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www.justament.de, 1.10.2018: Gretchenfragen

„Nach Gott“ – Peter Sloterdijks gesammelte Texte zur Religion

Thomas Claer

Dieses Buch ist lange bei mir liegen geblieben, länger als ein Jahr seit seinem Erscheinen. Bei meinen Kritiker-Kollegen war es damals nicht so gut angekommen: wieder nur eine Aufsatzsammlung, fast nichts Neues, immerhin ein Luther-Text im Luther-Jahr, ansonsten nur neue Aufgüsse alter Abhandlungen, teilweise sogar Abdrucke ganze Kapitel aus früheren Büchern. Doch zeigt sich hier wieder einmal, dass man nie zu viel auf die Meinungen anderer geben sollte. „Nach Gott“ ist zu großen Teilen sehr lesenswert, streckenweise brillant. Man kann sogar dankbar sein, dass die vielen verstreuten kleinen Aufsätze und Vorträge des Philosophen Peter Sloterdijk zur Thematik aus den letzten zweieinhalb Jahrzehnten hier einmal leserfreundlich zusammengestellt, geordnet und herausgebracht worden sind.

Die Religion also, ein ganz großes Thema. Wirklich gläubig sein kann man als aufgeklärter Mensch der Gegenwart eigentlich kaum noch. Dennoch ist der Hunger nach Transzendenz in unseren modernen Gesellschaften vielleicht größer als jemals zuvor. Auf der anderen Seite ist für die wenig gebildeten Massen in den wenig bevorzugten Weltregionen (und in manchen Einwanderermilieus westlicher Großstädte) ihr strenger Glaube wohl auch eine Art Grundnahrungsmittel, das sie mental am Leben erhält. Darüber sollte und darf man sich nicht lustig machen, gewiss nicht, aber ein leiser ironischer Unterton muss dennoch erlaubt sein. Und richtiggehend verspotten darf und sollte man natürlich all die religiösen Hardliner in der Welt, die selbst oft sehr scheinheilig sind und ihre Anhänger gegen alles Fremde und Abweichende aufhetzen. Alle diese Fragen werden in „Nach Gott“ angerissen oder sogar vertiefend abgehandelt. Besonders interessant sind auch die Ausflüge in die Psycholgie, in die Lehre von der Seele des Menschen, deren Vorstellung ja schließlich auch tief im Religiösen verwurzelt ist. Wie so oft bei Sloterdijk findet sich eine Überfülle origineller, witziger Gedanken.

Doch bringt der unterschiedliche zeitliche Ursprung der Texte es mit sich, dass einem eine Entwicklung in Sloterdijks Schreiben vollends bewusst wird, die man ohnehin bereits geahnt hat. Seine Anfänge in den Achtzigern mit der „Kritik der zynischen Vernunft“ waren erfrischend und verspielt. Dann aber, in den Neunzigern bis in die Nullerjahre hinein, waren seine Textproduktionen, vorsichtig gesagt, etwas zäh. Sein dreibändiges Hauptwerk „Sphären“ ist recht schwer verdauliche Kost. Ein ganzes Kapitel in „Nach Gott“, „Mir näher als ich selbst“, stammt aus dem ersten der Sphären-Bände von 1998. Da musste ich mich regelrecht durchquälen. Auch eine Abhandlung über die Gnosis von 1993 ist schon recht trocken geraten. Vermutlich stand er zu jener Zeit unter Unernsthaftigkeits-Verdacht, schließlich hatte er früher jahrelang in Indien in einer Hippie-Sekte gelebt und brauchte womöglich seriöse Werke, um sich fachliche Reputation zu verschaffen. Vielleicht ging es ihm auch um so etwas wie Rehabilitation angesichts des Skandals, den seine „Regeln für den Menschenpark“ (1997) ausgelöst hatten. Doch spätestens mit „Zorn und Zeit“ (2006) begann eine neue Phase seines Schreibens, die bis heute anhält und die man als seine beste bezeichnen kann. Nie waren seine Texte bissiger, zugespitzter, flüssiger. Bestes Beispiel dafür ist das – hier ebenfalls abgedruckte – wunderbar blasphemische Jesus-Kapitel aus „Die schrecklichen Kinder der Neuzeit“. Dass diese Veränderung auch mit einer allmählichen Verschiebung seiner politischen Grundierung weg vom Linksalternativen hin zum mitunter schon etwas Rechtslastigen zusammenfällt, ist wohl eher zufällig.

