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www.justament.de, 1.8.2016: Spricht so ein Rechtspopulist?

Gesammelte Reden von Peter Sloterdijk: „Was geschah im 20. Jahrhundert?“

Thomas Claer

SloterdijkReichlich Prügel bezogen hat der Philosoph Peter Sloterdjk in den vergangenen Monaten ob seiner Äußerungen in der Flüchtlingsdebatte. Insbesondere hat sich SPIEGEL-Online-Kolumnist Georg Diez auf ihn eingeschossen und ihn wiederholt in die Nähe der rechtspopulistischen AfD gerückt. (Sogar SPD-Chef Sigmar Gabriel machte sich diese Vorwürfe unlängst zu eigen.) Vor allem delikat ist hieran, dass ein Musterschüler von Prof. Sloterdijk, der Karlsruher Philosophie-Dozent Marc Jongen, ausgerechnet für die AfD im Baden-Württembergischen Parlament sitzt und als intellektueller Vordenker dieser Partei gilt. Für Jongen ist Deutschland eine geknechtete Nation, der es an „thymotischen Energien“ fehle (ein auf den griechischen Philosophen Platon rekurrierender Neologismus Sloterdijks aus seinem 2006 erschienenen Werk „Zorn und Zeit“). Inzwischen hat Sloterdijk zum Gegenschlag ausgeholt, sich in einem Handelsblatt-Beitrag scharf von der AfD und seinem missratenen Zögling Jongen distanziert. Ein schaler Nachgeschmack bleibt dennoch.

Ist Peter Sloterdijk, der einstige Hippie-Philosoph und Indien-Erleuchtungssucher, die wortgewaltige Metaphernschleuder mit der Altachtundsechziger-Frisur, inzwischen wirklich vom „typischen Vertreter linker Kulturkritik“ zum „Überläufer ins Lager der Gegenaufklärung“ mutiert, wie es sogar bei Wikipedia unter dem Stichwort „Neue Rechte“ heißt? Da kommt der neue Band mit dem Titel „Was geschah im 20. Jahrhundert?“, der Sloterdijks wichtigste Reden aus den vergangenen zehn Jahren enthält, gerade recht, um diesen ungeheuerlichen Verdacht  zu überprüfen.

Und ja, auch in diesem Buch finden sich einige anrüchige Formulierungen des Meisters, wie sie Georg Diez ja bereits zusammengetragen hat. Doch sollte man den Zusammenhang, in dem sie auftauchen, nicht verkennen. Ungefähr 80 Prozent der politisch relevanten Inhalte dieses Buches dürften ohne weiteres kompatibel mit dem Parteiprogramm der GRÜNEN sein: Im „Anthropozän“, also dem ganz wesentlich vom Homo sapiens bestimmten Erdzeitalter, in welchem wir uns seit zwei Jahrhunderten befänden, komme es ganz entscheidend auf einen Bewusstseinswandel der Menschheit in Richtung eines sparsameren Ressourcenverbrauchs an. Der „absolute Imperativ“ eines jeden Menschen müsse es daher heute sein, sein Leben so zu ändern, dass der Fortbestand der Menschheit und unseres Planeten auch weiterhin gewährleistet sei. Übrigens habe das Hauptereignis des 20. Jahrhunderts, um die Titelfrage des Buches zu beantworten, „im Ausbruch der westlichen Zivilisation aus dem Dogmatismus der Schwere bestanden“, d.h. das Leben der Menschen sei durch allerlei technische Erleichterungen zusehends komfortabler geworden. Doch hätten sich die durch diese Entwicklung bedingten Kollateralschäden längst zur existentiellen Bedrohung ausgewachsen.

Weiterhin heißt es in einem anderen Vortrag Sloterdijks aus dem Jahr 2010, die Menschheit bedürfe einer Zivilisierung, einer Selbstzähmung, die u.a. in einer „Domestikation zweiter Ordnung“ liegen könne. Alle erfolgreichen Kulturen seien, stark vereinfacht gesagt, häuslich nach innen, aber kriegerisch nach außen, d.h. gegenüber Kulturfremden, gewesen. Schon früher habe oft genug nur die zwischenstaatliche Diplomatie das Schlimmste verhindert. Auf einer höheren Stufe der Domestikation komme es aber gegenwärtig auf einen Wandel zu „höherstufigen politischen Domestikationseinheiten“ an, das Musterbeispiel dafür sei die Europäische Union. Fernziel müsse es sein, dass schließlich auch die  großen, bislang nur „intern domestizierten Überlebenseinheiten“, die Civilisations im Sinne von Huntington, wiederum untereinander „über das Stadium der Nichthäuslichkeit hinausgelangen“.

