Alltag auch bei diesem Traumpaar eine Menge der einstigen Magie absorbiert hat. Der Satz von Jesse, der Celine endgültig zur Weißglut bringt, lautet: „Wenn du nur einen Bruchteil der Energie, die du für deine ständigen Nörgeleien und Zickereien aufwendest, für sinnvollere Dinge nutzen würdest…“ Diskussionen dieser Art dürften wohl auch so manchem Zuschauer bekannt vorkommen… Andererseits deutet der Umstand, dass Jesse und Celine auch nach so vielen gemeinsamen Jahren noch so munter und ausgedehnt miteinander reden, eher auf eine weitere gemeinsame Zukunft der beiden hin. Wir warten gespannt auf eine etwaige Fortsetzung im Jahr 2022.
PS: Dass der Film von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien als „FSK: 6“ eingestuft wurde, obwohl Julie Delpy dort minutenlang mit entblößten Brüsten herumläuft und sich dem, allerdings durch heftigen Streit unterbrochenen, leidenschaftlichen Liebesspiel mit Jesse hingibt, geht natürlich im Zeitalter allgegenwärtiger Online-Pornographie völlig in Ordnung.
Before Midnight
USA 2013
Regie: Richard Linklater
Drehbuch: Richard Linklater, Julie Delpy, Ethan Hawke
109 Minuten, FSK: 6
Darsteller: July Delpy, Ethan Hawke u.v.a.
www.justament.de, 21.5.2013: 30 Jahre erste Single von The Smiths
Scheiben vor Gericht Spezial
Thomas Claer
Mit den Smiths ist der Begriff Indie-Pop überhaupt erst auf die Welt gekommen. Ihre erste Single, Hand in Glove/Handsome Devil, erschien im Mai 1983 und enthielt in diesen zwei Songs bereits alles, was diese Band in den nur vier Jahren ihres Bestehens ausmachen sollte: melancholisch süße Melodien, Johnny Marrs einzigartiges Gitarrenspiel, Morisseys weltschmerzgetränkten Gesang und im Songtext der A-Seite eine Überdosis hoffnungsloser Romantik, kulminierend in der Schlusszeile „I‘ll probably never see you again“. Jede neue Smiths-Single, und es wurden in ihrer kurzen aktiven Zeit nicht weniger als 19, war fortan ein Ereignis, jedes Plattencover eine ästhetische Offenbarung. In ihrer Heimat England eroberten sie zu jener Zeit mit schlafwandlerischer Sicherheit die Hitparaden, im Rest der Welt galten sie dagegen lange als Geheimtipp, konnten aber mit jeder der vielen posthumen Best of-Zusammenstellungen neue Fans gewinnen, gerade auch unter den Nachgeborenen. Das Geheimnis der Smiths ist wohl dieses: Ihre Musik berührt in ihrer zeitlosen Verlorenheit unmittelbar die Seele der Teenager und derer, die sich auch später noch ein wenig von den schrecklichen Verwirrungen des eigenen Erwachsenwerdens erhalten haben. Man ahnt, dass die Entstehung der Songs von erheblichen bandinternen Richtungskämpfen begleitet gewesen sein muss. Im August 1987 hatte Gitarrist Johnny Marr jedenfalls die Nase voll von den ewigen Streitereien mit Sänger Morrissey und verließ die Band, woraufhin Morrissey nach einigen notwendigerweise vergeblichen Versuchen, Ersatz für Johnny Marr zu finden, im September 1987 die Smiths für aufgelöst erklärte. So konnte die bis heute anhaltende Phase ihres Nachruhms beginnen. Hervorzuheben ist die überaus gelungene Parodie auf die Smiths im Song Samisu des deutschen Spaß-Punks Farin Urlaub aus dem Jahr 2001. Aber könnte es nicht doch noch irgendwann eine Wiedervereinigung der Smiths geben? Morrissey hat auf diese Frage einmal geantwortet: „Lassen Sie es mich so ausdrücken: Nein“. Das Urteil fürs Gesamtwerk lautet: sehr gut (16 Punkte).
The Smiths
Hand in Glove / Handsome Devil (Single)
Rough Trade 1983
(vergriffen)
The Smiths
The Smiths
Rough Trade 1984
Neuauflage mit drei Bonustracks: Warner Music 2012
B007F5S1FY
6,97 EUR (bei Amazon)
Einen schönen Überblick über ihre frühe Phase gibt es hier.
