Justament Dez. 2008: Im Trend: zentral, alt, saniert

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Heute heiß begehrt: Altbauwohnungen in Prenzlauer Berg (Foto: TC)

Ein Streifzug durch den Berliner Wohnimmobilienmarkt

Thomas Claer

“Man kann mit einer Wohnung einen Menschen genau so gut töten wie mit einer Axt!” So sprach Heinrich Zille (1858-1929), Zeichner des Berliner “Milljöhs”, und meinte die berüchtigten Mietskasernen in den Berliner Arbeiterbezirken, die ihm wegen ihrer engen, jeden Sonnenstrahl verschluckenden Bauweise nur als schreckliche Bausünden erscheinen konnten. Private Spekulanten hatten diese Wohnhäuser in der schnell wachsenden Industriemetropole Berlin zwischen 1870 und Anfang des 20. Jahrhunderts in großer Zahl errichtet. Die Grundstücke wurden im Rahmen der Bauordnung maximal ausgenutzt. Vorderhaus, Seitenflügel, Quergebäude und ein Innenhof, dessen Größe immerhin für ein Feuerwehrfahrzeug zum Wenden reichen musste, bildeten die Grundstruktur der Bebauung. Mitunter waren fünf bis sieben Höfe hintereinander angeordnet. Hinzu kam natürlich, dass die betreffenden Wohnungen zumeist von ziemlich vielen Personen gleichzeitig genutzt wurden: Bis zu sieben Menschen sollen noch um 1900 in vielen Einzimmerwohnungen gehaust haben. Die Einwohnerzahl Berlins war von 1870 bis 1905 von 800.000 auf über 2 Millionen gestiegen, ohne dass sich das Stadtgebiet nennenswert erweitert hätte. Bis 1925 sollte sie sich nochmals auf 4 Millionen (heute sind es 3,4 Millionen) verdoppeln, was allerdings zum Teil auch an der Eingemeindung der zuvor selbständigen Großstädte Charlottenburg, Neukölln, Schöneberg, Lichtenberg, Wilmersdorf und Spandau im Jahr 1920 lag.

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Zille-Zeichnung: “Wollt ihr weg von de Blume! Spielt mit’n Müllkasten!”

Baustopp für Mietskasernen
Mit dem Einzug der Demokratie und einer größeren Sensibilität für Soziales wurde in der Weimarer Republik die Entstehung weiterer Mietskasernen gestoppt. Die am 1. Dezember 1925 in Kraft getretene Bauordnung Berlins, angelehnt an die preußische Einheitsbauordnung von 1919, und der auf ihrer Grundlage entstandene Bauzonenplan verboten fortan die berüchtigte Hinterhofbauweise.
Es folgte die Geburtsstunde des sozialen Wohnungsbaus: Durch rationales und den Bedürfnissen des “modernen Menschen” entsprechendes Bauen sollte die Forderung nach “Licht, Luft und einer Wohnung für alle” (Bruno Taut) verwirklicht werden. Wie sonst nur im ebenfalls “roten” Wien entstanden seit 1925 in ganz Berlin zahlreiche Reformsiedlungen mit kleineren und niedrigeren, aber nach funktionellen Gesichtspunkten geschnittenen Wohnungen mit überwiegend zwar noch geschlossenen, jedoch grünen und voluminösen Innenhöfen. Diverse Bauhaus-Architekten und Wegbereiter der Architektonischen Moderne wie Walter Gropius, der zitierte Bruno Taut, Hans Scharoun und Otto Bartning schufen so eine spezifische “Berliner Moderne” im Stil des “Neuen Bauens”.

Kahlschlagsanierung
An Nazizeit und zweiten Weltkrieg schloss sich im frisch geteilten Berlin eine Phase an, in der die Architektur eher der nackten Not gehorchte und weitgehend ambitionslos für Dächer über den Köpfen sorgte. Als Ausnahmen vom Generaltrend dieser Jahre können jene Bauwerke gelten, die der Renommiersucht im kalten Krieg geschuldet waren wie etwa die prächtigen Wohnblöcke aus den 1950er Jahren im Stil des Sozialistischen Klassizismus in der Stalinallee (heute Karl-Marx-Allee) in Friedrichshain. Doch bald schon wehte im Westen wie im Osten ein neuer städtebaulicher Wind, der Plattenbausiedlungen zum Ideal erhob. Vor allem aber wurden nun die alten Mietskasernen, denen der Zahn der Zeit inzwischen auch mächtig zugesetzt hatte, als empörende Schandflecke einer neuen Stadtkultur erkannt. Systemübergreifend einig war man sich, dass solche Häuser am besten abgerissen und durch 60er und 70er Jahre-Zweckbauten ersetzt gehörten. In Westberlin sah das “Erste Programm zur Stadterneuerung” vom 18. März 1963 zwei Sanierungsmethoden vor: Die erste war der Totalabriss und eine nachfolgende Neubebauung, die zweite war der Teilabriss durch Entkernung und die Komplettierung bzw. Modernisierung der verbliebenen Restsubstanz. Der Umfang der sanierungsbedürftigen Wohnungen wurde 1962 im “Ersten Bericht über die Stadterneuerung in Berlin” mit 430.000 von insgesamt 849.918 (1960) vorhandenen Wohnungen angegeben. Davon waren 250.000 abbruchreif und 180.000 sanierungsbedürftig. Gesagt, getan: Der Südosten des Westberliner Arbeiterbezirks Wedding etwa musste komplett dran glauben. Fast kein Altbau hat im Gebiet rings um die nördliche Brunnenstraße die anschließende Kahlschlagsanierung überlebt.

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Zille-Zeichnung: “Mutta, schmeiß Stulle runter!”

