Tag Archives: Kreuzberg

www.justament.de, 16.10.2017: Eindrucksvolle Milieustudie

„Wiener Straße“ von Sven Regener

Thomas Claer

Ah, es gibt Neues von Sven Regener. „Wiener Straße“ ist der nunmehr fünfte Roman in seiner beliebten Lehmann-Reihe. Und er springt, den Nachwende-Exkurs des Vorgängers „Magical Mystery oder Die Rückkehr des Karl Schmidt“ hinter sich lassend, noch einmal zurück ins gute alte Kreuzberg im Herbst 1980 und erzählt exakt da weiter, wo „Der kleine Bruder“, sein Vorvorgänger, aufgehört hat. Denn schließlich möchte man als langjähriger Regener-Leser ja auch noch erfahren, wie der junge Frank Lehmann eigentlich zu seinem Job als Barkeeper in Erwin Kächeles Kneipe „Einfall“ gekommen ist, den er dann bis ins Wendejahr 1989 innehatte und wohl auch noch etwas darüber hinaus innegehabt haben muss – bis zu seinem späteren Aufstieg als Gesellschafter einer auf Partygastronomie spezialisierten GmbH (an der Seite von Erwin Kächele), von dem in „Magical Mystery“ beiläufig die Rede war.

Auffällig ist zunächst, dass der Roman formal neue Wege geht. Waren die ersten drei Bände noch Musterbeispiele des „personalen Erzählens“, d.h. es wurde alles ausschließlich aus der Sicht des Protagonisten Frank Lehmann geschildert, allerdings nicht in der Ich-Form, so hatten wir es in „Magical Mystery“ mit Lehmann-Kumpel Karl Schmidt als Ich-Erzähler zu tun. Nun aber wird abwechselnd die Sicht immer anderer Romanfiguren eingenommen, ohne dass es einen auktorialen (allwissenden) Erzähler gäbe, man könnte dies als multipersonales Erzählen bezeichnen. Somit ist Frank Lehmann in diesem Buch nur noch einer von vielen, die ihre jeweilige Sicht der Dinge darlegen, wenn auch stets in der Er- bzw. Sie-Form. Nacheinander kommen so Erwin Kächele (er besonders ausführlich), der Performance-Künstler H.R. Ledigt, Erwins Nichte Chrissie, deren aus Schwaben anreisende Mutter Kerstin, der Fake-Hausbesetzer P. Immel (der in Wirklichkeit Hauseigentümer ist und dessen wahrer Name Peter v. Immel lautet), sein Mitbewohner Kacki, der ZDF-Reporter Prohaska, der für ein Kulturmagazin aus dem besetzten Haus berichtet, sowie der Kunstausstellungskurator Wiemer zu Wort.

Nun wurde dem Roman vorgehalten, und zwar von keinem Geringeren als Gustav Seibt in der Süddeutschen Zeitung, dass er nur eine recht belanglose Handlung habe und allenfalls als volkstümliche Mundart-Prosa überzeugen könne. Tatsächlich wird diesmal auch der eingeborenen Berliner Bevölkerung, den „Allet frisch-Berlinern“, die u.a. als Verkäuferinnen, Polizisten und Kaffeemaschinen-Monteure auftreten, breiter Raum gewidmet („Uff jeden, sa‘ ick ma.“). Doch dürfte man diesem Buch eher gerecht werden, wenn man es nicht nur als solitäres Werk, sondern auch als Etappe in der besagten Reihe betrachtet. Es erzählt einen Teil der Vorgeschichte der liebgewonnenen Figur Frank Lehmann – und das ganze Drumherum. Wir lernen mehrere Nebenfiguren besser kennen. Kurz gesagt, wer bis hierhin alle Regener-Romane gelesen hat, wird auch von „Wiener Straße“ nicht enttäuscht sein. Ganz im Gegenteil.

