Justament Dez. 2008: Alles ist flüchtig
Montaignes Essais für kurz Angebundene nebst Reisetagebüchern
Thomas Claer
Da hatte einer – ein Jurist – mit Ende dreißig schon genug vom Lärm der Welt, hängte nach dem Tode seines Vaters den ungeliebten Job als “Parlementsrat” in Bordeaux an den Nagel, zog sich, ausgestattet mit einem auskömmlichen Erbe, zurück in sein Schloss in der Dordogne, legte dort im Turmzimmer eine für damalige Verhältnisse sehr umfangreiche Bibliothek an, las und las und begann schließlich zu schreiben – was und worüber er wollte, über alles und nichts, aber immer zugleich auch über sich selbst. Diese Versuche, die “Essais”, deren erste beiden Bände zehn Jahre später, im Jahre 1580, erschienen, markierten, so sehen es heute viele, den Beginn der modernen Subjektivität. Ohne wissenschaftliche Systematik vorgehend, nur durch Intuition, Reflexion und Verstand stieß Michel de Montaigne (1533-1592) auf Erkenntnisse über die menschliche Seele, die seiner Zeit weit voraus waren: Unser Selbst ist keine feste Größe, sondern von flüchtiger, widersprüchlicher Natur. Widersprüchlich sind auch unsere Ansichten aller Dinge, je nachdem, von welcher Seite wir sie betrachten. Und ob wir etwas als Wohltat oder Übel empfinden, wird nicht von den Dingen selbst, sondern von unserer Einstellung zu ihnen bestimmt. Bei Montaigne mischt sich radikale Skepsis mit Stoizismus als Lebenshaltung und darüber hinaus ganz ausdrücklich mit einer Bejahung aller Sinnesfreuden. Vollkommen unideologisch, gänzlich frei von Rechthaberei, wenn auch mit Freude am Disput und an der Polemik, tritt er uns als freier Geist entgegen, nicht immer ganz frei von Eitelkeit, doch immer mit augenzwinkerndem Understatement.
Die Essais wurden nach ihrer Publikation ein überraschender Erfolg, das heißt, es gab viel Lob aus belesenen Kreisen – Bestseller im heutigen Sinne kannte man damals noch nicht. Ihr Autor genoss fortan ein solches Renommee, dass nicht einmal die katholische Kirche es wagte, seine Schriften auf den Index zu setzen. (Das tat sie erst hundert Jahre später). Montaigne ließ sich daraufhin zu einem fulminanten beruflichen Comeback als Bürgermeister von Bordeaux (1582-1585) überreden. Wiederholt vermittelte er in seinen letzten Lebensjahren als “Elder Statesman” zwischen den Streitparteien der Religionskriege seiner Zeit. Sein Terminkalender erlaubte ihm gerade noch die Veröffentlichung eines dritten Bandes seiner Essais (1588).
“Dass ein solcher Mann wie Montaigne geschrieben hat, dadurch ist die Lust, auf dieser Erde zu leben, vermehrt worden”. Also sprach Friedrich Nietzsche (1844-1900) – und wie er wurden zahlreiche andere vom Begründer der Essayistik beeinflusst. Anziehend machte Montaigne aber nicht zuletzt auch die implizite Unterweisung seiner Leser in Fragen der Lebenstechnik, was ihn – leider – auch zum Vorläufer der Ratgeberliteratur unserer Tage à la “Sorge dich nicht, lebe!” macht. Auf einen solchen Markt scheint der hier besprochene Auswahlband ein wenig zu schielen, wie schon der Titel “Von der Kunst, das Leben zu lieben” ahnen lässt. Selbst das Vorwort des verdienstvollen Übersetzers Hans Stilett ist nicht ganz frei von solcher Tendenz. Dennoch werden all jene, die vielleicht dreihundert Seiten, aber nicht über eintausendsiebenhundert Seiten Essais bewältigen können, weil ihre Lebensumstände ihnen mehr nicht gestatten, kaum um eine solche Kurzfassung herumkommen. Es sei hier versichert, dass es sich lohnt.
Gleichermaßen lohnt sich das “Tagebuch einer Reise durch Italien, die Schweiz und Deutschland in den Jahren 1580 und 1581”, die Montaigne als Individualreisender auf dem Pferde unternahm. Besonders lobend äußert er sich darin über die rustikale (süd-)deutsche Küche, wo im Gasthaus alle aus einem gemeinsamen Topf deftige Reissuppe löffeln. Allerdings versteht es sich, dass Montigne nicht wirklich allein, sondern stets “mit seinem Gefolge” unterwegs war. Für einen Edelmann dieser Zeit waren ein paar Diener eben unterster Standard.
Michel de Montaigne
Von der Kunst, das Leben zu lieben
Deutscher Taschenbuch Verlag München 2007
300 Seiten, EUR 9,50
ISBN 978-3-423-13618-1
Michel de Montaigne
Tagebuch einer Reise durch Italien, die Schweiz und Deutschland in den Jahren 1580 und 1581
Insel Verlag Frankfurt am Main 1988
366 Seiten, EUR 10,00
ISBN 3-458-32774-6
Justament Dez. 2008: Juristen als Komiker
Thomas Claer
Hier ist im alten Jahr noch etwas abzuarbeiten. So einiges hat sich angehäuft auf dem Schreibtisch des Rezensenten in Sachen Juristerei und Humor.
Zunächst ist da die Audio-CD “Humoristisches aus der Justiz”, auf der kuriose Gerichtsurteile von Schauspielern in eine Hörspielfassung gebracht werden. Jeweils wird erst der Fall, dann die Gerichtsverhandlung teilweise nachgespielt. Viele deutsche Dialekte sind da zu vernehmen, und allerhand Hintergrundgeräusche sollen für Alltagsnähe sorgen. All das wirkt reichlich bemüht. Die eigentliche Komik, die zumeist in der trockenen, nicht selten unfreiwillig lächerlichen Juristensprache und in deren Kontrast zum blühenden Leben liegt, wird durch diese Form der Darbietung regelmäßig unterlaufen.