Verwahrlosung und Protestkulturen
Wenige hundert Meter weiter östlich hingegen, im früheren Zwillings-Unterschichtenbezirk Prenzlauer Berg konnte – durch eine glückliche Fügung – genau dies vermieden werden. Die ewig klamme DDR hatte einfach nicht genug Geld für die jahrzehntelang geplante Abrisssanierung. Stattdessen entstand in den zunehmend verwahrlosten und von Ratten und Feuchtigkeit gepeinigten Hinterhöfen eine subversive Parallelwelt aus Künstlern und Oppositionellen, denen die Regierung – trotz zahlreicher Stasispitzel in der Szene – niemals ganz Herr werden konnte. Auch unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel rühmt sich heute, dort einige Studienjahre lang in einfachsten Verhältnissen gewohnt zu haben.
Ebenfalls eine Parallelwelt entstand in den 1970er Jahren im Westberliner Bezirk Kreuzberg, wo autonome Gruppen sich im Protest gegen die Sanierungspläne des Senats der erhaltenswerten Altbausubstanz annahmen und zwischen 1979 und 1981 über 150 Gebäude besetzten. Die Bilder von handgreiflichen Auseinandersetzungen zwischen Hausbesetzern und Polizei gingen durch Presse und Fernsehen. Juristisch waren die Hausbesetzungen natürlich
Hausfriedensbrüche und im (nicht seltenen) Fall der Beeinträchtigung von Einrichtungen und Bausubstanz auch Sachbeschädigungen. Gleichwohl trugen die militanten Besetzer auf ihre Weise zu einem allmählichen Umdenken im Umgang mit den Altbauten bei. Die hohen Decken mit Stuck, die großen Türen und Hausflure – all das galt zunehmend als schick und cool. Heinrich Zille hätte sich verwundert die Augen gerieben. 1982 wurden die zwölf Grundsätze einer behutsamen Stadterneuerung formuliert. Das Berliner Abgeordnetenhaus stimmte diesen schließlich zu.

Sanierte Altbauten plötzlich todschick
Der Rest ist schnell erzählt. Nach der Wende wurde in Prenzlauer Berg und Teilen Kreuzbergs und Friedrichshains vollendet, was Stadtsoziologen als Gentrifizierung bezeichnen: die Aufwertung innenstadtnaher Wohngebiete. Das Muster ist stets gleich, weiß Wikipedia: “Wegen niedriger Mietpreise werden die Stadtteile für “Pioniere” (Studenten, Künstler, Subkultur) attraktiv. Die werten in einem ersten Schritt die Stadtteile auf und setzen einen Segregationsprozess in Gang. Viele Studenten steigen ins Berufsleben ein, verdienen deutlich mehr Geld als die ansässigen Bewohner; Künstler etablieren sich und bringen weiter Kapital in die Stadtteile. Investoren sehen Chancen zur Wertsteigerung. Erste Häuser und Wohnungen werden restauriert, Szene-Clubs und Kneipen entstehen. Die Mieten steigen. Alteingesessene wandern wegen Mieterhöhungen ab. Auch die neu zugewanderten Studenten oder Künstler können sich die höheren Mietpreise nicht mehr leisten und siedeln sich in anderen Stadtteilen an. Eine neue, wohlhabendere Klientel siedelt sich an und setzt andere Lebensstandards durch. Immobilienunternehmen entdecken das Interesse und sanieren weitere Häuser luxuriös. Die ursprüngliche Bevölkerungsstruktur und der Charakter der Viertel wandeln sich.” Nur notorische Spötter wie der SZ-Feuilletonist Jens Bisky finden, dass Prenzlauer Berg heute der Ort sei, wo man “für viel Geld proletarisch wohnen” könne.

Globaler Trend zur Innenstadt

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Noch unterschätzt: Zwischenkriegsbauten wie hier in Charlottenburg am Landgericht (Foto: TC)

Verstärkt werden solche Gentrifizierungstendenzen seit geraumer Zeit durch den globalen Trend einer generellen Aufwertung der Innenstädte. Träumte die Welt noch vor zwei Jahrzehnten den Traum von der unbegrenzten Mobilität und zersiedelte die Landschaft mit Häusern “im Grünen”, hat sich nun erkennbar ein Wandel vollzogen: Bedingt durch steigende Rohstoffpreise einerseits und den zunehmenden Zerfall der konventionellen Familienstrukturen andererseits sind nunmehr wieder kürzere Wege und eine perfekte Infrastruktur gefragt. Doch nicht die Lage allein bestimmt den Wert der Großstadtimmobilien: Wie der GSW Wohnmarktreport für Berlin 2008 ermittelte, sind es vor allem innerstädtische Lagen mit starkem Altbaubestand (Baujahr vor 1918), die hinsichtlich Miet- und Kaufpreisen einen stabilen Aufwärtstrend verzeichnen, der allerdings aktuell infolge der Finanzkrise zum Teil unterbrochen wurde. Hinzu kommen aber zunehmend auch Luxus-Neubauten in gefragten Lagen (Mitte, Prenzlauer Berg, Kreuzberg, aber auch Pankow), z.B. sogenannte Townhouses, deren Baustil in mancher Hinsicht (z.B. Deckenhöhe und Fenstergröße) auf Anleihen bei der klassischen Mietskaserne hindeutet, die nachteilige Enge letzterer im Hofbereich aber vermeidet. Während in anderen deutschen Großstädten wie München oder Hamburg die Aufwertung der Innenstädte aber bereits abgeschlossen oder in vollem Gange ist, hinkt das strukturschwache Berlin hier deutlich hinterher. Zentral oder citynah gelegene “Problembezirke” mit solider Altbausubstanz wie Teile Weddings oder das nördliche Neukölln haben die Gentrifizierung jedenfalls noch vor sich.
Weniger gefragt sind auf dem Wohnimmobilien-Markt vor allem Nachkriegsbauten mit Baujahren vor 1990, die nur bei exzellenter Citylage (relative) Spitzenpreise erzielen können. Ebenfalls weniger goutiert werden Zwischenkriegsbauten (1919-1939), denen man ihre vergleichsweise kleine (aber die der Nachkriegsbauten doch weit übertreffende) Dimensionierung in Zimmergröße und Deckenhöhe verübelt, dabei aber solche Vorzüge wie altbautypische Holzdielenfußböden, Doppelholzfenster und Messingtürgriffe in Verbindung mit teilweise äußerst geräumigen geschlossenen grünen Innenhöfen ohne Hinterhäuser übersieht. In diesem Jahr verlieh die Unesco sechs Berliner Reformsiedlungen der 1920er und 1930er Jahre den Rang als Weltkulturerbe.

