www.justament.de, 18.5.2009: Rechtswissenschaft als Gesellschaftswissenschaft
Jura-TV: HU-Professor Stefan Grundmann im Nachtprogramm bei Alexander Kluge über neue Herausforderungen in der Juristenausbildung
Thomas Claer
Prof. Dr. jur Dr. phil Stefan Grundmann, der an der Berliner Humboldt-Universität einen Lehrstuhl für Bürgerliches Recht, Deutsches-, Europäisches- und Internationales Privat- und Wirtschaftsrecht innehat, nahm die Zuschauer zu später Stunde mit auf eine abenteuerliche Reise durch die Ideengeschichte des Rechts. Unter dem Titel “Poesie des Rechts” beleuchtete er die junge deutsche Rechtswissenschaft des 18. und 19. Jahrhunderts mit “Märchenonkel” Jacob Grimm und Friedrich Carl von Savigny, veranschaulichte deren Wurzeln im Rechtsdenken der englischen Philosophen John Locke, David Hume und Adam Smith und machte deutlich, dass die zu jener Zeit praktizierte Rechtswissenschaft eine stets offene Prozedur war, zu der vor allem die Suche nach jeweils geeigneten Rechtsquellen und die kreative Auslegung der Bestimmungen gehörten. Erst nach Einführung national verbindlicher Regelwerke wie der des BGB im Jahre 1900 wandelte sich die Rechtswissenschaft zur Rechtsdogmatik und erhielt einen völlig neuen Charakter.
Die Bedeutung des Rechts für alle Lebensfelder, so Grundmann, habe seitdem extrem zugenommen mit der Folge einer immer stärkeren Beschränkung aufs Fällelösen. Hierfür sei die deutsche Juristenausbildung auch fabelhaft geeignet, doch sei das heute kaum noch zeitgemäß. In einer immer komplexer werdenden Welt komme es zunehmend auf interdisziplinäre Herangehensweisen an, auf die Betrachtung des Rechts in seinen Wechselwirkungen mit wirtschaftlichen, aber auch allgemeingesellschaftlichen Zusammenhängen. Zwar gebe es inzwischen schon reichlich hochqualifizierte Wirtschaftsjuristen, doch seien auch die, wie die aktuelle Krise zeige, nicht ausreichend in der Lage, auch die sozialen und politischen Aspekte ihrer Materie angemessen im Blick zu haben. Gefragt sei vielmehr der Rechts- als Gesellschaftswissenschaftler, der wie vor zweihundert Jahren das Recht als Bestandteil der menschlichen Gesellschaft begreift.
Und die Herausforderungen, weiß Grundmann, werden nicht kleiner. Das Fatale an der Wirtschaftskrise sei gerade ihre Dimension als Kompetenz- und Vertrauenskrise. Böser Wille, so heißt es in der paraphrasierenden Verdichtung durch Alexander Kluge, sei weit weniger schlimm als fehlendes Vertrauen infolge von Zweifeln an der Kompetenz der Akteure. Die zahlreichen Finanzbetrugs-Skandale der vergangenen Jahre waren für die Kapitalmärkte noch vergleichsweise leicht wegzustecken. Hingegen entfalteten die Verbriefung, Bündelung und Verpackung der amerikanischen Subprime-Kredite zu selbst für Experten undurchschaubaren Derivaten ein völlig neues und akut systemgefährdendes Potential. Wenn Ratingagenturen der Bank Lehman Brothers exzellente Bewertungen zubilligen und diese nur fünf Tage später in Konkurs geht, dann stehe schlicht das Grundvertrauen in unser Wirtschaftssystem auf dem Spiel.
Prof. Grundmann schwebt die Gründung einer Stiftung vor, um mittelfristig eine gezieltere Ausbildung von wirtschafts- und gesellschaftswissenschaftlich sensibilisierteren Rechtswissenschaftlern auf die Beine zu stellen. Mögen sie uns vor künftigen Krisen der aktuell erlebten Größenordnung bewahren.
Justament April 2009: Ungleiche Brüder
Recht cineastisch, Teil 2: “Buddenbrooks”
Thomas Claer
Die Erwartungshaltung anlässlich der vierten Verfilmung von Thomas Manns Roman “Buddenbrooks” (1901) war so groß, dass sie eigentlich nur enttäuscht werden konnte. Stolze 16,2 Millionen Euro kostete die hochkarätig besetzte Herstellung, für die mitproduzierende “Bavaria Film” war es das teuerste Projekt seit “Das Boot”. Und so hagelte es nach der Premiere auch reichlich Verrisse, wurden dem Film zahlreiche Mängel vorgeworfen: von der “Fernsehserien-Perspektive” der Kamera über den schwülstigen Bombast der Musik bis zur übertriebenen Inszenierung zeittypischer Details, die den damaligen Akteuren doch stinknormaler Alltag gewesen sein müssen. Auch sei bei der Straffung der sehr umfangreichen Geschichte vom Aufstieg und Niedergang der Lübecker Kaufmannsfamilie auf nur 150 Minuten allzu viel Wesentliches ausgespart geblieben.
