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justament.de, 21.10.2019: Jura-Abbrecher mit Literatur-Nobelpreis

Thomas Claer empfiehlt Spezial: Anmerkungen zur Peter Handke-Debatte

Da hatte die Akademie wohl etwas gutzumachen. “Solange John Updike und Philip Roth den Literatur-Nobelpreis nicht bekommen haben, kann ich diesen Preis nicht ernstnehmen”, meinte vor langen Jahren Marcel Reich-Ranicki (1920-2013). Immer wieder hatte sich Deutschlands bedeutendster Literaturkritiker darüber mokiert, dass die Schwedische Akademie ihre weltweit höchste Auszeichnung auf dem Gebiet der Literatur offenbar ausschließlich an politisch engagierte Autorinnen und Autoren mit tadelloser Gesinnung vergab. Nicht, dass er etwas gegen gesellschaftlich engagierte Autoren gehabt hätte, aber dass deshalb den in seinen Augen weltweit besten lebenden Literaten dieser Preis vorenthalten wurde, das ging dem “Literatur-Papst” dann doch völlig gegen den Strich. Nun hat sich die in den letzten Jahren von diversen MeToo-Skandalen erschütterte Akademie also endlich einmal anders entschieden, überraschend anders. Für die von Ranicki favorisierten großen Erotomanen der amerikanischen Literatur, John Updike und Philip Roth, war es allerdings zu spät. Updike ist bereits 2009 gestorben und Roth 2018. (Der Preis wird ja grundsätzlich nur an noch lebende Autoren verliehen.)

Nun hat es also Peter Handke getroffen, und an ihm scheiden sich die Geister. Darf jemand den Literaturnobelpreis bekommen, der angesichts der Greuel der jugoslawischen Bürgerkriege allen Ernstes “Gerechtigkeit für Serbien”, also für die mächtigste und rücksichtsloseste der Kriegsparteien, gefordert, der Verständnis für Karadzic und Milosevic gezeigt hatte? Darüber wird nun heftig gestritten. Doch was hätte wohl Marcel Reich-Ranicki dazu gesagt? Für ihn war Peter Handke spätestens seit seinem “Jahr in der Niemandsbucht” (1994) ein “auf den metaphysischen Hund gekommener” Autor, so wie er dessen Kollegen Botho Strauß in selbiger Sendung des “Literarischen Quartetts” als “auf den ideologischen Hund gekommen” bezeichnet hatte. Doch sei er, Reich-Ranicki, gerne dazu bereit, beiden “auf den Hund gekommenen Autoren” alles zu verzeihen, “wenn sie nur besser schreiben würden”…

Aufschlussreich für Juristen dürfte auch noch sein, wie sich der heutige Nobelpreisträger über seine abgebrochene Juristenausbildung geäußert hat, nachzulesen im 30 Jahre alten “Versuch über die Müdigkeit”. Er schreibt darüber, soviel sei an dieser Stelle verraten, nicht viel Gutes. Im übrigen findet sich in diesem kleinen Text wohl schon beinahe alles, was den späten Peter Handke ausmacht: reichlich verschwurbelter Schreibstil, aber doch irgendwie tiefgründig. Zweifellos hat auch solche Art von Literatur ihre Daseinsberechtigung.

Justament Sept. 2008: Juristen als Literaten

Thomas Claer

Literatur Recht CoverSchriftstellernde Juristen gibt es zuhauf. Doch wenn zwei prominente und mit Preisen überhäufte Autoren über den Einfluss ihrer juristischen Ausbildung auf ihr literarisches Werk Auskunft geben, hört man gerne zu. Nachzulesen sind die Schilderungen von Juli Zeh, geboren 1974 in Bonn, und Martin Mosebach, geboren 1951 in Frankfurt am Main, auf einer Tagung namens “Literatur und Recht” in dem vorzüglichen Sammelband “Literatur, Recht, Musik”. Dieser harrte schon geraume Zeit auf dem Schreibtisch des Rezensenten einer Besprechung und erhielt nun endlich die ihm gebührende Aufmerksamkeit, auch wenn die erwähnte Tagung bereits 2005 stattgefunden hat.
Einserjuristin Juli Zeh wollte nach dem zweien Staatsexamen eigentlich Richterin werden, entschied sich aber dann “nach einigen schlaflosen Nächten” dagegen, weil sie sich nicht zutraute, nur nebenher Schriftstellerin zu sein, auf das Schreiben aber keinesfalls verzichten wollte. Seitdem begrenzt sie ihre juristische Tätigkeit auf ihre Dissertation im Völkerrecht, an der sie schon einige Jahre nebenher werkelt. Aktuell hat sie noch eine Verfassungsbeschwerde gegen den biometrischen Reisepass eingelegt. Außer ihren von der Literaturkritik zuletzt eher zwiespältig aufgenommenen Romanen verfasst sie vor allem Essays und mischt sich permanent und streitlustig in politische und sonstige Debatten ein. Ihre Bücher (“Adler und Engel”, “Spieltrieb”, “Schilf”) sind voll mit Bezügen zur Juristerei. Ihr künstlerisches Schaffen, so die Autorin, sähe völlig anders aus, wenn sie dem Recht nicht begegnet wäre: “Ich weiß noch nicht einmal, ob ich überhaupt in der Lage wäre, Romane zu schreiben, wenn ich nicht Jura studiert hätte.” Das Verfassen von Romanen erfordere strukturierte Denkvorgänge, und die juristische Ausbildung habe eine “ganz wertvolle Konstruktionsfähigkeit” in ihrem Denken geschaffen, die ihr dabei helfe, “große Formen und große Texte einfach zu verwalten”.
Martin Mosebach, Büchnerpreisträger von 2007, ist hingegen mit der Rechtswissenschaft nie recht warm geworden. Er habe großen Respekt vor Amtsrichtern oder Rechtsanwälten, die Romane schreiben, doch würde seine Vitalität für beides zugleich nicht hinreichen. Dafür sei das Romanschreiben für ihn zu anstrengend. Doch räumt er für sich “eine gewisse Zähmung und Erziehung durch die Jurisprudenz ein im Bedürfnis, Charaktere wahrscheinlich zu machen”. Er erkenne aber leider erst in großem zeitlichen Abstand, was für interessante Aspekte die Welt des Rechts in sich berge. In seinem umfangreichen literarischen Werk wirft er nur ein einziges Mal einen Blick auf das juristische Milieu, im Roman “Eine lange Nacht” (2000), der Geschichte eines verkrachten Juristen und schöngeistigen Taugenichts.