Justament Okt. 2008: Neuer Stern am Gitarrenpop-Himmel

Clara Luzia präsentiert sich als begabte Songwriterin

Thomas Claer

Cover Clara LuziaFür den Konsumenten populärer Musik ist es immer ein Segen, Acts zu entdecken, deren kommerzieller Durchbruch erst noch bevorsteht. Denn wie sonst ließe sich heute noch ein erstklassiges Live-Konzert zu einem vertretbaren Eintrittspreis genießen? Für ganze vier Euro waren die Besucher beim Auftritt des österreichischen Geheimtipps Clara Luzia – passender Weise im Café Lucia in Berlin-Kreuzberg – dabei. Die Kreuzberger Oranienstraße, das muss man wissen, hat einen besonderen Mythos, der trotz aller postsozialistischen innerstädtischen Migrationsbewegungen nie ganz verloren gegangen ist. Und das Café Luzia besticht durch eine besonders coole Sperrmüll-Ästhetik. Allerhand jüngeres, mitunter aber auch beachtlich in die reiferen Jahrgänge expandierendes Publikum war also zusammengeströmt, um die “Amadeus Austrian Music Award”-Gewinner von 2008 im Bereich “Alternative Act des Jahres” zu erleben. Clara Luzia, 1978 geborene “ehemalige Politologin” (laut Band-Homepage), Sängerin und Gitarristin der gleichnamigen Band, präsentierte mit ihren drei musikalischen Mitstreiter/innen das Repertoire ihrer bislang zwei CDs, stilistisch eine Art Neo-Folk-Indipop mit sehr melodiösen Refrains. Eine ganz große, unverwechselbare Stimme hat Clara Luzia zwar eher nicht, manchmal klingt sie wie ein Imitat von Björk, dann wieder wie Dolores O’Riordan von den Cranberries oder Katharina Franck von den Rainbirds. Doch ihr enorm kreatives Songwriting verleiht den Songs dennoch eine ganz individuelle Note.

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Konzerterlebnis wie im Wohnzimmer (Foto: TC)

Nach dem (relativen) Erfolg ihrer zweiten CD-Veröffentlichung “The Long Memory” (mit dem besonders eingängigen “Morninglight”) von 2007 hat das Kölner Indielabel Unterm Durchschnitt nun auch Clara Luzias Debüt-CD “Railroad Tracks” von 2006 (ursprünglich erschienen auf dem eigenen Kleinstlabel der Künstlerin selbst) wieder veröffentlicht. Das Gesamturteil lautet: voll befriedigend (10 Punkte).

Clara Luzia
Railroad Tracks
Unterm Durchschnitt 2008
Ca. EUR 17,00
Cat.No. 40010-2

 

Justament Okt. 2008: Warten aufs Album

Element Of Crime vertröstet uns vorläufig mit Filmmusik

Thomas Claer

18 SCHEIBEN TC Element of Crime - Soundtrack Robert Zimmermann“Je edler und vollkommener eine Sache ist”, so befand Arthur Schopenhauer in einem ansonsten überaus anrüchigen Text, “desto später und langsamer gelangt sie zur Reife.” Den Beweis für die Richtigkeit dieser Annahme liefert uns Element Of Crime, die wohl melancholischste deutsche Rockband aller Zeiten. Während es allgemein als ein Kennzeichen des schnelllebigen Genres Popmusik gelten kann, dass die Protagonisten jeweils rasch ihr kreatives Pulver verschossen haben, schießen – um in diesem Bild zu bleiben – die gereiften Elements auch nach 23 Bandjahren noch aus vollen Rohren. Zwar tun sie das längst nicht mehr so oft wie früher. Nur noch alle vier Jahre bringen die Mannen um Sänger und Texter Sven Regener ein Album heraus. Damit treffen sie dann aber zuverlässig und mit unerhörter Präzision direkt ins Herz ihrer Fans. Wer die den Ruhm der Gruppe begründenden Platten “Damals hinterm Mond” (1991) und “Weißes Papier” (1993) in ihrem poetischen Konzept für schlichtweg nicht mehr steigerbar hielt, wurde spätestens mit “Mittelpunkt der Welt” (2005) eines Besseren belehrt. Der “hohe Ton” der frühen Meisterwerke mit Anklängen ans Orchestrale und Pompöse ist inzwischen einer deutlich sparsamer verfahrenden schwermütigen Gelassenheit gewichen, die aus jeder Note und jeder Zeile in Regeners begnadeter Songlyrik spricht.
Nun haben Element Of Crime also wieder einmal Filmmusik gemacht – und erneut für eine Produktion des Regisseurs Leander Haußmann. Sieben Songs steuern sie zum offiziellen Soundtrack bei, zu dem daneben noch Künstler wie Vladimir Vissotski und Ed Csupkay beigetragen haben. Ein bisschen enttäuschend ist diese Art der Präsentation schon, denn neben drei reinen Instrumentalstücken liefern EoC nur vier “echte” Songs. Die sind dafür aber im wahrsten Sinne des Wortes “ganz großes Kino”. Vor allem “Ein Hotdog unten am Hafen”, das auch als Vinylsingle erhältlich ist, kann gefallen. Es ist nur so, dass die Lieder ohne den Film fast noch besser funktionieren… Das Gesamturteil lautet: voll befriedigend (11 Punkte).

Element Of Crime u.a.
Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe (Soundtrack)
Vertigo Be (Universal) 2008
Ca. EUR 17,00
ASIN: B001CLRCYS

Element Of Crime
Ein Hotdog unten am Hafen
Ltd. Edition Vinyl Single
Vertigo Be (Universal) 2008
Ca. EUR 7,00
ASIN: B001CGSPXK

Justament Okt. 2008: Überall Zivilbullen!