Schon eher funktionieren da Sammlungen Juristischer Stilblüten in Buchform wie die
des Göttinger Oberstaatsanwalts Wilfried Ahrens. Nur legt er mittlerweile schon deren vierte in wenigen Jahren vor, so dass gewisse Abnutzungserscheinungen im bewährten Schema nicht zu übersehen sind. Immer mehr eher belanglose missverständliche Formulierungen haben ins Buch gefunden, z.B. wenn die Polizei über einen Bericht schreibt: “Schwerer Diebstahl aus Wohnung von einem Zwergkaninchen”. Darüber, dass hier rein sprachlich auch das Kaninchen als Täter in Betracht käme oder aber die Entwendung von Kaninchenutensilien als schwerer Diebstahl gewertet würde, wird bestenfalls noch ein achtjähriges Kind lachen können. Und so geht es leider über viele Seiten weiter. Nur gelegentlich findet sich ein Highlight wie dieses: “Herr Bechert lehnte einen Alcotest ab mit dem Hinweis, dass dieser das Gerät sprengen würde.”
Schließlich soll an dieser Stelle auf einen nur noch antiquarisch erhältlichen Justiz-Comic aus dem Jahre 1998 hingewiesen werden, der illusionslos die ersten Schritte eines jungen Berufsanfängers auf dem Anwaltsmarkt begleitet. Vor allem geht es hier um brisante Fälle aus dem Straßenverkehrsrecht, die den Helden in allerhand Turbulenzen stürzen. Wer sich über Juristisches amüsieren will, kommt mit “Wenzel & Sohn: 3 * abgeschleppt” vielleicht am ehesten auf seine Kosten.
NJW Audio-CD
Humoristisches aus der Justiz
Verlag C.H. Beck München 2007
EUR 17,60
ISBN-10: 3406572332
Wilfried Ahrens
Der Polizist rettet sich durch einen Seitensprung. Neue juristische Stilblüten
Verlag C.H. Beck München 2008
156 Seiten
EUR 8,95
ISBN-10: 3406568122
Philipp Heinisch & Michael Schmuck
Wenzel & Sohn, Kanzlei für heikle Fälle: 3*abgeschleppt (Justiz-Comic)
Verlag Reno Service Berlin 1998
48 Seiten
ISBN 3-9806339-7-7
(vergriffen)
Justament Dez. 2008: Im Trend: zentral, alt, saniert
Ein Streifzug durch den Berliner Wohnimmobilienmarkt
Thomas Claer
“Man kann mit einer Wohnung einen Menschen genau so gut töten wie mit einer Axt!” So sprach Heinrich Zille (1858-1929), Zeichner des Berliner “Milljöhs”, und meinte die berüchtigten Mietskasernen in den Berliner Arbeiterbezirken, die ihm wegen ihrer engen, jeden Sonnenstrahl verschluckenden Bauweise nur als schreckliche Bausünden erscheinen konnten. Private Spekulanten hatten diese Wohnhäuser in der schnell wachsenden Industriemetropole Berlin zwischen 1870 und Anfang des 20. Jahrhunderts in großer Zahl errichtet. Die Grundstücke wurden im Rahmen der Bauordnung maximal ausgenutzt. Vorderhaus, Seitenflügel, Quergebäude und ein Innenhof, dessen Größe immerhin für ein Feuerwehrfahrzeug zum Wenden reichen musste, bildeten die Grundstruktur der Bebauung. Mitunter waren fünf bis sieben Höfe hintereinander angeordnet. Hinzu kam natürlich, dass die betreffenden Wohnungen zumeist von ziemlich vielen Personen gleichzeitig genutzt wurden: Bis zu sieben Menschen sollen noch um 1900 in vielen Einzimmerwohnungen gehaust haben. Die Einwohnerzahl Berlins war von 1870 bis 1905 von 800.000 auf über 2 Millionen gestiegen, ohne dass sich das Stadtgebiet nennenswert erweitert hätte. Bis 1925 sollte sie sich nochmals auf 4 Millionen (heute sind es 3,4 Millionen) verdoppeln, was allerdings zum Teil auch an der Eingemeindung der zuvor selbständigen Großstädte Charlottenburg, Neukölln, Schöneberg, Lichtenberg, Wilmersdorf und Spandau im Jahr 1920 lag.
Baustopp für Mietskasernen
Mit dem Einzug der Demokratie und einer größeren Sensibilität für Soziales wurde in der Weimarer Republik die Entstehung weiterer Mietskasernen gestoppt. Die am 1. Dezember 1925 in Kraft getretene Bauordnung Berlins, angelehnt an die preußische Einheitsbauordnung von 1919, und der auf ihrer Grundlage entstandene Bauzonenplan verboten fortan die berüchtigte Hinterhofbauweise.
Es folgte die Geburtsstunde des sozialen Wohnungsbaus: Durch rationales und den Bedürfnissen des “modernen Menschen” entsprechendes Bauen sollte die Forderung nach “Licht, Luft und einer Wohnung für alle” (Bruno Taut) verwirklicht werden. Wie sonst nur im ebenfalls “roten” Wien entstanden seit 1925 in ganz Berlin zahlreiche Reformsiedlungen mit kleineren und niedrigeren, aber nach funktionellen Gesichtspunkten geschnittenen Wohnungen mit überwiegend zwar noch geschlossenen, jedoch grünen und voluminösen Innenhöfen. Diverse Bauhaus-Architekten und Wegbereiter der Architektonischen Moderne wie Walter Gropius, der zitierte Bruno Taut, Hans Scharoun und Otto Bartning schufen so eine spezifische “Berliner Moderne” im Stil des “Neuen Bauens”.
