Justament Sept. 2012: 25 Jahre erste Pixies-Platte
Scheiben vor Gericht Spezial
Thomas Claer
Mit den Pixies und ihrer Debüt-EP „Come on Pilgrim“ begann damals, 1987, ein neues Zeitalter der Popmusik. Der wilde anarchische Indie-Gitarrenrock war geboren. Viele Epigonen hat es seitdem gegeben, doch niemand von ihnen konnte und kann den Pixies das Wasser reichen. In einzigartiger Weise verbanden sie krachende und knochentrockene Gitarrenriffs mit beinahe beängstigend einschmeichelnden poppigen Melodien. Zwar griffen sie durchaus auf das schon Vorhandene der Popgeschichte zurück, aber sie machten etwas völlig Neues daraus: Sixties-Gitarren kreuzten sie mit der Geschwindigkeit des Punkrock, den betörend schönen männlich-weiblichen Wechselgesang entliehen sie – wie vor ihnen bereits Phillip Boa & the Voodooclub – bei The Velvet Underground, und das Megaphon als Stimmverzerrungsgerät hatten vor ihnen schon, ja! ja! ja!: Trio. Ohne die Pixies wären die späteren Erfolge von Nirvana nie möglich gewesen. Kurt Cobain war ein ehrfürchtiger Bewunderer der Pixies. Er soll sogar einmal ein eigenes Konzert in London vorzeitig verlassen haben, nur um andernorts ein Pixies-Konzert (als Zuschauer!) nicht zu versäumen. Der Welthit „Smells like Teen Spirit“ von Ende 1991 war nach seinen Angaben der Versuch, so zu klingen wie die Pixies.
Doch zu dieser Zeit waren diese – nach nur vier LPs – schon fertig mit ihrem Gesamtwerk und lösten sich bald darauf auf. Sie haben, vergleicht man es mit den Kollegen aus Seattle und deren unglücklichem Frontmann, noch rechtzeitig den Absprung geschafft, waren angekommen an einem Punkt, an dem sie Stadien hätten füllen können – aber genau das wollten sie nicht. Hinzu kam der nicht mehr moderierbare Dauerstreit zwischen Sänger/Gitarrist Black Francis und Sängerin/Bassistin Kim Deal. Und schließlich waren die Pixies rein optisch betrachtet auch nicht gerade Schönlinge, so blieb Black Francis (anders als dem slackerigen Adonis Kurt Cobain) der mediale Ruhm als Stilikone erspart. Doch nach einem Jahrzehnt der Abstinenz drohte mehreren Bandmitgliedern das Geld auszugehen und Black Francis (der sich zwischenzeitlich Frank Black nannte und unzählige Garagenrock-Platten aufnahm) in Depressionen zu versinken. So kam es 2003 zur vielumjubelten Wiedervereinigung. Seitdem touren die Pixies mit ihren alten Songs durch die Welt und haben es glücklicherweise unterlassen, neue Platten zu veröffentlichen – schon um ihren Mythos nicht zu gefährden. Die euphorisierende Wirkung ihrer Musik ist bis heute ungebrochen. In einer besseren Welt als dieser feierte man nicht die Beatles und die Rolling Stones als größte Helden der Popgeschichte, sondern: die Pixies. Das Urteil fürs Gesamtwerk lautet: sehr gut (17 Punkte).