Und überhaupt das damalige Leben in West-Berlin… Es ist schon eine Art Schlaraffenland gewesen, vor allem nach heutigen Maßstäben. Für ein WG-Zimmer im Altbau mitten in Kreuzberg (allerdings auch nur mit Ofenheizung) zahlte man 150 Mark. Die Stundenlöhne in der Kneipe lagen bei 8 bis 10 Mark. Heute, 37 Jahre später, schlagen sich die Gastronomie-Mitarbeiter (und nicht nur sie) mit nominal ganz ähnlichen Stundenlöhnen von 4 bis 5 Euro durch. Das WG-Zimmer kostet aber durchschnittlich 450 Euro, also das Sechsfache von damals! Und natürlich ist auch fast alles andere entsprechend teurer geworden. Wer soll da noch Zeit und Kraft z.B. für Kunst haben, wenn schon das Bestreiten des Lebensunterhalts derart kostspielig geworden ist. Seinerzeit, 1980, ging das aber noch sehr gut!

Bemerkenswert ist ferner noch die sich mit jedem Band steigernde Virtuosität des Regenerschen Satzbaus. Mitunter erinnern die ausufernden Wortkaskaden schon an Regeners heimliches Vorbild Thomas Bernhardt. Und schließlich lässt der Roman inhaltlich eine nicht ganz unbedeutende Frage offen und weckt so den Appetit des Lesers auf weitere Fortsetzungen: Wird sich die bislang nur sehr subtile Annäherung zwischen Frank Lehmann und Erwin Kächeles Nichte Chrissie weiter fortsetzen? Die Antwort gibt es, vielleicht, in ein paar Jahren.

Sven Regener
Wiener Straße
Galiani-Berlin 2017
304 Seiten; 22,00 EUR
ISBN-10: 3869711361

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www.justament.de, 23.6.2014: Weltpremiere!

Scheiben vor Gericht spezial: Element Of Crime mit fünf neuen Songs live auf dem Oranienplatz in Kreuzberg

Thomas Claer

IMG_0957Unter dem Motto „Früher haben wir hier gewohnt, und heute spielen wir hier“ absolvierten unsere Elements am Samstag einen vielumjubelten Auftritt auf der „Fete de la Musique“ auf dem Oranienplatz in Berlin-Kreuzberg. Mit besonderer Spannung aber hatten die zu Tausenden herbeigeströmten Fans auf die versprochenen Kostproben aus dem für den Herbst angekündigten neuen EOC-Album – dem ersten seit fünf Jahren – gewartet, und sie wurden nicht enttäuscht: Gleich fünf neue Songs gab Sven Regeners muntere Kapelle – neben fünf weiteren wohlbekannten Gassenhauern – zum Besten. Nach 45 Minuten war dann allerdings Schluss, weil die nächsten Bands an der Reihe waren.

„Na, und“, werden jetzt alle fragen, die nicht dabei sein konnten, „wie waren denn die neuen Lieder?“ Um es zurückhaltend zu sagen: Jede Sekunde des Wartens hat sich voll gelohnt. Zwar bedarf es wohl keiner besonderen Erwähnung, dass sich vom musikalischen Konzept her bei Element Of Crime nicht viel verändert hat. Nur, dass diesmal noch zusätzlich ein Saxophonist mit dabei war (das hatten sie, glaube ich, letztmals auf dem Debütalbum „Basically Sad“ von 1985), der insbesondere einen Teil von Sven Regeners Trompeten-Einsätzen ersatzweise übernahm. Gute Idee! Denn gleichzeitig singen und Trompete spielen, das hat noch keiner geschafft. Und bei früheren Live-Auftritten musste daher immer so einiges von Regeners Trompetengeschmetter notgedrungen unter den Tisch fallen. Jetzt zum Glück nicht mehr.

Aber zurück zu den fünf neuen Songs. Sehr stark sind sie, ironischer und melancholischer denn je, sowohl textlich als auch musikalisch, da kommt womöglich ein großes Album auf uns zu. Gleich das Eröffnungslied „Am Morgen danach“ brilliert mit vielsagenden Andeutungen wie „Du ohne Schirm, ich ohne Plan, war ja klar“. Ähnlich verhält es sich mit „Schade, dass ich das nicht war“, das sogar etwas temporeicher daherkommt, als wir es sonst von den Elements gewohnt sind. Hingegen wird in „Hauptsache Du“ die anfänglich zu befürchtende Kitschnähe („Nie zuvor hab ich ein Lächeln geseh‘n wie das deine“) rasch durch einen beherzten oxymoratischen Blick auf die Widersprüchlichkeiten des Alltags ausgetrieben:  „Heimatlos und viel zu Hause“, „Unterbeschäftigt und viel zu viel zu tun“. Wer kennt das nicht?

