Justament Okt. 2008: Versicherungs-Reformer als Kunstsammler

Otto Gerstenberg erfand 1892 die Lebensversicherung als Volksversicherung in Deutschland – und wurde dadurch reich

Thomas Claer

02 TITEL TC Gerstenberg 28.9.08 003

Die Sammlung Scharf-Gerstenberg in Berlin-Charlottenburg (Foto: TC)

Der Mensch, könnte man sagen, ist erst da ganz Mensch, wo er sammelt. Da, wo er zuerst  mühsam und geduldig Jagd auf etwas macht, das er dann mit Ähnlichem zuvor Erworbenen zusammenstellt, -legt oder -hängt, und da, wo er schließlich von einem Glücksgefühl durchströmt wird, wenn er es im eigens geschaffenen neuen Zusammenhang betrachtet. Vieles Verschiedene sammeln die Menschen, doch die Königsdisziplin des Sammelns, die einzige, der wohl jeder aufgeklärte Mensch uneingeschränkte Bewunderung entgegenbringt, ist fraglos das Kunstsammeln. Der Haken dabei ist nur, dass diese Leidenschaft nicht jedem offensteht, da zumindest die erstrangigen Objekte schnell Preise erreichen, die ein breites Publikum naturgemäß schnell vom Markt ausschließen. Der Kunstsammler benötigt also eine Gelderwerbsquelle, die über das gewöhnliche Einkommen aus einer sozialadäquaten Erwerbsarbeit weit hinausreicht. Und zudem müssen ihm auch noch genug kostbare Lebenszeit und Ruhe verbleiben, damit er sich seinen Kunstobjekten mit der ihnen gebührenden Aufmerksamkeit widmen kann.

Mathematikgenie Gerstenberg
Vollständig geglückt ist dieses ambitionierte Unterfangen dem deutschen Unternehmer und Kunstsammler Otto Gerstenberg (1848-1935), der ganz nebenbei mit seinen innovativen Ideen maßgeblich die deutsche Versicherungswirtschaft geprägt hat. Geboren im pommerschen Pyritz (heute Pyrzyce/ Polen) als Sohn eines Musikers oder Schuhmachers – so genau weiß das heute keiner mehr – besuchte er nach der Grundschule das Gymnasium, welches er 1865 mit dem Abitur abschloss. Auffällig soll schon damals seine große Begabung für die Mathematik gewesen sein. Anschließend ging der junge Gerstenberg nach Berlin und studierte dort  Mathematik und Philosophie. Seine berufliche Karriere begann er 1873 als Versicherungsmathematiker bei der “Allgemeinen Eisenbahn-Versicherungs-Gesellschaft”, die sich zwei Jahre später in “Victoria zu Berlin Allgemeine Versicherungs-Actien-Gesellschaft” umbenannte. Gerstenberg erwies sich als kühler Rechner und konzipierte für das Unternehmen schon bald neue lukrative Versicherungstarife. So entwickelte er die private Risikovorsorge für weite Bevölkerungsschichten weiter. Zu seinen besonderen Innovationen im deutschen Versicherungswesen gehörten die Entwicklung der “Lebens- und Unfallversicherung mit Prämienrückgewähr” und das “System der steigenden Dividende als besondere Form der Gewinnbeteiligung”. Besondere Beachtung fand zudem die 1889 von ihm entwickelte “Lebenslängliche Verkehrsmittel-Unglück-Versicherung mit einmaliger Prämienzahlung”.

Lebensversicherung als Krönung
Als bedeutsamste Leistung Gerstenbergs gilt jedoch  die Einführung der Lebensversicherung als Volksversicherung in Deutschland 1892, wobei er vor allem die wachsende Zahl der Industriearbeiter im wirtschaftlich aufstrebenden Kaiserreich als neue Versicherungskunden betrachtete. Sein Ziel war es, eine Lebensversicherung für jedermann, ohne Rücksicht auf die soziale oder finanzielle Lage einzurichten. Nach Vorbild der englischen “Prudential Versicherung” führte Gerstenberg das System der wöchentliche Versicherungsprämie analog dem damals üblichen Wochenlohn der Arbeiter ein. Das hierfür nötige Inkassogeschäft übernahm ein versicherungseigenes Netz von Kassierern. Diese so genannten “”Victoriaboten” trugen Uniformen ähnlich der Postbriefträger und waren die einzige Außenwerbung für die Volksversicherung.

1888 stieg er ins Direktorium der Versicherung auf und wurde schließlich 1901 zum Generaldirektor. Während Gerstenbergs Leitungstätigkeit wurde die “Victoria zu Berlin” zur wichtigsten deutschen Lebensversicherungsgesellschaft. Das Unternehmen hatte 1913 einen Bestand von 3,93 Millionen Versicherungspolicen bei 806 Millionen Mark Versicherungssumme und einem jährlichen Neugeschäft von 432.000 Policen allein bei der Volksversicherung. Daneben gründete Gerstenberg 1904 die Victoria Feuer-Versicherungs-AG mit den Bereichen Feuer, Einbruchsdiebstahl und Leitungswasserschäden als bedeutendes Tochterunternehmen.

Gutverdiener für die Kunst
Da Otto Gerstenberg ganz wesentlich zum wirtschaftlichen Erfolg der Victoria-Versicherung beigetragen hatte, ist es keineswegs verwunderlich, dass er zu den bestverdienenden Unternehmern seiner Branche gehörte. Er besaß bis zu 15 % der Aktien der “Victoria zu Berlin” und konnte sich sein Jahresgehalt als Generaldirektor selbst festsetzen. Sein Jahreseinkommen von 800.000 Reichsmark wurde 1914 sogar in einer Reichstagsdebatte als überhöht diskutiert. Doch anders als bei den Top-Verdienern unserer Tage muss die Work-Life-Balance zu jener Zeit noch gestimmt haben. Durch sein beträchtliches Vermögen war es Gerstenberg möglich, eine der bedeutendsten Kunstsammlungen in Berlin zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufzubauen. Schwerpunkte der Sammlung waren grafische Arbeiten und Gemälde des 19. Jahrhunderts. Otto Gerstenbergs Enkel Dieter Scharf gründete kurz vor seinem Tod die “Stiftung Sammlung Dieter Scharf zur Erinnerung an Otto Gerstenberg”. Seit Juli 2008 sind die Kunstwerke dieser Stiftung in der Sammlung Scharf-Gerstenberg gegenüber dem Schloss Charlottenburg in Berlin zu sehen. Hierzu gehören u.a. Grafiken von Francisco de Goya, Édouard Manet und Max Klinger aus der Sammlung von Otto Gerstenberg.

 

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