Pixies
Surfer Rosa / Come on Pilgrim
4AD/Beggar (Indigo) 1987/88
€ 7,99 (bei Amazon)
ASIN: B00005LAGO
Pixies
Doolittle
4AD(Beggar (Indigo) 1989
€ 8,97 (bei Amazon)
ASIN: B000026YFS
Pixies
Bossanova
4AD/Beggar (Indigo) 1990
€ 9,99 (bei Amazon)
ASIN: B000026YEG
Pixies
Trompe le Monde
4AD/Beggar (Indigo) 1991
€ 9,99 (bei Amazon)
ASIN: B000026YEO
Pixies
At the BBC
4AD/Beggar (Indigo) 1998
€ 12,99 (bei Amazon)
ASIN: B0000B9DL
Pixies
Complete B-Sides
4AD/Beggar (Indigo) 2001
€ 12,99 (bei Amazon)
ASIN: B000056Q1P
Justament Sept. 2012: This is Maike
Maike Rosa Vogel auf ihrem dritten Album „Fünf Minuten“
Thomas Claer
Das musste ja so kommen. Kaum hat sich unsere Musikredaktion endlich mal zu einer Rezension von „Unvollkommen“ aus dem Jahr 2011 bequemt, da präsentiert uns Maike Rosa Vogel auch gleich schon ihr nächstes Album. O.K., wir haben verstanden. Hier also ganz aktuell unser Text zur neuen CD „Fünf Minuten“: Etwas bange ist einem vor dem ersten Hören schon. Die erste Platte nach dem Durchbruch ist ja für jeden Künstler eine besondere Herausforderung. Oft genug geht ja mit der Saturiertheit durch den Erfolg auch gleich der ganz spezielle Charme des Frühwerks verloren, was erst mal kompensiert werden will. Auch bei den Größten ist es so gewesen. Maike Rosa Vogel ist sich dieses Transformationsrisikos offenbar bewusst und setzt schon in den ersten Liedern „Du kannst alles sein“ und „Für fünf Minuten“ einiges in Bewegung, um etwaige Gedanken, sie könnte satt und zufrieden geworden sein, zu zerstreuen. Allerdings unterrichtet sie bzw. ihr lyrisches Ich die Zuhörer dabei so ausgiebig und stolz über tollkühne Abenteuer früherer Tage, dass hier ein wenig der Eindruck entsteht, Tante Maike will uns was aus ihrer wilden Jugendzeit erzählen. Über die zahlreichen Rechtsverletzungen („fast alles kaputt gemacht“, „U-Bahn beschmiert“, nachts in Schwimmbäder geklettert, „Bier auf dem Schulhof“), von denen hier auch die Rede ist, sehen wir Juristen natürlich milde hinweg. Weiter geht es im Song „Weizenfelder“ mit einer Anklage an einen Geliebten, der nicht gewillt ist, sich an Eskapaden wie „im Sommer nackt durch Weizenfelder rennen“ zu beteiligen („Doch du bewegst dich nicht!“). Aber dann kommt das Lied zur Statusvergewisserung „Ich bin ein Hippie“. Schon nach den ersten Zeilen verfliegt die anfängliche Skepsis des Rezensenten: „Bauen andere Leute Autobahnen, dann pflück ich Blumen und häng sie an mein Fahrrad ran“. Das ist so entwaffnend gut und richtig und schön, dass man sich kaum noch in der Lage sieht, überhaupt irgendetwas gegen diese Sängerin und diese Platte vorzubringen. Und schließlich ist auch noch der sehr gelungene aktuell-politische Protestsong „So Leute wie ich“ hervorzuheben. Zwar fehlen „Fünf Minuten“ die ganz großen Kracher, wie sie etwa „Tränendes Herz“ und „So hab ich dich bei mir“ auf ihrem Debüt-Album „Golden“ (2008) oder „Die Mauern kamen langsam“ auf „Unvollkommen“ darstellten. Doch lässt sich eine solche Intensität und Eindringlichkeit wie auf „Golden“, das man in dieser Hinsicht wohl nur mit den beiden ersten deutschsprachigen Platten von Element Of Crime vergleichen kann, nun einmal nicht beliebig wiederholen. Das Urteil lautet: voll befriedigend (11 Punkte).
