Justament April 2009: One Hit Wonder?

Gabriella Cilmi präsentiert ihr bemerkenswertes Debüt

Thomas Claer

26 SCHEIBEN Cover Gabriella Cilmi 411PrBtugNL._SS500_Wie kann man sich eigentlich einen perfekten Popsong vorstellen? Nun, vor allem sollte er absolut rund, in sich geschlossen sein. Eine Ohrwurmmelodie als Refrain ist natürlich ein Muss. Noch besser aber, er enthält auch einen dazu passenden weiteren Ohrwurm als Strophe. Idealerweise gibt es dann noch einen Zwischenteil mit ebenso begeisternder Melodieführung – aber bitte alles wie aus einem Guss! Und um Himmelswillen keine Längen: Keine Note, kein Part des Stückes darf überflüssig sein. Eine solche Reduktion sollte sich allerdings auch in der Instrumentierung, Rhythmisierung und Produktion des Arrangements finden. Und schließlich – ganz entscheidend: die Gesangsstimme: Wenn hier eine Kleinigkeit nicht passt, sie z.B. zu glatt oder zu steril klingt, ist der Song schon ruiniert.
Einen Volltreffer in dieser Hinsicht landete im vergangenen Sommer die damals erst 16-jährige australische Sängerin Gabriella Cilmi mit ihrem internationalen Single-Hit “Sweet About Me”, der auch durch seinen Einsatz als Werbung für ein Kosmetikprodukt nicht entwertet wurde: eine an die amerikanischen Sechziger (Retro-Welle!) erinnernde Soulpop-Nummer, gewürzt mit jazziger Gitarren-, Kontrabass- und Xylophonbegleitung. Vor allem jedoch verfügt das Mädchen von Down Under, das alle Lieder ihres Debüt-Albums zumindest mitgeschrieben und -getextet haben soll, über eine erstaunlich reife Stimme. Wie sie zu dieser in ihrem erst zarten Alter gelangen konnte, wollen wir lieber gar nicht so genau wissen. Es besteht allerdings Grund zur Annahme, dass mit den “Lessons to be learned” im Albumtitel nicht die ihrem Alter entsprechenden Schulaufgaben gemeint sind. Die übrigen Lieder der CD fallen zwar, was nicht verwundern darf, im Vergleich zu “Sweet About Me” etwas ab, lassen aber dennoch hier und da das bemerkenswerte Talent der jungen Künstlerin aufblitzen.
Wer so früh einen kommerziellen Über-Hit landet, hat es bekanntlich später meist doppelt schwer. Schnell ist dann vom “One Hit Wonder” die Rede, das schon bald in Vergessenheit zu geraten droht. Hoffen und wünschen wir, dass Gabriella ihr früher Ruhm nicht in so verhängnisvolle Eskapaden treibt wie die ebenfalls hochbegabte Amy Winehouse – oder wie die, sagen wir, nicht ganz so hochbegabte Britney Spears. Das Urteil lautet: vollbefriedigend (10 Punkte).

Gabriella Cilmi
Lessons to be learned
Island (Universal) 2008
Ca. € 17,-
ASIN: B001A72XKW

Justament April 2009: Gefährlich lebt der, der spekuliert

Anlagestrategien in der Finanz- und Wirtschaftskrise

Thomas Claer

Alles in allem, so befand schon Michel de Montaigne (1532-1592), kostet es mehr Mühe, ein Vermögen zu erhalten, als eines zu erwerben. Ein Lied davon singen können Anleger in aller Welt, deren Wertpapierdepots im zurückliegenden Horrorjahr 2008 auf dramatische Weise zusammengeschmolzen sind (siehe Grafik). Kalt erwischt wurden auch alle jene Kleinsparer, die zwecks Aufbesserung der künftigen eigenen Altersvorsorge ihr sauer Verdientes und mühsam vom Munde Abgespartes in Teilen an der Börse investiert hatten. Nach der Dotcom-Blase zur Jahrtausendwende ließ sich nun schon zum zweiten Mal innerhalb eines Jahrzehnts ein waschechter Crash der Aktienmärkte erleben. Doch allen Verschwörungstheorien zum Trotz, die hier finstere Mächte am Werk sehen, die mit raffinierten Tricks den kleinen Leuten das Geld aus der Tasche ziehen, haben wir es doch tatsächlich nur mit einer fatalen Verkettung individueller und institutioneller Fehler zum einen sowie massenpsychologischer Phänomene zum anderen zu tun. Der Verdacht, dass unser Wirtschaftssystem solche Krisen begünstigt oder gar mit Notwendigkeit hervorbringt, ist zwar alt und keineswegs unbegründet. Doch machte vielleicht gerade das auch die Stärke des modernen Kapitalismus in seiner 200-jährigen Geschichte aus, denn bisher gelang ihm nach jeder Krise – wie Phönix aus der Asche – eine noch glanzvollere Wiederauferstehung. Und bis die Globalisierung den letzten Flecken Erde erreicht hat, wird die Party vermutlich noch nicht zu Ende gehen.