Nun haben diese Einwände durchaus ihre Berechtigung, fallen aber angesichts der herausragenden schauspielerischen Umsetzung gar nicht sonderlich ins Gewicht. Geringe Abstriche muss man an Jessica Schwarz’ Spiel als Tony Buddenbrook machen, aber nicht unbedingt aufgrund ihrer die Romanvorlage weit übertreffenden “überirdischen Schönheit”, wie Willi Winkler in der Süddeutschen meinte. Vielmehr ist zumindest bei der jungen, 18-jährigen Tony, die sich nicht völlig unzutreffend selbst als “dumme Gans” bezeichnet, die überaus reife und charaktervolle Ausstrahlung der Darstellerin ein Störfaktor, der wohl auch mit größter maskenbildnerischer Kunst kaum zu beseitigen gewesen wäre. Vortrefflich hingegen passen sich Mark Waschke und August Diehl ihren Rollen als Thomas und Christian Buddenbrook an. Vielleicht ist die überzeugende Darstellung des ewig prekären Verhältnisses zwischen den beiden Brüdern sogar der größte Vorzug dieser Verfilmung, eskalierend im kompromittierenden Diktum des kunstinteressierten, hypochondrischen Lebemannes Christian “Eigentlich und bei Lichte besehen ist doch jeder Geschäftsmann ein Gauner.” Bruder Thomas, der sich pflichtbewusst der Firma widmet, bekennt später gegenüber Christian: “Ich bin geworden, wie ich bin, weil ich nicht so werden wollte wie du.” Schließlich stirbt Thomas Buddenbrook im Jahre 1875 mit nur 48 Jahren an den Folgen einer missglückten Zahnextraktion ohne Betäubung.
Die im Unterschied zu den eher steifen Vorläufern fast schon poppige Interpretation der Vorlage sorgt für hohen Unterhaltungswert, ohne den Stoff übermäßig zu trivialisieren. Es ist vor allem aber auch die Magie der Geschichte selbst, die den Film zu einem Ereignis macht. Langeweile wird allenfalls empfinden können, wer das Buch nicht gelesen hat.
Buddenbrooks
Deutschland 2008
Regie: Heinrich Breloer
Drehbuch: Heinrich Breloer, Horst Königstein
150 Minuten, FSK 6
Justament April 2009: Intelligente Oberfläche
Annett Louisan liefert Identifikationsmuster auf “Teilzeithippie”
Thomas Claer
Zugegeben, eine gewisse Grundsympathie des Rezensenten hat bei der Auswahl unserer “Scheiben” bislang stets eine Rolle gespielt. Das ist diesmal aber anders: Es gilt einzig, dem irritierenden Phänomen Annett Louisan auf den Grund zu gehen. Und phänomenal ist sie allemal, die 31-jährige – inzwischen nicht mehr ganz so hellblonde – Blondine, die seit ihrem Debüt “Bohème” (2005) schon mehr als eine Million Tonträger verkauft und es inzwischen sogar in die Feuilletons geschafft hat.
Stilistisch bewegt sich die Musik, auch auf ihrer nun schon vierten CD “Teilzeithippie”, konsequent zwischen poppigem Chanson und deutschem Schlager. Entscheidend und charakteristisch aber ist der allgegenwärtige Kontrast zwischen Annetts lolitahafter Stimme und den messerscharfen, stets treffenden, mitunter auch komischen Texten, die ihr ganz überwiegend Texter und Produzent Frank Ramond auf den Leib geschrieben hat. Ramond ist ein sehr versierter Texter, der es versteht, so unterschiedlichen Künstlern wie Roger Cicero, Roger Whittaker, Yvonne Catterfeld und Vicky Leandros und sogar Truckstop zuzuarbeiten. Ganz ohne Berührungsängste und sehr geschäftstüchtig ist er, was ihn mit seiner Interpretin verbindet, die ihrerseits seit Neuestem auch Werbung für Unterwäsche macht, aber dafür nicht ein einziges ihrer Lieder selbst getextet oder komponiert hat. Credibility (früher sagte man etwas pathetisch: Glaubwürdigkeit) ist heute offenbar nicht mehr ganz so wichtig. Klar, wer “weiterkommen” will, kann sich so etwas auch nicht mehr leisten. In so einer Welt spielt auch das Album, vor allem das Titelstück “Teilzeithippie”: Das coole Hippietum erledigt man nebenher, die übrige Zeit wird eifrig Karriere gemacht. Die Vereinigung solcher Gegensätze verkörpert Annett Louisan, die die Songtexte als “sehr nah an mir dran” empfindet, auch in persona. Ihr kürzlicher Umzug nach Berlin-Kreuzberg in die Oranienstraße sorgte dort für einen nochmaligen Gentrifizierungsschub.