Einige wenige Stichworte und Zitate aus „Nach Gott“ mögen hier abschließend genügen, um einen kleinen Eindruck von Sloterdijks pointierter Formulierungskunst zu vermitteln: Die Moderne? „Am Treffpunkt von Wille und Vorstellung formt sich die Welt als Projekt und Unternehmen.“ Islamismus? „Die jungen Mörder und Selbstmörder, die zum äußeren Dschihad aufbrechen, haben ohne jede Theologie erfasst, wie sehr ein Gott vom Typus Allah eine unmögliche Figur abgibt, sobald man ihn vor dem Hintergrund einer modernen, das heißt von menschlichen Kreativitäten dynamisierten Welt betrachtet. … Attentate sind missratene Beweise eines Gottes, der die Welt nicht mehr versteht.“ Das Jüngste Gericht? „Impliziert die Logik eines Leihvertrages: Bei der Rücknahme der entliehenen Seele wird geprüft, ob diese vollständig und unbeschädigt erstattet wurde. Anderenfalls vollzieht der Leihgeber seine Rache an den Toten, die ihre Seele beschädigt, entstellt, verdunkelt zurückbringen.“ Der Gang der Aufklärung von Spinoza und Voltaire bis zur Postmoderne? „Eine Geschichte der Resignation vor der Heuchelei.“ Die Menschen? „Ontologisch aus der Bahn geratene Geschöpfe.“ Der Mensch? „Das Tier, das so tut als ob.“ Identität? „Die Selbst-Illusion des Schauspielers, der auch abseits der Bühne sein möchte, was er darstellt.“ Unbehagen an der Kultur? „Geht nicht bloß vom aufgenötigten Triebverzicht aus; es entspringt mehr noch der Belastung durch den Blick des unfreundlichen Anderen. … Existenz impliziert den permanenten Test, ob man sich sehen lassen kann.“ Der liebende Gott? „Seine Liebe blieb freilich oft ein Zwangsvertrag, von Drohungen durchsetzt. Auf liebende Götter jenseits der Ambivalenz wartet man bis auf weiteres, und bis zu ihrer Ankunft tun Menschen gut daran, sich um die Gestaltung ihrer Verhältnisse selbst zu kümmern.“ Und schließlich der „Konfessionskrieg unserer Tage“: „Aufstand der Massenkultur gegen die Hochkultur, der sich als Feldzug der Unzufriedenen gegen die ‚Eliten‘ maskiert…“

Peter Sloterdijk
Nach Gott
Suhrkamp Verlag 2017
364 Seiten; 28 Euro
ISBN-10: 351842632X

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www.justament.de, 22.7.2013: Wenig Worte, viel gesagt