Die Risiken
“Wer in den nächsten zehn Jahren Aktien kauft, muss ein Rad ab haben”, sprach Stern-Kolumnist Hans-Ulrich Jörges auf dem Bundespresseball, das Sektglass in der Hand, ins TV-Berlin-Mikrophon. In der Tat gibt es gute Gründe für eine skeptische Beurteilung der künftigen Performance-Aussichten. Pessimisten rechnen sogar damit, dass sich die derzeitige Rezession zu einer anhaltenden Weltwirtschaftskrise wie in den 1930er Jahren entwickeln könnte. Damals wurden die alten Höchststände von 1929 schließlich auch erst 1955 wieder  erreicht. (In Deutschland gab es ein ähnliches Szenario schon nach 1873 mit dem großen “Gründerkrach”.) Manche Ökonomen sehen mit den aktuellen Exzessen der Finanzkrise bereits den Zyklus des Neoliberalismus zu Ende gehen, der Anfang der achtziger Jahre mit Maggie Thatcher und Ronald Reagan begonnen hatte. Zunehmende staatliche Interventionen könnten dauerhaft die Unternehmensgewinne drücken und dadurch auch Aktionären die Freude an ihren Investments vergällen. Und niemand vermag mit letzter Sicherheit zu sagen, ob eine Aktie hoch oder niedrig bewertet ist. Denn nicht immer verwandelt die Zeit die Verluste in Gewinne: Wer sich vor zehn Jahren am Neuen Markt oder bei der Deutschen Telekom engagierte oder vor knapp dreißig Jahren in Japan, wird mutmaßlich noch für alle Ewigkeit auf Verlusten sitzen. Ein ähnliches Schicksal droht nun möglicherweise auch jenen, die vor anderthalb Jahren Bank- oder Automobilaktien erwarben.

Die Chancen
Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Ein Blick in die Historie zeigt, dass Vermögen vielfach in der Krise gemacht wurden. Investment-Legende Warren Buffett, zur Zeit der reichste Mann der Welt neben Bill Gates, schrieb schon im letzten November in einer Kolumne für die Washington Post: “Kauft Aktien, Leute! Wann, wenn nicht jetzt?” Sein Motto war stets: “Sei vorsichtig, wenn alle gierig sind, aber sei gierig, wenn alle Angst haben!” Zwar habe er keine Ahnung, wie die Kurse in einem oder zwei Jahren stünden, doch wisse er, dass Aktien derzeit einfach sehr billig seien. Er gilt als Fundamentalanalytiker und bewertet die Unternehmensanteile aufgrund von Kennziffern wie Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV), Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV), Verschuldungsgrad des Unternehmens und Dividenden-Rendite. Wer diesem Ansatz folgt, muss derzeit verwundert feststellen, dass gemäß Bloomberg global betrachtet über 2000 Unternehmen im Börsenwert unter den Barmitteln der jeweiligen Gesellschaft liegen. “Das ist der achtfache Wert wie gegen Ende des letzten Bärenmarktes im Jahre 2002”, staunt auch der Frankfurter Börsenbrief und ergänzt: “Bei den Gesellschaften aus dem MSCI World Index wurde per Ende November jeder Dollar Nettovermögen nur mit 1,17 Dollar Börsenwert bezahlt. Seit mindestens 1995 gab es nie einen niedrigeren Bewertungsstand. Bei etwa vier von 10 Werten sind die liquiden Mittel größer als der Börsenwert und die Schulden zusammengerechnet.”
Ein unter Wirtschaftswissenschaftlern hochgeschätzter Indikator ergibt sich ferner aus der KGV 10-Methode. Sie berücksichtigt nicht die weit verbreiteten KGV-Schätzungen auf der unsicheren Basis künftiger Unternehmensgewinne, sondern misst für ein Unternehmen (oder für ganze Indizes) das durchschnittliche KGV der vergangenen 10 Jahre aufgrund der aktuellen Börsenbewertung und der in diesem Zeitraum tatsächlich erzielten Nettogewinne der Unternehmen (näheres unter http://www.antizyklisch-investieren.de). Demnach müsste der DAX derzeit entsprechend seiner langjährigen Durchschnittsbewertung bei ca. 6300 Punkten stehen. Zum Jahreswechsel notierte er aber bei nur 4800 Punkten (und Anfang März  sogar nur noch bei 3600), was eine signifikante Unterbewertung anzeigt – oder aber die Einpreisung einer langjährigen Weltwirtschaftskrise!
Zumindest in der vergleichsweise jungen bundesrepublikanischen Wirtschaftsgeschichte  waren aber Rezessionsjahre besonders gute Börsenjahre: Im Verlauf von 1967 stieg der DAX um 49%, 1975 um 40%, 1982 um 14%, 1993 um 47% und 2003 um 37%. Zuvor waren die Kurse – genau wie jetzt – jeweils in Erwartung der Rezession empfindlich eingebrochen.

Grafik:

FTSE (England)                             -31 %
Dow Jones (USA)                          -34 %
Kospi (Südkorea)                           -38 %
DAX (Deutschland)                         -40 %
Bovespa (Brasilien)                       -41 %
Nikkei (Japan)                                -42 %
Hang Seng (Hongkong)                  -48 %
Sensex (Indien)                               -52%
ATX (Österreich)                            -60 %
Shanghai Composite (China)          -65 %
RTS (Russland)                               -72 %

Wertentwicklung wichtiger internationales Indizes 2008 (Quelle: Süddeutsche Zeitung)

Justament Dez. 2008: UFOs über Bielefeld

Best of Jurastudium, Teil 5

Thomas Claer

25 DRUM HERUM TC Ufos über Bielefeld

Der Autor, im Kampf mit der Olive (Foto: privat)

Es gibt im Menschenleben Augenblicke, in denen entscheidet sich das eigene Schicksal. Jetzt umkehren oder doch den eingeschlagenen Weg fortsetzen? Lieber ein Ende mit Schrecken oder besser Augen zu und durch? Diese Fragen stellen sich dann – und niemand nimmt sie einem ab.