Bis hierhin hätte wohl selbst Jürgen Habermas, der als Sloterdijks Intimfeind in der deutschen  Philosophen-Zunft gilt, keine Einwände gehabt. Aber dann kommt es am Ende des Vortrags knüppeldick: Ganz beiläufig fordert Sloterdijk hier die „Entschärfung der Bevölkerungswaffe“. Neben den „noch unzureichend gezähmten polemischen Außenverhältnissen der Kulturen“ sei auch „das biologische Reproduktionsgeschehen in hohem Maße regulierungsbedürftig“. Das bedeute „die Absenkung der Geburtsraten in allen Kulturen auf Proportionen, die mit sozioökonomisch beherrschbaren Lebensbedingungen verträglich sind“. Und das schließe – Achtung! –„jede Art von Elendsfruchtbarkeit ebenso aus wie verwilderte Kampffortpflanzungen – wie man sie seit längerem in arabischen Ländern beobachtet“. Denn: „Riesige Gewaltentladungen werden hiervon die beinahe unvermeidliche Folge sein.“ Und Sloterdijk verweist auf die von der demographischen Forschung evident gemachte positive Korrelation zwischen überhöhten Geburtsraten und kriegerischen bzw. genozidalen Ereignissen. „Durch manifest oder latent polemisch motivierte Überproduktion von Menschen“ würden „vor allem die jungen Männer zwischen 15 und 30 Jahren zu einer Risikogruppe, die das Domestikationspotential ihrer eigenen Kulturen überfordern“. In den kommenden 20 Jahren stünden mehrere hundert Millionen junge Männer in der arabischen und afrikanischen Welt „für alle Arten von polemischen Aktivitäten bereit“. Es sei zu befürchten, dass nicht wenige von ihnen sich für religiös codierte Selbstvernichtungsprogramme rekrutieren ließen.

Was ist nun von diesen Ausführungen zu halten? Sind sie punktuelle islamophobe Panikmache, wie Gustav Seibt in seiner Rezension dieses Buches in der Süddeutschen Zeitung meinte, während er dem Autor im übrigen den gewohnten Respekt zollte? Oder müssen wir in diesen Tagen, nach den Anschlägen von Nizza, Würzburg, Ansbach und Rouen, nach jahrelangem Bürgerkrieg in Syrien und Irak, womöglich erkennen, dass Sloterdijk als Kassandra sogar richtiggelegen hat? Doch selbst wenn, was würde daraus folgen? Eine „Islamisierung des Abendlandes“ im Sinne von PEGIDA ist laut Sloterdijk jedenfalls nicht zu befürchten, diese Montagsspaziergänger hätten, so Sloterdijk in einem Fernsehinterview, nur „das tiefe innere Bedürfnis, einen Feind zu haben“.

Was aber ist sonst noch anstößig in diesem Buch? Dass Auschwitz vom Autor nur als ein Horror-Ereignis neben vielen anderen im 20. Jahrhundert und nicht als Singularität bezeichnet wird? Geschenkt, ein übergeordneter Blick aus der geschichtlichen Distanz wird dies irgendwann ohnehin so beurteilen, wenngleich es gegenwärtig hierzulande noch immer gute Gründe gibt, insbesondere die unbedingte Wahrung der Würde der noch lebenden Opfer, an der politisch-historischen und rechtlichen Sonderstellung des Holocaust festzuhalten. Dass Sloterdijk ferner zustimmend einen Soziologen zitiert, der vom neuen Phänomen einer „parasitären Unterschicht“ spricht? Das kann man als – im übrigen gar nicht so selten anzutreffenden  – „Sozialneid von oben“ ansehen. Dabei befand schon Marcel Proust in seiner „Suche nach der verlorenen Zeit“, tatsächlich sei es weitaus anstrengender und führe oft zu einer weit größeren Erschöpfung, einen ganzen Tag lang rein gar nichts zu tun als unentwegt hart und schwer zu arbeiten…

