Tag Archives: Frühwerk

justament.de, 12.10.2020: Soundtrack einer Juristenausbildung

Vor 25 Jahren erschien “Digital ist besser” von Tocotronic

Thomas Claer

Muss man über das grandiose Frühwerk der Band Tocotronic, das vor einem Vierteljahrhundert seinen Anfang nahm, überhaupt noch große Worte verlieren? Ist denn nicht längst schon alles darüber gesagt? Das schon, ließe sich mit Karl Valentin einwenden, aber noch nicht von jedem. Meine persönliche Tocotronic-Geschichte begann bereits in den frühen Achtzigern, schon lange vor Gründung dieser Band, als ich zu meiner großen Freude eine Armbanduhr aus dem Westen geschenkt bekam, was für ein Ostkind jener Zeit so ziemlich das Großartigste war, was man sich vorstellen konnte. Entscheidend dabei allerdings war, dass es sich um eine Digitaluhr handelte. So altmodische Uhren mit Zeigern und Zifferblatt waren damals ja sowas von verpönt…

Lange Jahre trug ich fortan meine geliebte Digitaluhr und fühlte mich immer sehr cool damit. Bis ich im Mai 1989, nur wenige Monate vor dem Mauerfall, in den Westen kam und mich auf einem Bremer Gymnasium, umgeben von äußerst stilbewussten jungen Menschen, wiederfand. Schnell bemerkte ich, dass ich dort der einzige war, der eine solche Uhr trug, die noch dazu unter meinen Mitschülern mächtiges Naserümpfen hervorrief. Oh mein Gott, wie uncool war das denn? Wer trägt denn heute noch eine Digitaluhr?! Wahrscheinlich fehlte mir damals, im zarten Alter von 17 Jahren, auch einfach das Selbstbewusstsein, um mich über solche Verächtlichmachungen einfach hinwegzusetzen. Irgendwann gefiel mir meine alte Uhr dann selbst nicht mehr. Nach reiflicher Überlegung kaufte ich mir, ausdrücklich auch aus ökologischen Gründen, eine leuchtend blaue Solaruhr, die ebenfalls sehr schön war, natürlich mit Zeigern und Zifferblatt. Meine Digitaluhr ließ ich in einer Schublade verschwinden und hatte sie bald vergessen.

Mit meiner Solaruhr absolvierte ich das Abitur und bestritt ich auch meine gesamte Juristenausbildung. Aber es irritierte mich dann schon, als Mitte der Neunziger eine Band aus Hamburg in aller Munde war, deren erster Album- und auch Songtitel “Digital ist besser” lautete. Und diese drei Altersgenossen von mir trugen doch wirklich, was man vor kurzem noch für völlig unmöglich gehalten hätte, Trainingsjacken und, ja, tatsächlich auch Digitaluhren! Anfangs ging ich dem nicht weiter nach, auch wenn ich manchmal beim Durchzappen der Fernsehkanäle auf MTV oder Viva etwas davon mitbekam. Aber dann gab es einen in meiner Lern-AG, der Tocotronic-CDs besaß und von ihnen schwärmte. Von ihm lieh ich sie mir aus und überspielte sie mir auf Musikkassetten, die ich dann im Studentenwohnheim auf meinem alten Mono-Kassettenrecorder rauf und runter hörte.

Natürlich war es kein Zufall, dass die Band zu zwei Dritteln aus abgebrochenen Jura-Studenten bestand. Ihre Songs waren wild und eruptiv, oft auch laut und schnell. Die verstimmten Gitarren, das treibende Schlagzeug, die herausgebrüllte Wut in Dirk von Lowtzows Gesang, immer haarscharf neben dem Ton… Und dann diese parolenhaften und zugleich hintersinnigen Texte! So viele von ihnen sprachen mir sowas von aus dem Herzen: “Alles was ich will ist nichts mit euch zu tun haben!” oder “Ich bin viel zu lange mit euch mit gegangen!” Genau das hatte ich mir auch immer gedacht in all den Jahren, hatte aber irgendwie immer den Absprung verpasst, und irgendwann war es dafür dann zu spät. Ich wurde Volljurist und habe dennoch meinen Groll gegen die Juristenausbildung, gegen meine Juristenkollegen, ja gegen alles Juristische überhaupt nicht nur niemals abgelegt, sondern sogar heute noch tief verinnerlicht.