Als absolutes Highlight erweist sich dann aber das hintersinnig-dunkle „Liebe ist kälter als der Tod“. „Auf alles, was da kommt, scheißend“ reift im lyrischen Ich schließlich die Erkenntnis: „Je länger man kaut, desto süßer das Brot“.  Der letzte der neuen Songs, „Bildschirm und Goldfisch“, ist dann noch eine Hymne an die eigene Unerreichbarkeit, rein technisch betrachtet – es geht um abgeschaltete Handys und defekte Wohnungstürklingeln. Schon beim zweiten Hören (man hat natürlich alles gefilmt und mit nach Hause genommen) kommt es einem vor, als ob man die Songs schon seit 20 Jahren kennen würde. Und das ohne dass sie einfach nur ein Abklatsch der früheren wären, ganz und gar nicht!

???????????????????????????????Gelungen war letztlich auch die Auswahl der fünf altbekannten Stücke im Programm. Dachte man nach „Am Ende denk ich immer nur an dich“, „Immer da, wo du bist, bin ich nie“ und „Delmenhorst“ schon, dass ausschließlich das letzte Jahrzehnt zum Zuge käme, gab es dann als Zugabe doch noch zwei Knaller aus den frühen Neunzigern, nämlich „Weißes Papier“ und als Schlusspunkt „Draußen hinterm Fenster“.

Ganz ausdrücklich zu loben ist ferner noch die exzellente Vorgruppe, das Berliner Lagerfeuer-Duo „Apples in Space“, dessen wunderschönes Lied „Vespa“ schon den Soundtrack von „Haialarm am Müggelsee“ schmückte, jenem Klamauk-Film, den Sven Regener im letzten Jahr gemeinsam mit Regisseur Leander Haußmann gedreht hat.  Apropos Leander Haußmann: Der befand sich auch im Publikum und war schon von weitem daran zu erkennen, dass er als nahezu einziger nicht auf seine stetig brennende Zigarette verzichten konnte. Noch vor zehn oder 15 Jahren hätte über einem solchen Live-Musik-Fest eine dichte Nikotinwolke geschwebt, inzwischen sind aber die Kreuzberger Konzertbesucher offensichtlich schon ebenso gentrifiziert wie ihre Wohngegend.

Übrigens lässt sich auf dem Oranienplatz neuerdings eine kulinarische Köstlichkeit probieren, die mancher vielleicht noch nicht kennen wird: In einer bunten Bude am südwestlichen Rand des Platzes werden in verschiedenen Variationen ausschließlich „Tantuni“ verkauft. Das sind ursprünglich aus der Region Mersin im Süden der Türkei stammende Teigrollen, gefüllt mit gegartem Hackfleisch, Tomate, Zwiebel, Petersilie, Chili, Kümmel und schwarzem Pfeffer. Sehr lecker! Die kosten zwar mit 3,50 EUR einen Euro mehr als der gemeine Döner, aber es lohnt sich ganz unbedingt! Und dann war am Samstag auch noch, wie es der Zufall so wollte, Christopher Street Day. Und einer der Umzüge verlief durch die Oranienstraße. Da gab es dann noch allerhand buntes Volk zu bestaunen.

Das Gesamturteil lautet: gut (15 Punkte).

