Tag Archives: Element Of Crime

justament.de, 7.6.2021: Jazz geht’s los!

Drei Musiker von Element Of Crime haben ein Jazz-Album aufgenommen

Thomas Claer

Das Tolle an der Jazz-Musik ist, dass sie kaum zum Pathos tendiert und ebenso wenig zur Sentimentalität. Da ist z.B. die Klassische Musik doch weitaus gefährdeter, und Rock- und Popmusik sind es natürlich erst recht. Jazz dagegen ist eine Musik, die beinahe ohne Schwere auskommt, die aber in all ihrer Leichtigkeit dennoch nur selten ins Banale abrutscht, denn dazu ist sie viel zu cool und distanziert.

Kann man das so sagen? Keine Ahnung, denn ich verstehe nicht viel vom Jazz. Zumindest aber empfinde ich es so, wenn ich an einem viel zu kalten und dann auch noch verregneten Frühlingstag – also unter den, wie sich bald herausstellt, bestmöglichen Umständen für diese Musik – den Klängen von „Ask Me Now“ lausche, der Debüt-Platte des Trios Regener Pappik Busch, hinter dem sich ein Nebenprojekt der Band Element Of Crime verbirgt, das wiederum aus den drei wohlbekannten Musikern Sven Regener (Trompete), Richard Pappik (Drums) und Ekki -Busch (Piano) besteht. Diese drei alten Kempen, alle um die sechzig, haben also ein Album mit Coverversionen berühmter Jazz-Klassiker aufgenommen. Alles ist rein instrumental, es gibt keinen Gesang. Stücke von den ganz Großen sind dabei, von Thelonius Monk und John Coltrane. Hingegen sucht man Dave Brubeck vergeblich, und die anderen auf der Platte kennt man schon gar nicht mehr.

Warum machen die Drei sowas überhaupt? Diese Frage drängt sich natürlich auf. Vielleicht weil sie in einem Alter sind, in dem sie gerne noch mal etwas Neues ausprobieren wollen. Zumal das Risiko gering ist, dass ihre treuen Fans diesen gewissermaßen exotischen Ausflug ihrer Lieblinge nicht goutieren werden. Kann sein, dass sie auch ihre über den überschaubaren EOC-Kosmos hinausreichenden – und ja auch in der Tat beachtlichen – musikalischen Qualitäten demonstrieren möchten. Womöglich ist es aber auch ein Akt der musikpädagogischen Fürsorge gegenüber ihrer Fangemeinde, denn ohne diesen Anstoß wäre zweifellos ein Großteil der Element-Anhänger niemals darauf gekommen, sich näher mit Jazzmusik zu befassen. Der Rezensent zumindest bestimmt nicht…

Was Jazz-Puristen dazu sagen würden, vermag ich also nicht zu beurteilen. Mir jedenfalls gefällt diese Platte. Und einen besonderen Nerv treffen dabei die melancholischen Stücke dieses Albums, allen voran „Don’t Explain“ von Arthur Herzog und Billie Holiday. Gerade weil einen die Traurigkeit hier nicht so brutal überfällt, sondern sich gewissermaßen ganz sachte von hinten anschleicht…

Regener Pappik Busch
Ask Me Now
Universal 2021

justament.de, 4.1.2021: Nostalgie ist ihre Strategie

Scheiben Spezial: Element Of Crime machen einen 17-teiligen Podcast über jede ihrer Platten

Thomas Claer

Das wirklich wahre Leben ist, wie jeder Proustianer weiß, das Schwelgen in den eigenen Erinnerungen. Das dachten sich offenbar auch unsere Lieblings-Helden von Element Of Crime und haben für sich selbst und alle ihre Fans gesprächsweise noch einmal die guten alten Zeiten wieder aufleben lassen. 17 Teile – für jede Platte einen – umfasst ihre neue und zugleich erste Podcast-Serie. Es funktioniert ganz einfach: Man muss nur auf den folgenden Link klicken:

und landet dann, ohne sich noch umständlich irgendwo anmelden zu müssen, direkt in diesen bedeutsamen Männer-Gesprächen. Tatsächlich sind es einfach nur Worte, nichts als Worte, die Sven Regener, Jakob Ilja und Richard Pappik hier zum Besten geben. Doch wie könnte es anders sein: Schon nach den ersten beiden Folgen fühlt man sich als alter EOC-Fan reichlich beschenkt. Die 39 Minuten über ihr Debüt “Basically Sad” (1986) und mehr noch die 1 Stunde und 22 Minuten über den Nachfolger “Try To Be Mensch” vergehen wie im Fluge. Die Entstehungsgeschichte beinahe jedes einzelnen Songs und wie sich die Band überhaupt zusammengefunden (und zwischenzeitlich auch immer wieder zerstritten) hat, die prekäre wirtschaftliche Lage der Musiker in den ersten Jahren… Will man das alles wirklich so genau wissen? Die klare und erschöpfende Antwort darauf lautet: ja! Und was dann selbstredend auch noch dazukommt: Vor dem inneren Auge des Hörers werden dabei auch jene entrückten Momente wieder lebendig, als man diese Musik seinerzeit selbst zum ersten Mal und später dann immer wieder gehört hat… Das Urteil lautet: Spitze!

justament.de, 27.1.2020: Verwirrt, träge und verliebt

Element of Crime live im Tempodrom

Thomas Claer

Die erst zweite Live-LP von Element of Crime in 35 Jahren Bandgeschichte ist im letzten Herbst erschienen. Nun endlich haben wir sie vollständig durchgehört und können sie ohne Bedenken mit dem Signum „empfehlenswert“ versehen. Nicht weniger als 25 Songs finden sich auf den zwei CDs respektive drei Vinylscheiben, und doch wird man als beständiger Fan dieser Band so manches Lied vermissen. Aber auch umgekehrt lässt sich sagen: Hätten sie 25 andere Stücke ausgewählt, so wäre vermutlich ein ähnlich gutes Album herausgekommen.

Ein Werk auf beinahe durchgängig höchstem Niveau haben EoC über die Jahre geschaffen, dabei ihren ganz eigenen, unverwechselbaren Stil entwickelt und diesen allmählich noch perfektioniert. Während andere Musiker in der Qualität und Originalität ihres Songwritings mit der Zeit naturgemäß nachlassen, sind die Elements, man traut es sich kaum zu sagen, vor allem in den letzten Jahren sogar immer besser geworden. So geht es auch vollkommen in Ordnung, dass gleich elf der 25 Tracks dieses Live-Albums von ihrer aktuellen (Studio-) Platte „Schafe, Monster und Mäuse“ stammen.

Dennoch lauscht man besonders gespannt ihren älteren Titeln, vor allem jenen, die sie schon seit mehr als 20 Jahren nicht mehr gespielt haben. Und natürlich, auch Lieder unterliegen einer Art Alterung, selbst die Unsterblichen unter ihnen. Was für ein abgründiger Song ist doch „Wer ich wirklich bin“ aus dem Jahr 1996! Einst der Feder eines 34-Jährigen entflossen berührt er nun aus dem Munde eines 58-Jährigen auf ganz neue Weise. Oder „Schwere See“ von 1993, ursprünglich ein Ausbund an jugendlicher Romantik, beschwört hier umfassend den Sog der maritimen Elemente und die magischen Momente nautischer Zweisamkeit. Und ganz besonders, immer wieder, entzückt „Weißes Papier“: „Nicht mal das Meer darf ich wiedersehn / Wo der Wind deine Haare vermisst. / Wo jede Welle ein Seufzer / Und jedes Sandkorn ein Blick von dir ist.“ Hat schon irgendwann jemand eindringlicher Vergleichbares ausgedrückt?

Am Ende dieses gelungenen Live-Spektakels stellt sich beim Zuhörer ein Gefühl der Beglückung ein. Da sitzt man dann also fest wie in einem ihrer berühmtesten Songs: „verwirrt, träge und verliebt“ – genau in dieser Reihenfolge! Das Urteil lautet: gut (14 Punkte).

Element of Crime
Live im Tempodrom (Doppel—CD/ 3 LP)
Vertigo Berlin (Universal Music) 2019
ASIN: B07X3QFY7B

justament.de, 2.9.2019: Und wieder im Oktober…

Live-Album von EoC erscheint am 10.10.2019

Thomas Claer

Auch in diesem Jahr können wir also in freudiger Erwartung dem Monat Oktober entgegenfiebern, denn wie schon im Vorjahr bringen unsere Lieblinge von Element of Crime in diesem Herbst abermals eine neue Platte heraus. Und das hat es wirklich seit 1990 nicht mehr gegeben: Es wird ein reguläres Live-Album sein und den Titel „Live im Tempodrom“ tragen. „Live im was?“, wird vielleicht der eine oder andere Ignorant nun fragen. Und hiermit sei ihm gesagt, dass das Tempodrom ein bekanntes und noch dazu traditionsreiches Berliner Veranstaltungszentrum ist, unter dessen Dach sich übrigens auch noch das beliebte Erholungsbad Liquidrom befindet, das unsereiner bislang aber leider ebenfalls nur vom Hörensagen kennt. Und treffenderweise heißt der erste Song von diesem Album, der sich bereits auf YouTube ansehen lässt: „Geh doch hin“.

