www.justament.de, 12.11.2012: Rettet die Million!

Der „Börsenguru“ Gottfried Heller weist den „einfachen Weg zum Wohlstand“

Thomas Claer

Cover HellerWenn einem ein Buchtitel den „einfachen Weg zum Wohlstand“ verspricht, wenn er behauptet, man könne zugleich „mehr verdienen, weniger riskieren und besser schlafen“, dann ist natürlich höchste Vorsicht angebracht. Schließlich haben viele dergleichen schon zur Genüge von ihrem Riestervertrags-Vermittler oder Bankberater gehört, um am Ende doch mit renditearmen oder gar kapitalvernichtenden Anlagen abgespeist worden zu sein. Doch wollen einem diesmal ausnahmsweise nicht provisionsgetriebene Lakaien der Finanzindustrie ihre zweifelhaften Produkte andrehen. Vielmehr appelliert hier ein hartgesottener Börsen-Profi sehr nachdrücklich an die Leserschaft, ihre größtenteils ablehnende Haltung gegenüber der Geldanlage in Aktien noch einmal zu überdenken. Und er hat, gerade in Zeiten wie unseren, keine schlechten Argumente.

Die Rede ist natürlich von Gottfried Heller, Jahrgang 1935, dem langjährigen Freund und Partner des legendären Andre Kostolany. Um es gleich vorweg zu sagen: Gottfried Heller ist ein selten cooler Hund. August 2011: Die Euro-Schuldenkrise spitzt sich zu. Die Börse crasht gerade zum dritten Mal innerhalb einer Dekade, der Dax rauscht innerhalb weniger Tagen um 25 Prozent in die Tiefe. Bleiche Gesichter in den Redaktionen der Börsensender. Zugeschaltet ist Gottfried Heller, völlig entspannt. Ja, er habe 90 Prozent seines Vermögens in Aktien investiert und schlafe nachts weiterhin sehr gut. Ach, da habe er wirklich schon ganz andere Crashs erlebt. Damals, 1987, da verlor die Börse 23 Prozent an einem Tag. Nach kurzer Besprechung mit Kostolany habe er damals gleich kräftig nachgekauft. So ein Sell-Off sei doch immer eine gute Einstiegsgelegenheit, da nun der Markt bereinigt sei und die „Zittrigen“ schon alle verkauft hätten. Ob er denn jetzt etwa auch gekauft habe? Na was denn sonst…
Gottfried Heller ist kein Vielschreiber. „Der einfache Weg zum Wohlstand“ ist erst sein zweites Buch überhaupt (das erste erschien 1992). Und er redet Klartext, wenn er bekennt, sich in seinem Alter und nach seinem Rückzug aus dem operativen Geschäft der „Fiduka-Vermögensverwaltung“, deren Senior Partner er noch ist, nunmehr ganz freimütig äußern zu können. Dass die vollmundigen Worte seines Buchtitels durchaus nicht zu hoch gegriffen sind, wird deutlich, wenn er sie erklärt. Unter „Wohlstand“ versteht er nicht unbedingt „Reichtum“, aber doch Unabhängigkeit von staatlichen Transferleistungen, auf welche ja nach neuesten Renten-Berechnungen aus dem Bundesarbeitsministerium künftig mehr als die Hälfte aller Berufstätigen im Ruhestand angewiesen sein werden, bis ins hohe Alter. Vergleicht man dann die Risiken und Renditen des staatlichen Rentensystems und der fragwürdigen Riester-Produkte auf der einen Seite mit einem breit gestreuten und langfristig orientierten Wertpapierdepot auf der anderen Seite, dann lässt sich mit letzterem, wenn man es richtig anstellt, sicherlich mehr verdienen (sogar erheblich mehr!), weniger riskieren (denn eher gehen heutzutage Staaten Pleite als grundsolide Unternehmen) und sogar besser schlafen (wenn man das alles nämlich richtig bedenkt!). Dass der Weg dorthin „einfach“ wäre, lässt sich allerdings nur in einem sehr relativen Sinne sagen. Zwar gilt unverändert das Diktum des Kostolany: „Wenn die Börsenspekulation leicht wäre, gäbe es keine Bergarbeiter, Holzfäller und andere Schwerarbeiter. Jeder wäre Spekulant.“ Doch so kompliziert, wie es von interessierter Seite – nämlich der Finanzindustrie – gerne dargestellt wird, ist es nun auch wieder nicht. Insofern kann man Gottfried Heller für seine Aufklärungsarbeit danken, wenn er einräumt, dass zwar Anleger, die partout keine Mühe und Zeit aufwenden wollen oder können, gut bei einem kompetenten Berater aufgehoben sind – Lieber diesen mitverdienen lassen, als das schöne Geld weiter auf Sparkonten versauern zu lassen! – jedoch könnten es (fast) alle anderen, so lässt der Autor durchblicken, auch ganz gut alleine schaffen.

Um nun also diesen „einfachen Weg zum Wohlstand“ zu skizzieren, holt Heller ziemlich weit aus, erklärt zunächst die Zeitenwende, in der wir uns befinden, die Finanzkrise, deren Eindämmung durch die Geldpolitik der Notenbanken und den daraus resultierenden Anlagenotstand sowie schließlich die Megatrends, die unser Leben beeinflussen, von der Bevölkerungszunahme bis zum Aufstieg der Schwellenländer. Es folgen eine ebenso zutreffende wie vernichtende Einschätzung unseres Altersvorsorgesystems und eine ebenfalls sehr kritische Darstellung der Beraterbranche. Eher knapp gehalten sind die Ausführungen darüber, wie man denn nun die Geldanlage in die eigene Hand nehmen kann, dafür aber mit vielen konkreten Tipps zu ETFs und Standardwerten versehen, die Heller als kaufenswürdig ansieht. (Selbstverständlich sind seine Tipps richtigerweise ziemlich konservativ. Zertifikate sind für ihn „Massenvernichtungswaffen“ und Optionen „Zockerpapiere“) Auf diese Weise geht es wirklich relativ einfach, denn wer sich aus diesen Vorschlägen ein Depot zusammenstellt und genug Zeit mitbringt, wird damit wahrscheinlich früher oder später zumindest besser dastehen als mit Tagesgeld oder Bausparvertrag. Sofern er oder sie angesichts der oft erheblichen Schwankungen nicht zwischenzeitlich die Nerven verliert, versteht sich. Wie sich die Rendite aber aller Voraussicht nach noch kräftig steigern lässt, wie man selbst die besonders lukrativen Perlen unter den Nebenwerten herausfischen kann, dazu beschränkt sich das Buch allerdings nur auf grobe Andeutungen.

Wer regelmäßig den Wirtschaftsteil einer überregionalen Tageszeitung liest, wird in diesem Buch wohl nicht viel Neues erfahren. (Den anderen kann es gut als Einführung in die grundlegenden Zusammenhänge dienen.) Doch finden sich immer wieder sehr gelungene Zuspitzungen: Heutzutage noch eine Lebensversicherung abschließen? Ein Wahnsinn! Riester-Produkte? Alles Murks. Die staatliche Altersvorsorge? Vergleichen manche mit einem Schneeballsystem. Dass der Staat 2009 die Spekulationsfrist bei Wertpapiergewinnen abgeschafft und somit langfristiges Aktiensparen der Zockerei gleichgestellt hat? Ist einfach nur Dummheit, denn so wird der Staat bald die Hälfte der Rentner mit Grundsicherung alimentieren müssen.