Solche und in ähnliche Richtungen abzielende Passagen sorgen gleichsam für ein paar schrille neoliberale Farbtupfer – ergänzend zu den angeführten latent islamophoben und ansatzweise populistischen – auf dem grünlich grundierten Argumentationsteppich. In diesem Zusammenhang kann es allerdings schon erstaunen, dass Peter Sloterdijk sich vor einigen Jahren im SPIEGEL-Interview als notorischer SPD-Wähler geoutet hat, „wenn auch nicht aus philosophischen, sondern aus persönlichen und biographischen Gründen“. Und zuletzt bezeichnete er sich in der ZEIT als „linken Konservativen“. Nun ist aber auch wirklich fast alles dabei gewesen. Vielleicht ist er ja einfach nur ein bunter Hund…

Ansonsten ist „Was geschah im 20. Jahrhundert“ eine Art „Parerga und Paralipomina“ geworden, eine gelungene Zusammenstellung kleinerer Abhandlungen, die in den Hauptwerken keinen Platz mehr gefunden haben. Am besten ist Sloterdijk, wie immer, wenn er die Religion durch den Kakao zieht. In „Starke Beobachtung“ entwickelt er den Gedanken, dass die moderne Raumfahrt einen „Teil der göttlichen Funktion übernommen und auf technische Systeme (Beobachtungssatelliten) und natürliche Intelligenzen (Menschen an Bord von Raumstationen) übertragen hat. Einst, in Mesopotamien, habe „die Erfindung bzw. Offenbarung der Götter“ einem „überaus wichtigen psychopolitischen Zweck“ gedient: Es galt „die Menschen an den Gedanken zu gewöhnen, dass ihr Leben durchgehend unter der Beobachtung einer ebenso allwissenden wie allaufmerksamen Intelligenz stehe“, die „zugleich die Vollmacht besitzt, jedem einzelnen Menschen post mortem die moralische Bilanz seines Handelns zu präsentieren.“ Klar, so konnte man die Menschen äußerst effektiv disziplinieren. Alle höheren Kulturen, so Sloterdijk, beruhten auf der Idee, „es existiere eine externe Beobachterintelligenz, die imstande sei, sämtliche Lebensvorgänge synchron zu erfassen, auch jene, die sich in der Dunkelheit des Unwissens oder des bösen Willens verstecken.“ … „Was die Tradition Gott nennt, ist ein starker Beobachter, für den alle Tatsachen auf derselben Oberfläche liegen. Er sieht alles synchron und von allen Seiten, sei es von oben, sei es von innen.“ Ein Recht auf Privatheit war zu jener Zeit noch nicht bekannt. Und nun, so Sloterdijk weiter, schauten die Menschen des globalen Zeitalters erneut an den nächtlichen Himmel. „Sie glauben aber nicht nur, dass sie beobachtet werden, sie wissen es auch…“

Nicht jeder der Vorträge ist so witzig, leicht und pointiert geschrieben. „Derridas Traumdeutung“ etwa kann man schon für einen ziemlichen Schnickschnack halten. Doch ist „Odysseus der Sophist. Über die Geburt der Philosophie aus dem Geist des Reise-Stress“ einfach köstlich, ebenso die kleine Ideengeschichte des Indirekten „Der andere Logos oder: Die Vernunft der List“. Und auch „Die permanente Renaissance“ über Boccacios Decamerone und die Folgen sollte man sich nicht entgehen lassen. Fast überall ergreift Sloterdijk Partei für die Frechheit (beispielsweise die der Sophisten) und gegen die altehrwürdigen Autoritäten (wie etwa Platon).

So fragt man sich am Ende dieses ausgezeichneten Buches doch etwas besorgt, wie es passieren konnte, dass der sonst so gewitzte Sloterdijk sich mit so völlig derangierten Äußerungen zu Merkels Flüchtlingspolitik (das berüchtigte Cicero-Interview im vergangenen Frühjahr: „territorialer Imperativ“, „Lob der Grenzen“, „Souveränitätsverzicht“, Überrollung“, Lügenäther“, „keine moralische Pflicht zur Selbstzerstörung“) gegen viele der bislang von ihm selbst vertretenen Positionen und sich selbst damit in die rechte Ecke gestellt hat. Bis heute ist er offensichtlich damit beschäftigt, den Scherbenhaufen, den er selbst angerichtet hat, mit großem Aufwand wieder zusammenzukehren. Hätte er einfach nur gesagt, wie er es später beschwichtigend nachgeschoben hat, es gebe keine Pflicht, gegen die eigenen Interessen zu handeln, dann wäre das – insbesondere im Licht der jüngsten Ereignisse betrachtet – zweifellos bedenkenswert gewesen. Durch seine maßlosen verbalen Zuspitzungen jedoch (und wohl auch durch seine anschließenden ungeordneten Rückzugsmanöver) hat er am Ende vor allem sich selbst geschadet.

