www.justament.de, 28.2.2011: Expertin für das schöne Leben
Christiane Rösinger debütiert solo mit „Songs Of L. And Hate“
Thomas Claer
Vergesst Lady Gaga, vergesst Lena und alle anderen gleich mit! Der Popstar des Jahres 2010 heißt eindeutig Christiane Rösinger. Nun mag sich manch einer fragen: Wer ist überhaupt Christiane Rösinger? Und erst recht werden sich viele im letzten Herbst gewundert haben, als auf dem Cover von Stadtmagazinen und Musikzeitschriften eine wenig fotogene Frau Ende 40 mit zerfurchtem Gesicht in wenig eleganter Kleidung auftauchte. Wer dann neugierig auf YouTube klickte, sah Christiane Rösinger in einer belebten Straße sitzen und hörte sie mit verrauchter Stimme ihr Lied ankündigen und dachte schon „Naja …“, um im nächsten Moment vor freudiger Verzückung fast vom Stuhl zu fallen. Denn Christiane Rösinger singt mit plötzlich wie verwandelter glockenheller Stimme Melodien, die bezaubern, und Texte, deren Intelligenz und melancholischer Tiefsinn einen bis ins Mark erschüttern können. Vor allem aber verfügt sie über einen umfangreichen Backkatalog bärenstarker Songs aus früheren Tagen, die sie in den letzten 22 Jahren mit ihren Bands „Lassie Singers“ und „Britta“ aufgenommen hat und nun immer wieder gerne auch solo zum Besten gibt. „Liebe wird oft überbewertet“ ist so ein Lied, das einen in seiner augenzwinkernden Parolenhaftigkeit mit Macht ergreift, auch „Depressiver Tag“ oder „Wer wird Millionär?“ sind wahre Perlen. In letzterem Britta-Song artikulierte sie präzise die angefressene Kreuzberger Befindlichkeit dieser Tage: „Ist das noch Boheme oder schon die Unterschicht?“ Denn: „Das Geld ist platt und will auch platt geschmeichelt sein“ Doch wie tröstlich ist da die Schlusszeile: „Und für uns bleibt nur das schöne Leben“. Auch als Autorin eines gleichnamigen Buches hat Christiane Rösinger vor ein paar Jahren von sich reden gemacht. Und nun also ihr erstes Solo-Album… Nicht, dass es schlecht wäre, ganz im Gegenteil! Aber zumindest hinter den Höhepunkten ihres „Frühwerks“ bleibt es insgesamt dann doch ein wenig zurück. Gleichwohl macht es viel Freude, sich in der „melancholischen Hypochondrie“ dieser Texte zu verlieren und Songs wie „Ich muss immer an dich denken“ zu lauschen. Das Urteil lautet: vollbefriedigend (10 Punkte).
Christiane Rösinger
Songs Of L. And Hate
Staatsakt (Rough Trade)
Ca. € 17,-
ASIN: B003ZUB506
Hörproben:
www.justament.de, 17.1.2011: Redseliger Rock-Rentner
Achim Reichel erzählt und singt auf „Solo mit euch“ – und greift tief in die Schatztruhe seines Frühwerks
Thomas Claer
Wenn Rockmusiker in die Jahre kommen, dann gibt es zu den Jubiläen nicht selten entsprechende Konzerte, und aus diesem Material erwächst dann wiederum meist eine C-, wenn nicht gleich DVD – oder noch besser: beides nebeneinander. So hält es auch der Hamburger Ex-Boygroupstar, Ex-Krautrocker, Shanty- und Volksliedadoptierer, Balladen- und Großstadtlyrikvertoner Achim Reichel, inzwischen 66. Anlässlich seines Eintritts ins gesetzliche Rentenalter ist von ihm nun schon das dritte Live-Album in nur 16 Jahren erschienen. Doch anders als auf „Große Freiheit“ (1994) und „100 % Leben“ (2004) versucht sich Reichel diesmal auf der ersten der beiden CDs von „Solo mit euch“ auch als unterhaltsamer „Storyteller“, der heiter und beschwingt Anekdoten aus seinem bewegten Musiker-Leben zum besten