Kahlschlagsanierung
An Nazizeit und zweiten Weltkrieg schloss sich im frisch geteilten Berlin eine Phase an, in der die Architektur eher der nackten Not gehorchte und weitgehend ambitionslos für Dächer über den Köpfen sorgte. Als Ausnahmen vom Generaltrend dieser Jahre können jene Bauwerke gelten, die der Renommiersucht im kalten Krieg geschuldet waren wie etwa die prächtigen Wohnblöcke aus den 1950er Jahren im Stil des Sozialistischen Klassizismus in der Stalinallee (heute Karl-Marx-Allee) in Friedrichshain. Doch bald schon wehte im Westen wie im Osten ein neuer städtebaulicher Wind, der Plattenbausiedlungen zum Ideal erhob. Vor allem aber wurden nun die alten Mietskasernen, denen der Zahn der Zeit inzwischen auch mächtig zugesetzt hatte, als empörende Schandflecke einer neuen Stadtkultur erkannt. Systemübergreifend einig war man sich, dass solche Häuser am besten abgerissen und durch 60er und 70er Jahre-Zweckbauten ersetzt gehörten. In Westberlin sah das “Erste Programm zur Stadterneuerung” vom 18. März 1963 zwei Sanierungsmethoden vor: Die erste war der Totalabriss und eine nachfolgende Neubebauung, die zweite war der Teilabriss durch Entkernung und die Komplettierung bzw. Modernisierung der verbliebenen Restsubstanz. Der Umfang der sanierungsbedürftigen Wohnungen wurde 1962 im “Ersten Bericht über die Stadterneuerung in Berlin” mit 430.000 von insgesamt 849.918 (1960) vorhandenen Wohnungen angegeben. Davon waren 250.000 abbruchreif und 180.000 sanierungsbedürftig. Gesagt, getan: Der Südosten des Westberliner Arbeiterbezirks Wedding etwa musste komplett dran glauben. Fast kein Altbau hat im Gebiet rings um die nördliche Brunnenstraße die anschließende Kahlschlagsanierung überlebt.
Verwahrlosung und Protestkulturen
Wenige hundert Meter weiter östlich hingegen, im früheren Zwillings-Unterschichtenbezirk Prenzlauer Berg konnte – durch eine glückliche Fügung – genau dies vermieden werden. Die ewig klamme DDR hatte einfach nicht genug Geld für die jahrzehntelang geplante Abrisssanierung. Stattdessen entstand in den zunehmend verwahrlosten und von Ratten und Feuchtigkeit gepeinigten Hinterhöfen eine subversive Parallelwelt aus Künstlern und Oppositionellen, denen die Regierung – trotz zahlreicher Stasispitzel in der Szene – niemals ganz Herr werden konnte. Auch unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel rühmt sich heute, dort einige Studienjahre lang in einfachsten Verhältnissen gewohnt zu haben.
Ebenfalls eine Parallelwelt entstand in den 1970er Jahren im Westberliner Bezirk Kreuzberg, wo autonome Gruppen sich im Protest gegen die Sanierungspläne des Senats der erhaltenswerten Altbausubstanz annahmen und zwischen 1979 und 1981 über 150 Gebäude besetzten. Die Bilder von handgreiflichen Auseinandersetzungen zwischen Hausbesetzern und Polizei gingen durch Presse und Fernsehen. Juristisch waren die Hausbesetzungen natürlich
Hausfriedensbrüche und im (nicht seltenen) Fall der Beeinträchtigung von Einrichtungen und Bausubstanz auch Sachbeschädigungen. Gleichwohl trugen die militanten Besetzer auf ihre Weise zu einem allmählichen Umdenken im Umgang mit den Altbauten bei. Die hohen Decken mit Stuck, die großen Türen und Hausflure – all das galt zunehmend als schick und cool. Heinrich Zille hätte sich verwundert die Augen gerieben. 1982 wurden die zwölf Grundsätze einer behutsamen Stadterneuerung formuliert. Das Berliner Abgeordnetenhaus stimmte diesen schließlich zu.
Sanierte Altbauten plötzlich todschick
Der Rest ist schnell erzählt. Nach der Wende wurde in Prenzlauer Berg und Teilen Kreuzbergs und Friedrichshains vollendet, was Stadtsoziologen als Gentrifizierung bezeichnen: die Aufwertung innenstadtnaher Wohngebiete. Das Muster ist stets gleich, weiß Wikipedia: “Wegen niedriger Mietpreise werden die Stadtteile für “Pioniere” (Studenten, Künstler, Subkultur) attraktiv. Die werten in einem ersten Schritt die Stadtteile auf und setzen einen Segregationsprozess in Gang. Viele Studenten steigen ins Berufsleben ein, verdienen deutlich mehr Geld als die ansässigen Bewohner; Künstler etablieren sich und bringen weiter Kapital in die Stadtteile. Investoren sehen Chancen zur Wertsteigerung. Erste Häuser und Wohnungen werden restauriert, Szene-Clubs und Kneipen entstehen. Die Mieten steigen. Alteingesessene wandern wegen Mieterhöhungen ab. Auch die neu zugewanderten Studenten oder Künstler können sich die höheren Mietpreise nicht mehr leisten und siedeln sich in anderen Stadtteilen an. Eine neue, wohlhabendere Klientel siedelt sich an und setzt andere Lebensstandards durch. Immobilienunternehmen entdecken das Interesse und sanieren weitere Häuser luxuriös. Die ursprüngliche Bevölkerungsstruktur und der Charakter der Viertel wandeln sich.” Nur notorische Spötter wie der SZ-Feuilletonist Jens Bisky finden, dass Prenzlauer Berg heute der Ort sei, wo man “für viel Geld proletarisch wohnen” könne.