Justament April 2013: Was wir (nicht) hören wollen
Das neue Tocotronic-Album „Wie wir leben wollen“
Thomas Claer
Man will ja kein Ewiggestriger sein, der sich seine verflossene Jugend und den Jungs von Tocotronic die Trainingsjacken zurückwünscht. Aber etwas mehr Anknüpfungspunkte zu ihrem famosen Frühwerk hätte man sich von dieser Mutter aller Hamburger-Schule-Bands, die überdies zur Hälfte aus abgebrochenen Jura-Studenten besteht, in den letzten Jahren schon erhofft. Und nun dies: Mit ihrem neuen Album „Wie wir leben wollen“ kehren sie, zumindest was den Titel angeht, zurück zur alten Parolenhaftigkeit. Doch das ist noch nicht alles. Den 17 Songs mitgeliefert werden nicht weniger als 99 Thesen (http://www.tocotronic.de/99thesen) dazu, wie man sich das mit der gewollten Lebensführung so vorzustellen hat. Und damit haben Tocotronic mal eben jenen berühmten Reformator übertroffen, der es seinerzeit nur auf vier Thesen weniger gebracht hatte, welche er vor 496 Jahren medienwirksam an die Wittenberger Kirchentür nagelte. So operieren sie, wie es sich für anständige Diskurs-Rocker gehört, auf Augenhöhe mit dem abendländischen Geistes-Kanon. Nur eine gewisse inhaltliche Unschärfe dieser 99 zum Teil sehr knapp gehaltenen Lehrsätze, die mitunter ziemlich im Ungefähren bleiben, ließe sich bemängeln.
Ansonsten verwalten die Tocos diesmal souverän ihren Ruhm. Und wie sie wieder aussehen! Hipster-Bärte wie die späten Beatles, noch immer die charakteristischen Frisuren. Aber liegt es nur an der Lichteinstellung oder durchziehen Dirk von Lowtzows wilde Mähne inzwischen tatsächlich graue Strähnen? Der Titelsong „Im Keller“ lässt daran keinen Zweifel: „Hey, ich bin jetzt alt!“, lauten die ersten Worte des Albums. Was die Texte angeht, so bewegen sie sich eigentlich allesamt an der Grenze zur Peinlichkeit, die manchmal zwar durchaus überschritten, oft aber auch nur auf gekonnt ironische Weise touchiert wird („Mein Sex ist desolat!“). Gelegentlich landen sie sogar Volltreffer wie in alten Zeiten:“Erfolgreiche Freunde – Geißel der Menschheit“. Verbessert gegenüber dem relativ schwachen Vorgängeralbum, das es dennoch auf Platz 1 der deutschen Verkaufscharts geschafft hat, hat sich auf alle Fälle die Musik. Weniger langatmig und schwulstig, dafür pointierter und hin und wieder sogar etwas rockiger. Das Urteil lautet: Es lässt sich hören. Oder anders gesagt: voll befriedigend (10 Punkte). Plus ein Zusatzpunkt für die Idee mit den 99 Thesen.
Tocotronic
Wie wir Leben wollen
Vertigo Berlin (Universal) 2013
Ca. € 15,-
ASIN: B00AFARJ4A
Justament April 2013: Kapital will sich amüsieren
Der anhaltende Hauptstadt-Boom sorgt auch für Goldgräberstimmung auf dem Berliner Immobilienmarkt
Thomas Claer
Ein Szenebezirk funktioniert ungefähr so, wie es die Band Tocotronic schon vor 14 Jahren beschrieben hat: „Hier in unserer Straße / Sind wir fröhlich und entspannt / Wir reden meistens über etwas / Das uns auf den Nägeln brennt / An jeder Ecke stehen Menschen / Deren Meinung uns gefällt / Und der Himmel ist ganz blau / Weil er Ozon enthält.“ Hier ist die Welt der jungen Leute noch in Ordnung, aber ein solches Glück kann nie von Dauer sein: „Das dunkle Königreich wird nicht mehr aufzuhalten sein / Das Schlechte in der Welt bricht nunmehr über uns hinein“ Ganz einerlei, ob hiermit vielleicht auch der irgendwann drohende Eintritt ins Berufsleben oder das Erwachsenwerden schlechthin gemeint waren. Zu den dunklen Mächten, von denen hier geraunt wird, zählt zweifellos der massive Kapitalzufluss in die hippen, von Studenten und Künstlern bewohnten Gegenden unserer Großstädte, der die schönen Altbauwohnungen teuer werden lässt und die kreative Klasse womöglich irgendwann von dort verdrängen wird.
Auf dem Wohnimmobilienmarkt hat sich in den vergangenen Jahrzehnten nämlich eine markante Veränderung vollzogen: Zwar gibt es auch weiterhin Interessenten fürs „Häuschen im Grünen“, das Reihenhaus oder die Doppelhaushälfte, wo sich die geneigte Familie fernab von Lärm und Lastern der Innenstädte wohlfühlen kann. Die Musik aber spielt seit geraumer Zeit in den immer begehrter werdenden zentralen Citylagen, je studentischer und alternativer geprägt, desto besser. Das große Geld, das einst die Ruhe der Vorstädte schätzte, langweilt sich heute dort und will sich viel lieber in den zentralen Lagen amüsieren. Wie das aussehen kann, lässt sich insbesondere in unserer von der Jugend der Welt so heiß geliebten Hauptstadt beobachten, deren Innenstadt längst einer einzigen Partymeile gleicht.