gibt. Und was soll man sagen, man hört das alles schon ganz gerne, zumal hier erfreulicherweise auch die Hinter- und Beweggründe so mancher seiner früheren – oft überraschenden – konzeptionellen Neuausrichtungen erklärt werden. Auf der zweiten CD finden sich dann Solo- (d.h. nur von Berry Sarluis auf dem Akkordion und Pete Sage auf der Violine begleitete) Einspielungen vieler Reichel-Klassiker, aber auch etlicher Songs, die er locker zwanzig oder gar dreißig Jahre nicht mehr live gespielt haben dürfte. Seine Rock-Version des alten Seemanns-Schlagers „Sie hieß Mary Ann“ gab es bislang nur auf der nie als CD gepressten Compilation-Platte „Rock in Deutschland, Vol. 7“ von 1981! Und auch der „Blonde Hans“ vom Skandal-Poeten Kiev Stingl und die wunderbar böse Christian Morgenstern-Adaption „Sophie, mein Henkersmädel“ hat man schon verdammt lange nicht mehr von ihm gehört. Die größte Entdeckung ist aber zweifellos „Mama Stadt“ aus der Feder des 1987 tragisch verunglückten Popliteraten Jörg Fauser, ein bislang eher unauffälliges Stück vom legendären „Blues in Blond“-Album aus den frühen Achtzigern, das hier in der reduzierten Version mit ihren lapidaren Gitarrenriffs zu ungeahnter Größe aufsteigt. „Blätter fall’n von totgesagten Bäumen …“ heißt es dort, und: „Die Leben geben dürfen sich auch Leben nehmen/ Und sich aus Trümmern Träume baun“. Das hat schon Klasse! So möchte man Achim Reichel am Ende inständig bitten, doch künftig bei der Auswahl seiner Songs ruhig noch etwas tiefer in die versunkene Schatztruhe seines Frühwerks zu greifen. Spätestens zum 70. Geburtstagskonzert wünschen wir uns endlich einmal den „Fliegenden Holländer“ vom Klabautermann-Album (1977), auch wenn manche Aloha Heja He-Fans damit vielleicht wenig anfangen können. Oder noch besser: „Zehn Jahre lebenslänglich“ von A.R. 3 (1972). Das Urteil lautet: voll befriedigend (12 Punkte).
Achim Reichel
Solo mit euch
Doppel-CD
Indigo 2010
Ca. € 17,-
ASIN: B003Y5W3Z8
Justament Okt. 2010: Tierisch gut
Tom Waits begeistert auf seinem aktuellen Live-Album
Thomas Claer
Wer Leute zu sich nach Hause einlädt und ganz auf Nimmer sicher gehen will, der legt Tom Waits-Platten auf, egal welche. Der coole Tom Waits, heute 60, gilt in informierten Kreisen seit langen Jahren als absoluter Konsens-Künstler. Während man über viele andere Pop-Musiker zu sagen pflegt, sie würden auf der Bühne zum Tier, gilt das für Tom Waits bereits auf seinen Platten, zumindest auf seinen reiferen seit den Achtzigern. Dennoch nehmen die Live-Einspielungen einen besonderen Rang ein im umfangreichen Werk des großen Romantisierers und Ästhetisierers des Abgebranntseins als Existenzmodus. Da gab es zunächst das damals sehr umstrittene Doppelalbum „Nighthawks at the Diner“ (1975), bei dem künstlich und kalkuliert die Atmosphäre in einer anrüchigen Spelunke als perfekte Illusion erzeugt wurde. Heute hat ihm das inzwischen wohl jeder verziehen, denn keine „echte“ Bar-Musik könnte wundervoller sein als diese Platte. Dann gab es die sehr kraftvolle „Big Time“ (1988), die vor allem die deutlich rockigeren Stücke seit 1980 versammelt. Und nicht zu vergessen die ganz und gar absonderliche geisterhafte Live-Version von „The Piano Has Been Drinking“, aufgenommen in Dublin 1981, von der Compilation-Platte „Bounced Checks“, die nie als CD gepresst wurde, doch auf YouTube finden wir sogar das.