Maike Rosa Vogel
Fünf Minuten
Our Choice Rough Trade 2012
Ca. € 15,-
ASIN: B007EJ6SOM
www.justament.de, 29.5.2012: Melancholische Momente
Tom Waits auf seiner aktuellen Platte „Bad As Me“
Thomas Claer
Auf Tom Waits ist Verlass, na klar. Fast schon zu den unumstößlichen Gesetzen der Popmusik gehört es, dass – nun bereits seit vierzig Jahren – jede Tom Waits-Platte aufs Neue überzeugt. Doch macht „Bad As Me“ es einem schwerer als sonst, dem großen Beschwörer des etwas anderen amerikanischen Traums den gewohnten Beifall zu zollen. Regelrecht hektisch geht es los mit „Chicago“, ziemlich straight und rockig weiter auf „Raised night sun“. Lieder dieser Art hat man von ihm vor zwanzig und sogar vor dreißig Jahren schon weitaus bessere gehört. Gehen ihm, fragt man sich ängstlich, langsam die Ideen aus? Beim ersten Durchhören des Albums scheint sich diese Befürchtung zu bestätigen. Im weiteren Verlauf werden die Songs immer ruhiger, ohne einen vom Hocker zu reißen. Irgendwelche Einflüsse von neueren musikalischen Strömungen fehlen diesmal völlig, was wohl nicht nur daran liegt, dass sich der Meister bereits auf seinem letzten Studioalbum „Real Gone“ (2004) einige Hip Hop Elemente geliehen hat, sondern auch daran, dass seitdem praktisch keine relevanten neueren Strömungen mehr entstanden sind, auf die zurückzugreifen sich für ihn lohnen könnte. So lässt man „Bad As Me“ zunächst etwas enttäuscht links liegen und hört erst nach einiger Zeit wieder rein, als sich die eigene Gemütslage gerade einmal etwas eingetrübt hat. Und hier zeigen diese Lieder dann doch noch, was in ihnen steckt! Nicht alle, aber doch so einige von ihnen, namentlich so in sich ruhende Perlen wie „Face tot he Highway“, „Back to the Crowd“ und „Kiss me“ erweisen sich als wahre Seelentröster. Man mag es Sentimentalität nennen, doch es funktioniert. Offenbar braucht es eine melancholische Stimmung des Rezipienten, um bei den stärksten Titeln dieses Albums ganz auf seine Kosten zu kommen. Anders gesagt: Ein besserer Freund in einsamen Nächten als eine Tom Waits-Platte ist gar nicht vorstellbar. Gewiss, er hatte schon stärkere Alben, doch kann man sich, der Songtitel „Get Lost“ liefert das Stichwort, auch in diesen Songs verlieren. Das Urteil lautet: voll befriedigend (10 Punkte).
Tom Waits
Bad As Me
Anti (Indigo) 2011
Ca. € 17,-
ASIN: B005IQ2LT4
Justament Mai 2012: Rücksichtslos emotional
Maike Rosa Vogel verblüfft auf ihrem zweiten Album „Unvollkommen“
Thomas Claer
Es gibt sie noch, die Liedermacher. Nur ganz vereinzelt zwar, doch manchmal sind sie sogar jung und weiblich und haben einen Namen, der so vollkommen klingt, als ob er ausgedacht wäre, es aber gar nicht ist. Maike Rosa Vogel hieß schon so, als sie 1978 in einem sozialistischen Elternhaus in Frankfurt am Main das Licht der Welt erblickte, wobei für ihren zweiten Vornamen niemand anders als Rosa Luxemburg Pate stand. Und aufgewachsen ist sie, was tiefe Spuren hinterlassen hat, mit der Musik von Wolf Biermann und Franz-Josef Degenhardt. Sie hat die Schule vorzeitig abgebrochen, später als Postbotin, Kellnerin und Fahrradkurier gearbeitet und dabei immer Musik gemacht. Was für eine Biographie! Irgendwann besuchte sie die Popakademie in Mannheim und ist danach in Berlin gelandet. Dort ist im vorigen Jahr nach „Golden“ (2008) nun ihr zweites Album „Unvollkommen“ erschienen, produziert von keinem Geringeren als Sven Regener, der ihr bekennender Fan wurde und sie auch gleich als Vorprogramm für die letzte Element Of Crime-Tour engagiert hat. Niemand weiß, was ohne diesen prominenten Mentor aus ihr geworden wäre. Doch ist es wohl ein Glücksfall, wie es gekommen ist, denn Maike Rosa