Respekt zu zollen ist ohne Abstriche dem handwerklichen Können ihrer Begleitband und der musikalischen Qualität vieler Songs. Das weitaus stärkste Lied ist das beschwingte “Drück die 1”. Ferner ist der originelle Text des Songs “Die Siezgelegenheit” hervorzuheben: “In meinen Kreisen sagt man du”, heißt es dort, aber die “Distanz” des Siezens “macht interessant”. Im übrigen lässt sich Annett Louisan in ihren Liedtexten als puppenhafte Kunstfigur inszenieren, die bestimmten erotischen Männerträumen entsprechen mag und doch jederzeit alle Fäden in der Hand behält. Eine selbstbewusste Frau, so kommt es rüber, die sich nimmt, worauf sie gerade Lust hat, ohne Rücksicht auf Verluste. Das macht die Fans anscheinend erst so richtig scharf. Das Urteil lautet befriedigend (8 Punkte).
Annett Louisan
Teilzeithippie
Sony BMG 2008
Ca. € 17,-
ASIN: B001F4Z6NQ
Justament April 2009: One Hit Wonder?
Gabriella Cilmi präsentiert ihr bemerkenswertes Debüt
Thomas Claer
Wie kann man sich eigentlich einen perfekten Popsong vorstellen? Nun, vor allem sollte er absolut rund, in sich geschlossen sein. Eine Ohrwurmmelodie als Refrain ist natürlich ein Muss. Noch besser aber, er enthält auch einen dazu passenden weiteren Ohrwurm als Strophe. Idealerweise gibt es dann noch einen Zwischenteil mit ebenso begeisternder Melodieführung – aber bitte alles wie aus einem Guss! Und um Himmelswillen keine Längen: Keine Note, kein Part des Stückes darf überflüssig sein. Eine solche Reduktion sollte sich allerdings auch in der Instrumentierung, Rhythmisierung und Produktion des Arrangements finden. Und schließlich – ganz entscheidend: die Gesangsstimme: Wenn hier eine Kleinigkeit nicht passt, sie z.B. zu glatt oder zu steril klingt, ist der Song schon ruiniert.
Einen Volltreffer in dieser Hinsicht landete im vergangenen Sommer die damals erst 16-jährige australische Sängerin Gabriella Cilmi mit ihrem internationalen Single-Hit “Sweet About Me”, der auch durch seinen Einsatz als Werbung für ein Kosmetikprodukt nicht entwertet wurde: eine an die amerikanischen Sechziger (Retro-Welle!) erinnernde Soulpop-Nummer, gewürzt mit jazziger Gitarren-, Kontrabass- und Xylophonbegleitung. Vor allem jedoch verfügt das Mädchen von Down Under, das alle Lieder ihres Debüt-Albums zumindest mitgeschrieben und -getextet haben soll, über eine erstaunlich reife Stimme. Wie sie zu dieser in ihrem erst zarten Alter gelangen konnte, wollen wir lieber gar nicht so genau wissen. Es besteht allerdings Grund zur Annahme, dass mit den “Lessons to be learned” im Albumtitel nicht die ihrem Alter entsprechenden Schulaufgaben gemeint sind. Die übrigen Lieder der CD fallen zwar, was nicht verwundern darf, im Vergleich zu “Sweet About Me” etwas ab, lassen aber dennoch hier und da das bemerkenswerte Talent der jungen Künstlerin aufblitzen.
Wer so früh einen kommerziellen Über-Hit landet, hat es bekanntlich später meist doppelt schwer. Schnell ist dann vom “One Hit Wonder” die Rede, das schon bald in Vergessenheit zu geraten droht. Hoffen und wünschen wir, dass Gabriella ihr früher Ruhm nicht in so verhängnisvolle Eskapaden treibt wie die ebenfalls hochbegabte Amy Winehouse – oder wie die, sagen wir, nicht ganz so hochbegabte Britney Spears. Das Urteil lautet: vollbefriedigend (10 Punkte).
Gabriella Cilmi
Lessons to be learned
Island (Universal) 2008
Ca. € 17,-
ASIN: B001A72XKW
Justament April 2009: Gefährlich lebt der, der spekuliert
Anlagestrategien in der Finanz- und Wirtschaftskrise
Thomas Claer
Alles in allem, so befand schon Michel de Montaigne (1532-1592), kostet es mehr Mühe, ein Vermögen zu erhalten, als eines zu erwerben. Ein Lied davon singen können Anleger in aller Welt, deren Wertpapierdepots im zurückliegenden Horrorjahr 2008 auf dramatische Weise zusammengeschmolzen sind (siehe Grafik). Kalt erwischt wurden auch alle jene Kleinsparer, die zwecks Aufbesserung der künftigen eigenen Altersvorsorge ihr sauer Verdientes und mühsam vom Munde Abgespartes in Teilen an der Börse investiert hatten. Nach der Dotcom-Blase zur Jahrtausendwende ließ sich nun schon zum zweiten Mal innerhalb eines Jahrzehnts ein waschechter Crash der Aktienmärkte erleben. Doch allen Verschwörungstheorien zum Trotz, die hier finstere Mächte am Werk sehen, die mit raffinierten Tricks den kleinen Leuten das Geld aus der Tasche ziehen, haben wir es doch tatsächlich nur mit einer fatalen Verkettung individueller und institutioneller Fehler zum einen sowie massenpsychologischer Phänomene zum anderen zu tun. Der Verdacht, dass unser Wirtschaftssystem solche Krisen begünstigt oder gar mit Notwendigkeit hervorbringt, ist zwar alt und keineswegs unbegründet. Doch machte vielleicht gerade das auch die Stärke des modernen Kapitalismus in seiner 200-jährigen Geschichte aus, denn bisher gelang ihm nach jeder Krise – wie Phönix aus der Asche – eine noch glanzvollere Wiederauferstehung. Und bis die Globalisierung den letzten Flecken Erde erreicht hat, wird die Party vermutlich noch nicht zu Ende gehen.
