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justament.de, 27.9.2021: Kurt Cobain der Oberstufe?

Scheiben Spezial: 30 Jahre „Nevermind“ von Nirvana. Ein persönlicher Rückblick

Thomas Claer

Ende September 1991, vor dreißig Jahren, erschien die Platte „Nevermind“ der amerikanischen Grungerock-Band Nirvana mit ihrem Single-Hit „Smells Like Teen Spirit“, dessen Video, eine wilde kollektive Headbanging-Orgie, zu jener Zeit immer und immer wieder im Musikfernsehsender MTV gespielt wurde. Ich war damals 19 Jahre alt, Gymnasiast in Bremen und – was ganz wichtig war – ich hatte lange Haare und trug eine Lederjacke. Das war natürlich gutes Timing, denn bis einem die Haare so richtig lang gewachsen sind, dauert es ja schon mindestens zwei Jahre. Und nun, als sie also endlich lang genug waren, lief auf unseren Feten, wie wir unsere ausgelassenen Zusammenkünfte damals nannten, immerzu dieses Lied von Nirvana, und alle bewegten dazu heftig ihre Köpfe, und wer konnte, warf auch seine Haarmähne dabei wild durch den Raum. Ich jedenfalls konnte das – und erntete dadurch regelmäßig bewundernde Blicke meiner Altersgenossen, was ich auch immer sehr genoss.

Ca. 1991

Überhaupt war es damals ein großartiges Lebensgefühl für mich, so lange Haare zu haben. Schon morgens beim Aufwachen kam es mir vor, als ob mich mit den langen Haarsträhnen zugleich auch ein Gefühl von Freiheit umwehte. Dabei hatte ich natürlich von Kurt Cobain und Nirvana noch nichts ahnen können, als ich mich irgendwann zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung entschloss, die Haare von nun an einfach wachsen zu lassen. Es war wohl eher eine Art Protesthaltung, denn ich hatte das zu dieser Zeit nur noch seltene Glück, Eltern zu haben, die sich über so etwas aufregten. Während die superliberalen Eltern meiner Bremer Schulfreunde aus dem gehobenen Bürgertum es alle ganz prima fanden, dass meine Haare immer länger wurden, reagierte insbesondere mein Vater darauf mit Entsetzen. Na gut, wir waren Zugezogene aus dem Osten, da hatte es ja gewissermaßen kein 1968 gegeben. Und nun erlebte ich im freien Westen langhaarige Lehrer, die mir etwas über Rockmusik erzählten. Begeistert holte ich also für mich – gleichsam im Zeitraffer – die emanzipatorischen Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte nach….

Darüber hinaus war mein neues Erscheinungsbild auch noch mit weiteren Vorteilen für mich verbunden. Offenbar wirkte ich nun endlich nicht mehr ganz so jung und kindlich, was bis dahin mein ständiges Problem gewesen war. Als ich mit zwei Freunden eine Disco besuchte, wurde ich vom Türsteher umstandslos hineingelassen, während er von meinem kurzhaarigen Freund S, der sogar ein Jahr älter war als ich, zur Kontrolle seiner Volljährigkeit den Ausweis verlangte. Ferner bemerkte ich, dass ich mit meiner immer länger werdender Haarpracht auch von den Mädchen ganz anders wahrgenommen wurde als zuvor. Was allerdings, wenn man so schüchtern war wie ich, noch nicht viel zu bedeuten hatte… Dennoch sehe ich mich, wenn ich heute mein Foto von damals betrachte, rückblickend fast schon als eine Art Kurt Cobain unserer Oberstufe. Es hat nur keiner gemerkt…

Ein verstörendes Erlebnis hatte ich aber dann doch, im berühmten Club „Lila Eule“ im Steintor-Viertel. Ich zögere noch etwas, ob ich das jetzt wirklich schreiben soll. Aber warum eigentlich nicht? Ich stand dort also eines Nachts nahe der Tanzfläche, als ein unbekanntes bildhübsches Mädchen direkt auf mich zukam, mich leidenschaftlich umarmte und sogleich stürmisch auf den Mund küsste. Ich wusste gar nicht, wie mir geschah, und leistete keinen Widerstand. Allerdings schien sie schon reichlich alkoholisiert zu sein, denn ihre Zunge schmeckte nach diversen hochprozentigen Getränken. Nach einiger Zeit hielt sie inne, sah mich durchdringend an und fragte mich: „Kaufst du mir einen Sekt?!“ Erschrocken wanderten meine Augen zur Preistafel über dem Tresen. Ein Glas Sekt kostete 3 DM. Oha, so teuer! Einen Moment lang überlegte ich. Dann sprang ich über meinen Schatten, sagte „Na gut“ und kaufte ihr das begehrte Getränk, das sie sich sofort in einem Zug sozusagen hinter die Binde kippte. Einen Moment später war sie verschwunden, als hätte sie sich in Luft aufgelöst. Es wäre auch aussichtslos gewesen, im dichten Gedränge der Umstehenden nach ihr zu suchen, um sie zur Rede zur Stellen. In diesem Augenblick habe ich mir geschworen: So etwas soll mir nie wieder passieren!!