Vor 90 Jahren erschien “Der Prophet” von Khalil Gibran

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Thomas Claer

Manchmal dauert es einfach etwas länger. Schon sieben oder acht Jahre dürfte es her sein, dass meine Kollegin mich frank und frei fragte, ob ich in dieser Kolumne denn nicht auch einmal ihr Lieblingsbuch besprechen könnte. Ich ließ mir von ihr über das Buch berichten, wurde neugierig und sagte zu. Doch dann muss es mir wohl irgendwann in Vergessenheit geraten sein. Vor zwei oder drei Jahren entdeckte ich das schmale Bändchen dann in einer “Bücherbox”, einer ausrangierten Telefonzelle, wie es sie in Berlin wunderbarer Weise in immer größerer Zahl gibt, wo jeder seine aussortierten Bücher ablegen und/oder die dort vorgefundenen mitnehmen kann. Seitdem lag “Der Prophet” von Khalil Gibran auf meinem Schreibtisch. So richtig mochte ich zunächst nicht ran, ich hatte keine ganz großen Erwartungen an das Buch. Aber wie man sich doch täuschen kann! Vorige Woche fand ich dann auf einem der angeblich über 50 Berliner Flohmärkte, auf denen sich der immer wieder märchenhafte Sommer in dieser Stadt in besonders vollen Zügen genießen lässt, die Hörbuch-CD des “Propheten”, gelesen von Otto Sander. Der Preis – ein Euro! – stimmte auch. Nun gab es kein Zurück mehr. Und wie es der Zufall wollte, feiert das Werk just in diesem Jahr sein 90-jähriges Erscheinungsjubiläum.
Also genug der Vorrede: Dieses Buch ist eine Entdeckung, um nicht zu sagen: eine Offenbarung. Doch wer ist sein Autor Khalil Gibran? Geboren 1883 als Gibran Khalil Gibran bin Mikha’il bin Sa’ad im heutigen Libanon (damals Osmanisches Reich) und schon 1895 nach Boston in die USA emigriert, kehrte er 1897 (mit vierzehn Jahren!) zum Studium der Kunst und Literatur in den Libanon zurück, lebte vorübergehend in Paris, dann wieder in Boston, feierte Erfolge als Maler, studierte als 25-Jähriger weiter in Paris, begann zu schreiben und ließ sich ab 1912 als Philosoph und Dichter in New York nieder, wo er 1931 mit nur 48 Jahren an Leberkrebs verstarb. Seine frühen Werke hatte er auf Arabisch verfasst, seit 1918 schrieb er fast nur noch auf Englisch. Er gilt als ein Wanderer zwischen den Welten des Orients und des Okzidents, der es über Generationen hinweg mit seinen stilistisch oftmals anrührenden und inhaltlich spirituellen Büchern zu großer Popularität brachte. Kritiker werfen seinen Werken hingegen einen Hang zur Sentimentalität und namentlich seinen Romanen eine allzu schwache Zeichnung ihrer Figuren vor. Nun, wenn man sein überwiegend aphoristisch gehaltenes Büchlein “Der Prophet” liest, glaubt man gerne, dass die wahre Bestimmung dieses Autors wohl doch eher die Philosophie als die Romanschriftstellerei gewesen ist, denn in Friedrich Nietzsche-Manier (Zarathustra lässt grüßen) verkündet dort ein weiser Mann, in diesem Falle der Prophet Al Mustafa (“der Erwählte und Geliebte”), einer Menschenmenge seine Weisheiten. Doch was vier Jahrzehnte zuvor bei Nietzsche schwerverdaulich bleibt und auf den zweifelhaften Übermenschen hinausläuft, ist bei Khalil Gibran angenehm geerdet. Auf wenigen Seiten entwirft er eine ganz eigene lebenspraktische Alltagsphilosophie, die ohne irgendwelche Zukunftsvisionen und ohne erhobenen Zeigefinger auskommt und die vom Geiste der Toleranz und des Respekts beseelt ist. In kraftvollen poetischen Bildern bringt er so ziemlich alles und jedes auf den Punkt, ohne sich in Abschweifungen zu verlieren. “Wenn die Liebe dir winkt, folge ihr, sind ihre Wege auch schwer und steil. Und wenn ihre Flügel dich umhüllen, gib dich ihr hin, auch wenn das unterm Gefieder versteckte Schwert dich verwunden kann.” Viel mehr ist hierzu eigentlich gar nicht zu sagen… Natürlich hat auch bei diesem Verfasser – die Kapitelüberschriften (“Von der Liebe”, “Von der Arbeit”, “Von der Freundschaft” etc.) verraten es – der große Montaigne Pate gestanden, aber Khalil Gibran kann es weitaus knapper – ein Montaigne für kurz angebundene gewissermaßen. Eine Menge der Sätze dieses Propheten ist wirklich universell, andere können einen aber auch schon mal ins Grübeln bringen. Da hat man sich bald zwanzig Jahre lang mit seiner Frau auf der Straße immer zu zweit einen Kaffee geteilt (denn da spart man schließlich am meisten), um dann bei Khalil Gibran unter der Rubrik “Von der Ehe” lesen zu müssen: “Füllt einander den Becher, aber trinkt nicht aus einem Becher.” Und gleich danach heißt es: “Gebt einander von eurem Brot, aber esst nicht vom selben Laib.” Tja, erst heute haben wir uns wieder einen Döner geteilt… Man sollte sich der Gefahren von zu viel Nähe in der Zweisamkeit also bewusst sein.