Der Tiefpunkt
Es muss wohl im vierten oder fünften Semester gewesen sein und war der Tiefpunkt meiner juristischen Karriere. Niemals hätte ich geglaubt, durch eine Hausarbeit fallen zu können. Eine gewisse Rest-Arroganz aus gymnasialen Tagen hatte sich bei mir noch erhalten. Wer nicht ganz blöd ist und vernünftig arbeitet, der muss es doch irgendwie schaffen, nicht zu den dreißig oder vierzig Prozent Losern zu gehören, dachte ich, zumal es bei den kleinen Scheinen ja auch irgendwie geklappt hatte. Aber weit gefehlt! Diesmal waren es nicht einmal 15 Prozent der insgesamt vielleicht fünfhundert Teilnehmer, die das Klassenziel nicht erreicht hatten, und unter meiner großen Hausarbeit im Zivilrecht stand: mangelhaft (2 Punkte). Was es noch schlimmer machte: Ich hatte viereinhalb Wochen lang wirklich mein Bestes gegeben. Da tröstete es wenig, dass zwei Kommilitonen aus meiner Lerngruppe, in der wir uns nach langer Diskussion auf einen gemeinsamen Lösungsweg geeinigt hatten, das gleiche Schicksal ereilt hatte. Genau genommen waren es jene beiden, die wie ich zur ersten Hälfte der zweigeteilten Übung (Nachnamens-Buchstaben A-K) gehörten. Die beiden anderen Mitstreiter, die unter L-Z fielen, lagen mit jeweils 5 Punkten über dem Strich. Ich glaubte zuerst an ein Missverständnis, was sich doch sicherlich noch irgendwie aufklären lassen würde. In der Fallbesprechung vor Rückgabe der Arbeiten hatten wir doch alle mit großer Befriedigung festgestellt, im Ergebnis exakt die Musterlösung des Falles getroffen zu haben. Doch stand unter meiner Arbeit (wie unter denen meiner Leidensgenossen) etwas von schwerwiegenden Mängeln im Aufbau. Tatsächlich, die Punkte drei und vier der Prüfung des entscheidenden Anspruchs – es war irgendwas mit einer Hypothek – hatten wir andersherum bearbeitet, als es in der offiziellen Musterlösung stand. Aber unser Prüfungsschema hatten wir uns doch nicht ausgedacht, sondern auch nur irgendwo angelesen! Noch am selben Abend schrieb ich, wie meine zwei unglücklichen Mitstreiter, ein ausführlich begründetes Bittgesuch an den Dozenten, der für die Buchstaben A-K verantwortlich war. Mit dieser Methode hatte ich früher bei einer “kleinen” BGB-Klausur schon einmal Erfolg gehabt. Doch nach einer Woche kam das niederschmetternde Ergebnis: Es bleibe dabei wegen schwerer Mängel im Aufbau. Unsere Prüfung sei unlogisch. Fand ich nicht, aber das half ja nun auch nicht mehr.

Die Zweifel
Bevor ich mir den neuen Sachverhalt für die Wiederholer abholte, kamen mir sehr grundsätzliche Zweifel, ob ich mir das überhaupt noch antun sollte. Ich war auch einfach wütend. Was ist das für eine merkwürdige Wissenschaft, fragte ich mich, für die man wegen einer blöden Abweichung vom Schema F mehrere Wochen umsonst gearbeitet hat? Damals kam es mir noch nicht in den Sinn, dass es sich bei der juristischen Ausbildung auch um ein mentales Training handeln könnte, um die Vermittlung von Härte im Nehmen, von Steher- und Wiederaufsteher-Qualitäten. Das Jurastudium, so sehe ich es heute, lehrt einen, die Kontingenz und Absurdität der Welt zu ertragen. Wer sich von solchen Dingen (die wohl jeder Jurist in ähnlicher oder schlimmerer Form schon erlebt haben wird) nicht entmutigen lässt, wer da durchkommt, den wirft so schnell nichts mehr um. Dass aber das Studium der Rechte, wie böse Zungen sagen, den Charakter verdirbt, dass es egoistisch und verschlagen mache, wer wollte da widersprechen? Schon weil niemals alle bestehen können und es immer Lerngruppen gibt, die anderen deshalb wichtige Informationen vorenthalten und die entscheidenden Bücher in der Bibliothek verstecken oder wichtige Seiten herausreißen. Und dann werden die jeweils hübschesten Mädchen zum Spionieren in die anderen Gruppen geschickt. Perfide! Zum Intriganten wird man im Jurastudium also auch ausgebildet.