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www.justament.de, 7.10.2012: Der Mann mit der Apfelschorle

Sven Regener mit seinem vierten Roman „Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt“

Thomas Claer

regener-coverLange war ja gerätselt worden, wovon der neue Roman von Sven Regener wohl handeln könnte, denn die Figur Frank Lehmann, die der Leser über drei Romane auf zusammen weit über 1000 Seiten ins Herz geschlossen hatte, war ja nach allseits kundgetaner Meinung des Autors schon irgendwie auserzählt. Nun ist es also raus: Herr Lehmanns bester Freund, der Bierzapfer-Kollege und unverstandene Schrott-Künstler Karl Schmidt, der ausgerechnet in der Nacht der Mauer-Öffnung einen durch ausgedehnte Schlaflosigkeit und massiven Drogenabusus beförderten depressiven Nervenzusammenbruch erlitten hat und von Geburtstagskind Frank Lehmann ins Kreuzberger Urban-Krankenhaus gebracht worden ist, nimmt den Erzählfaden im Frühjahr 1995 nunmehr aus der Ich-Perspektive wieder auf.

Karl, inzwischen 36 Jahre alt, lebt nun im „Clean Cut 1“, einer Drogenentzugs-WG in Hamburg-Altona und wird von Werner, seinem sozialpädagogischen Betreuer, streng auf totale Abstinenz getrimmt: keine Drogen, kein Alkohol. Erlaubt sind nur Kaffee und Zigaretten. Daneben hat Karl einen Job als Hilfshausmeister in einem Kinderkurheim und ist zudem verantwortlich für die Versorgung der Tiere des angeschlossenen Streichel-Zoos. Besonders demütigend ist für einen früheren Szene-Menschen wie Karl neben dem Arbeitsbeginn um 7 Uhr morgens natürlich auch, dass seine Mutter ihm den Job besorgt hat, die „ein hohes Tier beim Hamburger Senat“ ist. Als eines Tages seine früheren Kreuzberger Kumpels Ferdi und Raimund auftauchen und Karl einen Job anbieten, wagt dieser den Absprung. Doch traut Karl Schmidt sich selbst noch nicht so ganz. Die Psycho-Pillen hat er inzwischen abgesetzt, doch erlebt er immer wieder labile Schübe, die er aber einigermaßen unter Kontrolle bringen kann. Sicherheitshalber schwört er auch weiterhin auf völlige Abstinenz und ist genau dadurch der richtige Mann für Ferdi und Raimund, mit denen Karl schon um 1980 in der Berliner Avantgarde-Band „Glitterknitter“ zusammengespielt hat (Karl Schmidt übrigens an der Bohrmaschine). Die beiden früheren Bandkollegen betreiben nämlich inzwischen das sehr erfolgreiche Techno-Label „BumBum Records“ und suchen für ihre Tournee mit mehreren DJs einen zuverlässigen Fahrer, der garantiert keine Drogen nimmt und immer nüchtern bleibt.

Als Karl nach fünfjähriger Abwesenheit ins wiedervereinigte Berlin einfährt, erkennt er es kaum wieder. Auf der Suche nach dem BumBum-Büro in der Sophien-Straße in Mitte wundert er sich zunächst darüber, dass die S-Bahn-Station nicht mehr „Marx-Engels-Forum“, sondern „Hackescher Markt“ heißt. Label-Chef Ferdi, inzwischen 50 Jahre alt, einen Joint nach dem anderen rauchend und zur Illustration seiner Popmusik-Theorien ständig auf fragwürdige Weise „Masse und Macht“ von Elias Canetti zitierend, erklärt ihm dann, dass bei ihnen mittlerweile das Geld nur so durch die Decke regne. „Der Mauerfall … das war ja überhaupt der Hammer, plötzlich machen die da neben uns eine ganz neue Stadt auf und überall die leeren Gebäude, du glaubst ja nicht, was wir da mit Partys verdient haben, da sind wir einfach rein…“ BumBum landen einen Techno-Hit nach dem anderen, die organisatorische Arbeit wird ganz überwiegend von günstigen Praktikanten erledigt. Ferdi berichtet weiter, dass sie, wo soll man mit dem ganzen Geld denn sonst hin, gleich das ganze Haus mit dem Büro in der Sophienstraße gekauft haben und das daneben gleich auch noch. (Aus heutiger Sicht betrachtet, war das, vorsichtig gesagt, keine schlechte Idee…)

