Justament Dez. 2008: Alles ist flüchtig

Montaignes Essais für kurz Angebundene nebst Reisetagebüchern

Thomas Claer

Cover MontaigneDa hatte einer – ein Jurist – mit Ende dreißig schon genug vom Lärm der Welt, hängte nach dem Tode seines Vaters den ungeliebten Job als “Parlementsrat” in Bordeaux an den Nagel, zog sich, ausgestattet mit einem auskömmlichen Erbe, zurück in sein Schloss in der Dordogne, legte dort im Turmzimmer eine für damalige Verhältnisse sehr umfangreiche Bibliothek an, las und las und begann schließlich zu schreiben – was und worüber er wollte, über alles und nichts, aber immer zugleich auch über sich selbst. Diese Versuche, die “Essais”, deren erste beiden Bände zehn Jahre später, im Jahre 1580, erschienen, markierten, so sehen es heute viele, den Beginn der modernen Subjektivität. Ohne wissenschaftliche Systematik vorgehend, nur durch Intuition, Reflexion und Verstand stieß Michel de Montaigne (1533-1592) auf Erkenntnisse über die menschliche Seele, die seiner Zeit weit voraus waren: Unser Selbst ist keine feste Größe, sondern von flüchtiger, widersprüchlicher Natur. Widersprüchlich sind auch unsere Ansichten aller Dinge, je nachdem, von welcher Seite wir sie betrachten. Und ob wir etwas als Wohltat oder Übel empfinden, wird nicht von den Dingen selbst, sondern von unserer Einstellung zu ihnen bestimmt. Bei Montaigne mischt sich radikale Skepsis mit Stoizismus als Lebenshaltung und darüber hinaus ganz ausdrücklich mit einer Bejahung aller Sinnesfreuden. Vollkommen unideologisch, gänzlich frei von Rechthaberei, wenn auch mit Freude am Disput und an der Polemik, tritt er uns als freier Geist entgegen, nicht immer ganz frei von Eitelkeit, doch immer mit augenzwinkerndem Understatement.
Die Essais wurden nach ihrer Publikation ein überraschender Erfolg, das heißt, es gab viel Lob aus belesenen Kreisen – Bestseller im heutigen Sinne kannte man damals noch nicht. Ihr Autor genoss fortan ein solches Renommee, dass nicht einmal die katholische Kirche es wagte, seine Schriften auf den Index zu setzen. (Das tat sie erst hundert Jahre später). Montaigne ließ sich daraufhin zu einem fulminanten beruflichen Comeback als Bürgermeister von Bordeaux (1582-1585) überreden. Wiederholt vermittelte er in seinen letzten Lebensjahren als “Elder Statesman” zwischen den Streitparteien der Religionskriege seiner Zeit. Sein Terminkalender erlaubte ihm gerade noch die Veröffentlichung eines dritten Bandes seiner Essais (1588).
“Dass ein solcher Mann wie Montaigne geschrieben hat, dadurch ist die Lust, auf dieser Erde zu leben, vermehrt worden”. Also sprach Friedrich Nietzsche (1844-1900) – und wie er wurden zahlreiche andere vom Begründer der Essayistik beeinflusst. Anziehend machte Montaigne aber nicht zuletzt auch die implizite Unterweisung seiner Leser in Fragen der Lebenstechnik, was ihn – leider – auch zum Vorläufer der Ratgeberliteratur unserer Tage  à la “Sorge dich nicht, lebe!” macht. Auf einen solchen Markt scheint der hier besprochene Auswahlband ein wenig zu schielen, wie schon der Titel “Von der Kunst, das Leben zu lieben” ahnen lässt. Selbst das Vorwort des verdienstvollen Übersetzers Hans Stilett ist nicht ganz frei von solcher Tendenz. Dennoch werden all jene, die vielleicht dreihundert Seiten, aber nicht über eintausendsiebenhundert Seiten Essais bewältigen können, weil ihre Lebensumstände ihnen mehr nicht gestatten, kaum um eine solche Kurzfassung herumkommen. Es sei hier versichert, dass es sich lohnt. Cover Montaigne TagebuchGleichermaßen lohnt sich das “Tagebuch einer Reise durch Italien, die Schweiz und Deutschland in den Jahren 1580 und 1581”, die Montaigne als Individualreisender auf dem Pferde unternahm. Besonders lobend äußert er sich darin über die rustikale (süd-)deutsche Küche, wo im Gasthaus alle aus einem gemeinsamen Topf deftige Reissuppe löffeln. Allerdings versteht es sich, dass Montigne nicht wirklich allein, sondern stets “mit seinem Gefolge” unterwegs war. Für einen Edelmann dieser Zeit waren ein paar Diener eben unterster Standard.

Michel de Montaigne
Von der Kunst, das Leben zu lieben
Deutscher Taschenbuch Verlag München 2007
300 Seiten, EUR 9,50
ISBN 978-3-423-13618-1

Michel de Montaigne
Tagebuch einer Reise durch Italien, die Schweiz und Deutschland in den Jahren 1580 und 1581
Insel Verlag Frankfurt am Main 1988
366 Seiten, EUR 10,00
ISBN 3-458-32774-6

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