justament.de, 1.6.2026: Für so’n richtig verschärftes Leben
Recht cineastisch Spezial: Vor 50 Jahren erschien “Nordsee ist Mordsee” von Hark Bohm
Thomas Claer
“Ich träume oft davon / Ein Segelboot zu klau’n / Und einfach abzuhau’n”. So wild und romantisch textete damals, vor einem halben Jahrhundert, der junge Udo Lindenberg, dessen 80. Geburtstag wir vor wenigen Wochen feiern konnten. Allerdings ist dieser Song, den man wohl als einen seiner stärksten bezeichnen kann, auf keinem regulären Lindenberg-Album enthalten, nur auf dem Soundtrack zum Jugendfilm “Nordsee ist Mordsee” von Hark Bohm und später als Eröffnungslied auf der CD “Raritäten und Spezialitäten” (1998). Doch ist “Nordsee ist Mordsee”, der vierte Film des großen Hamburger Regisseurs und Drehbuchautors Hark Bohm (1939-2025), weit mehr als nur ein Udo-Lindenberg-Musikfim, sondern ebenso ein packendes Sozialdrama und zugleich die Geschichte einer wunderbaren Freundschaft, wie sie wohl nur Jugendliche untereinander schließen können.
Der 14-jährige Uwe (Uwe Enkelmann), der regelmäßig von seinem zumeist alkoholisierten Vater geschlagen wird, ist der Anführer einer gefürchteten Jugendbande in der Hamburger Hochhaussiedlung Wilhelmsburg. Mit seinen Kumpanen knackt er Spielautomaten und verprügelt Mitschüler. Zu ihren Opfern zählt auch der gleichaltrige asiatischstämmige Dschingis (Dschingis Bowakow). Doch später befreunden sich die beiden Jungen, reißen von zu Hause aus und segeln mit einem kleinen Boot auf der Elbe in Richtung Nordsee. Insofern ist diese herzergreifende Geschichte auch ein Vorläufer von Wolfgang Herrndorfs Roman “Tschick” (2010), für dessen Verfilmung (2016) durch Fatih Akin niemand anders als Hark Bohm das Drehbuch verfasste. Darüber hinaus ist auch noch bemerkenswert, dass es sich bei den beiden Hauptdarstellern um die Adoptivsöhne des Regisseurs handelt.Wer sich “Nordsee ist Mordsee” noch einmal – oder auch erstmalig – anschauen möchte, kann den Film übrigens in voller Länge auf YouTube finden.
Nordsee ist Mordsee
BRD 1976
87 min; FSK: 12
Regie/Drehbuch/Produktion: Hark Bohm
Musik: Udo Lindenberg
Darsteller: Uwe Enkelmann (Uwe Schiedrowsky), Dschingis Bowakow (Dschingis Ulanow) u.v.a.
justament.de, 29.5.2023: Einfach nur zusammen sein
Scheiben Spezial: Vor 50 Jahren gelang Udo Lindenberg der Durchbruch mit “Alles klar auf der Andrea Doria”
Thomas Claer
Im Frühjahr 1973, in einem Alter, in dem andere legendäre Popstars schon drauf und dran waren, sich mittels Überdosis oder Schrotflinte in die ewigen Jagdgründe des Musikerhimmels zu befördern, hatte der Sänger und Schlagzeuger Udo Lindenberg gerade erst seinen ganz großen Wurf gelandet. Und entgegen aller Wahrscheinlichkeit, trotz fortwährender Alkohol- und Nikotinexzesse, weilt er sogar heute noch unter uns und hat gerade erst seinen 77. Geburtstag würdevoll begangen – bei bester Gesundheit, nach allem, was man weiß.
Damals, vor 50 Jahren, hatte der Panikrocker im Frühstadium immerhin schon ein beachtliches Frühwerk mit kleinen Hits wie “Hoch im Norden” und “Candy Jane vorgelegt, dem er nun mit “Alles klar auf der Andrea Doria” sein ultimatives Meisterwerk folgen ließ. Auf dieser Platte stimmte einfach alles, jeder Song ein Volltreffer!