Schade um die schönen Scheine
Ich glaube, ich fand es letztlich nur schade und verschwenderisch, meine bereits erworbenen Scheine einfach verfallen zu lassen. Viele andere Semester-Kollegen, mit denen wir das Studium begonnen hatten, waren schließlich schon auf der Strecke geblieben. Nur deshalb machte ich wohl damals überhaupt noch weiter.
Die Nachschreibe-Arbeit schrieben wir also zu dritt, parallel zu den regulären Lehrveranstaltungen. Verbunden mit dem ständigen Gedanken, sich keinen weiteren Fehltritt mehr erlauben zu können, brachte mich das am Abend vor dem Abgabetermin in einen Zustand völliger Erschöpfung. Und auf dem Weg von der Bibliothek ins Wohnheim, es war ein Uhr nachts (In Bielefeld sind die Öffnungszeiten vorbildlich extensiv!), da bemerkte ich am Himmel drei kleine Lichtpunkte, die sich in Zickzacklinien bewegten. War es eine Sinnestäuschung infolge der Überanstrengung oder eher eine Spätfolge meiner ausgiebigen Lektüre der Bücher des Erich von Däniken in Teenagertagen? Ich weiß es bis heute nicht mit Bestimmtheit zu sagen. Schnell ging ich ins Wohnheim und schlief sofort ein. In der Hausarbeit bekam ich 10 Punkte. Es gibt eben Dinge zwischen Himmel und Erde, die gibt’s gar nicht.

www.justament.de, 30.3.2009: Es muss auch mal gut sein

Phantom Ghost auf ihrem zwiespältigen vierten Album

Thomas Claer

Cover PhantomIrgendwann in den Neunzigern kam das auf: Eine Reihe mehr oder weniger etablierter Bands wollte mal was ganz Anderes machen und dabei auch noch ihr gesamtes Umfeld samt Fangemeinde verstören, wenn nicht gar schockieren. Dabei muss das Verstörendste, der schlimmste auslösbare Schock für jede Band, die etwas auf sich hält, immer der Flirt mit dem Seichten, der Oberfläche sein. Was hier aber noch Ironie und was schon blinde Adaption des hohlen Pathos ist, das hält man bewusst in der Schwebe. Solche Platten hießen dann „Hauptsache Musik“ oder „Old Nobody“.
Begreiflich ist es schon, wenn eine erfolgreiche Band mit großer Fangemeinde so etwas tut. Denn die Verzückung der Anhängerschar über jedes noch so ausgefallene Werk ihrer Lieblinge braucht manchmal auch ungewöhnliche Nahrung. Die Protagonisten zeigen damit schließlich auch, dass sie sich nicht auf die ewig gleiche Rolle festlegen lassen wollen.
Aber: Man muss es in aller Deutlichkeit sagen: Es muss dann auch irgendwann mal gut sein. Und wenn ein Nebenprojekt, um dass sich niemand kümmern würde, gebe es das überaus erfolgreiche Hauptprojekt nicht, wenn also das elektronische Freakprojekt „Phantom Ghost“ des Tocotronic-Sängers Dirk von Lowtzow und des Keyboarders Thies Mynther, von dem ohne den Erfolg von „Tocotronic“ keiner Notiz genommen hätte, nun auf seinem vierten Album plötzlich auf Nur-Stimme-und-Klavier-mit-Operetten-und-Musicalsongs macht, dann ist die Grenze des Erträglichen, sagen wir, zumindest über weite Strecken, überschritten.
Es ist, das ist einzuräumen, nicht alles schlecht auf der CD. Das stimmliche Zusammenwirken Dirk von Lowtzows mit der Berliner Künstlerin Michaela Meise in einigen Stücken kann schon eine gewisse Attraktivität entfalten. Und das eine oder andere Lied lässt sich auch durchaus hören. Doch verlieren sich so viele andere eben leider in Albernheiten und Belanglosigkeiten. Missraten ist die im Ansatz ambitionierte Literaturvertonung “The Process (after Brion Gysin)“. Hier haben die heute leider fast vergessenen „Kastrierten Philosophen“ in den Neunzigern weit Besseres geleistet. Und auch das Stück „Meshes of the Afternoon“, wohl vom gleichnamigen surrealistischen Film inspiriert, kann nur enttäuschen.
“Thrown Out Of Drama School” ist daher wohl nur etwas für alle jene Hardcore-Tocotronic-Fans, die um keinen Preis der Welt einen Ton ihres Dirk von Lowtzow versäumen möchten. Das Urteil lautet: ausreichend (6 Punkte).

Phantom Ghost
Thrown Out Of Drama School
Dial (rough trade) 2009
Ca. € 17,-
ASIN: B00260YMXS

www.justament.de, 23.3.2009: Mensch bleiben!

Nietzsche ist ein verkannter Rechtsphilosoph, findet Jens Petersen

Thomas Claer

Cover NietzscheWie der Leibhaftige persönlich muss uns guten, anständigen Juristen der Philosoph Friedrich Nietzsche (1844-1900) vorkommen. Denn nahezu alles, was uns lieb und teuer ist, wozu man uns jahrelang – gleichsam mit Zuckerbrot und Peitsche – erzogen hat, wurde von diesem Denker aufs Entschiedenste abgelehnt: Nietzsche befürwortete ausdrücklich eine Rangordnung und Ungleichheit der Menschen vor dem Gesetz, der Staat war für ihn „das kälteste aller kalten Ungeheuer“ und eine „organisierte Unmoralität“, staatliches Strafen war in seinen Augen nichts Anderes als Rache und jede Strafzumessung willkürlich. Hinzu kommt seine Auffassung, dass „es kein Recht gibt, das nicht in seinem Fundamente Anmaßung, Usurpation, Gewalttat ist“. Und schließlich beruhten alle Systeme, ob die seiner philosophischen Kollegen Kant und Hegel oder das der Rechtsdogmatik, auf einem „Mangel an Rechtschaffenheit“.