Sven Regener vollendet mit “Der kleine Bruder” seine Lehmann-Trilogie

Thomas Claer

Cover Kleiner BruderDen Ritterschlag als Romanautor erhielt Sven Regener, geboren 1961 in Bremen und bekannt als Sänger und Texter der Band Element Of Crime, im Literarischen Quartett. Großkritiker Marcel Reich-Ranicki erklärte seiner Runde, dass er beim Lesen von Regeners Debüt, “Herr Lehmann” (2001), wiederholt in schallendes Gelächter ausgebrochen sei. Kritikerkollege Helmut Karasek gab hingegen zu, in einigen traurigen Szenen des Romans den Tränen nahe gewesen zu sein. Nur Frau Radisch konnte der Geschichte des Kreuzberger Bierzapfers Frank Lehmann, die exakt an dessen 30. Geburtstag am Tag des Berliner Mauerfalls 1989 endete, nicht viel abgewinnen. Gleichwohl wurde das Buch zum Kassenschlager, und die anschließende gelungene Verfilmung mit Christian Ulmen und Detlev Buck in den Hauptrollen sorgte für nochmals steigende Popularität. 2004 legte der Autor dann mit “Neue Vahr Süd” einen ausführlichen Rückblick auf Frank Lehmanns Bundeswehr- und WG-Zeit 1980 in Bremen nach, der ebenfalls mit viel Witz und einer kenntnisreichen Schilderung der damaligen Verhältnisse zu überzeugen wusste. Der dritte und abschließende Teil der Roman-Trilogie sollte, so war es seit langem angekündigt, die Zeit zwischen dem Aufbruch Frank Lehmanns nach Berlin im Herbst 1980 (so endete “Neue Vahr Süd”) und dem Beginn von “Herr Lehmann” im Herbst 1989 behandeln.
Jedoch knüpft die Handlung im jüngst erschienenen “Kleinen Bruder” zwar direkt ans Ende des Vorgängers an, umfasst dann aber nur ganze zwei Tage. In denen allerdings werden bereits alle Weichen so gestellt, dass sich die Metamorphose vom Bundeswehr-Abbrecher zum Kneipenwirt als ganz folgerichtig darstellt. Zwei ganz entscheidende und ereignisreiche Tage im Leben des Frank Lehmann also, der sich von heute auf morgen in einem völlig ungewohnten Umfeld wiederfindet und gezwungen ist, sich kurzfristig eine neue Existenz aufzubauen. Und das neue Umfeld, die Kreuzberger Szene der frühen Achtziger, hat es in sich: Ohne Unterbrechung wird literweise Bier getrunken, permanent werden Selbstgedrehte geraucht, ständig brüllt irgendjemand “Scheiße” oder “Arsch”, die Gespräche sind zumeist redundant, es wird erbärmlich gefroren in den ofenbeheizten Altbauten, die Hygiene lässt zu wünschen übrig, der Smog von den vielen verbrannten Briketts zersetzt die Atemwege, die Menschen dort sind entweder Künstler oder Hausbesetzer oder beides, und jeder Neuankömmling wird zunächst allerorts verdächtigt, ein “Zivilbulle” zu sein. Den Lebensunterhalt bestreitet man entweder mit Taxifahren oder, wie auch bald schon Frank Lehmann, in der Kneipe. Dabei wollte Frank doch eigentlich zuerst seinen älteren Bruder finden, seine einzige Anlaufstelle in Berlin, doch der wandert bald schon als Schrottskulpturen-Künstler nach New York aus, und “der kleine Bruder” wird in Kreuzberg seinen Platz einnehmen.
Nun hat auch diese fast schon naturalistische Milieuschilderung ihre komischen Seiten, vor allem die bereits aus “Herr Lehmann” bekannten Figuren wie Karl Schmidt (nicht zu verwechseln mit Carl Schmitt!) und Erwin Kächele reizen die Lachmuskeln. Doch insgesamt hat dieser dritte Teil nur wenig von der Heiterkeit seiner Vorgänger, ist in vielfacher Hinsicht eher bedrückend. Auch fehlt diesmal eine Liebesgeschichte. Viel schlimmer ist aber, dass uns der Autor so einfach mit dem Ende der Geschichte im November 1989 abspeisen will. Das geht nicht, Herr Regener! Was macht einer wie Frank Lehmann nach der Wende? Wird er, wie viele andere, nach Prenzlauer Berg ziehen? Wir wollen es, wir müssen es erfahren. Bitte eine Fortsetzung!

Sven Regener
Der kleine Bruder
Eichborn Verlag Frankfurt am Main 2008
282 Seiten, EUR 19,95
ISBN 978-3-8218-0744-7

Justament Okt. 2008: Versicherungs-Reformer als Kunstsammler

Otto Gerstenberg erfand 1892 die Lebensversicherung als Volksversicherung in Deutschland – und wurde dadurch reich

Thomas Claer

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Die Sammlung Scharf-Gerstenberg in Berlin-Charlottenburg (Foto: TC)

Der Mensch, könnte man sagen, ist erst da ganz Mensch, wo er sammelt. Da, wo er zuerst  mühsam und geduldig Jagd auf etwas macht, das er dann mit Ähnlichem zuvor Erworbenen zusammenstellt, -legt oder -hängt, und da, wo er schließlich von einem Glücksgefühl durchströmt wird, wenn er es im eigens geschaffenen neuen Zusammenhang betrachtet. Vieles Verschiedene sammeln die Menschen, doch die Königsdisziplin des Sammelns, die einzige, der wohl jeder aufgeklärte Mensch uneingeschränkte Bewunderung entgegenbringt, ist fraglos das Kunstsammeln. Der Haken dabei ist nur, dass diese Leidenschaft nicht jedem offensteht, da zumindest die erstrangigen Objekte schnell Preise erreichen, die ein breites Publikum naturgemäß schnell vom Markt ausschließen. Der Kunstsammler benötigt also eine Gelderwerbsquelle, die über das gewöhnliche Einkommen aus einer sozialadäquaten Erwerbsarbeit weit hinausreicht. Und zudem müssen ihm auch noch genug kostbare Lebenszeit und Ruhe verbleiben, damit er sich seinen Kunstobjekten mit der ihnen gebührenden Aufmerksamkeit widmen kann.