Globaler Trend zur Innenstadt
Verstärkt werden solche Gentrifizierungstendenzen seit geraumer Zeit durch den globalen Trend einer generellen Aufwertung der Innenstädte. Träumte die Welt noch vor zwei Jahrzehnten den Traum von der unbegrenzten Mobilität und zersiedelte die Landschaft mit Häusern “im Grünen”, hat sich nun erkennbar ein Wandel vollzogen: Bedingt durch steigende Rohstoffpreise einerseits und den zunehmenden Zerfall der konventionellen Familienstrukturen andererseits sind nunmehr wieder kürzere Wege und eine perfekte Infrastruktur gefragt. Doch nicht die Lage allein bestimmt den Wert der Großstadtimmobilien: Wie der GSW Wohnmarktreport für Berlin 2008 ermittelte, sind es vor allem innerstädtische Lagen mit starkem Altbaubestand (Baujahr vor 1918), die hinsichtlich Miet- und Kaufpreisen einen stabilen Aufwärtstrend verzeichnen, der allerdings aktuell infolge der Finanzkrise zum Teil unterbrochen wurde. Hinzu kommen aber zunehmend auch Luxus-Neubauten in gefragten Lagen (Mitte, Prenzlauer Berg, Kreuzberg, aber auch Pankow), z.B. sogenannte Townhouses, deren Baustil in mancher Hinsicht (z.B. Deckenhöhe und Fenstergröße) auf Anleihen bei der klassischen Mietskaserne hindeutet, die nachteilige Enge letzterer im Hofbereich aber vermeidet. Während in anderen deutschen Großstädten wie München oder Hamburg die Aufwertung der Innenstädte aber bereits abgeschlossen oder in vollem Gange ist, hinkt das strukturschwache Berlin hier deutlich hinterher. Zentral oder citynah gelegene “Problembezirke” mit solider Altbausubstanz wie Teile Weddings oder das nördliche Neukölln haben die Gentrifizierung jedenfalls noch vor sich.
Weniger gefragt sind auf dem Wohnimmobilien-Markt vor allem Nachkriegsbauten mit Baujahren vor 1990, die nur bei exzellenter Citylage (relative) Spitzenpreise erzielen können. Ebenfalls weniger goutiert werden Zwischenkriegsbauten (1919-1939), denen man ihre vergleichsweise kleine (aber die der Nachkriegsbauten doch weit übertreffende) Dimensionierung in Zimmergröße und Deckenhöhe verübelt, dabei aber solche Vorzüge wie altbautypische Holzdielenfußböden, Doppelholzfenster und Messingtürgriffe in Verbindung mit teilweise äußerst geräumigen geschlossenen grünen Innenhöfen ohne Hinterhäuser übersieht. In diesem Jahr verlieh die Unesco sechs Berliner Reformsiedlungen der 1920er und 1930er Jahre den Rang als Weltkulturerbe.
Justament Okt. 2008: Neuer Stern am Gitarrenpop-Himmel
Clara Luzia präsentiert sich als begabte Songwriterin
Thomas Claer
Für den Konsumenten populärer Musik ist es immer ein Segen, Acts zu entdecken, deren kommerzieller Durchbruch erst noch bevorsteht. Denn wie sonst ließe sich heute noch ein erstklassiges Live-Konzert zu einem vertretbaren Eintrittspreis genießen? Für ganze vier Euro waren die Besucher beim Auftritt des österreichischen Geheimtipps Clara Luzia – passender Weise im Café Lucia in Berlin-Kreuzberg – dabei. Die Kreuzberger Oranienstraße, das muss man wissen, hat einen besonderen Mythos, der trotz aller postsozialistischen innerstädtischen Migrationsbewegungen nie ganz verloren gegangen ist. Und das Café Luzia besticht durch eine besonders coole Sperrmüll-Ästhetik. Allerhand jüngeres, mitunter aber auch beachtlich in die reiferen Jahrgänge expandierendes Publikum war also zusammengeströmt, um die “Amadeus Austrian Music Award”-Gewinner von 2008 im Bereich “Alternative Act des Jahres” zu erleben. Clara Luzia, 1978 geborene “ehemalige Politologin” (laut Band-Homepage), Sängerin und Gitarristin der gleichnamigen Band, präsentierte mit ihren drei musikalischen Mitstreiter/innen das Repertoire ihrer bislang zwei CDs, stilistisch eine Art Neo-Folk-Indipop mit sehr melodiösen Refrains. Eine ganz große, unverwechselbare Stimme hat Clara Luzia zwar eher nicht, manchmal klingt sie wie ein Imitat von Björk, dann wieder wie Dolores O’Riordan von den Cranberries oder Katharina Franck von den Rainbirds. Doch ihr enorm kreatives Songwriting verleiht den Songs dennoch eine ganz individuelle Note.
Nach dem (relativen) Erfolg ihrer zweiten CD-Veröffentlichung “The Long Memory” (mit dem besonders eingängigen “Morninglight”) von 2007 hat das Kölner Indielabel Unterm Durchschnitt nun auch Clara Luzias Debüt-CD “Railroad Tracks” von 2006 (ursprünglich erschienen auf dem eigenen Kleinstlabel der Künstlerin selbst) wieder veröffentlicht. Das Gesamturteil lautet: voll befriedigend (10 Punkte).