Es verwundert nicht, dass Rechtsgelehrte die längste Zeit einen großen Bogen um diesen Philosophen machten, zumal der sich aufgrund seiner unsystematischen und aphoristischen Darstellungsweise auch jeder geordneten Untersuchung zu entziehen schien. Doch spätestens seit den Wendejahren vor zwei Jahrzehnten gilt der einst von den Nazis instrumentalisierte Nietzsche als nicht mehr allzu sehr politisch anrüchig und wird inzwischen weltweit als der große Theoretiker und Prophet der Moderne („Gott ist tot!“) geschätzt und verehrt. So kam es, dass sich ihm eines Tages auch die Juristen nicht mehr länger verweigern konnten. Mit besonderer Gründlichkeit hat sich nun Jens Petersen, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Historischen Institut in Rom, des Themas angenommen und aus Nietzsches umfangreichem Gesamtwerk so ziemlich alles zusammengetragen, was sich im juristischen Kontext verwerten lässt. Und siehe da: Die Gedanken des Systemverweigerers Nietzsche zu Recht und Gerechtigkeit erweisen sich als erstaunlich systematisch. Vor allem aber setzt der Verfasser viel daran, Nietzsche als Rechtsphilosophen zu etablieren, der bei aller ätzenden Kritik am Bestehenden durchaus eine konstruktive Vorstellung von Gerechtigkeit hatte. Die entscheidende Passage aus „Menschliches; Allzumenschliches“ lautet: „Es gibt freilich auch eine ganz andere Gattung der Genialität: die der Gerechtigkeit … Ihre Art ist es, mit herzlichem Unwillen allem aus dem Weg zu gehen, was das Urteil über die Dinge blendet und verwirrt; sie ist folglich eine Gegnerin der Überzeugungen, denn sie will jedem, sei es ein Belebtes oder Totes, Wirkliches oder Gedachtes, das Seine geben – und dazu muss sie es rein erkennen; sie stellt daher jedes Ding in das beste Licht und geht um dasselbe mit sorgsamem Auge herum.“ Das ist zwar, wie auch der Verfasser erkennt, „keine auf das Recht selbst bezogene inhaltliche Idee der Gerechtigkeit“, aber doch eine „Erscheinungsform juristischer Urteilskraft“. Letztere wiederum hält Nietzsche für ganz entscheidend, denn „die schrecklichsten Leiden sind gerade aus dem Gerechtigkeitstriebe ohne Urteilskraft über die Menschen gekommen“. Doch dürfe andererseits, so Nietzsche, der Gerechte kein „kalter Dämon der Erkenntnis“ sein, der eine „eisige Atmosphäre einer übermenschlich, schrecklichen Autorität“ ausbreite. Erst dadurch, dass er „ein Mensch ist, … stellt ihn dies alles in eine einsame Höhe hin, als das ehrwürdigste Exemplar der Gattung Mensch“. Ganz Ähnliches verlangte einst auch Adolf Tegtmeier (Jürgen von Manger) als Schwiegermuttermörder von seinem Richter: „Man muss doch irgendwie, äh, Mensch bleiben, näch?“

Jens Petersen

Nietzsches Genialität der Gerechtigkeit

De Gruyter Recht, Berlin 2008

251 Seiten, EUR 48,00

ISBN 978-3-89949-473-0

Justament Dez. 2008: Action, Blut, Dramatik

Recht cineastisch, Teil 1: Der Baader Meinhof Komplex

Thomas Claer

24 DRUM HERUM Baader Meinhof Grafik.svgDieser Film ist ein Erlebnis, wenn auch ein beklemmendes. Die Befürchtung, hier werde etwas zwecks Kommerzialisierung ins Hollywoodeske überführt, ist jedenfalls gänzlich unbegründet. Das wäre auch gar nicht nötig gewesen, denn der zugrunde liegende reale Stoff sorgt bereits für genug Action, Blut und Dramatik. So ist der “Baader Meinhof Komplex” fast ein Dokumentarfilm geworden – nur eben besetzt mit hochkarätigen Schauspielern, die ihre Rollen wirklich glänzend spielen. Martina Gedeck gibt eine sehr berührende Ulrike Meinhof, Moritz Bleibtreu – vermutlich in seiner ersten Macho-Rolle – spielt einen erschreckend primitiven und dabei irgendwo doch charismatischen Andreas Baader. Der Film zeigt die Geschichte der Roten Armee Fraktion von ihren Wurzeln in der Studentenbewegung und dem Tod Benno Ohnesorgs im Sommer 1967 bis zum Tod der Top-Terroristen in Stammheim in den späten Siebzigern.
Ist der mitunter erhobene Vorwurf eines versteckten Sympathisantentums mit den Terroristen berechtigt? Ich jedenfalls konnte davon nichts erkennen. Die politischen Motive der Protagonisten erscheinen im Film wirrer und abstruser denn je. Hier haben vielmehr labile Charaktere ihre psychischen Probleme auf die Gesellschaft projiziert. Nur reichlich euphemistisch kann von einem fehlgeleiteten Idealismus die Rede sein. Das muss die Empathie des Zuschauers gegenüber diesen Leuten aber noch nicht vermindern. Etwas Anderes ist allerdings der damit verbundene Revolutions-Chic. Der wird durch die Gewaltexzesse nur noch verstärkt. Es wirkt natürlich schon irgendwie cool, wie die jungen Wilden mit Pistolen in der Hand durch die Stadt fahren und um sich knallen – ohne schlechtes Gewissen, weil im Dienste der Weltrevolution. Das weckt vermutlich, ganz ohne dass die Filmemacher es beabsichtigt haben müssen, bei Manchem den großen Traum vom Abenteuer. Es wäre scheinheilig, dies anzuprangern. Das Leben und die Kunst bestehen nicht nur aus politischer Korrektheit.