Besonders faszinierend ist aber eine Grafik, die angibt, welches Endvermögen aus gerade einmal 100 Euro monatlicher Sparleistung bei einer jährlichen Rendite von 10 Prozent (die mit Aktien auf lange Sicht, insbesondere für kundige Privatanleger, durchaus erreichbar ist) nach 10, 20 , 30 und 40 Jahren entsteht, wenn die Erträge nur konsequent wieder angelegt werden. Der Zinseszinseffekt, die eigentliche Quelle jedes langfristigen Kapitalaufbaus, schlägt hier in voller Wucht zu Buche. Es ist fast so wie mit den Reiskörnern auf dem Schachbrett: Nach 10 Jahren hat man 20.161 €, nach 20 Jahren 72.453 €, nach 30 Jahren schon 208.085 € und nach 40 Jahren 559.880 €. Das heißt auch: Wer statt 100 € vielleicht das Doppelte monatlich zurücklegen kann, sollte selbst dann noch zu seiner Million kommen, wenn er erst nach 2009 mit dem Aktiensparen angefangen hat und ihm der Staat folglich von allen Gewinnen etwas mehr als ein Viertel Abgeltungssteuer abzieht. Denn eine Verdopplung der monatlichen Rücklagen sollte letztendlich weit mehr als eine Verdopplung des Endvermögens zur Folge haben, dem exponentiellen Wachstum sei Dank. Doch muss man berücksichtigen, dass das nur nominale Werte sind! Real, d.h. nach Abzug der jährlichen Inflationsrate, ist die Million in 40 Jahren wohl bestenfalls noch die Hälfte wert, eher weniger. Dennoch ist hier ein – selbst für Geringverdiener gangbarer – überaus eleganter Weg zur ersten Million, der sprichwörtlich immer am schwersten verdienten, beschrieben. Klar, andere schaffen es in nur drei Jahren mit einem Nebenjob als Redner, noch andere machen eine Erbschaft oder gewinnen im Lotto oder in einer Fernsehshow, wieder andere bekleiden zwanzig Jahre lang eine Führungsposition und lassen sich dabei graue Haare und Magengeschwüre wachsen. Der Unterschied ist aber, dass die Aktienspar-Methode, anders als alle anderen, so ziemlich jedem offen steht. Man muss nur früh genug damit anfangen, denn der Faktor Zeit ist der alles entscheidende.

Gottfried Heller
Der einfache Weg zum Wohlstand. Mehr verdienen, weniger riskieren und besser schlafen
FinanzBuchVerlag 2012
304 Seiten, EUR 24,99
ISBN 978-3-89879-701-6

Justament-Rezensent Thomas Claer ist Autor des Buches „Auf eigene Faust. Aktiensparen für Kleinanleger“, BoD 2012, 132 Seiten, EUR 10,00, ISBN 978-3844818147.

www.justament.de, 12.11.2012: Charascho!

Recht cineastisch, Teil 13: „Russendisko“ nach Wladimir Kaminer – jetzt auf DVD!

Thomas Claer

drum-herum-recht-cineastisch-tc-russendisko_posterWer mit Anfang oder Mitte zwanzig in eine aufregende, noch unfertige, große und bunte Stadt kommt und dort zahlreiche verrückte Abenteuer erlebt, hat dort vielleicht die besten Jahre seines Lebens. So geht es im Film „Russendisko“ – frei nach dem gleichnamigen autobiographischen Erzählungsband von Wladimir Kaminer aus dem Jahr 2000 – drei jungen Russen, die im Juli 1990 nach Berlin kommen und dort trotz ihrer mehr als prekären Lebensumstände eine berauschende Zeit durchleben. Zunächst sind Wladimir, Andrej und Mischa im Ausländerwohnheim in Marzahn untergebracht. Die beiden ersteren haben von der „gewendeten“ (Noch-) DDR aufgrund ihres Judentums „humanitäres Asyl“ erhalten. Wladimirs Vater hatte seinem Sohn dringend zur Auswanderung nach Berlin geraten, denn dass die Freiheit in Russland Einzug hält, das könne nicht von Dauer sein. (Welch prophetische Worte!) Als das Besuchervisum von Mischa abgelaufen ist, flüchten die drei Freunde aus dem Ausländerheim und wohnen fortan noch beengter in einem Auto, das sie sich unter mysteriösen Umständen verschafft haben. In der Erwirtschaftung ihres Lebensunterhalts sind die drei erfinderisch, aber die Stadt macht es ihnen auch nicht allzu schwer. Andrej beginnt mit Bierdosen zu handeln, die er im Supermarkt einkauft und auf dem Alexanderplatz an Passanten verhökert. Später entdeckt er als lukratives Geschäftsfeld die Veräußerung von Original-Bruchstücken aus der Berliner Mauer an Touristen. Mischa spielt Gitarre auf der Straße und auf Plätzen. Nur Wladimir, der Lustigste von allen, der anfangs noch mit einem Hut das Geld für Mischas Gitarrenspiel einsammelt, weiß so gar nicht, was er mit seinem Leben anfangen soll. Die Erlösung kommt, als seine Eltern aus Moskau ihrem Sohn nach Berlin folgen und ihm seine geliebte Schallplattensammlung mitbringen. Fortan veranstaltet er im Cafe Burger in der Torstraße in Mitte die bald schon zu großer Berühmtheit gelangende „Russendisko“. Das zahlreiche russisch-jüdische und später immer gemischter werdende Publikum ist begeistert. Inzwischen hat er mit der von der Insel Sachalin stammenden Tänzerin Olga, deren Herz er gewinnt, indem er ihr fortwährend unwahrscheinliche Geschichten erzählt, auch seine große Liebe gefunden. Zwar gelingt es dem Film recht gut, die Stimmung jener Jahre einzufangen. Doch unbedingt vorzugswürdig sind und bleiben Wladimir Kaminers Hörbücher – mit starkem russischen Akzent.

Russendisko
Deutschland 2012
Regie: Oliver Ziegenbalg
Drehbuch: Oliver Ziegenbalg
100 Minuten, FSK: 6
Darsteller: Matthias Schweighöfer, Friedrich Mücke, Christian Friedel, Peri Baumeister u.v.a.

www.justament.de, 29.10.2012: Siebzig Jahre Lou Reed und John Cale

Scheiben vor Gericht – spezial –

Thomas Claer

scheiben-tc-velvet-underground-coverSchlag auf Schlag ging es 2012: Erst konnten Lou Reed und John Cale von The Velvet Underground ihre 70. Geburtstage feiern, dann auch noch Paul McCartney von den Beatles. Bob Dylan war schon 2011 an der Reihe, 2013 werden Mick Jagger und Keith Richards von den Rolling Stones nachziehen. Auf der Bühne stehen sie alle noch, eigentlich tun sie das sogar ständig. Und ihre Bühnenshows sind kaum weniger temperamentvoll als vor Jahrzehnten. Doch kann das wirklich überraschen? Als der deutsche Altrocker Achim Reichel (ex Rattles und Wonderland), der übrigens 2014 siebzig wird und heute selbstverständlich auch noch regelmäßig Konzerte gibt – wie sein Kollege Udo Lindenberg, der aber erst 2016 ins achte Lebensjahrzehnt eintreten wird – als Achim Reichel also 1989 ein Lied namens „Rock’n Roll und graue Schläfen“ herausbrachte, da galt es schon als kleine Sensation, dass die wilden Kerle von einst auch noch mit Mitte vierzig der Rockmusik die Treue hielten, die man damals vornehmlich mit Jugendlichkeit, Aufbruch und Protest assoziierte. Dabei war das, wie wir heute wissen, erst der Anfang! Längst hat sich erwiesen, dass kein Rock-Musiker, der etwas auf sich hält, jemals in Rente geht. So wie der Cowboy am liebsten durch eine Kugel auf dem Pferd stirbt, wünscht es sich der Rockstar im Beifallssturm des Publikums beim Gitarrensolo auf der Bühne. Schon vor Jahren kam Willi Winkler in der Süddeutschen Zeitung zu dem Schluss, dass der mythische Jungbrunnen der Antike, dem entstiegen alte Greise zu singen und zu tanzen, sich wie Jugendliche zu gebärden beginnen, nunmehr gefunden sei: Es ist die Rockmusik.
Nur dass die jungen Leute das inzwischen längst nicht mehr cool finden. Die hören lieber Schmuse-Pop und Lady Gaga. Als ich vor einigen Jahren einer jungen Kollegin eine CD mit ziemlich fetziger Rockmusik aufnahm, da kommentierte sie das mit den vernichtenden Worten: „Sowas hört aber eigentlich mein Vater.“ Man muss sich wohl schon langsam darauf einstellen, irgendwann den Satz zu hören: „Solche Musik hört doch mein Opa.“
Über das Hauptwerk der eingangs erwähnten Velvet Underground, „The Velvet Underground and Nico“, jene Platte aus dem Jahr 1967 mit dem legendären Bananencover von Andy Warhol, muss man indessen keine großen Worte mehr verlieren. Wenn es in der Welt eine perfekte, ganz und gar vollkommene Pop-Platte gibt, dann diese. Das Urteil lautet: sehr gut (18 Punkte).