Die Risiken
“Wer in den nächsten zehn Jahren Aktien kauft, muss ein Rad ab haben”, sprach Stern-Kolumnist Hans-Ulrich Jörges auf dem Bundespresseball, das Sektglass in der Hand, ins TV-Berlin-Mikrophon. In der Tat gibt es gute Gründe für eine skeptische Beurteilung der künftigen Performance-Aussichten. Pessimisten rechnen sogar damit, dass sich die derzeitige Rezession zu einer anhaltenden Weltwirtschaftskrise wie in den 1930er Jahren entwickeln könnte. Damals wurden die alten Höchststände von 1929 schließlich auch erst 1955 wieder erreicht. (In Deutschland gab es ein ähnliches Szenario schon nach 1873 mit dem großen “Gründerkrach”.) Manche Ökonomen sehen mit den aktuellen Exzessen der Finanzkrise bereits den Zyklus des Neoliberalismus zu Ende gehen, der Anfang der achtziger Jahre mit Maggie Thatcher und Ronald Reagan begonnen hatte. Zunehmende staatliche Interventionen könnten dauerhaft die Unternehmensgewinne drücken und dadurch auch Aktionären die Freude an ihren Investments vergällen. Und niemand vermag mit letzter Sicherheit zu sagen, ob eine Aktie hoch oder niedrig bewertet ist. Denn nicht immer verwandelt die Zeit die Verluste in Gewinne: Wer sich vor zehn Jahren am Neuen Markt oder bei der Deutschen Telekom engagierte oder vor knapp dreißig Jahren in Japan, wird mutmaßlich noch für alle Ewigkeit auf Verlusten sitzen. Ein ähnliches Schicksal droht nun möglicherweise auch jenen, die vor anderthalb Jahren Bank- oder Automobilaktien erwarben.
Die Chancen
Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Ein Blick in die Historie zeigt, dass Vermögen vielfach in der Krise gemacht wurden. Investment-Legende Warren Buffett, zur Zeit der reichste Mann der Welt neben Bill Gates, schrieb schon im letzten November in einer Kolumne für die Washington Post: “Kauft Aktien, Leute! Wann, wenn nicht jetzt?” Sein Motto war stets: “Sei vorsichtig, wenn alle gierig sind, aber sei gierig, wenn alle Angst haben!” Zwar habe er keine Ahnung, wie die Kurse in einem oder zwei Jahren stünden, doch wisse er, dass Aktien derzeit einfach sehr billig seien. Er gilt als Fundamentalanalytiker und bewertet die Unternehmensanteile aufgrund von Kennziffern wie Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV), Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV), Verschuldungsgrad des Unternehmens und Dividenden-Rendite. Wer diesem Ansatz folgt, muss derzeit verwundert feststellen, dass gemäß Bloomberg global betrachtet über 2000 Unternehmen im Börsenwert unter den Barmitteln der jeweiligen Gesellschaft liegen. “Das ist der achtfache Wert wie gegen Ende des letzten Bärenmarktes im Jahre 2002”, staunt auch der Frankfurter Börsenbrief und ergänzt: “Bei den Gesellschaften aus dem MSCI World Index wurde per Ende November jeder Dollar Nettovermögen nur mit 1,17 Dollar Börsenwert bezahlt. Seit mindestens 1995 gab es nie einen niedrigeren Bewertungsstand. Bei etwa vier von 10 Werten sind die liquiden Mittel größer als der Börsenwert und die Schulden zusammengerechnet.”
Ein unter Wirtschaftswissenschaftlern hochgeschätzter Indikator ergibt sich ferner aus der KGV 10-Methode. Sie berücksichtigt nicht die weit verbreiteten KGV-Schätzungen auf der unsicheren Basis künftiger Unternehmensgewinne, sondern misst für ein Unternehmen (oder für ganze Indizes) das durchschnittliche KGV der vergangenen 10 Jahre aufgrund der aktuellen Börsenbewertung und der in diesem Zeitraum tatsächlich erzielten Nettogewinne der Unternehmen (näheres unter http://www.antizyklisch-investieren.de). Demnach müsste der DAX derzeit entsprechend seiner langjährigen Durchschnittsbewertung bei ca. 6300 Punkten stehen. Zum Jahreswechsel notierte er aber bei nur 4800 Punkten (und Anfang März sogar nur noch bei 3600), was eine signifikante Unterbewertung anzeigt – oder aber die Einpreisung einer langjährigen Weltwirtschaftskrise!
Zumindest in der vergleichsweise jungen bundesrepublikanischen Wirtschaftsgeschichte waren aber Rezessionsjahre besonders gute Börsenjahre: Im Verlauf von 1967 stieg der DAX um 49%, 1975 um 40%, 1982 um 14%, 1993 um 47% und 2003 um 37%. Zuvor waren die Kurse – genau wie jetzt – jeweils in Erwartung der Rezession empfindlich eingebrochen.