Und nun also nach über 20 Jahren ein weiteres Live-Album. „Glitter & Doom“ entstand auf der gleichnamigen Tour, die den kalifornischen Songwriter 2008 durch die USA und Europa führte. Die in zehn verschiedenen Städten aufgenommenen insgesamt 17 Songs sind eher solche der zweiten Reihe, die hier in oft völlig verändertem musikalischen Gewand erklingen. Die Live-Atmo kommt vortrefflich rüber. Bluesig und mitunter jazzig klingen die Arrangements. Auf einer zweiten CD befinden sich noch etliche Zwischenbemerkungen, Anekdoten und Bühnenansprachen des Meisters im Dialog mit seinem Publikum. Doch dies fließt nicht in die Bewertung ein, da der Rezensent das Gemurmel ganz überwiegend nicht verstehen kann.
Noch kurz zur Präsentationsweise: Tom Waits auf CD oder gar in digitaler Formatierung abzuspielen, muss man schlichtweg als Todsünde bezeichnen. Auf einem Uralt-Kassettenrekorder in Mono-Klangqualität im Studentenwohnheim – das geht gerade noch an. Ansonsten ist Vinyl hier Pflicht. Rechtfertigen lässt sich sein Genuss auf CD allenfalls damit, die eigenen guten alten Vinyl-Scheiben für den noch ausgesuchteren, noch lieberen künftigen Besuch schonen zu wollen. Wichtig ist ferner, die Whisky-Flasche stets in Reichweite stehen zu haben. Das Urteil lautet: gut (13 Punkte).
Tom Waits
Glitter and Doom (Doppel-CD)
Anti (Indigo) 2009
Ca. € 17,-
ASIN: B002SG7L9W
Justament Okt. 2010: Tiefpunkte und Kleinode
Die neue Tocotronic-Platte „Schall und Wahn“
Thomas Claer
Es ist einfach nur zum Grausen, was Tocotronic, unsere einstigen Trainingsjacken-Helden der Neunziger, auf ihrer neunten regulären Studioplatte über weite Strecken abliefern. Dafür möchte man sie am liebsten schlagen, aber so richtig. Was haben sie sich bloß dabei gedacht, uns mit solch einem schwülstigen Bombast zu kommen wie im Opener „Eure Liebe tötet mich“ und im Schlussstück „Gift“? Diese jeweils geschlagene acht Minuten langen Zumutungen bilden gleichsam den Rahmen eines von Anfang bis Ende völlig missratenen Albums voller Tiefpunkte. So müsste man sagen, wären da nicht doch noch ein paar – in diesem Umfeld jedenfalls überraschende – Songs eines ganz anderen Kalibers, namentlich das Titelstück „Schall und Wahn“ und vor allem das überaus feine „Im Zweifel für den Zweifel“. Man wollte diese Stücke, wäre das Wort nicht schon so abgenudelt, gerne als musikalische Kleinode bezeichnen. Nur hier kann die Band aus der „Hamburger Schule“ an das vergleichsweise starke Vorgängeralbum „Kapitulation“ (2007) anknüpfen. In ihren besten Momenten erinnern die reifen Tocotronic im akustischen Gitarrenspiel an die seligen Smiths aus den Achtzigern mit ihrem genialen Gitarrero Johnny Marr, wohingegen jedoch Dirk von Lowtzow gesanglich nur einen recht gequälten Morrissey abgibt. Ein Wort zu den Texten der Band, die früher einmal die Welt aus den Angeln zu heben sich anschickten: Heute kann man bestenfalls sagen, dass sie nicht allzu sehr stören. Das stümperhaft plumpe literarische Zitieren kam in ihrem Frühwerk noch regelrecht charmant rüber, heute hingegen wirkt es eher peinlich. Auch dort, wo sie sich in der alten Parolenhaftigkeit versuchen, wie im Single-Stück „Macht es nicht selbst“, geht der Schuss nach hinten los. Was vermutlich als kritisch linkes Statement gegen den Neoliberalismus mit seiner Ich-AG-Mentalität, aber auch gegen die in seinem Schlepptau chronisch selbstausbeuterische digitale Boheme gedacht war, klingt aus dem gutsituiert-aristokratischen Mund eines Dirk von Lowtzow wie reaktionärer Hohn gegenüber denen, die sich ein gewiss anstrengendes, aber immerhin selbstbestimmtes Leben organisiert haben.