Abgesehen von dem glänzenden Einfall, ausgerechnet einen Song mit diesem Titel als Appetitmacher für ein Live-Album auszuwählen, weist „Geh doch hin“, dieses grandiose Lied aus dem Jahr 1991 über die zwischenmenschliche Eifersucht, aber auch schon der ganzen Platte die Richtung. Denn wie sich der ebenso bereits feststehenden Titelliste entnehmen lässt, wird sie zahlreiche ältere Songs aus den Oeuvre der Elements enthalten, die schon seit Ewigkeiten nicht mehr in Konzerten von ihnen zu hören waren, so auch das wohl philosophischste aller EoC-Stücke: „Wer ich wirklich bin“ von 1996. Ansonsten stammen von den 25 Liedern, die sowohl auf einer Doppel-CD als auch wahlweise auf einer Dreifach-LP erhältlich sein werden, gleich zehn vom aktuellen Studio-Album „Schafe, Monster und Mäuse“, was angesichts der herausragenden Qualität dieser Platte auch völlig in Ordnung geht. Worauf jedenfalls ich mich aber am meisten freue, ist die neue Live-Version von „Schwere See, mein Herz“ aus dem Jahr 1993.

www.justament.de, 15.10.2018: Die elementare Berlin-Platte

Element Of Crime auf „Schafe, Monster und Mäuse“

Thomas Claer

Schon so manches Berlin-Album hat es in der Geschichte der Popmusik gegeben. „Berlin“ von Lou Reed ist vielleicht das berühmteste, von David Bowie gibt es aus den Siebzigern sogar eine „Berlin-Trilogie“. Nun haben also auch Element Of Crime ein solches Konzeptalbum herausgebracht, wenn auch – aus Gründen des für diese Band so typischen Understatements – ohne es entsprechend zu benennen. Doch verbirgt sich hinter dem harmlos klingenden „Schafe, Monster und Mäuse“ vor allem eine überschwängliche Hommage an unsere Hauptstadt: Zehn der zwölf Lieder auf dieser Platte enthalten mehr oder weniger eindeutige textliche Berlin-Bezüge; nur in „Immer noch Liebe in mir“ und „Stein, Schere, Papier“ fehlen solche.

Zwar haben vereinzelt auch schon frühere Songs der Elements explizit in Berlin gespielt, etwa „Jung und schön“ (1999) oder der U-Bahn-Song „Alle vier Minuten“ (2001), doch gleicht das neue Album nun beinahe einer musikalischen Stadtrundfahrt: Von der fröhlichen „Party am Schlesischen Tor“ (unter den Hochbahn-Gleisen!) geht es weiter zum „Prater in Prenzlauer Berg“. Das – wie so oft – liebesleidgequälte lyrische Ich geht bekümmert „den Kurfürstendamm entlang“, trauert still „Im Prinzenbad allein“ und sitzt nachts „in U-Bahn-Zügen, die nirgends halten und trotzdem nicht fahren“. „Der Wald vor deiner Haustür ist nur ein Friedrichshain“, “Auch im Halensee wohnt ein Meer“ und „eingeklemmt und blau“ fühlt man sich „Silvester am Brandenburger Tor“. Im Jahn-Sportpark wird gejoggt, hinterm KaDeWe hält ein LkW und im Grunewald ist Holzauktion. Schließlich liefert das auch von der musikalischen Umsetzung her sehr ansprechende „Nimm dir, was du willst“ eine Art universelle Gebrauchsanweisung für Berlin: „Karneval, FC Union, Ramadan und Hertha BSC“. Da ist für jeden was dabei, und jeder, wie er kann, „Aber nerv mich nicht!“.