Grafik:
FTSE (England) -31 %
Dow Jones (USA) -34 %
Kospi (Südkorea) -38 %
DAX (Deutschland) -40 %
Bovespa (Brasilien) -41 %
Nikkei (Japan) -42 %
Hang Seng (Hongkong) -48 %
Sensex (Indien) -52%
ATX (Österreich) -60 %
Shanghai Composite (China) -65 %
RTS (Russland) -72 %
Wertentwicklung wichtiger internationales Indizes 2008 (Quelle: Süddeutsche Zeitung)
Justament Dez. 2008: UFOs über Bielefeld
Best of Jurastudium, Teil 5
Thomas Claer
Es gibt im Menschenleben Augenblicke, in denen entscheidet sich das eigene Schicksal. Jetzt umkehren oder doch den eingeschlagenen Weg fortsetzen? Lieber ein Ende mit Schrecken oder besser Augen zu und durch? Diese Fragen stellen sich dann – und niemand nimmt sie einem ab.
Der Tiefpunkt
Es muss wohl im vierten oder fünften Semester gewesen sein und war der Tiefpunkt meiner juristischen Karriere. Niemals hätte ich geglaubt, durch eine Hausarbeit fallen zu können. Eine gewisse Rest-Arroganz aus gymnasialen Tagen hatte sich bei mir noch erhalten. Wer nicht ganz blöd ist und vernünftig arbeitet, der muss es doch irgendwie schaffen, nicht zu den dreißig oder vierzig Prozent Losern zu gehören, dachte ich, zumal es bei den kleinen Scheinen ja auch irgendwie geklappt hatte. Aber weit gefehlt! Diesmal waren es nicht einmal 15 Prozent der insgesamt vielleicht fünfhundert Teilnehmer, die das Klassenziel nicht erreicht hatten, und unter meiner großen Hausarbeit im Zivilrecht stand: mangelhaft (2 Punkte). Was es noch schlimmer machte: Ich hatte viereinhalb Wochen lang wirklich mein Bestes gegeben. Da tröstete es wenig, dass zwei Kommilitonen aus meiner Lerngruppe, in der wir uns nach langer Diskussion auf einen gemeinsamen Lösungsweg geeinigt hatten, das gleiche Schicksal ereilt hatte. Genau genommen waren es jene beiden, die wie ich zur ersten Hälfte der zweigeteilten Übung (Nachnamens-Buchstaben A-K) gehörten. Die beiden anderen Mitstreiter, die unter L-Z fielen, lagen mit jeweils 5 Punkten über dem Strich. Ich glaubte zuerst an ein Missverständnis, was sich doch sicherlich noch irgendwie aufklären lassen würde. In der Fallbesprechung vor Rückgabe der Arbeiten hatten wir doch alle mit großer Befriedigung festgestellt, im Ergebnis exakt die Musterlösung des Falles getroffen zu haben. Doch stand unter meiner Arbeit (wie unter denen meiner Leidensgenossen) etwas von schwerwiegenden Mängeln im Aufbau. Tatsächlich, die Punkte drei und vier der Prüfung des entscheidenden Anspruchs – es war irgendwas mit einer Hypothek – hatten wir andersherum bearbeitet, als es in der offiziellen Musterlösung stand. Aber unser Prüfungsschema hatten wir uns doch nicht ausgedacht, sondern auch nur irgendwo angelesen! Noch am selben Abend schrieb ich, wie meine zwei unglücklichen Mitstreiter, ein ausführlich begründetes Bittgesuch an den Dozenten, der für die Buchstaben A-K verantwortlich war. Mit dieser Methode hatte ich früher bei einer “kleinen” BGB-Klausur schon einmal Erfolg gehabt. Doch nach einer Woche kam das niederschmetternde Ergebnis: Es bleibe dabei wegen schwerer Mängel im Aufbau. Unsere Prüfung sei unlogisch. Fand ich nicht, aber das half ja nun auch nicht mehr.
Die Zweifel
Bevor ich mir den neuen Sachverhalt für die Wiederholer abholte, kamen mir sehr grundsätzliche Zweifel, ob ich mir das überhaupt noch antun sollte. Ich war auch einfach wütend. Was ist das für eine merkwürdige Wissenschaft, fragte ich mich, für die man wegen einer blöden Abweichung vom Schema F mehrere Wochen umsonst gearbeitet hat? Damals kam es mir noch nicht in den Sinn, dass es sich bei der juristischen Ausbildung auch um ein mentales Training handeln könnte, um die Vermittlung von Härte im Nehmen, von Steher- und Wiederaufsteher-Qualitäten. Das Jurastudium, so sehe ich es heute, lehrt einen, die Kontingenz und Absurdität der Welt zu ertragen. Wer sich von solchen Dingen (die wohl jeder Jurist in ähnlicher oder schlimmerer Form schon erlebt haben wird) nicht entmutigen lässt, wer da durchkommt, den wirft so schnell nichts mehr um. Dass aber das Studium der Rechte, wie böse Zungen sagen, den Charakter verdirbt, dass es egoistisch und verschlagen mache, wer wollte da widersprechen? Schon weil niemals alle bestehen können und es immer Lerngruppen gibt, die anderen deshalb wichtige Informationen vorenthalten und die entscheidenden Bücher in der Bibliothek verstecken oder wichtige Seiten herausreißen. Und dann werden die jeweils hübschesten Mädchen zum Spionieren in die anderen Gruppen geschickt. Perfide! Zum Intriganten wird man im Jurastudium also auch ausgebildet.