Hermann Weber (Hrsg.)
Literatur, Recht, Musik. Tagung im Nordkolleg Rendsburg
BWV Berliner Wissenschafts-Verlag 2007
224 Seiten, EUR 40,00
ISBN: 978-3-8305-1339-1

Justament März 2006: Half ihr doch kein Weh und Ach

Gesa Dane untersucht prominente Vergewaltigungsfälle aus der Literatur

Thomas Claer

8 Dr.T.C_Kolumne_GesaDane_Zeter+MordioSchon vielfach – auch und gerade an dieser Stelle – wurde die immer wieder spannungsreiche Wechselbeziehung zwischen Literatur und Recht angesprochen. “Die Gerichtsbarkeit der Bühne fängt an, wo das Gebiet der weltlichen Gesetze sich endigt”, wusste Friedrich Schiller (1759-1805), und Märchenbruder Jacob Grimm (1785-1863) versuchte den Nachweis zu führen, “dasz recht und poesie aus einem bette aufgestanden waren”. Anknüpfend an letzteren und seine Schrift “Über die Notnunft an Frauen” (1841 erschienen in der Zeitschrift für deutsches Recht und deutsche Rechtswissenschaft) unternimmt die Literaturwissenschaftlerin Gesa Dane in ihrer Göttinger Habilitationsschrift eine Zeitreise sowohl durch die Literatur als auch durch die Rechtsgeschichte, die sich dem Tatbestand der Vergewaltigung und seinen zeitabhängigen rechtlichen Deutungen vom 17. Jahrhundert bis in die Gegenwart widmet. Von der Verletzung der Ehre, dann der des Körpers und der sittlichen Ordnung bis hin zu jener der Seele und der sexuellen Selbstbestimmung der Frau illustrierte die jeweilige epochentypische Wahrnehmung dieses Delikts immer auch maßgeblich die gerade angesagten rechtskulturellen Paradigmen. Nach kurzen Ausflügen in die Bibel und die antike Mythologie führt Dane den Leser zu den Klassikern der literarischen Vergewaltigungen: Lessings “Emilia Galotti”, Thomas Hardys “Tess of the d’Urbervilles”, Kleists “Marquise von O…” (der berühmteste Gedankenstrich der Literaturgeschichte) und nicht zuletzt zu Goethes notorisch verharmlostem “Heidenröslein”.
Auf Distanz geht die Verfasserin allerdings zu manchen expliziten Darstellungen ihres Untersuchungsgegenstandes bei verschiedenen Autorinnen der Gegenwart, etwa der Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, und bemängelt hier eine Banalisierung der Vergewaltigung infolge deren inflationären literarischen Gebrauchs. Eingehend beschäftigt sich Dane aber auch mit der dem jeweiligen literarischen Geschehen zugrunde liegenden Gesetzeslage und beleuchtet in einem gesonderten Abschnitt den Vergewaltigungstatbestand von der Carolina bis zum reformierten StGB.
Drei idealtypische Situationen der Vergewaltigung, welche sich unabhängig vom historischen Hintergrund bis heute beobachten lassen, unterscheidet die Autorin: Die gewaltsame sexuelle Befriedigung des Mannes, die Tat zur Schädigung und Erniedrigung des Feindes in Krieg und Bürgerkrieg sowie die Beziehungstat zur Schädigung eines Dritten. Bei letzterer geht es um spezifische Machtkonstellationen und Ehrenkonflikte zwischen Männern, denen Frauen gleichsam als Medium zum Opfer fallen. Wohl mit Blick auf die jüngsten Modifikationen der Gesetzgebung konstatiert Dane, Vergewaltigungen seien in nicht-strafrechtlicher Hinsicht Beziehungstaten, die ein Mann an einer Frau begeht. So lernte man es auch noch bis in die späten Neunziger im Jurastudium an den Universitäten, da Frauen aus biophysikalischen Gründen keine Vergewaltigungen begehen könnten. Der 1998 eingeführte neue § 177 StGB, bei dem die Vergewaltigung nur noch einen besonders schweren Fall (Regelbeispiel) der sexuellen Nötigung darstellt und von Angehörigen beider Geschlechter begehbar ist, trägt wohl, so ist vermuten, auch den vielfältigen Gebrauchsmöglichkeiten des inzwischen weit verbreiteten Medikaments Viagra Rechnung. Vereinzelt soll es seitdem schon Verurteilungen von Vergewaltigerinnen mit männlichen Opfern gegeben haben. Eine entsprechend spezifische Vergewaltigungsliteratur von Männern steht freilich noch aus.

Gesa Dane
“Zeter und Mordio”
Vergewaltigung in Literatur und Recht
Wallstein Verlag
Göttingen 2005, 312 Seiten
€ 32,00
ISBN: 3892448612