Drei Jahre später war ich schon im zweiten Semester des Jura-Studiums und hatte nun keine Lust mehr auf lange Haare. Was ich aber nicht bedacht hatte: Mit meiner neuen Kurzhaarfrisur wirkte ich zu meinem Leidwesen gleich wieder ein paar Jahre jünger. Als in einem Supermarkt zum Jubiläum Sekt ausgeschenkt wurde, wollte ich mir auch ein Glas nehmen. Doch da fragte mich der Verkäufer streng: „Bist du überhaupt schon 18? Zeig mal deinen Ausweis!“ Hastig zog ich mein Portemonnaie aus der Tasche. Da bemerkte ich, dass ich, warum auch immer, meinen Ausweis nicht dabei hatte. Mein Gott, wie peinlich! Ich wollte vor Scham im Erdboden versinken! „Haha“, lachte der Verkäufer. „Wir schenken nämlich keinen Alkohol an Minderjährige aus.“ Dabei war ich schon 22 und konnte es nur nicht beweisen. Was für eine Demütigung! Hätte ich meine Haarpracht doch nur länger behalten, dachte ich. Doch sie kam auch später nie wieder zurück.

www.justament.de, 21.5.2013: 30 Jahre erste Single von The Smiths

Scheiben vor Gericht Spezial

Thomas Claer

Smiths CoverMit den Smiths ist der Begriff Indie-Pop überhaupt erst auf die Welt gekommen. Ihre erste Single, Hand in Glove/Handsome Devil, erschien im Mai 1983 und enthielt in diesen zwei Songs bereits alles, was diese Band in den nur vier Jahren ihres Bestehens ausmachen sollte: melancholisch süße Melodien, Johnny Marrs einzigartiges Gitarrenspiel, Morisseys weltschmerzgetränkten Gesang und im Songtext der A-Seite eine Überdosis hoffnungsloser Romantik, kulminierend in der Schlusszeile „I‘ll probably never see you again“. Jede neue Smiths-Single, und es wurden in ihrer kurzen aktiven Zeit nicht weniger als 19, war fortan ein Ereignis, jedes Plattencover eine ästhetische Offenbarung. In ihrer Heimat England eroberten sie zu jener Zeit mit schlafwandlerischer Sicherheit die Hitparaden, im Rest der Welt galten sie dagegen lange als Geheimtipp, konnten aber mit jeder der vielen posthumen Best of-Zusammenstellungen neue Fans gewinnen, gerade auch unter den Nachgeborenen. Das Geheimnis der Smiths ist wohl dieses: Ihre Musik berührt in ihrer zeitlosen Verlorenheit unmittelbar die Seele der Teenager und derer, die sich auch später noch ein wenig von den schrecklichen Verwirrungen des eigenen Erwachsenwerdens erhalten haben. Man ahnt, dass die Entstehung der Songs von erheblichen bandinternen Richtungskämpfen begleitet gewesen sein muss. Im August 1987 hatte Gitarrist Johnny Marr jedenfalls die Nase voll von den ewigen Streitereien mit Sänger Morrissey und verließ die Band, woraufhin Morrissey nach einigen notwendigerweise vergeblichen Versuchen, Ersatz für Johnny Marr zu finden, im September 1987 die Smiths für aufgelöst erklärte. So konnte die bis heute anhaltende Phase ihres Nachruhms beginnen. Hervorzuheben ist die überaus gelungene Parodie auf die Smiths im Song Samisu des deutschen Spaß-Punks Farin Urlaub aus dem Jahr 2001. Aber könnte es nicht doch noch irgendwann eine Wiedervereinigung der Smiths geben? Morrissey hat auf diese Frage einmal geantwortet: „Lassen Sie es mich so ausdrücken: Nein“. Das Urteil fürs Gesamtwerk lautet: sehr gut (16 Punkte).

The Smiths
Hand in Glove / Handsome Devil (Single)
Rough Trade 1983
(vergriffen)

The Smiths
The Smiths
Rough Trade 1984
Neuauflage mit drei Bonustracks: Warner Music 2012
B007F5S1FY
6,97 EUR (bei Amazon)

Einen schönen Überblick über ihre frühe Phase gibt es hier.