Vogel fällt in jeder Hinsicht aus dem Rahmen. So wie ihre Kindheits-Idole vermag sie allein mit ihrer akustischen Gitarre, die im Stil der Protestsänger nicht gezupft, sondern geschlagen wird, mehr Krach zu machen als so manche vielköpfige Band. Ihre mit leicht nasaler Stimme immer etwas rotzig vorgetragen Songs handeln, da nimmt die Sängerin kein Blatt vor den Mund, immer nur von ihr selbst, was aber gleichwohl, zumindest in ihren Augen, höchste politische Relevanz besitzt. Die Personen in ihnen erkennen sich daran, dass sie sich „falsch in dieser Welt“ fühlen. Und „Menschen werden nicht geliebt, weil sie so schön sind, sondern weil sie eine eigene Welt in sich tragen.“ Ja, so wünscht man es sich zumindest. Die rücksichtslos emotionalen, manchmal sehr direkten, oft aber auch ziemlich verschwurbelten und in all ihrer Ausführlichkeit nicht immer vollständig erschließbaren Texte mögen für manchen „mieser Pädagogikstudentinnen-Pseudo-Emokram“ sein (so heißt es in einem Kommentar auf YouTube). Und doch hat Maike Rosa Vogel auf „Unvollkommen“ eine Musik geschaffen, die Menschen „tief drin berühren“ will. Und es auch tut. Das Urteil lautet: voll befriedigend (12 Punkte).
Maike Rosa Vogel
Unvollkommen
Our Choice (Rough Trade) 2011
Ca. € 17,-
ASIN: B004FGWF7G
Justament März 2012: Göttin Polly
PJ Harvey übertrifft sich selbst auf „Let England Shake“
Thomas Claer
Wenn Popsänger ein „politisches Album“ aufnehmen, dann ist höchste Vorsicht geboten. Man darf getrost davon ausgehen, dass ihnen künstlerisch nichts mehr einfällt und sie den Fans stattdessen nur ihre tadellose Gesinnung verkaufen wollen. Nein, der Hinweis auf diese so vielfach erlebte Gesetzmäßigkeit der Branche soll keine Entschuldigung sein, aber kann doch immerhin erklären, weshalb „Let England Shake“ von PJ Harvey so lange der Besprechung bei uns harren musste. Und schließlich hatten wir PJ ja auch schon zweimal in dieser Rubrik, und außerdem ist ihr inzwischen mit Anna Calvi gewissermaßen eine kleine Schwester herangewachsen, deren Debüt-CD ihrerseits noch zu besprechen wäre. Allein, „Let England Shake“ beweist, wie gründlich man sich doch täuschen kann! Reumütig muss der Rezensent bekennen, nicht nur dieses Album, sondern auch die Musikerin PJ Harvey bislang völlig unterschätzt zu haben. Wer sie bisher für eine ziemlich gute Sängerin und Komponistin mit vielen exzellenten Produktionen gehalten hat, sieht sich jetzt eher mit einer, ja, Pop-Göttin konfrontiert. Nein, darunter machen wir es auf keinen Fall, denn nach jedem erneuten Hören wächst die Gewissheit, seit Jahren nichts Vergleichbares im CD-Player gehabt zu haben. Da erscheint es dann auch ganz passend, dass das Werk in einer Kirche aus dem neunzehnten Jahrhundert in Dorset im Südwesten Englands aufgenommen wurde. Religiöse Konnotationen sind hier ohne weiteres angebracht. Doch auch wenn man versucht, dieses erlesene Meisterwerk ganz nüchtern zu betrachten, kommt man nicht umhin festzustellen, dass PJ Harvey auf ihren letzten Platten immer, immer besser geworden ist und sich nun, mit 42 Jahren, das ist der einzige Wermutstropfen, wohl nicht mehr weiter steigern kann. Eine solche Stimmigkeit, Eindringlichkeit und Leidenschaft zugleich, ein solch vollendetes Songwriting… Da tritt die inhaltliche Dimension der Lieder eher in den Hintergrund, doch kann auch sie überzeugen, denn es hat sich ja inzwischen längst bewahrheitet: Wer wollte England nach seinem alleinigen Ausscheren beim Euro-Rettungsgipfel nicht mal so richtig durchschütteln? Um es ganz schlicht mit der Moderatorin einer inzwischen abgesetzten Fernseh-Literatursendung zu sagen: Hören! Das Urteil lautet: sehr gut (16 Punkte).