Schade um die schönen Scheine
Ich glaube, ich fand es letztlich nur schade und verschwenderisch, meine bereits erworbenen Scheine einfach verfallen zu lassen. Viele andere Semester-Kollegen, mit denen wir das Studium begonnen hatten, waren schließlich schon auf der Strecke geblieben. Nur deshalb machte ich wohl damals überhaupt noch weiter.
Die Nachschreibe-Arbeit schrieben wir also zu dritt, parallel zu den regulären Lehrveranstaltungen. Verbunden mit dem ständigen Gedanken, sich keinen weiteren Fehltritt mehr erlauben zu können, brachte mich das am Abend vor dem Abgabetermin in einen Zustand völliger Erschöpfung. Und auf dem Weg von der Bibliothek ins Wohnheim, es war ein Uhr nachts (In Bielefeld sind die Öffnungszeiten vorbildlich extensiv!), da bemerkte ich am Himmel drei kleine Lichtpunkte, die sich in Zickzacklinien bewegten. War es eine Sinnestäuschung infolge der Überanstrengung oder eher eine Spätfolge meiner ausgiebigen Lektüre der Bücher des Erich von Däniken in Teenagertagen? Ich weiß es bis heute nicht mit Bestimmtheit zu sagen. Schnell ging ich ins Wohnheim und schlief sofort ein. In der Hausarbeit bekam ich 10 Punkte. Es gibt eben Dinge zwischen Himmel und Erde, die gibt’s gar nicht.
www.justament.de, 30.3.2009: Es muss auch mal gut sein
Phantom Ghost auf ihrem zwiespältigen vierten Album
Thomas Claer
Irgendwann in den Neunzigern kam das auf: Eine Reihe mehr oder weniger etablierter Bands wollte mal was ganz Anderes machen und dabei auch noch ihr gesamtes Umfeld samt Fangemeinde verstören, wenn nicht gar schockieren. Dabei muss das Verstörendste, der schlimmste auslösbare Schock für jede Band, die etwas auf sich hält, immer der Flirt mit dem Seichten, der Oberfläche sein. Was hier aber noch Ironie und was schon blinde Adaption des hohlen Pathos ist, das hält man bewusst in der Schwebe. Solche Platten hießen dann „Hauptsache Musik“ oder „Old Nobody“.
Begreiflich ist es schon, wenn eine erfolgreiche Band mit großer Fangemeinde so etwas tut. Denn die Verzückung der Anhängerschar über jedes noch so ausgefallene Werk ihrer Lieblinge braucht manchmal auch ungewöhnliche Nahrung. Die Protagonisten zeigen damit schließlich auch, dass sie sich nicht auf die ewig gleiche Rolle festlegen lassen wollen.
Aber: Man muss es in aller Deutlichkeit sagen: Es muss dann auch irgendwann mal gut sein. Und wenn ein Nebenprojekt, um dass sich niemand kümmern würde, gebe es das überaus erfolgreiche Hauptprojekt nicht, wenn also das elektronische Freakprojekt „Phantom Ghost“ des Tocotronic-Sängers Dirk von Lowtzow und des Keyboarders Thies Mynther, von dem ohne den Erfolg von „Tocotronic“ keiner Notiz genommen hätte, nun auf seinem vierten Album plötzlich auf Nur-Stimme-und-Klavier-mit-Operetten-und-Musicalsongs macht, dann ist die Grenze des Erträglichen, sagen wir, zumindest über weite Strecken, überschritten.
Es ist, das ist einzuräumen, nicht alles schlecht auf der CD. Das stimmliche Zusammenwirken Dirk von Lowtzows mit der Berliner Künstlerin Michaela Meise in einigen Stücken kann schon eine gewisse Attraktivität entfalten. Und das eine oder andere Lied lässt sich auch durchaus hören. Doch verlieren sich so viele andere eben leider in Albernheiten und Belanglosigkeiten. Missraten ist die im Ansatz ambitionierte Literaturvertonung “The Process (after Brion Gysin)“. Hier haben die heute leider fast vergessenen „Kastrierten Philosophen“ in den Neunzigern weit Besseres geleistet. Und auch das Stück „Meshes of the Afternoon“, wohl vom gleichnamigen surrealistischen Film inspiriert, kann nur enttäuschen.
“Thrown Out Of Drama School” ist daher wohl nur etwas für alle jene Hardcore-Tocotronic-Fans, die um keinen Preis der Welt einen Ton ihres Dirk von Lowtzow versäumen möchten. Das Urteil lautet: ausreichend (6 Punkte).