Dennoch wäre ich nie auf die Idee gekommen, meine Solaruhr, die mir immer gute Dienste geleistet hatte, wieder gegen eine Digitaluhr, die nun durch Tocotronic zum Symbol des Slackertums und einer misanthropisch-individualistischen Gegenkultur geworden war, auszutauschen. Erst lange Zeit später, es muss wohl vor sieben oder acht Jahren gewesen sein, gab meine Solaruhr mit einem Mal ihren Geist auf. Das war so plötzlich geschehen, dass ich auf die Schnelle keine Zeit hatte, um mir Gedanken über eine neue Uhr zu machen. Ich musste dringend zu meinen Privatschüler-Terminen und musste dabei vor allem immer wissen, wie spät es war. Hektisch kramte ich in Schränken und durchwühlte Schubladen, und dann hielt ich tatsächlich meine alte Digitaluhr in den Händen. Immerhin, sie lief noch… Mit ihr fuhr ich also zu meinen Nachhilfestunden. Doch was dann geschah, hatte ich nicht erwartet. “Wow, coole Uhr!”, rief mir mein arabischer Schüler in Schöneberg zu. “Sie haben aber eine hübsche Uhr”, fand meine Siebtklässlerin in Mitte. Da wusste ich, dass ich mir das Geld für die Anschaffung einer neuen Uhr sparen konnte. Am selben Abend hörte ich nach langer Zeit wieder den Song “Digital ist besser” – und trage seitdem nur noch Digitaluhren. Als meine alte aus den Achtzigern nach einigen Monaten dann doch nicht mehr funktionieren wollte, kaufte ich mir eine identische neue.

Aber zurück zu Tocotronic: Fünf fantastische Alben in fünf Jahren haben Tocotronic von 1995 bis 1999 herausgebracht. Von beinahe allem, was später von ihnen kam, muss man, ehrlich gesagt, dringend abraten, das war dann fast nur noch weichgespülter Mist. Aber das Frühwerk von “Digital ist besser” bis zu “K.o.o.k.” ist und bleibt gigantisch. Und zu ihren Texten muss man sagen, dass sie keineswegs schlechter sind als die von, sagen wir, Bob Dylan. Und auch gewiss nicht schlechter als die Lyrik dieser Frau Glück, die bis vor wenigen Tagen noch niemand kannte.

Das Urteil für Tocotronics Frühwerk kann daher nur lauten: Gebt ihnen den Nobelpreis!

www.justament.de, 16.5.2016: Uns Udo wird 70

Scheiben vor Gericht Spezial

Thomas Claer

Udo LindenbergRockmusik in deutscher Sprache, das musste man sich erst mal trauen. Udo Lindenberg gehörte in den frühen Siebzigern zu den ersten, die sich daran versuchten. Zum einen bereicherte er mit den Texten seiner mitreißenden Songs die deutsche Sprache als origineller Sprücheklopfer („Alles klar auf der Andrea Doria“, „Die Rock’n‘ Roll-Gespenster sind weg vom Fenster“). Im Kosmos der Lindenberg-Texte war immer irgendwie „alles easy“, auch noch, als irgendwann niemand mehr so sprach wie er und schon gar nicht die Jugend.

Aber zum anderen war da auch noch der empfindsame junge Mann mit den langen Haaren und zunächst noch ohne den später obligatorischen Hut, der seine Irritation über diese Welt auf anrührende Weise besang: „Du spieltest Cello/ in jedem Saal in unserer Gegend / ich saß immer in der ersten Reihe/ und ich fand dich so erregend“. Unglaublich schöne, poetische, zärtliche, romantische Songs sind in diesen frühen Jahren entstanden: „Ich träume oft davon, ein Segelboot zu klau‘n“ etwa oder „Bitte keine Love-Story“. Und natürlich auch das berühmte „Mädchen aus Ost-Berlin“ (1973), das die zwischenmenschliche Seite der deutschen Teilung aus westlicher Sicht beschreibt.