PJ Harvey
Let England Shake
Island (Universal) 2011
Ca. € 17,-
ASIN: B004IXJEWK
Justament März 2012: 30 Jahre Trio-Platte
Scheiben vor Gericht Spezial
Thomas Claer
Vor zehn Jahren hatten wir „9/11“, vor 20 Jahren erschien „Nevermind“ von Nirvana, aber vor 30 Jahren gab es ein Erdbeben in der deutschen Musiklandschaft, das die Welt noch nicht gesehen hatte – ausgelöst von einer bis dahin völlig unbekannten Formation aus dem niedersächsischen Großenkneten. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie damals plötzlich überall Trio-Herzen auf die Schulwände und –bänke geritzt und gezeichnet waren, das linke immer durchgestrichen. An jeder Ecke ertönte „Da Da Da – Ichliebdichnichtduliebstmichnicht“ und später dann auch „Anna – Lassmichreinlassmichraus“. Ja, auch wir in der damaligen DDR waren vom Trio-Fieber befallen. Was der breiten Masse aber entging (und damit leider auch mir, der ich seinerzeit noch zu klein und zu dumm dafür war), waren die noch aus der prä-kommerziellen Phase der Band stammenden kolossalen Songs des ersten Trio-Albums, auf dem der spätere Welthit „Da Da Da“ ursprünglich noch gar nicht enthalten war. Dieser einzigartige „Kuhstall-Sound“, eine wilde Mischung aus Punk und Dada, galt zu jener Zeit nur als etwas für die richtig harten Jungs. Es gab an unserer Schule so eine Clique aus Neunt- oder Zehntklässlern, die immer in einer Garage abhingen. Es wurde erzählt, sie hätten billigstes Hafenbräu-Bier gesoffen und Karo-Zigaretten ohne Filter gequarzt und dabei die Trio-Platte rauf und runter gehört, natürlich die irgendwie ins Land geschmuggelte und vom hundertfachen Kopieren arg lädierte Version auf einem Mono-Kassettenrekorder. In unserer Spießer-Diktatur war so etwas natürlich als absolut anrüchig verschrien, aber den Jungs war es egal. (Heutzutage sind Garagen-Gangs ja generell rehabilitiert. Auch Facebook wurde schließlich in einer Garage gegründet.) Erst ein Jahrzehnt später, nach der Wiedervereinigung, als Kurt Cobain auf MTV alles niederbrüllte, kaufte ich mir die Trio-Platte auf einem Flohmarkt in Bremen und wurde auf der Stelle zum Fan. Heute dokumentiert der Wikipedia-Eintrag „Trio (Album)“ ausführlich die Entstehungsgeschichte jedes einzelnen Songs von „Ja ja ja“ bis zu „Los Paul – du musst ihm voll in die Eier hau’n“. Von Musikjournalisten wurde „Trio“ mal zum besten deutschsprachigen Album aller Zeiten gewählt. Dem ist nichts hinzuzufügen. Das Urteil lautet: sehr gut (16 Punkte).