Der australische Musiker Robert F. Coleman schrieb vor einigen Monaten in der New York Times über einen Sommer mit seinen Bandkollegen in Berlin-Neukölln: „Um uns wimmelte es von Bars, Parks, Mädchen und Tischtennisplatten. Wir waren in einem hedonistischen Paradies gelandet. Das Bier war billiger als Mineralwasser, die Drogen mühelos zu beschaffen, die beste Tanzmusik der Welt an jedem beliebigen Wochentag in Reichweite… Hier (war) das Seltsame normaler als das Normale: Eltern mit XL-Bierflaschen in der Hand sehen ihren Kindern beim Schaukeln zu, Nudisten sonnen sich in öffentlichen Parks, ehemalige Stasispitzel sitzen in ihren Stammkneipen und murmeln in ihre Drinks. Überall um uns brummten die Cafés, lesende, redende, lachende Menschen säumten die Kanalufer, die riesigen Parks waren voller Picknickdecken, Grillrauch und Sonnenschein. Bloß schien niemand zu arbeiten. Ich kam mir irgendwie ausgetrickst vor. Das Leben war einfach zu leicht. Der Alltagsstress, an den wir gewöhnt waren, existierte nicht, er wurde jede Nacht durch ein neues Abenteuer verdrängt: Partys in leer stehenden Schwimmbädern, Raves auf verlassenen Flugplätzen, Nachtclubs, die tagelang geöffnet blieben … Es gab zu wenig Grenzen – und uns fehlte die Willensstärke, um Nein zu sagen. Die unerklärliche Energie der Stadt hatte uns gepackt… Eines Tages – ich starrte gerade eine Nudistin in der Hasenheide an – merkte ich, dass wir in einer Art Künstler-Paradox feststeckten …“
Das Problem ist nur: Wenn eines Tages nur noch Reiche in der Berliner Innenstadt leben, wer soll dann für die gute Stimmung sorgen?
1. Mitte (Alt): 11,09 (9,54)/ +16,2%/ zentral/ alternativ/repräsentativ
2. Prenzlauer Berg: 9,38 (7,32)/ +28,1 %/ zentral/ alternativ/neubürgerlich
3. Wilmersdorf: 9,07 (8,06)/ +12,5 %/ zentral/ großbürgerlich/bürgerlich
4. Kreuzberg: 8,91 (6,37)/ +39,9 %/ zentral/ alternativ/lebendig
5. Zehlendorf: 8,75 (7,94)/ +10,2 %/ Randlage/ großbürgerlich/bürgerlich
6. Friedrichshain: 8,65 (6,60)/+31,1 %/ zentral/ alternativ/lebendig
7. Schöneberg: 8,52 (7,24)/+17,7 %/ zentral/ bürgerlich/lebendig
8. Charlottenburg: 8,33 (7,24)/ +15,0 %/ zentral/ großbürgerlich/lebendig
9. Tiergarten: 8,15 (6,33)/ +28,7 %/ zentral/ gemischt/lebendig
10. Steglitz: 7,46 (6,45)/ +15,7 %/ Randlage/ bürgerlich/kleinbürgerlich
11. Neukölln*: 7,05 (5,23)/ +34,8 %/ zentral/ alternativ/proletarisch
12. Pankow: 7,01 (5,99)/ +17,0 %/ Randlage/ bürgerlich/lebendig
13. Weißensee: 6,93 (5,65)/ +16,3 %/ Randlage/ bürgerlich
14. Tempelhof: 6,80 (5,82)/ +16,8 %/ Randlage/ kleinbürgerlich/bürgerlich
15. Lichtenberg: 6,79 (5,50)/ +18,2 %/ Randlage/ proletarisch/kleinbürgerlich
16. Köpenick: 6,79 (6,11)/ +11,1 %/ außerhalb/ bürgerlich/proletarisch
17. Treptow: 6,57 (5,47)/ +20,1 %/ Randlage/ proletarisch/lebendig
18. Wedding: 6,56 (5,26)/ +24,7 %/ zentral/ proletarisch/lebendig
19. Reinickendorf: 6,53 (5,76)/ +13,4 %/ Randlage/ kleinbürgerlich/bürgerlich
20. Spandau: 5,99 (5,43)/ +10,3 %/ außerhalb/ kleinbürgerlich/lebendig
21. Hohenschönhausen: 5,96 (5,96)/ +/-0,0 %/ außerhalb/ proletarisch/gemischt
22. Hellersdorf: 5,81 (5,30)/ + 9,6 %/ außerhalb/ proletarisch/gemischt
23. Marzahn: 5,39 (4,85)/ +11,1 %/ außerhalb/ proletarisch/gemischt
* Neukölln-Nord: 7,69 (5,08)/ + 51,4 %/ zentral/ alternativ/proletarisch
Neukölln-Süd: 6,24 (5,41)/ +15,3 %/ Randlage/ kleinbürgerlich
Angebotskaltmieten in Berliner „Altbezirken“ nach Medianwerten 2012 (2008)/ Veränderung/ Lage /Sozialstruktur (Aufstellung gemäß Bezirksgrenzen vor der Gebietsreform 2002, weil so differenzierteres Bild möglich). Quelle: GSW-Report, eigene Berechnungen.