Mathematikgenie Gerstenberg
Vollständig geglückt ist dieses ambitionierte Unterfangen dem deutschen Unternehmer und Kunstsammler Otto Gerstenberg (1848-1935), der ganz nebenbei mit seinen innovativen Ideen maßgeblich die deutsche Versicherungswirtschaft geprägt hat. Geboren im pommerschen Pyritz (heute Pyrzyce/ Polen) als Sohn eines Musikers oder Schuhmachers – so genau weiß das heute keiner mehr – besuchte er nach der Grundschule das Gymnasium, welches er 1865 mit dem Abitur abschloss. Auffällig soll schon damals seine große Begabung für die Mathematik gewesen sein. Anschließend ging der junge Gerstenberg nach Berlin und studierte dort  Mathematik und Philosophie. Seine berufliche Karriere begann er 1873 als Versicherungsmathematiker bei der “Allgemeinen Eisenbahn-Versicherungs-Gesellschaft”, die sich zwei Jahre später in “Victoria zu Berlin Allgemeine Versicherungs-Actien-Gesellschaft” umbenannte. Gerstenberg erwies sich als kühler Rechner und konzipierte für das Unternehmen schon bald neue lukrative Versicherungstarife. So entwickelte er die private Risikovorsorge für weite Bevölkerungsschichten weiter. Zu seinen besonderen Innovationen im deutschen Versicherungswesen gehörten die Entwicklung der “Lebens- und Unfallversicherung mit Prämienrückgewähr” und das “System der steigenden Dividende als besondere Form der Gewinnbeteiligung”. Besondere Beachtung fand zudem die 1889 von ihm entwickelte “Lebenslängliche Verkehrsmittel-Unglück-Versicherung mit einmaliger Prämienzahlung”.

Lebensversicherung als Krönung
Als bedeutsamste Leistung Gerstenbergs gilt jedoch  die Einführung der Lebensversicherung als Volksversicherung in Deutschland 1892, wobei er vor allem die wachsende Zahl der Industriearbeiter im wirtschaftlich aufstrebenden Kaiserreich als neue Versicherungskunden betrachtete. Sein Ziel war es, eine Lebensversicherung für jedermann, ohne Rücksicht auf die soziale oder finanzielle Lage einzurichten. Nach Vorbild der englischen “Prudential Versicherung” führte Gerstenberg das System der wöchentliche Versicherungsprämie analog dem damals üblichen Wochenlohn der Arbeiter ein. Das hierfür nötige Inkassogeschäft übernahm ein versicherungseigenes Netz von Kassierern. Diese so genannten “”Victoriaboten” trugen Uniformen ähnlich der Postbriefträger und waren die einzige Außenwerbung für die Volksversicherung.

1888 stieg er ins Direktorium der Versicherung auf und wurde schließlich 1901 zum Generaldirektor. Während Gerstenbergs Leitungstätigkeit wurde die “Victoria zu Berlin” zur wichtigsten deutschen Lebensversicherungsgesellschaft. Das Unternehmen hatte 1913 einen Bestand von 3,93 Millionen Versicherungspolicen bei 806 Millionen Mark Versicherungssumme und einem jährlichen Neugeschäft von 432.000 Policen allein bei der Volksversicherung. Daneben gründete Gerstenberg 1904 die Victoria Feuer-Versicherungs-AG mit den Bereichen Feuer, Einbruchsdiebstahl und Leitungswasserschäden als bedeutendes Tochterunternehmen.

Gutverdiener für die Kunst
Da Otto Gerstenberg ganz wesentlich zum wirtschaftlichen Erfolg der Victoria-Versicherung beigetragen hatte, ist es keineswegs verwunderlich, dass er zu den bestverdienenden Unternehmern seiner Branche gehörte. Er besaß bis zu 15 % der Aktien der “Victoria zu Berlin” und konnte sich sein Jahresgehalt als Generaldirektor selbst festsetzen. Sein Jahreseinkommen von 800.000 Reichsmark wurde 1914 sogar in einer Reichstagsdebatte als überhöht diskutiert. Doch anders als bei den Top-Verdienern unserer Tage muss die Work-Life-Balance zu jener Zeit noch gestimmt haben. Durch sein beträchtliches Vermögen war es Gerstenberg möglich, eine der bedeutendsten Kunstsammlungen in Berlin zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufzubauen. Schwerpunkte der Sammlung waren grafische Arbeiten und Gemälde des 19. Jahrhunderts. Otto Gerstenbergs Enkel Dieter Scharf gründete kurz vor seinem Tod die “Stiftung Sammlung Dieter Scharf zur Erinnerung an Otto Gerstenberg”. Seit Juli 2008 sind die Kunstwerke dieser Stiftung in der Sammlung Scharf-Gerstenberg gegenüber dem Schloss Charlottenburg in Berlin zu sehen. Hierzu gehören u.a. Grafiken von Francisco de Goya, Édouard Manet und Max Klinger aus der Sammlung von Otto Gerstenberg.

 

Justament Sept. 2008: Mahler, Schily, Demonstranten

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Landgericht am Tegeler Weg (Foto: TC)

Vor 40 Jahren tobte die “Schlacht am Tegeler Weg”

Thomas Claer

Wer heute das Landgericht Berlin am Tegeler Weg erreichen will, nimmt die Ringbahn und steigt aus am S-Bahnhof Jungfernheide, im bürgerlichen Bezirk Charlottenburg. Ein scharfer Uringeruch umweht einen am Ausgang Olbersstraße, wenn man über Glasscherben und weggeworfene Imbissreste steigt. Gerade pinkelt ein Radfahrer gegen die Hecke. Mit der einen Hand hält er sein Fahrrad, mit der anderen lenkt er seinen Strahl. Rau und herzlich sind die Berliner Sitten auch noch vierzig Jahre nach den legendären Tumulten der Achtundsechziger. Vorbei an schick sanierten früheren Sozialbauten aus den Zwanzigern (“Berliner Moderne”) und einer fächerförmigen Bartning-Kirche kommt man in den Tegeler Weg, die vielbefahrene Straße zum Flughafen Tegel. Und gegenüber von Spree und Schlosspark liegt es auch schon – das imposante Landgerichtsgebäude, errichtet 1901-1906. Hier ging es, so berichten es uns Nachgeborenen die historischen Quellen, im magischen Jahr 1968 so richtig zur Sache.