Vielleicht war das Bemerkenswerteste an Udo Lindenbergs späteren Schaffensperioden, die in künstlerischer Hinsicht längst nicht mehr mit seinem überwältigenden Frühwerk mithalten konnten, sein unablässiges Engagement für seine vielen Fans in der DDR. Zu einer Zeit als sich die westdeutsche Jugend schon lange nicht mehr für ihre ostdeutschen Altersgenossen interessierte und Kritik an den Zuständen im Realsozialismus mitunter als entspannungsfeindliche Hetze verpönt war, forderte er unverdrossen eine „Rock’n‘ Roll-Arena in Jena“, wollte mit dem „Sonderzug nach Pankow“ zu Erich Honecker fahren, der ihn jahrelang nicht in der DDR auftreten ließ, und veralberte den notorisch humorlosen Staats- und Parteichef später erneut in „Der Generalsekretär“.

Nach der Wiedervereinigung fiel Udo Lindenberg dann in eine tiefe Schaffenskrise, aus der er sich erst 2008 mit dem fulminanten Comeback-Album „Stark wie zwei“ befreite. Seitdem ist er wieder obenauf, tourt unablässig und füllt ganze Stadien, woran früher nicht zu denken war. Es sei ihm von Herzen gegönnt. Besonders hoch anzurechnen ist ihm ferner sein beharrlicher Einsatz gegen Rechtsextremismus, insbesondere in Ostdeutschland. Am 17. Mai feiert der große Udo Lindenberg seinen 70. Geburtstag. Prostata!

www.justament.de, 10.2.2010: Zuckendes Fleisch war früher

Vor 35 Jahren entstanden die ersten Musikaufnahmen der Einstürzenden Neubauten

Thomas Claer

zuckendes-fleischNach offizieller Geschichtsschreibung gründeten sich die Einstürzenden Neubauten, die bedeutendste und berühmteste aller Kreuzberger Szenebands, am 1.April 1980, als Sänger Blixa Bargeld gefragt wurde, ob er nicht im Berliner Moon-Club spielen wolle und einfach ein paar Freunde anrief. Doch gab es durchaus schon frühere Tonaufnahmen von Blixa Bargeld und „seinen Freunden“ aus dem Jahr 1979, die später als Stücke der Einstürzenden Neubauten auf einem Sampler und einer raren Bootleg-Pressung namens „Zuckendes Fleisch“ erschienen, weshalb man den Beginn der Band-Historie mit Fug und Recht auch schon einige Monate eher ansetzen darf. Und genau das wollen wir hiermit tun und  daher bereits jetzt an 35 Jahre Einstürzende Neubauten erinnern.

Aus heutiger Sicht erscheint es als nahezu unglaublich, dass eine so radikale, so atonale, so sperrige Musik, wie sie von den frühen Neubauten damals gespielt wurde, jemals ein größeres Publikum finden konnte. Und der eigentliche Mythos wurde ja erst 1981 geboren, als die Musiker aus verzweifelter wirtschaftlicher Not einen Großteil ihrer Instrumente verkaufen mussten und auf der Suche nach Ersatz auf dem Schrottplatz fündig wurden. Fortan traten sie mit Schlagbohrmaschine auf und trommelten auf Teilen von ausgedienten Autowracks herum. Das war so einmalig, dass bald die Musikkritik auf die seltsame Untergrund-Combo aufmerksam wurde, und die neuen Szene-Stars waren geboren. Einige Jahre und Platten lang blieben die Kreuzberger Industrial-Rebellen dann ihrem durch und durch expressionistischen Stil treu und sonderten zur mit existentiellem Ernst herausgebrüllten Lyrik Blixa Bargelds fortwährend die infernalischsten Klänge ab, wie z.B. hier. Dabei begründeten sie eine völlig neue Ästhetik des Anti-Establishmets und wurden bald schon für Theater-Inszenierungen gebucht. Dass sich der zur Erschaffung und Präsentation einer solchen Musik erforderliche, alle menschlichen Ressourcen aufs Äußerste strapazierende Lebensstil der Bandmitglieder nicht unbegrenzt fortsetzen lassen würde, war klar. Irgendwann jenseits der 30 wurden die Neubauten ruhiger und manchmal sogar eingängiger, ohne jedoch ins Kommerzielle oder Beliebige abzudriften. Seit gut zehn Jahren vermarkten sie ihre Musik nur noch direkt über das Internet. Unerreicht bleibt das ihren gewaltigen Ruhm begründende Frühwerk. Das Urteil für Letzteres lautet: sehr gut (16 Punkte).