The Velvet Underground
The Velvet Underground and Nico
Polydor (Universal) 1967
6,97 EUR (bei Amazon)
ASIN: B000002G7C

www.justament.de, 15.10.2012: Tristesse ohne Geheimnis

Der Philosoph Byung-Chul Han untersucht die „Transparenzgesellschaft“

Thomas Claer

Cover TransparenzgesellschaftSchon vielfach seit dem beinahe kometenhaften Aufstieg der Piraten in unsere etablierte Parteienlandschaft ist deren vehement eingefordertes Paradigma der Transparenz kritisch hinterfragt worden. Manche haben auf die hohe Bedeutung von Diskretion und informellen Absprachen in politischen Prozessen hingewiesen – ungeachtet der dabei immer bedrohlich nahen Schwelle zum Klüngel, zur Korruption und zum Gemauschel, versteht sich. Der Philosoph Byung-Chul Han aber hat in der Transparenz – viel umfassender – nicht weniger als eine allgemeine Tendenz unseres Zeitalters ausgemacht. Nach bewährtem Muster legt Han, der durch seine „Müdigkeitsgesellschaft“ längst einem größeren Publikum bekannt geworden ist, also wieder ein schmales Bändchen vor, das ausgehend von einem vieldiskutierten Stichwort gedankliche Ausflüge in unterschiedliche Richtungen unternimmt. Und diesmal ist es die Transparenz, die heute verbreitete Neigung, immer und überall alles und jedes öffentlich zu machen, an der er kaum ein gutes Haar lässt.
„Die menschliche Seele braucht offenbar Sphären, in denen sie bei sich sein kann ohne den Blick des Anderen“, stellt Han fest und beklagt – sich dabei terminologisch sowohl ganz links als auch ziemlich weit rechts bedienend – dass die kapitalistische Ökonomie alles dem Ausstellungszwang unterwerfe, während das 18. Jahrhundert, wie einst schon Carl Schmitt raunte, noch den aristokratischen Begriff des Geheimnisses gewagt habe. (Im übrigen wäre nach Carl Schmitt das Ende des Geheimen auch das Ende der Politik.) Zum einen erblickt der Verfasser nun im derzeit so angesagten allgemeinen Transparenzgebot einen inhumanen Ausbeutungs- und Kontrollmechanismus, dem sich die Menschen, man denke hier nur an die sozialen Netzwerke im Internet, paradoxerweise sogar freiwillig unterwerfen: „Es wird total. Keine Mauer trennt das Innen vom Außen.“ Zum anderen, was er als mindestens ebenso bedrohlich ansieht, nehme die Transparenz auch vielen anderen Dingen jeden Reiz. Ausführlich beschreibt Han, was etwa auf dem Felde der Erotik auf dem Spiel steht: „Der libidinösen Ökonomie ist die Transparenz fremd. Gerade die Negativität des Geheimnisses, des Schleiers und der Verhüllung stachelt das Begehren an und intensiviert die Lust.“ Und: „Allein ein Rück- und Entzug des Objekts entfacht die Lustökonomie.“ Mit Rückgriff auf Lacan resümiert er schließlich: „Nur auf dem Wege endlosen Aufschubs ist das Objekt erreichbar.“
Den philosophischen Begründer des Transparenzgedankens sieht der Verfasser in Jean-Jacques Rousseau (1712-1778), der seinerzeit alle Menschen dazu aufrief, schonungslos ihr Herz zu enthüllen. Doch schon bei diesem lasse sich beobachten, dass die Moral totaler Transparenz notwendig in Tyrannei umschlage. Heute führten solche Enthüllungen weniger zu einer „moralischen Läuterung des Herzens“ als vielmehr „zu maximalem Profit und maximaler Aufmerksamkeit. Die Ausleuchtung verspricht eine maximale Ausbeute.“
Was Han beschreibt, kennen wir bestens aus unseren Medien und womöglich sogar aus eigenem Erleben. Sicherlich ist sein Essay auch diesmal wieder einseitig, unterschlägt er doch fast alle emanzipativen Aspekte (und die ganz praktischen Erleichterungen), die ein Mehr an Transparenz ebenfalls mit sich bringen kann. Begründet jedoch erscheint der von Han vorgebrachte Verdacht, dass hier der Schaden den Nutzen bei weitem überwiegt, allemal. Allerdings übertreibt es der Autor ein wenig bei der Schilderung der „mehrdeutigen Codes“, welche eine erotische Spannung erzeugen. So viel Transparenz wäre an dieser Stelle gar nicht nötig gewesen…

Byung-Chul Han
Transparenzgesellschaft
2. Auflage Matthes & Seitz Berlin 2012
91 Seiten, EUR 10,00
ISBN: 978-3-88221-595-3

Justament Sept. 2012: Wie der Jurist Franz Bernhard de Claer Napoleon in die Flucht schlug

Justament-Autor Thomas Claer über Sinn und Unsinn der Ahnenforschung

26 RECHT HISTORISCH Fragebogen der Reichsstelle für SippenforschungDie Familienforschung, umgangssprachlich auch als Ahnenforschung bezeichnet, hat derzeit Hochkonjunktur. Man glaubt gar nicht, wie viele Internetseiten sich inzwischen diesem Thema widmen. Und anders als früher lassen sich mittlerweile viele einschlägige Quellen wie alte Kirchenbücher oder Einwohnerlisten in digitalisierter Form bequem per Mausklick im Internet einsehen. So erstaunt es nicht, dass sich immer mehr Deutsche vom Forscher-Virus infizieren lassen und mit Google & Co. auf die Suche nach ihren vermeintlichen Wurzeln begeben.

Heikles Erbe – irrationaler Kern

Doch während sich nach dem Krieg in vielen anderen europäischen Ländern und vor allem den USA die Familiengeschichtsforschung längst zu einer weit verbreiteten Freizeitbetätigung entwickelt hatte, stand sie hierzulande aufgrund ihrer historischen Belastung noch jahrzehntelang im Ruf des Anrüchigen. Schließlich erinnerte man sich noch gut an die Fragebögen der „Reichsstelle für Sippenforschung“, in welchen während der Nazi-Jahre die deutschen „Volksgenossen“ ihre lupenreine „arische Abstammung“ zu dokumentieren hatten, wollten sie sich nicht den diskriminierenden und mörderischen Sanktionen des Regimes aussetzen. Unsere nachgewachsenen Generationen gehen mit diesem heiklen Erbe nun aber deutlich unbefangener um.
Dennoch enthält alle Familienforschung, bei Lichte betrachtet, einen irrationalen Kern, sofern der Forschende, was dieser meist stillschweigend voraussetzt, aus ihr Rückschlüsse auf die eigene Existenz im Hier und Jetzt zu gewinnen trachtet. Es beginnt schon damit, dass die Familie ein ideologisch aufgeladener Begriff ist. Mit der Verdopplung der Zahl der Vorfahren in jeder Generation wächst die Zahl der persönlichen Ahnen jedes Einzelnen in der Rückschau schnell ins Unermessliche. Der Grad an genetischer Übereinstimmung mit einem bestimmten Vorfahren ist aber bereits nach wenigen Generationen nur noch marginal. Hinzu kommt der zumindest bis zur Erfindung moderner Vaterschaftstests absolut geltende Grundsatz „pater semper incertus est“ (der Vater ist immer ungewiss), der auf eine hohe Dunkelziffer an „Kuckuckskindern“ (also außerfamiliär produzierten Nachkommen) in den Stammbäumen hindeutet. Wollte man hingegen die Familie weniger als biologische, denn als kulturelle Schicksalsgemeinschaft begreifen, die sich ähnlich wie die Nation auf einen Mythos gemeinsamer Abstammung stützt, so erscheint auch dies äußerst fragwürdig, zumal in einer Zeit, in welcher zunehmend selbstgewählte Wahlverwandtschaften die traditionellen Familienbande ersetzen und die alten nationalen Grenzen und Beschränkungen in einer globalisierten Welt an Bedeutung verlieren.