Wie heißt es in Sloterdijks grandiosem Religions-Rundumschlag „Gottes Eifer“ (2007): „Die Zivilisierung der Monotheismen ist abgeschlossen, sobald die Menschen sich für gewisse Äußerungen ihres Gottes, die unglücklicherweise schriftlich festgehalten wurden, schämen wie für die Auftritte eines im allgemeinen sehr netten, doch jähzornigen Großvaters, den man seit längerem nicht mehr ohne Begleitung in die Öffentlichkeit lässt.“ (S.168) Sollte es etwa auch mit unserem Lieblings-Philosophen, der im nächsten Jahr 70 wird, schon so weit gekommen sein? Im September erscheint erst einmal sein erster erotischer (!) Roman „Das Schelling-Projekt“. Wir sind gespannt.

 

Peter Sloterdijk

Was geschah im 20. Jahrhundert?

Suhrkamp Verlag Berlin 2016

348 Seiten, 26,95 €

ISBN: 978-3-518-42507-7

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Justament April 2014: Von Kirchhof bis Sloterdijk

Wie unsere Intellektuellen von einem gerechteren Steuerstaat träumen

Thomas Claer

Für unsereinen spielt sie ja praktisch keine große Rolle, aber für viele Besserverdiener und sogar für große Teile der sogenannten Mittelschicht ist sie offenbar ein existenzielles Problem: die immense Steuerlast, die die eigenen Brutto-Einkünfte regelmäßig zusammenschmelzen lässt wie den Schnee in der Sonne. Hinzu kommt noch, dass es aufgrund der “kalten Progression”, manche nennen sie auch “kalte Enteignung”, Jahr für Jahr schlimmer wird: Bei unveränderten Grenzwerten zwischen den Steuersätzen unterliegen mit jeder nominalen Einkommenserhöhung (die doch eigentlich nur ein Inflationsausgleich ist) immer größere Anteile der Einnahmen immer höheren Steuersätzen. Und niemand tut etwas dagegen! Ganz zu schweigen von der wuchernden Steuerbürokratie: Da verbringt man unzählige Stunden kostbarer Lebenszeit mit der zentimeterdicken jährlichen Steuererklärung und lässt sich von Heerscharen raffgieriger Steuerberater ausnehmen, nur um letztlich ein paar kümmerliche Euro vom Staat zurückzubekommen.

Der Professor aus Heidelberg

08 SPEZIAL Paul Kirchhof (Foto Wikipedia)

Paul Kirchhof (Foto: Wikipedia)

Da denkt sich dann manch einer: Muss das wirklich so sein? Ließe sich das nicht auch irgendwie anders, vernünftiger, gerechter organisieren? Es gibt Leute, die haben schon fast ihr ganzes Leben darüber gegrübelt – wie den Steuerrechtler und Ex-Verfassungsrichter Paul Kirchhof, der vor neun Jahren beinahe Bundesfinanzminister geworden wäre, wenn das nicht der damalige Kanzler Schröder mit einer nicht ganz demagogiefreien Kampagne gegen den “Professor aus Heidelberg” verhindert hätte. Sein Modell eines schlanken Steuer-Staates ist bestechend einfach: Nur drei abgestufte Steuersätze von 15, 20 und 25 Prozent für alle Einkommensgruppen, dazu großzügige Freibeträge und ein Sozialausgleich bei Wegfall aller Ausnahmen und Vergünstigungen. Was das schon mit einem Schlag für Bürokratie einsparen würde! Und die Steuerberater-Lobby hat damals, als all das noch wirklich ernsthaft diskutiert wurde,  sogar ein wenig gezittert. Heute ist das Thema aber längst wieder vom Tisch. Wahrscheinlich liegt es daran, dass es in unserer Gesellschaft einfach zu viele Profiteure von all den Ausnahmen und Schlupflöchern, Zuschlägen, Pauschalen und Sondertatbeständen für bestimmte Berufs-, Rand- und sonstige Gruppen gibt, die ja jede für sich auch alle irgendwie ihre Berechtigung haben, zumindest in den Augen derer, die von ihnen begünstigt werden. Dabei ist etwa die Pendlerpauschale, die besonders weite Wege zwischen Wohn- und Arbeitsort prämiert, nun wirklich ein ökologisches Desaster (da steckt wahrscheinlich die erfolgreiche Lobbyarbeit des ADAC dahinter). Aber der Übungsleiterfreibetrag, von dem auch die armen Volkshochschullehrer profitieren, der sollte schon bleiben. Und die Steuervergünstigung für den Nachtarbeiterzuschlag der mies bezahlten Krankenschwestern natürlich auch. Und so kann man es drehen und wenden, wie man will, da mag Paul Kirchhof auch noch so unverdrossen weiter für sein Modell trommeln (was er bis heute tut), die Beharrungskräfte des Status quo werden bis auf weiteres dafür sorgen, dass alles im Wesentlichen so bleibt, wie es ist.