130 verletzte Polizisten
An jenem 4. November verhandelte das Landgericht den Antrag der Berliner Generalstaatsanwaltschaft, dem jungen Rechtsanwalt Horst Mahler, später RAF-Mitglied und heute Rechtsextremist, Berufsverbot zu erteilen. Mahler hatte nach dem Attentat auf Rudi Dutschke im April des Jahres gegen Springer demonstriert. Am darauffolgenden Tag beschuldigte ihn BILD, die Demo angeführt zu haben. Letztlich lehnte das Landgericht den Antrag jedoch ab. Mahler hatte sich für das Verfahren kollegialen Beistand vom damals ebenfalls jungen Strafverteidiger Otto Schily geholt, später Mitbegründer der Grünen, dann Bundesinnenminister und heute “Ekelpaket am rechten Rand der SPD” (so jüngst der amtierende bayrische Juso-Vorsitzende, der vorschlug, ihn gemeinsam mit Clement und Sarrazin aus der Partei auszuschließen). Doch Schily hatte, als er sein schickes Auto vor dem Gericht parkte, nicht mit den Demonstranten gerechnet. Über 1000 waren gekommen, um gegen die “Klassenjustiz” zu protestieren. “Studenten sind unter den Demonstranten”, berichtet ein Augenzeuge, “aber auch Arbeiter und Rocker. Die meisten tragen Helme. Sie wollen nicht hinnehmen, dass ihrem Anwalt und Kampfgenossen Horst Mahler die Zulassung entzogen werden soll.” Das Gericht ist weiträumig abgesperrt. Hundertschaften der Polizei sind im Einsatz. Um zehn vor neun geht es los: Die Demonstranten rennen – vom benachbarten Mierendorffplatz kommend – gegen die Absperrgitter hinter dem Gericht in der Osnabrücker Straße. “Von hinten fliegen Steine, Tausende. Sie regnen auf die Beamten, 130 werden verletzt”, weiß der Augenzeuge weiter zu berichten. “Ein Stoßtrupp der Revolution erobert ein Polizeifahrzeug. Rote Fahnen wehen. Ein paar Militante fangen an, Barrikaden zu bauen.”

Schilys Auto demoliert
“Juhu, es lebe die Revolution!” Christian Semler, Wortführer des Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) mit Che-Guevara-Bart, jubelt noch am Mittag dieses 4. Novembers 1968: Eine “neue Ebene der Militanz” sei erreicht. Doch wo gehobelt wird, da fallen Späne. Natürlich hatte die stundenlange Straßenschlacht auch Schilys Auto nicht verschont. (Das berichtete Otto Schily vor kurzem freimütig in einem Fernsehinterview auf 3Sat.) Eine solche Militanz der Demonstranten gegen die Einsatzkräfte der Polizei war in der Tat bis dahin unbekannt. Im SDS entbrannte daraufhin eine Debatte um Gewalt, die schließlich zur Spaltung des Stundenverbands führte. Ein Teil der Bewegung ging in den bewaffneten Widerstand – mit den bekannten Folgen. Politische Kommentatoren sehen in der “Schlacht am Tegeler Weg” das Ende der “antiautoritären Phase der Studentenbewegung”.

Und Horst Mahler?
Mit Rechtsanwalt Horst Mahler (Jahrgang 1936), der damals eigentlich erst den Anlass zur Schlacht am Tegeler Weg gab, hatten sich die Achtundsechziger schon einen merkwürdige Kameraden als Leitfigur genommen: einen ewiger Irrläufer, einen Blindgänger, dessen politische Vita in all ihren abrupten Brüchen nur einen einzigen roten Faden kennt: Autoritär muss es zugehen! Seine wichtigsten Stationen waren: Schlagende Verbindung Landsmannschaft Thuringia (Austritt wegen seiner geänderten politischen Einstellung auf dem Abschlussconvent); Mitgliedschaft in SPD und SDS (Ausschluss aus der SPD 1960 wegen Unvereinbarkeit beider Mitgliedschaften); Mitbegründung der “November-Gesellschaft” 1966 aus DDR-nahen Linken; 1970 Mitbegründung der RAF, kurz darauf Verurteilung zu 14 Jahren Haft; vorzeitige Entlassung 1980 mit Hilfe seines damaligen Rechtsanwalts Gerhard Schröder (später Bundeskanzler, heute Gazprom-Manager); 1987 Wiederzulassung als Rechtsanwalt (im Wiederzulassungsverfahren wiederum von Gerhard Schröder vertreten); nach der Wende zunächst Annäherung an die FDP, später an nationalkonservative Kreise; 2000-2003 Mitgliedschaft in der NPD, die er im Verbotsverfahren anwaltlich vertrat; Austritt 2003 unter Hinweis auf die nach seiner Ansicht zu starke parlamentarische Verankerung der Partei. Seitdem wurde Horst Mahler mehrfach wegen Volksverhetzung und Leugnung des Holocausts verurteilt, sodass ihm auch die Zulassung als Rechtsanwalt wieder entzogen wurde. Sein aktuelles Weltbild als volkstreuer Jurist enthüllt er im Interview mit Michel Friedmann, das sich ungekürzt leicht im Internet finden lässt. (“Heil Hitler, Herr Friedmann!”) Der Mann ist vollkommen durchgeknallt.

Justament Sept. 2008: Manchmal etwas bieder

Wiglaf Droste und das Spardosen-Terzett singen Peter Hacks

Thomas Claer

Cover DrosteEigentlich ist Wiglaf Droste – geboren 1961 in Westfalen – ein Mann der schreibenden Zunft. In dieser hat er sich seinen Ruf als scharfzüngiger Krawallbruder über die Jahre hart erarbeitet. Niemand – vor allem nicht innerhalb seines linksalternativen Milieus – war vor seinen boshaften Polemiken sicher. Bevorzugte Opfergruppen seiner Tiraden in taz, Titanik und Junge Welt stellten DDR-Bürgerrechtler (“Erich nimm ihn zurück!”, 1988 über Stephan Krawczyk), Feministinnen und betroffene Popsänger (“Grönemeyer kann nicht tanzen”) dar. Sein satirisches Werk publizierte er in Büchern und CDs mit Titeln wie “Die schweren Jahre ab Dreiunddreißig”. Seit 2000 singt er auch, zunächst eher spaßig und parodistisch, mit seiner Chanson-Jazz-Band “Spardosen-Terzett”. Nun lässt Droste seiner politisch unkorrekten Verehrung für den 2003 verstorbenen DDR-Staatsdichter Peter Hacks freien Lauf und wagt sich an die Vertonung etlicher seiner Gedichte.
Peter Hacks, der große Dramatiker, Lyriker und Essayist, war nach der Wende nur noch als bockiger Alt-Stalinist aufgefallen, wird aber allmählich wieder als “Klassiker, ob’s einem passt oder nicht” (Sigrid Löffler) entdeckt. Die ausgewählten Gedichte sind auch allesamt große Klasse, allein ihre musikalische Umsetzung bleibt dann doch etwas hinter dem hohen Anspruch zurück, der hier erhoben wird. Nicht immer will der luftig-jazzige, mitunter geradezu schlagerhafte Stil der Songs zur jeweiligen Stimmungslage der Hacks-Lyrik passen. Wer wie Droste jahrelang nur Hohn und Spott für nervige Sänger und Liedermacher übrighatte (“der schreckliche Wolfgang Niedecken”; “schreiben kann er nicht für zehn Pfennig” über Wolf Biermann) muss sich nun nicht wundern, wenn es auch mal in die eigene Richtung geht. Vom Biss seiner frühen Jahre ist der singende Wiglaf Droste jedenfalls weit entfernt. Überzeugender präsentiert er sich hingegen bei der ebenfalls auf der CD enthaltenen Rezitation seines brillanten Essays über Peter Hacks, der Lesern der Süddeutschen Zeitung freilich bereits bekannt ist. Das letzte Bonmot des Peter Hacks lautet im übrigen wie folgt: Man möge ihn auf dem Französischen Friedhof neben Fontane begraben und keinesfalls auf dem Dorotheenstädtischen neben Heiner Müller, denn mit diesem habe er sich nicht soviel zu sagen, dass es für eine Ewigkeit reichen würde. Das Gesamturteil lautet: befriedigend (7 Punkte).

