Justament Sept. 2008: Eheleute-Report

Was Päpste streng verschlossen hielten

Thomas Claer

Ehen CoverDas Mittelalter, also jene Epoche relativer historischer Ereignisarmut, die eine um Übersichtlichkeit bemühte westliche Geschichtsschreibung auf etwa 500 bis 1500 nach Christi Geburt datiert hat, wird gemeinhin als finster angesehen. Auch das Spätmittelalter gilt uns heute noch als rückständig, was die weit verbreitete Vorstellung einschließt, im Geschlechtsleben der mittelalterlichen Frauen und Männer habe Puritanismus vorgeherrscht und das Verhältnis zwischen Eheleuten und Liebespaaren sei von Prüderie beherrscht gewesen. Diese Annahme jedoch wird durch die hier zu besprechende Publikation des emeritierten Züricher Historikers Ludwig Schmugge, “Ehen vor Gericht”, maßgeblich erschüttert. In einer Mischung aus erzählender Darstellung, Statistik und umfassender Analyse des sozialen und rechtlichen Hintergrundes berichtet er von mehr als 6.000 Bittschriften deutschsprachiger Eheleute an den Papst aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, die in den vatikanischen Geheimarchiven entdeckt wurden. Bis zum Jahre 1913 schlummerten diese Quellen in vergessenen und vermauerten Räumen des Vatikans, blieben dann weitere 70 Jahre für die Benutzung gesperrt und sind erst seit 1983 der Forschung zugänglich.
Jeder Verfasser dieser Bittschriften hatte seinerzeit in irgendeiner Weise gegen das Kirchenrecht verstoßen und war in der Folge oft sozial diskriminiert. Daher baten die Betreffenden den Heiligen Vater um Gnade und erhielten von ihm zumeist Absolution und Dispens. (Im Vergeben kleinerer Sünden war die katholische Kirche schon immer großzügig.) Seit dem 13. Jahrhundert konnten die Päpste die steigende Flut von Anträgen (es sollen mehrere Dutzend pro Tag gewesen sein) aber nicht mehr alleine bewältigen, und so übertrug man die Bearbeitung auf ein eigenes Amt, die Pönitentiarie, die sich im 15. Jahrhundert als zentraler Gerichtshof der römischen Kirche für Buß-, Beicht- und Gnadensachen zu einer veritablen Behörde ausweitete. Dort wirkten gegen Ende des Mittelalters über 200 Mitarbeiter unter Leitung eines Kardinals. Und die Sachbearbeiter sahen sich Fällen wie diesem gegenüber, der ursprünglich 1456 am Churer Ehegericht verhandelt worden war: Magdalena aus Schiers, 20 Jahre alt, hatte Klage gegen ihren Mann Bartholomeus, 18 Jahre alt, erhoben. Der Mann verlangte die Mitgift seiner Frau. Sie behauptete jedoch, er sei nicht ihr legitimer Ehemann, denn er sei impotent und habe die Ehe mit ihr nie vollzogen, weshalb sie ihn bald nach der Hochzeit verlassen habe. Sie stellte den Antrag auf Scheidung. Bartholomeus jedoch sagte aus, sich “im Verkehr mit anderen Frauen als potent erwiesen zu haben, wenn auch nicht immer und auf jede Weise”. “Wenn die Klägerin auf dem Rücken liegt, kann ich den Akt nicht vollziehen”, fährt er fort, “aber auf der Seite liegend geht es” (S.159 f.).
Aus diesem und zahlreichen anderen Fällen, in denen selten ein Blatt vor den Mund genommen wird,  ergibt sich ein buntes Panorama der Epoche, in welcher man, so der Verfasser, eine “lockere Sexualpraxis” feststellen könne, die durchaus moderne Züge aufweise. Es ergebe sich der Eindruck eines “vielfach unverklemmten sexuellen Umgangs zwischen den Geschlechtern”, der offenbar auch vor der Ehe in allen Schichten der Bevölkerung praktiziert worden sei. Auch sei das Zusammenleben von Paaren ohne Trauschein weit verbreitet gewesen.
Ganz so streng und finster kann es also damals gar nicht gewesen sein, denkt man sich. Vielleicht liegt die Finsternis aber gerade darin, dass solche Fragen überhaupt die Gerichte beschäftigt haben.

Ludwig Schmugge
Ehen vor Gericht
Paare der Renaissance vor dem Papst
Berlin University Press 2008
291 Seiten, EUR 44,90
ISBN-10: 3940432237

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