www.justament.de, 18.3.2013: Neukölln disst überall
Die Juristin Inger-Maria Mahlke und ihr fulminanter Gentrifizierungs-Roman „Rechnung offen“
Thomas Claer
Um es gleich vorweg zu sagen: Dieser Roman ist nichts für zart besaitete Gemüter, denn seine Protagonisten hassen und verachten und bekämpfen sich mit einer Inbrunst, wie sie nur in den besten Familien vorkommt. Aber der Reihe nach: Die im Zentrum des Buches stehende dreiköpfige Familie Jansen ist eigentlich gut dabei im neuerdings aufstrebenden Berlin: Vater Claas betreibt eine prima laufende psychologische Beratungs-Paxis, Schwerpunkt: Behandlung von Depressionen. Doch zwischen ihm und seiner Frau Theresa, die als freie Jura-Dozentin an der FU immerhin fast die monatlichen Mietkosten der luxuriösen Charlottenburger Altbauwohnung erwirtschaften kann, knirscht es gewaltig. Vor allem ist es ein Ärgernis für Theresa, dass ihr Mann unablässig Antiquitäten auf Ebay ersteigert (bisweilen lässt er sogar seine Patienten warten, wenn gerade eine Auktion ausläuft) und damit die Wohnung vollstellt. Irgendwelche Finanz-Heinis haben Claas zum Kauf eines Mietshauses im einstigen Problem- und nunmehrigen Trendbezirk Neukölln überredet, natürlich auf Pump, weil das wohl steuerlich günstiger ist. Claas hat das anscheinend selbst kaum richtig durchgerechnet, seine Frau interessiert das ganze ohnehin nicht. Als sich dann herausstellt, dass etliche Altmieter schon ewig keine Miete mehr gezahlt haben, als Gerichts- und Räumungskosten anwachsen, öffnet Claas irgendwann gar nicht mehr die immer neuen Briefe mit den Rechnungen und Pfändungsbeschlüssen, und bald ist sein Konto nicht mehr gedeckt. Indessen hat sich die etwa 20-jährige Tochter Ebba, das Sorgenkind, übergewichtig, antriebslos und sogar an einer Ausbildung als Kindergärtnerin scheiternd, in einer freigewordenen Wohnung im väterlichen Neuköllner Mietshaus einquartiert. Dorthin, allerdings in eine andere der total versifften Wohnungen des Hauses, zieht auch Vater Claas, als ihn seine Frau nach einem Streit vor die Tür setzt. Der Leser erfährt von den überwiegend traurigen Existenzen, die in diesem Hause sonst noch ihr Dasein fristen, aber auch von der Aufbruchstimmung durch die „Invasion“, die erst „im letzten Jahr begonnen hatte“: „Im Sommer waren sie braungebrannt, im Winter rotwangig, saßen mit Laptops in Cafés, in Eile auf ihren Fahrrädern, verabredet, immer verabredet…“ Das alte Neukölln bestand noch aus „Gemüsehändlern, Wettbüros, Dönerimbissen, 99-Cent-Läden, Lidl-Märkten und Kneipen, in deren Schaufenstern Silvestergardinen bleichten“. Das neue Neukölln sieht dann so aus: „Die Kneipe an der Ecke war weg…Im Frühjahr hatte in den Räumen ein Café aufgemacht, die Tapeten hatten sie runtergerissen… Sofas standen kreuz und quer und kleine Couchtische und Sessel… und alle mussten übereinandersteigen, wenn sie zu ihren Plätzen wollten. Bei den neuen Geschäften war unklar, was sie verkauften. In den Schaufenstern hingen Plakate… In manchen Läden reihenweise Tische mit Computern…“
Ohne Frage ein dankbares Thema hat sich die 35-jährige Juristin Inger-Maria Mahlke, aufgewachsen in Lübeck, FU-Absolventin und selbst in Neukölln lebend, für ihren zweiten Roman „Rechnung offen“ ausgesucht. So viele grundverschiedene Welten prallen in diesem Umbruchs-Bezirk gerade jetzt aufeinander, dass dies nach einer literarischen Verarbeitung geradezu schreit. Allerdings bedarf es beim Leser schon eines Minimums an juristischem (Mietrecht!) und ökonomischem (Entwicklung der Immobilienpreise!) Hintergrundwissen, um die entscheidenden Ereignisse der Geschichte, die im Roman nur sehr knapp angedeutet werden, angemessen nachvollziehen zu können. Dafür erhalten Nebensächlichkeiten immer wieder sehr breiten Raum, was aber mit dem, sagen wir, etwas eigenwilligen Schreibstil der Autorin zu tun hat, der in seiner nicht uneleganten Verschrobenheit ein wenig an Günter Grass erinnert. Allerdings fehlt ihr, anders als diesem, der überreichliche Sinn fürs Erotische, das im Buch nahezu völlig ausgespart bleibt. Sehr wohl aber pflegt Inger-Maria Mahlke einen Naturalismus, der sich der ausgiebigen Beschreibung von Körperausdünstungen, Speichelflüssen und, ja, auch Kackwürsten widmet. Das ist Geschmacks-, aber letztlich auch Gewöhnungssache. Und gewiss ist es manchmal etwas anstrengend, den vielen erzählerischen Sprüngen der Autorin zu folgen, die einem in ihrem Reduktionsenthusiasmus immer aufs Neue das Rätsel aufgibt, an welchem Ort und in welchem Strang der Handlung man sich denn nun schon wieder gerade befindet. Doch bei weitem rausgerissen wird all das durch den wirklich grandiosen Plot des Romans mit seinem überraschenden Ende mitsamt einer bösen Pointe. Wir wollen noch nichts verraten.