Der Wirbelwind aus Karlsruhe

08 SPEZIAL Foto Peter_Sloterdijk, Foto Wikipedia

Peter Sloterdijk (Foto: Wikipedia)

Vielleicht müsste man aber einfach viel grundsätzlicher an die Sache herangehen, so dachte sich schon vor einigen Jahren der Karlsruher Philosoph und Bestsellerautor Peter Sloterdijk (“Kritik der zynischen Vernunft”, “Du musst dein Leben ändern”), der sich offensichtlich manchmal über die hohen Abzüge von seinen Buchhonoraren geärgert hat. Da doch bei so vielen Superreichen genug Geld vorhanden ist, das sie mit allen erdenklichen Tricks dem Fiskus vorenthalten, das sie aber andererseits nie im Leben alles ausgeben können und über dessen sinnvoller Verwendung sie womöglich schlaflose Nächte verbringen:  Warum nicht den Spieß umdrehen und das ganze Steuersystem auf Freiwilligkeit umstellen? Statt die Vermögenden und die Steuerberatungsindustrie mit strengen Steuergesetzen und Kontrollen nur zu immer neuen Steuervermeidungsstrategien anzustacheln, lieber alle bei der Ehre packen und jeden nur das an Steuern zahlen lassen, was er möchte. Denn wenn sich auch nur einige der Superreichen und ein Teil der Besserverdiener darauf einlassen, sei es aus Scham ob ihres obszön großen Vermögens oder aus dem Wunsch heraus, doch noch einmal etwas Gutes im Leben zu tun, dann sollte das doch dem Staate spielend leicht das nötige Steuereinkommen einbringen und viele andere, die das Geld doch eigentlich dringender für sich selbst benötigen, von ihrer bedrückenden Steuerlast befreien. Was aber wäre, wenn sich gar nicht genug freiwillige Steuerspender fänden? Dann hätten wir zweifellos ein Problem. Doch immerhin lehrt die Erfahrung, dass tatsächlich viele Reiche gerne und großzügig Geld für Bedürftige spenden – und besonders gerne auch öffentlich darüber reden. Warren Buffet tut es, Bill Gates tut es. Auch unser Uli Hoeneß hat bekanntlich 5 Millionen Euro gespendet, wie er in den letzten Monaten immer wieder betont hat. Dummerweise ist aber inzwischen herausgekommen, dass er noch ein wenig mehr als 5 Millionen, nämlich insgesamt sogar 28,2 Millionen Euro an Steuern hinterzogen hat. Böse Zungen behaupten, er habe Millionen gespendet, die ihm gar nicht gehörten. Kurz gesagt: Man möchte lieber doch nicht seine Hand dafür ins Feuer legen, dass das mit dem Steuersystem auf freiwilliger Basis irgendwann einmal funktionieren wird.
Und was folgt daraus? Liebe junge Juristen, spezialisiert euch auf Steuerrecht oder werdet gleich Steuerberater! Dann habt ihr nach allem menschlichen Ermessen einen langfristig krisensicheren Job.