So lassen sich die Parolen-Songs der Tocos aus den Neunzigern heute mit Leichtigkeit gegen sie selbst wenden: „Alles, was ich will, ist, nichts mit euch zu tun haben“, „Ich bin viel zu lange mit euch mitgegangen“ oder – leicht abgewandelt – „Tocotronic – ihr habt mein Leben zerstört!“ Hier stockt der Rezensent: Woher eigentlich diese Grobheit? Warum nicht einfach, wie bei anderen, das Gute herausstellen und den Rest überhören, es tut doch keinem weh. Halt, das tut es doch! Und wie! Vielleicht ist es ja enttäuschte Liebe. Das Urteil lautet: befriedigend (7 Punkte). Damit seid ihr noch gut weggekommen, Saubande!
Tocotronic
Schall und Wahn
Vertigo Berlin (Universal) 2010
Ca. € 17,-
ASIN: B002ZHIPT4
www.justament.de, 26.7.2010: Gefangen im Selbstzitat
Die neue Yello-CD lädt ein zur nostalgischen Zeitreise
Thomas Claer
Wer in den achtziger Jahren, sofern er da schon auf der Welt war, einmal einen Bravo-Kalender besaß, dem ist vielleicht unter den vielen qietschbunten Gestalten darin ein einsamer Krawatten- und Anzugträger aufgefallen: Das war Dieter Meier von der Schweizer Elektro-Avantgarde-Band Yello. Irgendwie war er dort ein Fremdkörper (ähnlich wie damals auch Otto Schily bei den Grünen), zumal auch seine Band-Kollegen verwegen koloriert oder gar mit freiem Oberkörper posierten. Nun muss man aber wissen, dass es sich bei Dieter Meier, Jahrgang 1945, um den einzigen internationalen Popstar mit abgeschlossener juristischer Ausbildung handelt (Justament 5-2007, S.22 berichtete), abgesehen vom italienischen singenden Rechtsanwalt Paolo Conte.
Dieter Meier und Yello schrieben also seit ihrem Debüt-Album „Solid Pleasure“ (1980) Popgeschichte. Jedes ihrer Alben aus den Achtzigern klang anders, immer aufregend und erfrischend, wenn auch ein allmählicher Trend zum Glatten und Gefälligen nicht zu überhören war. Doch seit nunmehr zwanzig Jahren bestehen ihre Platten vornehmlich aus der Neukombination des Altbekannten. Und das gilt erst recht für das hier zu besprechende „Touch Yello“: Der Opener „The Expert“ ist eine Mischung aus „The Race“ und „Tied up“ von 1988 sowie dem „Rubberbandman“ von 1991. Der zweite Song „You Better Hide“ erinnert am Anfang an „Blue Green“ von 1980, dann an „The Rhythm Divine“ von 1986. Das dritte Lied klingt etwas nach „Goldrush“ von 1986 und nach „Jungle Bill“ von 1991. Beim vierten Track handelt es sich um einen – immerhin ehrlicherweise auch als solchen bezeichneten – Remix ihrer legendären Prä-Techno-Nummer „Bostich“ (1980). Und so geht es munter weiter. Sie plündern den eigenen Back-Katalog nach Belieben. Das allein wäre zwar noch nicht weiter schlimm, doch ist schmerzhaft zu bemerken, wie sehr die sparsam eingesetzten Neuerungen hinter ihren früheren klanglichen Kabinettstücken zurückbleiben.
Dabei ist längst nicht alles schlecht auf „Touch Yello“. Vor allem wer noch nie eine andere Yello-Platte gehört hat, kann an der CD durchaus seine Freude haben. Die insgesamt etwas dunklere, jazzigere, ja smoothigere Note kann man auch gut finden. Und im besagten „You Better Hide“ ist mit der Schweizerin Heidi Happy eine junge, hoffnungsvolle Sängerin sehr eindrucksvoll zu vernehmen. Das ist übrigens bis heute eine Stärke von Yello geblieben: die Untermalung von lasziven Frauenstimmen. Diese Dame sollte man im Auge behalten. Das Urteil lautet: befriedigend (8 Punkte).