Clara Luzia
Railroad Tracks
Unterm Durchschnitt 2008
Ca. EUR 17,00
Cat.No. 40010-2
Justament Okt. 2008: Warten aufs Album
Element Of Crime vertröstet uns vorläufig mit Filmmusik
Thomas Claer
“Je edler und vollkommener eine Sache ist”, so befand Arthur Schopenhauer in einem ansonsten überaus anrüchigen Text, “desto später und langsamer gelangt sie zur Reife.” Den Beweis für die Richtigkeit dieser Annahme liefert uns Element Of Crime, die wohl melancholischste deutsche Rockband aller Zeiten. Während es allgemein als ein Kennzeichen des schnelllebigen Genres Popmusik gelten kann, dass die Protagonisten jeweils rasch ihr kreatives Pulver verschossen haben, schießen – um in diesem Bild zu bleiben – die gereiften Elements auch nach 23 Bandjahren noch aus vollen Rohren. Zwar tun sie das längst nicht mehr so oft wie früher. Nur noch alle vier Jahre bringen die Mannen um Sänger und Texter Sven Regener ein Album heraus. Damit treffen sie dann aber zuverlässig und mit unerhörter Präzision direkt ins Herz ihrer Fans. Wer die den Ruhm der Gruppe begründenden Platten “Damals hinterm Mond” (1991) und “Weißes Papier” (1993) in ihrem poetischen Konzept für schlichtweg nicht mehr steigerbar hielt, wurde spätestens mit “Mittelpunkt der Welt” (2005) eines Besseren belehrt. Der “hohe Ton” der frühen Meisterwerke mit Anklängen ans Orchestrale und Pompöse ist inzwischen einer deutlich sparsamer verfahrenden schwermütigen Gelassenheit gewichen, die aus jeder Note und jeder Zeile in Regeners begnadeter Songlyrik spricht.
Nun haben Element Of Crime also wieder einmal Filmmusik gemacht – und erneut für eine Produktion des Regisseurs Leander Haußmann. Sieben Songs steuern sie zum offiziellen Soundtrack bei, zu dem daneben noch Künstler wie Vladimir Vissotski und Ed Csupkay beigetragen haben. Ein bisschen enttäuschend ist diese Art der Präsentation schon, denn neben drei reinen Instrumentalstücken liefern EoC nur vier “echte” Songs. Die sind dafür aber im wahrsten Sinne des Wortes “ganz großes Kino”. Vor allem “Ein Hotdog unten am Hafen”, das auch als Vinylsingle erhältlich ist, kann gefallen. Es ist nur so, dass die Lieder ohne den Film fast noch besser funktionieren… Das Gesamturteil lautet: voll befriedigend (11 Punkte).
Element Of Crime u.a.
Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe (Soundtrack)
Vertigo Be (Universal) 2008
Ca. EUR 17,00
ASIN: B001CLRCYS
Element Of Crime
Ein Hotdog unten am Hafen
Ltd. Edition Vinyl Single
Vertigo Be (Universal) 2008
Ca. EUR 7,00
ASIN: B001CGSPXK
Justament Okt. 2008: Überall Zivilbullen!
Sven Regener vollendet mit “Der kleine Bruder” seine Lehmann-Trilogie
Thomas Claer
Den Ritterschlag als Romanautor erhielt Sven Regener, geboren 1961 in Bremen und bekannt als Sänger und Texter der Band Element Of Crime, im Literarischen Quartett. Großkritiker Marcel Reich-Ranicki erklärte seiner Runde, dass er beim Lesen von Regeners Debüt, “Herr Lehmann” (2001), wiederholt in schallendes Gelächter ausgebrochen sei. Kritikerkollege Helmut Karasek gab hingegen zu, in einigen traurigen Szenen des Romans den Tränen nahe gewesen zu sein. Nur Frau Radisch konnte der Geschichte des Kreuzberger Bierzapfers Frank Lehmann, die exakt an dessen 30. Geburtstag am Tag des Berliner Mauerfalls 1989 endete, nicht viel abgewinnen. Gleichwohl wurde das Buch zum Kassenschlager, und die anschließende gelungene Verfilmung mit Christian Ulmen und Detlev Buck in den Hauptrollen sorgte für nochmals steigende Popularität. 2004 legte der Autor dann mit “Neue Vahr Süd” einen ausführlichen Rückblick auf Frank Lehmanns Bundeswehr- und WG-Zeit 1980 in Bremen nach, der ebenfalls mit viel Witz und einer kenntnisreichen Schilderung der damaligen Verhältnisse zu überzeugen wusste. Der dritte und abschließende Teil der Roman-Trilogie sollte, so war es seit langem angekündigt, die Zeit zwischen dem Aufbruch Frank Lehmanns nach Berlin im Herbst 1980 (so endete “Neue Vahr Süd”) und dem Beginn von “Herr Lehmann” im Herbst 1989 behandeln.
Jedoch knüpft die Handlung im jüngst erschienenen “Kleinen Bruder” zwar direkt ans Ende des Vorgängers an, umfasst dann aber nur ganze zwei Tage. In denen allerdings werden bereits alle Weichen so gestellt, dass sich die Metamorphose vom Bundeswehr-Abbrecher zum Kneipenwirt als ganz folgerichtig darstellt. Zwei ganz entscheidende und ereignisreiche Tage im Leben des Frank Lehmann also, der sich von heute auf morgen in einem völlig ungewohnten Umfeld wiederfindet und gezwungen ist, sich kurzfristig eine neue Existenz aufzubauen. Und das neue Umfeld, die Kreuzberger Szene der frühen Achtziger, hat es in sich: Ohne Unterbrechung wird literweise Bier getrunken, permanent werden Selbstgedrehte geraucht, ständig brüllt irgendjemand “Scheiße” oder “Arsch”, die Gespräche sind zumeist redundant, es wird erbärmlich gefroren in den ofenbeheizten Altbauten, die Hygiene lässt zu wünschen übrig, der Smog von den vielen verbrannten Briketts zersetzt die Atemwege, die Menschen dort sind entweder Künstler oder Hausbesetzer oder beides, und jeder Neuankömmling wird zunächst allerorts verdächtigt, ein “Zivilbulle” zu sein. Den Lebensunterhalt bestreitet man entweder mit Taxifahren oder, wie auch bald schon Frank Lehmann, in der Kneipe. Dabei wollte Frank doch eigentlich zuerst seinen älteren Bruder finden, seine einzige Anlaufstelle in Berlin, doch der wandert bald schon als Schrottskulpturen-Künstler nach New York aus, und “der kleine Bruder” wird in Kreuzberg seinen Platz einnehmen.