Individueller Zugang zur Geschichte

26 RECHT HISTORISCH Franz Bernhard de Claer

Quelle: Familienchronik von Claer

Und doch gibt es für die Faszination so vieler Menschen für das Erforschen ihres Stammbaums einen guten Grund, und der lautet: „nomen est omen“. Denn diese Gemeinsamkeit teilen wir, jedenfalls in den meisten Fällen, gewiss mit einem Teil unserer Ahnenliste: die des Familiennamens. Es weckt nun einmal Neugier, dass da früher jemand gelebt hat, der mit dem gleichen Namen wie man selbst durchs Leben gegangen ist. So zweifelhaft der den Recherchen zugrundeliegende Impuls also auch sein mag, er ermöglicht uns doch einen ganz individuellen Zugang zur Geschichte.
Da stößt man im Internet also zufällig auf eine Von-Claer-Straße in der rheinischen Kleinstadt Königswinter und geht dem nach. Der Namensgeber, Franz Bernhard de Claer (1785-1853), war in den napoleonischen Kriegen der Adjutant des „Landsturms vom Siebengebirge“. Das war eine Art Freiwilligenarmee, welche die regulären deutschen Truppen bei der Befreiung des rechten Rheinufers von der französischen Herrschaft im Januar 1814 unterstützte. Noch mehr Auskünfte lassen sich der aus dem Stadtarchiv St. Augustin am Rhein angeforderten über 400-seitigen „Familienchronik von Claer“ entnehmen, die Franz Bernhard de Claer als einen Verwaltungsjuristen in Mülheim vorstellt. Er verlässt in der „Stunde der Erhebung“ seinen Posten, um beim Kampf gegen Napoleons Besatzungsarmee in der ersten Reihe zu stehen. „Gegenüber dem Landsturm“, heißt es weiter, „lagen verlässliche Nachrichten vom linken Ufer noch nicht vor. Um sich Gewissheit zu verschaffen, bemannte Franz Bernhard de Claer am 14. Januar in Beuel einen Kahn und fuhr nach Bonn herüber. Bei der Annäherung ließ er die Mannschaft sich niederlegen, er selbst stand vorn im Kahn. Am Ufer hatte sich Volk gesammelt, aus dessen Mitte ein Polizeidiener trat und Claer mit den Worten ‚Im Namen des Gesetzes arretiere ich Euch‘ empfing. Mit den Worten ‚Kerl, wenn du das Maul nicht hältst, schieße ich dich über den Haufen‘ schlug Claer auf den Mann an. Die Menge, welche die Befreier jubelnd begrüßte, packte den Polizisten und schleppte ihn fort. Claer zog mit seiner Mannschaft in die Stadt, die er vom Feinde geräumt fand.“
Was für ein Teufelskerl!, denkt man. Aber ist er denn nun ein Verwandter? Wohl eher nicht, zumindest kein näherer. Belegen lässt sich, so viel steht nach umfangreichen weiteren Forschungen schon mal fest, jedenfalls gar nichts. Doch gibt es gewisse Anhaltspunkte, die es denkbar erscheinen lassen, dass es im 13. Jahrhundert gemeinsame Vorfahren gegeben haben könnte. Vielleicht hegt man ja doch die geheime Hoffnung, dass vom Glanz vergangener Namensträger etwas aufs eigene bescheidene Dasein abstrahlen könnte.

Justament Sept. 2012: 25 Jahre erste Pixies-Platte

Scheiben vor Gericht Spezial

Thomas Claer

Cover PixiesMit den Pixies und ihrer Debüt-EP „Come on Pilgrim“ begann damals, 1987, ein neues Zeitalter der Popmusik. Der wilde anarchische Indie-Gitarrenrock war geboren. Viele Epigonen hat es seitdem gegeben, doch niemand von ihnen konnte und kann den Pixies das Wasser reichen. In einzigartiger Weise verbanden sie krachende und knochentrockene Gitarrenriffs mit beinahe beängstigend einschmeichelnden poppigen Melodien. Zwar griffen sie durchaus auf das schon Vorhandene der Popgeschichte zurück, aber sie machten etwas völlig Neues daraus: Sixties-Gitarren kreuzten sie mit der Geschwindigkeit des Punkrock, den betörend schönen männlich-weiblichen Wechselgesang entliehen sie – wie vor ihnen bereits Phillip Boa & the Voodooclub – bei The Velvet Underground, und das Megaphon als Stimmverzerrungsgerät hatten vor ihnen schon, ja! ja! ja!: Trio. Ohne die Pixies wären die späteren Erfolge von Nirvana nie möglich gewesen. Kurt Cobain war ein ehrfürchtiger Bewunderer der Pixies. Er soll sogar einmal ein eigenes Konzert in London vorzeitig verlassen haben, nur um andernorts ein Pixies-Konzert (als Zuschauer!) nicht zu versäumen. Der Welthit „Smells like Teen Spirit“ von Ende 1991 war nach seinen Angaben der Versuch, so zu klingen wie die Pixies.
Doch zu dieser Zeit waren diese – nach nur vier LPs – schon fertig mit ihrem Gesamtwerk und lösten sich bald darauf auf. Sie haben, vergleicht man es mit den Kollegen aus Seattle und deren unglücklichem Frontmann, noch rechtzeitig den Absprung geschafft, waren angekommen an einem Punkt, an dem sie Stadien hätten füllen können – aber genau das wollten sie nicht. Hinzu kam der nicht mehr moderierbare Dauerstreit zwischen Sänger/Gitarrist Black Francis und Sängerin/Bassistin Kim Deal. Und schließlich waren die Pixies rein optisch betrachtet auch nicht gerade Schönlinge, so blieb Black Francis (anders als dem slackerigen Adonis Kurt Cobain) der mediale Ruhm als Stilikone erspart. Doch nach einem Jahrzehnt der Abstinenz drohte mehreren Bandmitgliedern das Geld auszugehen und Black Francis (der sich zwischenzeitlich Frank Black nannte und unzählige Garagenrock-Platten aufnahm) in Depressionen zu versinken. So kam es 2003 zur vielumjubelten Wiedervereinigung. Seitdem touren die Pixies mit ihren alten Songs durch die Welt und haben es glücklicherweise unterlassen, neue Platten zu veröffentlichen – schon um ihren Mythos nicht zu gefährden. Die euphorisierende Wirkung ihrer Musik ist bis heute ungebrochen. In einer besseren Welt als dieser feierte man nicht die Beatles und die Rolling Stones als größte Helden der Popgeschichte, sondern: die Pixies. Das Urteil fürs Gesamtwerk lautet: sehr gut (17 Punkte).