Justament April 2010: Der absolute Imperativ

Peter Sloterdijks tiefschürfendes anthropologisches Werk “Du musst dein Leben ändern”

Thomas Claer

Cover SloterdijkMan kann sich den Buchautor Peter Sloterdijk, das “bekannteste Gesicht deutscher Gegenwartsphilosophie” (SZ), gut als Kapitän eines Schiffes vorstellen, mit dem er seine Leser unterhaltsam und sachkundig über die Ozeane des Denkens führt und dabei mal hier, mal dort anlegt, an den Kontinenten der westlichen, aber auch östlichen Philosophie ebenso wie an den vielen verstreuten Inseln der Ideen- und Ereignisgeschichte, um dann schließlich auf dem Eiland seines eigenen philosophischen Denkens vor Anker zu gehen. Jeweils stehen diese “Rundreisen” unter einem bestimmten Motto: Zynismus, Globalisierung, monotheistische Religionen …
Und diesmal sind das Thema die “Anthropotechniken”, d. h. im sloterdijkschen Sinne die Selbstoptimierungsprozesse durch menschliches Verhalten im Wege gezielter Askesen (griechisch ganz allgemein für Übungen). Was wir als Religionen kennen, das sind für Sloterdijk nur beispielhafte Übungen dieser Art, andere wären etwa sportlicher oder künstlerischer Natur. Der Mensch als Übender also, das ist der zentrale Begriff in Peter Sloterdijks neuer Anthropologie. Als Stichwortgeber fungiert hierbei Friedrich Nietzsche, der in der “Genealogie der Moral” inmitten seiner Polemik gegen die priesterlichen Asketen, die “das Leben wie einen Irrweg” behandeln, den Asketismus an sich als eine “der breitesten und längsten Thatsachen, die es gibt” ausmacht. Explizit Übende sind für Sloterdijk alle Menschen, die dem ursprünglichsten aller ethischen Impulse folgen, dem “absoluten Imperativ”, der da – entsprechend dem Schlusssatz des berühmten Sonetts “Archaischer Torso Apollos” von Rainer Maria Rilke – lautet: Du musst dein Leben ändern! Entscheidend ist der Ausbruch aus den bloßen Gewohnheiten durch ein Sich-in-Beziehung-Setzen zu einer “Vertikalen”. Das war der Impuls der ersten Asketen, der antiken Sportler, die ihre körperliche Leistungsfähigkeit perfektionierten. Nach der “Spiritualisierung der Askesen” in den Klöstern des Mittelalters setzte mit der heraufziehenden Moderne allmählich die Entspiritualisierung der Übungen ein, die letztere in zielgerichtete Naturbeherrschungs- und Erwerbsprozesse trug. Dieser Großzyklus neigt sich nun seinem Ende zu. Und als eine Art wiederholende Renaissance oder gar als “anthropotechnische Wende” deutet Sloterdijk die geistigen Umwälzungen unserer Tage. Was uns derzeit als Wiederkehr der Religionen erscheint, sei nur ein Symptom für den Hunger der Menschen nach neuen Askesen. Aktueller Absender des Rilkeschen Appells sei die globale Krise, die alle zur Umkehr aufrufe, die Ohren zum Hören hätten.
Das klingt zum Ende hin, zumal in der hier unvermeidlich komprimierten Form, reichlich esoterisch. Und das ist es letztlich auch: Selbst wer jeden der in gewohnter sprachlicher Meisterschaft präsentierten einzelnen Abschnitte (deren Inhalt hier unmöglich rekapituliert werden kann) für sich genommen als plausibel erachtet, wird mit der conclusio so seine Probleme haben. Erst auf den letzten hundert Seiten wird ein Einwand aufgenommen, den wohl mancher Leser über viele hundert Seiten (und damit mehrere Wochen lang) stillschweigend mit sich herumgeschleppt haben mag: Irgendwo ist doch schließlich jeder Mensch ein Übender, “man kann nicht nicht üben”, schreibt Sloterdijk schließlich selbst. Aber wo genau verläuft dann die Grenze zwischen den explizit und den nur gewohnheitsmäßig Übenden? Bei seiner ambitionierten Weltumseglung ist Kapitän Sloterdijk gewissermaßen kurz vor dem Ziel auf einer Sandbank gestrandet, was jedoch keineswegs heißt, dass sich die Reise bis hierhin für die Passagiere nicht gelohnt hätte. Wieder abgeholt werden sie von ihm allemal.

Peter Sloterdijk
Du musst dein Leben ändern. Über Religion, Artistik und Anthropotechnik
Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2009
712 Seiten, EUR 24,80
ISBN 978-3-518-41995-3

www.justament.de, 8.6.2009: Keine Panik!