Auch ansonsten lässt sich das Album, musikalisch wie textlich, als über weite Strecken sehr gelungen bezeichnen. Trotz einer Rekordlänge von mehr als 55 Minuten Spielzeit enthält es keinen einzigen missglückten Song. Regelrecht opulent ist diesmal die Instrumentierung geraten: Ausgefeilte Streicher- und Bläser-Arrangements kommen zum Einsatz und sorgen für viel Abwechslung im gewohnten Gitarre-Bass-Schlagzeug-Trompeten-Sound. Manche Lieder lassen slawische und/oder bretonische folkloristische Einflüsse erkennen, andere sind eher jazzig, manchmal swingt und groovt es. Als weibliche stimmliche Verstärkung macht Sven Regeners Tochter Alexandra insbesondere in „Karin, Karin“ eine gute Figur. In mehreren Songs werden, was schon recht gewagt ist, aber noch gerade so in Ordnung geht, gemischte Chöre aufgeboten. Fehlten früheren Veröffentlichungen dieser Band oftmals die Überraschungsmomente, haben wir sie diesmal in Hülle und Fülle.

Nur hier und dort gibt es punktuelle Schwächen. So kommt einem mancher Liedanfang schon arg bekannt vor (vor allem „Gewitter“ erinnert sehr an “Alles, was blieb“ von 1999; „Der erste Sonntag nach dem Weltuntergang“ ist weitgehend abgekupfert vom zweiten Track des fünf Jahre alten Soundtracks von „Haialarm am Müggelsee“; „Bevor ich dich traf“ hat frappierende Ähnlichkeit mit „Die letzte U-Bahn geht später“ von 2005), während „Immer noch Liebe in mir“, das treue EoC-Fans bereits von der zwei Jahre alten Vinyl-EP „Wenn der Wolf schläft“ kennen, mit seinem Rumtata-Rhythmus fast schon karnevalskompatibel ist. Doch reißt der jeweils ausgezeichnete Text am Ende stets alles wieder raus: „Gewitter“ vermittelt düstere Endzeit-Visionen („Und ein heißer Wind verweht, die Jahre, die ihr kennt“), und „Immer noch Liebe in mir“ knüpft inhaltlich an das seinerseits schon recht delikate „Alten Resten eine Chance“ von 1993 an. Auch im sehr melancholischen Titelstück (und diese Platte enthält selbst für EoC-Verhältnisse besonders viele melancholische Stücke) und im etwas kinderliedhaften „Karin, Karin“ verhindert nicht zuletzt die kraftvolle Songlyrik ein Abgleiten ins Sentimentale. Überhaupt werden Sven Regeners Songtexte im Laufe der Jahre wirklich immer, immer besser. Im bewährten dialektischen Drei-Strophen-Muster zumeist auf eine verblüffende oder versöhnliche Schlusspointe zusteuernd, erweist er sich als ungekrönter König des Binnenreims. Insbesondere für das äußerst hintergründige „Stein, Schere, Papier“ sollte man ihm auf der Stelle einen Lyrikpreis verleihen; wobei dieses Lied auch musikalisch zu den stärksten des Albums gehört. Ähnliches lässt sich über „Karin, Karin“ sagen, das im Refrain ganz nebenbei einen alten DDR-Propaganda-Song persifliert. Und dann „Ein Brot und eine Tüte“ – der Song über die Berliner Schimpfkultur…

Kurz gesagt: Diese Platte kann einen über eine Menge hinwegtrösten, besonders „Wenn es dunkel und kalt wird in Berlin“. Das Urteil lautet: gut (14 Punkte).

Element Of Crime
Schafe, Monster und Mäuse
Vertigo Berlin (Universal Music)
ASIN: B07G1XK97T

www.justament.de, 13.8.2018: Neues von EoC!

Anfang Oktober hat das Warten ein Ende

Thomas Claer

Das mittlerweile vierzehnte Studioalbum unserer Lieblingsband – und dies im dreiunddreißigsten Jahr ihres Bestehens – ist angekündigt für den 5.10.2018. Auch der Titel steht schon fest: „Schafe, Monster und Mäuse“ – was immer das zu bedeuten hat. Einen Vorgeschmack darauf gibt es bereits mit dem Song „Am ersten Sonntag nach dem Weltuntergang“, der sich hier anhören lässt. Noch dazu ist schon seit Längerem ein weiteres Lied von der kommenden Platte in der Welt. Es heißt „Wenn es dunkel und kalt wird in Berlin“ und wurde von der Band bereits des Öfteren live gespielt, zum Beispiel hier.