Wiglaf Droste & das Spardosen-Terzett
Seit du dabist auf der Welt. Liebeslieder von Peter Hacks
Kein & Aber Records / Eichborn 2008
Ca. EUR 17,00
ISBN: 978-3-0369-1406-0

Justament Sept. 2008: Düster, traurig, schön

Portisheads bezauberndes Comeback nach zehn Jahren

Thomas Claer

Cover PortisheadDas Album “Dummy” der Band Portishead markierte 1994 die Geburt einer neuen Musikgattung, des Trip Hop. Hiermit wurde, könnte man sehr subjektiv und zugleich sehr polemisch anmerken, der Beweis erbracht, dass all der Hip Hop, mit dem wir seit zweieinhalb Jahrzehnten überflutet werden, doch zu etwas nützlich ist, nämlich zur formalen Unterstützung dieses geheimnisvoll groovenden und gedankenverloren dahinschwebenden Sounds, der gleichzeitig eine Erdigkeit vermittelt, wie wir sie sonst nur vom Blues kennen. Jedoch der Stern von Portishead, der dreiköpfigen Band aus England mit ihrer einfach überwältigenden Sängerin Beth Gibbons, verglühte schnell. Ein nicht ganz so starkes Studio- und ein von den Londoner Symphonikern auf dem Gipfel ihrer Popularität eingespieltes Livealbum später wurde das revolutionäre Projekt sang und klanglos begraben – und fand Eingang in den Himmel der unsterblichen Popmusik.
Umso größer ist die Überraschung und umso stärker die Freude, nach so langer Zeit die ungeahnte und spektakuläre Wiederauferstehung der Combo aus Bristol feiern zu können. Ein überaus intensives Klangerlebnis ist “Third”, das absolut keinen Vergleich mit dem Frühwerk der Band zu scheuen braucht. Doch wundersamer Weise erinnert hier fast gar nichts mehr an Hip Hop. Die Beats sind stark zurückgenommen, die Songstrukturen aber dennoch so charakteristisch: Das ist Portishead pur! Elektro-avantgardistisch, wie manche Kritikerkollegen meinen, ist die CD nur insofern, als es allem Anschein nach ohnehin nichts völlig Neues mehr unter der Sonne des Popmusik-Himmels geben wird, nur noch die ewige Neukombination des Altbekannten. Und Portishead greifen Ansätze der Elektro-Avantgarden aus den Achtzigern auf, vermeiden aber nicht nur deren damalige Verirrungen, sondern transformieren jene auf so organische Weise ins eigene Klanguniversum, dass es einem den Atem raubt. Zudem präsentieren sie sich auf “Third” sogar noch erstaunlich vielseitig, unternehmen gewagte Ausflüge bis hin zum akustischen Gitarrensong. Jedes Lied bezaubert auf eigene Weise. Doch ist die Grundstimmung des Albums wohl eher noch trauriger, noch düsterer, noch melancholischer, als wir es von ihnen seit jeher kannten. Etwas Besseres als den Suizid findet man zwar nicht gerade überall, auf dieser CD aber ganz gewiss. Das Gesamturteil lautet: gut (15 Punkte).

Portishead
Third
Go! Discs / Mercury 2008
Ca. EUR 17,00
ASIN: B0016455AY

Justament Sept. 2008: Juristen als Literaten

Thomas Claer

Literatur Recht CoverSchriftstellernde Juristen gibt es zuhauf. Doch wenn zwei prominente und mit Preisen überhäufte Autoren über den Einfluss ihrer juristischen Ausbildung auf ihr literarisches Werk Auskunft geben, hört man gerne zu. Nachzulesen sind die Schilderungen von Juli Zeh, geboren 1974 in Bonn, und Martin Mosebach, geboren 1951 in Frankfurt am Main, auf einer Tagung namens “Literatur und Recht” in dem vorzüglichen Sammelband “Literatur, Recht, Musik”. Dieser harrte schon geraume Zeit auf dem Schreibtisch des Rezensenten einer Besprechung und erhielt nun endlich die ihm gebührende Aufmerksamkeit, auch wenn die erwähnte Tagung bereits 2005 stattgefunden hat.
Einserjuristin Juli Zeh wollte nach dem zweien Staatsexamen eigentlich Richterin werden, entschied sich aber dann “nach einigen schlaflosen Nächten” dagegen, weil sie sich nicht zutraute, nur nebenher Schriftstellerin zu sein, auf das Schreiben aber keinesfalls verzichten wollte. Seitdem begrenzt sie ihre juristische Tätigkeit auf ihre Dissertation im Völkerrecht, an der sie schon einige Jahre nebenher werkelt. Aktuell hat sie noch eine Verfassungsbeschwerde gegen den biometrischen Reisepass eingelegt. Außer ihren von der Literaturkritik zuletzt eher zwiespältig aufgenommenen Romanen verfasst sie vor allem Essays und mischt sich permanent und streitlustig in politische und sonstige Debatten ein. Ihre Bücher (“Adler und Engel”, “Spieltrieb”, “Schilf”) sind voll mit Bezügen zur Juristerei. Ihr künstlerisches Schaffen, so die Autorin, sähe völlig anders aus, wenn sie dem Recht nicht begegnet wäre: “Ich weiß noch nicht einmal, ob ich überhaupt in der Lage wäre, Romane zu schreiben, wenn ich nicht Jura studiert hätte.” Das Verfassen von Romanen erfordere strukturierte Denkvorgänge, und die juristische Ausbildung habe eine “ganz wertvolle Konstruktionsfähigkeit” in ihrem Denken geschaffen, die ihr dabei helfe, “große Formen und große Texte einfach zu verwalten”.
Martin Mosebach, Büchnerpreisträger von 2007, ist hingegen mit der Rechtswissenschaft nie recht warm geworden. Er habe großen Respekt vor Amtsrichtern oder Rechtsanwälten, die Romane schreiben, doch würde seine Vitalität für beides zugleich nicht hinreichen. Dafür sei das Romanschreiben für ihn zu anstrengend. Doch räumt er für sich “eine gewisse Zähmung und Erziehung durch die Jurisprudenz ein im Bedürfnis, Charaktere wahrscheinlich zu machen”. Er erkenne aber leider erst in großem zeitlichen Abstand, was für interessante Aspekte die Welt des Rechts in sich berge. In seinem umfangreichen literarischen Werk wirft er nur ein einziges Mal einen Blick auf das juristische Milieu, im Roman “Eine lange Nacht” (2000), der Geschichte eines verkrachten Juristen und schöngeistigen Taugenichts.