Pixies
Surfer Rosa / Come on Pilgrim
4AD/Beggar (Indigo) 1987/88
€ 7,99 (bei Amazon)
ASIN: B00005LAGO

Pixies
Doolittle
4AD(Beggar (Indigo) 1989
€ 8,97 (bei Amazon)
ASIN: B000026YFS

Pixies
Bossanova
4AD/Beggar (Indigo) 1990
€ 9,99 (bei Amazon)
ASIN: B000026YEG

Pixies
Trompe le Monde
4AD/Beggar (Indigo) 1991
€ 9,99 (bei Amazon)
ASIN: B000026YEO

Pixies
At the BBC
4AD/Beggar (Indigo) 1998
€ 12,99 (bei Amazon)
ASIN: B0000B9DL

Pixies
Complete B-Sides
4AD/Beggar (Indigo) 2001
€ 12,99 (bei Amazon)
ASIN: B000056Q1P

Justament Sept. 2012: This is Maike

Maike Rosa Vogel auf ihrem dritten Album „Fünf Minuten“

Thomas Claer

Cover MaikeDas musste ja so kommen. Kaum hat sich unsere Musikredaktion endlich mal zu einer Rezension von „Unvollkommen“ aus dem Jahr 2011 bequemt, da präsentiert uns Maike Rosa Vogel auch gleich schon ihr nächstes Album. O.K., wir haben verstanden. Hier also ganz aktuell unser Text zur neuen CD „Fünf Minuten“: Etwas bange ist einem vor dem ersten Hören schon. Die erste Platte nach dem Durchbruch ist ja für jeden Künstler eine besondere Herausforderung. Oft genug geht ja mit der Saturiertheit durch den Erfolg auch gleich der ganz spezielle Charme des Frühwerks verloren, was erst mal kompensiert werden will. Auch bei den Größten ist es so gewesen. Maike Rosa Vogel ist sich dieses Transformationsrisikos offenbar bewusst und setzt schon in den ersten Liedern „Du kannst alles sein“ und „Für fünf Minuten“ einiges in Bewegung, um etwaige Gedanken, sie könnte satt und zufrieden geworden sein, zu zerstreuen. Allerdings unterrichtet sie bzw. ihr lyrisches Ich die Zuhörer dabei so ausgiebig und stolz über tollkühne Abenteuer früherer Tage, dass hier ein wenig der Eindruck entsteht, Tante Maike will uns was aus ihrer wilden Jugendzeit erzählen. Über die zahlreichen Rechtsverletzungen („fast alles kaputt gemacht“, „U-Bahn beschmiert“, nachts in Schwimmbäder geklettert, „Bier auf dem Schulhof“), von denen hier auch die Rede ist, sehen wir Juristen natürlich milde hinweg. Weiter geht es im Song „Weizenfelder“ mit einer Anklage an einen Geliebten, der nicht gewillt ist, sich an Eskapaden wie „im Sommer nackt durch Weizenfelder rennen“ zu beteiligen („Doch du bewegst dich nicht!“). Aber dann kommt das Lied zur Statusvergewisserung „Ich bin ein Hippie“. Schon nach den ersten Zeilen verfliegt die anfängliche Skepsis des Rezensenten: „Bauen andere Leute Autobahnen, dann pflück ich Blumen und häng sie an mein Fahrrad ran“. Das ist so entwaffnend gut und richtig und schön, dass man sich kaum noch in der Lage sieht, überhaupt irgendetwas gegen diese Sängerin und diese Platte vorzubringen. Und schließlich ist auch noch der sehr gelungene aktuell-politische Protestsong „So Leute wie ich“ hervorzuheben. Zwar fehlen „Fünf Minuten“ die ganz großen Kracher, wie sie etwa „Tränendes Herz“ und „So hab ich dich bei mir“ auf ihrem Debüt-Album „Golden“ (2008) oder „Die Mauern kamen langsam“ auf „Unvollkommen“ darstellten. Doch lässt sich eine solche Intensität und Eindringlichkeit wie auf „Golden“, das man in dieser Hinsicht wohl nur mit den beiden ersten deutschsprachigen Platten von Element Of Crime vergleichen kann, nun einmal nicht beliebig wiederholen. Das Urteil lautet: voll befriedigend (11 Punkte).

Maike Rosa Vogel
Fünf Minuten
Our Choice Rough Trade 2012
Ca. € 15,-
ASIN: B007EJ6SOM

Justament Sept. 2012: Ein Zwang namens Freiheit

Der Philosoph Byung-Chul Han über die „Müdigkeitsgesellschaft“

Thomas Claer

Cover Han„Die Ausbeutung des Menschen / Erreicht eine neue Qualität“, heißt es in einem bereits anderthalb Jahrzehnte alten Tocotronic-Song, den der Hamburger Bürgermeister a.D. Ole von Beust (CDU) bemerkenswerterweise einmal als sein persönliches Lieblingslied bezeichnet hat. Wie man das aber, also das mit der Ausbeutung, für unsere Gegenwart zu verstehen hat, erläutert der koreanischstämmige Karlsruher Philosoph Byung-Chul Han in seinem erstmals 2010 veröffentlichten Essay „Müdigkeitsgesellschaft“, der inzwischen bereits in der 7. (Klein-) Auflage erschienen ist und somit den Status eines kleinen Bestsellers erreicht hat. Der Verfasser sieht die entwickelten spät- und postindustriellen Regionen der Welt nämlich im Übergang von der „Disziplinargesellschaft“ zur „Leistungsgesellschaft“, was letztlich den veränderten ökonomischen Zwängen geschuldet sei: „Zur Steigerung der Produktivität wird das Paradigma der Disziplinierung durch das Paradigma der Leistung ersetzt.“ Ab einem bestimmten Produktivitätsniveau sei das Leistungssubjekt schneller und produktiver als das Gehorsamssubjekt. Und damit einhergehend entstehe ein neuer Menschentyp, in dem Freiheit und Zwang zusammenfallen. Dieser lasse sich, anders als der des klassischen „Lohnsklaven“, nicht mehr nur von anderen ausbeuten, sondern übernehme das gleich selbst, und zwar freiwillig, ohne Fremdzwänge, denn „Selbstausbeutung ist effektiver als Fremdausbeutung.“ Und längst erstreckt sich diese Selbstausbeutung nicht mehr nur auf die prekären Kreativen, sondern erfasst immer mehr Branchen und Berufe. Ob frei oder angestellt, ist hier schon gar nicht mehr die Frage. So wird gerade auch der eigentlich Mächtige, „der Herr“, zum Arbeitssklaven.
Aber warum, so fragt man sich, tun so viele Menschen sich das überhaupt an? Wer oder was zwingt sie eigentlich dazu? Es ist, weiß Byung-Chul Han, die „Leistungsgesellschaft“, die diese neuen Zwänge, ja sogar „neue Formen von Gewalt“, erzeugt hat, vor allem solche psychischer Art. So werde der Mensch zur „autistischen Leistungsmaschine“, seine Lebendigkeit, eigentlich ein komplexes Phänomen, auf die Vitalfunktion und Vitalleistung reduziert. Da kann und will natürlich nicht jeder mitgehen. Daher bringe die Leistungsgesellschaft regelmäßig Depressive und Versager hervor. Neuronale Erkrankungen wie ADHS, Borderline und Burnout bestimmten die pathologische Landschaft. Eine allgemeine Erschöpfung und Ermüdung angesichts des Zuviel an Beschleunigung, allgemeiner Promiskuität und Reizüberflutung breite sich aus. Ebenso radikal, so der Autor, ändert sich auch die Struktur und Ökonomie der Aufmerksamkeit. Hyperaktivität, die Hysterie der Arbeit und Produktion, und Multitasking bestimmten unser Leben. In letzterem sieht der Verfasser, stammesgeschichtlich betrachtet, einen Regress, wie er bei Tieren in der freien Wildbahn verbreitet ist. Und exakt an diese nähere sich die heutige Leistungsgesellschaft auch an. Nur noch zur zerstreuten, nicht mehr zur tiefen Aufmerksamkeit seien die Menschen imstande, so Han. Die Fähigkeit zur kontemplativen Versenkung gehe verloren. Zustimmend zitiert der Autor Friedrich Nietzsche: „Aus Mangel an Ruhe läuft unsere Zivilisation in eine neue Barbarei aus.“
Bis hierhin ist dem Befund des Verfassers kaum zu widersprechen. Aber gibt es denn für das so gequälte und entsprechend sensibilisierte Individuum eine Möglichkeit, sich diesen Zwängen zu verweigern, sich nicht durch destruktiven Ehrgeiz und eitles Konkurrenzdenken das schöne Leben, die Eudaimonia, verderben zu lassen? Jeder weiß, es ist verdammt schwer. Und es wird wohl auch letztlich jeder auf seine Weise immer wieder daran scheitern. Aber was Byung-Chul Han im letzten Kapitel als Ausweg empfiehlt, erstaunt dann doch: Niemand anders als den metaphysischsten aller lebenden Dichter, den Zeitgeist-Verächter und Karadzic-Versteher Peter Handke und seine zur Tugend gewendete „fundamentale Müdigkeit“ (aus dem „Versuch über die Müdigkeit“ von 1989). Denn diese befähige den Menschen zu einer besonderen Gelassenheit: zu einem gelassenen Nicht-Tun. Und jetzt aber Kontemplation!