Trio
Trio
Mercury (Universal 1981
Ca. € 17,- (gebraucht)
ASIN: B000005S09
Justament Nov. 2011: Plim-plim und Geknatter
Björk enttäuscht auf „Biophilia“
Thomas Claer
Was haben wir Björk geliebt in all den Jahren – und nicht nur ihre musikalische Wandlungsfähigkeit vom Chaos-Punk ihrer Mädchenband Kukl, die 1986 als Vorgruppe der Einstürzenden Neubauten in West-Berlin zu sehen war, über den College-Pop der Sugarcubes bis hin zu den grandiosen Solo-Platten wie „Post“ (1995) oder „Homogenic“ (1997). Vor allem auch waren es die mit dem Erscheinen ihrer Alben jeweils verbundenen optischen Neuinszenierungen mit all den verrückten Kleidern und Kostümen, die uns immer wieder so entzückten. Björk, so läst sich heute sagen, ist Islands wirkungsmächtigster Kulturexport seit Brünhilde mit dem Temperament eines Eyjafjallajökull. (Unvergesslich, wie sie vor Jahren eine Journalistin malträtierte, die sich auf einem Flughafen ihrem Sohn genähert hatte.) Doch auch die reiferen Platten der heute 46-jährigen, deren Erscheinungsintervalle sich vernünftigerweise mit der Zeit etwas vergrößerten, hatten ihre Qualitäten. So konnte noch ihr Vorgängeralbum „Volta“ in seiner melodiösen und rastlosen Zugänglichkeit rundweg überzeugen (Justament 4-2007 berichtete). Und nun also das technisch beispiellos hochgerüstete „Biophilia“, ihr siebtes Solo-Studioalbum, „das von einem Multimediapaket aus Apps, Installationen, Live-Shows, Workshops, speziell angefertigten Instrumenten, einer Filmdokumentation und einer Website mit 3D-Animationen begleitet wird“, weiß Wikipedia. Aber so klingt die Platte dann leider auch über weite Strecken – nach steriler Multimedia. Viel Plim-Plim und Techno-Gewummer, dazwischen wieder Chorgesänge (die schon ihr 2001er Album „Vespertine“ nach unten gezogen haben) und seltsame Sphärenklänge. Gut wird es eigentlich nur dann, wenn Björks noch immer kraftvolle Stimme da mal durchdringt. Und in einigen besseren Momenten stellt sich auf „Biophilia“ auch beinahe wieder der alte Zauber ein. Doch ganz überwiegend geraten die leisen Klänge larmoyant, und die kräftigeren werden zum stumpfen Geknatter. Dazu passt leider auch Björks Outfit. Viel ist nicht von ihr zu erkennen unter einer überdimensionierten grellroten Perücke und einem metallischen Kleid. Wie konnte ihr nur die Stilsicherheit vergangener Tage so abhanden kommen? Das Gesamturteil lautet: befriedigend (8 Punkte).
Björk
Biophilia
Vertigo Be (Universal) 2010
Ca. € 17,-
ASIN: B00425DMO0
Justament, Nov. 2011: Odin für alle!
Torfrock haben eine neue Best-of-CD-Box, werden von der rechten Szene vereinnahmt und wehren sich
Thomas Claer
Die beinharte Bagaluten-Band Torfrock (gegründet 1977) hat – vordergründig betrachtet – textlich und musikalisch so manches im Gepäck, was rechten Kameraden gefallen könnte. Mehrere ältere Lieder der Spaß-Combo handeln von Rollo dem Wikinger, der mit seinen Gefolgsleuten nach altgermanischem Brauch in großen Mengen Met in sich hineinschüttet, um dann zahlreiche Eigentums-, Sittlichkeits- und Körperverletzungsdelikte zu begehen. Auch beten die Mannen aus der Wikingersiedlung Haitabu – und ihre Frauen wie die „volle Granate“ Renate – regelmäßig zum Germanengott Odin (auch bekannt als Votan). Alle diese Informationen hat nach früheren Verlautbarungen der Band ein gewisser Willi Wühlkelle, Leiter des Amtes für Altertumsforschung im fiktiven Torfstecherdorf Torfmoorholm, ausgerechnet einem Runenstein in eben jenem Torfmoorholm entnommen. Und musikalisch sorgt insbesondere das pfiffige Flöten- und Krummhornspiel von Bandleader Klaus Büchner, heute 62, in diesen Songs für die Anmutung: So könnte die Musik der alten Wikinger einst geklungen haben.