Dann also mal frisch auf YouTube geklickt und die neuen Songs getestet. Nun ja, der erste Eindruck vom „Ersten Sonntag nach dem Weltuntergang“ ist nicht unbedingt der beste. Irgendwie etwas lahm das Ganze, musikalisch eher uninspiriert. Beim zweiten Hören sollte man vielleicht auch mal genauer auf den Text achten. Und siehe da! Plötzlich gefällt es einem dann doch, und mit jedem weiteren Mal noch ein wenig besser. „Weltuntergang“ ist zweifellos ein großes Wort, das derzeit angesichts der deprimierenden politischen Weltlage in vielen Köpfen herumspuken dürfte. Doch machen wir uns nichts vor: Die wahren Weltuntergänge in unserem Leben sind die kleinen und größeren zwischenmenschlichen Katastrophen, vor allem aber die sich immer wieder einstellenden Enttäuschungen in der Liebe. Und genau darum geht es im „Ersten Sonntag“: „Grausam ist der Haifisch/ Und grausam warst auch du“. Passenderweise legt dann auch „der Regen noch einen Zahn zu“ und überflutet den Weg hinter dem S-Bahn-Übergang. Ja, so ist das: „Treulos ist die Sonne/ Und treulos warst auch du“. Das immer neue alte Lied. Solche als apokalyptisch empfundenen Unglücke trotz allem mit Haltung und Würde zu ertragen, davon handeln viele Songtexte der Elements. Was tut man also als lyrisches Ich in solch einer verzweifelten Lage? Man geht „noch einmal den Kurfürstendamm entlang“ und reflektiert: „Schön war das Leben,/ Schlecht war die Welt./ Gut war die Liebe,/ Böse das Geld… Doch heute ist es genau umgekehrt.“ Es geht doch nichts über eine solch vortreffliche Alltagslyrik! Haben wir eigentlich derzeit bessere Lyriker als Sven Regener? Mir jedenfalls fällt keiner ein.

Sogar noch gelungener, vor allem musikalisch, ist „Wenn es dunkel und kalt wird in Berlin“. Und auch dieser Text ist eine dichterische Glanzleistung. Er handelt von Gummibärchen („Da gibt’s die gelben und die roten,/ Das sind alles Vollidioten“), Glühweintrinken (Da geht immer viel daneben / So wie überall im Leben“) und Smog („Wo die Luft am schlimmsten ist/ Ist das Atmen intensiver und das Husten attraktiver“). Nur um schließlich doch noch zum Punkt zu kommen, zum komplizierten Verhältnis zwischen lyrischem Ich und lyrischem Du nämlich, und einen zwar desillusionierenden, aber doch nicht ganz hoffnungslosen Ausblick zu geben… Das vorläufige Urteil lautet: vielversprechend.

www.justament.de, 4.6.2018: Schwere See ein Vierteljahrhundert

Scheiben vor Gericht Spezial: Vor 25 Jahren erschien „Weißes Papier“ von Element of Crime

Thomas Claer

Es war ein neuer Lebensabschnitt, den dieses außergewöhnliche Album einer mir bis dahin völlig unbekannten Band für mich einläutete. Damals, 1993, absolvierte ich meinen Zivildienst in einem Bremer Krankenhaus und bekam dort, genauer gesagt in der Teestube, wo ich den Patienten heiße Getränke zubereitete und servierte, eine Indie-Musikzeitschrift in die Finger, die einen Text enthielt, der mich neugierig machte: Das zweite deutschsprachige Album von Element of Crime wurde dort besprochen. Und ein Sänger und Texter namens Sven Regener erging sich in grundlegenden Betrachtungen über die Kulturindustrie, über Basis und Überbau, über die deutsche Musiklandschaft und die politische Relevanz von Liedern über die Liebe. Immer wieder las ich diese brillant geschriebene Rezension, bis ich schließlich einige Wochen später den Weg zum CD-Verleih fand (Ja, zum CD-Verleih! Heute weiß keiner mehr, dass es so etwas einmal gegeben hat!) und mir „Weißes Papier“ besorgte. Seinerzeit waren die Elements noch ein absoluter Geheimtipp, und ich kannte niemanden in ganz Bremen, mit dem ich mich über sie hätte austauschen können. Das sollte sich auch erst ein Jahr später im zweiten Semester meines Studiums in Bielefeld ändern. Bis dahin war „Weißes Papier“, die ich mittlerweile auch als rares Vinyl besaß, natürlich längst zu einer meiner Lieblingsplatten geworden.