Es geht also los auf die „Magic Mystery-Tour“, für 12 Tage einmal quer durch Deutschland in einem kleinen engen Bus mit 10 Personen. Besonders erfüllend ist für Karl, der alle Schwierigkeiten überwindet und als einziger statt Bier mit Koks immer eisern seine Apfelschorle trinkt, die sich anbahnende Liebe zur mitreisenden DJane Rosa. Ihre erste persönliche Begegnung verläuft allerdings denkbar ungünstig für ihn: „Was läuft denn hier für ein schrottiges Gedudel?“, fragt Karl. Und der neben Rosa stehende Ferdi antwortet: „Das ist Rosas neuer Track.“ Doch Rosa ist so ganz anders als Karls frühere Gefährtinnen und auch als die immer aufs Neue enttäuschenden Flammen des Frankie Lehmann. Rosa findet es gar nicht so schlimm, dass er „aus der Klapsmühle“ kommt, und auch nicht, dass er so fett geworden ist (denn immerhin ist er ja noch groß und stark). Sein unsicherer beruflicher Status ist für sie ebenfalls nicht abschreckend, und sie interessiert sich nicht einmal für seine Vermögensverhältnisse. Vermutlich gibt es solche Frauen nur im Roman… Am Ende der Rave trifft Karl Schmidt auf der „Springtime“ in Essen dann sogar noch seinen früheren Kreuzberger Kneipen-Chef, den „Diskurs-Gastronomen“ Erwin Kächele („Kerle, Kerle, Kerle“), den schwäbischen Millionär mit dem Lebensstil eines Sozialhilfeempfängers. Auch Frank Lehmann soll in der Nähe sein, doch der von der anstrengenden Tour völlig übermüdete Karl verpennt das geplante Treffen mit ihm.

Aber immerhin erfährt der Leser dann am Ende des Buches doch noch, wie es mit Herrn Lehmann nach der Wende weitergegangen ist: Gemeinsam mit seinem geschäftstüchtigen Chef Erwin Kächele hat er die hervorragend laufende Firma „Rave Gastro Berlin“ gegründet, die sich um die gastronomische Versorgung von Techno-Großveranstaltungen kümmert. Klar, Frank Lehmann ist, wie wir aus „Neue Vahr Süd“ wissen, gelernter Einzelhandelskaufmann. Und außerdem hatte er von seinen vielen Sonderschichten im „Einfall“, wie es in „Herr Lehmann“ hieß, „sehr viel Geld gespart“. Das wird er dann wohl als Gesellschafter in die neue Firma überführt haben. Womöglich ist damals auch die eine oder andere Mark an der Steuer vorbei geflossen, weshalb Erwin auch seinerzeit immer so panische Angst vor den „Zivilbullen“ hatte. Selbst der langweilige Informatiker Kristall-Reiner, der Frank Lehmann die schöne Köchin Katrin als Freundin ausspannte (denn Herr Lehman war in ihren Augen viel zu unambitioniert), wurde von Erwin verdächtigt, ein Spitzel zu sein. Hoffentlich hat Katrin später von Frank Lehmanns „Karriere“ erfahren und sich darob in eines ihrer hübschesten Körperteile gebissen…

Ist „Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt“ nun also ein gutes Buch, das viele Leser verdient? Ja und nein. Sicher, der Plot ist mal wieder ganz ausgezeichnet. Und gut schreiben kann Sven Regener in seiner sehr individuellen Mischung aus Einfühlsamkeit und Schnodderigkeit, aus opulentem Satzbau und Gossenslang, wenn es drauf ankommt, auch. „Das dunkle Gefühl“ der sich immer wieder anschleichenden Depression des Karl Schmidt ist glänzend geschildert, ebenso die zarte Liebesgeschichte zwischen Karl und Rosa (die ja schon rein namenstechnisch nach einer Fortsetzung in Ost-Berlin schreit). Die Dialoge zwischen den beiden sind vor allem deshalb so gelungen, weil sie in jenem frühen Stadium ihrer Beziehung zueinander noch vorsichtig miteinander umgehen und sich vor ihren Antworten noch Zeit zum Nachdenken nehmen – im Gegensatz zum hemmungslosen Draufloslabern der übrigen Romanfiguren. Ja, dieses Buch hat eigentlich nur einen einzigen gravierenden Fehler: Es ist mit über 500 Seiten um mindestens 150 Seiten zu lang! Zwar liegt der besondere Witz des Romans natürlich nicht zuletzt in den Redundanzen, die in den Gesprächen der Figuren fast schon permanent verhandelt werden, aber irgendwann, spätestens auf der nicht enden wollenden Rave-Tournee, kommt dann doch der Punkt, an dem man als Leser so langsam ein wenig genervt ist. Eine eingedampfte Version auf 300 bis 350 Seiten wäre ein richtig gutes Buch geworden.