Der Bader Meinhof Komplex
Deutschland 2008
Regie: Uli Edel, Drehbuch: Bernd Eichinger
150 Minuten
FSK 12

Justament Dez. 2008: Madame zum Dritten

Carla Bruni auf ihrer gelungenen CD “Comme Si de Rien N’Etait”

Thomas Claer

16 SCHEIBEN Cover Carla BruniAls an dieser Stelle Carla Brunis zweite CD “No Promises” von 2006 besprochen wurde, konnte noch niemand ahnen, dass hier die künftige französische “premier madame” ihre Aufwartung machte. Mit der Unbefangenheit im Urteil ist es nun also vorbei. Man muss der medialen Betrachtung der Künstlerin als “absolut unmögliche Person” (Claus Koch) eingedenk sein, die angeblich “dünne Liedchen” (Alex Rühle) bei “Wetten, dass …” trällert. Und schließlich gibt die Bruni auch durch ihre in zahlreichen Interviews vorgeführte Laszivität und entsprechende Songtexte (von ihren 30 Liebhabern ist in “Je suis une enfant” die Rede) genug Anlass zur Skepsis. Ferner mag man das Coverfoto der CD, auf dem sie in damenhaftem Kostüm vor einem See stolziert, für diesmal wenig gelungen halten. Doch allen Unkenrufen zum Trotz muss klipp und klar gesagt werden: Auch das neue Album ist grandios! Und das verdient umso größere Beachtung, als hier unter äußerst erschwerten Bedingungen gearbeitet wurde. Wenn es stimmt, dass Carla ihren Gatten mitunter nachts weckt, um ihm die ihr gerade zugeflogenen neuen Melodien vorzuspielen, und der Präsident hierüber keineswegs erbost ist, sondern stets sehr angetan, dann ist Monsieur Sarkozy als ein wirklich ganz besonderer Förderer der Kunst zu würdigen…
“Comme Si de Rien N’Etait” (dt: “Als ob gar nichts geschehen wäre”) knüpft nach den Ausflügen der englischsprachigen Vorgänger-CD in Country- und Rockgefilde wieder an den Chanson-Stil des Erstlings “Quelqu’un M’a Dit” an, bereichert diesen aber durch allerhand Violinen-, Cello-, Flöten- und Keyboard-Klänge. Wenn auch der Zauber des kargen Debüts nicht ganz erreicht wird, überproduziert wirkt das Werk trotz dieser Opulenz keinesfalls, vielmehr durchweg sehr dezent und stimmig arrangiert. Carla Bruni stellt sich so in die Tradition der großen Chansonnieren Édith Piaf und Juliet Gréco, wobei ihre zarte und deutlich weniger voluminöse Stimme den Liedern nicht abträglich ist, sondern ihnen sogar einen besonderen Charme verleiht. So ganz aus dem Hut gezaubert ist das wunderbare Songwriting der Vierzigjährigen allerdings nicht: Sie genoss eine klassische musikalische Ausbildung und ihre Mutter war Konzertpianistin. Das Gesamturteil lautet: voll befriedigend (12 Punkte).

Carla Bruni
Comme Si de Rien N’Etait
Ministry O (edel) 2008
Ca. EUR 17,00
ASIN: B001AY2P26