Yello
Touch Yello
Polydor (Universal) 2009
Ca. € 17,-
ASIN: B002N9MK86
www.justament.de, 31.5.2010: Das Wunder von Oslo
Die Debüt-CD der talentierten Lena Meyer-Landrut vor dem Justament-Gericht
Thomas Claer
Selbst in eher verschlafenen Wohngebieten wurden in der Nacht zum letzten Sonntag Raketen abgeschossen und Fahnen geschwenkt. Dabei hat doch die Fußball-WM noch gar nicht begonnen. Was also war geschehen? Nach 28 Jahren hat Deutschland, man mag es glauben oder nicht, wieder beim Grand Prix d’Eurovision de la Chanson gewonnen, der inzwischen Eurovision Song Contest heißt. Früher, als eine Schlagersängerin namens Nicole dort mit einem „bisschen Frieden“ erstmals die Trophäe nach Deutschland holte, war dieser Wettbewerb noch ein Ausbund an Scheußlichkeiten. Inzwischen, so muss man feststellen, hat sich die Veranstaltung in bemerkenswerter Weise bis hin zum veritablen Popsong geöffnet. Überhaupt ist der Song-Contest, auch bedingt durch die Explosion der Anzahl teilnehmender Länder seit 1990ff., zu einem Medien-Großereignis für ganz Europa geworden, das gerade in Zeiten der Euro-Krise für etwas Zusammenhalt sorgt. Und nachdem Deutschland dort in den letzten Jahren nur durch Blödeleien von Stefan Raab und Guildo Horn aufgefallen war, durfte diesmal ein echtes Nachwuchstalent ins Rennen: lovely Lena Meyer-Landrut, die die Herzen zunächst der deutschen und nun auch der europäischen Zuschauer im Sturm erobern konnte. Ein neuer Popstar ist geboren, der wohl schon dadurch eine Lücke füllt, dass er so ganz anders rüberkommt als die anderen weiblichen Musikgrößen dieser Generation: als die clevere diabolisch-raffinierte Lady Gaga etwa oder die grandios konfus-kaputte Amy Winehouse. Lena ist der vollkommene Kontrast, wirkt natürlich, aufgeweckt, selbstbewusst und doch zugleich bescheiden, ohne jede Spur von Arroganz. Dass sie keine Stimme habe, wie zur Zeit gerne in den Feuilletons behauptet wird, ist natürlich Unfug. Sie singt ganz ausgezeichnet, sehr individuell – und lässt vor allem viel Potential erkennen. Auch das Grand-Prix-Lied „Satellite“, das ein internationales Songwriter-Team geschrieben hat, ist gar nicht einmal schlecht, wenn auch bestimmt nicht überragend. Aber es muss ja, so funktioniert eben das Pop-Business, gleich eine ganze CD her, für die ihr Mentor und Manager Stefan Raab eilig noch ein paar harmlose Songs zusammengeschustert hat. Da darf man natürlich keine Wunder erwarten, wenngleich Lena auch mittelmäßige Songs mit der ihr eigenen Grazie bewältigt. Immerhin: So richtig Peinliches sucht man auf der Scheibe vergeblich. Und schließlich muss man es Lena hoch anrechnen, dass sie den heute zu Unrecht fast vergessenen Tonträger Audio-Cassette, mit dem vor allem die weit fortgeschrittenen Semester unter uns manch süße Erinnerung verbinden dürften, wieder ins mediale Rampenlicht gerückt hat. Das Urteil lautet: befriedigend (7 Punkte).
Lena
My Cassette Player
Usfo (Universal) 2010
Ca. € 17,-
ASIN: B003I4V8BU
Justament April 2010: Krachender Kontrapunkt
PJ Harvey hat mit John Parish eine furiose Platte aufgenommen
Thomas Claer
Wow! Sie ist wieder ganz die Alte! Zum verstörend gespenstisch-genialen Vorgänger “White Chalk” (Justament berichtete in Heft 1-2008) setzt PJ Harvey mit “A Woman a Man Walked by” nun einen krachenden Kontrapunkt. Noch mehr als zu früheren Alben hat diesmal ihr alter Freund und Weggefährte John Parish beigetragen, u.a. die komplette Musik geschrieben, weshalb er auch verdientermaßen gemeinsam mit Polly Jean als Urheber der CD firmieren darf. Parish kann als PJs Entdecker gelten, holte er doch schon vor zwanzig Jahren die damals blutjunge Polly in seine Band “Automatic Dlamini”, von wo aus sie ihre Solo-Karriere startete. Ein Höhepunkt jener frühen Jahre war das gemeinsame Album der beiden, “Dance Hall at Louse Point” von 1996, herausragend hier wiederum der Song “City of No Sun”. Hieran knüpfen die neuen Songs an: PJ, inzwischen 40, kreischt und röhrt, gurgelt und ächzt bei den schnellen, lauten Songs. Und sie säuselt und winselt, schmeichelt und piepst bei den langsamen und leisen. John Parish, inzwischen 50, der auch die meisten Instrumente eigenhändig spielt, sorgt für den schrägen, schrillen und chaotischen, doch immer wieder überraschend melodiösen Rahmen zur Inszenierung von Polly Jeans überragender Stimme.