Inger-Maria Mahlke
Rechnung offen. Roman
Berlin Verlag 2013
284 Seiten, EUR 19,99
ISBN 978-3-827ß-1130-5
www.justament.de, 11.3.2013: Die Fallstricke der Wohnungsvermietung
Der „Vermieter-Ratgeber“ von Matthias Nöllke in 8. Auflage im Praxistest
Thomas Claer
Da hat man also gewissermaßen die Seiten gewechselt und ist nach langen Jahren als Mieter zunächst zum Eigentümer und nun sogar zum Vermieter einer kleinen Wohnung „aufgestiegen“. (Nicht weil man Krösus wäre, sondern – eher im Gegenteil – aufgrund der sich aus einem Dasein als Geringverdiener ergebenden Sparzwänge und Vorsorge-Notwendigkeit.) Und einem frisch gebackenen Vermieter kommt natürlich ein zuverlässiger Vermieter-Ratgeber gerade recht, um den unzähligen Fallstricken zu entgehen, die eine Wohnungsvermietung so mit sich bringen kann. Aber hält der handlich und kompakt daherkommende „Vermieter-Ratgeber“ von Matthias Nöllke aus dem Haufe-Verlag auch, was er verspricht? Der Praxis-Test ergibt ein Sowohl-als-auch.
Das Buch ist durchweg flüssig geschrieben und vermeidet glücklicherweise weitgehend die trockene Paragraphenhuberei. Der an der Chronologie der Abläufe ausgerichtete Aufbau ermöglicht ein schrittweises und kontinuierliches Studium der Materie. Uneingeschränkt dankbar kann man dem Verfasser für seinen stets erhobenen Zeigefinger sein, nur ja den Mietvertrag und alles Drumherum gründlich vorzubereiten und die nötigen gedanklichen und praktischen Vorbereitungen darauf nicht auf die lange Bank zu schieben. Wohl wahr: Wer die Dinge als Vermieter im Frühstadium schleifen lässt und allein seinem Improvisationstalent vertraut, wird das womöglich kaum jemals wieder gutmachen können. Es gilt das gern zitierte Bonmot, wonach es heutzutage leichter ist, sich von seinem Ehepartner zu trennen als von seinem Mieter. Allerdings malt der Autor das Schreckgespenst des potentiell skrupellosen und querulatorischen Mieters so detailliert an die Wand, dass einen manchmal das ungute Gefühl beschleicht, er könnte damit manchen Mieter erst auf bestimmte boshafte Einfälle bringen, auf die dieser von alleine nie gekommen wäre.
Ein anderer Einwand, der sich aber angesichts des Immobilienbooms in unseren Großstädten aus der Natur der Sache ergibt, ist die mangelnde Praktikabilität mancher Hinweise im Buch. Bei Wohnungsbesichtigungen niemals mehrere Interessenten gleichzeitig in die Wohnung zu lassen, sondern sie im Abstand von 15 Minuten nacheinander einzubestellen, wie es der Autor empfiehlt, ist jedenfalls in Großstädten inzwischen wohl generell wegen der Masse an Bewerbern nicht mehr möglich. (Als goldrichtig erwies sich hingegen die Anregung, die Besichtigenden Mieterselbstauskunfts-Fragebögen ausfüllen zu lassen und über die Angaben in diesen mit jenen ins Gespräch zu kommen.)