Nun sollte man ja eigentlich, wie es ein alter lateinischer Spruch so treffend sagt, zuerst leben und erst anschließend darüber philosophieren. Doch bei mir war es, wie bei vielen anderen eher in der Theorie als deren praktischer Umsetzung begabten Zeitgenossen, umgekehrt. War ich bis weit nach dem Abitur sozusagen noch ein „unbeschriebenes Blatt“ auf dem Feld der (praktizierten) Liebe gewesen, so weckte „Weißes Papier“ in mir die Sehnsucht nach einschlägigen Erfahrungen, die sich bald darauf auch auf dramatische Weise einstellen sollten… Eine bessere Vorbereitung auf diese bittersüßen und schmerzhaft-schönen Erschütterungen, die mich für mindestens vier Semester völlig aus der Bahn warfen (und mich schließlich schon nach vier weiteren Semestern in den sicheren Hafen der Ehe führen sollten), hätte ich mir nicht wünschen können. „Weißes Papier“ ist, wenn man so will, ein großes Konzeptalbum über Liebe und Vergänglichkeit. Mit jederzeit absturzgefährdetem Pathos werden in Regeners Texten, die am Ende aber traumwandlerisch alle Klippen des Schwulstes und Kitsches souverän umfahren, beinahe alle Facetten der damit verbundenen Leidenschaften verhandelt, von der zarten Anbahnung („Draußen hinterm Fenster“) über die Feier des beglückten Augenblicks („Alten Resten eine Chance“), den Krieg der Geschlechter („Mehr als sie erlaubt“), den existentiellen Kampf mit dem Nebenbuhler („Du hast die Wahl“) bis zur tieftraurigen Ernüchterung (im Titelstück „Weißes Papier“) sowie der finalen Resignation („Und du wartest“). Und wie das Motto dieser Platte insgesamt liest sich die Titelzeile jenes Stücks, das auf atemberaubende Weise eine Brücke zwischen See- und Liebeskrankheit schlägt: „Schwere See, mein Herz“. Lange Jahre konnte ich mir dieses Album gar nicht mehr anhören, weil ich es vor seelischen Schmerzen nicht ertragen hätte. So richtig erholt habe ich mich davon wohl bis heute nicht. Das Urteil lautet: sehr gut (17 Punkte).

Element of Crime
Weißes Papier
Polydor (Universal Music) 1993
ASIN: B000025NBYv

www.justament.de, 20.6.2016: As Time Goes By

Die Vinyl-EP “Wenn der Wolf schläft” von Element of Crime

Thomas Claer

coverDie subjektive Zeitwahrnehmung beschleunigt sich im Laufe des menschlichen Lebens bekanntlich zusehends. Immer schneller vergehen einem die Stunden und Tage, und hast du nicht gesehen, ist schon wieder ein Jahr vorbei. Für unsere Lieblingsband Element Of Crime, die aus vier inzwischen leidlich reifen Herren in den Fünfzigern respektive Sechzigern besteht, folgt daraus, dass nur noch bestenfalls alle fünf Jahre ein neues Album herausgebracht wird. Und warum auch nicht? Denn gefühlt sind die Intervalle zwischen den Veröffentlichungen damit in etwa so groß wie damals in den Achtzigern, als noch jedes Jahr eine neue EOC-Platte erschienen ist. Aber wie schafft man es, in der Zwischenzeit dennoch im Gespräch zu bleiben und in unserer schnelllebigen Zeit nicht völlig vergessen zu werden? Richtig, man bringt jedes Jahr wenigstens eine neue Single heraus, die ein Stück des vorigen Albums nebst ein paar ausgesuchten Spezialitäten für den geneigten Fan enthält. Und das dann, um den Kultfaktor zu erhöhen (wie man früher einmal sagte), auch noch als 10“-Vinyl.

Und also halten wir nun die inzwischen bereits dritte Single-Auskopplung aus dem 2014er Album „Lieblingsfarben und Tiere“ in den Händen, die den Namen trägt „Wenn der Wolf schläft, müssen alle Schafe ruhn“. Warum bloß gerade dieser Song?, denkt man sich. Da hätte es doch weitaus stärkere auf dem Album gegeben. Doch haben wir hier im musikalisch höchst mittelmäßigen Gewand einen geradezu philosophischen Text, der die Auswahl dieses Stücks allemal rechtfertigt. Wohl jeder, der durchs Leben geht, muss sich irgendwann mit der „ewigen Wiederkehr des Gleichen“, wie es ein großer Denker einmal genannt hat, arrangieren, also kurz gesagt: mit der Wiederholung. Genau davon handelt dieses nachdenklich stimmende Lied, das en passant auch noch eine präzise Analyse der Marktstellung unserer Elements enthält: „Hinter uns sind die, die keiner mag, und vor uns die, die jeder Trottel liebt.“ Ja, genauso ist es.