Schon der Opener “Black Hearted Love” packt einen mit Macht, und erst recht tun dies die raffinierten Banjoklänge von “Sixteen, Fifteen, Fourteen”. Sirenenhaft – sowohl im antik-homerischen als auch im neuzeitlich-polizeilichen Sinne – ist Polly auf “Leaving California” zu vernehmen. Und die zur Grundmelodie so seltsam entgegengesetzt verlaufenden Klavierläufe auf “The Chair” … Und die feinen, zarten Klänge von “April” und das ganz besonders tolle “The Souldier”… Es gibt praktisch keine Ausfälle – jeder Song auf dieser Platte ist eine Granate. Nicht, dass PJ Harveys eigene Kompositionen nichts taugen würden, aber das, was John Parish ihr diesmal auf den Leib komponiert hat, ist noch eine glückliche Steigerung. Hier hat sich einer, so scheint es, jahrelang viel Kreativität für seine Lieblingssängerin aufgespart. Wir genießen das Ergebnis. Das Urteil lautet: gut (13 Punkte).
PJ Harvey & John Parish
A Woman A Man Walked By
Universal Island Records 2009
Ca. € 17,-
ASIN: B001U0HBHO
Justament Dez. 2009: Abgründige Parallelwelt
Hope Sandoval beglückt uns mit ihrem zweiten Soloalbum
Thomas Claer
Das CD-Cover zeigt einen nackten Arm über einer unbestimmbaren Lichtquelle in völliger Dunkelheit und sonst gar nichts. Hope Sandoval ist wieder da: die rätselhafte, undurchdringliche, undurchschaubare. Ihre letzte Platte, “Bavarien Fruit Bread”, liegt schon acht Jahre zurück. Wenn wir richtig gerechnet haben, ist sie jetzt 43 Jahre alt. Ihre Stimme aber klingt kaum anders als vor zwanzig Jahren: eigentlich hell und klar, doch immer auch etwas gedämpft und zerbrechlich. Klein und zierlich, elfengleich und mädchenhaft stand sie erstmals Ende der Achtziger mit “Opal” auf der Bühne, der Band des amerikanischen Underground-Gitarristen David Roback. Die junge Hope Sandoval, aus einer mexikanischen Einwandererfamilie in Los Angeles stammend, war Opal-Fan, hatte der Band Demo-Kassetten mit eigenen Songs geschickt und wurde von den Musikern kurz darauf als Bühnenvertretung für Sängerin Kendra Smith engagiert. Nach deren Ausscheiden 1989 übernahm Hope Sandoval den Gesangs-Part, und Roback nannte die Gruppe nun “Mazzy Star”. Fortan waren alle Lieder auf Hope Sandoval und ihren einzigartig-geheimnisvollen, seltsam entrückten sphärischen Gesangsstil zugeschnitten. Das Mazzy Star-Debütalbum “She Hangs Brightly” (1990) begeisterte mit Sechzigerjahre-Psychedelic-Anklängen, spartanisch instrumentierten Gitarrenpop-Nummern und einem einfach unbeschreiblichen Titelstück. Auch die beiden folgenden Mazzy-Star CDs “So Tonight that I Might See” (1993) und “Among my Swan” (1996) entzückten mit traumhaft-düsteren Songs im Zeitlupentempo. Legendär sind ferner die schüchternen Interviews, die Hope Sandoval in den 90ern gab, in denen sie die Fragesteller manchmal minutenlang anschwieg, um sie dann mit knappen und vieldeutigen Antworten zu verwirren. Ohne dass Mazzy Star sich jemals aufgelöst hätten, brachte Hope Sandoval die nächsten beiden stilistisch ähnlichen CDs ohne Dave Roback unter dem Bandnamen “Hope Sandoval & The Warm Inventions” (2001) heraus, nämlich das besagte “Bavarien Fruit Bread” und nun also “Through The Devil Softly”: Geradezu gemächlich hebt das Album an, erst der dritte Song “For the Rest of your Life” wird richtig abgründig. Doch atmet das ganze Album jenen Mazzy Star-Spirit der ausgedehnten Töne und zerfließenden Realitäten. Es dominieren Gitarren, mitunter kommen Mundharmonikas und Violine hinzu. Scheinbar ist das Folk, aber ein bodenloser Folk, der einen in die Tiefe zieht. Das überraschend kraftvolle “Trouble” klingt dann jedoch plötzlich wie ein Lied von Portishead. Und das effektvoll als Schlussstück angeordnete “Satellite” mutet an wie eine Botschaft aus dem Jenseits. Das Urteil lautet: gut (13 Punkte).