Doch auf welche Weise sollte man seinen Mieter überhaupt suchen? Wer das im Zeitalter des Web 2.0 für eine fast schon überflüssige Frage hält, muss sich über den „Vermieter-Ratgeber“ aus dem Jahr 2012 doch ziemlich wundern, denn der behandelt die Mietersuche über das Internet in gerade einmal sechs Zeilen mit dem Befund, dass dies zwar auch mal weiterhelfen könne, zumal es ja in der Regel kostenlos sei, man die Erfolgsaussichten aber nicht überschätzen sollte, denn der Mietmarkt sei ein lokaler Markt, auf dem das wichtigste Medium noch immer die Lokalzeitung sei. Das erinnert mit Verlaub an das berühmte Diktum Kaiser Wilhelms, der seinerzeit das Automobil für eine „vorübergehende Erscheinung“ hielt und weiter fest an die Zukunft des Pferdes glaubte. Wir schalteten also für stolze 39,95 EUR für zwei Wochen (Mindestlaufzeit) eine Anzeige bei Immobilienscout24, die wir aber, da wir mit der Verwaltung der vielen Anfragen schon bald nicht mehr nachkamen, bereits nach vier Tagen und drei Sammelbesichtigungsterminen wieder von der Seite nahmen, zumal wir unsere Mieterin dann bereits gefunden hatten.
Vielleicht liegt es ja an diesem offenkundigen Aktualisierungsstau, dass die 2012er Auflage dieses ansonsten wirklich brauchbaren Ratgebers inzwischen nicht mehr erhältlich ist. Eine neue Auflage, die die genannten Mängel beseitigt, dürfte in Vorbereitung sein. Tipp: Darauf noch warten und dann zugreifen, sofern Bedarf besteht.
Matthias Nöllke
Vermieter-Ratgeber. Sicher und rentabel vermieten
Haufe Verlag Freiburg, 8. Auflage 2012
226 Seiten, EUR 16,95
ISBN 978-3-648-01265-9
18.2.2013: Geburtstagsrede
Liebe Gäste,
ich bitte um Nachsicht, dass ich gleich über ein Thema sprechen werde, das nicht jeden hier interessieren wird. Wenn ich es trotzdem tue, dann vor allem deshalb, weil es den heutigen Jubilar interessieren wird. Aber ich verspreche, ich werde mich kurz fassen.
Wie Franz Bernhard de Claer Napoleon in die Flucht schlug und Wilhelm Theodor v. Clair Frieden im russisch-türkischen Krieg stiftete –
Über Sinn und Unsinn der Ahnenforschung und ein kleiner Ausflug in die Familiengeschichte
Die Familienforschung, umgangssprachlich auch als Ahnenforschung bezeichnet, hat derzeit Hochkonjunktur. Man glaubt es nicht, wie viele deutschsprachige Internetseiten und Diskussions-Foren sich inzwischen diesem Thema widmen. Und es ist ja auch kein Wunder: Immer öfter lassen sich heute einschlägige Quellen wie uralte Kirchenbücher, verstaubte Einwohner- oder Mitgliederlisten in technisch aufbereiteter Form per Mausklick im Internet einsehen, während noch vor gar nicht so langer Zeit Interessenten mitunter mühselige und kostspielige Reisen in abgelegene Archive auf sich nehmen mussten. Genealogische Datenbanken enthalten mittlerweile Millionen erforschter Ahnentafeln und Stammbäume. Und immer mehr Deutsche lassen sich vom Forscher-Virus infizieren und begeben sich mit Google & Co. auf die Suche nach ihren vermeintlichen Wurzeln.
Heikles Erbe der NS-Zeit
Doch anders als in vielen anderen europäischen Ländern und vor allem den USA, wo sich die Familiengeschichtsforschung in den letzten Jahrzehnten zu einer weit verbreiteten Freizeitbetätigung entwickelt hat, galt sie sie hierzulande aufgrund ihrer historischen Belastung lange Zeit nicht als harmloses Vergnügen, sondern stand im Ruf des Anrüchigen. Schließlich erinnerte man sich noch gut an die berüchtigten Nürnberger Rassegesetze und die Fragebögen der „Reichsstelle für Sippenforschung“, in welchen während der Nazi-Jahre die deutschen „Volksgenossen“ ihre lupenreine „arische Abstammung“ zu dokumentieren hatten, wollten sie sich nicht den diskriminierenden und mörderischen Sanktionen des Regimes aussetzen. Unsere nachgewachsenen Generationen gehen mit diesem historischen Erbe aber deutlich unbefangener um, was man als Ausdruck eines allmählichen Normalisierungsprozesses deuten kann.
