Justament April 2013: Was wir (nicht) hören wollen

Das neue Tocotronic-Album „Wie wir leben wollen“

Thomas Claer

Cover TocoMan will ja kein Ewiggestriger sein, der sich seine verflossene Jugend und den Jungs von Tocotronic die Trainingsjacken zurückwünscht. Aber etwas mehr Anknüpfungspunkte zu ihrem famosen Frühwerk hätte man sich von dieser Mutter aller Hamburger-Schule-Bands, die überdies zur Hälfte aus abgebrochenen Jura-Studenten besteht, in den letzten Jahren schon erhofft. Und nun dies: Mit ihrem neuen Album „Wie wir leben wollen“ kehren sie, zumindest was den Titel angeht, zurück zur alten Parolenhaftigkeit. Doch das ist noch nicht alles. Den 17 Songs mitgeliefert werden nicht weniger als 99 Thesen (http://www.tocotronic.de/99thesen) dazu, wie man sich das mit der gewollten Lebensführung so vorzustellen hat. Und damit haben Tocotronic mal eben jenen berühmten Reformator übertroffen, der es seinerzeit nur auf vier Thesen weniger gebracht hatte, welche er vor 496 Jahren medienwirksam an die Wittenberger Kirchentür nagelte. So operieren sie, wie es sich für anständige Diskurs-Rocker gehört, auf Augenhöhe mit dem abendländischen Geistes-Kanon. Nur eine gewisse inhaltliche Unschärfe dieser 99 zum Teil sehr knapp gehaltenen Lehrsätze, die mitunter ziemlich im Ungefähren bleiben, ließe sich bemängeln.
Ansonsten verwalten die Tocos diesmal souverän ihren Ruhm. Und wie sie wieder aussehen! Hipster-Bärte wie die späten Beatles, noch immer die charakteristischen Frisuren. Aber liegt es nur an der Lichteinstellung oder durchziehen Dirk von Lowtzows wilde Mähne inzwischen tatsächlich graue Strähnen? Der Titelsong „Im Keller“ lässt daran keinen Zweifel: „Hey, ich bin jetzt alt!“, lauten die ersten Worte des Albums. Was die Texte angeht, so bewegen sie sich eigentlich allesamt an der Grenze zur Peinlichkeit, die manchmal zwar durchaus überschritten, oft aber auch nur auf gekonnt ironische Weise touchiert wird („Mein Sex ist desolat!“). Gelegentlich landen sie sogar Volltreffer wie in alten Zeiten:“Erfolgreiche Freunde – Geißel der Menschheit“. Verbessert gegenüber dem relativ schwachen Vorgängeralbum, das es dennoch auf Platz 1 der deutschen Verkaufscharts geschafft hat, hat sich auf alle Fälle die Musik. Weniger langatmig und schwulstig, dafür pointierter und hin und wieder sogar etwas rockiger. Das Urteil lautet: Es lässt sich hören. Oder anders gesagt: voll befriedigend (10 Punkte). Plus ein Zusatzpunkt für die Idee mit den 99 Thesen.

Tocotronic
Wie wir Leben wollen
Vertigo Berlin (Universal) 2013
Ca. € 15,-
ASIN: B00AFARJ4A

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