Gestern im ZDF: Juristen stürmen Sloterdijks Philosophisches Quartett

Thomas Claer

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Juli Zeh (Foto: Wikipedia)

Eine illustre Runde fand sich da gestern zu später Stunde im “Philosophischen Quartett” zusammen. Gleich zwei gelernte Rechtswissenschaftler hatten Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski ins VW-Haus nach Wolfsburg (ohne Sponsor geht natürlich gar nichts) geladen: die Schriftstellerin Juli Zeh und den Zukunftsforscher Meinhard Miegel. Das Thema war: “Was hält unsere Gesellschaft eigentlich noch zusammen?” Gleich zu Beginn mutmaßte Gastgeber Peter Sloterdijk (61), es mit einer ” Verschwörung der Juristen auf diesem Podium” zu tun zu haben. Doch praktizieren beide Gäste längst nur noch sporadisch auf ihrem Stammgebiet. Einserjuristin und Bummeldoktorandin Juli Zeh (34) gewinnt mit ihren Romanen – trotz mäßiger Kritiken in den Feuilletons – einen Literaturpreis nach dem anderen. Allround-Sozialwissenschaftler Meinhard Miegel (70), bis vor kurzem noch eher neoliberaler Warner vor einem wuchernden und künftig nicht mehr bezahlbaren Sozialstaat, hat nun ein Buch geschrieben, indem er dafür plädiert, endlich von der Wachstumsideologie abzurücken und allen mehr Bescheidenheit empfiehlt. Zu bedenken gibt er aber, dass hierzulande durch die sich verstärkt öffnende Schere zwischen Arm und Reich bald der soziale Zusammenhalt gefährdet sein könnte. Co-Gastgeber Rüdiger Safranski (64) paraphrasierte Miegel dahingehend, dass als sozialer Kitt in den Staaten Europas die längste Zeit die Religion gewirkt habe, welche vorübergehend von der Nation abgelöst und nun seit mehr als einem halben Jahrhundert vom Versprechen ständigen Wirtschaftswachstums verdrängt worden sei. Doch bereits hier intervenierte Juli Zeh, die gerade einen kulturpessimistischen Roman über eine Gesellschaft im Jahr 2057 publiziert hat, in der das Rauchen auch nur einer einzigen Zigarette unter schwerster Strafe steht. Frau Zeh also widersprach der These vom Wachstum als sozialem Kitt, denn in ihrem Umfeld – seit 2007 lebt sie zurückgezogen in einem einsamen Gehöft in Barnewitz, Landkreis Havelland, Brandenburg – glaube ohnehin niemand mehr an Wachstum.
Diesem Muster folgte die Sendung auch im weiteren Verlauf: Die frisch-fröhliche Jung-Autorin bot den alten Herren zwar mutig Paroli, zeigte sich aber – vermutlich bedingt durch ihre, auch mediale Abgeschiedenheit (“Ich habe keinen Fernseher!”) – ein ums andere Mal nicht gut informiert (“Die meisten leben auf dem Lande!”) oder überraschte mit gewagten Thesen (“Wir brauchen überhaupt keine deutsche oder europäische Identität, das eigene Dorf genügt!”). Die älteren Herren protestierten nur milde. Da sich die Runde jedoch zunehmend in Nebensächlichkeiten verlor, vor allem Juli Zeh ihre besondere Vorliebe für Haarspaltereien demonstrierte und nicht einmal Meinhard Miegels vorsichtige Definition eines historisch-kulturell, institutionell und mentalitätsstrukturell  bedingten deutschen Gemeinschaftsgefühls akzeptierte (“Haben Sie mal versucht, Einvernehmen zwischen einem Bayern und einem Ostfriesen herzustellen?”), gelangte man während der Sendezeit kaum zu tieferen Einsichten. Immerhin versicherten beide Gäste wiederholt, wenn auch von völlig unterschiedlicher Position aus argumentierend, es bestehe nun wirklich kein Anlass zur Panik angesichts einer vom Zerfall bedrohten Gesellschaft. Die Gastgeber zeigten sich insofern sichtlich enttäuscht: Sloterdijk sprach von einem beschämenden Ergebnis für die Moderatoren, Safranski gar von einem solchen für das Medium Fernsehen, dessen Erregungspotentiale man leider nicht habe ausschöpfen können. Unterhaltsam war das Ganze allerdings durchaus.