Das ändert aber nichts daran, dass, so wie der große Walter Kempowski als Chronist des deutschen Bürgertums gilt, sich Sven Regener mittlerweile als redlicher Chronist des deutschen Szenelebens im ausgehenden 20. Jahrhundert etabliert hat. Wir verdanken Kempowski sieben Bände seiner bürgerlichen Chronik. Wenn Regener, 52, sein bisheriges Tempo durchhält und alle vier Jahre mit einem weiteren Band aufwartet, kann er bis zum Eintritt ins Rentenalter mit Kempowski gleichziehen. Wir warten auf eine Fortsetzung, bei der der Autor vielleicht einen Tick schneller als diesmal zum Punkt kommt.

Sven Regener
Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt
Verlag Galiani Berlin 2013
503 Seiten, EUR 22,99
ISBN: 978-3-86971-073-0

Justament Okt. 2008: Neuer Stern am Gitarrenpop-Himmel

Clara Luzia präsentiert sich als begabte Songwriterin

Thomas Claer

Cover Clara LuziaFür den Konsumenten populärer Musik ist es immer ein Segen, Acts zu entdecken, deren kommerzieller Durchbruch erst noch bevorsteht. Denn wie sonst ließe sich heute noch ein erstklassiges Live-Konzert zu einem vertretbaren Eintrittspreis genießen? Für ganze vier Euro waren die Besucher beim Auftritt des österreichischen Geheimtipps Clara Luzia – passender Weise im Café Lucia in Berlin-Kreuzberg – dabei. Die Kreuzberger Oranienstraße, das muss man wissen, hat einen besonderen Mythos, der trotz aller postsozialistischen innerstädtischen Migrationsbewegungen nie ganz verloren gegangen ist. Und das Café Luzia besticht durch eine besonders coole Sperrmüll-Ästhetik. Allerhand jüngeres, mitunter aber auch beachtlich in die reiferen Jahrgänge expandierendes Publikum war also zusammengeströmt, um die “Amadeus Austrian Music Award”-Gewinner von 2008 im Bereich “Alternative Act des Jahres” zu erleben. Clara Luzia, 1978 geborene “ehemalige Politologin” (laut Band-Homepage), Sängerin und Gitarristin der gleichnamigen Band, präsentierte mit ihren drei musikalischen Mitstreiter/innen das Repertoire ihrer bislang zwei CDs, stilistisch eine Art Neo-Folk-Indipop mit sehr melodiösen Refrains. Eine ganz große, unverwechselbare Stimme hat Clara Luzia zwar eher nicht, manchmal klingt sie wie ein Imitat von Björk, dann wieder wie Dolores O’Riordan von den Cranberries oder Katharina Franck von den Rainbirds. Doch ihr enorm kreatives Songwriting verleiht den Songs dennoch eine ganz individuelle Note.

19 SCHEIBEN Rezension Clara Luzia Foto1

Konzerterlebnis wie im Wohnzimmer (Foto: TC)

Nach dem (relativen) Erfolg ihrer zweiten CD-Veröffentlichung “The Long Memory” (mit dem besonders eingängigen “Morninglight”) von 2007 hat das Kölner Indielabel Unterm Durchschnitt nun auch Clara Luzias Debüt-CD “Railroad Tracks” von 2006 (ursprünglich erschienen auf dem eigenen Kleinstlabel der Künstlerin selbst) wieder veröffentlicht. Das Gesamturteil lautet: voll befriedigend (10 Punkte).

Clara Luzia
Railroad Tracks
Unterm Durchschnitt 2008
Ca. EUR 17,00
Cat.No. 40010-2