Hope Sandoval & The Warm Inventions
Through The Devil Softly
Nettwerk (Soulfood Music) 2009
Ca. € 17,-
ASIN: B002GZQZQ0
Justament Dez. 2009: Herzlich und schmerzlich
Die neue Platte von Element Of Crime enthält wenig Überraschendes und macht dennoch Freude
Thomas Claer
Element Of Crime – das sind seit 25 Jahren hingerotzte Chansons meist traurigen Inhalts mit Rockgitarren und Jazztrompete. Gab es in ihrer Frühphase noch manche stilistische Änderung – etwa den Wechsel von der englischen zur deutschen Sprache – ist seit “Damals hinterm Mond” (1991) mehr oder weniger alles beim Alten geblieben. “Immer da wo du bist bin ich nie” ist nun das insgesamt zwölfte Studioalbum des Berliner Kollektivs um Sänger, Texter, Trompeter und Romanautor Sven Regener, allerdings auch erst das dritte in diesem Jahrzehnt.
Und es geht einem mit dieser CD ähnlich wie mit den Vorgängern: Sie enthält einige famose Kracher, diesmal neben dem country-folkig rockenden Titelstück noch das grotesk-überdrehte “Kopf aus dem Fenster”, das schmerzlich-wehmütige “Euro und Markstück” sowie “Kuchen und Karin”, das in seiner tiefen Schlichtheit an einen Tom Waits-Song erinnert. Vor allem letzteres gehört zu jenen Liedern, bei denen einem – um es mit einem bekannten Dichter zu sagen – zumute ist, als ob “das Herz recht angenehm verblute”.
Zwar gewinnen auch die übrigen Stücke mit jedem weiteren Hören, doch fallen sie diesmal, zumal die sehr langsamen unter ihnen, teilweise doch etwas ab. Regeners über weite Strecken gewohnt kraftvolle und metaphernreiche Songlyrik verirrt sich hier mitunter – um nicht zu sagen: Er tappt gelegentlich in die Sentimentalitätsfalle. Zu tadeln ist vor allem das ziemlich alberne “Der weiße Hai”, auf dem Alexandra Regener, die neunjährige Tochter des Sängers, nebst einer Freundin im Hintergrund zu vernehmen ist. Doch bleibt dieses Lied die einzige wirkliche Enttäuschung.
Die größte Entdeckung befindet sich hingegen gar nicht auf diesem Album, sondern auf der B-Seite der auf 500 Exemplare limitierten Vinyl-Single mit dem Titelstück als A-Track. Es handelt sich um eine Cover-Version des Stücks “Blaumeise Yvonne” vom NDW-Altmeister Andreas Dorau. Dieses Lied ist so schön, dass man sich nach einigen Malen Hören gar nicht mehr vorstellen kann, wie man bisher ohne es leben konnte. Und die Kinderstimmen stören hier – anders als beim “Weißen Hai” – in keinster Weise. Aber leider ist der Song nicht auf der LP und findet hier daher auch keinen Eingang in die Bewertung. Das Urteil lautet: vollbefriedigend (12 Punkte).
PS: Element of Crime haben Erbarmen und bieten den Song “Blaumeise Yvonne” jetzt über Ihre Homepage zum kostenlosen Download an, aber nur für alle Abonnenten des Newsletters. Die Prozedur ist ziemlich umständlich.
Element Of Crime
Immer da wo du bist bin ich nie
Vertigo Berlin (Universal) 2009
Ca. € 15,95
ASIN: B002IS1466
