Justament April 2014: Schräge Verwandtschaft

Justament-Autor Thomas Claer über den Boxer, Schriftsteller und Sexfilm-Darsteller Hans Henning Claer (1931-2002)

Im Rahmen der Ahnenforschung war ich natürlich schon vor etlichen Jahren im Internet auf Hans Henning Claer gestoßen, hielt aber eine Verbindung zu unserer allgemein sehr sittenstrengen Familie damals für völlig ausgeschlossen. Doch als ich vor einiger Zeit einen direkten Hinweis auf einen ostpreußischen Hintergrund bei ihm entdeckte, konnte ich nicht mehr länger die Augen vor diesem etwas brisanten Verwandtschaftsverhältnis verschließen. Ich kam zu dem Schluss, dass er der Sohn des Berliner Kaufmanns Erich Claer sein musste, der ein Cousin meines ostpreußischen Großvaters Gerhard Claer war. Zur Überprüfung dieser Annahme besorgte ich mir bei Ebay die Autobiographie von Hans Henning “Moppel” Claer, “Bulle, Schläger, Nuttenjäger” (Kostenpunkt: ein Euro plus Porto) und fand meine Vermutung voll bestätigt.
24 Foto Hans-Henning-ClaerDie Lektüre dieses Buches kostet zunächst etwas Überwindung, denn auf der Rückseite steht geschrieben: “Was ist noch schärfer als Hans Henning Claers aufgeregt diskutierte Ruhrpott-Romane ‚Lass jucken, Kumpel’ und ‚Bei Oma brennt noch Licht’? Seine unverblümt erzählte Lebensgeschichte!” Auch durch die Abbildung auf der Vorderseite macht das Buch einen eher zweifelhaften Eindruck, so dass man es sich eigentlich nicht unbedingt ins Regal stellen möchte. Doch glücklicherweise schildert der Autor darin nicht nur sehr ausführlich und detailliert sein ungeheuer opulentes Liebesleben, sondern auch ebenso ausgiebig seinen familiären und biographischen Hintergrund.
Auch wenn “Moppel” Claer wohl überwiegend als “schwarzes Schaf” der Familie angesehen worden sein dürfte, so handelt es sich bei ihm doch um einen echten Prominenten, denn er ist immerhin der Einzige aus der preußisch-hugenottischen Linie unserer Familie, über den es einen Wikipedia-Eintrag gibt. Sein Vater Erich Claer war vor dem Krieg Treuhandrevisor (eine Art Wirtschaftsprüfer) bei der Deutschen Bank und fuhr einen “Steyer Super 200” mit roten Ledersitzen. Noch zu Lebzeiten seines Vaters, der ihn begeistert zu allen Wettkämpfen begleitete, hatte Hans Henning Claer eine steile Karriere als Boxer hingelegt. Im damaligen West-Berlin erreichte er eine große regionale Popularität und sollte es später bis zum Deutschen Polizeimeister im Halbweltergewicht bringen.
Er legte sein Abitur auf einem Steglitzer Oberrealgymnasium ab, ließ sich das aber, ähnlich wie heute etwa Dieter Bohlen, künftig nicht mehr anmerken. Schon als junger Mann entwickelte er eine starke Neigung zum Alkohol, heute würde man sagen: zum Komasaufen. Nach eigener Auskunft verkehrte er fortan bevorzugt in Kneipen und “Bumslokalen”. Das Nachtleben im damaligen Westen Berlins in den frühen 50er Jahren schildert er in den buntesten Farben.
Seine besondere Vorliebe galt den Frauen. Minutiös berichtet er von unzähligen erotischen Abenteuern, die er damals in Berlin erlebt habe. Seine bevorzugte Masche, mit den Damen ins Gespräch zu kommen, sei ein Spruch gewesen, den er sich aus einem seinerzeit populären Film geborgt habe: “Entschuldigen Sie, meine Dame, darf ich Sie auf etwas Wichtiges aufmerksam machen?” “Wieso, worauf denn?” “Auf mich.” Mehrfach betont “Moppel” Claer den unbedingten Wahrheitsgehalt seiner Geschichten. Er sei nun einmal kein Aufschneider. Beispielsweise habe er die Länge seines Zeugungsorgans immer und überall korrekt mit 16 cm angegeben. “Andere hätten 20 gesagt.” Aber er bleibe eben immer bei der Wahrheit.
24 Foto Hans-Henning-Claer-rechtsNach dem Abitur tritt er in den Dienst bei der Polizei ein, bekommt dort aber immer wieder Schwierigkeiten sowohl wegen seiner Frauengeschichten (u.a. auch Anzeigen wegen Verführung Minderjähriger) als auch wegen seines Alkoholkonsums. Im November 1956 verlässt er sein “heißgeliebtes Berlin” nach seiner “Entlassung aus der Polente” (Grund soll der Alkohol gewesen sein), wird Boxtrainer, später Bergmann im Ruhrgebiet und kommt schließlich nach Bergkamen. In den 60er Jahren gibt es auch in Westdeutschland politische Kampagnen, die Arbeiter zum Schreiben von Literatur anregen wollen. Hans Henning Claer fühlt sich sogleich davon angesprochen, schreibt einen Roman über das angeblich bumsfidele erotische Leben der Bergkamener Bergleute und landet mit “Laß jucken, Kumpel” (1971) einen Riesenerfolg.
Nach der anschließenden Verfilmung, die mit über 4 Millionen Besuchern ein gewaltiger Kassenschlager wird und in der er selbst als Darsteller mitwirkt, posiert “Moppel” Claer gemeinsam mit seiner Frau Brigitte, die angeblich “immer scharf” ist, nackt in Boulevardzeitungen. “Die Claers” werden vorübergehend zum Skandalpaar der deutschen Filmbranche. Die Kumpel-Filme (es folgen noch mehrere Fortsetzungen) werden sogar bei den Filmfestspielen in Cannes aufgeführt, allerdings außer Konkurrenz. Dass von diesen umwerfend harmlosen Klamaukfilmen jemals eine Jugendgefährdung ausgehen konnte, mag man heute kaum glauben, aber damals wurde es offensichtlich so gesehen.
24 claer und biggiWie die inzwischen beträchtlich angewachsene literatur- und filmwissenschaftliche Sekundärliteratur beweist, lassen sich die Werke des Hans Henning Claer in erster Linie als Zeitgeistphänomen verstehen, als typische Produkte der 70er Jahre. “Moppel” Claer gehörte zu den wichtigsten Protagonisten der damaligen sexuellen Revolution.

 

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