Nun hat auch diese fast schon naturalistische Milieuschilderung ihre komischen Seiten, vor allem die bereits aus “Herr Lehmann” bekannten Figuren wie Karl Schmidt (nicht zu verwechseln mit Carl Schmitt!) und Erwin Kächele reizen die Lachmuskeln. Doch insgesamt hat dieser dritte Teil nur wenig von der Heiterkeit seiner Vorgänger, ist in vielfacher Hinsicht eher bedrückend. Auch fehlt diesmal eine Liebesgeschichte. Viel schlimmer ist aber, dass uns der Autor so einfach mit dem Ende der Geschichte im November 1989 abspeisen will. Das geht nicht, Herr Regener! Was macht einer wie Frank Lehmann nach der Wende? Wird er, wie viele andere, nach Prenzlauer Berg ziehen? Wir wollen es, wir müssen es erfahren. Bitte eine Fortsetzung!
Sven Regener
Der kleine Bruder
Eichborn Verlag Frankfurt am Main 2008
282 Seiten, EUR 19,95
ISBN 978-3-8218-0744-7
Justament Okt. 2008: Versicherungs-Reformer als Kunstsammler
Otto Gerstenberg erfand 1892 die Lebensversicherung als Volksversicherung in Deutschland – und wurde dadurch reich
Thomas Claer
Der Mensch, könnte man sagen, ist erst da ganz Mensch, wo er sammelt. Da, wo er zuerst mühsam und geduldig Jagd auf etwas macht, das er dann mit Ähnlichem zuvor Erworbenen zusammenstellt, -legt oder -hängt, und da, wo er schließlich von einem Glücksgefühl durchströmt wird, wenn er es im eigens geschaffenen neuen Zusammenhang betrachtet. Vieles Verschiedene sammeln die Menschen, doch die Königsdisziplin des Sammelns, die einzige, der wohl jeder aufgeklärte Mensch uneingeschränkte Bewunderung entgegenbringt, ist fraglos das Kunstsammeln. Der Haken dabei ist nur, dass diese Leidenschaft nicht jedem offensteht, da zumindest die erstrangigen Objekte schnell Preise erreichen, die ein breites Publikum naturgemäß schnell vom Markt ausschließen. Der Kunstsammler benötigt also eine Gelderwerbsquelle, die über das gewöhnliche Einkommen aus einer sozialadäquaten Erwerbsarbeit weit hinausreicht. Und zudem müssen ihm auch noch genug kostbare Lebenszeit und Ruhe verbleiben, damit er sich seinen Kunstobjekten mit der ihnen gebührenden Aufmerksamkeit widmen kann.
Mathematikgenie Gerstenberg
Vollständig geglückt ist dieses ambitionierte Unterfangen dem deutschen Unternehmer und Kunstsammler Otto Gerstenberg (1848-1935), der ganz nebenbei mit seinen innovativen Ideen maßgeblich die deutsche Versicherungswirtschaft geprägt hat. Geboren im pommerschen Pyritz (heute Pyrzyce/ Polen) als Sohn eines Musikers oder Schuhmachers – so genau weiß das heute keiner mehr – besuchte er nach der Grundschule das Gymnasium, welches er 1865 mit dem Abitur abschloss. Auffällig soll schon damals seine große Begabung für die Mathematik gewesen sein. Anschließend ging der junge Gerstenberg nach Berlin und studierte dort Mathematik und Philosophie. Seine berufliche Karriere begann er 1873 als Versicherungsmathematiker bei der “Allgemeinen Eisenbahn-Versicherungs-Gesellschaft”, die sich zwei Jahre später in “Victoria zu Berlin Allgemeine Versicherungs-Actien-Gesellschaft” umbenannte. Gerstenberg erwies sich als kühler Rechner und konzipierte für das Unternehmen schon bald neue lukrative Versicherungstarife. So entwickelte er die private Risikovorsorge für weite Bevölkerungsschichten weiter. Zu seinen besonderen Innovationen im deutschen Versicherungswesen gehörten die Entwicklung der “Lebens- und Unfallversicherung mit Prämienrückgewähr” und das “System der steigenden Dividende als besondere Form der Gewinnbeteiligung”. Besondere Beachtung fand zudem die 1889 von ihm entwickelte “Lebenslängliche Verkehrsmittel-Unglück-Versicherung mit einmaliger Prämienzahlung”.
Lebensversicherung als Krönung
Als bedeutsamste Leistung Gerstenbergs gilt jedoch die Einführung der Lebensversicherung als Volksversicherung in Deutschland 1892, wobei er vor allem die wachsende Zahl der Industriearbeiter im wirtschaftlich aufstrebenden Kaiserreich als neue Versicherungskunden betrachtete. Sein Ziel war es, eine Lebensversicherung für jedermann, ohne Rücksicht auf die soziale oder finanzielle Lage einzurichten. Nach Vorbild der englischen “Prudential Versicherung” führte Gerstenberg das System der wöchentliche Versicherungsprämie analog dem damals üblichen Wochenlohn der Arbeiter ein. Das hierfür nötige Inkassogeschäft übernahm ein versicherungseigenes Netz von Kassierern. Diese so genannten “”Victoriaboten” trugen Uniformen ähnlich der Postbriefträger und waren die einzige Außenwerbung für die Volksversicherung.
1888 stieg er ins Direktorium der Versicherung auf und wurde schließlich 1901 zum Generaldirektor. Während Gerstenbergs Leitungstätigkeit wurde die “Victoria zu Berlin” zur wichtigsten deutschen Lebensversicherungsgesellschaft. Das Unternehmen hatte 1913 einen Bestand von 3,93 Millionen Versicherungspolicen bei 806 Millionen Mark Versicherungssumme und einem jährlichen Neugeschäft von 432.000 Policen allein bei der Volksversicherung. Daneben gründete Gerstenberg 1904 die Victoria Feuer-Versicherungs-AG mit den Bereichen Feuer, Einbruchsdiebstahl und Leitungswasserschäden als bedeutendes Tochterunternehmen.