Einstürzende Neubauten
Kollaps
Some Bizarre 1981
ZZ 65

Einstürzende Neubauten
Zeichnungen des Patienten O.T.
Some Bizarre 1983
RTD 18

Einstürzende Neubauten
½ Mensch
Some Bizarre 1985
EFA 026014

Einstürzende Neubauten
Kalte Sterne / Early Recordings
Mute Recordings Ltd. 2004
CDStumm 137

www.justament.de, 11.2.2013: 30 Jahre Tonträger der Kastrierten Philosophen

Scheiben vor Gericht – Spezial: Im Jahr 1983 erschienen die ersten Cassetten der legendären „Kastrierten Philosophen“ im Eigenverlag – und ihre erste Maxi Single

Thomas Claer

kp-nervesIhr Frühwerk ist geradezu eine Schatzkammer. Rau und ungeschliffen, manchmal auch verspielt und experimentell klangen die ersten in Kleinstauflagen produzierten Cassetten und – immerhin! – die erste Maxi-Single der beiden Fast-noch-Teenager Katrin Achinger und Matthias Arfmann aus Verden an der Aller im Jahr 1983. Heute, dreißig Jahre nach ihren Anfängen, sind die Kastrierten Philosophen, wie sie sich sonderbarerweise genannt haben, leider fast vergessen. Dabei waren sie es, die – stilistisch höchst wandelbar: von Post-Punk über Trip Hop bis zum Reggae metamorphierend – über die Jahre (und es gab die Band bis 1996) der deutschen Popmusik die Psychedelic brachten. Matthias Arfmanns charakteristische Philosophen-Gitarre und Katrin Achingers dunkler, betörender Gesang begründeten ihre absolute Ausnahmestellung nicht nur in der deutschen Musiklandschaft. Als „deutsche Velvet Underground“ wurden sie Mitte der Achtziger von einer entzückten Musikpresse bejubelt – und das völlig zu recht, denn gemeinsam mit anderen Bands wie den 39 Clocks hatten sie damals ein neo-psychedelisches Sechziger-Revival eingeläutet, dem später noch mehrere weitere folgen sollten. Aber niemals hat wieder jemand so geklungen wie die Kastrierten Philosophen.

Nun waren diese Meisterwerke jedoch die längste Zeit jenen wenigen Glücklichen vorbehalten, welche die seltenen Exemplare der besagten Tonträger aus jener Schaffensphase der Band – teils zu hohen Sammlerpreisen – ergattern konnten. Aber der geneigte Leser ahnt es schon: Dank YouTube ist heute zwar längst nicht alles, aber immerhin doch endlich ein vielsagender Querschnitt jener frühen Jahre wieder aufgetaucht. Und das muss gebührend gefeiert werden! Als besondere Höhepunkte seien hier empfohlen:

Endzeitliebe

In Dark / Decadent Café

Call Yourself A Lier

Scars Of Dancing

Hard Break Hotel

Heroina

Und wenn ich mal mehr Ruhe habe und auch endlich technisch dazu in der Lage sein sollte, dann werde ich einen YouTube-Account anlegen und noch so einige weitere Philosophen-Schätze ans Licht der Welt heben.

Doch was machen unsere Helden von einst eigentlich heute? Nach der sowohl privaten als auch musikalischen Trennung 1996 hat sich Matthias Arfmann ganz gut als Produzent von Bands wie den „Absoluten Beginnern“ durchgeschlagen. Katrin Achinger hingegen machte zuletzt einen eher verzweifelten Eindruck, da sie keine Plattenfirma für ihr 2009 eingespieltes Album finden konnte, das letztlich unveröffentlicht blieb. Und dann ist 2010 auch noch der langjährige Schlagzeuger der Band, Rüdiger Klose, verstorben. So ungerecht ist sie nun einmal, die Welt! Das Urteil fürs Gesamtwerk der Kastrierten Philosophen lautet: sehr gut (17 Punkte).