Justament Dez. 2008: (K)ein alter Hut

Udo Lindenbergs starkes Comeback

Thomas Claer

15 SCHEIBEN Cover udo_lindenbergEr war schon einer von gestern. Udo Lindenberg, der große Pionier der deutschsprachigen Rockmusik, drohte allmählich zur traurigen Figur zu werden. Bei YouTube fand man von ihm fast nur Parodien (darunter aber eine umwerfend komische von Helge Schneider). Ohne Plattenvertrag, nur mit Gastauftritten in den Musikvideos der jüngeren Kollegen, die ihn immerhin noch unermüdlich weiter verehrten, schlug er sich seit der Jahrhundertwende irgendwie durch. Bis endlich ein findiger Produzent, ein “Johnny Controlletti”, so hätte Udo früher gesagt, in diesem Frühjahr den alten Lindenberg neu erfand und mit ihm ein Album einspielte, das stärker geworden ist als fast alles von Udo seit den Siebzigern. Unglaublich frisch, ja regelrecht mitreißend klingt “Stark wie zwei”. Und Udos junge Freunde mischen auf der Platte so munter mit, dass es eine Freude ist: Jan Delay näselt mit Udo in “Ganz anders” um die Wette, Goldkehlchen Stefanie Kloß von “Silbermond” schmettert mit ihm in “Der Deal” ein grandioses Duett. Und sogar der allerdings auch nicht mehr ganz taufrische Helge Schneider hat maßgeblich am witzigen “Chubby Checker” mitgewirkt. Doch hätte auch diese hochkarätige Präsenz verpuffen müssen ohne den wahrhaft fulminanten Qualitätssprung im Songwriting des Zweiundsechzigjährigen. Man kann es natürlich auch so erklären, dass hier eben einfach die besten Ideen aus acht Jahren Eingang gefunden haben. Doch schließlich erreicht die Platte auch textlich ungeahnte Höhen: “Auch der härteste Scheiß/ geht irgendwann/ wieder vorbei”. Auf  diese glänzende Metapher wäre zweifellos sogar ein Bertolt Brecht stolz gewesen. Klar, man könnte es auch anders sagen, z.B.: “Immer, immer wieder geht die Sonne auf”. Das ist vom anderen Udo und auch nicht schlecht. Aber die Lindenbergische “Scheiß”-Metapher hat den Vorzug der einfach noch viel pointierteren Evidenz. Und alles andere, so heißt es auch auf der CD, “geht uns am Arsch vorbei”. Im übrigen groovt die Scheibe von vorne bis hinten. Oder sagen wir: fast bis hinten. Die letzten vier Lieder fallen etwas ab. Hätte man die nicht einfach weglassen können? Aber das ist wieder die alte Diskussion, ob einem lieber Masse oder Klasse auf den Tonträgern geboten werden sollte. Klasse hat diese CD jedenfalls allemal. Das Gesamturteil lautet: voll befriedigend (12 Punkte).

Udo Lindenberg
Stark wie zwei
Starwatch (Warner) 2008
Ca. EUR 17,00
ASIN: B0014ZFMEE

Justament Dez. 2008: Alles ist flüchtig

Montaignes Essais für kurz Angebundene nebst Reisetagebüchern

Thomas Claer

Cover MontaigneDa hatte einer – ein Jurist – mit Ende dreißig schon genug vom Lärm der Welt, hängte nach dem Tode seines Vaters den ungeliebten Job als “Parlementsrat” in Bordeaux an den Nagel, zog sich, ausgestattet mit einem auskömmlichen Erbe, zurück in sein Schloss in der Dordogne, legte dort im Turmzimmer eine für damalige Verhältnisse sehr umfangreiche Bibliothek an, las und las und begann schließlich zu schreiben – was und worüber er wollte, über alles und nichts, aber immer zugleich auch über sich selbst. Diese Versuche, die “Essais”, deren erste beiden Bände zehn Jahre später, im Jahre 1580, erschienen, markierten, so sehen es heute viele, den Beginn der modernen Subjektivität. Ohne wissenschaftliche Systematik vorgehend, nur durch Intuition, Reflexion und Verstand stieß Michel de Montaigne (1533-1592) auf Erkenntnisse über die menschliche Seele, die seiner Zeit weit voraus waren: Unser Selbst ist keine feste Größe, sondern von flüchtiger, widersprüchlicher Natur. Widersprüchlich sind auch unsere Ansichten aller Dinge, je nachdem, von welcher Seite wir sie betrachten. Und ob wir etwas als Wohltat oder Übel empfinden, wird nicht von den Dingen selbst, sondern von unserer Einstellung zu ihnen bestimmt. Bei Montaigne mischt sich radikale Skepsis mit Stoizismus als Lebenshaltung und darüber hinaus ganz ausdrücklich mit einer Bejahung aller Sinnesfreuden. Vollkommen unideologisch, gänzlich frei von Rechthaberei, wenn auch mit Freude am Disput und an der Polemik, tritt er uns als freier Geist entgegen, nicht immer ganz frei von Eitelkeit, doch immer mit augenzwinkerndem Understatement.
Die Essais wurden nach ihrer Publikation ein überraschender Erfolg, das heißt, es gab viel Lob aus belesenen Kreisen – Bestseller im heutigen Sinne kannte man damals noch nicht. Ihr Autor genoss fortan ein solches Renommee, dass nicht einmal die katholische Kirche es wagte, seine Schriften auf den Index zu setzen. (Das tat sie erst hundert Jahre später). Montaigne ließ sich daraufhin zu einem fulminanten beruflichen Comeback als Bürgermeister von Bordeaux (1582-1585) überreden. Wiederholt vermittelte er in seinen letzten Lebensjahren als “Elder Statesman” zwischen den Streitparteien der Religionskriege seiner Zeit. Sein Terminkalender erlaubte ihm gerade noch die Veröffentlichung eines dritten Bandes seiner Essais (1588).
“Dass ein solcher Mann wie Montaigne geschrieben hat, dadurch ist die Lust, auf dieser Erde zu leben, vermehrt worden”. Also sprach Friedrich Nietzsche (1844-1900) – und wie er wurden zahlreiche andere vom Begründer der Essayistik beeinflusst. Anziehend machte Montaigne aber nicht zuletzt auch die implizite Unterweisung seiner Leser in Fragen der Lebenstechnik, was ihn – leider – auch zum Vorläufer der Ratgeberliteratur unserer Tage  à la “Sorge dich nicht, lebe!” macht. Auf einen solchen Markt scheint der hier besprochene Auswahlband ein wenig zu schielen, wie schon der Titel “Von der Kunst, das Leben zu lieben” ahnen lässt. Selbst das Vorwort des verdienstvollen Übersetzers Hans Stilett ist nicht ganz frei von solcher Tendenz. Dennoch werden all jene, die vielleicht dreihundert Seiten, aber nicht über eintausendsiebenhundert Seiten Essais bewältigen können, weil ihre Lebensumstände ihnen mehr nicht gestatten, kaum um eine solche Kurzfassung herumkommen. Es sei hier versichert, dass es sich lohnt. Cover Montaigne TagebuchGleichermaßen lohnt sich das “Tagebuch einer Reise durch Italien, die Schweiz und Deutschland in den Jahren 1580 und 1581”, die Montaigne als Individualreisender auf dem Pferde unternahm. Besonders lobend äußert er sich darin über die rustikale (süd-)deutsche Küche, wo im Gasthaus alle aus einem gemeinsamen Topf deftige Reissuppe löffeln. Allerdings versteht es sich, dass Montigne nicht wirklich allein, sondern stets “mit seinem Gefolge” unterwegs war. Für einen Edelmann dieser Zeit waren ein paar Diener eben unterster Standard.