Gutverdiener für die Kunst
Da Otto Gerstenberg ganz wesentlich zum wirtschaftlichen Erfolg der Victoria-Versicherung beigetragen hatte, ist es keineswegs verwunderlich, dass er zu den bestverdienenden Unternehmern seiner Branche gehörte. Er besaß bis zu 15 % der Aktien der “Victoria zu Berlin” und konnte sich sein Jahresgehalt als Generaldirektor selbst festsetzen. Sein Jahreseinkommen von 800.000 Reichsmark wurde 1914 sogar in einer Reichstagsdebatte als überhöht diskutiert. Doch anders als bei den Top-Verdienern unserer Tage muss die Work-Life-Balance zu jener Zeit noch gestimmt haben. Durch sein beträchtliches Vermögen war es Gerstenberg möglich, eine der bedeutendsten Kunstsammlungen in Berlin zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufzubauen. Schwerpunkte der Sammlung waren grafische Arbeiten und Gemälde des 19. Jahrhunderts. Otto Gerstenbergs Enkel Dieter Scharf gründete kurz vor seinem Tod die “Stiftung Sammlung Dieter Scharf zur Erinnerung an Otto Gerstenberg”. Seit Juli 2008 sind die Kunstwerke dieser Stiftung in der Sammlung Scharf-Gerstenberg gegenüber dem Schloss Charlottenburg in Berlin zu sehen. Hierzu gehören u.a. Grafiken von Francisco de Goya, Édouard Manet und Max Klinger aus der Sammlung von Otto Gerstenberg.
Justament Sept. 2008: Mahler, Schily, Demonstranten
Vor 40 Jahren tobte die “Schlacht am Tegeler Weg”
Thomas Claer
Wer heute das Landgericht Berlin am Tegeler Weg erreichen will, nimmt die Ringbahn und steigt aus am S-Bahnhof Jungfernheide, im bürgerlichen Bezirk Charlottenburg. Ein scharfer Uringeruch umweht einen am Ausgang Olbersstraße, wenn man über Glasscherben und weggeworfene Imbissreste steigt. Gerade pinkelt ein Radfahrer gegen die Hecke. Mit der einen Hand hält er sein Fahrrad, mit der anderen lenkt er seinen Strahl. Rau und herzlich sind die Berliner Sitten auch noch vierzig Jahre nach den legendären Tumulten der Achtundsechziger. Vorbei an schick sanierten früheren Sozialbauten aus den Zwanzigern (“Berliner Moderne”) und einer fächerförmigen Bartning-Kirche kommt man in den Tegeler Weg, die vielbefahrene Straße zum Flughafen Tegel. Und gegenüber von Spree und Schlosspark liegt es auch schon – das imposante Landgerichtsgebäude, errichtet 1901-1906. Hier ging es, so berichten es uns Nachgeborenen die historischen Quellen, im magischen Jahr 1968 so richtig zur Sache.
130 verletzte Polizisten
An jenem 4. November verhandelte das Landgericht den Antrag der Berliner Generalstaatsanwaltschaft, dem jungen Rechtsanwalt Horst Mahler, später RAF-Mitglied und heute Rechtsextremist, Berufsverbot zu erteilen. Mahler hatte nach dem Attentat auf Rudi Dutschke im April des Jahres gegen Springer demonstriert. Am darauffolgenden Tag beschuldigte ihn BILD, die Demo angeführt zu haben. Letztlich lehnte das Landgericht den Antrag jedoch ab. Mahler hatte sich für das Verfahren kollegialen Beistand vom damals ebenfalls jungen Strafverteidiger Otto Schily geholt, später Mitbegründer der Grünen, dann Bundesinnenminister und heute “Ekelpaket am rechten Rand der SPD” (so jüngst der amtierende bayrische Juso-Vorsitzende, der vorschlug, ihn gemeinsam mit Clement und Sarrazin aus der Partei auszuschließen). Doch Schily hatte, als er sein schickes Auto vor dem Gericht parkte, nicht mit den Demonstranten gerechnet. Über 1000 waren gekommen, um gegen die “Klassenjustiz” zu protestieren. “Studenten sind unter den Demonstranten”, berichtet ein Augenzeuge, “aber auch Arbeiter und Rocker. Die meisten tragen Helme. Sie wollen nicht hinnehmen, dass ihrem Anwalt und Kampfgenossen Horst Mahler die Zulassung entzogen werden soll.” Das Gericht ist weiträumig abgesperrt. Hundertschaften der Polizei sind im Einsatz. Um zehn vor neun geht es los: Die Demonstranten rennen – vom benachbarten Mierendorffplatz kommend – gegen die Absperrgitter hinter dem Gericht in der Osnabrücker Straße. “Von hinten fliegen Steine, Tausende. Sie regnen auf die Beamten, 130 werden verletzt”, weiß der Augenzeuge weiter zu berichten. “Ein Stoßtrupp der Revolution erobert ein Polizeifahrzeug. Rote Fahnen wehen. Ein paar Militante fangen an, Barrikaden zu bauen.”
Schilys Auto demoliert
“Juhu, es lebe die Revolution!” Christian Semler, Wortführer des Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) mit Che-Guevara-Bart, jubelt noch am Mittag dieses 4. Novembers 1968: Eine “neue Ebene der Militanz” sei erreicht. Doch wo gehobelt wird, da fallen Späne. Natürlich hatte die stundenlange Straßenschlacht auch Schilys Auto nicht verschont. (Das berichtete Otto Schily vor kurzem freimütig in einem Fernsehinterview auf 3Sat.) Eine solche Militanz der Demonstranten gegen die Einsatzkräfte der Polizei war in der Tat bis dahin unbekannt. Im SDS entbrannte daraufhin eine Debatte um Gewalt, die schließlich zur Spaltung des Stundenverbands führte. Ein Teil der Bewegung ging in den bewaffneten Widerstand – mit den bekannten Folgen. Politische Kommentatoren sehen in der “Schlacht am Tegeler Weg” das Ende der “antiautoritären Phase der Studentenbewegung”.