Byung-Chul Han
Müdigkeitsgesellschaft
7. Auflage Matthes & Seitz Berlin 2012
70 Seiten, EUR 10,00
ISBN: 978-3-88221-616-5

Justament Sept. 2012: Geplatzte Übernahme

Wie zwei koreanische Studenten in Berlin beinahe Millionäre geworden wären

Thomas Claer

Die Geburtsstunde der sozialen Online-Netzwerke war nicht etwa die Gründung von Facebook am 4. Februar 2004 in Harvard (und auch weder die von Mark Zuckerbergs Vorläufer-Projekt  facemash.com im Oktober 2003 noch die des amerikanischen Konkurrenten Myspace im Juli 2003). Zu dieser Zeit war im fernen Technik-Pionierland Südkorea nämlich längst ein Online-Dienst namens Cyworld (gegründet 1998) mit Millionen Nutzern etabliert, der es allerdings (noch) weniger streng mit dem Datenschutz hielt als später Facebook: Was jemand auf seine persönliche Cyworld-Seite gestellt hatte, war grundsätzlich für jeden einsehbar, der sich bei diesem Netzwerk angemeldet hatte. Es gab dort also nur „Freunde“.
Dass sich das Konzept dieser werbefinanzierten „Mini-Homepages“, wie man damals sagte, irgendwann auch außerhalb von Fernost umsetzen ließe, das wurde damals noch überwiegend bezweifelt. Vor allem zu Deutschland, wo die Skepsis gegenüber technischen Innovationen traditionell vergleichsweise stark ist, schien diese neue Form der Selbst-Präsentation und Kommunikation nicht so recht zu passen. Doch Chol-Soo Kim und Jae-Gang Lee (Namen von der Redaktion geändert), zwei damalige Studenten aus Südkorea in Berlin, denen Cyworld aus ihrer Heimat gut bekannt war, wollten sich damit nicht abfinden. Sie taten im Jahr 2004 das, was auch heute noch Tausende „junge Kreative“ in Berlin tun: Sie gründeten ein „Startup“. Das soziale Netzwerk „n-pool.de“ war geboren und hatte nach einigen Monaten bereits ein paar hundert Nutzer, vor allem unter Deutsch-Koreanern. Kim und Lee gingen nun in die Vollen, liehen sich Geld im Freundes- und Bekanntenkreis, auch aus ihren Familien, mieteten Büroräume zunächst im bescheidenen Moabit, später sogar in bester Lage am Nollendorfplatz, und stellten junge und hochmotivierte Mitarbeiter ein, vor allem Praktikanten, die zu finden in Berlin nie ein Problem ist, wo auch heute noch fast jeder am liebsten „irgendwas mit Medien“ machen möchte. Bald stieg die Nutzerzahl auf einige tausend. Und so langsam gab es auch Interessenten aus der Medienindustrie, die das nächste „große Ding“ witterten. Ein Großunternehmen aus Gütersloh lud Kim und Lee zu konkreten Übernahmegesprächen. Man hatte sich bereits auf einen Preis von einer Million Euro geeinigt (angesichts des erwarteten Potentials von N-Pool eher „Peanuts“), die Konzernzentrale sollte es nur noch absegnen. Doch darauf warteten Kim und Lee, die sich zwischenzeitlich schon als Millionäre gefühlt hatten, vergeblich. Lag es vielleicht am Manga-Design der Seite, das damals – anders als heute – noch keinen deutschen Jugendlichen hinter dem Ofen hervorlocken konnte? Auch die Verhandlungen mit anderen Kaufanwärtern scheiterten. Kim und Lee wuchsen die laufenden Kosten über den Kopf – sie mussten aufgeben. N-Pool ging 2006 vom Netz. Wenig später wurde das im November 2005 gegründete Studi-VZ zum großen Renner, welches seinerseits nach einigen Jahren vom Giganten Facebook überholt wurde.