Vor allem aber widmete sich der junge Lindenberg in seinen Songtexten mit viel Chuzpe, Naivität und gesundem Menschenverstand auch heiklen politischen Fragen wie den innerdeutschen Beziehungen: Wenn man sich innerhalb ein und derselben Stadt nicht frei bewegen darf und der westliche Besucher seine östliche Geliebte hinter Mauern eingesperrt zurücklassen muss, dann ist etwas ganz grundsätzlich nicht in Ordnung. “Wir woll’n doch einfach nur zusammen sein”, heißt es im Song “Mädchen aus Ost-Berlin”, mit dem die sehr spezielle Beziehung zwischen dem “kleinen Udo” und der seitdem immer größer werdenden Zahl seiner Fans in der Deutschen Demokratischen Republik ihren Anfang nahm. Immer wieder gab es fortan DDR-Bezüge in den Lindenberg-Songs, kulminierend im “Sonderzug nach Pankow”, der 1983 sogar für eine Art kleine deutsch-deutsche Staatsaffäre sorgte. Wenn sich in 40 Jahren deutscher Teilung dann doch noch so viel Verbindendes zwischen Ost- und Westdeutschen erhalten hat, dann ist das nicht zuletzt solchen unermüdlichen Brückenbauern wie Udo Lindenberg zu verdanken.
Weiterhin finden sich auf der “Andrea Doria”-Platte epochale Songperlen wie das zarte Liebeslied“ Cello”, das fast schon existentialistische “Er wollte nach London” oder das melancholische “Nichts haut einen Seemann um”. Und wie radikal modern war seinerzeit der Text von “Ganz egal”: “Und wieso auch nicht / Es ist doch ganz egal / Ob du ein Junge oder ‘n Mädchen bist”. Kurzum, diese Platte und ihr Nachfolger “Ball Pompös” (1974) sind das Beste, was Udo Lindenberg jemals geschaffen hat. Das Urteil lautet: sehr gut (16 Punkte).
Udo Lindenberg & das Panikorchester
Alles klar auf der Andrea Doria
Telefunken/ Warner 1973
ASIN: B000069K14
www.justament.de, 16.5.2016: Uns Udo wird 70
Scheiben vor Gericht Spezial
Thomas Claer
Rockmusik in deutscher Sprache, das musste man sich erst mal trauen. Udo Lindenberg gehörte in den frühen Siebzigern zu den ersten, die sich daran versuchten. Zum einen bereicherte er mit den Texten seiner mitreißenden Songs die deutsche Sprache als origineller Sprücheklopfer („Alles klar auf der Andrea Doria“, „Die Rock’n‘ Roll-Gespenster sind weg vom Fenster“). Im Kosmos der Lindenberg-Texte war immer irgendwie „alles easy“, auch noch, als irgendwann niemand mehr so sprach wie er und schon gar nicht die Jugend.
Aber zum anderen war da auch noch der empfindsame junge Mann mit den langen Haaren und zunächst noch ohne den später obligatorischen Hut, der seine Irritation über diese Welt auf anrührende Weise besang: „Du spieltest Cello/ in jedem Saal in unserer Gegend / ich saß immer in der ersten Reihe/ und ich fand dich so erregend“. Unglaublich schöne, poetische, zärtliche, romantische Songs sind in diesen frühen Jahren entstanden: „Ich träume oft davon, ein Segelboot zu klau‘n“ etwa oder „Bitte keine Love-Story“. Und natürlich auch das berühmte „Mädchen aus Ost-Berlin“ (1973), das die zwischenmenschliche Seite der deutschen Teilung aus westlicher Sicht beschreibt.
Vielleicht war das Bemerkenswerteste an Udo Lindenbergs späteren Schaffensperioden, die in künstlerischer Hinsicht längst nicht mehr mit seinem überwältigenden Frühwerk mithalten konnten, sein unablässiges Engagement für seine vielen Fans in der DDR. Zu einer Zeit als sich die westdeutsche Jugend schon lange nicht mehr für ihre ostdeutschen Altersgenossen interessierte und Kritik an den Zuständen im Realsozialismus mitunter als entspannungsfeindliche Hetze verpönt war, forderte er unverdrossen eine „Rock’n‘ Roll-Arena in Jena“, wollte mit dem „Sonderzug nach Pankow“ zu Erich Honecker fahren, der ihn jahrelang nicht in der DDR auftreten ließ, und veralberte den notorisch humorlosen Staats- und Parteichef später erneut in „Der Generalsekretär“.
Nach der Wiedervereinigung fiel Udo Lindenberg dann in eine tiefe Schaffenskrise, aus der er sich erst 2008 mit dem fulminanten Comeback-Album „Stark wie zwei“ befreite. Seitdem ist er wieder obenauf, tourt unablässig und füllt ganze Stadien, woran früher nicht zu denken war. Es sei ihm von Herzen gegönnt. Besonders hoch anzurechnen ist ihm ferner sein beharrlicher Einsatz gegen Rechtsextremismus, insbesondere in Ostdeutschland. Am 17. Mai feiert der große Udo Lindenberg seinen 70. Geburtstag. Prostata!