Justament Dez. 2006: Nietzsche in Blond

Der Philosoph Peter Sloterdijk ortet das Ressentiment als Haupttriebkraft der Geschichte

Thomas Claer

Sloterdijk CoverDas Zeitalter der umfassenden Welterklärungen durch philosophische Systeme ist bekanntlich seit geraumer Zeit vorüber. Allenfalls mit ironischer Distanz greift die zeitgenössische Philosophie die ehrwürdigen Lehrsätze vergangener Epochen noch auf – in der Überzeugung, dass ganzheitlichkeit und Widerspruchsfreiheit in einer atomisierten Welt nicht mehr zu haben sind. Und doch arbeitet einer mit beharrlichem Fleiß an einem groß angelegten Welterklärungs-System, das gleichwohl gänzlich metaphysikfrei daherkommt und durch assoziative thematische Offenheit ebenso wie durch eine überaus luzide Sprache besticht. Drohte Peter Sloterdijks Sphären-Trilogie, deren dritter Band an dieser Stelle besprochen wurde (justament 4/2004), noch an ihrer Überfülle zu ersticken, nimmt sich die hier anzuzeigende essayistisch gehaltene Zugabe als ein Geniestreich ersten Ranges aus. Der Verfasser legt mit einem beherzten Brückenschlag zwischen psychologischer Anthropologie auf der einen sowie Politik und (vor allem jüngerer) Geschichte auf der anderen Seite nicht weniger vor als eine globale Deutung der Menschheitshistorie – und zwar – “zwei berühmte Kollegen aus dem Jahr 1848” lassen grüßen – als “eine Geschichte der Zornverwertungen”. Das griechische Kennwort für das “Organ” in der Brust von Helden und Menschen, von dem die großen Aufwallungen ausgehen, lautet thymos – es bezeichnet den Regungsherd des stolzen Selbst. Die Psychoanalyse hingegen, die seit dem 20. Jahrhundert als psychologisches Leitwissen dient, habe, so Sloterdijk, die Natur ihres Gegenstands in wesentlicher Hinsicht verkannt, indem sie die conditio humana insgesamt von der Erotik zu erklären versuche. Sie bringe dasn Wort Stolz nur mit Neurosen in Verbindung und habe keine zureichende Erklärung für menschliche Dispositionen wie Mut, Beherztheit, Geltungsdrang, Verlangen nach Gerechtigkeit, Gefühl für Würde und Ehre sowie kämpferisch-rächerische Energien, welche Sloterdijk der “Thymotik des Menschen” zurechnet. Aus dem angestauten und gleichsam verfestigten Zorn entstehe dann das Ressentiment, das Friedrich Nietzsche (1844-1900) als “Basiseffekt des metaphysischen Zeitalters und seiner modernen Nachspiele” (Sloterdijk) entlarvte, also der Epoche monotheistischen Religionen und der modernen Emanzipationsbewegungen bis hin zu den Großtotalitarismen des vergangenen Jahrhunderts. Anknüpfend an Nietzsche beschreibt der Autor zunächst die “Thymotik” im allgemeinen, dann in längeren Kapiteln ausführlich die thymotischen Wurzeln des katholizismus und Kommunismus und schließlich die aktuelle “Zornzerstreuung in der Ära der Mitte”. Dabei zeigt er sich nicht zuletzt dadurch auf der Höhe der Zeit, dass er siene Befunde in eine metaphorische Sprache der Ökonomie übersetzt: Von Zorngeschäften ist die Rede, Weltbankemn des Zorns sieht der Verfasser am Werk. Am Ende spricht er dem politischen Islam aufgrund dessen Mangels an politisch-kultureller Substanz mit Nachdruck die Fähigkeit ab, als Erbe des Kommunismus eine “Weltbank der Dissidenz” zu errichten.

Sloterdijks Darstellung ist geistreich, originell, mit einem Wort brillant. Doch ist sie dadurch auch alles andere als politisch korrekt. Auf Ablehnung vielerorts wird etwa seine Interpretation des Kommunismus als primärer und dem NS kausal vorhergehender Linksfaschismus stoßen. Jedoch ist Sloterdijk, soviel ist sicher, anders als weiland Ernst Nolte national-apologetischer Motive gänzlich unverdächtig. Das “vertikale Denken”, so bekannte er einst, erfolge eben nicht in rechts-Links-Schemata.

 

Peter Sloterdijk

Zorn und Zeit. Politisch-psychologischer Versuch

Suhrkamp Verlag Frankfurt 2006

356 S., 22,80 €

ISBN 3-518418-40-8