www.justament.de, 6.8.2012: Man wird moralisch, sobald man unglücklich ist

Marcel Proust und der zweite Band seiner „Recherche“

Thomas Claer

lit-proust-recherche2Wer in aller Welt kann sich schon rühmen, die mehr als 4000 Seiten von Marcel Prousts „Suche nach der verlorenen Zeit“, diesem ausgesuchten Meisterwerk der literarischen Moderne, wirklich vollständig gelesen zu haben? Die Wahrheit ist: nicht einmal Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki! Das vertraute dieser vor einigen Jahren dem Spiegel an, als der ihn fragte, welche seiner unterlassenen oder unvollständigen Lektüren literarischer Werke ihm am peinlichsten sei. „Das Leben ist zu kurz und Proust zu lang“, befand schon Prousts Kollege und Zeitgenosse Anatole France. Und welch schweren Stand die „Recherche“ mit ihren Satzungetümen, die wohl kein Lektor der Welt heute mehr durchgehen ließe, im Zeitalter der Smartphone-Facebook-Twitter-Menschen, der kurzen Nachrichten und Aufmerksamkeitsspannen hat, das lässt sich leicht vorstellen.
Und doch hat, wie der Justament-Rezensent beim Lesen des immerhin schon zweiten der sieben Bände, „Im Schatten junger Mädchenblüte“, nicht ohne Bewunderung feststellen konnte, dieses monströse Werk uns noch immer eine Menge zu sagen. Das Muster des Romans ist immer gleich: Zwischen den überaus detaillierten und lebendigen Beschreibungen der äußeren und vor allem auch inneren Lebenswelt des jungen namenlosen Ich-Erzählers im ausgehenden 19. Jahrhundert ist in unregelmäßigen Abständen – wie eine Stimme aus dem Off – die Kommentierung des Verfassers zu vernehmen: oft sehr ausführlich, manchmal aber auch in lakonischer Punktgenauigkeit: „Man wird moralisch, sobald man unglücklich ist.“ Ja, das erklärt die Situation und nebenbei auch gleich noch die ganze Welt. Zumeist aber ist es viel komplizierter: „In unserer Phantasie beruhen die Einzelheiten unseres Glücks weit mehr auf der Identität mit den Wünschen, die es in uns weckt, als auf genauen Informationen über seine Beschaffenheit.“ Oder: „Der Verstand eliminiert aus unseren Erinnerungen, die sich auf ein Wesen beziehen, alles, was in unseren alltäglichen Beziehungen zu ihm nicht von unmittelbarem Nutzen ist (sogar und erst recht, wenn diese Beziehungen von der Liebe bestimmt werden, die, weil sie nie genug bekommt, stets schon im Augenblick lebt, der kommen wird). Er lässt die Kette der vergangenen Erinnerungen vorbeigleiten und hält mit Macht nur das letzte Ende fest, das oft aus anderem Metall besteht als die ins Dunkel entglittenen Glieder, und auf unserer Reise durch das Leben hält er für einzig wirklich das Land, in dem wir uns befinden.“ Eine so präzise Ausbreitung und Analyse der menschlichen Gedanken- und Gefühlswelt wie bei Proust haben wir in der deutschen Literatur nie erlebt. Entweder belassen es die Autoren, wie Thomas Mann, bei der feinen diskreten Andeutung oder sie kommen auf ihren Wegen nach innen, wie Hermann Hesse, ins Raunen und Beschwören, was jugendliche Leser mitten ins Herz trifft und dieselben beim späteren Wiederlesen oft peinlich berührt. Bei Proust ist es anders. Er spart nichts aus, wühlt in den Eingeweiden des Geistes, um dann den jeweiligen Irrungen und Wirrungen mit großer Nüchternheit, vollkommen unromantisch und illusionslos, aber mit ungeheurer Genauigkeit und vor allem Sprachkraft auf den Grund zu gehen.
Der vielleicht abgründigste Satz des Buches ist dieser: „Das Wirken der Kausalität, das schließlich alle nur möglichen Effekte hervorbringt und infolgedessen auch die, von denen man es am wenigsten denkt, vollzieht sich oft äußerst langsam, häufig gerade infolge unserer Wünsche, die statt einer Beschleunigung eine Hemmung bewirken – ja, manchmal selbst durch unsere Existenz, und kommt erst zum Ziel, wenn wir zu wünschen, ja zuweilen sogar zu leben aufgehört haben.“ In der Welt dieses Romans bedeutet er, dass Odette de Crecy, vielleicht hört sie ihre biologische Uhr ticken oder erinnert sich doch noch an Swanns vielfältige Vorzüge, zu einem Zeitpunkt Interesse an einer Heirat mit Swann bekundet, als dieser nach Jahren am Rande des Wahnsinns bereits aufgehört hat sie zu lieben. Natürlich nicht völlig, versteht sich, denn an anderer Stelle heißt es, dass er auch weiterhin allem gegenüber blind war, was Odette betraf. Indessen hält Odette an ihrem geheimen Leitspruch fest: „Mit Männern, die einen lieben, kann man machen, was man will, sie sind ja so dumm.“  Doch nun, in der Ehe, hat Swann seine frühere Eifersucht überwunden. Es ist ihm egal geworden, was Odette hinter seinem Rücken gerade tut (und sie tut es immer weiter!), sogar hat er nun selbst eine andere Geliebte. Entscheidend aber dafür, dass Odette in der Ehe so glücklich ist wie nie zuvor, ist das repräsentative Leben, das sie mit dem Reichtum ihres Mannes noch weitaus besser als bisher genießen kann: „Die Wohnung war für die Swanns, was der Körper für die Seele ist.“ In ihrem mit den erlesensten Möbeln und Kunstwerken aufs Geschmackvollste dekorierten Pariser Domizil veranstaltet Odette täglich Kaffeekränzchen und Salonabende mit den Damen und Herren der Oberschicht und führt ihre immer neuen ausgefallenen Kostüme vor. Doch werden Swann und Odette im Laufe der Geschichte immer mehr zu Nebenfiguren, geht es stattdessen um ihre ganz reizende Tochter Gilberte, in die sich der Ich-Erzähler (der erst im fünften Band zweimal mit seinem Namen Marcel angesprochen wird) im ersten der zwei Teile dieses zweiten Bandes, „Madame Swann und ihre Welt“, unsterblich verliebt. Es beginnt irgendwann in der Teenagerzeit und endet, als Marcel um die zwanzig ist. Der junge Marcel unternimmt, wie es Liebenden so eigen ist, einen übergroßen gedanklichen, emotionalen und auch tätigen Aufwand, um Gilbertes Liebe zu gewinnen, der im Buch bis in die kleinsten Einzelheiten dokumentiert und von der Stimme aus dem Off stetig hinterfragt wird: „Unsere Liebe, soweit sie Liebe eines bestimmten Wesens ist, hat nichts sehr Reales an sich.“ „So sehr haben in einer Liebe die Dinge, die wir selber hinzutun – sogar unter einem rein quantitativen Gesichtspunkt – das Übergewicht über diejenigen, die das geliebte Wesen in sich trägt.“ Doch könnte den Betroffenen nicht einmal eine solche Einsicht helfen, denn: „Die Liebenden und die, die Genüsse haben, sind nicht dieselben.“ Marcel kann die gespürte Zurückweisung durch Gilbert, welche ihn nach anfänglich großer Aufgeschlossenheit immer mehr vernachlässigt, nicht ertragen und inszeniert aus verletztem Stolz nach langen Qualen schließlich den radikalen Bruch mit ihr. Die lebenskluge Stimme des Erzählers sieht das als exemplarisch für die – aufgrund des überschießenden inneren Selbstbehauptungstriebes – im jungen Lebensalter zumeist bestehende Tendenz an, alles als etwas Grundsätzliches zu betrachten, wohingegen in späterem Alter die Leidensfähigkeit häufig zunimmt und einem weniger prinzipienfesten Pragmatismus weicht. Doch weiß die Stimme aus dem Off auch: „Die Wesensart, die wir in der zweiten Hälfte unseres Lebens hervorkehren, ist nicht immer – wenn auch häufig – eine dürftigere, vergröberte oder gemilderte Form unserer früheren.“
Dabei hat der junge Marcel wenig von dem oft unangenehm Auftrumpfenden, das man von jugendlichen Helden in der Literatur sonst kennt. Sogar ausnehmend sympathisch macht ihn sein Charakterzug, in zwischenmenschlichen Beziehungen niemals den persönlichen Vorteil zu suchen, was aber vermutlich auch durch seine finanziell abgesicherte großbürgerliche Herkunft und die bemerkenswerte elterliche Toleranz bedingt ist. „Man muss vor allem Freude haben an dem, was man tut“, erklärt ihm sein Vater, ein hoher politischer Angestellter, und unterstützt seinen Sohn sogar in dem gewagten Unterfangen, Schriftsteller zu werden. Marcel begründet seine Selbstlosigkeit und seine enorme Hilfsbereitschaft aber keineswegs mit Tugend oder gar Pflichtgefühl, sondern ausschließlich mit seiner Eigenliebe, der es schmeichelt, im Ansehen anderer gut dazustehen.
Anlässlich der minutiös geschilderten Salonabende erhält der Leser einen tiefen Einblick in die Lebensverhältnisse der Pariser Oberschicht zu jener Zeit. Auffällig ist die hohe Kultiviertheit in den Gesprächen gerade auch der hohen politischen und juristischen Würdenträger, wozu unbedingt immer auch ihre Ruhe und Gelassenheit zählen. Man ist außerordentlich gebildet und belesen, und man hat Zeit für Reflexionen und Unterhaltungen. Die Amtsgeschäfte, so bedeutend sie auch sein mögen, lassen dafür immer noch ausreichend Spielraum. Welch ein Kontrast zu den von Parlamentssitzung zu Pressekonferenz zu Talkshow hetzenden und immer dieselben Floskeln produzierenden Politikern unserer Tage! Schlecht dagegen kommen im Buch die Ärzte weg. Über den gelegentlich an den Salonabenden teilnehmenden Hausarzt Doktor Cottard heißt es zwar, er habe als Arzt einen richtigen Instinkt und sicheren Blick, jedoch: „Diese geheimnisvolle Gabe schließt keineswegs eine Überlegenheit auch der anderen Bezirke des Geistes ein, und ein höchst trivialer Mensch, der sich zu schlechter Musik und Malerei hingezogen fühlt, dem jede geistige Neugier abgeht, kann sie durchaus besitzen.“ (Der reale Marcel Proust stammte anders als seine Romanfigur aus einer Arztfamilie. Sein Vater gilt als Begründer des modernen Krankheitsbildes der Neurasthenie (d.h. der nervösen Befindlichkeitsstörung), einer heute weitgehend vergessenen „Zeitgeistkrankheit“ jener Epoche, inzwischen längst verdrängt vom zeitgemäßeren „Burnout“. Als Objekt seiner Untersuchungen, anhand derer er die Neurasthenie begründete, diente ihm vorwiegend sein Sohn Marcel.)