Michel de Montaigne
Von der Kunst, das Leben zu lieben
Deutscher Taschenbuch Verlag München 2007
300 Seiten, EUR 9,50
ISBN 978-3-423-13618-1

Michel de Montaigne
Tagebuch einer Reise durch Italien, die Schweiz und Deutschland in den Jahren 1580 und 1581
Insel Verlag Frankfurt am Main 1988
366 Seiten, EUR 10,00
ISBN 3-458-32774-6

Justament Dez. 2008: Juristen als Komiker

Thomas Claer

Cover AhrensHier ist im alten Jahr noch etwas abzuarbeiten. So einiges hat sich angehäuft auf dem Schreibtisch des Rezensenten in Sachen Juristerei und Humor.
Zunächst ist da die Audio-CD “Humoristisches aus der Justiz”, auf der kuriose Gerichtsurteile von Schauspielern in eine Hörspielfassung gebracht werden. Jeweils wird erst der Fall, dann die Gerichtsverhandlung teilweise nachgespielt. Viele deutsche Dialekte sind da zu vernehmen, und allerhand Hintergrundgeräusche sollen für Alltagsnähe sorgen. All das wirkt reichlich bemüht. Die eigentliche Komik, die zumeist in der trockenen, nicht selten unfreiwillig lächerlichen Juristensprache und in deren Kontrast zum blühenden Leben liegt, wird durch diese Form der Darbietung regelmäßig unterlaufen.
Schon eher funktionieren da Sammlungen Juristischer Stilblüten in Buchform wie die
des Göttinger Oberstaatsanwalts Wilfried Ahrens. Nur legt er mittlerweile schon deren vierte in wenigen Jahren vor, so dass gewisse Abnutzungserscheinungen im bewährten Schema nicht zu übersehen sind. Immer mehr eher belanglose missverständliche Formulierungen haben ins Buch gefunden, z.B. wenn die Polizei über einen Bericht schreibt: “Schwerer Diebstahl aus Wohnung von einem Zwergkaninchen”. Darüber, dass hier rein sprachlich auch das Kaninchen als Täter in Betracht käme oder aber die Entwendung von Kaninchenutensilien als schwerer Diebstahl gewertet würde, wird bestenfalls noch ein achtjähriges Kind lachen können. Und so geht es leider über viele Seiten weiter. Nur gelegentlich findet sich ein Highlight wie dieses: “Herr Bechert lehnte einen Alcotest ab mit dem Hinweis, dass dieser das Gerät sprengen würde.”
cover heinischSchließlich soll an dieser Stelle auf einen nur noch antiquarisch erhältlichen Justiz-Comic aus dem Jahre 1998 hingewiesen werden, der illusionslos die ersten Schritte eines jungen Berufsanfängers auf dem Anwaltsmarkt begleitet. Vor allem geht es hier um brisante Fälle aus dem Straßenverkehrsrecht, die den Helden in allerhand Turbulenzen stürzen. Wer sich über Juristisches amüsieren will, kommt mit “Wenzel & Sohn: 3 * abgeschleppt” vielleicht am ehesten auf seine Kosten.

NJW Audio-CD
Humoristisches aus der Justiz
Verlag C.H. Beck München 2007
EUR 17,60
ISBN-10: 3406572332

Wilfried Ahrens
Der Polizist rettet sich durch einen Seitensprung. Neue juristische Stilblüten
Verlag C.H. Beck München 2008
156 Seiten
EUR 8,95
ISBN-10: 3406568122

Philipp Heinisch & Michael Schmuck
Wenzel & Sohn, Kanzlei für heikle Fälle: 3*abgeschleppt (Justiz-Comic)
Verlag Reno Service Berlin 1998
48 Seiten
ISBN 3-9806339-7-7
(vergriffen)