Phantom Ghost
Thrown Out Of Drama School
Dial (rough trade) 2009
Ca. € 17,-
ASIN: B00260YMXS
www.justament.de, 23.3.2009: Mensch bleiben!
Nietzsche ist ein verkannter Rechtsphilosoph, findet Jens Petersen
Thomas Claer
Wie der Leibhaftige persönlich muss uns guten, anständigen Juristen der Philosoph Friedrich Nietzsche (1844-1900) vorkommen. Denn nahezu alles, was uns lieb und teuer ist, wozu man uns jahrelang – gleichsam mit Zuckerbrot und Peitsche – erzogen hat, wurde von diesem Denker aufs Entschiedenste abgelehnt: Nietzsche befürwortete ausdrücklich eine Rangordnung und Ungleichheit der Menschen vor dem Gesetz, der Staat war für ihn „das kälteste aller kalten Ungeheuer“ und eine „organisierte Unmoralität“, staatliches Strafen war in seinen Augen nichts Anderes als Rache und jede Strafzumessung willkürlich. Hinzu kommt seine Auffassung, dass „es kein Recht gibt, das nicht in seinem Fundamente Anmaßung, Usurpation, Gewalttat ist“. Und schließlich beruhten alle Systeme, ob die seiner philosophischen Kollegen Kant und Hegel oder das der Rechtsdogmatik, auf einem „Mangel an Rechtschaffenheit“.
Es verwundert nicht, dass Rechtsgelehrte die längste Zeit einen großen Bogen um diesen Philosophen machten, zumal der sich aufgrund seiner unsystematischen und aphoristischen Darstellungsweise auch jeder geordneten Untersuchung zu entziehen schien. Doch spätestens seit den Wendejahren vor zwei Jahrzehnten gilt der einst von den Nazis instrumentalisierte Nietzsche als nicht mehr allzu sehr politisch anrüchig und wird inzwischen weltweit als der große Theoretiker und Prophet der Moderne („Gott ist tot!“) geschätzt und verehrt. So kam es, dass sich ihm eines Tages auch die Juristen nicht mehr länger verweigern konnten. Mit besonderer Gründlichkeit hat sich nun Jens Petersen, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Historischen Institut in Rom, des Themas angenommen und aus Nietzsches umfangreichem Gesamtwerk so ziemlich alles zusammengetragen, was sich im juristischen Kontext verwerten lässt. Und siehe da: Die Gedanken des Systemverweigerers Nietzsche zu Recht und Gerechtigkeit erweisen sich als erstaunlich systematisch. Vor allem aber setzt der Verfasser viel daran, Nietzsche als Rechtsphilosophen zu etablieren, der bei aller ätzenden Kritik am Bestehenden durchaus eine konstruktive Vorstellung von Gerechtigkeit hatte. Die entscheidende Passage aus „Menschliches; Allzumenschliches“ lautet: „Es gibt freilich auch eine ganz andere Gattung der Genialität: die der Gerechtigkeit … Ihre Art ist es, mit herzlichem Unwillen allem aus dem Weg zu gehen, was das Urteil über die Dinge blendet und verwirrt; sie ist folglich eine Gegnerin der Überzeugungen, denn sie will jedem, sei es ein Belebtes oder Totes, Wirkliches oder Gedachtes, das Seine geben – und dazu muss sie es rein erkennen; sie stellt daher jedes Ding in das beste Licht und geht um dasselbe mit sorgsamem Auge herum.“ Das ist zwar, wie auch der Verfasser erkennt, „keine auf das Recht selbst bezogene inhaltliche Idee der Gerechtigkeit“, aber doch eine „Erscheinungsform juristischer Urteilskraft“. Letztere wiederum hält Nietzsche für ganz entscheidend, denn „die schrecklichsten Leiden sind gerade aus dem Gerechtigkeitstriebe ohne Urteilskraft über die Menschen gekommen“. Doch dürfe andererseits, so Nietzsche, der Gerechte kein „kalter Dämon der Erkenntnis“ sein, der eine „eisige Atmosphäre einer übermenschlich, schrecklichen Autorität“ ausbreite. Erst dadurch, dass er „ein Mensch ist, … stellt ihn dies alles in eine einsame Höhe hin, als das ehrwürdigste Exemplar der Gattung Mensch“. Ganz Ähnliches verlangte einst auch Adolf Tegtmeier (Jürgen von Manger) als Schwiegermuttermörder von seinem Richter: „Man muss doch irgendwie, äh, Mensch bleiben, näch?“
Jens Petersen
Nietzsches Genialität der Gerechtigkeit
De Gruyter Recht, Berlin 2008
251 Seiten, EUR 48,00
ISBN 978-3-89949-473-0
Justament Dez. 2008: Action, Blut, Dramatik
Recht cineastisch, Teil 1: Der Baader Meinhof Komplex
Thomas Claer
Dieser Film ist ein Erlebnis, wenn auch ein beklemmendes. Die Befürchtung, hier werde etwas zwecks Kommerzialisierung ins Hollywoodeske überführt, ist jedenfalls gänzlich unbegründet. Das wäre auch gar nicht nötig gewesen, denn der zugrunde liegende reale Stoff sorgt bereits für genug Action, Blut und Dramatik. So ist der “Baader Meinhof Komplex” fast ein Dokumentarfilm geworden – nur eben besetzt mit hochkarätigen Schauspielern, die ihre Rollen wirklich glänzend spielen. Martina Gedeck gibt eine sehr berührende Ulrike Meinhof, Moritz Bleibtreu – vermutlich in seiner ersten Macho-Rolle – spielt einen erschreckend primitiven und dabei irgendwo doch charismatischen Andreas Baader. Der Film zeigt die Geschichte der Roten Armee Fraktion von ihren Wurzeln in der Studentenbewegung und dem Tod Benno Ohnesorgs im Sommer 1967 bis zum Tod der Top-Terroristen in Stammheim in den späten Siebzigern.