Aber natürlich ist das Unsinn! Nicht nur, weil Klaus Büchners wichtigste Flöte in Wirklichkeit aus Südamerika stammt, sondern weil das ganze, auch die entsprechende Bühnenshow mit den Plastik-Wikingerhelmen und den Odin-Rufen in den Konzerten, nur ein eklektizistisch verfahrender Folklore-Klamauk ist. Aber einer von großer musikalischer Eingängigkeit und überwätligender textlicher Komik. Und Torfrock, deren wichtigste Schaffensphase von 1977 bis 1980 währte, sind immer noch ziemlich aktiv, bevorzugt mit Live-Auftritten im norddeutschen ländlichen und kleinstädtischen Raum. So kommt es wohl, dass manche Blut- und Boden-Dumpfbacken das in den falschen Hals kriegen und auf YouTube unter den Torfrock-Songs (und unter Torfrock-Covern rechtsradikaler Bands) ihre scheußliche Propaganda posten. Da bleibt den guten Torfmoorholmern nur die schärfste Abgrenzung. Auf ihrer Homepage http://www.torfrock.de heißt es inzwischen im liebenswert holprigen und grammatikalisch stets unsauberen Torfrock-Sprech: „Wir daddeln für alle Welt, schwarz oder weiss- und labern kein Rassisten-Scheiss!“ Das komplette Frühwerk der Band, nämlich sämtliche Songs ihrer ersten beiden Platten „…dat matscht so schön“ (1977) und „Ratta-Ta-Zong“ (1978), sowie einige bessere Stücke aus späteren Jahren finden sich jetzt auf einem umfangreichen Sampler mit dem etwas irreführenden Namen „Neues aus Torfmoorholm“. Das Urteil lautet: gut (14 Punkte).
Torfrock
Neues aus Torfmoorholm (3CDs)
Sony Music 2010
Ca. € 10,-
ASIN: B003XIO8LI
Justament Sept. 2011: Reduziert bis opulent
Nina Nastasia klingt auf “Ootlaster” überraschend vielschichtig
Thomas Claer
Ein vielleicht ewiger Geheimtipp ist sie: die ausgerechnet aus Hollywood (andere Quellen sagen: aus Los Angeles) stammende US-amerikanische Sängerin und Songwriterin Nina Nastasia. Anfang der Neunziger soll es sie nach New York verschlagen haben, wo sie sich, glaubt man http://www.laut.de, zunächst als Kellnerin verdingt hat, dabei aber so unglücklich war, dass sie schon bald darauf Musik zu machen begann. Seitdem gilt Nina Nastasia als die zumeist traurige Frau mit der akustischen Gitarre, deren Songs bevorzugt als “freudlos” oder auch “bittersüß” beschrieben werden. Entdeckt wurde sie damals vom Doyen aller Indie-Produzenten, Steve Albini, der schon den Pixies, PJ Harvey und Nirvana die rechten Aufnahme- und Einspielungswege wies und das fortan auch bei Nina Nastasia tat. Ihr 2000er Debüt “Dogs” gehörte dabei zu seinen ganz großen Favoriten. Und auch der selige BBC-DJ John Peel zählte zu Ninas Fans. Nun hatten aber ihre vier folgenden Alben, um es wohlwollend zu sagen, einen großen Wiedererkennungswert. Zwar erweiterte sich mit der Instrumentierung allmählich auch das musikalische Spektrum: Das sehr feine “Run to Ruin” (2003) enthielt ausschließlich Streichinstrumente, die Co-Produktion “You Follow Me” (2007) mit Jack White von den Dirty Three wurde auch maßgeblich von dessen Schlagzeug bestimmt. Doch erst auf dem aktuellen Album “Outlaster” ist Nina Nastasia mit ungeheurer Wucht über sich und ihre früheren Veröffentlichungen hinausgewachsen. Viel gewagt hat sie, so muss man befinden, und noch mehr gewonnen! Unmöglich zu benennen, wie viele unterschiedlichste musikalische Einflüsse hier zusammenkommen: Ein Tango fehlt ebenso wenig wie Streichorchesterklänge – bis hin zu orientalisch anmutendem Gesang. Aber dieser Eklektizismus funktioniert großartig, und das nicht zuletzt, weil die Klangpoetin aus Wildwest dies alles stimmlich mit bemerkenswerter Souveränität bewältigt. Allenfalls das eine oder andere Vibrato hätte sie besser ausgespart, was aber nicht weiter ins Gewicht fällt.