An zweiter Stelle auf der Platte folgt ein uralter Bluessong namens „You’re Gonna Need Somebody on Your Bond”. Großartig. Wo haben sie den nur wieder ausgegraben? Unsere Recherche führt uns zum US-amerikanischen Sänger und Gitarristen Blind Willie Johnson (1897-1945). Laut Wikipedia ist er 48-jährig gestorben, weil sein Haus niederbrannte und er wegen seiner Armut in den Ruinen wohnen bleiben musste, wo er sich eine Lungenentzündung zuzog. Zuvor hatte er sich jahrelang als Straßenmusiker über Wasser gehalten. Unglaubliche Geschichte.
Song Nr. 3 ist ein ganz neuer EOC-Song. Nun mag man „Da ist immer noch Liebe in mir“ in musikalischer Hinsicht eine Spur zu gefällig finden, doch hat es auch dieses Lied textlich in sich: „Rot ist der Mond und grau ist die Sonne“. Keine Frage, das ist tiefste Romantik! Am Ende der Platte gibt es dann noch eine gelungene aktuelle Live-Version des EOC-Klassikers „Damals hinterm Mond“ vom ersten deutschsprachigen Album 1991. Das Gesamturteil lautet: voll befriedigend (11 Punkte).

Element Of Crime
Wenn der Wolf schläft, müssen alle Schafe ruhn
10“ Vinyl
Vertigo Berlin (Universal Music) 2016
ca. 11,00 EUR
ASIN: B01AIXG97G
(auch als Download für 2,50 EUR erhältlich)

www.justament.de, 19.1.2015: Noch immer Punk

Die aktuelle Vinyl-Maxi von Element Of Crime „Liebe ist kälter als der Tod“

Thomas Claer

element-of-crime-video-liebe-ist-kaelter-als-der-todNachzutragen ist noch, dass Element Of Crime kurz vor Weihnachten eine weitere EP herausgebracht haben, die wiederum einen Song ihres neuen Albums „Lieblingsfarben und Tiere“ sowie drei weitere Stücke enthält. Allerdings ist daraus diesmal, um es gleich vorweg zu nehmen, eine etwas zwiespältige Sache geworden.

Einerseits hat man, sofern man zu den Glücklichen gehört, die eines der nur 250 Exemplare des streng limitierten 10“ Vinyls abbekommen haben, natürlich keinen Grund, sich zu beschweren. (Da die Scheibe lediglich in ausgewählten Schallplattenläden verkauft wurde, bin ich ihretwegen sogar extra bis nach Kreuzberg gefahren.) Und schließlich erweist sich die Platte bereits deshalb als würdige „Singleauskopplung“, wie man es früher so schön genannt hat, weil sich auf ihr mit „Liebe ist kälter als der Tod“ tatsächlich der – jedenfalls für mich – stärkste Song des ganzen Albums befindet. Positiv zu vermerken ist ferner auch das sehr gelungene Ramones-Cover „Gimme Gimme Shock Treatment“, auf dem Sven Regener eindrucksvoll beweist, dass noch immer ein Punk in ihm steckt.

Andererseits hätte man sich von den beiden restlichen Stücken aber schon etwas mehr erwartet. Dass dem Titelstück das improvisierte Duett mit Ina Müller von „Rette mich vor mir selber“ aus der Fernsehsendung „Inas Nacht“ folgt (das jeder, der es wollte, längst auf YouTube gesehen hat), kann ja vielleicht noch angehen. Und wäre es nur dieses eine Füllstück, hätte man ja auch nichts weiter dazu gesagt. Aber dass sich daran auch noch der wohlbekannte Song „Love and Happiness“ von der 1988er LP „Freedom, Love and Happiness“ anschließt, angeblich als „Grüner-Punkt-Bonus“ (was immer das heißen mag), in Wirklichkeit aber als 26 Jahre alter Original-Album-Track, das geht dann doch etwas zu weit. Oder besser gesagt: Es ist enttäuschend, dass darüber hinaus nicht noch eine weitere EOC-Cover-Version eines anderen Liedes auf der Platte ist. Ein fünftes Stück hätte den Elements nämlich gut zu Gesicht gestanden, zumal die B-Seite der EP insgesamt nur auf eine Spielzeit von gerade mal gut drei Minuten kommt. Für sich genommen ist die Anordnung von „Gimme Gimme Shock Treatment“ und „Love and Happiness“ direkt nacheinander allerdings ein durchaus gelungener Einfall, da dem Zuhörer so bewusst wird, wie punkig manches von den frühen, noch englischsprachigen EOC seinerzeit klang, und wie stark sich Sven Regeners Stimme in den knapp drei Jahrzehnten, die dazwischen lagen, verändert hat.

