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justament.de, 8.7.2019: Warum ich alle meine Smiths-Platten behalte

Scheiben vor Gericht Spezial: Justament-Autor Thomas Claer über Morrissey, Nolde, Hauptmann und Spacey

Nun hat sich sogar Nick Cave zu dieser peinlichen Angelegenheit auf seiner Homepage geäußert: „Vielleicht ist es besser, Morrissey einfach seine Ansichten haben zu lassen, ihnen zu widersprechen, wann und wo immer es möglich ist, aber seine Musik weiterleben zu lassen. Wenn man bedenkt, dass wir alle widersprüchliche Individuen sind – chaotisch, fehlerhaft und anfällig für Verrücktheiten. Wir sollten Gott danken, dass es unter uns einige gibt, die Werke von einer Schönheit schaffen, die alles übertrifft, was sich die meisten von uns vorstellen können, auch wenn einige dieser Menschen regressiven und gefährlichen Glaubenssystemen zum Opfer fallen.“ Weise Worte, die einem dabei helfen können, den verzweifelten Spagat auszuhalten zwischen unverminderter Bewunderung für das großartige Werk der englischen Indie-Rock-Band The Smiths (1982-1987) und heftigem Abscheu angesichts der aktuellen politischen Äußerungen ihres genialen Sängers und Texters.

Inzwischen besteht nämlich kein Zweifel mehr daran, dass der mittlerweile 60-jährige Morrissey, der seit Jahren offen für eine rechtsradikale Partei wirbt, sich vollkommen ideologisch verrannt hat. 2017 behauptete er in einem Interview mit dem SPIEGEL, Berlin (ausgerechnet unser weltoffenes Berlin!!) sei im Zuge der Flüchtlingskrise in Deutschland ab 2015 aufgrund der Zuwanderung von Muslimen zur „Vergewaltigungshauptstadt“ Europas geworden. Multikulturalismus führe letztlich dazu, dass es gar keine Kultur mehr gebe: „Millionen Menschen“ seien für die deutsche Identität gestorben; jetzt gelte es, das Land vor Migranten zu beschützen. Seitdem hat er solche und ähnliche Äußerungen mehrfach wiederholt. Er hat offenbar völlig den Verstand verloren…

Aber was folgt nun daraus? Sollte man jetzt nicht konsequenterweise alle seine Smiths-Platten verkaufen, so wie unsere Bundeskanzlerin alle ihre Emil Nolde-Bilder aus ihrem Büro entfernt hat, nachdem bekannt wurde, dass dieser Maler im Dritten Reich keineswegs ein Dissident, sondern in Wirklichkeit ein glühender Nazi gewesen ist? So wie manche Cineasten nach den MeToo-Enthüllungen alle ihre Filme mit dem Schauspieler Kevin Spacey aussortiert haben?

Aber so etwas passiert ja öfter, dass bedeutende Künstler sehr fragwürdige Dinge tun oder sagen. Doch muss man immer wieder betonen: Dies ändert nichts an der Beurteilung ihrer Kunst. Wie sagte Marcel Reich-Ranicki: „Gerhard Hauptmann war auch dann noch ein großer Schriftsteller, als er die Hand zum Hitlergruß erhoben hat.“ Etwas anderes wäre es, wenn die betreffende Kunst selbst menschenverachtend wäre. Das gibt es natürlich manchmal auch, aber nicht in allen hier genannten Fällen: Gerhard Hauptmanns naturalistische Theaterstücke, Kevin Spaceys Filme, Emil Noldes expressionistische Bilder, das um jugendliche Einsamkeit, unerwiderte Liebe, Außenseitertum und Individualismus kreisende Werk von The Smiths sprechen für sich selbst. Niemand muss sich für seine Smiths-Platten im Regal schämen, da kann Morrissey heute sagen, was er will. Seine Kunst (zumindest seine frühere) ist größer als er selbst. Allerdings: Wäre ich deutscher Bundeskanzler, nur einmal angenommen, und hätte Smiths-Platten in meinem Büro, dann würde ich sie nunmehr vielleicht doch lieber woanders hinstellen, da von ihnen ja auch eine öffentliche Wirkung ausginge. Es könnte ja jemand in den falschen Hals kriegen… Aber so als kleiner Justament-Musikkritiker, da lasse ich meine Vinyl-Schätze doch einfach da, wo sie sind, und erfreue mich trotz allem an ihnen.

„Sumisu“ Farin Urlaub

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www.justament.de, 21.5.2013: 30 Jahre erste Single von The Smiths

Scheiben vor Gericht Spezial

Thomas Claer

Smiths CoverMit den Smiths ist der Begriff Indie-Pop überhaupt erst auf die Welt gekommen. Ihre erste Single, Hand in Glove/Handsome Devil, erschien im Mai 1983 und enthielt in diesen zwei Songs bereits alles, was diese Band in den nur vier Jahren ihres Bestehens ausmachen sollte: melancholisch süße Melodien, Johnny Marrs einzigartiges Gitarrenspiel, Morisseys weltschmerzgetränkten Gesang und im Songtext der A-Seite eine Überdosis hoffnungsloser Romantik, kulminierend in der Schlusszeile „I‘ll probably never see you again“. Jede neue Smiths-Single, und es wurden in ihrer kurzen aktiven Zeit nicht weniger als 19, war fortan ein Ereignis, jedes Plattencover eine ästhetische Offenbarung. In ihrer Heimat England eroberten sie zu jener Zeit mit schlafwandlerischer Sicherheit die Hitparaden, im Rest der Welt galten sie dagegen lange als Geheimtipp, konnten aber mit jeder der vielen posthumen Best of-Zusammenstellungen neue Fans gewinnen, gerade auch unter den Nachgeborenen. Das Geheimnis der Smiths ist wohl dieses: Ihre Musik berührt in ihrer zeitlosen Verlorenheit unmittelbar die Seele der Teenager und derer, die sich auch später noch ein wenig von den schrecklichen Verwirrungen des eigenen Erwachsenwerdens erhalten haben. Man ahnt, dass die Entstehung der Songs von erheblichen bandinternen Richtungskämpfen begleitet gewesen sein muss. Im August 1987 hatte Gitarrist Johnny Marr jedenfalls die Nase voll von den ewigen Streitereien mit Sänger Morrissey und verließ die Band, woraufhin Morrissey nach einigen notwendigerweise vergeblichen Versuchen, Ersatz für Johnny Marr zu finden, im September 1987 die Smiths für aufgelöst erklärte. So konnte die bis heute anhaltende Phase ihres Nachruhms beginnen. Hervorzuheben ist die überaus gelungene Parodie auf die Smiths im Song Samisu des deutschen Spaß-Punks Farin Urlaub aus dem Jahr 2001. Aber könnte es nicht doch noch irgendwann eine Wiedervereinigung der Smiths geben? Morrissey hat auf diese Frage einmal geantwortet: „Lassen Sie es mich so ausdrücken: Nein“. Das Urteil fürs Gesamtwerk lautet: sehr gut (16 Punkte).

The Smiths
Hand in Glove / Handsome Devil (Single)
Rough Trade 1983
(vergriffen)

The Smiths
The Smiths
Rough Trade 1984
Neuauflage mit drei Bonustracks: Warner Music 2012
B007F5S1FY
6,97 EUR (bei Amazon)

Einen schönen Überblick über ihre frühe Phase gibt es hier.