Im zweiten Teil dieses zweiten Bandes der Recherche namens „Ortsnamen. Die Landschaft“ verlagert sich die Handlung nach Balbec, ein Seebad in der Normandie, wo Marcel gemeinsam mit seiner geliebten Großmutter eine Mischung aus Kuraufenthalt – er leidet unter Asthma – und ausgedehntem Sommerurlaub in einem Luxushotel absolviert. Seine Trauer über die unerreichbare Gilberte hat er inzwischen überwunden und erlebt in der anmutigen Umgebung wieder Glücksmomente: „Unsere Wünsche verschieben sich oft, und in der Verwirrung des Daseins ist selten ein Glück genau dem Wunsch angepasst, der es herbeiziehen wollte.“ Marcel beschränkt sich neben seiner großen Begeisterung für Architektur (besonders für die Kirchen), Malerei und Landschaft aber nicht auf eine neue Liebe zu nur einer Person, sondern verliebt sich gleich in eine ganze Gruppe hübscher junger Mädchen, die er am Strand beobachtet. Sie sind für ihn die Krönung einer gediegenen Badekultur der Reichen und Schönen, die vom Ballermann-Tourismus späterer Zeiten noch nichts weiß. Am Strand sieht er „edel in sich ruhende Muster menschlicher Schönheit: schöne Leiber, schöne Beine, schöne Hüften, gesunde ausgeruhte Gesichter“. Und über die jungen Mädchen urteilt er: „so etwas Schönes und Unerreichbares, so ein köstliches und vollkommenes Bild des unbekannten, doch möglichen, vom Leben bereitgestellten Glücks“. Besonders lobt nun wieder die Stimme des weisen Erzählers die hohe „Plastizität“ in den Gesichtern der jungen Mädchen, ihre noch nicht bestehende Festgefügtheit, die sie so reizvoll macht. Demgegenüber seien „die Gesichter der Frauen von einem bestimmten Alter an vom Existenzkampf verhärtet, für alle Zeiten zäh oder ekstatisch gemacht“. Die aus der Botanik entlehnte Metaphorik des Buchtitels „Mädchenblüte“, die auf Deutsch ein wenig schwülstig klingt, wird hier zu einer Allegorie vom frühen Aufblühen und raschen Verblühen weiblicher Schönheit fortgeführt. An dieser Stelle erstaunt es den Leser aber doch, wie vollständig nicht nur dem jungen Marcel, sondern auch dem in Dingen des Geschmacks ansonsten so versierten Hintergrund-Erzähler der ganz eigene Reiz entgeht, den gerade die nicht mehr ganz jungen Frauen oftmals zu entfalten vermögen. Hierfür, so scheint es, hatte der Homosexuelle Proust, der sich damals umfänglich zu tarnen gezwungen war, wohl einfach keinen Blick. (Einzig die noch in weit fortgeschrittenem Alter als begehrenswert geschilderte Madame Swann lässt er gelten.)
Dem eigentlich recht schüchternen, aber im Ernstfall auch sehr zielstrebig vorgehenden jungen Marcel gelingt nach etlichen Tagen die Annäherung an die begehrte Mädchengruppe. Zu seiner großen Freude schließen die Mädchen, die sich als Oberschülerinnen erweisen, ihn, anders als die dümmlichen blasierten Jungen vom Golfplatz, schnell ins Herz und unternehmen täglich Ausflüge und Wanderungen mit ihm. Zugute kommt Marcel die Einseitigkeit der Kenntnisse und Interessen der anderen mit den Mädchen bekannten jungen Männer (überwiegend Industriellensöhne), die sich auf alles beschränken, was „die Kleidung und die Art sie zu tragen, Zigarren, Bargetränke, Pferde betraf ohne die geringste Entsprechung auf dem Gebiet der Kultur des Geistes“. Heute würde man ihnen wahrscheinlich eine kuriose Mischung aus Hipster- und Spießertum bescheinigen. Hingegen sind die Mädchen sehr empfänglich für Marcels Gelehrsamkeit, wobei er sich aber auch nicht scheut, an ihren ziemlich albernen Gesellschaftsspielen teilzunehmen. Vor allem jedoch vermeidet er sehr gekonnt den Kardinalfehler junger männlicher Intellektueller im Umgang mit dem weiblichen Geschlecht: Er textet die Mädchen  nicht zu. Vielmehr lässt er sie reden und ergötzt sich dabei nicht nur am Anblick ihrer schönen Gesichter und Körper, sondern besonders auch am Lauschen ihrer in seinen Ohren äußerst wohlklingenden Stimmen. („Jede besitzt mehr Noten als das klangvollste Instrument.“) Allmählich wird Marcel sogar zum Hahn im Korb und löst erhebliche Eifersüchteleien unter den jungen Damen aus.
Erst nach vielem Hin und Her konkretisiert sich sein Verlangen auf die schöne Albertine, die in den späteren Bänden die Frau an seiner Seite werden wird. Warum gerade sie? „Zwischen den Frauen, die wir nacheinander lieben, besteht eine, freilich eine gewisse Entwicklung durchmachende Ähnlichkeit, die mit einer Unveränderlichkeit unserer Anlage zusamenhängt, denn diese wählt sie ja aus, wenn sie mit uns kontrastieren und uns zugleich entsprechen, d.h. sich eignen, unseren Sinnen zu genügen und uns Leiden des Herzens zu bereiten. Diese Frauen sind eine umgekehrte Projektion, ein ‚Negativ‘ unseres eigenen Gefühlslebens.“ Das Leiden des Herzens wird für Marcel aber immens, als Albertine ihm bei einem Ringleinspiel einen Zettel zusteckt mit der Aufschrift „Ich mag Sie sehr gerne.“ Nach einigen Wochen lässt sie ihn heimlich ins Hotelzimmer kommen, in dem sie einen Abend allein verbringen soll. Doch als der völlig entflammte Marcel den Versuch unternimmt, sie zu küssen, wird er heftig von ihr zurückgewiesen. Er findet keine Erklärung für Albertines Verhalten, ergeht sich in quälenden Selbstzweifeln, denn an die „Tugendhaftigkeit“ Albertines will er nicht glauben, dann schon eher an eine Art Koketterie. Auch eine spätere Befragung Albertines führt nicht zur Auflösung des Rätsels. Und so erläutert die Stimme des Erzählers aus dem Off:„Die Wahrheit über die Absichten eines Menschen erfährt man nicht auf dem Wege direkter Befragung, und die Gefahr eines vorübergehenden Missverständnisses ist geringer als die naiven Insistierens.“ So fährt Marcel zum Sommerende letztlich „unverrichteter Dinge“ wieder zurück nach Paris. Doch bleibt dem Leser die begründete Hoffnung auf ein späteres „Happy End“, denn Albertine wohnt ebenfalls in Paris, wodurch künftige Begegnungen als nicht ausgeschlossen erscheinen.

So lässt das Buch einen verstört und bezaubert zugleich zurück, vor allem aber sensibilisiert für die vielen kleinen Besonderheiten des Alltags, die man in stumpfer Gewöhnung nicht mehr wahrnimmt. Es ermutigt den Leser zur Aufmerksamkeit – nach außen wie nach innen, denn: „Die sichtbare Welt ist auch nicht die wahre Welt, weil unsere Sinne über kaum bessere Fähigkeiten verfügen als unsere Einbildungskraft.“
Welch ein Glück, denkt man, dass jemand ein solches Buch geschrieben hat und darin so viel von dem ausdrücken konnte, von dem man nie annahm, dass es sich überhaupt sprachlich formulieren ließe. Und das in solch einer Eleganz! „Das gesprochene Wort steht in Beziehung zur Seele, drückt sie aber nicht aus wie der Stil beim Schreiben.“ Und noch ein letztes Mal die Stimme aus dem Off: „Das Dasein hat eigentlich nur an jenen Tagen Sinn, wo der Staub der Realitäten magischen Sand mit sich führt.“ Dieses Buch ist eine wahre Sahara aus magischem Sand.

Marcel Proust
Im Schatten junger Mädchenblüte (Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Band 2)
Deutsch von Eva Rechel-Mertens
Suhrkamp Verlag Taschenbuch 2004
851 Seiten, EUR 19,00
ISBN-10: 3518456423

Die Besprechung des ersten Bandes der Recherche gibt es hier.