Bedenkt man nun aber, dass sich die vier Stücke auch schon für moderate 2,50 EUR als Download erwerben lassen, dann relativiert das den soeben indirekt erhobenen Abzocke-Vorwurf zumindest ein wenig. Und dennoch: Vinyl bleibt Vinyl. Und wenigstens darauf hätte es bei diesem Preis ein Lied mehr sein dürfen. Das Gesamturteil lautet gleichwohl: voll befriedigend (11 Punkte).

Element Of Crime
Liebe ist kälter als der Tod
10“ Vinyl (Limited Edition 250 Stück)
Vertigo Berlin (Universal Music) 2014
ca. 12,00 EUR (vergriffen)
ASIN: B00PG11YBM
(auch als Download für 2,50 EUR erhältlich)

www.justament.de, 3.11.2014: Auf der Höhe

Element Of Crime überzeugen auf „Lieblingsfarben und Tiere“

Thomas Claer

lieblingsfarbenImmer, wenn die Berliner Combo Element Of Crime eine neue Platte rausbringt, ist das ein größeres Ereignis. Klar, es kommt ja auch nicht mehr allzu oft vor. Ganze drei Studioalben waren von ihnen seit der letzten Jahrtausendwende erschienen, nun haben wir das vierte. Und es enthält auch gerade mal zehn Songs. Ist es schlecht, dass sie sich so zurückhalten? Nein, es ist genau richtig, und vor allem ist es dieser Ausnahmeband völlig angemessen. Nur das Allerbeste darf das Licht der Öffentlichkeit erblicken.

Schon beim ersten Hören zeigt sich, dass sich Sven Regener und seine Mitstreiter auf „Lieblingsfarben und Tiere“ in jeder Hinsicht treu geblieben sind. Wie wenn man gute alte Freunde nach vielen Jahren wiedertrifft und sie einem völlig unverändert erscheinen. Klickt man sich hingegen durch 20 Jahre alte Element-Auftritte auf YouTube, muss man sich doch sehr wundern, wie verspannt und pathetisch sie damals wirkten. Jedenfalls kommt einem das heute so vor, damals fand man das allerdings ganz und gar nicht. Man darf es vielleicht gar nicht ganz zu Ende denken, wie viele der persönlichen ästhetischen Urteile, die zwar nicht gerade Anspruch auf Objektivität, aber doch auf eine gewisse Verbindlichkeit erheben wollen, blind von den unergründlichen Prozessen der eigenen Körperchemie gesteuert werden…

„Lieblingsfarben und Tiere“ also. Das Titelstück ist eher mittelprächtig geraten, zwei drei andere Lieder auch. Der Rest ist gut bis sehr gut bis überragend. Die reifen Elements haben zu einer fast schon beängstigenden Stilsicherheit gefunden. Das locker-luftige, von  Countryklängen durchsetzte musikalische Gewand steht ihnen ausgezeichnet. Besondere Höhepunkte sind „Am Morgen danach“, „Schade, dass ich das nicht war“, „Liebe ist kälter als der Tod“, „Immer so weiter“ und „Dunkle Wolke“, womit auch schon das halbe Album aufgezählt wäre. Der Song „Dieselben Sterne“ dagegen erscheint auf den ersten Blick etwas schlagerhaft und bieder, gewinnt aber enorm, je mehr man sich auf ihn einlässt. Und vor allem: Was für ein scheinbar schlichter, doch im Verborgenen geradezu philosophischer Text! Wer Ohren hat, der höre! Überhaupt sind Sven Regeners Texte einmal mehr einsame Spitze. Ferner hat sich auch seine Stimme deutlich verbessert, seit er mit dem Rauchen aufgehört hat. Kurz: Wir erleben eine Band auf der Höhe ihres Schaffens. Das Urteil lautet: gut (13 Punkte).

Element Of Crime
Lieblingsfarben und Tiere
Vertigo Berlin (Universal Music) 2014
ASIN: B00N3AYOB0