Hermann Weber (Hrsg.)
Literatur, Recht, Musik. Tagung im Nordkolleg Rendsburg
BWV Berliner Wissenschafts-Verlag 2007
224 Seiten, EUR 40,00
ISBN: 978-3-8305-1339-1

Justament Sept. 2008: Eheleute-Report

Was Päpste streng verschlossen hielten

Thomas Claer

Ehen CoverDas Mittelalter, also jene Epoche relativer historischer Ereignisarmut, die eine um Übersichtlichkeit bemühte westliche Geschichtsschreibung auf etwa 500 bis 1500 nach Christi Geburt datiert hat, wird gemeinhin als finster angesehen. Auch das Spätmittelalter gilt uns heute noch als rückständig, was die weit verbreitete Vorstellung einschließt, im Geschlechtsleben der mittelalterlichen Frauen und Männer habe Puritanismus vorgeherrscht und das Verhältnis zwischen Eheleuten und Liebespaaren sei von Prüderie beherrscht gewesen. Diese Annahme jedoch wird durch die hier zu besprechende Publikation des emeritierten Züricher Historikers Ludwig Schmugge, “Ehen vor Gericht”, maßgeblich erschüttert. In einer Mischung aus erzählender Darstellung, Statistik und umfassender Analyse des sozialen und rechtlichen Hintergrundes berichtet er von mehr als 6.000 Bittschriften deutschsprachiger Eheleute an den Papst aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, die in den vatikanischen Geheimarchiven entdeckt wurden. Bis zum Jahre 1913 schlummerten diese Quellen in vergessenen und vermauerten Räumen des Vatikans, blieben dann weitere 70 Jahre für die Benutzung gesperrt und sind erst seit 1983 der Forschung zugänglich.
Jeder Verfasser dieser Bittschriften hatte seinerzeit in irgendeiner Weise gegen das Kirchenrecht verstoßen und war in der Folge oft sozial diskriminiert. Daher baten die Betreffenden den Heiligen Vater um Gnade und erhielten von ihm zumeist Absolution und Dispens. (Im Vergeben kleinerer Sünden war die katholische Kirche schon immer großzügig.) Seit dem 13. Jahrhundert konnten die Päpste die steigende Flut von Anträgen (es sollen mehrere Dutzend pro Tag gewesen sein) aber nicht mehr alleine bewältigen, und so übertrug man die Bearbeitung auf ein eigenes Amt, die Pönitentiarie, die sich im 15. Jahrhundert als zentraler Gerichtshof der römischen Kirche für Buß-, Beicht- und Gnadensachen zu einer veritablen Behörde ausweitete. Dort wirkten gegen Ende des Mittelalters über 200 Mitarbeiter unter Leitung eines Kardinals. Und die Sachbearbeiter sahen sich Fällen wie diesem gegenüber, der ursprünglich 1456 am Churer Ehegericht verhandelt worden war: Magdalena aus Schiers, 20 Jahre alt, hatte Klage gegen ihren Mann Bartholomeus, 18 Jahre alt, erhoben. Der Mann verlangte die Mitgift seiner Frau. Sie behauptete jedoch, er sei nicht ihr legitimer Ehemann, denn er sei impotent und habe die Ehe mit ihr nie vollzogen, weshalb sie ihn bald nach der Hochzeit verlassen habe. Sie stellte den Antrag auf Scheidung. Bartholomeus jedoch sagte aus, sich “im Verkehr mit anderen Frauen als potent erwiesen zu haben, wenn auch nicht immer und auf jede Weise”. “Wenn die Klägerin auf dem Rücken liegt, kann ich den Akt nicht vollziehen”, fährt er fort, “aber auf der Seite liegend geht es” (S.159 f.).
Aus diesem und zahlreichen anderen Fällen, in denen selten ein Blatt vor den Mund genommen wird,  ergibt sich ein buntes Panorama der Epoche, in welcher man, so der Verfasser, eine “lockere Sexualpraxis” feststellen könne, die durchaus moderne Züge aufweise. Es ergebe sich der Eindruck eines “vielfach unverklemmten sexuellen Umgangs zwischen den Geschlechtern”, der offenbar auch vor der Ehe in allen Schichten der Bevölkerung praktiziert worden sei. Auch sei das Zusammenleben von Paaren ohne Trauschein weit verbreitet gewesen.
Ganz so streng und finster kann es also damals gar nicht gewesen sein, denkt man sich. Vielleicht liegt die Finsternis aber gerade darin, dass solche Fragen überhaupt die Gerichte beschäftigt haben.

Ludwig Schmugge
Ehen vor Gericht
Paare der Renaissance vor dem Papst
Berlin University Press 2008
291 Seiten, EUR 44,90
ISBN-10: 3940432237