Irrationaler Kern
Dennoch enthält alle Familienforschung, bei Lichte betrachtet, einen irrationalen Kern, sofern der Forschende, was dieser meist stillschweigend voraussetzt, aus ihr Rückschlüsse auf die eigene Existenz im Hier und Jetzt zu gewinnen trachtet. Es beginnt schon damit, dass die Familie ein ideologisch aufgeladener Begriff ist. Mit der Verdopplung der Zahl der Vorfahren in jeder Generation wächst die Zahl der persönlichen Ahnen jedes Einzelnen in der Rückschau schnell ins Unermessliche. Der Grad an genetischer Übereinstimmung ist aber bereits nach wenigen Generationen nur noch marginal. Hinzu kommt der zumindest bis zur Erfindung moderner Vaterschaftstests absolut geltende Grundsatz „pater semper incertus est“ (der Vater ist immer ungewiss), der auf eine hohe Dunkelziffer an „Kuckuckskindern“ (also gewissermaßen außerfamiliär produzierten Nachkommen) in den Stammbäumen hindeutet. Wollte man hingegen die Familie weniger als biologische, denn als kulturelle Schicksalsgemeinschaft begreifen, die sich ähnlich wie die Nation auf einen Mythos gemeinsamer Abstammung stützt, so erscheint auch dies äußerst fragwürdig, zumal in einer Zeit, in welcher zunehmend selbstausgesuchte Wahlverwandtschaften die traditionellen Familienbande ersetzen und die alten nationalen Grenzen und Beschränkungen in einer globalisierten Welt nach und nach an Bedeutung verlieren.
Individueller Zugang zur Geschichte
Und doch gibt es für die Faszination so vieler Menschen für das Erforschen ihres Stammbaums einen guten Grund, und der lautet: „nomen est omen“. Denn diese Gemeinsamkeit teilen wir, jedenfalls in den meisten Fällen, gewiss mit einem Teil unserer Ahnenliste: die des Familiennamens. Es weckt nun einmal Neugier, dass da früher jemand gelebt hat, der mit dem gleichen Namen wie man selbst durchs Leben gegangen ist. Und das gilt umso mehr für alle, die einen relativ seltenen Familiennamen tragen, während sich die Müllers, Schmidts und Meiers dieser Welt deutlich seltener für Ahnenforschung interessieren. Vielleicht wäre daher in vielen Fällen der Begriff Namensgeschichtsforschung vorzugswürdig. So zweifelhaft der den Recherchen zugrundeliegende Impuls also auch sein mag, er ermöglicht uns doch einen ganz individuellen Zugang zur Geschichte.
Held des Siebengebirges
Da stößt man also zufällig im Internet auf eine Von-Claer-Straße in der rheinischen Kleinstadt Königswinter und geht dem nach. Der Namensgeber, Franz Bernhard de Claer (1785-1853), war in den napoleonischen Kriegen der Adjutant des „Landsturms vom Siebengebirge“. Das war eine Art Freiwilligenarmee, welche die regulären deutschen Truppen bei der Befreiung des rechten Rheinufers von der französischen Herrschaft im Januar 1814 unterstützte. Noch mehr Auskünfte lassen sich der von mir aus dem Stadtarchiv St. Augustin am Rhein angeforderten über 400-seitigen „Familienchronik von Claer“ entnehmen, die Franz Bernhard de Claer als einen Verwaltungsjuristen in Mülheim vorstellt. (Meine bisherige Annahme, der erste Jurist in meiner Familie zu sein, wird dadurch erschüttert.) Er verlässt in der „Stunde der Erhebung“ seinen Posten, um beim Kampf gegen Napoleons Besatzungsarmee in der ersten Reihe zu stehen. „In der Neujahrsnacht 1813/14“, heißt es weiter, „überschritt Blücher bei Caub … den Rhein. Hinter einem Schleier von Truppen vollzog sich der französische Rückzug.“ Und später: „Vom Mittel- und Oberrhein folgten die Heere der Verbündeten dem weichenden Gegner. Auf dem rechten Heeresflügel war die Nordarmee unter General Bülow in Holland eingedrungen. In der Zwischenzone, gegenüber dem Landsturm, lagen verlässliche Nachrichten vom linken Ufer noch nicht vor. Um sich Gewissheit zu verschaffen, bemannte Franz Bernhard de Claer am 14. Januar in Beuel einen Kahn und fuhr nach Bonn herüber. Bei der Annäherung ließ er die Mannschaft sich niederlegen, er selbst stand vorn im Kahn. Am Ufer hatte sich Volk gesammelt, aus dessen Mitte ein Polizeidiener trat und Claer mit den Worten ‚Im Namen des Gesetzes arretiere ich Euch‘ empfing. Mit den Worten ‚Kerl, wenn du das Maul nicht hältst, schieße ich dich über den Haufen‘ schlug Claer auf den Mann an. Die Menge, welche die Befreier jubelnd begrüßte, packte den Polizisten und schleppte ihn fort. Claer zog mit seiner Mannschaft in die Stadt, die er vom Feinde geräumt fand.“
Die normannisch-englisch-rheinische Linie