Unterstützend wirkt sich freilich auch die Präsenz des Multiinstrumentalisten Paul Bryan und weiterer hochkarätiger Gastmusiker aus. In der Summe erleben wir auf “Outlaster” die leidenschaftlichste Nina Nastasia, die wir je hatten. Das Urteil lautet: voll befriedigend (11 Punkte).
Nina Nastasia – Outlaster
Outlaster
Fat Cat (rough trade) 2010
Ca. € 17,-
ASIN: B00009NH6K
Justament Sept. 2011: Zum Tod von Amy Winehouse
Scheiben vor Gericht – spezial –
Thomas Claer
Seit mindestens zwei Jahren war ein neues Album der britischen Sängerin und Songwriterin Amy Winehouse (1983-2011) angekündigt, dessen Erscheinen aber immer wieder verschoben wurde. Wir hätten es, wäre es denn erschienen, an dieser Stelle prominent gewürdigt. Dazu wird es nun nicht mehr kommen, wobei man natürlich nicht weiß, wie viel unveröffentlichtes Material in den nächsten Monaten noch posthum in Michael Jackson-Manier auf den Markt geworfen wird. Als Amy Winehouse ihre epochalen Platten “Frank” und “Black to Black” veröffentlichte, gab es diese Rubrik noch nicht. So wollen wir dieser Ausnahmekünstlerin zumindest jetzt die Ehre erweisen, die ihr gebührt.
Es war schon eine Tragödie mit dieser ungewöhnlich begabten Sängerin, der Tochter eines jazzbegeisterten Londoner Taxifahrers jüdischer Abstammung. Eine solche Stimme hatte es in der Popmusik lange nicht mehr gegeben. So inbrünstig und traurig, so durchdringend und schön sang sie uns von Liebe und Schmerz, von ihrem Leiden an dieser Welt. Wie aufregend war ihre Wiederbelebung der schwärzesten Soulmusik aus den Sechzigern, wie extravagant ihre dazu passende Bienenstock-Frisur. Doch kaum war sie von den Kritikern hochgejubelt und vom Massenpublikum entdeckt, da erwies sich ihre Prominenz auch schon als Fluch. Bald wirkte sie so kaputt, so völlig fertig, so durch den Wind, wie kein Image-Berater es besser hätte für sie erfinden können. Nur leider war es keine Show. Sie pfiff tatsächlich fortwährend auf dem letzten Loch, und niemand konnte ihr helfen. Arme Amy! Ihre Lunge war krank von den vielen Zigaretten und vom Crack, auch ihr Magen machte das nicht mehr mit. Die zerstörerische Hassliebe zu ihrem vorübergehenden Ehemann Blake Fielder-Civil füllte über die Jahre ebenso regelmäßig die Klatschspalten der Boulevard- und Musikpresse wie ihre ständigen Alkohol- und sonstigen Drogenexzesse. Am Ende verweigerte sie nach mehreren fehlgeschlagenen Entziehungskuren auch die Einnahme von Medikamenten gegen ihre manisch-depressive Störung.
Love is a Losing Game! Nun gehört auch sie zum obskuren “Club 27”, zu dem eine Reihe legendärer Musiker gezählt werden, die im Alter von 27 Jahren gestorben sind: Janis Joplin (Überdosis Heroin 1970) war gerade vor einer Woche auf arte zu sehen, außerdem Brian Jones (im Swimmingpool ertrunken 1969), Jimi Hendrix (erstickt am Erbrochenen 1970), Jim Morrison (Herzversagen 1971) und Kurt Cobain (Kopfschuss mit Schrotflinte 1994). In Deutschland erwischte es die melancholische Chanteuse Alexandra (Verkehrsunfall 1969) in diesem Alter. Durch ihren frühen Tod ist Amy Winehouse nun endgültig unsterblich geworden. Das Urteil lautet: gut (15 Punkte).
Amy Winehouse
Back to Black
Island (Universal) 2006
Ca. € 10,-
ASIN: B000KG5THI
Amy Winehouse
Frank
Mercury (Universal) 2004
Ca. € 7,-
ASIN: B0002N4U1A