Ist der mitunter erhobene Vorwurf eines versteckten Sympathisantentums mit den Terroristen berechtigt? Ich jedenfalls konnte davon nichts erkennen. Die politischen Motive der Protagonisten erscheinen im Film wirrer und abstruser denn je. Hier haben vielmehr labile Charaktere ihre psychischen Probleme auf die Gesellschaft projiziert. Nur reichlich euphemistisch kann von einem fehlgeleiteten Idealismus die Rede sein. Das muss die Empathie des Zuschauers gegenüber diesen Leuten aber noch nicht vermindern. Etwas Anderes ist allerdings der damit verbundene Revolutions-Chic. Der wird durch die Gewaltexzesse nur noch verstärkt. Es wirkt natürlich schon irgendwie cool, wie die jungen Wilden mit Pistolen in der Hand durch die Stadt fahren und um sich knallen – ohne schlechtes Gewissen, weil im Dienste der Weltrevolution. Das weckt vermutlich, ganz ohne dass die Filmemacher es beabsichtigt haben müssen, bei Manchem den großen Traum vom Abenteuer. Es wäre scheinheilig, dies anzuprangern. Das Leben und die Kunst bestehen nicht nur aus politischer Korrektheit.
Der Bader Meinhof Komplex
Deutschland 2008
Regie: Uli Edel, Drehbuch: Bernd Eichinger
150 Minuten
FSK 12
Justament Dez. 2008: Madame zum Dritten
Carla Bruni auf ihrer gelungenen CD “Comme Si de Rien N’Etait”
Thomas Claer
Als an dieser Stelle Carla Brunis zweite CD “No Promises” von 2006 besprochen wurde, konnte noch niemand ahnen, dass hier die künftige französische “premier madame” ihre Aufwartung machte. Mit der Unbefangenheit im Urteil ist es nun also vorbei. Man muss der medialen Betrachtung der Künstlerin als “absolut unmögliche Person” (Claus Koch) eingedenk sein, die angeblich “dünne Liedchen” (Alex Rühle) bei “Wetten, dass …” trällert. Und schließlich gibt die Bruni auch durch ihre in zahlreichen Interviews vorgeführte Laszivität und entsprechende Songtexte (von ihren 30 Liebhabern ist in “Je suis une enfant” die Rede) genug Anlass zur Skepsis. Ferner mag man das Coverfoto der CD, auf dem sie in damenhaftem Kostüm vor einem See stolziert, für diesmal wenig gelungen halten. Doch allen Unkenrufen zum Trotz muss klipp und klar gesagt werden: Auch das neue Album ist grandios! Und das verdient umso größere Beachtung, als hier unter äußerst erschwerten Bedingungen gearbeitet wurde. Wenn es stimmt, dass Carla ihren Gatten mitunter nachts weckt, um ihm die ihr gerade zugeflogenen neuen Melodien vorzuspielen, und der Präsident hierüber keineswegs erbost ist, sondern stets sehr angetan, dann ist Monsieur Sarkozy als ein wirklich ganz besonderer Förderer der Kunst zu würdigen…
“Comme Si de Rien N’Etait” (dt: “Als ob gar nichts geschehen wäre”) knüpft nach den Ausflügen der englischsprachigen Vorgänger-CD in Country- und Rockgefilde wieder an den Chanson-Stil des Erstlings “Quelqu’un M’a Dit” an, bereichert diesen aber durch allerhand Violinen-, Cello-, Flöten- und Keyboard-Klänge. Wenn auch der Zauber des kargen Debüts nicht ganz erreicht wird, überproduziert wirkt das Werk trotz dieser Opulenz keinesfalls, vielmehr durchweg sehr dezent und stimmig arrangiert. Carla Bruni stellt sich so in die Tradition der großen Chansonnieren Édith Piaf und Juliet Gréco, wobei ihre zarte und deutlich weniger voluminöse Stimme den Liedern nicht abträglich ist, sondern ihnen sogar einen besonderen Charme verleiht. So ganz aus dem Hut gezaubert ist das wunderbare Songwriting der Vierzigjährigen allerdings nicht: Sie genoss eine klassische musikalische Ausbildung und ihre Mutter war Konzertpianistin. Das Gesamturteil lautet: voll befriedigend (12 Punkte).
Carla Bruni
Comme Si de Rien N’Etait
Ministry O (edel) 2008
Ca. EUR 17,00
ASIN: B001AY2P26