Potzblitz!, denkt man, was für ein Teufelskerl! Aber ist er denn nun ein Verwandter? Wohl eher nicht, zumindest kein näherer. Denn so viel steht nach umfangreichen weiteren Forschungen schon mal fest: Belegen lässt sich so gut wie gar nichts. Doch gibt es gewisse Anhaltspunkte, die es denkbar erscheinen lassen, dass es im 13. Jahrhundert gemeinsame Vorfahren gegeben haben könnte. Allerdings musste ich erkennen: Die stolze rheinische Familie de Claer mit ihrem Held vom Siebengebirge, mit ihren Burgherren, später auch preußischen Generälen, Politikern und einem echten Bundesbankdirektor, diese Familie hat mit unserer aus Ostpreußen stammenden Familie Claer wohl leider nichts zu tun. Jedenfalls fast nichts, denn die Vorfahren dieser rheinischen Familie kamen ursprünglich aus England und noch ursprünglicher aus der Normandie. Sie zählen sich zu den Nachkommen von Rollo dem Wikinger, dem Gründer der Normandie im Vertrag von Saint-Clair-sur-Epte im Jahr 911. Und in England gehörten sie zu den vornehmsten Adelsfamilien. Und einer von ihnen muss von England aus über Holland und Westdeutschland nach ganz weit in den Osten aufgebrochen sein, denn niemand anders als Johannes Clare (in englischer Schreibweise C-l-a-r-e), der Bischof vom Samland, baute um 1340 den Dom zu Königsberg und liegt noch heute in diesem begraben. Also möglicherweise war dieser Bischof unser Vorfahre, möglicherweise sind die rheinischen de Claers unsere entfernten Verwandten und wir damit Rolloniden, also Nachkommen von Rollo dem Wikinger. Es könnte aber auch ganz anders gewesen sein.
Die hugenottisch-preußische Linie
Denn immerhin können wir unseren väterlichen Stammbaum zuverlässig bis ins Jahr 1799 zurückverfolgen. Da wurde mein Urururgroßvater Friedrich Claer, seines Zeichens königlich preußischer Jäger, in Ludwigswalde in Ostpreußen geboren. Wer sein Vater war, ist leider nicht mehr eindeutig feststellbar. Wahrscheinlich war es aber Unterförster Friedrich Wilhelm Claer. Und hier verlieren sich die Spuren des sicheren Wissens im Dunkeln und wir treten ein ins Reich der Spekulation. Es gab bestimmte Mitglieder unserer Familie, die behaupteten, diese sei einst eine hugenottische Adelsfamilie gewesen und habe de Clair geheißen. Das wurde wiederum von anderen Familienmitgliedern, auch von hier anwesenden, als Humbug abgetan. Doch haben meine Forschungen ergeben: In der Tat gab es eine hugenottische – also ursprünglich aus Frankreich stammende – Familie in Berlin, später auch in Ostpreußen, deren Mitglieder sich abwechselnd le Clair / de Clair und v. Clair nannten. (Man hat es damals mit den Namensbezeichnungen und insbesondere mit der Schreibweise der Namen nicht sehr genau genommen, das änderte sich erst ab ca. 1850.) Ein preußischer Hauptmann namens Wilhelm Theodor v. Clair, stationiert in Gumbinnen in Ostpreußen, gehörte im Jahr 1829 sogar zu einer Delegation hoher preußischer Offiziere, die in geheimer Mission nach Konstantinopel reiste, um dem osmanischen Sultan ein Friedensangebot des russischen Zaren Nikolaus I. zur Beendigung des russisch-türkischen Krieges (1828/29) zu überbringen. Dessen Vater, der Ingenieurcapitain Gottlieb August de Clair, dessen Grab sich in der Gruft der Berliner Garnisonkirche befindet, hat im Jahr 1771 im allerhöchsten königlichen Auftrag von Friedrich dem Großen, dem „alten Fritz“, ein Buch über die Kriegskunst Ludwig XIV. aus dem Französischen ins Deutsche übersetzt. Im Jahr darauf erließ König Friedrich eine Kabinettsordre an seine Offiziere, die wie folgt lautete:
„Ich gebe Euch hiermit auf, daß Ihr die 159 Exemplaria des von dem Capitain le Clair auf Meine Ordre übersetzten Werkes denen General-Inspekteurs … (und) denen Regimentern unter der Auflage zuzuschicken, daß selbige die Officiers zu dessen fleißiger Lesung, besonders auf denen Wachten, wo sie gemeiniglich ihre Zeit sehr unnütz zuzubringen pflegen, gehörig anweisen und anhalten sollen. ..“
Potsdam, den 7. Februarii 1772 Friedrich
Sind wir nun also die Nachkommen dieser famosen hugenottischen Adelsfamilie? Wir wissen es nicht. Womöglich werden wir es nie erfahren. Aber ich forsche weiter. Vielleicht hegt man ja doch die geheime Hoffnung, dass vom Glanz vergangener Namensträger etwas aufs eigene bescheidene Dasein abstrahlen könnte.
(Verlesen am 18.2.2013 in Bremen zum 80. Geburtstag meines Vaters Dr. Joachim Claer.)