Kastrierte Philosophen
Heroina live 1983
MC c-30, Eigenverlag 1983
(vergriffen)

Kastrierte Philosophen
Decadent Toys live 1983
MC c-30, Eigenverlag 1983
(vergriffen)

Kastrierte Philosophen
Die kastrierten Philosophen
Psychotic Promotion/Das Büro 1983
Maxi-LP
(vergriffen)

Kastrierte Philosophen
Lens Reflects Fear
Psychotic Promotion/Das Büro 1983
Maxi-LP
(vergriffen)

Kastrierte Philosophen
Love Factory
What‘s So Funny About 1985
LP, WSFA SF 11
(vergriffen)

P.S.: Das abgebildete Plattencover gehört allerdings nicht zu den hier besprochenen Veröffentlichungen, sondern zum etwas späteren, ebenfalls sehr empfehlenswerten Album “Nerves” von 1988. Wir haben es aus rein ästhetischen Gründen ausgewählt.

Justament Sept. 2007: Fast wie früher

Tocotronic mit ihrem neuen Album “Kapitulation”

Thomas Claer

21 SCHEIBEN VOR GERICHT Cover TocotronicFür die jüngeren Semester muss man es vielleicht erklären: Im Jahre 1994 fanden sich die Jurastudenten Dirk von Lowtzow und Jan Müller sowie der Kunststudent Arne Zank in Hamburg zusammen, um fortan in minimalistischer Besetzung (Gesang/Gitarre – Bass – Schlagzeug) als TOCOTRONIC – benannt nach einer japanischen Spielekonsole – Rockmusik zu betreiben. Bald war die alternative Boygroup damit so erfolgreich, dass alle Protagonisten ihr Studium an den Nagel hängten. TOCOTRONIC wurden neben BLUMFELD und den STERNEN zur bekanntesten Band der “Hamburger Schule” und begründeten en passant diverse Jugendmoden wie den Digitaluhren-, Cordhosen- und Trainingsjacken-Retroschick, dazu die charakteristische TOCOTRONIC-Frisur: lange Haare vorne und Seitenscheitel. Nicht zuletzt sind sie auch als Sprachrohr der Slacker-Bewegung wahrgenommen worden, jener gesellschaftlichen Strömung, die Coolness und Selbstverwirklichung in der konsequenten Vermeidung von Anstrengungen in von ihr als unwichtig eingeschätzten Bereichen sieht – unter Verzicht auf berufliche Karriere, sozialen Aufstieg und konventionelle Statussymbole. Soviel zur Historie. Nun haben TOCOTRONIC also ihr achtes Album veröffentlicht. Und zunächst ist augenfällig, dass ihnen so etwas wie ein Marsch durch die Institutionen geglückt ist – wie allein schon die positive Besprechung in der Wirtschaftswoche beweist, aber auch die hier vorgenommene in unserem Karrieremagazin. Und TOCOTRONIC haben sich nach einer längeren Durststrecke mit eher schwächeren Veröffentlichungen ganz offensichtlich wieder gefangen. Erfreulich rockig kommen die Stücke daher und auch textlich haben sie sich von den Ausflügen in die Esoterik des Vorgängeralbums (“Pure Vernunft darf niemals siegen”) gottlob verabschiedet. Wie in frühen Tagen feiert Dirk von Lowtzow, übrigens mit recht aristokratischer Attitüde, den müßiggängerischen Individualismus und erklärt den Zumutungen der Leistungsgesellschaft den Krieg (“Du musst nicht zeigen, was du kannst”). Es geht wieder richtig zur Sache, die Harmonien gelingen ihnen fast wie in alten Zeiten. Eine vergleichbare Homogenität der Stücke auf hohem Niveau haben wir von ihnen zuletzt 1998 auf K.O.O.K. gehört. Und doch wird jeder, der die Band schon lange kennt, wehmütig feststellen, dass ihr etwas Entscheidendes verloren gegangen ist, das sich wohl kaum wiederherstellen lässt: ihre dilettantische Unbefangenheit, ihr einfach so Drauflosrocken, die charmante Ungelenkheit ihrer Texte, die immer etwas an nervige Klugscheißer aus dem Deutschleistungskurs erinnerte. Vorbei! Heute spielen sie (leider!) sauberer und texten (leider!!) abgeklärter als früher, wo es auch mal hieß: “Gitarrenhändler, ihr seid Schweine!” Das Gesamturteil lautet: voll befriedigend (12 Punkte).

Tocotronic
Kapitulation
Vertigo Be / Universal Music Berlin 2007, CD, 54:06 Minuten
ca. EUR 15,00
ASIN: B000R7HYXM