Was der Prophet “von den Kindern” zu sagen weiß, ist sicherlich eine der bekanntesten Passagen des Buches und hat vermutlich schon Millionen “Erwartungsgeschädigten” aus der Seele gesprochen: “Eure Kinder sind nicht eure Kinder. Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selber. Sie kommen durch euch, aber nicht von euch, und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch doch nicht. Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, aber nicht eure Gedanken, denn sie haben ihre eigenen Gedanken.” Ebenso vielsagend sind die Ausführungen “Vom Geben”, die sich wie ein Aufschrei gegen kleinbürgerliche Moralvorstellungen lesen. “Es gibt jene, die von dem Vielen, das sie haben, wenig geben – und sie geben um der Anerkennung willen, und ihr verborgener Wunsch verdirbt ihre Gaben.” Ja, das einzige Geben, das eine Berechtigung hat, ist demnach das an diejenigen, die etwas haben wollen oder wirklich gebrauchen können, alles andere ist, um es zurückhaltend auszudrücken, fragwürdig. Und am schlimmsten wird es, wenn Abwägungen getroffen werden, wer denn bestimmte Gaben überhaupt verdient und wer nicht, oder dann, wenn Dankbarkeit für ungebetene Geschenke erwartet wird… Danke, Khalil!
Insbesondere den Juristen seien die Passagen “Von Schuld und Sühne” ins Stammbuch geschrieben, ja, man wünscht sich solcherlei Betrachtungen beinahe in Strafrechts-Lehrbüchern: “Und wenn einer von euch im Namen der Rechtschaffenheit strafen und die Axt an den Baum des Bösen legen möchte, soll er ihn bis zu seinen Wurzeln prüfen; und wahrhaftig, er wird die Wurzeln des Guten und Bösen finden, des Fruchtbaren und des Unfruchtbaren, alle ineinander verflochten im stillen Herzen der Erde.” Das ist eine der zentralen Botschaften des Buches: Wer sich immer so sicher ist, was richtig und falsch ist, was gut und schlecht ist, auf welcher Seite man unbedingt stehen sollte, der täte besser daran, etwas mehr nachzudenken und seine vorschnellen Schlüsse selbstkritisch zu überprüfen. Und umgekehrt ist auch die Vorstellung, dass bestimmte menschliche Handlungen von ausschließlich guten und edlen Motiven geleitet werden, bestenfalls naiv. Später heißt es noch im Text: “Sage nicht: ‚Ich habe die Wahrheit gefunden’, sondern besser: ‚Ich habe eine Wahrheit gefunden.’ ” Nehmt das, all ihr wichtigtuerischen Ideologen dieser Welt! Und den guten Lehrer erkenne man daran, dass er seinen Schülern nicht seine eigene Weltsicht aufzwingen, sondern sie zum selbständigen Denken erziehen will. Bravo!
Irgendwo findet sich dann aber auch der Satz, dass die erbärmlichsten Menschen jene sind, die Gold und Silber anhäufen. Hierin erweist sich, dass auch dieser Autor ein Mensch aus Fleisch und Blut ist, der eigene Ressentiments entwickelt, die er, so wie viele andere auch, zu verabsolutieren geneigt ist. Dass viel Geld auch von klugen Menschen vor allem deshalb geliebt wird, weil es ihnen die Freiheit ermöglicht, ein Leben nach eigenem Gusto zu führen, lässt er nicht gelten. Nein, von der Freiheit hält dieser Philosoph, an dem offensichtlich auch Karl Marx nicht ganz spurlos vorbeigegangen ist, nicht viel. Die Freiheit überfordert den Menschen. Ihre parolenhafte Verkündung erscheint ihm als pure Schönfärberei: “Wie Sklaven sich vor einem Tyrannen erniedrigen und ihn preisen, obwohl er sie tötet.” Freiheit ist eher etwas für Übermenschen, an die er nicht glaubt. “Wirklich frei werdet ihr nicht sein, wenn eure Tage ohne Sorge sind und eure Nächte ohne jeden Wunsch und Kummer, sondern erst dann, wenn sie euer Leben umfassen und ihr euch dennoch nackt und ungebunden über sie erhebt.” Also wohl eher niemals. Und passend hierzu stimmt Khali Gibran auch noch ein Loblied auf die Arbeit an: “Mit Liebe arbeiten”, das sei es doch. “Arbeit ist sichtbar gemachte Liebe.” Na, wenn er meint…
Am Ende des Buches kommt dann die Frage nach der Religion. Und hier windet sich der Prophet, der zuvor doch hin und wieder, wenn auch recht nebulös, von Gott gesprochen hat, ganz ähnlich wie weiland Goethes Faust, als dieser von Gretchen mit nämlicher Frage überrumpelt wird. Er sagt nicht “Namen sind Schall und Rauch”, aber doch: “Habe ich denn bislang nicht ständig über Religion gesprochen?” Denn Religion sei doch irgendwie alles … beziehungsweise nichts. Und hier erinnert er dann doch wieder an Montaigne, der als freier Geist zwar wie selbstverständlich von “seiner christlichen Religion” spricht und sich dann doch über alle ihre zentralen Dogmen stillschweigend hinwegsetzt. Wenn Khalil Gibran auf diese Weise noch ein paar verbohrte Religiöse auf die Wege des freien und kritischen, auch selbstkritischen Denkens mitnehmen kann, dann ist das natürlich schwer in Ordnung.

Khalil Gibran
Der Prophet
Neuausgabe Patmos Verlag Düsseldorf und Zürich München 2010
96 Seiten, EUR 9,90
ISBN-10: 3491725739