Und Horst Mahler?
Mit Rechtsanwalt Horst Mahler (Jahrgang 1936), der damals eigentlich erst den Anlass zur Schlacht am Tegeler Weg gab, hatten sich die Achtundsechziger schon einen merkwürdige Kameraden als Leitfigur genommen: einen ewiger Irrläufer, einen Blindgänger, dessen politische Vita in all ihren abrupten Brüchen nur einen einzigen roten Faden kennt: Autoritär muss es zugehen! Seine wichtigsten Stationen waren: Schlagende Verbindung Landsmannschaft Thuringia (Austritt wegen seiner geänderten politischen Einstellung auf dem Abschlussconvent); Mitgliedschaft in SPD und SDS (Ausschluss aus der SPD 1960 wegen Unvereinbarkeit beider Mitgliedschaften); Mitbegründung der “November-Gesellschaft” 1966 aus DDR-nahen Linken; 1970 Mitbegründung der RAF, kurz darauf Verurteilung zu 14 Jahren Haft; vorzeitige Entlassung 1980 mit Hilfe seines damaligen Rechtsanwalts Gerhard Schröder (später Bundeskanzler, heute Gazprom-Manager); 1987 Wiederzulassung als Rechtsanwalt (im Wiederzulassungsverfahren wiederum von Gerhard Schröder vertreten); nach der Wende zunächst Annäherung an die FDP, später an nationalkonservative Kreise; 2000-2003 Mitgliedschaft in der NPD, die er im Verbotsverfahren anwaltlich vertrat; Austritt 2003 unter Hinweis auf die nach seiner Ansicht zu starke parlamentarische Verankerung der Partei. Seitdem wurde Horst Mahler mehrfach wegen Volksverhetzung und Leugnung des Holocausts verurteilt, sodass ihm auch die Zulassung als Rechtsanwalt wieder entzogen wurde. Sein aktuelles Weltbild als volkstreuer Jurist enthüllt er im Interview mit Michel Friedmann, das sich ungekürzt leicht im Internet finden lässt. (“Heil Hitler, Herr Friedmann!”) Der Mann ist vollkommen durchgeknallt.
Justament Sept. 2008: Manchmal etwas bieder
Wiglaf Droste und das Spardosen-Terzett singen Peter Hacks
Thomas Claer
Eigentlich ist Wiglaf Droste – geboren 1961 in Westfalen – ein Mann der schreibenden Zunft. In dieser hat er sich seinen Ruf als scharfzüngiger Krawallbruder über die Jahre hart erarbeitet. Niemand – vor allem nicht innerhalb seines linksalternativen Milieus – war vor seinen boshaften Polemiken sicher. Bevorzugte Opfergruppen seiner Tiraden in taz, Titanik und Junge Welt stellten DDR-Bürgerrechtler (“Erich nimm ihn zurück!”, 1988 über Stephan Krawczyk), Feministinnen und betroffene Popsänger (“Grönemeyer kann nicht tanzen”) dar. Sein satirisches Werk publizierte er in Büchern und CDs mit Titeln wie “Die schweren Jahre ab Dreiunddreißig”. Seit 2000 singt er auch, zunächst eher spaßig und parodistisch, mit seiner Chanson-Jazz-Band “Spardosen-Terzett”. Nun lässt Droste seiner politisch unkorrekten Verehrung für den 2003 verstorbenen DDR-Staatsdichter Peter Hacks freien Lauf und wagt sich an die Vertonung etlicher seiner Gedichte.
Peter Hacks, der große Dramatiker, Lyriker und Essayist, war nach der Wende nur noch als bockiger Alt-Stalinist aufgefallen, wird aber allmählich wieder als “Klassiker, ob’s einem passt oder nicht” (Sigrid Löffler) entdeckt. Die ausgewählten Gedichte sind auch allesamt große Klasse, allein ihre musikalische Umsetzung bleibt dann doch etwas hinter dem hohen Anspruch zurück, der hier erhoben wird. Nicht immer will der luftig-jazzige, mitunter geradezu schlagerhafte Stil der Songs zur jeweiligen Stimmungslage der Hacks-Lyrik passen. Wer wie Droste jahrelang nur Hohn und Spott für nervige Sänger und Liedermacher übrighatte (“der schreckliche Wolfgang Niedecken”; “schreiben kann er nicht für zehn Pfennig” über Wolf Biermann) muss sich nun nicht wundern, wenn es auch mal in die eigene Richtung geht. Vom Biss seiner frühen Jahre ist der singende Wiglaf Droste jedenfalls weit entfernt. Überzeugender präsentiert er sich hingegen bei der ebenfalls auf der CD enthaltenen Rezitation seines brillanten Essays über Peter Hacks, der Lesern der Süddeutschen Zeitung freilich bereits bekannt ist. Das letzte Bonmot des Peter Hacks lautet im übrigen wie folgt: Man möge ihn auf dem Französischen Friedhof neben Fontane begraben und keinesfalls auf dem Dorotheenstädtischen neben Heiner Müller, denn mit diesem habe er sich nicht soviel zu sagen, dass es für eine Ewigkeit reichen würde. Das Gesamturteil lautet: befriedigend (7 Punkte).
Wiglaf Droste & das Spardosen-Terzett
Seit du dabist auf der Welt. Liebeslieder von Peter Hacks
Kein & Aber Records / Eichborn 2008
Ca. EUR 17,00
ISBN: 978-3-0369-1406-0







